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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40117 ***
+
+ Rainer Maria Rilke
+
+
+ Das Marien-Leben
+
+
+ [Illustration]
+
+ [Griechich: zalên endothen echôn]
+
+ * * * * *
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+ Duino, Januar 1912
+
+
+
+
+ _Heinrich Vogeler_
+ dankbar
+ für alten und neuen Anlaß
+ zu diesen Versen
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Geburt Mariä 7
+
+ Die Darstellung Mariä im Tempel 8
+
+ Mariä Verkündigung 10
+
+ Mariä Heimsuchung 11
+
+ Argwohn Josephs 12
+
+ Verkündigung über den Hirten 13
+
+ Geburt Christi 15
+
+ Rast auf der Flucht in Ägypten 16
+
+ Von der Hochzeit zu Kana 17
+
+ Vor der Passion 19
+
+ Pietà 20
+
+ Stillung Mariä mit dem Auferstandenen 21
+
+ Vom Tode Mariä (Drei Stücke) 22
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Geburt Mariä
+
+
+ O was muß es die Engel gekostet haben,
+ nicht aufzusingen plötzlich, wie man aufweint,
+ da sie doch wußten: in dieser Nacht wird dem Knaben
+ die Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint.
+
+ Schwingend verschwiegen sie sich und zeigten die Richtung,
+ wo, allein, das Gehöft lag des Joachim,
+ ach, sie fühlten in sich und im Raum die reine Verdichtung,
+ aber es durfte keiner nieder zu ihm.
+
+ Denn die beiden waren schon so außer sich vor Getue.
+ Eine Nachbarin kam und klugte und wußte nicht wie,
+ und der Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe
+ einer dunkelen Kuh. Denn so war es noch nie.
+
+
+
+
+ Die Darstellung Mariä im Tempel
+
+
+ Um zu begreifen, wie sie damals war,
+ mußt du dich erst an eine Stelle rufen,
+ wo Säulen in dir wirken; wo du Stufen
+ nachfühlen kannst; wo Bogen voll Gefahr
+ den Abgrund eines Raumes überbrücken,
+ der in dir blieb, weil er aus solchen Stücken
+ getürmt war, daß du sie nicht mehr aus dir
+ ausheben kannst: du rissest dich denn ein.
+ Bist du so weit, ist alles in dir Stein,
+ Wand, Aufgang, Durchblick, Wölbung --, so probier,
+ den großen Vorhang, den du vor dir hast,
+ ein wenig wegzuzerrn mit beiden Händen:
+ Da glänzt es von ganz hohen Gegenständen
+ und übertrifft dir Atem und Getast.
+ Hinauf, hinab, Palast steht auf Palast,
+ Geländer strömen breiter aus Geländern
+ und tauchen oben auf an solchen Rändern,
+ daß dich, wie du sie siehst, der Schwindel faßt.
+ Dabei macht ein Gewölk aus Räucherständern
+ die Nähe trüb; aber das Fernste zielt
+ in dich hinein mit seinen graden Strahlen --,
+ und wenn jetzt Schein aus klaren Flammenschalen
+ auf langsam nahenden Gewändern spielt:
+ wie hältst du's aus?
+
+ Sie aber kam und hob
+ den Blick, um dieses alles anzuschauen.
+ (Ein Kind, ein kleines Mädchen zwischen Frauen.)
+ Dann stieg sie ruhig, voller Selbstvertrauen,
+ dem Aufwand zu, der sich verwöhnt verschob:
+ So sehr war alles, was die Menschen bauen,
+ schon überwogen von dem Lob
+
+ in ihrem Herzen. Von der Lust
+ sich hinzugeben an die innern Zeichen:
+ Die Eltern meinten, sie hinaufzureichen,
+ der Drohende mit der Juwelenbrust
+ empfing sie scheinbar: Doch sie ging durch alle,
+ klein wie sie war, aus jeder Hand hinaus
+ und in ihr Los, das, höher als die Halle,
+ schon fertig war, und schwerer als das Haus.
+
+
+
+
+ Mariä Verkündigung
+
+
+ Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
+ erschreckte sie. So wenig andre, wenn
+ ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
+ in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
+ auffahren --, pflegte sie an der Gestalt,
+ in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;
+ sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt
+ mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,
+ wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,
+ die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,
+ sich so in sie versehn, daß sich in ihr,
+ ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,
+ das Tier aus Licht, das reine Tier --.)
+ Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,
+ der Engel, eines Jünglings Angesicht
+ so zu ihr neigte, daß sein Blick und der,
+ mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen,
+ als wäre draußen plötzlich alles leer
+ und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
+ hineingedrängt in sie: nur sie und er;
+ Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
+ sonst nirgends als an dieser Stelle --: sieh,
+ dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.
+
+ Dann sang der Engel seine Melodie.
+
+
+
+
+ Mariä Heimsuchung
+
+
+ Noch erging sie's leicht im Anbeginne,
+ doch im Steigen manchmal ward sie schon
+ ihres wunderbaren Leibes inne, --
+ und dann stand sie, atmend, auf den hohn
+
+ Judenbergen. Aber nicht das Land,
+ ihre Fülle war um sie gebreitet;
+ gehend fühlte sie: man überschreitet
+ nie die Größe, die sie jetzt empfand.
+
+ Und es drängte sie, die Hand zu legen
+ auf den andern Leib, der weiter war.
+ Und die Frauen schwankten sich entgegen
+ und berührten sich Gewand und Haar.
+
+ Jede, voll von ihrem Heiligtume,
+ schützte sich mit der Gevatterin.
+ Ach der Heiland in ihr war noch Blume,
+ doch den Täufer in dem Schoß der Muhme
+ riß die Freude schon zum Hüpfen hin.
+
+
+
+
+ Argwohn Josephs
+
+
+ Und der Engel sprach und gab sich Müh
+ an dem Mann, der seine Fäuste ballte:
+ aber siehst du nicht an jeder Falte,
+ daß sie kühl ist wie die Gottesfrüh.
+
+ Doch der andre sah ihn finster an,
+ murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt?
+ Doch da schrie der Engel: Zimmermann,
+ merkst du's noch nicht, daß der Herrgott handelt?
+
+ Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,
+ willst du wirklich den zur Rede stelln,
+ der bescheiden aus dem gleichen Holze
+ Blätter treiben macht und Knospen schwelln?
+
+ Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke,
+ recht erschrocken, zu dem Engel hob
+ war der fort. Da schob er seine dicke
+ Mütze langsam ab. Dann sang er lob.
+
+
+
+
+ Verkündigung über den Hirten
+
+
+ Seht auf, ihr Männer. Männer dort am Feuer,
+ die ihr den grenzenlosen Himmel kennt,
+ Sterndeuter, hierher! Seht, ich bin ein neuer
+ steigender Stern. Mein ganzes Wesen brennt
+ und strahlt so stark und ist so ungeheuer
+ voll Licht, daß mir das tiefe Firmament
+ nicht mehr genügt. Laßt meinen Glanz hinein
+ in euer Dasein: o, die dunklen Blicke,
+ die dunklen Herzen, nächtige Geschicke,
+ die euch erfüllen. Hirten, wie allein
+ bin ich in euch. Auf einmal wird mir Raum.
+ Stauntet ihr nicht: der große Brotfruchtbaum
+ warf einen Schatten. Ja, das kam von mir.
+ Ihr Unerschrockenen, o wüßtet ihr,
+ wie jetzt auf eurem schauenden Gesichte
+ die Zukunft scheint. In diesem starken Lichte
+ wird viel geschehen. Euch vertrau ich's, denn
+ ihr seid verschwiegen; euch Gradgläubigen
+ redet hier alles. Glut und Regen spricht,
+ der Vögel Zug, der Wind und was ihr seid,
+ keins überwiegt und wächst zur Eitelkeit
+ sich mästend an. Ihr haltet nicht
+ die Dinge auf im Zwischenraum der Brust,
+ um sie zu quälen. So wie seine Lust
+ durch einen Engel strömt, so treibt durch euch
+ das Irdische. Und wenn ein Dorngesträuch
+ aufflammte plötzlich, dürfte noch aus ihm
+ der Ewige euch rufen, Cherubim,
+ wenn sie geruhten neben eurer Herde
+ einherzuschreiten, wunderten euch nicht:
+ ihr stürztet euch auf euer Angesicht,
+ betetet an und nenntet dies die Erde.
+
+ Doch dieses war. Nun soll ein Neues sein,
+ von dem der Erdkreis ringender sich weitet.
+ Was ist ein Dörnicht uns: Gott fühlt sich ein
+ in einer Jungfrau Schoß. Ich bin der Schein
+ von ihrer Innigkeit, der euch geleitet.
+
+
+
+
+ Geburt Christi
+
+
+ Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte
+ dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
+ Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,
+ macht sich mild und kommt in dir zur Welt.
+
+ Hast du dir ihn größer vorgestellt?
+
+ Was ist Größe? Quer durch alle Maße,
+ die er durchstreicht, geht sein grades Los.
+ Selbst ein Stern hat keine solche Straße.
+ Siehst du, diese Könige sind groß,
+
+ und sie schleppen dir vor deinen Schoß
+
+ Schätze, die sie für die größten halten,
+ und du staunst vielleicht bei dieser Gift --:
+ aber schau in deines Tuches Falten,
+ wie er jetzt schon alles übertrifft.
+
+ Aller Amber, den man weit verschifft,
+
+ jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,
+ das sich trübend in die Sinne streut:
+ alles dieses war von rascher Kürze,
+ und am Ende hat man es bereut.
+
+ Aber (du wirst sehen): Er erfreut.
+
+
+
+
+ Rast auf der Flucht in Ägypten
+
+
+ Diese, die noch eben atemlos
+ flohen mitten aus dem Kindermorden:
+ o, wie waren sie unmerklich groß
+ über ihrer Wanderschaft geworden.
+
+ Kaum noch daß im scheuen Rückwärtsschauen
+ ihres Schreckens Not zergangen war,
+ und schon brachten sie auf ihrem grauen
+ Maultier ganze Städte in Gefahr;
+
+ denn sowie sie, klein im großen Land,
+ -- fast ein Nichts -- den starken Tempeln nahten,
+ platzten alle Götzen wie verraten
+ und verloren völlig den Verstand.
+
+ Ist es denkbar, daß von ihrem Gange
+ alles so verzweifelt sich erbost?
+ und sie wurden vor sich selber bange,
+ nur das Kind war namenlos getrost.
+
+ Immerhin, sie mußten sich darüber
+ eine Weile setzen. Doch da ging --
+ sieh: der Baum, der still sie überhing,
+ wie ein Dienender zu ihnen über:
+
+ er verneigte sich. Derselbe Baum,
+ dessen Kränze toten Pharaonen
+ für das Ewige die Stirnen schonen,
+ neigte sich. Er fühlte neue Kronen
+ blühen. Und sie saßen wie im Traum.
+
+
+
+
+ Von der Hochzeit zu Kana
+
+
+ Konnte sie denn anders, als auf ihn
+ stolz sein, der ihr Schlichtestes verschönte?
+ War nicht selbst die hohe, großgewöhnte
+ Nacht wie außer sich, da er erschien?
+
+ Ging nicht auch, daß er sich einst verloren,
+ unerhört zu seiner Glorie aus?
+ Hatten nicht die Weisesten die Ohren
+ mit dem Mund vertauscht? Und war das Haus
+
+ nicht wie neu von seiner Stimme? Ach
+ sicher hatte sie zu hundert Malen
+ ihre Freude an ihm auszustrahlen
+ sich verwehrt. Sie ging ihm staunend nach.
+
+ Aber da bei jenem Hochzeitsfeste,
+ als es unversehns an Wein gebrach, --
+ sah sie hin und bat um eine Geste
+ und begriff nicht, daß er widersprach.
+
+ Und dann tat er's. Sie verstand es später,
+ wie sie ihn in seinen Weg gedrängt:
+ denn jetzt war er wirklich Wundertäter,
+ und das ganze Opfer war verhängt,
+
+ unaufhaltsam. Ja, es stand geschrieben.
+ Aber war es damals schon bereit?
+ Sie: sie hatte es herbeigetrieben
+ in der Blindheit ihrer Eitelkeit.
+
+ An dem Tisch voll Früchten und Gemüsen
+ freute sie sich mit und sah nicht ein,
+ daß das Wasser ihrer Tränendrüsen
+ Blut geworden war mit diesem Wein.
+
+
+
+
+ Vor der Passion
+
+
+ O hast du dies gewollt, du hättest nicht
+ durch eines Weibes Leib entspringen dürfen:
+ Heilande muß man in den Bergen schürfen,
+ wo man das Harte aus dem Harten bricht.
+
+ Tut dir's nicht selber leid, dein liebes Tal
+ so zu verwüsten? Siehe meine Schwäche;
+ ich habe nichts als Milch- und Tränenbäche,
+ und du warst immer in der Überzahl.
+
+ Mit solchem Aufwand wardst du mir verheißen.
+ Was tratst du nicht gleich wild aus mir hinaus?
+ Wenn du nur Tiger brauchst, dich zu zerreißen,
+ warum erzog man mich im Frauenhaus,
+
+ ein weiches reines Kleid für dich zu weben,
+ darin nicht einmal die geringste Spur
+ von Naht dich drückt --: so war mein ganzes Leben
+ und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur.
+
+
+
+
+ Pietà
+
+
+ Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos
+ erfüllt es mich. Ich starre wie des Steins
+ Inneres starrt.
+ Hart wie ich bin, weiß ich nur Eins:
+ Du wurdest groß --
+ .... und wurdest groß,
+ um als zu großer Schmerz
+ ganz über meines Herzens Fassung
+ hinauszustehn.
+ Jetzt liegst du quer durch meinen Schoß,
+ jetzt kann ich dich nicht mehr
+ gebären.
+
+
+
+
+ Stillung Mariä mit dem Auferstandenen
+
+
+ Was sie damals empfanden: ist es nicht
+ vor allen Geheimnissen süß
+ und immer noch irdisch:
+ da er, ein wenig blaß noch vom Grab,
+ erleichtert zu ihr trat:
+ an allen Stellen erstanden.
+ O zu ihr zuerst. Wie waren sie da
+ unaussprechlich in Heilung.
+ Ja sie heilten, das war's. Sie hatten nicht nötig,
+ sich stark zu berühren.
+ Er legte ihr eine Sekunde
+ kaum seine nächstens
+ ewige Hand an die frauliche Schulter.
+ Und sie begannen
+ still wie die Bäume im Frühling,
+ unendlich zugleich,
+ diese Jahreszeit
+ ihres äußersten Umgangs.
+
+
+
+
+ Vom Tode Mariä
+
+ (Drei Stücke)
+
+
+ 1
+
+ Derselbe große Engel, welcher einst
+ ihr der Gebärung Botschaft niederbrachte,
+ stand da, abwartend daß sie ihn beachte,
+ und sprach: Jetzt wird es Zeit, daß du erscheinst.
+ Und sie erschrak wie damals und erwies
+ sich wieder als die Magd, ihn tief bejahend.
+ Er aber strahlte, und unendlich nahend,
+ schwand er wie in ihr Angesicht -- und hieß
+ die weithin ausgegangenen Bekehrer
+ zusammenkommen in das Haus am Hang,
+ das Haus des Abendmahls. Sie kamen schwerer
+ und traten bange ein: Da lag, entlang
+ die schmale Bettstatt, die in Untergang
+ und Auserwählung rätselhaft Getauchte,
+ ganz unversehrt, wie eine Ungebrauchte,
+ und achtete auf englischen Gesang.
+ Nun da sie alle hinter ihren Kerzen
+ abwarten sah, riß sie vom Übermaß
+ der Stimmen sich und schenkte noch von Herzen
+ die beiden Kleider fort, die sie besaß,
+ und hob ihr Antlitz auf zu dem und dem ...
+ (o Ursprung namenloser Tränen-Bäche).
+
+ Sie aber legte sich in ihre Schwäche
+ und zog die Himmel an Jerusalem
+ so nah heran, daß ihre Seele nur,
+ austretend, sich ein wenig strecken mußte:
+ schon hob er sie, der alles von ihr wußte,
+ hinein in ihre göttliche Natur.
+
+
+ 2
+
+ Wer hat bedacht, daß bis zu ihrem Kommen
+ der viele Himmel unvollständig war?
+ Der Auferstandne hatte Platz genommen,
+ doch neben ihm, durch vierundzwanzig Jahr,
+ war leer der Sitz. Und sie begannen schon
+ sich an die reine Lücke zu gewöhnen,
+ die wie verheilt war, denn mit seinem schönen
+ Hinüberscheinen füllte sie der Sohn.
+
+ So ging auch sie, die in die Himmel trat,
+ nicht auf ihn zu, so sehr es sie verlangte;
+ dort war kein Platz, nur Er war dort und prangte
+ mit einer Strahlung, die ihr wehe tat.
+ Doch da sie jetzt, die rührende Gestalt,
+ sich zu den neuen Seligen gesellte
+ und unauffällig, licht zu licht, sich stellte,
+ da brach aus ihrem Sein ein Hinterhalt
+ von solchem Glanz, daß der von ihr erhellte
+ Engel geblendet aufschrie: Wer ist die?
+ Ein Staunen war. Dann sahn sie alle, wie
+ Gott-Vater oben unsern Herrn verhielt,
+ so daß, von milder Dämmerung umspielt,
+ die leere Stelle wie ein wenig Leid
+ sich zeigte, eine Spur von Einsamkeit,
+ wie etwas, was er noch ertrug, ein Rest
+ irdischer Zeit, ein trockenes Gebrest --.
+ Man sah nach ihr: sie schaute ängstlich hin,
+ weit vorgeneigt, als fühlte sie: ich bin
+ sein längster Schmerz --: und stürzte plötzlich vor.
+ Die Engel aber nahmen sie zu sich
+ und stützten sie und sangen seliglich
+ und trugen sie das letzte Stück empor.
+
+
+ 3
+
+ Doch vor dem Apostel Thomas, der
+ kam da es zu spät war, trat der schnelle
+ längst darauf gefaßte Engel her
+ und befahl an der Begräbnisstelle:
+
+ Dräng den Stein beiseite. Willst du wissen,
+ wo die ist, die dir das Herz bewegt:
+ Sieh: sie ward wie ein Lavendelkissen
+ eine Weile da hineingelegt,
+
+ daß die Erde künftig nach ihr rieche
+ in den Falten wie ein feines Tuch.
+ Alles Tote (fühlst du), alles Sieche
+ ist betäubt von ihrem Wohlgeruch.
+
+ Schau den Leinwand: wo ist eine Bleiche,
+ wo er blendend wird und geht nicht ein?
+ Dieses Licht aus dieser reinen Leiche
+ war ihm klärender als Sonnenschein.
+
+ Staunst du nicht, wie sanft sie ihm entging?
+ Fast als wär sie's noch, nichts ist verschoben.
+ Doch die Himmel sind erschüttert oben:
+ Mann, knie hin und sieh mir nach und sing.
+
+
+
+
+ 41. bis 50. Tausend
+ Druck der Offizin W. Drugulin, Leipzig
+
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+ Anmerkung zur Transkription:
+
+ Das Inhaltsverzeichnis befindet sich im Original
+ am Ende des Buches und wurde an den Anfang verschoben.
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+
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+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Marien-Leben, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40117 ***