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Wo ich doch +jenes glückliche Lachen hatte, das in mir Tribünen und Automobile, +Fellachen und Ladies, Sphynxe und Statistenbäuche, Kamele und Wiener +Kaffees tanzen ließ. + +Warum mußtest du sagen, daß ich jenem braunen, o-beinigen Baritonisten +ähnlich sehe! Weißt du denn nicht, wie eitel ich bin? Mußt du mich täglich +zerschmettern? Das erstemal, als wir uns in Luzern auf der Reunion im Hotel +National sahen und ich dich bebend, wie kein Kaiser vor einem +Staatsstreich, zum Twostep aufforderte . . . schweige, Mensch! Unsäglicher +Schlemihl. Alles um dich siegt. + +Nur du bist dumpf und zitterst vor jedem bißchen Leben, das du großartig +das äußere nennst, und das dich, wenn du sicher bist, so seltsam +gleichgültig läßt. Jeder Kellner unterjocht dich, jede Dirne blamiert dich. + +Apropos, peinige nur dein Herz. In einem Münchener Weinlokal, hat nicht ein +Herr aus Magdeburg, ein Statistiker des jährlichen Niederschlages, ein +Wetterprophet, ein Kerl wie Weißbier, die süße Erika, die du wie ein +Legendenwesen behandeltest, von deiner Seite gerissen? + +Womit? Gott, ich muß zu meiner Schande gestehen, ich war die bessere +Wurzen. --Womit? Mit welchem Heroentum? Er bestellte bei der Musik das Lied +»Zeppelin kommt nach Berlin«, schlug mit den Fäusten den Takt, sprühte +hinter seinem Zwicker, war eine durchwärmte, anschmelzende Büste von +Vertraulichkeit und lustigem Wohlwollen . . . und hin war alles. + +Das ist das Gesicht der Sieger! + +Und du, Miß Olivia. Wie nenn' ich dich? + +Du Element, du Abend, du leiblos Üppige, du Regen im Saal! + +Ich, ich sollte eifersüchtig sein! + +Haha, hätt' ich doch wenigstens die menschliche Kraft dazu. + +Aber im Grunde verehre ich die anderen. + +Das sind große Herren, in sich, voll Ruhe, Gemessenheit und Mittelpunkt. +Sie haben das Leben wie sie's wollen. Heute und morgen ist ihnen ein Ziel. +Was daneben geht ein Malheur. Und du, Miß Olivia, was bist du ihnen? Etwas, +was man erreichen und besitzen kann. + +Begreift dich denn einer? + +»Gemach,« falle ich mir selbst ins Wort, »willst du denn etwas anderes als +erreicht und besessen werden? Du rechnest nur zu gut. Alles, was du tust, +ist Rechnung.« Und ich fühle in diesem Moment wieder bis ins Mark, wie ich +Narr des Zufalls dir fremd und widerlich sein muß. + +Und doch, nur ich empfinde dich, nur ich empfinde deine Seele, nur ich +deine metaphysische Erscheinung zur Welt. + +Warum, wenn du die Hotel-Hall betrittst und in die Hände klatschend +ausrufst »Kinder, das war schön, den ganzen Vormittag sind wir im Segelboot +gesessen und haben uns treiben lassen«, warum werde ich dann so müde und +traurig? + +Warum muß ich an einen ganz bestimmten schwindsüchtigen, todbleichen Lehrer +aus dem Erzgebirge denken, wie er aus seinem engbrüstigen Häuschen tritt +und aus dem dünnen Vorbeet einen Salatkopf zieht? Warum habe ich diese +Vision vom Aztekenkönig Montezuma? Wie dieser in überirdischer +Märtyrerheiterkeit, goldgepanzert und konradinblond auf der Freitreppe +seines brennenden Palastes steht? Sehe ich dich in Balltoilette, warum habe +ich das rasche überwältigende Gefühl von Hochtouren, Durst, Ahnung von +Quellensturz und jauchzende Glieder? + +Gott, Gott, bin ich das Medium, das dich ahnungslos in dir Beruhende mit +der Welt verbindet, bin ich jener leitende bewußte Stoff zwischen dir und +der Unendlichkeit? + +Das ist es ja. _Die Andern sind Menschen!_ + +Schon was sie wollen, gehört ihnen. Sie bemessen ja einander nach Willen +und Erfolg. + +Meine Sehnsucht ist Flucht, mein Streben ein Wegstreben. + +O ich Midas. Was ich berühre, wird unnahbar, fern und heilig und läßt mich +allein. + +Und warum mir gerade dies fürchterliche Geschenk der Poesie? Es leben noch +durchdringendere unwiderrufliche Geister, es leben schwellendere, +wirksamere, umfassendere Herzen. + +Warum mir ein Schicksal, das ich nicht zu ertragen vermag? + +Ich kann diesen irdischen Vergnügen, an denen ich täglich strande, nicht +entsagen. + +Ich brauche diese Atmosphäre von Welt, die mich ewig beschämt. Ich brauche +die Rennplätze, die Strandkasinos, diesen kosmopolitischen Jargon, den ich +durchschaue. Ich brauche diese glänzenden Terrassen, auf denen ich mich +minderwertig erzeige. + +Warum, warum dieser Dämon, der mich immer zur Demütigung treibt? + +O du verhaßtes, geliebtes Menschentum. + +Du angebetet, wohlerwogenes Handeln aus Gründen, du bespien ersehntes +Beschränktsein! + +Satan: + +Was jammerst du? Ich will dir helfen. + +Der Dichter: + +O Satan! + +So krümme ich mich zu deinen Füßen. + +Zermalmter, von den Dingen verzehrter, hochmütiger von den Stunden +behandelt ist auf dieser ganzen Welt kein Wesen, als ich. Ich wanke erhaben +zwischen den konstanten Naturen. Jeder Gegenstand ruft mir zu: »Schau mal +an, wie fest ich bin. Versuch's doch, mach mir's nach. Ich pfeife auf den +Auf- und Abschwung deiner Seele. Damit kommt man nicht weit. Und das Leben +ist doch plausibel, und manches wäre zu erringen. Was mein Teil ist, wird +mein sein. Hörst du? Ich fühle mich wohl in mir; dann streck ich bloß die +Hand aus und was ich will, habe ich. Aber eins, Väterchen, ist nötig. +Festigkeit, ein Charakter!« + +So flüstert's um mich. + +Und erst die Verzweiflung in mir. + +Schwächling, nicht fähig ein Schicksal zu ertragen. Du Unsittlicher! Du +erkennst das Gute, dich empört die Niedrigkeit, manchmal schwillt es in dir +empor, die verfaulte Welt niederzurennen und in deinem Innern Ordnung und +Gesetz zu schaffen, vermagst du nicht. Satan, Satan, was soll mir die +Kraft, im Banalen das Ewige zu sehen, was soll mir die Wonne, Entzücken in +der Vernichtung zu fühlen? + +Ich habe niemals ein festes Ja gesagt! Ich war niemals Mensch! + +Mein Wunsch macht mich lächerlich, Satan, gib mir einen Charakter! + +Satan: + +Sieh' hin, was ich dir geben will, Sterblicher. + +Der Dichter: + +Was ich erblicke, sind die Reiche dieser Welt. + +Satan: + +Und mehr als die Reiche dieser Welt sollen dein sein. + +Ich will dir unschätzbare Eigenschaften verleihen. Ich will dir die +Eigenschaft verleihen, daß niemals dein Frackhemd ermatte, daß niemals die +klare Eleganz deines Smokings sich trübe. Begreife wohl, das sind +Eigenschaften, die ich nicht etwa nur zu deinem Äußeren füge, nein, in dein +Gemüt senke ich geheime geschlossene Kräfte. Um deinen Mund lebe ein +Lächeln, das dich fürchterlich macht. Quintessenz der Diplomatie spiegle +der Glanz deiner gestrafften Stirnhaut. Eine Kälte sei dein, die Menschen +zum Spielzeug macht. Die Stunde sei deine Sklavin. Spürst du schon deine +unabwendbaren Schritte in den Spielsälen? Spürst du schon den Rausch +finanziell wahnsinniger Machinationen? Ahnst du deine neue Welt? In den +Hallen des Verwaltungsrats, im Direktionszimmer enormer +Opernunternehmungen? + +Und über allem Sicherheit der Macht. Dein Weg geht weiter. Ein Thron ist +nicht nur ein Wort. Dynastien sind Puppenspiel. Sei Herr der Haupt- und +Staatsaktion! Fühlst du im Taumel jagender Überlegenheit schon bewimpelte +Perrons und die Trommelwirbel der Ehrenkompanie? + +Der Dichter: + +Für wie unkompliziert mußt du mich halten, Satan, um mir mit Konträrem zu +kommen. Kann meine vom Unendlichen verwöhnte Brust ausfüllen dieses +kindische Herrsein über kindische Institutionen? Vielleicht bebt manchmal +mein weltzerrissenes Herz nach _innerer Autokratie_. Aber deines Bürgertums +im Verwegenen, deiner scharfen Mundwinkel, deiner Potentaten-Triumphe +spotte ich. + +Satan: + +Überlege es wohl, ehe du diesen meinen ersten Vorschlag verwirfst. Wonach +ihr Menschen strebt, was ist es anderes, als Leidlosigkeit? Leidloses Leben +biete ich dir. + +Der Dichter: + +Das Leid, das Leid gerade ist es, was ich suche. + +Satan, Satan, ewiger Geist, blamiere dich nicht! Haben dich meine wirren +Klagen so getäuscht, daß du mich auf diese Formel bringen willst? Deine +Aussichten sind gut für ungeschickte Schullehrer, für giftige +Bezirksrichter und enttäuschte Oberleutnants; nicht für mich. + +Satan: + +Eins vergißt du, ewig Ungeliebter! Von Stund an wärst du der Geliebteste +des Erdkreises. + +Der Dichter: + +Glaubst du, lächerliches Wesen, ich gäbe einen Heller drum, wenn mich Miß +Olivia liebte? + +. . . . Doch darüber erkundige dich in meinem dramatischen Gedicht »Der +Besuch aus dem Elysium«. + +Und schließlich, was ist aller Besitz, alle Wollust gegen das metaphysische +Vergnügen bei der Betrachtung der in sich wandelnden Geliebten mit +Sonnenschirm? + +Satan: + +Du verschmähst meinen Vorschlag, weil er das Wichtigste in dir nicht +berechnet hat. Die Poesie. + +Hier mein zweites Wort! + +Ich will dir eine berückende Biographie geben, ein Leben voll süßer +weinender Abenteuer. Ich will in dein Schicksal wunderbar geheimnisvolle +Wesen mischen. Schauspielerinnen. Dann sollst du schön sein und mit den +Frauen dich selbst anbeten. Dem Schwung deiner Züge sollen sich die Abende +und Nächte, die dir geschenkt sind, die Arme, die dich je halten und die +Worte, die deinem Mund entsinken, anschmiegen. + +Dein trauriger, leidenschaftlicher Genius soll Verse haben, daß knöchrige +Monarchen und Kindermädchen in dem erfüllten, verdunkelten Raum heulen. +Triumphe seien dein, vor denen Könige und Tenöre erblassen. Wenn du nach +der Apotheose deiner Premiere ins Proszenium trittst, überrasen dich +Kavallerieattacken des Applauses aus den Hinterhälten der Galerie. +Leitartikler lässest du antichambrieren. Doch auch die ruhigen, ernsten, +bedeutendsten Geister sollen sich deinem Zauber beugen. Premierminister +bestimmst du durch die Hölle eines Wortes zu paradoxen Umwälzungen, hundert +Seiten von dir, und das Wahnsinnige wird Ereignis. Der besonnte Flug eines +rhetorischen Vogelschwarms, und das zynische Zeitalter schlägt sich an die +Brust und explosive Güte wird Mode. Wildes brillante Geste sei gegen dein +Furioso ein Salonwalzer gegen eine Bach'sche Fuge, Pindars olympische +Krönung von minder mythischer Gewalt als deine verzehnfachten Nobelpreise, +Byron das Erdenwallen eines krämrigen Poseurs angesichts deines rührend +erhabenen Dahinschwebens, und krachten aus Missolounghis morschen +Balkanscharten 21 Kanonenschüsse, sollen nach deinem Tod die Flotten der +Nationen, von Pol zu Pol, diesem Tag den Trauersalut bringen. So gebe ich +dir den Ruhm im Leben. + +Und nachher das höchste, was ich verleihen kann, _Unsterblichkeit_. + +Der Dichter: + +Ruhm! Ruhm! Du Vision über meiner Schulbank. + +Wer gibt mir den Ehrgeiz des Ungedruckten zurück? Wer den Tag, da ich dich +ausschöpfte bis zum letzten Nachgeruch des letzten Tropfens dich einatmete, +Ruhm! + +Ich sehe mich noch, wie ich Gymnasiast, zitternd von Vorahnung, meinen +Freund zu seiner Wohnung begleitete. + +Zu jenem gelben, bestaubten Haus des Ledergeruchs. Ich fühle noch seine +Bewegung, mit der er die Treppe hinaufzulaufen pflegt. + +Eine Schicksalserwartung im Hausflur. Und doch wollte er sich nur ein +Taschentuch holen. Ach, da kommt er atemlos, springt drei Stufen auf einmal +und hat in der Hand die kleine rosa Sonntagsbeilage einer Residenzzeitung. +Und die Besinnung verbleicht, die Augen werden machtlos, das Herz verliert +die Fassung, eine tiefe Übelkeit schraubt alle Nerven tief . . . Gott, auf +der ersten Seite wohlgereiht, ungeträumt, unverrückbar, da, und doch vor +Ohnmacht nicht erkannt, das kleine, steife Gedicht, das Wochen hindurch, +dreimal während jeder Speise, auf dumpfen Schulwegen, ja bei jedem +Stuhlgang dreimal mein Traum sich aufsagte. + +Den Tag eines kaum mehr Irdischen verlebte ich. Meine Schritte bekamen +einen anderen, tieferen Klang. Ich ging ausstrahlender, furchtloser, +unverletzter durch die Straßen und drängte mit meinem Körper, der mir antik +gewandet vorkam, mit meinem Kopfe, den ich als etwas marmorn umlocktes +empfand, Wind und Gespräch, Fluch und Wagengerassel zur Seite. Vor +Warenhäusern, Wagenreihen, Kaffees blieb ich stehen und war erstaunt, als +ich erkannte, wie tief das Ereignis meines gedruckten Werkes in die Welt +gegriffen hatte; etwas schien an allem vorgegangen zu sein, alles schien +auf mich zu deuten mit einem achtungsvoll schielenden »Aha«. Und dieses +Wissen der Dinge machte mich geradezu frech. Ich sagte zu einem Polizisten +»Sie da, wo kommt man auf den Castulusplatz« und bat einen +Feldmarschall-Leutnant verdrießlich um Feuer. + +Ja, damals ward Ruhm erlebt. Von meinem Ruhm ward jedes Auge, jeder Mund +voll. Ich schlug mit Sicherheit jede Zeitung auf, und als ich meinen Namen +nicht fand, war das selbstverständlich, denn das gewohnte Ohr hört auch +nicht den Ton des Meeres und der Luft, und gar das ewige Geräusch der +Sterne, und so war auch mein großes Dasein als schon natürlich und alles +ausfüllend übergangen worden. + +O, daß der irdische Genuß nur einmal genossen wird. + +Was ist mir jetzt mein ärmlicher Ruhm? Klatsch dreier Kaffees und +lächerliche Politik dreizehn übelgeratener Literaten? + +Und was wäre ein großer Ruhm? Mehr unsachlich, weniger böswillig, doch +einfältigerer Klatsch der befestigten Gesellschaft. + +Unsterblichkeit? Das Argument dagegen liegt auf der Hand. + +Gewiß, gewiß. Oft sehe ich mich im Traum. Wie ich jahrelang in der Nähe +einer Frau diese floh. Sie lachte über mich weg den Diabolokreisel +spielender Kinder an. Und da komme ich auf gezäumtem, festlichem Pferd die +Straße herab. Und das Spalier wirft toll die Hüte in die Luft und aus +offenen Fenstern streut man langsame Blumen um mich. Und da ist auch die +Schöne. Ich halte mein Pferd an, und mein fast schon steinerner Mund +spricht ein Wort, das langsam wie die Ehrenblumen rings niederfällt. Da +schaut mir die Frau in die Augen und streichelt mein Pferd, und rasend +jubelt, wie ich weiterreite, das Volk um uns mit Tambourins und +Tschinellen. + +Aber das ist ein Traum, wie ein Bub die Geliebte aus dem brennenden Hause +zu retten träumt. + +Ruhm, Unsterblichkeit. Nein, nein, nein! Ich halte mir die Ohren zu, Satan. + +Satan, Satan, bist du ein Quacksalber? Hast du in deinem Feuersack nur +Medizinflaschen? Um mich zu vergessen oder zu erweitern, gab Gott uns +Haschisch und Opium. + +Satan, Satan, bist du ein Theaterfriseur? Hast du in deinem Feuersack +Perücken und Schminkstifte? Willst du meinem Inwendigen und Äußeren eine +schneidig geringschätzige Treumannmaske anmalen und mit ein paar höllischen +Kohlenstrichen ein brutal fernes Lächeln mir um die Lippen ziehen, oder mit +fachmännischem Zu- und Wegspringen mir einen melancholisch hinreißenden +Lockenkopf von säkularer Gültigkeit anordnen? + +Ich will, ich will keine Metamorphose. + +Ich will _meine_ Wahrheit kennen. Mein _innerlichstes_ Licht oben haben. + +Wenn ich um einen Charakter flehte, so meinte ich nichts als die Kraft, +durch den Urwald des Selbst durchzukönnen nach einer erkannten, mit den +Schlüssen des Zuendedenkens und den Blitzen des +Nach-allen-Seiten-hin-Fühlens übereinstimmenden Richtung. + +Satan: + +Es ehrt dich, Mensch, daß du es verschmähst, von mir ein neues Leben +anzunehmen! Es hätten sich Naturen, die du für stärker hältst, durch weit +geringeren Bauernsang erwischen lassen. + +Wisse es, so oft du auch dumpf, weinerlich und unfähig zu leben bist, deine +Seele, Mensch, deine Seele ist stark. Sie sollen nur höhnen, Ästhet! Dich +hat der Teufel, verwirrt Ehrlicher, durch kein Raffinement gefangen. + +Erkenne nun, was ich für die besten Temperamente bewahre, und wähle! + +Kein neues Leben gebe ich dir. Aber ein neues Schicksal. Und zwar, mein +Unersättlicher, das schmerzlichste aller Schicksale und das triumphalste: +Den Kampf! + +Der Dichter: + +Kampf! Verzeih' Satan, wenn ich skeptisch werde, an mir skeptisch werde. Es +ist etwas Unpolemisches in mir. Etwas, was einem irdischen Übel ein +ironisch transzendentales Gewicht entgegenhält. Einen vielleicht billigen +Trost in der ewigen Ordnung. + +Satan: + +Ich habe dein Herz beim Lesen mancher Notiz aus dem Gerichtssaal belauscht. +Du unterschätzest deine Vehemenz. Bisher warst du wohl allzu gesättigt. Das +irdische Übel erschien dir in derselben Distanz wie die ewige Ordnung. Aber +ich will dir das irdische Übel naherücken, ich will's um dich gruppieren. + +Du sollst das Leben nicht mehr aushalten, wird mein Geschenk sein. Du wirst +verwandt werden meinem Geschlecht. Dein Schmerz wird ein Luzifer-Schmerz +sein. Schweig'. Du wirst dich nicht umbringen. Du bist ein Dichter. Du +wirst brausen. + +Nicht mehr werde ich, wenn ich vielleicht als Hauswirtin dir früh den +Kaffee bringe, dich bei jenen uns bekannten Monologen ertappen. + +»So, da stehe ich nun auf und bin voll von einem Vers, den auszudrücken ich +zwei Tage brauchen werde. Warum kommt dies Erschrecken über mich und diese +verächtliche Frage, wozu dies alles? Soll dies schön Fühlen und schön Reden +wirklich der Ersatz sein für all die Erbärmlichkeit? Warum bin ich gerade +dazu verdammt, mein Leben an eine Lüge hinzuwerfen, die nur dadurch in mir +gehalten werden kann, daß sie die anderen, das Publikum, scheinbar aufrecht +erhalten. Wenn dieser Abgeordnete gestern nicht zitiert hätte »Es soll der +Dichter mit dem Fürsten gehn« (wie ist im Herzen des Abgeordneten dieses +Wort leer), so hätte ich gestern vielleicht nicht so tief an Wert und +Wichtigkeit der Poesie geglaubt! + +Wie gemein bin ich doch im Grunde. Ich freue mich ja zuschauend über das +Gute und Böse, das mir passiert, um nachher nur darüber innerlich +herzufallen. Plausibel wäre vielleicht einzig noch »Selbstmord durch +Kunst«. Sich aufgeben, aber gestalten. Oder -- oder. Ein Wirkender zu sein. +Ein unerforschlicher Gigant der eigenen Idee. In dem Scheiterhaufen der +Sätze verbrennen die schnöden Gesinnungen, die gleichgültigen Taten, +Systeme und Menschen, Kunst als Revolution. In Tyrannos!« + +Siehst du, Dichter, ich will dir ein Schicksal geben, daß du dieser +herjagende Erfüller sein wirst. Ich will dich mit Ekel und Mitleid bis oben +anfüllen, daß du über Parlamenten, Kongressen und Weltversammlungen wie ein +Samum dahinfährst. Ich will dich durch Wahnsinn des dir Begegnenden +aufreißen zu unerhörtem Mut, zu unerhörten Taten. Du sollst die Wonne +fühlen! Einer gegen Millionen. Und den Tod aller Tode sollst du sterben. Im +Triumph, im Sieg, während eines Bombenattentats oder durch die Kugel eines +ohnmächtigen Feindes nach dem Erdbeben einer deiner Reden. + +Der Dichter: + +Halt ein, halt ein! Alles, was du versprichst, ist Rausch. Alles ist +Rausch! Auch deinen Kampf will ich nicht. Ich will mich nicht vergessen. +Haschisch und Opium nannte ich schon. Ich gebe nicht meine Zweifel der +Geschäftigkeit hin. Nicht ein Aufwachen, wo man noch Verse des Traumes im +Ohr hat, gegen ein intrigantes Pathos. Wer sich der Richtigkeit +entgegenwirft, wird selbst nichtig. Wer in der kleinen Misere Leid der +Ewigkeit spürt, singt, aber kämpft nicht. Nein, nein, dein Kampf gegen +Dynastien, Parlamente, Dummheit, Verbrechen, ist nicht mein Kampf. Häufe +Hunger und Unglück auf mich, du täuschest dich, wenn du meinst, ich würde +zum rhetorischen Parteigänger, zum dialektischen Anarchisten. + +_Dies Herz weiß zuviel, es hat zu sehr die Trostlosigkeit, die Einsamkeit, +die Einsamkeit jedes Grashalms und jedes Lämpchens erfahren, hat zu heiß +über verlassene Bänke bei Sonnenuntergang im Park geweint, als daß es den +Unsinn der Wehrmacht und der Gesetzgebung überschätzen würde._ + +Satan, Satan, du bist mir nicht gewachsen. Ahnst nicht die Zartheit, die +Demut in mir. Ich brauche nicht den Rausch des Außerordentlichen. Mich +berauschen ja all die lieben Wiesen, die Bienen, und ein gütiger Weltblick +einer zahnlos ordinären Hexe zum Kruzifix oder zu den Wolken versöhnt mich +mit der entsetzlichsten Verleumdung aus ihrem Munde. + +Ha, ich fühle, wie in mir all die Qualen so klein und niedrig werden, wenn +das Leben, das Leben wieder unendlich an meine Brust greift. + +Satan: + +Ehe du mich verstößt, ehe ich entfliehe, vernimm noch. Schlag nicht aus die +Hand Luzifers, des zur Erde Gefallenen, dem Gott das nahm, was jetzt aus +deinen Augen bricht. + +Die Menschen, höre, sind dein Untergang. Du sprichst nicht ihre Sprache, +sie werden dich wegwerfen. Dein sei die Einsamkeit! Trage deine Liebe in +die Wildnis! Ich will die Welt um dich bezaubern. Die Flüsse, die Lerchen, +Vulkane und Bestien seien Träger deiner Stimme, Behälter deines Schmerzes. +Die sieben Farben sollen beglückt um dich tanzen. Dein Leid harmonisiert +sich. Du kraftvoller Widerstrahl Gottes, Orpheus, süßes, seliges Abbild, +Erinnerung meiner selbst, ehe ich schuldig worden. + +Ich wollte dich vernichten, als ich dich dreimal unter die Menschen +verwies. Meine Erinnerung vernichten. Jetzt aber beugt mich Sehnsucht, +Sehnsucht nach der alten Reinheit. Bleibe, o Klang des Kosmos, bleibe mir. + +Der Dichter: + +Satan, Satan, du auch mein Bruder. + +Jetzt weiß ich, daß ich unter die Menschen muß. Alle meine Zweifel, meine +Anklagen gegen mich, schrumpfen nun ein, wo urplötzlich eine ungeheure +Sonne aufging, und ich sehe, daß all das, was ich für Mangel hielt, +Schicksal ist, mein einziges Schicksal, das keinem, keinem Wesen +angeglichen werden kann. Ich werde nicht mehr zetern über chaotisches +Gemüt, Unstandhaftigkeit, Unsittlichkeit. Die Gesetze des Menschen, auch +seine Moralgesetze, sind nicht die meinigen, weil ich in Beziehung zu ganz +anderen, höheren Gewalten stehe. + +Ich werde nicht mehr weinen, weil nichts Menschliches an mir ist außer +Hunger, Durst, Schlaf und Wollust. Und doch, so ich nun mein unmenschliches +Schicksal erkenne, treibt es mich wieder, unsäglich treibt es mich zu den +Menschen. + +Satan + +(hebt sich dunkel auf und verschwindet). + +_Der Erzengel_ mit dem Flammenschwert in der Rechten steht feurig über dem +ganzen Himmel. + +Der Erzengel: + +Nun der unselige Bruder versank, blicke in dieses Auge, Mensch. + +Der Dichter: + +Was überwältigt mich so wonnig? + +Es stürzen Lawinen in meiner Seele und goldene Bäche nieder. Heimat, +Heimat! Ist auf den seligen Gefilden deines strahlenden Kleides, die +Heimat, die so oft nach dem Schmerze wirr empfunden und beweint wurde? + +Ich will nicht mehr fort. + +Laß mich sterben. Zu dir, in dich einziehen. Bist du das, was ich Kindheit, +Unbewußtheit nannte, bist du das, was ich Bai des Entschluchzens, Tod +nennen will? Nicht mehr zurück, nicht mehr zurück in das Leben, wo die +entsetzlichen Schimären, Arbeit, Ehrgeiz und Gleichgültigkeit den Jammer +der Seele verhöhnen. Sei das Eichenbett zur Winterszeit, in dem ich mich +klein machen will, sei das vergehende Firmament des Frühlings, unter dem +beruhigend die tausend ersten Schwalben taumeln, sei das Antlitz der +Geliebten, in dem ich schlafen gehe, sei die vergangene Stimme der Mutter +bei einer Kinderausfahrt im Landauer! + +Der Erzengel: + +Du wirst nicht sterben! Dein Geburtstag ist heute, o Sohn! Was siehst du? + +Der Dichter: + +Ich bin in einer Dorfkirche. + +In groben Bänken grobe Gestalten mit harten, unversöhnlichen Gesichtszügen. +Der Pfarrer liest die Messe. Eine Orgel höre ich nicht. Das Trippeln, +Knixen und Klingeln der Ministranten ist mir ebenso widerlich, wie das +falsche, salbungsvolle Sichumdrehen des Geistlichen und sein kastriertes +Dominus vobiscum und saecula saeculorum. + +Ein hoher, hohler, öder Chor macht mich verdrießlich. Da, auf einmal bewegt +sich ein komischer, farbiger fahnenbewehrter Zug vom Hauptportal zum Altar. +Voran eine Musik, zehn Männer mit ungeheuren, gelb verschlungenen +Instrumenten, dann mit kurzen Schritten Feuerwehr, nachher ein +Veteranenverein und zuletzt weiße Firmkinder. Mädchen mit langen, +schlenkernden Armen und kurzen Zwirnhandschuhen, an dem rührend flachen +Busen allerhand Blumen; Buben, die halblange Hosen und ungewohnte Scheitel +tragen, und denen von verwegenen Spielen schwere und derb zerrissene Hände +allzu groß und unbeherrscht ruhig aus runden Ärmeln hängen. Mütter drängen +sich, Weisungen erteilend und mit Blicken dirigierend an die Schar. + +Da beginnt die Musik. Hörner und Klarinetten setzen falsch nacheinander ein +und haben Mühe, sich zu finden, während unten und oben jedes für sich und +unbeirrt Bombardon und Flöte ihres Weges gehn. + +Und jetzt, jetzt ist es doch Musik. Süß, einfach wie Atem, wie Wind, +ineinander Thema und Baß. Ist es ein Stück aus der Schöpfung Haydns, ist es +Pergolese oder ein simpler ländlicher Choral? + +Das Einzige ist auf einmal da, was alle, alle Geschöpfe vereint, Musik. Das +Unbegreiflichste und Sicherste dieser Welt. Wie auch Lärm um uns ist, der +langsame Viervierteltakt hebt an, und jedes Gemüt hört unbewußt den Takt +seines eigenen Wandelns und empfindet die große Brüderschaft der Wesen, +fühlt wie sein Gang der Gang der Planeten ist, der Tanz der Sonnen und der +kleine Lauf eines Wiesels. + +Die ruhige, schreitende Melodie ist da und mich erfaßt ein erhabenes +Allerbarmen. + +Ihr sitzet da mit rauhen, verlorenen Gesichtern. Du dort, Wucherer, mit dem +Glasauge, und du dort, Frau, aufgedunsen von vielen Geburten. Jener denkt +an einen Pferdehandel, dieser an die Versicherung seines Hauses. Die +schmächtige Frau träumt davon, daß ihr Mann Gemeinderat wird und die üppige +von der Brutalität ihres Liebhabers. + +Kennt ihr euch denn, ihr Menschen? + +Ihr Armen, Armen, einfältig Schlauen! + +Und du, überlegener Herr Professor, wackerer Monist, was weißt du denn von +dir und Welt? Armer, einfältig Schlauer! + +Nur ich, nur ich verstehe euch! + +Nur ich schöpfe von eurem Antlitz eine Grimasse ab und habe ein Stück +flatternde Seele in der Hand. Ihr seid Handelnde, Mitwirkende dieses großen +Balletts, -- ich bin der ferne, der schmerzliche Outsider. + +Der Erzengel: + +Nun hast du dich erkannt. _Nun weißt du ganz, daß dein Reich von dieser +Welt nicht von dieser Welt ist. Das ist, o Dichter, dein Geburtstag._ Und +in dieser Welt, der Gesandte, der Mittler, der Verschmähte zu sein, ist +_dein Schicksal_. Kein Gesetz, keine Moral gilt für dich, denn du bist der +unsrigen, der unendlichen Geister einer. + +Der Dichter: + +Welch unbekannter Stolz durchrollt mich, welch neue Stärke faltet meine +Stirne? + +_Die Welt braucht mich_. + +Ja, ich höre eure Stimmen alle. + +Der blonde verprügelte Soldat ruft mich an, ein kaum getötetes Häslein, das +fröhliche Jäger mit in die Stube brachten, wartet, daß ich fühle, wie +anmutig mädchenhaft sein kleiner Körper erstarrt. Die große Zigarre eines +Börseaners sieht mich seltsam an, und ich allein, ich allein empfinde für +sie, daß sie nun bald nicht mehr sein wird, nicht einmal mehr Rauch. Eine +kleine energische Frau sagt: »Ja, als dann mein Bruder selig starb, war ich +ganz allein.« Und meine Seele umarmt sie und weiß alles, das Abstauben bei +fremden Leuten am Morgen, das Mittagessen in der Küche (sehr viel Zimmet +und Zucker), den Hausherrn in Pantoffeln, seine großen, roten, haarigen +Hände, wie sie nach dem runden, festen Busen tasten. + +Auch dein Ärger spricht zu mir, heute, unvorteilhaft gekleidetes Mädchen +auf dem Kränzchen, und deinen Mut schöpfe ich aus, Minister, wenn du ruhig +dem Wirbel der Tintenfässer und Lineale standhältst. + +Bronislawa, Barmaid, du tanzest mit einem schlanken Idioten. + +Und ich vergehe vor Schmerz und Jubel, denn bald, bald wird dein +wunderbarer, zarter Körper erlöst sein. Du bist nicht mehr. Mit dem Walzer +der Damenkapelle, mit dem Weingeruch, mit der langsamen Höflichkeit der +Kellner stürzest du ein. Dein silbriges Skelett faßt ein Sarg. Doch dein +unsterblicher Augenaufschlag, der harte Tanzschritt deines Fußes, dein +flatternder Alt, die Hingabe durch den Mann hindurch an dich selbst, deine +unsinnigen Redensarten, dies alles, alles entschwebt und ist überall da, +und ich Glücklicher finde es, wenn der Mond aufgeht und Mädchen den Eimer +aus dem Brunnen emporkurbeln. + +Engel, mein Engel, jetzt fühle ich, daß ich von deinem Geschlechte bin. Ich +bewundere mich. Ich bin groß. + +Der Erzengel: + +Wie du's erkennst, bist du es schon. Aber, mein Sohn und Bruder, sage, was +hörst du jetzt für Stimmen? + +Der Dichter: + +Stimmen der Lästerung und des Unverstands. Ich will mich auf eine Steinbank +setzen und himmlisch lachen. Nein, nicht mehr glaube ich von meinem +Erdenwallen, daß es nutzlos und unfruchtbar sei. + +Mögen sie nur rufen und achselzucken: Schwächling, Weichtier! + +Ich führe und leite sie doch. + +Die ganze grüne Erde liegt da und schweigt. + +Ich werde sie ihnen schenken und sie werden reich von meiner Armut sein. + +Denn siehe, ich bin die Verkündigung! + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Versuchung, by Franz Werfel + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40165 *** |
