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diff --git a/39669-h/39669-h.htm b/39669-h/39669-h.htm new file mode 100644 index 0000000..dac63d5 --- /dev/null +++ b/39669-h/39669-h.htm @@ -0,0 +1,2339 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + +<head> + +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + +<title>The Project Gutenberg eBook of Die großen Mächte, by Leopold von Ranke</title> + +<style type="text/css"> + +body { +margin-left: 10%; +margin-right: 10%; +} + +h1,h2 { +text-align: center; +clear: both; +} + +h1 {font-size:300%; line-height:1.5;} +h2 {font-size:120%; margin-top: 4em;} + +p { +text-indent:0em; +margin-top: .75em; +text-align: justify; +margin-bottom: .75em; +} + +p.title { +text-align:center; +text-indent:0; +font-weight:bold; +font-size: 1.2em; +line-height: 3.0; +margin-bottom:3em; +} + +p.front { +text-align: center; +font-size: 1.1em; +text-indent: 0; +margin-bottom:1em; +} + +big {font-size:140%;} + +.gesperrt { +font-style: normal; +font-weight: normal; +letter-spacing: .2em; +padding-left: .2em +} + +hr { +width: 80%; +margin-top: 1em; +margin-bottom: 1em; +margin-left: auto; +margin-right: auto; +clear: both; +} + +table { +margin-left: auto; +margin-right: auto; +} + +.pagenum { +position: absolute; +left: 92%; +font-size: smaller; +text-align: right; +} + +.figcenter { +margin: auto; +text-align: center; +} + +</style> +</head> + + + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die großen Mächte, by Leopold von Ranke + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Die großen Mächte + +Author: Leopold von Ranke + +Editor: Friedrich Meinecke + +Release Date: May 11, 2012 [EBook #39669] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßEN MÄCHTE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<div class="figcenter"> +<img id="coverpage" style="margin-top: 2em;" src="images/cover.jpg" width="400" alt=""/> +</div> + + +<h1>Die großen Mächte</h1> + +<p class="title">Von<br /> +<span class="gesperrt"><big><b>Leopold von Ranke</b></big></span></p> + +<div class="figcenter"> +<img style="margin-top: 4em;" src="images/schiff.jpg" width="80" alt=""/> +</div> + + +<p class="front">Neu herausgegeben<br /> +von<br /> +<span class="gesperrt">Friedrich Meinecke</span></p> + +<hr /> + +<p class="front"><span class="gesperrt">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span></p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_03" id="Pg_03">[S. 3]</a></span></p> + +<h2>Einführung</h2> + + +<p>Rankes Aufsatz »Die großen Mächte«, der zu den Kleinodien unsrer +Nationalliteratur gehört, erschien im Jahre 1833 und eröffnete den zweiten +Band der von ihm herausgegebenen »Historisch-politischen Zeitschrift«. Er +trat mit dieser Zeitschrift aus der Stille der Forschung, in der er bisher +gelebt hatte, auf den Kampfesboden der politischen Parteien in Preußen und +Deutschland, nicht um sich einem der beiden miteinander ringenden Heerlager +anzuschließen, sondern um beiden einen höhern Punkt zu zeigen, von dem aus +die beanspruchte Allgemeingültigkeit und dogmatische Sicherheit der hüben +und drüben aufgestellten Parteiideale verblassen mußten und viel größere +und lebendigere Erscheinungen dem Blicke aufstiegen. Hie Autorität, +hie Volkssouveränität, so war nach der Julirevolution der Gegensatz der +Meinungen. Alles politische Leben sollte darin aufgehen, sei es den von +Gott gewollten, sei es den vom Volke gewollten Staat zu verwirklichen. +Im letzten Grunde kämpften dabei die alten und die neuen Schichten der +Gesellschaft um die Macht im Staate. Aber sie führten diesen realen Kampf +mit einer Ideologie, die das Wesen des Staates selbst gefährdete, schon +weil sie den innern sozialen Gegensätzen eine politische Schärfe und +geistige Unduldsamkeit gaben, die ihr Zusammenwirken im Dienste des Ganzen +unmöglich machten. »Die Extreme geben den Ton an,« schrieb Ranke in dem +Plane für die neue Zeitschrift, »das eine vielstimmiger als jemals: trotzig +auf die Siege, die es erfochten hat, und auf den Beifall der großen +Menge; das andre zwar in heftiger, aber unleugbar schwacher und nur immer +aufreizender Opposition. Es sind zwei Schulen, die sich bekämpfen: weit und +breit, in mancherlei + +<span class="pagenum"><a name="Pg_04" id="Pg_04">[S. 4]</a></span> + +Nuancen, haben sie den Boden eingenommen. Die Scholastik der +mittlern Jahrhunderte beschäftigte sich, die intellektuelle Welt ihren +Distinktionen zu unterwerfen: diese neue Scholastik ist bemüht, die reale +Welt nach ihren Schulmeinungen einzurichten.« Ranke war nicht gemeint, den +Wahrheitsgehalt, den die damalige liberale wie die damalige konservative +Staatsansicht in sich hegen mochten, zu bestreiten; nur ihrem Anspruch auf +Alleinherrschaft wollte er sich widersetzen. Er wollte ihnen zeigen, daß +der Staat nicht nach Schulmeinungen, sondern durch reale Kräfte geschaffen +wird, daß es deswegen keinen Normalstaat gibt, sondern daß jeder Staat +eine lebendige, individuelle Wesenheit für sich ist, die sich nach +eigenen Gesetzen und Bedürfnissen entwickelt. Dies Programm des modernen +historischen Realismus wurde damals nur von wenigen verstanden. Aber es +wurde von Bismarck in die Tat umgesetzt und ist durch Ranke zur Grundlage +alles echten historischen, durch Bismarck zur Grundlage alles unbefangenen +politischen Denkens geworden. Neue Schulmeinungen und Ideologien sind +seitdem wohl wieder aufgestiegen und haben es zurückdrängen wollen. Die +neueste Ideologie dieser Art ist uns im Weltkriege entgegengetreten, wo +unsre Gegner aus dem Versuche der alten fundierten Weltmächte, die neue +werdende Weltmacht zu unterdrücken, einen Kreuzzug der internationalen +Demokratie gegen den rückständigen autoritären Militarismus machen möchten. +Aber diese neuen Ideologien sind viel dünner und dürftiger gewebt als die +alten, mit denen Ranke und Bismarck sich auseinanderzusetzen hatten. An +der Wahrheit der Dinge zerreißen sie. Die damaligen Ideologien waren ganz +ehrlich gemeint; an die heutigen können nur die beschränktesten unter +unsern Gegnern ehrlich glauben. Die Melodie der Rankeschen »großen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_05" id="Pg_05">[S. 5]</a></span> + +Mächte« und ihrer Kämpfe um Existenz, Individualität, Unabhängigkeit und +Ausbreitung tönt so gewaltig wie noch nie aus diesem Weltkriege.</p> + +<p>Die Rankeschen Lehren sind in Deutschland reicher aufgegangen als in +andern Ländern. Man fühlt das dort wohl, aber man macht uns daraus den +Vorwurf, daß wir uns einem naturalistischen Kultus der Macht ergeben +und die frühere deutsche Geistigkeit eingebüßt hätten. Rankes Aufsatz +beleuchtet das wahre Verhältnis der beiden großen, durch die Namen Goethe +und Bismarck bezeichneten Epochen unsres modernen Nationallebens und ist +ihr organisches Bindeglied. Er zeigt, daß im Völkerleben geistige Werte +nicht ohne Machtwerte und dauerhafte Machtwerte nicht ohne geistige Werte +erzeugt werden und, um mit ihm zu sprechen, beide »auf das genaueste +zusammengehören«. Die Machtpolitik der einzelnen Staaten erscheint in +dieser Skizze wie überglänzt von den geistigen Kräften der Nationen.</p> + +<p>Ranke gibt in ihr wie überhaupt in seinen Darstellungen der auswärtigen +Politik den breitesten Raum. Dabei kommen neben den politischen Momenten +die literarischen stärker zum Ausdruck als die wirtschaftlichen und +sozialen, die uns heute unentbehrlich scheinen zum vollen Verständnis der +Staats- und Nationalentwicklungen. Aber Geschichtschreibung im höhern Sinne +ist nun einmal individuelles Bedürfnis und individuelle Kunst. Ebensowenig +wie es Normalstaaten gibt, gibt es eine normale Behandlung der Geschichte. +Ebenso wie der wirkliche Staat, muß die Geschichtschreibung auf besondern, +einheitlichen und fruchtbaren Prinzipien beruhen, muß aber auch dabei wie +dieser die Gesamtheit aller Lebensgebiete vor Augen haben. Sie ist, wie der +Staat, Individualität, die nach Totalität strebt, aber in + +<span class="pagenum"><a name="Pg_06" id="Pg_06">[S. 6]</a></span> + +den Schranken ihrer Individualität nicht anders kann, als die ihr als +Dominanten des Geschehens erscheinenden Dinge herausgreifen und die übrigen +Kräfte bald leiser, bald vernehmlicher mitschwingen lassen. Nur so kann die +unübersehbare Fülle des Geschehens gemeistert und zu einem Kosmos geordnet +werden. Und die Dominante der auswärtigen Politik, die Ranke – sehr +schon gegen den Geschmack seiner auf Verfassungsideale erpichten Zeit +– herausgriff, hat sich als fruchtbarer erwiesen als jede andre, +um das Staatenleben im großen zu verstehen. Es war ein genialer Griff, +auszugehen von den ersten und unabweisbarsten Bedürfnissen der Staaten, von +ihren Kämpfen um Existenz und Lebensraum, denn ihre innere Struktur ist zum +größern Teile Anpassung an diese Kämpfe. Die Machtbedürfnisse bestimmen wie +nichts andres die besondern Verfassungsformen der Staaten.</p> + +<p>Es ist hier nicht der Ort, die ideengeschichtliche Genesis der +Rankeschen Lehren von der Individualität der Staatspersönlichkeiten und dem +Primate der auswärtigen Politik zu zeigen. Man müßte dafür zurückgreifen +auf die Romantik, auf Wilhelm von Humboldt und Herder. Unter den +Romantikern kommt, wie ich an andrer Stelle gezeigt habe, namentlich Adam +Müller als Vorläufer Rankes in Betracht. Insgesamt war diese Entwicklung +und Vertiefung der Geschichtsauffassung von Herder zu Ranke hin eine der +größten Leistungen des deutschen wissenschaftlichen Geistes. Sie war nicht +denkbar ohne das Erwachen der Nationen, ohne die Idee der Nationalität +und das neue Licht, das diese Idee auf alle individuellen Erscheinungen +im geschichtlichen Leben warf. Tiefer und origineller als irgendwo ist +in Deutschland die Nationalität als große +<em class="gesperrt">Individualität</em> begriffen worden. Auch die +Bedeutung der Nation für den + +<span class="pagenum"><a name="Pg_07" id="Pg_07">[S. 7]</a></span> + +Staat hat Ranke, wie dieser Aufsatz zeigt, nicht im normalen und +schematischen Sinne der Französischen Revolution, sondern ganz individuell +und konkret erfaßt, ohne doch das Generelle an ihr dabei zu übersehen. +Rankes Geschichts- und Staatsauffassung war aber, über das Zeitalter der +Romantik und der Erhebung der Nationen hinüber, auch noch befruchtet durch +die Eindrücke und Überlieferungen des Zeitalters vor 1789, der sogenannten +Kabinettspolitik. Die »Großen Mächte« erinnern selber an Friedrichs +des Großen Jugendschrift <i>Considérations sur l'état présent du corps +politique de l'Europe</i> von 1738 (nicht 1736, wie Ranke noch annahm), in +der auch schon, freilich für rein praktische Zwecke, die Kunst geübt wurde, +die individuellen Interessen und Tendenzen der einzelnen Großmächte +zu charakterisieren und sie zugleich als Glieder einer einheitlichen +Staatenfamilie zu behandeln. Es gab eine ganze Literatur dieser Art im 17. +und 18. Jahrhundert, die mit kühler Klugheit und Klarheit die »Interessen +der Fürsten« ihrer Zeit studierte und berechnete. Ranke lernte diese Kunst +vor allem aus den Relationen der venezianischen Gesandten. An realistischer +Menschen- und Weltkenntnis konnte er es bald mit ihnen aufnehmen. Er +überflog sie weit, weil er den philosophischen Geist hinzutun konnte, +den das Deutschland seiner Jugendzeit erzeugt hatte. Die erhabenen, +geheimnisvoll-durchsichtigen Schlußworte des Aufsatzes hätte auch der +feinste politische Kopf des <i>ancien régime</i> nicht schreiben und +empfinden können.</p> + +<p>Es steckt unglaublich viel in diesem Aufsatze. Ranke schrieb ihn auf der +Jugendhöhe seiner Kraft, reich an schon gewonnener universalhistorischer +Anschauung, reicher noch an Ahnungen und Entwürfen für künftige Studien. +Alle seine spätern großen Werke, voran die preußische, französische und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_08" id="Pg_08">[S. 8]</a></span> + +englische Geschichte, in gewissem Sinne auch die Weltgeschichte, sind +schon, wie man mit Recht bemerkt hat, in dieser Skizze keimhaft enthalten. +Man muß sie wieder und wieder lesen und erwägen und findet doch immer +wieder verborgene Einsichten und Winke, die Ausgangspunkt für ganze Reihen +von Studien und Auffassungen geworden sind oder noch werden können. Auch im +heutigen Weltmomente, der die Nationen ganz auseinanderzureißen droht, kann +uns sein großartiger Optimismus trösten, der das »System des Rechtes« in +der europäischen Ordnung der Dinge immer wieder emportauchen, nach immer +neuer Vollendung streben sah. Dieser Optimismus entsprang der tiefen +Kenntnis der gewaltigen Quadern und Fundamente, die das europäische +Gesamtleben trotz aller untereinander geführten Kämpfe um die Macht im +Grunde tragen.</p> + +<p>Alle Kenntnis der Dinge aber steigert sich bei Ranke zu Anschauung und +Mitgefühl, die das Besondre in seinen geheimsten Falten und das Allgemeine +in seinen höchsten Beziehungen umfaßt. Weil beides bei ihm in jedem +Augenblicke ineinanderlebt, ist auch das Besondre immer etwas von +allgemeiner Bedeutung und das Allgemeine niemals eine bloße Abstraktion, +sondern nur die höchste der verschiedenen ineinander verkapselten +Individualitäten. Und über der höchsten Allgemeinheit der Geschichte, +die sich schauen läßt, liegt immer noch ein geistiger Äther +philosophisch-religiöser Ahnungen, der alles umhüllt. Keinem Historiker der +Welt ist es je gelungen, zugleich so realistisch und so transzendent +die Dinge zu behandeln. Man wird einwenden, daß sich die realistischen +Bestandteile seiner Geschichtsauffassung als dauerhafter erweisen +werden, wie die transzendent-spekulativen. Ohne Zweifel ist auch das +geschichtsphilosophische Element in unserm heutigen historischen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_09" id="Pg_09">[S. 9]</a></span> + +Denken schon etwas anders zusammengesetzt wie bei Ranke. Aber Rankes +Geschichtsphilosophie hat nirgends seinen Realismus beeinträchtigt und war +doch, so wie sie war, elastisch, behutsam und gläubig zugleich, notwendig, +um einen Realismus von dieser Schärfe und Tiefe hervorzubringen.</p> + +<p>Doch wir wollen hier nur erste Andeutungen zum Verständnis Rankes und +seiner »Großen Mächte« geben. Im freundlichen Gewande der Inselbücherei, +die schon so manche Perlen unsrer Literatur umschließt, werden die +»Großen Mächte« hoffentlich Gemeingut aller derer werden, die es mit +historisch-politischem Denken ernst nehmen und es nicht nur stofflich +bereichern, sondern schulen und verfeinern wollen. Möchten sie auch den +historisch-politischen Geschmack überhaupt heben, der heute bei uns nicht +auf der Höhe der weltgeschichtlichen Entscheidungen unsrer Tage steht.</p> + +<p>Einige Literaturangaben zur Kommentierung der »Großen Mächte« werden +vielleicht erwünscht sein. Varrentrapp hat in der Historischen Zeitschrift +Bd. 99 (1907) gelehrt und stoffreich über Rankes Historisch-politische +Zeitschrift und ihr feudalkonservatives Gegenstück, das Berliner Politische +Wochenblatt, gehandelt. Max Lenz in seinem Büchlein »Die großen Mächte. +Ein Rückblick auf unser Jahrhundert« (1900) geht von einer eingehenden +Würdigung des Rankeschen Aufsatzes aus, um dann kühn und geistvoll den +Versuch Rankes, europäische Geschichte aus der Vogelperspektive zu sehen, +für das 19. Jahrhundert fortzusetzen. Die Bedeutung der »Großen Mächte« +und der verwandten Aufsätze Rankes für die Geschichte des +Nationalstaatsgedankens habe ich in meinem Buche »Weltbürgertum +und Nationalstaat« (3. Aufl. 1915) zu zeigen versucht. Wer Rankes +Persönlichkeit und geistige Entwicklung kennen lernen will, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_10" id="Pg_10">[S. 10]</a></span> + +muß zuerst aus seinen Briefen und autobiographischen Aufzeichnungen +schöpfen, die Alfred Dove in Band 53/54 der Werke Rankes herausgegeben +hat. Doves eigene Aufsätze über Ranke in seinen »Ausgewählten Schriftchen +vornehmlich historischen Inhalts« (1898) sind wohl das Schönste, was über +Ranke bisher gesagt worden ist.</p> + +<p>Ein Wort von Novalis – auch einem der Denker, die der Rankeschen +Geschichtsauffassung vorgearbeitet haben – mag diese Einführung +beschließen: »Was bildet den Menschen, als seine Lebensgeschichte? Und so +bildet den <em class="gesperrt">großartigen</em> Menschen nichts, als die +<em class="gesperrt">Weltgeschichte</em>.«</p> + +<p>Berlin, im August 1916.</p> + +<p style="text-align: right;"><span class="gesperrt"><b>Friedrich Meinecke.</b></span></p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_11" id="Pg_11">[S. 11]</a></span></p> + +<h2>Die großen Mächte</h2> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_13" id="Pg_13">[S. 13]</a></span> + +Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den +Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So +sehr uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen, +so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt sich, +verschwindet; nur die großen Eindrücke, die wir auf einer oder der anderen +Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkürlich +oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben übrig und +vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente +des genossenen Daseins treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren +lebendigen Inhalt aus.</p> + +<p>Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die +Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die +wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen die +Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und +lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode, +die nur durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist – +der letzten anderthalb Jahrhunderte –, einmal im Zusammenhange zu +vergegenwärtigen.</p> + +<p>Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen +Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich +einen unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in +sich. Allein niemals läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien +Standpunkte aus das Ganze zu überschauen; auch strebt jedermann auf +eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen +Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.</p> + +<p>Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger + +<span class="pagenum"><a name="Pg_14" id="Pg_14">[S. 14]</a></span> + +Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will +mich jedoch einmal daran wagen.</p> + +<p>Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser +Zeitschrift<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> +besser einleiten, als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang der +modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschüttern +vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment, in dem wir uns +befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es gewöhnlich geschehen mag, +zur Anschauung zu bringen?</p> + +<p>Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit +zurückgreifen, es wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben; +auch halte ich mich absichtlich an die großen Begebenheiten, an den +Fortgang der auswärtigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der +Aufschluß für die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten Wirkung +und Rückwirkung stehen, wird darin großenteils enthalten sein.</p> + + + + +<h2>Die Zeit Ludwigs XIV.</h2> + + +<p>Gehen wir davon aus, daß man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit +von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und +Frankreich sah. Von dem einen überwältigt, fand man eine Zuflucht bei dem +andern. Daß Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwächt +und zerrüttet war, erschien als ein allgemeines Unglück; wenn man dann +Heinrich IV. so lebhaft begrüßte, so geschah dies nicht allein, weil er der +Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptsächlich weil er eben +dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europäischen Ordnung der +Dinge wurde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_15" id="Pg_15">[S. 15]</a></span> + +Es ereignete sich aber, daß Frankreich, indem es dem Nebenbuhler +allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die +gefährlichsten Schläge beibrachte und die Verbündeten desselben in +Deutschland besiegte, hierdurch selber ein Übergewicht an sich riß, größer +als jener es in dem Höhepunkte seiner Macht besessen hatte.</p> + +<p>Man vergegenwärtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680 +war.</p> + +<p>Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in +Gärung zu erhalten, – unter einem Könige, der es vollkommen +verstand, der Fürst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer +Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und in der +Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst verbündet +hatte, – einmütiger, mächtiger als jemals vorher.</p> + +<p>Um das Machtverhältnis einigermaßen zu überblicken, braucht man sich nur +zu erinnern, daß zu der nämlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden ersten +stehenden Regimenter, Infanterie und Kürassiere, errichtete, Ludwig XIV. +im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und 14000 Mann Garde +hielt; daß, während die englische Kriegsmarine in den letzten Jahren +Karls II. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83 Schiffe gezählt), +die französische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe vom ersten und zweiten +Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele Brander gebracht ward. +Die Truppen Ludwigs XIV. waren die geübtesten, krieggewohntesten, die +man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein anderer Fürst besaß zum +Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte Grenzen.</p> + +<p>Nicht allein aber durch die militärische Macht, sondern noch mehr +durch Politik und Bündnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu +überwältigen. Die Verhältnisse, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_16" id="Pg_16">[S. 16]</a></span> + +in welche sie dadurch gelangt waren, bildeten sie zu einer Art von +Oberherrschaft aus.</p> + +<p>Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm +Schweden einen gefährlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne +rechten Anlaß, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf dessen +Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen Krone ward in einem +offiziellen Blatte als ein Triumph Ludwigs XIV. angekündigt; König und +Königin waren lange im französischen Interesse. Von Polen aus unterstützte +man, wenn es über Wien nicht mehr möglich war, die ungarischen +Mißvergnügten; die Franzosen vermittelten die Verbindung derselben mit den +Türken; denn auf den Diwan übten sie ihren alten, durch die gewöhnlichen +Mittel erhaltenen Einfluß ohne Störung. Es war alles <em class="gesperrt">ein</em> +System. Eine vorzügliche Rücksicht der französischen Politik bestand darin, +den Frieden zwischen Polen und Türken zu erhalten; dazu wurde selbst der +Tatarkhan angegangen. Eine andere war, Schweden von den Russen nicht mit Krieg +überziehen zu lassen. Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter +Miene, Schweden anzugreifen, das mit Frankreich verbündet ist, so drohten +die Türken, mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg +und Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab.</p> + +<p>Man weiß, wie unmittelbar, hauptsächlich durch Schweden, das nämliche +System Deutschland berührte. Aber auch ohne dies war unser Vaterland +entzweit und geschwächt. Bayern und Pfalz waren durch Heiratsverbindungen +an den französischen Hof geknüpft, und fast alle übrigen Fürsten nahmen zu +einer oder der anderen Zeit Subsidien; der Kurfürst von Köln überlieferte +vermöge eines förmlichen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_17" id="Pg_17">[S. 17]</a></span> + +Traktates, den er durch verschiedene Scheinverträge verheimlichte, seine +Festung Neuß an eine französische Besatzung.</p> + +<p>Auch in dem mittleren und dem südlichen Europa war es nicht viel anders. +Die Schweizer dienten zuweilen, über 20000 Mann stark, in den französischen +Heeren, und von der Unabhängigkeit ihrer Tagsatzungen war bei so starkem +öffentlichen, noch stärkerem geheimen Einfluß nicht mehr viel zu rühmen. +Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu Pinarolo genommen; noch +wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und Genua unmittelbar bedroht +werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wäre, wenn auch dieser Platz in +französische Hände komme; jedoch wagte kein Mensch, sich der Unterhandlung, +die Ludwig XIV. mit dem Herzoge von Mantua darüber pflog, obwohl sie +lange genug dauerte, ernstlich zu widersetzen, und endlich rückte eine +französische Besatzung daselbst ein. Wie der Herzog von Mantua waren +auch die übrigen italienischen Fürsten großenteils in der Pflicht von +Frankreich. Die Herzogin von Savoyen und, jenseit der Pyrenäen, die Königin +von Portugal waren Französinnen. Der Kardinal d'Etrées hatte über die +eine wie die andere eine so unzweifelhafte Gewalt, daß man gesagt hat, er +beherrsche sie despotisch, durch sie die Länder.</p> + +<p>Sollte man aber glauben, daß Frankreich indes selbst auf seine Gegner +vom Hause Österreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende +Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einfluß erwarb? Es verstand, die +spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge König von Spanien +vermählte sich mit einer französischen Prinzessin, und gar bald zeigte sich +dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in den inneren +Angelegenheiten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_18" id="Pg_18">[S. 18]</a></span> + +von Spanien. Der bedeutendste Mann, den dies Land damals hatte, der zweite +Don Juan d'Austria, ward, soviel ich finde, durch die Franzosen in den +Mißkredit gebracht, in welchem er starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten +im Kriege, wußten sie, wiewohl bloß insgeheim, Fuß zu fassen. Nur unter +einer solchen Voraussetzung wenigstens glaubte man die Schwankungen des +dortigen Kabinetts begreifen zu können. Die Anordnungen des Hofkriegsrates +waren, wie Montecuculi klagte, früher zu Versailles bekannt als in dem +eigenen Hauptquartier.</p> + +<p>Bei diesem Zustande der Dinge hätte wohl vor allen europäischen Staaten +England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu +besaß, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man weiß, durch welche +sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggründe der Politik und der +Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige Karl II. +an Ludwig XIV. gebunden war. Für den König von Frankreich waren diese Bande +jedoch noch nicht fest genug. In dem nämlichen Augenblicke ließ er sich +angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des Parlaments an sich zu +ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt sie waren, so brauchte er +doch nur die nämlichen Mittel anzuwenden. Die Gründe, sagt der französische +Gesandte Barrillon von einem derselben, die Gründe, die ich ihm anführte, +überzeugten ihn nicht; aber das Geld, das ich ihm gab, das machte ihn +sicher. Hierdurch erst bekam Ludwig XIV. England in seine Gewalt. Hätte +der König sich von ihm entfernt, so würde derselbe Widerstand im Parlament +gefunden haben; sobald das Parlament dem nationalen Widerwillen gegen die +Franzosen Raum gab, stellte sich der König entgegen. Ludwigs Politik war, +und Barrillon sagt ausdrücklich, es liege demselben am Herzen, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_19" id="Pg_19">[S. 19]</a></span> + +eine Vereinigung der Engländer, eine Aussöhnung zwischen König und +Parlament zu verhindern. Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht +ward hierdurch völlig neutralisiert.</p> + +<p>Und so war allerdings Europa den Franzosen gegenüber entzweit und +kraftlos, ohne Herz, wie ein Venezianer sagt, und ohne Galle. Welch ein +Zustand der allgemeinen Politik, daß man es duldete, als Ludwig auf +den Antrag eines seiner Parlamentsräte zu Metz jene Reunionskammern +einrichtete, vor die er mächtige Fürsten zitierte, um über ihre Rechte an +Land und Leute, durch Staatsverträge gewährleistet, wie über Privatrechte +von seinen Gerichten entscheiden zu lassen! Welch ein Zustand des Deutschen +Reiches, daß es sich Straßburg so gewaltsam, so wider die Natur der Dinge +entreißen ließ! Man erlaube mir, anzuführen, wie ein Fremder lange nachher +die Eroberung des Elsaß bezeichnet. »Wenn man die Geschichte davon liest,« +sagt Young in einer Reisebeschreibung, »so macht sie einen so tiefen +Eindruck nicht; daß ich aber, aus Frankreich kommend, über hohe Gebirge +mußte und dann in eine Ebene hinabstieg, in der ein von den Franzosen in +Sitte, Sprache und Abstammung ganz unterschiedenes Volk wohnt (die Ebene, +welche damals erobert wurde), das machte mir Eindruck.« Und eine solche +Beleidigung nahm Deutschland hin und schloß darüber einen Stillstand.</p> + +<p>Was gab es da noch, das sich Ludwig XIV. nicht hätte erlauben sollen? +Ich will nicht dabei verweilen, wie er Genua mißhandelte, wie er seinen +Ambassadeur dem Papst zum Trotz mit einer bewaffneten Macht in Rom +einrücken ließ; erinnern wir uns nur, wie er selbst seiner Freunde +nicht schonte. Er nahm Zweibrücken in Besitz, obwohl es seinem alten +Bundesgenossen, dem Könige von Schweden, gehörte; + +<span class="pagenum"><a name="Pg_20" id="Pg_20">[S. 20]</a></span> + +sein Admiral beschoß Chios, weil sich tripolitanische Seeräuber dahin +geflüchtet, obgleich die Türken seine Verbündeten waren; einiger Forts, +die der englischen Gesellschaft der Hudsonbai gehörten, bemächtigte er sich +mitten im Frieden, während des besten Einverständnisses. Jener Königin von +Polen versagte Ludwig XIV. eine geringfügige Genugtuung ihres Ehrgeizes. +Nachdem er sich Freunde gemacht, durch Geld oder Unterstützung, liebt er +es, sie zu vernachlässigen, sei es, um ihnen zu beweisen, daß er sie im +Grunde doch nicht brauche, oder in der Überzeugung, die Furcht vor seinem +Unwillen allein werde sie in Pflicht halten. In jeder Unterhandlung will er +dies sein Übergewicht fühlen lassen. Von einem seiner auswärtigen Minister +sagt er selbst: »Ich habe ihn entfernen müssen; denn allem, was durch seine +Hand ging, gebrach es an der Großartigkeit und Kraft, welche man zeigen +muß, wenn man die Befehle eines Königs von Frankreich ausführt, der nicht +unglücklich ist.«</p> + +<p>Man darf annehmen, daß diese Gesinnung der vornehmste Antrieb selbst +seiner Kriegslust war. Schwerlich war gerade eine ausschweifende Ländergier +in ihm; von einer weit um sich greifenden Eroberung war eigentlich nicht +die Rede. Wie die Feldzüge selbst nur eben mit zu den Beschäftigungen des +Hofes gehören, – man versammelt ein Heer, man läßt es vor den Damen +paradieren; alles ist vorbereitet; der Schlag gelingt; der König rückt in +die eroberte Stadt ein, dann eilt er zum Hofe zurück, – so ist es +hauptsächlich diese triumphierende Pracht der Rückkehr, diese Bewunderung +des Hofes, worin er sich gefällt; es liegt ihm nicht soviel an der +Eroberung, an dem Kriege, als an dem Glanze, den sie um ihn verbreiten. +Nein! einen freien, großen, unvergänglichen Ruhm sucht er nicht; es liegt +ihm + +<span class="pagenum"><a name="Pg_21" id="Pg_21">[S. 21]</a></span> + +nur an den Huldigungen seiner Umgebung; diese ist ihm Welt und +Nachwelt.</p> + +<p>Aber darum war der Zustand von Europa nicht weniger gefährdet. Sollte es +einen Supremat geben, so müßte es wenigstens ein rechtlich bestimmter sein. +Dies faktisch Unrechtmäßige, das den ruhigen Zustand jeden Augenblick durch +Willkür stört, würde die Grundlage der europäischen Ordnung der Dinge und +ihrer Entwickelung auflösen. Man bemerkt nicht immer, daß diese Ordnung +sich von anderen, die in der Weltgeschichte erschienen sind, durch +ihre rechtliche, ja juridische Natur unterscheidet. Es ist wahr, die +Weltbewegungen zerstören wieder das System des Rechtes; aber nachdem sie +vorübergegangen, setzt sich dies von neuem zusammen, und alle Bemühungen +zielen nur dahin, es wieder zu vollenden.</p> + +<p>Und das wäre noch nicht einmal die einzige Gefahr gewesen. Eine andere +nicht minder bedeutende lag darin, daß ein so entschieden vorherrschender +Einfluß einer Nation es schwerlich zu einer selbständigen Entwickelung der +übrigen hätte kommen lassen, um so weniger, da er durch das Übergewicht +der Literatur unterstützt wurde. Die italienische Literatur hatte den Kreis +ihrer originalen Laufbahn bereits vollendet; die englische hatte sich noch +nicht zu allgemeiner Bedeutung erhoben; eine deutsche gab es damals nicht. +Die französische Literatur, leicht, glänzend und lebendig, in streng +geregelter und doch anmutender Form, faßlich für alle Welt und doch von +nationaler Eigentümlichkeit, fing an, Europa zu beherrschen. Es sieht +beinahe wie ein Scherz aus, wenn man bemerkt hat, daß z. B. das Diktionär +der Akademie, in welchem sich die Sprache fixierte, besonders an Ausdrücken +der Jagd und des Krieges reich ist, wie sie am Hofe gang und gäbe waren; +aber leugnen läßt sich nicht, daß + +<span class="pagenum"><a name="Pg_22" id="Pg_22">[S. 22]</a></span> + +diese Literatur dem Staate völlig entsprach und ein Teil den anderen in +der Erwerbung seines Supremats unterstützte. Paris ward die Kapitale von +Europa. Es übte eine Herrschaft wie nie eine andere Stadt, der Sprache, +der Sitte, gerade über die vornehme Welt und die wirksamen Klassen; die +Gemeinschaftlichkeit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr besonders +ist es doch, daß die Franzosen schon damals ihre Verfassung aller +Welt angepriesen haben, »den glücklichen Zustand der schutzreichen +Untertänigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Könige befinde, einem +Fürsten, welcher vor allen verdiene, daß die Welt von seiner Tapferkeit und +seinem Verstande regiert und in rechte Einigkeit gebracht werde.«</p> + +<p>Versetzt man sich in jene Zeit, in den Sinn eines Mitlebenden zurück, +welch eine trübe, beengende, schmerzliche Aussicht! Es konnte doch +geschehen, daß die falsche Richtung der Stuarts in England die Oberhand +behielt und die englische Politik sich auf ganze Zeiträume hinaus an +die französische fesselte. Nach dem Frieden von Nimwegen wurden die +lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, um die Wahl eines römischen Königs +auf Ludwig XIV. selbst oder doch den Dauphin fallen zu lassen; bedeutende +Stimmen waren dafür gewonnen, »denn allein der allerchristlichste König sei +fähig, dem Reiche seinen alten Glanz wiederzugeben«; und so unmöglich war +es nicht, daß unter begünstigenden Umständen eine solche Wahl wirklich +getroffen wurde; wie dann, wenn hernach auch die spanische Monarchie an +einen Prinzen dieses Hauses fiel? Hätte zugleich die französische Literatur +beide Richtungen, deren sie fähig war, die protestantische so gut wie die +katholische, ausgebildet, so würde Staat und Geist der Franzosen sich mit +unwiderstehlicher Gewalt Europa unterworfen haben. Versetzt man sich, wie +gesagt, in jene + +<span class="pagenum"><a name="Pg_23" id="Pg_23">[S. 23]</a></span> + +Zeit zurück, wodurch würde man glauben, daß einer so unglücklichen Wendung +der Dinge Einhalt geschehen könnte?</p> + +<p>Gegen den Anwachs der Macht und des politischen Übergewichtes +konnten die minder Mächtigen sich vereinigen. Sie schlossen Bündnisse, +Assoziationen. Dahin bildete sich der Begriff des europäischen +Gleichgewichtes aus, daß die Vereinigung vieler anderen dienen müsse, +die Anmaßungen des exorbitanten Hofes, wie man sich ausdrückte, +zurückzudrängen. Um Holland und Wilhelm III. sammelten sich die Kräfte des +Widerstandes. Mit gemeinschaftlicher Anstrengung wehrte man die Angriffe +ab, führte man die Kriege. Allein man würde geirrt haben, wenn man sich +hätte überreden wollen, es liege darin eine Abhilfe auf immer. Einem +europäischen Bündnisse und einem glücklichen Kriege zum Trotz wurde ein +Bourbon König von Spanien und Indien; über einen Teil von Italien sogar +breitete sich in dem allmählichen Fortgang der Dinge die Herrschaft dieses +Geschlechtes aus.</p> + +<p>In großen Gefahren kann man wohl getrost dem Genius vertrauen, der +Europa noch immer vor der Herrschaft jeder einseitigen und gewaltsamen +Richtung beschützt, jedem Druck von der einen Seite noch immer Widerstand +von der andern entgegengesetzt und bei einer Verbindung der Gesamtheit, +die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt enger und enger geworden, die allgemeine +Freiheit und Sonderung glücklich gerettet hat. Da das Übergewicht +Frankreichs auf der Überlegenheit seiner Streitkräfte, auf innerer Stärke +beruhte, so war ihm nur dadurch wahrhaft zu begegnen, daß ihm gegenüber +auch andere Mächte zu innerer Einheit, selbständiger Kraft und allgemeiner +Bedeutung entweder zurückkehrten oder aufs neue emporkämen. Überblicken wir +in wenigen flüchtigen Zügen, wie dies geschah.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_24" id="Pg_24">[S. 24]</a></span></p> + +<h2>England, Österreich, Rußland</h2> + + +<p>Zuerst erhob sich England zu dem Gefühle seiner Stärke. Dies war, sahen +wir, bisher dadurch zurückgehalten, gebrochen worden, daß Ludwig XIV. +zugleich Karl II. und das Parlament bearbeitete und bald den einen, bald +das andere für seine Zwecke zu bestimmen wußte. Mit Jakob II. aber stand +Ludwig in einem viel vertraulicheren Verhältnis als mit Karl. Wenn +nichts anderes, so vereinigte sie schon ihre religiöse Gesinnung, die +gemeinschaftliche Devotion. Daß Jakob den Katholizismus so auffallend +begünstigte, war einem Fürsten erwünscht, der die Protestanten selber +grausam verfolgte. Ludwig ergoß sich in Lob, und der englische Gesandte +kann nicht genug sagen, mit welcher Herzlichkeit er sich zu jedem +erdenklichen Beistand erboten habe, als Jakob den entscheidenden Schritt +getan und die Bischöfe gefangen gesetzt hatte. Aber eben dies bewirkte, +daß alle popularen und, da die englische Kirche angegriffen war, selbst +die aristokratischen Gewalten sich zugleich ihrem Könige und den Franzosen +entgegenwarfen. Es war eine religiöse, nationale und im Interesse des +bedrohten Europas unternommene Bewegung, der die Stuarts unterlagen. Eben +der leitete sie, der bisher die Seele aller Unternehmungen gegen Frankreich +gewesen war, Wilhelm III. Der neue König und sein Parlament bildeten +seitdem eine einzige Partei. Es konnte Streitigkeiten, selbst heftige +Streitigkeiten zwischen ihnen geben, aber auf die Dauer, in der Hauptsache +konnten sie sich nicht wieder entzweien, zumal da der Gegensatz so stark +war, den sie gemeinschaftlich erfuhren. Die Parteien, die sich bisher in +die Extreme geworfen, um einander von den entgegengesetztesten Standpunkten +aus zu befehden, wurden in den Kreis des Bestehenden verwiesen, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_25" id="Pg_25">[S. 25]</a></span> + +wo sie freilich auch miteinander stritten, aber sich zugleich miteinander +ausglichen, wo ihr Widerstreit zu einem lebendigen Gärungsstoff der +Verfassung wurde. Es ist nicht ohne Interesse, diesen Zustand mit dem +französischen zu vergleichen. Sie hatten doch vieles gemein. In Frankreich +wie in England waren aristokratische Geschlechter im Besitz der Gewalt; +die einen wie die anderen genossen einer alle anderen ausschließenden +Berechtigung; sie besaßen dieselbe beide vermöge ihrer Religion, die einen +durch ihren Katholizismus, die anderen durch ihren Protestantismus. Dabei +aber bestand der größte Unterschied. In Frankreich war alles Uniformität, +Unterordnung und Abhängigkeit eines reich entwickelten, aber sittlich +verderbten Hofwesens. In England ein gewaltiges Ringen, ein politischer +Wettkampf zweier fast mit gleichen Kräften ausgerüsteter Parteien innerhalb +eines bestimmten, umschriebenen Kreises. In Frankreich schlug die nicht +ohne Gewalt gepflanzte Devotion nur zu bald in ihr offenbares Gegenteil +um. In England bildete sich eine vielleicht beschränkte, im ganzen männlich +selbstbewußte Religiosität aus, die ihre Gegensätze überwand. Jenes +verblutete an den Unternehmungen eines falschen Ehrgeizes; diesem +strotzten die Adern von jugendlicher Kraft. Es war, als träte der Strom der +englischen Nationalkraft nun erst aus den Gebirgen, zwischen denen er sich +bisher zwar tief und voll, aber enge, sein Bette gewühlt, in die Ebene +hervor, um sie in stolzer Majestät zu beherrschen, Schiffe zu tragen und +Weltstädte an seinen Ufern gründen zu sehen. Das Recht der Geldbewilligung, +über welches bisher die meisten Streitigkeiten zwischen dem König und dem +Parlament ausgebrochen, fing nun vielmehr an, sie miteinander zu verbinden. +Karl II. hatte während des Vierteljahrhunderts seiner Regierung alles in +allem + +<span class="pagenum"><a name="Pg_26" id="Pg_26">[S. 26]</a></span> + +dreiundvierzig Millionen Pfund eingenommen. Wilhelm empfing binnen dreizehn +Jahren zweiundsiebenzig Millionen Pfund; wie ungeheuer aber stiegen seitdem +diese Anstrengungen! Eben darum stiegen sie, weil sie freiwillig waren, +weil man sah, daß ihr Ertrag nicht dem Luxus weniger Hofleute, sondern dem +allgemeinen Bedürfnis diente. Da war das Übergewicht der englischen Marine +nicht lange zweifelhaft. Im Jahre 1678 war es als ein blühender Zustand +der königlichen Flotte erschienen, daß sie, die Brander eingeschlossen, 83 +Kriegsschiffe zählte, mit einer Bemannung von 18323 Mann. Im Dezember +1701 besaß man dagegen, Brander und kleinere Fahrzeuge ausgeschlossen, 184 +Schiffe vom ersten bis sechsten Range mit einer Bemannung von 53921 Mann. +Wenn, wie man glaubt, der Ertrag des Postwesens einen Maßstab für den +inneren Verkehr abgibt, so muß man sagen, daß auch dieser ungemein +gestiegen war. Im Jahre 1660 soll die Post 12000 Pfund, im Jahre 1699 +dagegen 90504 Pfund Sterling abgeworfen haben. Man hat gleich damals +bemerkt, daß das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen +Erbfolgekriege die Besorgnis war, Frankreich und Spanien vereinigt möchten +den westindischen Verkehr den Engländern und Holländern wieder entreißen. +Hätte auch sonst der Friede, den man zuletzt schloß, den Tadel verdient, +den die Whigs so lebhaft über denselben aussprachen, so hat er doch diese +Furcht beseitigt. Nichts bezeichnet mehr das Übergewicht der Engländer über +die bourbonischen Mächte, als daß sie Gibraltar behaupteten. Den besten +Verkehr mit den spanischen Kolonien brachten sie nunmehr sogar durch +Vertrag an sich, indes die eigenen sich in ungeheuerem Fortschritt +ausbreiteten. Wie Batavia vor Kalkutta, so verschwand seitdem der alte +maritime Glanz von Holland vor + +<span class="pagenum"><a name="Pg_27" id="Pg_27">[S. 27]</a></span> + +dem englischen, und schon Friedrich der Große fand zu bemerken, Holland +folge dem Nachbar wie ein Boot seinem Schiff. Die Vereinigung mit Hannover +brachte ein neues, kontinentales, nicht minder antifranzösisches Interesse +hinzu. In dieser großen Bewegung erhob sich die englische Literatur zuerst +zu europäischer Wirksamkeit, und sie fing an, mit der französischen zu +wetteifern. Naturforschung und Philosophie, diese sowohl in der einen +als in der anderen ihrer Richtungen, brachten eine neue und originale +Weltansicht hervor, in der jener die Welt übermeisternde Geist sich selber +faßte und widerspiegelte. Zwar würde man zu viel behaupten, wenn man den +Engländern die Schöpfung vollendeter, in der Form unvergänglicher Denkmale +der Poesie oder der Kunst in dieser Zeit zuschreiben wollte; aber herrliche +Genies hatten sie auch damals, und längst besaßen sie wenigstens einen +großen Dichter, dessen Werke – für alle Zeiten faßlich und wirksam, +wie sie sind – Europa nun erst kennen lernte. Hatten sie eine +Zeitlang französische Formen nicht verschmäht, so nahm man nun an +den ausgezeichnetsten Franzosen die Wirkung ihres Geistes und ihrer +Wissenschaft wahr.</p> + +<p>Dergestalt setzte sich Ludwig XIV. jenem Nebenbuhler, dessen er durch +Politik oder den Einfluß der Religion Herr zu werden gehofft hatte, +mächtiger in sich, großartiger und gefährlicher, als man irgend hatte +erwarten können, entgegen. Alle maritimen Beziehungen, alle Verhältnisse +des europäischen Westens wurden dadurch von Grund aus verändert.</p> + +<p>Indessen war zur nämlichen Zeit auch der Osten umgestaltet.</p> + +<p>Ich kann die Meinung nicht teilen, daß das deutsche Österreich in der +Bedeutung, in der wir es erblicken, eine alte + +<span class="pagenum"><a name="Pg_28" id="Pg_28">[S. 28]</a></span> + +Macht zu nennen sei. Während des Mittelalters hätte es ohne das Kaisertum +nur wenig zu sagen gehabt. Dann ward es von der spanischen Monarchie +zugleich mit fortgezogen und in Schatten gestellt; am Ende des sechzehnten +Jahrhunderts war es durch den Zwiespalt der Religion und die erblichen +Berechtigungen der Stände in seinen verschiedenen Landschaften alles +auswärtigen Ansehens entkleidet worden; im Anfang des Dreißigjährigen +Krieges mußten deutsche Heere dem Kaiser sein Erbland wiedererobern. Selbst +der Glanz, den die wallensteinischen Unternehmungen auf Ferdinand II. +warfen, war doch nur vorübergehend; und welche gewaltsame Rückwirkung +riefen sie nicht hervor! Wie oft wurden seitdem die Hauptstädte +österreichischer Provinzen von den schwedischen Heeren bedroht! Jedoch +gelang es eben damals dem Hause Österreich, durch die Vernichtung seiner +Gegner, die Erhebung seiner Anhänger, die endliche Befestigung des +Katholizismus seine Macht im Innern auf immer zu begründen. Es war der +erste Schritt zu dem Ansehen, das es in neuerer Zeit erworben hat. Zu einer +selbständigen und europäisch bedeutenden Macht wurde aber Österreich erst +durch die Wiedereroberung von Ungarn. Solange Ofen in den Händen der +Türken war, konnten die Franzosen Österreich bedrohen, ja außerordentlich +gefährden, sooft es ihnen gefiel, ihren Einfluß auf den Diwan dahin zu +verwenden. Haben sie den Zug Kara Mustaphas im Jahre 1683 auch nicht +veranlaßt, so haben sie doch darum gewußt. Ihre Absicht war dabei nicht, +Deutschland oder die Christenheit zu verderben; so weit gingen sie nicht; +aber Wien wollten sie nehmen, die Türken wollten sie selbst bis an den +Rhein vordringen lassen. Dann wäre Ludwig XIV. als der einzige Schirm der +Christenheit hervorgetreten; in der Verwirrung, die eine + +<span class="pagenum"><a name="Pg_29" id="Pg_29">[S. 29]</a></span> + +solche Bewegung hätte hervorbringen müssen, würde es ihm nicht haben fehlen +können, über die deutsche Krone zu verfügen und sie, wenn er nur wollte, +selbst an sich zu nehmen.</p> + +<p>Unter den Mauern von Wien schlug dieser Plan fehl. Es war die letzte +große Anstrengung der Türken, die um so verderblicher auf sie zurückwirkte, +da sie alle ihre Kräfte dazu in barbarischem Übermaße aufgewendet hatten. +Seitdem wichen denn vor den deutschen Kriegsscharen, welche, wie ein +Italiener sagt, »wie eine starke, undurchdringliche Mauer« vorrückten, die +ungeordneten türkischen Haufen allenthalben zurück; vergebens erklärte ein +Fetwa des Mufti, daß Ofen der Schlüssel des Reiches und die Verteidigung +dieses Platzes eine Glaubenspflicht sei; es ging doch verloren; ganz Ungarn +ward wiedererobert und zu einem erblichen Reiche gemacht. Die Mißvergnügten +unterwarfen sich; in die Grenzen von Niederungarn rückte eine Raizische +Bevölkerung ein, um dieses fortan wider die Türken zu verteidigen. Seitdem +hatte Österreich eine ganz andere Grundlage als früher. Sonst wurden alle +Kriege in Ungarn von deutschen Heeren geführt, und man sagte, alle dortigen +Flüsse seien mit deutschem Blute gefärbt; jetzt erschienen die Ungarn als +der Kern der österreichischen Heere in den deutschen Kriegen. Nun war +es der französischen Diplomatie nicht mehr möglich, die Türken bei jedem +leichten Anlaß in das Herz der Monarchie zu rufen; nur noch einmal fand sie +bei den Mißvergnügten Beistand und Hilfe; endlich war alles ruhig; eben +auf diejenige Provinz, die ihn bisher am meisten gefährdet hatte, gründete +seitdem der Kaiser seine Gewalt.</p> + +<p>Man sieht von selbst, welch eine Veränderung die Befestigung dieser +stabilen, reichen, wohlbewaffneten Macht, welche die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_30" id="Pg_30">[S. 30]</a></span> + +Türken in Zaum, ja in Furcht hielt, in den Verhältnissen des europäischen +Ostens hervorbringen mußte.</p> + +<p>Ludwig XIV. erlebte wenigstens den Anfang noch einer anderen.</p> + +<p>Die Zustände von Polen, durch die es ihm leicht wurde, in diesem Lande +immer eine Partei zu haben, die Macht von Schweden, das durch Herkommen und +alten Bund wenigstens in der Regel an ihn geknüpft war, gaben ihm ohne viel +Anstrengung ein entschiedenes Übergewicht in dem Norden. Karl XII. machte +darin keine Änderung. Es war einer seiner ersten Entschlüsse, wie er +zu seinem Kanzler sagte, »schlechterdings die Allianz mit Frankreich +abzuschließen und zu dessen Freunden zu gehören.« Es ist wahr, der +Spanische Erbfolgekrieg und der Nordische, die hierauf fast zu gleicher +Zeit begannen, hatten keinen vorausbedachten, durch Unterhandlungen +vermittelten Zusammenhang, obwohl man ihn oft vermutete; aber die +schwedischen Unternehmungen kamen den Franzosen durch ihren Erfolg +zustatten; in der Tat hatten die Begebenheiten eine gleichartige Tendenz. +Während die spanische Sukzession dienen sollte, den Bourbonen den Süden von +Europa in die Hände zu liefern, waren die alten Verbündeten der Bourbonen, +die Schweden, nahe daran, die Herrschaft in dem Norden völlig an sich zu +bringen. Nachdem Karl XII. die Dänen überfallen und zum Frieden gezwungen, +nachdem er Polen erobert und einen König daselbst gesetzt, nachdem er die +Hälfte von Deutschland, das in seinem Osten nicht viel besser befestigt +war, als in seinem Westen, durchzogen und Sachsen eine Zeitlang innegehabt, +blieb ihm zur Befestigung seiner Suprematie nichts mehr übrig, als den +Zaren, den er schon einmal geschlagen, völlig zu vernichten. Dazu brach er +mit seinem in Sachsen verjüngten Heere auf. Der Zar + +<span class="pagenum"><a name="Pg_31" id="Pg_31">[S. 31]</a></span> + +hatte sich indes mit großer Anstrengung gerüstet. Es kam zu dem +entscheidenden Kampfe des Jahres 1709. Sie begegneten einander noch einmal, +diese beiden nordischen Heroen, Karl XII. und Peter I., originale Geburten +germanischer und slawischer Nationalität. Ein denkwürdiger Gegensatz. Der +Germane großgesinnt und einfach, ohne Flecken in seinem Lebenswandel, ganz +ein Held, wahr in seinen Worten, kühn in seinem Vornehmen, gottesfürchtig, +hartnäckig bis zum Eigensinn, unerschütterlich. Der Slawe, zugleich +gutmütig und grausam, höchst beweglich, noch halb ein Barbar, aber mit der +ganzen Leidenschaftlichkeit einer frischen lernbegierigen Natur den Studien +und Fortschritten der europäischen Nationen zugewandt, voll von großen +Entwürfen und unermüdlich, sie durchzusetzen. Es ist ein erhabener Anblick, +den Kampf dieser Naturen wahrzunehmen. Man könnte zweifeln, welches die +vorzüglichere war; so viel ist gewiß, daß sich die größere Zukunft an die +Erfolge des Zaren knüpfte. Während Karl für die wahren Interessen seiner +Nation wenig Sinn zeigte, hatte Peter die Ausbildung der seinigen, die er +selbst vorbereitet und begonnen, an seine Person geknüpft und ließ dieselbe +sein vornehmstes Augenmerk sein. Er trug den Sieg davon. In dem Berichte, +den er über die Schlacht von Pultawa an seine Leute ergehen ließ, fügte +er in einer Nachschrift hinzu, »damit sei der Grundstein zu St. Petersburg +gelegt.« Es war der Grundstein zu dem ganzen Gebäude seines Staates und +seiner Politik. Seitdem fing Rußland an, in dem Norden Gesetze zu geben. +Es wäre ein Irrtum, wenn man glauben wollte, es hätte dazu einer langen +Entwickelung bedurft; es geschah vielmehr auf der Stelle. Wie hätte auch +August II. von Polen, der seine Herstellung einzig und allein den Waffen +der Russen verdankte, sich ihrem Einfluß + +<span class="pagenum"><a name="Pg_32" id="Pg_32">[S. 32]</a></span> + +entziehen können? Aber überdies mußte er in den inneren Entzweiungen, im +Kampfe mit seinem Adel, ihre Hilfe aufs neue in Anspruch nehmen. Hierdurch +ward Peter I. unmittelbarer Schiedsrichter in Polen, mächtig über beide +Parteien; um so gewaltiger, da die Polen ihre Armee um drei Vierteile +verminderten, während die seinige immer zahlreicher, geübter und +furchtbarer wurde. Der Zar, sagt ein Venezianer im Jahre 1717, welcher +sonst Gesetze von den Polen empfangen hat, gibt deren jetzt ihnen nach +seinem Gutdünken mit unbeschränkter Autorität. Notwendigerweise hörte +seitdem der Einfluß der Franzosen in Polen mehr und mehr auf; sie +vermochten ihre Thronkandidaten nicht mehr zu befördern, selbst wenn sie +den Adel für sich hatten. Indessen war Schweden durch eben diese Ereignisse +entkräftet und herabgebracht worden. Noch in seinen letzten Tagen +hatte Ludwig XIV. dieser Krone alle ihre Besitzungen garantiert; +nichtsdestominder war sie zuletzt eines bedeutenden Teiles derselben +verlustig gegangen. Wohl behaupteten die Franzosen ihren Einfluß in +Stockholm. Man klagte dort 1756, Schweden werde von Paris aus regiert, wie +eine französische Provinz. Aber wie gesagt, Schweden war ganz unbedeutend +geworden. Es waren armselige innere Entzweiungen der Mützen und Hüte, auf +die man Einfluß hatte. Wenn man sie ein paarmal benutzte, um einen Krieg +gegen Rußland hervorzurufen, so war das eher ein Nachteil; man gab diesem +Reiche nur Gelegenheit zu neuen Siegen und Vergrößerungen.</p> + +<p>Und so war der Norden unter eine ganz andre Herrschaft geraten als die +mittelbare von Frankreich; eine große Nation trat dort in eine neue, eine +eigentlich europäische Entwickelung ein. In dem Osten war der französische +Einfluß zwar nicht verschwunden; aber er hatte daselbst, obwohl Österreich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_33" id="Pg_33">[S. 33]</a></span> + +unter Karl VI. schwach genug wurde, doch lange nicht mehr die alte +Bedeutung. Die See war in den Händen des Nebenbuhlers; die vorteilhafte +Verbindung, welche Frankreich über Cadiz mit dem spanischen Amerika +angefangen, duldete oder unterbrach derselbe nach seiner Konvenienz.</p> + +<p>In dem südlichen Europa dagegen, durch das natürliche Einverständnis der +bourbonischen Höfe, das nach kurzer Unterbrechung bis zu gemeinschaftlichen +Plänen hergestellt worden war, und in Deutschland hatte Frankreich noch +immer ein großes Übergewicht.</p> + +<p>Vor allem in Deutschland.</p> + +<p>Es existieren Betrachtungen über den politischen Zustand von Europa vom +Jahre 1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten, kurz +vor dem österreichischen Sukzessionskriege geistreich und bündig schildern. +Wenn der Verfasser zugibt, daß Kaiser Karl VI. seine Macht im Reiche zu +erweitern, die Verfassung monarchischer zu machen bemüht sei, daß derselbe +sogar durch seine Verbindung mit den Russen, die schon damals an dem Rhein +erschienen, einigen Artikeln seiner Kapitulation zuwidergehandelt habe, so +findet er doch auf dieser Seite die Gefahr so groß nicht; der letzte Krieg, +meint er, habe die Schwäche des kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze +und der Gewaltsamkeit, mit denen derselbe seine Pläne durchzusetzen +suche, liege ein Heilmittel gegen sie. Hüten wir uns dagegen, ruft er aus, +vielmehr vor denen, die durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde +Manieren und eine erdichtete Güte uns in die Sklaverei zu bringen suchen. +Er findet, daß Kardinal Fleury, damals Premierminister von Frankreich, +obwohl er die Miene außerordentlicher Mäßigung annehme, dessenungeachtet +und zwar gerade unter diesem Scheine die Pläne eines Richelieu und Mazarin +verfolge. Durch anscheinende + +<span class="pagenum"><a name="Pg_34" id="Pg_34">[S. 34]</a></span> + +Großmut schläfere er seine Nachbarn ein; er leihe gleichsam seinen sanften +und ruhigen Charakter für die Politik seines Hofes her. Mit wie viel +Klugheit, ohne Aufsehen und Lärm, habe er Lothringen an Frankreich zu +bringen gewußt; – um die erwünschte Rheingrenze zu erobern, woran +nicht gar viel fehle, erwarte er nur die Verwirrungen, die der Tod des +Kaisers unfehlbar nach sich ziehen müsse.</p> + +<p>Im Jahre 1740 starb Karl VI. Kardinal Fleury ließ sich sogar zu noch +kühneren Schritten fortreißen, als man ihm zugetraut hatte. Er sagte +geradeheraus, er wolle den Gemahl der Maria Theresia nicht zum Nachfolger +ihres Vaters, weil derselbe schlecht französisch gesinnt sei; er vor allen +war es, der Karl VII. von Bayern die deutsche Krone verschaffte; er +faßte den Plan, in Deutschland vier, ungefähr gleich mächtige Staaten +nebeneinander zu errichten, das Haus Österreich ziemlich auf Ungarn +einzuschränken, Böhmen dagegen an Bayern, Mähren und Oberschlesien an +Sachsen zu bringen, Preußen mit Niederschlesien zu befriedigen; wie +leicht hätte über vier solche Staaten, die sich ihrer Natur nach niemals +miteinander verstanden haben würden, Frankreich dann eine immerwährende +Oberhoheit behauptet!</p> + + + + +<h2>Preußen</h2> + + +<p>In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen +Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch Taten +ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes Nationalgefühl, +– keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die es dem +Übergewichte der Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat Friedrich II. +auf, erhob sich Preußen.</p> + +<p>Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_35" id="Pg_35">[S. 35]</a></span> + +noch den Staat, den er fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht +so leicht getrauen, die ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und +die Fülle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns +nur ihre Weltstellung zu vergegenwärtigen.</p> + +<p>Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs +von der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode +Karls VI. einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel weiter +mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und noch +entfernt von eigentlichen Geschäften jene Betrachtungen, von denen ich eben +eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man sieht, ganz +wider die französische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche von dieser +Seite her über Deutschland schwebte, sah er so deutlich, empfand er so +lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber hatte er seinen Krieg ganz +auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der Erfolg seiner Waffen +den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst erklärte er ihrem +Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde ihre Truppen nicht länger +auf deutschem Boden dulden, als das Wort der Verträge besage. In dem +Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich scheinen sollen, Österreich +völlig herabzubringen. Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder +in feindlichen Händen als Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn +man diese Angriffe mit angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will +sagen, wozu es hätte kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut +anrechnen, daß er diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten, +daß es sein Vorteil nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu +entledigen. Als er die Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, +wollte er sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_36" id="Pg_36">[S. 36]</a></span> + +Atem schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und +ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von +Österreich abzuhängen; völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen ihnen +eine unabhängige, auf eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen. In +diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschluß für seine Politik während +der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit eifersüchtigerer +Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mißtraut den Freunden nicht +minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet und schlagfertig; +sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr nur von fern kommen +sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil ist, sowie er den Sieg +erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden. Wenn es sich versteht, daß +es ihm nicht beikommen konnte, sich einem fremden Interesse zu widmen, so +hat er doch auch sein eigenes ohne Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor +Augen; nie sind seine Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie; +dabei aber will er bis zum Äußersten festhalten.</p> + +<p>Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit, +die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das +Mißfallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen.</p> + +<p>Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz +nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und +geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in das +nördliche System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß es einen +übrigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des Gleichgewichts im +Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen, erweckte ihm den ganzen +Haß einiger russischen Minister, die ihre Suprematie im Norden bedroht +glaubten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_37" id="Pg_37">[S. 37]</a></span> + +Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden sollen. +Aber daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich erdreistete, +eine freie selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den Unwillen auch des +Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut sah, was es auf sich +habe, so beschloß er doch, sein ganzes System zu ändern und sich nunmehr +an Österreich anzuschließen. Die öffentliche Meinung stimmte in einer jener +plötzlichen Aufwallungen, die ihr besonders in Frankreich so eigen sind, +dem Traktate freudig bei. So gelang es der Kaiserin, die beiden großen +Kontinentalmächte mit sich zu vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in +Sachsen, Pommern, gesellten sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht +viel anders, als wie er nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen +worden war, und durch die Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von +einer Teilung der preußischen Staaten war nicht minder die Rede, als früher +von einer Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich +Verbündete – die nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten +hatten.</p> + +<p>Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem +Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es nur +wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?</p> + +<p>Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklärung +über dessen Rüstungen ersucht. »Wenn sie nur einigermaßen genugtuend +ausfällt,« sagte er einem seiner Minister, »so marschieren wir nicht.« +Endlich kam der erwartete Kurier. Es fehlte viel, daß die Antwort +ausreichend gewesen wäre. »Das Los ist geworfen,« sagte er, »morgen +marschieren wir!«</p> + +<p>So stürzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_38" id="Pg_38">[S. 38]</a></span> + +er rief sie fast selbst hervor; aber erst mitten darin lernte er sie völlig +kennen.</p> + +<p>Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so +ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges.</p> + +<p>Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu +Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr über +Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über das Sein +oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg unterscheidet +sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz +von Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der +allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglücklichen +Tages, um diese Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fühlte dies Friedrich +selbst. Nach der Niederlage von Kollin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!« +Und wenn sich ihm dies Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist +doch wahr, daß er sich seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht +sah.</p> + +<p>Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so +verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen, +die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten haben. Die +Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrechterhielt.</p> + +<p>Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen +Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum +Genuß des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu +so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius +selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene +Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur + +<span class="pagenum"><a name="Pg_39" id="Pg_39">[S. 39]</a></span> + +dazu, daß ihm diese zum Bewußtsein komme; dafür sorgt dann das Leben, die +Anstrengung einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif.</p> + +<p>Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er +erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war nicht +allein militärisch; es war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger; +der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der letzten Gründe +der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit alles irdischen +Wesens.</p> + +<p>Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft +rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber diejenigen +wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges entstanden sind, +haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthüllen uns die +Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf und Gefahr. Er sieht +sich »mitten im tobenden Meer; der Blitz streift durch das Ungewitter; +der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein Haupt; von Klippen bin ich +umgeben; die Herzen der Steuernden sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist +ausgetrocknet, die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag +er wohl in den Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht +haben; häufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. – +Jedoch das dritte Buch des Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm +nur, daß das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war +ein Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene +Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht auf dem +Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne +Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den + +<span class="pagenum"><a name="Pg_40" id="Pg_40">[S. 40]</a></span> + +Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf und +war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem +Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen Weltgeschickes +verflochten – Rom war die Welt – ohne anderen Rückhalt als die +Bedeutung ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen; er aber +hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn irgendein +besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen, daß es dieser +Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns +nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang seines Unglücks und +die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie er bei dem Haß und dem +Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt, wie er dann für sein Heer +und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah und den Entschluß faßte, diesen +zu ergreifen, sich aufzuopfern, – bis sich ihm denn doch allmählich +die Möglichkeit eines erneuten Widerstandes zeigte und er sich dieser fast +hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete. Unmöglich konnte er sein +Land, wie er es so lange sehen mußte, zurücklassen, »von den Feinden +überschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«; +»dir«, sagte er, »will ich die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich +will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in +das Feld der Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu, +»dem Geschick entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander verschworene, +vor Stolz und Vermessenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus. Endlich +erlebte er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am +Schluß seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen +Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete + +<span class="pagenum"><a name="Pg_41" id="Pg_41">[S. 41]</a></span> + +er sein Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben +wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu +heilen, die der Krieg ihm geschlagen.</p> + +<p>Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte, +daß sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten +vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit +den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten +Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes +bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht.</p> + +<p>Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten +wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem +österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es +völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen +sich wieder an Österreich angeschlossen.</p> + +<p>Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken; +Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und +genaue Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg +herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle +die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht +ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine +bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt +hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie dort +gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen Suprematie +auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten wurde.« Man +glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten Einfluß gestattet +habe. Noch als + +<span class="pagenum"><a name="Pg_42" id="Pg_42">[S. 42]</a></span> + +Koregent und von allem Anfang ließ Joseph II. erklären, er halte die Rechte +der kaiserlichen Krone für heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht +daran rühre, wenn man mit ihm gut stehen wolle. Es war schon damals +zu erkennen, daß der wahre Schutz der politischen Unabhängigkeit von +Deutschland in einer freien und fest begründeten Vereinigung dieser beiden +Mächte gegen das Ausland bestehe.</p> + +<p>Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle +Bedeutung, daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den +französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich +will nicht sagen, daß sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger +Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag +dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle +Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war. +Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte; sodann +in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine, ideale, +innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die Tätigkeit +und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in manchen anderen +Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der +nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten Lehrgebäuden, für die +Überlieferung des Katheders, selten für eigentlich geistiges Verständnis +geeignet, breiteten sie sich aus; die Universitäten beherrschten nicht ohne +Beschränktheit und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah +es, daß die oberen Klassen der Gesellschaft allmählich davon minder berührt +wurden und sich, wie gedacht, von französischen Richtungen hinreißen +ließen. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung +des nationalen Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_43" id="Pg_43">[S. 43]</a></span> + +sehr von jenem Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze +mit demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber +nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der +deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben; die Religion ward +endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne Schwärmerei, +in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahe gebracht. In kühnen +Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen Erörterung des +obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an demselben Orte, +wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die beiden Richtungen +der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem, die eine mehr anschauend, +die andere mehr untersuchend, sich neben- und miteinander ausgebildet, +sich angezogen und abgestoßen, aber nur zusammen die Fülle eines originalen +Bewußtseins ausgedrückt haben. Kritik und Altertumskunde durchbrachen die +Masse der Gelehrsamkeit und drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. +Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife +unterstützt, entwickelte dann der Geist der Nation selbständig und frei +versuchend eine poetische Literatur, durch die er eine umfassende, +neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen +übereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selber gegenüberstellte. +Diese Literatur hatte dann die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr +auf einen Teil der Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja +ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue +Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht so +sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen; es ist +im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist verschmäht +es, auf befahrenen, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_44" id="Pg_44">[S. 44]</a></span> + +bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde das Werk des deutschen +Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe war, die positive +Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei Hindernisse haben sich ihm dabei +entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eigenen Bildung oder auch +anderen Einwirkungen entsprangen; wir dürfen nun hoffen, daß er sie alle +überwinden, zu einem vollkommneren Verständnis in sich selbst gelangen und +alsdann zu unablässig neuer Hervorbringung fähig sein werde.</p> + +<p>Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon +diese Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur von +einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl gewiß, +daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet +war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das Leben und der +Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich selbständig fühle, +wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat eine Literatur geblüht, +ohne durch die großen Momente der Historie vorbereitet gewesen zu sein. +Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst davon nichts wußte, kaum etwas +ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der Nation, die deutsche Literatur +mit ihm; doch kannte er seine Verbündeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es +machte die Deutschen stolz und kühn, daß ein Held aus ihnen hervorgegangen +war.</p> + +<p>Es war, wie wir sahen, ein Bedürfnis des siebzehnten Jahrhunderts, +Frankreich einzuschränken. Auf welche alle Erwartung übersteigende Weise +war dies jetzt geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, daß sich ein +künstlich verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was man so +nennt, waren die Formen; das Wesen bestand darin, daß sich große Staaten +aus eigener Kraft erhoben, daß + +<span class="pagenum"><a name="Pg_45" id="Pg_45">[S. 45]</a></span> + +neue nationale Selbständigkeiten in ursprünglicher Macht den Schauplatz +der Welt eingenommen hatten. Österreich, katholisch-deutsch, +militärisch-stabil, in sich selbst voll frischer, unversiegbarer +Lebenskräfte, reich, eine für sich abgeschlossene Welt. Das +griechisch-slawische Prinzip trat in Rußland mächtiger hervor, als es +jemals in der Weltgeschichte geschehen; die europäischen Formen, die es +annahm, waren weit entfernt, dies ursprüngliche Element zu erdrücken; sie +durchdrangen es vielmehr, belebten es und riefen seine Kraft erst hervor. +Wenn sich dann in England die germanisch-maritimen Interessen zu einer +kolossalen Weltmacht entwickelten, die alle Meere beherrschte, vor der +alle Erinnerungen früherer Seemächte zurücktraten, so fanden die +deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre +Darstellung und ihren Ausdruck in Preußen. »Wenn man das Geheimnis auch +wüßte,« sagt ein Dichter, »wer hätte den Mut, es auszusprechen?« Ich will +mich nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu fassen; +doch sehen wir deutlich, daß sie auf Prinzipien gegründet sind, die aus den +verschiedenen großen Entwickelungen früherer Jahrhunderte hervorgegangen +waren, daß sie sich diesen analog in ursprünglichen Verschiedenheiten +und mit abweichenden Verfassungen ausbildeten, daß sie großen Forderungen +entsprachen, die gemäß der Natur der Dinge an die lebenden Geschlechter +geschahen. In ihrem Aufkommen, ihrer Ausbildung, welche, wie sich versteht, +nicht ohne mannigfaltige Umgestaltung innerer Verhältnisse erfolgen +konnte, liegt das große Ereignis der hundert Jahre, die dem Ausbruch der +Französischen Revolution vorhergingen.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_46" id="Pg_46">[S. 46]</a></span></p> + +<h2>Französische Revolution</h2> + + +<p>Hatte jenes Ereignis aber eine so unzweifelhaft für sich selber +gültige Bedeutung, so ist doch nicht zu leugnen, daß eine Beschränkung von +Frankreich damit erreicht war und daß dies Land die Erfolge der anderen +als seine Verluste ansehen durfte. Auch war es ihnen immer lebhaft +entgegengetreten. Wie oft suchte es früher die Fortschritte von Österreich +in Ungarn und gegen die Türken aufzuhalten; wie oft mußten dann die besten +Regimenter von der Donau, wo sie gegen die Türken standen, an den Rhein +und wider die Franzosen abgerufen werden! Rußland hatte seinen Einfluß +im Norden der französischen Politik abgewonnen. Als das Kabinett von +Versailles innewurde, welche Stellung Preußen in der Welt einnahm und +zu behaupten suchte, vergaß es seine amerikanischen Interessen, um diese +Macht, ich sage nicht herabzubringen, sondern geradehin zu vernichten. Wie +oft hatten die Franzosen die Jakobiten zu begünstigen, etwa einen +Stuart nach England zu werfen, die alten Verhältnisse wiederherzustellen +unternommen! Dafür bekamen sie denn auch, mochten sie mit Preußen wider +Österreich oder mit Österreich wider Preußen stehen, allemal die Engländer +zu Gegnern. Sie führten ihre Kriege auf dem festen Lande mit Verlusten zur +See. Während des Siebenjährigen verloren sie, wie Chatham sagte, Amerika in +Deutschland.</p> + +<p>Und so stand Frankreich allerdings bei weitem nicht mehr so entschieden +als der Mittelpunkt der europäischen Welt da, wie hundert Jahre früher. Es +mußte die Teilung von Polen vor seinen Augen vollziehen lassen, ohne darum +gefragt zu werden. Es mußte, was es tief empfand, gestatten, daß im Jahre +1772 eine englische Fregatte an der Reede + +<span class="pagenum"><a name="Pg_47" id="Pg_47">[S. 47]</a></span> + +von Toulon erschien, um über die stipulierte Entwaffnung der Flotte zu +wachen. Selbst die kleineren unabhängigen Staaten, wie Portugal, die +Schweiz, hatten anderen Einwirkungen Raum gegeben.</p> + +<p>Zwar ist sogleich zu bemerken, daß das Übel nicht so schlimm war, wie +man es oft vorgestellt hat; Frankreich behauptete doch seinen alten Einfluß +auf die Türkei; durch den Familienvertrag hatte es Spanien an seine Politik +gekettet; die spanischen Flotten, die Reichtümer der spanischen Kolonien +standen zu seiner Verfügung; auch die übrigen bourbonischen Höfe, zu denen +sich der Turiner beinahe mit rechnete, schlossen sich an Frankreich an; die +französische Faktion siegte endlich in Schweden. Allein einer Nation, die +sich mehr als jede andere in dem Schimmer einer allgemeinen Superiorität +gefällt, war dies lange nicht genug. Sie fühlte nur den Verlust von +Ansprüchen, die sie als Rechte betrachtete; sie bemerkte nur, was die +anderen erobert, nicht was sie behauptet hatte; mit Unwillen sah sie so +gewaltige, starke, wohlgegründete Mächte sich gegenüber, denen sie nicht +gewachsen war.</p> + +<p>Man hat so viel von den Ursachen der Revolution geredet und sie wohl +auch da gesucht, wo sie nimmermehr zu finden sind. Eine der wichtigsten +liegt meines Erachtens in diesem Wechsel der auswärtigen Verhältnisse, der +die Regierung in tiefen Mißkredit gebracht hatte. Es ist wahr, sie wußte +weder den Staat recht zu verwalten noch den Krieg gehörig zu führen; sie +hatte die gefährlichsten Mißbräuche überhandnehmen lassen; und der Verfall +ihres europäischen Ansehens war daher großenteils mit entsprungen. Aber +die Franzosen schrieben ihrer Regierung auch alles das zu, was doch nur +ein Werk der veränderten Weltstellung war. Sie lebten in der Erinnerung der +Zeiten der Machtfülle Ludwigs XIV., + +<span class="pagenum"><a name="Pg_48" id="Pg_48">[S. 48]</a></span> + +und alle die Wirkungen, die daher rührten, daß sich andere Staaten mit +frischen Kräften erhoben hatten, die sich einen Einfluß, wie man ihn +früherhin ausgeübt, nicht mehr gefallen ließen, gaben sie der Unfähigkeit +ihrer auswärtigen Politik und dem allerdings unleugbaren Verfall ihrer +Zustände schuld.</p> + +<p>Daher kam es, daß die Bewegungen von Frankreich, wenn sie auf der einen +Seite einen reformatorischen Charakter hatten, der sich nur zu bald in +einen revolutionären umsetzte, doch auch von allem Anfang eine Richtung +gegen das Ausland nahmen.</p> + +<p>Gleich der amerikanische Krieg entwickelte diese Doppelseitigkeit. Wenn +man es nicht wüßte, so könnte man aus den Memoiren von Ségur sehen, aus +welcher sonderbaren Mischung von Kriegslust und angeblicher Philosophie die +Teilnahme der Jugend unter dem vornehmeren französischen Adel daran herkam. +»Die Freiheit«, sagt Ségur, »stellte sich uns dar mit den Reizen des +Ruhmes. Während die Reiferen die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Grundsätze +geltend zu machen und die willkürliche Gewalt zu beschränken, traten wir +Jüngeren nur darum unter die Fahnen der Philosophie, um Krieg zu führen, um +uns auszuzeichnen, um Ehrenstellen zu erwerben; aus ritterlicher Gesinnung +wurden wir Philosophen.« Diese Jüngeren wurden das doch allmählich sehr im +Ernst. Sonderbare Mischung. Indem sie England angriffen und ihren Ehrgeiz +sein ließen, es zu schwächen, es seiner Kolonien zu berauben, war es doch +besonders die Unabhängigkeit eines englischen Peers, die würdige Stellung +eines Mitgliedes des Hauses der Gemeinen, was sie zu erlangen gewünscht +hätten.</p> + +<p>Dieser amerikanische Krieg wurde nun entscheidend; nicht so sehr durch +eine Veränderung der allgemeinen Machtverhältnisse + +<span class="pagenum"><a name="Pg_49" id="Pg_49">[S. 49]</a></span> + +– denn wenn man die englischen Kolonien von dem Mutterlande losriß, +so zeigte sich doch bald, daß dieses in sich selber so wohlbegründet war, +um das nicht sehr zu empfinden; wenn sich die französische Marine wieder zu +einem gewissen Ansehen erhob, so hatte England doch in den entscheidenden +Schlachten den Sieg davongetragen und die Übermacht über seine vereinigten +Nebenbuhler behauptet – als durch die indirekten Wirkungen, die er +hervorbrachte.</p> + +<p>Ich meine nicht allein das Emporkommen der republikanischen Neigungen, +es gab noch eine unmittelbarere Folge.</p> + +<p>Mit großem Ernste hatte sich Turgot dem Kriege widersetzt; nur in dem +Frieden hoffte er die Finanzen, welche schon damals ein Defizit +drückte, durch eine sparsame Haushaltung herzustellen und zugleich die +erforderlichen Reformen durchzusetzen. Allein er hatte dem Strome der +jugendlichen Begeisterung weichen müssen. Der Krieg war erklärt und mit +überschwenglichen Kosten geführt worden. Necker hatte mit dem ganzen Talent +eines Bankiers, das er in so hohem Grade besaß, neue Anleihen zu machen +gewußt. Je höher sie aber aufliefen, desto mehr mußten sie das Defizit +steigern. Schon im Jahre 1780 erklärte Vergennes dem König, der Zustand +der Finanzen sei wahrhaft beunruhigend; er mache den Frieden, einen +unverweilten Frieden notwendig. Indessen verzögerte sich der Friede noch, +und erst nach Abschluß desselben ward man die Verwirrung recht inne. Man +nimmt auch hier einen ausfallenden Gegensatz wahr. Nicht minder erschöpft +und mit Schulden beladen ging England aus dem amerikanischen Kriege +hervor. Aber während Pitt in England das Übel an der Wurzel angriff und +das Vertrauen durch große Maßregeln wiederherstellte, gerieten die +französischen Finanzen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_50" id="Pg_50">[S. 50]</a></span> + +aus schwachen Händen in immer schwächere, unversuchtere und zugleich +keckere, so daß das Übel von Monat zu Monat stieg und die Regierung wie in +ihrer Konsistenz bedrohte, so um ihr ganzes Ansehen brachte.</p> + +<p>Wie sehr wirkte dies auf die auswärtigen Verhältnisse zurück! Man hatte +keine Wahl mehr; um jeden Preis mußte man den Krieg vermeiden. Lieber +kaufte man z. B. die Forderungen, welche Österreich an Holland machte, +durch eine Summe ab, zu der man trotz der schlechten Umstände, in denen man +war, selber die Hälfte beitrug; wäre es auf Frankreich allein angekommen, +so würde der Kaiser nicht gehindert worden sein, seine Absichten auf Bayern +durchzusetzen. So enge sich die französische Regierung mit den sogenannten +Patrioten von Holland vereinigt hatte, so mußte sie dieselben ruhig von +Preußen überziehen, überwinden lassen. Sie kann darüber meines Erachtens +nicht einmal sehr getadelt werden. Was wollte sie in dem Juli 1787, als die +preußische Erklärung gegen Holland erschien, unternehmen, um die Ausführung +derselben zu verhindern, da eben damals die Parlamente sich weigerten, +die neuen Auflagen zu registrieren, ohne die man den Staat nicht weiter +verwalten konnte, da bald darauf in jener berühmten Sitzung am 15. August +die Grandchambre ihre Türen eröffnen ließ und der versammelten Menge +erklärte, der König könne in Zukunft keine neuen Auflagen erheben, ohne +zuvor die allgemeinen Stände zusammenberufen zu haben? In einem Augenblick, +wo der ganze bisherige innere Zustand in Frage gestellt wurde, konnte man +schwerlich Einfluß auf das Ausland ausüben. Und doch war dies ein sehr +bedeutender Zeitpunkt. Eben damals entschlossen sich die beiden Kaiserhöfe +zu ihrem Angriff auf die Türkei. Die Franzosen waren nicht imstande, ihren +alten Verbündeten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_51" id="Pg_51">[S. 51]</a></span> + +Hilfe zu leisten, und wenn diese nicht untergehen wollten, so mußten sie +Hilfe bei England und Preußen nachsuchen.</p> + +<p>Allerdings eine Unbedeutendheit, Nichtigkeit der auswärtigen Politik von +Frankreich, die weder den natürlichen Ansprüchen dieses Landes angemessen +war, noch auch den Interessen von Europa überhaupt entsprach. Kam sie, +wie nicht zu leugnen, von der inneren Verwirrung her, so wurde diese +hinwiederum dadurch außerordentlich vermehrt. Die Politik des Erzbischofs +von Brienne erfuhr den heftigsten und allgemeinsten Tadel. Er ward der +Feigheit und selbst der Treulosigkeit angeklagt, weil er Holland nicht +unterstützt und diese Gelegenheit, den militärischen Ruf der Franzosen auch +zu Lande wiederherzustellen, versäumt habe; man fand die französische Ehre +hierdurch auf eine Weise beschimpft, daß sie nur durch Ströme von Blut +wieder rein gewaschen werden könne.</p> + +<p>Wie übertrieben das nun auch lautet, so kann man doch das Gefühl nicht +tadeln, das dieser Unzufriedenheit zugrunde lag. Das Nationalbewußtsein +eines großen Volkes fordert eine angemessene Stellung in Europa. Die +auswärtigen Verhältnisse bilden ein Reich nicht der Konvenienz, sondern +der wesentlichen Macht; und das Ansehen eines Staates wird immer dem Grade +entsprechen, auf welchem die Entwickelung seiner inneren Kräfte steht. Eine +jede Nation wird es empfinden, wenn sie sich nicht an der ihr gebührenden +Stelle erblickt; wie viel mehr die französische, die so oft den sonderbaren +Anspruch erhoben hat, vorzugsweise die große Nation zu sein!</p> + +<p>Ich will nicht auf die Mannigfaltigkeit der Ursachen eingehen, durch +welche es zu der furchtbaren Entwickelung der Französischen Revolution kam. +Ich will nur in Erinnerung + +<span class="pagenum"><a name="Pg_52" id="Pg_52">[S. 52]</a></span> + +bringen, daß der Verfall der auswärtigen Verhältnisse vielen Anteil daran +hatte. Man braucht nur daran zu denken, welche Rolle eine österreichische +Prinzessin, die unglückliche Königin, auf die der ganze Haß fiel, den +diese Nation seit so langer Zeit dem Hause Österreich gewidmet hatte, dabei +spielte, welche unseligen Auftritte das Trugbild eines österreichischen +Ausschusses veranlaßt hat. Nicht genug, daß die Franzosen sahen, sie hätten +den alten Einfluß auf die Nachbarn verloren; sie überredeten sich sogar, +daß das Ausland geheimen und starken Einfluß auf ihren Staat ausübe; in +allen Maßregeln der inneren Verwaltung glaubten sie denselben wahrzunehmen; +eben dies entflammte dann die allgemeine Entrüstung, die Gärung und Wut der +Menge.</p> + +<p>Halten wir an diesem Gesichtspunkt der auswärtigen Verhältnisse fest, so +können wir von der Revolution folgende Ansicht fassen.</p> + +<p>Allenthalben hatte man, um zur Ausbildung einer größeren Macht zu +gelangen, die nationalen Kräfte auf eine ungewohnte Weise zusammengenommen; +dazu hatte man viele Hindernisse, die in den inneren Verhältnissen lagen, +wegräumen müssen und nicht selten die alten Berechtigungen angetastet; +es war dies in den verschiedenen Ländern bald mit mehr, bald mit weniger +Bedacht und Erfolg geschehen. Ein sehr unterrichtendes, lebensvolles Buch +müßte es geben, wenn man darzustellen wüßte, wie dies allenthalben versucht +wurde, mehr oder minder gelang, wohin es führte; endlich unternahm man +es auch in Frankreich. Es ist so viel auf die absolute Gewalt früherer +französischer Könige gescholten worden; die Wahrheit ist, daß sich dieselbe +zwar noch in einigen Willkürlichkeiten äußerte, in der Hauptsache dagegen +ungemein verfallen war. Als die Regierung jenen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_53" id="Pg_53">[S. 53]</a></span> + +Versuch machte, war sie schon zu schwach, um ihn durchzusetzen; sie machte +ihn auch mit unsicheren Händen; den Widerstand der privilegierten Stände +vermochte sie nicht zu besiegen; hierüber rief sie den dritten Stand +– die Gewalt der demokratischen Ideen, die sich schon der +öffentlichen Meinung zu bemächtigen angefangen – zu Hilfe. Ein +Bundesgenosse aber, der ihr bei weitem zu stark war. Indem sie schwankte, +sowie sie seine Kräfte erkannte, die Bahn verließ, die sie eingeschlagen, +zu denen zurücktrat, welche sie angreifen wollte, eben die beleidigte, die +sie zu Hilfe gerufen hatte, forderte sie alle politischen Leidenschaften +heraus, setzte sie sich mit den Überzeugungen und der Richtung des +Jahrhunderts, ja mit ihrer eigenen Tendenz in Kampf und brachte eine +Bewegung hervor, in welcher der dritte Stand, oder vielmehr das in +demselben und um ihn her entwickelte Element der Empörung, in gigantischem +Fortschritt nicht allein die privilegierten Stände, die Aristokratie, +sondern König und Thron selber umstürzte und den ganzen alten Staat +vernichtete.</p> + +<p>Ein Unternehmen, wie es zwar keineswegs alle, aber doch einige andere +Regierungen verstärkt und befestigt hatte, riß dergestalt durch die +Entwickelung, die es nahm, durch die Folgen, die es hatte, die französische +in ihr Verderben.</p> + +<p>Nur wenn man hier und da glaubte, daß in diesem großen Ruin die Macht +und äußere Bedeutung von Frankreich vollends zugrunde gehen müßten, hatte +man sich geirrt. So stark waren die Tendenzen zur Herstellung der alten +Macht, daß sie selbst unter so furchtbaren Umständen nicht allein nicht +aus den Augen verloren, sondern auf eine Weise, wie sie noch nie dagewesen, +über die Analogie anderer Staaten weit hinaus durchgesetzt wurden. Waren +anderwärts die bestehenden mittleren Gewalten in ihrer Unabhängigkeit + +<span class="pagenum"><a name="Pg_54" id="Pg_54">[S. 54]</a></span> + +beschränkt, zu größerem Anteil an den allgemeinen Anstrengungen genötigt +worden, so wurden sie hier geradezu vernichtet. Adel und Geistlichkeit +wurden nicht allein ihrer Vorrechte, sondern im Laufe der Ereignisse selbst +ihrer Besitztümer beraubt; welch eine Konfiskation im größten Stil, in der +ungeheuerlichsten Ausdehnung! Wie kehrten sich die Ideen, die Europa +als heilbringend, menschlich, befreiend begrüßt hatte, vor seinen Augen +plötzlich in den Greuel der Verwüstung um! Das vulkanische Feuer, von dem +man eine nährende, belebende Erwärmung des Bodens erwartet hatte, ergoß +sich in furchtbaren Ausbrüchen über denselben hin. Mitten in dieser +Zertrümmerung aber ließen die Franzosen das Prinzip der Einheit doch +niemals fallen. Um wie viel mächtiger als bisher erschien eben in der +Verwirrung der Revolutionsjahre Frankreich den europäischen Staaten +gegenüber! Man kann sagen: jene gewaltige Explosion aller Kräfte setzte +sich nach außen fort. Zwischen dem alten und dem neuen Frankreich war +dasselbe Verhältnis, wie zwischen der zwar lebhaften und von Natur +tapferen, aber an das Hofleben gewöhnten, mit einem oft kleinlichen Ehrgeiz +behafteten, feinen, wollüstigen Aristokratie, die den alten Staat leitete, +und den wilden, gewaltsamen, von wenig Gedanken berauschten, blutbefleckten +Jakobinern, die den neuen beherrschten. Da vermöge des bisherigen Ganges +der Dinge zwar nicht eine ganz gleiche Aristokratie wie jene, aber doch +eine ähnliche an der Spitze der übrigen Staaten stand, so war es kein +Wunder, wenn die Jakobiner in jener wilden Anspannung aller Kräfte das +Übergewicht an sich brachten. Es bedurfte nur des ersten, durch ein +Zusammentreffen unerwarteter Umstände davongetragenen Sieges, um den +revolutionären Enthusiasmus zu erwecken, der hierauf die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_55" id="Pg_55">[S. 55]</a></span> + +Nation ergriff und eine Zeitlang das Prinzip ihres Lebens wurde.</p> + +<p>Nun kann man zwar nicht sagen, daß Frankreich hierdurch an und für sich +stärker geworden sei, als die übrigen großen Mächte zusammengenommen oder +auch nur als seine nächsten Nachbarn, wenn sie sich vereinigt hielten. Man +kennt hinlänglich die Fehler der Politik und der Kriegführung, die einen +für diese so ungünstigen Erfolg hervorbrachten. Sie konnten sich ihrer +bisherigen Eifersucht nicht sogleich entwöhnen. Selbst die einseitige +Koalition von 1799 hatte Italien zu befreien und eine sehr gewaltige +militärische Stellung einzunehmen gewußt, als ein unglücklicher Zwiespalt +sie trennte. Allein geleugnet werden kann es nicht, daß der französische +Staat, mitten im Kampfe mit Europa gebildet, auf denselben berechnet, +durch die Zentralisation aller Kräfte, die er möglich machte, den einzelnen +Kontinentalmächten überlegen wurde. Indem es immer das Ansehen gehabt, als +suche man dort die Freiheit, war man von Revolution zu Revolution Schritt +für Schritt zu dem Militärdespotismus gelangt, der die Ausbildung der +anderweiten militärischen Systeme, so groß sie auch waren, weit überbot. +Der glückliche General setzte sich die Kaiserkrone auf; alle disponiblen +Kräfte der Nation hatte er jeden Augenblick ins Feld zu werfen die Macht. +Auf diesem Wege kehrte dann Frankreich zu seinem Übergewichte zurück. +Es gelang ihm, England von dem Kontinent auszuschließen, in wiederholten +Kriegen Österreich seiner ältesten Provinzen in Deutschland und Italien +zu berauben, das Heer und die Monarchie Friedrichs II. umzuwerfen, Rußland +selbst zur Fügsamkeit zu nötigen und endlich in die inneren Provinzen +bis zu der alten Hauptstadt desselben vorzudringen. Für den französischen +Kaiser bedurfte es nur des Kampfes mit + +<span class="pagenum"><a name="Pg_56" id="Pg_56">[S. 56]</a></span> + +diesen Mächten, um zugleich über das südliche und mittlere Europa, einen +großen Teil von Deutschland nicht ausgeschlossen, eine unmittelbare +Herrschaft zu gründen. Wie war hierdurch alles, was zu Ludwigs XIV. Zeiten +geschehen, so weit übertroffen! Wie war die alte Freiheit von Europa +so tief gebeugt! Europa schien in Frankreich untergehen zu wollen. Jene +Universalmonarchie, von der man sonst nur die entfernte Gefahr gesehen, war +beinahe realisiert!</p> + + + + +<h2>Wiederherstellung</h2> + + +<p>Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten +hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?</p> + +<p>Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem +Zusammentreffen entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der Gefahr +– Unglück, Erhebung, Rettung – gehen die neuen Entwickelungen +am entschiedensten hervor.</p> + +<p>Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten +in seiner wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu +erhalten, die nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem +einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewußt hatte.</p> + +<p>Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal +zu brechen die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln +auszureichen, wie sie bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung +der Militärverfassung allein hätte noch nicht geholfen; es gehörte eine +gründlichere Erneuerung dazu, um alle Kräfte zusammenzunehmen, in deren +Besitz man sein mochte; man mußte sich entschließen, jene schlummernden +Geister der Nationen, von denen bisher das Leben + +<span class="pagenum"><a name="Pg_57" id="Pg_57">[S. 57]</a></span> + +mehr unbewußt getragen worden, zu selbstbewußter Tätigkeit aufzuwecken.</p> + +<p>Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen +Geistes in dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten +nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten, die +Zeichen, die seine erste Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit der +Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben aussprach, die +Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch ist dies ein so +weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier auch nicht einmal berühren +könnten.</p> + +<p>Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu +streiten anfing – 1809 –, als man hierin der Forderung des +Weltgeschickes ein Genüge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen +ganze Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst +die Religion knüpfte, verließen und sie den Flammen preisgaben, – als +große Bevölkerungen, von jeher an ein friedlich bürgerliches Leben gewöhnt, +Mann bei Mann zu den Waffen griffen, – als man zugleich des ererbten +Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich vereinigte, – +erst da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit +herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den +übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.</p> + +<p>Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen +Revolution war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die Unabhängigkeit +von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der seitdem verflossenen +Periode, daß die Nationalitäten selbst sich verjüngt, erfrischt und neu +entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit dem Bewußtsein eingetreten, er +würde ohne sie nicht bestehen können.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_58" id="Pg_58">[S. 58]</a></span> + +Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz, +die Kraft der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den +zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter übrig, +ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines eingepflanzten +Triebes vorwärts; das sei das Resultat aller großen Ereignisse, +Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch die +unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen und +Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen +Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es sei eine +allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern vorangehe. Eine +Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten führen kann. Wir +denken indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der Tatsachen nicht zu halten +vermögen wird.</p> + +<p>Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser +Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große +Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung; +vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, +daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das +Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden +insbesondere lebendig erneuert.</p> + +<p>Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.</p> + +<p>In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen +gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch +andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen +mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche +und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der +mazedonisch-griechischen Königreiche + +<span class="pagenum"><a name="Pg_59" id="Pg_59">[S. 59]</a></span> + +nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche Ähnlichkeit mit der unsrigen +dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, militärische +Ausbildung, Wirkung und Gegenwirkung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; +große Bedeutung der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der +Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden +Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung +eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine +besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden +vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so +bald aufgelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie +Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, +weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit +bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns +schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der +Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der allgemeinen +Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben hat, geeignet, +einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit +gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität +für den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine +Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie +nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet +waren, empfangen. Es wird sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe +bestehen.</p> + +<p>Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen, +Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, +wie es beim ersten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_60" id="Pg_60">[S. 60]</a></span> + +Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der +Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte, und zwar geistige, Leben +hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische +Energien, die wir in ihrer Entwickelung erblicken. Zu definieren, unter +Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann +man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen +auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, +bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und +Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, +die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich +schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.</p> + + + + +<h2>[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift +2. Band, 1833]</h2> + + +<p>Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr +geistige Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation +über uns zu bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung +unsrer eigenen Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten, +chimärischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate +ausgesprochenen Nationalität.</p> + +<p>Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der +Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht +diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Völker und +Volkstümlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert, eingeengt +werden?</p> + +<p>Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der +Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als +die französische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt, +ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvölker von +Europa ihre eigene Literatur selbständig + +<span class="pagenum"><a name="Pg_61" id="Pg_61">[S. 61]</a></span> + +und oft genug im Gegensatz miteinander entwickelt haben. Ist es mir +erlaubt, ein kleines Verhältnis mit den großen zu vergleichen, so möchte +ich daran erinnern, daß nicht diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung +gewährt, wo einer das Wort führt und die Unterhaltung leitet, noch +auch die, wo alle auf gleicher Stufe oder, wenn man will, in gleicher +Mittelmäßigkeit nur immer dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo +sich mannigfaltige Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, +in einem höhern Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander +lebendig berühren und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde +nur eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre +Eigentümlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung +aller beruht auf der Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste +und immerfort können sie einander berühren, ohne daß doch eine die andere +übermeistere und in ihrem Wesen beeinträchtige.</p> + +<p>Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen. +Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum +Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden +vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie +hervorgehen.</p> + + +<div style="max-width: 20em; padding: 0em; border: 1px solid black; text-align: center; margin: 2em auto;"> +Diese Abhandlung Leopold von<br /> +Rankes gelangt hier mit Genehmigung<br /> +des Verlages von Duncker & Humblot<br /> +in München und Leipzig zum Abdruck.<br /> +*<br /> +Der Druck erfolgte in der Piererschen<br /> +Hofbuchdruckerei in Altenburg. +</div> + + + + +<h2>Fußnote</h2> + +<p style="margin-bottom: 4em;"><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> +Historisch-politische Zeitschrift II. Band. 1833.</p> + + + +<div style="padding: 10px; background: rgb(220, 220, 220) none repeat scroll 0% 50%;"> + +<h2 style="margin-top: 1em;">Hinweise zur Transkription</h2> + +<p style="text-align: center;">Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext +beibehalten.</p> + + +<p class="front" style="margin-top: 2em;">Änderungen</p> + +<table summary="Aenderungen" border="1"> + +<tr> + <th>Original</th> + <th>Änderung</th> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_26">Seite 26</a></th> +</tr> +<tr> + <td>das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege</td> + <td>das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Er<b>b</b>folgekriege</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_35">Seite 35</a></th> +</tr> +<tr> + <td>Böhmen und Öberösterreich waren nicht viel minder</td> + <td>Böhmen und <b>O</b>berösterreich waren nicht viel minder</td> +</tr> +</table> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die großen Mächte, by Leopold von Ranke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßEN MÄCHTE *** + +***** This file should be named 39669-h.htm or 39669-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/6/6/39669/ + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/39669-h/images/cover.jpg b/39669-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f86150e --- /dev/null +++ b/39669-h/images/cover.jpg diff --git a/39669-h/images/schiff.jpg b/39669-h/images/schiff.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9f1d9f2 --- /dev/null +++ b/39669-h/images/schiff.jpg |
