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+The Project Gutenberg EBook of Die großen Mächte, by Leopold von Ranke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Die großen Mächte
+
+Author: Leopold von Ranke
+
+Editor: Friedrich Meinecke
+
+Release Date: May 11, 2012 [EBook #39669]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßEN MÄCHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+[ Symbole für Schriftarten: ~Antiqua~ : =gesperrt= ]
+
+
+
+
+ Die großen Mächte
+
+
+ Von
+ Leopold von Ranke
+
+
+ Neu herausgegeben
+ von
+ Friedrich Meinecke
+
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+Einführung
+
+
+Rankes Aufsatz »Die großen Mächte«, der zu den Kleinodien unsrer
+Nationalliteratur gehört, erschien im Jahre 1833 und eröffnete den
+zweiten Band der von ihm herausgegebenen »Historisch-politischen
+Zeitschrift«. Er trat mit dieser Zeitschrift aus der Stille der
+Forschung, in der er bisher gelebt hatte, auf den Kampfesboden der
+politischen Parteien in Preußen und Deutschland, nicht um sich einem der
+beiden miteinander ringenden Heerlager anzuschließen, sondern um
+beiden einen höhern Punkt zu zeigen, von dem aus die beanspruchte
+Allgemeingültigkeit und dogmatische Sicherheit der hüben und drüben
+aufgestellten Parteiideale verblassen mußten und viel größere und
+lebendigere Erscheinungen dem Blicke aufstiegen. Hie Autorität, hie
+Volkssouveränität, so war nach der Julirevolution der Gegensatz der
+Meinungen. Alles politische Leben sollte darin aufgehen, sei es den von
+Gott gewollten, sei es den vom Volke gewollten Staat zu verwirklichen.
+Im letzten Grunde kämpften dabei die alten und die neuen Schichten der
+Gesellschaft um die Macht im Staate. Aber sie führten diesen realen
+Kampf mit einer Ideologie, die das Wesen des Staates selbst gefährdete,
+schon weil sie den innern sozialen Gegensätzen eine politische Schärfe
+und geistige Unduldsamkeit gaben, die ihr Zusammenwirken im Dienste des
+Ganzen unmöglich machten. »Die Extreme geben den Ton an,« schrieb Ranke
+in dem Plane für die neue Zeitschrift, »das eine vielstimmiger als
+jemals: trotzig auf die Siege, die es erfochten hat, und auf den Beifall
+der großen Menge; das andre zwar in heftiger, aber unleugbar schwacher
+und nur immer aufreizender Opposition. Es sind zwei Schulen, die sich
+bekämpfen: weit und breit, in mancherlei Nuancen, haben sie den Boden
+eingenommen. Die Scholastik der mittlern Jahrhunderte beschäftigte sich,
+die intellektuelle Welt ihren Distinktionen zu unterwerfen: diese
+neue Scholastik ist bemüht, die reale Welt nach ihren Schulmeinungen
+einzurichten.« Ranke war nicht gemeint, den Wahrheitsgehalt, den die
+damalige liberale wie die damalige konservative Staatsansicht in sich
+hegen mochten, zu bestreiten; nur ihrem Anspruch auf Alleinherrschaft
+wollte er sich widersetzen. Er wollte ihnen zeigen, daß der Staat nicht
+nach Schulmeinungen, sondern durch reale Kräfte geschaffen wird, daß
+es deswegen keinen Normalstaat gibt, sondern daß jeder Staat eine
+lebendige, individuelle Wesenheit für sich ist, die sich nach eigenen
+Gesetzen und Bedürfnissen entwickelt. Dies Programm des modernen
+historischen Realismus wurde damals nur von wenigen verstanden. Aber
+es wurde von Bismarck in die Tat umgesetzt und ist durch Ranke zur
+Grundlage alles echten historischen, durch Bismarck zur Grundlage alles
+unbefangenen politischen Denkens geworden. Neue Schulmeinungen
+und Ideologien sind seitdem wohl wieder aufgestiegen und haben es
+zurückdrängen wollen. Die neueste Ideologie dieser Art ist uns im
+Weltkriege entgegengetreten, wo unsre Gegner aus dem Versuche der alten
+fundierten Weltmächte, die neue werdende Weltmacht zu unterdrücken,
+einen Kreuzzug der internationalen Demokratie gegen den rückständigen
+autoritären Militarismus machen möchten. Aber diese neuen Ideologien
+sind viel dünner und dürftiger gewebt als die alten, mit denen Ranke
+und Bismarck sich auseinanderzusetzen hatten. An der Wahrheit der Dinge
+zerreißen sie. Die damaligen Ideologien waren ganz ehrlich gemeint; an
+die heutigen können nur die beschränktesten unter unsern Gegnern ehrlich
+glauben. Die Melodie der Rankeschen »großen Mächte« und ihrer Kämpfe
+um Existenz, Individualität, Unabhängigkeit und Ausbreitung tönt so
+gewaltig wie noch nie aus diesem Weltkriege.
+
+Die Rankeschen Lehren sind in Deutschland reicher aufgegangen als in
+andern Ländern. Man fühlt das dort wohl, aber man macht uns daraus den
+Vorwurf, daß wir uns einem naturalistischen Kultus der Macht ergeben
+und die frühere deutsche Geistigkeit eingebüßt hätten. Rankes Aufsatz
+beleuchtet das wahre Verhältnis der beiden großen, durch die Namen
+Goethe und Bismarck bezeichneten Epochen unsres modernen Nationallebens
+und ist ihr organisches Bindeglied. Er zeigt, daß im Völkerleben
+geistige Werte nicht ohne Machtwerte und dauerhafte Machtwerte nicht
+ohne geistige Werte erzeugt werden und, um mit ihm zu sprechen, beide
+»auf das genaueste zusammengehören«. Die Machtpolitik der einzelnen
+Staaten erscheint in dieser Skizze wie überglänzt von den geistigen
+Kräften der Nationen.
+
+Ranke gibt in ihr wie überhaupt in seinen Darstellungen der auswärtigen
+Politik den breitesten Raum. Dabei kommen neben den politischen Momenten
+die literarischen stärker zum Ausdruck als die wirtschaftlichen und
+sozialen, die uns heute unentbehrlich scheinen zum vollen Verständnis
+der Staats- und Nationalentwicklungen. Aber Geschichtschreibung im
+höhern Sinne ist nun einmal individuelles Bedürfnis und individuelle
+Kunst. Ebensowenig wie es Normalstaaten gibt, gibt es eine normale
+Behandlung der Geschichte. Ebenso wie der wirkliche Staat, muß die
+Geschichtschreibung auf besondern, einheitlichen und fruchtbaren
+Prinzipien beruhen, muß aber auch dabei wie dieser die Gesamtheit aller
+Lebensgebiete vor Augen haben. Sie ist, wie der Staat, Individualität,
+die nach Totalität strebt, aber in den Schranken ihrer Individualität
+nicht anders kann, als die ihr als Dominanten des Geschehens
+erscheinenden Dinge herausgreifen und die übrigen Kräfte bald leiser,
+bald vernehmlicher mitschwingen lassen. Nur so kann die unübersehbare
+Fülle des Geschehens gemeistert und zu einem Kosmos geordnet werden. Und
+die Dominante der auswärtigen Politik, die Ranke -- sehr schon gegen den
+Geschmack seiner auf Verfassungsideale erpichten Zeit -- herausgriff,
+hat sich als fruchtbarer erwiesen als jede andre, um das Staatenleben
+im großen zu verstehen. Es war ein genialer Griff, auszugehen von den
+ersten und unabweisbarsten Bedürfnissen der Staaten, von ihren Kämpfen
+um Existenz und Lebensraum, denn ihre innere Struktur ist zum größern
+Teile Anpassung an diese Kämpfe. Die Machtbedürfnisse bestimmen wie
+nichts andres die besondern Verfassungsformen der Staaten.
+
+Es ist hier nicht der Ort, die ideengeschichtliche Genesis der
+Rankeschen Lehren von der Individualität der Staatspersönlichkeiten
+und dem Primate der auswärtigen Politik zu zeigen. Man müßte dafür
+zurückgreifen auf die Romantik, auf Wilhelm von Humboldt und Herder.
+Unter den Romantikern kommt, wie ich an andrer Stelle gezeigt habe,
+namentlich Adam Müller als Vorläufer Rankes in Betracht. Insgesamt war
+diese Entwicklung und Vertiefung der Geschichtsauffassung von Herder zu
+Ranke hin eine der größten Leistungen des deutschen wissenschaftlichen
+Geistes. Sie war nicht denkbar ohne das Erwachen der Nationen, ohne
+die Idee der Nationalität und das neue Licht, das diese Idee auf alle
+individuellen Erscheinungen im geschichtlichen Leben warf. Tiefer und
+origineller als irgendwo ist in Deutschland die Nationalität als große
+=Individualität= begriffen worden. Auch die Bedeutung der Nation für
+den Staat hat Ranke, wie dieser Aufsatz zeigt, nicht im normalen
+und schematischen Sinne der Französischen Revolution, sondern ganz
+individuell und konkret erfaßt, ohne doch das Generelle an ihr dabei zu
+übersehen. Rankes Geschichts- und Staatsauffassung war aber, über das
+Zeitalter der Romantik und der Erhebung der Nationen hinüber, auch noch
+befruchtet durch die Eindrücke und Überlieferungen des Zeitalters vor
+1789, der sogenannten Kabinettspolitik. Die »Großen Mächte« erinnern
+selber an Friedrichs des Großen Jugendschrift ~Considérations sur l'état
+présent du corps politique de l'Europe~ von 1738 (nicht 1736, wie Ranke
+noch annahm), in der auch schon, freilich für rein praktische Zwecke,
+die Kunst geübt wurde, die individuellen Interessen und Tendenzen der
+einzelnen Großmächte zu charakterisieren und sie zugleich als Glieder
+einer einheitlichen Staatenfamilie zu behandeln. Es gab eine ganze
+Literatur dieser Art im 17. und 18. Jahrhundert, die mit kühler Klugheit
+und Klarheit die »Interessen der Fürsten« ihrer Zeit studierte und
+berechnete. Ranke lernte diese Kunst vor allem aus den Relationen der
+venezianischen Gesandten. An realistischer Menschen- und Weltkenntnis
+konnte er es bald mit ihnen aufnehmen. Er überflog sie weit, weil er
+den philosophischen Geist hinzutun konnte, den das Deutschland seiner
+Jugendzeit erzeugt hatte. Die erhabenen, geheimnisvoll-durchsichtigen
+Schlußworte des Aufsatzes hätte auch der feinste politische Kopf des
+~ancien régime~ nicht schreiben und empfinden können.
+
+Es steckt unglaublich viel in diesem Aufsatze. Ranke schrieb ihn auf der
+Jugendhöhe seiner Kraft, reich an schon gewonnener universalhistorischer
+Anschauung, reicher noch an Ahnungen und Entwürfen für künftige Studien.
+Alle seine spätern großen Werke, voran die preußische, französische und
+englische Geschichte, in gewissem Sinne auch die Weltgeschichte,
+sind schon, wie man mit Recht bemerkt hat, in dieser Skizze keimhaft
+enthalten. Man muß sie wieder und wieder lesen und erwägen und findet
+doch immer wieder verborgene Einsichten und Winke, die Ausgangspunkt für
+ganze Reihen von Studien und Auffassungen geworden sind oder noch
+werden können. Auch im heutigen Weltmomente, der die Nationen ganz
+auseinanderzureißen droht, kann uns sein großartiger Optimismus trösten,
+der das »System des Rechtes« in der europäischen Ordnung der Dinge immer
+wieder emportauchen, nach immer neuer Vollendung streben sah. Dieser
+Optimismus entsprang der tiefen Kenntnis der gewaltigen Quadern und
+Fundamente, die das europäische Gesamtleben trotz aller untereinander
+geführten Kämpfe um die Macht im Grunde tragen.
+
+Alle Kenntnis der Dinge aber steigert sich bei Ranke zu Anschauung
+und Mitgefühl, die das Besondre in seinen geheimsten Falten und das
+Allgemeine in seinen höchsten Beziehungen umfaßt. Weil beides bei ihm in
+jedem Augenblicke ineinanderlebt, ist auch das Besondre immer etwas von
+allgemeiner Bedeutung und das Allgemeine niemals eine bloße Abstraktion,
+sondern nur die höchste der verschiedenen ineinander verkapselten
+Individualitäten. Und über der höchsten Allgemeinheit der Geschichte,
+die sich schauen läßt, liegt immer noch ein geistiger Äther
+philosophisch-religiöser Ahnungen, der alles umhüllt. Keinem Historiker
+der Welt ist es je gelungen, zugleich so realistisch und so transzendent
+die Dinge zu behandeln. Man wird einwenden, daß sich die realistischen
+Bestandteile seiner Geschichtsauffassung als dauerhafter erweisen
+werden, wie die transzendent-spekulativen. Ohne Zweifel ist auch das
+geschichtsphilosophische Element in unserm heutigen historischen
+Denken schon etwas anders zusammengesetzt wie bei Ranke. Aber Rankes
+Geschichtsphilosophie hat nirgends seinen Realismus beeinträchtigt
+und war doch, so wie sie war, elastisch, behutsam und gläubig
+zugleich, notwendig, um einen Realismus von dieser Schärfe und Tiefe
+hervorzubringen.
+
+Doch wir wollen hier nur erste Andeutungen zum Verständnis Rankes und
+seiner »Großen Mächte« geben. Im freundlichen Gewande der Inselbücherei,
+die schon so manche Perlen unsrer Literatur umschließt, werden die
+»Großen Mächte« hoffentlich Gemeingut aller derer werden, die es mit
+historisch-politischem Denken ernst nehmen und es nicht nur stofflich
+bereichern, sondern schulen und verfeinern wollen. Möchten sie auch
+den historisch-politischen Geschmack überhaupt heben, der heute bei uns
+nicht auf der Höhe der weltgeschichtlichen Entscheidungen unsrer Tage
+steht.
+
+Einige Literaturangaben zur Kommentierung der »Großen Mächte« werden
+vielleicht erwünscht sein. Varrentrapp hat in der Historischen
+Zeitschrift Bd. 99 (1907) gelehrt und stoffreich über Rankes
+Historisch-politische Zeitschrift und ihr feudalkonservatives
+Gegenstück, das Berliner Politische Wochenblatt, gehandelt. Max Lenz in
+seinem Büchlein »Die großen Mächte. Ein Rückblick auf unser Jahrhundert«
+(1900) geht von einer eingehenden Würdigung des Rankeschen Aufsatzes
+aus, um dann kühn und geistvoll den Versuch Rankes, europäische
+Geschichte aus der Vogelperspektive zu sehen, für das 19. Jahrhundert
+fortzusetzen. Die Bedeutung der »Großen Mächte« und der verwandten
+Aufsätze Rankes für die Geschichte des Nationalstaatsgedankens habe ich
+in meinem Buche »Weltbürgertum und Nationalstaat« (3. Aufl. 1915) zu
+zeigen versucht. Wer Rankes Persönlichkeit und geistige Entwicklung
+kennen lernen will, muß zuerst aus seinen Briefen und autobiographischen
+Aufzeichnungen schöpfen, die Alfred Dove in Band 53/54 der Werke
+Rankes herausgegeben hat. Doves eigene Aufsätze über Ranke in seinen
+»Ausgewählten Schriftchen vornehmlich historischen Inhalts« (1898) sind
+wohl das Schönste, was über Ranke bisher gesagt worden ist.
+
+Ein Wort von Novalis -- auch einem der Denker, die der Rankeschen
+Geschichtsauffassung vorgearbeitet haben -- mag diese Einführung
+beschließen: »Was bildet den Menschen, als seine Lebensgeschichte? Und
+so bildet den =großartigen= Menschen nichts, als die =Weltgeschichte=.«
+
+Berlin, im August 1916.
+
+ =Friedrich Meinecke.=
+
+
+
+
+Die großen Mächte
+
+
+Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den
+Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So
+sehr uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen,
+so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt
+sich, verschwindet; nur die großen Eindrücke, die wir auf einer oder
+der anderen Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns
+unwillkürlich oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben,
+bleiben übrig und vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die
+vornehmsten Momente des genossenen Daseins treten in der Erinnerung
+zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus.
+
+Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die
+Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die
+wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen
+die Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter
+und lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen
+Periode, die nur durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist
+-- der letzten anderthalb Jahrhunderte --, einmal im Zusammenhange zu
+vergegenwärtigen.
+
+Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen
+Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich
+einen unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in
+sich. Allein niemals läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien
+Standpunkte aus das Ganze zu überschauen; auch strebt jedermann auf
+eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen
+Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.
+
+Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger
+Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich
+will mich jedoch einmal daran wagen.
+
+Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser
+einleiten, als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang
+der modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu
+erschüttern vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment,
+in dem wir uns befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es
+gewöhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu bringen?
+
+Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit
+zurückgreifen, es wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben;
+auch halte ich mich absichtlich an die großen Begebenheiten, an den
+Fortgang der auswärtigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der
+Aufschluß für die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten
+Wirkung und Rückwirkung stehen, wird darin großenteils enthalten sein.
+
+
+Die Zeit Ludwigs XIV.
+
+Gehen wir davon aus, daß man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit
+von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und
+Frankreich sah. Von dem einen überwältigt, fand man eine Zuflucht bei
+dem andern. Daß Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwächt
+und zerrüttet war, erschien als ein allgemeines Unglück; wenn man dann
+Heinrich IV. so lebhaft begrüßte, so geschah dies nicht allein, weil er
+der Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptsächlich weil
+er eben dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europäischen
+Ordnung der Dinge wurde.
+
+Es ereignete sich aber, daß Frankreich, indem es dem Nebenbuhler
+allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die
+gefährlichsten Schläge beibrachte und die Verbündeten desselben in
+Deutschland besiegte, hierdurch selber ein Übergewicht an sich riß,
+größer als jener es in dem Höhepunkte seiner Macht besessen hatte.
+
+Man vergegenwärtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680
+war.
+
+Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in
+Gärung zu erhalten, -- unter einem Könige, der es vollkommen
+verstand, der Fürst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer
+Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und
+in der Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst
+verbündet hatte, -- einmütiger, mächtiger als jemals vorher.
+
+Um das Machtverhältnis einigermaßen zu überblicken, braucht man sich
+nur zu erinnern, daß zu der nämlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden
+ersten stehenden Regimenter, Infanterie und Kürassiere, errichtete,
+Ludwig XIV. im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und
+14000 Mann Garde hielt; daß, während die englische Kriegsmarine in den
+letzten Jahren Karls II. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83
+Schiffe gezählt), die französische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe
+vom ersten und zweiten Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele
+Brander gebracht ward. Die Truppen Ludwigs XIV. waren die geübtesten,
+krieggewohntesten, die man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein
+anderer Fürst besaß zum Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte
+Grenzen.
+
+Nicht allein aber durch die militärische Macht, sondern noch mehr durch
+Politik und Bündnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu
+überwältigen. Die Verhältnisse, in welche sie dadurch gelangt waren,
+bildeten sie zu einer Art von Oberherrschaft aus.
+
+Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm
+Schweden einen gefährlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne
+rechten Anlaß, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf
+dessen Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen
+Krone ward in einem offiziellen Blatte als ein Triumph Ludwigs XIV.
+angekündigt; König und Königin waren lange im französischen Interesse.
+Von Polen aus unterstützte man, wenn es über Wien nicht mehr möglich
+war, die ungarischen Mißvergnügten; die Franzosen vermittelten die
+Verbindung derselben mit den Türken; denn auf den Diwan übten sie ihren
+alten, durch die gewöhnlichen Mittel erhaltenen Einfluß ohne Störung.
+Es war alles =ein= System. Eine vorzügliche Rücksicht der französischen
+Politik bestand darin, den Frieden zwischen Polen und Türken zu
+erhalten; dazu wurde selbst der Tatarkhan angegangen. Eine andere war,
+Schweden von den Russen nicht mit Krieg überziehen zu lassen.
+Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter Miene, Schweden
+anzugreifen, das mit Frankreich verbündet ist, so drohten die Türken,
+mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg und
+Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab.
+
+Man weiß, wie unmittelbar, hauptsächlich durch Schweden, das nämliche
+System Deutschland berührte. Aber auch ohne dies war unser
+Vaterland entzweit und geschwächt. Bayern und Pfalz waren durch
+Heiratsverbindungen an den französischen Hof geknüpft, und fast alle
+übrigen Fürsten nahmen zu einer oder der anderen Zeit Subsidien; der
+Kurfürst von Köln überlieferte vermöge eines förmlichen Traktates, den
+er durch verschiedene Scheinverträge verheimlichte, seine Festung Neuß
+an eine französische Besatzung.
+
+Auch in dem mittleren und dem südlichen Europa war es nicht viel
+anders. Die Schweizer dienten zuweilen, über 20000 Mann stark, in den
+französischen Heeren, und von der Unabhängigkeit ihrer Tagsatzungen war
+bei so starkem öffentlichen, noch stärkerem geheimen Einfluß nicht
+mehr viel zu rühmen. Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu
+Pinarolo genommen; noch wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und
+Genua unmittelbar bedroht werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wäre,
+wenn auch dieser Platz in französische Hände komme; jedoch wagte kein
+Mensch, sich der Unterhandlung, die Ludwig XIV. mit dem Herzoge von
+Mantua darüber pflog, obwohl sie lange genug dauerte, ernstlich zu
+widersetzen, und endlich rückte eine französische Besatzung daselbst
+ein. Wie der Herzog von Mantua waren auch die übrigen italienischen
+Fürsten großenteils in der Pflicht von Frankreich. Die Herzogin von
+Savoyen und, jenseit der Pyrenäen, die Königin von Portugal waren
+Französinnen. Der Kardinal d'Etrées hatte über die eine wie die andere
+eine so unzweifelhafte Gewalt, daß man gesagt hat, er beherrsche sie
+despotisch, durch sie die Länder.
+
+Sollte man aber glauben, daß Frankreich indes selbst auf seine Gegner
+vom Hause Österreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende
+Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einfluß erwarb? Es verstand,
+die spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge König von
+Spanien vermählte sich mit einer französischen Prinzessin, und gar bald
+zeigte sich dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in
+den inneren Angelegenheiten von Spanien. Der bedeutendste Mann, den
+dies Land damals hatte, der zweite Don Juan d'Austria, ward, soviel
+ich finde, durch die Franzosen in den Mißkredit gebracht, in welchem er
+starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten im Kriege, wußten sie, wiewohl
+bloß insgeheim, Fuß zu fassen. Nur unter einer solchen Voraussetzung
+wenigstens glaubte man die Schwankungen des dortigen Kabinetts begreifen
+zu können. Die Anordnungen des Hofkriegsrates waren, wie Montecuculi
+klagte, früher zu Versailles bekannt als in dem eigenen Hauptquartier.
+
+Bei diesem Zustande der Dinge hätte wohl vor allen europäischen Staaten
+England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu
+besaß, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man weiß, durch welche
+sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggründe der Politik und
+der Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige
+Karl II. an Ludwig XIV. gebunden war. Für den König von Frankreich waren
+diese Bande jedoch noch nicht fest genug. In dem nämlichen Augenblicke
+ließ er sich angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des
+Parlaments an sich zu ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt
+sie waren, so brauchte er doch nur die nämlichen Mittel anzuwenden. Die
+Gründe, sagt der französische Gesandte Barrillon von einem derselben,
+die Gründe, die ich ihm anführte, überzeugten ihn nicht; aber das Geld,
+das ich ihm gab, das machte ihn sicher. Hierdurch erst bekam Ludwig XIV.
+England in seine Gewalt. Hätte der König sich von ihm entfernt, so würde
+derselbe Widerstand im Parlament gefunden haben; sobald das Parlament
+dem nationalen Widerwillen gegen die Franzosen Raum gab, stellte
+sich der König entgegen. Ludwigs Politik war, und Barrillon sagt
+ausdrücklich, es liege demselben am Herzen, eine Vereinigung der
+Engländer, eine Aussöhnung zwischen König und Parlament zu verhindern.
+Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht ward hierdurch völlig
+neutralisiert.
+
+Und so war allerdings Europa den Franzosen gegenüber entzweit und
+kraftlos, ohne Herz, wie ein Venezianer sagt, und ohne Galle. Welch ein
+Zustand der allgemeinen Politik, daß man es duldete, als Ludwig auf
+den Antrag eines seiner Parlamentsräte zu Metz jene Reunionskammern
+einrichtete, vor die er mächtige Fürsten zitierte, um über ihre
+Rechte an Land und Leute, durch Staatsverträge gewährleistet, wie über
+Privatrechte von seinen Gerichten entscheiden zu lassen! Welch ein
+Zustand des Deutschen Reiches, daß es sich Straßburg so gewaltsam, so
+wider die Natur der Dinge entreißen ließ! Man erlaube mir, anzuführen,
+wie ein Fremder lange nachher die Eroberung des Elsaß bezeichnet. »Wenn
+man die Geschichte davon liest,« sagt Young in einer Reisebeschreibung,
+»so macht sie einen so tiefen Eindruck nicht; daß ich aber, aus
+Frankreich kommend, über hohe Gebirge mußte und dann in eine Ebene
+hinabstieg, in der ein von den Franzosen in Sitte, Sprache und
+Abstammung ganz unterschiedenes Volk wohnt (die Ebene, welche damals
+erobert wurde), das machte mir Eindruck.« Und eine solche Beleidigung
+nahm Deutschland hin und schloß darüber einen Stillstand.
+
+Was gab es da noch, das sich Ludwig XIV. nicht hätte erlauben sollen?
+Ich will nicht dabei verweilen, wie er Genua mißhandelte, wie er seinen
+Ambassadeur dem Papst zum Trotz mit einer bewaffneten Macht in Rom
+einrücken ließ; erinnern wir uns nur, wie er selbst seiner Freunde
+nicht schonte. Er nahm Zweibrücken in Besitz, obwohl es seinem alten
+Bundesgenossen, dem Könige von Schweden, gehörte; sein Admiral beschoß
+Chios, weil sich tripolitanische Seeräuber dahin geflüchtet, obgleich
+die Türken seine Verbündeten waren; einiger Forts, die der englischen
+Gesellschaft der Hudsonbai gehörten, bemächtigte er sich mitten im
+Frieden, während des besten Einverständnisses. Jener Königin von Polen
+versagte Ludwig XIV. eine geringfügige Genugtuung ihres Ehrgeizes.
+Nachdem er sich Freunde gemacht, durch Geld oder Unterstützung, liebt er
+es, sie zu vernachlässigen, sei es, um ihnen zu beweisen, daß er sie
+im Grunde doch nicht brauche, oder in der Überzeugung, die Furcht
+vor seinem Unwillen allein werde sie in Pflicht halten. In jeder
+Unterhandlung will er dies sein Übergewicht fühlen lassen. Von einem
+seiner auswärtigen Minister sagt er selbst: »Ich habe ihn entfernen
+müssen; denn allem, was durch seine Hand ging, gebrach es an der
+Großartigkeit und Kraft, welche man zeigen muß, wenn man die Befehle
+eines Königs von Frankreich ausführt, der nicht unglücklich ist.«
+
+Man darf annehmen, daß diese Gesinnung der vornehmste Antrieb selbst
+seiner Kriegslust war. Schwerlich war gerade eine ausschweifende
+Ländergier in ihm; von einer weit um sich greifenden Eroberung war
+eigentlich nicht die Rede. Wie die Feldzüge selbst nur eben mit zu den
+Beschäftigungen des Hofes gehören, -- man versammelt ein Heer, man läßt
+es vor den Damen paradieren; alles ist vorbereitet; der Schlag gelingt;
+der König rückt in die eroberte Stadt ein, dann eilt er zum Hofe zurück,
+-- so ist es hauptsächlich diese triumphierende Pracht der Rückkehr,
+diese Bewunderung des Hofes, worin er sich gefällt; es liegt ihm nicht
+soviel an der Eroberung, an dem Kriege, als an dem Glanze, den sie um
+ihn verbreiten. Nein! einen freien, großen, unvergänglichen Ruhm sucht
+er nicht; es liegt ihm nur an den Huldigungen seiner Umgebung; diese ist
+ihm Welt und Nachwelt.
+
+Aber darum war der Zustand von Europa nicht weniger gefährdet. Sollte
+es einen Supremat geben, so müßte es wenigstens ein rechtlich bestimmter
+sein. Dies faktisch Unrechtmäßige, das den ruhigen Zustand jeden
+Augenblick durch Willkür stört, würde die Grundlage der europäischen
+Ordnung der Dinge und ihrer Entwickelung auflösen. Man bemerkt nicht
+immer, daß diese Ordnung sich von anderen, die in der Weltgeschichte
+erschienen sind, durch ihre rechtliche, ja juridische Natur
+unterscheidet. Es ist wahr, die Weltbewegungen zerstören wieder das
+System des Rechtes; aber nachdem sie vorübergegangen, setzt sich dies
+von neuem zusammen, und alle Bemühungen zielen nur dahin, es wieder zu
+vollenden.
+
+Und das wäre noch nicht einmal die einzige Gefahr gewesen. Eine
+andere nicht minder bedeutende lag darin, daß ein so entschieden
+vorherrschender Einfluß einer Nation es schwerlich zu einer
+selbständigen Entwickelung der übrigen hätte kommen lassen, um so
+weniger, da er durch das Übergewicht der Literatur unterstützt wurde.
+Die italienische Literatur hatte den Kreis ihrer originalen Laufbahn
+bereits vollendet; die englische hatte sich noch nicht zu allgemeiner
+Bedeutung erhoben; eine deutsche gab es damals nicht. Die französische
+Literatur, leicht, glänzend und lebendig, in streng geregelter und
+doch anmutender Form, faßlich für alle Welt und doch von nationaler
+Eigentümlichkeit, fing an, Europa zu beherrschen. Es sieht beinahe
+wie ein Scherz aus, wenn man bemerkt hat, daß z. B. das Diktionär der
+Akademie, in welchem sich die Sprache fixierte, besonders an Ausdrücken
+der Jagd und des Krieges reich ist, wie sie am Hofe gang und gäbe waren;
+aber leugnen läßt sich nicht, daß diese Literatur dem Staate völlig
+entsprach und ein Teil den anderen in der Erwerbung seines Supremats
+unterstützte. Paris ward die Kapitale von Europa. Es übte eine
+Herrschaft wie nie eine andere Stadt, der Sprache, der Sitte,
+gerade über die vornehme Welt und die wirksamen Klassen; die
+Gemeinschaftlichkeit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr
+besonders ist es doch, daß die Franzosen schon damals ihre Verfassung
+aller Welt angepriesen haben, »den glücklichen Zustand der schutzreichen
+Untertänigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Könige befinde,
+einem Fürsten, welcher vor allen verdiene, daß die Welt von seiner
+Tapferkeit und seinem Verstande regiert und in rechte Einigkeit gebracht
+werde.«
+
+Versetzt man sich in jene Zeit, in den Sinn eines Mitlebenden zurück,
+welch eine trübe, beengende, schmerzliche Aussicht! Es konnte doch
+geschehen, daß die falsche Richtung der Stuarts in England die Oberhand
+behielt und die englische Politik sich auf ganze Zeiträume hinaus an
+die französische fesselte. Nach dem Frieden von Nimwegen wurden die
+lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, um die Wahl eines römischen
+Königs auf Ludwig XIV. selbst oder doch den Dauphin fallen zu
+lassen; bedeutende Stimmen waren dafür gewonnen, »denn allein der
+allerchristlichste König sei fähig, dem Reiche seinen alten Glanz
+wiederzugeben«; und so unmöglich war es nicht, daß unter begünstigenden
+Umständen eine solche Wahl wirklich getroffen wurde; wie dann, wenn
+hernach auch die spanische Monarchie an einen Prinzen dieses Hauses
+fiel? Hätte zugleich die französische Literatur beide Richtungen,
+deren sie fähig war, die protestantische so gut wie die katholische,
+ausgebildet, so würde Staat und Geist der Franzosen sich mit
+unwiderstehlicher Gewalt Europa unterworfen haben. Versetzt man sich,
+wie gesagt, in jene Zeit zurück, wodurch würde man glauben, daß einer so
+unglücklichen Wendung der Dinge Einhalt geschehen könnte?
+
+Gegen den Anwachs der Macht und des politischen Übergewichtes konnten
+die minder Mächtigen sich vereinigen. Sie schlossen Bündnisse,
+Assoziationen. Dahin bildete sich der Begriff des europäischen
+Gleichgewichtes aus, daß die Vereinigung vieler anderen dienen müsse,
+die Anmaßungen des exorbitanten Hofes, wie man sich ausdrückte,
+zurückzudrängen. Um Holland und Wilhelm III. sammelten sich die Kräfte
+des Widerstandes. Mit gemeinschaftlicher Anstrengung wehrte man die
+Angriffe ab, führte man die Kriege. Allein man würde geirrt haben, wenn
+man sich hätte überreden wollen, es liege darin eine Abhilfe auf immer.
+Einem europäischen Bündnisse und einem glücklichen Kriege zum Trotz
+wurde ein Bourbon König von Spanien und Indien; über einen Teil von
+Italien sogar breitete sich in dem allmählichen Fortgang der Dinge die
+Herrschaft dieses Geschlechtes aus.
+
+In großen Gefahren kann man wohl getrost dem Genius vertrauen, der
+Europa noch immer vor der Herrschaft jeder einseitigen und gewaltsamen
+Richtung beschützt, jedem Druck von der einen Seite noch immer
+Widerstand von der andern entgegengesetzt und bei einer Verbindung der
+Gesamtheit, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt enger und enger geworden,
+die allgemeine Freiheit und Sonderung glücklich gerettet hat. Da das
+Übergewicht Frankreichs auf der Überlegenheit seiner Streitkräfte, auf
+innerer Stärke beruhte, so war ihm nur dadurch wahrhaft zu begegnen, daß
+ihm gegenüber auch andere Mächte zu innerer Einheit, selbständiger
+Kraft und allgemeiner Bedeutung entweder zurückkehrten oder aufs neue
+emporkämen. Überblicken wir in wenigen flüchtigen Zügen, wie dies
+geschah.
+
+
+England, Österreich, Rußland
+
+Zuerst erhob sich England zu dem Gefühle seiner Stärke. Dies war, sahen
+wir, bisher dadurch zurückgehalten, gebrochen worden, daß Ludwig XIV.
+zugleich Karl II. und das Parlament bearbeitete und bald den einen, bald
+das andere für seine Zwecke zu bestimmen wußte. Mit Jakob II. aber
+stand Ludwig in einem viel vertraulicheren Verhältnis als mit Karl. Wenn
+nichts anderes, so vereinigte sie schon ihre religiöse Gesinnung, die
+gemeinschaftliche Devotion. Daß Jakob den Katholizismus so auffallend
+begünstigte, war einem Fürsten erwünscht, der die Protestanten selber
+grausam verfolgte. Ludwig ergoß sich in Lob, und der englische Gesandte
+kann nicht genug sagen, mit welcher Herzlichkeit er sich zu jedem
+erdenklichen Beistand erboten habe, als Jakob den entscheidenden Schritt
+getan und die Bischöfe gefangen gesetzt hatte. Aber eben dies bewirkte,
+daß alle popularen und, da die englische Kirche angegriffen war,
+selbst die aristokratischen Gewalten sich zugleich ihrem Könige und
+den Franzosen entgegenwarfen. Es war eine religiöse, nationale und im
+Interesse des bedrohten Europas unternommene Bewegung, der die
+Stuarts unterlagen. Eben der leitete sie, der bisher die Seele aller
+Unternehmungen gegen Frankreich gewesen war, Wilhelm III. Der neue
+König und sein Parlament bildeten seitdem eine einzige Partei. Es konnte
+Streitigkeiten, selbst heftige Streitigkeiten zwischen ihnen geben,
+aber auf die Dauer, in der Hauptsache konnten sie sich nicht wieder
+entzweien, zumal da der Gegensatz so stark war, den sie gemeinschaftlich
+erfuhren. Die Parteien, die sich bisher in die Extreme geworfen, um
+einander von den entgegengesetztesten Standpunkten aus zu befehden,
+wurden in den Kreis des Bestehenden verwiesen, wo sie freilich auch
+miteinander stritten, aber sich zugleich miteinander ausglichen, wo ihr
+Widerstreit zu einem lebendigen Gärungsstoff der Verfassung wurde.
+Es ist nicht ohne Interesse, diesen Zustand mit dem französischen zu
+vergleichen. Sie hatten doch vieles gemein. In Frankreich wie in England
+waren aristokratische Geschlechter im Besitz der Gewalt; die einen wie
+die anderen genossen einer alle anderen ausschließenden Berechtigung;
+sie besaßen dieselbe beide vermöge ihrer Religion, die einen durch
+ihren Katholizismus, die anderen durch ihren Protestantismus. Dabei aber
+bestand der größte Unterschied. In Frankreich war alles Uniformität,
+Unterordnung und Abhängigkeit eines reich entwickelten, aber sittlich
+verderbten Hofwesens. In England ein gewaltiges Ringen, ein politischer
+Wettkampf zweier fast mit gleichen Kräften ausgerüsteter Parteien
+innerhalb eines bestimmten, umschriebenen Kreises. In Frankreich schlug
+die nicht ohne Gewalt gepflanzte Devotion nur zu bald in ihr offenbares
+Gegenteil um. In England bildete sich eine vielleicht beschränkte, im
+ganzen männlich selbstbewußte Religiosität aus, die ihre Gegensätze
+überwand. Jenes verblutete an den Unternehmungen eines falschen
+Ehrgeizes; diesem strotzten die Adern von jugendlicher Kraft. Es war,
+als träte der Strom der englischen Nationalkraft nun erst aus den
+Gebirgen, zwischen denen er sich bisher zwar tief und voll, aber enge,
+sein Bette gewühlt, in die Ebene hervor, um sie in stolzer Majestät zu
+beherrschen, Schiffe zu tragen und Weltstädte an seinen Ufern gründen
+zu sehen. Das Recht der Geldbewilligung, über welches bisher die meisten
+Streitigkeiten zwischen dem König und dem Parlament ausgebrochen, fing
+nun vielmehr an, sie miteinander zu verbinden. Karl II. hatte während
+des Vierteljahrhunderts seiner Regierung alles in allem dreiundvierzig
+Millionen Pfund eingenommen. Wilhelm empfing binnen dreizehn Jahren
+zweiundsiebenzig Millionen Pfund; wie ungeheuer aber stiegen seitdem
+diese Anstrengungen! Eben darum stiegen sie, weil sie freiwillig waren,
+weil man sah, daß ihr Ertrag nicht dem Luxus weniger Hofleute, sondern
+dem allgemeinen Bedürfnis diente. Da war das Übergewicht der englischen
+Marine nicht lange zweifelhaft. Im Jahre 1678 war es als ein blühender
+Zustand der königlichen Flotte erschienen, daß sie, die Brander
+eingeschlossen, 83 Kriegsschiffe zählte, mit einer Bemannung von 18323
+Mann. Im Dezember 1701 besaß man dagegen, Brander und kleinere Fahrzeuge
+ausgeschlossen, 184 Schiffe vom ersten bis sechsten Range mit einer
+Bemannung von 53921 Mann. Wenn, wie man glaubt, der Ertrag des
+Postwesens einen Maßstab für den inneren Verkehr abgibt, so muß man
+sagen, daß auch dieser ungemein gestiegen war. Im Jahre 1660 soll die
+Post 12000 Pfund, im Jahre 1699 dagegen 90504 Pfund Sterling abgeworfen
+haben. Man hat gleich damals bemerkt, daß das eigentliche nationale
+Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege die Besorgnis war, Frankreich und
+Spanien vereinigt möchten den westindischen Verkehr den Engländern
+und Holländern wieder entreißen. Hätte auch sonst der Friede, den
+man zuletzt schloß, den Tadel verdient, den die Whigs so lebhaft über
+denselben aussprachen, so hat er doch diese Furcht beseitigt. Nichts
+bezeichnet mehr das Übergewicht der Engländer über die bourbonischen
+Mächte, als daß sie Gibraltar behaupteten. Den besten Verkehr mit den
+spanischen Kolonien brachten sie nunmehr sogar durch Vertrag an sich,
+indes die eigenen sich in ungeheuerem Fortschritt ausbreiteten. Wie
+Batavia vor Kalkutta, so verschwand seitdem der alte maritime Glanz
+von Holland vor dem englischen, und schon Friedrich der Große fand zu
+bemerken, Holland folge dem Nachbar wie ein Boot seinem Schiff. Die
+Vereinigung mit Hannover brachte ein neues, kontinentales, nicht minder
+antifranzösisches Interesse hinzu. In dieser großen Bewegung erhob sich
+die englische Literatur zuerst zu europäischer Wirksamkeit, und sie fing
+an, mit der französischen zu wetteifern. Naturforschung und Philosophie,
+diese sowohl in der einen als in der anderen ihrer Richtungen, brachten
+eine neue und originale Weltansicht hervor, in der jener die Welt
+übermeisternde Geist sich selber faßte und widerspiegelte. Zwar
+würde man zu viel behaupten, wenn man den Engländern die Schöpfung
+vollendeter, in der Form unvergänglicher Denkmale der Poesie oder der
+Kunst in dieser Zeit zuschreiben wollte; aber herrliche Genies hatten
+sie auch damals, und längst besaßen sie wenigstens einen großen Dichter,
+dessen Werke -- für alle Zeiten faßlich und wirksam, wie sie sind --
+Europa nun erst kennen lernte. Hatten sie eine Zeitlang französische
+Formen nicht verschmäht, so nahm man nun an den ausgezeichnetsten
+Franzosen die Wirkung ihres Geistes und ihrer Wissenschaft wahr.
+
+Dergestalt setzte sich Ludwig XIV. jenem Nebenbuhler, dessen er durch
+Politik oder den Einfluß der Religion Herr zu werden gehofft hatte,
+mächtiger in sich, großartiger und gefährlicher, als man irgend hatte
+erwarten können, entgegen. Alle maritimen Beziehungen, alle Verhältnisse
+des europäischen Westens wurden dadurch von Grund aus verändert.
+
+Indessen war zur nämlichen Zeit auch der Osten umgestaltet.
+
+Ich kann die Meinung nicht teilen, daß das deutsche Österreich in der
+Bedeutung, in der wir es erblicken, eine alte Macht zu nennen sei.
+Während des Mittelalters hätte es ohne das Kaisertum nur wenig zu
+sagen gehabt. Dann ward es von der spanischen Monarchie zugleich
+mit fortgezogen und in Schatten gestellt; am Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts war es durch den Zwiespalt der Religion und die erblichen
+Berechtigungen der Stände in seinen verschiedenen Landschaften alles
+auswärtigen Ansehens entkleidet worden; im Anfang des Dreißigjährigen
+Krieges mußten deutsche Heere dem Kaiser sein Erbland wiedererobern.
+Selbst der Glanz, den die wallensteinischen Unternehmungen auf
+Ferdinand II. warfen, war doch nur vorübergehend; und welche gewaltsame
+Rückwirkung riefen sie nicht hervor! Wie oft wurden seitdem die
+Hauptstädte österreichischer Provinzen von den schwedischen Heeren
+bedroht! Jedoch gelang es eben damals dem Hause Österreich, durch die
+Vernichtung seiner Gegner, die Erhebung seiner Anhänger, die endliche
+Befestigung des Katholizismus seine Macht im Innern auf immer zu
+begründen. Es war der erste Schritt zu dem Ansehen, das es in neuerer
+Zeit erworben hat. Zu einer selbständigen und europäisch bedeutenden
+Macht wurde aber Österreich erst durch die Wiedereroberung von Ungarn.
+Solange Ofen in den Händen der Türken war, konnten die Franzosen
+Österreich bedrohen, ja außerordentlich gefährden, sooft es ihnen
+gefiel, ihren Einfluß auf den Diwan dahin zu verwenden. Haben sie den
+Zug Kara Mustaphas im Jahre 1683 auch nicht veranlaßt, so haben sie
+doch darum gewußt. Ihre Absicht war dabei nicht, Deutschland oder die
+Christenheit zu verderben; so weit gingen sie nicht; aber Wien wollten
+sie nehmen, die Türken wollten sie selbst bis an den Rhein vordringen
+lassen. Dann wäre Ludwig XIV. als der einzige Schirm der Christenheit
+hervorgetreten; in der Verwirrung, die eine solche Bewegung hätte
+hervorbringen müssen, würde es ihm nicht haben fehlen können, über die
+deutsche Krone zu verfügen und sie, wenn er nur wollte, selbst an sich
+zu nehmen.
+
+Unter den Mauern von Wien schlug dieser Plan fehl. Es war die
+letzte große Anstrengung der Türken, die um so verderblicher auf sie
+zurückwirkte, da sie alle ihre Kräfte dazu in barbarischem Übermaße
+aufgewendet hatten. Seitdem wichen denn vor den deutschen Kriegsscharen,
+welche, wie ein Italiener sagt, »wie eine starke, undurchdringliche
+Mauer« vorrückten, die ungeordneten türkischen Haufen allenthalben
+zurück; vergebens erklärte ein Fetwa des Mufti, daß Ofen der Schlüssel
+des Reiches und die Verteidigung dieses Platzes eine Glaubenspflicht
+sei; es ging doch verloren; ganz Ungarn ward wiedererobert und zu einem
+erblichen Reiche gemacht. Die Mißvergnügten unterwarfen sich; in die
+Grenzen von Niederungarn rückte eine Raizische Bevölkerung ein, um
+dieses fortan wider die Türken zu verteidigen. Seitdem hatte Österreich
+eine ganz andere Grundlage als früher. Sonst wurden alle Kriege in
+Ungarn von deutschen Heeren geführt, und man sagte, alle dortigen Flüsse
+seien mit deutschem Blute gefärbt; jetzt erschienen die Ungarn als der
+Kern der österreichischen Heere in den deutschen Kriegen. Nun war es
+der französischen Diplomatie nicht mehr möglich, die Türken bei jedem
+leichten Anlaß in das Herz der Monarchie zu rufen; nur noch einmal fand
+sie bei den Mißvergnügten Beistand und Hilfe; endlich war alles ruhig;
+eben auf diejenige Provinz, die ihn bisher am meisten gefährdet hatte,
+gründete seitdem der Kaiser seine Gewalt.
+
+Man sieht von selbst, welch eine Veränderung die Befestigung dieser
+stabilen, reichen, wohlbewaffneten Macht, welche die Türken in Zaum,
+ja in Furcht hielt, in den Verhältnissen des europäischen Ostens
+hervorbringen mußte.
+
+Ludwig XIV. erlebte wenigstens den Anfang noch einer anderen.
+
+Die Zustände von Polen, durch die es ihm leicht wurde, in diesem Lande
+immer eine Partei zu haben, die Macht von Schweden, das durch Herkommen
+und alten Bund wenigstens in der Regel an ihn geknüpft war, gaben ihm
+ohne viel Anstrengung ein entschiedenes Übergewicht in dem Norden.
+Karl XII. machte darin keine Änderung. Es war einer seiner ersten
+Entschlüsse, wie er zu seinem Kanzler sagte, »schlechterdings die
+Allianz mit Frankreich abzuschließen und zu dessen Freunden zu gehören.«
+Es ist wahr, der Spanische Erbfolgekrieg und der Nordische, die hierauf
+fast zu gleicher Zeit begannen, hatten keinen vorausbedachten, durch
+Unterhandlungen vermittelten Zusammenhang, obwohl man ihn oft vermutete;
+aber die schwedischen Unternehmungen kamen den Franzosen durch ihren
+Erfolg zustatten; in der Tat hatten die Begebenheiten eine gleichartige
+Tendenz. Während die spanische Sukzession dienen sollte, den Bourbonen
+den Süden von Europa in die Hände zu liefern, waren die alten
+Verbündeten der Bourbonen, die Schweden, nahe daran, die Herrschaft
+in dem Norden völlig an sich zu bringen. Nachdem Karl XII. die Dänen
+überfallen und zum Frieden gezwungen, nachdem er Polen erobert und einen
+König daselbst gesetzt, nachdem er die Hälfte von Deutschland, das in
+seinem Osten nicht viel besser befestigt war, als in seinem Westen,
+durchzogen und Sachsen eine Zeitlang innegehabt, blieb ihm zur
+Befestigung seiner Suprematie nichts mehr übrig, als den Zaren, den er
+schon einmal geschlagen, völlig zu vernichten. Dazu brach er mit seinem
+in Sachsen verjüngten Heere auf. Der Zar hatte sich indes mit großer
+Anstrengung gerüstet. Es kam zu dem entscheidenden Kampfe des Jahres
+1709. Sie begegneten einander noch einmal, diese beiden nordischen
+Heroen, Karl XII. und Peter I., originale Geburten germanischer und
+slawischer Nationalität. Ein denkwürdiger Gegensatz. Der Germane
+großgesinnt und einfach, ohne Flecken in seinem Lebenswandel, ganz ein
+Held, wahr in seinen Worten, kühn in seinem Vornehmen, gottesfürchtig,
+hartnäckig bis zum Eigensinn, unerschütterlich. Der Slawe, zugleich
+gutmütig und grausam, höchst beweglich, noch halb ein Barbar, aber mit
+der ganzen Leidenschaftlichkeit einer frischen lernbegierigen Natur den
+Studien und Fortschritten der europäischen Nationen zugewandt, voll
+von großen Entwürfen und unermüdlich, sie durchzusetzen. Es ist ein
+erhabener Anblick, den Kampf dieser Naturen wahrzunehmen. Man könnte
+zweifeln, welches die vorzüglichere war; so viel ist gewiß, daß sich die
+größere Zukunft an die Erfolge des Zaren knüpfte. Während Karl für
+die wahren Interessen seiner Nation wenig Sinn zeigte, hatte Peter die
+Ausbildung der seinigen, die er selbst vorbereitet und begonnen, an
+seine Person geknüpft und ließ dieselbe sein vornehmstes Augenmerk sein.
+Er trug den Sieg davon. In dem Berichte, den er über die Schlacht von
+Pultawa an seine Leute ergehen ließ, fügte er in einer Nachschrift
+hinzu, »damit sei der Grundstein zu St. Petersburg gelegt.« Es war der
+Grundstein zu dem ganzen Gebäude seines Staates und seiner Politik.
+Seitdem fing Rußland an, in dem Norden Gesetze zu geben. Es wäre ein
+Irrtum, wenn man glauben wollte, es hätte dazu einer langen Entwickelung
+bedurft; es geschah vielmehr auf der Stelle. Wie hätte auch August II.
+von Polen, der seine Herstellung einzig und allein den Waffen der Russen
+verdankte, sich ihrem Einfluß entziehen können? Aber überdies mußte er
+in den inneren Entzweiungen, im Kampfe mit seinem Adel, ihre Hilfe
+aufs neue in Anspruch nehmen. Hierdurch ward Peter I. unmittelbarer
+Schiedsrichter in Polen, mächtig über beide Parteien; um so gewaltiger,
+da die Polen ihre Armee um drei Vierteile verminderten, während die
+seinige immer zahlreicher, geübter und furchtbarer wurde. Der Zar,
+sagt ein Venezianer im Jahre 1717, welcher sonst Gesetze von den
+Polen empfangen hat, gibt deren jetzt ihnen nach seinem Gutdünken mit
+unbeschränkter Autorität. Notwendigerweise hörte seitdem der Einfluß
+der Franzosen in Polen mehr und mehr auf; sie vermochten ihre
+Thronkandidaten nicht mehr zu befördern, selbst wenn sie den Adel
+für sich hatten. Indessen war Schweden durch eben diese Ereignisse
+entkräftet und herabgebracht worden. Noch in seinen letzten Tagen
+hatte Ludwig XIV. dieser Krone alle ihre Besitzungen garantiert;
+nichtsdestominder war sie zuletzt eines bedeutenden Teiles derselben
+verlustig gegangen. Wohl behaupteten die Franzosen ihren Einfluß in
+Stockholm. Man klagte dort 1756, Schweden werde von Paris aus regiert,
+wie eine französische Provinz. Aber wie gesagt, Schweden war ganz
+unbedeutend geworden. Es waren armselige innere Entzweiungen der Mützen
+und Hüte, auf die man Einfluß hatte. Wenn man sie ein paarmal benutzte,
+um einen Krieg gegen Rußland hervorzurufen, so war das eher ein
+Nachteil; man gab diesem Reiche nur Gelegenheit zu neuen Siegen und
+Vergrößerungen.
+
+Und so war der Norden unter eine ganz andre Herrschaft geraten als die
+mittelbare von Frankreich; eine große Nation trat dort in eine neue,
+eine eigentlich europäische Entwickelung ein. In dem Osten war der
+französische Einfluß zwar nicht verschwunden; aber er hatte daselbst,
+obwohl Österreich unter Karl VI. schwach genug wurde, doch lange nicht
+mehr die alte Bedeutung. Die See war in den Händen des Nebenbuhlers; die
+vorteilhafte Verbindung, welche Frankreich über Cadiz mit dem spanischen
+Amerika angefangen, duldete oder unterbrach derselbe nach seiner
+Konvenienz.
+
+In dem südlichen Europa dagegen, durch das natürliche Einverständnis
+der bourbonischen Höfe, das nach kurzer Unterbrechung bis zu
+gemeinschaftlichen Plänen hergestellt worden war, und in Deutschland
+hatte Frankreich noch immer ein großes Übergewicht.
+
+Vor allem in Deutschland.
+
+Es existieren Betrachtungen über den politischen Zustand von Europa vom
+Jahre 1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten,
+kurz vor dem österreichischen Sukzessionskriege geistreich und bündig
+schildern. Wenn der Verfasser zugibt, daß Kaiser Karl VI. seine Macht im
+Reiche zu erweitern, die Verfassung monarchischer zu machen bemüht sei,
+daß derselbe sogar durch seine Verbindung mit den Russen, die schon
+damals an dem Rhein erschienen, einigen Artikeln seiner Kapitulation
+zuwidergehandelt habe, so findet er doch auf dieser Seite die Gefahr
+so groß nicht; der letzte Krieg, meint er, habe die Schwäche des
+kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze und der Gewaltsamkeit, mit
+denen derselbe seine Pläne durchzusetzen suche, liege ein Heilmittel
+gegen sie. Hüten wir uns dagegen, ruft er aus, vielmehr vor denen, die
+durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde Manieren und eine
+erdichtete Güte uns in die Sklaverei zu bringen suchen. Er findet, daß
+Kardinal Fleury, damals Premierminister von Frankreich, obwohl er die
+Miene außerordentlicher Mäßigung annehme, dessenungeachtet und zwar
+gerade unter diesem Scheine die Pläne eines Richelieu und Mazarin
+verfolge. Durch anscheinende Großmut schläfere er seine Nachbarn ein;
+er leihe gleichsam seinen sanften und ruhigen Charakter für die Politik
+seines Hofes her. Mit wie viel Klugheit, ohne Aufsehen und Lärm, habe
+er Lothringen an Frankreich zu bringen gewußt; -- um die erwünschte
+Rheingrenze zu erobern, woran nicht gar viel fehle, erwarte er nur die
+Verwirrungen, die der Tod des Kaisers unfehlbar nach sich ziehen müsse.
+
+Im Jahre 1740 starb Karl VI. Kardinal Fleury ließ sich sogar zu noch
+kühneren Schritten fortreißen, als man ihm zugetraut hatte. Er
+sagte geradeheraus, er wolle den Gemahl der Maria Theresia nicht zum
+Nachfolger ihres Vaters, weil derselbe schlecht französisch gesinnt
+sei; er vor allen war es, der Karl VII. von Bayern die deutsche Krone
+verschaffte; er faßte den Plan, in Deutschland vier, ungefähr gleich
+mächtige Staaten nebeneinander zu errichten, das Haus Österreich
+ziemlich auf Ungarn einzuschränken, Böhmen dagegen an Bayern, Mähren
+und Oberschlesien an Sachsen zu bringen, Preußen mit Niederschlesien zu
+befriedigen; wie leicht hätte über vier solche Staaten, die sich ihrer
+Natur nach niemals miteinander verstanden haben würden, Frankreich dann
+eine immerwährende Oberhoheit behauptet!
+
+
+Preußen
+
+In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen
+Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch
+Taten ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes
+Nationalgefühl, -- keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die
+es dem Übergewichte der Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat
+Friedrich II. auf, erhob sich Preußen.
+
+Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern, noch den
+Staat, den er fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht so
+leicht getrauen, die ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und
+die Fülle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns
+nur ihre Weltstellung zu vergegenwärtigen.
+
+Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs
+von der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode
+Karls VI. einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel
+weiter mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und
+noch entfernt von eigentlichen Geschäften jene Betrachtungen, von denen
+ich eben eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man
+sieht, ganz wider die französische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche
+von dieser Seite her über Deutschland schwebte, sah er so deutlich,
+empfand er so lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber hatte er
+seinen Krieg ganz auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der
+Erfolg seiner Waffen den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst
+erklärte er ihrem Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde
+ihre Truppen nicht länger auf deutschem Boden dulden, als das Wort
+der Verträge besage. In dem Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich
+scheinen sollen, Österreich völlig herabzubringen. Böhmen und
+Oberösterreich waren nicht viel minder in feindlichen Händen als
+Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn man diese Angriffe mit
+angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will sagen, wozu es hätte
+kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut anrechnen, daß er
+diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten, daß es sein Vorteil
+nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu entledigen. Als er
+die Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, wollte er sie Atem
+schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und
+ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von
+Österreich abzuhängen; völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen
+ihnen eine unabhängige, auf eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen.
+In diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschluß für seine Politik
+während der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit
+eifersüchtigerer Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mißtraut den
+Freunden nicht minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet und
+schlagfertig; sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr
+nur von fern kommen sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil
+ist, sowie er den Sieg erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden.
+Wenn es sich versteht, daß es ihm nicht beikommen konnte, sich einem
+fremden Interesse zu widmen, so hat er doch auch sein eigenes ohne
+Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor Augen; nie sind seine
+Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie; dabei aber will er
+bis zum Äußersten festhalten.
+
+Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit,
+die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das
+Mißfallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen.
+
+Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz
+nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und
+geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in
+das nördliche System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß
+es einen übrigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des
+Gleichgewichts im Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen,
+erweckte ihm den ganzen Haß einiger russischen Minister, die ihre
+Suprematie im Norden bedroht glaubten.
+
+Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden
+sollen. Aber daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich
+erdreistete, eine freie selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den
+Unwillen auch des Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut
+sah, was es auf sich habe, so beschloß er doch, sein ganzes System zu
+ändern und sich nunmehr an Österreich anzuschließen. Die öffentliche
+Meinung stimmte in einer jener plötzlichen Aufwallungen, die ihr
+besonders in Frankreich so eigen sind, dem Traktate freudig bei. So
+gelang es der Kaiserin, die beiden großen Kontinentalmächte mit sich zu
+vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in Sachsen, Pommern, gesellten
+sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht viel anders, als wie er
+nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen worden war, und durch
+die Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von einer Teilung der
+preußischen Staaten war nicht minder die Rede, als früher von einer
+Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich
+Verbündete -- die nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten
+hatten.
+
+Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem
+Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es
+nur wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?
+
+Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklärung
+über dessen Rüstungen ersucht. »Wenn sie nur einigermaßen genugtuend
+ausfällt,« sagte er einem seiner Minister, »so marschieren wir nicht.«
+Endlich kam der erwartete Kurier. Es fehlte viel, daß die Antwort
+ausreichend gewesen wäre. »Das Los ist geworfen,« sagte er, »morgen
+marschieren wir!«
+
+So stürzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf, er rief sie
+fast selbst hervor; aber erst mitten darin lernte er sie völlig kennen.
+
+Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so
+ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges.
+
+Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu
+Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr
+über Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über
+das Sein oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg
+unterscheidet sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden
+Augenblick die Existenz von Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem
+Zustande der Dinge, der allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur
+eines einzigen unglücklichen Tages, um diese Wirkung hervorzubringen.
+Vollkommen fühlte dies Friedrich selbst. Nach der Niederlage von
+Kollin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!« Und wenn sich ihm dies
+Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist doch wahr, daß er sich
+seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah.
+
+Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so
+verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner
+Truppen, die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten
+haben. Die Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrechterhielt.
+
+Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen
+Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum
+Genuß des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu
+so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius
+selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene
+Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur dazu, daß ihm
+diese zum Bewußtsein komme; dafür sorgt dann das Leben, die Anstrengung
+einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif.
+
+Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er
+erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war
+nicht allein militärisch; es war zugleich ein innerer, moralischer,
+geistiger; der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der
+letzten Gründe der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit
+alles irdischen Wesens.
+
+Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer
+Kraft rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber
+diejenigen wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges
+entstanden sind, haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie
+enthüllen uns die Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf
+und Gefahr. Er sieht sich »mitten im tobenden Meer; der Blitz streift
+durch das Ungewitter; der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein
+Haupt; von Klippen bin ich umgeben; die Herzen der Steuernden
+sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist ausgetrocknet, die Palme
+verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag er wohl in den
+Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht haben;
+häufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. -- Jedoch das
+dritte Buch des Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, daß
+das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war ein
+Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene
+Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht auf dem
+Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne
+Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den Triumvirn
+verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf und war
+entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in
+dem Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen
+Weltgeschickes verflochten -- Rom war die Welt -- ohne anderen Rückhalt
+als die Bedeutung ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen;
+er aber hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn
+irgendein besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen,
+daß es dieser Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer
+schildert ihn uns nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang
+seines Unglücks und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie
+er bei dem Haß und dem Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt,
+wie er dann für sein Heer und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah
+und den Entschluß faßte, diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern, --
+bis sich ihm denn doch allmählich die Möglichkeit eines erneuten
+Widerstandes zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs
+neue widmete. Unmöglich konnte er sein Land, wie er es so lange sehen
+mußte, zurücklassen, »von den Feinden überschwemmt, seiner Ehre beraubt,
+ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«; »dir«, sagte er, »will ich
+die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich will mich nicht in
+fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in das Feld der
+Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu, »dem Geschick
+entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander verschworene, vor Stolz
+und Vermessenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus. Endlich erlebte
+er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am Schluß
+seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen
+Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete
+er sein Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben
+wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu
+heilen, die der Krieg ihm geschlagen.
+
+Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte,
+daß sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten
+vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit
+den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten
+Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes
+bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht.
+
+Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten
+wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem
+österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es
+völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und
+Sachsen sich wieder an Österreich angeschlossen.
+
+Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken;
+Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und
+genaue Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg
+herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle
+die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht
+ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine
+bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt
+hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie
+dort gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen
+Suprematie auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten
+wurde.« Man glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten
+Einfluß gestattet habe. Noch als Koregent und von allem Anfang ließ
+Joseph II. erklären, er halte die Rechte der kaiserlichen Krone für
+heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht daran rühre, wenn man mit
+ihm gut stehen wolle. Es war schon damals zu erkennen, daß der wahre
+Schutz der politischen Unabhängigkeit von Deutschland in einer freien
+und fest begründeten Vereinigung dieser beiden Mächte gegen das Ausland
+bestehe.
+
+Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung,
+daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den
+französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich
+will nicht sagen, daß sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger
+Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag
+dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle
+Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war.
+Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte;
+sodann in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine,
+ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die
+Tätigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in
+manchen anderen Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten
+sich alle der nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten
+Lehrgebäuden, für die Überlieferung des Katheders, selten für
+eigentlich geistiges Verständnis geeignet, breiteten sie sich aus;
+die Universitäten beherrschten nicht ohne Beschränktheit und Zwang die
+allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, daß die oberen Klassen
+der Gesellschaft allmählich davon minder berührt wurden und sich, wie
+gedacht, von französischen Richtungen hinreißen ließen. Seit der Mitte
+des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung des nationalen
+Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch sehr von jenem
+Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze mit
+demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber
+nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der
+deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben; die Religion
+ward endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne
+Schwärmerei, in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahe gebracht.
+In kühnen Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen
+Erörterung des obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an
+demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die
+beiden Richtungen der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem,
+die eine mehr anschauend, die andere mehr untersuchend, sich neben-
+und miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoßen, aber nur
+zusammen die Fülle eines originalen Bewußtseins ausgedrückt haben.
+Kritik und Altertumskunde durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und
+drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu
+erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife unterstützt, entwickelte
+dann der Geist der Nation selbständig und frei versuchend eine poetische
+Literatur, durch die er eine umfassende, neue, obwohl noch in manchem
+inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen übereinstimmende Weltansicht
+ausbildete und sich selber gegenüberstellte. Diese Literatur hatte dann
+die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr auf einen Teil der
+Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja ihrer Einheit
+zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue
+Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht
+so sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen;
+es ist im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist
+verschmäht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch
+wurde das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet;
+seine Aufgabe war, die positive Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei
+Hindernisse haben sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange
+seiner eigenen Bildung oder auch anderen Einwirkungen entsprangen; wir
+dürfen nun hoffen, daß er sie alle überwinden, zu einem vollkommneren
+Verständnis in sich selbst gelangen und alsdann zu unablässig neuer
+Hervorbringung fähig sein werde.
+
+Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon
+diese Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur
+von einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl
+gewiß, daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister
+begleitet war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das
+Leben und der Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich
+selbständig fühle, wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat
+eine Literatur geblüht, ohne durch die großen Momente der Historie
+vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst
+davon nichts wußte, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der
+Nation, die deutsche Literatur mit ihm; doch kannte er seine Verbündeten
+nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und kühn, daß
+ein Held aus ihnen hervorgegangen war.
+
+Es war, wie wir sahen, ein Bedürfnis des siebzehnten Jahrhunderts,
+Frankreich einzuschränken. Auf welche alle Erwartung übersteigende Weise
+war dies jetzt geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, daß sich ein
+künstlich verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was
+man so nennt, waren die Formen; das Wesen bestand darin, daß sich große
+Staaten aus eigener Kraft erhoben, daß neue nationale Selbständigkeiten
+in ursprünglicher Macht den Schauplatz der Welt eingenommen hatten.
+Österreich, katholisch-deutsch, militärisch-stabil, in sich selbst
+voll frischer, unversiegbarer Lebenskräfte, reich, eine für sich
+abgeschlossene Welt. Das griechisch-slawische Prinzip trat in Rußland
+mächtiger hervor, als es jemals in der Weltgeschichte geschehen;
+die europäischen Formen, die es annahm, waren weit entfernt, dies
+ursprüngliche Element zu erdrücken; sie durchdrangen es vielmehr,
+belebten es und riefen seine Kraft erst hervor. Wenn sich dann in
+England die germanisch-maritimen Interessen zu einer kolossalen
+Weltmacht entwickelten, die alle Meere beherrschte, vor der
+alle Erinnerungen früherer Seemächte zurücktraten, so fanden die
+deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre
+Darstellung und ihren Ausdruck in Preußen. »Wenn man das Geheimnis auch
+wüßte,« sagt ein Dichter, »wer hätte den Mut, es auszusprechen?« Ich
+will mich nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu
+fassen; doch sehen wir deutlich, daß sie auf Prinzipien gegründet sind,
+die aus den verschiedenen großen Entwickelungen früherer Jahrhunderte
+hervorgegangen waren, daß sie sich diesen analog in ursprünglichen
+Verschiedenheiten und mit abweichenden Verfassungen ausbildeten, daß
+sie großen Forderungen entsprachen, die gemäß der Natur der Dinge an die
+lebenden Geschlechter geschahen. In ihrem Aufkommen, ihrer Ausbildung,
+welche, wie sich versteht, nicht ohne mannigfaltige Umgestaltung innerer
+Verhältnisse erfolgen konnte, liegt das große Ereignis der hundert
+Jahre, die dem Ausbruch der Französischen Revolution vorhergingen.
+
+
+Französische Revolution
+
+Hatte jenes Ereignis aber eine so unzweifelhaft für sich selber gültige
+Bedeutung, so ist doch nicht zu leugnen, daß eine Beschränkung von
+Frankreich damit erreicht war und daß dies Land die Erfolge der anderen
+als seine Verluste ansehen durfte. Auch war es ihnen immer lebhaft
+entgegengetreten. Wie oft suchte es früher die Fortschritte von
+Österreich in Ungarn und gegen die Türken aufzuhalten; wie oft mußten
+dann die besten Regimenter von der Donau, wo sie gegen die Türken
+standen, an den Rhein und wider die Franzosen abgerufen werden! Rußland
+hatte seinen Einfluß im Norden der französischen Politik abgewonnen. Als
+das Kabinett von Versailles innewurde, welche Stellung Preußen in der
+Welt einnahm und zu behaupten suchte, vergaß es seine amerikanischen
+Interessen, um diese Macht, ich sage nicht herabzubringen, sondern
+geradehin zu vernichten. Wie oft hatten die Franzosen die Jakobiten
+zu begünstigen, etwa einen Stuart nach England zu werfen, die alten
+Verhältnisse wiederherzustellen unternommen! Dafür bekamen sie denn
+auch, mochten sie mit Preußen wider Österreich oder mit Österreich
+wider Preußen stehen, allemal die Engländer zu Gegnern. Sie führten
+ihre Kriege auf dem festen Lande mit Verlusten zur See. Während des
+Siebenjährigen verloren sie, wie Chatham sagte, Amerika in Deutschland.
+
+Und so stand Frankreich allerdings bei weitem nicht mehr so entschieden
+als der Mittelpunkt der europäischen Welt da, wie hundert Jahre früher.
+Es mußte die Teilung von Polen vor seinen Augen vollziehen lassen, ohne
+darum gefragt zu werden. Es mußte, was es tief empfand, gestatten, daß
+im Jahre 1772 eine englische Fregatte an der Reede von Toulon erschien,
+um über die stipulierte Entwaffnung der Flotte zu wachen. Selbst die
+kleineren unabhängigen Staaten, wie Portugal, die Schweiz, hatten
+anderen Einwirkungen Raum gegeben.
+
+Zwar ist sogleich zu bemerken, daß das Übel nicht so schlimm war, wie
+man es oft vorgestellt hat; Frankreich behauptete doch seinen alten
+Einfluß auf die Türkei; durch den Familienvertrag hatte es Spanien
+an seine Politik gekettet; die spanischen Flotten, die Reichtümer
+der spanischen Kolonien standen zu seiner Verfügung; auch die übrigen
+bourbonischen Höfe, zu denen sich der Turiner beinahe mit rechnete,
+schlossen sich an Frankreich an; die französische Faktion siegte endlich
+in Schweden. Allein einer Nation, die sich mehr als jede andere in dem
+Schimmer einer allgemeinen Superiorität gefällt, war dies lange nicht
+genug. Sie fühlte nur den Verlust von Ansprüchen, die sie als Rechte
+betrachtete; sie bemerkte nur, was die anderen erobert, nicht was
+sie behauptet hatte; mit Unwillen sah sie so gewaltige, starke,
+wohlgegründete Mächte sich gegenüber, denen sie nicht gewachsen war.
+
+Man hat so viel von den Ursachen der Revolution geredet und sie wohl
+auch da gesucht, wo sie nimmermehr zu finden sind. Eine der wichtigsten
+liegt meines Erachtens in diesem Wechsel der auswärtigen Verhältnisse,
+der die Regierung in tiefen Mißkredit gebracht hatte. Es ist wahr,
+sie wußte weder den Staat recht zu verwalten noch den Krieg gehörig zu
+führen; sie hatte die gefährlichsten Mißbräuche überhandnehmen lassen;
+und der Verfall ihres europäischen Ansehens war daher großenteils mit
+entsprungen. Aber die Franzosen schrieben ihrer Regierung auch alles das
+zu, was doch nur ein Werk der veränderten Weltstellung war. Sie lebten
+in der Erinnerung der Zeiten der Machtfülle Ludwigs XIV., und alle
+die Wirkungen, die daher rührten, daß sich andere Staaten mit frischen
+Kräften erhoben hatten, die sich einen Einfluß, wie man ihn früherhin
+ausgeübt, nicht mehr gefallen ließen, gaben sie der Unfähigkeit ihrer
+auswärtigen Politik und dem allerdings unleugbaren Verfall ihrer
+Zustände schuld.
+
+Daher kam es, daß die Bewegungen von Frankreich, wenn sie auf der einen
+Seite einen reformatorischen Charakter hatten, der sich nur zu bald in
+einen revolutionären umsetzte, doch auch von allem Anfang eine Richtung
+gegen das Ausland nahmen.
+
+Gleich der amerikanische Krieg entwickelte diese Doppelseitigkeit. Wenn
+man es nicht wüßte, so könnte man aus den Memoiren von Ségur sehen, aus
+welcher sonderbaren Mischung von Kriegslust und angeblicher Philosophie
+die Teilnahme der Jugend unter dem vornehmeren französischen Adel daran
+herkam. »Die Freiheit«, sagt Ségur, »stellte sich uns dar mit den
+Reizen des Ruhmes. Während die Reiferen die Gelegenheit wahrnahmen, ihre
+Grundsätze geltend zu machen und die willkürliche Gewalt zu beschränken,
+traten wir Jüngeren nur darum unter die Fahnen der Philosophie, um
+Krieg zu führen, um uns auszuzeichnen, um Ehrenstellen zu erwerben; aus
+ritterlicher Gesinnung wurden wir Philosophen.« Diese Jüngeren wurden
+das doch allmählich sehr im Ernst. Sonderbare Mischung. Indem sie
+England angriffen und ihren Ehrgeiz sein ließen, es zu schwächen, es
+seiner Kolonien zu berauben, war es doch besonders die Unabhängigkeit
+eines englischen Peers, die würdige Stellung eines Mitgliedes des Hauses
+der Gemeinen, was sie zu erlangen gewünscht hätten.
+
+Dieser amerikanische Krieg wurde nun entscheidend; nicht so sehr durch
+eine Veränderung der allgemeinen Machtverhältnisse -- denn wenn man
+die englischen Kolonien von dem Mutterlande losriß, so zeigte sich doch
+bald, daß dieses in sich selber so wohlbegründet war, um das nicht sehr
+zu empfinden; wenn sich die französische Marine wieder zu einem gewissen
+Ansehen erhob, so hatte England doch in den entscheidenden Schlachten
+den Sieg davongetragen und die Übermacht über seine vereinigten
+Nebenbuhler behauptet -- als durch die indirekten Wirkungen, die er
+hervorbrachte.
+
+Ich meine nicht allein das Emporkommen der republikanischen Neigungen,
+es gab noch eine unmittelbarere Folge.
+
+Mit großem Ernste hatte sich Turgot dem Kriege widersetzt; nur in dem
+Frieden hoffte er die Finanzen, welche schon damals ein Defizit
+drückte, durch eine sparsame Haushaltung herzustellen und zugleich die
+erforderlichen Reformen durchzusetzen. Allein er hatte dem Strome der
+jugendlichen Begeisterung weichen müssen. Der Krieg war erklärt und mit
+überschwenglichen Kosten geführt worden. Necker hatte mit dem ganzen
+Talent eines Bankiers, das er in so hohem Grade besaß, neue Anleihen zu
+machen gewußt. Je höher sie aber aufliefen, desto mehr mußten sie das
+Defizit steigern. Schon im Jahre 1780 erklärte Vergennes dem König, der
+Zustand der Finanzen sei wahrhaft beunruhigend; er mache den Frieden,
+einen unverweilten Frieden notwendig. Indessen verzögerte sich der
+Friede noch, und erst nach Abschluß desselben ward man die Verwirrung
+recht inne. Man nimmt auch hier einen ausfallenden Gegensatz wahr.
+Nicht minder erschöpft und mit Schulden beladen ging England aus dem
+amerikanischen Kriege hervor. Aber während Pitt in England das Übel
+an der Wurzel angriff und das Vertrauen durch große Maßregeln
+wiederherstellte, gerieten die französischen Finanzen aus schwachen
+Händen in immer schwächere, unversuchtere und zugleich keckere, so
+daß das Übel von Monat zu Monat stieg und die Regierung wie in ihrer
+Konsistenz bedrohte, so um ihr ganzes Ansehen brachte.
+
+Wie sehr wirkte dies auf die auswärtigen Verhältnisse zurück! Man hatte
+keine Wahl mehr; um jeden Preis mußte man den Krieg vermeiden. Lieber
+kaufte man z. B. die Forderungen, welche Österreich an Holland machte,
+durch eine Summe ab, zu der man trotz der schlechten Umstände, in
+denen man war, selber die Hälfte beitrug; wäre es auf Frankreich allein
+angekommen, so würde der Kaiser nicht gehindert worden sein, seine
+Absichten auf Bayern durchzusetzen. So enge sich die französische
+Regierung mit den sogenannten Patrioten von Holland vereinigt hatte, so
+mußte sie dieselben ruhig von Preußen überziehen, überwinden lassen.
+Sie kann darüber meines Erachtens nicht einmal sehr getadelt werden. Was
+wollte sie in dem Juli 1787, als die preußische Erklärung gegen Holland
+erschien, unternehmen, um die Ausführung derselben zu verhindern,
+da eben damals die Parlamente sich weigerten, die neuen Auflagen zu
+registrieren, ohne die man den Staat nicht weiter verwalten konnte, da
+bald darauf in jener berühmten Sitzung am 15. August die Grandchambre
+ihre Türen eröffnen ließ und der versammelten Menge erklärte, der
+König könne in Zukunft keine neuen Auflagen erheben, ohne zuvor die
+allgemeinen Stände zusammenberufen zu haben? In einem Augenblick, wo
+der ganze bisherige innere Zustand in Frage gestellt wurde, konnte man
+schwerlich Einfluß auf das Ausland ausüben. Und doch war dies ein
+sehr bedeutender Zeitpunkt. Eben damals entschlossen sich die beiden
+Kaiserhöfe zu ihrem Angriff auf die Türkei. Die Franzosen waren nicht
+imstande, ihren alten Verbündeten Hilfe zu leisten, und wenn diese
+nicht untergehen wollten, so mußten sie Hilfe bei England und Preußen
+nachsuchen.
+
+Allerdings eine Unbedeutendheit, Nichtigkeit der auswärtigen Politik
+von Frankreich, die weder den natürlichen Ansprüchen dieses Landes
+angemessen war, noch auch den Interessen von Europa überhaupt entsprach.
+Kam sie, wie nicht zu leugnen, von der inneren Verwirrung her, so wurde
+diese hinwiederum dadurch außerordentlich vermehrt. Die Politik des
+Erzbischofs von Brienne erfuhr den heftigsten und allgemeinsten Tadel.
+Er ward der Feigheit und selbst der Treulosigkeit angeklagt, weil er
+Holland nicht unterstützt und diese Gelegenheit, den militärischen Ruf
+der Franzosen auch zu Lande wiederherzustellen, versäumt habe; man fand
+die französische Ehre hierdurch auf eine Weise beschimpft, daß sie nur
+durch Ströme von Blut wieder rein gewaschen werden könne.
+
+Wie übertrieben das nun auch lautet, so kann man doch das Gefühl nicht
+tadeln, das dieser Unzufriedenheit zugrunde lag. Das Nationalbewußtsein
+eines großen Volkes fordert eine angemessene Stellung in Europa. Die
+auswärtigen Verhältnisse bilden ein Reich nicht der Konvenienz, sondern
+der wesentlichen Macht; und das Ansehen eines Staates wird immer dem
+Grade entsprechen, auf welchem die Entwickelung seiner inneren Kräfte
+steht. Eine jede Nation wird es empfinden, wenn sie sich nicht an der
+ihr gebührenden Stelle erblickt; wie viel mehr die französische, die so
+oft den sonderbaren Anspruch erhoben hat, vorzugsweise die große Nation
+zu sein!
+
+Ich will nicht auf die Mannigfaltigkeit der Ursachen eingehen, durch
+welche es zu der furchtbaren Entwickelung der Französischen Revolution
+kam. Ich will nur in Erinnerung bringen, daß der Verfall der auswärtigen
+Verhältnisse vielen Anteil daran hatte. Man braucht nur daran zu denken,
+welche Rolle eine österreichische Prinzessin, die unglückliche Königin,
+auf die der ganze Haß fiel, den diese Nation seit so langer Zeit
+dem Hause Österreich gewidmet hatte, dabei spielte, welche unseligen
+Auftritte das Trugbild eines österreichischen Ausschusses veranlaßt hat.
+Nicht genug, daß die Franzosen sahen, sie hätten den alten Einfluß
+auf die Nachbarn verloren; sie überredeten sich sogar, daß das Ausland
+geheimen und starken Einfluß auf ihren Staat ausübe; in allen Maßregeln
+der inneren Verwaltung glaubten sie denselben wahrzunehmen; eben dies
+entflammte dann die allgemeine Entrüstung, die Gärung und Wut der Menge.
+
+Halten wir an diesem Gesichtspunkt der auswärtigen Verhältnisse fest, so
+können wir von der Revolution folgende Ansicht fassen.
+
+Allenthalben hatte man, um zur Ausbildung einer größeren Macht
+zu gelangen, die nationalen Kräfte auf eine ungewohnte Weise
+zusammengenommen; dazu hatte man viele Hindernisse, die in den inneren
+Verhältnissen lagen, wegräumen müssen und nicht selten die alten
+Berechtigungen angetastet; es war dies in den verschiedenen Ländern
+bald mit mehr, bald mit weniger Bedacht und Erfolg geschehen. Ein sehr
+unterrichtendes, lebensvolles Buch müßte es geben, wenn man darzustellen
+wüßte, wie dies allenthalben versucht wurde, mehr oder minder gelang,
+wohin es führte; endlich unternahm man es auch in Frankreich. Es ist so
+viel auf die absolute Gewalt früherer französischer Könige gescholten
+worden; die Wahrheit ist, daß sich dieselbe zwar noch in einigen
+Willkürlichkeiten äußerte, in der Hauptsache dagegen ungemein verfallen
+war. Als die Regierung jenen Versuch machte, war sie schon zu schwach,
+um ihn durchzusetzen; sie machte ihn auch mit unsicheren Händen; den
+Widerstand der privilegierten Stände vermochte sie nicht zu besiegen;
+hierüber rief sie den dritten Stand -- die Gewalt der demokratischen
+Ideen, die sich schon der öffentlichen Meinung zu bemächtigen angefangen
+-- zu Hilfe. Ein Bundesgenosse aber, der ihr bei weitem zu stark war.
+Indem sie schwankte, sowie sie seine Kräfte erkannte, die Bahn verließ,
+die sie eingeschlagen, zu denen zurücktrat, welche sie angreifen wollte,
+eben die beleidigte, die sie zu Hilfe gerufen hatte, forderte sie alle
+politischen Leidenschaften heraus, setzte sie sich mit den Überzeugungen
+und der Richtung des Jahrhunderts, ja mit ihrer eigenen Tendenz in Kampf
+und brachte eine Bewegung hervor, in welcher der dritte Stand, oder
+vielmehr das in demselben und um ihn her entwickelte Element der
+Empörung, in gigantischem Fortschritt nicht allein die privilegierten
+Stände, die Aristokratie, sondern König und Thron selber umstürzte und
+den ganzen alten Staat vernichtete.
+
+Ein Unternehmen, wie es zwar keineswegs alle, aber doch einige andere
+Regierungen verstärkt und befestigt hatte, riß dergestalt durch
+die Entwickelung, die es nahm, durch die Folgen, die es hatte, die
+französische in ihr Verderben.
+
+Nur wenn man hier und da glaubte, daß in diesem großen Ruin die Macht
+und äußere Bedeutung von Frankreich vollends zugrunde gehen müßten,
+hatte man sich geirrt. So stark waren die Tendenzen zur Herstellung der
+alten Macht, daß sie selbst unter so furchtbaren Umständen nicht allein
+nicht aus den Augen verloren, sondern auf eine Weise, wie sie noch nie
+dagewesen, über die Analogie anderer Staaten weit hinaus durchgesetzt
+wurden. Waren anderwärts die bestehenden mittleren Gewalten in ihrer
+Unabhängigkeit beschränkt, zu größerem Anteil an den allgemeinen
+Anstrengungen genötigt worden, so wurden sie hier geradezu vernichtet.
+Adel und Geistlichkeit wurden nicht allein ihrer Vorrechte, sondern
+im Laufe der Ereignisse selbst ihrer Besitztümer beraubt; welch eine
+Konfiskation im größten Stil, in der ungeheuerlichsten Ausdehnung!
+Wie kehrten sich die Ideen, die Europa als heilbringend, menschlich,
+befreiend begrüßt hatte, vor seinen Augen plötzlich in den Greuel
+der Verwüstung um! Das vulkanische Feuer, von dem man eine nährende,
+belebende Erwärmung des Bodens erwartet hatte, ergoß sich in furchtbaren
+Ausbrüchen über denselben hin. Mitten in dieser Zertrümmerung aber
+ließen die Franzosen das Prinzip der Einheit doch niemals fallen. Um
+wie viel mächtiger als bisher erschien eben in der Verwirrung der
+Revolutionsjahre Frankreich den europäischen Staaten gegenüber! Man
+kann sagen: jene gewaltige Explosion aller Kräfte setzte sich nach
+außen fort. Zwischen dem alten und dem neuen Frankreich war dasselbe
+Verhältnis, wie zwischen der zwar lebhaften und von Natur tapferen, aber
+an das Hofleben gewöhnten, mit einem oft kleinlichen Ehrgeiz behafteten,
+feinen, wollüstigen Aristokratie, die den alten Staat leitete, und den
+wilden, gewaltsamen, von wenig Gedanken berauschten, blutbefleckten
+Jakobinern, die den neuen beherrschten. Da vermöge des bisherigen Ganges
+der Dinge zwar nicht eine ganz gleiche Aristokratie wie jene, aber doch
+eine ähnliche an der Spitze der übrigen Staaten stand, so war es kein
+Wunder, wenn die Jakobiner in jener wilden Anspannung aller Kräfte das
+Übergewicht an sich brachten. Es bedurfte nur des ersten, durch ein
+Zusammentreffen unerwarteter Umstände davongetragenen Sieges, um den
+revolutionären Enthusiasmus zu erwecken, der hierauf die Nation ergriff
+und eine Zeitlang das Prinzip ihres Lebens wurde.
+
+Nun kann man zwar nicht sagen, daß Frankreich hierdurch an und für sich
+stärker geworden sei, als die übrigen großen Mächte zusammengenommen
+oder auch nur als seine nächsten Nachbarn, wenn sie sich vereinigt
+hielten. Man kennt hinlänglich die Fehler der Politik und der
+Kriegführung, die einen für diese so ungünstigen Erfolg hervorbrachten.
+Sie konnten sich ihrer bisherigen Eifersucht nicht sogleich entwöhnen.
+Selbst die einseitige Koalition von 1799 hatte Italien zu befreien und
+eine sehr gewaltige militärische Stellung einzunehmen gewußt, als ein
+unglücklicher Zwiespalt sie trennte. Allein geleugnet werden kann es
+nicht, daß der französische Staat, mitten im Kampfe mit Europa gebildet,
+auf denselben berechnet, durch die Zentralisation aller Kräfte, die er
+möglich machte, den einzelnen Kontinentalmächten überlegen wurde. Indem
+es immer das Ansehen gehabt, als suche man dort die Freiheit, war
+man von Revolution zu Revolution Schritt für Schritt zu dem
+Militärdespotismus gelangt, der die Ausbildung der anderweiten
+militärischen Systeme, so groß sie auch waren, weit überbot. Der
+glückliche General setzte sich die Kaiserkrone auf; alle disponiblen
+Kräfte der Nation hatte er jeden Augenblick ins Feld zu werfen die
+Macht. Auf diesem Wege kehrte dann Frankreich zu seinem Übergewichte
+zurück. Es gelang ihm, England von dem Kontinent auszuschließen, in
+wiederholten Kriegen Österreich seiner ältesten Provinzen in Deutschland
+und Italien zu berauben, das Heer und die Monarchie Friedrichs II.
+umzuwerfen, Rußland selbst zur Fügsamkeit zu nötigen und endlich in die
+inneren Provinzen bis zu der alten Hauptstadt desselben vorzudringen.
+Für den französischen Kaiser bedurfte es nur des Kampfes mit diesen
+Mächten, um zugleich über das südliche und mittlere Europa, einen großen
+Teil von Deutschland nicht ausgeschlossen, eine unmittelbare Herrschaft
+zu gründen. Wie war hierdurch alles, was zu Ludwigs XIV. Zeiten
+geschehen, so weit übertroffen! Wie war die alte Freiheit von Europa
+so tief gebeugt! Europa schien in Frankreich untergehen zu wollen. Jene
+Universalmonarchie, von der man sonst nur die entfernte Gefahr gesehen,
+war beinahe realisiert!
+
+
+Wiederherstellung
+
+Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten
+hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?
+
+Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem
+Zusammentreffen entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der
+Gefahr -- Unglück, Erhebung, Rettung -- gehen die neuen Entwickelungen
+am entschiedensten hervor.
+
+Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten in
+seiner wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu
+erhalten, die nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem
+einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewußt hatte.
+
+Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal zu
+brechen die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln
+auszureichen, wie sie bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung
+der Militärverfassung allein hätte noch nicht geholfen; es gehörte eine
+gründlichere Erneuerung dazu, um alle Kräfte zusammenzunehmen, in deren
+Besitz man sein mochte; man mußte sich entschließen, jene schlummernden
+Geister der Nationen, von denen bisher das Leben mehr unbewußt getragen
+worden, zu selbstbewußter Tätigkeit aufzuwecken.
+
+Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen
+Geistes in dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten
+nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten,
+die Zeichen, die seine erste Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit
+der Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben
+aussprach, die Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch
+ist dies ein so weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier auch nicht
+einmal berühren könnten.
+
+Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu streiten
+anfing -- 1809 --, als man hierin der Forderung des Weltgeschickes
+ein Genüge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen ganze
+Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst die
+Religion knüpfte, verließen und sie den Flammen preisgaben, -- als große
+Bevölkerungen, von jeher an ein friedlich bürgerliches Leben gewöhnt,
+Mann bei Mann zu den Waffen griffen, -- als man zugleich des ererbten
+Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich vereinigte, -- erst
+da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit
+herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den
+übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.
+
+Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen
+Revolution war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die
+Unabhängigkeit von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der
+seitdem verflossenen Periode, daß die Nationalitäten selbst sich
+verjüngt, erfrischt und neu entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit
+dem Bewußtsein eingetreten, er würde ohne sie nicht bestehen können.
+
+Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz,
+die Kraft der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den
+zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter
+übrig, ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines
+eingepflanzten Triebes vorwärts; das sei das Resultat aller großen
+Ereignisse, Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch
+die unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen
+und Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen
+Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es
+sei eine allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern
+vorangehe. Eine Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten
+führen kann. Wir denken indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der
+Tatsachen nicht zu halten vermögen wird.
+
+Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser
+Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große
+Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung;
+vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug,
+daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das
+Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines
+jeden insbesondere lebendig erneuert.
+
+Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.
+
+In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen
+gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch
+andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen
+mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche
+und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der
+mazedonisch-griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie
+bietet manche Ähnlichkeit mit der unsrigen dar: eine sehr weit
+gediehene gemeinschaftliche Kultur, militärische Ausbildung, Wirkung und
+Gegenwirkung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung
+der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blüte der
+exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden Wissenschaften. Allein
+jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung eines Eroberers und
+der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine besonderen Prinzipien
+ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten
+und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald aufgelöst,
+verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so
+rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil
+Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit
+bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns
+schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht
+der Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der
+allgemeinen Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben
+hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die
+Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen
+Kraft, der Nationalität für den Staat endlich einmal wieder zur
+Anschauung in das allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren
+Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben aus dem nationalen
+Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen. Es wird sich keiner
+überreden, er könne ohne dasselbe bestehen.
+
+Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen,
+Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte
+dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so
+zweifelhafte Förderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind
+Kräfte, und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte,
+selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung
+erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht;
+aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins
+kann man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten
+heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken,
+überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in
+ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer
+größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt
+das Geheimnis der Weltgeschichte.
+
+
+[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift
+2. Band, 1833]
+
+Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr
+geistige Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation
+über uns zu bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung
+unsrer eigenen Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten,
+chimärischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate
+ausgesprochenen Nationalität.
+
+Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der
+Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht
+diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Völker
+und Volkstümlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert,
+eingeengt werden?
+
+Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der
+Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als
+die französische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt,
+ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvölker von
+Europa ihre eigene Literatur selbständig und oft genug im Gegensatz
+miteinander entwickelt haben. Ist es mir erlaubt, ein kleines Verhältnis
+mit den großen zu vergleichen, so möchte ich daran erinnern, daß nicht
+diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung gewährt, wo einer das Wort
+führt und die Unterhaltung leitet, noch auch die, wo alle auf gleicher
+Stufe oder, wenn man will, in gleicher Mittelmäßigkeit nur immer
+dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo sich mannigfaltige
+Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem höhern
+Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander lebendig
+berühren und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde nur
+eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre
+Eigentümlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung
+aller beruht auf der Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste
+und immerfort können sie einander berühren, ohne daß doch eine die
+andere übermeistere und in ihrem Wesen beeinträchtige.
+
+Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen.
+Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum
+Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden
+vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie
+hervorgehen.
+
+
+ ====================================
+ Diese Abhandlung Leopold von
+ Rankes gelangt hier mit Genehmigung
+ des Verlages von Duncker & Humblot
+ in München und Leipzig zum Abdruck.
+
+ Der Druck erfolgte in der Piererschen
+ Hofbuchdruckerei in Altenburg.
+ =====================================
+
+
+
+
+Fußnote:
+
+[1]: Historisch-politische Zeitschrift II. Band. 1833.
+
+
+
+
+[ Hinweise zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
+beibehalten.
+
+
+Änderungen:
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Seite 26
+ das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege
+ das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege
+
+ Seite 35
+ Böhmen und Öberösterreich waren nicht viel minder
+ Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder
+]
+
+
+
+
+
+
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+
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+Title: Die großen Mächte
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+Editor: Friedrich Meinecke
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+Release Date: May 11, 2012 [EBook #39669]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßEN MÄCHTE ***
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+<h1>Die großen Mächte</h1>
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+<p class="title">Von<br />
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+
+
+<p class="front">Neu herausgegeben<br />
+von<br />
+<span class="gesperrt">Friedrich Meinecke</span></p>
+
+<hr />
+
+<p class="front"><span class="gesperrt">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span></p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_03" id="Pg_03">[S. 3]</a></span></p>
+
+<h2>Einführung</h2>
+
+
+<p>Rankes Aufsatz »Die großen Mächte«, der zu den Kleinodien unsrer
+Nationalliteratur gehört, erschien im Jahre 1833 und eröffnete den zweiten
+Band der von ihm herausgegebenen »Historisch-politischen Zeitschrift«. Er
+trat mit dieser Zeitschrift aus der Stille der Forschung, in der er bisher
+gelebt hatte, auf den Kampfesboden der politischen Parteien in Preußen und
+Deutschland, nicht um sich einem der beiden miteinander ringenden Heerlager
+anzuschließen, sondern um beiden einen höhern Punkt zu zeigen, von dem aus
+die beanspruchte Allgemeingültigkeit und dogmatische Sicherheit der hüben
+und drüben aufgestellten Parteiideale verblassen mußten und viel größere
+und lebendigere Erscheinungen dem Blicke aufstiegen. Hie Autorität,
+hie Volkssouveränität, so war nach der Julirevolution der Gegensatz der
+Meinungen. Alles politische Leben sollte darin aufgehen, sei es den von
+Gott gewollten, sei es den vom Volke gewollten Staat zu verwirklichen.
+Im letzten Grunde kämpften dabei die alten und die neuen Schichten der
+Gesellschaft um die Macht im Staate. Aber sie führten diesen realen Kampf
+mit einer Ideologie, die das Wesen des Staates selbst gefährdete, schon
+weil sie den innern sozialen Gegensätzen eine politische Schärfe und
+geistige Unduldsamkeit gaben, die ihr Zusammenwirken im Dienste des Ganzen
+unmöglich machten. »Die Extreme geben den Ton an,« schrieb Ranke in dem
+Plane für die neue Zeitschrift, »das eine vielstimmiger als jemals: trotzig
+auf die Siege, die es erfochten hat, und auf den Beifall der großen
+Menge; das andre zwar in heftiger, aber unleugbar schwacher und nur immer
+aufreizender Opposition. Es sind zwei Schulen, die sich bekämpfen: weit und
+breit, in mancherlei
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_04" id="Pg_04">[S. 4]</a></span>
+
+Nuancen, haben sie den Boden eingenommen. Die Scholastik der
+mittlern Jahrhunderte beschäftigte sich, die intellektuelle Welt ihren
+Distinktionen zu unterwerfen: diese neue Scholastik ist bemüht, die reale
+Welt nach ihren Schulmeinungen einzurichten.« Ranke war nicht gemeint, den
+Wahrheitsgehalt, den die damalige liberale wie die damalige konservative
+Staatsansicht in sich hegen mochten, zu bestreiten; nur ihrem Anspruch auf
+Alleinherrschaft wollte er sich widersetzen. Er wollte ihnen zeigen, daß
+der Staat nicht nach Schulmeinungen, sondern durch reale Kräfte geschaffen
+wird, daß es deswegen keinen Normalstaat gibt, sondern daß jeder Staat
+eine lebendige, individuelle Wesenheit für sich ist, die sich nach
+eigenen Gesetzen und Bedürfnissen entwickelt. Dies Programm des modernen
+historischen Realismus wurde damals nur von wenigen verstanden. Aber es
+wurde von Bismarck in die Tat umgesetzt und ist durch Ranke zur Grundlage
+alles echten historischen, durch Bismarck zur Grundlage alles unbefangenen
+politischen Denkens geworden. Neue Schulmeinungen und Ideologien sind
+seitdem wohl wieder aufgestiegen und haben es zurückdrängen wollen. Die
+neueste Ideologie dieser Art ist uns im Weltkriege entgegengetreten, wo
+unsre Gegner aus dem Versuche der alten fundierten Weltmächte, die neue
+werdende Weltmacht zu unterdrücken, einen Kreuzzug der internationalen
+Demokratie gegen den rückständigen autoritären Militarismus machen möchten.
+Aber diese neuen Ideologien sind viel dünner und dürftiger gewebt als die
+alten, mit denen Ranke und Bismarck sich auseinanderzusetzen hatten. An
+der Wahrheit der Dinge zerreißen sie. Die damaligen Ideologien waren ganz
+ehrlich gemeint; an die heutigen können nur die beschränktesten unter
+unsern Gegnern ehrlich glauben. Die Melodie der Rankeschen »großen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_05" id="Pg_05">[S. 5]</a></span>
+
+Mächte« und ihrer Kämpfe um Existenz, Individualität, Unabhängigkeit und
+Ausbreitung tönt so gewaltig wie noch nie aus diesem Weltkriege.</p>
+
+<p>Die Rankeschen Lehren sind in Deutschland reicher aufgegangen als in
+andern Ländern. Man fühlt das dort wohl, aber man macht uns daraus den
+Vorwurf, daß wir uns einem naturalistischen Kultus der Macht ergeben
+und die frühere deutsche Geistigkeit eingebüßt hätten. Rankes Aufsatz
+beleuchtet das wahre Verhältnis der beiden großen, durch die Namen Goethe
+und Bismarck bezeichneten Epochen unsres modernen Nationallebens und ist
+ihr organisches Bindeglied. Er zeigt, daß im Völkerleben geistige Werte
+nicht ohne Machtwerte und dauerhafte Machtwerte nicht ohne geistige Werte
+erzeugt werden und, um mit ihm zu sprechen, beide »auf das genaueste
+zusammengehören«. Die Machtpolitik der einzelnen Staaten erscheint in
+dieser Skizze wie überglänzt von den geistigen Kräften der Nationen.</p>
+
+<p>Ranke gibt in ihr wie überhaupt in seinen Darstellungen der auswärtigen
+Politik den breitesten Raum. Dabei kommen neben den politischen Momenten
+die literarischen stärker zum Ausdruck als die wirtschaftlichen und
+sozialen, die uns heute unentbehrlich scheinen zum vollen Verständnis der
+Staats- und Nationalentwicklungen. Aber Geschichtschreibung im höhern Sinne
+ist nun einmal individuelles Bedürfnis und individuelle Kunst. Ebensowenig
+wie es Normalstaaten gibt, gibt es eine normale Behandlung der Geschichte.
+Ebenso wie der wirkliche Staat, muß die Geschichtschreibung auf besondern,
+einheitlichen und fruchtbaren Prinzipien beruhen, muß aber auch dabei wie
+dieser die Gesamtheit aller Lebensgebiete vor Augen haben. Sie ist, wie der
+Staat, Individualität, die nach Totalität strebt, aber in
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_06" id="Pg_06">[S. 6]</a></span>
+
+den Schranken ihrer Individualität nicht anders kann, als die ihr als
+Dominanten des Geschehens erscheinenden Dinge herausgreifen und die übrigen
+Kräfte bald leiser, bald vernehmlicher mitschwingen lassen. Nur so kann die
+unübersehbare Fülle des Geschehens gemeistert und zu einem Kosmos geordnet
+werden. Und die Dominante der auswärtigen Politik, die Ranke &ndash; sehr
+schon gegen den Geschmack seiner auf Verfassungsideale erpichten Zeit
+&ndash; herausgriff, hat sich als fruchtbarer erwiesen als jede andre,
+um das Staatenleben im großen zu verstehen. Es war ein genialer Griff,
+auszugehen von den ersten und unabweisbarsten Bedürfnissen der Staaten, von
+ihren Kämpfen um Existenz und Lebensraum, denn ihre innere Struktur ist zum
+größern Teile Anpassung an diese Kämpfe. Die Machtbedürfnisse bestimmen wie
+nichts andres die besondern Verfassungsformen der Staaten.</p>
+
+<p>Es ist hier nicht der Ort, die ideengeschichtliche Genesis der
+Rankeschen Lehren von der Individualität der Staatspersönlichkeiten und dem
+Primate der auswärtigen Politik zu zeigen. Man müßte dafür zurückgreifen
+auf die Romantik, auf Wilhelm von Humboldt und Herder. Unter den
+Romantikern kommt, wie ich an andrer Stelle gezeigt habe, namentlich Adam
+Müller als Vorläufer Rankes in Betracht. Insgesamt war diese Entwicklung
+und Vertiefung der Geschichtsauffassung von Herder zu Ranke hin eine der
+größten Leistungen des deutschen wissenschaftlichen Geistes. Sie war nicht
+denkbar ohne das Erwachen der Nationen, ohne die Idee der Nationalität
+und das neue Licht, das diese Idee auf alle individuellen Erscheinungen
+im geschichtlichen Leben warf. Tiefer und origineller als irgendwo ist
+in Deutschland die Nationalität als große
+<em class="gesperrt">Individualität</em> begriffen worden. Auch die
+Bedeutung der Nation für den
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_07" id="Pg_07">[S. 7]</a></span>
+
+Staat hat Ranke, wie dieser Aufsatz zeigt, nicht im normalen und
+schematischen Sinne der Französischen Revolution, sondern ganz individuell
+und konkret erfaßt, ohne doch das Generelle an ihr dabei zu übersehen.
+Rankes Geschichts- und Staatsauffassung war aber, über das Zeitalter der
+Romantik und der Erhebung der Nationen hinüber, auch noch befruchtet durch
+die Eindrücke und Überlieferungen des Zeitalters vor 1789, der sogenannten
+Kabinettspolitik. Die »Großen Mächte« erinnern selber an Friedrichs
+des Großen Jugendschrift <i>Considérations sur l'état présent du corps
+politique de l'Europe</i> von 1738 (nicht 1736, wie Ranke noch annahm), in
+der auch schon, freilich für rein praktische Zwecke, die Kunst geübt wurde,
+die individuellen Interessen und Tendenzen der einzelnen Großmächte
+zu charakterisieren und sie zugleich als Glieder einer einheitlichen
+Staatenfamilie zu behandeln. Es gab eine ganze Literatur dieser Art im 17.
+und 18. Jahrhundert, die mit kühler Klugheit und Klarheit die »Interessen
+der Fürsten« ihrer Zeit studierte und berechnete. Ranke lernte diese Kunst
+vor allem aus den Relationen der venezianischen Gesandten. An realistischer
+Menschen- und Weltkenntnis konnte er es bald mit ihnen aufnehmen. Er
+überflog sie weit, weil er den philosophischen Geist hinzutun konnte,
+den das Deutschland seiner Jugendzeit erzeugt hatte. Die erhabenen,
+geheimnisvoll-durchsichtigen Schlußworte des Aufsatzes hätte auch der
+feinste politische Kopf des <i>ancien régime</i> nicht schreiben und
+empfinden können.</p>
+
+<p>Es steckt unglaublich viel in diesem Aufsatze. Ranke schrieb ihn auf der
+Jugendhöhe seiner Kraft, reich an schon gewonnener universalhistorischer
+Anschauung, reicher noch an Ahnungen und Entwürfen für künftige Studien.
+Alle seine spätern großen Werke, voran die preußische, französische und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_08" id="Pg_08">[S. 8]</a></span>
+
+englische Geschichte, in gewissem Sinne auch die Weltgeschichte, sind
+schon, wie man mit Recht bemerkt hat, in dieser Skizze keimhaft enthalten.
+Man muß sie wieder und wieder lesen und erwägen und findet doch immer
+wieder verborgene Einsichten und Winke, die Ausgangspunkt für ganze Reihen
+von Studien und Auffassungen geworden sind oder noch werden können. Auch im
+heutigen Weltmomente, der die Nationen ganz auseinanderzureißen droht, kann
+uns sein großartiger Optimismus trösten, der das »System des Rechtes« in
+der europäischen Ordnung der Dinge immer wieder emportauchen, nach immer
+neuer Vollendung streben sah. Dieser Optimismus entsprang der tiefen
+Kenntnis der gewaltigen Quadern und Fundamente, die das europäische
+Gesamtleben trotz aller untereinander geführten Kämpfe um die Macht im
+Grunde tragen.</p>
+
+<p>Alle Kenntnis der Dinge aber steigert sich bei Ranke zu Anschauung und
+Mitgefühl, die das Besondre in seinen geheimsten Falten und das Allgemeine
+in seinen höchsten Beziehungen umfaßt. Weil beides bei ihm in jedem
+Augenblicke ineinanderlebt, ist auch das Besondre immer etwas von
+allgemeiner Bedeutung und das Allgemeine niemals eine bloße Abstraktion,
+sondern nur die höchste der verschiedenen ineinander verkapselten
+Individualitäten. Und über der höchsten Allgemeinheit der Geschichte,
+die sich schauen läßt, liegt immer noch ein geistiger Äther
+philosophisch-religiöser Ahnungen, der alles umhüllt. Keinem Historiker der
+Welt ist es je gelungen, zugleich so realistisch und so transzendent
+die Dinge zu behandeln. Man wird einwenden, daß sich die realistischen
+Bestandteile seiner Geschichtsauffassung als dauerhafter erweisen
+werden, wie die transzendent-spekulativen. Ohne Zweifel ist auch das
+geschichtsphilosophische Element in unserm heutigen historischen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_09" id="Pg_09">[S. 9]</a></span>
+
+Denken schon etwas anders zusammengesetzt wie bei Ranke. Aber Rankes
+Geschichtsphilosophie hat nirgends seinen Realismus beeinträchtigt und war
+doch, so wie sie war, elastisch, behutsam und gläubig zugleich, notwendig,
+um einen Realismus von dieser Schärfe und Tiefe hervorzubringen.</p>
+
+<p>Doch wir wollen hier nur erste Andeutungen zum Verständnis Rankes und
+seiner »Großen Mächte« geben. Im freundlichen Gewande der Inselbücherei,
+die schon so manche Perlen unsrer Literatur umschließt, werden die
+»Großen Mächte« hoffentlich Gemeingut aller derer werden, die es mit
+historisch-politischem Denken ernst nehmen und es nicht nur stofflich
+bereichern, sondern schulen und verfeinern wollen. Möchten sie auch den
+historisch-politischen Geschmack überhaupt heben, der heute bei uns nicht
+auf der Höhe der weltgeschichtlichen Entscheidungen unsrer Tage steht.</p>
+
+<p>Einige Literaturangaben zur Kommentierung der »Großen Mächte« werden
+vielleicht erwünscht sein. Varrentrapp hat in der Historischen Zeitschrift
+Bd. 99 (1907) gelehrt und stoffreich über Rankes Historisch-politische
+Zeitschrift und ihr feudalkonservatives Gegenstück, das Berliner Politische
+Wochenblatt, gehandelt. Max Lenz in seinem Büchlein »Die großen Mächte.
+Ein Rückblick auf unser Jahrhundert« (1900) geht von einer eingehenden
+Würdigung des Rankeschen Aufsatzes aus, um dann kühn und geistvoll den
+Versuch Rankes, europäische Geschichte aus der Vogelperspektive zu sehen,
+für das 19. Jahrhundert fortzusetzen. Die Bedeutung der »Großen Mächte«
+und der verwandten Aufsätze Rankes für die Geschichte des
+Nationalstaatsgedankens habe ich in meinem Buche »Weltbürgertum
+und Nationalstaat« (3. Aufl. 1915) zu zeigen versucht. Wer Rankes
+Persönlichkeit und geistige Entwicklung kennen lernen will,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_10" id="Pg_10">[S. 10]</a></span>
+
+muß zuerst aus seinen Briefen und autobiographischen Aufzeichnungen
+schöpfen, die Alfred Dove in Band 53/54 der Werke Rankes herausgegeben
+hat. Doves eigene Aufsätze über Ranke in seinen »Ausgewählten Schriftchen
+vornehmlich historischen Inhalts« (1898) sind wohl das Schönste, was über
+Ranke bisher gesagt worden ist.</p>
+
+<p>Ein Wort von Novalis &ndash; auch einem der Denker, die der Rankeschen
+Geschichtsauffassung vorgearbeitet haben &ndash; mag diese Einführung
+beschließen: »Was bildet den Menschen, als seine Lebensgeschichte? Und so
+bildet den <em class="gesperrt">großartigen</em> Menschen nichts, als die
+<em class="gesperrt">Weltgeschichte</em>.«</p>
+
+<p>Berlin, im August 1916.</p>
+
+<p style="text-align: right;"><span class="gesperrt"><b>Friedrich Meinecke.</b></span></p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_11" id="Pg_11">[S. 11]</a></span></p>
+
+<h2>Die großen Mächte</h2>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_13" id="Pg_13">[S. 13]</a></span>
+
+Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den
+Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So
+sehr uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen,
+so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt sich,
+verschwindet; nur die großen Eindrücke, die wir auf einer oder der anderen
+Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkürlich
+oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben übrig und
+vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente
+des genossenen Daseins treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren
+lebendigen Inhalt aus.</p>
+
+<p>Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die
+Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die
+wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen die
+Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und
+lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode,
+die nur durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist &ndash;
+der letzten anderthalb Jahrhunderte &ndash;, einmal im Zusammenhange zu
+vergegenwärtigen.</p>
+
+<p>Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen
+Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich
+einen unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in
+sich. Allein niemals läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien
+Standpunkte aus das Ganze zu überschauen; auch strebt jedermann auf
+eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen
+Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.</p>
+
+<p>Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_14" id="Pg_14">[S. 14]</a></span>
+
+Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will
+mich jedoch einmal daran wagen.</p>
+
+<p>Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser
+Zeitschrift<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a>
+besser einleiten, als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang der
+modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschüttern
+vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment, in dem wir uns
+befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es gewöhnlich geschehen mag,
+zur Anschauung zu bringen?</p>
+
+<p>Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit
+zurückgreifen, es wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben;
+auch halte ich mich absichtlich an die großen Begebenheiten, an den
+Fortgang der auswärtigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der
+Aufschluß für die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten Wirkung
+und Rückwirkung stehen, wird darin großenteils enthalten sein.</p>
+
+
+
+
+<h2>Die Zeit Ludwigs XIV.</h2>
+
+
+<p>Gehen wir davon aus, daß man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit
+von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und
+Frankreich sah. Von dem einen überwältigt, fand man eine Zuflucht bei dem
+andern. Daß Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwächt
+und zerrüttet war, erschien als ein allgemeines Unglück; wenn man dann
+Heinrich IV. so lebhaft begrüßte, so geschah dies nicht allein, weil er der
+Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptsächlich weil er eben
+dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europäischen Ordnung der
+Dinge wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_15" id="Pg_15">[S. 15]</a></span>
+
+Es ereignete sich aber, daß Frankreich, indem es dem Nebenbuhler
+allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die
+gefährlichsten Schläge beibrachte und die Verbündeten desselben in
+Deutschland besiegte, hierdurch selber ein Übergewicht an sich riß, größer
+als jener es in dem Höhepunkte seiner Macht besessen hatte.</p>
+
+<p>Man vergegenwärtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680
+war.</p>
+
+<p>Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in
+Gärung zu erhalten, &ndash; unter einem Könige, der es vollkommen
+verstand, der Fürst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer
+Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und in der
+Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst verbündet
+hatte, &ndash; einmütiger, mächtiger als jemals vorher.</p>
+
+<p>Um das Machtverhältnis einigermaßen zu überblicken, braucht man sich nur
+zu erinnern, daß zu der nämlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden ersten
+stehenden Regimenter, Infanterie und Kürassiere, errichtete, Ludwig XIV.
+im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und 14000 Mann Garde
+hielt; daß, während die englische Kriegsmarine in den letzten Jahren
+Karls II. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83 Schiffe gezählt),
+die französische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe vom ersten und zweiten
+Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele Brander gebracht ward.
+Die Truppen Ludwigs XIV. waren die geübtesten, krieggewohntesten, die
+man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein anderer Fürst besaß zum
+Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte Grenzen.</p>
+
+<p>Nicht allein aber durch die militärische Macht, sondern noch mehr
+durch Politik und Bündnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu
+überwältigen. Die Verhältnisse,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_16" id="Pg_16">[S. 16]</a></span>
+
+in welche sie dadurch gelangt waren, bildeten sie zu einer Art von
+Oberherrschaft aus.</p>
+
+<p>Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm
+Schweden einen gefährlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne
+rechten Anlaß, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf dessen
+Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen Krone ward in einem
+offiziellen Blatte als ein Triumph Ludwigs XIV. angekündigt; König und
+Königin waren lange im französischen Interesse. Von Polen aus unterstützte
+man, wenn es über Wien nicht mehr möglich war, die ungarischen
+Mißvergnügten; die Franzosen vermittelten die Verbindung derselben mit den
+Türken; denn auf den Diwan übten sie ihren alten, durch die gewöhnlichen
+Mittel erhaltenen Einfluß ohne Störung. Es war alles <em class="gesperrt">ein</em>
+System. Eine vorzügliche Rücksicht der französischen Politik bestand darin,
+den Frieden zwischen Polen und Türken zu erhalten; dazu wurde selbst der
+Tatarkhan angegangen. Eine andere war, Schweden von den Russen nicht mit Krieg
+überziehen zu lassen. Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter
+Miene, Schweden anzugreifen, das mit Frankreich verbündet ist, so drohten
+die Türken, mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg
+und Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab.</p>
+
+<p>Man weiß, wie unmittelbar, hauptsächlich durch Schweden, das nämliche
+System Deutschland berührte. Aber auch ohne dies war unser Vaterland
+entzweit und geschwächt. Bayern und Pfalz waren durch Heiratsverbindungen
+an den französischen Hof geknüpft, und fast alle übrigen Fürsten nahmen zu
+einer oder der anderen Zeit Subsidien; der Kurfürst von Köln überlieferte
+vermöge eines förmlichen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_17" id="Pg_17">[S. 17]</a></span>
+
+Traktates, den er durch verschiedene Scheinverträge verheimlichte, seine
+Festung Neuß an eine französische Besatzung.</p>
+
+<p>Auch in dem mittleren und dem südlichen Europa war es nicht viel anders.
+Die Schweizer dienten zuweilen, über 20000 Mann stark, in den französischen
+Heeren, und von der Unabhängigkeit ihrer Tagsatzungen war bei so starkem
+öffentlichen, noch stärkerem geheimen Einfluß nicht mehr viel zu rühmen.
+Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu Pinarolo genommen; noch
+wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und Genua unmittelbar bedroht
+werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wäre, wenn auch dieser Platz in
+französische Hände komme; jedoch wagte kein Mensch, sich der Unterhandlung,
+die Ludwig XIV. mit dem Herzoge von Mantua darüber pflog, obwohl sie
+lange genug dauerte, ernstlich zu widersetzen, und endlich rückte eine
+französische Besatzung daselbst ein. Wie der Herzog von Mantua waren
+auch die übrigen italienischen Fürsten großenteils in der Pflicht von
+Frankreich. Die Herzogin von Savoyen und, jenseit der Pyrenäen, die Königin
+von Portugal waren Französinnen. Der Kardinal d'Etrées hatte über die
+eine wie die andere eine so unzweifelhafte Gewalt, daß man gesagt hat, er
+beherrsche sie despotisch, durch sie die Länder.</p>
+
+<p>Sollte man aber glauben, daß Frankreich indes selbst auf seine Gegner
+vom Hause Österreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende
+Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einfluß erwarb? Es verstand, die
+spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge König von Spanien
+vermählte sich mit einer französischen Prinzessin, und gar bald zeigte sich
+dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in den inneren
+Angelegenheiten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_18" id="Pg_18">[S. 18]</a></span>
+
+von Spanien. Der bedeutendste Mann, den dies Land damals hatte, der zweite
+Don Juan d'Austria, ward, soviel ich finde, durch die Franzosen in den
+Mißkredit gebracht, in welchem er starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten
+im Kriege, wußten sie, wiewohl bloß insgeheim, Fuß zu fassen. Nur unter
+einer solchen Voraussetzung wenigstens glaubte man die Schwankungen des
+dortigen Kabinetts begreifen zu können. Die Anordnungen des Hofkriegsrates
+waren, wie Montecuculi klagte, früher zu Versailles bekannt als in dem
+eigenen Hauptquartier.</p>
+
+<p>Bei diesem Zustande der Dinge hätte wohl vor allen europäischen Staaten
+England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu
+besaß, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man weiß, durch welche
+sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggründe der Politik und der
+Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige Karl II.
+an Ludwig XIV. gebunden war. Für den König von Frankreich waren diese Bande
+jedoch noch nicht fest genug. In dem nämlichen Augenblicke ließ er sich
+angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des Parlaments an sich zu
+ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt sie waren, so brauchte er
+doch nur die nämlichen Mittel anzuwenden. Die Gründe, sagt der französische
+Gesandte Barrillon von einem derselben, die Gründe, die ich ihm anführte,
+überzeugten ihn nicht; aber das Geld, das ich ihm gab, das machte ihn
+sicher. Hierdurch erst bekam Ludwig XIV. England in seine Gewalt. Hätte
+der König sich von ihm entfernt, so würde derselbe Widerstand im Parlament
+gefunden haben; sobald das Parlament dem nationalen Widerwillen gegen die
+Franzosen Raum gab, stellte sich der König entgegen. Ludwigs Politik war,
+und Barrillon sagt ausdrücklich, es liege demselben am Herzen,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_19" id="Pg_19">[S. 19]</a></span>
+
+eine Vereinigung der Engländer, eine Aussöhnung zwischen König und
+Parlament zu verhindern. Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht
+ward hierdurch völlig neutralisiert.</p>
+
+<p>Und so war allerdings Europa den Franzosen gegenüber entzweit und
+kraftlos, ohne Herz, wie ein Venezianer sagt, und ohne Galle. Welch ein
+Zustand der allgemeinen Politik, daß man es duldete, als Ludwig auf
+den Antrag eines seiner Parlamentsräte zu Metz jene Reunionskammern
+einrichtete, vor die er mächtige Fürsten zitierte, um über ihre Rechte an
+Land und Leute, durch Staatsverträge gewährleistet, wie über Privatrechte
+von seinen Gerichten entscheiden zu lassen! Welch ein Zustand des Deutschen
+Reiches, daß es sich Straßburg so gewaltsam, so wider die Natur der Dinge
+entreißen ließ! Man erlaube mir, anzuführen, wie ein Fremder lange nachher
+die Eroberung des Elsaß bezeichnet. »Wenn man die Geschichte davon liest,«
+sagt Young in einer Reisebeschreibung, »so macht sie einen so tiefen
+Eindruck nicht; daß ich aber, aus Frankreich kommend, über hohe Gebirge
+mußte und dann in eine Ebene hinabstieg, in der ein von den Franzosen in
+Sitte, Sprache und Abstammung ganz unterschiedenes Volk wohnt (die Ebene,
+welche damals erobert wurde), das machte mir Eindruck.« Und eine solche
+Beleidigung nahm Deutschland hin und schloß darüber einen Stillstand.</p>
+
+<p>Was gab es da noch, das sich Ludwig XIV. nicht hätte erlauben sollen?
+Ich will nicht dabei verweilen, wie er Genua mißhandelte, wie er seinen
+Ambassadeur dem Papst zum Trotz mit einer bewaffneten Macht in Rom
+einrücken ließ; erinnern wir uns nur, wie er selbst seiner Freunde
+nicht schonte. Er nahm Zweibrücken in Besitz, obwohl es seinem alten
+Bundesgenossen, dem Könige von Schweden, gehörte;
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_20" id="Pg_20">[S. 20]</a></span>
+
+sein Admiral beschoß Chios, weil sich tripolitanische Seeräuber dahin
+geflüchtet, obgleich die Türken seine Verbündeten waren; einiger Forts,
+die der englischen Gesellschaft der Hudsonbai gehörten, bemächtigte er sich
+mitten im Frieden, während des besten Einverständnisses. Jener Königin von
+Polen versagte Ludwig XIV. eine geringfügige Genugtuung ihres Ehrgeizes.
+Nachdem er sich Freunde gemacht, durch Geld oder Unterstützung, liebt er
+es, sie zu vernachlässigen, sei es, um ihnen zu beweisen, daß er sie im
+Grunde doch nicht brauche, oder in der Überzeugung, die Furcht vor seinem
+Unwillen allein werde sie in Pflicht halten. In jeder Unterhandlung will er
+dies sein Übergewicht fühlen lassen. Von einem seiner auswärtigen Minister
+sagt er selbst: »Ich habe ihn entfernen müssen; denn allem, was durch seine
+Hand ging, gebrach es an der Großartigkeit und Kraft, welche man zeigen
+muß, wenn man die Befehle eines Königs von Frankreich ausführt, der nicht
+unglücklich ist.«</p>
+
+<p>Man darf annehmen, daß diese Gesinnung der vornehmste Antrieb selbst
+seiner Kriegslust war. Schwerlich war gerade eine ausschweifende Ländergier
+in ihm; von einer weit um sich greifenden Eroberung war eigentlich nicht
+die Rede. Wie die Feldzüge selbst nur eben mit zu den Beschäftigungen des
+Hofes gehören, &ndash; man versammelt ein Heer, man läßt es vor den Damen
+paradieren; alles ist vorbereitet; der Schlag gelingt; der König rückt in
+die eroberte Stadt ein, dann eilt er zum Hofe zurück, &ndash; so ist es
+hauptsächlich diese triumphierende Pracht der Rückkehr, diese Bewunderung
+des Hofes, worin er sich gefällt; es liegt ihm nicht soviel an der
+Eroberung, an dem Kriege, als an dem Glanze, den sie um ihn verbreiten.
+Nein! einen freien, großen, unvergänglichen Ruhm sucht er nicht; es liegt
+ihm
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_21" id="Pg_21">[S. 21]</a></span>
+
+nur an den Huldigungen seiner Umgebung; diese ist ihm Welt und
+Nachwelt.</p>
+
+<p>Aber darum war der Zustand von Europa nicht weniger gefährdet. Sollte es
+einen Supremat geben, so müßte es wenigstens ein rechtlich bestimmter sein.
+Dies faktisch Unrechtmäßige, das den ruhigen Zustand jeden Augenblick durch
+Willkür stört, würde die Grundlage der europäischen Ordnung der Dinge und
+ihrer Entwickelung auflösen. Man bemerkt nicht immer, daß diese Ordnung
+sich von anderen, die in der Weltgeschichte erschienen sind, durch
+ihre rechtliche, ja juridische Natur unterscheidet. Es ist wahr, die
+Weltbewegungen zerstören wieder das System des Rechtes; aber nachdem sie
+vorübergegangen, setzt sich dies von neuem zusammen, und alle Bemühungen
+zielen nur dahin, es wieder zu vollenden.</p>
+
+<p>Und das wäre noch nicht einmal die einzige Gefahr gewesen. Eine andere
+nicht minder bedeutende lag darin, daß ein so entschieden vorherrschender
+Einfluß einer Nation es schwerlich zu einer selbständigen Entwickelung der
+übrigen hätte kommen lassen, um so weniger, da er durch das Übergewicht
+der Literatur unterstützt wurde. Die italienische Literatur hatte den Kreis
+ihrer originalen Laufbahn bereits vollendet; die englische hatte sich noch
+nicht zu allgemeiner Bedeutung erhoben; eine deutsche gab es damals nicht.
+Die französische Literatur, leicht, glänzend und lebendig, in streng
+geregelter und doch anmutender Form, faßlich für alle Welt und doch von
+nationaler Eigentümlichkeit, fing an, Europa zu beherrschen. Es sieht
+beinahe wie ein Scherz aus, wenn man bemerkt hat, daß z. B. das Diktionär
+der Akademie, in welchem sich die Sprache fixierte, besonders an Ausdrücken
+der Jagd und des Krieges reich ist, wie sie am Hofe gang und gäbe waren;
+aber leugnen läßt sich nicht, daß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_22" id="Pg_22">[S. 22]</a></span>
+
+diese Literatur dem Staate völlig entsprach und ein Teil den anderen in
+der Erwerbung seines Supremats unterstützte. Paris ward die Kapitale von
+Europa. Es übte eine Herrschaft wie nie eine andere Stadt, der Sprache,
+der Sitte, gerade über die vornehme Welt und die wirksamen Klassen; die
+Gemeinschaftlichkeit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr besonders
+ist es doch, daß die Franzosen schon damals ihre Verfassung aller
+Welt angepriesen haben, »den glücklichen Zustand der schutzreichen
+Untertänigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Könige befinde, einem
+Fürsten, welcher vor allen verdiene, daß die Welt von seiner Tapferkeit und
+seinem Verstande regiert und in rechte Einigkeit gebracht werde.«</p>
+
+<p>Versetzt man sich in jene Zeit, in den Sinn eines Mitlebenden zurück,
+welch eine trübe, beengende, schmerzliche Aussicht! Es konnte doch
+geschehen, daß die falsche Richtung der Stuarts in England die Oberhand
+behielt und die englische Politik sich auf ganze Zeiträume hinaus an
+die französische fesselte. Nach dem Frieden von Nimwegen wurden die
+lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, um die Wahl eines römischen Königs
+auf Ludwig XIV. selbst oder doch den Dauphin fallen zu lassen; bedeutende
+Stimmen waren dafür gewonnen, »denn allein der allerchristlichste König sei
+fähig, dem Reiche seinen alten Glanz wiederzugeben«; und so unmöglich war
+es nicht, daß unter begünstigenden Umständen eine solche Wahl wirklich
+getroffen wurde; wie dann, wenn hernach auch die spanische Monarchie an
+einen Prinzen dieses Hauses fiel? Hätte zugleich die französische Literatur
+beide Richtungen, deren sie fähig war, die protestantische so gut wie die
+katholische, ausgebildet, so würde Staat und Geist der Franzosen sich mit
+unwiderstehlicher Gewalt Europa unterworfen haben. Versetzt man sich, wie
+gesagt, in jene
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_23" id="Pg_23">[S. 23]</a></span>
+
+Zeit zurück, wodurch würde man glauben, daß einer so unglücklichen Wendung
+der Dinge Einhalt geschehen könnte?</p>
+
+<p>Gegen den Anwachs der Macht und des politischen Übergewichtes
+konnten die minder Mächtigen sich vereinigen. Sie schlossen Bündnisse,
+Assoziationen. Dahin bildete sich der Begriff des europäischen
+Gleichgewichtes aus, daß die Vereinigung vieler anderen dienen müsse,
+die Anmaßungen des exorbitanten Hofes, wie man sich ausdrückte,
+zurückzudrängen. Um Holland und Wilhelm III. sammelten sich die Kräfte des
+Widerstandes. Mit gemeinschaftlicher Anstrengung wehrte man die Angriffe
+ab, führte man die Kriege. Allein man würde geirrt haben, wenn man sich
+hätte überreden wollen, es liege darin eine Abhilfe auf immer. Einem
+europäischen Bündnisse und einem glücklichen Kriege zum Trotz wurde ein
+Bourbon König von Spanien und Indien; über einen Teil von Italien sogar
+breitete sich in dem allmählichen Fortgang der Dinge die Herrschaft dieses
+Geschlechtes aus.</p>
+
+<p>In großen Gefahren kann man wohl getrost dem Genius vertrauen, der
+Europa noch immer vor der Herrschaft jeder einseitigen und gewaltsamen
+Richtung beschützt, jedem Druck von der einen Seite noch immer Widerstand
+von der andern entgegengesetzt und bei einer Verbindung der Gesamtheit,
+die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt enger und enger geworden, die allgemeine
+Freiheit und Sonderung glücklich gerettet hat. Da das Übergewicht
+Frankreichs auf der Überlegenheit seiner Streitkräfte, auf innerer Stärke
+beruhte, so war ihm nur dadurch wahrhaft zu begegnen, daß ihm gegenüber
+auch andere Mächte zu innerer Einheit, selbständiger Kraft und allgemeiner
+Bedeutung entweder zurückkehrten oder aufs neue emporkämen. Überblicken wir
+in wenigen flüchtigen Zügen, wie dies geschah.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_24" id="Pg_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+<h2>England, Österreich, Rußland</h2>
+
+
+<p>Zuerst erhob sich England zu dem Gefühle seiner Stärke. Dies war, sahen
+wir, bisher dadurch zurückgehalten, gebrochen worden, daß Ludwig XIV.
+zugleich Karl II. und das Parlament bearbeitete und bald den einen, bald
+das andere für seine Zwecke zu bestimmen wußte. Mit Jakob II. aber stand
+Ludwig in einem viel vertraulicheren Verhältnis als mit Karl. Wenn
+nichts anderes, so vereinigte sie schon ihre religiöse Gesinnung, die
+gemeinschaftliche Devotion. Daß Jakob den Katholizismus so auffallend
+begünstigte, war einem Fürsten erwünscht, der die Protestanten selber
+grausam verfolgte. Ludwig ergoß sich in Lob, und der englische Gesandte
+kann nicht genug sagen, mit welcher Herzlichkeit er sich zu jedem
+erdenklichen Beistand erboten habe, als Jakob den entscheidenden Schritt
+getan und die Bischöfe gefangen gesetzt hatte. Aber eben dies bewirkte,
+daß alle popularen und, da die englische Kirche angegriffen war, selbst
+die aristokratischen Gewalten sich zugleich ihrem Könige und den Franzosen
+entgegenwarfen. Es war eine religiöse, nationale und im Interesse des
+bedrohten Europas unternommene Bewegung, der die Stuarts unterlagen. Eben
+der leitete sie, der bisher die Seele aller Unternehmungen gegen Frankreich
+gewesen war, Wilhelm III. Der neue König und sein Parlament bildeten
+seitdem eine einzige Partei. Es konnte Streitigkeiten, selbst heftige
+Streitigkeiten zwischen ihnen geben, aber auf die Dauer, in der Hauptsache
+konnten sie sich nicht wieder entzweien, zumal da der Gegensatz so stark
+war, den sie gemeinschaftlich erfuhren. Die Parteien, die sich bisher in
+die Extreme geworfen, um einander von den entgegengesetztesten Standpunkten
+aus zu befehden, wurden in den Kreis des Bestehenden verwiesen,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_25" id="Pg_25">[S. 25]</a></span>
+
+wo sie freilich auch miteinander stritten, aber sich zugleich miteinander
+ausglichen, wo ihr Widerstreit zu einem lebendigen Gärungsstoff der
+Verfassung wurde. Es ist nicht ohne Interesse, diesen Zustand mit dem
+französischen zu vergleichen. Sie hatten doch vieles gemein. In Frankreich
+wie in England waren aristokratische Geschlechter im Besitz der Gewalt;
+die einen wie die anderen genossen einer alle anderen ausschließenden
+Berechtigung; sie besaßen dieselbe beide vermöge ihrer Religion, die einen
+durch ihren Katholizismus, die anderen durch ihren Protestantismus. Dabei
+aber bestand der größte Unterschied. In Frankreich war alles Uniformität,
+Unterordnung und Abhängigkeit eines reich entwickelten, aber sittlich
+verderbten Hofwesens. In England ein gewaltiges Ringen, ein politischer
+Wettkampf zweier fast mit gleichen Kräften ausgerüsteter Parteien innerhalb
+eines bestimmten, umschriebenen Kreises. In Frankreich schlug die nicht
+ohne Gewalt gepflanzte Devotion nur zu bald in ihr offenbares Gegenteil
+um. In England bildete sich eine vielleicht beschränkte, im ganzen männlich
+selbstbewußte Religiosität aus, die ihre Gegensätze überwand. Jenes
+verblutete an den Unternehmungen eines falschen Ehrgeizes; diesem
+strotzten die Adern von jugendlicher Kraft. Es war, als träte der Strom der
+englischen Nationalkraft nun erst aus den Gebirgen, zwischen denen er sich
+bisher zwar tief und voll, aber enge, sein Bette gewühlt, in die Ebene
+hervor, um sie in stolzer Majestät zu beherrschen, Schiffe zu tragen und
+Weltstädte an seinen Ufern gründen zu sehen. Das Recht der Geldbewilligung,
+über welches bisher die meisten Streitigkeiten zwischen dem König und dem
+Parlament ausgebrochen, fing nun vielmehr an, sie miteinander zu verbinden.
+Karl II. hatte während des Vierteljahrhunderts seiner Regierung alles in
+allem
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_26" id="Pg_26">[S. 26]</a></span>
+
+dreiundvierzig Millionen Pfund eingenommen. Wilhelm empfing binnen dreizehn
+Jahren zweiundsiebenzig Millionen Pfund; wie ungeheuer aber stiegen seitdem
+diese Anstrengungen! Eben darum stiegen sie, weil sie freiwillig waren,
+weil man sah, daß ihr Ertrag nicht dem Luxus weniger Hofleute, sondern dem
+allgemeinen Bedürfnis diente. Da war das Übergewicht der englischen Marine
+nicht lange zweifelhaft. Im Jahre 1678 war es als ein blühender Zustand
+der königlichen Flotte erschienen, daß sie, die Brander eingeschlossen, 83
+Kriegsschiffe zählte, mit einer Bemannung von 18323 Mann. Im Dezember
+1701 besaß man dagegen, Brander und kleinere Fahrzeuge ausgeschlossen, 184
+Schiffe vom ersten bis sechsten Range mit einer Bemannung von 53921 Mann.
+Wenn, wie man glaubt, der Ertrag des Postwesens einen Maßstab für den
+inneren Verkehr abgibt, so muß man sagen, daß auch dieser ungemein
+gestiegen war. Im Jahre 1660 soll die Post 12000 Pfund, im Jahre 1699
+dagegen 90504 Pfund Sterling abgeworfen haben. Man hat gleich damals
+bemerkt, daß das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen
+Erbfolgekriege die Besorgnis war, Frankreich und Spanien vereinigt möchten
+den westindischen Verkehr den Engländern und Holländern wieder entreißen.
+Hätte auch sonst der Friede, den man zuletzt schloß, den Tadel verdient,
+den die Whigs so lebhaft über denselben aussprachen, so hat er doch diese
+Furcht beseitigt. Nichts bezeichnet mehr das Übergewicht der Engländer über
+die bourbonischen Mächte, als daß sie Gibraltar behaupteten. Den besten
+Verkehr mit den spanischen Kolonien brachten sie nunmehr sogar durch
+Vertrag an sich, indes die eigenen sich in ungeheuerem Fortschritt
+ausbreiteten. Wie Batavia vor Kalkutta, so verschwand seitdem der alte
+maritime Glanz von Holland vor
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_27" id="Pg_27">[S. 27]</a></span>
+
+dem englischen, und schon Friedrich der Große fand zu bemerken, Holland
+folge dem Nachbar wie ein Boot seinem Schiff. Die Vereinigung mit Hannover
+brachte ein neues, kontinentales, nicht minder antifranzösisches Interesse
+hinzu. In dieser großen Bewegung erhob sich die englische Literatur zuerst
+zu europäischer Wirksamkeit, und sie fing an, mit der französischen zu
+wetteifern. Naturforschung und Philosophie, diese sowohl in der einen
+als in der anderen ihrer Richtungen, brachten eine neue und originale
+Weltansicht hervor, in der jener die Welt übermeisternde Geist sich selber
+faßte und widerspiegelte. Zwar würde man zu viel behaupten, wenn man den
+Engländern die Schöpfung vollendeter, in der Form unvergänglicher Denkmale
+der Poesie oder der Kunst in dieser Zeit zuschreiben wollte; aber herrliche
+Genies hatten sie auch damals, und längst besaßen sie wenigstens einen
+großen Dichter, dessen Werke &ndash; für alle Zeiten faßlich und wirksam,
+wie sie sind &ndash; Europa nun erst kennen lernte. Hatten sie eine
+Zeitlang französische Formen nicht verschmäht, so nahm man nun an
+den ausgezeichnetsten Franzosen die Wirkung ihres Geistes und ihrer
+Wissenschaft wahr.</p>
+
+<p>Dergestalt setzte sich Ludwig XIV. jenem Nebenbuhler, dessen er durch
+Politik oder den Einfluß der Religion Herr zu werden gehofft hatte,
+mächtiger in sich, großartiger und gefährlicher, als man irgend hatte
+erwarten können, entgegen. Alle maritimen Beziehungen, alle Verhältnisse
+des europäischen Westens wurden dadurch von Grund aus verändert.</p>
+
+<p>Indessen war zur nämlichen Zeit auch der Osten umgestaltet.</p>
+
+<p>Ich kann die Meinung nicht teilen, daß das deutsche Österreich in der
+Bedeutung, in der wir es erblicken, eine alte
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_28" id="Pg_28">[S. 28]</a></span>
+
+Macht zu nennen sei. Während des Mittelalters hätte es ohne das Kaisertum
+nur wenig zu sagen gehabt. Dann ward es von der spanischen Monarchie
+zugleich mit fortgezogen und in Schatten gestellt; am Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts war es durch den Zwiespalt der Religion und die erblichen
+Berechtigungen der Stände in seinen verschiedenen Landschaften alles
+auswärtigen Ansehens entkleidet worden; im Anfang des Dreißigjährigen
+Krieges mußten deutsche Heere dem Kaiser sein Erbland wiedererobern. Selbst
+der Glanz, den die wallensteinischen Unternehmungen auf Ferdinand II.
+warfen, war doch nur vorübergehend; und welche gewaltsame Rückwirkung
+riefen sie nicht hervor! Wie oft wurden seitdem die Hauptstädte
+österreichischer Provinzen von den schwedischen Heeren bedroht! Jedoch
+gelang es eben damals dem Hause Österreich, durch die Vernichtung seiner
+Gegner, die Erhebung seiner Anhänger, die endliche Befestigung des
+Katholizismus seine Macht im Innern auf immer zu begründen. Es war der
+erste Schritt zu dem Ansehen, das es in neuerer Zeit erworben hat. Zu einer
+selbständigen und europäisch bedeutenden Macht wurde aber Österreich erst
+durch die Wiedereroberung von Ungarn. Solange Ofen in den Händen der
+Türken war, konnten die Franzosen Österreich bedrohen, ja außerordentlich
+gefährden, sooft es ihnen gefiel, ihren Einfluß auf den Diwan dahin zu
+verwenden. Haben sie den Zug Kara Mustaphas im Jahre 1683 auch nicht
+veranlaßt, so haben sie doch darum gewußt. Ihre Absicht war dabei nicht,
+Deutschland oder die Christenheit zu verderben; so weit gingen sie nicht;
+aber Wien wollten sie nehmen, die Türken wollten sie selbst bis an den
+Rhein vordringen lassen. Dann wäre Ludwig XIV. als der einzige Schirm der
+Christenheit hervorgetreten; in der Verwirrung, die eine
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_29" id="Pg_29">[S. 29]</a></span>
+
+solche Bewegung hätte hervorbringen müssen, würde es ihm nicht haben fehlen
+können, über die deutsche Krone zu verfügen und sie, wenn er nur wollte,
+selbst an sich zu nehmen.</p>
+
+<p>Unter den Mauern von Wien schlug dieser Plan fehl. Es war die letzte
+große Anstrengung der Türken, die um so verderblicher auf sie zurückwirkte,
+da sie alle ihre Kräfte dazu in barbarischem Übermaße aufgewendet hatten.
+Seitdem wichen denn vor den deutschen Kriegsscharen, welche, wie ein
+Italiener sagt, »wie eine starke, undurchdringliche Mauer« vorrückten, die
+ungeordneten türkischen Haufen allenthalben zurück; vergebens erklärte ein
+Fetwa des Mufti, daß Ofen der Schlüssel des Reiches und die Verteidigung
+dieses Platzes eine Glaubenspflicht sei; es ging doch verloren; ganz Ungarn
+ward wiedererobert und zu einem erblichen Reiche gemacht. Die Mißvergnügten
+unterwarfen sich; in die Grenzen von Niederungarn rückte eine Raizische
+Bevölkerung ein, um dieses fortan wider die Türken zu verteidigen. Seitdem
+hatte Österreich eine ganz andere Grundlage als früher. Sonst wurden alle
+Kriege in Ungarn von deutschen Heeren geführt, und man sagte, alle dortigen
+Flüsse seien mit deutschem Blute gefärbt; jetzt erschienen die Ungarn als
+der Kern der österreichischen Heere in den deutschen Kriegen. Nun war
+es der französischen Diplomatie nicht mehr möglich, die Türken bei jedem
+leichten Anlaß in das Herz der Monarchie zu rufen; nur noch einmal fand sie
+bei den Mißvergnügten Beistand und Hilfe; endlich war alles ruhig; eben
+auf diejenige Provinz, die ihn bisher am meisten gefährdet hatte, gründete
+seitdem der Kaiser seine Gewalt.</p>
+
+<p>Man sieht von selbst, welch eine Veränderung die Befestigung dieser
+stabilen, reichen, wohlbewaffneten Macht, welche die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_30" id="Pg_30">[S. 30]</a></span>
+
+Türken in Zaum, ja in Furcht hielt, in den Verhältnissen des europäischen
+Ostens hervorbringen mußte.</p>
+
+<p>Ludwig XIV. erlebte wenigstens den Anfang noch einer anderen.</p>
+
+<p>Die Zustände von Polen, durch die es ihm leicht wurde, in diesem Lande
+immer eine Partei zu haben, die Macht von Schweden, das durch Herkommen und
+alten Bund wenigstens in der Regel an ihn geknüpft war, gaben ihm ohne viel
+Anstrengung ein entschiedenes Übergewicht in dem Norden. Karl XII. machte
+darin keine Änderung. Es war einer seiner ersten Entschlüsse, wie er
+zu seinem Kanzler sagte, »schlechterdings die Allianz mit Frankreich
+abzuschließen und zu dessen Freunden zu gehören.« Es ist wahr, der
+Spanische Erbfolgekrieg und der Nordische, die hierauf fast zu gleicher
+Zeit begannen, hatten keinen vorausbedachten, durch Unterhandlungen
+vermittelten Zusammenhang, obwohl man ihn oft vermutete; aber die
+schwedischen Unternehmungen kamen den Franzosen durch ihren Erfolg
+zustatten; in der Tat hatten die Begebenheiten eine gleichartige Tendenz.
+Während die spanische Sukzession dienen sollte, den Bourbonen den Süden von
+Europa in die Hände zu liefern, waren die alten Verbündeten der Bourbonen,
+die Schweden, nahe daran, die Herrschaft in dem Norden völlig an sich zu
+bringen. Nachdem Karl XII. die Dänen überfallen und zum Frieden gezwungen,
+nachdem er Polen erobert und einen König daselbst gesetzt, nachdem er die
+Hälfte von Deutschland, das in seinem Osten nicht viel besser befestigt
+war, als in seinem Westen, durchzogen und Sachsen eine Zeitlang innegehabt,
+blieb ihm zur Befestigung seiner Suprematie nichts mehr übrig, als den
+Zaren, den er schon einmal geschlagen, völlig zu vernichten. Dazu brach er
+mit seinem in Sachsen verjüngten Heere auf. Der Zar
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_31" id="Pg_31">[S. 31]</a></span>
+
+hatte sich indes mit großer Anstrengung gerüstet. Es kam zu dem
+entscheidenden Kampfe des Jahres 1709. Sie begegneten einander noch einmal,
+diese beiden nordischen Heroen, Karl XII. und Peter I., originale Geburten
+germanischer und slawischer Nationalität. Ein denkwürdiger Gegensatz. Der
+Germane großgesinnt und einfach, ohne Flecken in seinem Lebenswandel, ganz
+ein Held, wahr in seinen Worten, kühn in seinem Vornehmen, gottesfürchtig,
+hartnäckig bis zum Eigensinn, unerschütterlich. Der Slawe, zugleich
+gutmütig und grausam, höchst beweglich, noch halb ein Barbar, aber mit der
+ganzen Leidenschaftlichkeit einer frischen lernbegierigen Natur den Studien
+und Fortschritten der europäischen Nationen zugewandt, voll von großen
+Entwürfen und unermüdlich, sie durchzusetzen. Es ist ein erhabener Anblick,
+den Kampf dieser Naturen wahrzunehmen. Man könnte zweifeln, welches die
+vorzüglichere war; so viel ist gewiß, daß sich die größere Zukunft an die
+Erfolge des Zaren knüpfte. Während Karl für die wahren Interessen seiner
+Nation wenig Sinn zeigte, hatte Peter die Ausbildung der seinigen, die er
+selbst vorbereitet und begonnen, an seine Person geknüpft und ließ dieselbe
+sein vornehmstes Augenmerk sein. Er trug den Sieg davon. In dem Berichte,
+den er über die Schlacht von Pultawa an seine Leute ergehen ließ, fügte
+er in einer Nachschrift hinzu, »damit sei der Grundstein zu St. Petersburg
+gelegt.« Es war der Grundstein zu dem ganzen Gebäude seines Staates und
+seiner Politik. Seitdem fing Rußland an, in dem Norden Gesetze zu geben.
+Es wäre ein Irrtum, wenn man glauben wollte, es hätte dazu einer langen
+Entwickelung bedurft; es geschah vielmehr auf der Stelle. Wie hätte auch
+August II. von Polen, der seine Herstellung einzig und allein den Waffen
+der Russen verdankte, sich ihrem Einfluß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_32" id="Pg_32">[S. 32]</a></span>
+
+entziehen können? Aber überdies mußte er in den inneren Entzweiungen, im
+Kampfe mit seinem Adel, ihre Hilfe aufs neue in Anspruch nehmen. Hierdurch
+ward Peter I. unmittelbarer Schiedsrichter in Polen, mächtig über beide
+Parteien; um so gewaltiger, da die Polen ihre Armee um drei Vierteile
+verminderten, während die seinige immer zahlreicher, geübter und
+furchtbarer wurde. Der Zar, sagt ein Venezianer im Jahre 1717, welcher
+sonst Gesetze von den Polen empfangen hat, gibt deren jetzt ihnen nach
+seinem Gutdünken mit unbeschränkter Autorität. Notwendigerweise hörte
+seitdem der Einfluß der Franzosen in Polen mehr und mehr auf; sie
+vermochten ihre Thronkandidaten nicht mehr zu befördern, selbst wenn sie
+den Adel für sich hatten. Indessen war Schweden durch eben diese Ereignisse
+entkräftet und herabgebracht worden. Noch in seinen letzten Tagen
+hatte Ludwig XIV. dieser Krone alle ihre Besitzungen garantiert;
+nichtsdestominder war sie zuletzt eines bedeutenden Teiles derselben
+verlustig gegangen. Wohl behaupteten die Franzosen ihren Einfluß in
+Stockholm. Man klagte dort 1756, Schweden werde von Paris aus regiert, wie
+eine französische Provinz. Aber wie gesagt, Schweden war ganz unbedeutend
+geworden. Es waren armselige innere Entzweiungen der Mützen und Hüte, auf
+die man Einfluß hatte. Wenn man sie ein paarmal benutzte, um einen Krieg
+gegen Rußland hervorzurufen, so war das eher ein Nachteil; man gab diesem
+Reiche nur Gelegenheit zu neuen Siegen und Vergrößerungen.</p>
+
+<p>Und so war der Norden unter eine ganz andre Herrschaft geraten als die
+mittelbare von Frankreich; eine große Nation trat dort in eine neue, eine
+eigentlich europäische Entwickelung ein. In dem Osten war der französische
+Einfluß zwar nicht verschwunden; aber er hatte daselbst, obwohl Österreich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_33" id="Pg_33">[S. 33]</a></span>
+
+unter Karl VI. schwach genug wurde, doch lange nicht mehr die alte
+Bedeutung. Die See war in den Händen des Nebenbuhlers; die vorteilhafte
+Verbindung, welche Frankreich über Cadiz mit dem spanischen Amerika
+angefangen, duldete oder unterbrach derselbe nach seiner Konvenienz.</p>
+
+<p>In dem südlichen Europa dagegen, durch das natürliche Einverständnis der
+bourbonischen Höfe, das nach kurzer Unterbrechung bis zu gemeinschaftlichen
+Plänen hergestellt worden war, und in Deutschland hatte Frankreich noch
+immer ein großes Übergewicht.</p>
+
+<p>Vor allem in Deutschland.</p>
+
+<p>Es existieren Betrachtungen über den politischen Zustand von Europa vom
+Jahre 1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten, kurz
+vor dem österreichischen Sukzessionskriege geistreich und bündig schildern.
+Wenn der Verfasser zugibt, daß Kaiser Karl VI. seine Macht im Reiche zu
+erweitern, die Verfassung monarchischer zu machen bemüht sei, daß derselbe
+sogar durch seine Verbindung mit den Russen, die schon damals an dem Rhein
+erschienen, einigen Artikeln seiner Kapitulation zuwidergehandelt habe, so
+findet er doch auf dieser Seite die Gefahr so groß nicht; der letzte Krieg,
+meint er, habe die Schwäche des kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze
+und der Gewaltsamkeit, mit denen derselbe seine Pläne durchzusetzen
+suche, liege ein Heilmittel gegen sie. Hüten wir uns dagegen, ruft er aus,
+vielmehr vor denen, die durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde
+Manieren und eine erdichtete Güte uns in die Sklaverei zu bringen suchen.
+Er findet, daß Kardinal Fleury, damals Premierminister von Frankreich,
+obwohl er die Miene außerordentlicher Mäßigung annehme, dessenungeachtet
+und zwar gerade unter diesem Scheine die Pläne eines Richelieu und Mazarin
+verfolge. Durch anscheinende
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_34" id="Pg_34">[S. 34]</a></span>
+
+Großmut schläfere er seine Nachbarn ein; er leihe gleichsam seinen sanften
+und ruhigen Charakter für die Politik seines Hofes her. Mit wie viel
+Klugheit, ohne Aufsehen und Lärm, habe er Lothringen an Frankreich zu
+bringen gewußt; &ndash; um die erwünschte Rheingrenze zu erobern, woran
+nicht gar viel fehle, erwarte er nur die Verwirrungen, die der Tod des
+Kaisers unfehlbar nach sich ziehen müsse.</p>
+
+<p>Im Jahre 1740 starb Karl VI. Kardinal Fleury ließ sich sogar zu noch
+kühneren Schritten fortreißen, als man ihm zugetraut hatte. Er sagte
+geradeheraus, er wolle den Gemahl der Maria Theresia nicht zum Nachfolger
+ihres Vaters, weil derselbe schlecht französisch gesinnt sei; er vor allen
+war es, der Karl VII. von Bayern die deutsche Krone verschaffte; er
+faßte den Plan, in Deutschland vier, ungefähr gleich mächtige Staaten
+nebeneinander zu errichten, das Haus Österreich ziemlich auf Ungarn
+einzuschränken, Böhmen dagegen an Bayern, Mähren und Oberschlesien an
+Sachsen zu bringen, Preußen mit Niederschlesien zu befriedigen; wie
+leicht hätte über vier solche Staaten, die sich ihrer Natur nach niemals
+miteinander verstanden haben würden, Frankreich dann eine immerwährende
+Oberhoheit behauptet!</p>
+
+
+
+
+<h2>Preußen</h2>
+
+
+<p>In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen
+Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch Taten
+ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes Nationalgefühl,
+&ndash; keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die es dem
+Übergewichte der Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat Friedrich II.
+auf, erhob sich Preußen.</p>
+
+<p>Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_35" id="Pg_35">[S. 35]</a></span>
+
+noch den Staat, den er fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht
+so leicht getrauen, die ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und
+die Fülle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns
+nur ihre Weltstellung zu vergegenwärtigen.</p>
+
+<p>Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs
+von der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode
+Karls VI. einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel weiter
+mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und noch
+entfernt von eigentlichen Geschäften jene Betrachtungen, von denen ich eben
+eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man sieht, ganz
+wider die französische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche von dieser
+Seite her über Deutschland schwebte, sah er so deutlich, empfand er so
+lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber hatte er seinen Krieg ganz
+auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der Erfolg seiner Waffen
+den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst erklärte er ihrem
+Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde ihre Truppen nicht länger
+auf deutschem Boden dulden, als das Wort der Verträge besage. In dem
+Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich scheinen sollen, Österreich
+völlig herabzubringen. Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder
+in feindlichen Händen als Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn
+man diese Angriffe mit angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will
+sagen, wozu es hätte kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut
+anrechnen, daß er diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten,
+daß es sein Vorteil nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu
+entledigen. Als er die Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah,
+wollte er sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_36" id="Pg_36">[S. 36]</a></span>
+
+Atem schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und
+ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von
+Österreich abzuhängen; völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen ihnen
+eine unabhängige, auf eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen. In
+diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschluß für seine Politik während
+der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit eifersüchtigerer
+Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mißtraut den Freunden nicht
+minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet und schlagfertig;
+sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr nur von fern kommen
+sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil ist, sowie er den Sieg
+erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden. Wenn es sich versteht, daß
+es ihm nicht beikommen konnte, sich einem fremden Interesse zu widmen, so
+hat er doch auch sein eigenes ohne Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor
+Augen; nie sind seine Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie;
+dabei aber will er bis zum Äußersten festhalten.</p>
+
+<p>Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit,
+die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das
+Mißfallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen.</p>
+
+<p>Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz
+nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und
+geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in das
+nördliche System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß es einen
+übrigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des Gleichgewichts im
+Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen, erweckte ihm den ganzen
+Haß einiger russischen Minister, die ihre Suprematie im Norden bedroht
+glaubten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_37" id="Pg_37">[S. 37]</a></span>
+
+Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden sollen.
+Aber daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich erdreistete,
+eine freie selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den Unwillen auch des
+Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut sah, was es auf sich
+habe, so beschloß er doch, sein ganzes System zu ändern und sich nunmehr
+an Österreich anzuschließen. Die öffentliche Meinung stimmte in einer jener
+plötzlichen Aufwallungen, die ihr besonders in Frankreich so eigen sind,
+dem Traktate freudig bei. So gelang es der Kaiserin, die beiden großen
+Kontinentalmächte mit sich zu vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in
+Sachsen, Pommern, gesellten sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht
+viel anders, als wie er nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen
+worden war, und durch die Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von
+einer Teilung der preußischen Staaten war nicht minder die Rede, als früher
+von einer Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich
+Verbündete &ndash; die nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten
+hatten.</p>
+
+<p>Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem
+Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es nur
+wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?</p>
+
+<p>Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklärung
+über dessen Rüstungen ersucht. »Wenn sie nur einigermaßen genugtuend
+ausfällt,« sagte er einem seiner Minister, »so marschieren wir nicht.«
+Endlich kam der erwartete Kurier. Es fehlte viel, daß die Antwort
+ausreichend gewesen wäre. »Das Los ist geworfen,« sagte er, »morgen
+marschieren wir!«</p>
+
+<p>So stürzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_38" id="Pg_38">[S. 38]</a></span>
+
+er rief sie fast selbst hervor; aber erst mitten darin lernte er sie völlig
+kennen.</p>
+
+<p>Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so
+ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges.</p>
+
+<p>Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu
+Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr über
+Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über das Sein
+oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg unterscheidet
+sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz
+von Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der
+allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglücklichen
+Tages, um diese Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fühlte dies Friedrich
+selbst. Nach der Niederlage von Kollin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!«
+Und wenn sich ihm dies Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist
+doch wahr, daß er sich seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht
+sah.</p>
+
+<p>Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so
+verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen,
+die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten haben. Die
+Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrechterhielt.</p>
+
+<p>Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen
+Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum
+Genuß des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu
+so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius
+selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene
+Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_39" id="Pg_39">[S. 39]</a></span>
+
+dazu, daß ihm diese zum Bewußtsein komme; dafür sorgt dann das Leben, die
+Anstrengung einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif.</p>
+
+<p>Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er
+erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war nicht
+allein militärisch; es war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger;
+der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der letzten Gründe
+der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit alles irdischen
+Wesens.</p>
+
+<p>Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft
+rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber diejenigen
+wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges entstanden sind,
+haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthüllen uns die
+Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf und Gefahr. Er sieht
+sich »mitten im tobenden Meer; der Blitz streift durch das Ungewitter;
+der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein Haupt; von Klippen bin ich
+umgeben; die Herzen der Steuernden sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist
+ausgetrocknet, die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag
+er wohl in den Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht
+haben; häufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. &ndash;
+Jedoch das dritte Buch des Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm
+nur, daß das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war
+ein Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene
+Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht auf dem
+Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne
+Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_40" id="Pg_40">[S. 40]</a></span>
+
+Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf und
+war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem
+Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen Weltgeschickes
+verflochten &ndash; Rom war die Welt &ndash; ohne anderen Rückhalt als die
+Bedeutung ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen; er aber
+hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn irgendein
+besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen, daß es dieser
+Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns
+nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang seines Unglücks und
+die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie er bei dem Haß und dem
+Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt, wie er dann für sein Heer
+und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah und den Entschluß faßte, diesen
+zu ergreifen, sich aufzuopfern, &ndash; bis sich ihm denn doch allmählich
+die Möglichkeit eines erneuten Widerstandes zeigte und er sich dieser fast
+hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete. Unmöglich konnte er sein
+Land, wie er es so lange sehen mußte, zurücklassen, »von den Feinden
+überschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«;
+»dir«, sagte er, »will ich die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich
+will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in
+das Feld der Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu,
+»dem Geschick entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander verschworene,
+vor Stolz und Vermessenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus. Endlich
+erlebte er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am
+Schluß seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen
+Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_41" id="Pg_41">[S. 41]</a></span>
+
+er sein Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben
+wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu
+heilen, die der Krieg ihm geschlagen.</p>
+
+<p>Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte,
+daß sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten
+vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit
+den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten
+Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes
+bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht.</p>
+
+<p>Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten
+wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem
+österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es
+völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen
+sich wieder an Österreich angeschlossen.</p>
+
+<p>Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken;
+Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und
+genaue Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg
+herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle
+die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht
+ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine
+bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt
+hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie dort
+gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen Suprematie
+auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten wurde.« Man
+glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten Einfluß gestattet
+habe. Noch als
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_42" id="Pg_42">[S. 42]</a></span>
+
+Koregent und von allem Anfang ließ Joseph II. erklären, er halte die Rechte
+der kaiserlichen Krone für heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht
+daran rühre, wenn man mit ihm gut stehen wolle. Es war schon damals
+zu erkennen, daß der wahre Schutz der politischen Unabhängigkeit von
+Deutschland in einer freien und fest begründeten Vereinigung dieser beiden
+Mächte gegen das Ausland bestehe.</p>
+
+<p>Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle
+Bedeutung, daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den
+französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich
+will nicht sagen, daß sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger
+Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag
+dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle
+Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war.
+Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte; sodann
+in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine, ideale,
+innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die Tätigkeit
+und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in manchen anderen
+Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der
+nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten Lehrgebäuden, für die
+Überlieferung des Katheders, selten für eigentlich geistiges Verständnis
+geeignet, breiteten sie sich aus; die Universitäten beherrschten nicht ohne
+Beschränktheit und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah
+es, daß die oberen Klassen der Gesellschaft allmählich davon minder berührt
+wurden und sich, wie gedacht, von französischen Richtungen hinreißen
+ließen. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung
+des nationalen Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_43" id="Pg_43">[S. 43]</a></span>
+
+sehr von jenem Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze
+mit demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber
+nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der
+deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben; die Religion ward
+endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne Schwärmerei,
+in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahe gebracht. In kühnen
+Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen Erörterung des
+obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an demselben Orte,
+wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die beiden Richtungen
+der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem, die eine mehr anschauend,
+die andere mehr untersuchend, sich neben- und miteinander ausgebildet,
+sich angezogen und abgestoßen, aber nur zusammen die Fülle eines originalen
+Bewußtseins ausgedrückt haben. Kritik und Altertumskunde durchbrachen die
+Masse der Gelehrsamkeit und drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch.
+Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife
+unterstützt, entwickelte dann der Geist der Nation selbständig und frei
+versuchend eine poetische Literatur, durch die er eine umfassende,
+neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen
+übereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selber gegenüberstellte.
+Diese Literatur hatte dann die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr
+auf einen Teil der Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja
+ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue
+Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht so
+sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen; es ist
+im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist verschmäht
+es, auf befahrenen,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_44" id="Pg_44">[S. 44]</a></span>
+
+bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde das Werk des deutschen
+Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe war, die positive
+Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei Hindernisse haben sich ihm dabei
+entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eigenen Bildung oder auch
+anderen Einwirkungen entsprangen; wir dürfen nun hoffen, daß er sie alle
+überwinden, zu einem vollkommneren Verständnis in sich selbst gelangen und
+alsdann zu unablässig neuer Hervorbringung fähig sein werde.</p>
+
+<p>Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon
+diese Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur von
+einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl gewiß,
+daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet
+war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das Leben und der
+Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich selbständig fühle,
+wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat eine Literatur geblüht,
+ohne durch die großen Momente der Historie vorbereitet gewesen zu sein.
+Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst davon nichts wußte, kaum etwas
+ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der Nation, die deutsche Literatur
+mit ihm; doch kannte er seine Verbündeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es
+machte die Deutschen stolz und kühn, daß ein Held aus ihnen hervorgegangen
+war.</p>
+
+<p>Es war, wie wir sahen, ein Bedürfnis des siebzehnten Jahrhunderts,
+Frankreich einzuschränken. Auf welche alle Erwartung übersteigende Weise
+war dies jetzt geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, daß sich ein
+künstlich verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was man so
+nennt, waren die Formen; das Wesen bestand darin, daß sich große Staaten
+aus eigener Kraft erhoben, daß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_45" id="Pg_45">[S. 45]</a></span>
+
+neue nationale Selbständigkeiten in ursprünglicher Macht den Schauplatz
+der Welt eingenommen hatten. Österreich, katholisch-deutsch,
+militärisch-stabil, in sich selbst voll frischer, unversiegbarer
+Lebenskräfte, reich, eine für sich abgeschlossene Welt. Das
+griechisch-slawische Prinzip trat in Rußland mächtiger hervor, als es
+jemals in der Weltgeschichte geschehen; die europäischen Formen, die es
+annahm, waren weit entfernt, dies ursprüngliche Element zu erdrücken; sie
+durchdrangen es vielmehr, belebten es und riefen seine Kraft erst hervor.
+Wenn sich dann in England die germanisch-maritimen Interessen zu einer
+kolossalen Weltmacht entwickelten, die alle Meere beherrschte, vor der
+alle Erinnerungen früherer Seemächte zurücktraten, so fanden die
+deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre
+Darstellung und ihren Ausdruck in Preußen. »Wenn man das Geheimnis auch
+wüßte,« sagt ein Dichter, »wer hätte den Mut, es auszusprechen?« Ich will
+mich nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu fassen;
+doch sehen wir deutlich, daß sie auf Prinzipien gegründet sind, die aus den
+verschiedenen großen Entwickelungen früherer Jahrhunderte hervorgegangen
+waren, daß sie sich diesen analog in ursprünglichen Verschiedenheiten
+und mit abweichenden Verfassungen ausbildeten, daß sie großen Forderungen
+entsprachen, die gemäß der Natur der Dinge an die lebenden Geschlechter
+geschahen. In ihrem Aufkommen, ihrer Ausbildung, welche, wie sich versteht,
+nicht ohne mannigfaltige Umgestaltung innerer Verhältnisse erfolgen
+konnte, liegt das große Ereignis der hundert Jahre, die dem Ausbruch der
+Französischen Revolution vorhergingen.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_46" id="Pg_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+<h2>Französische Revolution</h2>
+
+
+<p>Hatte jenes Ereignis aber eine so unzweifelhaft für sich selber
+gültige Bedeutung, so ist doch nicht zu leugnen, daß eine Beschränkung von
+Frankreich damit erreicht war und daß dies Land die Erfolge der anderen
+als seine Verluste ansehen durfte. Auch war es ihnen immer lebhaft
+entgegengetreten. Wie oft suchte es früher die Fortschritte von Österreich
+in Ungarn und gegen die Türken aufzuhalten; wie oft mußten dann die besten
+Regimenter von der Donau, wo sie gegen die Türken standen, an den Rhein
+und wider die Franzosen abgerufen werden! Rußland hatte seinen Einfluß
+im Norden der französischen Politik abgewonnen. Als das Kabinett von
+Versailles innewurde, welche Stellung Preußen in der Welt einnahm und
+zu behaupten suchte, vergaß es seine amerikanischen Interessen, um diese
+Macht, ich sage nicht herabzubringen, sondern geradehin zu vernichten. Wie
+oft hatten die Franzosen die Jakobiten zu begünstigen, etwa einen
+Stuart nach England zu werfen, die alten Verhältnisse wiederherzustellen
+unternommen! Dafür bekamen sie denn auch, mochten sie mit Preußen wider
+Österreich oder mit Österreich wider Preußen stehen, allemal die Engländer
+zu Gegnern. Sie führten ihre Kriege auf dem festen Lande mit Verlusten zur
+See. Während des Siebenjährigen verloren sie, wie Chatham sagte, Amerika in
+Deutschland.</p>
+
+<p>Und so stand Frankreich allerdings bei weitem nicht mehr so entschieden
+als der Mittelpunkt der europäischen Welt da, wie hundert Jahre früher. Es
+mußte die Teilung von Polen vor seinen Augen vollziehen lassen, ohne darum
+gefragt zu werden. Es mußte, was es tief empfand, gestatten, daß im Jahre
+1772 eine englische Fregatte an der Reede
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_47" id="Pg_47">[S. 47]</a></span>
+
+von Toulon erschien, um über die stipulierte Entwaffnung der Flotte zu
+wachen. Selbst die kleineren unabhängigen Staaten, wie Portugal, die
+Schweiz, hatten anderen Einwirkungen Raum gegeben.</p>
+
+<p>Zwar ist sogleich zu bemerken, daß das Übel nicht so schlimm war, wie
+man es oft vorgestellt hat; Frankreich behauptete doch seinen alten Einfluß
+auf die Türkei; durch den Familienvertrag hatte es Spanien an seine Politik
+gekettet; die spanischen Flotten, die Reichtümer der spanischen Kolonien
+standen zu seiner Verfügung; auch die übrigen bourbonischen Höfe, zu denen
+sich der Turiner beinahe mit rechnete, schlossen sich an Frankreich an; die
+französische Faktion siegte endlich in Schweden. Allein einer Nation, die
+sich mehr als jede andere in dem Schimmer einer allgemeinen Superiorität
+gefällt, war dies lange nicht genug. Sie fühlte nur den Verlust von
+Ansprüchen, die sie als Rechte betrachtete; sie bemerkte nur, was die
+anderen erobert, nicht was sie behauptet hatte; mit Unwillen sah sie so
+gewaltige, starke, wohlgegründete Mächte sich gegenüber, denen sie nicht
+gewachsen war.</p>
+
+<p>Man hat so viel von den Ursachen der Revolution geredet und sie wohl
+auch da gesucht, wo sie nimmermehr zu finden sind. Eine der wichtigsten
+liegt meines Erachtens in diesem Wechsel der auswärtigen Verhältnisse, der
+die Regierung in tiefen Mißkredit gebracht hatte. Es ist wahr, sie wußte
+weder den Staat recht zu verwalten noch den Krieg gehörig zu führen; sie
+hatte die gefährlichsten Mißbräuche überhandnehmen lassen; und der Verfall
+ihres europäischen Ansehens war daher großenteils mit entsprungen. Aber
+die Franzosen schrieben ihrer Regierung auch alles das zu, was doch nur
+ein Werk der veränderten Weltstellung war. Sie lebten in der Erinnerung der
+Zeiten der Machtfülle Ludwigs XIV.,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_48" id="Pg_48">[S. 48]</a></span>
+
+und alle die Wirkungen, die daher rührten, daß sich andere Staaten mit
+frischen Kräften erhoben hatten, die sich einen Einfluß, wie man ihn
+früherhin ausgeübt, nicht mehr gefallen ließen, gaben sie der Unfähigkeit
+ihrer auswärtigen Politik und dem allerdings unleugbaren Verfall ihrer
+Zustände schuld.</p>
+
+<p>Daher kam es, daß die Bewegungen von Frankreich, wenn sie auf der einen
+Seite einen reformatorischen Charakter hatten, der sich nur zu bald in
+einen revolutionären umsetzte, doch auch von allem Anfang eine Richtung
+gegen das Ausland nahmen.</p>
+
+<p>Gleich der amerikanische Krieg entwickelte diese Doppelseitigkeit. Wenn
+man es nicht wüßte, so könnte man aus den Memoiren von Ségur sehen, aus
+welcher sonderbaren Mischung von Kriegslust und angeblicher Philosophie die
+Teilnahme der Jugend unter dem vornehmeren französischen Adel daran herkam.
+»Die Freiheit«, sagt Ségur, »stellte sich uns dar mit den Reizen des
+Ruhmes. Während die Reiferen die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Grundsätze
+geltend zu machen und die willkürliche Gewalt zu beschränken, traten wir
+Jüngeren nur darum unter die Fahnen der Philosophie, um Krieg zu führen, um
+uns auszuzeichnen, um Ehrenstellen zu erwerben; aus ritterlicher Gesinnung
+wurden wir Philosophen.« Diese Jüngeren wurden das doch allmählich sehr im
+Ernst. Sonderbare Mischung. Indem sie England angriffen und ihren Ehrgeiz
+sein ließen, es zu schwächen, es seiner Kolonien zu berauben, war es doch
+besonders die Unabhängigkeit eines englischen Peers, die würdige Stellung
+eines Mitgliedes des Hauses der Gemeinen, was sie zu erlangen gewünscht
+hätten.</p>
+
+<p>Dieser amerikanische Krieg wurde nun entscheidend; nicht so sehr durch
+eine Veränderung der allgemeinen Machtverhältnisse
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_49" id="Pg_49">[S. 49]</a></span>
+
+&ndash; denn wenn man die englischen Kolonien von dem Mutterlande losriß,
+so zeigte sich doch bald, daß dieses in sich selber so wohlbegründet war,
+um das nicht sehr zu empfinden; wenn sich die französische Marine wieder zu
+einem gewissen Ansehen erhob, so hatte England doch in den entscheidenden
+Schlachten den Sieg davongetragen und die Übermacht über seine vereinigten
+Nebenbuhler behauptet &ndash; als durch die indirekten Wirkungen, die er
+hervorbrachte.</p>
+
+<p>Ich meine nicht allein das Emporkommen der republikanischen Neigungen,
+es gab noch eine unmittelbarere Folge.</p>
+
+<p>Mit großem Ernste hatte sich Turgot dem Kriege widersetzt; nur in dem
+Frieden hoffte er die Finanzen, welche schon damals ein Defizit
+drückte, durch eine sparsame Haushaltung herzustellen und zugleich die
+erforderlichen Reformen durchzusetzen. Allein er hatte dem Strome der
+jugendlichen Begeisterung weichen müssen. Der Krieg war erklärt und mit
+überschwenglichen Kosten geführt worden. Necker hatte mit dem ganzen Talent
+eines Bankiers, das er in so hohem Grade besaß, neue Anleihen zu machen
+gewußt. Je höher sie aber aufliefen, desto mehr mußten sie das Defizit
+steigern. Schon im Jahre 1780 erklärte Vergennes dem König, der Zustand
+der Finanzen sei wahrhaft beunruhigend; er mache den Frieden, einen
+unverweilten Frieden notwendig. Indessen verzögerte sich der Friede noch,
+und erst nach Abschluß desselben ward man die Verwirrung recht inne. Man
+nimmt auch hier einen ausfallenden Gegensatz wahr. Nicht minder erschöpft
+und mit Schulden beladen ging England aus dem amerikanischen Kriege
+hervor. Aber während Pitt in England das Übel an der Wurzel angriff und
+das Vertrauen durch große Maßregeln wiederherstellte, gerieten die
+französischen Finanzen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_50" id="Pg_50">[S. 50]</a></span>
+
+aus schwachen Händen in immer schwächere, unversuchtere und zugleich
+keckere, so daß das Übel von Monat zu Monat stieg und die Regierung wie in
+ihrer Konsistenz bedrohte, so um ihr ganzes Ansehen brachte.</p>
+
+<p>Wie sehr wirkte dies auf die auswärtigen Verhältnisse zurück! Man hatte
+keine Wahl mehr; um jeden Preis mußte man den Krieg vermeiden. Lieber
+kaufte man z. B. die Forderungen, welche Österreich an Holland machte,
+durch eine Summe ab, zu der man trotz der schlechten Umstände, in denen man
+war, selber die Hälfte beitrug; wäre es auf Frankreich allein angekommen,
+so würde der Kaiser nicht gehindert worden sein, seine Absichten auf Bayern
+durchzusetzen. So enge sich die französische Regierung mit den sogenannten
+Patrioten von Holland vereinigt hatte, so mußte sie dieselben ruhig von
+Preußen überziehen, überwinden lassen. Sie kann darüber meines Erachtens
+nicht einmal sehr getadelt werden. Was wollte sie in dem Juli 1787, als die
+preußische Erklärung gegen Holland erschien, unternehmen, um die Ausführung
+derselben zu verhindern, da eben damals die Parlamente sich weigerten,
+die neuen Auflagen zu registrieren, ohne die man den Staat nicht weiter
+verwalten konnte, da bald darauf in jener berühmten Sitzung am 15. August
+die Grandchambre ihre Türen eröffnen ließ und der versammelten Menge
+erklärte, der König könne in Zukunft keine neuen Auflagen erheben, ohne
+zuvor die allgemeinen Stände zusammenberufen zu haben? In einem Augenblick,
+wo der ganze bisherige innere Zustand in Frage gestellt wurde, konnte man
+schwerlich Einfluß auf das Ausland ausüben. Und doch war dies ein sehr
+bedeutender Zeitpunkt. Eben damals entschlossen sich die beiden Kaiserhöfe
+zu ihrem Angriff auf die Türkei. Die Franzosen waren nicht imstande, ihren
+alten Verbündeten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_51" id="Pg_51">[S. 51]</a></span>
+
+Hilfe zu leisten, und wenn diese nicht untergehen wollten, so mußten sie
+Hilfe bei England und Preußen nachsuchen.</p>
+
+<p>Allerdings eine Unbedeutendheit, Nichtigkeit der auswärtigen Politik von
+Frankreich, die weder den natürlichen Ansprüchen dieses Landes angemessen
+war, noch auch den Interessen von Europa überhaupt entsprach. Kam sie,
+wie nicht zu leugnen, von der inneren Verwirrung her, so wurde diese
+hinwiederum dadurch außerordentlich vermehrt. Die Politik des Erzbischofs
+von Brienne erfuhr den heftigsten und allgemeinsten Tadel. Er ward der
+Feigheit und selbst der Treulosigkeit angeklagt, weil er Holland nicht
+unterstützt und diese Gelegenheit, den militärischen Ruf der Franzosen auch
+zu Lande wiederherzustellen, versäumt habe; man fand die französische Ehre
+hierdurch auf eine Weise beschimpft, daß sie nur durch Ströme von Blut
+wieder rein gewaschen werden könne.</p>
+
+<p>Wie übertrieben das nun auch lautet, so kann man doch das Gefühl nicht
+tadeln, das dieser Unzufriedenheit zugrunde lag. Das Nationalbewußtsein
+eines großen Volkes fordert eine angemessene Stellung in Europa. Die
+auswärtigen Verhältnisse bilden ein Reich nicht der Konvenienz, sondern
+der wesentlichen Macht; und das Ansehen eines Staates wird immer dem Grade
+entsprechen, auf welchem die Entwickelung seiner inneren Kräfte steht. Eine
+jede Nation wird es empfinden, wenn sie sich nicht an der ihr gebührenden
+Stelle erblickt; wie viel mehr die französische, die so oft den sonderbaren
+Anspruch erhoben hat, vorzugsweise die große Nation zu sein!</p>
+
+<p>Ich will nicht auf die Mannigfaltigkeit der Ursachen eingehen, durch
+welche es zu der furchtbaren Entwickelung der Französischen Revolution kam.
+Ich will nur in Erinnerung
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_52" id="Pg_52">[S. 52]</a></span>
+
+bringen, daß der Verfall der auswärtigen Verhältnisse vielen Anteil daran
+hatte. Man braucht nur daran zu denken, welche Rolle eine österreichische
+Prinzessin, die unglückliche Königin, auf die der ganze Haß fiel, den
+diese Nation seit so langer Zeit dem Hause Österreich gewidmet hatte, dabei
+spielte, welche unseligen Auftritte das Trugbild eines österreichischen
+Ausschusses veranlaßt hat. Nicht genug, daß die Franzosen sahen, sie hätten
+den alten Einfluß auf die Nachbarn verloren; sie überredeten sich sogar,
+daß das Ausland geheimen und starken Einfluß auf ihren Staat ausübe; in
+allen Maßregeln der inneren Verwaltung glaubten sie denselben wahrzunehmen;
+eben dies entflammte dann die allgemeine Entrüstung, die Gärung und Wut der
+Menge.</p>
+
+<p>Halten wir an diesem Gesichtspunkt der auswärtigen Verhältnisse fest, so
+können wir von der Revolution folgende Ansicht fassen.</p>
+
+<p>Allenthalben hatte man, um zur Ausbildung einer größeren Macht zu
+gelangen, die nationalen Kräfte auf eine ungewohnte Weise zusammengenommen;
+dazu hatte man viele Hindernisse, die in den inneren Verhältnissen lagen,
+wegräumen müssen und nicht selten die alten Berechtigungen angetastet;
+es war dies in den verschiedenen Ländern bald mit mehr, bald mit weniger
+Bedacht und Erfolg geschehen. Ein sehr unterrichtendes, lebensvolles Buch
+müßte es geben, wenn man darzustellen wüßte, wie dies allenthalben versucht
+wurde, mehr oder minder gelang, wohin es führte; endlich unternahm man
+es auch in Frankreich. Es ist so viel auf die absolute Gewalt früherer
+französischer Könige gescholten worden; die Wahrheit ist, daß sich dieselbe
+zwar noch in einigen Willkürlichkeiten äußerte, in der Hauptsache dagegen
+ungemein verfallen war. Als die Regierung jenen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_53" id="Pg_53">[S. 53]</a></span>
+
+Versuch machte, war sie schon zu schwach, um ihn durchzusetzen; sie machte
+ihn auch mit unsicheren Händen; den Widerstand der privilegierten Stände
+vermochte sie nicht zu besiegen; hierüber rief sie den dritten Stand
+&ndash; die Gewalt der demokratischen Ideen, die sich schon der
+öffentlichen Meinung zu bemächtigen angefangen &ndash; zu Hilfe. Ein
+Bundesgenosse aber, der ihr bei weitem zu stark war. Indem sie schwankte,
+sowie sie seine Kräfte erkannte, die Bahn verließ, die sie eingeschlagen,
+zu denen zurücktrat, welche sie angreifen wollte, eben die beleidigte, die
+sie zu Hilfe gerufen hatte, forderte sie alle politischen Leidenschaften
+heraus, setzte sie sich mit den Überzeugungen und der Richtung des
+Jahrhunderts, ja mit ihrer eigenen Tendenz in Kampf und brachte eine
+Bewegung hervor, in welcher der dritte Stand, oder vielmehr das in
+demselben und um ihn her entwickelte Element der Empörung, in gigantischem
+Fortschritt nicht allein die privilegierten Stände, die Aristokratie,
+sondern König und Thron selber umstürzte und den ganzen alten Staat
+vernichtete.</p>
+
+<p>Ein Unternehmen, wie es zwar keineswegs alle, aber doch einige andere
+Regierungen verstärkt und befestigt hatte, riß dergestalt durch die
+Entwickelung, die es nahm, durch die Folgen, die es hatte, die französische
+in ihr Verderben.</p>
+
+<p>Nur wenn man hier und da glaubte, daß in diesem großen Ruin die Macht
+und äußere Bedeutung von Frankreich vollends zugrunde gehen müßten, hatte
+man sich geirrt. So stark waren die Tendenzen zur Herstellung der alten
+Macht, daß sie selbst unter so furchtbaren Umständen nicht allein nicht
+aus den Augen verloren, sondern auf eine Weise, wie sie noch nie dagewesen,
+über die Analogie anderer Staaten weit hinaus durchgesetzt wurden. Waren
+anderwärts die bestehenden mittleren Gewalten in ihrer Unabhängigkeit
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_54" id="Pg_54">[S. 54]</a></span>
+
+beschränkt, zu größerem Anteil an den allgemeinen Anstrengungen genötigt
+worden, so wurden sie hier geradezu vernichtet. Adel und Geistlichkeit
+wurden nicht allein ihrer Vorrechte, sondern im Laufe der Ereignisse selbst
+ihrer Besitztümer beraubt; welch eine Konfiskation im größten Stil, in der
+ungeheuerlichsten Ausdehnung! Wie kehrten sich die Ideen, die Europa
+als heilbringend, menschlich, befreiend begrüßt hatte, vor seinen Augen
+plötzlich in den Greuel der Verwüstung um! Das vulkanische Feuer, von dem
+man eine nährende, belebende Erwärmung des Bodens erwartet hatte, ergoß
+sich in furchtbaren Ausbrüchen über denselben hin. Mitten in dieser
+Zertrümmerung aber ließen die Franzosen das Prinzip der Einheit doch
+niemals fallen. Um wie viel mächtiger als bisher erschien eben in der
+Verwirrung der Revolutionsjahre Frankreich den europäischen Staaten
+gegenüber! Man kann sagen: jene gewaltige Explosion aller Kräfte setzte
+sich nach außen fort. Zwischen dem alten und dem neuen Frankreich war
+dasselbe Verhältnis, wie zwischen der zwar lebhaften und von Natur
+tapferen, aber an das Hofleben gewöhnten, mit einem oft kleinlichen Ehrgeiz
+behafteten, feinen, wollüstigen Aristokratie, die den alten Staat leitete,
+und den wilden, gewaltsamen, von wenig Gedanken berauschten, blutbefleckten
+Jakobinern, die den neuen beherrschten. Da vermöge des bisherigen Ganges
+der Dinge zwar nicht eine ganz gleiche Aristokratie wie jene, aber doch
+eine ähnliche an der Spitze der übrigen Staaten stand, so war es kein
+Wunder, wenn die Jakobiner in jener wilden Anspannung aller Kräfte das
+Übergewicht an sich brachten. Es bedurfte nur des ersten, durch ein
+Zusammentreffen unerwarteter Umstände davongetragenen Sieges, um den
+revolutionären Enthusiasmus zu erwecken, der hierauf die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_55" id="Pg_55">[S. 55]</a></span>
+
+Nation ergriff und eine Zeitlang das Prinzip ihres Lebens wurde.</p>
+
+<p>Nun kann man zwar nicht sagen, daß Frankreich hierdurch an und für sich
+stärker geworden sei, als die übrigen großen Mächte zusammengenommen oder
+auch nur als seine nächsten Nachbarn, wenn sie sich vereinigt hielten. Man
+kennt hinlänglich die Fehler der Politik und der Kriegführung, die einen
+für diese so ungünstigen Erfolg hervorbrachten. Sie konnten sich ihrer
+bisherigen Eifersucht nicht sogleich entwöhnen. Selbst die einseitige
+Koalition von 1799 hatte Italien zu befreien und eine sehr gewaltige
+militärische Stellung einzunehmen gewußt, als ein unglücklicher Zwiespalt
+sie trennte. Allein geleugnet werden kann es nicht, daß der französische
+Staat, mitten im Kampfe mit Europa gebildet, auf denselben berechnet,
+durch die Zentralisation aller Kräfte, die er möglich machte, den einzelnen
+Kontinentalmächten überlegen wurde. Indem es immer das Ansehen gehabt, als
+suche man dort die Freiheit, war man von Revolution zu Revolution Schritt
+für Schritt zu dem Militärdespotismus gelangt, der die Ausbildung der
+anderweiten militärischen Systeme, so groß sie auch waren, weit überbot.
+Der glückliche General setzte sich die Kaiserkrone auf; alle disponiblen
+Kräfte der Nation hatte er jeden Augenblick ins Feld zu werfen die Macht.
+Auf diesem Wege kehrte dann Frankreich zu seinem Übergewichte zurück.
+Es gelang ihm, England von dem Kontinent auszuschließen, in wiederholten
+Kriegen Österreich seiner ältesten Provinzen in Deutschland und Italien
+zu berauben, das Heer und die Monarchie Friedrichs II. umzuwerfen, Rußland
+selbst zur Fügsamkeit zu nötigen und endlich in die inneren Provinzen
+bis zu der alten Hauptstadt desselben vorzudringen. Für den französischen
+Kaiser bedurfte es nur des Kampfes mit
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_56" id="Pg_56">[S. 56]</a></span>
+
+diesen Mächten, um zugleich über das südliche und mittlere Europa, einen
+großen Teil von Deutschland nicht ausgeschlossen, eine unmittelbare
+Herrschaft zu gründen. Wie war hierdurch alles, was zu Ludwigs XIV. Zeiten
+geschehen, so weit übertroffen! Wie war die alte Freiheit von Europa
+so tief gebeugt! Europa schien in Frankreich untergehen zu wollen. Jene
+Universalmonarchie, von der man sonst nur die entfernte Gefahr gesehen, war
+beinahe realisiert!</p>
+
+
+
+
+<h2>Wiederherstellung</h2>
+
+
+<p>Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten
+hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?</p>
+
+<p>Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem
+Zusammentreffen entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der Gefahr
+&ndash; Unglück, Erhebung, Rettung &ndash; gehen die neuen Entwickelungen
+am entschiedensten hervor.</p>
+
+<p>Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten
+in seiner wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu
+erhalten, die nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem
+einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewußt hatte.</p>
+
+<p>Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal
+zu brechen die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln
+auszureichen, wie sie bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung
+der Militärverfassung allein hätte noch nicht geholfen; es gehörte eine
+gründlichere Erneuerung dazu, um alle Kräfte zusammenzunehmen, in deren
+Besitz man sein mochte; man mußte sich entschließen, jene schlummernden
+Geister der Nationen, von denen bisher das Leben
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_57" id="Pg_57">[S. 57]</a></span>
+
+mehr unbewußt getragen worden, zu selbstbewußter Tätigkeit aufzuwecken.</p>
+
+<p>Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen
+Geistes in dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten
+nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten, die
+Zeichen, die seine erste Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit der
+Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben aussprach, die
+Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch ist dies ein so
+weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier auch nicht einmal berühren
+könnten.</p>
+
+<p>Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu
+streiten anfing &ndash; 1809 &ndash;, als man hierin der Forderung des
+Weltgeschickes ein Genüge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen
+ganze Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst
+die Religion knüpfte, verließen und sie den Flammen preisgaben, &ndash; als
+große Bevölkerungen, von jeher an ein friedlich bürgerliches Leben gewöhnt,
+Mann bei Mann zu den Waffen griffen, &ndash; als man zugleich des ererbten
+Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich vereinigte, &ndash;
+erst da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit
+herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den
+übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.</p>
+
+<p>Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen
+Revolution war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die Unabhängigkeit
+von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der seitdem verflossenen
+Periode, daß die Nationalitäten selbst sich verjüngt, erfrischt und neu
+entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit dem Bewußtsein eingetreten, er
+würde ohne sie nicht bestehen können.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_58" id="Pg_58">[S. 58]</a></span>
+
+Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz,
+die Kraft der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den
+zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter übrig,
+ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines eingepflanzten
+Triebes vorwärts; das sei das Resultat aller großen Ereignisse,
+Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch die
+unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen und
+Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen
+Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es sei eine
+allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern vorangehe. Eine
+Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten führen kann. Wir
+denken indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der Tatsachen nicht zu halten
+vermögen wird.</p>
+
+<p>Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser
+Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große
+Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung;
+vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug,
+daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das
+Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden
+insbesondere lebendig erneuert.</p>
+
+<p>Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.</p>
+
+<p>In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen
+gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch
+andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen
+mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche
+und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der
+mazedonisch-griechischen Königreiche
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_59" id="Pg_59">[S. 59]</a></span>
+
+nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche Ähnlichkeit mit der unsrigen
+dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, militärische
+Ausbildung, Wirkung und Gegenwirkung verwickelter auswärtiger Verhältnisse;
+große Bedeutung der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der
+Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden
+Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung
+eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine
+besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden
+vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so
+bald aufgelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie
+Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum,
+weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit
+bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns
+schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der
+Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der allgemeinen
+Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben hat, geeignet,
+einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit
+gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität
+für den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine
+Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie
+nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet
+waren, empfangen. Es wird sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe
+bestehen.</p>
+
+<p>Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen,
+Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar,
+wie es beim ersten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_60" id="Pg_60">[S. 60]</a></span>
+
+Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der
+Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte, und zwar geistige, Leben
+hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische
+Energien, die wir in ihrer Entwickelung erblicken. Zu definieren, unter
+Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann
+man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen
+auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck,
+bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und
+Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung,
+die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich
+schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.</p>
+
+
+
+
+<h2>[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift
+2. Band, 1833]</h2>
+
+
+<p>Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr
+geistige Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation
+über uns zu bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung
+unsrer eigenen Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten,
+chimärischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate
+ausgesprochenen Nationalität.</p>
+
+<p>Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der
+Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht
+diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Völker und
+Volkstümlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert, eingeengt
+werden?</p>
+
+<p>Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der
+Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als
+die französische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt,
+ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvölker von
+Europa ihre eigene Literatur selbständig
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_61" id="Pg_61">[S. 61]</a></span>
+
+und oft genug im Gegensatz miteinander entwickelt haben. Ist es mir
+erlaubt, ein kleines Verhältnis mit den großen zu vergleichen, so möchte
+ich daran erinnern, daß nicht diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung
+gewährt, wo einer das Wort führt und die Unterhaltung leitet, noch
+auch die, wo alle auf gleicher Stufe oder, wenn man will, in gleicher
+Mittelmäßigkeit nur immer dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo
+sich mannigfaltige Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet,
+in einem höhern Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander
+lebendig berühren und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde
+nur eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre
+Eigentümlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung
+aller beruht auf der Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste
+und immerfort können sie einander berühren, ohne daß doch eine die andere
+übermeistere und in ihrem Wesen beeinträchtige.</p>
+
+<p>Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen.
+Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum
+Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden
+vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie
+hervorgehen.</p>
+
+
+<div style="max-width: 20em; padding: 0em; border: 1px solid black; text-align: center; margin: 2em auto;">
+Diese Abhandlung Leopold von<br />
+Rankes gelangt hier mit Genehmigung<br />
+des Verlages von Duncker &amp; Humblot<br />
+in München und Leipzig zum Abdruck.<br />
+*<br />
+Der Druck erfolgte in der Piererschen<br />
+Hofbuchdruckerei in Altenburg.
+</div>
+
+
+
+
+<h2>Fußnote</h2>
+
+<p style="margin-bottom: 4em;"><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a>
+Historisch-politische Zeitschrift II. Band. 1833.</p>
+
+
+
+<div style="padding: 10px; background: rgb(220, 220, 220) none repeat scroll 0% 50%;">
+
+<h2 style="margin-top: 1em;">Hinweise zur Transkription</h2>
+
+<p style="text-align: center;">Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
+beibehalten.</p>
+
+
+<p class="front" style="margin-top: 2em;">Änderungen</p>
+
+<table summary="Aenderungen" border="1">
+
+<tr>
+ <th>Original</th>
+ <th>Änderung</th>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_26">Seite 26</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege</td>
+ <td>das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Er<b>b</b>folgekriege</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_35">Seite 35</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Böhmen und Öberösterreich waren nicht viel minder</td>
+ <td>Böhmen und <b>O</b>berösterreich waren nicht viel minder</td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die großen Mächte, by Leopold von Ranke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GROßEN MÄCHTE ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+1.F.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
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