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Offensichtliche -Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -Der Hirtenknabe Nikolas. - -Motto: - - Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind, - Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit - Und jedes höchsten Opfers ist er fähig, - Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt. - Denn wiederum gewährt die Phantasie - Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum, - _Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel; - _Was_ aus der Phantasie fällt, das ist todt; - Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz -- - Am Tage ward er -- eine hohle Weide, - Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle - Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf - Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube. - - - - -Der -Hirtenknabe Nikolas, - -oder - -der deutsche Kinderkreuzzug -im Jahre 1212. - - -Nach den Chroniken erzählt -von -Leopold Schefer. - - -Leipzig: -F. A. Brockhaus. -1857. - - - - - - -Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger. - - -Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins »zu Thal«. Das -waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne -dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen -Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige -unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und -Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in -spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er -sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm -selber lächelnd genannt: »Herr Großhändler«, ob er gleich ein -Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause -reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen -Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von -neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der, -seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen, -weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer -ersehnten Rache aufblitzten. - -Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu -hören, immer über dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind -hinterher. - -Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit -goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen -in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn -daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach; -aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann -verdrossen zurück zu den beiden Gefährten. - -War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue. - -O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er -nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht -. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut -wie dem Kaiser,[A] der unser schönes Mailand verbrannt und »von der Erde -weggetilgt« --. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube! - -Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor -den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine -liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei -Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es -schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites -Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar -sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen -Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim -zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich -antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme -und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde -erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine -ich. - -[Fußnote A: Friedrich I.] - -Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr -und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova -ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon -hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen, -und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen -rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten -die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von -Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand -wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur -droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber -allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der -Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein -hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben, -verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten -als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im -Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen -Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes -Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoßen sind in immer -längere Verbannung -- aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der -Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und -Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges -liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben, -solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewiß noch drei Tage -länger, wenn nicht viere! - -So schloß er fast lachend -- aber wischte sich die Thränen aus den großen -schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den -Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen -kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art -vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt. - -Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins -hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das -grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden -kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und -küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen für alle -Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich -chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den -Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft -und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen -Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da -wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein -Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die -Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte -Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der -gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und -die Schildkröte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit -tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott --- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und -wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme -umfaßlich. - -Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die -_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da -das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus -Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen -sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und -Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in -den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus -der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt -oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die -Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und -Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben, -harte? - -Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten -und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen -Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter -den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich -hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten, -wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit -ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen -und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne -Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben, -sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und -schnatternden Enten. Diese »Jungen« aber hatten Führer, fast lauter -Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen. - -Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die -Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört: - - Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück! - Und nebenbei all' all' alles Glück, - -Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen -Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. »Alle -sind wie Einer und Einer wie Alle«, sah er. Er beschenkte einige von ihnen -nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken -erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm -gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja -er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen -- mußte sie endlich -ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die -Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs -auf einen Hügel zu, der »der todte Jud'« oder »der Judentod« beim Volke -heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann, -worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der -jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu -sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu -greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern -Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung -gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, daß die Athener -Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten -Spaßvogel gehört: »Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen -und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden«; -- -worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben -und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den -Spaßvogel _für den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten. -Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein, -denn sonst hätten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann -ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir -los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder -zu erobern. -- Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen -frische Pfähle ein -- Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten! -Der Herr erbarm' sich! - -Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er -18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im -unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die -Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die -Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie -Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die -hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis -hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte -er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem -Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen -darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende -Farben überwältigten ihn, daß er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja -selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerührt. Auch -ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll -schweren Ernst der Welt. - -Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg, -mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die -Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen, --- und dort nur das Schloß der edeln Hompesche -- dort brennen schon die -vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der -Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schloß -der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius, -auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß, -die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, »der -Zug«, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle -meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen -Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem -Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche -hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf »Ich«, die sie -nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich, -Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt -gar Ichen-Dorf. - -Sie sprengten auf den Hügel. - -Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten »_Funken_«, -ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit -Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und -frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich? -_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh -und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm -Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in -Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer -nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen -Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein -junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der -alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_ - -Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das -Wort um ihn herum: »Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht -Herr Sinzenich?« . . . und selbst der Doctor lachte. - -Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude? -und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her -mit dem Schwert! - -Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert -aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm -auch noch die Scheide sammt der Kette. - -So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte -ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram, -alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort -fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat -hier draußen misliche Geschäfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon -offenbaren! Kommt nur erst heim! - -Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt? - -In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod -oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der -Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann -erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit -dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich -floh aus Spanien, vor . . . - -Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein -Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt. - -Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo -er wohnen würde. - -Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen -Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und -sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das -Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der -Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit -breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen -und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen -- Alles zu vielen -Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den -Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: »der Inhaber habe gelobt: ins -Gelobte Land zu pilgern«; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof -lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes. - -Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes -lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne -Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die -Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie -sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam -nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach -seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in -dessen Halle schon eine Lampe brannte. - -Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart -zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem -Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht -daran. - - - - -Zweites Capitel. Die Frau Rath. - - -Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen -Hauswart und rief vor Freuden den Namen »_Hagebald_«, alter Hagebald! Er -eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter -gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und -durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über -dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die -Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige -Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als -Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen -meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling, -schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon -eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt -schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die -Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natürlich ohne -Frau und Kinder, und _kehre_ unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne -Frau und Kinder wieder. - -Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ -ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: »_Wer da weint, ist kein -Feind_«, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den -Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm -bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath, -entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren -stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen -- aber -_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen, -um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit -verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre -Strafe Erwartende. - -Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen -»_Raimund_« aus. - -Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust -drückte. - -Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hörte ich draußen -soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden -Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch! -Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter _Frederune_ getaufte -- sie muß -schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13! -Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder »alter Wein« --- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte. - -Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser -Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine -dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am -Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O -daß wir -- nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden -nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in -Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein -Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt? - -Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber -du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest -zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten -drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tönnchen Gold --- sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir -drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um -dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so -nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib -Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse -die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht -Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber -freuen! - -Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr! --- Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder -langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu -bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o -nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen -gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch -Hülfe bringen soll! - -Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath, -indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern -legte und liegen ließ. - -Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod -nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische -Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu -bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand -genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die -einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste -ist für ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen -in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt, -die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre -- ohne den Verrath -und den Misbrauch, ein wüthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wüthen zu -lassen! - -O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt? - -Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich -stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem -Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen -Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er -sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn -herausfühlen, was er will und was er kann; er muß _aus des Feindes Augen_ -sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und -gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zärtlichste -Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich -ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da -ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem -Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich -_kleinlich_ und albern nennt -- »der Welt« gebot, die aber erbärmlich und -abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen -noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht -versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf- -und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem -Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja -grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen -Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und -Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des -Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu -legen. - -Da sieht nun der redlichste _Dülpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger -Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den größten -Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein -Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige -Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der -Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu --- ohne nur zu hauchen -- in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß --- so _mußte_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst -ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz -Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für -höllisch und ganz abscheulich halten -- _für Menschen zu erklären_. Und -_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da -auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte _neue Märtyrer_ -macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und -Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder -geschehen wird: »Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.« Und wo -befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über -der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit, -die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk -ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst -hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst -getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort -am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist -- -_denn der brennende Rock ist der wärmste_ -- sodaß er zuletzt nur mit einem -Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was -ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus -_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu fürchten hat, so hat er die -Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden -_für einen Kreuzzug erklärt -- und Er mit Recht!_ Cardinäle haben diese -mordbrennenden Kreuzträger geführt -- darauf hat der Simon von Montfort die -Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge _springen_ -lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten, -und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der -Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines -erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den -Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum -Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: »_Gott_ wird schon die Seinen -kennen!« Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit -Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele -und unserer kleinen Kinder. - -Armer Mann! stöhnte die Frau Rath. - -Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn -aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun -über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen -zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um -Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch! -Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten. - -Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde -gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein -Mann unser Geschick erzählen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im -zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es -beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht! - -Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann -winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie -schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt! - -Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen -Teppich bedeckten Tische. »Der Mann und Bruder und Vater« saß daran auf -seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden -ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder -Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde -zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt. -Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu -strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und -lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament -in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit -offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen, -als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu -vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum -regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen -ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft; -geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen -geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So -mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so -nennen, ein Seliger. - -Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach -Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann. - -Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine -Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein -namenloses Weh. - -Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene -Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und -den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie -höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie -leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere -bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde? -der gute Kerl! - -Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den -Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt -schreien zu wollen scheine. - -Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben -und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn -was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht, -dann wäre auch nie nur _ein_ böser Mensch gewesen und noch, oder würde je -sein -- nie wäre _eine_ Thräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen -Blut fließen. _Eine schöne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum -wollen wir doch lieber vernünftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen -dazu rathen, Hohen und Niedern! - -Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle -Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite -des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das -gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder -irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen -abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu -benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und -verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die -Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe. - -Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte. -Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung -der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjährige _Irmengard_, war mit -ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem französischen tüchtigen Mädchen, das -hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hieß -- von der großen -Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mädchen, die -sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause -zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das -dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen -Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände -zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war -stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze -nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe. - -Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt -im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen -Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum -Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie -eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen -und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da, -der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem -einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller -Menschen- und Mädchenglut. - -Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund -mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das -aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es -aussprach: - - -- -- -- »Bescheid des Rathes der Hohen - Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c. - - -- »Leider und abermals leider ist das Unglück, - wie der leidige Satanas, eine so freche - Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts - höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten - und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja - an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes - Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst - und redlich geschmähte Unglück auch - Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes - Mitglied selbst, in Eurer Tochter das - Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja - zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen - bedauern, da wir Euch nicht helfen - können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen - dürfen; _ausgenommen wir leugneten die - Schöpfung der Welt, Sündenfall und - Erlösung, und hätten wenig, ja keine - Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott - uns Allen gnädig gebe! Amen. - - »Weswegen wir Euch denn unsere gerechte - Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr - in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst - gar nicht mehr «_um das Leben_» - Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten - _Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich - als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu - leugnender _Großvater_ von mütterlicher Seite, - nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch - gottergebenst uns vor Ohren bringt, - daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen - Tage der _Hurd_: ihr armes Würmlein, ein - Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so - gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch - und schon mit verbrennen müssen, ohne noch - schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten - oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß - _wir zu unserm Heil nichts mit der Natur - zu thun noch zu schaffen haben_, also - nicht zugeben können noch wollen, weil wir, - wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir - wollten, und unsere Weiber daheim uns mit - Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher - Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_ - sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle - mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur - das Kind geboren, gesehen, zum Himmel - gehoben und redlich, ja über die Maßen - beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle - und müsse, daß es _nach seiner Geburt_ auf den - Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die - kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen - Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche - verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt - seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines - Lebelchens gesetzet. - - »Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste - und wird der Mutter hierdurch ehrenfest - abgeschlagen, welches Ihr derselben in - Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu - gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie - von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen - und wo möglich ihre Seele zu retten, - _wenn der Glaube die alberne Natur von - ihr austreibt_. Darum überwindet Euch zu - dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und - _halb nicht zu leugnenden Großvaters_ - und Rathes! - - »Denn wäre das Kind _nicht_ eines, wenn - auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn - man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: -- - aber doch _Juden_ Kind, so hätte das Mal - nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten: - es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger - oder Bürgerin, und sie nur eine - voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue - noch ein »vergebenes« Weib sein könnte. Aber - ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste - Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein - Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein - des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch - der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen, - wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein - pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter - Gottes! - - »Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen, - und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen, - damit Natur und Mutterherz durch - unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer - unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten - Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in - den Himmel eingeht -- _wenn noch!_ - - »Wir haben zwar hier wie in allen Städten - am Rhein seit schon lange niemals ermangeln - lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung; - wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer - Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten - und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie - eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden - Erfrischung! Denn was die Augen sehen, - das glaubt das Herz. Und so bleibt die - Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval, - zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch - Ihr Euch daran, wie wir Alle. - - »Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit - Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach - der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt - unsers Herrn im Jahre 1212.« - -Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen, -ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können -- wie -Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester, -Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders -als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume -- als der Todte -mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr -dasaß -- und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die -kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja -selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter -Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine -junge Dämonin -- um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu -gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf -ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine -Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! -- -im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut -mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn: -wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine -Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der -seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja -doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die -Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater -nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er? - -Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh! -riefen Alle voll Grausen zugleich sie an. - -Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich, schien gerührt zu werden, da -sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr -Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der -Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte. - -Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt -sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden -Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du -vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus -der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die -Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er -ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie -fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie -donnerte mit den Fäusten daran, daß Allen der Athem verging, sie stumm sich -ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände. - -Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o -wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du -dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, -- ja daß du dann dein Kind -nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne -junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht: _wer etwas verwünscht, der -steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden._ Haß und -Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was -weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig -verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort -das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und -Mutterliebe. - -Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und -sein Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren«, ist -das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt -ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und -Kälbern. -- Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen -hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste -aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht -und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig -werth_; sag' ich dazu als Astrolog. - -Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und -Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben -es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu -einem Seufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon -segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch -ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn -fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen -bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben. -Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein -weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur -für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O -meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat -einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken -wollte: »Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen -hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich -weiß und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir -schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige -- er muß lange und -viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.« Den Mann -versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen. - -Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war, -weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr -geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater -beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie -fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im -Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daß _sie_, als ihr letztes Kind, -sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht -hinkommen, nur umkommen werde. - -Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit -Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber -haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit -uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber -sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß -besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den -das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch -gerade für einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß -nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten. -Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre -Familiengruft nach Melaten begraben. - - - - -Drittes Capitel. Der Rath. - - -Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die -flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller -Carnevalgebäck dazu hingestellt. - -Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der -Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter -Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval -eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und -sang. Dem hörten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt. - -Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei -Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die -ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug, -also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._ -Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als -_krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste -übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern -mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach -Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr, -ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden --- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die -Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein -»raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des -Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der -Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den -Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr -aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die -Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und -entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen -hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis -sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein -in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die -Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche -geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich -ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose -Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie -mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu -heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in -Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor -Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu -pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also -damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich -höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich -will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern -zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen, -deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes -Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten -dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über -Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich -selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die -Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt. - -Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard -thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie -helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift. - -Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der -Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem -widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht, -selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt --- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im -Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in -welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der -Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie -als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur -mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit -_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin, -begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen -erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der -Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen -und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein -gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für -Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu -jeder Stunde. - -Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr -freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja -das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat -mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man -kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man -nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns -hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der -Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln, -der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich, -ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst -recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle -Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_ --- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig -verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen -und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden, -und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche -- -den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen -geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine -Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_ -Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist -alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die -Straßen. - - - - -Viertes Capitel. Der Saal der Hanse. - - -Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und -hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein -Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander, -aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein -kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten. - -Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie -ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch -Masken vor unser Gesicht zu kaufen. - -Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald -einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an, -von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an -ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem -Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden -Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich -steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und -versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur -Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich -zahlreiche Kunden versprechen durfte. - -Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf -den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen -Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern -sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der -nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und -Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und -die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach -jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem -ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen -Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken. - -Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die -Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine -Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden. - -Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte -zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit -Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und -Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und -was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder -selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch -durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden. - -Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit -Angst. - -Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und -Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und -der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je -dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im -Rathhaus. - -Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen -standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen -drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho, -hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn -eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe -darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein. - -Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie -mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei -dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden -Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und -wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten. -Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch -geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer -schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal -zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch« --- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die -Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen -zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt. -Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde -sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der -That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre -Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen -müssen. - -Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die -himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? -- -Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so -eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein, -soweit man ihn gehört. - -Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie -jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den -Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und -Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder -Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern, -die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und -wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein -Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug, -sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders -Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten, -von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es -getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht -haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht -ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale! - -Und sie folgten langsam und unauffällig. - -Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal -getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in -prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im -Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken -zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle -erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines -Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den -armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten -sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen, -und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du -unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus -Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die -Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.« - -Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit -besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und -richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der -lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte, -wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt -durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem -Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich -gelingt. - -Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn, -was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte -ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die -Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir -nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem -entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt -sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich -nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die -grausame Strafe, klug zu werden. - -Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm -kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht -sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch? - -Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach -Jost. - -Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe -dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser. - -Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme -früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch -wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte -Freude. - -Darauf hielten sie sich an den Händen stumm. - -Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne -Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe -geschehe. - -Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen -gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren -saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab. - -Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da -das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne -Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein -Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht -und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer -Patricier. - -Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere -Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige -redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten -seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt -erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem -Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und -wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol -zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten -Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als -unermeßliches Elend rennen! - -[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._] - -Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen -Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig -selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu -den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen -Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch -weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und -was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer, -von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt, -für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige -Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie -vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser -alter Hardenberg. - -Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und -väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung -anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen -»der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am -Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken -gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten -einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte -sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde -an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen: -»Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben, -und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und -_Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden -und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles -leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar -vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu -bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen -unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem -solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß -nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt -Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie -neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen -getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu -stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel -geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen -armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger -Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie -wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle, -weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein, -das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags -im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im -Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes -Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!« - -Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer -Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in -Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde -_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es -will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will -für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts -ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für -_alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine -Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle -besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz -die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella. -Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit, -die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_ -aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich -begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig -plagen? . . . - -Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns -im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige -faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!« - -Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug -aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen -Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer -Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit -in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den -Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit -und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und -was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen, -daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und -seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie -andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf -ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der -Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich -wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine -der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen -_sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und -Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche -Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die -Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen -. . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen -Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine -Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten -unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen -Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen -Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.« - -Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles -ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife -Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich -wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt -doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern -hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der -Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir -Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur -Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei -Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk -unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr -Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto -erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine -nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht -oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus, -wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt -geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_ -mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen, -stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen -müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren, -die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath -durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele -Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner -spaßhaften Zeit. - -Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf -gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach -Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in -seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen -Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber -darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg -aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen -Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen -aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn -sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis -durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne -Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere -bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat -selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller -wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die -Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in -plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser -duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der -endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum -spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang. - -[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht -lange nachher.] - -Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht -erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch -Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und -immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das -Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine -liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein -Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt, -jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden -Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem -als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte -war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode -verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher -der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der -verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen -Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder -ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über -die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen -und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder -eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt: -Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und -der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat -ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit -den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das -heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue -- -dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und -Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner -Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge -paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die -Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter -unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem -spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen -Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich -meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_. - -Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren -Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es -räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre -Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer -brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich -genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge -nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt, -und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles -muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer -Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im -Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei -und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen -sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein -Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes -Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt! - -Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder -machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder -von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu -bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte -haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen -zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und -langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich -erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und -Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem -besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also -unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer -entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh -in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber -war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie -unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf -gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so -viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen -und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben -werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst -die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren -Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich -auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten -die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die -sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die -andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die -wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer -Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund -deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein -Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter -oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden. - -Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und -geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden -Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's -todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und -Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon -fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend -schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides. - - - - -Fünftes Capitel. - - -Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die -drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging -jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin -geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er -den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich -mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte -indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten -Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient, -der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade -erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine -Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber -größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben -sollen. - -Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder -Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und -Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen -Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke -Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen -diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die -Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig -angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch. - -So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die -Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge -mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte -war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder -irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner -Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen. - -Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen, -schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die -aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in -Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete. - -Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so -betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch -überstanden hast. - -Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt -fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und -wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem -Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf -jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst, -aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken: -«_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht -frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser -einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem -Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in -der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon -hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die -Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender -ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar -macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern -_gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor -die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß -die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das -gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen -das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer -Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches -Nebengut noch Nebenglück. - -O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund -dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch -ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! -- -und den Vater! - -Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham -ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter. - -In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du -gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine -Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das -Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder -gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und -schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß -denn der Maler? - -Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie -halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen -Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach -den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt -wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich -sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen -zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen. - -Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein, -und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah! - -Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken, -versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen. - -Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in -die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im -Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit -der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas -in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die -Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als -ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem -oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen -_zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch -noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu -verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen -Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu -lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich -gesund und lebendig hat heimkehren lassen. - -Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu -verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten -versprach. - -Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für -Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach -Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie -das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig -- -wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und -Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide -ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu -den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin -gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit -bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die -Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht -bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein -_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber -lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und -nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor -Liebenswürdigkeit machen. - -Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich -der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte -Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem -seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt -_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin -vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft: -»Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen -lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm -_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die -Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein -zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur -aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten -barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und -dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder -Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das -redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom -würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem -Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten -sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt -und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges -Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_ -Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen. - -Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe -fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine -bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die -Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast -herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den -Thurm und flogen zu Nest. - -Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen, -die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er -wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder -Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr -Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den -Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der -schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre -Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum -Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber -vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe -unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen -- -wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_ -wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich -so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn -doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann -mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen. - -Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend -Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern, -wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer -aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt -doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze, -sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar -nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und -beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste -Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr -früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders. - - - - -Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder. - - -Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und -meiner Gnaden!« sprach Jost. - -Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen -treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe. - -Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den -Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die -Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun. - -Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein -_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der -freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen, -und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben -seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann -sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und -wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise -nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und -der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst -umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten; -und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln. - -Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand -hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem -veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll -. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen -Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und -die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte -. . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur -spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue -und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die -Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost, -als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar -mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete. - -Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost -unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der, -nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis -Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das -Schicksal seiner Tochter gestorben. - -Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt, -mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das -Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend -das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu -Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in -Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus -unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B] -Hm! - -[Fußnote A: Matthias Paris.] - -[Fußnote B: Chronicon Sicardi.] - -Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die -Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über -den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch -hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der -stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen. -Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige -Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_ -treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht -erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen, -indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein -Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist -nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen -kleinen David. - -Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine -Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber -Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte -denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit -Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und -Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich -gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst -sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten. - -Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage -liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken -der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr, -wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden, -den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien -mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus -zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen -aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja -Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich. -Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es -kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der -Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch -_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere -Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt, -und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge -weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz -zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja -schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol -herzbrechend, himmelstürmend! - -Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe, -wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von -neun, ja von sieben Jahren gehabt haben? - -Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der -Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem, -nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht -ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die -alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu -befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben -Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige -in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das -wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und -andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen -sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu. - -[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_ -nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des -Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_ -pervilis.] - -Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt -ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen -Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so -gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am -Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner -Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als -einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich -begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige. - -Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen -vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum -Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem, -wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern -Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen, -nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können. - -Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten -an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und -sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den -Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur -mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_ -ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller -furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz -gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr -schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm -offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder -bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von -Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den -Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes -gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur -Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur -etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige -Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in -seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit -dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der -Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob -Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm -schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die -entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige -Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu -St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch -Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja -sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der -Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und -verstummt sind vor seinen Engelsgaben. - -Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder -umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem -frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und -Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine -zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn -versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere -Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren -Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das -von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben -begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit -meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister -über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner -Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit -bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein -durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren, -sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der -von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen, -ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus -gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken -kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben -und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung -führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen -verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen -Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich -nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um -den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum -Himmel gekehrten Augen die Neige aus. - -Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe. - -Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden -Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der -Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends -dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf -welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen -und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da -habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet, -von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen -wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem -Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie -niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei -er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen -Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche -_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und -französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und -bezauberte Puppen böser Geister. - -[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.] - -Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen -willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich -ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter -Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze -unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und -Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen -der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein -solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn -sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke -Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen -desgleichen entsetzlich_. - -Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder -alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten? -»zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß -also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie -denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem -Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich -nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn -sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland -im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur -ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A] - -So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz -verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp -August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte --- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris -gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien -die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt, -worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und -fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von -Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät -thun!_ - -»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen -solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor -Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen! - -Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke -für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr -ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die -Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer -mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder -irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des -Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen -getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung -fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_ -Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut -welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede -Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe -vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne -_Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne -_Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so -fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben -. . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen. --- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem -Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die -Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere -Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach -auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten -Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug -gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der -Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle -schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil -- -er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und -ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu -regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben -Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer -barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern -schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und -neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen! - -[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant -post quendam malignum puerum.«] - -[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.] - -Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete -dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge -. . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen. - -Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten -Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und -Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und -Versprechungen mit den Augen zuwinkte. - - - - -Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas. - - -Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem -Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon -verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge -Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum, -aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im -Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und -weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des -Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt. -Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne -Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen -zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig -schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das -Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher -vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei -seiner verwitweten Mutter wohnte. - -Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen -Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern -gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt, -auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und -gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth -sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor -sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild -nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die -selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder -ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern. - -Der Maler zuckte die Achseln. - -Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig -bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum -Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer -verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen -mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück, -wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er -sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie -gewiß Niemand so lieb und herrlich machen. - -Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer -Lindenburg. - -Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an -dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm! -sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere -Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch -jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --; -es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor -Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme -dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und -Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den -Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen, -besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich -groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen, -sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und -bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für -Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu -erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen -wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in -den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück -erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist -_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit -Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da -würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit -Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal -später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum -verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in -frühern Tagen! - -Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und -sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald -hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich -fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen. - -Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein -Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen -sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an -den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern, -auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah. - -Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute -mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon -über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken -war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel -lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen -Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um, -wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach -Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland -zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf -künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die -Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und -Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern, -dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem -Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und -sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den -Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und -Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und -zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in -den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick, -Schnure, ja nur Bindfaden. - -So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen -alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen, -tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät -sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu -spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem -Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus, -oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine -Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins -Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt. - -Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie -ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie -hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in -Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel -und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann -niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es -wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen -Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell -und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen, -oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe -windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen -und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube -der Most und der Wein. - -_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und -es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den -friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und -gründlich übel vor der ganzen Welt_. - -Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die -alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges -Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau -Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein -gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen, -aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht. -Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus -seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er -kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine -prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen -abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er -nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden -Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die -bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz -leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein -ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht. -Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und -umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben, -während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange -nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen, -sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen -Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern -Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen -Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem -Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am -meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine -kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher; -seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne -hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden -verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter -Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie -ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten -Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt -für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles -Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne -Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten, -nachher eben nicht besonders zu bedauern. - -Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner -Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild -des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in -den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal: -Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand -erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie -nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um -den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_ - -Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann? - -Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber -dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg, -und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich -selbst, von Ferne stehen. - -Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es -klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte. - -Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst -über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie -schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder -überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige -Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel -stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und -habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich -drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr -mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde -oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der -ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die -unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns -zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn -mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte -Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den -Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe -bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter -zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der -Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen -Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange -in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten -Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten -durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde -zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen -Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund -sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem -Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem -Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar -nicht glauben!_ Aber -- du sagst es! - -[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.] - -Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier, -als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da -sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen, -wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn -der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der -heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und -auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte -von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.-- - -Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar -nicht glauben!_ - -Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den -Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die -Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja! -auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich -wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er -ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig! - -Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine -Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und -er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten: -Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett! - -Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man -glauben._ - -Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber -bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein -Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte -mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da -sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen, -sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster: -Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu -werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den -dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat -sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener -Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl! - -Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in -der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die -Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und -ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen -Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf -die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem -Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand. - -Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede -weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in -den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie -predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung -und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die -Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und -fortzuführen. - -Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers, -Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel -gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel -ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten --- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der -Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem -zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren -unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde. -Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den -Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe -Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an --- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die -Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und -Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der -jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht -und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild. - -Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und -geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von -Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich -sich die schönen Haare aus der heißen Stirn. - -Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er -auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon -immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche -Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder, -und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum -mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu -keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes -gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter? - -Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard -verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als -treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten -Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund -unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des -Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort -in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue -Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht -den Entwurf zu der Kinderpredigt störe. - -Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine -Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der -langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich. - - - - -Achtes Capitel. Die Kinderpredigt. - - -Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit -verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und -begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast -_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar -leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt, -weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch -vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_ -ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei, -ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert. -Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten -langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben, -bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er, -um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_ -Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und -es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt, -in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen -geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im -Stillen sehr ernst und genau beobachtet. - -Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit -verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung -und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre -Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und -ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines -wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß -jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu -beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der -zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den -allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von -ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit -den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der -Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief: -Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist -betrunken! - -Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund -in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen -tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen -für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und -den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf, -und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für -besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog. - -Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei -unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren -beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine -Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_ - -Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« -- -das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres. - -Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein -Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard -vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus, -aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu -knien. - -Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme -Witwen geblieben waren. - -Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon -sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend -und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu -Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich -zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und -Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr? - -Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer! - -Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen: -Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der -Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites -»ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben -denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch -Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn -stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da -sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf -herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken -wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr -scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit -irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_, -ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem -Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn -ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und -Feuer. - -Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend. - -So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein -wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle -andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist -es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre -Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst. - -Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein -vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine -Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die -_Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im -nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große -Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre -Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären -sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und -Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt -Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und -selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon -ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide -besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren -- -nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir -Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und -Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut -wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten -Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten -Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und -Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um -ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu -weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein -Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That. - -Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard -in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab -sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall -bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund -kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper -der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen -Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder -aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund -die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem -Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und -Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb; -aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann -hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den -Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte -sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend -Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen. - -Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als -sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß -sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und -smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der -Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem -Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem, -auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die -Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll -Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und -Vettern -- himmlisch angefunkelt! - -Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem -Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der -Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter -standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang, -und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien, -heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden -Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa -drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war -und nur mit Haupt und Schulter erschien. - -Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur -tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen -ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich -mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige, -selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige -Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren, -daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so -verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu -werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen -Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz -nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter -glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden -Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs -hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir -werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir -jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und -stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch -bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre -gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die -Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer -treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden -Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes -Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der -nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der -Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt, -heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die -ihm gezählten Tage im Sterben.[B] - -Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte: -Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und -dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu -setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe, -voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von -einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das -glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen? -Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod -und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher -unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde -ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von -Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für -euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer -nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt! - -[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.] - -[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters, -_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht -rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts -Holderes geben.] - -Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den -Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu -beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder -auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel. - -Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend -Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und -empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem -Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in -ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und -Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!« -_Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein -Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur -ein Fünkchen ist. - - - - -Neuntes Capitel. Das Carneval. - - -Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen, -Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern, -und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den -_verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete, -hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand -Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende -_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten -waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ -sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und -Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die -Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum. - -Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem -Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte -ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr -alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße -zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie -nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder -aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue -Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen -klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don -Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn -die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem -Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und -ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit, -ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten -Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_ -nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore -man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er -zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden -können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle -Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden -gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es -falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht, -daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und -nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man -ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch -oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen -froh. - -Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr -Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war -Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen, -und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem -Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes, -schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin -gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte. -Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein -Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für -alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde -in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus. -Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem -neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen -Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich -diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen -wirklich den Vers! - - Wenn der Jüngste Tag soll werden, - Fallen die Sternlein auf die Erden, - Kommt der liebe Gott gezogen - Auf einem schönen Regenbogen, - Neigen sich die Bäumelein, - Singen die lieben Engelein: - »Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn! - Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn: - Wohlan, wohlan, auf diesen Plan - Der liebe Gott will uns Alle han.« - -Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den -Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen. -Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und -wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom -Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm -nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern -und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen -Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und -eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der -Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns, -so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern -umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser -deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer -Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier -und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von -Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber -zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln. - -Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im -Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte -durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur -eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_ -redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_ -ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den -Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im -Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme -der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst -zu vergeben._ - -Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise -vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ -- -Das war verständlich jetzt für Don Ramon. - -Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu -ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf -überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr -gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen -und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in -guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe -verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten -geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er -ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes -Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden -Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen. - -Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als -_natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und -voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur -desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ -- -Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide -wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das -Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang. - -Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur -Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu. - - - - -Zehntes Capitel. Die Hurd. - - - Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das -Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue -Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die -wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die -Haken halten._ - -Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem -Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die -Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem -wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach, -eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur -Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen -Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele, -sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden. - -Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die -ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen, -noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie -in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte -ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater, -sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora -pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die -Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung -gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen, -und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam -nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in -wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines -Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem -Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer -ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel. -Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und -seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_, -der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den -Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie -jedes Land sie -- ihre zeitlang hat. - -Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen -Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und -Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit -dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen -hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch -über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den -Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer -weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern -allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich -jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die -Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie -schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger -geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten -Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde -Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen: -sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die -Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare -ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor, -und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr -Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen -werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres -Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch! -wehe! wehe! - -Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit -rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den -Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit -einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend -Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und -sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt. - -Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten -mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die -Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr -sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib -greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_, -die _himmlische_ Mutterangst. - -Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb -nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und -mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen, -langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der -jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus. - -Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die -Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom -gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn -du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie -drückten sich die Hände. - -Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und -sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste -und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch -lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht -und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen -zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei -wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon -von wem! - -[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.] - -Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu -- -denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein. - - - - -Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz. - - -So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer -sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du -hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter -Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter -lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt -nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen -mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte -ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine -Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir -zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer -im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben -herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem -sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein -Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art -Bergleute oder Berggeister. - -Also zum Nagelneuem! - -Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt -wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht -glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast -immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit -überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen -lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt -den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel, -Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager -auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter -Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen -und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang -alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem -Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art -Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas, -von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen, -vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn -auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen -sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines -Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte, -und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen. -Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat -seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns -nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter -ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit -Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar -einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf -das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach, -wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die -Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_ -nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu -Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und -der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die -Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so -Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der -Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt, -daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich -unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es -geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas -Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich -weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren -heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden -für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben -wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten! - -[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.] - -Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine -Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst -- -_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb -mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein -Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst -angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht -stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und -den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr -sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte -das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als -lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der -Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten -den Hund nach und jagten das Kalb umher. - -Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern, -kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen --- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an -einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug -mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man -diese Nacht wieder schlafen? - -Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum -Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist. - -O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie -achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle -überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem -Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen -Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom -Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen; -so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus. -Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu -Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft -geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum -vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen -Mädchen müssen uns was versuchen! - -Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge -Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten -geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie -erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und -armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand -verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern -allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden -_die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene -armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist -weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare -der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom -Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und -Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein -Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen. -So sprach das muthige Mädchen. - -Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig. - -Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken -bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten: -_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom -eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster -vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein -wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte -Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem -Schwarme. - - - - -Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier. - - -Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm, -diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt -und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht -und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz. -Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das -Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne -Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so -viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und -hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite. - -Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa -7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und -Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten -Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung -werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die -Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der -Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen -meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg -von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach -_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch -zum Andenken nur Einen Tag beschreiben. - -Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann -gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus -allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die -Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der -singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von -Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite -auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete, -wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen -oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden -Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen --- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten, -weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother -Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten -kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird -auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus -ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern -und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen -verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie -Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen -des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab -weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg -weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil -ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts -beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele -haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse -loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine -große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber -nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die -Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht -sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit -laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und -die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und -necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und -die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle -Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf -ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der -Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander -geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere -und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und -Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und -Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht -mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen -pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh, -wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim! -. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder -Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach, -wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird -meine Mutter weinen!« - -Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das -sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn -ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine -behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause -führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie -himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in -Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie -sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und -nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die -Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu -Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die -Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die -Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken -zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich -gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe -bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet, -mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem -Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine -Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags -von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes -freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie -macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das -geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie -mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne -Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch -kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in -ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als -Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde, -sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen, -hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein -wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs, -allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins, -die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase -des ganzen Heerzugs. - -Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht -nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der -Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug -eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als -Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so -hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils -zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren. -Da war Freude! - - - - -Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer. - - -Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und -Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und -Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns -in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von -Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen -drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß! - -Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke -von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt -wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich -einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es -zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her, -da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen -Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße -zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den -nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren -gekommen. - -Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und -wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm -mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade -menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach -Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört -eine wahre, noch unerhörte Geschichte. - -Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen -des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd, -mir folgende Jammergeschichte: - -»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus -am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war -auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als -seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war. -Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn -zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu -oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn -auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und -machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut. -Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge -aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich -nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen, -daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen -Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe -einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück -fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht -verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er -doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten, -und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht -übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder -voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum -Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn -selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst -nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen -_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten -Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch -sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein -angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen, -der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter -angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten -Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und -sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein -Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause -nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar -einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter -einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ -- -Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten -Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten -Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein -finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes, -aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau -seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat -reden könne. - -Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was -wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter -eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu -kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie -geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen -Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der -Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei -gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der -Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing -Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner -Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen -Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern -geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger -Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf, -in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir -Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig, -_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn -plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir? -_Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem -Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von -unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen -könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat -da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich -bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen, -und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_ -ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld -gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn -knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir -gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der -Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam -aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter -. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was? -. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die -er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken -verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit -Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu -machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er, -nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die -Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen -gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und -bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie -hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm -gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen -- -und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein -liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit -dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in -alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen -müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_ - -Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine -bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch -Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich -zu entzücken. - -Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf -den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum -rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem -goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie -vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und -elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem -Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches -Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm -ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte, -eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und -Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_; -das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in -_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt -zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt -das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.« - - * * * * * - -Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern -Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in -deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen -mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen -abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur -Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen -einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --; -die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm -genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein -vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern -versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom -Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer -Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in -Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des -Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei -bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder -ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem -Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth -und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und -beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er, -rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«, -zu bringen? - -Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg, -und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die -außer allen Wegen liegt_. - -Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in -Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen, -und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua. - -Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither -herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der -widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da -ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder -dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit. - -Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand. -Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich -habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_ -bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein -Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder -Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen! -Also! - -Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen -im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen? - -Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten. - -Kannst du singen? - -Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten. - -Kannst du Türkisch reden? - -Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch -klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili, -kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst. - -Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache: -Kannst du tanzen? - -Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit -liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie -und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr -einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah -- -wie in das Morgenland. - -Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem -Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer -bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen. - -Savern blieb in Gedanken sitzen. - -Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren -Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette -überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust -naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei? - -Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie -_als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen, -mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran -setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und -»des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter -Wille: ein Verrücktes«. - - - - -Vierzehntes Capitel. - - -Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge -durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den -beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon -jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend, -die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald -zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um -Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter -und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im -Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So -hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße -wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche -hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege -her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und -liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre -noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich -schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht, -und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und -Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und -Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen -sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so -vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über -die Schneegebirge. - -Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager -der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem -besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei -brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden -sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein -Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen -konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert: -Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt, -ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele -nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen -Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und -Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos -aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei -uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange -gebracht wird. - -Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich -habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth -lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht -ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort, -wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und -wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt -würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem -Herzen. - -Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große -Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer, -und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der -ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende -getragen!_ - -Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt -betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren! -Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und -Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer. -Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen -ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und -Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu, -schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal -die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine -Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne -und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich -den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle -Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu -einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager -_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht, -selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf -Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt -wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer -gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit -dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon -allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_ -andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten -hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit -erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen -Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem -Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol -keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben. -Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um -die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will -nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein -und Nachtigallengesang! - -Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und -dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als -Genossen _eines_ Glaubens. - -Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von -Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei -Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben -warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten -Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber -trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen -waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre -Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den -Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein -doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des -Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern -Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die -_muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft -gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern -muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den -»_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die -herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich -freuten und sie schon probirten. - -Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war -gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten -geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines -hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren -sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem -Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den -Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden -Köpfen. - -Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen. - -Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem -Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm. - - - - -Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde. - - -Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der -Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus -berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen -Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten, -so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen, -und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten. -Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig -herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es! - -Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als -von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich -zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf -und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine -menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu -überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als -Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist -im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er -Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er -foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er, -abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt -von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte -er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze -in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne -Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen -Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten -Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß -keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte. -Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen -Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen -zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften, -banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so -eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte -Straße im Thale der Aar hinauf. - -Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen -Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude -des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und -ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur -geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen -und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann, -zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster -einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere -an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über -den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern, -mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch -seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter -- -gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam, -daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken -sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten, -weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine -Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung -ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem -Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken. - -_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine -selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier -unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in -Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch -über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem -treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt. - -Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten -Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter -Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf -Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte -auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die -Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von -Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und -seiner Kinder. - -Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe, -daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die -Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten, -sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen -gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund -auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der -Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und -zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm -gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu -sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener -Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu -wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu -verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines -Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm -stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist -sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm -einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_ -oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun -sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes -Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit -betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt -hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung -und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder -schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring -daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig -und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein! -_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen, -es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel -herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und -gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt -aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er -zog mit ihm fort. - -In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des -Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen -Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_, -oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für -Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte -Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie -aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der -Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und -untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr -grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort -ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er -ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche -»_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen -sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem -Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben -und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und -wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an -dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben, -konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die -Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf -der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für -die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich -seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu: -»Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres, -Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine -Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung -einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach -jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten -sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder -in die Hände. - -[Fußnote A: Albericus.] - -[Fußnote B: Albericus.] - -Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen. - -Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans -Land. - - - - -Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude. - - -An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und -Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und -somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein -sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum, -kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das -Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen, -hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche -Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten -Sabbath, in Genua eingezogen.[A] - -Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach -dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem -Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah -er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln; -auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie -sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot -gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie -anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist. - -Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der -Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein -Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem -Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder -weiter gereist? - -[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.] - -Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser -Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund -in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und -Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter -einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein -Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel -unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter -das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax! -Phylax! - -Phylax richtete den Kopf in die Höhe. - -Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert -und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem -Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit -tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es -ist vor deinem Tode! - -Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu: - -Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der -Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe -auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht -auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir -meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste, -den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine -Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist -genug! - -Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften -nur schwach. - -Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und -die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen. -Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie -prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es -ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten -beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist -todt. - -Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte -Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen, -hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach: - -Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der -Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten -vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier -todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in -Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden -Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine -flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von -Königen gezogenes Fuhrwerk. - -Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an -seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu -fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören, -am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und -die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt -diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau -sprach zuerst: - -Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik! -Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug -kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte, -ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand -glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als -Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern, -und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor -den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den -Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen -Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat -ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder -nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott -bewahre! Aber was war es? Wer kam? - -Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen -auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf -den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer -erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da -Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder -befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur -verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in -die Fremde gejagt. - -Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der -Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und -setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du -lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten -Gründen aufstehen mußten. - -Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen, -und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm! - -Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen -Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich -einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern, -Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken, -als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als -gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer -versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen, -und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden -da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz -Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine -domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als -unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen -mußten.[A] - -Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die -Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen -geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe -auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um -trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich -zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis -in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie -bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die -Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da -sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und -gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh -doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie -mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch -Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen, -sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht -schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_ -befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da -entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das -wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen -gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles -satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders -Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein -Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von -Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die -von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich -geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem -Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere -schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber -söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und -so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen -Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet, -von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa -begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes --- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen! - -[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.] - -[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.] - -Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard -nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus, -wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer -abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als -_Savern_. - -Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von -ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem -neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide -in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben -Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit -kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten -Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's -Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang -und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt, -die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden, -sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun -Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch -kommen. - -Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer. -Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte -und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem -Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen -Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus -dem Kern, und sprach: - -Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste -angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch -_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem, -Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt -sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden -Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie -jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals -auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten -und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen -Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr -doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen, -wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem -Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant -ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und -mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine -Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch -erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem -Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war -herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und -doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie -mir mitleidig. - -Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen -französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten -zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den -fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und -ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines -Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte -Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft, -und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer -meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und -noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines -fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an -Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden. - -Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte -meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft, -aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt -nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe -einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine -Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter, -nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir -steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf -dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und -grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer -Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus -nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich -ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der -fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist -der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn -er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen? - -Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die -er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte, -sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine -von Menschen auf Erden. - -Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen, -bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an -sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen, -und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter; -denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine -Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine -Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid -der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath -durch mich nicht mehr. - -So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein -entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir -eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom -Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken -herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und -bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten. - -Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan? - -Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es -gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann -beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du -bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht -heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die -Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da -er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines -Harems? - -Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen -und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen -glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben. - -Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der -Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_ -und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine -gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit -Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war. - -Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten -Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln -curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der -Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll -Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast -verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen -und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche -gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den -erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer -Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne -Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und -sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure -Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie -zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist -mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich -dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare. - -Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also -gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller -Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald -darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer -für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die -darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_ -erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das -Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir -ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich -nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus -angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja --- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der -gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie -streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße. - -So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_ -versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte -sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn -einzusegnen zu seiner Ruhe. - -Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine -Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch -strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn -durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in -Konstantinopel zu übermachen. - -Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs -gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister -zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach -Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden, -nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt, -in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh -einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit -ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben. - - - - -Siebzehntes Capitel. Heirathen. - - - Zuletzt verlieren alle Menschen Alles, - Und mit dem Balle fängt das Kind schon an, - Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen. - Und grause Fragen kannst du dann an Arme - Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun, - Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich: - »Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib: - »Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter: - »Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du - Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_ - Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen - Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe, - Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher - Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe. - Und endlich hat kaum Einiges die Ehre, - Ein Märchen für den Winterherd zu werden, - Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund, - Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König - Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder - Als bunte Seifenblase nur erscheint. - - Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_ - -Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben -Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit -_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben -. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den -ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und -hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen, -der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre -Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer -ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr -unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in -einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide -vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum -Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen -zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die -Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast -keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig -war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder -Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm, -und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen! -selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie -unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für -ihn. - -Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen -verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig -schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges -Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig -am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an; -denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um -ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am -Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden -vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in -den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie -an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht -uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen -geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund -wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz -verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt, -verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber -freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen -wiederzusehen. - -In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von -den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der -Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um -Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis -nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern -und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten -und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die -Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen -doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs -einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil -von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem -Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete -die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil -sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie -ohne Gewissen. - -Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die -alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt -kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem -Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig -schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_« -gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles -verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere -Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig -wird wirklich ein kühlender Balsam. - -Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte -Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau -van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur -oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als -Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten -Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt -bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und -prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der -Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten -sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern -Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und -klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von -ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur -für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch -oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit -»unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er -brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm -Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein -redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht -der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll -Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von -Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_ -durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom -Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er -nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold -wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er -ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem -liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_ -zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle -Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem -verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es -sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und -lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme -gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige -seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große -Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in -Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von -Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft -und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und -Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen -Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die -Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und -hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in -seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam, -schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich« -ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder -_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären? -bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte, -ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde -_dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_ -Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn, -gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme -und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand -auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei -dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van -Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des -heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet, -und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von -dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun -auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze -Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war -vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine -Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer -gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine -große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei -sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein -sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der -Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise -die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen, -worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich -erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit -geweint. - -Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als -Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren; -dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber -dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre -Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und -klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . . - -. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . . - -. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem -Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . . -Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt? - -. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern -Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden! - -Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins -Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe -gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser. - -Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint -und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht -geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich -aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe -verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen, -ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf -aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet -und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß, -abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren -gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde -gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen -Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im -Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten -oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man -Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien -gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und -ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß -gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes -unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_« - -[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.] - -[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.] - -[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«] - -So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase -Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth -gerathen. - - - - -Achtzehntes Capitel. - - -Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der -_sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war -schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward -verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße -Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand -und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und -schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die -Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden -Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein -Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an -den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße -fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben -weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er -kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den -Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in -der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes, -die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines -möglichen Endes. - -So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch -über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch -für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene -Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber -mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem -Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke -gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste: -Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so -habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist -besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben. - -Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem -gestorbenen Weibe Gabriele. - -Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der -Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten: - -»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt -gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen -mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein -Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb! - -Dein kleiner lieber Adam.« - -Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille -Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück. -Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie -ging und küßte ihm sein Haupt. - -Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und -bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder -flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte -sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein -Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen -zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen, -Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte -Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten -Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen -nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten -vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und -selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern -fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben -stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu -sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln, -daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang. - - * * * * * - -Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße. -Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie -draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie -wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber -ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank -aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht -hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme -ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied -gesungen: - - Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur - Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n, - Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne - Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten! - - Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal, - _Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich! - Und was im Himmel nie geschaut ward: - Engel bewundern da einen Todten! - -Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff, -er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib! -Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund! - -Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib -in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte, -statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie -trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard -aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der -Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg. - - * * * * * - -Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei, -wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der -Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel -schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor -sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und -fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die -unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind? - -Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die -Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande -- -an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der -hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen, -als ich nicht weiter konnte! - -Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten. - - * * * * * - -Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im -Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von -Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen -seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen -geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein -Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in -Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück -ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht -eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn -eingesperrt. Da sitz' er wol noch. - -Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes -einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten -Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie -bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines -Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen -geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner -_Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon -vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel -Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten -wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und -verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren -sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden -Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit -Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor -Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den -Lebendigen._[A] - -[Fußnote A: Bower.] - -Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden -Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm -die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in -der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland -erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine -Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau, -Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in -Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem -gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich -ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in -vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer -wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie -liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag -und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des -Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches, -allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig, -des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei. -_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den -Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte, -willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch, -ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und -Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so -dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann -würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles -Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und -sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus -dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich -heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt -ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr -Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern -unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den -Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich -nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen: -Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das -war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie -Nichts in der Welt so jemals wiederkommt. - - * * * * * - -Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben -Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung -abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den -Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu -bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und -selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen -Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche -recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner -»wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie -könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder -verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als -einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths, -daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine -Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich -tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen -_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und -unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum -Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode -geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher -Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß -- -Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde -aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und -der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund -- -dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande -zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe -Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und -der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm -berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden -darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen -braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben, -so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf -ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art! -Sonst taugte es gar nichts! - - - - -Neunzehntes Capitel. - - -An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit, -gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne -über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen -sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen, -fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem -Rade. - -Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von -tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder -Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer, -Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen, -harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute -Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich, -galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen -Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem -hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen -sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen -zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße -Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich -verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt, -und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner -gackern. - -Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der -Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht -dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter -Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen -der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe, -und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein -Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken -Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein -zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern, -genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle -in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu -solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er -stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof, -eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für -welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere -Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ -sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang -er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf -den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein -gewaltiger Bann schallenden Worte aus: - -»Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich -diesem Weibe das Leben, und dadurch, _daß ich sie zu meinem Weibe nehme_, -und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, _leibliche und -geistige_ Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe, -der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.« - -Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie -Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen -schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske -ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem -Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe -zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen -Menschen vollbracht zu haben. - -»_Die Heirath vom Blocke weg_« war also die von Jost in das Pergamentblatt -eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein -weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das -ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar -nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so -lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute -Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und -bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes »Ja! Ja!«, gewißlich nicht »Nein« zu -bekunden. - -Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß -furchtbaren Schmauß aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und -da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und -noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm -ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mußt! Denn kein Verurtheilter -darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett! - -So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das -ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt! -Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem -- -jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den -Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht, -noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt -- weil sonst -»die junge Frau« da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was -Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger -sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur -Durchsicht. - -Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die -Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann -gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im -Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu -werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde -muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! -- Jetzt heißt es für uns: -Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn -ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: _er_ -langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ würfeln darum und stecken sie -ein! - -Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau -heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die -Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ -- -anders als neue junge Frau Schwägerin -- und wo Gaiette sich auch einen so -reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch -glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das -Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit -seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in -das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge -nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und -ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ würde mir -aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die -Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe -bezahlen lassen! - -Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der -Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht -auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte -ihn tüchtig ab zu allem Dank. - -[Fußnote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches -wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren, -schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens -vor. Anmerkung der Frau »Historia«.] - - - - -Zwanzigstes Capitel. - - -Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch -die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem -Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und -prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da -lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben -kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre -Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein großes Ja! auf die -Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen, -selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon -die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam -erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen -Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich -irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend --- auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt, -und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit -halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in -den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und -Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen -die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals -hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein -bedauerte und rief: ein treuer »Hund« verläßt mit den Menschen das Haus; -die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein, -streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und -er lachte wieder. - -Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort -Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst -herrichteten. »Alles in der Welt -- nur keine Ersparniß!« Die besten -Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen -hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war, -wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen, -an _»edle« Häuser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die -Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau -Schwägerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr -großes Vermögen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _für die -Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gnädig angenommen ward. - -_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar -_ganz natürlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut. - -Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf -das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten -aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei -blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden, -die den Hügel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die -Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten -niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb -aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr -Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem -in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand, -bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm -voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der -Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er -begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem -Felsstück auf, und auch _seine Gabriele_ mußte dem Nikolas eine Hand geben, -wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur -Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte -Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er -sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum -Gotterbarmen! - -Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist -alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf! - -Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage -in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein -kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr -einen Strauß Alpenveilchen. _Savern_ begrüßte _Gaiette_ als ihm auf der -ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem -Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte -Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem -Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren -Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte. -Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum -mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen. - -Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt -hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen -Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach -Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er -entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenen -_Vater_ sechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um -Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie -beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde -geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen, -Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und -nun sie _geistlich exerciren_ lassen bis zum Verrücktwerden, durch Beten, -Singen, Knien, Weinen _auf Commando_, Beichten, Nachtwachen, -Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium -vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne -Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art -der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich -Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in -Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben -dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie -»Seelenpocken«, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden -und unseligen Verlauf genommen.[A] - -Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er -als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, daß dem ganzen -großen Wirrwarr nur die _Kindesliebe zu Vater und Mutter_, wenn auch in -ihrer Entartung zugrunde gelegen. - -[Fußnote A: Vincenz von Beauvais.] - -Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander -liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000 -geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie -verpaßten die große fürchterliche _Weberschlacht_ der Wollenweber und -Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der -Mittelstand in den _weitern_ Rath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten -den neuen Kampf _Aller_ gegen die Macht und _das_ Herrschen des neuen -Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die -Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem -Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen -davongekommen! - -Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die -christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm -Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den -Kaiser ausliefern sollen -- alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte -hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen -keine besondere Freude _an der Vergeltung_. - - * * * * * - -So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer. -Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der -Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den -Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an -der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel -verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du -lieber gleich mit, oder gesund mir nach -- _mir war es doch zu traurig_ -- -du erinnertest dennoch mich immer: _daß du gestorben!_ und das war eine -schlimme Zeit! _Die vergiß ja lieber!_ - -Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn -wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe. - -Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und -ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die -ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen. _Savern_ und _Gaiette_ -gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im -Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? -- Und -aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroße silberblanke -Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien -bekränzten Bett. - -Er fand bei ihr einst, aus Raimund's Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem -Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche -hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und -reingenagt. - -Der Fund war sein Lohn! - -Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzückt es vor sich in die -Höhe gehalten, da war vor Erschütterung der Seele _die Sprache_ ihr wieder -in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien -- aber die Erinnerung -hatte sie überwältigt und _todt_ zurückgestürzt. - -Sie ward an ihres _geistigen_ Mannes, des guten Raimund's Seite begraben -- -und einst ihr _leiblicher_ Mann an ihrer Seite. - -Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind ließ sich die alles vergeblich -gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die arme _Isidore_, nicht nehmen. Sie -ward ihm Mutter, und es ward dafür ihr Trost und ihre Freude. _Ihr -Schönstes und Bestes müssen ja immer die Menschen sich träumen._ - - - - »Der Phantasie gehört der Mensch, das Kind!« - - - - -Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS *** - -***** This file should be named 40138-8.txt or 40138-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/1/3/40138/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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