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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***
+
+Leopold Schefer
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+Der Waldbrand
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+Der Waldbrand.
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+_Quebec_, am 1. März 1826.
+
+Sehr geliebter Bruder!
+
+Bruder! -- so nenn' ich Dich noch -- nach fünfzehn Jahren Trennung -- und
+nenn' ich Dich _hier_, in tausend Meilen Entfernung. Ich dachte wohl sonst
+in meiner Einsamkeit, nun müß' ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir
+wie mit einem Nahen, Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich
+tragen, und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig und
+rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir frisch erhalten und
+aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als Zwiebel von deinem Fenster mit
+mir herüber nahm und durch mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so
+fortgesetzt. -- Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf
+welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur. Und so
+umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger zwar, doch nur wie
+Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen: sie wohnen und wandeln mit uns
+und genießen wie wir das heilige Leben und sehen den Mond und die Sonne;
+und darum sind uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre
+Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich lieb, hold,
+freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller Verband der
+Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne! Aber wie wir Menschen sind, lebt
+uns doch der Entfernte nicht, sein Leben schließt sich uns mit der Stunde
+zu, sein Herz, sein Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns
+verschlossen, seitdem wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine
+strebende leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes
+Schattengebild, seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende
+heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter Dir -- hin!
+hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur _einbilden_ kann ich mir
+noch, wie Du wohl lebst -- was Du am Morgen thust -- wie Du die Nacht
+schlummerst -- wenn es so ist -- ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht!
+Und nur jenes nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst,
+die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen verloschen
+-- das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort. Wie in einem wahreren
+Reiche des Traumes weck ich Dein -- Traumbild auf und rede und lebe mit ihm
+-- im Traum. Denn damit der Mensch ganz dem Tag' und der Gegenwart gehöre,
+deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie dem
+Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe versenkt und
+gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert dort! -- und eine
+gegenwärtige kleine Lust überbietet alle vorigen hohen Freuden! und ein
+gegenwärtiger Schmerz verdrängt alles frühere Leid! Um den _heut_
+Begrabenen weinen wir neue Thränen und denken _des_ Lieben nur noch wie im
+Traum, auf dessen _begrüntem_ Hügel wir stehen, indeß wir den
+Frischentrissenen bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut,
+ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange, daß
+wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid, oder Mit-Freude.
+
+Und so bitt' ich Dich heut, zolle mir Dein -- Mit-_Leid!_ Du wirst es
+_nach_-empfinden können, auch wenn Du Dir nur einbildest: das traurige
+Geschick habe Den betroffen, den _eine_ Mutter mit Dir sonst oft zugleich
+umarmte! Denke, es habe den Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir
+nun -- fehlt!
+
+Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt kurzen Brief
+geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen, die andern alle leer! Wie
+oft hab' ich ihn umgewendet, um nicht zu glauben, Du seist doch wirklich
+nicht recht klug! Indeß hielten die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer
+europäischer Zustand ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom
+oder London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, _wo_ und _woran_
+man ist! Dagegen hast Du von mir denken können, wie jene alte nachsichtige
+Mutter von ihrem Sohne, der in der Fremde gestorben sein sollte, und die
+ihn entschuldigte und sagte: So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! _Das_
+wenigstens hätt' er mir gewiß geschrieben! -- Ich will jetzt auch so
+schlecht nicht sein und Dir melden -- wie ich _nicht_ umgekommen bin! --
+Doch wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden nicht
+gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen, und neu im
+Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in der Ordnung, und so
+wird sie sich ableben wie ein altes Weib. Aber! -- Wo konnte so etwas
+geschehen als in der jungen Welt? Denn hier ist das Land des Neuen und
+Großen! des Werdenden! Nicht des Gewordenen und des Vergehenden -- wie bei
+Euch!
+
+Doch ich muß nachholen!
+
+Als nach der, Napoleon's Zauber lösenden, Schlacht bei Aspern -- die der,
+darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche Held Erzherzog Karl
+gewann -- unser kleines muthathmendes Häufchen braunschweiger Husaren
+gleichsam von der Pfanne gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that -- in
+nasses Pulver, -- als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht
+_losging_ -- und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt,
+durch Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe
+und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch nicht so
+unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt zu bekleiden --
+und sei's in Canada, als 100 Guineen Pension mit Ingrimm zu verzehren, daß
+ich mit Tausenden _umsonst_ geblutet, wie es _damals_ schien! Denn wir
+hatten das Ausholen der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie
+verhört und schon gesagt: »Seine Stunde ist kommen!« Was in uns
+entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen in
+der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir's auch Alle redlich
+wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein Weilchen den Willen. Ein
+Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun
+Alle ernstlich wollt.
+
+Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines Kirchspiels in
+Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen _verlorene_, nämlich, als wenn ein
+Kind des Mikromegas die Kirche, die Häuser und Hürden, durch den
+unermeßlichen Wald hinwandelnd, aus seiner geöffneten Schachtel nach und
+nach hier verloren hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes
+mit seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000 Schritt von
+dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden durch einen Fluß oder
+Weg -- wie ein armes Mädchen einige wenige Perlen recht weit auseinander
+auf einen Faden Seide reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch
+den Milizobersten. Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken! So ein
+Dorf ließe sich kaum durch _Luftballons_ bequem regieren! und wenn Sonne,
+Mond und Kometen etwa dergleichen sind, so läßt sich Einiges von der
+göttlichen Weltregierung entfernter Maßen begreifen!
+
+Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen, das mich empfing,
+wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge fehlten, des Morgens, des Mittags
+und, um nicht _mehr_ zu sagen: _des Abends!_ Mir fehlte die Gegenwart; mir
+fehlte die Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein
+_Weib!_ wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich sein
+wollte.
+
+Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu begehren, das uns
+ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen, Richtung; denn die Erfüllung
+dieses Begehrens ist durch die Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht
+auf Männer, auf Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht
+ist; eine Frau soll grade alles Das nur _haben_, was der Mann _nicht_ hat;
+er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit _Ein Mensch_ daraus
+werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt' ich gewiß bei uns unter
+den Engeln in Lüneburg gefunden -- aber alle die Engel waren nicht hier!
+Indessen schien es doch gut: wenn ein _inneres_ Band uns Gatten knüpfte, so
+daß wir gleich die Ehe beginnen konnten in _einem_ Sinne, mit _ähnlichem_
+Streben -- wenn unsere Stimmung uns durch _dieselbe Vorzeit_, die in unserm
+Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten hätt' ich also ein Weib
+genommen, das, _auch_ vom Vaterlande losgerissen, hierher verschlagen war
+wie ich! Aber zu ihrem Glück gab es keine solche Unglückliche hier.
+
+Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus den Urvölkern
+dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen und guten Bestand
+versprach, wenn sie wie fremde Aepfel auf dem -- gutgemachten
+Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde seine mütterliche war!
+
+Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen von dem
+verlöschenden Stamme der _Algonkinen_ gebracht. Sie lebte in unserm Hause
+und hieß _Eoo_. Ohne eine Sklavin zu sein, verrichtete sie fast
+Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der Algonkinen, kaum hin und wieder durch
+einigen Maisbau an die Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist
+von der Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um Nahrung
+umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder an Fremde, um sie nicht
+zu tödten! Den Vater der Eoo kannt' ich; denn ich selbst war einst
+Abgeordneter an die freien Indianer gewesen, und ich hatte ihnen, wegen
+Erhaltung des Friedens, wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel,
+Scheeren, Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen
+Regierung schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als wenn sie
+uns betrogen!
+
+Eoo's Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch bei der
+Eheberathung. Von einem Weibe (dacht' ich) verlang' ich vor Allem zuerst:
+_Gesundheit!_ Ist die Frau gesund -- dann ist sie heiter, willig, stets
+wohlgelaunt, zu allen Freuden und Leiden stark und verheißt dem neuen
+Zustande _Dauer_. Ohne Gesundheit sind all' ihre anderen Gaben -- keine!
+
+-- Und gesund ist Eoo!
+
+_Zweitens_ sei das Weib _zuverlässig_ in jeder Art. Denn all ihr Gutes wird
+zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr nicht uns gehört. Bei den
+Liebenden aber ist Sanftmuth und Duldung und Zuverlässigkeit.
+
+-- Und _wen_ Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. --
+
+_Drittens_ fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei im Hause zu
+aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede Jungfrau wird erst
+als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß Alle immer haben, weß sie bedürfen,
+das liebe Kind in der Wiege, und selbst der Hund an der Kette!
+
+-- Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!
+
+_Viertens_ habe sie _kein_ eigenes Vermögen, als die drei ersten Güter.
+Denn -- war mein Grund:
+
+-- Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!
+
+_Fünftens_ und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön! Das soll mich
+nicht _hindern_, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen. Aber diese Fünf ist schon
+in der Eins -- der Gesundheit, dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das
+schönste Gesicht ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und
+vielleicht -- Andern nicht!
+
+-- Aber Eoo war schön. --
+
+So erbaut' ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes Weib Eoo!
+
+Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand eine gewisse
+Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn ich hatte sonst immer
+gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen, dem Weibe den Werth, sie sei Etwas!
+Hier aber fehlte sie, und _dennoch_ war meine Eoo Alles, was ich nur
+wünschen konnte vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe
+empfand, so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein
+unermeßlicher Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum
+derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten
+Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen konnten! So
+rinnt aus einem unerschöpflichen See nur ein kleiner stiller Bach durch die
+grünenden Wiesen hinab und ernährt nur die Blumen da, wo er fließt, indeß
+seines Sees Fülle, wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!
+
+O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal und betete:
+daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe, in keiner Noth!
+
+ * * * * *
+
+Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel ein Mädchen, das,
+nach Eoo's Mutter, _Alaska_ genannt ward. Als sie drei Jahre alt war -- --
+--
+
+Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher kommt, bringt
+unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram und Scham über unermeßlichen
+Mangel an geistigen und leiblichen Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht
+der ganze Reichthum, das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig
+vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird -- _dereinst!_ wenn Gott
+auch hier über seine Menschen noch fürder waltet. Und Er waltet! Der
+Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß er sein Vaterland dahinten
+lassen mußte, wenn er es sonst auch nicht war. Er wäre nicht geflohen,
+hätte er Reichthum genug besessen, um zu allem Elend -- behüte mich Gott --
+zu lachen, und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun
+kommt er hierher -- und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende,
+leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben! Nur dadurch
+glaubt' er erst hier sein Geschlecht gesichert, daß aus ihm erstehen soll.
+Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam
+sein neuer Gründer, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu
+endlosem -- Wucher!
+
+Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal, ein
+_Freund_ von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein Kind aus dem Wasser
+gerettet, das nach schwimmenden Lilien sich über das Ufer gedehnt. Er besaß
+ein herrliches Wohnhaus, große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund
+und um sein Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum -- um
+das Wort hier zu mißbrauchen -- der Sache nach. Sein Töchterchen aber war
+später dennoch gestorben! Und in seinem Schmerz sich zu zerstreuen,
+besuchte er uns!
+
+Da lief meine kleine Tochter _Alaska_ dem freundlichen Manne entgegen. Er
+hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank auf einen Sitz mit ihr hin,
+er weinte -- sahe das Kind an und weinte, das Kind war betreten, es
+trocknete ihm die Thränen, es seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme
+um seinen Hals.
+
+Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser
+Mädchen verloren, und hob die schönen Augen zum Himmel, ihm dankend, daß
+wir es glücklich besaßen!
+
+Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: »das Kind müßt'
+ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.«
+
+Was konnten wir sagen? Das Wort: »mein Weib ist schon todt!« stürzte Eoo in
+den bittersten Jammer -- um mich! als sei _sie_ mir gestorben; und sie trug
+ihn still auf den Freund über, auf dessen gramblassem weinenden Angesicht
+er stand!
+
+Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen _Knaben_, und die ganze
+mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie der Sonne ganze Kraft durch
+eine beschränkende Wolkenlücke, _jetzt_ auf das holde Neugeborene
+hernieder! Sie sah es nur immer an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so
+ganz, so gar bedürftig, sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling
+allein zu brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn
+gegeben, so war ich ihr selbst in diesen Tagen -- nicht Alles, nur der
+Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch das Kind, um des
+Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska war gleichsam mündig gesprochen;
+wie früher schon von der Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das
+kleine Ding war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt,
+und flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden
+Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder doch den Traum
+derselben wirklich genoß!
+
+Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause. Aber er drang nun in
+_mich um das Kind!_ Ach, jetzt hätte ich sollen über die segenschwere
+Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm
+das Mädchen nicht geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie
+zuvor! Ich überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte
+es, zitternd mit schnell bewegtem Haupt -- da schlug ihr Okki die Augen
+auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust! Sie drückte ihn sanft
+mit der Linken an, sie umschlang mit der Rechten die arme kleine Alaska,
+die in kleinen Reisekleidern schon fertig angezogen sich an sie schmiegte,
+nicht wußte, was sie that, als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte,
+was ihr geschah, als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn
+schlug, vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging denn
+das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf ein Augenblickchen!
+wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde gelockt -- nur die
+_Lämmer_ des neuen Vaters zu sehen! Und Er eilte so, als raub' er sie mir,
+und als schlafe die Mutter und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber
+durch Opiumrauch von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das
+Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd zusehen,
+wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird! So regten wir keine
+Hand. So eilt' er mit unserem Schatze davon!
+
+Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht zu widerstehen:
+Mein Kind als _reiche_ Erbin zu sehen! Sie _wohlerzogen_ zu sehen! Denn der
+Freund war brav, gelehrt und edel. Er wollte durch ein in Quebec
+niedergelegtes Testament Alaska zu seiner Erbin einsetzen -- und er war
+schon bei Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich hatte
+die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen -- ich empfand es wie im
+Schlummer -- ich mocht' es nicht denken! Kurz, der Mensch, selbst der Vater
+wird durch Begierden -- abscheulich, widerspricht seinem wahrsten Bestreben
+selbst und hebt sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen -- von
+Unnatur!
+
+ * * * * *
+
+Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki -- unser
+Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo's Liebe
+gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem
+gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden
+war, und so bald! so begehrt! -- Und es war fort! Sie war wie kinderlos,
+und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch
+der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur wenige Monde gekannt und, wie
+der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine
+Geschöpf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!
+
+Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes hatt' ich gezählt
+in meiner -- Rechnung. Mein Wort konnt' ich nicht zurücknehmen! Mein
+edlerer Trost war, daß doch dort drüben ein Vater glücklich sei, glücklich
+durch unser Kind! Unsere Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen
+Schutzgeist des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel um
+ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie wünschte sich
+nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind -- und so lebten wir
+denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre lang! Ich vermied, mein Weib in ein
+kindervolles Haus zu führen, und sie schien es _mir_ zu Liebe von selbst zu
+meiden, denn das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja _ihr_
+Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und mit
+Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska zu besuchen!
+Wir reisten nicht hin. -- Eoo ließ mich nichts entgelten! höchstens seufzte
+sie: »wenn unser Okki lebte!« Sie ließ sich nichts merken, ja sie bestrebte
+sich selber, nichts zu empfinden, um immer mir heiter ins Auge zu sehen,
+immer freundlich-begnügt zu _sein_, auch wenn sie allein war. Solche
+Geschöpfe heißt man nun »Wilde« -- aber das Weib ist überall der Liebe
+fähig, und Liebe bildet es überall.
+
+Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen
+Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste,
+Wiedergeschenkte! Mit Thränen ward er begrüßt -- zur Freude wuchs er uns
+auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki
+nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun
+reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.
+
+Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! -- aus Wohlwollen
+und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann ich glauben von Ihr! Sie nahm
+mir nämlich, erst kurz vor dem Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit
+feuchten Augen und bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht
+zu erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater! -- Als
+Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen; es sollte nicht
+mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus! Und würde es bleiben, wenn es
+uns -- seine wahren Eltern erkannt? _gern_ bleiben, wenn allmächtige
+Erinnerungen der Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen
+vom Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem, zu
+diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in des Vaters Armen
+-- umnachteten! und, so schön und lieb sie ihr vielleicht, ja gewiß
+gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten! -- Oder soll man, sollen Eltern
+selbst ihre Kinder -- ich muß schrecklich reden -- nur als Vieh ansehen,
+als Sklaven aus der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen
+Gefühle und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? -- Und wenn Ich -- wenn
+Eoo, die Mutter, des _Töchterchens Liebe_ gesehen -- konnt' ich sie dann
+zurücklassen? --
+
+Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen, das uns, den
+Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend betrachtete -- unser
+_Kind_ sei! Ich glaubte, nur ein Kind von drei Jahren an Alter, Größe und
+Wesen wiederzufinden, und sah überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen
+von dreizehn Jahren, fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend.
+Was -- wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte ich da
+verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl, aber sie sahe nur auf
+das -- Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte Athem lang und tief, um sich
+still zu beschwichtigen. Und sie verschwieg. --
+
+Und so mußt' ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene Tochter mit
+ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und sie umherführte wie
+irgend ein anderes Weib; oder den kleinen Bruder auf dem Schooß wiegte,
+ohne ihn mehr als -- _ein Kind_ zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß
+geworden war ohne uns. Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch
+aufgehobene zerspielte Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und
+sah, wie sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter
+weinte, und schlich so leise wieder fort. -- Ich merkte, wie sie gern noch
+Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was sie andere Mütter
+hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen Verwandlungen durch, bis in
+Alaska's Jahre, thun. Ja, als ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete
+und die Haare ihr aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder,
+wand es um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es ging
+in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend, rasch
+hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe -- wie von einer in
+Wolken verschleierten Sonne -- und schnell emportreibend, eine _neue_
+Freundschaft auf, knospete, blühte bald und betäubte mich durch ihren
+geheimnißvollen Glanz und Duft! Und so gab mir wider Willen mein Weib zu
+bedenken: daß Liebe _bewahren_ nicht Liebe _üben_ sei! Daß Mütter die
+Kinder nicht aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben und
+warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück ist, ihr Leben! Daß,
+wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer Fremden in abgelegener
+Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst um das heiligste Mutterglück
+beraubt, und nur um -- leer, hohl und frei zu sein, um Freuden
+einzutauschen, welche die ärmste, aber _wirkliche_ Mutter nicht entbehrt
+und entbehren nicht kann noch mag! Und wer _die_ Freuden verschmäht, die
+ihm als Naturwesen heilig und selig gegeben sind, was kann der in der
+ganzen reichen Welt noch Anderes erlangen, als -- was ihn nicht selig
+macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere, Schlechte! Ich mußte
+empfinden: Wer sein Kind einem Andern dahin läßt, als Gott, oder dem
+eigenen Leben desselben, der ist sein eigener Kinderräuber, ein
+Liebemörder. Denn wenn auch Er aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben
+vermag, darf er dem Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es
+lernen, gewinnen und werden mag in fremdem Hause -- die Liebe erzieht
+allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und stärkt für die
+Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle Freuden; sie trägt und
+erhält schwebend in eigener Fülle und Sonnenklarheit über allen Zuständen
+und Wechseln des Menschen auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste
+Mitgift für sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken
+als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz belehren durch
+Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer Stoff ist,
+himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das kann kein Erzieher, weil Er ja
+so nicht lieben kann! Er bildet Talente aus, den Verstand, das Wissen --
+nicht so das Herz und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur
+Eltern sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein
+überzuströmen, darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und
+Abendgebet! Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben noch
+tausendfache Vorzüge _für Kinder_ an sich. Sie werden noch dringender
+lehren und warnen! Denn sie sind Eltern! und was sie selber nun dulden:
+Schuld und Unglück, das sollen einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein
+und glücklich sein und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so
+weinen sie nur -- und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu haben
+als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz gepflanzt, selbst
+Duldung des Härtesten, sogar ohne Vorbild und lebendes Beispiel. Und was
+erhält die Millionen Menschen doch alle so ruhig? Was läßt die ärmsten
+Holzschläger im Walde den Reichen nicht tödten, der mit goldenen
+Steigbügeln zu ihnen reitet und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den
+Essenkehrer ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am
+Silberschrank? den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der Hand
+forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe und seinen
+Kindern zu bringen -- was macht ihn zufrieden, als die _Liebe_ zu den
+Seinen, die er als Kind gelernt, die _Ehrlichkeit_ gegen sie, die er nun
+aller Welt angedeihen läßt und alle Welt mit denselben Augen ansieht, die
+auf Weib und Kindern geweilt, _wie die Augen seiner Eltern auf ihm!_ -- Was
+macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren Gutes, die
+Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige Last! Sie beugt den
+Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe, und erhebt ihn über die Menschen,
+die sie ihm alle nicht rauben können.
+
+-- Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! --
+
+Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, _schon ferne von ihr_, zu
+erkennen. »Das war Deine Mutter! mein Kind!« rief sie zurück und hielt die
+Fingerspitze aufs Herz.
+
+Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die
+Füße versagten ihr allen Dienst; sie war blaß wie ein Engel, und mit
+ausgestreckten Armen sank sie nach vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in
+die Blumen.
+
+Eoo's Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. -- »Fort!«
+sprach sie nun hastig, »nun fort!« und drängte, zu fliehen.
+
+Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ
+ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
+
+Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen
+und seufzte: »Du bist meine Mutter wohl nicht?« -- Okki wand seine Händchen
+um ihren Hals, die Mutter flog hinzu -- der Vater zu Mutter und Kind,
+drückte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter,
+von den Kindern umfaßt, an die Brust -- und wir blieben noch bis in den
+Mai!
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die
+Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere
+Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden
+Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker
+umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches
+hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des
+Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des
+letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich
+Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu
+thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein
+dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad
+aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch,
+zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an
+allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger
+Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was
+für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine
+Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete
+manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für
+_Menschen_ nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend
+Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen
+und klein zu finden -- das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß
+der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht
+andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare
+Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden
+und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im
+Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte,
+sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit
+stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die
+schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder
+krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des
+Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel
+der Sprusselfichte auf meinem Handteller -- und nun erschien mir der
+_unermeßliche Wald_ erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen
+Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit!
+Und dieß ahnen, dieß träumen -- war _meine -- die menschliche_ Wonne.
+
+Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören -- vielleicht
+ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt' ich denken? Denn nur durch
+Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der
+Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!
+
+Zu Noah kamen _Engel_, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu
+retten, verkündeten. _Wer_ kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein,
+die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter!
+-- Wir Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene,
+Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst
+geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum _letzten Male_,
+wie war er schön! _Wer_ wird das hier wiedersehen? -- vielleicht selber die
+Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie
+das Menschengeschlecht! das Auge, das sie _vor_ ihm aufgethan! Wir konnten
+das Unheil uns _denken!_ denn die von Gott uns gegebene _Vernunft_ ist
+gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns
+lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen,
+den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit -- ohne Körner gereift; die
+Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur
+sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die
+Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst
+fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie
+nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des
+Morgens rauscht -- er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren
+heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und
+welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne
+Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten
+Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur
+Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es
+bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die
+Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne:
+»_Uns_ wird ja kein Unglück treffen! _Wir_, wir vor Allen, sind ja Gottes
+Kinder« wie manche fromme Frau sagt -- (auch meine!) wenn ein Gewitter am
+Himmel wüthet, und -- _den Nachbar todtschlägt_, der auch so gesagt, und
+auch Gottes Kind war. -- Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein
+Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines
+Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das
+Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der
+Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch,
+wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum
+äußersten Augenblick!
+
+Er kam.
+
+Eh' wir noch Etwas _sahen_, verbreitete sich in der Nacht ein eigener
+Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die
+Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und
+lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und
+auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über
+uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden
+Felder zurück! »Wo ist denn ihr Taubenschlag?« fragte Okki, der sie zum
+ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren
+so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen
+konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf
+die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über
+das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der
+Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon
+wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog
+das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter
+hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.
+
+Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie
+ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem
+nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig,
+und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.
+
+Und _Ich_ war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut
+war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten
+sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern
+leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen
+kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen,
+Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer
+trage des Anderen Last!
+
+Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der
+Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen
+und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die
+schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war
+nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem _nördlich_
+gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem
+_südlichen_ wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand _groß_ sein! Als
+aber die Menschen aus dem _westlich_ gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern
+noch ferner von ihnen Wohnenden -- als sie Menschen _begegneten_, die aus
+dem nächsten _östlichen_ Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der
+Waldbrand uns schon um_ringt_.
+
+Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.
+
+Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen
+und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel
+aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und
+Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und
+Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen,
+und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
+
+In den _brennenden_ Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein
+Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er _nicht_ brennt! O
+es giebt einen Ausweg, hundert -- gewiß -- aber wir wissen sie nicht und
+fehlen sie! --
+
+Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den
+_abgebrannten_ Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem
+Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles
+Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu
+fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir
+den _schwarzen Wald!_
+
+»Auf die Savannen!« rief eine Stimme. -- »Führe uns!« erscholl's aus der
+Menge. »Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das wär' ein gefüllter Wallgraben
+der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher
+Feuergewalt nicht sicher. Man hat _nicht genug_ gesengt und gebrannt -- nun
+thut es der Himmel!«
+
+Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind
+geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so
+folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen -- ihrem
+Glauben. Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom
+Winde dort aufgedeckt -- nach Norden hin ziehen. »Dort ist es feuchter!«
+trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. --
+Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. -- »Aber
+die begegnen sich ja!« warfen Einige ein. »Das ist albernes Vieh!« riefen
+Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne -- bloß
+weil er _Noah_ hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die
+bergende Arche! --
+
+_Und doch lachte Niemand._ Das war wohl entsetzlich!
+
+Nun hatt' ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo
+saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig,
+was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch
+Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele
+Lebensmittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! -- So war beschlossen,
+die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle
+Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause
+zu finden. »Ich gehe fort!« meldete Eine, nur in die Thür tretend. »Geh'
+mit Gott,« sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und
+Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete
+Alles und stellt' es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das
+Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug
+sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen
+rother Kopf noch glänzte. Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und
+hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die
+Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von
+meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen!
+Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges
+Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. »Gott geb' uns das
+wieder!« fleht' ich; »wieder so zu sitzen wie heut -- nach überstandener
+Angst!« Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen
+erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah -- aber, ich hatte
+gefehlt -- _mein_ Gebet erhörte er nicht.
+
+Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden
+den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen
+zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken -- o Gott, sie bleiben!
+Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich -- ich muß fort!
+
+Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem
+kleinen Bett unter Okki's Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit
+auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein
+Jäger gekleidet -- und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen;
+denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen
+füllten sich -- ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im
+Zimmer umher -- vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu
+reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht
+wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da
+beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki
+gesorgt war. _Laufen_ konnte uns doch nicht retten!
+
+Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die
+Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und
+übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange
+darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem
+Ahorn! am Kamin der verlassene -- Sorgenstuhl! Dort Eoo's kleines
+Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin
+stand Okki's braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres
+Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein -- der Ich war,
+und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O
+Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! -- Ich schied.
+
+Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen
+konnt' ich mich richten; sonst hatt' ich den Compaß. Aber wie Jene dem
+Allvater _Noah_ gefolgt, so folgten wir jetzt -- Ariadne, dem Hunde, der
+glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!
+
+ * * * * *
+
+Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der
+muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt' es nicht
+fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer
+oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und
+Glied gekämpft.
+
+So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den
+Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund
+unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an.
+Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu
+Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich
+nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
+
+So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über
+Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten
+zu schlafen, wir wachten -- und glaubten zu träumen, so verworren war unser
+Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch
+den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse
+unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm
+liegt. Nur oben rauscht' es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde
+Stille.
+
+Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der
+_aus_gebrannt war. _Ab_gebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume
+standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein
+Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden;
+Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war _eine_ schwarzgraue Wüste. Nur
+die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind
+daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der
+Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt
+und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem
+Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer
+Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese
+verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir
+nahten -- sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die
+Augen zu -- sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing,
+mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine
+Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie
+glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen
+Gesicht liegendes Opossum, das sich _todt gestellt_, in der tödlichen
+Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier
+nicht vorüber gezogen, ohn' es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner
+Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der
+Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand;
+sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen
+des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat,
+nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn
+die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den
+Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer
+Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem
+großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt' ihm sein Glück.
+
+Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war,
+als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte
+uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend »guten
+Morgen!« -- »guten Tag.« Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung
+an die Natur, die all' unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem
+Wetter, was sein _könnte!_ von den Stürmen der Natur, die in ihren
+uranfänglichen Tagen brausten -- die _heut_ noch herein brausen können über
+die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes
+Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie
+leuchtet wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter
+leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonnentag
+versetzt' uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns
+heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und
+arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes
+Wetter. -- Uns stürmt' es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie
+auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens!
+Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines
+dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche
+führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die
+Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser
+hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht
+entfliehen können, aber . . . . . Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen,
+wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und
+ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich
+hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet' ich nicht so sehr, denn
+vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir
+es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte,
+dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie
+Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. -- »Ochsenfrösche!«[A]
+sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; »sie suchen
+frisches Wasser!« -- Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes
+Anrufen »ho! -- ho!« das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen
+Bogen -- und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller
+vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte -- aber sie schwammen nach
+und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht,
+auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht --
+sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: -- bräunliche
+Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und
+schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen
+bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche
+Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit
+halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle
+geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien
+Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und
+schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter
+hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu
+erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene
+Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau
+zweiter Mann, von Ferne -- eine Tagereise weit -- zu sehen, wo unsere
+Tochter lebte. Lebte? --
+
+[Fußnote A: Rana maxima, oder der Riesenfrosch.]
+
+Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus
+benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und Tücher, wies den müden
+Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und
+Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum
+dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.
+
+Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger
+Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont hatte er eine
+Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz wie die Nacht! Ein breiter
+Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die über unsrer
+Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die
+Wälder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht
+nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine
+feurige blendende Flammengischt, breit von Süd bis West, aus dem ganzen
+Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt,
+wie ein göttlicher Nordschein. Aber über den näheren Wäldern bewegte der
+Sturm die wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie Wogen
+des Meeres.
+
+Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that
+keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.
+
+Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres alten Freundes
+wie in der untergehenden Sonne. Deutlich brannte _dahinter_ der Wald; der
+Weg von uns bis dahin schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende
+oder dampfende Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich! Wie
+der Wind sich richtete, vereinigt' er sie -- vielleicht -- und überzog ihn
+dann ganz mit Feuer und Purpur.
+
+»Sollt' ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?«
+getraut' ich mich zu sprechen.
+
+Kannst Du es _nicht_ thun? frug mich Eoo.
+
+»Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen?«
+
+-- Wird sie uns nicht verzweifeln? -- frug Eoo.
+
+»Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns
+flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.« --
+
+-- Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! --
+
+»Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und
+gerettet?«
+
+O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht
+wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die
+Tochterliebe verdienen -- nicht schmachvoll sie tragen!
+
+»So wollen wir umkommen? und Okki?« frug ich Eoo.
+
+Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln
+verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um.
+Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf.
+Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten
+der Berge erst los! -- Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen
+-- und neuer Nachdonner umher bis hinaus. -- Furchtbare Schlacht der Natur
+mit sich selbst. --
+
+Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches
+Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr
+in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand
+das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie
+schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: »ob sie ihr rufe?« Sie hielt
+die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten,
+als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen
+Angst um sie.
+
+Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie
+ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt
+von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn
+reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre
+Umarmung. Das verstand ich nicht!
+
+Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir
+noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt' es noch,
+schlafend.
+
+-- Am Morgen war sie verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen -- ich betete -- aber die
+Lippen bebten mir nur. Okki war da -- er freute mich kaum! Ich holte kaum
+Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan. Mir war klar -- das
+Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem
+Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! -- bald
+erlag sie! -- bald weinte sie nach mir zurück! -- bald stürzte sie froh in
+die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn _das Kind in
+Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem
+Mutterherzen_, so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende
+hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe
+sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit
+all' ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele
+des Menschen? -- Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie
+selbst nicht zu achten! -- Die Gefahr _zog_ mein Weib zu dem Kinde; ihr
+Anwachsen trieb sie -- zur _Eil!_ die Flammen erleuchteten nur -- ihr Kind
+in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that -- eine
+Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht
+seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen beladenen weiblichen
+Geschlecht ist nur Etwas ehrbar -- _die Mutter!_ Nichts _darüber!_ Nichts
+_weiter!_ -- Aber hab' ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein,
+erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt! -- Jeder, der lebt, hatt' er nicht
+eine Mutter? Will und soll jegliche _Jungfrau_ nicht eine Mutter werden?
+Lebt die _Matrone_ von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der
+Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin
+führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und
+kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe!
+
+Und sie, die durch mich in Eoo's Herzen gestockt -- wie brach sie nun aus!
+O was litt' ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr -- mir brannte die
+thörichte Schuld im Busen.
+
+Ich war spät erwacht -- Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der
+treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel.
+Okki begehrte nach der Mutter. »Sie holt Deine Schwester,« sagt' ich ihm
+lächelnd, ihn herzend und küssend -- weinen durft' ich ja nicht -- und das
+machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!
+
+Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht
+durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte
+nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis
+sie wiederkehre. Aber ich _mußte_ einen dritten ergreifen, denn von der
+rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir
+abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im
+Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte,
+wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch
+mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu
+berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet' ich tiefe Züge ein, als
+wollt' ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit
+sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm --
+weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich
+auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten -- getrost überlassen.
+
+Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die -- natürlich war und
+schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und
+Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges
+Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch
+werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge
+und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht' er nun wachen,
+oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals
+geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr -- denn um mich war nicht mehr
+die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und
+Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand
+mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig
+ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann -- das drückte mich
+nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag' ich: Der gewöhnliche
+alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod
+schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die _Trennung_
+von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt.
+Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher
+umkehrt, _eher_ als ihre Kinder, also _von_ ihren Kindern; -- _alle_ Kinder
+verlieren die Eltern, wenn es noch _gut_ geht! und in derselben Stunde
+verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, _denn auch der Sterbende
+kann noch verlieren_, nicht der Lebende allein -- er sieht sie in ihren
+eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten,
+gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt _auch_ dem Tode! Sein liebendes
+Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht' ich
+jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, _daß
+wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!_ in demselben beglückenden
+Augenblick!
+
+Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt' ich hier harren, bis uns die
+Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden
+war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten
+Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen,
+Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher.
+Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim
+ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem
+Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.
+
+Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von
+Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde
+zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus
+Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie
+niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde
+hinziehen -- dann konnt' ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die
+Thränen blieben stehen im Auge.
+
+Endlich gelangt' ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und
+Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es
+zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte
+das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte
+nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich --
+ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt -- und wir waren auf einer
+baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter
+Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie
+kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen
+Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen
+zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht'
+ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
+
+Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu
+finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der
+ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles
+schwieg.
+
+Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst.
+Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner
+verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt
+wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die
+Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich
+willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch
+seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d'Issaly, und,
+hier in der Fremde, _seinen Landsmann!_ Auch ich that so.
+
+»Ich beobachte den Wind!« sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend.
+»Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in
+Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da
+den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!« --
+
+Schauer überlief mich. --
+
+»Wir mögen ihrer noch gegen 600 _Mann_ sein, _Weiber_ und _Kinder_ mit
+eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges Ende so vieler
+herrlichen Tage, im Schooße der Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise
+-- hinter dem Jäger steht der Bettler -- sie mußten auch so vergehen!«
+
+-- Ich dachte nur an Eoo's Vater, an ihre Schwester! --
+
+Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend: »Auf jenen armen
+Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das Wissen, Leben und Streben
+eines ganzen uralten Volkes. Sehr besonders! wahrhaftig unerklärbar! So
+viele Geschlechter von ihnen gelebt -- _sie_ sind nur von allen noch übrig.
+Uebrig, wie abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum
+von den frühern Tausenden _seiner Sorte_. Und von jenen Menschen allen, die
+aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen, noch kommen sollen, stehen nur _sie_
+erst da! Eltern und Kinder! Niemand weiter! einsam schauerlich, dem
+schrecklichsten Elemente, nur einem Hauche bloß gestellt!«
+
+Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.
+
+Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder
+Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen, so einzig, so
+wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als Träger der Zeit, nur sie selbst --
+und so schutzlos, so schutzbedürftig und doch so kindlich unbesorgt. Und
+mit Recht.
+
+»_O diese Einsamkeit der Geschlechter!_« seufzt' er; »und jetzt dieß Volk
+-- Schatten möcht' ich es nennen! Ich kann Ihnen sagen, es graust mich an.
+Jean Jaques würde weinen! Aber was kommen mir Thränen ins Auge? -- die
+Natur hat mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr
+besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der Wilden. Aber
+Er würde doch weinen!«
+
+Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von ihnen übrig bleiben,
+so ist, wie Sie sagen -- die Sorte gerettet! Wenn nur Einer dereinst in
+späten Tagen ein vollständig gebildeter Mensch wird, so ist des Stammes
+Zweck erreicht. Die Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein
+Mensch von allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel
+erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte
+Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar liegt uns
+Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich -- _vor_ uns, und das
+Himmelreich ist inwendig in uns zu aller Zeit. -- Ich mußte vor Schmerz des
+eigenen Verlustes stöhnen und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten
+Jean Jaques.
+
+»Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!« sprach er. Indeß --
+wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche Berechnung, daß in ganz
+Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt -- daß also nicht schon so viele
+umgekommen! »Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile? das ist die
+Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja
+nur -- Jäger.«
+
+Diese Bemerkung hätte mich _sonst_ getröstet. Jetzt schwieg ich. Die Augen
+fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er wankte auch.
+
+»Kann ich Ihnen dienen,« sprach er da freundlich, »mit Allem, was wir haben
+-- und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen
+Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!«
+
+Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: »Der
+Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt
+aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen,
+dann weht er von dort -- dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war
+immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem _Leonidas_. So wollen wir uns nicht
+schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. --«
+
+Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d'Issaly half mir, ihm dürftiges
+Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den
+herzbeklemmenden stillen Kreis.
+
+Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel
+eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich
+gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer
+anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte
+brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick.
+
+»Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und
+Halbblinden,« sprach d'Issaly. »Nur die Häuptlinge, die Tai's, führten, für
+die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an
+einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie
+blinde Enten, folgten. Glaubt' es oder nicht, unser allergrößter Schmerz
+ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der
+Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten
+haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut _alle
+nur möglichen_ Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!«
+
+Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm,
+wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf
+beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die
+Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen
+und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft
+schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann
+brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er
+ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das
+gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des
+Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers
+vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn
+hingewölbt.
+
+Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden
+Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz
+noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell,
+selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast
+auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die
+glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er
+schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt
+schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die
+Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten
+Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer
+schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber
+stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.
+
+Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens,
+eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter
+hatt' er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in
+d'Issaly's Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst -- er schlief.
+Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für
+die _bevorstehenden_ Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von
+d'Issaly's Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir
+uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die
+Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.
+
+Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich
+sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg -- meinen Namen:
+_Hagen_. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem
+Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und
+unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen
+Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei
+herunterrief: »Troja ist heut zu Tage türkisch!« Ich theilte ihm meine
+Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, -- meiner Eoo That und
+Verlust -- vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf
+das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu
+weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in
+der Dämmerung verschwinden.
+
+Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im
+Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor
+der Priesterinnen sang ihr verzagendes:
+
+ O welche Nacht! Tod droht uns Armen!
+ Welch banges Grau'n, welch Traumgesicht!
+ Ihr Götter schenket uns Erbarmen,
+ Erhört dieß Fleh'n, und zürnet länger nicht!
+
+Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir
+war, als hörte ich d'Issaly einstimmen, oder als säng' er wunderlich selbst
+gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
+
+ Wann trocknen unsre Thränen ab?
+ Drückt Leiden ewig unser Leben?
+ Ach, soll allein das stille Grab
+ Die lang entfloh'ne Ruh' uns wiedergeben?
+
+ * * * * *
+
+Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D'Issaly war schon fort. Der
+Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne
+versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht
+durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und
+berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es
+stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur,
+was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, _das_ war, was
+uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und
+zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben
+Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe
+Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in
+dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
+
+D'Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: »Es herrscht eine Wahrsagung
+hier unter dem Volke, daß, »_wann die blinde Frau den blinden Hirsch
+fängt_,« sein Leben am Ende sei!«
+
+Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.
+
+»Umgeben vom Waldbrande sind wir;« antwortete er. »Der feurige Kreis ist
+geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das
+Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er
+steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht
+angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih
+gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen
+ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe _noch_,
+oder _werde_ wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen
+herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen,
+damit die Alte keinen _blinden_ Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der
+Hirsch sei doch blind _gewesen_, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen
+brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des
+vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch
+angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich
+erprobte Wahrhaftigkeit _der alten Thoren_ giebt ihnen neue Würde, die doch
+nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären
+fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu
+lassen.«
+
+Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar,
+welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als
+ein Gesandter _vom großen Geist_ erschien. Wer es auch hätte wagen können,
+ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm
+Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei
+goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle
+waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
+
+Gerade jetzt trug das Mädchen -- sie hieß _Ayana_ -- meinen Okki eilig nach
+einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor,
+schnell gab sie ihn _dem_ auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.
+
+Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: »Du bist doch
+meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum
+ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber _Ayana_ hat
+Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir
+abzufordern. Du bist _als ein Gast_ zu uns genaht, selber in Noth, darum
+gehe Du unberührt von hinnen!«
+
+Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki's Arme, der schrie. Er stand.
+Es war Eoo's Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner
+schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und
+mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir
+herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere
+Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. -- Aber ein Wort ist den
+Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle -- und Okki war mir
+verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt' ich nicht fassen, wir hätten
+es zerrissen; Eoo's Vater konnt' ich, ihretwillen und meines Dankes wegen,
+nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht' ich klar.
+Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr
+die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den
+Vater, ich rang mit ihm -- während daß -- ihm Ayana den Knaben wegriß.
+Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt' ich so eben dem Manne,
+in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu
+seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken -- da riß mich d'Issaly rücklings
+von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit
+anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich
+nicht sehen.
+
+Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und
+schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.
+
+So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum
+Himmel.
+
+Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den
+heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen
+ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai's warfen ihre rothen und blauen
+Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel
+unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst
+bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den
+Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende
+Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste
+erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die
+Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun
+war an _ihnen_ die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie
+waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. »Die Bäume machte der große
+Geist -- nun zerstört' er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden
+Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den
+Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm
+erspart, zu sein!«
+
+Das, wähnt' ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
+
+Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten
+Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der
+Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis
+in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth _des Menschen_ schien noch für die
+Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens -- wie
+ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell
+wiederholt -- eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine
+Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der
+Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn
+berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die
+Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so
+entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer
+Entschluß!
+
+Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
+
+So nahe, so nahend hatt' ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt
+knisterte _es_ nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte
+tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde
+Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus
+den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder
+eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und
+des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die
+aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen
+empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu
+vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.
+Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch
+eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine
+Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich!
+woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber
+er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir
+liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht
+mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und
+meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien
+auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so
+aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt -- war nur ein reines
+Zuschauen, rein -- wie Eis.
+
+Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die
+gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten
+jetzt auch dafür zu der Ehre, »_als Gesandte zu dem großen Geiste_« zu
+wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den
+Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder
+und sprach während alle schwiegen: »Bittet nur, daß der Hase möge weiß
+sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist
+ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!« --
+
+»Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang,
+als Er will!« rieth ihnen die Menge; »Er kann es auf einmal so gut, als
+nach und nach! _Dieß Alles_ thun nur _die Untergötter_ -- vielleicht die
+Manitto's -- die bösen; doch _Er_ ist der _Herr des Lebens_. Zeigt eure
+angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird
+euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt
+Ihm: Wir würden _Ihm_ helfen, wenn _Wir_ Alle droben _große Geister_ wären,
+und _Er_ allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das
+muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!«
+
+Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder
+erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf
+den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten
+zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. --
+
+Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl -- ich weiß nicht
+vor Was; ich drückte sie zu -- ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte
+sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es
+flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor
+erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der
+Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich
+tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden
+verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher
+Mann -- und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch
+frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative
+zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein
+mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: »ob er lieber wolle alle Tage
+seines Lebens alle guten Braten essen, alle _edlen_ Weine trinken, und so
+fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel
+im stillen Ocean versinken und umkommen solle?« Da der sehr hohe Mann
+vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein
+-- und ließ das Volk verderben.
+
+_Hier_ war nun zu sehen, was _Mitleid_ sei, oder nur _Wohlwollen_, und was
+Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds -- und wie der
+unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie
+seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: »alle mein Lebtag
+Braten und Wein« -- da faßt' ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann
+mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? -- Sie haben keine Phantasie,
+sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können
+ihr Ich nicht in Andre versetzen -- und Menschen ohne Mitleid sind eben --
+Wilde Ueberall!
+
+Aber der _große Geist_ empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid
+aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, _als_
+wir. --
+
+Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon -- sie schienen nicht mehr
+auf der Erde. -- Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt --
+gesandt werden. --
+
+_Da ward plötzliche Windstille!_
+
+Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln.
+Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich
+wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es
+wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt -- in mildem Glanze
+stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die
+halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die
+verständliche Aufführung des Sprichwortes: »Dieses _Glas_ dem großen Geist«
+war jetzt zu sehen; _ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht_, und der
+Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu
+ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben
+keinen andern _Gottesdienst_, zu dessen _Ausbildung_ erst beharrende Völker
+gelangen.
+
+Monsieur d'Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. -- »Das war eine große
+Lehre!« sprach er; »Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum
+Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr
+Heidenbegräbniß in eigener Asche!«
+
+Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
+
+»Aber auf wen sind Sie böse?« fuhr er freundlich fort; »Sie zürnen? --
+Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick,
+zu vergeben! Aber mischt' ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre
+voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich -- zum Schein that. Sie
+haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht
+kennen!«
+
+Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: »Nun ist es
+vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist
+der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große
+Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern
+sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet --
+wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten -- auf dreifaches
+Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber
+wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein
+Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir,
+daß ich nur solche _Anhänglichkeit_ noch bewundere! Hier ist auch die
+leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle
+Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts
+Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen
+sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites,
+liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die
+Unsern, »die Unsern« sind, daß es _außer ihnen keine_ mehr für uns giebt --
+wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt -- dann
+sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? -- Dem Wilden: Nichts! Er
+schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und
+Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher
+achten? Aber Ihr -- ach -- _Wir_ halten nichts für einzig, nichts einzig
+werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder
+die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über
+uns selbst! -- Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem
+Manne ab, der --«
+
+Sie irren, d'Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und
+über. Ich schwieg, schuldig -- zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar
+geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt' ich meinen und
+meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die
+hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe,
+seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So
+war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo
+gewiß, ja gewiß über Alles! -- Leider! Aber verstand ich sie auch zu
+lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch _Das_ am
+höchsten halten, _was sie liebte_, mit heiligem Rechte so liebte -- dann
+erst liebt' ich sie wirklich: ihre Seele, und all' ihre Neigung! Das sind
+keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller
+unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der
+Wilden, wie d'Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste
+Mensch. Aber Vorliebe zu Okki -- verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt.
+Ihn opfern -- die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen -- ich war es
+nicht fähig! und sollt' es doch! Und wahrlich _ich dachte_ an mich nicht.
+Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem
+Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:
+Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts --
+ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. --
+
+Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d'Issaly, auch wenn der
+Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder -- -- es ist
+nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer
+schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird
+geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! -- Nun
+wißt Ihr genug.
+
+Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender Freund streckte
+sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet' er fort. »Der
+Mensch sollte ein Bär sein!« sprach er über sich selbst unwillig; »nicht
+der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt
+gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren -- das Wort ist auch in Hinsicht
+des Vaterlandes -- traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat,
+oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum
+Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St.
+Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne -- Pfeffer! die glückseligen, von
+der Natur _gekleideten_ Bewohner der Erde, _sie müssen ihr Vaterland
+bewohnen_, und nur _ausgestopft_ kann man sie in einer andern Zone sehen,
+denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo -- der Mensch hat
+das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich
+anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in
+Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er
+Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais -- oder
+näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall
+seine Stube auf -- Stubenwärme! Und nun denkt der -- Fahrenheit, wo er
+wohnen _kann_ als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie
+ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß
+Du das nicht einsiehst wie -- ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie
+ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn
+wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen
+und ausgestanden _zu haben_. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu
+alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis
+sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d'Issaly die Decke sich
+lächelnd über den Kopf -- und schläft wie ein todter Urson!«[A]
+
+Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und
+schnarchte wenige Augenblicke darauf.
+
+Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den
+Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne
+durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb
+des Kreises -- nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief
+vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm
+entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt' ich weinen, eh'
+ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt' ich ihm in das holde Gesicht
+sehen -- das Herz pochte mir ungestüm -- er redete leis und unverständlich
+im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst,
+bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine
+Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen -- ich hob ihn
+sanft -- ich fühlte die süße Last wieder -- ich kniete schon nur auf einem
+Knie, ich wollte auch dieß erheben -- da schlug Ayana die Augen auf; ich
+stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien
+mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß
+die Augenlieder, als schlaf' ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab
+und bettete sich auf der eigenen Brust -- nun holt' ich erst Athem, nun
+schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!
+
+[Fußnote A: Eine Art Faulthier -- Histrix dorsata.]
+
+Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich
+abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom
+fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur
+die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich
+mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem
+geliebten Kinde. --
+
+Sein Erwachen, seine erste Rede -- o Gott, welch' Entzücken! Ich kosete mit
+ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden
+Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im
+Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel -- denn ich sahe im Traume mein
+Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also -- in mir, und ich lebte mit
+ihnen -- in mir.
+
+ * * * * *
+
+Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D'Issaly's Wort »das war
+eine große Lehre,« trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es
+machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt' es nicht
+ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich
+fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder
+ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn
+Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet,
+den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach
+erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt' ich mich an den
+neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an
+gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn
+hätt' ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die
+Mutter auch bei uns -- und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen
+und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich
+ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt' ich, nach Quebec zu
+kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu
+gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder
+zu ersetzen und anzuschaffen.
+
+Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der
+Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen!
+Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie.
+Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana,
+versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das
+d'Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur
+bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch
+verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. --
+
+Der gute d'Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank
+ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte
+mich.
+
+Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter
+dem Arme hielt. »Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!« sprach
+d'Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie
+herführte. »Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen,
+denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!«
+»Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes
+und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht,
+auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden
+_Sachem_, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! -- Und was mir
+gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm,
+immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit
+jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur
+flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer
+Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch
+Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt -- daß heißt bei Euch: alt, -- die
+Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und
+Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum
+Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand
+in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht -- --«
+
+Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit
+Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang
+die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen
+Hosen.
+
+Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes,
+erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt,
+hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins)
+beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie
+nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen
+reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr
+Wuchs, _der_ einer indianischen Schönheit -- einer Sqaw -- ließ mich an Eoo
+denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll
+der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im
+Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum
+Zeichen meiner Erhörung.
+
+Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden
+wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse
+sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte;
+und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es
+seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn
+sang und schrie -- und wir Menschen fuhren dahin.
+
+Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem
+versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für
+Kinder. Ich gedachte der Heimath! -- Aber am Morgen war das verlassene
+Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen
+herübergeholt. Die Freude war groß!
+
+Aber was sollt' ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte -- die
+d'Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
+
+»Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,« sprach er,
+mich weich begrüßend. »Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr
+sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch
+_Weiber_ geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne
+begraben werden. Denn _nur um Lebensunterhalt_ ward hier Krieg geführt. Aus
+der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden
+-- Nomaden. _Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen_, bis der
+gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in
+den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des
+Besitzes. _Der_ Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch' ich
+für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein
+Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will
+ich daran arbeiten, _nur mich zu beherrschen_ und mir als wahrer Monarch zu
+befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an;
+nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib
+und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab' ich hier
+erworben -- sie will ich als _meinen_ Reichthum hinübernehmen und
+ausstreuen -- mit milden Händen! Und könnt' ich, ach könnten wir alle da
+drüben, _bei_ Geschicklichkeiten und Wissen, _diesen_ Charakter behaupten,
+was fehlte uns dann -- verklärte Wilde zu sein? nicht _allein_ durch die
+Stärke des Leibes zu leben, nicht _allein_ durch die Kräfte des Geistes,
+sondern _durch beide vereint!_ -- Das war mein Lehrbrief! schloß er, den
+die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu
+erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als
+Denkzeichen an die Schnüren -- mein Fathom of Wampum reihen! --«
+
+Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit
+großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. »Ich bin ohne ein
+wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich
+habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!«
+
+Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich
+hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich
+eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als
+sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen,
+schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
+
+»Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt:
+Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen
+empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir
+geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur
+zur _Gewohnheit:_ die_ äußeren_ Erscheinungen stören uns nicht, unser
+_inneres_ Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen,
+oder gar aufschrecken -- wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben,
+vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher,
+als an Millionen _vorüberziehen_, deren Herz und Schicksal uns verschlossen
+ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
+und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen,
+die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an
+ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser
+Welt -- den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des
+Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
+ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber
+der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde
+gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen,
+dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern
+lernen, ist mehr werth als -- Auswandern! als fremde Meere und Länder,
+fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth --
+als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist.
+Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um
+das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als
+in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem
+Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat _seine Zeit_ dort
+gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun
+erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder _Wohlleben_ nur Leben
+nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod
+auf das Auswandern setzen -- die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!«
+
+-- Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.
+
+-- »Euch wundert meine Weisheit?« sprach er und sah mich selbst Gerührten
+und schwer Betroffenen an. »Wundert Euch nicht -- das war der Extract aus
+35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen _Fackeldistel_; des
+meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken,
+welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben,
+wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das _Herunterklettern_
+geschieht dann _umsonst_; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der
+Zunge!« --
+
+Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an
+einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die
+Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern
+derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
+freundlich begrüßten.
+
+So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen
+bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht
+weiter; Okki war unwohl; d'Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich
+hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem
+Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal
+nicht vergeblich geworden.
+
+Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den
+Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja
+nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem
+Lande _verwandelt_ -- die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist
+nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
+
+ * * * * *
+
+Von Glangory in Obercanada, so wußt' ich aus der Sage, hatte der Wald bis
+an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen
+die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien -- ach, und die
+Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum
+hinsehen, und mein Aug' schweifte verlegen und irr' in ihrer Umgebung,
+feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
+Strome umher -- bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten
+und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit
+gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der
+Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome _die blauen Berge_ brennen,
+Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in
+einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den
+Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht' ich am Wasserfall bis
+zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt
+seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
+Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen
+ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah
+ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein
+Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge
+hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht
+mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen
+Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden
+Sonne -- dann rosig -- dann purpurn -- dann violet; und als sie sich
+bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
+
+Ich war durchnäßt, ohn' es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses
+stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein
+Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten
+Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung -- sie hatten mich auch für
+umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
+Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und
+Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.
+
+Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische
+erscheinen -- _sie!_ -- Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken
+genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in
+Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! --
+
+Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um
+mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt
+mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend:
+»Dein Weib kommt doch nach?« --
+
+Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große
+Umwege, lange Aufenthalte gemacht -- und sie war nicht hier.
+
+Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den
+Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war.
+Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer
+in mir litt -- lange Tage und Nächte -- das war ich nicht mehr. Und doch!
+denn -- --
+
+»Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst
+beschwerliche Reise nach Saint-Réal's Wohnung. Sie war nicht mehr. Die
+Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren
+umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von
+Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit
+versengten Pelzen. -- Mein Haus -- es stand! Die Papageien flogen umher.
+Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. -- Da sah
+mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit
+finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf -- ich seufzte,
+ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. -- Ich
+ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen
+ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes
+Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller --
+_da saß Eoo!_ und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein
+Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg --
+ich ergriff ihre Hand -- sie war kalt. Eoo war todt! -- und doch schlug sie
+-- wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie
+drückte mir lange die Hand -- dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust
+und war todt.« --
+
+Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der
+ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch
+ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein
+fröhliches, aber gedämpftes Rufen: »Der Vater erwacht! er schlägt die Augen
+auf!« --
+
+Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein
+dämmerte das Wissen: _Alaska_, meine Tochter sei hier! _Sie_ sei gerettet.
+So lag ich wieder still.
+
+Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer _öffentlichen_ Schule
+gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler
+der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem
+Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt »Freeman's Journal« aus
+Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von
+der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die
+Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in
+Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der
+Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien
+Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der
+alten Welt »mittheilt,« war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit
+ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der
+Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie
+und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um
+sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen -- worüber
+er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser
+verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten
+gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur
+Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind -- von der
+Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die
+Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung
+erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie
+das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem
+Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander
+hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. -- --
+
+Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in
+Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen
+-- denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten
+sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen
+erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des _Mannes_ jenes Weibes
+gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte --
+ihre fünf _Sünden_ genannt -- und _diese_ fünf Sünden habe das _Weib_ den
+fünf Wölfen geopfert, nicht die _Mutter_ ihre fünf _Kinder_.
+
+Ich fühlte -- ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf's Bett gelegt, und
+manchmal leckte er mir die Hand. -- Unsere Ariadne war da! Gott, und mein
+Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu _Eoo:_ Nicht wahr, Mutter, ich bin _dein_
+Kind!
+
+Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
+
+Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung
+auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an
+meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich
+meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand
+-- und d'Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
+geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
+
+Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun
+wußt' ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu
+mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem
+Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein -- und
+Okki sprach: »Komm' in den Garten!« Aber d'Issaly sprang auf und wehrte dem
+Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht
+Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die
+beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der
+entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm
+ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh' er erstickt. Eoo war zur
+rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte
+ich mir Alaska's Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen --
+Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D'Issaly hörte von dem
+Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den
+Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
+die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
+kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm
+darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
+
+Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen
+Garten übersehen ließ -- man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht
+widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über
+das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt,
+und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
+rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
+Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das
+herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
+
+Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich
+errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit
+Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? -- hatte sie erblassend gefragt.
+Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen -- und eh' sie gehört,
+war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten
+Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
+ihre Alaska bei sich gewußt -- und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein
+Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch
+schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen
+gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie -- ach, sie noch einmal zu sehen
+in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer
+erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter
+gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also
+die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
+
+Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. -- -- Sie hat den heiligen
+Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach
+einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die
+Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder
+werde genesen. --
+
+-- -- »Die Gesänge« habt Ihr selber gehört, setzte d'Issaly hinzu, und wißt
+sie zu deuten!
+
+ * * * * *
+
+-- Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum
+ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch
+zu den Kalmien ging.
+
+Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn
+an. Und jetzt bemerkt' ich erst -- sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich
+wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel -- ich kniete hin, ich umfaßte die
+kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie
+bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen
+und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete
+die Welt -- Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand
+auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als
+Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah,
+mußt' ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter!
+nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt -- sondern
+wirklich: -- _ihre_ fromme Seele, _ihre_ Liebe steht schauernd da und
+schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend
+wie ein Engel. _Die Liebe lebt!_ Sie ist nicht allein ein Geist! sondern
+sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und
+lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine
+Locken ihr streut, ist nicht die Tochter -- _nicht sie allein_ -- sondern
+heilig verschmolzen: _auch die Mutter!_ ein goldenes Werk mit Asbest
+geschmolzen, mit Silber versetzt -- aber das Silber ist Alaska -- das Gold
+ist Eoo -- das Feuer aus Asbest aber ist _die Liebe!_ --
+
+Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte
+und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo's Lippen, mit ihrem Kusse! _Ihre_
+Arme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und
+das schöne Gebild war mein durch sie -- mir war es die Mutter -- ach, und
+zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! -- _Die Abendröthe_
+nahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt' ich an Eoo
+gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, der
+_Regenbogen_ ein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so sollten _die
+ewigen hellen Gestirne_, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mir
+_Funken des Brandes_ bedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner
+Eoo aufsah -- als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!
+
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
+Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.
+
+Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***
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-The Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Waldbrand
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: July 14, 2012 [EBook #40230]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WALDBRAND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
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-
-Leopold Schefer
-
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-
-Der Waldbrand
-
-
-
-
-Der Waldbrand.
-
-
-
-
-
-
-_Quebec_, am 1. März 1826.
-
-Sehr geliebter Bruder!
-
-Bruder! -- so nenn' ich Dich noch -- nach fünfzehn Jahren Trennung -- und
-nenn' ich Dich _hier_, in tausend Meilen Entfernung. Ich dachte wohl sonst
-in meiner Einsamkeit, nun müß' ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir
-wie mit einem Nahen, Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich
-tragen, und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig und
-rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir frisch erhalten und
-aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als Zwiebel von deinem Fenster mit
-mir herüber nahm und durch mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so
-fortgesetzt. -- Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf
-welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur. Und so
-umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger zwar, doch nur wie
-Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen: sie wohnen und wandeln mit uns
-und genießen wie wir das heilige Leben und sehen den Mond und die Sonne;
-und darum sind uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre
-Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich lieb, hold,
-freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller Verband der
-Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne! Aber wie wir Menschen sind, lebt
-uns doch der Entfernte nicht, sein Leben schließt sich uns mit der Stunde
-zu, sein Herz, sein Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns
-verschlossen, seitdem wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine
-strebende leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes
-Schattengebild, seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende
-heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter Dir -- hin!
-hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur _einbilden_ kann ich mir
-noch, wie Du wohl lebst -- was Du am Morgen thust -- wie Du die Nacht
-schlummerst -- wenn es so ist -- ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht!
-Und nur jenes nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst,
-die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen verloschen
--- das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort. Wie in einem wahreren
-Reiche des Traumes weck ich Dein -- Traumbild auf und rede und lebe mit ihm
--- im Traum. Denn damit der Mensch ganz dem Tag' und der Gegenwart gehöre,
-deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie dem
-Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe versenkt und
-gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert dort! -- und eine
-gegenwärtige kleine Lust überbietet alle vorigen hohen Freuden! und ein
-gegenwärtiger Schmerz verdrängt alles frühere Leid! Um den _heut_
-Begrabenen weinen wir neue Thränen und denken _des_ Lieben nur noch wie im
-Traum, auf dessen _begrüntem_ Hügel wir stehen, indeß wir den
-Frischentrissenen bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut,
-ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange, daß
-wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid, oder Mit-Freude.
-
-Und so bitt' ich Dich heut, zolle mir Dein -- Mit-_Leid!_ Du wirst es
-_nach_-empfinden können, auch wenn Du Dir nur einbildest: das traurige
-Geschick habe Den betroffen, den _eine_ Mutter mit Dir sonst oft zugleich
-umarmte! Denke, es habe den Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir
-nun -- fehlt!
-
-Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt kurzen Brief
-geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen, die andern alle leer! Wie
-oft hab' ich ihn umgewendet, um nicht zu glauben, Du seist doch wirklich
-nicht recht klug! Indeß hielten die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer
-europäischer Zustand ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom
-oder London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, _wo_ und _woran_
-man ist! Dagegen hast Du von mir denken können, wie jene alte nachsichtige
-Mutter von ihrem Sohne, der in der Fremde gestorben sein sollte, und die
-ihn entschuldigte und sagte: So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! _Das_
-wenigstens hätt' er mir gewiß geschrieben! -- Ich will jetzt auch so
-schlecht nicht sein und Dir melden -- wie ich _nicht_ umgekommen bin! --
-Doch wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden nicht
-gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen, und neu im
-Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in der Ordnung, und so
-wird sie sich ableben wie ein altes Weib. Aber! -- Wo konnte so etwas
-geschehen als in der jungen Welt? Denn hier ist das Land des Neuen und
-Großen! des Werdenden! Nicht des Gewordenen und des Vergehenden -- wie bei
-Euch!
-
-Doch ich muß nachholen!
-
-Als nach der, Napoleon's Zauber lösenden, Schlacht bei Aspern -- die der,
-darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche Held Erzherzog Karl
-gewann -- unser kleines muthathmendes Häufchen braunschweiger Husaren
-gleichsam von der Pfanne gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that -- in
-nasses Pulver, -- als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht
-_losging_ -- und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt,
-durch Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe
-und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch nicht so
-unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt zu bekleiden --
-und sei's in Canada, als 100 Guineen Pension mit Ingrimm zu verzehren, daß
-ich mit Tausenden _umsonst_ geblutet, wie es _damals_ schien! Denn wir
-hatten das Ausholen der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie
-verhört und schon gesagt: »Seine Stunde ist kommen!« Was in uns
-entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen in
-der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir's auch Alle redlich
-wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein Weilchen den Willen. Ein
-Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun
-Alle ernstlich wollt.
-
-Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines Kirchspiels in
-Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen _verlorene_, nämlich, als wenn ein
-Kind des Mikromegas die Kirche, die Häuser und Hürden, durch den
-unermeßlichen Wald hinwandelnd, aus seiner geöffneten Schachtel nach und
-nach hier verloren hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes
-mit seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000 Schritt von
-dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden durch einen Fluß oder
-Weg -- wie ein armes Mädchen einige wenige Perlen recht weit auseinander
-auf einen Faden Seide reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch
-den Milizobersten. Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken! So ein
-Dorf ließe sich kaum durch _Luftballons_ bequem regieren! und wenn Sonne,
-Mond und Kometen etwa dergleichen sind, so läßt sich Einiges von der
-göttlichen Weltregierung entfernter Maßen begreifen!
-
-Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen, das mich empfing,
-wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge fehlten, des Morgens, des Mittags
-und, um nicht _mehr_ zu sagen: _des Abends!_ Mir fehlte die Gegenwart; mir
-fehlte die Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein
-_Weib!_ wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich sein
-wollte.
-
-Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu begehren, das uns
-ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen, Richtung; denn die Erfüllung
-dieses Begehrens ist durch die Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht
-auf Männer, auf Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht
-ist; eine Frau soll grade alles Das nur _haben_, was der Mann _nicht_ hat;
-er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit _Ein Mensch_ daraus
-werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt' ich gewiß bei uns unter
-den Engeln in Lüneburg gefunden -- aber alle die Engel waren nicht hier!
-Indessen schien es doch gut: wenn ein _inneres_ Band uns Gatten knüpfte, so
-daß wir gleich die Ehe beginnen konnten in _einem_ Sinne, mit _ähnlichem_
-Streben -- wenn unsere Stimmung uns durch _dieselbe Vorzeit_, die in unserm
-Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten hätt' ich also ein Weib
-genommen, das, _auch_ vom Vaterlande losgerissen, hierher verschlagen war
-wie ich! Aber zu ihrem Glück gab es keine solche Unglückliche hier.
-
-Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus den Urvölkern
-dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen und guten Bestand
-versprach, wenn sie wie fremde Aepfel auf dem -- gutgemachten
-Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde seine mütterliche war!
-
-Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen von dem
-verlöschenden Stamme der _Algonkinen_ gebracht. Sie lebte in unserm Hause
-und hieß _Eoo_. Ohne eine Sklavin zu sein, verrichtete sie fast
-Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der Algonkinen, kaum hin und wieder durch
-einigen Maisbau an die Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist
-von der Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um Nahrung
-umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder an Fremde, um sie nicht
-zu tödten! Den Vater der Eoo kannt' ich; denn ich selbst war einst
-Abgeordneter an die freien Indianer gewesen, und ich hatte ihnen, wegen
-Erhaltung des Friedens, wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel,
-Scheeren, Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen
-Regierung schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als wenn sie
-uns betrogen!
-
-Eoo's Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch bei der
-Eheberathung. Von einem Weibe (dacht' ich) verlang' ich vor Allem zuerst:
-_Gesundheit!_ Ist die Frau gesund -- dann ist sie heiter, willig, stets
-wohlgelaunt, zu allen Freuden und Leiden stark und verheißt dem neuen
-Zustande _Dauer_. Ohne Gesundheit sind all' ihre anderen Gaben -- keine!
-
--- Und gesund ist Eoo!
-
-_Zweitens_ sei das Weib _zuverlässig_ in jeder Art. Denn all ihr Gutes wird
-zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr nicht uns gehört. Bei den
-Liebenden aber ist Sanftmuth und Duldung und Zuverlässigkeit.
-
--- Und _wen_ Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. --
-
-_Drittens_ fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei im Hause zu
-aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede Jungfrau wird erst
-als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß Alle immer haben, weß sie bedürfen,
-das liebe Kind in der Wiege, und selbst der Hund an der Kette!
-
--- Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!
-
-_Viertens_ habe sie _kein_ eigenes Vermögen, als die drei ersten Güter.
-Denn -- war mein Grund:
-
--- Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!
-
-_Fünftens_ und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön! Das soll mich
-nicht _hindern_, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen. Aber diese Fünf ist schon
-in der Eins -- der Gesundheit, dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das
-schönste Gesicht ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und
-vielleicht -- Andern nicht!
-
--- Aber Eoo war schön. --
-
-So erbaut' ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes Weib Eoo!
-
-Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand eine gewisse
-Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn ich hatte sonst immer
-gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen, dem Weibe den Werth, sie sei Etwas!
-Hier aber fehlte sie, und _dennoch_ war meine Eoo Alles, was ich nur
-wünschen konnte vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe
-empfand, so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein
-unermeßlicher Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum
-derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten
-Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen konnten! So
-rinnt aus einem unerschöpflichen See nur ein kleiner stiller Bach durch die
-grünenden Wiesen hinab und ernährt nur die Blumen da, wo er fließt, indeß
-seines Sees Fülle, wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!
-
-O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal und betete:
-daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe, in keiner Noth!
-
- * * * * *
-
-Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel ein Mädchen, das,
-nach Eoo's Mutter, _Alaska_ genannt ward. Als sie drei Jahre alt war -- --
---
-
-Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher kommt, bringt
-unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram und Scham über unermeßlichen
-Mangel an geistigen und leiblichen Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht
-der ganze Reichthum, das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig
-vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird -- _dereinst!_ wenn Gott
-auch hier über seine Menschen noch fürder waltet. Und Er waltet! Der
-Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß er sein Vaterland dahinten
-lassen mußte, wenn er es sonst auch nicht war. Er wäre nicht geflohen,
-hätte er Reichthum genug besessen, um zu allem Elend -- behüte mich Gott --
-zu lachen, und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun
-kommt er hierher -- und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende,
-leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben! Nur dadurch
-glaubt' er erst hier sein Geschlecht gesichert, daß aus ihm erstehen soll.
-Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam
-sein neuer Gründer, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu
-endlosem -- Wucher!
-
-Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal, ein
-_Freund_ von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein Kind aus dem Wasser
-gerettet, das nach schwimmenden Lilien sich über das Ufer gedehnt. Er besaß
-ein herrliches Wohnhaus, große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund
-und um sein Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum -- um
-das Wort hier zu mißbrauchen -- der Sache nach. Sein Töchterchen aber war
-später dennoch gestorben! Und in seinem Schmerz sich zu zerstreuen,
-besuchte er uns!
-
-Da lief meine kleine Tochter _Alaska_ dem freundlichen Manne entgegen. Er
-hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank auf einen Sitz mit ihr hin,
-er weinte -- sahe das Kind an und weinte, das Kind war betreten, es
-trocknete ihm die Thränen, es seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme
-um seinen Hals.
-
-Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser
-Mädchen verloren, und hob die schönen Augen zum Himmel, ihm dankend, daß
-wir es glücklich besaßen!
-
-Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: »das Kind müßt'
-ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.«
-
-Was konnten wir sagen? Das Wort: »mein Weib ist schon todt!« stürzte Eoo in
-den bittersten Jammer -- um mich! als sei _sie_ mir gestorben; und sie trug
-ihn still auf den Freund über, auf dessen gramblassem weinenden Angesicht
-er stand!
-
-Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen _Knaben_, und die ganze
-mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie der Sonne ganze Kraft durch
-eine beschränkende Wolkenlücke, _jetzt_ auf das holde Neugeborene
-hernieder! Sie sah es nur immer an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so
-ganz, so gar bedürftig, sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling
-allein zu brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn
-gegeben, so war ich ihr selbst in diesen Tagen -- nicht Alles, nur der
-Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch das Kind, um des
-Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska war gleichsam mündig gesprochen;
-wie früher schon von der Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das
-kleine Ding war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt,
-und flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden
-Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder doch den Traum
-derselben wirklich genoß!
-
-Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause. Aber er drang nun in
-_mich um das Kind!_ Ach, jetzt hätte ich sollen über die segenschwere
-Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm
-das Mädchen nicht geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie
-zuvor! Ich überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte
-es, zitternd mit schnell bewegtem Haupt -- da schlug ihr Okki die Augen
-auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust! Sie drückte ihn sanft
-mit der Linken an, sie umschlang mit der Rechten die arme kleine Alaska,
-die in kleinen Reisekleidern schon fertig angezogen sich an sie schmiegte,
-nicht wußte, was sie that, als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte,
-was ihr geschah, als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn
-schlug, vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging denn
-das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf ein Augenblickchen!
-wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde gelockt -- nur die
-_Lämmer_ des neuen Vaters zu sehen! Und Er eilte so, als raub' er sie mir,
-und als schlafe die Mutter und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber
-durch Opiumrauch von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das
-Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd zusehen,
-wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird! So regten wir keine
-Hand. So eilt' er mit unserem Schatze davon!
-
-Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht zu widerstehen:
-Mein Kind als _reiche_ Erbin zu sehen! Sie _wohlerzogen_ zu sehen! Denn der
-Freund war brav, gelehrt und edel. Er wollte durch ein in Quebec
-niedergelegtes Testament Alaska zu seiner Erbin einsetzen -- und er war
-schon bei Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich hatte
-die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen -- ich empfand es wie im
-Schlummer -- ich mocht' es nicht denken! Kurz, der Mensch, selbst der Vater
-wird durch Begierden -- abscheulich, widerspricht seinem wahrsten Bestreben
-selbst und hebt sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen -- von
-Unnatur!
-
- * * * * *
-
-Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki -- unser
-Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo's Liebe
-gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem
-gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden
-war, und so bald! so begehrt! -- Und es war fort! Sie war wie kinderlos,
-und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch
-der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur wenige Monde gekannt und, wie
-der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine
-Geschöpf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!
-
-Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes hatt' ich gezählt
-in meiner -- Rechnung. Mein Wort konnt' ich nicht zurücknehmen! Mein
-edlerer Trost war, daß doch dort drüben ein Vater glücklich sei, glücklich
-durch unser Kind! Unsere Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen
-Schutzgeist des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel um
-ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie wünschte sich
-nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind -- und so lebten wir
-denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre lang! Ich vermied, mein Weib in ein
-kindervolles Haus zu führen, und sie schien es _mir_ zu Liebe von selbst zu
-meiden, denn das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja _ihr_
-Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und mit
-Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska zu besuchen!
-Wir reisten nicht hin. -- Eoo ließ mich nichts entgelten! höchstens seufzte
-sie: »wenn unser Okki lebte!« Sie ließ sich nichts merken, ja sie bestrebte
-sich selber, nichts zu empfinden, um immer mir heiter ins Auge zu sehen,
-immer freundlich-begnügt zu _sein_, auch wenn sie allein war. Solche
-Geschöpfe heißt man nun »Wilde« -- aber das Weib ist überall der Liebe
-fähig, und Liebe bildet es überall.
-
-Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen
-Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste,
-Wiedergeschenkte! Mit Thränen ward er begrüßt -- zur Freude wuchs er uns
-auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki
-nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun
-reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.
-
-Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! -- aus Wohlwollen
-und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann ich glauben von Ihr! Sie nahm
-mir nämlich, erst kurz vor dem Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit
-feuchten Augen und bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht
-zu erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater! -- Als
-Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen; es sollte nicht
-mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus! Und würde es bleiben, wenn es
-uns -- seine wahren Eltern erkannt? _gern_ bleiben, wenn allmächtige
-Erinnerungen der Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen
-vom Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem, zu
-diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in des Vaters Armen
--- umnachteten! und, so schön und lieb sie ihr vielleicht, ja gewiß
-gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten! -- Oder soll man, sollen Eltern
-selbst ihre Kinder -- ich muß schrecklich reden -- nur als Vieh ansehen,
-als Sklaven aus der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen
-Gefühle und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? -- Und wenn Ich -- wenn
-Eoo, die Mutter, des _Töchterchens Liebe_ gesehen -- konnt' ich sie dann
-zurücklassen? --
-
-Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen, das uns, den
-Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend betrachtete -- unser
-_Kind_ sei! Ich glaubte, nur ein Kind von drei Jahren an Alter, Größe und
-Wesen wiederzufinden, und sah überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen
-von dreizehn Jahren, fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend.
-Was -- wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte ich da
-verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl, aber sie sahe nur auf
-das -- Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte Athem lang und tief, um sich
-still zu beschwichtigen. Und sie verschwieg. --
-
-Und so mußt' ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene Tochter mit
-ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und sie umherführte wie
-irgend ein anderes Weib; oder den kleinen Bruder auf dem Schooß wiegte,
-ohne ihn mehr als -- _ein Kind_ zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß
-geworden war ohne uns. Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch
-aufgehobene zerspielte Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und
-sah, wie sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter
-weinte, und schlich so leise wieder fort. -- Ich merkte, wie sie gern noch
-Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was sie andere Mütter
-hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen Verwandlungen durch, bis in
-Alaska's Jahre, thun. Ja, als ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete
-und die Haare ihr aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder,
-wand es um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es ging
-in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend, rasch
-hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe -- wie von einer in
-Wolken verschleierten Sonne -- und schnell emportreibend, eine _neue_
-Freundschaft auf, knospete, blühte bald und betäubte mich durch ihren
-geheimnißvollen Glanz und Duft! Und so gab mir wider Willen mein Weib zu
-bedenken: daß Liebe _bewahren_ nicht Liebe _üben_ sei! Daß Mütter die
-Kinder nicht aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben und
-warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück ist, ihr Leben! Daß,
-wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer Fremden in abgelegener
-Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst um das heiligste Mutterglück
-beraubt, und nur um -- leer, hohl und frei zu sein, um Freuden
-einzutauschen, welche die ärmste, aber _wirkliche_ Mutter nicht entbehrt
-und entbehren nicht kann noch mag! Und wer _die_ Freuden verschmäht, die
-ihm als Naturwesen heilig und selig gegeben sind, was kann der in der
-ganzen reichen Welt noch Anderes erlangen, als -- was ihn nicht selig
-macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere, Schlechte! Ich mußte
-empfinden: Wer sein Kind einem Andern dahin läßt, als Gott, oder dem
-eigenen Leben desselben, der ist sein eigener Kinderräuber, ein
-Liebemörder. Denn wenn auch Er aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben
-vermag, darf er dem Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es
-lernen, gewinnen und werden mag in fremdem Hause -- die Liebe erzieht
-allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und stärkt für die
-Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle Freuden; sie trägt und
-erhält schwebend in eigener Fülle und Sonnenklarheit über allen Zuständen
-und Wechseln des Menschen auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste
-Mitgift für sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken
-als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz belehren durch
-Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer Stoff ist,
-himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das kann kein Erzieher, weil Er ja
-so nicht lieben kann! Er bildet Talente aus, den Verstand, das Wissen --
-nicht so das Herz und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur
-Eltern sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein
-überzuströmen, darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und
-Abendgebet! Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben noch
-tausendfache Vorzüge _für Kinder_ an sich. Sie werden noch dringender
-lehren und warnen! Denn sie sind Eltern! und was sie selber nun dulden:
-Schuld und Unglück, das sollen einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein
-und glücklich sein und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so
-weinen sie nur -- und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu haben
-als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz gepflanzt, selbst
-Duldung des Härtesten, sogar ohne Vorbild und lebendes Beispiel. Und was
-erhält die Millionen Menschen doch alle so ruhig? Was läßt die ärmsten
-Holzschläger im Walde den Reichen nicht tödten, der mit goldenen
-Steigbügeln zu ihnen reitet und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den
-Essenkehrer ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am
-Silberschrank? den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der Hand
-forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe und seinen
-Kindern zu bringen -- was macht ihn zufrieden, als die _Liebe_ zu den
-Seinen, die er als Kind gelernt, die _Ehrlichkeit_ gegen sie, die er nun
-aller Welt angedeihen läßt und alle Welt mit denselben Augen ansieht, die
-auf Weib und Kindern geweilt, _wie die Augen seiner Eltern auf ihm!_ -- Was
-macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren Gutes, die
-Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige Last! Sie beugt den
-Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe, und erhebt ihn über die Menschen,
-die sie ihm alle nicht rauben können.
-
--- Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! --
-
-Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, _schon ferne von ihr_, zu
-erkennen. »Das war Deine Mutter! mein Kind!« rief sie zurück und hielt die
-Fingerspitze aufs Herz.
-
-Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die
-Füße versagten ihr allen Dienst; sie war blaß wie ein Engel, und mit
-ausgestreckten Armen sank sie nach vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in
-die Blumen.
-
-Eoo's Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. -- »Fort!«
-sprach sie nun hastig, »nun fort!« und drängte, zu fliehen.
-
-Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ
-ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
-
-Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen
-und seufzte: »Du bist meine Mutter wohl nicht?« -- Okki wand seine Händchen
-um ihren Hals, die Mutter flog hinzu -- der Vater zu Mutter und Kind,
-drückte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter,
-von den Kindern umfaßt, an die Brust -- und wir blieben noch bis in den
-Mai!
-
- * * * * *
-
-Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die
-Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere
-Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden
-Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker
-umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches
-hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des
-Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des
-letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich
-Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu
-thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein
-dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad
-aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch,
-zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an
-allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger
-Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was
-für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine
-Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete
-manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für
-_Menschen_ nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend
-Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen
-und klein zu finden -- das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß
-der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht
-andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare
-Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden
-und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im
-Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte,
-sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit
-stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die
-schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder
-krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des
-Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel
-der Sprusselfichte auf meinem Handteller -- und nun erschien mir der
-_unermeßliche Wald_ erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen
-Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit!
-Und dieß ahnen, dieß träumen -- war _meine -- die menschliche_ Wonne.
-
-Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören -- vielleicht
-ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt' ich denken? Denn nur durch
-Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der
-Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!
-
-Zu Noah kamen _Engel_, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu
-retten, verkündeten. _Wer_ kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein,
-die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter!
--- Wir Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene,
-Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst
-geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum _letzten Male_,
-wie war er schön! _Wer_ wird das hier wiedersehen? -- vielleicht selber die
-Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie
-das Menschengeschlecht! das Auge, das sie _vor_ ihm aufgethan! Wir konnten
-das Unheil uns _denken!_ denn die von Gott uns gegebene _Vernunft_ ist
-gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns
-lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen,
-den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit -- ohne Körner gereift; die
-Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur
-sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die
-Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst
-fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie
-nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des
-Morgens rauscht -- er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren
-heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und
-welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne
-Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten
-Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur
-Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es
-bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die
-Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne:
-»_Uns_ wird ja kein Unglück treffen! _Wir_, wir vor Allen, sind ja Gottes
-Kinder« wie manche fromme Frau sagt -- (auch meine!) wenn ein Gewitter am
-Himmel wüthet, und -- _den Nachbar todtschlägt_, der auch so gesagt, und
-auch Gottes Kind war. -- Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein
-Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines
-Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das
-Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der
-Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch,
-wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum
-äußersten Augenblick!
-
-Er kam.
-
-Eh' wir noch Etwas _sahen_, verbreitete sich in der Nacht ein eigener
-Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die
-Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und
-lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und
-auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über
-uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden
-Felder zurück! »Wo ist denn ihr Taubenschlag?« fragte Okki, der sie zum
-ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren
-so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen
-konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf
-die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über
-das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der
-Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon
-wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog
-das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter
-hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.
-
-Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie
-ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem
-nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig,
-und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.
-
-Und _Ich_ war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut
-war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten
-sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern
-leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen
-kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen,
-Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer
-trage des Anderen Last!
-
-Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der
-Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen
-und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die
-schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war
-nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem _nördlich_
-gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem
-_südlichen_ wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand _groß_ sein! Als
-aber die Menschen aus dem _westlich_ gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern
-noch ferner von ihnen Wohnenden -- als sie Menschen _begegneten_, die aus
-dem nächsten _östlichen_ Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der
-Waldbrand uns schon um_ringt_.
-
-Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.
-
-Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen
-und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel
-aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und
-Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und
-Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen,
-und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
-
-In den _brennenden_ Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein
-Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er _nicht_ brennt! O
-es giebt einen Ausweg, hundert -- gewiß -- aber wir wissen sie nicht und
-fehlen sie! --
-
-Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den
-_abgebrannten_ Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem
-Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles
-Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu
-fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir
-den _schwarzen Wald!_
-
-»Auf die Savannen!« rief eine Stimme. -- »Führe uns!« erscholl's aus der
-Menge. »Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das wär' ein gefüllter Wallgraben
-der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher
-Feuergewalt nicht sicher. Man hat _nicht genug_ gesengt und gebrannt -- nun
-thut es der Himmel!«
-
-Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind
-geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so
-folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen -- ihrem
-Glauben. Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom
-Winde dort aufgedeckt -- nach Norden hin ziehen. »Dort ist es feuchter!«
-trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. --
-Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. -- »Aber
-die begegnen sich ja!« warfen Einige ein. »Das ist albernes Vieh!« riefen
-Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne -- bloß
-weil er _Noah_ hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die
-bergende Arche! --
-
-_Und doch lachte Niemand._ Das war wohl entsetzlich!
-
-Nun hatt' ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo
-saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig,
-was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch
-Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele
-Lebensmittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! -- So war beschlossen,
-die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle
-Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause
-zu finden. »Ich gehe fort!« meldete Eine, nur in die Thür tretend. »Geh'
-mit Gott,« sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und
-Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete
-Alles und stellt' es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das
-Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug
-sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen
-rother Kopf noch glänzte. Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und
-hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die
-Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von
-meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen!
-Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges
-Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. »Gott geb' uns das
-wieder!« fleht' ich; »wieder so zu sitzen wie heut -- nach überstandener
-Angst!« Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen
-erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah -- aber, ich hatte
-gefehlt -- _mein_ Gebet erhörte er nicht.
-
-Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden
-den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen
-zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken -- o Gott, sie bleiben!
-Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich -- ich muß fort!
-
-Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem
-kleinen Bett unter Okki's Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit
-auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein
-Jäger gekleidet -- und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen;
-denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen
-füllten sich -- ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im
-Zimmer umher -- vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu
-reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht
-wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da
-beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki
-gesorgt war. _Laufen_ konnte uns doch nicht retten!
-
-Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die
-Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und
-übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange
-darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem
-Ahorn! am Kamin der verlassene -- Sorgenstuhl! Dort Eoo's kleines
-Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin
-stand Okki's braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres
-Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein -- der Ich war,
-und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O
-Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! -- Ich schied.
-
-Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen
-konnt' ich mich richten; sonst hatt' ich den Compaß. Aber wie Jene dem
-Allvater _Noah_ gefolgt, so folgten wir jetzt -- Ariadne, dem Hunde, der
-glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!
-
- * * * * *
-
-Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der
-muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt' es nicht
-fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer
-oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und
-Glied gekämpft.
-
-So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den
-Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund
-unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an.
-Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu
-Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich
-nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
-
-So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über
-Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten
-zu schlafen, wir wachten -- und glaubten zu träumen, so verworren war unser
-Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch
-den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse
-unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm
-liegt. Nur oben rauscht' es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde
-Stille.
-
-Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der
-_aus_gebrannt war. _Ab_gebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume
-standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein
-Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden;
-Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war _eine_ schwarzgraue Wüste. Nur
-die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind
-daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der
-Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt
-und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem
-Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer
-Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese
-verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir
-nahten -- sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die
-Augen zu -- sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing,
-mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine
-Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie
-glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen
-Gesicht liegendes Opossum, das sich _todt gestellt_, in der tödlichen
-Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier
-nicht vorüber gezogen, ohn' es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner
-Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der
-Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand;
-sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen
-des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat,
-nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn
-die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den
-Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer
-Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem
-großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt' ihm sein Glück.
-
-Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war,
-als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte
-uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend »guten
-Morgen!« -- »guten Tag.« Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung
-an die Natur, die all' unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem
-Wetter, was sein _könnte!_ von den Stürmen der Natur, die in ihren
-uranfänglichen Tagen brausten -- die _heut_ noch herein brausen können über
-die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes
-Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie
-leuchtet wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter
-leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonnentag
-versetzt' uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns
-heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und
-arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes
-Wetter. -- Uns stürmt' es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie
-auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens!
-Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines
-dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche
-führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die
-Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser
-hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht
-entfliehen können, aber . . . . . Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen,
-wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und
-ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich
-hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet' ich nicht so sehr, denn
-vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir
-es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte,
-dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie
-Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. -- »Ochsenfrösche!«[A]
-sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; »sie suchen
-frisches Wasser!« -- Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes
-Anrufen »ho! -- ho!« das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen
-Bogen -- und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller
-vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte -- aber sie schwammen nach
-und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht,
-auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht --
-sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: -- bräunliche
-Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und
-schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen
-bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche
-Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit
-halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle
-geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien
-Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und
-schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter
-hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu
-erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene
-Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau
-zweiter Mann, von Ferne -- eine Tagereise weit -- zu sehen, wo unsere
-Tochter lebte. Lebte? --
-
-[Fußnote A: Rana maxima, oder der Riesenfrosch.]
-
-Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus
-benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und Tücher, wies den müden
-Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und
-Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum
-dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.
-
-Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger
-Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont hatte er eine
-Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz wie die Nacht! Ein breiter
-Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die über unsrer
-Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die
-Wälder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht
-nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine
-feurige blendende Flammengischt, breit von Süd bis West, aus dem ganzen
-Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt,
-wie ein göttlicher Nordschein. Aber über den näheren Wäldern bewegte der
-Sturm die wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie Wogen
-des Meeres.
-
-Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that
-keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.
-
-Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres alten Freundes
-wie in der untergehenden Sonne. Deutlich brannte _dahinter_ der Wald; der
-Weg von uns bis dahin schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende
-oder dampfende Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich! Wie
-der Wind sich richtete, vereinigt' er sie -- vielleicht -- und überzog ihn
-dann ganz mit Feuer und Purpur.
-
-»Sollt' ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?«
-getraut' ich mich zu sprechen.
-
-Kannst Du es _nicht_ thun? frug mich Eoo.
-
-»Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen?«
-
--- Wird sie uns nicht verzweifeln? -- frug Eoo.
-
-»Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns
-flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.« --
-
--- Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! --
-
-»Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und
-gerettet?«
-
-O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht
-wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die
-Tochterliebe verdienen -- nicht schmachvoll sie tragen!
-
-»So wollen wir umkommen? und Okki?« frug ich Eoo.
-
-Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln
-verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um.
-Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf.
-Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten
-der Berge erst los! -- Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen
--- und neuer Nachdonner umher bis hinaus. -- Furchtbare Schlacht der Natur
-mit sich selbst. --
-
-Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches
-Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr
-in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand
-das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie
-schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: »ob sie ihr rufe?« Sie hielt
-die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten,
-als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen
-Angst um sie.
-
-Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie
-ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt
-von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn
-reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre
-Umarmung. Das verstand ich nicht!
-
-Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir
-noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt' es noch,
-schlafend.
-
--- Am Morgen war sie verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen -- ich betete -- aber die
-Lippen bebten mir nur. Okki war da -- er freute mich kaum! Ich holte kaum
-Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan. Mir war klar -- das
-Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem
-Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! -- bald
-erlag sie! -- bald weinte sie nach mir zurück! -- bald stürzte sie froh in
-die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn _das Kind in
-Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem
-Mutterherzen_, so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende
-hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe
-sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit
-all' ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele
-des Menschen? -- Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie
-selbst nicht zu achten! -- Die Gefahr _zog_ mein Weib zu dem Kinde; ihr
-Anwachsen trieb sie -- zur _Eil!_ die Flammen erleuchteten nur -- ihr Kind
-in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that -- eine
-Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht
-seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen beladenen weiblichen
-Geschlecht ist nur Etwas ehrbar -- _die Mutter!_ Nichts _darüber!_ Nichts
-_weiter!_ -- Aber hab' ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein,
-erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt! -- Jeder, der lebt, hatt' er nicht
-eine Mutter? Will und soll jegliche _Jungfrau_ nicht eine Mutter werden?
-Lebt die _Matrone_ von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der
-Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin
-führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und
-kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe!
-
-Und sie, die durch mich in Eoo's Herzen gestockt -- wie brach sie nun aus!
-O was litt' ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr -- mir brannte die
-thörichte Schuld im Busen.
-
-Ich war spät erwacht -- Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der
-treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel.
-Okki begehrte nach der Mutter. »Sie holt Deine Schwester,« sagt' ich ihm
-lächelnd, ihn herzend und küssend -- weinen durft' ich ja nicht -- und das
-machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!
-
-Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht
-durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte
-nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis
-sie wiederkehre. Aber ich _mußte_ einen dritten ergreifen, denn von der
-rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir
-abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im
-Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte,
-wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch
-mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu
-berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet' ich tiefe Züge ein, als
-wollt' ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit
-sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm --
-weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich
-auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten -- getrost überlassen.
-
-Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die -- natürlich war und
-schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und
-Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges
-Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch
-werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge
-und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht' er nun wachen,
-oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals
-geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr -- denn um mich war nicht mehr
-die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und
-Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand
-mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig
-ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann -- das drückte mich
-nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag' ich: Der gewöhnliche
-alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod
-schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die _Trennung_
-von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt.
-Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher
-umkehrt, _eher_ als ihre Kinder, also _von_ ihren Kindern; -- _alle_ Kinder
-verlieren die Eltern, wenn es noch _gut_ geht! und in derselben Stunde
-verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, _denn auch der Sterbende
-kann noch verlieren_, nicht der Lebende allein -- er sieht sie in ihren
-eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten,
-gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt _auch_ dem Tode! Sein liebendes
-Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht' ich
-jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, _daß
-wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!_ in demselben beglückenden
-Augenblick!
-
-Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt' ich hier harren, bis uns die
-Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden
-war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten
-Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen,
-Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher.
-Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim
-ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem
-Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.
-
-Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von
-Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde
-zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus
-Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie
-niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde
-hinziehen -- dann konnt' ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die
-Thränen blieben stehen im Auge.
-
-Endlich gelangt' ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und
-Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es
-zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte
-das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte
-nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich --
-ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt -- und wir waren auf einer
-baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter
-Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie
-kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen
-Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen
-zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht'
-ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
-
-Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu
-finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der
-ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles
-schwieg.
-
-Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst.
-Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner
-verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt
-wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die
-Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich
-willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch
-seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d'Issaly, und,
-hier in der Fremde, _seinen Landsmann!_ Auch ich that so.
-
-»Ich beobachte den Wind!« sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend.
-»Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in
-Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da
-den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!« --
-
-Schauer überlief mich. --
-
-»Wir mögen ihrer noch gegen 600 _Mann_ sein, _Weiber_ und _Kinder_ mit
-eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges Ende so vieler
-herrlichen Tage, im Schooße der Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise
--- hinter dem Jäger steht der Bettler -- sie mußten auch so vergehen!«
-
--- Ich dachte nur an Eoo's Vater, an ihre Schwester! --
-
-Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend: »Auf jenen armen
-Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das Wissen, Leben und Streben
-eines ganzen uralten Volkes. Sehr besonders! wahrhaftig unerklärbar! So
-viele Geschlechter von ihnen gelebt -- _sie_ sind nur von allen noch übrig.
-Uebrig, wie abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum
-von den frühern Tausenden _seiner Sorte_. Und von jenen Menschen allen, die
-aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen, noch kommen sollen, stehen nur _sie_
-erst da! Eltern und Kinder! Niemand weiter! einsam schauerlich, dem
-schrecklichsten Elemente, nur einem Hauche bloß gestellt!«
-
-Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.
-
-Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder
-Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen, so einzig, so
-wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als Träger der Zeit, nur sie selbst --
-und so schutzlos, so schutzbedürftig und doch so kindlich unbesorgt. Und
-mit Recht.
-
-»_O diese Einsamkeit der Geschlechter!_« seufzt' er; »und jetzt dieß Volk
--- Schatten möcht' ich es nennen! Ich kann Ihnen sagen, es graust mich an.
-Jean Jaques würde weinen! Aber was kommen mir Thränen ins Auge? -- die
-Natur hat mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr
-besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der Wilden. Aber
-Er würde doch weinen!«
-
-Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von ihnen übrig bleiben,
-so ist, wie Sie sagen -- die Sorte gerettet! Wenn nur Einer dereinst in
-späten Tagen ein vollständig gebildeter Mensch wird, so ist des Stammes
-Zweck erreicht. Die Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein
-Mensch von allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel
-erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte
-Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar liegt uns
-Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich -- _vor_ uns, und das
-Himmelreich ist inwendig in uns zu aller Zeit. -- Ich mußte vor Schmerz des
-eigenen Verlustes stöhnen und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten
-Jean Jaques.
-
-»Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!« sprach er. Indeß --
-wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche Berechnung, daß in ganz
-Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt -- daß also nicht schon so viele
-umgekommen! »Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile? das ist die
-Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja
-nur -- Jäger.«
-
-Diese Bemerkung hätte mich _sonst_ getröstet. Jetzt schwieg ich. Die Augen
-fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er wankte auch.
-
-»Kann ich Ihnen dienen,« sprach er da freundlich, »mit Allem, was wir haben
--- und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen
-Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!«
-
-Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: »Der
-Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt
-aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen,
-dann weht er von dort -- dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war
-immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem _Leonidas_. So wollen wir uns nicht
-schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. --«
-
-Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d'Issaly half mir, ihm dürftiges
-Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den
-herzbeklemmenden stillen Kreis.
-
-Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel
-eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich
-gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer
-anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte
-brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick.
-
-»Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und
-Halbblinden,« sprach d'Issaly. »Nur die Häuptlinge, die Tai's, führten, für
-die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an
-einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie
-blinde Enten, folgten. Glaubt' es oder nicht, unser allergrößter Schmerz
-ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der
-Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten
-haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut _alle
-nur möglichen_ Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!«
-
-Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm,
-wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf
-beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die
-Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen
-und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft
-schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann
-brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er
-ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das
-gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des
-Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers
-vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn
-hingewölbt.
-
-Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden
-Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz
-noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell,
-selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast
-auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die
-glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er
-schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt
-schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die
-Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten
-Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer
-schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber
-stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.
-
-Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens,
-eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter
-hatt' er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in
-d'Issaly's Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst -- er schlief.
-Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für
-die _bevorstehenden_ Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von
-d'Issaly's Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir
-uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die
-Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.
-
-Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich
-sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg -- meinen Namen:
-_Hagen_. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem
-Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und
-unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen
-Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei
-herunterrief: »Troja ist heut zu Tage türkisch!« Ich theilte ihm meine
-Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, -- meiner Eoo That und
-Verlust -- vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf
-das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu
-weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in
-der Dämmerung verschwinden.
-
-Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im
-Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor
-der Priesterinnen sang ihr verzagendes:
-
- O welche Nacht! Tod droht uns Armen!
- Welch banges Grau'n, welch Traumgesicht!
- Ihr Götter schenket uns Erbarmen,
- Erhört dieß Fleh'n, und zürnet länger nicht!
-
-Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir
-war, als hörte ich d'Issaly einstimmen, oder als säng' er wunderlich selbst
-gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
-
- Wann trocknen unsre Thränen ab?
- Drückt Leiden ewig unser Leben?
- Ach, soll allein das stille Grab
- Die lang entfloh'ne Ruh' uns wiedergeben?
-
- * * * * *
-
-Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D'Issaly war schon fort. Der
-Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne
-versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht
-durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und
-berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es
-stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur,
-was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, _das_ war, was
-uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und
-zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben
-Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe
-Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in
-dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
-
-D'Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: »Es herrscht eine Wahrsagung
-hier unter dem Volke, daß, »_wann die blinde Frau den blinden Hirsch
-fängt_,« sein Leben am Ende sei!«
-
-Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.
-
-»Umgeben vom Waldbrande sind wir;« antwortete er. »Der feurige Kreis ist
-geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das
-Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er
-steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht
-angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih
-gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen
-ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe _noch_,
-oder _werde_ wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen
-herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen,
-damit die Alte keinen _blinden_ Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der
-Hirsch sei doch blind _gewesen_, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen
-brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des
-vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch
-angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich
-erprobte Wahrhaftigkeit _der alten Thoren_ giebt ihnen neue Würde, die doch
-nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären
-fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu
-lassen.«
-
-Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar,
-welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als
-ein Gesandter _vom großen Geist_ erschien. Wer es auch hätte wagen können,
-ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm
-Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei
-goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle
-waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
-
-Gerade jetzt trug das Mädchen -- sie hieß _Ayana_ -- meinen Okki eilig nach
-einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor,
-schnell gab sie ihn _dem_ auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.
-
-Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: »Du bist doch
-meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum
-ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber _Ayana_ hat
-Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir
-abzufordern. Du bist _als ein Gast_ zu uns genaht, selber in Noth, darum
-gehe Du unberührt von hinnen!«
-
-Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki's Arme, der schrie. Er stand.
-Es war Eoo's Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner
-schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und
-mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir
-herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere
-Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. -- Aber ein Wort ist den
-Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle -- und Okki war mir
-verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt' ich nicht fassen, wir hätten
-es zerrissen; Eoo's Vater konnt' ich, ihretwillen und meines Dankes wegen,
-nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht' ich klar.
-Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr
-die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den
-Vater, ich rang mit ihm -- während daß -- ihm Ayana den Knaben wegriß.
-Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt' ich so eben dem Manne,
-in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu
-seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken -- da riß mich d'Issaly rücklings
-von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit
-anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich
-nicht sehen.
-
-Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und
-schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.
-
-So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum
-Himmel.
-
-Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den
-heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen
-ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai's warfen ihre rothen und blauen
-Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel
-unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst
-bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den
-Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende
-Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste
-erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die
-Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun
-war an _ihnen_ die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie
-waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. »Die Bäume machte der große
-Geist -- nun zerstört' er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden
-Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den
-Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm
-erspart, zu sein!«
-
-Das, wähnt' ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
-
-Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten
-Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der
-Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis
-in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth _des Menschen_ schien noch für die
-Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens -- wie
-ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell
-wiederholt -- eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine
-Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der
-Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn
-berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die
-Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so
-entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer
-Entschluß!
-
-Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
-
-So nahe, so nahend hatt' ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt
-knisterte _es_ nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte
-tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde
-Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus
-den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder
-eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und
-des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die
-aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen
-empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu
-vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.
-Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch
-eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine
-Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich!
-woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber
-er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir
-liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht
-mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und
-meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien
-auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so
-aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt -- war nur ein reines
-Zuschauen, rein -- wie Eis.
-
-Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die
-gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten
-jetzt auch dafür zu der Ehre, »_als Gesandte zu dem großen Geiste_« zu
-wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den
-Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder
-und sprach während alle schwiegen: »Bittet nur, daß der Hase möge weiß
-sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist
-ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!« --
-
-»Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang,
-als Er will!« rieth ihnen die Menge; »Er kann es auf einmal so gut, als
-nach und nach! _Dieß Alles_ thun nur _die Untergötter_ -- vielleicht die
-Manitto's -- die bösen; doch _Er_ ist der _Herr des Lebens_. Zeigt eure
-angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird
-euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt
-Ihm: Wir würden _Ihm_ helfen, wenn _Wir_ Alle droben _große Geister_ wären,
-und _Er_ allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das
-muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!«
-
-Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder
-erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf
-den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten
-zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. --
-
-Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl -- ich weiß nicht
-vor Was; ich drückte sie zu -- ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte
-sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es
-flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor
-erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der
-Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich
-tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden
-verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher
-Mann -- und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch
-frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative
-zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein
-mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: »ob er lieber wolle alle Tage
-seines Lebens alle guten Braten essen, alle _edlen_ Weine trinken, und so
-fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel
-im stillen Ocean versinken und umkommen solle?« Da der sehr hohe Mann
-vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein
--- und ließ das Volk verderben.
-
-_Hier_ war nun zu sehen, was _Mitleid_ sei, oder nur _Wohlwollen_, und was
-Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds -- und wie der
-unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie
-seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: »alle mein Lebtag
-Braten und Wein« -- da faßt' ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann
-mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? -- Sie haben keine Phantasie,
-sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können
-ihr Ich nicht in Andre versetzen -- und Menschen ohne Mitleid sind eben --
-Wilde Ueberall!
-
-Aber der _große Geist_ empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid
-aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, _als_
-wir. --
-
-Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon -- sie schienen nicht mehr
-auf der Erde. -- Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt --
-gesandt werden. --
-
-_Da ward plötzliche Windstille!_
-
-Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln.
-Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich
-wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es
-wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt -- in mildem Glanze
-stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die
-halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die
-verständliche Aufführung des Sprichwortes: »Dieses _Glas_ dem großen Geist«
-war jetzt zu sehen; _ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht_, und der
-Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu
-ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben
-keinen andern _Gottesdienst_, zu dessen _Ausbildung_ erst beharrende Völker
-gelangen.
-
-Monsieur d'Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. -- »Das war eine große
-Lehre!« sprach er; »Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum
-Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr
-Heidenbegräbniß in eigener Asche!«
-
-Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
-
-»Aber auf wen sind Sie böse?« fuhr er freundlich fort; »Sie zürnen? --
-Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick,
-zu vergeben! Aber mischt' ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre
-voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich -- zum Schein that. Sie
-haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht
-kennen!«
-
-Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: »Nun ist es
-vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist
-der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große
-Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern
-sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet --
-wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten -- auf dreifaches
-Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber
-wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein
-Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir,
-daß ich nur solche _Anhänglichkeit_ noch bewundere! Hier ist auch die
-leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle
-Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts
-Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen
-sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites,
-liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die
-Unsern, »die Unsern« sind, daß es _außer ihnen keine_ mehr für uns giebt --
-wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt -- dann
-sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? -- Dem Wilden: Nichts! Er
-schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und
-Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher
-achten? Aber Ihr -- ach -- _Wir_ halten nichts für einzig, nichts einzig
-werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder
-die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über
-uns selbst! -- Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem
-Manne ab, der --«
-
-Sie irren, d'Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und
-über. Ich schwieg, schuldig -- zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar
-geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt' ich meinen und
-meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die
-hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe,
-seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So
-war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo
-gewiß, ja gewiß über Alles! -- Leider! Aber verstand ich sie auch zu
-lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch _Das_ am
-höchsten halten, _was sie liebte_, mit heiligem Rechte so liebte -- dann
-erst liebt' ich sie wirklich: ihre Seele, und all' ihre Neigung! Das sind
-keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller
-unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der
-Wilden, wie d'Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste
-Mensch. Aber Vorliebe zu Okki -- verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt.
-Ihn opfern -- die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen -- ich war es
-nicht fähig! und sollt' es doch! Und wahrlich _ich dachte_ an mich nicht.
-Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem
-Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:
-Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts --
-ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. --
-
-Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d'Issaly, auch wenn der
-Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder -- -- es ist
-nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer
-schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird
-geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! -- Nun
-wißt Ihr genug.
-
-Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender Freund streckte
-sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet' er fort. »Der
-Mensch sollte ein Bär sein!« sprach er über sich selbst unwillig; »nicht
-der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt
-gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren -- das Wort ist auch in Hinsicht
-des Vaterlandes -- traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat,
-oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum
-Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St.
-Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne -- Pfeffer! die glückseligen, von
-der Natur _gekleideten_ Bewohner der Erde, _sie müssen ihr Vaterland
-bewohnen_, und nur _ausgestopft_ kann man sie in einer andern Zone sehen,
-denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo -- der Mensch hat
-das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich
-anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in
-Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er
-Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais -- oder
-näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall
-seine Stube auf -- Stubenwärme! Und nun denkt der -- Fahrenheit, wo er
-wohnen _kann_ als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie
-ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß
-Du das nicht einsiehst wie -- ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie
-ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn
-wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen
-und ausgestanden _zu haben_. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu
-alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis
-sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d'Issaly die Decke sich
-lächelnd über den Kopf -- und schläft wie ein todter Urson!«[A]
-
-Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und
-schnarchte wenige Augenblicke darauf.
-
-Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den
-Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne
-durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb
-des Kreises -- nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief
-vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm
-entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt' ich weinen, eh'
-ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt' ich ihm in das holde Gesicht
-sehen -- das Herz pochte mir ungestüm -- er redete leis und unverständlich
-im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst,
-bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine
-Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen -- ich hob ihn
-sanft -- ich fühlte die süße Last wieder -- ich kniete schon nur auf einem
-Knie, ich wollte auch dieß erheben -- da schlug Ayana die Augen auf; ich
-stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien
-mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß
-die Augenlieder, als schlaf' ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab
-und bettete sich auf der eigenen Brust -- nun holt' ich erst Athem, nun
-schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!
-
-[Fußnote A: Eine Art Faulthier -- Histrix dorsata.]
-
-Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich
-abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom
-fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur
-die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich
-mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem
-geliebten Kinde. --
-
-Sein Erwachen, seine erste Rede -- o Gott, welch' Entzücken! Ich kosete mit
-ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden
-Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im
-Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel -- denn ich sahe im Traume mein
-Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also -- in mir, und ich lebte mit
-ihnen -- in mir.
-
- * * * * *
-
-Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D'Issaly's Wort »das war
-eine große Lehre,« trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es
-machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt' es nicht
-ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich
-fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder
-ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn
-Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet,
-den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach
-erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt' ich mich an den
-neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an
-gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn
-hätt' ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die
-Mutter auch bei uns -- und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen
-und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich
-ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt' ich, nach Quebec zu
-kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu
-gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder
-zu ersetzen und anzuschaffen.
-
-Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der
-Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen!
-Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie.
-Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana,
-versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das
-d'Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur
-bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch
-verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. --
-
-Der gute d'Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank
-ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte
-mich.
-
-Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter
-dem Arme hielt. »Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!« sprach
-d'Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie
-herführte. »Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen,
-denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!«
-»Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes
-und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht,
-auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden
-_Sachem_, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! -- Und was mir
-gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm,
-immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit
-jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur
-flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer
-Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch
-Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt -- daß heißt bei Euch: alt, -- die
-Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und
-Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum
-Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand
-in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht -- --«
-
-Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit
-Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang
-die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen
-Hosen.
-
-Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes,
-erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt,
-hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins)
-beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie
-nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen
-reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr
-Wuchs, _der_ einer indianischen Schönheit -- einer Sqaw -- ließ mich an Eoo
-denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll
-der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im
-Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum
-Zeichen meiner Erhörung.
-
-Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden
-wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse
-sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte;
-und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es
-seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn
-sang und schrie -- und wir Menschen fuhren dahin.
-
-Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem
-versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für
-Kinder. Ich gedachte der Heimath! -- Aber am Morgen war das verlassene
-Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen
-herübergeholt. Die Freude war groß!
-
-Aber was sollt' ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte -- die
-d'Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
-
-»Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,« sprach er,
-mich weich begrüßend. »Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr
-sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch
-_Weiber_ geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne
-begraben werden. Denn _nur um Lebensunterhalt_ ward hier Krieg geführt. Aus
-der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden
--- Nomaden. _Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen_, bis der
-gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in
-den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des
-Besitzes. _Der_ Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch' ich
-für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein
-Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will
-ich daran arbeiten, _nur mich zu beherrschen_ und mir als wahrer Monarch zu
-befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an;
-nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib
-und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab' ich hier
-erworben -- sie will ich als _meinen_ Reichthum hinübernehmen und
-ausstreuen -- mit milden Händen! Und könnt' ich, ach könnten wir alle da
-drüben, _bei_ Geschicklichkeiten und Wissen, _diesen_ Charakter behaupten,
-was fehlte uns dann -- verklärte Wilde zu sein? nicht _allein_ durch die
-Stärke des Leibes zu leben, nicht _allein_ durch die Kräfte des Geistes,
-sondern _durch beide vereint!_ -- Das war mein Lehrbrief! schloß er, den
-die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu
-erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als
-Denkzeichen an die Schnüren -- mein Fathom of Wampum reihen! --«
-
-Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit
-großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. »Ich bin ohne ein
-wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich
-habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!«
-
-Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich
-hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich
-eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als
-sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen,
-schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
-
-»Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt:
-Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen
-empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir
-geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur
-zur _Gewohnheit:_ die_ äußeren_ Erscheinungen stören uns nicht, unser
-_inneres_ Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen,
-oder gar aufschrecken -- wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben,
-vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher,
-als an Millionen _vorüberziehen_, deren Herz und Schicksal uns verschlossen
-ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
-und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen,
-die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an
-ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser
-Welt -- den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des
-Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
-ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber
-der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde
-gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen,
-dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern
-lernen, ist mehr werth als -- Auswandern! als fremde Meere und Länder,
-fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth --
-als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist.
-Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um
-das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als
-in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem
-Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat _seine Zeit_ dort
-gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun
-erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder _Wohlleben_ nur Leben
-nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod
-auf das Auswandern setzen -- die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!«
-
--- Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.
-
--- »Euch wundert meine Weisheit?« sprach er und sah mich selbst Gerührten
-und schwer Betroffenen an. »Wundert Euch nicht -- das war der Extract aus
-35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen _Fackeldistel_; des
-meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken,
-welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben,
-wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das _Herunterklettern_
-geschieht dann _umsonst_; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der
-Zunge!« --
-
-Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an
-einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die
-Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern
-derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
-freundlich begrüßten.
-
-So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen
-bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht
-weiter; Okki war unwohl; d'Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich
-hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem
-Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal
-nicht vergeblich geworden.
-
-Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den
-Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja
-nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem
-Lande _verwandelt_ -- die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist
-nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
-
- * * * * *
-
-Von Glangory in Obercanada, so wußt' ich aus der Sage, hatte der Wald bis
-an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen
-die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien -- ach, und die
-Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum
-hinsehen, und mein Aug' schweifte verlegen und irr' in ihrer Umgebung,
-feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
-Strome umher -- bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten
-und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit
-gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der
-Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome _die blauen Berge_ brennen,
-Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in
-einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den
-Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht' ich am Wasserfall bis
-zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt
-seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
-Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen
-ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah
-ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein
-Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge
-hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht
-mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen
-Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden
-Sonne -- dann rosig -- dann purpurn -- dann violet; und als sie sich
-bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
-
-Ich war durchnäßt, ohn' es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses
-stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein
-Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten
-Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung -- sie hatten mich auch für
-umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
-Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und
-Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.
-
-Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische
-erscheinen -- _sie!_ -- Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken
-genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in
-Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! --
-
-Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um
-mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt
-mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend:
-»Dein Weib kommt doch nach?« --
-
-Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große
-Umwege, lange Aufenthalte gemacht -- und sie war nicht hier.
-
-Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den
-Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war.
-Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer
-in mir litt -- lange Tage und Nächte -- das war ich nicht mehr. Und doch!
-denn -- --
-
-»Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst
-beschwerliche Reise nach Saint-Réal's Wohnung. Sie war nicht mehr. Die
-Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren
-umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von
-Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit
-versengten Pelzen. -- Mein Haus -- es stand! Die Papageien flogen umher.
-Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. -- Da sah
-mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit
-finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf -- ich seufzte,
-ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. -- Ich
-ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen
-ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes
-Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller --
-_da saß Eoo!_ und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein
-Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg --
-ich ergriff ihre Hand -- sie war kalt. Eoo war todt! -- und doch schlug sie
--- wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie
-drückte mir lange die Hand -- dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust
-und war todt.« --
-
-Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der
-ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch
-ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein
-fröhliches, aber gedämpftes Rufen: »Der Vater erwacht! er schlägt die Augen
-auf!« --
-
-Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein
-dämmerte das Wissen: _Alaska_, meine Tochter sei hier! _Sie_ sei gerettet.
-So lag ich wieder still.
-
-Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer _öffentlichen_ Schule
-gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler
-der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem
-Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt »Freeman's Journal« aus
-Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von
-der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die
-Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in
-Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der
-Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien
-Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der
-alten Welt »mittheilt,« war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit
-ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der
-Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie
-und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um
-sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen -- worüber
-er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser
-verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten
-gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur
-Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind -- von der
-Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die
-Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung
-erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie
-das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem
-Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander
-hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. -- --
-
-Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in
-Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen
--- denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten
-sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen
-erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des _Mannes_ jenes Weibes
-gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte --
-ihre fünf _Sünden_ genannt -- und _diese_ fünf Sünden habe das _Weib_ den
-fünf Wölfen geopfert, nicht die _Mutter_ ihre fünf _Kinder_.
-
-Ich fühlte -- ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf's Bett gelegt, und
-manchmal leckte er mir die Hand. -- Unsere Ariadne war da! Gott, und mein
-Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu _Eoo:_ Nicht wahr, Mutter, ich bin _dein_
-Kind!
-
-Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
-
-Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung
-auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an
-meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich
-meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand
--- und d'Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
-geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
-
-Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun
-wußt' ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu
-mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem
-Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein -- und
-Okki sprach: »Komm' in den Garten!« Aber d'Issaly sprang auf und wehrte dem
-Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht
-Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die
-beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der
-entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm
-ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh' er erstickt. Eoo war zur
-rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte
-ich mir Alaska's Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen --
-Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D'Issaly hörte von dem
-Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den
-Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
-die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
-kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm
-darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
-
-Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen
-Garten übersehen ließ -- man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht
-widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über
-das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt,
-und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
-rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
-Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das
-herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
-
-Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich
-errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit
-Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? -- hatte sie erblassend gefragt.
-Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen -- und eh' sie gehört,
-war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten
-Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
-ihre Alaska bei sich gewußt -- und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein
-Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch
-schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen
-gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie -- ach, sie noch einmal zu sehen
-in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer
-erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter
-gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also
-die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
-
-Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. -- -- Sie hat den heiligen
-Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach
-einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die
-Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder
-werde genesen. --
-
--- -- »Die Gesänge« habt Ihr selber gehört, setzte d'Issaly hinzu, und wißt
-sie zu deuten!
-
- * * * * *
-
--- Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum
-ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch
-zu den Kalmien ging.
-
-Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn
-an. Und jetzt bemerkt' ich erst -- sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich
-wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel -- ich kniete hin, ich umfaßte die
-kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie
-bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen
-und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete
-die Welt -- Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand
-auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als
-Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah,
-mußt' ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter!
-nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt -- sondern
-wirklich: -- _ihre_ fromme Seele, _ihre_ Liebe steht schauernd da und
-schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend
-wie ein Engel. _Die Liebe lebt!_ Sie ist nicht allein ein Geist! sondern
-sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und
-lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine
-Locken ihr streut, ist nicht die Tochter -- _nicht sie allein_ -- sondern
-heilig verschmolzen: _auch die Mutter!_ ein goldenes Werk mit Asbest
-geschmolzen, mit Silber versetzt -- aber das Silber ist Alaska -- das Gold
-ist Eoo -- das Feuer aus Asbest aber ist _die Liebe!_ --
-
-Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte
-und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo's Lippen, mit ihrem Kusse! _Ihre_
-Arme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und
-das schöne Gebild war mein durch sie -- mir war es die Mutter -- ach, und
-zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! -- _Die Abendröthe_
-nahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt' ich an Eoo
-gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, der
-_Regenbogen_ ein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so sollten _die
-ewigen hellen Gestirne_, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mir
-_Funken des Brandes_ bedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner
-Eoo aufsah -- als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!
-
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
-Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.
-
-Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WALDBRAND ***
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diff --git a/40230-8.zip b/40230-8.zip
deleted file mode 100644
index 85ca2a8..0000000
--- a/40230-8.zip
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Binary files differ
diff --git a/40230-h.zip b/40230-h.zip
deleted file mode 100644
index 2decc94..0000000
--- a/40230-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/40230-h/40230-h.htm b/40230-h/40230-h.htm
index 0355162..e0337fc 100644
--- a/40230-h/40230-h.htm
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@@ -2,7 +2,7 @@
"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
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<title>The Project Gutenberg eBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer</title>
<!-- TITLE="Der Waldbrand" -->
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@@ -124,41 +124,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Waldbrand
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: July 14, 2012 [EBook #40230]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WALDBRAND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***</div>
<h1 style="page-break-before:always">
Leopold Schefer<br />
@@ -177,199 +143,199 @@ Der Waldbrand.
<p class="right">
<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="em">Quebec</span>, am 1. März 1826.
+<span class="em">Quebec</span>, am 1. März 1826.
</p>
<p class="address">Sehr geliebter Bruder!
</p>
-<p class="noindent">Bruder! &mdash; so nenn&rsquo; ich Dich noch &mdash; nach fünfzehn Jahren
+<p class="noindent">Bruder! &mdash; so nenn&rsquo; ich Dich noch &mdash; nach fünfzehn Jahren
Trennung &mdash; und nenn&rsquo; ich Dich <span class="em">hier</span>, in tausend Meilen Entfernung.
-Ich dachte wohl sonst in meiner Einsamkeit, nun müß&rsquo;
+Ich dachte wohl sonst in meiner Einsamkeit, nun müß&rsquo;
ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir wie mit einem Nahen,
-Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich tragen,
+Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich tragen,
und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig
-und rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir
+und rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir
frisch erhalten und aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als
-Zwiebel von deinem Fenster mit mir herüber nahm und durch
-mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so fortgesetzt.
+Zwiebel von deinem Fenster mit mir herüber nahm und durch
+mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so fortgesetzt.
&mdash; Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf
welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur.
Und so umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger
-zwar, doch nur wie Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen:
-sie wohnen und wandeln mit uns und genießen wie wir das heilige
+zwar, doch nur wie Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen:
+sie wohnen und wandeln mit uns und genießen wie wir das heilige
Leben und sehen den Mond und die Sonne; und darum sind
-uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre
+uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre
<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich
-lieb, hold, freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller
-Verband der Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne!
+lieb, hold, freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller
+Verband der Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne!
Aber wie wir Menschen sind, lebt uns doch der Entfernte nicht,
-sein Leben schließt sich uns mit der Stunde zu, sein Herz, sein
+sein Leben schließt sich uns mit der Stunde zu, sein Herz, sein
Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns verschlossen, seitdem
wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine strebende
-leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes Schattengebild,
-seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende
-heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter
-Dir &mdash; hin! hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur
+leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes Schattengebild,
+seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende
+heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter
+Dir &mdash; hin! hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur
<span class="em">einbilden</span> kann ich mir noch, wie Du wohl lebst &mdash; was Du
am Morgen thust &mdash; wie Du die Nacht schlummerst &mdash; wenn es
-so ist &mdash; ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht! Und nur jenes
+so ist &mdash; ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht! Und nur jenes
nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst,
-die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen
+die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen
verloschen &mdash; das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort.
Wie in einem wahreren Reiche des Traumes weck ich Dein &mdash;
Traumbild auf und rede und lebe mit ihm &mdash; im Traum. Denn
-damit der Mensch ganz dem Tag&rsquo; und der Gegenwart gehöre,
-deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie
-dem Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe
-versenkt und gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert
-dort! &mdash; und eine gegenwärtige kleine Lust überbietet alle
-vorigen hohen Freuden! und ein gegenwärtiger Schmerz verdrängt
-alles frühere Leid! Um den <span class="em">heut</span> Begrabenen weinen wir neue
-Thränen und denken <span class="em">des</span> Lieben nur noch wie im Traum, auf
-dessen <span class="em">begrüntem</span> Hügel wir stehen, indeß wir den Frischentrissenen
-bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut,
+damit der Mensch ganz dem Tag&rsquo; und der Gegenwart gehöre,
+deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie
+dem Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe
+versenkt und gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert
+dort! &mdash; und eine gegenwärtige kleine Lust überbietet alle
+vorigen hohen Freuden! und ein gegenwärtiger Schmerz verdrängt
+alles frühere Leid! Um den <span class="em">heut</span> Begrabenen weinen wir neue
+Thränen und denken <span class="em">des</span> Lieben nur noch wie im Traum, auf
+dessen <span class="em">begrüntem</span> Hügel wir stehen, indeß wir den Frischentrissenen
+bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut,
<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange,
-daß wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid,
+ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange,
+daß wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid,
oder Mit-Freude.
</p>
<p>Und so bitt&rsquo; ich Dich heut, zolle mir Dein &mdash; Mit-<span class="em">Leid!</span>
-Du wirst es <span class="em">nach</span>-empfinden können, auch wenn Du Dir nur
+Du wirst es <span class="em">nach</span>-empfinden können, auch wenn Du Dir nur
einbildest: das traurige Geschick habe Den betroffen, den <span class="em">eine</span>
Mutter mit Dir sonst oft zugleich umarmte! Denke, es habe den
Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir nun &mdash; fehlt!
</p>
-<p>Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt
-kurzen Brief geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen,
+<p>Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt
+kurzen Brief geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen,
die andern alle leer! Wie oft hab&rsquo; ich ihn umgewendet, um nicht
-zu glauben, Du seist doch wirklich nicht recht klug! Indeß hielten
-die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer europäischer Zustand
-ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom oder
+zu glauben, Du seist doch wirklich nicht recht klug! Indeß hielten
+die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer europäischer Zustand
+ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom oder
London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, <span class="em">wo</span>
-und <span class="em">woran</span> man ist! Dagegen hast Du von mir denken können,
+und <span class="em">woran</span> man ist! Dagegen hast Du von mir denken können,
wie jene alte nachsichtige Mutter von ihrem Sohne, der in der
Fremde gestorben sein sollte, und die ihn entschuldigte und sagte:
-So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! <span class="em">Das</span> wenigstens hätt&rsquo; er
-mir gewiß geschrieben! &mdash; Ich will jetzt auch so schlecht nicht sein
+So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! <span class="em">Das</span> wenigstens hätt&rsquo; er
+mir gewiß geschrieben! &mdash; Ich will jetzt auch so schlecht nicht sein
und Dir melden &mdash; wie ich <span class="em">nicht</span> umgekommen bin! &mdash; Doch
-wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden
-nicht gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen,
+wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden
+nicht gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen,
und neu im Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in
der Ordnung, und so wird sie sich ableben wie ein altes Weib.
Aber! &mdash; Wo konnte so etwas geschehen als in der jungen Welt?
-Denn hier ist das Land des Neuen und Großen! des Werdenden!
+Denn hier ist das Land des Neuen und Großen! des Werdenden!
Nicht des Gewordenen und des Vergehenden &mdash; wie bei
Euch!
</p>
<p>
<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Doch ich muß nachholen!
+Doch ich muß nachholen!
</p>
-<p>Als nach der, Napoleon&rsquo;s Zauber lösenden, Schlacht bei
-Aspern &mdash; die der, darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche
+<p>Als nach der, Napoleon&rsquo;s Zauber lösenden, Schlacht bei
+Aspern &mdash; die der, darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche
Held Erzherzog Karl gewann &mdash; unser kleines muthathmendes
-Häufchen braunschweiger Husaren gleichsam von der Pfanne
-gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that &mdash; in nasses Pulver, &mdash;
-als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht <span class="em">losging</span> &mdash;
-und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt, durch
-Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe
+Häufchen braunschweiger Husaren gleichsam von der Pfanne
+gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that &mdash; in nasses Pulver, &mdash;
+als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht <span class="em">losging</span> &mdash;
+und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt, durch
+Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe
und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch
-nicht so unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt
+nicht so unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt
zu bekleiden &mdash; und sei&rsquo;s in Canada, als 100 Guineen Pension
-mit Ingrimm zu verzehren, daß ich mit Tausenden <span class="em">umsonst</span> geblutet,
+mit Ingrimm zu verzehren, daß ich mit Tausenden <span class="em">umsonst</span> geblutet,
wie es <span class="em">damals</span> schien! Denn wir hatten das Ausholen
-der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie verhört
+der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie verhört
und schon gesagt: &bdquo;Seine Stunde ist kommen!&ldquo; Was in uns
-entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen
-in der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir&rsquo;s
-auch Alle redlich wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein
+entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen
+in der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir&rsquo;s
+auch Alle redlich wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein
Weilchen den Willen. Ein Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn
sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun Alle ernstlich wollt.
</p>
<p>Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines
-Kirchspiels in Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen <span class="em">verlorene</span>,
-nämlich, als wenn ein Kind des Mikromegas die Kirche,
-die Häuser und Hürden, durch den unermeßlichen Wald hinwandelnd,
-aus seiner geöffneten Schachtel nach und nach hier verloren
-hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes mit
+Kirchspiels in Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen <span class="em">verlorene</span>,
+nämlich, als wenn ein Kind des Mikromegas die Kirche,
+die Häuser und Hürden, durch den unermeßlichen Wald hinwandelnd,
+aus seiner geöffneten Schachtel nach und nach hier verloren
+hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes mit
seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000
Schritt von dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-durch einen Fluß oder Weg &mdash; wie ein armes Mädchen einige
+durch einen Fluß oder Weg &mdash; wie ein armes Mädchen einige
wenige Perlen recht weit auseinander auf einen Faden Seide
reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch den Milizobersten.
Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken!
-So ein Dorf ließe sich kaum durch <span class="em">Luftballons</span> bequem regieren!
+So ein Dorf ließe sich kaum durch <span class="em">Luftballons</span> bequem regieren!
und wenn Sonne, Mond und Kometen etwa dergleichen sind,
-so läßt sich Einiges von der göttlichen Weltregierung entfernter
-Maßen begreifen!
+so läßt sich Einiges von der göttlichen Weltregierung entfernter
+Maßen begreifen!
</p>
-<p>Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen,
+<p>Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen,
das mich empfing, wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge
fehlten, des Morgens, des Mittags und, um nicht <span class="em">mehr</span> zu sagen:
<span class="em">des Abends!</span> Mir fehlte die Gegenwart; mir fehlte die
-Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein
-<span class="em">Weib!</span> wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich
+Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein
+<span class="em">Weib!</span> wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich
sein wollte.
</p>
-<p>Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu
+<p>Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu
begehren, das uns ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen,
-Richtung; denn die Erfüllung dieses Begehrens ist durch die
-Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht auf Männer, auf
+Richtung; denn die Erfüllung dieses Begehrens ist durch die
+Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht auf Männer, auf
Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht ist;
eine Frau soll grade alles Das nur <span class="em">haben</span>, was der Mann <span class="em">nicht</span>
-hat; er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit <span class="em">Ein Mensch</span>
-daraus werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt&rsquo; ich
-gewiß bei uns unter den Engeln in Lüneburg gefunden &mdash; aber
+hat; er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit <span class="em">Ein Mensch</span>
+daraus werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt&rsquo; ich
+gewiß bei uns unter den Engeln in Lüneburg gefunden &mdash; aber
alle die Engel waren nicht hier! Indessen schien es doch gut: wenn
-ein <span class="em">inneres</span> Band uns Gatten knüpfte, so daß wir gleich die
-Ehe beginnen konnten in <span class="em">einem</span> Sinne, mit <span class="em">ähnlichem</span> Streben
+ein <span class="em">inneres</span> Band uns Gatten knüpfte, so daß wir gleich die
+Ehe beginnen konnten in <span class="em">einem</span> Sinne, mit <span class="em">ähnlichem</span> Streben
&mdash; wenn unsere Stimmung uns durch <span class="em">dieselbe Vorzeit</span>,
-die in unserm Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten
+die in unserm Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-hätt&rsquo; ich also ein Weib genommen, das, <span class="em">auch</span> vom Vaterlande
-losgerissen, hierher verschlagen war wie ich! Aber zu ihrem Glück
-gab es keine solche Unglückliche hier.
+hätt&rsquo; ich also ein Weib genommen, das, <span class="em">auch</span> vom Vaterlande
+losgerissen, hierher verschlagen war wie ich! Aber zu ihrem Glück
+gab es keine solche Unglückliche hier.
</p>
<p>Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus
-den Urvölkern dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen
+den Urvölkern dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen
und guten Bestand versprach, wenn sie wie fremde Aepfel
auf dem &mdash; gutgemachten Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde
-seine mütterliche war!
+seine mütterliche war!
</p>
-<p>Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen
-von dem verlöschenden Stamme der <span class="em">Algonkinen</span> gebracht.
-Sie lebte in unserm Hause und hieß <span class="em">Eoo</span>. Ohne eine Sklavin
+<p>Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen
+von dem verlöschenden Stamme der <span class="em">Algonkinen</span> gebracht.
+Sie lebte in unserm Hause und hieß <span class="em">Eoo</span>. Ohne eine Sklavin
zu sein, verrichtete sie fast Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der
Algonkinen, kaum hin und wieder durch einigen Maisbau an die
-Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist von der
-Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um
+Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist von der
+Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um
Nahrung umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder
-an Fremde, um sie nicht zu tödten! Den Vater der Eoo kannt&rsquo;
+an Fremde, um sie nicht zu tödten! Den Vater der Eoo kannt&rsquo;
ich; denn ich selbst war einst Abgeordneter an die freien Indianer
gewesen, und ich hatte ihnen, wegen Erhaltung des Friedens,
wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel, Scheeren,
-Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen Regierung
-schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als
+Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen Regierung
+schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als
wenn sie uns betrogen!
</p>
-<p>Eoo&rsquo;s Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch
+<p>Eoo&rsquo;s Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch
bei der Eheberathung. Von einem Weibe (dacht&rsquo; ich) verlang&rsquo;
ich vor Allem zuerst: <span class="em">Gesundheit!</span> Ist die Frau gesund
&mdash; dann ist sie heiter, willig, stets wohlgelaunt, zu allen Freuden
-und Leiden stark und verheißt dem neuen Zustande <span class="em">Dauer</span>.
+und Leiden stark und verheißt dem neuen Zustande <span class="em">Dauer</span>.
Ohne Gesundheit sind all&rsquo; ihre anderen Gaben &mdash; keine!
</p>
@@ -378,187 +344,187 @@ Ohne Gesundheit sind all&rsquo; ihre anderen Gaben &mdash; keine!
&mdash; Und gesund ist Eoo!
</p>
-<p><span class="em">Zweitens</span> sei das Weib <span class="em">zuverlässig</span> in jeder Art. Denn
-all ihr Gutes wird zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr
-nicht uns gehört. Bei den Liebenden aber ist Sanftmuth und
-Duldung und Zuverlässigkeit.
+<p><span class="em">Zweitens</span> sei das Weib <span class="em">zuverlässig</span> in jeder Art. Denn
+all ihr Gutes wird zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr
+nicht uns gehört. Bei den Liebenden aber ist Sanftmuth und
+Duldung und Zuverlässigkeit.
</p>
<p>&mdash; Und <span class="em">wen</span> Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. &mdash;
</p>
-<p><span class="em">Drittens</span> fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei
+<p><span class="em">Drittens</span> fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei
im Hause zu aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede
-Jungfrau wird erst als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß
-Alle immer haben, weß sie bedürfen, das liebe Kind in der Wiege,
+Jungfrau wird erst als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß
+Alle immer haben, weß sie bedürfen, das liebe Kind in der Wiege,
und selbst der Hund an der Kette!
</p>
<p>&mdash; Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!
</p>
-<p><span class="em">Viertens</span> habe sie <span class="em">kein</span> eigenes Vermögen, als die drei
-ersten Güter. Denn &mdash; war mein Grund:
+<p><span class="em">Viertens</span> habe sie <span class="em">kein</span> eigenes Vermögen, als die drei
+ersten Güter. Denn &mdash; war mein Grund:
</p>
<p>&mdash; Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!
</p>
-<p><span class="em">Fünftens</span> und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön!
-Das soll mich nicht <span class="em">hindern</span>, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen.
-Aber diese Fünf ist schon in der Eins &mdash; der Gesundheit,
-dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das schönste Gesicht
-ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und vielleicht &mdash;
+<p><span class="em">Fünftens</span> und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön!
+Das soll mich nicht <span class="em">hindern</span>, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen.
+Aber diese Fünf ist schon in der Eins &mdash; der Gesundheit,
+dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das schönste Gesicht
+ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und vielleicht &mdash;
Andern nicht!
</p>
-<p>&mdash; Aber Eoo war schön. &mdash;
+<p>&mdash; Aber Eoo war schön. &mdash;
</p>
<p>So erbaut&rsquo; ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes
Weib Eoo!
</p>
-<p>Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand
+<p>Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand
eine gewisse Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn
ich hatte sonst immer gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen,
dem Weibe den Werth, sie sei Etwas! Hier aber fehlte sie, und
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-<span class="em">dennoch</span> war meine Eoo Alles, was ich nur wünschen konnte
+<span class="em">dennoch</span> war meine Eoo Alles, was ich nur wünschen konnte
vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe empfand,
-so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein unermeßlicher
-Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum
-derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten
+so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein unermeßlicher
+Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum
+derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten
Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen
-konnten! So rinnt aus einem unerschöpflichen See nur
-ein kleiner stiller Bach durch die grünenden Wiesen hinab und ernährt
-nur die Blumen da, wo er fließt, indeß seines Sees Fülle,
-wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!
+konnten! So rinnt aus einem unerschöpflichen See nur
+ein kleiner stiller Bach durch die grünenden Wiesen hinab und ernährt
+nur die Blumen da, wo er fließt, indeß seines Sees Fülle,
+wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!
</p>
-<p>O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal
-und betete: daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe,
+<p>O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal
+und betete: daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe,
in keiner Noth!
</p>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
<p class="noindent">Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel
-ein Mädchen, das, nach Eoo&rsquo;s Mutter, <span class="em">Alaska</span> genannt ward.
+ein Mädchen, das, nach Eoo&rsquo;s Mutter, <span class="em">Alaska</span> genannt ward.
Als sie drei Jahre alt war &mdash; &mdash; &mdash;
</p>
<p>Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher
-kommt, bringt unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram
-und Scham über unermeßlichen Mangel an geistigen und leiblichen
-Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht der ganze Reichthum,
-das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig
+kommt, bringt unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram
+und Scham über unermeßlichen Mangel an geistigen und leiblichen
+Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht der ganze Reichthum,
+das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig
vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird &mdash; <span class="em">dereinst!</span>
-wenn Gott auch hier über seine Menschen noch fürder waltet.
-Und Er waltet! Der Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß
-er sein Vaterland dahinten lassen mußte, wenn er es sonst auch
-nicht war. Er wäre nicht geflohen, hätte er Reichthum genug besessen,
-um zu allem Elend &mdash; behüte mich Gott &mdash; zu lachen,
-und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun
+wenn Gott auch hier über seine Menschen noch fürder waltet.
+Und Er waltet! Der Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß
+er sein Vaterland dahinten lassen mußte, wenn er es sonst auch
+nicht war. Er wäre nicht geflohen, hätte er Reichthum genug besessen,
+um zu allem Elend &mdash; behüte mich Gott &mdash; zu lachen,
+und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun
<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
kommt er hierher &mdash; und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende,
-leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben!
+leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben!
Nur dadurch glaubt&rsquo; er erst hier sein Geschlecht gesichert,
-daß aus ihm erstehen soll. Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes
-sein, sondern gleichsam sein neuer Gründer, ein Saatkorn,
+daß aus ihm erstehen soll. Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes
+sein, sondern gleichsam sein neuer Gründer, ein Saatkorn,
das endlich sein wahres Klima gefunden zu endlosem &mdash;
Wucher!
</p>
-<p>Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal,
+<p>Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal,
ein <span class="em">Freund</span> von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein
Kind aus dem Wasser gerettet, das nach schwimmenden Lilien
-sich über das Ufer gedehnt. Er besaß ein herrliches Wohnhaus,
-große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund und um sein
-Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum &mdash;
-um das Wort hier zu mißbrauchen &mdash; der Sache nach. Sein
-Töchterchen aber war später dennoch gestorben! Und in seinem
+sich über das Ufer gedehnt. Er besaß ein herrliches Wohnhaus,
+große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund und um sein
+Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum &mdash;
+um das Wort hier zu mißbrauchen &mdash; der Sache nach. Sein
+Töchterchen aber war später dennoch gestorben! Und in seinem
Schmerz sich zu zerstreuen, besuchte er uns!
</p>
<p>Da lief meine kleine Tochter <span class="em">Alaska</span> dem freundlichen
-Manne entgegen. Er hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank
+Manne entgegen. Er hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank
auf einen Sitz mit ihr hin, er weinte &mdash; sahe das Kind an und
-weinte, das Kind war betreten, es trocknete ihm die Thränen, es
+weinte, das Kind war betreten, es trocknete ihm die Thränen, es
seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme um seinen Hals.
</p>
-<p>Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an,
-als wenn ich unser Mädchen verloren, und hob die schönen Augen
-zum Himmel, ihm dankend, daß wir es glücklich besaßen!
+<p>Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an,
+als wenn ich unser Mädchen verloren, und hob die schönen Augen
+zum Himmel, ihm dankend, daß wir es glücklich besaßen!
</p>
<p>Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und
-bat: &bdquo;das Kind müßt&rsquo; ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.&ldquo;
+bat: &bdquo;das Kind müßt&rsquo; ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.&ldquo;
</p>
<p>Was konnten wir sagen? Das Wort: &bdquo;mein Weib ist schon
-todt!&ldquo; stürzte Eoo in den bittersten Jammer &mdash; um mich! als sei
+todt!&ldquo; stürzte Eoo in den bittersten Jammer &mdash; um mich! als sei
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-<span class="em">sie</span> mir gestorben; und sie trug ihn still auf den Freund über, auf
+<span class="em">sie</span> mir gestorben; und sie trug ihn still auf den Freund über, auf
dessen gramblassem weinenden Angesicht er stand!
</p>
<p>Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen <span class="em">Knaben</span>,
-und die ganze mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie
-der Sonne ganze Kraft durch eine beschränkende Wolkenlücke,
+und die ganze mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie
+der Sonne ganze Kraft durch eine beschränkende Wolkenlücke,
<span class="em">jetzt</span> auf das holde Neugeborene hernieder! Sie sah es nur immer
-an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so ganz, so gar bedürftig,
-sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling allein zu
-brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn gegeben,
+an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so ganz, so gar bedürftig,
+sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling allein zu
+brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn gegeben,
so war ich ihr selbst in diesen Tagen &mdash; nicht Alles, nur
der Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch
das Kind, um des Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska
-war gleichsam mündig gesprochen; wie früher schon von der
-Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das kleine Ding
-war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt, und
-flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden
+war gleichsam mündig gesprochen; wie früher schon von der
+Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das kleine Ding
+war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt, und
+flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden
Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder
-doch den Traum derselben wirklich genoß!
+doch den Traum derselben wirklich genoß!
</p>
-<p>Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause.
-Aber er drang nun in <span class="em">mich um das Kind!</span> Ach, jetzt hätte ich
-sollen über die segenschwere Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen
-Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm das Mädchen nicht
-geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie zuvor! Ich
-überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte es,
+<p>Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause.
+Aber er drang nun in <span class="em">mich um das Kind!</span> Ach, jetzt hätte ich
+sollen über die segenschwere Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen
+Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm das Mädchen nicht
+geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie zuvor! Ich
+überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte es,
zitternd mit schnell bewegtem Haupt &mdash; da schlug ihr Okki die
Augen auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust!
-Sie drückte ihn sanft mit der Linken an, sie umschlang mit der
+Sie drückte ihn sanft mit der Linken an, sie umschlang mit der
Rechten die arme kleine Alaska, die in kleinen Reisekleidern schon
-fertig angezogen sich an sie schmiegte, nicht wußte, was sie that,
+fertig angezogen sich an sie schmiegte, nicht wußte, was sie that,
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte, was ihr geschah,
-als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn schlug,
-vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging
+als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte, was ihr geschah,
+als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn schlug,
+vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging
denn das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf
-ein Augenblickchen! wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde
-gelockt &mdash; nur die <span class="em">Lämmer</span> des neuen Vaters zu sehen!
+ein Augenblickchen! wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde
+gelockt &mdash; nur die <span class="em">Lämmer</span> des neuen Vaters zu sehen!
Und Er eilte so, als raub&rsquo; er sie mir, und als schlafe die Mutter
-und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber durch Opiumrauch
+und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber durch Opiumrauch
von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das
-Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd
+Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd
zusehen, wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird!
So regten wir keine Hand. So eilt&rsquo; er mit unserem Schatze davon!
</p>
-<p>Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht
+<p>Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht
zu widerstehen: Mein Kind als <span class="em">reiche</span> Erbin zu sehen! Sie
<span class="em">wohlerzogen</span> zu sehen! Denn der Freund war brav, gelehrt
und edel. Er wollte durch ein in Quebec niedergelegtes Testament
Alaska zu seiner Erbin einsetzen &mdash; und er war schon bei
-Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich
-hatte die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen &mdash; ich
+Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich
+hatte die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen &mdash; ich
empfand es wie im Schlummer &mdash; ich mocht&rsquo; es nicht denken!
Kurz, der Mensch, selbst der Vater wird durch Begierden &mdash; abscheulich,
widerspricht seinem wahrsten Bestreben selbst und hebt
-sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen &mdash; von Unnatur!
+sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen &mdash; von Unnatur!
</p>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
@@ -567,169 +533,169 @@ sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen &mdash; von Unnatur!
Okki &mdash; unser Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit
seinem Verlust war Eoo&rsquo;s Liebe gebrochen, und die Mutter langte
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem gebliebenen Kinde, das
+von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem gebliebenen Kinde, das
ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden war, und
so bald! so begehrt! &mdash; Und es war fort! Sie war wie kinderlos,
und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der
Tochter verlosch der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur
wenige Monde gekannt und, wie der Seidenwurm um die Knospe,
-nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine Geschöpf gesponnen,
+nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine Geschöpf gesponnen,
wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!
</p>
<p>Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes
-hatt&rsquo; ich gezählt in meiner &mdash; Rechnung. Mein Wort konnt&rsquo;
-ich nicht zurücknehmen! Mein edlerer Trost war, daß doch dort
-drüben ein Vater glücklich sei, glücklich durch unser Kind! Unsere
+hatt&rsquo; ich gezählt in meiner &mdash; Rechnung. Mein Wort konnt&rsquo;
+ich nicht zurücknehmen! Mein edlerer Trost war, daß doch dort
+drüben ein Vater glücklich sei, glücklich durch unser Kind! Unsere
Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen Schutzgeist
-des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel
-um ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie
-wünschte sich nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind
+des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel
+um ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie
+wünschte sich nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind
&mdash; und so lebten wir denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre
-lang! Ich vermied, mein Weib in ein kindervolles Haus zu führen,
+lang! Ich vermied, mein Weib in ein kindervolles Haus zu führen,
und sie schien es <span class="em">mir</span> zu Liebe von selbst zu meiden, denn
-das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja <span class="em">ihr</span>
+das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja <span class="em">ihr</span>
Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und
mit Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska
-zu besuchen! Wir reisten nicht hin. &mdash; Eoo ließ mich nichts entgelten!
-höchstens seufzte sie: &bdquo;wenn unser Okki lebte!&ldquo; Sie ließ
+zu besuchen! Wir reisten nicht hin. &mdash; Eoo ließ mich nichts entgelten!
+höchstens seufzte sie: &bdquo;wenn unser Okki lebte!&ldquo; Sie ließ
sich nichts merken, ja sie bestrebte sich selber, nichts zu empfinden,
-um immer mir heiter ins Auge zu sehen, immer freundlich-begnügt
-zu <span class="em">sein</span>, auch wenn sie allein war. Solche Geschöpfe heißt
-man nun &bdquo;Wilde&ldquo; &mdash; aber das Weib ist überall der Liebe fähig,
-und Liebe bildet es überall.
+um immer mir heiter ins Auge zu sehen, immer freundlich-begnügt
+zu <span class="em">sein</span>, auch wenn sie allein war. Solche Geschöpfe heißt
+man nun &bdquo;Wilde&ldquo; &mdash; aber das Weib ist überall der Liebe fähig,
+und Liebe bildet es überall.
</p>
<p>
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel
+Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel
mit einem neuen Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki
-genannt, als sei er der Erste, Wiedergeschenkte! Mit Thränen
-ward er begrüßt &mdash; zur Freude wuchs er uns auf. Er war zwei
-Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki nicht
+genannt, als sei er der Erste, Wiedergeschenkte! Mit Thränen
+ward er begrüßt &mdash; zur Freude wuchs er uns auf. Er war zwei
+Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki nicht
sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder!
-Nun reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.
+Nun reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.
</p>
<p>Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! &mdash;
-aus Wohlwollen und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann
-ich glauben von Ihr! Sie nahm mir nämlich, erst kurz vor dem
-Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit feuchten Augen und
-bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht zu
+aus Wohlwollen und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann
+ich glauben von Ihr! Sie nahm mir nämlich, erst kurz vor dem
+Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit feuchten Augen und
+bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht zu
erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater!
&mdash; Als Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen;
-es sollte nicht mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus!
-Und würde es bleiben, wenn es uns &mdash; seine wahren Eltern
-erkannt? <span class="em">gern</span> bleiben, wenn allmächtige Erinnerungen der
-Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen vom
-Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem,
+es sollte nicht mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus!
+Und würde es bleiben, wenn es uns &mdash; seine wahren Eltern
+erkannt? <span class="em">gern</span> bleiben, wenn allmächtige Erinnerungen der
+Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen vom
+Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem,
zu diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in
-des Vaters Armen &mdash; umnachteten! und, so schön und lieb sie
-ihr vielleicht, ja gewiß gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten!
+des Vaters Armen &mdash; umnachteten! und, so schön und lieb sie
+ihr vielleicht, ja gewiß gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten!
&mdash; Oder soll man, sollen Eltern selbst ihre Kinder &mdash; ich
-muß schrecklich reden &mdash; nur als Vieh ansehen, als Sklaven aus
-der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen Gefühle
-und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? &mdash; Und wenn Ich
-&mdash; wenn Eoo, die Mutter, des <span class="em">Töchterchens Liebe</span> gesehen
-&mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <a id="corr-1"></a><ins title="Originaltext: zulücklassen">zurücklassen</ins>? &mdash;
+muß schrecklich reden &mdash; nur als Vieh ansehen, als Sklaven aus
+der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen Gefühle
+und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? &mdash; Und wenn Ich
+&mdash; wenn Eoo, die Mutter, des <span class="em">Töchterchens Liebe</span> gesehen
+&mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <a id="corr-1"></a><ins title="Originaltext: zulücklassen">zurücklassen</ins>? &mdash;
</p>
-<p>Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen,
+<p>Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen,
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
das uns, den Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend
betrachtete &mdash; unser <span class="em">Kind</span> sei! Ich glaubte, nur ein Kind von
-drei Jahren an Alter, Größe und Wesen wiederzufinden, und sah
-überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen von dreizehn Jahren,
-fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend. Was
-&mdash; wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte
-ich da verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl,
+drei Jahren an Alter, Größe und Wesen wiederzufinden, und sah
+überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen von dreizehn Jahren,
+fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend. Was
+&mdash; wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte
+ich da verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl,
aber sie sahe nur auf das &mdash; Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte
Athem lang und tief, um sich still zu beschwichtigen. Und sie
verschwieg. &mdash;
</p>
-<p>Und so mußt&rsquo; ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene
+<p>Und so mußt&rsquo; ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene
Tochter mit ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und
-sie umherführte wie irgend ein anderes Weib; oder den kleinen
-Bruder auf dem Schooß wiegte, ohne ihn mehr als &mdash; <span class="em">ein Kind</span>
-zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß geworden war ohne uns.
-Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch aufgehobene zerspielte
+sie umherführte wie irgend ein anderes Weib; oder den kleinen
+Bruder auf dem Schooß wiegte, ohne ihn mehr als &mdash; <span class="em">ein Kind</span>
+zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß geworden war ohne uns.
+Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch aufgehobene zerspielte
Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und sah, wie
-sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter
+sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter
weinte, und schlich so leise wieder fort. &mdash; Ich merkte, wie sie gern
-noch Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was
-sie andere Mütter hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen
+noch Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was
+sie andere Mütter hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen
Verwandlungen durch, bis in Alaska&rsquo;s Jahre, thun. Ja, als
ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete und die Haare ihr
aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder, wand es
-um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es
-ging in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend,
+um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es
+ging in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend,
rasch hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe &mdash; wie
von einer in Wolken verschleierten Sonne &mdash; und schnell emportreibend,
-eine <span class="em">neue</span> Freundschaft auf, knospete, blühte bald und
+eine <span class="em">neue</span> Freundschaft auf, knospete, blühte bald und
<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-betäubte mich durch ihren geheimnißvollen Glanz und Duft! Und
-so gab mir wider Willen mein Weib zu bedenken: daß Liebe <span class="em">bewahren</span>
-nicht Liebe <span class="em">üben</span> sei! Daß Mütter die Kinder nicht
-aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben
-und warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück
-ist, ihr Leben! Daß, wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer
-Fremden in abgelegener Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst
-um das heiligste Mutterglück beraubt, und nur um &mdash; leer, hohl
-und frei zu sein, um Freuden einzutauschen, welche die ärmste,
+betäubte mich durch ihren geheimnißvollen Glanz und Duft! Und
+so gab mir wider Willen mein Weib zu bedenken: daß Liebe <span class="em">bewahren</span>
+nicht Liebe <span class="em">üben</span> sei! Daß Mütter die Kinder nicht
+aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben
+und warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück
+ist, ihr Leben! Daß, wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer
+Fremden in abgelegener Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst
+um das heiligste Mutterglück beraubt, und nur um &mdash; leer, hohl
+und frei zu sein, um Freuden einzutauschen, welche die ärmste,
aber <span class="em">wirkliche</span> Mutter nicht entbehrt und entbehren nicht kann
-noch mag! Und wer <span class="em">die</span> Freuden verschmäht, die ihm als Naturwesen
+noch mag! Und wer <span class="em">die</span> Freuden verschmäht, die ihm als Naturwesen
heilig und selig gegeben sind, was kann der in der ganzen
reichen Welt noch Anderes erlangen, als &mdash; was ihn nicht
-selig macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere,
-Schlechte! Ich mußte empfinden: Wer sein Kind einem Andern
-dahin läßt, als Gott, oder dem eigenen Leben desselben, der ist
-sein eigener Kinderräuber, ein Liebemörder. Denn wenn auch Er
+selig macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere,
+Schlechte! Ich mußte empfinden: Wer sein Kind einem Andern
+dahin läßt, als Gott, oder dem eigenen Leben desselben, der ist
+sein eigener Kinderräuber, ein Liebemörder. Denn wenn auch Er
aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben vermag, darf er dem
Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es lernen,
gewinnen und werden mag in fremdem Hause &mdash; die Liebe erzieht
-allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und
-stärkt für die Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle
-Freuden; sie trägt und erhält schwebend in eigener Fülle und
-Sonnenklarheit über allen Zuständen und Wechseln des Menschen
-auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste Mitgift für
+allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und
+stärkt für die Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle
+Freuden; sie trägt und erhält schwebend in eigener Fülle und
+Sonnenklarheit über allen Zuständen und Wechseln des Menschen
+auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste Mitgift für
sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken
-als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz
-belehren durch Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer
-Stoff ist, himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das
+als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz
+belehren durch Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer
+Stoff ist, himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
kann kein Erzieher, weil Er ja so nicht lieben kann! Er bildet
Talente aus, den Verstand, das Wissen &mdash; nicht so das Herz
-und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur Eltern
-sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein überzuströmen,
-darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und Abendgebet!
+und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur Eltern
+sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein überzuströmen,
+darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und Abendgebet!
Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben
-noch tausendfache Vorzüge <span class="em">für Kinder</span> an sich. Sie werden
+noch tausendfache Vorzüge <span class="em">für Kinder</span> an sich. Sie werden
noch dringender lehren und warnen! Denn sie sind Eltern!
-und was sie selber nun dulden: Schuld und Unglück, das sollen
-einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein und glücklich sein
+und was sie selber nun dulden: Schuld und Unglück, das sollen
+einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein und glücklich sein
und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so weinen
-sie nur &mdash; und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu
+sie nur &mdash; und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu
haben als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz
-gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <a id="corr-2"></a><ins title="Originaltext: sagar">sogar</ins> ohne Vorbild und
-lebendes Beispiel. Und was erhält die Millionen Menschen doch
-alle so ruhig? Was läßt die ärmsten Holzschläger im Walde den
-Reichen nicht tödten, der mit goldenen Steigbügeln zu ihnen reitet
-und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den Essenkehrer
+gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <a id="corr-2"></a><ins title="Originaltext: sagar">sogar</ins> ohne Vorbild und
+lebendes Beispiel. Und was erhält die Millionen Menschen doch
+alle so ruhig? Was läßt die ärmsten Holzschläger im Walde den
+Reichen nicht tödten, der mit goldenen Steigbügeln zu ihnen reitet
+und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den Essenkehrer
ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am Silberschrank?
-den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der
-Hand forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe
+den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der
+Hand forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe
und seinen Kindern zu bringen &mdash; was macht ihn zufrieden, als
die <span class="em">Liebe</span> zu den Seinen, die er als Kind gelernt, die <span class="em">Ehrlichkeit</span>
-gegen sie, die er nun aller Welt angedeihen läßt und alle
+gegen sie, die er nun aller Welt angedeihen läßt und alle
Welt mit denselben Augen ansieht, die auf Weib und Kindern
geweilt, <span class="em">wie die Augen seiner Eltern auf ihm!</span> &mdash; Was
macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren
-Gutes, die Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige
+Gutes, die Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige
Last! Sie beugt den Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe,
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-und erhebt ihn über die Menschen, die sie ihm alle nicht rauben
-können.
+und erhebt ihn über die Menschen, die sie ihm alle nicht rauben
+können.
</p>
<p>&mdash; Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! &mdash;
@@ -737,133 +703,133 @@ können.
<p>Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, <span class="em">schon
ferne von ihr</span>, zu erkennen. &bdquo;Das war Deine Mutter! mein
-Kind!&ldquo; rief sie zurück und hielt die Fingerspitze aufs Herz.
+Kind!&ldquo; rief sie zurück und hielt die Fingerspitze aufs Herz.
</p>
<p>Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der
-Mutter nach! Aber die Füße versagten ihr allen Dienst; sie war
-blaß wie ein Engel, und mit ausgestreckten Armen sank sie nach
-vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in die Blumen.
+Mutter nach! Aber die Füße versagten ihr allen Dienst; sie war
+blaß wie ein Engel, und mit ausgestreckten Armen sank sie nach
+vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in die Blumen.
</p>
<p>Eoo&rsquo;s Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst.
-&mdash; &bdquo;Fort!&ldquo; sprach sie nun hastig, &bdquo;nun fort!&ldquo; und drängte, zu
+&mdash; &bdquo;Fort!&ldquo; sprach sie nun hastig, &bdquo;nun fort!&ldquo; und drängte, zu
fliehen.
</p>
-<p>Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn
-zu halten, ließ ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
+<p>Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn
+zu halten, ließ ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
</p>
-<p>Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend
+<p>Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend
auf ihren Fersen und seufzte: &bdquo;Du bist meine Mutter wohl nicht?&ldquo;
-&mdash; Okki wand seine Händchen um ihren Hals, die Mutter flog
-hinzu &mdash; der Vater zu Mutter und Kind, drückte die Geschwister
+&mdash; Okki wand seine Händchen um ihren Hals, die Mutter flog
+hinzu &mdash; der Vater zu Mutter und Kind, drückte die Geschwister
an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter, von den Kindern
-umfaßt, an die Brust &mdash; und wir blieben noch bis in
+umfaßt, an die Brust &mdash; und wir blieben noch bis in
den Mai!
</p>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
-<p class="noindent">Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um
-unser Haus, die Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt,
+<p class="noindent">Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um
+unser Haus, die Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt,
im Baumgarten. Unsere Bienen trugen bis in die
-Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden Fichten, die wie
-eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker umragten.
-Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches
+Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden Fichten, die wie
+eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker umragten.
+Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn
-ich am Saume des Waldmantels stand und einen Zweig faßte,
+hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn
+ich am Saume des Waldmantels stand und einen Zweig faßte,
so tauchte der letzte Zweig des letzten Baumes am Waldrand
-drüben ins stille Meer! So verschränkte sich Zweig in Zweig,
-und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu thun
-und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne
-über ein dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon
+drüben ins stille Meer! So verschränkte sich Zweig in Zweig,
+und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu thun
+und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne
+über ein dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon
nur Ein Baum! Gerad aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde
-wie eine grüne Flamme! thurmhoch, zweigevoll, vom Wipfel bis
-an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an allen Spitzen wie
-von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger Pallast
-für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie.
-Was für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso
-ist, das war für eine Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken
-rührenden Gipfels. Ich beneidete manchmal das kleine Thier,
-das herabkam! denn so Etwas giebt es für <span class="em">Menschen</span> nicht!
-So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend Schattenhallen!
-Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu
-überschauen und klein zu finden &mdash; das machte mich klein, und
-man sage mir nicht, daß der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen
-kann, daß die Natur nicht andere eigene Geschlechter gebildet,
-denen sie nicht eigene unnachträumbare Freude vorbehalten,
+wie eine grüne Flamme! thurmhoch, zweigevoll, vom Wipfel bis
+an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an allen Spitzen wie
+von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger Pallast
+für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie.
+Was für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso
+ist, das war für eine Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken
+rührenden Gipfels. Ich beneidete manchmal das kleine Thier,
+das herabkam! denn so Etwas giebt es für <span class="em">Menschen</span> nicht!
+So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend Schattenhallen!
+Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu
+überschauen und klein zu finden &mdash; das machte mich klein, und
+man sage mir nicht, daß der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen
+kann, daß die Natur nicht andere eigene Geschlechter gebildet,
+denen sie nicht eigene unnachträumbare Freude vorbehalten,
ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden und
-unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und
-um ihn, im Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen!
+unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und
+um ihn, im Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen!
Ja, wenn ich das ahnte, sah ich die Gestalten des Wolkenzugs
-mit Erstaunen an, ich hörte mit stiller Bewunderung die
+mit Erstaunen an, ich hörte mit stiller Bewunderung die
Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die schimmernde
Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder
<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <a id="corr-3"></a><ins title="Originaltext: Samenkon">Samenkorn</ins>
-des Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub,
+krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <a id="corr-3"></a><ins title="Originaltext: Samenkon">Samenkorn</ins>
+des Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub,
ja die elastische Nadel der Sprusselfichte auf meinem Handteller
-&mdash; und nun erschien mir der <span class="em">unermeßliche Wald</span> erst ein
-göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen Lebens, ein Wunderwerk
+&mdash; und nun erschien mir der <span class="em">unermeßliche Wald</span> erst ein
+göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen Lebens, ein Wunderwerk
der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit! Und
-dieß ahnen, dieß träumen &mdash; war <span class="em">meine &mdash; die menschliche</span>
+dieß ahnen, dieß träumen &mdash; war <span class="em">meine &mdash; die menschliche</span>
Wonne.
</p>
-<p>Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören &mdash;
+<p>Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören &mdash;
vielleicht ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt&rsquo; ich
-denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuersündfluth zu
+denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuersündfluth zu
beherrschen, zu deuten, wenn auch der Geist nicht erliegen, erblinden
sollte, wie Leib und wie Auge!
</p>
<p>Zu Noah kamen <span class="em">Engel</span>, die ihm den Untergang alles Lebendigen,
-um sich zu retten, verkündeten. <span class="em">Wer</span> kam zu uns in
-die Wüste des Waldes? Doch nein, die Boten des Herrn kamen
+um sich zu retten, verkündeten. <span class="em">Wer</span> kam zu uns in
+die Wüste des Waldes? Doch nein, die Boten des Herrn kamen
auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter! &mdash; Wir
Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene,
-Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume
-hatten umsonst geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße
-Wald. Aber zum <span class="em">letzten Male</span>, wie war er schön! <span class="em">Wer</span>
+Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume
+hatten umsonst geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße
+Wald. Aber zum <span class="em">letzten Male</span>, wie war er schön! <span class="em">Wer</span>
wird das hier wiedersehen? &mdash; vielleicht selber die Sonne nicht!
-die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie
+die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie
das Menschengeschlecht! das Auge, das sie <span class="em">vor</span> ihm aufgethan!
Wir konnten das Unheil uns <span class="em">denken!</span> denn die von Gott uns
-gegebene <span class="em">Vernunft</span> ist gewiß und wenigstens, dem mächtigsten
-immer uns gegenwärtigen, mit uns lebenden, schauenden, uns
-leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen, den Seinen!
-Das Getreide war vor der Zeit &mdash; ohne Körner gereift; die
+gegebene <span class="em">Vernunft</span> ist gewiß und wenigstens, dem mächtigsten
+immer uns gegenwärtigen, mit uns lebenden, schauenden, uns
+leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen, den Seinen!
+Das Getreide war vor der Zeit &mdash; ohne Körner gereift; die
<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen
+Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen
nur sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande
zur Mitte gewichen. Die Natur lechzte und schmachtete. Selbst
-der die Nächte, wie Regen, sonst fallende Thau, der bis auf die
-Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie nach dem stärksten
-Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des Morgens
-rauscht &mdash; er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme
-waren heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt,
-die Nadeln bleich und welk, das Laub verfärbt wie im Herbst,
+der die Nächte, wie Regen, sonst fallende Thau, der bis auf die
+Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie nach dem stärksten
+Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des Morgens
+rauscht &mdash; er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme
+waren heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt,
+die Nadeln bleich und welk, das Laub verfärbt wie im Herbst,
fahl und kraftlos, es fiel ohne Herbststurm, ohne Lufthauch!
Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten Harz wie vor
-Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur
-Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein
-Hauch es bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden!
-ein Sturm die Wälder entflammen. Sollten wir ruhig
-sitzen in dem beschränkten Wahne: &bdquo;<span class="em">Uns</span> wird ja kein Unglück
+Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur
+Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein
+Hauch es bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden!
+ein Sturm die Wälder entflammen. Sollten wir ruhig
+sitzen in dem beschränkten Wahne: &bdquo;<span class="em">Uns</span> wird ja kein Unglück
treffen! <span class="em">Wir</span>, wir vor Allen, sind ja Gottes Kinder&ldquo; wie manche
fromme Frau sagt &mdash; (auch meine!) wenn ein Gewitter am Himmel
-wüthet, und &mdash; <span class="em">den Nachbar todtschlägt</span>, der auch so
+wüthet, und &mdash; <span class="em">den Nachbar todtschlägt</span>, der auch so
gesagt, und auch Gottes Kind war. &mdash; Sollten wir unser Leben
dem Wahne vertrauen: kein Hauch werde vom Himmel wehen?
Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines Indianers hing
unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das
-Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch
+Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch
ihn. Aber der Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld
-abhängend, vertraut ihm auch, wo er ihn warnte, so leicht, so
-sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick!
+abhängend, vertraut ihm auch, wo er ihn warnte, so leicht, so
+sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick!
</p>
<p>Er kam.
@@ -873,55 +839,55 @@ sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick!
<p>Eh&rsquo; wir noch Etwas <span class="em">sahen</span>, verbreitete sich in der Nacht
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
ein eigener Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter,
-zuletzt brandig. Die Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten,
-ohne zu wissen worüber, und lachten! Unabsehbare Züge
+zuletzt brandig. Die Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten,
+ohne zu wissen worüber, und lachten! Unabsehbare Züge
der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und auf der Erde
-einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über
+einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über
uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere
-reifenden Felder zurück! &bdquo;Wo ist denn ihr Taubenschlag?&ldquo; fragte
-Okki, der sie zum ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner
-folgten ihnen tiefer; sie waren so müde, daß sie in unsre Gehöfte
+reifenden Felder zurück! &bdquo;Wo ist denn ihr Taubenschlag?&ldquo; fragte
+Okki, der sie zum ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner
+folgten ihnen tiefer; sie waren so müde, daß sie in unsre Gehöfte
fielen, und die Menschen sie fangen konnten; sie duckten
-die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf die Erde
-und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied
-über das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch
-zu sehen, der in der Morgensonne erschreckend glühte. Lange,
-lange weiße Streifen flossen davon wie Ströme in die Thäler.
-Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog das Gewölbe
-des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und
+die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf die Erde
+und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied
+über das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch
+zu sehen, der in der Morgensonne erschreckend glühte. Lange,
+lange weiße Streifen flossen davon wie Ströme in die Thäler.
+Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog das Gewölbe
+des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und
matter hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.
</p>
<p>Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und
-tiefer, bis er wie ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie
+tiefer, bis er wie ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie
eine Flut und jedem nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben
-stockte; ein jeder ging müßig, und nichts mehr wurde gethan als
+stockte; ein jeder ging müßig, und nichts mehr wurde gethan als
noch gekocht.
</p>
-<p>Und <span class="em">Ich</span> war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene
+<p>Und <span class="em">Ich</span> war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene
Dorf anvertraut war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten
mich. Neue Ansiedler konnten sich, wie alle Jahre geschieht,
-Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern leer brennen,
+Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern leer brennen,
und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen
-kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen,
+kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen,
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-an Seen, Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche
+an Seen, Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche
ihn endlich aus. Einer trage des Anderen Last!
</p>
<p>Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor
-uns in der Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern
-Hirsche, wilde Ochsen und Büffel; als die Bären brummten,
-die Wölfe heulten, als selber die schlauen Füchse kamen: da
-mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war nicht zu
-sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem <span class="em">nördlich</span>
+uns in der Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern
+Hirsche, wilde Ochsen und Büffel; als die Bären brummten,
+die Wölfe heulten, als selber die schlauen Füchse kamen: da
+mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war nicht zu
+sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem <span class="em">nördlich</span>
gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze,
-aus dem <span class="em">südlichen</span> wollte gesehen haben: da mußte der
-Waldbrand <span class="em">groß</span> sein! Als aber die Menschen aus dem <span class="em">westlich</span>
+aus dem <span class="em">südlichen</span> wollte gesehen haben: da mußte der
+Waldbrand <span class="em">groß</span> sein! Als aber die Menschen aus dem <span class="em">westlich</span>
gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern noch ferner von ihnen
Wohnenden &mdash; als sie Menschen <span class="em">begegneten</span>, die aus dem
-nächsten <span class="em">östlichen</span> Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe
+nächsten <span class="em">östlichen</span> Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe
der Waldbrand uns schon um<span class="em">ringt</span>.
</p>
@@ -929,125 +895,125 @@ der Waldbrand uns schon um<span class="em">ringt</span>.
</p>
<p>Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche.
-Die Fremden saßen und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden
-abzulegen, oder ihre Bündel aufzumachen. Unsre Weiber und
-Kinder vertheilten indeß still Speise und Trank an die Flüchtigen.
-Niemand dankte; so natürlich war Geben und Empfangen. Andere
-schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und
-knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
+Die Fremden saßen und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden
+abzulegen, oder ihre Bündel aufzumachen. Unsre Weiber und
+Kinder vertheilten indeß still Speise und Trank an die Flüchtigen.
+Niemand dankte; so natürlich war Geben und Empfangen. Andere
+schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und
+knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.
</p>
-<p>In den <span class="em">brennenden</span> Wald können wir nicht! sprach Einer.
-Aber nur ein Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen,
+<p>In den <span class="em">brennenden</span> Wald können wir nicht! sprach Einer.
+Aber nur ein Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen,
wo er <span class="em">nicht</span> brennt! O es giebt einen Ausweg, hundert &mdash;
-gewiß &mdash; aber wir wissen sie nicht und fehlen sie! &mdash;
+gewiß &mdash; aber wir wissen sie nicht und fehlen sie! &mdash;
</p>
<p>Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen
-wir gerade den <span class="em">abgebrannten</span> Wald auf! Die Stämme
+wir gerade den <span class="em">abgebrannten</span> Wald auf! Die Stämme
<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-stehen, wie Ihr wißt, nach dem Waldbrand noch; alle Millionen
+stehen, wie Ihr wißt, nach dem Waldbrand noch; alle Millionen
Schlangen, alle wilden Thiere, alles Ungeziefer der Erde ist
-dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu fürchten,
-denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen
+dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu fürchten,
+denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen
wir den <span class="em">schwarzen Wald!</span>
</p>
-<p>&bdquo;Auf die Savannen!&ldquo; rief eine Stimme. &mdash; &bdquo;Führe uns!&ldquo;
+<p>&bdquo;Auf die Savannen!&ldquo; rief eine Stimme. &mdash; &bdquo;Führe uns!&ldquo;
erscholl&rsquo;s aus der Menge. &bdquo;Wer an den Lorenzostrom gelangte!
-Das wär&rsquo; ein gefüllter Wallgraben der Natur! Das Meer ist zu
-weit! Und selber die Städte sind vor solcher Feuergewalt nicht
+Das wär&rsquo; ein gefüllter Wallgraben der Natur! Das Meer ist zu
+weit! Und selber die Städte sind vor solcher Feuergewalt nicht
sicher. Man hat <span class="em">nicht genug</span> gesengt und gebrannt &mdash; nun thut
es der Himmel!&ldquo;
</p>
<p>Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und
Verstand war blind geworden, Klugheit verschwunden, wie es
-keine Wolken mehr gab. Und so folgte die ängstliche Menge nur
-Eingebungen, ja wahren Täuschungen &mdash; ihrem Glauben. Ein
-Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom
+keine Wolken mehr gab. Und so folgte die ängstliche Menge nur
+Eingebungen, ja wahren Täuschungen &mdash; ihrem Glauben. Ein
+Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom
Winde dort aufgedeckt &mdash; nach Norden hin ziehen. &bdquo;Dort ist es
-feuchter!&ldquo; trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand
+feuchter!&ldquo; trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand
sah ihnen nach. &mdash; Andre beschlossen, der Richtung der
wilden Thiere nachzuziehen. &mdash; &bdquo;Aber die begegnen sich ja!&ldquo; warfen
Einige ein. &bdquo;Das ist albernes Vieh!&ldquo; riefen Andre. So zogen
-sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne &mdash; bloß
-weil er <span class="em">Noah</span> hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles
+sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne &mdash; bloß
+weil er <span class="em">Noah</span> hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles
Vieh in die bergende Arche! &mdash;
</p>
<p><span class="em">Und doch lachte Niemand.</span> Das war wohl entsetzlich!
</p>
-<p>Nun hatt&rsquo; ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für
-die Meinen. Eoo saß zu Hause und weinte um ihre Tochter
+<p>Nun hatt&rsquo; ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für
+die Meinen. Eoo saß zu Hause und weinte um ihre Tochter
Alaska. Aber sie befolgte eilig, was ich rieth: Jagdkleider, wo
-möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch Hüte sollten uns gut
+möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch Hüte sollten uns gut
<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele Lebensmittel
-zu tragen? Fanden wir überall Wasser! &mdash; So war beschlossen,
-die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen.
-Alle Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein
+thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele Lebensmittel
+zu tragen? Fanden wir überall Wasser! &mdash; So war beschlossen,
+die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen.
+Alle Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein
Diener war mehr im Hause zu finden. &bdquo;Ich gehe fort!&ldquo; meldete
-Eine, nur in die Thür tretend. &bdquo;Geh&rsquo; mit Gott,&ldquo; sprachen wir.
-Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und Tauben
+Eine, nur in die Thür tretend. &bdquo;Geh&rsquo; mit Gott,&ldquo; sprachen wir.
+Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und Tauben
den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete Alles
und stellt&rsquo; es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische
-Gäste das Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was
-ihr Pflicht schien, trug sie uns zur letzten Mahlzeit den großen
-gebratenen Truthahn auf, dessen rother Kopf noch glänzte. Der
-kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und hätten gern das Mahl
-noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die Wehmuth:
-den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben
-von meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und
-zu erschöpfen! Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit
-Thränen ein inbrünstiges Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir
+Gäste das Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was
+ihr Pflicht schien, trug sie uns zur letzten Mahlzeit den großen
+gebratenen Truthahn auf, dessen rother Kopf noch glänzte. Der
+kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und hätten gern das Mahl
+noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die Wehmuth:
+den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben
+von meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und
+zu erschöpfen! Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit
+Thränen ein inbrünstiges Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir
um den Hals. &bdquo;Gott geb&rsquo; uns das wieder!&ldquo; fleht&rsquo; ich; &bdquo;wieder
-so zu sitzen wie heut &mdash; nach überstandener Angst!&ldquo; Uns sahe ein
-Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen erhob und
-weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah &mdash; aber, ich hatte
-gefehlt &mdash; <span class="em">mein</span> Gebet erhörte er nicht.
+so zu sitzen wie heut &mdash; nach überstandener Angst!&ldquo; Uns sahe ein
+Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen erhob und
+weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah &mdash; aber, ich hatte
+gefehlt &mdash; <span class="em">mein</span> Gebet erhörte er nicht.
</p>
<p>Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt
-mich fort. Wir fänden den Tod hier so gut wie da draußen!
-Wir nährten hier die verlassen zurückgebliebenen Alten! wir pflegten
+mich fort. Wir fänden den Tod hier so gut wie da draußen!
+Wir nährten hier die verlassen zurückgebliebenen Alten! wir pflegten
die Kranken &mdash; o Gott, sie bleiben! Sie bleiben mit sich und
-mit Gott allein. Doch ich &mdash; ich muß fort!
+mit Gott allein. Doch ich &mdash; ich muß fort!
</p>
-<p>Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern
+<p>Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern
<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-für die Nacht, einem kleinen Bett unter Okki&rsquo;s Kopf, und mit
+für die Nacht, einem kleinen Bett unter Okki&rsquo;s Kopf, und mit
Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit auf Reisen nahm, und mit
-wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein Jäger gekleidet
+wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein Jäger gekleidet
&mdash; und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen;
-denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre
-Augen füllten sich &mdash; ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig.
+denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre
+Augen füllten sich &mdash; ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig.
Wir sahen im Zimmer umher &mdash; vergessen war nichts, als
Alles. Okki freute sich zu reiten, und Eoo konnte dem kleinen
eingeborenen amerikanischen Esel nicht wehren, der Mutter zu
-folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da beide, wo sie
-leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki gesorgt
+folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da beide, wo sie
+leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki gesorgt
war. <span class="em">Laufen</span> konnte uns doch nicht retten!
</p>
<p>Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster,
-hielt die Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um
-nicht geblendet zu sein, und übersahe noch flüchtig das Zimmer,
-den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so glücklich gewesen!
+hielt die Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um
+nicht geblendet zu sein, und übersahe noch flüchtig das Zimmer,
+den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so glücklich gewesen!
In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem Ahorn!
am Kamin der verlassene &mdash; Sorgenstuhl! Dort Eoo&rsquo;s kleines
Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf!
Am Kamin stand Okki&rsquo;s braungemaltes Wiegenpferd und machte
ein schweigendes finstres Gesicht! und im Spiegel sah Jemand,
-mir gegenüber, herein &mdash; der Ich war, und der wunderliche Geist
-sah mich selber an und äffte mich still. O Unerforschlichkeit des
+mir gegenüber, herein &mdash; der Ich war, und der wunderliche Geist
+sah mich selber an und äffte mich still. O Unerforschlichkeit des
Stillebens! des Scheidens! &mdash; Ich schied.
</p>
-<p>Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur
-nach Umständen konnt&rsquo; ich mich richten; sonst hatt&rsquo; ich den Compaß.
+<p>Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur
+nach Umständen konnt&rsquo; ich mich richten; sonst hatt&rsquo; ich den Compaß.
Aber wie Jene dem Allvater <span class="em">Noah</span> gefolgt, so folgten wir
jetzt &mdash; Ariadne, dem Hunde, der glaubte: wir reisen wieder zu
unsrer Alaska!
@@ -1057,26 +1023,26 @@ unsrer Alaska!
<p class="noindent">
<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben
-könnte, der muß es nicht gesehen haben! Denn wer
-es erlebt hat, der konnt&rsquo; es nicht fassen, nicht überschauen, vor
-Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid;
-wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gekämpft.
+Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben
+könnte, der muß es nicht gesehen haben! Denn wer
+es erlebt hat, der konnt&rsquo; es nicht fassen, nicht überschauen, vor
+Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid;
+wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gekämpft.
</p>
<p>So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen
-und Mahle an den Stämmen sich auch verloren; als der
+und Mahle an den Stämmen sich auch verloren; als der
Bach eine Wendung machte, war der Hund unser Wegweiser auf
-der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es
+der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es
war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne
-hörten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden,
+hörten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden,
die sich anriefen, um sich nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
</p>
-<p>So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher,
-hing Tücher über Zweige, und unsere Hütte war fertig.
-Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten
-&mdash; und glaubten zu träumen, so verworren war unser Bewußtsein.
+<p>So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher,
+hing Tücher über Zweige, und unsere Hütte war fertig.
+Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten
+&mdash; und glaubten zu träumen, so verworren war unser Bewußtsein.
Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf,
denn durch den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz,
wie wenn man im Flusse unter dem Wasser die Augen aufthut,
@@ -1085,100 +1051,100 @@ es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde Stille.
</p>
<p>Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und
-Buchenwald, der <span class="em">aus</span>gebrannt war. <span class="em">Ab</span>gebrannt ließ sich
-nicht sagen; denn die Bäume standen noch, aber die Stämme
+Buchenwald, der <span class="em">aus</span>gebrannt war. <span class="em">Ab</span>gebrannt ließ sich
+nicht sagen; denn die Bäume standen noch, aber die Stämme
schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein Trauergefolge aus Millionen
-Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden; Kräuter,
-Gerank und Gesträuch; der Wald war <span class="em">eine</span> schwarzgraue
-Wüste. Nur die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch
+Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden; Kräuter,
+Gerank und Gesträuch; der Wald war <span class="em">eine</span> schwarzgraue
+Wüste. Nur die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
auf, wenn der Wind daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es
-tausendfältig. Auch das Laub der Kronen war verbrannt; manches
-geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt und dahin;
-und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem
-Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont,
-zu andrer Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse
-hatten auf diese verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber
-sie saßen still, als wir nahten &mdash; sie waren todt, von der Hitze
+tausendfältig. Auch das Laub der Kronen war verbrannt; manches
+geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt und dahin;
+und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem
+Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont,
+zu andrer Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse
+hatten auf diese verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber
+sie saßen still, als wir nahten &mdash; sie waren todt, von der Hitze
darunter erstickt. Sie hatten die Augen zu &mdash; sie schliefen! Ja
-von dem äußersten Ast einer der Buchen hing, mit der Klapper
+von dem äußersten Ast einer der Buchen hing, mit der Klapper
angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine Klapperschlange
herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde,
-und sie glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir
-ein auf dem weißen Gesicht liegendes Opossum, das sich <span class="em">todt
-gestellt</span>, in der tödlichen Gefahr; aber die Glut war an dem,
-seinem rettenden Triebe getreuen, Thier nicht vorüber gezogen,
-ohn&rsquo; es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner Jungen hatte
-Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der Anblick
+und sie glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir
+ein auf dem weißen Gesicht liegendes Opossum, das sich <span class="em">todt
+gestellt</span>, in der tödlichen Gefahr; aber die Glut war an dem,
+seinem rettenden Triebe getreuen, Thier nicht vorüber gezogen,
+ohn&rsquo; es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner Jungen hatte
+Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der Anblick
der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo.
Sie stand; sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war.
Hierzu kamen die Fragen des Kindes, dem wir von allem Auskunft
geben sollten, oder das uns bat, nach Hause zu kehren, es
-habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn die Mutter
+habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn die Mutter
vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den
Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still
-mir mit ihrer Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang
-der kleine Esel mit seinem großen Kopfe tölpisch hinter uns drein.
-Ich gönnt&rsquo; ihm sein Glück.
+mir mit ihrer Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang
+der kleine Esel mit seinem großen Kopfe tölpisch hinter uns drein.
+Ich gönnt&rsquo; ihm sein Glück.
</p>
<p>Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-heiß, und uns war, als zögen wir unter scheitelrechter Sonne.
+heiß, und uns war, als zögen wir unter scheitelrechter Sonne.
Die Richtung des Windes hatte uns gestern gerettet! Ach, die
-Menschen wünschen sich so unbedenkend &bdquo;guten Morgen!&ldquo; &mdash; &bdquo;guten
-Tag.&ldquo; Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung an
+Menschen wünschen sich so unbedenkend &bdquo;guten Morgen!&ldquo; &mdash; &bdquo;guten
+Tag.&ldquo; Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung an
die Natur, die all&rsquo; unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung
-von dem Wetter, was sein <span class="em">könnte!</span> von den Stürmen der
-Natur, die in ihren uranfänglichen Tagen brausten &mdash; die <span class="em">heut</span>
-noch herein brausen können über die Welt! Und so sagen die
-Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes Wetter! und
+von dem Wetter, was sein <span class="em">könnte!</span> von den Stürmen der
+Natur, die in ihren uranfänglichen Tagen brausten &mdash; die <span class="em">heut</span>
+noch herein brausen können über die Welt! Und so sagen die
+Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes Wetter! und
freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie leuchtet
-wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom
-Wetter leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen
-Geschäfte; ein Sonnentag versetzt&rsquo; uns so recht ins menschliche
-Dasein; ein blauer Himmel macht uns heiter; am trüben Tage
+wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom
+Wetter leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen
+Geschäfte; ein Sonnentag versetzt&rsquo; uns so recht ins menschliche
+Dasein; ein blauer Himmel macht uns heiter; am trüben Tage
stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und arm; ein
Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal
-anderes Wetter. &mdash; Uns stürmt&rsquo; es zur Rettung vor uns dahin,
+anderes Wetter. &mdash; Uns stürmt&rsquo; es zur Rettung vor uns dahin,
und wir wandelten wie auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig,
-aber froh des eigenen Lebens! Wir ruhten, schon im Abenddämmern,
+aber froh des eigenen Lebens! Wir ruhten, schon im Abenddämmern,
auf dem hohen Felsenufer eines dampfenden, wahrscheinlich
-jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche führten
-fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten
-hatte die Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren
+jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche führten
+fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten
+hatte die Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren
sehr eingetrocknet, ihr Wasser hatte sich bis tief in den Grund erhitzt.
-Die Fische hatten nicht entfliehen können, aber .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wir
-hörten jetzt von Ferne es brüllen, wie dumpf eine Heerde Büffel
-brüllt; nur klang es ängstlicher, und ängstlicher vom Echo wiederholt.
-Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich hatte das Feuergewehr
-auf dem Knie. Indeß fürchtet&rsquo; ich nicht so sehr, denn vor
+Die Fische hatten nicht entfliehen können, aber .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wir
+hörten jetzt von Ferne es brüllen, wie dumpf eine Heerde Büffel
+brüllt; nur klang es ängstlicher, und ängstlicher vom Echo wiederholt.
+Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich hatte das Feuergewehr
+auf dem Knie. Indeß fürchtet&rsquo; ich nicht so sehr, denn vor
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen
-wir es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem
-Sprunge, dann ruhte, dann brüllte, dann sprang es wieder!
+wir es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem
+Sprunge, dann ruhte, dann brüllte, dann sprang es wieder!
Und so eine Reihe entlang, wie Gespenster, die sich kauernd und
-springend nahte. &mdash; <a id="corr-4"></a><ins title="Originaltext: Ochsenfrösche!">&bdquo;Ochsenfrösche!&ldquo;</ins><a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>*</sup></a> sagte mein Weib mit Lächeln
-erst, dann mit Thränen im Auge; <a id="corr-5"></a><ins title="Originaltext: sie">&bdquo;sie</ins> suchen frisches Wasser!&ldquo;
+springend nahte. &mdash; <a id="corr-4"></a><ins title="Originaltext: Ochsenfrösche!">&bdquo;Ochsenfrösche!&ldquo;</ins><a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>*</sup></a> sagte mein Weib mit Lächeln
+erst, dann mit Thränen im Auge; <a id="corr-5"></a><ins title="Originaltext: sie">&bdquo;sie</ins> suchen frisches Wasser!&ldquo;
&mdash; Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes Anrufen
-&bdquo;ho! &mdash; ho!&ldquo; das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur
-einen Bogen &mdash; und nicht weit von uns sprang die grünliche
-Schar desto schneller vom Fels in den See, und das Brüllen
+&bdquo;ho! &mdash; ho!&ldquo; das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur
+einen Bogen &mdash; und nicht weit von uns sprang die grünliche
+Schar desto schneller vom Fels in den See, und das Brüllen
verstummte &mdash; aber sie schwammen nach und nach aufgetaucht,
-alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht, auf der Fläche
-umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht &mdash;
+alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht, auf der Fläche
+umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht &mdash;
sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: &mdash;
-bräunliche Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben,
-auf den Felsen umher und schienen auf die Fläche des Sees zu
+bräunliche Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben,
+auf den Felsen umher und schienen auf die Fläche des Sees zu
starren, die von zahllosen Fischen bedeckt war, die auf der Seite
-lagen und schimmerten. Große gelbliche Wasserratten krochen darauf
+lagen und schimmerten. Große gelbliche Wasserratten krochen darauf
umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit halbem
-Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im
-Falle geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich
-an einer freien Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer
-versuchten das Wasser und schrieen kläglich über die Verwandlung
+Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im
+Falle geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich
+an einer freien Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer
+versuchten das Wasser und schrieen kläglich über die Verwandlung
ihres Elements und schwirrten weiter hinauf im Dampfe
-dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu erreichen.
+dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu erreichen.
Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene
Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater,
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
@@ -1191,25 +1157,25 @@ weit &mdash; zu sehen, wo unsere Tochter lebte. Lebte? &mdash;
<p>Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise
als Gasthaus benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub
-und Tücher, wies den müden Hund bei ihm an, zu wachen, der
-sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und Sohn, mit Klingeln
-um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum
-dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.
+und Tücher, wies den müden Hund bei ihm an, zu wachen, der
+sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und Sohn, mit Klingeln
+um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum
+dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.
</p>
<p>Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug!
-Heftiger Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont
-hatte er eine Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz
+Heftiger Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont
+hatte er eine Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz
wie die Nacht! Ein breiter Strich des Himmels war offen. Aus
-der schweren Decke, die über unsrer Heimath lag, fuhren Blitze
-wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die Wälder darunter
+der schweren Decke, die über unsrer Heimath lag, fuhren Blitze
+wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die Wälder darunter
brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht
-nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so
-schlug hier eine feurige blendende Flammengischt, breit von Süd
+nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so
+schlug hier eine feurige blendende Flammengischt, breit von Süd
bis West, aus dem ganzen Lande in den Aether hinauf und stand,
-in der Ferne schweigend und unbewegt, wie ein göttlicher Nordschein.
-Aber über den näheren Wäldern bewegte der Sturm die
-wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie
+in der Ferne schweigend und unbewegt, wie ein göttlicher Nordschein.
+Aber über den näheren Wäldern bewegte der Sturm die
+wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie
Wogen des Meeres.
</p>
@@ -1218,14 +1184,14 @@ Das Fernrohr that keine Dienste, durch dazwischen schwebenden
Dampf und Qualm vernebelt.
</p>
-<p>Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres
+<p>Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres
alten Freundes wie in der untergehenden Sonne. Deutlich
brannte <span class="em">dahinter</span> der Wald; der Weg von uns bis dahin
schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende oder dampfende
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich!
+Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich!
Wie der Wind sich richtete, vereinigt&rsquo; er sie &mdash; vielleicht &mdash; und
-überzog ihn dann ganz mit Feuer und Purpur.
+überzog ihn dann ganz mit Feuer und Purpur.
</p>
<p>&bdquo;Sollt&rsquo; ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen,
@@ -1249,11 +1215,11 @@ die unsern uns flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.&ldquo; &mdash;
um! &mdash;
</p>
-<p>&bdquo;Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er
+<p>&bdquo;Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er
hier lebt und gerettet?&ldquo;
</p>
-<p>O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten,
+<p>O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten,
nicht eilen, nicht wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht
frei! Ich soll mir die Tochterliebe verdienen &mdash; nicht schmachvoll
sie tragen!
@@ -1262,39 +1228,39 @@ sie tragen!
<p>&bdquo;So wollen wir umkommen? und Okki?&ldquo; frug ich Eoo.
</p>
-<p>Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in
-den Wurzeln verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal
+<p>Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in
+den Wurzeln verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal
zu zwanzig, zu hunderten um. Sie krachten am Boden, sich
wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf. Es leuchtete
wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten
der Berge erst los! &mdash; Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm
-und Funkensprühen &mdash; und neuer Nachdonner umher bis hinaus.
+und Funkensprühen &mdash; und neuer Nachdonner umher bis hinaus.
&mdash; Furchtbare Schlacht der Natur mit sich selbst. &mdash;
</p>
-<p>Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein
-unaussprechliches Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches
+<p>Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein
+unaussprechliches Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
Lieben sprach aus ihr in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder
-über ihre Augensterne, und so stand das schöne sehnsüchtige
-Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie schien
+über ihre Augensterne, und so stand das schöne sehnsüchtige
+Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie schien
mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: &bdquo;ob sie ihr rufe?&ldquo; Sie
hielt die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen
-anzudeuten, als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht
-das Flüstern der eigenen Angst um sie.
+anzudeuten, als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht
+das Flüstern der eigenen Angst um sie.
</p>
-<p>Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen,
+<p>Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen,
war es, als habe sie ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden,
so freudig erschreckt von seinem Anblick, kniete sie
-zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn reden und drückte
+zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn reden und drückte
ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre Umarmung.
Das verstand ich nicht!
</p>
<p>Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange,
-drückte sie mir noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser.
-Ich fühlt&rsquo; es noch, schlafend.
+drückte sie mir noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser.
+Ich fühlt&rsquo; es noch, schlafend.
</p>
<p>&mdash; Am Morgen war sie verschwunden.
@@ -1302,356 +1268,356 @@ Ich fühlt&rsquo; es noch, schlafend.
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
-<p class="noindent">Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen &mdash; ich betete &mdash;
+<p class="noindent">Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen &mdash; ich betete &mdash;
aber die Lippen bebten mir nur. Okki war da &mdash; er freute mich
kaum! Ich holte kaum Athem! Vor meiner Phantasie war ein
Abgrund aufgethan. Mir war klar &mdash; das Mutterherz hatte Eoo
nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem Traume mir
immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! &mdash;
-bald erlag sie! &mdash; bald weinte sie nach mir zurück! &mdash; bald stürzte
+bald erlag sie! &mdash; bald weinte sie nach mir zurück! &mdash; bald stürzte
sie froh in die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde,
denn <span class="em">das Kind in Noth, ja in ungekannter Noth, ist
das einzige Kind, das liebste Kind dem Mutterherzen</span>,
-so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende hülfreiche
+so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende hülfreiche
<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe
-sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete
-Natur mit all&rsquo; ihren drohenden Werken und Wirkungen über
+Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe
+sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete
+Natur mit all&rsquo; ihren drohenden Werken und Wirkungen über
die innere Gewalt der Seele des Menschen? &mdash; Nichts! Sie erhebt
-ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie selbst nicht zu achten!
+ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie selbst nicht zu achten!
&mdash; Die Gefahr <span class="em">zog</span> mein Weib zu dem Kinde; ihr Anwachsen
trieb sie &mdash; zur <span class="em">Eil!</span> die Flammen erleuchteten nur &mdash; ihr Kind
in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das
that &mdash; eine Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen,
und oft mit Recht seit Sirach und Euripides mit harten
-Sprüchen beladenen weiblichen Geschlecht ist nur Etwas ehrbar
-&mdash; <span class="em">die Mutter!</span> Nichts <span class="em">darüber!</span> Nichts <span class="em">weiter!</span> &mdash; Aber
-hab&rsquo; ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein, erkannt!
+Sprüchen beladenen weiblichen Geschlecht ist nur Etwas ehrbar
+&mdash; <span class="em">die Mutter!</span> Nichts <span class="em">darüber!</span> Nichts <span class="em">weiter!</span> &mdash; Aber
+hab&rsquo; ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein, erkannt!
hoch, himmlisch hoch gestellt! &mdash; Jeder, der lebt, hatt&rsquo; er nicht
eine Mutter? Will und soll jegliche <span class="em">Jungfrau</span> nicht eine Mutter
werden? Lebt die <span class="em">Matrone</span> von etwas Holderem als den
-Gedanken, wo sie in der Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher
-stammt die Liebe? in allen! wohin führt sie alle? Und so ist
+Gedanken, wo sie in der Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher
+stammt die Liebe? in allen! wohin führt sie alle? Und so ist
alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und kindisches Wesen
gegen Kinderliebe und Kindesliebe!
</p>
<p>Und sie, die durch mich in Eoo&rsquo;s Herzen gestockt &mdash; wie brach
sie nun aus! O was litt&rsquo; ich! Ich war in keinem brennenden
-Walde mehr &mdash; mir brannte die thörichte Schuld im Busen.
+Walde mehr &mdash; mir brannte die thörichte Schuld im Busen.
</p>
-<p>Ich war spät erwacht &mdash; Eoo war schon weit! doch sie war
+<p>Ich war spät erwacht &mdash; Eoo war schon weit! doch sie war
nicht allein, der treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine
Hand voll Lebensmittel. Okki begehrte nach der Mutter. &bdquo;Sie
-holt Deine Schwester,&ldquo; sagt&rsquo; ich ihm lächelnd, ihn herzend und
-küssend &mdash; weinen durft&rsquo; ich ja nicht &mdash; und das machte ihn lächeln
-und in die Hände klopfen!
+holt Deine Schwester,&ldquo; sagt&rsquo; ich ihm lächelnd, ihn herzend und
+küssend &mdash; weinen durft&rsquo; ich ja nicht &mdash; und das machte ihn lächeln
+und in die Hände klopfen!
</p>
<p>
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war
-sie mir nicht durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren?
-Ach, mein Herz zweifelte nicht, nur mein kühler Verstand. Mein
-zweiter Entschluß war, zu warten, bis sie wiederkehre. Aber ich
-<span class="em">mußte</span> einen dritten ergreifen, denn von der rechten Seite herein
+Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war
+sie mir nicht durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren?
+Ach, mein Herz zweifelte nicht, nur mein kühler Verstand. Mein
+zweiter Entschluß war, zu warten, bis sie wiederkehre. Aber ich
+<span class="em">mußte</span> einen dritten ergreifen, denn von der rechten Seite herein
ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir abgeschnitten.
Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der
-Erde im Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen
+Erde im Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen
hinauf leckte, wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen
-und dann doch noch mit seiner Gewalt zu entzünden,
+und dann doch noch mit seiner Gewalt zu entzünden,
wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu berechnen! Ueber ihren
-Weg hinaus blickend, athmet&rsquo; ich tiefe Züge ein, als wollt&rsquo; ich
-den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit
+Weg hinaus blickend, athmet&rsquo; ich tiefe Züge ein, als wollt&rsquo; ich
+den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit
sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der
-Qualm &mdash; weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken
-Natur forderte mich auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten
-&mdash; getrost überlassen.
+Qualm &mdash; weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken
+Natur forderte mich auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten
+&mdash; getrost überlassen.
</p>
-<p>Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die &mdash; natürlich
+<p>Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die &mdash; natürlich
war und schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber
-bannte mich Staunen und Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter
+bannte mich Staunen und Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter
machte. War mein Okki, mein einziges Kind nicht verloren,
wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch werth,
-wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem
+wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem
Berge und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen,
mocht&rsquo; er nun wachen, oder schlummern an meiner Brust umarmt,
-seine Händchen um meinen Hals geschlungen. Ich schien
+seine Händchen um meinen Hals geschlungen. Ich schien
mir kein Mensch mehr &mdash; denn um mich war nicht mehr die gewohnte
Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht.
-Speise und Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte
+Speise und Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
es nur im Sinn, ich empfand mich nur in der Liebe zu diesem
Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig ein Vater, ein
-Mensch ist, wie wenig er leisten kann &mdash; das drückte mich nieder.
-Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag&rsquo; ich: Der gewöhnliche
-alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück
-und Tod schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt;
+Mensch ist, wie wenig er leisten kann &mdash; das drückte mich nieder.
+Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag&rsquo; ich: Der gewöhnliche
+alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück
+und Tod schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt;
die <span class="em">Trennung</span> von unseren Lieben, die es seinem alten
-Gesetz nach gewiß mit sich bringt. Die Eltern sterben, wenn die
-Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher umkehrt, <span class="em">eher</span> als ihre
+Gesetz nach gewiß mit sich bringt. Die Eltern sterben, wenn die
+Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher umkehrt, <span class="em">eher</span> als ihre
Kinder, also <span class="em">von</span> ihren Kindern; &mdash; <span class="em">alle</span> Kinder verlieren die
Eltern, wenn es noch <span class="em">gut</span> geht! und in derselben Stunde verliert
jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, <span class="em">denn auch der
Sterbende kann noch verlieren</span>, nicht der Lebende allein
-&mdash; er sieht sie in ihren eigenen einsamen künftigen Tagen nicht,
-er überläßt sie der weiten, gefahrvollen Welt, jedem Schicksal,
-zuletzt <span class="em">auch</span> dem Tode! Sein liebendes Auge möchte bei allem
-dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht&rsquo; ich jetzt mir in
-diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, <span class="em">daß
-wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!</span> in
-demselben beglückenden Augenblick!
+&mdash; er sieht sie in ihren eigenen einsamen künftigen Tagen nicht,
+er überläßt sie der weiten, gefahrvollen Welt, jedem Schicksal,
+zuletzt <span class="em">auch</span> dem Tode! Sein liebendes Auge möchte bei allem
+dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht&rsquo; ich jetzt mir in
+diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, <span class="em">daß
+wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!</span> in
+demselben beglückenden Augenblick!
</p>
<p>Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt&rsquo; ich hier
harren, bis uns die Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine
-Beere im Walde mehr zu finden war? Und dennoch häuften sich
-in der Nacht die wilden Thiere im verödeten Walde. Ihr Geheul
-verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen, Rehe
-liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler
-sicher. Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch
-für uns! Beim ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn
+Beere im Walde mehr zu finden war? Und dennoch häuften sich
+in der Nacht die wilden Thiere im verödeten Walde. Ihr Geheul
+verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen, Rehe
+liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler
+sicher. Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch
+für uns! Beim ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-auf und richtete mich nach dem Compaß, um den großen Strom,
+auf und richtete mich nach dem Compaß, um den großen Strom,
den Cataragui, bald zu erreichen.
</p>
<p>Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht!
-Kleine Bäche von Theer und Harz, halberstarrt, waren hier;
-Hügel von Asche, vom Winde zusammen gewirbelt. Feuchte,
+Kleine Bäche von Theer und Harz, halberstarrt, waren hier;
+Hügel von Asche, vom Winde zusammen gewirbelt. Feuchte,
quellige Stellen dampften noch. Nur aus Felsenadern ein frischer
Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie niederhangende
Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde
hinziehen &mdash; dann konnt&rsquo; ich weinen. Da verschwand er wieder,
-aber die Thränen blieben stehen im Auge.
+aber die Thränen blieben stehen im Auge.
</p>
<p>Endlich gelangt&rsquo; ich in frischen Wald von Weimuths- und
-Pechkiefern und Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken
+Pechkiefern und Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken
und Schmetterlinge. Es zirpte und schwirrte wunderlich und
-flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte das an; es war unerforschlich,
-geisterhaft und verschwand nicht und hörte nicht auf! Ich zog
+flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte das an; es war unerforschlich,
+geisterhaft und verschwand nicht und hörte nicht auf! Ich zog
wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich &mdash; ich
-möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt &mdash; und wir waren
+möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt &mdash; und wir waren
auf einer baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll
-blühender, aber gewelkter Pflanzen in weiten Waldufern, und
-hin und her nur Gebüschgruppen, die wie kleine Fahrzeuge darauf
-zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen Vertiefung
-sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus
-Gesängen zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch
-der Nacht erreicht&rsquo; ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
+blühender, aber gewelkter Pflanzen in weiten Waldufern, und
+hin und her nur Gebüschgruppen, die wie kleine Fahrzeuge darauf
+zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen Vertiefung
+sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus
+Gesängen zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch
+der Nacht erreicht&rsquo; ich Ermüdeter ihren Rettungsort.
</p>
-<p>Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen
-Dörfern zu finden, und, sonderbar hier, ich sah eine
-weiße Friedensfahne auf einem der ersten Bäume ausgesteckt!
+<p>Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen
+Dörfern zu finden, und, sonderbar hier, ich sah eine
+weiße Friedensfahne auf einem der ersten Bäume ausgesteckt!
Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles schwieg.
</p>
-<p>Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter
+<p>Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-bläst. Mir that es leid um die Ruhe der armen müden
-Menschen. Während meiner verständlichen Verweise raschelte es
-in der Krone des Baumes. Eine Gestalt wie ein Bär kam am
+bläst. Mir that es leid um die Ruhe der armen müden
+Menschen. Während meiner verständlichen Verweise raschelte es
+in der Krone des Baumes. Eine Gestalt wie ein Bär kam am
Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die Decke um
-die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich
-willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der
-Flamme, doch seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir
+die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich
+willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der
+Flamme, doch seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir
Monsieur d&rsquo;Issaly, und, hier in der Fremde, <span class="em">seinen Landsmann!</span>
Auch ich that so.
</p>
<p>&bdquo;Ich beobachte den Wind!&ldquo; sagte der ziemlich bejahrte
-Mann mir erklärend. &bdquo;Denn jene Indianer haben ihre Rechnung
+Mann mir erklärend. &bdquo;Denn jene Indianer haben ihre Rechnung
geschlossen, und schlafen in Frieden, das Haupt vertrauend auf
-die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da den letzten Rest des
+die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da den letzten Rest des
ganzen Volkes der Algonkinen!&ldquo; &mdash;
</p>
-<p>Schauer überlief mich. &mdash;
+<p>Schauer überlief mich. &mdash;
</p>
-<p>&bdquo;Wir mögen ihrer noch gegen 600 <span class="em">Mann</span> sein, <span class="em">Weiber</span>
-und <span class="em">Kinder</span> mit eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges
-Ende so vieler herrlichen Tage, im Schooße der
-Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise &mdash; hinter dem Jäger
-steht der Bettler &mdash; sie mußten auch so vergehen!&ldquo;
+<p>&bdquo;Wir mögen ihrer noch gegen 600 <span class="em">Mann</span> sein, <span class="em">Weiber</span>
+und <span class="em">Kinder</span> mit eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges
+Ende so vieler herrlichen Tage, im Schooße der
+Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise &mdash; hinter dem Jäger
+steht der Bettler &mdash; sie mußten auch so vergehen!&ldquo;
</p>
<p>&mdash; Ich dachte nur an Eoo&rsquo;s Vater, an ihre Schwester! &mdash;
</p>
-<p>Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend:
-&bdquo;Auf jenen armen Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das
+<p>Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend:
+&bdquo;Auf jenen armen Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das
Wissen, Leben und Streben eines ganzen uralten Volkes. Sehr
-besonders! wahrhaftig unerklärbar! So viele Geschlechter von
-ihnen gelebt &mdash; <span class="em">sie</span> sind nur von allen noch übrig. Uebrig, wie
+besonders! wahrhaftig unerklärbar! So viele Geschlechter von
+ihnen gelebt &mdash; <span class="em">sie</span> sind nur von allen noch übrig. Uebrig, wie
abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum
-von den frühern Tausenden <span class="em">seiner Sorte</span>. Und von jenen
+von den frühern Tausenden <span class="em">seiner Sorte</span>. Und von jenen
Menschen allen, die aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen,
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
noch kommen sollen, stehen nur <span class="em">sie</span> erst da! Eltern und Kinder!
Niemand weiter! einsam schauerlich, dem schrecklichsten Elemente,
-nur einem Hauche bloß gestellt!&ldquo;
+nur einem Hauche bloß gestellt!&ldquo;
</p>
<p>Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.
</p>
-<p>Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder
-Blume, jeder Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen,
-so einzig, so wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als
-Träger der Zeit, nur sie selbst &mdash; und so schutzlos, so schutzbedürftig
+<p>Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder
+Blume, jeder Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen,
+so einzig, so wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als
+Träger der Zeit, nur sie selbst &mdash; und so schutzlos, so schutzbedürftig
und doch so kindlich unbesorgt. Und mit Recht.
</p>
<p>&bdquo;<span class="em">O diese Einsamkeit der Geschlechter!</span>&ldquo; seufzt&rsquo; er;
-&bdquo;und jetzt dieß Volk &mdash; Schatten möcht&rsquo; ich es nennen! Ich kann
-Ihnen sagen, es graust mich an. Jean Jaques würde weinen!
-Aber was kommen mir Thränen ins Auge? &mdash; die Natur hat
+&bdquo;und jetzt dieß Volk &mdash; Schatten möcht&rsquo; ich es nennen! Ich kann
+Ihnen sagen, es graust mich an. Jean Jaques würde weinen!
+Aber was kommen mir Thränen ins Auge? &mdash; die Natur hat
mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr
-besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der
-Wilden. Aber Er würde doch weinen!&ldquo;
+besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der
+Wilden. Aber Er würde doch weinen!&ldquo;
</p>
-<p>Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von
-ihnen übrig bleiben, so ist, wie Sie sagen &mdash; die Sorte gerettet!
-Wenn nur Einer dereinst in späten Tagen ein vollständig gebildeter
+<p>Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von
+ihnen übrig bleiben, so ist, wie Sie sagen &mdash; die Sorte gerettet!
+Wenn nur Einer dereinst in späten Tagen ein vollständig gebildeter
Mensch wird, so ist des Stammes Zweck erreicht. Die
Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein Mensch von
-allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel
-erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte
+allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel
+erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte
Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar
-liegt uns Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich
+liegt uns Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich
&mdash; <span class="em">vor</span> uns, und das Himmelreich ist inwendig in uns zu aller
-Zeit. &mdash; Ich mußte vor Schmerz des eigenen Verlustes stöhnen
+Zeit. &mdash; Ich mußte vor Schmerz des eigenen Verlustes stöhnen
und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten Jean Jaques.
</p>
<p>&bdquo;Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!&ldquo; sprach
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-er. Indeß &mdash; wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche
-Berechnung, daß in ganz Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt
-&mdash; daß also nicht schon so viele umgekommen! &bdquo;Wie viel Hirsche
+er. Indeß &mdash; wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche
+Berechnung, daß in ganz Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt
+&mdash; daß also nicht schon so viele umgekommen! &bdquo;Wie viel Hirsche
stehen auf der <a id="corr-7"></a><ins title="Originaltext: Quadratmeile?&ldquo;">Quadratmeile?</ins> das ist die Basis zu dem Exempel,
-wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja nur
-&mdash; Jäger.&ldquo;
+wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja nur
+&mdash; Jäger.&ldquo;
</p>
-<p>Diese Bemerkung hätte mich <span class="em">sonst</span> getröstet. Jetzt schwieg
+<p>Diese Bemerkung hätte mich <span class="em">sonst</span> getröstet. Jetzt schwieg
ich. Die Augen fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er
wankte auch.
</p>
<p>&bdquo;Kann ich Ihnen dienen,&ldquo; sprach er da freundlich, &bdquo;mit Allem,
was wir haben &mdash; und wir haben Alles, was wir immer
-haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen Sie zu dem Wigwam, diesmal
-von Schilf. Ach, das schöne Paris!&ldquo;
+haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen Sie zu dem Wigwam, diesmal
+von Schilf. Ach, das schöne Paris!&ldquo;
</p>
<p>Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel
-und sprach: <a id="corr-8"></a><ins title="Originaltext: Der">&bdquo;Der</ins> Unterwind wäre gut! aber das ist immer
-der, dem der Athem ausgeht. Fällt aber der Oberwind, der Neugeborene,
+und sprach: <a id="corr-8"></a><ins title="Originaltext: Der">&bdquo;Der</ins> Unterwind wäre gut! aber das ist immer
+der, dem der Athem ausgeht. Fällt aber der Oberwind, der Neugeborene,
herab, und das kann morgen geschehen, dann weht er
von dort &mdash; dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war
immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem <span class="em">Leonidas</span>. So wollen
-wir uns nicht schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. &mdash;&ldquo;
+wir uns nicht schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. &mdash;&ldquo;
</p>
<p>Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d&rsquo;Issaly half
-mir, ihm dürftiges Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein
+mir, ihm dürftiges Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein
Kind, und wir traten in den herzbeklemmenden stillen Kreis.
</p>
<p>Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten
-Kessel eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen
-Sees. Der Ort war weislich gewählt, schützte vor Wind und
-Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer anzuzünden. Wir mußten
-an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte brannte, vorüber.
+Kessel eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen
+Sees. Der Ort war weislich gewählt, schützte vor Wind und
+Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer anzuzünden. Wir mußten
+an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte brannte, vorüber.
Ich stand einen Augenblick.
</p>
<p>
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-&bdquo;Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken,
+&bdquo;Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken,
die Hustenden und Halbblinden,&ldquo; sprach d&rsquo;Issaly. &bdquo;Nur die
-Häuptlinge, die Tai&rsquo;s, führten, für die Anderen sehend, lange
-Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an einander anhielten
+Häuptlinge, die Tai&rsquo;s, führten, für die Anderen sehend, lange
+Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an einander anhielten
und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie blinde
-Enten, folgten. Glaubt&rsquo; es oder nicht, unser allergrößter Schmerz
-ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen
+Enten, folgten. Glaubt&rsquo; es oder nicht, unser allergrößter Schmerz
+ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen
der Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen
kaum mehr. Die Todten haben wir heut mit Gesang bestattet.
-Die jungen Leute aber haben heut <span class="em">alle nur möglichen</span> Hochzeiten
-gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!&ldquo;
+Die jungen Leute aber haben heut <span class="em">alle nur möglichen</span> Hochzeiten
+gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!&ldquo;
</p>
<p>Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und
-der Boden mit ihm, wie ein umgestürztes Boot. Das brennende
+der Boden mit ihm, wie ein umgestürztes Boot. Das brennende
Holz und die Kohlen rollten auf beiden Seiten herab und fielen
-uns fast auf die Füße; dann borst die Erdrinde, von einer unsichtbaren
+uns fast auf die Füße; dann borst die Erdrinde, von einer unsichtbaren
Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen und schrieen
-die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft schnappender
+die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft schnappender
Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann brach
-er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor.
+er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor.
Aber er ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden
-Flammen. Das gewaltige Feuer über seinem Rücken
+Flammen. Das gewaltige Feuer über seinem Rücken
hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des Schlammes und Mergels,
worin er sich hier in der Hitze des Sommers vergraben, und der
-getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn hingewölbt.
+getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn hingewölbt.
</p>
-<p>Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen
-einen brennenden Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden
-Rachen, der sich vor Schmerz noch weiter öffnete. Herbeigeeilte
-Männer halfen uns stark und schnell, selbst Knaben griffen
-an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast auf dem
+<p>Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen
+einen brennenden Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden
+Rachen, der sich vor Schmerz noch weiter öffnete. Herbeigeeilte
+Männer halfen uns stark und schnell, selbst Knaben griffen
+an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast auf dem
<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die glühenden
-Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe,
-war er schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die
-große Krokodilgestalt schrumpfte zusammen und hob, wie um
-Erbarmen bittend, die Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum
-Himmel! Die berauschten Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck,
-die berauschten Begräbnißfeirer schlichen wieder fort; nur einige
+Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die glühenden
+Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe,
+war er schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die
+große Krokodilgestalt schrumpfte zusammen und hob, wie um
+Erbarmen bittend, die Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum
+Himmel! Die berauschten Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck,
+die berauschten Begräbnißfeirer schlichen wieder fort; nur einige
Knaben blieben, und die alten Weiber stellten ihre Arzneien wieder
in die Kohlen.
</p>
<p>Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des
-Mädchens, eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar.
+Mädchens, eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar.
Selbst die Mutter hatt&rsquo; er vergessen. Wir gingen vor Hitze
-glühend. Ich bettete ihn in d&rsquo;Issaly&rsquo;s Hütte. Der Kleine fühlte
-nicht Hunger und Durst &mdash; er schlief. Ich aber aß, mehr um dem
-Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für die <span class="em">bevorstehenden</span>
+glühend. Ich bettete ihn in d&rsquo;Issaly&rsquo;s Hütte. Der Kleine fühlte
+nicht Hunger und Durst &mdash; er schlief. Ich aber aß, mehr um dem
+Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für die <span class="em">bevorstehenden</span>
Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte
-von d&rsquo;Issaly&rsquo;s Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann
+von d&rsquo;Issaly&rsquo;s Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann
streckten wir uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand
-zwischen uns, und die Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen
+zwischen uns, und die Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen
Zuge im Dunkeln auf.
</p>
<p>Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher
-und weß Landes ich sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover,
-Lüneburg &mdash; meinen Namen: <span class="em">Hagen</span>. Ach, und diese
-Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem Elend auszusprechen,
-kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd
-und unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom
-göttlichen Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector
+und weß Landes ich sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover,
+Lüneburg &mdash; meinen Namen: <span class="em">Hagen</span>. Ach, und diese
+Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem Elend auszusprechen,
+kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd
+und unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom
+göttlichen Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector
wie vom Himmel dabei herunterrief: &bdquo;Troja ist heut zu Tage
-türkisch!&ldquo; Ich theilte ihm meine Schicksale mit, ich erzählte ihm
+türkisch!&ldquo; Ich theilte ihm meine Schicksale mit, ich erzählte ihm
<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
unsere Flucht, &mdash; meiner Eoo That und Verlust &mdash; vielleicht ihr
-Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <a id="corr-9"></a><ins title="Originaltext: Herz!,">Herz!</ins> Selbst
-das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu weinen,
-ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in
-der Dämmerung verschwinden.
+Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <a id="corr-9"></a><ins title="Originaltext: Herz!,">Herz!</ins> Selbst
+das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu weinen,
+ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in
+der Dämmerung verschwinden.
</p>
-<p>Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes
-Gesicht. Ich war im Traum am Gestade von Tauris, ich hörte
+<p>Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes
+Gesicht. Ich war im Traum am Gestade von Tauris, ich hörte
den Sturm, den Donner, und der Chor der Priesterinnen sang
ihr verzagendes:
</p>
@@ -1659,44 +1625,44 @@ ihr verzagendes:
<div class="poem">
<p class="line">O welche Nacht! Tod droht uns Armen!</p>
<p class="line">Welch banges Grau&rsquo;n, welch Traumgesicht!</p>
-<p class="line">Ihr Götter schenket uns Erbarmen,</p>
-<p class="line">Erhört dieß Fleh&rsquo;n, und zürnet länger nicht!</p>
+<p class="line">Ihr Götter schenket uns Erbarmen,</p>
+<p class="line">Erhört dieß Fleh&rsquo;n, und zürnet länger nicht!</p>
</div>
-<p class="noindent">Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen
-haben, denn mir war, als hörte ich d&rsquo;Issaly einstimmen,
-oder als säng&rsquo; er wunderlich selbst gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
+<p class="noindent">Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen
+haben, denn mir war, als hörte ich d&rsquo;Issaly einstimmen,
+oder als säng&rsquo; er wunderlich selbst gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
</p>
<div class="poem">
-<p class="line">Wann trocknen unsre Thränen ab?</p>
-<p class="line">Drückt Leiden ewig unser Leben?</p>
+<p class="line">Wann trocknen unsre Thränen ab?</p>
+<p class="line">Drückt Leiden ewig unser Leben?</p>
<p class="line">Ach, soll allein das stille Grab</p>
<p class="line">Die lang entfloh&rsquo;ne Ruh&rsquo; uns wiedergeben?</p>
</div>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
-<p class="noindent">Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D&rsquo;Issaly
+<p class="noindent">Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D&rsquo;Issaly
war schon fort. Der Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als
-sei die Erde unter andre Gestirne versetzt. Fünf Sonnen standen
+sei die Erde unter andre Gestirne versetzt. Fünf Sonnen standen
am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht durch Rubinglas.
-Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und
-berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte.
-Woher es stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem
+Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und
+berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte.
+Woher es stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem
<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-ein; Alles war nur, was es im Augenblick schien; heiß oder
-kalt, trüb oder hell, <span class="em">das</span> war, was uns rührte! Die fünf himmlischen
-großen Rubinen schmolzen zuletzt und zerflossen in unbeschreiblich
+ein; Alles war nur, was es im Augenblick schien; heiß oder
+kalt, trüb oder hell, <span class="em">das</span> war, was uns rührte! Die fünf himmlischen
+großen Rubinen schmolzen zuletzt und zerflossen in unbeschreiblich
herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben Stunde schien
der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe
-Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende
+Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende
Bild in dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
</p>
<p>D&rsquo;Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: &bdquo;Es herrscht
-eine Wahrsagung hier unter dem Volke, daß, &bdquo;<span class="em">wann die
-blinde Frau den blinden Hirsch fängt</span>,&ldquo; sein Leben am
+eine Wahrsagung hier unter dem Volke, daß, &bdquo;<span class="em">wann die
+blinde Frau den blinden Hirsch fängt</span>,&ldquo; sein Leben am
Ende sei!&ldquo;
</p>
@@ -1704,77 +1670,77 @@ Ende sei!&ldquo;
</p>
<p>&bdquo;Umgeben vom Waldbrande sind wir;&ldquo; antwortete er. &bdquo;Der
-feurige Kreis ist geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und
-glühen noch hin und her. Das Feuer überspringt sich selbst.
+feurige Kreis ist geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und
+glühen noch hin und her. Das Feuer überspringt sich selbst.
Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er steht dort mitten
in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht angebunden.
Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih
-gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen.
-Viele machen ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen!
+gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen.
+Viele machen ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen!
Einige behaupten, sie sehe <span class="em">noch</span>, oder <span class="em">werde</span> wieder sehen, und
-bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen herzustellen; Andere
+bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen herzustellen; Andere
versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen, damit die
-Alte keinen <span class="em">blinden</span> Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten:
+Alte keinen <span class="em">blinden</span> Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten:
der Hirsch sei doch blind <span class="em">gewesen</span>, wenn er auch wieder sehe.
-Vor Allen brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude
-über das Eintreten des vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als
-Angst über den dadurch angedeuteten Untergang. So sind die
-Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich erprobte Wahrhaftigkeit <span class="em">der
+Vor Allen brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude
+über das Eintreten des vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als
+Angst über den dadurch angedeuteten Untergang. So sind die
+Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich erprobte Wahrhaftigkeit <span class="em">der
<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-alten Thoren</span> giebt ihnen neue Würde, die doch nun am Ende
-wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären
-fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu
+alten Thoren</span> giebt ihnen neue Würde, die doch nun am Ende
+wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären
+fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu
Tode umarmen zu lassen.&ldquo;
</p>
<p>Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war
-wirklich wunderbar, welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem
-zackigen Geweih als ein Gesandter <span class="em">vom großen
-Geist</span> erschien. Wer es auch hätte wagen können, ihn zu tödten,
-der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm Mais
+wirklich wunderbar, welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem
+zackigen Geweih als ein Gesandter <span class="em">vom großen
+Geist</span> erschien. Wer es auch hätte wagen können, ihn zu tödten,
+der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm Mais
aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei
-goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in
-den Augen. Alle waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
+goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in
+den Augen. Alle waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
</p>
-<p>Gerade jetzt trug das Mädchen &mdash; sie hieß <span class="em">Ayana</span> &mdash; meinen
-Okki eilig nach einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da
+<p>Gerade jetzt trug das Mädchen &mdash; sie hieß <span class="em">Ayana</span> &mdash; meinen
+Okki eilig nach einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da
trat ein Algonkine hervor, schnell gab sie ihn <span class="em">dem</span> auf den Arm,
eilte hinein und verbarg sich.
</p>
-<p>Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch:
+<p>Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch:
&bdquo;Du bist doch meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht,
das wissen wir schon, darum ist der Knabe nun mein! Mein
Blut rinnt in seinen Adern. Aber <span class="em">Ayana</span> hat Unrecht gethan,
-ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir abzufordern.
+ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir abzufordern.
Du bist <span class="em">als ein Gast</span> zu uns genaht, selber in Noth,
-darum gehe Du unberührt von hinnen!&ldquo;
+darum gehe Du unberührt von hinnen!&ldquo;
</p>
<p>Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki&rsquo;s Arme, der
schrie. Er stand. Es war Eoo&rsquo;s Vater! Seine schwarzen Augen
-funkelten, die Nüstern seiner schön gebogenen Nase bewegte
+funkelten, die Nüstern seiner schön gebogenen Nase bewegte
Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und mit seiner hohen
-Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir
+Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir
herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche
<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
schwere Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. &mdash; Aber
ein Wort ist den Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der
-Gefühle &mdash; und Okki war mir verloren, wenn ich ihn ließ. Das
-Kind konnt&rsquo; ich nicht fassen, wir hätten es zerrissen; Eoo&rsquo;s Vater
-konnt&rsquo; ich, ihretwillen und meines Dankes wegen, nicht tödtlich,
-nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht&rsquo; ich klar. Aber mich
-befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr
+Gefühle &mdash; und Okki war mir verloren, wenn ich ihn ließ. Das
+Kind konnt&rsquo; ich nicht fassen, wir hätten es zerrissen; Eoo&rsquo;s Vater
+konnt&rsquo; ich, ihretwillen und meines Dankes wegen, nicht tödtlich,
+nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht&rsquo; ich klar. Aber mich
+befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr
die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that.
-Ich faßte den Vater, ich rang mit ihm &mdash; während daß &mdash; ihm
-Ayana den Knaben wegriß. Meine Kraft war furchtbar gespannt,
-und doch wollt&rsquo; ich so eben dem Manne, in Thränen ausbrechend,
+Ich faßte den Vater, ich rang mit ihm &mdash; während daß &mdash; ihm
+Ayana den Knaben wegriß. Meine Kraft war furchtbar gespannt,
+und doch wollt&rsquo; ich so eben dem Manne, in Thränen ausbrechend,
an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu seiner und
-meiner Eoo ihn an mich drücken &mdash; da riß mich d&rsquo;Issaly rücklings
+meiner Eoo ihn an mich drücken &mdash; da riß mich d&rsquo;Issaly rücklings
von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden
-und trug mich mit anderen Männern in seine Hütte. Er selber
-ging von mir weg und ließ sich nicht sehen.
+und trug mich mit anderen Männern in seine Hütte. Er selber
+ging von mir weg und ließ sich nicht sehen.
</p>
<p>Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung
@@ -1787,131 +1753,131 @@ Savanne und zum Himmel.
</p>
<p>Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme.
-Vor ihr den heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch.
+Vor ihr den heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch.
Ich sahe, die Indianer rissen ihren Schmuck aus den Ohren, die
-Tai&rsquo;s warfen ihre rothen und blauen Federhüte von sich und zogen
-die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel unbekleidet erschienen
+Tai&rsquo;s warfen ihre rothen und blauen Federhüte von sich und zogen
+die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel unbekleidet erschienen
sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst bei den
-Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das
-den Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren
+Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das
+den Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren
<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-langsam steigende Töne das Herz zerrissen und, bebend in der
-Tiefe gehalten, das Innerste erschütterten. Das Feuer vertrieb
-sie aus dem Walde, wie die Otter die Vögel aus dem Neste.
+langsam steigende Töne das Herz zerrissen und, bebend in der
+Tiefe gehalten, das Innerste erschütterten. Das Feuer vertrieb
+sie aus dem Walde, wie die Otter die Vögel aus dem Neste.
Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun war an
-<span class="em">ihnen</span> die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr
-folgte. Sie waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. &bdquo;Die
-Bäume machte der große Geist &mdash; nun zerstört&rsquo; er sie wieder.
+<span class="em">ihnen</span> die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr
+folgte. Sie waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. &bdquo;Die
+Bäume machte der große Geist &mdash; nun zerstört&rsquo; er sie wieder.
Das blinde Weib hat den blinden Hirsch gefangen, die Hirsche
-und wir verschwinden aus den Wäldern mit den Wäldern, und
+und wir verschwinden aus den Wäldern mit den Wäldern, und
Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm erspart,
zu sein!&ldquo;
</p>
-<p>Das, wähnt&rsquo; ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
+<p>Das, wähnt&rsquo; ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
</p>
-<p>Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel
-in dieser höchsten Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort
-Grabgesänge, als Nachklänge der Stimmung des vorigen Tages
+<p>Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel
+in dieser höchsten Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort
+Grabgesänge, als Nachklänge der Stimmung des vorigen Tages
und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis in die innerste
-Tiefe aufgeregte Gemüth <span class="em">des Menschen</span> schien noch für die
-Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren
-Lebens &mdash; wie ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages
-gedrängt und schnell wiederholt &mdash; eine kurze Minute in Anspruch
+Tiefe aufgeregte Gemüth <span class="em">des Menschen</span> schien noch für die
+Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren
+Lebens &mdash; wie ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages
+gedrängt und schnell wiederholt &mdash; eine kurze Minute in Anspruch
zu nehmen, ja alle seine Freuden und Leiden noch einmal ganz
-ausschütten zu wollen, zu müssen! Der Tabak, den sie in kleinen
-Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn berauschen.
+ausschütten zu wollen, zu müssen! Der Tabak, den sie in kleinen
+Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn berauschen.
Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die Riesentabakspfeife,
ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so
-entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein
-großer Entschluß!
+entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein
+großer Entschluß!
</p>
-<p>Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
+<p>Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
</p>
<p>So nahe, so nahend hatt&rsquo; ich das Feuer bisher nicht gesehen.
<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
Jetzt knisterte <span class="em">es</span> nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte,
-prasselte tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten,
-stiebten nun erst müde Schnepfen und Kragenfasanen und anderes
-Geflügel auf, wie Phönixe neu aus den Flammen belebt.
-Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder eine
+prasselte tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten,
+stiebten nun erst müde Schnepfen und Kragenfasanen und anderes
+Geflügel auf, wie Phönixe neu aus den Flammen belebt.
+Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder eine
Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases
-und des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme
+und des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme
Aschenwolken, die aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen;
-glühende Kohlen flogen empor, die wuchtenden Flammen
+glühende Kohlen flogen empor, die wuchtenden Flammen
dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu vergleichen. Ihre
-Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.
+Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.
Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war
mir nur noch eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf
der Erde. Ich nahm eine Hand voll Sand auf, betrachtete ihn,
und der Staub war mir unbegreiflich! woher ewig, ewig wozu?
-unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber er war mir
-kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir
+unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber er war mir
+kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir
liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder
nicht mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern
meiner Frau und meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken
wie eine Flamme, so schien auch der Tod nun nicht Tod mehr!
Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so aufgegeben in der
-leuchtenden Wüste der Welt &mdash; war nur ein reines Zuschauen,
+leuchtenden Wüste der Welt &mdash; war nur ein reines Zuschauen,
rein &mdash; wie Eis.
</p>
-<p>Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder
-Wahrsager, die gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem
-Himmel gepriesen, gelangten jetzt auch dafür zu der Ehre, &bdquo;<span class="em">als
-Gesandte zu dem großen Geiste</span>&ldquo; zu wandeln. Sie dankten
-feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den Hals
+<p>Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder
+Wahrsager, die gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem
+Himmel gepriesen, gelangten jetzt auch dafür zu der Ehre, &bdquo;<span class="em">als
+Gesandte zu dem großen Geiste</span>&ldquo; zu wandeln. Sie dankten
+feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den Hals
<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte
-wieder und sprach während alle schwiegen: &bdquo;Bittet nur, daß der
-Hase möge weiß sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das
+tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte
+wieder und sprach während alle schwiegen: &bdquo;Bittet nur, daß der
+Hase möge weiß sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das
schon verstehen; und es ist ihm so leicht wie einen schwarzen Adler
-aus weißem Eie zu machen!&ldquo; &mdash;
+aus weißem Eie zu machen!&ldquo; &mdash;
</p>
-<p>&bdquo;Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen
+<p>&bdquo;Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen
daran so lang, als Er will!&ldquo; rieth ihnen die Menge; &bdquo;Er
-kann es auf einmal so gut, als nach und nach! <span class="em">Dieß Alles</span>
-thun nur <span class="em">die Untergötter</span> &mdash; vielleicht die Manitto&rsquo;s &mdash; die
-bösen; doch <span class="em">Er</span> ist der <span class="em">Herr des Lebens</span>. Zeigt eure angesengten
-Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten!
+kann es auf einmal so gut, als nach und nach! <span class="em">Dieß Alles</span>
+thun nur <span class="em">die Untergötter</span> &mdash; vielleicht die Manitto&rsquo;s &mdash; die
+bösen; doch <span class="em">Er</span> ist der <span class="em">Herr des Lebens</span>. Zeigt eure angesengten
+Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten!
Er wird euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn
-Er euch glaubt. Sagt Ihm: Wir würden <span class="em">Ihm</span> helfen, wenn
-<span class="em">Wir</span> Alle droben <span class="em">große Geister</span> wären, und <span class="em">Er</span> allein hier
-unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das muß
-Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!&ldquo;
+Er euch glaubt. Sagt Ihm: Wir würden <span class="em">Ihm</span> helfen, wenn
+<span class="em">Wir</span> Alle droben <span class="em">große Geister</span> wären, und <span class="em">Er</span> allein hier
+unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das muß
+Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!&ldquo;
</p>
<p>Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie
-wieder; die Lieder erschollen, die Männer tanzten, die sie an den
-Stricken hielten und, auf den Wink eines Häuptlings, die Schlingen
-um die Hälse der Himmelsgesandten zuzuziehen, mit begierigen
+wieder; die Lieder erschollen, die Männer tanzten, die sie an den
+Stricken hielten und, auf den Wink eines Häuptlings, die Schlingen
+um die Hälse der Himmelsgesandten zuzuziehen, mit begierigen
Augen harrten. &mdash;
</p>
-<p>Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl
-&mdash; ich weiß nicht vor Was; ich drückte sie zu &mdash; ich weiß nicht
-vor Wem. Meine Seele hatte sich verloren in den Wüsten des
-Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es flammte in mir wie
+<p>Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl
+&mdash; ich weiß nicht vor Was; ich drückte sie zu &mdash; ich weiß nicht
+vor Wem. Meine Seele hatte sich verloren in den Wüsten des
+Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es flammte in mir wie
ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor erblickte
ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters,
-der Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath.
-Wunderlich tauchten die früheren Erscheinungen vor mir
+der Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath.
+Wunderlich tauchten die früheren Erscheinungen vor mir
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-auf und verschwanden verdrängend und wieder verdrängt. Mir
-fiel ein Mann ein, ein sehr hoher Mann &mdash; und ich mußte sarkastisch
+auf und verschwanden verdrängend und wieder verdrängt. Mir
+fiel ein Mann ein, ein sehr hoher Mann &mdash; und ich mußte sarkastisch
laut auflachen! Ein herzlicher Mensch frug ihn einst, um
ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative zwischen Selbstsucht
-und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein mitleidloses
+und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein mitleidloses
Herz zu geben, er frug ihn: &bdquo;ob er lieber wolle alle Tage seines
Lebens alle guten Braten essen, alle <span class="em">edlen</span> Weine trinken, und
-so fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk
+so fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk
sammt seiner Insel im stillen Ocean versinken und umkommen
solle?&ldquo; Da der sehr hohe Mann vorgab, das Volk nicht zu kennen,
-blieb er bei gutem Braten und edlem Wein &mdash; und ließ das
+blieb er bei gutem Braten und edlem Wein &mdash; und ließ das
Volk verderben.
</p>
@@ -1920,191 +1886,191 @@ Volk verderben.
Rande des Abgrunds &mdash; und wie der <a id="corr-10"></a><ins title="Originaltext: umbarmherzige">unbarmherzige</ins> Mann aus
meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie seine Stimme,
gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: <a id="corr-11"></a><ins title="Originaltext: alle">&bdquo;alle</ins> mein Lebtag Braten
-und Wein&ldquo; &mdash; da faßt&rsquo; ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich
+und Wein&ldquo; &mdash; da faßt&rsquo; ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich
besann mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? &mdash; Sie
-haben keine Phantasie, sie fühlen nur sich, nur den Schein der
-Natur wie die Kinder, sie können ihr Ich nicht in Andre versetzen
+haben keine Phantasie, sie fühlen nur sich, nur den Schein der
+Natur wie die Kinder, sie können ihr Ich nicht in Andre versetzen
&mdash; und Menschen ohne Mitleid sind eben &mdash; Wilde Ueberall!
</p>
-<p>Aber der <span class="em">große Geist</span> empfindet jedes Herz, jede Freude
+<p>Aber der <span class="em">große Geist</span> empfindet jedes Herz, jede Freude
und jedes Leid aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir
schaudert zu sagen, <span class="em">als</span> wir. &mdash;
</p>
-<p>Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon &mdash; sie
-schienen nicht mehr auf der Erde. &mdash; Die Noth stieg am höchsten.
-Eben sollten sie erwürgt &mdash; gesandt werden. &mdash;
+<p>Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon &mdash; sie
+schienen nicht mehr auf der Erde. &mdash; Die Noth stieg am höchsten.
+Eben sollten sie erwürgt &mdash; gesandt werden. &mdash;
</p>
-<p><span class="em">Da ward plötzliche Windstille!</span>
+<p><span class="em">Da ward plötzliche Windstille!</span>
</p>
<p>
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr
-war im Säuseln. Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er
+Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr
+war im Säuseln. Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er
zog empor. Das Feuer strich wahrscheinlich an dem graslosen
-Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es wehte nicht über;
-die Savanne blieb weiter unberührt &mdash; in mildem Glanze stand
+Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es wehte nicht über;
+die Savanne blieb weiter unberührt &mdash; in mildem Glanze stand
nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich.
Die halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng
-erquickt. Die verständliche Aufführung des Sprichwortes: &bdquo;Dieses
-<span class="em">Glas</span> dem großen Geist&ldquo; war jetzt zu sehen; <span class="em">ja das Calumet
+erquickt. Die verständliche Aufführung des Sprichwortes: &bdquo;Dieses
+<span class="em">Glas</span> dem großen Geist&ldquo; war jetzt zu sehen; <span class="em">ja das Calumet
ward ihm zu Ehren geraucht</span>, und der Dampf war das
Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu
-ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig,
+ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig,
haben keinen andern <span class="em">Gottesdienst</span>, zu dessen <span class="em">Ausbildung</span>
-erst beharrende Völker gelangen.
+erst beharrende Völker gelangen.
</p>
<p>Monsieur d&rsquo;Issaly kam und umarmte mich voll Freuden.
-&mdash; &bdquo;Das war eine große Lehre!&ldquo; sprach er; &bdquo;Gott Lob! sie hat
-mich klug gemacht! Auch Sie sind zum Glücke hierher gekommen.
-Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr Heidenbegräbniß
+&mdash; &bdquo;Das war eine große Lehre!&ldquo; sprach er; &bdquo;Gott Lob! sie hat
+mich klug gemacht! Auch Sie sind zum Glücke hierher gekommen.
+Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr Heidenbegräbniß
in eigener Asche!&ldquo;
</p>
-<p>Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
+<p>Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
</p>
-<p>&bdquo;Aber auf wen sind Sie <a id="corr-12"></a><ins title="Originaltext: böse?">böse?&ldquo;</ins> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie
-zürnen? &mdash; Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre
+<p>&bdquo;Aber auf wen sind Sie <a id="corr-12"></a><ins title="Originaltext: böse?">böse?&ldquo;</ins> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie
+zürnen? &mdash; Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre
wohl jetzt ein Augenblick, zu vergeben! Aber mischt&rsquo; ich mich nicht
darein, so sah ich, spielten Andre voll Erbitterung Ihnen leicht
-übler mit als ich &mdash; zum Schein that. Sie haben sich noch nicht
+übler mit als ich &mdash; zum Schein that. Sie haben sich noch nicht
losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht kennen!&ldquo;
</p>
-<p>Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und
-sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <a id="corr-13"></a><ins title="Originaltext: veregebn">vergeben</ins>!
+<p>Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und
+sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <a id="corr-13"></a><ins title="Originaltext: veregebn">vergeben</ins>!
Er erfuhr ja Alles! Er ist der Vater! und ist ein Algonkine!
<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Bei den Söhnen der Natur gelten nur große Tugenden,
-nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern sie
+Bei den Söhnen der Natur gelten nur große Tugenden,
+nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern sie
dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet
&mdash; wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen
Ducaten &mdash; auf dreifaches Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes
-Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber wer es unterläßt,
+Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber wer es unterläßt,
wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein Weib nie
-verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch
-mir, daß ich nur solche <span class="em">Anhänglichkeit</span> noch bewundere! Hier
+verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch
+mir, daß ich nur solche <span class="em">Anhänglichkeit</span> noch bewundere! Hier
ist auch die leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze
-Herz, die volle Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann
+Herz, die volle Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann
in dieser Art nichts Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und
was sie besitzen, daran besitzen sie gleichsam ihre sichtbar gewordene
Seele, sich selbst! ein zweites, liebreicheres Mal. Und darin
-nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die Unsern, &bdquo;die Unsern&ldquo;
-sind, daß es <span class="em">außer ihnen keine</span> mehr für uns giebt &mdash;
-wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend,
+nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die Unsern, &bdquo;die Unsern&ldquo;
+sind, daß es <span class="em">außer ihnen keine</span> mehr für uns giebt &mdash;
+wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend,
todt &mdash; dann sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch?
-&mdash; Dem Wilden: Nichts! Er schlägt sich selbst nicht so hoch an,
-nicht höher als seine Neigung und Liebe, die er in seine Lieben
-versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher achten? Aber
-Ihr &mdash; ach &mdash; <span class="em">Wir</span> halten nichts für einzig, nichts einzig werth
-für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer
-wieder die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß
-und erhaben über uns selbst! &mdash; Und so forderte jetzt der Vater
+&mdash; Dem Wilden: Nichts! Er schlägt sich selbst nicht so hoch an,
+nicht höher als seine Neigung und Liebe, die er in seine Lieben
+versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher achten? Aber
+Ihr &mdash; ach &mdash; <span class="em">Wir</span> halten nichts für einzig, nichts einzig werth
+für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer
+wieder die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß
+und erhaben über uns selbst! &mdash; Und so forderte jetzt der Vater
den Sohn seiner Tochter dem Manne ab, der &mdash;&ldquo;
</p>
-<p>Sie irren, d&rsquo;Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete
-über und über. Ich schwieg, schuldig &mdash; zwar aber anders.
+<p>Sie irren, d&rsquo;Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete
+über und über. Ich schwieg, schuldig &mdash; zwar aber anders.
Ich war mir jetzt klar geworden: Weil ich unsere Tochter mit
<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
entfremdet, liebt&rsquo; ich meinen und meiner Eoo Sohn, Okki, nun
doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die hingegebene
Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe, seit
sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur
-mehr. So war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen.
-Und ich liebte Eoo gewiß, ja gewiß über Alles! &mdash; Leider!
+mehr. So war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen.
+Und ich liebte Eoo gewiß, ja gewiß über Alles! &mdash; Leider!
Aber verstand ich sie auch zu lieben, wie mir es Pflicht gegen
-sie war? Ach, ich mußte auch <span class="em">Das</span> am höchsten halten, <span class="em">was
+sie war? Ach, ich mußte auch <span class="em">Das</span> am höchsten halten, <span class="em">was
sie liebte</span>, mit heiligem Rechte so liebte &mdash; dann erst liebt&rsquo; ich
sie wirklich: ihre Seele, und all&rsquo; ihre Neigung! Das sind keine
-Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller unverstimmten
+Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller unverstimmten
Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber
-der Wilden, wie d&rsquo;Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist
+der Wilden, wie d&rsquo;Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist
der einfachste Mensch. Aber Vorliebe zu Okki &mdash; verschuldete
-Vorliebe hatte mich gebannt. Ihn opfern &mdash; die schöne, geliebte
-Eoo opfern, nur wagen &mdash; ich war es nicht fähig! und sollt&rsquo; es
+Vorliebe hatte mich gebannt. Ihn opfern &mdash; die schöne, geliebte
+Eoo opfern, nur wagen &mdash; ich war es nicht fähig! und sollt&rsquo; es
doch! Und wahrlich <span class="em">ich dachte</span> an mich nicht. Das sahe Eoo
-so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem Berge
-mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:
-Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände
+so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem Berge
+mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:
+Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände
leise des Nachts &mdash; ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und
sie liebte mich noch. &mdash;
</p>
-<p>Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d&rsquo;Issaly, auch
-wenn der Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr
+<p>Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d&rsquo;Issaly, auch
+wenn der Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr
ihn wieder &mdash; &mdash; es ist nur eine Tagereise zum Strom, der Weg
-ist rein, ihr wißt, wie die Indianer schlafen, ihr wißt die Hütte,
+ist rein, ihr wißt, wie die Indianer schlafen, ihr wißt die Hütte,
morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird geopfert, wir essen nicht
-ohne zu trinken, und was! und wie lange! &mdash; Nun wißt Ihr genug.
+ohne zu trinken, und was! und wie lange! &mdash; Nun wißt Ihr genug.
</p>
-<p>Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender
+<p>Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender
<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
Freund streckte sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst,
-redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <a id="corr-14"></a><ins title="Originaltext: sein!">sein!&ldquo;</ins> sprach er über
-sich selbst unwillig; <a id="corr-15"></a><ins title="Originaltext: nicht">&bdquo;nicht</ins> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes!
-Nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt muß ich
+redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <a id="corr-14"></a><ins title="Originaltext: sein!">sein!&ldquo;</ins> sprach er über
+sich selbst unwillig; <a id="corr-15"></a><ins title="Originaltext: nicht">&bdquo;nicht</ins> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes!
+Nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt muß ich
wieder dahinfahren &mdash; das Wort ist auch in Hinsicht des Vaterlandes
&mdash; traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri
hat, oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht
-auswandern zum Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und
-der Eisbär müßte sich auf St. Helena zu Tode schwitzen, und in
-Cayenne &mdash; Pfeffer! die glückseligen, von der Natur <span class="em">gekleideten</span>
-Bewohner der Erde, <span class="em">sie müssen ihr Vaterland bewohnen</span>,
+auswandern zum Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und
+der Eisbär müßte sich auf St. Helena zu Tode schwitzen, und in
+Cayenne &mdash; Pfeffer! die glückseligen, von der Natur <span class="em">gekleideten</span>
+Bewohner der Erde, <span class="em">sie müssen ihr Vaterland bewohnen</span>,
und nur <span class="em">ausgestopft</span> kann man sie in einer andern Zone
sehen, denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo
-&mdash; der Mensch hat das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene
-große Modenpuppe, sich anzuziehen in leichten Nanking, wenn er
+&mdash; der Mensch hat das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene
+große Modenpuppe, sich anzuziehen in leichten Nanking, wenn er
nach Sumatra ziehen will, in Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka
-gefällt. Als Herr des Eisens baut er Hütten, wie sie ihm überall
-recht sind, Sommer- und Winterpalais &mdash; oder näht Pelze! und
-das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall seine
-Stube auf &mdash; Stubenwärme! Und nun denkt der &mdash; Fahrenheit,
+gefällt. Als Herr des Eisens baut er Hütten, wie sie ihm überall
+recht sind, Sommer- und Winterpalais &mdash; oder näht Pelze! und
+das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall seine
+Stube auf &mdash; Stubenwärme! Und nun denkt der &mdash; Fahrenheit,
wo er wohnen <span class="em">kann</span> als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein
-laufender Jude wie ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß
-Du verloren gingst! O Vernunft, daß Du das nicht einsiehst wie
+laufender Jude wie ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß
+Du verloren gingst! O Vernunft, daß Du das nicht einsiehst wie
&mdash; ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie ich! Nur
-kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn
-wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es
+kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn
+wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es
mit auszustehen und ausgestanden <span class="em">zu haben</span>. Ins Vaterland
wiederzukehren, ist Niemand zu alt. Das macht wieder jung!
Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis sie den Mont-Ventoux
<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
gesehen! dann zieht Monsieur d&rsquo;Issaly die Decke sich
-lächelnd über den Kopf &mdash; und schläft wie ein todter Urson!&ldquo;<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>*</sup></a>
+lächelnd über den Kopf &mdash; und schläft wie ein todter Urson!&ldquo;<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>*</sup></a>
</p>
<p>Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann
wirklich und schnarchte wenige Augenblicke darauf.
</p>
-<p>Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht
-und Stille in den Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst
-dem großen Geist, dessen Sterne durch eine Lücke der Wolken mir
-wieder schienen, und schlich mich außerhalb des Kreises &mdash; nach
-meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief vor dem
+<p>Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht
+und Stille in den Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst
+dem großen Geist, dessen Sterne durch eine Lücke der Wolken mir
+wieder schienen, und schlich mich außerhalb des Kreises &mdash; nach
+meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief vor dem
Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm
-entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt&rsquo; ich
-weinen, eh&rsquo; ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt&rsquo; ich
-ihm in das holde Gesicht sehen &mdash; das Herz pochte mir ungestüm
-&mdash; er redete leis und unverständlich im Schlafe. Ayana
-zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst, bald
+entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt&rsquo; ich
+weinen, eh&rsquo; ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt&rsquo; ich
+ihm in das holde Gesicht sehen &mdash; das Herz pochte mir ungestüm
+&mdash; er redete leis und unverständlich im Schlafe. Ayana
+zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst, bald
wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand
meine Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen
-&mdash; ich hob ihn sanft &mdash; ich fühlte die süße Last wieder &mdash;
-ich kniete schon nur auf einem Knie, ich wollte auch dieß erheben
+&mdash; ich hob ihn sanft &mdash; ich fühlte die süße Last wieder &mdash;
+ich kniete schon nur auf einem Knie, ich wollte auch dieß erheben
&mdash; da schlug Ayana die Augen auf; ich stand wie angewurzelt;
sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien mich anzusehen; ich
-hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß die Augenlieder,
+hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß die Augenlieder,
als schlaf&rsquo; ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab
und bettete sich auf der eigenen Brust &mdash; nun holt&rsquo; ich erst Athem,
-nun schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind
+nun schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind
wieder mein!
</p>
@@ -2113,18 +2079,18 @@ wieder mein!
<p>
<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich
-abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die
+Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich
+abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die
Nacht, vom fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht
Steg noch Weg, nur die Richtung nach dem Flusse; und als der
Morgen erschien, verbarg ich mich, weit von der leeren Savanne
schon, wieder im Walde mit meinem geliebten Kinde. &mdash;
</p>
-<p>Sein Erwachen, seine erste Rede &mdash; o Gott, welch&rsquo; Entzücken!
-Ich kosete mit ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank
-ich ermüdet in stärkenden Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so
-glücklich ein Vater sein kann im Umkreis der Erde. Mir war hier
+<p>Sein Erwachen, seine erste Rede &mdash; o Gott, welch&rsquo; Entzücken!
+Ich kosete mit ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank
+ich ermüdet in stärkenden Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so
+glücklich ein Vater sein kann im Umkreis der Erde. Mir war hier
der Himmel &mdash; denn ich sahe im Traume mein Weib und mein
anderes Kind. Sie lebten also &mdash; in mir, und ich lebte mit ihnen
&mdash; in mir.
@@ -2132,70 +2098,70 @@ anderes Kind. Sie lebten also &mdash; in mir, und ich lebte mit ihnen
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
-<p class="noindent">Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D&rsquo;Issaly&rsquo;s
-Wort &bdquo;das war eine große Lehre,&ldquo; trug ich beständig im Sinn.
-Ich war schon krank, und es machte mich kränker und spannte
-die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt&rsquo; es nicht ungern, wie Jemand,
-der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich fühlt. Je näher
-er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder
+<p class="noindent">Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D&rsquo;Issaly&rsquo;s
+Wort &bdquo;das war eine große Lehre,&ldquo; trug ich beständig im Sinn.
+Ich war schon krank, und es machte mich kränker und spannte
+die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt&rsquo; es nicht ungern, wie Jemand,
+der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich fühlt. Je näher
+er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder
ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben
-stört. Denn Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer
-nur den ersten Tag ermüdet, den zweiten und dritten Schmerzen
-leidet und dann sich nach und nach erholt, bis er unermüdlich
-geht wie eine Uhr. So hatt&rsquo; ich mich an den neuen Zustand gewöhnt,
+stört. Denn Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer
+nur den ersten Tag ermüdet, den zweiten und dritten Schmerzen
+leidet und dann sich nach und nach erholt, bis er unermüdlich
+geht wie eine Uhr. So hatt&rsquo; ich mich an den neuen Zustand gewöhnt,
als habe die ganze Welt von meiner Jugend an gebrannt
-und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder.
-Denn hätt&rsquo; ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns,
+und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder.
+Denn hätt&rsquo; ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns,
dann war die Mutter auch bei uns &mdash; und wenn ich das dachte,
<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-erschien mir Eoo vor Augen und sah mir lächelnd und froh ins
+erschien mir Eoo vor Augen und sah mir lächelnd und froh ins
Gesicht, und ich stand, als halte mich ihr Gebild wirklich auf
im Weitergehen! Darum eilt&rsquo; ich, nach <a id="corr-16"></a><ins title="Originaltext: Quebeck">Quebec</ins> zu kommen,
-denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen
+denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen
zu gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles
Verlorene wieder zu ersetzen und anzuschaffen.
</p>
<p>Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe
oder Swamp in der Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen
-wieder umlagert zu sehen! Ich fürchtete wirklich nicht ohne
+wieder umlagert zu sehen! Ich fürchtete wirklich nicht ohne
Grund, denn die Indianer vergeben nie. Mir fiel es aufs Herz:
-in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana, versetzt, daß
+in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana, versetzt, daß
ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das
d&rsquo;Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie
-zur bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf
+zur bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf
Gegenwehr, doch verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender.
&mdash;
</p>
-<p>Der gute d&rsquo;Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber
+<p>Der gute d&rsquo;Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber
er sahe, wie krank ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und
-äußerte mir das. Ich wunderte mich.
+äußerte mir das. Ich wunderte mich.
</p>
<p>Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen
Sachen unter dem Arme hielt. &bdquo;Sie wird nun bei Euch
bleiben und Euch leiten!&ldquo; sprach d&rsquo;Issaly, der mich eine kurze
-Zeit verlassen und mir an der Hand sie herführte. &bdquo;Um des Kindes
+Zeit verlassen und mir an der Hand sie herführte. &bdquo;Um des Kindes
willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen, denn dem
-Vater hat geträumt: <a id="corr-17"></a><ins title="Originaltext: &bdquo;Ihr">Ihr</ins> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo;
-&bdquo;Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle
-des großen Geistes und werden heilig erfüllt; wie überall die
-Einfälle bei Tag und bei Nacht, auch wenn sie nicht so gut sind
-als dieser des väterlich <a id="corr-18"></a><ins title="Originaltext: &bdquo;sorgenden">sorgenden</ins> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes.
+Vater hat geträumt: <a id="corr-17"></a><ins title="Originaltext: &bdquo;Ihr">Ihr</ins> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo;
+&bdquo;Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle
+des großen Geistes und werden heilig erfüllt; wie überall die
+Einfälle bei Tag und bei Nacht, auch wenn sie nicht so gut sind
+als dieser des väterlich <a id="corr-18"></a><ins title="Originaltext: &bdquo;sorgenden">sorgenden</ins> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes.
<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
So zieht denn in Frieden! &mdash; Und was mir gefiel: der Vater
nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm, immer
vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz
mit jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt.
-Sie kniete nur flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte
+Sie kniete nur flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte
seine Hand mit ihrer Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican,
auf lange. Ihr findet auch Kronsbeeren. Der Mond ist zwar
-todt &mdash; daß heißt bei Euch: alt, &mdash; die Sonne scheint zu sterben;
-aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und Südwuchs der
-Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum Flusse,
-der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr
-aus Hand in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden!
+todt &mdash; daß heißt bei Euch: alt, &mdash; die Sonne scheint zu sterben;
+aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und Südwuchs der
+Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum Flusse,
+der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr
+aus Hand in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden!
Vielleicht &mdash; &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -2205,37 +2171,37 @@ und erblickte noch lang die im Winde von seiner Schulter wehende
blaue Decke, und die langen rothen Hosen.
</p>
-<p>Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr
-langes weißes, erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen
+<p>Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr
+langes weißes, erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen
am Saume besetzt, hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von
-weichem Büffelleder (Mocossins) beschützten ihren Fuß, und ihr
-um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie nicht. So schritt sie
+weichem Büffelleder (Mocossins) beschützten ihren Fuß, und ihr
+um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie nicht. So schritt sie
voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen reichendes Haar flatterte,
mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr Wuchs,
-<span class="em">der</span> einer indianischen Schönheit &mdash; einer Sqaw &mdash; ließ mich an
+<span class="em">der</span> einer indianischen Schönheit &mdash; einer Sqaw &mdash; ließ mich an
Eoo denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in
-Träumen und voll der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit
-dem glimmenden Hölzchen im Munde mich Abends Eoo heimlich
-genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum Zeichen meiner Erhörung.
+Träumen und voll der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit
+dem glimmenden Hölzchen im Munde mich Abends Eoo heimlich
+genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum Zeichen meiner Erhörung.
</p>
<p>
<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork
-überzogen, fanden wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen
-Cabanne, auf dem Flusse sich wiegend. Es war so klein, daß
-der kleine Esel zurück bleiben mußte; und ich vergesse die großen
-Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es seine Mutter
+überzogen, fanden wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen
+Cabanne, auf dem Flusse sich wiegend. Es war so klein, daß
+der kleine Esel zurück bleiben mußte; und ich vergesse die großen
+Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es seine Mutter
stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn
sang und schrie &mdash; und wir Menschen fuhren dahin.
</p>
-<p>Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne,
-mit Allem versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern
-zum Würfeln für Kinder. Ich gedachte der Heimath!
-&mdash; Aber am Morgen war das verlassene Esels-Muttersöhnchen
-da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen herübergeholt.
-Die Freude war groß!
+<p>Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne,
+mit Allem versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern
+zum Würfeln für Kinder. Ich gedachte der Heimath!
+&mdash; Aber am Morgen war das verlassene Esels-Muttersöhnchen
+da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen herübergeholt.
+Die Freude war groß!
</p>
<p>Aber was sollt&rsquo; ich denken, als ich auch die rothen Hosen
@@ -2244,87 +2210,87 @@ an die Wand.
</p>
<p>&bdquo;Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des
-Lebens,&ldquo; sprach er, mich weich begrüßend. &bdquo;Die Wälder sind
-hin, und man kann kein Wilder mehr sein! Gewiß sind die Hundsribben-,
-Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch <span class="em">Weiber</span> geworden.
-Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer
+Lebens,&ldquo; sprach er, mich weich begrüßend. &bdquo;Die Wälder sind
+hin, und man kann kein Wilder mehr sein! Gewiß sind die Hundsribben-,
+Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch <span class="em">Weiber</span> geworden.
+Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer
der Sonne begraben werden. Denn <span class="em">nur um Lebensunterhalt</span>
-ward hier Krieg geführt. Aus der Asche der Bäume wächst nun
-das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden &mdash; Nomaden.
+ward hier Krieg geführt. Aus der Asche der Bäume wächst nun
+das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden &mdash; Nomaden.
<span class="em">Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen</span>, bis
-der gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven
-macht wie in den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse,
+der gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven
+macht wie in den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse,
der Sicherheit und des Besitzes. <span class="em">Der</span> Tausch ist schwer, und soll
-ich ihn machen, so tausch&rsquo; ich für dieses sehr sonderbar mit Asche
+ich ihn machen, so tausch&rsquo; ich für dieses sehr sonderbar mit Asche
<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-gedüngte Jungferland mir wieder mein Vaterland ein, das ich
+gedüngte Jungferland mir wieder mein Vaterland ein, das ich
floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will ich daran
arbeiten, <span class="em">nur mich zu beherrschen</span> und mir als wahrer Monarch
zu befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht
-den ganzen Stamm an; nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr
+den ganzen Stamm an; nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr
im Flusse; ihm ist Mann, Weib und Kind lebendig, und
ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab&rsquo; ich hier erworben &mdash;
-sie will ich als <span class="em">meinen</span> Reichthum hinübernehmen und ausstreuen
-&mdash; mit milden Händen! Und könnt&rsquo; ich, ach könnten wir
-alle da drüben, <span class="em">bei</span> Geschicklichkeiten und Wissen, <span class="em">diesen</span> Charakter
-behaupten, was fehlte uns dann &mdash; verklärte Wilde zu
-sein? nicht <span class="em">allein</span> durch die Stärke des Leibes zu leben, nicht
-<span class="em">allein</span> durch die Kräfte des Geistes, sondern <span class="em">durch beide vereint!</span>
-&mdash; Das war mein Lehrbrief! schloß er, den die Natur mir
+sie will ich als <span class="em">meinen</span> Reichthum hinübernehmen und ausstreuen
+&mdash; mit milden Händen! Und könnt&rsquo; ich, ach könnten wir
+alle da drüben, <span class="em">bei</span> Geschicklichkeiten und Wissen, <span class="em">diesen</span> Charakter
+behaupten, was fehlte uns dann &mdash; verklärte Wilde zu
+sein? nicht <span class="em">allein</span> durch die Stärke des Leibes zu leben, nicht
+<span class="em">allein</span> durch die Kräfte des Geistes, sondern <span class="em">durch beide vereint!</span>
+&mdash; Das war mein Lehrbrief! schloß er, den die Natur mir
hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu erziehen
beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als
-Denkzeichen an die Schnüren &mdash; mein Fathom of Wampum
+Denkzeichen an die Schnüren &mdash; mein Fathom of Wampum
reihen! &mdash;&ldquo;
</p>
<p>Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand
-und ging dann mit großen Schritten sinnend auf und ab und
-glühte dabei. &bdquo;Ich bin ohne ein wahrer Mensch zu sein, so ziemlich,
+und ging dann mit großen Schritten sinnend auf und ab und
+glühte dabei. &bdquo;Ich bin ohne ein wahrer Mensch zu sein, so ziemlich,
was man sagt, alt geworden. Doch Ich habe mich hier um
das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!&ldquo;
</p>
-<p>Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust,
-und ich hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und
+<p>Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust,
+und ich hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und
rauchte wunderlich eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah
-er mich öfter an, und als sie ausgegangen, und er den letzten Zug
+er mich öfter an, und als sie ausgegangen, und er den letzten Zug
des Rauches dem Himmel zugeblasen, schien er mir zur Lehre zu
-sagen, was er indeß gedacht.
+sagen, was er indeß gedacht.
</p>
<p>
<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-&bdquo;Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben,
-wenn leben heißt: Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll
+&bdquo;Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben,
+wenn leben heißt: Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll
wirken und Wirkungen empfangen. Nicht die Stadt,
nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir geboren und aufgewachsen
sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur
-zur <span class="em">Gewohnheit:</span> die<span class="em"> äußeren</span> Erscheinungen stören uns nicht,
+zur <span class="em">Gewohnheit:</span> die<span class="em"> äußeren</span> Erscheinungen stören uns nicht,
unser <span class="em">inneres</span> Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich
aufregen, oder gar aufschrecken &mdash; wir sollen uns im Menschlichen,
ganz dahingegeben, vergessen. Ueber ein Menschenleben
-recht klar werden, das stellt uns höher, als an Millionen <span class="em">vorüberziehen</span>,
+recht klar werden, das stellt uns höher, als an Millionen <span class="em">vorüberziehen</span>,
deren Herz und Schicksal uns verschlossen ist! Und
-unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
-und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das
+unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
+und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das
Herkommen, die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von
-Jugend auf und lernen an ihnen die Führung des großen Geistes,
-seine göttlichen Gerichte in dieser Welt &mdash; den Segen des
+Jugend auf und lernen an ihnen die Führung des großen Geistes,
+seine göttlichen Gerichte in dieser Welt &mdash; den Segen des
Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des Ungerechten,
-Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
+Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder
-um die Gräber der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen,
+um die Gräber der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen,
darin wir liebe Freunde gewesen! Dieser heilige Wandel der
-Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen, dieses Göttliche im
+Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen, dieses Göttliche im
Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern lernen, ist
-mehr werth als &mdash; Auswandern! als fremde Meere und Länder,
-fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen;
+mehr werth als &mdash; Auswandern! als fremde Meere und Länder,
+fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen;
mehr werth &mdash; als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes,
verworrenes Gewebe ist. Darum, wer auswandert aus seiner
Heimath, der bringt sich schlimmer als um das Leben! Und geschieht
-ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als in der
+ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als in der
<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach
+Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach
seinem Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat
<span class="em">seine Zeit</span> dort gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines.
Ein Sechsziger will nun erst zwanzig Jahre alt sein; und wer
@@ -2337,91 +2303,91 @@ setzen &mdash; die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!&ldquo;
</p>
<p>&mdash; &bdquo;Euch wundert meine Weisheit?&ldquo; sprach er und sah mich
-selbst Gerührten und schwer Betroffenen an. &bdquo;Wundert Euch
-nicht &mdash; das war der Extract aus 35jähriger Thorheit! die Blüthe
-einer baumhohen großen <span class="em">Fackeldistel</span>; des meergrünen Armleuchters
-der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken, welche
-die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche
-droben, wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das <span class="em">Herunterklettern</span>
+selbst Gerührten und schwer Betroffenen an. &bdquo;Wundert Euch
+nicht &mdash; das war der Extract aus 35jähriger Thorheit! die Blüthe
+einer baumhohen großen <span class="em">Fackeldistel</span>; des meergrünen Armleuchters
+der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken, welche
+die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche
+droben, wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das <span class="em">Herunterklettern</span>
geschieht dann <span class="em">umsonst</span>; aber man hat den
Geschmack noch tagelang auf der Zunge!&ldquo; &mdash;
</p>
-<p>Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde
-in die langen an einander hängenden Dörfer am Cataragui.
+<p>Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde
+in die langen an einander hängenden Dörfer am Cataragui.
Hier wohnen noch Irokesen, die Letzten, die Christen geworden.
-Franzosen haben sich hier mit den Töchtern derselben
-vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
-freundlich begrüßten.
+Franzosen haben sich hier mit den Töchtern derselben
+vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
+freundlich begrüßten.
</p>
-<p>So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch
-ein Plätzchen bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen,
+<p>So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch
+ein Plätzchen bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen,
sie konnte nicht weiter; Okki war unwohl; d&rsquo;Issaly hatte
einen alten Freund gefunden; mich hielt nur die Hoffnung noch
aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem Muthe war Alles
<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal nicht
+zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal nicht
vergeblich geworden.
</p>
-<p>Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten!
-Ich beschloß den Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank.
+<p>Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten!
+Ich beschloß den Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank.
Die Freunde und Okki kamen ja nach! Sie waren bei Menschen,
-nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem Lande <span class="em">verwandelt</span>
+nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem Lande <span class="em">verwandelt</span>
&mdash; die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist nur
-Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
+Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
</p>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
-<p class="noindent">Von Glangory in Obercanada, so wußt&rsquo; ich aus der Sage,
-hatte der Wald bis an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt;
-das sah ich. Hier aber standen die köstlichen Rhododendrons, die Cedern,
+<p class="noindent">Von Glangory in Obercanada, so wußt&rsquo; ich aus der Sage,
+hatte der Wald bis an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt;
+das sah ich. Hier aber standen die köstlichen Rhododendrons, die Cedern,
die Kalmien &mdash; ach, und die Cypressen! Mit Herzklopfen
erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum hinsehen, und mein
Aug&rsquo; schweifte verlegen und irr&rsquo; in ihrer Umgebung, feucht auf
-den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
-Strome umher &mdash; bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des
-Freundes ruhten und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine
-Eoo darin sei? Ich stand mit gefalteten Händen, und während
+den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
+Strome umher &mdash; bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des
+Freundes ruhten und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine
+Eoo darin sei? Ich stand mit gefalteten Händen, und während
ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der Gedanken, sah ich
-auch drüben über dem Strome <span class="em">die blauen Berge</span> brennen,
+auch drüben über dem Strome <span class="em">die blauen Berge</span> brennen,
Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel
sahen wie in einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich
-war schwarz bis an den Gürtel, ich hatte das Ansehen eines
-Köhlers. So ruht&rsquo; ich am Wasserfall bis zu Sonnenuntergang.
+war schwarz bis an den Gürtel, ich hatte das Ansehen eines
+Köhlers. So ruht&rsquo; ich am Wasserfall bis zu Sonnenuntergang.
Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt seines Sturzes
-und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
-Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern
-Brunnen ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal
+und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
+Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern
+Brunnen ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal
<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-so hoch; und darüber sah ich die Hellung des blauen Himmels,
+so hoch; und darüber sah ich die Hellung des blauen Himmels,
seit lange zum ersten Male, wieder. Ein Adler, der
von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge
-hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das
-Gesicht mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände
-des unermeßlichen Brunnens schimmerten golden vom
-Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden Sonne &mdash; dann rosig
-&mdash; dann purpurn &mdash; dann violet; und als sie sich bräunten,
-schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
+hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das
+Gesicht mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände
+des unermeßlichen Brunnens schimmerten golden vom
+Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden Sonne &mdash; dann rosig
+&mdash; dann purpurn &mdash; dann violet; und als sie sich bräunten,
+schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
</p>
-<p>Ich war durchnäßt, ohn&rsquo; es zu wissen, bis ich an der Pforte
-des Hauses stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern
+<p>Ich war durchnäßt, ohn&rsquo; es zu wissen, bis ich an der Pforte
+des Hauses stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern
trat ich ein. Mein Freund und sein Weib erkannten mich
-nicht. Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl. Sie beleuchteten
-die fremde Erscheinung &mdash; sie hatten mich auch für umgekommen
-betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
-Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne
-Nahrung und Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich
-mit Thränen.
+nicht. Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl. Sie beleuchteten
+die fremde Erscheinung &mdash; sie hatten mich auch für umgekommen
+betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
+Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne
+Nahrung und Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich
+mit Thränen.
</p>
<p>Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie
sollte zu Tische erscheinen &mdash; <span class="em">sie!</span> &mdash; Und meine Tochter Alaska
-sollte mir, im Rücken genaht, die Augen zuhalten und mich rathen
-lassen, wer es sei, bis sie in Thränen ausbrach und an meinem
+sollte mir, im Rücken genaht, die Augen zuhalten und mich rathen
+lassen, wer es sei, bis sie in Thränen ausbrach und an meinem
Halse hing! &mdash;
</p>
@@ -2434,101 +2400,101 @@ doch nach?&ldquo; &mdash;
<p>Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich
<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-hatte große Umwege, lange Aufenthalte gemacht &mdash; und sie war
+hatte große Umwege, lange Aufenthalte gemacht &mdash; und sie war
nicht hier.
</p>
-<p>Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten
-Augen den Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß
+<p>Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten
+Augen den Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß
lange schon Tag geworden war. Fieberphantasieen hatten mich
eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer in mir litt &mdash;
-lange Tage und Nächte &mdash; das war ich nicht mehr. Und doch!
+lange Tage und Nächte &mdash; das war ich nicht mehr. Und doch!
denn &mdash; &mdash;
</p>
<p>&bdquo;Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich
-machte eine höchst beschwerliche Reise nach <a id="corr-19"></a><ins title="Originaltext: Saint Réal">Saint-Réal</ins>&rsquo;s Wohnung.
+machte eine höchst beschwerliche Reise nach <a id="corr-19"></a><ins title="Originaltext: Saint Réal">Saint-Réal</ins>&rsquo;s Wohnung.
Sie war nicht mehr. Die Schafe irrten hirtenlos umher,
-die größeren Hausthiere alle waren umgekommen. Ich zog nach
+die größeren Hausthiere alle waren umgekommen. Ich zog nach
unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von Wald. An
andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit
versengten Pelzen. &mdash; Mein Haus &mdash; es stand! Die Papageien
-flogen umher. Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum
+flogen umher. Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum
Fenster hinein. &mdash; Da sah mich der Geist wieder aus dem Spiegel
an! Da stand das Wiegenpferd mit finsterem Gesichte! Da
lag der angefangene kleine Strumpf &mdash; ich seufzte, ich sahe zu
Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. &mdash; Ich
-ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl,
+ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl,
den langen ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch
ihr schnurrendes Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der
-Fuß versagte. Ich stieg in den Keller &mdash; <span class="em">da saß Eoo!</span> und ob
-es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein Licht, dessen
+Fuß versagte. Ich stieg in den Keller &mdash; <span class="em">da saß Eoo!</span> und ob
+es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein Licht, dessen
Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg &mdash;
ich ergriff ihre Hand &mdash; sie war kalt. Eoo war todt! &mdash; und
doch schlug sie &mdash; wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf!
<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-sie lächelte wieder, sie drückte mir lange die Hand &mdash; dann senkte
+sie lächelte wieder, sie drückte mir lange die Hand &mdash; dann senkte
sie sanft den Kopf auf die Brust und war todt.&ldquo; &mdash;
</p>
<p>Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine
-linke Hand, mit der ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette
+linke Hand, mit der ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette
hinaus, und ich war erwacht durch ein sanftes Anfassen derselben,
-ein Weinen darauf, und durch ein fröhliches, aber gedämpftes
-Rufen: &bdquo;Der Vater erwacht! er schlägt die Augen auf!&ldquo; &mdash;
+ein Weinen darauf, und durch ein fröhliches, aber gedämpftes
+Rufen: &bdquo;Der Vater erwacht! er schlägt die Augen auf!&ldquo; &mdash;
</p>
<p>Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in
-mein Bewußtsein dämmerte das Wissen: <span class="em">Alaska</span>, meine Tochter
+mein Bewußtsein dämmerte das Wissen: <span class="em">Alaska</span>, meine Tochter
sei hier! <span class="em">Sie</span> sei gerettet. So lag ich wieder still.
</p>
-<p>Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer <span class="em">öffentlichen</span>
+<p>Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer <span class="em">öffentlichen</span>
Schule gleicht, die wie durch Zauber im ganzen
-Lande gehalten wird für die Schüler der neuen Welt, das heißt
-für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem Volke nichts
+Lande gehalten wird für die Schüler der neuen Welt, das heißt
+für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem Volke nichts
vorzuenthalten. Es war ein Blatt &bdquo;Freeman&rsquo;s Journal&ldquo; aus
-Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des
+Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des
Waldes, der von der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von
Florida fast ununterbrochen die Staaten bedeckte, hatte sich so sehr
-der Gemüther bemächtigt, daß man in Neu-York die Erscheinung
+der Gemüther bemächtigt, daß man in Neu-York die Erscheinung
zweier Engel glaubte, welche den Untergang der Stadt auf
-den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt
-schien Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt
-alle Wochen aus der alten Welt &bdquo;mittheilt,&ldquo; war eine aus Rußland.
+den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt
+schien Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt
+alle Wochen aus der alten Welt &bdquo;mittheilt,&ldquo; war eine aus Rußland.
Ein Weib war im Schlitten mit ihren 5 Kindern nach der
entlegenen Kirche gefahren, und auf der Nachhausefahrt hatten
-sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie und das
-kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und
-um sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen
-&mdash; worüber er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung
+sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie und das
+kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und
+um sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen
+&mdash; worüber er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung
<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
des Hungers war dieser verstummt. Aber bald hatte der
Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten gelegt, und um sich
-zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur Beute gegeben.
-Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind &mdash; von der Brust.
+zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur Beute gegeben.
+Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind &mdash; von der Brust.
Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo
die Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte
-ihre Rettung erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn
+ihre Rettung erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn
des Hauses gefragt: ob sie das wirklich gethan? und auf ihre
Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem Flegel zerschmettert;
und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander hatte
-den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. &mdash; &mdash;
+den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. &mdash; &mdash;
</p>
-<p>Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften
-sich in Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend
-eine Art zu entschuldigen &mdash; denn das Blatt einer Lüge zu zeihen,
+<p>Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften
+sich in Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend
+eine Art zu entschuldigen &mdash; denn das Blatt einer Lüge zu zeihen,
kam Niemand an. Und sie beruhigten sich erst, als ein
-fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen erklärte:
-die fünf Kinder seien nicht Kinder des <span class="em">Mannes</span> jenes Weibes
-gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der
-Beichte &mdash; ihre fünf <span class="em">Sünden</span> genannt &mdash; und <span class="em">diese</span> fünf Sünden
-habe das <span class="em">Weib</span> den fünf Wölfen geopfert, nicht die <span class="em">Mutter</span>
-ihre fünf <span class="em">Kinder</span>.
+fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen erklärte:
+die fünf Kinder seien nicht Kinder des <span class="em">Mannes</span> jenes Weibes
+gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der
+Beichte &mdash; ihre fünf <span class="em">Sünden</span> genannt &mdash; und <span class="em">diese</span> fünf Sünden
+habe das <span class="em">Weib</span> den fünf Wölfen geopfert, nicht die <span class="em">Mutter</span>
+ihre fünf <span class="em">Kinder</span>.
</p>
-<p>Ich fühlte &mdash; ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf&rsquo;s
+<p>Ich fühlte &mdash; ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf&rsquo;s
Bett gelegt, und manchmal leckte er mir die Hand. &mdash; Unsere
Ariadne war da! Gott, und mein Weib! Denn Alaska sagte
jetzt zu <span class="em">Eoo:</span> Nicht wahr, Mutter, ich bin <span class="em">dein</span> Kind!
@@ -2537,68 +2503,68 @@ jetzt zu <span class="em">Eoo:</span> Nicht wahr, Mutter, ich bin <span class="e
<p>Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
</p>
-<p>Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur
-einst Kühlung auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint,
-und eine heiße Wange an meine geschmiegt. Dann war
+<p>Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur
+einst Kühlung auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint,
+und eine heiße Wange an meine geschmiegt. Dann war
<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich meinen Okki
vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand
-&mdash; und d&rsquo;Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
+&mdash; und d&rsquo;Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
</p>
-<p>Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete
-vor mir auf. Nun wußt&rsquo; ich erst deutlich: meine Tochter,
+<p>Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete
+vor mir auf. Nun wußt&rsquo; ich erst deutlich: meine Tochter,
mein Weib waren da! Ich bat, sie zu mir zu rufen, aber Ayana
verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem Haupt. Dann
-trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein &mdash; und Okki
+trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein &mdash; und Okki
sprach: &bdquo;Komm&rsquo; in den <a id="corr-20"></a><ins title="Originaltext: Garten!">Garten!&ldquo;</ins> Aber d&rsquo;Issaly sprang auf und
wehrte dem Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte
-Saint-Réal hatte nicht Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle
+Saint-Réal hatte nicht Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle
war er sitzen geblieben; die beiden Frauen hatten ihn nicht
-zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der entzündeten Steinkohlen
+zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der entzündeten Steinkohlen
daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm ausgehalten.
-Dort saß er nun, gestorben noch eh&rsquo; er erstickt. Eoo war zur
+Dort saß er nun, gestorben noch eh&rsquo; er erstickt. Eoo war zur
rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und
-so erklärte ich mir Alaska&rsquo;s Thränen als das Opfer für ihren
-Pflegevater, dessen &mdash; Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran
-nicht dachte. D&rsquo;Issaly hörte von dem Vermächtniß, es sei hier
-niedergelegt; und er wollte später einmal in den Wald, in die
-Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
-die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
-kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß
+so erklärte ich mir Alaska&rsquo;s Thränen als das Opfer für ihren
+Pflegevater, dessen &mdash; Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran
+nicht dachte. D&rsquo;Issaly hörte von dem Vermächtniß, es sei hier
+niedergelegt; und er wollte später einmal in den Wald, in die
+Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
+die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
+kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß
sie zugleich ihm darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz
oder Marmor setzten.
</p>
<p>Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster,
-das den tiefen Garten übersehen ließ &mdash; man wollte mich hinwegziehen,
+das den tiefen Garten übersehen ließ &mdash; man wollte mich hinwegziehen,
ich konnte nicht widerstehen, trat mitten ins Zimmer und
<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-sahe nun wie es Asche regnete über das Land. Stürme hatten
-sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt, und in dem
-schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
-rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
+sahe nun wie es Asche regnete über das Land. Stürme hatten
+sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt, und in dem
+schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
+rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land
-und das herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
+und das herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
</p>
<p>Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu
-fragen, denn ich errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei
-gekommen, sie habe mit Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki?
+fragen, denn ich errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei
+gekommen, sie habe mit Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki?
&mdash; hatte sie erblassend gefragt. Ach, der war ja noch in dem
-letzten Dorfe gewesen &mdash; und eh&rsquo; sie gehört, war sie tödtlich erschrocken,
+letzten Dorfe gewesen &mdash; und eh&rsquo; sie gehört, war sie tödtlich erschrocken,
und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten Verlust
-bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
-ihre Alaska bei sich gewußt &mdash; und jetzt war ihre Natur erlegen.
-Mein Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell,
+bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
+ihre Alaska bei sich gewußt &mdash; und jetzt war ihre Natur erlegen.
+Mein Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell,
noch schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht
-der Augen gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie &mdash; ach, sie
+der Augen gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie &mdash; ach, sie
noch einmal zu sehen in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten;
-und obschon selber schwer erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel
-geschlichen und hatte mir Kräuter gesucht, sie gepreßt und den
-Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also die Kühlung, das
-waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
+und obschon selber schwer erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel
+geschlichen und hatte mir Kräuter gesucht, sie gepreßt und den
+Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also die Kühlung, das
+waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
</p>
<p>Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. &mdash; &mdash; Sie hat
@@ -2608,8 +2574,8 @@ hatte sie wiedergefunden, und die Lieben waren Alle bei ihr! Der
Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder werde genesen. &mdash;
</p>
-<p>&mdash; &mdash; &bdquo;Die Gesänge&ldquo; habt Ihr selber gehört, setzte d&rsquo;Issaly
-hinzu, und wißt sie zu deuten!
+<p>&mdash; &mdash; &bdquo;Die Gesänge&ldquo; habt Ihr selber gehört, setzte d&rsquo;Issaly
+hinzu, und wißt sie zu deuten!
</p>
<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*</p>
@@ -2618,26 +2584,26 @@ hinzu, und wißt sie zu deuten!
<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
&mdash; Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki
an der Hand, zum ersten Male in den Garten hinunter stieg
-und bis in das Rhododendrongebüsch zu den Kalmien ging.
+und bis in das Rhododendrongebüsch zu den Kalmien ging.
</p>
<p>Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen,
-ich sah ihn an. Und jetzt bemerkt&rsquo; ich erst &mdash; sein schönes
-Haar war abgeschnitten! Ich wußte warum. Ich sah einen grünen
-Hügel &mdash; ich kniete hin, ich umfaßte die kühle Erde statt des
-schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie bedeckte! ich
+ich sah ihn an. Und jetzt bemerkt&rsquo; ich erst &mdash; sein schönes
+Haar war abgeschnitten! Ich wußte warum. Ich sah einen grünen
+Hügel &mdash; ich kniete hin, ich umfaßte die kühle Erde statt des
+schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie bedeckte! ich
weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen
und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne
vergoldete die Welt &mdash; Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und
-in ihrem Glanze stand auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes
+in ihrem Glanze stand auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes
und streute ihre Locken darauf als Opfer, nach dem frommen
-Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah, mußt&rsquo; ich bei
+Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah, mußt&rsquo; ich bei
mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter! nicht
-allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt &mdash; sondern
+allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt &mdash; sondern
wirklich: &mdash; <span class="em">ihre</span> fromme Seele, <span class="em">ihre</span> Liebe steht schauernd da
-und schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und
-blaß und zagend wie ein Engel. <span class="em">Die Liebe lebt!</span> Sie ist nicht
-allein ein Geist! sondern sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen
+und schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und
+blaß und zagend wie ein Engel. <span class="em">Die Liebe lebt!</span> Sie ist nicht
+allein ein Geist! sondern sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen
Wirkungen leben und wirken und lieben uns wieder! Eoo
rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine Locken ihr streut,
ist nicht die Tochter &mdash; <span class="em">nicht sie allein</span> &mdash; sondern heilig verschmolzen:
@@ -2648,17 +2614,17 @@ Liebe!</span> &mdash;
</p>
<p>Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie
-vor Wehmuth glühte und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo&rsquo;s
+vor Wehmuth glühte und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo&rsquo;s
<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
Lippen, mit ihrem Kusse! <span class="em">Ihre</span> Arme wanden sich um meinen
-Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und das schöne
+Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und das schöne
Gebild war mein durch sie &mdash; mir war es die Mutter &mdash; ach,
und zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit!
-&mdash; <span class="em">Die Abendröthe</span> nahm ich zum Angedenken an den Brand!
-Jede Morgenröthe wollt&rsquo; ich an Eoo gedenken! Und so wie, nach
-jener Sündflut durch die Wasser, der <span class="em">Regenbogen</span> ein Zeichen
+&mdash; <span class="em">Die Abendröthe</span> nahm ich zum Angedenken an den Brand!
+Jede Morgenröthe wollt&rsquo; ich an Eoo gedenken! Und so wie, nach
+jener Sündflut durch die Wasser, der <span class="em">Regenbogen</span> ein Zeichen
der Huld des Himmels geworden, so sollten <span class="em">die ewigen
-hellen Gestirne</span>, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen,
+hellen Gestirne</span>, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen,
mir <span class="em">Funken des Brandes</span> bedeuten, so oft ich des Nachts
zum Himmel nach meiner Eoo aufsah &mdash; als Zeichen des Friedens
und ihrer Liebe!
@@ -2672,38 +2638,38 @@ und ihrer Liebe!
<p class="noindent"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
<p class="noindent">
-<br />Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
+<br />Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.<br />
<br />Im Original <span class="gesperrt">gesperrte</span> Textstellen werden
<span class="em">kursiv</span> wiedergegeben.
-<br />Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+<br />Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
</p>
<ul>
<li>
-... &mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <span class="underline">zulücklassen</span>? &mdash; ...<br />
-... &mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <a href="#corr-1"><span class="underline">zurücklassen</span></a>? &mdash; ...
+... &mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <span class="underline">zulücklassen</span>? &mdash; ...<br />
+... &mdash; konnt&rsquo; ich sie dann <a href="#corr-1"><span class="underline">zurücklassen</span></a>? &mdash; ...
</li>
<li>
-... gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <span class="underline">sagar</span> ohne Vorbild und ...<br />
-... gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <a href="#corr-2"><span class="underline">sogar</span></a> ohne Vorbild und ...
+... gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <span class="underline">sagar</span> ohne Vorbild und ...<br />
+... gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, <a href="#corr-2"><span class="underline">sogar</span></a> ohne Vorbild und ...
</li>
<li>
-... krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <span class="underline">Samenkon</span> ...<br />
-... krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <a href="#corr-3"><span class="underline">Samenkorn</span></a> ...
+... krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <span class="underline">Samenkon</span> ...<br />
+... krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte <a href="#corr-3"><span class="underline">Samenkorn</span></a> ...
</li>
<li>
-... springend nahte. &mdash; <span class="underline">Ochsenfrösche!</span>[A] sagte mein Weib mit Lächeln ...<br />
-... springend nahte. &mdash; <a href="#corr-4"><span class="underline">&bdquo;Ochsenfrösche!&ldquo;</span></a>[A] sagte mein Weib mit Lächeln ...
+... springend nahte. &mdash; <span class="underline">Ochsenfrösche!</span>[A] sagte mein Weib mit Lächeln ...<br />
+... springend nahte. &mdash; <a href="#corr-4"><span class="underline">&bdquo;Ochsenfrösche!&ldquo;</span></a>[A] sagte mein Weib mit Lächeln ...
</li>
<li>
-... erst, dann mit Thränen im Auge; <span class="underline">sie</span> suchen frisches Wasser!&ldquo; ...<br />
-... erst, dann mit Thränen im Auge; <a href="#corr-5"><span class="underline">&bdquo;sie</span></a> suchen frisches Wasser!&ldquo; ...
+... erst, dann mit Thränen im Auge; <span class="underline">sie</span> suchen frisches Wasser!&ldquo; ...<br />
+... erst, dann mit Thränen im Auge; <a href="#corr-5"><span class="underline">&bdquo;sie</span></a> suchen frisches Wasser!&ldquo; ...
</li>
<li>
@@ -2717,13 +2683,13 @@ Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.<br />
</li>
<li>
-... und sprach: <span class="underline">Der</span> Unterwind wäre gut! aber das ist immer ...<br />
-... und sprach: <a href="#corr-8"><span class="underline">&bdquo;Der</span></a> Unterwind wäre gut! aber das ist immer ...
+... und sprach: <span class="underline">Der</span> Unterwind wäre gut! aber das ist immer ...<br />
+... und sprach: <a href="#corr-8"><span class="underline">&bdquo;Der</span></a> Unterwind wäre gut! aber das ist immer ...
</li>
<li>
-... Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <span class="underline">Herz!,</span> Selbst ...<br />
-... Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <a href="#corr-9"><span class="underline">Herz!</span></a> Selbst ...
+... Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <span class="underline">Herz!,</span> Selbst ...<br />
+... Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das <a href="#corr-9"><span class="underline">Herz!</span></a> Selbst ...
</li>
<li>
@@ -2737,23 +2703,23 @@ Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.<br />
</li>
<li>
-... &bdquo;Aber auf wen sind Sie <span class="underline">böse?</span> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie ...<br />
-... &bdquo;Aber auf wen sind Sie <a href="#corr-12"><span class="underline">böse?&ldquo;</span></a> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie ...
+... &bdquo;Aber auf wen sind Sie <span class="underline">böse?</span> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie ...<br />
+... &bdquo;Aber auf wen sind Sie <a href="#corr-12"><span class="underline">böse?&ldquo;</span></a> fuhr er freundlich fort; &bdquo;Sie ...
</li>
<li>
-... sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <span class="underline">veregebn</span>! ...<br />
-... sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <a href="#corr-13"><span class="underline">vergeben</span></a>! ...
+... sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <span class="underline">veregebn</span>! ...<br />
+... sprach: &bdquo;Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater <a href="#corr-13"><span class="underline">vergeben</span></a>! ...
</li>
<li>
-... redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <span class="underline">sein!</span> sprach er über ...<br />
-... redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <a href="#corr-14"><span class="underline">sein!&ldquo;</span></a> sprach er über ...
+... redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <span class="underline">sein!</span> sprach er über ...<br />
+... redet&rsquo; er fort. &bdquo;Der Mensch sollte ein Bär <a href="#corr-14"><span class="underline">sein!&ldquo;</span></a> sprach er über ...
</li>
<li>
-... sich selbst unwillig; <span class="underline">nicht</span> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! ...<br />
-... sich selbst unwillig; <a href="#corr-15"><span class="underline">&bdquo;nicht</span></a> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! ...
+... sich selbst unwillig; <span class="underline">nicht</span> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! ...<br />
+... sich selbst unwillig; <a href="#corr-15"><span class="underline">&bdquo;nicht</span></a> der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! ...
</li>
<li>
@@ -2762,18 +2728,18 @@ Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.<br />
</li>
<li>
-... Vater hat geträumt: <span class="underline">&bdquo;Ihr</span> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo; ...<br />
-... Vater hat geträumt: <a href="#corr-17"><span class="underline">Ihr</span></a> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo; ...
+... Vater hat geträumt: <span class="underline">&bdquo;Ihr</span> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo; ...<br />
+... Vater hat geträumt: <a href="#corr-17"><span class="underline">Ihr</span></a> wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!&ldquo; ...
</li>
<li>
-... als dieser des väterlich <span class="underline">&bdquo;sorgenden</span> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes. ...<br />
-... als dieser des väterlich <a href="#corr-18"><span class="underline">sorgenden</span></a> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes. ...
+... als dieser des väterlich <span class="underline">&bdquo;sorgenden</span> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes. ...<br />
+... als dieser des väterlich <a href="#corr-18"><span class="underline">sorgenden</span></a> <span class="em">Sachem</span>, oder Arm des Hauptes. ...
</li>
<li>
-... machte eine höchst beschwerliche Reise nach <span class="underline">Saint Réal</span>&rsquo;s Wohnung. ...<br />
-... machte eine höchst beschwerliche Reise nach <a href="#corr-19"><span class="underline">Saint-Réal</span></a>&rsquo;s Wohnung. ...
+... machte eine höchst beschwerliche Reise nach <span class="underline">Saint Réal</span>&rsquo;s Wohnung. ...<br />
+... machte eine höchst beschwerliche Reise nach <a href="#corr-19"><span class="underline">Saint-Réal</span></a>&rsquo;s Wohnung. ...
</li>
<li>
@@ -2784,383 +2750,6 @@ Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.<br />
</ul>
</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
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-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Waldbrand, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WALDBRAND ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40230 ***</div>
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