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-The Project Gutenberg EBook of Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der Hirtenknabe Nikolas
- Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: July 4, 2012 [EBook #40138]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS ***
-
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-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
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-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Offensichtliche
-Druckfehler wurden korrigiert.
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-Der Hirtenknabe Nikolas.
-
-Motto:
-
- Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,
- Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit
- Und jedes höchsten Opfers ist er fähig,
- Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.
- Denn wiederum gewährt die Phantasie
- Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,
- _Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel;
- _Was_ aus der Phantasie fällt, das ist todt;
- Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz --
- Am Tage ward er -- eine hohle Weide,
- Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle
- Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf
- Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.
-
-
-
-
-Der
-Hirtenknabe Nikolas,
-
-oder
-
-der deutsche Kinderkreuzzug
-im Jahre 1212.
-
-
-Nach den Chroniken erzählt
-von
-Leopold Schefer.
-
-
-Leipzig:
-F. A. Brockhaus.
-1857.
-
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-
-
-Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger.
-
-
-Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins »zu Thal«. Das
-waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne
-dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen
-Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige
-unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und
-Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in
-spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er
-sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm
-selber lächelnd genannt: »Herr Großhändler«, ob er gleich ein
-Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause
-reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen
-Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von
-neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der,
-seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen,
-weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer
-ersehnten Rache aufblitzten.
-
-Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu
-hören, immer über dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind
-hinterher.
-
-Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit
-goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen
-in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn
-daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach;
-aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann
-verdrossen zurück zu den beiden Gefährten.
-
-War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue.
-
-O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er
-nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht
-. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut
-wie dem Kaiser,[A] der unser schönes Mailand verbrannt und »von der Erde
-weggetilgt« --. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube!
-
-Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor
-den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine
-liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei
-Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es
-schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites
-Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar
-sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen
-Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim
-zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich
-antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme
-und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde
-erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine
-ich.
-
-[Fußnote A: Friedrich I.]
-
-Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr
-und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova
-ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon
-hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen,
-und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen
-rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten
-die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von
-Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand
-wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur
-droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber
-allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der
-Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein
-hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben,
-verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten
-als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im
-Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen
-Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes
-Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoßen sind in immer
-längere Verbannung -- aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der
-Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und
-Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges
-liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben,
-solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewiß noch drei Tage
-länger, wenn nicht viere!
-
-So schloß er fast lachend -- aber wischte sich die Thränen aus den großen
-schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den
-Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen
-kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art
-vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt.
-
-Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins
-hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das
-grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden
-kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und
-küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen für alle
-Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich
-chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den
-Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft
-und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen
-Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da
-wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein
-Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die
-Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte
-Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der
-gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und
-die Schildkröte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit
-tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott
--- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und
-wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme
-umfaßlich.
-
-Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die
-_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da
-das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus
-Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen
-sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und
-Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in
-den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus
-der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt
-oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die
-Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und
-Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben,
-harte?
-
-Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten
-und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen
-Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter
-den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich
-hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten,
-wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit
-ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen
-und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne
-Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben,
-sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und
-schnatternden Enten. Diese »Jungen« aber hatten Führer, fast lauter
-Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.
-
-Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die
-Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört:
-
- Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!
- Und nebenbei all' all' alles Glück,
-
-Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen
-Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. »Alle
-sind wie Einer und Einer wie Alle«, sah er. Er beschenkte einige von ihnen
-nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken
-erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm
-gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja
-er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen -- mußte sie endlich
-ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die
-Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs
-auf einen Hügel zu, der »der todte Jud'« oder »der Judentod« beim Volke
-heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann,
-worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der
-jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu
-sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu
-greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern
-Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung
-gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, daß die Athener
-Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten
-Spaßvogel gehört: »Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen
-und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden«; --
-worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben
-und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den
-Spaßvogel _für den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten.
-Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein,
-denn sonst hätten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann
-ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir
-los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder
-zu erobern. -- Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen
-frische Pfähle ein -- Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten!
-Der Herr erbarm' sich!
-
-Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er
-18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im
-unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die
-Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die
-Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie
-Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die
-hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis
-hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte
-er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem
-Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen
-darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende
-Farben überwältigten ihn, daß er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja
-selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerührt. Auch
-ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll
-schweren Ernst der Welt.
-
-Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg,
-mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die
-Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen,
--- und dort nur das Schloß der edeln Hompesche -- dort brennen schon die
-vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der
-Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schloß
-der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius,
-auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß,
-die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, »der
-Zug«, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle
-meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen
-Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem
-Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche
-hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf »Ich«, die sie
-nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich,
-Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt
-gar Ichen-Dorf.
-
-Sie sprengten auf den Hügel.
-
-Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten »_Funken_«,
-ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit
-Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und
-frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich?
-_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh
-und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm
-Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in
-Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer
-nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen
-Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein
-junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der
-alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_
-
-Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das
-Wort um ihn herum: »Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht
-Herr Sinzenich?« . . . und selbst der Doctor lachte.
-
-Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude?
-und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her
-mit dem Schwert!
-
-Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert
-aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm
-auch noch die Scheide sammt der Kette.
-
-So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte
-ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram,
-alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort
-fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat
-hier draußen misliche Geschäfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon
-offenbaren! Kommt nur erst heim!
-
-Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?
-
-In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod
-oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der
-Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann
-erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit
-dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich
-floh aus Spanien, vor . . .
-
-Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein
-Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.
-
-Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo
-er wohnen würde.
-
-Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen
-Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und
-sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das
-Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der
-Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit
-breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen
-und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen -- Alles zu vielen
-Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den
-Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: »der Inhaber habe gelobt: ins
-Gelobte Land zu pilgern«; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof
-lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.
-
-Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes
-lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne
-Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die
-Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie
-sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam
-nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach
-seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in
-dessen Halle schon eine Lampe brannte.
-
-Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart
-zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem
-Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht
-daran.
-
-
-
-
-Zweites Capitel. Die Frau Rath.
-
-
-Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen
-Hauswart und rief vor Freuden den Namen »_Hagebald_«, alter Hagebald! Er
-eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter
-gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und
-durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über
-dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die
-Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige
-Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als
-Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen
-meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling,
-schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon
-eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt
-schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die
-Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natürlich ohne
-Frau und Kinder, und _kehre_ unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne
-Frau und Kinder wieder.
-
-Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ
-ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: »_Wer da weint, ist kein
-Feind_«, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den
-Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm
-bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath,
-entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren
-stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen -- aber
-_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen,
-um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit
-verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre
-Strafe Erwartende.
-
-Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen
-»_Raimund_« aus.
-
-Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust
-drückte.
-
-Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hörte ich draußen
-soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden
-Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch!
-Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter _Frederune_ getaufte -- sie muß
-schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13!
-Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder »alter Wein«
--- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.
-
-Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser
-Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine
-dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am
-Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O
-daß wir -- nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden
-nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in
-Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein
-Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?
-
-Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber
-du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest
-zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten
-drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tönnchen Gold
--- sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir
-drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um
-dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so
-nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib
-Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse
-die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht
-Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber
-freuen!
-
-Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr!
--- Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder
-langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu
-bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o
-nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen
-gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch
-Hülfe bringen soll!
-
-Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath,
-indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern
-legte und liegen ließ.
-
-Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod
-nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische
-Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu
-bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand
-genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die
-einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste
-ist für ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen
-in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt,
-die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre -- ohne den Verrath
-und den Misbrauch, ein wüthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wüthen zu
-lassen!
-
-O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt?
-
-Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich
-stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem
-Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen
-Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er
-sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn
-herausfühlen, was er will und was er kann; er muß _aus des Feindes Augen_
-sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und
-gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zärtlichste
-Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich
-ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da
-ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem
-Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich
-_kleinlich_ und albern nennt -- »der Welt« gebot, die aber erbärmlich und
-abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen
-noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht
-versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf-
-und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem
-Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja
-grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen
-Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und
-Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des
-Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu
-legen.
-
-Da sieht nun der redlichste _Dülpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger
-Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den größten
-Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein
-Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige
-Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der
-Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu
--- ohne nur zu hauchen -- in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß
--- so _mußte_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst
-ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz
-Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für
-höllisch und ganz abscheulich halten -- _für Menschen zu erklären_. Und
-_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da
-auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte _neue Märtyrer_
-macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und
-Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder
-geschehen wird: »Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.« Und wo
-befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über
-der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit,
-die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk
-ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst
-hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst
-getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort
-am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist --
-_denn der brennende Rock ist der wärmste_ -- sodaß er zuletzt nur mit einem
-Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was
-ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus
-_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu fürchten hat, so hat er die
-Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden
-_für einen Kreuzzug erklärt -- und Er mit Recht!_ Cardinäle haben diese
-mordbrennenden Kreuzträger geführt -- darauf hat der Simon von Montfort die
-Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge _springen_
-lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten,
-und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der
-Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines
-erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den
-Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum
-Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: »_Gott_ wird schon die Seinen
-kennen!« Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit
-Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele
-und unserer kleinen Kinder.
-
-Armer Mann! stöhnte die Frau Rath.
-
-Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn
-aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun
-über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen
-zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um
-Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch!
-Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten.
-
-Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde
-gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein
-Mann unser Geschick erzählen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im
-zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es
-beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht!
-
-Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann
-winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie
-schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt!
-
-Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen
-Teppich bedeckten Tische. »Der Mann und Bruder und Vater« saß daran auf
-seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden
-ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder
-Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde
-zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt.
-Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu
-strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und
-lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament
-in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit
-offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen,
-als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu
-vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum
-regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen
-ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft;
-geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen
-geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So
-mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so
-nennen, ein Seliger.
-
-Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach
-Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann.
-
-Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine
-Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein
-namenloses Weh.
-
-Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene
-Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und
-den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie
-höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie
-leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere
-bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde?
-der gute Kerl!
-
-Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den
-Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt
-schreien zu wollen scheine.
-
-Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben
-und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn
-was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht,
-dann wäre auch nie nur _ein_ böser Mensch gewesen und noch, oder würde je
-sein -- nie wäre _eine_ Thräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen
-Blut fließen. _Eine schöne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum
-wollen wir doch lieber vernünftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen
-dazu rathen, Hohen und Niedern!
-
-Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle
-Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite
-des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das
-gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder
-irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen
-abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu
-benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und
-verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die
-Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe.
-
-Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte.
-Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung
-der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjährige _Irmengard_, war mit
-ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem französischen tüchtigen Mädchen, das
-hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hieß -- von der großen
-Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mädchen, die
-sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause
-zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das
-dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen
-Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände
-zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war
-stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze
-nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe.
-
-Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt
-im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen
-Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum
-Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie
-eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen
-und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da,
-der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem
-einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller
-Menschen- und Mädchenglut.
-
-Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund
-mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das
-aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es
-aussprach:
-
- -- -- -- »Bescheid des Rathes der Hohen
- Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.
-
- -- »Leider und abermals leider ist das Unglück,
- wie der leidige Satanas, eine so freche
- Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts
- höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten
- und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja
- an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes
- Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst
- und redlich geschmähte Unglück auch
- Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes
- Mitglied selbst, in Eurer Tochter das
- Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja
- zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen
- bedauern, da wir Euch nicht helfen
- können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen
- dürfen; _ausgenommen wir leugneten die
- Schöpfung der Welt, Sündenfall und
- Erlösung, und hätten wenig, ja keine
- Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott
- uns Allen gnädig gebe! Amen.
-
- »Weswegen wir Euch denn unsere gerechte
- Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr
- in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst
- gar nicht mehr «_um das Leben_»
- Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten
- _Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich
- als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu
- leugnender _Großvater_ von mütterlicher Seite,
- nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch
- gottergebenst uns vor Ohren bringt,
- daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen
- Tage der _Hurd_: ihr armes Würmlein, ein
- Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so
- gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch
- und schon mit verbrennen müssen, ohne noch
- schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten
- oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß
- _wir zu unserm Heil nichts mit der Natur
- zu thun noch zu schaffen haben_, also
- nicht zugeben können noch wollen, weil wir,
- wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir
- wollten, und unsere Weiber daheim uns mit
- Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher
- Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_
- sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle
- mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur
- das Kind geboren, gesehen, zum Himmel
- gehoben und redlich, ja über die Maßen
- beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle
- und müsse, daß es _nach seiner Geburt_ auf den
- Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die
- kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen
- Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche
- verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt
- seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines
- Lebelchens gesetzet.
-
- »Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste
- und wird der Mutter hierdurch ehrenfest
- abgeschlagen, welches Ihr derselben in
- Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu
- gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie
- von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen
- und wo möglich ihre Seele zu retten,
- _wenn der Glaube die alberne Natur von
- ihr austreibt_. Darum überwindet Euch zu
- dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und
- _halb nicht zu leugnenden Großvaters_
- und Rathes!
-
- »Denn wäre das Kind _nicht_ eines, wenn
- auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn
- man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: --
- aber doch _Juden_ Kind, so hätte das Mal
- nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten:
- es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger
- oder Bürgerin, und sie nur eine
- voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue
- noch ein »vergebenes« Weib sein könnte. Aber
- ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste
- Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein
- Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein
- des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch
- der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen,
- wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein
- pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter
- Gottes!
-
- »Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen,
- und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen,
- damit Natur und Mutterherz durch
- unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer
- unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten
- Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in
- den Himmel eingeht -- _wenn noch!_
-
- »Wir haben zwar hier wie in allen Städten
- am Rhein seit schon lange niemals ermangeln
- lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung;
- wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer
- Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten
- und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie
- eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden
- Erfrischung! Denn was die Augen sehen,
- das glaubt das Herz. Und so bleibt die
- Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval,
- zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch
- Ihr Euch daran, wie wir Alle.
-
- »Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit
- Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach
- der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt
- unsers Herrn im Jahre 1212.«
-
-Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen,
-ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können -- wie
-Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester,
-Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders
-als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume -- als der Todte
-mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr
-dasaß -- und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die
-kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja
-selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter
-Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine
-junge Dämonin -- um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu
-gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf
-ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine
-Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! --
-im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut
-mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn:
-wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine
-Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der
-seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja
-doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die
-Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater
-nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er?
-
-Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh!
-riefen Alle voll Grausen zugleich sie an.
-
-Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich, schien gerührt zu werden, da
-sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr
-Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der
-Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte.
-
-Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt
-sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden
-Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du
-vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus
-der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die
-Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er
-ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie
-fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie
-donnerte mit den Fäusten daran, daß Allen der Athem verging, sie stumm sich
-ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände.
-
-Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o
-wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du
-dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, -- ja daß du dann dein Kind
-nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne
-junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht: _wer etwas verwünscht, der
-steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden._ Haß und
-Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was
-weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig
-verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort
-das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und
-Mutterliebe.
-
-Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und
-sein Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren«, ist
-das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt
-ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und
-Kälbern. -- Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen
-hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste
-aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht
-und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig
-werth_; sag' ich dazu als Astrolog.
-
-Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und
-Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben
-es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu
-einem Seufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon
-segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch
-ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn
-fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen
-bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben.
-Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein
-weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur
-für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O
-meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat
-einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken
-wollte: »Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen
-hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich
-weiß und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir
-schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige -- er muß lange und
-viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.« Den Mann
-versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen.
-
-Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war,
-weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr
-geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater
-beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie
-fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im
-Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daß _sie_, als ihr letztes Kind,
-sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht
-hinkommen, nur umkommen werde.
-
-Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit
-Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber
-haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit
-uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber
-sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß
-besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den
-das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch
-gerade für einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß
-nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten.
-Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre
-Familiengruft nach Melaten begraben.
-
-
-
-
-Drittes Capitel. Der Rath.
-
-
-Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die
-flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller
-Carnevalgebäck dazu hingestellt.
-
-Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der
-Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter
-Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval
-eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und
-sang. Dem hörten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt.
-
-Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei
-Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die
-ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug,
-also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._
-Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als
-_krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste
-übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern
-mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach
-Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr,
-ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden
--- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die
-Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein
-»raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des
-Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der
-Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den
-Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr
-aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die
-Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und
-entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen
-hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis
-sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein
-in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die
-Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche
-geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich
-ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose
-Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie
-mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu
-heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in
-Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor
-Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu
-pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also
-damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich
-höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich
-will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern
-zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen,
-deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes
-Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten
-dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über
-Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich
-selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die
-Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.
-
-Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard
-thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie
-helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift.
-
-Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der
-Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem
-widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht,
-selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt
--- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im
-Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in
-welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der
-Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie
-als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur
-mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit
-_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin,
-begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen
-erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der
-Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen
-und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein
-gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für
-Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu
-jeder Stunde.
-
-Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr
-freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja
-das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat
-mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man
-kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man
-nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns
-hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der
-Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln,
-der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich,
-ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst
-recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle
-Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_
--- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig
-verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen
-und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden,
-und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche --
-den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen
-geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine
-Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_
-Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist
-alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die
-Straßen.
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-Viertes Capitel. Der Saal der Hanse.
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-Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und
-hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein
-Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander,
-aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein
-kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten.
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-Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie
-ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch
-Masken vor unser Gesicht zu kaufen.
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-Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald
-einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an,
-von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an
-ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem
-Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden
-Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich
-steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und
-versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur
-Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich
-zahlreiche Kunden versprechen durfte.
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-Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf
-den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen
-Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern
-sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der
-nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und
-Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und
-die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach
-jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem
-ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen
-Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken.
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-Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die
-Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine
-Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden.
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-Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte
-zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit
-Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und
-Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und
-was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder
-selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch
-durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden.
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-Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit
-Angst.
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-Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und
-Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und
-der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je
-dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im
-Rathhaus.
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-Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen
-standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen
-drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho,
-hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn
-eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe
-darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein.
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-Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie
-mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei
-dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden
-Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und
-wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten.
-Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch
-geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer
-schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal
-zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch«
--- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die
-Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen
-zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt.
-Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde
-sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der
-That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre
-Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen
-müssen.
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-Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die
-himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? --
-Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so
-eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein,
-soweit man ihn gehört.
-
-Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie
-jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den
-Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und
-Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder
-Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern,
-die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und
-wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein
-Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug,
-sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders
-Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten,
-von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es
-getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht
-haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht
-ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!
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-Und sie folgten langsam und unauffällig.
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-Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal
-getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in
-prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im
-Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken
-zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle
-erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines
-Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den
-armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten
-sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen,
-und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du
-unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus
-Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die
-Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.«
-
-Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit
-besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und
-richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der
-lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte,
-wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt
-durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem
-Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich
-gelingt.
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-Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn,
-was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte
-ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die
-Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir
-nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem
-entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt
-sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich
-nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die
-grausame Strafe, klug zu werden.
-
-Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm
-kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht
-sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?
-
-Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach
-Jost.
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-Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe
-dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.
-
-Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme
-früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch
-wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte
-Freude.
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-Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.
-
-Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne
-Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe
-geschehe.
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-Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen
-gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren
-saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.
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-Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da
-das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne
-Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein
-Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht
-und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer
-Patricier.
-
-Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere
-Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige
-redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten
-seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt
-erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem
-Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und
-wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol
-zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten
-Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als
-unermeßliches Elend rennen!
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-[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._]
-
-Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen
-Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig
-selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu
-den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen
-Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch
-weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und
-was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer,
-von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt,
-für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige
-Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie
-vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser
-alter Hardenberg.
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-Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und
-väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung
-anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen
-»der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am
-Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken
-gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten
-einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte
-sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde
-an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen:
-»Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben,
-und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und
-_Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden
-und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles
-leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar
-vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu
-bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen
-unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem
-solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß
-nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt
-Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie
-neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen
-getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu
-stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel
-geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen
-armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger
-Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie
-wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle,
-weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein,
-das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags
-im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im
-Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes
-Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!«
-
-Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer
-Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in
-Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde
-_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es
-will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will
-für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts
-ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für
-_alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine
-Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle
-besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz
-die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella.
-Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit,
-die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_
-aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich
-begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig
-plagen? . . .
-
-Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns
-im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige
-faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!«
-
-Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug
-aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen
-Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer
-Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit
-in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den
-Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit
-und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und
-was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen,
-daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und
-seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie
-andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf
-ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der
-Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich
-wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine
-der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen
-_sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und
-Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche
-Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die
-Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen
-. . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen
-Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine
-Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten
-unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen
-Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen
-Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.«
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-Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles
-ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife
-Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich
-wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt
-doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern
-hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der
-Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir
-Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur
-Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei
-Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk
-unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr
-Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto
-erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine
-nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht
-oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus,
-wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt
-geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_
-mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen,
-stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen
-müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren,
-die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath
-durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele
-Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner
-spaßhaften Zeit.
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-Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf
-gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach
-Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in
-seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen
-Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber
-darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg
-aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen
-Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen
-aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn
-sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis
-durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne
-Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere
-bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat
-selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller
-wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die
-Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in
-plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser
-duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der
-endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum
-spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang.
-
-[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht
-lange nachher.]
-
-Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht
-erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch
-Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und
-immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das
-Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine
-liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein
-Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt,
-jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden
-Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem
-als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte
-war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode
-verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher
-der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der
-verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen
-Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder
-ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über
-die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen
-und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder
-eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt:
-Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und
-der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat
-ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit
-den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das
-heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue --
-dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und
-Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner
-Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge
-paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die
-Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter
-unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem
-spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen
-Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich
-meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_.
-
-Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren
-Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es
-räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre
-Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer
-brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich
-genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge
-nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt,
-und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles
-muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer
-Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im
-Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei
-und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen
-sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein
-Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes
-Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt!
-
-Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder
-machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder
-von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu
-bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte
-haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen
-zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und
-langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich
-erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und
-Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem
-besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also
-unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer
-entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh
-in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber
-war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie
-unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf
-gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so
-viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen
-und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben
-werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst
-die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren
-Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich
-auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten
-die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die
-sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die
-andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die
-wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer
-Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund
-deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein
-Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter
-oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.
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-Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und
-geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden
-Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's
-todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und
-Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon
-fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend
-schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.
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-Fünftes Capitel.
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-Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die
-drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging
-jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin
-geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er
-den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich
-mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte
-indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten
-Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient,
-der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade
-erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine
-Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber
-größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben
-sollen.
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-Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder
-Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und
-Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen
-Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke
-Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen
-diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die
-Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig
-angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.
-
-So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die
-Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge
-mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte
-war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder
-irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner
-Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.
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-Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen,
-schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die
-aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in
-Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.
-
-Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so
-betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch
-überstanden hast.
-
-Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt
-fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und
-wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem
-Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf
-jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst,
-aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken:
-«_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht
-frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser
-einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem
-Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in
-der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon
-hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die
-Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender
-ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar
-macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern
-_gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor
-die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß
-die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das
-gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen
-das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer
-Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches
-Nebengut noch Nebenglück.
-
-O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund
-dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch
-ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! --
-und den Vater!
-
-Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham
-ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.
-
-In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du
-gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine
-Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das
-Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder
-gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und
-schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß
-denn der Maler?
-
-Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie
-halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen
-Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach
-den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt
-wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich
-sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen
-zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.
-
-Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein,
-und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!
-
-Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken,
-versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.
-
-Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in
-die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im
-Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit
-der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas
-in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die
-Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als
-ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem
-oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen
-_zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch
-noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu
-verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen
-Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu
-lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich
-gesund und lebendig hat heimkehren lassen.
-
-Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu
-verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten
-versprach.
-
-Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für
-Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach
-Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie
-das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig --
-wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und
-Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide
-ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu
-den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin
-gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit
-bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die
-Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht
-bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein
-_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber
-lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und
-nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor
-Liebenswürdigkeit machen.
-
-Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich
-der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte
-Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem
-seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt
-_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin
-vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft:
-»Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen
-lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm
-_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die
-Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein
-zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur
-aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten
-barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und
-dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder
-Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das
-redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom
-würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem
-Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten
-sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt
-und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges
-Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_
-Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen.
-
-Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe
-fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine
-bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die
-Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast
-herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den
-Thurm und flogen zu Nest.
-
-Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen,
-die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er
-wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder
-Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr
-Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den
-Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der
-schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre
-Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum
-Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber
-vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe
-unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen --
-wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_
-wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich
-so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn
-doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann
-mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen.
-
-Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend
-Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern,
-wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer
-aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt
-doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze,
-sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar
-nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und
-beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste
-Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr
-früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.
-
-
-
-
-Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder.
-
-
-Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und
-meiner Gnaden!« sprach Jost.
-
-Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen
-treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.
-
-Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den
-Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die
-Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun.
-
-Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein
-_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der
-freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen,
-und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben
-seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann
-sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und
-wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise
-nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und
-der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst
-umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten;
-und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln.
-
-Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand
-hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem
-veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll
-. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen
-Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und
-die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte
-. . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur
-spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue
-und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die
-Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost,
-als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar
-mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete.
-
-Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost
-unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der,
-nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis
-Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das
-Schicksal seiner Tochter gestorben.
-
-Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt,
-mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das
-Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend
-das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu
-Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in
-Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus
-unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B]
-Hm!
-
-[Fußnote A: Matthias Paris.]
-
-[Fußnote B: Chronicon Sicardi.]
-
-Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die
-Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über
-den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch
-hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der
-stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen.
-Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige
-Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_
-treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht
-erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen,
-indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein
-Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist
-nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen
-kleinen David.
-
-Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine
-Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber
-Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte
-denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit
-Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und
-Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich
-gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst
-sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.
-
-Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage
-liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken
-der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr,
-wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden,
-den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien
-mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus
-zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen
-aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja
-Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich.
-Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es
-kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der
-Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch
-_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere
-Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt,
-und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge
-weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz
-zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja
-schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol
-herzbrechend, himmelstürmend!
-
-Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe,
-wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von
-neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?
-
-Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der
-Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem,
-nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht
-ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die
-alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu
-befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben
-Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige
-in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das
-wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und
-andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen
-sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.
-
-[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_
-nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des
-Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_
-pervilis.]
-
-Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt
-ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen
-Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so
-gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am
-Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner
-Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als
-einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich
-begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.
-
-Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen
-vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum
-Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem,
-wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern
-Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen,
-nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.
-
-Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten
-an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und
-sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den
-Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur
-mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_
-ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller
-furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz
-gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr
-schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm
-offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder
-bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von
-Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den
-Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes
-gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur
-Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur
-etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige
-Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in
-seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit
-dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der
-Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob
-Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm
-schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die
-entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige
-Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu
-St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch
-Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja
-sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der
-Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und
-verstummt sind vor seinen Engelsgaben.
-
-Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder
-umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem
-frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und
-Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine
-zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn
-versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere
-Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren
-Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das
-von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben
-begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit
-meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister
-über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner
-Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit
-bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein
-durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren,
-sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der
-von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen,
-ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus
-gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken
-kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben
-und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung
-führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen
-verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen
-Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich
-nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um
-den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum
-Himmel gekehrten Augen die Neige aus.
-
-Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.
-
-Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden
-Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der
-Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends
-dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf
-welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen
-und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da
-habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet,
-von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen
-wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem
-Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie
-niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei
-er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen
-Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche
-_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und
-französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und
-bezauberte Puppen böser Geister.
-
-[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.]
-
-Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen
-willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich
-ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter
-Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze
-unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und
-Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen
-der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein
-solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn
-sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke
-Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen
-desgleichen entsetzlich_.
-
-Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder
-alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten?
-»zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß
-also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie
-denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem
-Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich
-nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn
-sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland
-im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur
-ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A]
-
-So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz
-verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp
-August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte
--- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris
-gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien
-die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt,
-worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und
-fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von
-Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät
-thun!_
-
-»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen
-solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor
-Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!
-
-Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke
-für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr
-ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die
-Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer
-mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder
-irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des
-Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen
-getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung
-fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_
-Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut
-welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede
-Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe
-vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne
-_Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne
-_Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so
-fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben
-. . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen.
--- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem
-Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die
-Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere
-Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach
-auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten
-Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug
-gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der
-Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle
-schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil --
-er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und
-ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu
-regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben
-Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer
-barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern
-schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und
-neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!
-
-[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant
-post quendam malignum puerum.«]
-
-[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.]
-
-Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete
-dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge
-. . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen.
-
-Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten
-Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und
-Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und
-Versprechungen mit den Augen zuwinkte.
-
-
-
-
-Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas.
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-
-Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem
-Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon
-verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge
-Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum,
-aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im
-Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und
-weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des
-Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt.
-Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne
-Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen
-zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig
-schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das
-Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher
-vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei
-seiner verwitweten Mutter wohnte.
-
-Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen
-Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern
-gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt,
-auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und
-gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth
-sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor
-sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild
-nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die
-selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder
-ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.
-
-Der Maler zuckte die Achseln.
-
-Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig
-bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum
-Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer
-verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen
-mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück,
-wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er
-sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie
-gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.
-
-Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer
-Lindenburg.
-
-Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an
-dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm!
-sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere
-Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch
-jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --;
-es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor
-Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme
-dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und
-Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den
-Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen,
-besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich
-groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen,
-sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und
-bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für
-Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu
-erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen
-wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in
-den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück
-erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist
-_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit
-Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da
-würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit
-Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal
-später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum
-verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in
-frühern Tagen!
-
-Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und
-sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald
-hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich
-fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.
-
-Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein
-Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen
-sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an
-den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern,
-auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.
-
-Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute
-mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon
-über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken
-war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel
-lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen
-Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um,
-wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach
-Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland
-zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf
-künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die
-Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und
-Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern,
-dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem
-Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und
-sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den
-Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und
-Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und
-zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in
-den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick,
-Schnure, ja nur Bindfaden.
-
-So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen
-alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen,
-tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät
-sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu
-spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem
-Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus,
-oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine
-Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins
-Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.
-
-Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie
-ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie
-hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in
-Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel
-und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann
-niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es
-wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen
-Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell
-und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen,
-oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe
-windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen
-und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube
-der Most und der Wein.
-
-_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und
-es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den
-friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und
-gründlich übel vor der ganzen Welt_.
-
-Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die
-alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges
-Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau
-Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein
-gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen,
-aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht.
-Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus
-seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er
-kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine
-prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen
-abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er
-nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden
-Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die
-bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz
-leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein
-ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht.
-Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und
-umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben,
-während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange
-nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen,
-sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen
-Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern
-Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen
-Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem
-Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am
-meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine
-kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher;
-seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne
-hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden
-verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter
-Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie
-ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten
-Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt
-für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles
-Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne
-Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten,
-nachher eben nicht besonders zu bedauern.
-
-Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner
-Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild
-des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in
-den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal:
-Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand
-erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie
-nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um
-den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_
-
-Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann?
-
-Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber
-dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg,
-und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich
-selbst, von Ferne stehen.
-
-Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es
-klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte.
-
-Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst
-über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie
-schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder
-überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige
-Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel
-stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und
-habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich
-drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr
-mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde
-oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der
-ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die
-unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns
-zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn
-mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte
-Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den
-Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe
-bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter
-zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der
-Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen
-Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange
-in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten
-Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten
-durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde
-zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen
-Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund
-sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem
-Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem
-Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar
-nicht glauben!_ Aber -- du sagst es!
-
-[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.]
-
-Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier,
-als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da
-sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen,
-wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn
-der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der
-heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und
-auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte
-von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.--
-
-Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar
-nicht glauben!_
-
-Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den
-Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die
-Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja!
-auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich
-wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er
-ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig!
-
-Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine
-Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und
-er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten:
-Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!
-
-Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man
-glauben._
-
-Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber
-bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein
-Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte
-mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da
-sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen,
-sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster:
-Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu
-werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den
-dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat
-sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener
-Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!
-
-Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in
-der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die
-Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und
-ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen
-Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf
-die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem
-Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.
-
-Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede
-weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in
-den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie
-predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung
-und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die
-Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und
-fortzuführen.
-
-Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers,
-Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel
-gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel
-ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten
--- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der
-Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem
-zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren
-unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde.
-Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den
-Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe
-Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an
--- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die
-Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und
-Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der
-jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht
-und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild.
-
-Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und
-geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von
-Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich
-sich die schönen Haare aus der heißen Stirn.
-
-Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er
-auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon
-immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche
-Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder,
-und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum
-mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu
-keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes
-gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter?
-
-Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard
-verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als
-treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten
-Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund
-unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des
-Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort
-in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue
-Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht
-den Entwurf zu der Kinderpredigt störe.
-
-Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine
-Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der
-langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich.
-
-
-
-
-Achtes Capitel. Die Kinderpredigt.
-
-
-Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit
-verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und
-begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast
-_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar
-leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt,
-weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch
-vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_
-ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei,
-ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert.
-Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten
-langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben,
-bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er,
-um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_
-Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und
-es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt,
-in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen
-geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im
-Stillen sehr ernst und genau beobachtet.
-
-Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit
-verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung
-und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre
-Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und
-ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines
-wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß
-jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu
-beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der
-zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den
-allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von
-ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit
-den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der
-Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief:
-Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist
-betrunken!
-
-Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund
-in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen
-tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen
-für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und
-den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf,
-und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für
-besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.
-
-Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei
-unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren
-beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine
-Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_
-
-Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« --
-das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres.
-
-Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein
-Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard
-vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus,
-aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu
-knien.
-
-Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme
-Witwen geblieben waren.
-
-Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon
-sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend
-und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu
-Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich
-zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und
-Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?
-
-Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer!
-
-Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen:
-Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der
-Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites
-»ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben
-denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch
-Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn
-stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da
-sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf
-herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken
-wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr
-scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit
-irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_,
-ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem
-Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn
-ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und
-Feuer.
-
-Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend.
-
-So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein
-wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle
-andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist
-es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre
-Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst.
-
-Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein
-vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine
-Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die
-_Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im
-nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große
-Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre
-Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären
-sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und
-Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt
-Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und
-selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon
-ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide
-besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren --
-nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir
-Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und
-Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut
-wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten
-Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten
-Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und
-Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um
-ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu
-weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein
-Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That.
-
-Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard
-in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab
-sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall
-bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund
-kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper
-der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen
-Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder
-aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund
-die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem
-Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und
-Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb;
-aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann
-hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den
-Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte
-sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend
-Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.
-
-Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als
-sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß
-sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und
-smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der
-Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem
-Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem,
-auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die
-Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll
-Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und
-Vettern -- himmlisch angefunkelt!
-
-Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem
-Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der
-Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter
-standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang,
-und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien,
-heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden
-Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa
-drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war
-und nur mit Haupt und Schulter erschien.
-
-Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur
-tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen
-ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich
-mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige,
-selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige
-Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren,
-daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so
-verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu
-werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen
-Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz
-nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter
-glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden
-Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs
-hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir
-werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir
-jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und
-stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch
-bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre
-gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die
-Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer
-treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden
-Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes
-Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der
-nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der
-Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt,
-heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die
-ihm gezählten Tage im Sterben.[B]
-
-Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte:
-Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und
-dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu
-setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe,
-voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von
-einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das
-glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen?
-Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod
-und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher
-unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde
-ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von
-Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für
-euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer
-nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!
-
-[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.]
-
-[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters,
-_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht
-rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts
-Holderes geben.]
-
-Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den
-Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu
-beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder
-auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.
-
-Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend
-Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und
-empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem
-Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in
-ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und
-Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!«
-_Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein
-Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur
-ein Fünkchen ist.
-
-
-
-
-Neuntes Capitel. Das Carneval.
-
-
-Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen,
-Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern,
-und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den
-_verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete,
-hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand
-Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende
-_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten
-waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ
-sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und
-Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die
-Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.
-
-Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem
-Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte
-ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr
-alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße
-zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie
-nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder
-aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue
-Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen
-klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don
-Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn
-die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem
-Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und
-ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit,
-ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten
-Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_
-nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore
-man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er
-zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden
-können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle
-Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden
-gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es
-falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht,
-daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und
-nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man
-ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch
-oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen
-froh.
-
-Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr
-Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war
-Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen,
-und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem
-Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes,
-schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin
-gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte.
-Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein
-Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für
-alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde
-in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus.
-Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem
-neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen
-Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich
-diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen
-wirklich den Vers!
-
- Wenn der Jüngste Tag soll werden,
- Fallen die Sternlein auf die Erden,
- Kommt der liebe Gott gezogen
- Auf einem schönen Regenbogen,
- Neigen sich die Bäumelein,
- Singen die lieben Engelein:
- »Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!
- Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:
- Wohlan, wohlan, auf diesen Plan
- Der liebe Gott will uns Alle han.«
-
-Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den
-Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen.
-Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und
-wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom
-Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm
-nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern
-und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen
-Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und
-eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der
-Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns,
-so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern
-umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser
-deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer
-Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier
-und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von
-Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber
-zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln.
-
-Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im
-Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte
-durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur
-eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_
-redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_
-ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den
-Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im
-Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme
-der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst
-zu vergeben._
-
-Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise
-vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ --
-Das war verständlich jetzt für Don Ramon.
-
-Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu
-ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf
-überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr
-gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen
-und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in
-guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe
-verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten
-geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er
-ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes
-Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden
-Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.
-
-Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als
-_natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und
-voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur
-desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ --
-Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide
-wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das
-Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang.
-
-Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur
-Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu.
-
-
-
-
-Zehntes Capitel. Die Hurd.
-
-
- Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das
-Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue
-Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die
-wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die
-Haken halten._
-
-Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem
-Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die
-Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem
-wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach,
-eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur
-Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen
-Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele,
-sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.
-
-Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die
-ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen,
-noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie
-in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte
-ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater,
-sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora
-pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die
-Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung
-gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen,
-und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam
-nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in
-wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines
-Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem
-Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer
-ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel.
-Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und
-seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_,
-der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den
-Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie
-jedes Land sie -- ihre zeitlang hat.
-
-Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen
-Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und
-Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit
-dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen
-hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch
-über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den
-Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer
-weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern
-allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich
-jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die
-Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie
-schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger
-geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten
-Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde
-Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen:
-sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die
-Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare
-ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor,
-und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr
-Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen
-werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres
-Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch!
-wehe! wehe!
-
-Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit
-rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den
-Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit
-einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend
-Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und
-sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt.
-
-Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten
-mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die
-Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr
-sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib
-greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_,
-die _himmlische_ Mutterangst.
-
-Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb
-nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und
-mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen,
-langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der
-jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus.
-
-Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die
-Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom
-gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn
-du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie
-drückten sich die Hände.
-
-Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und
-sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste
-und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch
-lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht
-und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen
-zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei
-wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon
-von wem!
-
-[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.]
-
-Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu --
-denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.
-
-
-
-
-Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz.
-
-
-So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer
-sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du
-hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter
-Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter
-lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt
-nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen
-mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte
-ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine
-Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir
-zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer
-im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben
-herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem
-sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein
-Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art
-Bergleute oder Berggeister.
-
-Also zum Nagelneuem!
-
-Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt
-wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht
-glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast
-immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit
-überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen
-lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt
-den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel,
-Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager
-auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter
-Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen
-und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang
-alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem
-Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art
-Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas,
-von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen,
-vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn
-auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen
-sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines
-Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte,
-und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen.
-Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat
-seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns
-nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter
-ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit
-Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar
-einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf
-das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach,
-wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die
-Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_
-nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu
-Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und
-der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die
-Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so
-Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der
-Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt,
-daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich
-unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es
-geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas
-Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich
-weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren
-heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden
-für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben
-wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!
-
-[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.]
-
-Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine
-Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst --
-_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb
-mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein
-Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst
-angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht
-stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und
-den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr
-sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte
-das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als
-lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der
-Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten
-den Hund nach und jagten das Kalb umher.
-
-Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern,
-kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen
--- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an
-einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug
-mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man
-diese Nacht wieder schlafen?
-
-Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum
-Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.
-
-O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie
-achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle
-überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem
-Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen
-Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom
-Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen;
-so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus.
-Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu
-Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft
-geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum
-vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen
-Mädchen müssen uns was versuchen!
-
-Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge
-Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten
-geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie
-erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und
-armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand
-verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern
-allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden
-_die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene
-armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist
-weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare
-der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom
-Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und
-Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein
-Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen.
-So sprach das muthige Mädchen.
-
-Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig.
-
-Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken
-bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten:
-_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom
-eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster
-vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein
-wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte
-Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem
-Schwarme.
-
-
-
-
-Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier.
-
-
-Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm,
-diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt
-und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht
-und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz.
-Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das
-Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne
-Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so
-viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und
-hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite.
-
-Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa
-7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und
-Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten
-Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung
-werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die
-Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der
-Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen
-meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg
-von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach
-_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch
-zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.
-
-Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann
-gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus
-allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die
-Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der
-singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von
-Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite
-auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete,
-wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen
-oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden
-Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen
--- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten,
-weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother
-Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten
-kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird
-auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus
-ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern
-und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen
-verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie
-Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen
-des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab
-weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg
-weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil
-ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts
-beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele
-haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse
-loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine
-große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber
-nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die
-Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht
-sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit
-laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und
-die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und
-necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und
-die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle
-Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf
-ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der
-Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander
-geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere
-und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und
-Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und
-Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht
-mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen
-pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh,
-wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim!
-. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder
-Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach,
-wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird
-meine Mutter weinen!«
-
-Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das
-sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn
-ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine
-behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause
-führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie
-himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in
-Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie
-sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und
-nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die
-Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu
-Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die
-Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die
-Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken
-zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich
-gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe
-bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet,
-mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem
-Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine
-Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags
-von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes
-freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie
-macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das
-geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie
-mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne
-Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch
-kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in
-ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als
-Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde,
-sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen,
-hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein
-wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs,
-allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins,
-die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase
-des ganzen Heerzugs.
-
-Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht
-nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der
-Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug
-eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als
-Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so
-hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils
-zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren.
-Da war Freude!
-
-
-
-
-Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer.
-
-
-Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und
-Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und
-Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns
-in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von
-Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen
-drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß!
-
-Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke
-von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt
-wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich
-einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es
-zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her,
-da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen
-Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße
-zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den
-nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren
-gekommen.
-
-Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und
-wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm
-mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade
-menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach
-Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört
-eine wahre, noch unerhörte Geschichte.
-
-Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen
-des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd,
-mir folgende Jammergeschichte:
-
-»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus
-am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war
-auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als
-seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war.
-Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn
-zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu
-oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn
-auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und
-machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut.
-Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge
-aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich
-nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen,
-daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen
-Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe
-einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück
-fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht
-verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er
-doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten,
-und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht
-übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder
-voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum
-Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn
-selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst
-nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen
-_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten
-Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch
-sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein
-angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen,
-der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter
-angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten
-Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und
-sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein
-Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause
-nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar
-einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter
-einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ --
-Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten
-Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten
-Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein
-finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes,
-aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau
-seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat
-reden könne.
-
-Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was
-wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter
-eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu
-kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie
-geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen
-Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der
-Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei
-gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der
-Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing
-Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner
-Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen
-Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern
-geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger
-Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf,
-in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir
-Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig,
-_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn
-plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir?
-_Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem
-Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von
-unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen
-könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat
-da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich
-bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen,
-und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_
-ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld
-gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn
-knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir
-gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der
-Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam
-aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter
-. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was?
-. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die
-er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken
-verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit
-Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu
-machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er,
-nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die
-Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen
-gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und
-bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie
-hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm
-gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen --
-und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein
-liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit
-dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in
-alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen
-müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_
-
-Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine
-bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch
-Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich
-zu entzücken.
-
-Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf
-den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum
-rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem
-goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie
-vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und
-elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem
-Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches
-Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm
-ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte,
-eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und
-Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_;
-das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in
-_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt
-zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt
-das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.«
-
- * * * * *
-
-Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern
-Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in
-deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen
-mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen
-abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur
-Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen
-einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --;
-die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm
-genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein
-vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern
-versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom
-Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer
-Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in
-Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des
-Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei
-bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder
-ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem
-Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth
-und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und
-beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er,
-rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«,
-zu bringen?
-
-Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg,
-und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die
-außer allen Wegen liegt_.
-
-Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in
-Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen,
-und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua.
-
-Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither
-herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der
-widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da
-ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder
-dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.
-
-Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand.
-Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich
-habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_
-bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein
-Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder
-Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen!
-Also!
-
-Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen
-im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?
-
-Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten.
-
-Kannst du singen?
-
-Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
-
-Kannst du Türkisch reden?
-
-Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch
-klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili,
-kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.
-
-Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache:
-Kannst du tanzen?
-
-Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit
-liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie
-und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr
-einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah --
-wie in das Morgenland.
-
-Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem
-Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer
-bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.
-
-Savern blieb in Gedanken sitzen.
-
-Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren
-Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette
-überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust
-naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?
-
-Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie
-_als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen,
-mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran
-setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und
-»des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter
-Wille: ein Verrücktes«.
-
-
-
-
-Vierzehntes Capitel.
-
-
-Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge
-durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den
-beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon
-jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend,
-die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald
-zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um
-Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter
-und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im
-Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So
-hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße
-wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche
-hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege
-her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und
-liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre
-noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich
-schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht,
-und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und
-Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und
-Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen
-sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so
-vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über
-die Schneegebirge.
-
-Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager
-der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem
-besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei
-brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden
-sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein
-Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen
-konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert:
-Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt,
-ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele
-nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen
-Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und
-Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos
-aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei
-uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange
-gebracht wird.
-
-Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich
-habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth
-lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht
-ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort,
-wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und
-wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt
-würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem
-Herzen.
-
-Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große
-Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer,
-und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der
-ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende
-getragen!_
-
-Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt
-betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren!
-Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und
-Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer.
-Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen
-ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und
-Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu,
-schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal
-die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine
-Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne
-und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich
-den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle
-Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu
-einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager
-_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht,
-selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf
-Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt
-wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer
-gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit
-dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon
-allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_
-andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten
-hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit
-erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen
-Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem
-Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol
-keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben.
-Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um
-die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will
-nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein
-und Nachtigallengesang!
-
-Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und
-dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als
-Genossen _eines_ Glaubens.
-
-Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von
-Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei
-Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben
-warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten
-Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber
-trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen
-waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre
-Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den
-Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein
-doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des
-Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern
-Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die
-_muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft
-gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern
-muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den
-»_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die
-herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich
-freuten und sie schon probirten.
-
-Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war
-gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten
-geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines
-hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren
-sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem
-Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den
-Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden
-Köpfen.
-
-Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen.
-
-Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem
-Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde.
-
-
-Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der
-Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus
-berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen
-Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten,
-so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen,
-und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten.
-Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig
-herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!
-
-Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als
-von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich
-zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf
-und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine
-menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu
-überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als
-Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist
-im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er
-Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er
-foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er,
-abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt
-von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte
-er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze
-in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne
-Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen
-Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten
-Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß
-keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte.
-Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen
-Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen
-zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften,
-banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so
-eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte
-Straße im Thale der Aar hinauf.
-
-Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen
-Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude
-des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und
-ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur
-geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen
-und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann,
-zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster
-einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere
-an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über
-den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern,
-mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch
-seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter --
-gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam,
-daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken
-sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten,
-weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine
-Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung
-ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem
-Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.
-
-_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine
-selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier
-unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in
-Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch
-über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem
-treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt.
-
-Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten
-Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter
-Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf
-Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte
-auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die
-Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von
-Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und
-seiner Kinder.
-
-Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe,
-daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die
-Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten,
-sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen
-gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund
-auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der
-Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und
-zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm
-gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu
-sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener
-Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu
-wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu
-verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines
-Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm
-stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist
-sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm
-einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_
-oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun
-sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes
-Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit
-betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt
-hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung
-und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder
-schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring
-daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig
-und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein!
-_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen,
-es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel
-herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und
-gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt
-aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er
-zog mit ihm fort.
-
-In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des
-Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen
-Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_,
-oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für
-Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte
-Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie
-aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der
-Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und
-untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr
-grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort
-ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er
-ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche
-»_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen
-sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem
-Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben
-und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und
-wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an
-dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben,
-konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die
-Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf
-der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für
-die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich
-seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu:
-»Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres,
-Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine
-Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung
-einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach
-jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten
-sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder
-in die Hände.
-
-[Fußnote A: Albericus.]
-
-[Fußnote B: Albericus.]
-
-Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen.
-
-Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans
-Land.
-
-
-
-
-Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude.
-
-
-An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und
-Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und
-somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein
-sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum,
-kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das
-Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen,
-hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche
-Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten
-Sabbath, in Genua eingezogen.[A]
-
-Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach
-dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem
-Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah
-er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln;
-auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie
-sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot
-gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie
-anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist.
-
-Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der
-Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein
-Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem
-Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder
-weiter gereist?
-
-[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.]
-
-Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser
-Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund
-in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und
-Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter
-einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein
-Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel
-unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter
-das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax!
-Phylax!
-
-Phylax richtete den Kopf in die Höhe.
-
-Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert
-und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem
-Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit
-tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es
-ist vor deinem Tode!
-
-Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:
-
-Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der
-Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe
-auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht
-auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir
-meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste,
-den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine
-Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist
-genug!
-
-Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften
-nur schwach.
-
-Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und
-die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen.
-Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie
-prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es
-ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten
-beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist
-todt.
-
-Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte
-Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen,
-hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:
-
-Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der
-Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten
-vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier
-todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in
-Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden
-Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine
-flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von
-Königen gezogenes Fuhrwerk.
-
-Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an
-seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu
-fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören,
-am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und
-die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt
-diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau
-sprach zuerst:
-
-Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik!
-Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug
-kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte,
-ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand
-glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als
-Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern,
-und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor
-den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den
-Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen
-Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat
-ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder
-nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott
-bewahre! Aber was war es? Wer kam?
-
-Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen
-auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf
-den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer
-erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da
-Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder
-befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur
-verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in
-die Fremde gejagt.
-
-Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der
-Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und
-setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du
-lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten
-Gründen aufstehen mußten.
-
-Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen,
-und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!
-
-Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen
-Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich
-einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern,
-Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken,
-als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als
-gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer
-versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen,
-und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden
-da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz
-Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine
-domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als
-unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen
-mußten.[A]
-
-Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die
-Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen
-geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe
-auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um
-trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich
-zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis
-in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie
-bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die
-Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da
-sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und
-gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh
-doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie
-mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch
-Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen,
-sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht
-schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_
-befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da
-entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das
-wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen
-gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles
-satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders
-Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein
-Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von
-Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die
-von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich
-geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem
-Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere
-schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber
-söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und
-so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen
-Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet,
-von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa
-begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes
--- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!
-
-[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.]
-
-[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.]
-
-Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard
-nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus,
-wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer
-abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als
-_Savern_.
-
-Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von
-ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem
-neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide
-in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben
-Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit
-kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten
-Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's
-Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang
-und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt,
-die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden,
-sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun
-Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch
-kommen.
-
-Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer.
-Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte
-und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem
-Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen
-Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus
-dem Kern, und sprach:
-
-Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste
-angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch
-_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem,
-Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt
-sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden
-Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie
-jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals
-auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten
-und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen
-Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr
-doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen,
-wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem
-Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant
-ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und
-mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine
-Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch
-erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem
-Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war
-herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und
-doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie
-mir mitleidig.
-
-Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen
-französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten
-zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den
-fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und
-ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines
-Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte
-Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft,
-und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer
-meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und
-noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines
-fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an
-Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden.
-
-Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte
-meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft,
-aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt
-nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe
-einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine
-Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter,
-nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir
-steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf
-dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und
-grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer
-Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus
-nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich
-ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der
-fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist
-der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn
-er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?
-
-Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die
-er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte,
-sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine
-von Menschen auf Erden.
-
-Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen,
-bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an
-sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen,
-und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter;
-denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine
-Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine
-Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid
-der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath
-durch mich nicht mehr.
-
-So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein
-entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir
-eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom
-Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken
-herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und
-bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.
-
-Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?
-
-Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es
-gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann
-beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du
-bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht
-heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die
-Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da
-er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines
-Harems?
-
-Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen
-und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen
-glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.
-
-Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der
-Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_
-und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine
-gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit
-Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.
-
-Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten
-Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln
-curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der
-Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll
-Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast
-verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen
-und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche
-gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den
-erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer
-Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne
-Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und
-sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure
-Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie
-zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist
-mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich
-dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.
-
-Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also
-gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller
-Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald
-darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer
-für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die
-darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_
-erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das
-Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir
-ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich
-nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus
-angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja
--- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der
-gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie
-streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.
-
-So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_
-versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte
-sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn
-einzusegnen zu seiner Ruhe.
-
-Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine
-Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch
-strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn
-durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in
-Konstantinopel zu übermachen.
-
-Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs
-gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister
-zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach
-Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden,
-nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt,
-in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh
-einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit
-ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.
-
-
-
-
-Siebzehntes Capitel. Heirathen.
-
-
- Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,
- Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,
- Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.
- Und grause Fragen kannst du dann an Arme
- Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun,
- Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich:
- »Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib:
- »Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter:
- »Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du
- Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_
- Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen
- Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe,
- Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher
- Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe.
- Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,
- Ein Märchen für den Winterherd zu werden,
- Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund,
- Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König
- Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder
- Als bunte Seifenblase nur erscheint.
-
- Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_
-
-Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben
-Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit
-_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben
-. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den
-ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und
-hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen,
-der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre
-Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer
-ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr
-unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in
-einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide
-vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum
-Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen
-zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die
-Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast
-keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig
-war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder
-Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm,
-und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen!
-selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie
-unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für
-ihn.
-
-Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen
-verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig
-schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges
-Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig
-am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an;
-denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um
-ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am
-Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden
-vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in
-den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie
-an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht
-uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen
-geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund
-wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz
-verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt,
-verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber
-freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen
-wiederzusehen.
-
-In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von
-den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der
-Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um
-Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis
-nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern
-und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten
-und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die
-Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen
-doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs
-einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil
-von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem
-Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete
-die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil
-sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie
-ohne Gewissen.
-
-Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die
-alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt
-kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem
-Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig
-schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_«
-gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles
-verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere
-Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig
-wird wirklich ein kühlender Balsam.
-
-Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte
-Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau
-van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur
-oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als
-Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten
-Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt
-bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und
-prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der
-Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten
-sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern
-Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und
-klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von
-ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur
-für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch
-oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit
-»unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er
-brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm
-Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein
-redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht
-der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll
-Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von
-Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_
-durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom
-Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er
-nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold
-wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er
-ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem
-liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_
-zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle
-Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem
-verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es
-sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und
-lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme
-gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige
-seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große
-Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in
-Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von
-Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft
-und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und
-Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen
-Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die
-Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und
-hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in
-seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam,
-schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich«
-ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder
-_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären?
-bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte,
-ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde
-_dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_
-Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn,
-gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme
-und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand
-auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei
-dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van
-Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des
-heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet,
-und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von
-dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun
-auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze
-Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war
-vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine
-Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer
-gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine
-große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei
-sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein
-sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der
-Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise
-die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen,
-worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich
-erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit
-geweint.
-
-Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als
-Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren;
-dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber
-dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre
-Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und
-klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . .
-
-. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .
-
-. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem
-Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . .
-Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?
-
-. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern
-Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!
-
-Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins
-Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe
-gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.
-
-Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint
-und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht
-geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich
-aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe
-verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen,
-ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf
-aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet
-und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß,
-abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren
-gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde
-gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen
-Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im
-Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten
-oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man
-Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien
-gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und
-ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß
-gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes
-unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_«
-
-[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.]
-
-[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.]
-
-[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«]
-
-So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase
-Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth
-gerathen.
-
-
-
-
-Achtzehntes Capitel.
-
-
-Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der
-_sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war
-schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward
-verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße
-Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand
-und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und
-schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die
-Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden
-Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein
-Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an
-den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße
-fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben
-weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er
-kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den
-Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in
-der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes,
-die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines
-möglichen Endes.
-
-So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch
-über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch
-für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene
-Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber
-mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem
-Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke
-gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste:
-Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so
-habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist
-besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.
-
-Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem
-gestorbenen Weibe Gabriele.
-
-Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der
-Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten:
-
-»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt
-gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen
-mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein
-Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!
-
-Dein kleiner lieber Adam.«
-
-Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille
-Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück.
-Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie
-ging und küßte ihm sein Haupt.
-
-Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und
-bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder
-flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte
-sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein
-Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen
-zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen,
-Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte
-Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten
-Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen
-nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten
-vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und
-selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern
-fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben
-stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu
-sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln,
-daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang.
-
- * * * * *
-
-Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße.
-Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie
-draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie
-wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber
-ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank
-aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht
-hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme
-ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied
-gesungen:
-
- Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur
- Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n,
- Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne
- Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten!
-
- Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal,
- _Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich!
- Und was im Himmel nie geschaut ward:
- Engel bewundern da einen Todten!
-
-Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff,
-er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib!
-Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund!
-
-Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib
-in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte,
-statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie
-trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard
-aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der
-Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.
-
- * * * * *
-
-Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei,
-wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der
-Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel
-schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor
-sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und
-fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die
-unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?
-
-Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die
-Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande --
-an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der
-hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen,
-als ich nicht weiter konnte!
-
-Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.
-
- * * * * *
-
-Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im
-Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von
-Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen
-seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen
-geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein
-Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in
-Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück
-ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht
-eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn
-eingesperrt. Da sitz' er wol noch.
-
-Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes
-einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten
-Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie
-bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines
-Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen
-geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner
-_Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon
-vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel
-Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten
-wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und
-verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren
-sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden
-Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit
-Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor
-Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den
-Lebendigen._[A]
-
-[Fußnote A: Bower.]
-
-Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden
-Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm
-die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in
-der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland
-erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine
-Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau,
-Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in
-Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem
-gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich
-ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in
-vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer
-wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie
-liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag
-und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des
-Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches,
-allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig,
-des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei.
-_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den
-Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte,
-willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch,
-ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und
-Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so
-dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann
-würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles
-Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und
-sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus
-dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich
-heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt
-ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr
-Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern
-unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den
-Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich
-nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen:
-Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das
-war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie
-Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.
-
- * * * * *
-
-Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben
-Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung
-abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den
-Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu
-bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und
-selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen
-Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche
-recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner
-»wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie
-könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder
-verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als
-einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths,
-daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine
-Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich
-tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen
-_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und
-unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum
-Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode
-geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher
-Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß --
-Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde
-aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und
-der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund --
-dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande
-zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe
-Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und
-der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm
-berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden
-darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen
-braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben,
-so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf
-ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art!
-Sonst taugte es gar nichts!
-
-
-
-
-Neunzehntes Capitel.
-
-
-An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit,
-gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne
-über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen
-sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen,
-fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem
-Rade.
-
-Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von
-tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder
-Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer,
-Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen,
-harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute
-Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich,
-galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen
-Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem
-hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen
-sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen
-zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße
-Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich
-verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt,
-und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner
-gackern.
-
-Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der
-Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht
-dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter
-Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen
-der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe,
-und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein
-Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken
-Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein
-zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern,
-genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle
-in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu
-solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er
-stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof,
-eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für
-welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere
-Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ
-sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang
-er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf
-den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein
-gewaltiger Bann schallenden Worte aus:
-
-»Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich
-diesem Weibe das Leben, und dadurch, _daß ich sie zu meinem Weibe nehme_,
-und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, _leibliche und
-geistige_ Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe,
-der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.«
-
-Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie
-Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen
-schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske
-ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem
-Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe
-zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen
-Menschen vollbracht zu haben.
-
-»_Die Heirath vom Blocke weg_« war also die von Jost in das Pergamentblatt
-eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein
-weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das
-ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar
-nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so
-lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute
-Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und
-bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes »Ja! Ja!«, gewißlich nicht »Nein« zu
-bekunden.
-
-Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß
-furchtbaren Schmauß aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und
-da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und
-noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm
-ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mußt! Denn kein Verurtheilter
-darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!
-
-So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das
-ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt!
-Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem --
-jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den
-Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht,
-noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt -- weil sonst
-»die junge Frau« da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was
-Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger
-sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur
-Durchsicht.
-
-Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die
-Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann
-gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im
-Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu
-werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde
-muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! -- Jetzt heißt es für uns:
-Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn
-ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: _er_
-langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ würfeln darum und stecken sie
-ein!
-
-Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau
-heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die
-Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ --
-anders als neue junge Frau Schwägerin -- und wo Gaiette sich auch einen so
-reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch
-glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das
-Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit
-seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in
-das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge
-nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und
-ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ würde mir
-aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die
-Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe
-bezahlen lassen!
-
-Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der
-Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht
-auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte
-ihn tüchtig ab zu allem Dank.
-
-[Fußnote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches
-wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren,
-schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens
-vor. Anmerkung der Frau »Historia«.]
-
-
-
-
-Zwanzigstes Capitel.
-
-
-Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch
-die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem
-Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und
-prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da
-lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben
-kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre
-Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein großes Ja! auf die
-Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen,
-selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon
-die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam
-erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen
-Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich
-irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend
--- auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt,
-und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit
-halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in
-den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und
-Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen
-die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals
-hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein
-bedauerte und rief: ein treuer »Hund« verläßt mit den Menschen das Haus;
-die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein,
-streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und
-er lachte wieder.
-
-Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort
-Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst
-herrichteten. »Alles in der Welt -- nur keine Ersparniß!« Die besten
-Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen
-hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war,
-wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen,
-an _»edle« Häuser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die
-Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau
-Schwägerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr
-großes Vermögen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _für die
-Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gnädig angenommen ward.
-
-_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar
-_ganz natürlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut.
-
-Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf
-das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten
-aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei
-blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden,
-die den Hügel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die
-Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten
-niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb
-aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr
-Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem
-in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand,
-bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm
-voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der
-Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er
-begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem
-Felsstück auf, und auch _seine Gabriele_ mußte dem Nikolas eine Hand geben,
-wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur
-Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte
-Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er
-sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum
-Gotterbarmen!
-
-Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist
-alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!
-
-Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage
-in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein
-kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr
-einen Strauß Alpenveilchen. _Savern_ begrüßte _Gaiette_ als ihm auf der
-ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem
-Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte
-Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem
-Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren
-Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte.
-Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum
-mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen.
-
-Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt
-hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen
-Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach
-Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er
-entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenen
-_Vater_ sechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um
-Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie
-beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde
-geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen,
-Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und
-nun sie _geistlich exerciren_ lassen bis zum Verrücktwerden, durch Beten,
-Singen, Knien, Weinen _auf Commando_, Beichten, Nachtwachen,
-Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium
-vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne
-Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art
-der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich
-Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in
-Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben
-dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie
-»Seelenpocken«, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden
-und unseligen Verlauf genommen.[A]
-
-Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er
-als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, daß dem ganzen
-großen Wirrwarr nur die _Kindesliebe zu Vater und Mutter_, wenn auch in
-ihrer Entartung zugrunde gelegen.
-
-[Fußnote A: Vincenz von Beauvais.]
-
-Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander
-liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000
-geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie
-verpaßten die große fürchterliche _Weberschlacht_ der Wollenweber und
-Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der
-Mittelstand in den _weitern_ Rath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten
-den neuen Kampf _Aller_ gegen die Macht und _das_ Herrschen des neuen
-Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die
-Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem
-Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen
-davongekommen!
-
-Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die
-christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm
-Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den
-Kaiser ausliefern sollen -- alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte
-hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen
-keine besondere Freude _an der Vergeltung_.
-
- * * * * *
-
-So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer.
-Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der
-Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den
-Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an
-der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel
-verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du
-lieber gleich mit, oder gesund mir nach -- _mir war es doch zu traurig_ --
-du erinnertest dennoch mich immer: _daß du gestorben!_ und das war eine
-schlimme Zeit! _Die vergiß ja lieber!_
-
-Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn
-wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe.
-
-Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und
-ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die
-ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen. _Savern_ und _Gaiette_
-gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im
-Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? -- Und
-aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroße silberblanke
-Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien
-bekränzten Bett.
-
-Er fand bei ihr einst, aus Raimund's Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem
-Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche
-hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und
-reingenagt.
-
-Der Fund war sein Lohn!
-
-Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzückt es vor sich in die
-Höhe gehalten, da war vor Erschütterung der Seele _die Sprache_ ihr wieder
-in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien -- aber die Erinnerung
-hatte sie überwältigt und _todt_ zurückgestürzt.
-
-Sie ward an ihres _geistigen_ Mannes, des guten Raimund's Seite begraben --
-und einst ihr _leiblicher_ Mann an ihrer Seite.
-
-Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind ließ sich die alles vergeblich
-gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die arme _Isidore_, nicht nehmen. Sie
-ward ihm Mutter, und es ward dafür ihr Trost und ihre Freude. _Ihr
-Schönstes und Bestes müssen ja immer die Menschen sich träumen._
-
-
-
- »Der Phantasie gehört der Mensch, das Kind!«
-
-
-
-
-Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-ways including checks, online payments and credit card donations.
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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