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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:13:04 -0700
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+Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: In Purpurner Finsterniß
+ Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
+
+Author: Michael Georg Conrad
+
+Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
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+In purpurner Finsterniß.
+
+Roman-Improvisation
+aus dem dreißigsten Jahrhundert
+
+von
+
+Michael Georg Conrad.
+
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+
+Verlag von C. F. Tiefenbach
+
+Separat-Conto
+
+Leipzig.
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+Meinem genialen Kameraden
+Juliane Déry
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+ * * *
+
+
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+
+
+
+Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen
+durchsetzen wollte.
+
+Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, hatte er ihr verheimlicht.
+Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit
+dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so daß an der ihrigen,
+an der inneren Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes
+Blutzeichen haften blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form eines
+Sterns.
+
+-- Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung?
+
+-- Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden
+meine Kräfte. Kann ich irren?
+
+-- Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die
+Dünen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom
+Meer herüber, immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft wechselt,
+bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich jetzt eine Weile schonen, meiner
+Wunde wegen.
+
+-- Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du sie mich nicht befühlen?
+
+-- Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte.
+
+-- Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der
+herrlichen Einsamkeit. Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser
+Bewegung, die mich beschwingt.
+
+-- Es ist eine Flucht, Jala.
+
+-- Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies
+Himmelreich! Säume nicht zu lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange
+ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick,
+das uns bedrohen könnte?
+
+-- Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich muß lachen, weißt Du. Sie
+haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere
+Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle
+Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und die Wege, die wir auf ebener
+Erde durch die Wüsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer
+Häscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner
+unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter,
+ist langsamer in Entschlüssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao,
+ihr Oberpriester, schläft und verdaut.
+
+-- Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, daß noch ein Dritter im hohen
+Rathe sitzt.
+
+-- Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Anträgen
+belästigte? Den hat nur Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen
+bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet
+andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts
+Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hüten zu helfen.
+Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne
+ihn. Er hat mich einst unterrichtet.
+
+-- Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe.
+
+Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib mit einem tiefen
+zärtlichen Blick.
+
+-- Die hat andere Ursache, süßes Weib.
+
+-- Also folg' mir bald, Grege.
+
+Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein
+Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nußgröße die Kraft des
+Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie
+ziehen.
+
+Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschränkt ihren
+Willen hatte. Er wußte auch, daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr
+war.
+
+So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der
+Wandernden einschließend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner
+Wunde erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen haben.
+
+-- Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber
+er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich
+nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er
+wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, sie einzuholen. Wer weiß, wie
+groß der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres
+Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin.
+
+Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre
+hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen,
+sonnenhellen, weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. Eine
+schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fußsohle die Erde
+berührt. Die verkörperte Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens
+und deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem
+Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schöpfend zu immer stärkerem
+Glanze, unfaßbar allem Gemeinen.
+
+-- Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schönheit, wenn
+ich länger säume.
+
+Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit
+schmerzendem Fuße ihren Spuren zu folgen.
+
+Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen
+Gegenden ihn jetzt sein Schicksal führte, die große Befreiung.
+
+Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein
+Unterdieerdebringen.
+
+Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen über Städteleichen.
+Für blühende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine
+Wurzelfäule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug
+die andere, eine Kraft fraß die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis
+sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden
+kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was
+übrig geblieben war von alten Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine
+Kuriosität für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein Spott für
+die Langeweile der Feiertage.
+
+Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrückt
+den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den
+Beinen und Armen hängen!
+
+-- Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest über Köpfe und
+Tröpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse
+aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter
+Könige? Heiliger Gott Bimbam, ist's denn glaublich? Und erst eine Blinde
+mußte mir die Augen öffnen? Ein Kind Ao's, des frommen Komödianten, mußte
+mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell' ich meinen
+Mann.
+
+Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Länge des
+gleichförmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen.
+Er zog die leichte Kapuze tiefer in's Gesicht, die Sonnenstrahlen
+abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich verbündeten, ihn desto
+heißer zu stechen.
+
+Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß die Augen und tastete sich
+mit dem Stabe weiter. Sollte er's besser haben als Jala, sein Weib, die
+blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der
+Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin?
+
+Greges Ohren summten.
+
+Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und befühlte seine Wunde an
+der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er
+schmerzenden Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. Instinktiv war er
+die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur
+mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte.
+
+Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief?
+
+Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala's Ton.
+
+Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um.
+
+Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel,
+zweimal Stabeslänge kaum, hinter ihm.
+
+Es durchzuckte ihn.
+
+Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens
+keine Häscher aus Teuta.
+
+-- Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wüste?
+
+Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich auf seinen Stab und blickte
+die Fragenden scharf an.
+
+Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten
+Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen
+Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln.
+
+Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende
+Bewegung in dem Sinne: Was kümmert's Euch? Laßt mich! Ich will nichts mit
+Euch zu schaffen haben.
+
+-- Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt auch Deine Zunge?
+
+Und sie lachten kalt.
+
+Der Eine näherte sich ihm, während der Andere mit dem Fuße den Anker, mit
+der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt.
+
+-- Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trägt drei.
+
+Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie
+ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht
+leblos, wie angeklebt?
+
+-- Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurück.
+
+-- Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefällig den Mund öffnen willst.
+Wir grüßen Dich!
+
+Aber es klang nicht wie Gruß.
+
+Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er nicht schnell den rechten
+Entschluß fand. Wie würde Jala handeln?
+
+Da lachte er auf: -- Ich erwidere Euren Gruß. Nun laßt mich in Frieden. Ich
+suche mein Weib.
+
+Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden.
+
+-- Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten jetzt die Fremden.
+
+Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? Wäre das auch
+mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch
+für vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob das Weib nicht
+eine Katze, die schwer zu bändigen. Sicher ist sicher. Schließlich ist der
+Teutamann doch die Hauptsache.
+
+Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der
+jüngere vertrat ihm den Weg.
+
+-- Höre, Mann aus Teuta!
+
+-- Woher weißt Du das?
+
+-- Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem Zustande kann man nur aus
+dem nächsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses
+Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, daß sich
+Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen
+unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht.
+
+-- So sieh' doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der
+glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In
+Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich
+rühmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der
+Begattung währt.
+
+-- Köstlich, wie du Bescheid weißt!
+
+-- Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich
+nicht länger.
+
+-- Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde brauchen? Setz' Dich zu uns
+und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach
+seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und einen lahmenden Fuß. Dein
+Fuß kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem
+ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund.
+
+-- Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine solche Sprache zu mir, dem
+Freien, wagst?
+
+-- Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du -- ein Freier
+gewesen.
+
+Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt und in die Gondel
+gelegt.
+
+Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Müdes Flimmerlicht.
+
+Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige Sand, unter Jalas
+Sandalen, so oft sie den Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es
+waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung.
+
+Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von
+jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an's Ziel zu gelangen.
+
+Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurückgeblieben? Bis zum
+Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala
+konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des übersandeten
+Kanales mit der leichten dünenartigen Böschung auf beiden Seiten. War das
+nicht seine feste Meinung?
+
+Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre gegangen sein. Ihr tastender
+Stab fühlte keinerlei Erhöhung mehr am Wege.
+
+Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das Gesicht in der
+Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief über den blinden
+Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer
+ihrer brechenden Müdigkeit.
+
+So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung sie zwänge, und
+Grege's, des Getreuen, zu harren.
+
+Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten Handflächen
+unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt.
+
+Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flügeln
+ein gelber Schmetterling.
+
+-- Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige Jala! dachte sie. Dann
+verwehte ihr Bewußtsein, bis sich's wieder verdichtete im Traum.
+
+Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens,
+ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend,
+die Farbe der verdorrten Gräser und Halme.
+
+Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft
+und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der
+Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige Fläche der Wange
+schwebte ein Lächeln der Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den
+leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die
+tiefwühlenden, schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten
+wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen.
+
+Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Körper in den
+warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten.
+
+Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung über die Welt gekommen,
+wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen.
+
+Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau geädert, letzte,
+verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der
+versunkenen Sonne.
+
+Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfüllte es wie heiliger Rausch
+beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie
+mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren
+hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in süßen Düften die
+seidenweiche Luft gebadet.
+
+Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß tauchend, die Insel, das
+Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege's
+Himmelreich und das ihre.
+
+Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die
+Vielzuvielen und Zusammenhängenden wohnen, der dichte, drückende Schwarm
+der Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück des
+Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen Willens.
+
+Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefühlt.
+
+Wie war das gekommen, daß sie anders war? Ein Trotz für sich und ein
+Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und
+eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung
+wuchs, daß die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held
+erstehen müsse, der Alles erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und
+sie die Heldin des Helden?
+
+Wie war das gekommen?
+
+War's eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in
+gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre
+Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden
+Elementen lud?
+
+Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich's zu deuten in gegenständlichen
+Bildern, da die erklärenden Worte versagten.
+
+War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand?
+
+War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht des jauchzenden Frühlings,
+als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das
+Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwämme
+sie in Blitzen?
+
+Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur
+dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mußte? Konnte sie
+darum nimmer von ihm lassen?
+
+-- Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im Traume.
+
+So verging die Zeit.
+
+Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung.
+
+Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf.
+
+-- Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Höhe! Grege! Grege!
+
+Was war das Alles? Was?
+
+Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte
+ihren Körper zu voller Höhe. Fremd. Allein.
+
+-- Grege! Grege!
+
+Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in's Leere.
+
+Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreißig Klafter
+tiefer, als die übrigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde.
+
+Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwärmter
+Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß
+keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger
+Schnüre für die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner
+runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel.
+
+Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso
+hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag.
+
+Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung
+der Teutaleute bezügliche.
+
+-- Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem
+fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend.
+
+-- Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige Oberrichter.
+
+-- Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lächeln.
+
+-- Also Alle glücklich, nickte Ao.
+
+-- Wie üblich, bestätigte Kaspe.
+
+-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte
+Soundso. Ich meine, es müßte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein.
+
+Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem
+feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem
+zarten Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch die
+Temperaturorgel.
+
+Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar.
+
+-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell?
+fragte wieder Soundso. Ich meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel
+Kerze zu hell sein.
+
+Alle stimmten bei.
+
+Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat
+spielte, mit einem feinen Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit
+in den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten um die Idee einer
+Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der
+Zeltgewebe und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen
+Räthe empfanden die schwache Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen
+Behaglichkeit.
+
+-- Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für das gemeine Volk hat sich
+bewährt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei
+Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am
+Rücken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch
+Schwinggondeln mit Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt?
+
+-- Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas
+geknickte Gestalt erhebend.
+
+-- Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der
+gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt ist das gemeine Glück, dank der Idealität
+unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin,
+durch beider Willen, ihrer frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im
+geheiligten Amte stehe -- sprach der Oberpriester in schläfriger
+Feierlichkeit.
+
+-- Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du
+schläfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im
+weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat.
+
+-- Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort.
+
+Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte in einem winzigen
+Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war.
+
+Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II
+zwischen Achtundzwanzig und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen
+Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und
+Fünfzig gut, Abtheilung V Rest ungenügend.
+
+-- Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen müssen. Vielleicht, daß er
+eine Abkürzung der Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der
+Abtheilungen nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao schlafsüchtig.
+
+-- Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene,
+es liegt in der Natur, daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden
+und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen.
+
+Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte.
+
+Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung.
+
+-- Natur? rief er merklich überrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in
+Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe
+und Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begründen
+sich darauf, daß wir über die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit
+Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir.
+Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik,
+das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet.
+Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte,
+ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hören.
+Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer
+größeren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache
+auf den Grund geht. Du bist gewarnt.
+
+Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen Ao schon lange nicht
+mehr gesehen.
+
+-- Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, daß er sich
+so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden
+Zwinkerblick auf Soundso.
+
+Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste Lammsmiene aufgesteckt, als
+hätte er nie das kleinste Wässerchen getrübt.
+
+Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus
+wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei
+ernste Gefahr im Verzuge ist.
+
+Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang ist durchaus normal und
+giebt zu keinen Befürchtungen Anlaß, so lange wir in der Lage sind -- und
+wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets -- den Slavakos die festgesetzte
+Zahl an jungem Tauschvolk alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung
+der bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können sogar, bei der
+nächsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schätzung unserer Leistung
+hinaufgehen und stärkere Gegenleistung fordern.
+
+Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrücken.
+
+-- Eines Tages möchte sich's doch ereignen, daß Teutaland nicht mehr so
+viel Tauschvolk produzirte, um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten.
+Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin
+kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. Auch die Surros kriegt man auf die
+Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches
+Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die
+Landwirthschaft zu zerstören und uns ganz den Künsteleien der Techniker und
+Chemiker zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage
+Greges. So hängen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil
+zustößt, sind wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß sie
+unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit wollten wir sie dann
+verpflichten? Oder sie führen ein System des Lebens ein, das ihnen selbst
+genügend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner
+Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken.
+
+-- Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im
+Gegentheil immer nachdrücklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein.
+
+-- Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit vollkommen bezwungen zu
+haben schien.
+
+-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den
+Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den
+Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse
+vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji
+nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute
+Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre
+Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . .
+
+-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere
+Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere
+Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere
+Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend
+geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und
+sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier.
+Liegt nichts Verdächtiges vor?
+
+Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er
+wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine
+neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und
+damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen.
+
+-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen
+Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere
+Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende
+Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften
+Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere
+vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute
+geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen
+Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden
+sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir
+kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer
+der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger
+Angriffspunkte bieten wir.
+
+-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß
+wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das
+Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus --
+gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin
+die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit
+drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren
+neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen?
+Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube
+nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen
+Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen.
+
+-- Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das
+ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten!
+
+-- Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und
+Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen,
+welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche
+machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's.
+
+-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf.
+
+Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne
+Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens,
+der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der
+die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände
+in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in
+der höheren Region harrten.
+
+Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr:
+
+-- Der Alte wird schwach.
+
+-- Ein Idiot.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und
+schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick
+war seltsam unruhig.
+
+-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu
+einem neugierigen Lächeln.
+
+-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung.
+Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen.
+
+-- Heillose Worte? Von Seite Aos?
+
+-- Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz.
+
+-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist
+er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen?
+
+-- Hm.
+
+Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand.
+
+-- Na, Hoheit?
+
+-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: »Worte sind
+Schall und Rauch.« Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel
+zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt
+. . .
+
+Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit.
+
+-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt?
+
+-- »Worte sind Schall und Rauch.«
+
+-- Hab' ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte
+nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in
+jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die
+nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und
+stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer
+Wissender?
+
+-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte
+hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt.
+
+-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare
+Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung,
+Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- --
+
+Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen
+Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten.
+
+-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die
+Ohrmuschel steckte.
+
+-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte.
+
+-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der
+Wochensitzung. Worte, Worte, Worte.
+
+-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren?
+
+-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten.
+
+-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.
+
+-- Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß.
+
+-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem
+Siegel der Verschwiegenheit.
+
+Aug' in Aug', daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am
+Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du?
+-- Probleme, herrliche Probleme sogar.
+
+Dann blickten sie sich starr an.
+
+-- Soundso?
+
+-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig
+sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen
+Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in
+unserem musterhaft gesunden Land?
+
+-- Ich ahne, Bim.
+
+-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister
+hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still
+verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor
+dem Oberpriester auszusprechen.
+
+-- Und vor dem Oberpriester!
+
+-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche
+Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch?
+
+-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche
+Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig.
+
+-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen,
+ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur
+verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der
+Urstoff.
+
+Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck
+über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder,
+aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde
+entschlüpften klügere Worte.
+
+-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht
+Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme
+werden hervorsprießen, neue --
+
+Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und
+legte die rechte dem Sprecher auf den Mund.
+
+-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh!
+Entwi-- Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres
+staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf
+dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines
+Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber
+entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist
+nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung -- wem
+schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- --
+
+Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten.
+
+Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet.
+Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe:
+
+-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch
+einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prüfen. Du hast
+die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes
+beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit.
+
+-- Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit.
+
+Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den
+aufsteigenden Aerger zu dämpfen.
+
+Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter,
+es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Größenwahnsinnige dabei, dem
+nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich
+ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend
+werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten
+Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen
+Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem
+unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen
+weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute
+mit solchem Eifer wacht!
+
+Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein
+Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt
+damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die
+der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt?
+
+-- Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer
+wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir
+noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit
+meiner hohen Kollegen immer näher komme?
+
+-- Wieso das?
+
+-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist
+als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein
+Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an
+der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein
+Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die
+Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe
+war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das
+Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre
+des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch
+ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all' die großen Reiche des
+Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre
+noch?
+
+-- O, Hoheit.
+
+-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?
+
+-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter
+Verfassung.
+
+-- Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei
+der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die
+Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung
+durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter
+wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?
+
+-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet.
+
+-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh?
+
+-- Aber, ich bitte.
+
+-- Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne?
+
+-- Die sitzen noch ganz solide.
+
+-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen?
+
+-- Ich begreife nicht, Hoheit.
+
+-- Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat
+verzichtet.
+
+-- Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich,
+daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu
+schärfen.
+
+-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der
+Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt
+überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen,
+wirklich, Bim?
+
+Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen -- es war keine vollständige
+Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen
+hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager.
+
+Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort:
+
+-- Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind
+zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt?
+
+-- Nie, Minus.
+
+-- Hättest Du's doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr
+erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden,
+Bim. Warum läßt Du uns sterben?
+
+-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.
+
+-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an
+der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich.
+
+-- Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen?
+
+-- Weil sie zeitgemäß sind.
+
+-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit.
+
+-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.
+
+-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus.
+
+-- Verschwende ich ihn?
+
+-- O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin -- --
+
+-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich
+vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu
+leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns.
+Oberphysikus, Amtsgeheimniß!
+
+Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem
+stand's nicht richtig.
+
+Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an.
+
+Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine
+Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen.
+
+-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die
+den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt?
+Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und
+weinen, die Unerbittlichen.
+
+-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß
+nicht, Minus.
+
+-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen
+sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden.
+
+-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen
+Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten
+Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da
+kam's zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch
+schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das
+besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem
+Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die
+Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke
+doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig
+sterben, Minus.
+
+-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend!
+Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir
+wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat.
+Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in
+Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du
+wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt's drauf ankommen. Du willst
+gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart.
+
+-- Minus!
+
+-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch.
+Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn.
+
+Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten
+die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus
+der Ueberdruß, der Unmuth.
+
+-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir
+flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns
+anvertraut -- --
+
+-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- --
+
+-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Späher
+hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das
+nicht?
+
+-- Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in
+Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner
+Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich.
+
+-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus.
+
+-- Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil
+wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles
+Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen!
+
+-- Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus.
+
+-- Ist's das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie
+Obere, die sich mit »Hoheit« anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte
+Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und
+liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes,
+wie die Vögel des Himmels.
+
+-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist
+Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus
+alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei
+davon, drum kann ich ruhig reden.
+
+Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander
+geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von
+keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?
+
+Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen
+unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an
+unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich.
+Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen.
+Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.
+
+-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere.
+
+-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund
+geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil
+es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen
+vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und
+Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt,
+gründlich.
+
+-- Haben wir das, alter Bim?
+
+-- Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles
+ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten
+bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand
+ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die
+anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut.
+
+Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie
+hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört,
+außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit
+ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! --
+
+Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so
+wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte,
+es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung
+altbekannter Dinge.
+
+Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug.
+
+-- Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein
+Mensch weiß was. Jala, Unglückliche!
+
+-- Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung
+zur Beobachtung. Dann entwich sie -- --
+
+-- Das sagst Du mir jetzt erst?
+
+-- Fragtest Du?
+
+-- Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte!
+
+-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie
+wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und
+unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig.
+
+-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hüte Deine Zunge.
+
+-- Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine
+Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um.
+
+-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Närrin und -- mehr als Eine. Schluß. Fahr'
+ab.
+
+Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete
+das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne
+Sterne.
+
+Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige
+Gesang der Wellen am Strande.
+
+Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes
+Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in
+dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über
+die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wüthender Heerfahrt.
+
+Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand
+umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine
+Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von
+wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und
+Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten
+Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des
+Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei
+günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres
+gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere
+verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.
+
+Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus
+entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam
+hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des
+Daseins zwischen den Dünen.
+
+Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer
+forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine
+Gewalt am schwächeren Nachwuchs.
+
+So gab's keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten
+der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen,
+die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst
+verschwundenen Epochen bis an's Meer stießen, den Ur gejagt, war das
+Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen
+Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.
+
+Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger
+werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters
+hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.
+
+Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen,
+die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von
+waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten
+Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen
+und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten,
+unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen,
+und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte
+und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander
+losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.
+
+Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem
+kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium
+erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in
+hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos
+den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen
+mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut
+gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß
+unter ihren Fußtritten die Erde gebebt.
+
+Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren
+zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen
+Männer mit der unermüdlich behenden Zunge.
+
+Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber
+wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend
+aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und
+der Wolkenhimmel in Schlünden und Abgründen schmetternd versinken, da klang
+das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich.
+
+Nein, es konnte keine Fabel sein.
+
+Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch,
+wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die
+große Helle und Stille über sie kam.
+
+Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande,
+hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt
+herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei
+Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas
+Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die
+aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende,
+unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender
+Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz.
+
+-- Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange
+keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem
+Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten
+See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in's Tausendste
+fabulirt hatte.
+
+-- Alles kehrt wieder, Willem Mom.
+
+-- Schlechtes Wetter, jawohl.
+
+Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten
+schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm
+der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel.
+Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.
+
+-- Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne
+Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die
+tausend Menschen faßten.
+
+-- Das ist vorbei, Fix.
+
+-- Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die
+faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über
+Brücken.
+
+-- Das kommt nicht wieder.
+
+-- Warum, Willem Mom?
+
+-- Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen.
+
+-- Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein
+kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie
+auch wieder satt.
+
+-- Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat
+sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.
+
+-- Jawohl.
+
+-- Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem
+Metall. Jetzt thut's ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie
+man will.
+
+-- Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he,
+Willem Mom!
+
+-- Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten
+nicht einmal unterwegs.
+
+-- Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab' ich
+mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.
+
+-- Ich sag' Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut,
+als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten.
+
+-- Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu
+sehen, nach Teuta.
+
+-- O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer
+tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen.
+
+-- Wenn einmal die Wolken 'runterbrechen, müssen sie alle miteinander
+ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine
+Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser,
+Willem Mom!
+
+-- Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles
+trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie
+nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen.
+
+-- Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?
+
+-- Das haben sie sich abgewöhnt, Fix.
+
+Fix lachte.
+
+-- Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was
+glaubst Du von ihrem Essen?
+
+-- Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt.
+
+Fix lachte wieder.
+
+-- Na, hör' mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen,
+denn zu sehen ist da wohl nichts.
+
+-- Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in
+die Erde, wo's hübsch warm ist.
+
+Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.
+
+-- Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit?
+
+-- Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen.
+Wär' auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr.
+
+-- Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört' ich.
+
+-- Das schon, wenn auch ungeheuer selten.
+
+-- Nun also, Willem Mom.
+
+-- Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder
+sie haben etwas Verrücktes angestellt.
+
+-- Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so
+Einen?
+
+-- Jawohl.
+
+-- Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich
+denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst
+Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu
+sehen? Es rührt sich nichts.
+
+In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und
+Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter.
+
+Plötzlich war's, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als
+würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in
+einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit
+tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf,
+gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles
+Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth.
+
+Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit.
+
+-- Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was
+sagst Du dazu, Willem Mom?
+
+Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte
+den Kopf vor, um schärfer zu sehen.
+
+-- Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du?
+
+-- Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo?
+
+-- Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt.
+
+-- Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande
+sein?
+
+-- Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.
+
+-- Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist's weg, rechts hinein. Am Ende doch
+nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom?
+Meinst Du?
+
+-- Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet.
+
+Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts
+gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe
+vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des
+Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand
+grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab.
+
+-- Mehr nach rechts, Willem Mom.
+
+-- Dort liegt's, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein
+könnte?
+
+-- Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.
+
+Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im
+nachgiebigen Sande.
+
+-- Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom.
+
+Nun standen sie davor.
+
+-- Heda! rief Fix.
+
+Willem Mom beugte sich schweigend nieder.
+
+-- Greif nicht zu, lass' mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere
+Seite tretend. -- Heda, rühr' Dich!
+
+Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich,
+ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem
+Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen.
+
+-- Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.
+
+-- Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden.
+
+-- Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht.
+Wär's nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in
+einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was
+wir von oben gesehen. Glaubst Du?
+
+-- Lass' mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix.
+
+Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen
+Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend.
+
+-- -- Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass' den Arm und fühle nach dem Puls!
+
+Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und
+seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren.
+
+-- Ich finde keinen Puls, Willem Mom.
+
+-- Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix?
+
+-- Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder
+sind schlank und zart. Ich will's noch einmal mit einer Anrede versuchen.
+
+-- Schweig', Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir
+müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die
+Handflächen kräftig. Ich will's an der Brust und im Rücken versuchen.
+
+Und schweigend machten sich die Männer, an's Werk.
+
+Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen
+schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie
+elegische Musik.
+
+Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des
+Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien
+und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen.
+
+Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme.
+
+-- Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger
+zucken.
+
+-- Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine
+Schulter, Fix.
+
+-- Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch
+Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm' zu Dir und zu mir!
+
+-- Sei kein Narr, Fix. Lass' los, ich bin Manns genug.
+
+-- Willem Mom, ich sag' Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die
+Augen auf! Siehst Du mich?
+
+Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen
+kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte
+davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.
+
+Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam
+hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt,
+ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend.
+
+Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden
+Blicken die Finsterniß durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden,
+von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung
+und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die
+schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange,
+wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender
+Arm und suche sich um seinen Hals zu legen.
+
+-- Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark.
+
+Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner
+Last zu Boden.
+
+Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch
+gewaltsamer an sich preßte.
+
+Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der
+erste Laut, der wie >Grege< klang.
+
+-- Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme.
+
+-- Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster
+Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten.
+
+-- Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz
+Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung,
+das Weib auf sein Knie ziehend.
+
+-- Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich.
+Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche
+weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte.
+
+Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie
+in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen
+Gesichts zu erspähen.
+
+-- Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich
+schütze Dich!
+
+-- Schweig', Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner
+Heftigkeit.
+
+Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.
+
+Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam
+die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war
+ansteigend und schwierig, und so war's das Vernünftigste, sich in die Last
+zu theilen.
+
+Dann ging's vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein
+Wort.
+
+An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die
+Willem Mom's, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein
+kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen.
+
+-- Hier Vater, mach Platz' auf dem Lager, wir bringen menschliches
+Strandgut. Ein Weib.
+
+-- Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.
+
+Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.
+
+-- Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens.
+Warmes Lager und einen warmen Schluck.
+
+Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.
+
+Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem
+wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte.
+
+-- Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.
+
+-- Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.
+
+-- Ist Grege da?
+
+Die Männer sahen sich an.
+
+-- Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.
+
+Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt,
+die Hände über der Brust gefaltet.
+
+Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame
+Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß
+sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete
+den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so
+edler Schönheit.
+
+Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig
+hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür.
+
+-- Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt.
+
+-- Oeffne die Augen, sieh' uns an, bat Willem Mom.
+
+Endlich bewegten sich ihre Lippen: -- Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum
+Sehen.
+
+-- Sie redet irr, flüsterte Fix.
+
+Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems
+spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und
+Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern.
+
+Fix entging er nicht.
+
+-- Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber
+schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit
+eigener Beobachtung beschäftigt.
+
+-- Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone.
+Wie heißt Du?
+
+-- Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.
+
+-- Die??
+
+-- Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.
+
+-- Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.
+
+Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: -- Nicht möglich? Es giebt
+kein Unglück, das nicht möglich wäre.
+
+Dann, gegen das Lager gewendet:
+
+-- Ist's wirklich so? Bist Du blind?
+
+Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen
+enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne.
+
+Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer
+Schmerzenszug.
+
+-- Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet.
+
+Sie nickte und seufzte:
+
+-- Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles
+sagen.
+
+-- Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander.
+
+Der Frühwind sprang über's Meer und jagte die Thür auf.
+
+Flammend grüßte jetzt die Sonne in's Gemach.
+
+Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen
+geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren
+Rettern.
+
+-- Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Luft klar wie Krystall.
+
+Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und
+Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften
+getragen.
+
+Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.
+
+Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.
+
+So ging's die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.
+
+Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten
+gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war
+kaum mehr zu schätzen.
+
+Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen
+Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu
+und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.
+
+Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden
+Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte.
+
+Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose
+Flug spottete jeder Berechnung.
+
+Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und
+die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols
+näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.
+
+Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes
+Land in ungeheuren Flächen zu erkennen.
+
+-- Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen
+zum Verschnaufen, spottete der Jüngere.
+
+-- Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den
+Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in
+dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und
+sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den
+Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?
+
+-- Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen
+Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das
+erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen,
+aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.
+
+Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders
+der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe.
+Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den
+Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst
+seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht
+am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in
+dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine
+Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde,
+nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen
+Noth.
+
+Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den
+ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein
+Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner
+knirschenden Betäubung vollständig.
+
+Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an
+ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.
+
+-- So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust
+bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.
+
+In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen
+Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen
+bestimmten Gedanken denken konnte.
+
+Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des
+Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten
+vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie
+sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem
+Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an
+ihn.
+
+-- Nimm's uns nicht übel, wir hatten's besser mit Dir vorgehabt. Wir werden
+Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind.
+Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst
+Du frei sein, Flüchtling?
+
+Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.
+
+Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen
+in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr
+Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und
+lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte
+er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr
+Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der
+Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in's
+Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod
+Verbündeter.
+
+Nur wenn er an Jala dachte, war's mit seiner Fassung vorbei.
+
+-- Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler
+Anfang. O über die verwünschte Wunde!
+
+Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die
+schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele.
+
+Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne
+wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller
+Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte
+auf die bittere Erregung.
+
+-- Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er
+seine Peiniger.
+
+-- Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher
+schließen den Zweifel aus.
+
+Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und
+lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben.
+
+Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an.
+
+Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die
+Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot!
+
+Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen
+Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er
+mochte nicht fragen.
+
+Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein
+Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber.
+
+Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel.
+In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem
+Glanz.
+
+Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von
+einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.
+
+Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in
+dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht
+und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen
+dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität.
+
+Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in
+das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner
+ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste
+Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben
+vermochte, in diesen fremden Regionen.
+
+-- Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber
+zu lösen, und über die Stupidität geht nichts.
+
+-- Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.
+
+-- Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme,
+die Augen aufschlagend, wie im Traum.
+
+-- Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir
+sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere.
+Lass' ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch' Dir den Mund. Wir thun
+das Gleiche.
+
+Grege versank in Schweigen, das auf's Neue zu einem schlummerähnlichen
+Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so
+unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos,
+und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren
+Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem -- -- so verwandelt -- -- --
+
+Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen
+Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen,
+von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.
+
+Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.
+
+Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich
+damit seinen Bart.
+
+-- Originell ist er immerhin, dieser Typus.
+
+-- Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In
+normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer
+zu stehen kommen.
+
+-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt
+vorausgesetzt.
+
+-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir
+gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlünden zwischen
+Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer
+Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.
+
+Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte
+es seltsam.
+
+-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender
+Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den
+Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod
+und Leben.
+
+-- Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists
+gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?
+
+-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine
+Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und
+wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der
+Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht
+von der richtigen Stärke.
+
+-- Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der
+reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die
+verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte
+befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt.
+Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern
+wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns
+ein anderes Exemplar einfangen.
+
+Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich
+stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine
+Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand!
+Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und
+Sinnloses -- ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände.
+Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen -- --
+
+Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den
+Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.
+
+Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug
+Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte
+Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die
+schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er
+in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die
+Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den
+Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.
+
+-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht,
+seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.
+
+Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen,
+blutigrothe.
+
+-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.
+
+Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag
+von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner
+nieder.
+
+Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strömung hob das
+Fahrzeug.
+
+-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! --
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.
+
+Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug
+von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.
+
+Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm
+aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine
+neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.
+
+Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen
+Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein
+Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.
+
+Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches
+gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und
+wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.
+
+Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der
+Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!
+
+Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth
+wieder.
+
+An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die
+Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.
+
+Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen
+Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.
+
+Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war's vorbei.
+
+Grege verhehlte sich's nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer
+Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und
+Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu
+unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe.
+Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand
+er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.
+
+Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten
+herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.
+
+-- Möchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste
+und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du,
+daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?
+
+Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:
+
+-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?
+
+-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von
+Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.
+
+Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm
+eine.
+
+-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir müssen den Rest eintheilen.
+
+-- Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.
+
+-- Warum hoffst Du das?
+
+-- Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!
+
+In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß
+sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei
+andere Fahrzeuge hielten.
+
+-- Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht's gut,
+werden wir uns schleppen lassen.
+
+-- Und dann?
+
+-- Dann kehren wir heim.
+
+-- Wie verstehst Du das?
+
+-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht
+fern. Dort ist unser Ziel.
+
+Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die
+Gefangenschaft.
+
+-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn
+in's Auge.
+
+-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter
+Harmlosigkeit.
+
+-- Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!
+
+-- Du wirst unser Gast sein.
+
+-- Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.
+
+-- Und wenn mir das nicht behagt?
+
+-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.
+
+-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will?
+
+-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu
+feiern. Ist Dir das zu wenig?
+
+Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die
+unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn
+noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich
+stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine
+weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das
+Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.
+
+Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei
+meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht.
+
+-- Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.
+
+-- Was für eine Rechnung?
+
+-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine
+Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.
+
+-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist
+Du!
+
+-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.
+
+Heiß stieg's in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und
+Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er
+als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?
+
+Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu
+richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten.
+Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.
+
+Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht
+unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta
+galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!
+
+Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner
+Flucht aus Teuta klar.
+
+Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn
+aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer
+Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und
+Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt
+galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.
+
+Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf
+gegen die, die vor ihm sind.
+
+Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den
+Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird
+sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.
+
+Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er
+drückte die Hand auf die pochende Brust.
+
+Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er
+brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage
+besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und
+setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine
+Legion aus dem Boden.
+
+Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz
+gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.
+
+Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß:
+Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die
+Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten
+vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus
+ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.
+
+Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick
+seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen.
+Sogar für die Weisesten im hohen Rath.
+
+-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe
+her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo
+mit boshaftem Lächeln.
+
+-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.
+
+-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken
+gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den
+Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes
+Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf
+los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.
+
+-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge,
+Schurke immer und ewig.
+
+-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter
+gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts,
+ich bitte Dich.
+
+Grege's Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz
+zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!
+
+Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine
+weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft
+durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?
+
+Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines
+Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.
+
+Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und
+berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung
+ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber
+er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls
+würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in
+Sicherheit zu bringen.
+
+Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschäftlich
+verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen
+Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die
+ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und
+Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang
+gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen
+Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl
+schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle
+Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung
+reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte
+für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut --
+Kalkulation und kein Ende.
+
+Da -- alle Wetter!
+
+Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.
+
+Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die
+Erde.
+
+Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede
+gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm
+nachstürzen, wär' sicherer Todessprung.
+
+-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus
+erlebt. Was ihm nur plötzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, daß er
+jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz
+senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu
+behelligen!
+
+Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese
+wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.
+
+Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Blätter und Tafeln, dann
+schob er sie ärgerlich bei Seite.
+
+-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben?
+Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74.
+Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen
+hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell
+genug. Was meinst Du, Minus?
+
+-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt.
+Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider.
+Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
+
+Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
+
+-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
+
+-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester,
+Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.
+
+-- Sag' Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir
+haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch
+dieses vertuschen? Denk' nach, Minus!
+
+-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er
+war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir
+hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest,
+wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann.
+
+Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
+
+-- Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge
+das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf
+das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
+
+-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen
+wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch
+entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung
+vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag's zum Grundgesetz unserer
+Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich
+zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber,
+Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig
+verschwunden?
+
+-- Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine
+Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von
+Staatswegen und Augenweide für Alle.
+
+-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
+
+-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen
+Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.
+
+-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen
+Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell
+war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp
+hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er
+war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person.
+Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein
+großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß
+machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er
+königlich.
+
+Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte
+er mit speckiger Stimme:
+
+-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant
+ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
+
+-- Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und
+doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel
+Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
+
+Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.
+
+-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim
+nicht Rath?
+
+-- Geh' mir mit Bim!
+
+-- Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn
+da nichts machen?
+
+-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst
+gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- läßt sich daraus ein
+Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
+
+-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine
+persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden
+sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als
+Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.
+
+-- Du thust Dich leicht, Ao.
+
+Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie
+Glaskugeln:
+
+-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an
+kein Weib!
+
+-- Soll ich's an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.
+
+Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.
+
+-- Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die
+Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath,
+fügt sich's nicht in's Gesetz!
+
+-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
+
+-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf
+ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen
+Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche
+Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib
+und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich
+erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig
+und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal
+steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .
+
+-- Gut, ich werde ein Ende machen.
+
+-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten
+Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende.
+
+-- Noch vor dem Zarathustra-Fest.
+
+-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig.
+Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom
+Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um
+Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden
+mit Deinem Herzen.
+
+-- Gewiß, das will ich.
+
+-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit
+dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und
+Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei
+Schwierigkeiten, Du verstehst mich.
+
+-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
+
+-- Und nun verlaß' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung
+geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die
+Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
+
+-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl.
+
+Minus kämpfte schwer.
+
+Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht
+Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut
+wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag
+sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit
+verschlechtert.
+
+Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den
+sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der
+nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er
+thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum
+Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?
+
+Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich
+als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von
+Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug
+und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten
+die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.
+
+Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für
+Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden
+Hinsiechen sich von selbst verstopft?
+
+Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen
+Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache
+Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit.
+Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit
+über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten
+Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn,
+Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit
+Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten
+kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst
+mehr ernst nehmen kann.
+
+-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe
+Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .
+
+Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
+
+Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er
+durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region
+zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten
+Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.
+
+Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie:
+Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der
+Gefühle, Schwelle des Unbewußten -- trennte die Männerhauptstadt vom
+Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen
+Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit
+in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der
+Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
+
+Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege
+streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
+
+Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte,
+zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug
+sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des
+verminderten Lichts.
+
+-- Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen
+Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
+
+Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:
+
+-- Soundso grüßt Minus, Hoheit.
+
+-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
+
+-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.
+
+-- Kehr' ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.
+
+-- Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei
+Titschi.
+
+-- In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du
+kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden.
+
+Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in
+mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen
+Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung.
+
+-- Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein.
+
+Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.
+
+Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.
+
+-- Darf ich Mitwisser sein, Soundso?
+
+-- Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton
+etwas erhöhend.
+
+-- Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?
+
+Soundso blieb stumm.
+
+-- Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?
+
+Soundso seufzte wollüstig.
+
+-- Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die
+apokalyptischen Leuchter stehen?
+
+Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter
+gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.
+
+-- Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat
+das Mondlicht Dich wonnig umflossen?
+
+Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte
+. . .
+
+-- Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir's gefällig?
+
+Soundso räusperte sich. -- Kann ich leise sprechen, hörst Du?
+
+-- Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?
+
+-- Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung
+. . .
+
+-- Wenn Du den Namen verschweigst, denk' ich an Jala. Einverstanden?
+
+Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn.
+
+-- Hat man Spuren? Nähere Umstände?
+
+-- Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.
+
+-- Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist's so?
+
+-- Du sprichst im Bilde, Minus.
+
+-- Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.
+
+Soundso schwieg.
+
+-- Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?
+
+-- Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.
+
+-- Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet
+ihr seiner los sein?
+
+Soundso schwieg.
+
+Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören.
+
+Die Pause verlängerte sich.
+
+Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von
+sich entfernenden schleichenden Schritten.
+
+Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen
+eigenen Athem.
+
+Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.
+
+-- Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem
+Gruß, bitte.
+
+Eine Weile tödtliche Stille.
+
+-- Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde.
+
+Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und
+unerfreulicher Ausgang, dachte er.
+
+-- Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte
+gegen den Hintergrund.
+
+-- War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich
+mich zurückziehen?
+
+Es ward ihm keine Antwort.
+
+Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden.
+
+Plötzlich stand er im Dunkeln.
+
+-- Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine
+Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht
+seine eigenen Wege schließlich.
+
+Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und
+er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst
+fühlte er sich nicht.
+
+Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht
+ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die
+im Schlafe stets ein wenig geiferten.
+
+Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im
+Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die
+Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.
+
+Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der
+Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach,
+das viele Denken.
+
+Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das
+lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten
+vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen
+rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide -- das strengt an, kein
+Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der
+Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles
+klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles
+schön klappte.
+
+Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst
+konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu
+schlichten.
+
+Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende
+Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der
+nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren.
+Da können sie in alle Winkel leuchten.
+
+Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder.
+
+Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter
+Kadenz. Eine ganze Arie.
+
+Ao wälzte sich in Positur.
+
+Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein
+Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch.
+
+-- Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die
+Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst
+die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund.
+Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft.
+
+Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch
+mit dem Tastwerk.
+
+-- Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben.
+
+Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den
+Tasten spielen.
+
+-- So, jetzt kann's losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll
+mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb?
+Besser finden sie's doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da
+ist kein Halten mehr.
+
+Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat.
+
+-- Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist
+mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab's ihm eindringlich genug
+gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht
+erstatten. Ich lasse Minus grüßen.
+
+Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen.
+
+Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein
+schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft
+an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer!
+
+Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche.
+Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das
+flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase.
+
+-- Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten
+mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus -- was?
+Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär' gegen alle Verabredung. Soundso
+bezeugt's? Dabeigewesen? Das lass' ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine
+Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich
+einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung,
+Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der
+Irrthum wird sich aufklären. Ich hab' jetzt wirklich an Anderes zu denken,
+wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles
+durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen.
+Schluß.
+
+Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen
+Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen
+zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.
+
+Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen
+weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe,
+schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal
+befördern.
+
+Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit
+mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein
+spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande
+käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten,
+wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich
+der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre
+stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute
+schließlich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren
+zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes
+richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von
+keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das
+Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und
+die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im
+deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte
+Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht
+feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren
+zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender.
+
+Plötzlich war Ao hereingehuscht.
+
+Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:
+
+-- Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle.
+
+-- Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer
+Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?
+
+-- Wie das ganz Teuta's. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten
+Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen.
+
+-- Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die
+Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum
+ließ ich Euch hierher bitten.
+
+Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen
+orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:
+
+-- Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz
+zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine
+pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte.
+
+-- Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen,
+noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen
+liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte
+Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise
+des Ueberlieferten nicht in unserem Staate.
+
+Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten,
+leise wippenden Fußes.
+
+Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise
+wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen
+Punkt.
+
+-- Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu
+sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die
+Fußbekleidung gespitzt?
+
+Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher
+trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom
+allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in
+einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers,
+nickten dem Oberpriester beifällig zu, seiner außerordentlichen
+Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken.
+
+-- O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es
+entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein
+Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit
+einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das
+Licht meiner Augen geschwächt.
+
+-- Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt,
+mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr
+Alle wißt, verpönt ist?
+
+-- Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche
+Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen!
+Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab' ich mir diese
+Abweichung gestattet.
+
+Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit.
+
+-- Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen
+gekräftigt sind? fragte Ao liebreich.
+
+-- Gewiß, das werde ich.
+
+-- Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich
+erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit
+zuwenden.
+
+Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück.
+
+-- Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die
+Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt,
+mit einiger Sorge.
+
+Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien
+wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen.
+Auch war's, als suche er mühsam nach dem Worte.
+
+-- Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte
+uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher
+die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er
+das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe.
+
+-- Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die
+Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild
+von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes
+Ereigniß versetzt hat.
+
+-- Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still
+geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.
+
+Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.
+
+In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel.
+
+Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit
+gesenktem Kopfe.
+
+Endlich seufzte er auf:
+
+-- Zwei Ereignisse.
+
+-- Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.
+
+-- Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe
+Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt
+sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen.
+
+Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der
+Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem
+zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.
+
+-- Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.
+
+Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich
+allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das
+Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte.
+
+-- Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr,
+täuschen mich meine schwachen Augen nicht.
+
+-- Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn?
+
+-- Minus? fragte Einer verzagt. Ist's nicht Minus?
+
+Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: -- Minus!
+
+-- O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein
+Freudenfest zu! entfuhr's dem Sprecher in der ersten Erregung.
+
+-- Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem
+Sprecher einen dankbaren Blick zu.
+
+Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt.
+
+-- Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man
+sieht's ihm gar nicht an.
+
+-- Ja, man sieht's ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite.
+
+-- Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.
+
+-- In der That, es ist so, der Vierte.
+
+-- Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und
+wahrhaftig so, daß man's ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen
+Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was
+meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine
+besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus,
+ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht
+mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in
+der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich.
+
+-- Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf.
+
+-- Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein.
+Beweglich!
+
+Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.
+
+-- Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde.
+
+-- Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine
+Mitältesten der Reihe nach anblickend.
+
+-- Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste,
+bestätigte der Sprecher mit Kennermiene.
+
+-- Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur
+Bekräftigung.
+
+-- Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester,
+seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang.
+
+-- Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts
+Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser
+plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren
+Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath.
+
+-- Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist
+an und für sich nichts Kritisches.
+
+-- So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt
+ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit
+einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem
+Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde.
+
+-- Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte
+der Zweitälteste ein.
+
+-- Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind
+kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der
+Sprecher wie zur Selbstbelehrung.
+
+Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche
+Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen
+Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht
+hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein
+mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu
+drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses
+sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen.
+
+-- Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife,
+daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters
+unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister
+und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und
+Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt
+ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht?
+
+-- Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der
+gelehrte Minus.
+
+Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort.
+
+-- Beweglich? Im Angesichte des Todes frag' ich Euch, wollt Ihr mit der
+Sprache herausrücken oder nicht?
+
+Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem
+Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde.
+
+Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten
+sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete
+Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten
+Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein
+Abschluß gefunden werden.
+
+-- Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort.
+
+-- Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem
+Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig
+beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über
+seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen
+Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch
+glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine
+Mitältesten nicht andeuten.
+
+-- Habt Ihr Beweise?
+
+Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm
+sich kein Blatt vor den Mund.
+
+-- Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen
+will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine
+Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke
+versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein
+gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person.
+
+-- Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt.
+
+-- Dann kennst Du Jala nicht?
+
+-- Jala? Was geht Euch Jala an?
+
+-- Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem
+Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden
+ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus' Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein
+Zauber hat sie beseitigt.
+
+-- Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch
+Grege ist verschwunden.
+
+-- Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres
+Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch?
+
+-- Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.
+
+Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der
+Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:
+
+-- Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn
+gemeuchelt.
+
+Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus'
+Werk! Keiner ist listiger, als er.
+
+Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom
+Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all'
+seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit
+zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja
+einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses
+Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt
+von Teuta vorgegangen?
+
+Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen
+Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu
+schlucken gehabt, wie heute.
+
+Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche
+schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu
+klingen. Schlechte Musik fürwahr.
+
+-- Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus
+weisem Munde zu vernehmen?
+
+Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und
+tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht
+vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu
+verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen
+geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie
+wollen wir uns vor dem Volke verantworten?
+
+-- Begreift Ihr denn nicht? Darum hab' ich Euch ja berufen lassen, daß wir
+uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen
+Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr
+denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter
+Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe
+Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben
+gegangen --
+
+-- Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath?
+
+-- Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der
+störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke
+zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen.
+
+Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd:
+
+-- Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur
+Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er
+hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir
+die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben
+sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen?
+
+Ao athmete auf.
+
+-- Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache
+getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung.
+Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim
+halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und
+das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn
+Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus.
+
+Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes
+lebhaftes Ertönen der Klingel.
+
+Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen.
+Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter
+Verdacht, daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur
+kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen
+das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen
+begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen
+den hohen Rath aufzuwiegeln.
+
+-- Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der
+Oberpriester.
+
+-- Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester.
+
+-- Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der
+Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich.
+
+Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt.
+
+-- O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim
+heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht
+mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht.
+Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen?
+
+-- Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines
+Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher
+Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu
+fangen.
+
+-- Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt.
+
+Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich
+versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht
+mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere
+sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe.
+Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen
+erhalten.
+
+Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen.
+
+Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für
+seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er
+eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand
+auf dem Tastwerke spielen.
+
+Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen
+der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder
+herbescheiden wolle?
+
+Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen.
+
+-- Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen,
+meine Freunde, verweilt noch.
+
+-- Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt
+mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und
+verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum.
+
+-- Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und
+meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht
+tragen. Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer.
+
+-- Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll's das Volk
+besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle
+finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das
+Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß
+oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird.
+
+Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle
+Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu
+den seinigen.
+
+-- Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe,
+ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn
+beschließen?
+
+Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an.
+
+Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei
+feierlichen Anlässen.
+
+-- Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den
+herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er
+soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen.
+
+Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit.
+
+-- Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade
+das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der
+Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf's Beste zu
+ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid,
+unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch
+aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen.
+
+-- Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte
+Ungeheuer! ächzte der Oberpriester.
+
+Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu.
+
+-- Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit?
+
+-- Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe
+stiftet.
+
+Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer
+intelligenter Zuversicht.
+
+-- Lasse das meine Sorge sein, Ao.
+
+-- Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue
+Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird
+Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine
+Begleitung. Laß' uns Titschi aufsuchen.
+
+-- Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist's möglich, daß wir ihm
+nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten,
+obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte.
+
+Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des
+Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen
+gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele?
+Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als
+handle sich's um irgend eine Verabredung zum Frühstück.
+
+Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen
+Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den
+Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta!
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem
+Teutavolke geboten.
+
+Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte
+Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die
+Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der
+verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft!
+
+Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen.
+
+Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten
+Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche
+Person, Soundso.
+
+Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des
+überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und
+als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte,
+war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken.
+
+Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen
+Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer
+Betrügerei?
+
+Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise
+nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der
+Aeltesten ab.
+
+Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als
+man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.
+
+Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete
+sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und
+Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht
+zu werden.
+
+Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies
+sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben
+war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne
+Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in
+Erwägung gezogen werden.
+
+Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf's Aeußerste an und ließ
+alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich.
+
+-- Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.
+
+Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in's Bett und konnte mit nichts als mit
+virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen.
+
+So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn
+preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination
+zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze
+dampfte, bald fror ihn, daß er sein Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte,
+die vor Frost zu bersten droht.
+
+-- Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde
+tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao!
+
+Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude
+mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden.
+
+Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man
+beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum
+Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh' sei umsonst. Diese
+unnahbar edlen Spitzbuben!
+
+Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein
+Verrückter.
+
+-- Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem
+Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene
+Brust.
+
+-- Wer denn? Wo denn?
+
+-- Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten,
+Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie
+in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel,
+ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter!
+
+Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke.
+
+-- Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte
+seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz
+Teuta dieses Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz
+für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich,
+herrlich!
+
+-- Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde
+und brach in den Polstern zusammen.
+
+-- Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich
+vielleicht den Bim herbeirufen?
+
+-- Verschon' mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der
+Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er
+einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten
+Geschäfte?
+
+Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit
+gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend:
+
+-- Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll.
+
+Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen.
+Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe!
+
+Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber
+nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:
+
+-- Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich
+in's Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos
+Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm's nie verzeihen, daß es unter
+seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung --
+lächerlich: Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht
+unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste
+Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut
+eingefädelt!
+
+Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn
+jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht,
+das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken.
+
+Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig.
+
+-- Bim -- ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann
+mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?
+
+-- Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen!
+Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich.
+
+Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette -- die Bewegung sah
+drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben -- und mit der großen
+Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen
+begannen zu spielen.
+
+-- Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche?
+
+-- Hunger hab' ich, guter Titschi, Hunger.
+
+-- Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln
+sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester.
+
+-- Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt
+und elend gemacht.
+
+Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die
+Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und
+Fläschchen.
+
+-- Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher!
+
+Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum
+Munde.
+
+-- Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab' ich lange geschlafen, Freunde?
+
+Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute.
+
+-- Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.
+
+-- Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten
+hinein.
+
+-- Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi.
+
+-- Wie man's nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand.
+Dann verwandelte sich's in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich
+glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.
+
+-- Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht
+köstlich? Bezeuge Du's, Oberrichter Kaspe.
+
+-- Ja, die Luft Titschis ist gut.
+
+Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim's Urtheil hören. Was
+habt Ihr beschlossen, Freunde?
+
+-- Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem allweisen Willen gehen
+soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht.
+
+-- Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen?
+
+-- Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen.
+
+Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter
+Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus
+der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren.
+
+Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten
+von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten
+wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit
+seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes,
+der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht
+durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen's doch ahnen --
+
+Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten.
+
+Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht.
+
+-- Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim.
+
+-- Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in's Wort.
+
+-- Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen.
+
+Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim
+ein.
+
+Er hat ihn gefunden! Unglaublich!
+
+-- Leicht war's ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht
+war's ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war
+erstaunlich groß. Aber nun halt' ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er
+ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die
+ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung
+ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.
+
+-- Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach
+Titschi den Strom der Rede.
+
+-- Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte.
+Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn -- --
+
+-- Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele
+flüchtig.
+
+-- Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll.
+
+-- Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen
+Wort, wie Minus sagt.
+
+-- Minus! Ihn hast Du?
+
+Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war
+auf's Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch
+that ihm weh vor Ungeduld.
+
+-- Nachdem ich das Atom -- --
+
+-- Das Atom! Hört, hört!
+
+-- Das Atom!
+
+-- Das Atom?
+
+Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich's im Voraus denken können. Aber
+immer auf's Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und
+Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender!
+
+Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: -- Hoheiten, das Atom ist der
+Anfang aller Dinge, lassen wir's dem guten Bim, damit er auch an das Ende
+der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen.
+
+Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht
+um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten.
+
+-- Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des
+Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als
+das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu
+Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was
+ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung
+des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes.
+
+Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter
+die Bettdecke.
+
+-- So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner
+Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund.
+
+-- Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn,
+musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber
+gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. Sieh hier
+unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen
+Ao, er ist krank, und ich selbst -- --
+
+Ao lächelte schwermüthig: -- Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr
+krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt
+seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe!
+
+Titschi kroch aus dem Bette: -- Weißt Du, was inzwischen in Teuta und
+seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum
+weiltest?
+
+-- Nun?
+
+-- Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren?
+
+-- Minus? Er ist eingetreten in's große Mysterium? Ist er das?
+
+-- Woher weißt Du das, Bim?
+
+-- Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein
+Versprechen erfüllt.
+
+-- Ja, das hat er.
+
+Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen,
+das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:
+
+-- Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?
+
+-- Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu
+machen.
+
+-- Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi.
+
+-- Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts.
+
+-- Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend.
+
+-- Nein, hoher Oberpriester.
+
+-- Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre
+ein.
+
+-- Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine
+Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen.
+Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.
+
+Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte
+sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das
+Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch
+ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was
+kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe
+kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle
+zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre
+wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere
+war er, so wenig sie's auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese
+Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt,
+der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit?
+
+Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern
+nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken.
+
+-- Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.
+
+-- Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk führen wir auch über die
+festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit
+einem schiefen Blick nach Titschi.
+
+-- Natürlich führen wir's drüber hinweg. Worüber führten wir's nicht
+hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein!
+
+Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim?
+
+Es herrschte tiefe Stille.
+
+-- Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken
+auf.
+
+Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem
+Fahrstuhl liegend.
+
+-- Lebendig und todtbeglückt grüß' ich Euch.
+
+Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd.
+
+-- Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.
+
+-- Das überleb' ich nicht, röchelte Ao.
+
+Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes
+Stück.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er
+zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der
+Luftgondel fand.
+
+Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm
+vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk.
+
+Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder
+erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine
+Wiedergeburt zu neuem Leben.
+
+Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke.
+Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß
+nicht Alles unbeschädigt geblieben.
+
+Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder
+aufgebrochen und blutete ein wenig.
+
+Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine
+Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem
+blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt
+des geliebten fernen Weibes.
+
+Jala! Die Seelen grüßten sich.
+
+An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder
+auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und
+Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte.
+
+Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von
+solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte
+der Körper.
+
+Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still,
+fremd, beschwichtigend.
+
+Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine
+herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und
+Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles
+durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft.
+
+-- Jala, wo weilest Du? Wo ich?
+
+Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel.
+
+Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er
+schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein
+konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu
+ahnen. Grege lächelte.
+
+Freiheit! Hoffnung! Jala!
+
+Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich
+trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören.
+
+Freiheit! Hoffnung! Jala!
+
+Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung.
+
+Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der
+Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden
+aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie
+der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der
+Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so
+wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.
+
+-- Jala!
+
+Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich
+stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der
+räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden
+Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen
+Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel
+entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen?
+
+-- Jala!
+
+Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein
+Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land
+der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel
+allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im
+letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das
+Andere, entschieden Nichts.
+
+Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln.
+
+Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und
+Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen
+Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von
+gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich
+alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen
+in wilder Gebirgsart -- --
+
+Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den
+Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich
+zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib
+unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.
+
+-- Grege! Grege!
+
+Es war Jala's Stimme. Wahrhaftig, sie war's. Ihr Ruf hallte über Berg und
+Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie
+Flötenton.
+
+-- Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich
+suche dich, Grege, Grege!
+
+Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu
+suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile,
+bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die
+Gipfel, an die Wolken -- --
+
+-- Grege! Zu Hilfe! Rette mich!
+
+-- Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du
+wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala,
+hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm'
+doch, komm' -- -- komm' herab zu mir -- -- --.
+
+Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie
+ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der
+Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in
+unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein
+Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern
+ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen.
+
+Vergebens.
+
+Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen
+ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!
+
+Noch einmal war's ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr
+verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen,
+hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten
+der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt
+zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer
+ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen
+Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in
+majestätisch düsterem Gewoge.
+
+Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war
+steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein
+Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit.
+
+Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und
+den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die
+kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht
+nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte
+er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem
+feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit
+stattgefunden.
+
+Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige
+Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta
+hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen
+Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten
+Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende,
+unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit
+Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material
+für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet.
+
+Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige
+Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde
+entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so
+intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven
+ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem
+haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über
+dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen
+weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten.
+
+Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein
+Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so
+viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine
+reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in's Innerste
+davon getroffen war.
+
+Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem
+Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine
+Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in's Auge.
+
+Grege nickte ihm zu.
+
+-- Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich
+begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben
+Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder
+schickt Dich Jala mir als Bote?
+
+Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in's Gesicht, schüttelte
+eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als
+wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich
+finden. Mach' nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und
+Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also
+vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach' Sprünge wie ich! Und hinter Dir
+steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig -- siehst
+Du denn nicht?
+
+Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und
+blickte rückwärts.
+
+-- Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den
+Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen.
+
+Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie
+auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine
+grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes
+Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen
+Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem
+Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung
+strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem
+eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen
+Feueraugen voll sprühender Gewalt!
+
+-- Angelos? Wohnen hier Angelos?
+
+Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den
+Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und
+Worte auffangen.
+
+-- Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos.
+
+Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die
+mächtigen Pratzen auf die Schultern.
+
+-- Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.
+
+-- Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du
+fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus.
+Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte.
+
+Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege
+und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter.
+
+Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem
+allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte,
+gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes,
+daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder
+sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und
+doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen
+des Hundes.
+
+-- Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund.
+
+-- Hier! Sie reichte ihm die Hand. -- Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du
+müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen?
+
+Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er
+gekommen! Durch die Luft!
+
+Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka.
+
+-- Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem
+abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das
+meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen.
+Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen
+gekämpft?
+
+-- Ja, Maikka, das hab' ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch
+und trage keinen Streit in die Welt.
+
+Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen
+sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm
+selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes.
+
+-- O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den
+Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen?
+
+-- Grege heiß' ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du's.
+Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur
+meiner Freiheit hab' ich mich gewehrt.
+
+-- Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?
+
+-- Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich,
+gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich?
+
+Maikka lachte: -- Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika
+heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig
+anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o
+Teuta!
+
+Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen,
+aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug
+seine vergnügtesten Töne an.
+
+-- Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta?
+
+-- Davon und von vielem Anderen später. Willst Du mein Gast sein? Ich führe
+Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du
+schwimmen?
+
+Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als
+vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das
+Schwimmen in großen unterirdischen Bassins.
+
+-- Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner
+Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes
+Land kennen lernen, Teutamann Grege.
+
+-- Gute Leute hoffe ich.
+
+-- Gewiß.
+
+-- Was lieben die Leute in Nordika?
+
+-- Nichts, Grege, und Alles -- was Liebe verdient.
+
+-- Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben
+sie Respekt?
+
+-- Vor nichts, Grege, und vor Allem -- was Respekt verdient.
+
+-- Merkwürdig, Maikka.
+
+-- Jawohl, Du wirst schon sehen.
+
+Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen
+Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger
+spürte.
+
+Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er
+die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte,
+machte er einen hohen Satz.
+
+-- Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet
+hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht.
+
+-- In Teuta!
+
+Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und
+Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer
+Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch
+nehmen.
+
+-- Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist
+hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus
+die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem
+Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde
+spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist.
+
+Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an.
+
+-- Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist
+Du sehr geübt in Muskelarbeit?
+
+Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange
+mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche
+Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von
+Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer
+kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt.
+
+-- Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du
+rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land-
+und Wassermenschen, nach Belieben, Grege.
+
+Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille
+schimmernde Nacht.
+
+All' seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes
+Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen
+Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen
+Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer
+sozusagen.
+
+-- Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit
+aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer
+wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung
+seines Teutalandes zu begegnen.
+
+-- Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege?
+
+-- Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen
+unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der
+Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen.
+
+-- Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher,
+schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen
+nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit
+ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle
+Arme. Da fühl' einmal her!
+
+Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als
+Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die
+herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den
+Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit
+mächtigem Sprung durch die Luft.
+
+-- Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka.
+
+Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser.
+
+Grege stand unentschlossen.
+
+-- Nun? Mein Gast hat die Wahl!
+
+-- Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant
+ausweichend.
+
+Maikka schlagfertig: -- Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du
+darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das
+Boot noch vor uns her. Mir nach!
+
+Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift
+und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt -- und
+platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und
+nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede
+Bewegung.
+
+-- Herrlich, herrlich! Flink, Grege!
+
+Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie
+flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast
+besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine
+Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen
+pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm
+kicherte und schlängelte, wogte und wiegte die Nixe in den schönsten
+Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich
+hertreibend.
+
+Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe
+spürte. Dann war's ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite
+über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm.
+Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen
+Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen
+und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz.
+
+Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes
+erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich
+würgenden Nixenarmen erstickt.
+
+Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich -- und sein Bellen schallte
+wie Siegesruf.
+
+Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu
+empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen
+nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das
+Zweckmäßige.
+
+Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon
+in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte
+sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre
+Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler.
+
+-- Und nun rasch in's wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles
+bereit?
+
+Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften
+Schritten Maikkas folgend.
+
+Was war das für eine Welt?
+
+In Teuta gab's für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen
+Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die
+Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der »offenen
+Zeit« gab's Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen
+Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit
+Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der
+Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für
+sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit
+dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.
+
+Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für
+sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte.
+Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich
+heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf,
+wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort
+zu thun hatte.
+
+Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller
+Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf's Blut zuwider. Aber was
+wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und
+glücklich unter der aufgezwungenen Regel -- und sich zu preisen schätzte es
+nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das
+bevorzugteste Volk der Zivilisation!
+
+Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast
+Grege führte?
+
+In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach,
+reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in
+all' seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft -- wie schmolz das
+ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem
+Himmelreiche!
+
+Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen
+Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße
+Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden
+schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste
+allein.
+
+-- Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und
+bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind
+sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in
+Nordika, Grege. Und nun setz' Dich zu mir und iß!
+
+Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln.
+
+Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den
+Früchten, einem Stückchen Backwerk und schänkte sich von dem süßen Saft
+einen Schluck in sein Glas.
+
+-- Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich.
+Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?
+
+-- Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur.
+
+Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf
+und rückte ihren Sitz näher dem seinigen.
+
+-- Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist
+Du ein freier Mann in einem freien Lande.
+
+-- Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet.
+
+-- Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln.
+
+Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang.
+
+-- Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen
+erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch
+nach Fox und meinen Thieren sehen.
+
+-- Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also
+bist Du Lehrerin?
+
+-- Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse
+erzählst Du mir morgen.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht.
+
+Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst schüttelte ihn eine
+wüthende Sinnlichkeit, dann klärte sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht
+nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun
+ihres Verlassenseins Kummer bergen?
+
+Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wüßte, die Getrennten
+einander nahe zu bringen? Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte
+stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die kluge Lehrerin nicht
+eine Nothhelferin werden?
+
+Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer
+Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen.
+
+Ja, ja, ja.
+
+Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über seine Seele, und behaglich
+streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein
+neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen.
+
+Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen Träume, löschten die
+himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und
+wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff und warfen
+ihn schließlich in den See. Alles schien für ihn verloren in gräßlicher
+Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen
+Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die
+Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens -- --
+
+Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten Schlaf.
+
+Das war das Morgenlied.
+
+Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glückliche Narr der
+Träume.
+
+Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit
+mächtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie
+Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür her tönte
+eine glockenhelle Stimme: -- Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein
+will!
+
+Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel.
+
+Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom
+Lager. Er strich über die Knie, er strich über die Waden, er befühlte die
+heile Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit
+beiden Händen über die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel.
+
+Wie klang's?
+
+»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
+
+Und wessen Stimme war's?
+
+Ja, ja, Maikka's Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin
+dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen?
+
+Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck.
+In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte
+er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weißen, weiten,
+weichen Mantel. Er ging zur nächsten Thür, im Gehen den Mantel um sich
+nehmend. Er öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen
+Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, wie gestern, erwarten ihn,
+ihm ihre Dienste schweigend zu leisten.
+
+Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams
+und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen,
+sie wissen von nichts.
+
+Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die
+Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne
+fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach.
+
+Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten
+Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos.
+
+Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In
+dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet,
+die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine
+sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch
+so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes,
+Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht
+Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.
+
+Grege steht immer noch, von all' den überraschenden Eindrücken erfüllt --
+aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu
+erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam
+mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur
+empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist
+doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo
+ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will?
+
+Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die
+sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um
+seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit
+der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die
+Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch
+schlüpfe?
+
+Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den
+kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß -- Blumen, so schön
+und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das?
+Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war
+chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige
+Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form
+herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel
+Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod
+von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen
+Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für
+ihn nicht gelten?
+
+Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen
+Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege
+des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von
+überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle
+keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird
+dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten
+Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber
+hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde?
+
+Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand.
+
+Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes
+Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht
+unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als
+in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta's Staatsweisheit
+vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider
+vorenthalten?
+
+Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht?
+
+Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist
+in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.
+
+Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist
+leer.
+
+Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen.
+
+In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der
+gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm,
+ihnen zu folgen.
+
+Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht
+zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor.
+
+Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber
+doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich
+unheimlich wurde.
+
+Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum
+gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der
+Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute
+nicht persönlich um ihren Gast?
+
+Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als
+Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war's nicht Greges
+eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen?
+
+Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen
+Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und
+hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen
+konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom
+sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender
+Linie.
+
+Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht
+Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging's
+im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben,
+ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen,
+zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen!
+Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog
+auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts!
+
+Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete,
+seine Haut wurde schweißwarm.
+
+Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer
+Reihe.
+
+Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich.
+Nun zählte der Andere: eins, zwei -- drei!
+
+»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
+
+Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung
+an die letzte Nacht durch den Kopf?
+
+Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen,
+hüpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele
+erschien, war der junge Mann aus Teutaland.
+
+Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite,
+lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im
+Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei
+Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften.
+
+Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten.
+
+Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in
+dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer
+Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der
+Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat.
+
+-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand.
+
+Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der
+merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein
+Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch
+fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begnügte
+sich mit einer stummen Verneigung.
+
+Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt.
+
+Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was
+thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier,
+außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt?
+
+Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab.
+
+-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist
+würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden.
+
+Grege nickte höflich.
+
+Maikka fuhr fort: -- Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im
+Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege!
+
+Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen
+Sprühen der dunklen Augen begleitet.
+
+Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon
+einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so
+gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er
+noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm
+in diesem »freien Lande« Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit
+fortgerissen.
+
+Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich,
+jedoch ohne die Reihe aufzulösen.
+
+Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge
+mit ausgeführt, auf Grege zu: -- Wie gefällt es Dir?
+
+Grege: -- In Teuta hätte mich's verrückt gemacht.
+
+-- Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's
+Wort.
+
+Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz
+vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte
+der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt
+wurde.
+
+Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft
+schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so
+jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen:
+
+ Frisch, frei und froh, mein Kind!
+ Dein Sinn sei leicht wie der Wind,
+ Dein Muth bewährt wie Gold,
+ so bleibt das Glück dir hold --
+ Trala, Dir hold, trala, Dir hold.
+
+ Fest in Treue stets geschlossen
+ Sind wir stolzen Volkes Sprossen
+ Dir in Liebe zugewandt,
+ Nordika, heiliges Vaterland --
+ Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
+
+Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der
+feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit
+gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie
+selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge
+entzückte.
+
+Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen
+Schlägen:
+
+ Nordika, heiliges Vaterland!
+
+Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den
+Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über
+dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter
+Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende
+
+ Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
+
+ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser
+alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er
+seither keine Ahnung gehabt.
+
+In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort
+galt nur der Begriff vom »Staat« und »Reich« als eines künstlich
+aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals
+das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden
+Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit,
+die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche
+Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern
+und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen
+Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von
+Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute
+hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich
+keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil
+Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur
+mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur
+verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.
+
+Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig
+erschüttert und todtbetrübt zugleich.
+
+-- Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf
+ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu?
+
+Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: -- Nie hätte ich das
+geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.
+
+Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter
+Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie
+von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit.
+
+-- Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntniß? Bist Du
+je bei uns gewesen?
+
+Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: --
+Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten
+Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß
+von Teutaland.
+
+Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten
+Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre
+Lippen.
+
+-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit
+fünf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen.
+
+Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und
+entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle,
+hinaus in's Freie.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.
+
+Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte:
+-- Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das
+ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.
+
+Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge.
+
+Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln.
+
+-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte?
+
+-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.
+
+-- Lass' hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
+
+-- Eine Erinnerung.
+
+Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede für sachliches
+Nichtwissen.
+
+-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.
+
+-- Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege:
+Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
+
+-- Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.
+
+-- Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und
+kapitalistischen Metallzeit?
+
+-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig
+zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.
+
+Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: -- Für Nordika gilt
+das wohl nicht.
+
+-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem
+großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere
+Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab
+schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie
+kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein
+Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen
+Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser
+furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich
+blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und
+durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte.
+
+-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million
+Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler.
+
+Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf
+Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit
+Dir kann man reden. Hör' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch
+zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr
+doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet
+Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen
+kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör' mal, Grege,
+hör' mal!
+
+-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?
+
+-- Wär's möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig
+Empfindung hättest?
+
+-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an
+Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland
+geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen
+Eindrücken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein,
+das weit hinter mir liegt?
+
+In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand
+auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstieß: -- In Teutaland
+verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine
+eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für
+ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen
+setzt?
+
+Grege zuckte zusammen.
+
+-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert.
+Grege, begreifst Du das nicht?
+
+-- Ich beschwöre Dich, Maikka!
+
+Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und
+Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz.
+
+-- Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich muß
+Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen.
+
+Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er
+vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender
+Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit
+Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen
+Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet.
+Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen
+Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern
+und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und
+ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in
+Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit
+Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole
+willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des
+Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas
+hinwirft -- --
+
+-- Halt ein, Maikka!
+
+-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger,
+Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle
+Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle
+Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der
+Millionenstädte -- --
+
+-- Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende,
+Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten
+nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen
+Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle
+begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich,
+Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?
+
+-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland
+keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und
+stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.
+
+-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!
+
+Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte
+ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen
+haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im
+Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!
+
+Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen
+eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten.
+Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem
+Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein
+seltsamer Rumor.
+
+Er zwang Maikka zum Stillestehn.
+
+-- Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?
+
+-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten
+Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und
+dann Deine Thränen -- weiß ich's? Das hat mich eben erregt und außer mich
+gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaßen!
+
+-- Mit mir wohl auch nicht.
+
+-- Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein.
+
+Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte.
+
+-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an
+den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?
+
+-- O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie
+hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen
+Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht!
+
+-- Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand
+haben, Maikka!
+
+-- Freilich. Den größten und höchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und
+Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die
+Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das
+Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal
+den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig,
+nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der
+Dinge?
+
+-- Wir nennen's in Teuta das Mystische.
+
+-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische!
+
+-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und
+trägt?
+
+-- Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische!
+Nicht im Mindesten kümmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir
+erlauben uns das, Grege.
+
+Und nun lachte sie wieder.
+
+-- Warum leben wir eigentlich, Maikka?
+
+-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach.
+
+-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?
+
+-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag's in der Hoffnung,
+daß es mir wieder gefällt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne.
+
+-- Mit und ohne, was heißt das?
+
+-- Mit und ohne Gefallen. Aber hör' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm!
+
+-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die
+schönsten Kinderträume zurückführen könnte.
+
+-- Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft
+mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!
+
+Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er
+wollte oder nicht.
+
+-- Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du,
+sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!
+
+-- Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem
+Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter
+kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich!
+
+-- Nun?
+
+-- Ist so verschattet, daß ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie
+eine alte verblichene Handschrift.
+
+Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man
+nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt
+daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da,
+für uns nicht da. Was soll's uns also?
+
+-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich's auch nicht, was in
+unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben.
+Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt,
+wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob
+wir's wissen und wollen, oder nicht?
+
+-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann
+hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige
+Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau' mich an, Grege: Bin ich
+stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?
+
+Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte
+von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die
+Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden.
+
+Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild
+lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht
+vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er
+konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer
+neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht
+einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut,
+zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.
+
+-- Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als
+Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!
+
+-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich!
+Nordika hat nichts dagegen.
+
+Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.
+
+Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.
+
+-- Mir nach! Hier ist Nordika!
+
+-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. --
+Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man
+in Teuta auch nicht. Armes Teuta!
+
+In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der
+schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger.
+Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine
+Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen
+Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so
+schlaff -- --
+
+Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne.
+Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte,
+reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen,
+von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen
+sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das
+Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von
+Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und
+anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und
+Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.
+
+-- Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem
+Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling
+um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege?
+
+-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da
+versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von
+ihrer Insel -- --
+
+-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?
+
+Grege verneinte mit Kopfschütteln.
+
+-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt,
+wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder
+vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser
+sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder -- was weiß ich!
+Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont
+abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen
+Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika,
+immer Nordika.
+
+-- Wie ein einziger Körper!
+
+-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper.
+
+Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie
+zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.
+
+-- Wie ein Körper, Du hast's verrathen. Und verräthst Du auch wie wir's
+machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir
+uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen?
+Erräthst Du's?
+
+-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften,
+denk' ich.
+
+-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wäre uns zu
+mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn
+Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns,
+als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den
+menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie
+Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen
+Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder,
+der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er
+weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder
+Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen
+Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der
+Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine
+Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?
+
+Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun
+auch lachen mußte.
+
+-- Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land
+sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.
+
+Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte
+und horchte auf.
+
+-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt
+befinden?
+
+Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen.
+
+Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen.
+
+Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen
+Augen, daß es Maikka durchbebte.
+
+Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.
+
+Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?
+
+Nein, noch nicht.
+
+-- Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?
+
+Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er
+im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: -- Ich wüßte nicht, aber --
+vielleicht doch.
+
+-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.
+
+-- Nach Sternbildern.
+
+-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt?
+
+-- Im Morgenstern, Maikka.
+
+-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wäre, Grege!
+
+-- Wieso?
+
+-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!
+
+Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch
+lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen
+Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem
+einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!
+
+Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt
+über die schöne Deutung.
+
+Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit
+ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle
+Sternbilder.
+
+Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.
+
+-- Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.
+
+-- Auf der Jagd.
+
+-- Auf der Jagd?
+
+-- Ja.
+
+Neues Schweigen.
+
+-- Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen
+zögernd.
+
+Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind
+alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich
+-- und das ist unser neuer Sinn.
+
+-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.
+
+-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der
+Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich,
+da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.
+
+Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika
+die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz,
+nicht Satte und Hungrige -- --
+
+-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist
+eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden,
+Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.
+
+-- Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer
+die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt?
+
+-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute
+Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im
+Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen
+und halte Dich brav! schloß sie lachend.
+
+-- -- --
+
+Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus
+dem ein freundliches Haus schimmerte.
+
+-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst
+mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten.
+Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du
+zögerst?
+
+Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.
+
+-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?
+
+-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.
+
+-- Du hast doch gefrühstückt?
+
+-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem
+Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im
+Freien gab.
+
+Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem
+Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere
+Frauen und Männer.
+
+Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre
+dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das
+Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie
+erhaschen können.
+
+Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas
+Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen.
+Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu
+erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf
+einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein
+gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um's Andere. So gab's auch
+keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein
+Anderer schweigend und gesammelt herankam.
+
+Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier,
+Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines
+starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich
+Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer
+persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer
+mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender
+Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten
+Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen
+Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier
+Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von
+jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden
+Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften
+Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.
+
+Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen,
+das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit.
+Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den
+Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so
+mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich
+erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine
+rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus
+genommen. Womit wollte er's begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine
+Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht
+unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse
+hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder
+Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts
+und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner
+Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische
+Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt?
+
+Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun
+und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das
+heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und
+Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm
+heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten
+Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen.
+
+War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in
+sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und
+Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft,
+umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in
+seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen
+seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen
+Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem
+bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland
+überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude
+den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte
+Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten
+überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen,
+als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?
+
+Und wie war das Alles so geworden?
+
+Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hören, was in der
+Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.
+
+Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht
+dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern,
+sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten
+Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im
+Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem
+heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des
+kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine
+Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die
+nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß
+zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen
+und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine
+hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit --
+daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das
+Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in
+dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu
+Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich
+und die Anderen erquickt.
+
+Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die
+Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan
+und den größten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten
+Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die
+phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und
+Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten
+Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der
+Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten
+Gärtnerinnen getheilt.
+
+Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und
+Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen
+Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen
+Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die
+einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die
+praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso
+viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.
+
+In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt
+ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als »Hoheit Oberlehrer« im
+»obersten Rath« und hütet den »heiligen Wortschatz« -- und nie dürfte ein
+Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche
+Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder
+es wartet ihrer der »große Fluch« der Verdammung zu »ewiger Verhöhnung«
+beim Zarathustra-Feste!
+
+Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und
+die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka
+stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach
+vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie
+manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit
+eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die
+Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka
+nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und
+sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute,
+nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache
+ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der
+Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die
+hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen
+Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen,
+theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie
+gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die
+Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn
+zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der
+Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und
+ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der
+Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die
+Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des
+Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so
+rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter
+die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder
+rettet sich wie er mag.
+
+-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über
+die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.
+
+-- Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen
+wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich
+doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren,
+Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine
+Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit
+der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht
+beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben.
+Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude
+jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den
+Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die
+ständigen Schüler.
+
+-- Auch Werkstätten, Spielräume?
+
+-- Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu
+lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht,
+sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.
+
+-- Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich
+meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu
+behalten.
+
+-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das
+ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in
+Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt
+nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar
+lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder
+überladen vor.
+
+-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als
+beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch
+all' die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den
+Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr
+vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?
+
+-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben
+führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend
+Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so
+noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit
+gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter.
+Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles,
+wußten Alles -- nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein
+Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine
+Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in
+Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die
+weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der
+Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde
+Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles
+überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.
+
+-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas
+Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den
+Ohren, vor den Augen und --
+
+-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so
+erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.
+
+-- Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem
+er sinnend stehen geblieben.
+
+Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem
+Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern,
+Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch
+schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige
+Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für
+diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu
+thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben
+ohne Harm und ohne Falsch.
+
+Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die
+sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen
+Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine
+große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in
+seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten
+Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie
+ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein
+Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei
+nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen,
+Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu
+unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen
+Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute
+die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch
+im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und
+seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu
+verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in
+natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken
+gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen
+herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?
+
+Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren
+Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter
+sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin-
+und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit
+den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen,
+blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen
+der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fältchen oder Runzelchen
+oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies.
+Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter,
+vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben
+erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr
+unmöglich geben.
+
+-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär's
+möglich?
+
+-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen
+nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt's keine
+alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei
+Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.
+
+Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.
+
+-- Nein, mein Schüler, hör' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der
+Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob
+männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls
+gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr
+Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene
+Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts.
+Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und
+Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo
+er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube
+mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch
+verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines
+Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg
+eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart,
+Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden
+Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben,
+andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja
+selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen
+verschiedenartigen Ideenkreis.
+
+-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in
+voller Freiheit.
+
+-- Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und
+dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder
+den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.
+
+-- Ja, sehr.
+
+-- Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem
+Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle
+echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.
+
+-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich
+die Vorträge in Euren Volkshochschulen?
+
+-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes,
+dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.
+
+-- O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta.
+
+-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie,
+Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten,
+in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen
+werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen
+allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache
+von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich
+ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam,
+auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist
+natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig.
+Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die
+Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo
+einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum
+»Existenz-Minimum« gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für
+Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht
+und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine
+blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute
+hier oben beten unsere Heimath an!
+
+Grege schritt still, gedankenvoll.
+
+-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur.
+Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn
+er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der
+Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne
+Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt
+oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig
+hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so
+bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der
+Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie
+genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst
+Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbändig.
+
+-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.
+
+Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war
+wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der
+Flammenzone.
+
+Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo
+Jala's Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in
+die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner
+Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen
+Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen.
+
+Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen
+und Zeigefinger.
+
+Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht.
+
+-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du -- oder bist Du hungrig?
+
+-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe,
+wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie
+ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.
+
+Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des
+schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie
+hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der
+Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten
+Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das
+schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?
+
+Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe,
+breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und
+überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine
+nackten Glieder laufen fühlte. War's wirklich nur die Schattenkühle, was
+ihn erschauern machte?
+
+In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.
+
+-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka
+und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine
+und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig
+geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib
+in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er
+neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler
+Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende
+Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen
+schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen;
+denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das
+Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden
+aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen,
+daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland
+der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin
+in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und --
+sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen
+überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von
+Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren
+spritzte.
+
+Grege eilte, eilte --
+
+Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr
+Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm
+mit bebenden Nüstern zu: -- Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du
+wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn,
+in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du -- Dich!
+
+Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu
+plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen,
+zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte,
+stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken
+Nacken: -- Halloh, Maikka!
+
+Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die
+Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den
+Fjorden lag:
+
+-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar
+sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die
+abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die
+vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff!
+Wiking, los!
+
+Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.
+
+Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne
+Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die
+dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen
+Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.
+
+Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu
+erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala -- daß sie
+blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu
+machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören.
+
+Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.
+
+Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges
+Lächeln.
+
+Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand
+sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht
+auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die
+Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und
+Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas.
+Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß!
+
+Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein
+verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich
+vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine
+geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile
+mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich
+zuwider war.
+
+Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem
+Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein?
+Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll
+Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein
+Inhalt?
+
+Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.
+
+Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern
+gestanden.
+
+-- Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.
+
+Grege schüttelte unmuthig den Kopf.
+
+-- Du sehnst Dich von hier fort?
+
+Er schwieg.
+
+-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos
+kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.
+
+Grege wehrte heftig ab.
+
+-- Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen
+möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif
+dafür. Willst Du nach Teuta zurück?
+
+Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck
+an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.
+
+Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung.
+Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.
+
+Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte.
+
+-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter
+und Früchte sieht man selten.
+
+Grege bejahte stumm.
+
+-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden.
+Vielleicht das Klima sogar milder.
+
+Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte
+bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke
+abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub.
+Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und
+Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den
+Zaun.
+
+-- Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika?
+
+-- Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.
+
+-- Und Ihr eßt von Allem?
+
+-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das
+Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht
+wahr?
+
+-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?
+
+-- Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.
+
+Sie schöpfte tief Athem.
+
+Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen.
+
+-- Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine
+Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine
+ich.
+
+Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!
+
+-- Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr
+Humor, Maikka.
+
+-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.
+
+-- Nenn' ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.
+
+-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen
+und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im
+Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus!
+
+-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie
+mit solchen Gesprächen erfüllen.
+
+-- O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben.
+Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer
+Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und
+gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist
+ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar
+kein guter.
+
+Grege fuhr auf: -- Respekt!
+
+-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer
+Staatsgrundgesetze.
+
+Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer,
+hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie
+einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab's
+einen Zehner.
+
+Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.
+
+-- Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt,
+Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche
+Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will
+einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem
+Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des
+großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes
+botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und
+hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur
+Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren,
+die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen
+Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige
+Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten
+persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als
+Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich
+als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen
+war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo
+man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am
+Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm
+begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege,
+hör' mich ohne Zorn an: Achtest Du's für ausgeschlossen, daß Du der
+Abkömmling -- eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein
+könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte
+Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du
+Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach
+zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte
+Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.
+
+Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase
+schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.
+
+-- Duftlos, lächelte er.
+
+Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: --
+Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir
+künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt's ja
+nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt,
+kann's zu statten kommen.
+
+Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte
+Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich möchte
+wissen, Maikka, giebt's auch Blödsinnige in Nordika?
+
+Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann
+betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie
+der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.
+
+-- Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.
+
+-- Taubstumme?
+
+-- Ich vermuthe.
+
+-- Blinde?
+
+-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?
+
+-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.
+
+-- Ja, Grege.
+
+-- Wo sind diese Bedauernswerthen?
+
+-- In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords.
+
+-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?
+
+-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund
+draußen.
+
+-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?
+
+-- Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil
+wenigstens.
+
+Eine große Bewegung erfaßte Grege.
+
+-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche,
+nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?
+
+-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte.
+
+Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen
+seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen
+und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung
+tapfer nieder.
+
+-- Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag' doch!
+
+-- Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen
+Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.
+
+-- Sonderbar, sonderbar.
+
+-- Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert,
+Grege? Dies findest Du sonderbar?
+
+-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am
+großen Fjord einmal zeigen?
+
+-- Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche.
+
+-- Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl
+schwer?
+
+-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?
+
+-- Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur
+Last fallen?
+
+-- Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun
+einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist
+fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt,
+möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum
+ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt,
+Grege.
+
+-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams
+auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich.
+
+Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen,
+und drückte sie innig.
+
+Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.
+
+So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken.
+
+Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte
+einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine
+einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und
+Färbung.
+
+Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne,
+er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah
+gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar
+beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: -- Er
+ist schön, glühend schön, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen
+feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen.
+
+Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.
+
+Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! über ihre
+verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell.
+
+-- Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka?
+
+-- Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und
+das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite.
+Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du.
+
+Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte.
+
+-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?
+
+-- Wir kutschiren, Grege.
+
+-- Wie ist das?
+
+-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor,
+ein recht flinkes.
+
+-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.
+
+-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge
+Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.
+
+-- Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.
+
+-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich!
+Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den
+Aengstlichen.
+
+-- Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht?
+
+-- Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend
+ist. Sieh' mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische
+dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns
+Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und
+Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du
+wirst hüpfen vor Freude, glaub' mir, Grege.
+
+-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung
+bin ich gar nicht gewohnt.
+
+-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das
+nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind
+sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was
+wir unternehmen?
+
+Grege lachte.
+
+-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.
+
+Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem
+eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte
+Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.
+
+Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen
+Birken umbuscht, gar still und heimlich war.
+
+-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.
+
+-- Nun?
+
+-- Sie sind müde und hungern nach Ruhe.
+
+-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die
+armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel.
+
+Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine
+nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten,
+Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um's andere und schlug lachend
+mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte.
+
+Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.
+
+-- Hör' auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt's.
+
+-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb' mich auf. Und nun
+vorwärts!
+
+Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen
+Augenblick an seiner Brust lag.
+
+-- Maikka, was müssen die Leute denken!
+
+-- Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's
+übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.
+
+Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb,
+duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu
+einem Häufchen.
+
+Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, über mich
+hinüber! Eins, zwei -- drei!
+
+Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung
+war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib
+hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.
+
+Sie sprang auf, klatschte in die Hände: -- Himmlisch! Aber jetzt müssen wir
+ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb,
+Grege?
+
+-- Ist das vernünftig geredet?
+
+-- Enorm, wenn Du ja sagst.
+
+Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg,
+eine piepsende Maus im Mäulchen.
+
+-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.
+
+-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.
+
+-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was
+unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's
+interessant.
+
+Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und
+packte seinen Kopf und drückte ihn nach links.
+
+-- Was ist das dort, Grege?
+
+-- Ein Haus.
+
+-- Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus?
+
+-- Ein Dach, Fenster, eine Thür.
+
+-- Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein.
+
+-- Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür.
+
+-- Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen
+Meister und korrigirt ihn.
+
+-- Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.
+
+-- Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich
+denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein!
+Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja
+nicht. Also!
+
+-- Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.
+
+-- Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du
+verzauberter Prinz aus Märchenland.
+
+Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer
+Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der
+gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und
+hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: -- Gieb mir einen Kuß. Ich
+verdurste.
+
+Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn.
+
+Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit
+ihren Lippen und saugte sich daran fest.
+
+In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie
+aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete.
+
+Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der
+Stelle von Jalas Stern.
+
+-- Du bist eine Wilde, knirschte er.
+
+-- Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh
+gethan.
+
+-- Wer wohnt in dem Hause?
+
+-- Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen?
+Dann komm! Heb' mich auf, ich bitte Dich.
+
+Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch
+die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder.
+
+Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber
+und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick
+wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren,
+auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber
+einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer
+gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von
+blendendem Weiß.
+
+-- Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich
+werde Dich auch malen.
+
+-- Aber nicht so.
+
+-- Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz'
+Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?
+
+Er bejahte und verneinte zugleich.
+
+-- Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden
+Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn
+verschlingen.
+
+-- Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.
+
+Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und
+küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen.
+
+Und Grege ließ sie gewähren.
+
+Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der
+Welt.
+
+Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und
+Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da
+zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der
+Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger
+Betäubung kaum mehr erwachte.
+
+Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel
+wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch
+den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube.
+
+-- Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie
+daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich
+die Wirthin machen.
+
+Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen
+Pfefferkuchen zurück.
+
+-- Hier, Grege, lass' Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so
+glücklich gewesen. Und Du?
+
+Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas
+Händen den Krug und that einen tiefen Zug.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. Das Wetter verbot jeden
+größeren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme,
+die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in überschäumender
+elementarer Gewalt.
+
+Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte,
+einmal systematischen Studien in der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm
+nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die
+allein zu einem eindringenden Verständniß den Weg bahnen kann und mit dem
+Verständniß die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege erhält. Grege
+fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller
+wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre
+wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele unschätzbar werthvolle
+Jugendjahre mußte er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken,
+das der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen
+als alleinwissenswürdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über
+die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fühlte
+er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von
+dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und
+wüst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in
+gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch über die Ahnung, daß
+das nicht das Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres,
+Fröhlicheres geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht
+nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß wurde dem jungen Volke mit der
+pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das Neue ist das
+Gefährliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt
+geworden, also haltet Euch an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der
+überlieferten Kulturideale und Kulturschätze schon noch an Euch verspüren,
+auch wenn sich Euer unreifes Gefühl jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf
+denselben Wegen vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen sind,
+alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, Zucht und Sitte, für den
+Bestand des Staates, der für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein
+muß auf der Welt. So will's unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste
+Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegründet. Will das Ei
+klüger sein als Henne und Hahn?
+
+Gluckgluckgluck, zippzippzipp --
+
+Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die
+anmaßliche Frechheit und lebensmörderische Aufschneiderei seiner
+Teuta-Autoritäten gedachte. Na, auch diese Ilios wird stürzen.
+
+-- Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nähe saß und
+emsig ihren nächsten Vortrag vorbereitete.
+
+-- Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, verödeten Kopf hättest, Du
+würdest noch Anderes thun.
+
+-- Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder herzurichten und urbar zu
+machen suchen. Ich würde die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in
+Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst
+Deine Welt noch erobern, glaube mir!
+
+Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und
+geistesmächtig, so willensstark, so unerschütterlich selbstständig. In
+ihrer unmittelbaren Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, und war doch
+voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war
+ihr zugleich Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles
+brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natürlich aus
+einem innerlichen Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt.
+
+Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berührt wird, der kommt
+nimmer los.
+
+-- Nimmer los? rief's wie ein fernes, müdes Echo in seiner Brust.
+
+Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt
+das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es
+ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, und kann doch sich
+nicht aufschwingen und in seiner eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er
+mag. Sie befreit und lähmt zugleich.
+
+-- Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und müder.
+
+Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt saß, glaubte er doch
+zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spüren.
+
+-- Was sagtest Du, Meisterin?
+
+-- Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche
+Meer. Nur ein träumendes Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand
+ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser
+getrunken, den wird ewig dürsten.
+
+-- Und was arbeitest Du jetzt?
+
+-- Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung
+durch Pflanzen gehört?
+
+Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht,
+davon gehört oder darüber nachgedacht zu haben.
+
+-- Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr
+durch die Thierwelt wirst Du gehört haben? Auch davon nicht?
+
+-- Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus
+nachtüpfeln könnte?
+
+Maikka lachte kurz und schrieb weiter.
+
+-- Liebe Meisterin, wenn's nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir
+verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische.
+
+-- Unsinn. Du bist jetzt in Nordika.
+
+-- Gut. Also wie ist's damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere
+zunächst!
+
+Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein
+wenig steif geworden waren.
+
+-- Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden
+Kreidefelsen an der Küste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen
+oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind?
+
+-- Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, da ich das Alles noch
+niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin?
+
+Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb mitleidig.
+
+-- Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht
+Abbildungen davon gesehen?
+
+-- Gestatte, daß ich verneine.
+
+Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen
+Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel.
+
+-- Such' Dir selbst das Nöthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den
+ursprünglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde
+Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren
+gebaut, und die Küsten der Angelos bestehen zum größten Theil aus den
+Kalkgehäusen der mikroskopischen Foraminiferen.
+
+-- Foramif -- --?
+
+-- Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen Auge nicht wahrzunehmen
+sind.
+
+-- Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen werthen
+Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken
+können. Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. Ich glaube Dir
+auf's Wort. Wie ist's nun mit den Pflanzen?
+
+Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausführend, zwischen den
+Büchergestellen hin und her.
+
+-- Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird
+Dir einleuchten.
+
+-- Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese
+Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin!
+
+-- Du weißt doch Etwas von den Bergwerken?
+
+-- Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in
+den Riesenräumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu
+einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten
+Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren
+Bauthiere unseres Landes.
+
+-- Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefüllt, das
+wäre für euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen
+Erdschlupfern muß man den Boden zuschütten, damit sie zu ihrer besseren
+Natur gezwungen werden.
+
+-- Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das
+Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten --
+vergiß das nicht! -- sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. Später, wie's
+immer geschieht, bleibt man im schützenden, warmen Loch hocken und macht
+sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit.
+Fatal, aber unvermeidlich.
+
+-- Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu
+setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie hätte der Schlupfwinkel in der
+Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben müssen.
+
+-- Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka!
+
+-- Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist
+baut sich einen neuen Körper und schafft sich neue Wohnstätten.
+
+-- Wir hatten eben keinen neuen Geist.
+
+-- Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals.
+
+-- Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir können
+keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los.
+Ach, Maikka --
+
+-- Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren.
+
+-- Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht
+einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren.
+
+-- Das sollst Du auch nicht, Grege.
+
+-- Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang
+von seinem Sitz.
+
+Maikka schob seinen Arm in den ihrigen.
+
+-- Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hört sich's
+gemüthlicher.
+
+Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und
+Schüler. Und um größere Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen
+zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen übte die kluge Meisterin
+laut dozirend ihren nächsten Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß,
+im Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fühlung zu haben.
+Draußen klatschte der Regen unablässig und erkältend an die Scheiben, so
+daß sie sich innen mit feuchtem Hauch überzogen.
+
+Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drückte die
+Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit.
+
+-- Algen? Großartig!
+
+-- Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der
+Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thätig gewesen sind. Sie sind
+Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob
+sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen.
+
+-- Die Naturforscher! lächelte Grege.
+
+-- Sie leben im Meere . . .
+
+-- Die Naturforscher?
+
+-- Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen
+äußerlich Polypen-Stöcken, da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht
+bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ältesten
+Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen
+genannt, haben in früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige
+Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei
+Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein
+gefunden, der aus Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in den
+Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, die aus den Gerüsten von
+Kalkalgen gewachsen sind.
+
+-- Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen.
+
+-- Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere Ausgraber, namentlich
+amerikanische Archäologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man
+bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von
+Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die
+ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des
+päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder
+aufgenommen worden, seit die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild
+IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika
+gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste in Konstantinopel und Sevilla
+haben damals, ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen Staub
+von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre Statthalterei über den
+Ozean getragen, nach Südamerika und Australien.
+
+-- Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still für sich.
+
+-- Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . .
+der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heißen Quellen
+des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen
+abgesetzt, die eine Ausdehnung von über zwei Quadratmeilen und eine Höhe
+von einigen tausend Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren
+Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grüne und braune Streifen
+und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es
+sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur
+des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad
+nur weiße Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel bedeckt
+sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grüne Farben ein, bei
+noch geringerer Wärme kommen die rothen und orangefarbigen und in den
+kühlsten Becken sind sie olivenbraun.
+
+-- Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwärmerisch auf
+die gelehrte Meisterin, die unermüdlich weiter dozirte.
+
+Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die
+kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und
+vieles Andere zu sprechen.
+
+Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermüdet und vermochte
+ihren Ausführungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte,
+ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf
+behalten und so anschaulich wiedergeben könne!
+
+Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes hören, etwas Ungelehrtes,
+Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches,
+sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich in seinem Kopf.
+
+-- Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich büffle mit Vergnügen noch
+eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages.
+
+-- Ja Du, ein Weib!
+
+-- Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben.
+
+Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur.
+
+Aber er hatte sich diesmal verrechnet.
+
+Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritäten und
+Kostbarkeiten enthielt.
+
+Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei.
+
+Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich.
+
+Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich
+das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel
+und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem
+Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns
+an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht
+an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht.
+
+-- Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die
+Schulter sah.
+
+-- Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine
+wohlgezählten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schön in seiner
+Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein
+Märchenschatz Indiens: »An die Schönheit«. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich
+weiß Dir Passenderes.
+
+Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und
+Kostbarkeiten enthielt.
+
+Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von
+der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch
+voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf.
+
+-- Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten
+Gläubigen zum Gebet!
+
+Es war der letzte Band der »Fliegenden Blätter« aus dem Jahre 2001,
+Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die
+Nachwelt übrig geblieben.
+
+An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, daß der Aelteste des
+Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte.
+
+Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rücken Greges die
+Sache eingefädelt.
+
+Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rücken Maikkas um den
+Empfang nachgesucht.
+
+So hatten beide Theile einen vergnügten Tag.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen Mantel und einen
+breitkrämpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen
+vielleicht Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe
+und nahm ihm die Sandalen ab.
+
+Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war
+angenehm, aber für Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im
+geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht
+um den Leib, hüllte auch die Arme darein.
+
+Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege
+nach.
+
+-- Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, dabei doch männlicher
+geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . .
+
+Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die
+kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank
+geschlossen.
+
+Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte
+auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte.
+
+Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen Büchergestellen und Schränken,
+Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie
+von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes
+Aufathmen nach dem Druck der trüben Elemente, die während des langen
+Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte
+Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen.
+
+Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hände. Sie war sehr
+zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich.
+
+Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er an Großmutter Ingeborgs
+Gartenhaus vorüber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag.
+Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Großmutter
+Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strömt
+den Ueberfluß in Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege lächelte und
+schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. Grege grüßt das Glück. Wie das
+klingt, und wie ist es wahr!
+
+Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte seine Brust und beflügelte
+seine Schritte. Wie reich und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie
+licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . .
+
+Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, unbefangen. Von einem
+Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein
+Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht
+den Kopf so, daß ihm die plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den
+rothen Kamm scheint.
+
+Dort ist das Rathhaus.
+
+Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur reicher bemalt in Braun und
+Grün, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weißen Wandflächen
+zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau.
+
+Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlägt den
+Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm
+geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden.
+Keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur umlaufende Bänke an den Wänden,
+diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt.
+
+Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thür
+einladend offen steht.
+
+Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche »Hoheit« (o
+Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder
+neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer,
+mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt
+auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres
+und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben.
+Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen
+blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet
+Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit
+und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn.
+
+Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten
+ein.
+
+Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf
+Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen
+Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die
+Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern.
+
+Der Patriarch lächelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks
+und heiße Dich willkommen. Du bist Grege?
+
+-- Grege aus Teuta.
+
+-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzählt, unsere brave
+Meisterin.
+
+-- Ja, ich danke ihr viel.
+
+Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm
+berichtet?
+
+-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner
+Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu
+sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so
+stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche,
+und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land?
+
+Grege lächelte ein wenig zweifelhaft.
+
+-- Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten
+habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz
+fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.
+
+-- Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren
+Geschichte . . .
+
+-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst
+Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird?
+
+Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich
+verlegenes, fast dummes Gesicht mache.
+
+-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das
+Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft.
+
+-- Sogar für Euch Teutaleute selbst?
+
+-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in
+welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden
+und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu
+und Glauben.
+
+-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück.
+
+-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden,
+und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht
+einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die
+Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist,
+läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs
+untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von
+Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe
+ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so
+recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein
+verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der
+ehrbaren Meinung.
+
+-- Habt Ihr viele Gesetze?
+
+-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit
+Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles
+ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt
+blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die
+Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie
+eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.
+
+-- Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist
+erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der
+Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: »Das Verderben
+des Staates sind die Gesetze.« Besonders jene Gesetze, welche neben einem
+ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da
+muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.
+
+-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön
+entwickelte?
+
+-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in
+jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist
+ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen.
+Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da
+hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend
+gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle
+Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit,
+einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte,
+konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es
+war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte.
+Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine
+individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig,
+unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte
+zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten
+Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die
+Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust
+zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und
+Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in
+außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen,
+der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme,
+die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die
+Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein
+Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen,
+anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und
+dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen
+sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht
+niedergelacht, wie sich's geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab
+war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die
+feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs
+aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob
+keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in
+Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten,
+Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land,
+die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den
+südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der
+sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was
+geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und
+dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen
+ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's
+weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern,
+sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße
+wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was
+die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was
+fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu
+unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen.
+
+Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter
+mache nun einmal redselig.
+
+Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so
+gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und
+Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei
+es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von
+einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles
+Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse
+versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute
+hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend
+Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich,
+das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in
+allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten
+europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu
+einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei
+nicht froh.
+
+-- In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt?
+
+Grege antwortete mit Ueberzeugung:
+
+-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und
+feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die
+geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege.
+Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der
+Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.
+
+Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und
+demüthigte.
+
+-- Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die
+Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten
+Leute chemisch verflüchtigen.
+
+Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das können wir auch.
+
+Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos
+denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte,
+vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen.
+Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und
+so ehrlicher Scham hatte er's nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta
+geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern,
+wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der
+Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum
+hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können.
+
+Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des
+hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet.
+
+Der Greis lächelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht
+erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch
+sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen.
+
+-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.
+
+-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das müßt Ihr wissen.
+
+Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick
+durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder.
+
+-- Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt
+nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel
+von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung
+machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich.
+Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten
+mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere
+Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend
+Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle,
+Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen -- und Alles von unten
+herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat
+Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja?
+
+-- Ja, so eine Art Nibelheim.
+
+Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und
+murmelte: Nibelheim, Nibelheim.
+
+-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist
+Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst
+sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab'
+ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl.
+Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden.
+
+Grege nickte traurig.
+
+-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus
+dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen.
+Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's
+Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . .
+
+Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer.
+
+-- Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst.
+Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man
+soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das
+Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und
+sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den
+Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen?
+
+-- Die muß ich mir noch schaffen.
+
+-- Schaffe sie Dir.
+
+Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen
+und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mögen. Vater!
+Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze
+junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt,
+im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe?
+
+-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen.
+Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und
+führen Tänze auf. Du bist eingeladen.
+
+Grege sagte zu.
+
+Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte.
+
+Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus
+und »grüßte das Glück«.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag.
+Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er
+wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben
+und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du
+bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller
+Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt
+wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und
+anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich,
+Amen.
+
+Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert,
+eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter
+Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein
+Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie
+Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön
+bei aller Tollheit.
+
+Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker
+gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen
+Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten,
+dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des
+Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den
+Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am
+Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die
+Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit
+darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes,
+wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.
+
+Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab's
+nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege
+wußte davon zu sagen.
+
+-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn
+auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt
+»Liebesgarten der Abgeschiedenen«, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die
+Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte
+sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen
+Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und
+Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen
+Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine
+Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen
+schwirrte.
+
+-- Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele
+könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie groß ist Euer Herz in
+Teuta?
+
+Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem
+Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.
+
+Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser
+Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und
+Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder
+weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei,
+völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster
+Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende
+Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein
+reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem
+angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja
+einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es
+wieder stimmte.
+
+Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel
+Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht
+auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten
+Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des
+Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.
+
+Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so
+verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue
+Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine
+Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über
+sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen
+nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder.
+Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der
+Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte
+sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen
+verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern
+zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff
+bis zum äußersten Kreis.
+
+Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das würde ihm und seinen
+Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche
+Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne
+ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt
+begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles
+gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all' die Widerstände
+und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je
+näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst
+fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch!
+
+-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine,
+wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer
+Lehrerin?
+
+-- Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht
+und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt
+könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung
+eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur
+Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an
+ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet
+werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das
+gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen
+Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln
+haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern
+Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in
+Teuta über die Lehrer?
+
+-- Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes.
+
+-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und
+Dir dabei das Genick brichst.
+
+Und sie lachte über diese »Teuta-Möglichkeit«, daß sich ihre Hüften bogen.
+Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.
+
+-- Schau' dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die
+Rose zu Gericht? Eine andere Rose?
+
+Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton:
+-- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt,
+die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .
+
+-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie
+fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten
+Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.
+
+Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete,
+freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten
+die Gedanken in seinem Kopf.
+
+-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen?
+
+-- Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.
+
+-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer
+empfängt, der richtet sich darauf ein?
+
+Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es
+vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es
+kam ihr so.
+
+-- Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die
+freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf
+längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache
+des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein,
+Grege?
+
+Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als
+Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter
+den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal
+heraufbeschwören.
+
+-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs.
+
+-- Sicherlich, Grege.
+
+-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren,
+wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu.
+
+Maikka brauste auf:
+
+-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften.
+Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle
+Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch
+dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem
+Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen
+gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein
+staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien
+einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten
+sich um ihr »Ewigweibliches«, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein
+Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre »Frauenfragen«
+jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter
+Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem
+Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette
+abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie
+nicht.
+
+-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren
+hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich
+mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken
+mit ihr auseinander ist.
+
+Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über
+einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.
+
+Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.
+
+-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur
+übersieht!
+
+-- Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am
+Schienbein weh gethan.
+
+-- Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum
+soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns?
+
+-- Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.
+
+-- Und wird's hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine
+Veranlassung bieten, aus freien Stücken.
+
+Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige
+ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die
+Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben
+tummelte sich das jüngere Pferdevolk.
+
+Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die
+Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie
+sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen.
+
+Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und
+wendete sich nach Grege um.
+
+-- Mir nach, Grege!
+
+Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre
+nackten Arme und Beine leuchteten.
+
+Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt
+machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese
+galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich
+jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten
+betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort,
+Maikka nach.
+
+Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang
+sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr
+Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger
+Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und
+intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte
+Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls
+ein tadelloses Thier, das Regiment.
+
+-- Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!
+
+Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp
+hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt,
+der erschreckt zurückwich.
+
+-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir
+aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch?
+
+Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus.
+Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas
+darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen
+und mit ihr einen Ritt zu wagen.
+
+Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hör', Grege,
+kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein?
+Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die
+Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der
+aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat
+nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd
+gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren?
+
+-- Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die
+Umwerthung der Werthe zu Pferd!
+
+-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden
+Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem
+geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein
+Zarathustraismus kommt zu Fuß?
+
+Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt
+vom Pferde in seine Arme.
+
+-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich
+meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen.
+
+Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden
+Abendfrieden.
+
+Sie war wie verwandelt.
+
+-- Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als
+klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- über Zarathustra muß ich mit
+Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem
+Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra?
+
+-- Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta
+nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige
+erlaubt.
+
+-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber
+sag' mir, was weißt Du von seinem Leben?
+
+-- Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende
+des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst
+fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte
+er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er
+gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge
+murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und
+bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.
+
+-- Das glaubst Du Alles buchstäblich?
+
+-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.
+
+-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch
+Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm
+seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so
+wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?
+
+-- Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der
+in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt,
+in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift »Der Fall Wagner«, die
+seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle
+vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark
+wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien
+floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark
+zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus
+einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ
+ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere,
+um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel
+angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem
+Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen
+wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.
+
+-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie
+Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?
+
+-- Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die
+Lehre unserer ersten Autoritäten.
+
+-- Das läßt sich hören. Erzähl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger
+und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?
+
+-- Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth,
+sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in
+einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und
+Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen
+dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen
+Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in
+riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit
+fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die
+ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend
+Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten
+den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu
+Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen.
+Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch
+der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die
+übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen.
+Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen
+Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere
+für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten
+kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe
+und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra
+entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den
+zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die
+Tafel auf: »Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines
+brünstigen Weibes zu fallen.« Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre
+billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der
+Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen,
+ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.
+
+-- Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten
+gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre
+der Teutaleute? Sag' Dein Sprüchlein zu Ende!
+
+-- Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines
+mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der
+griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in
+schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten
+versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den
+Jungen nur verlacht wurden, ließen sie's und schüttelten betrübt die Köpfe.
+Von Staatswegen, im Interesse von »Thron und Altar«, wie damals die Formel
+lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das
+gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil
+er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.
+
+-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?
+
+-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde
+verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser
+Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre
+öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir
+. . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .
+
+-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte
+. . .
+
+-- Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher
+Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.
+
+-- Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende
+nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich
+gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag' mir noch eins: Welche
+Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?
+
+-- Die geheimnißvollen Gegensätze: »Man soll die lieben, die Gewalt haben.«
+»Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .«
+
+-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben.
+Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut
+Nacht.
+
+Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.
+
+Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des
+Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit
+schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele
+verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was
+hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an
+einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen
+Irrthümern Vermischtes?
+
+Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.
+
+Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein
+gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn
+Maikka auf das Drachenschiff beschied.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu.
+Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um
+Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg -- und mit
+den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu,
+bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach
+der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er
+drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt
+nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten
+Stand.
+
+Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's
+nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht,
+und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und
+eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das
+Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal
+ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken
+lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's
+Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze
+seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet
+er's nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum
+dieses Gewirr von Linien und Lichtern?
+
+Sind's die Zuhörer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen?
+
+Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und
+wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte,
+aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern,
+geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur
+die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen.
+Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht.
+
+Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . .
+Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am
+Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über's Meer, die Gestade abzusuchen?
+. . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große
+Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und
+gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .
+
+Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter,
+leidenschaftlicher.
+
+Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der
+ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier.
+Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder,
+die sie entrollt . . .
+
+Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.
+
+Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte
+und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen
+und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie
+Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes,
+damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung
+die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große
+Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden
+Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen,
+warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht
+selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung
+ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst,
+sich in eigenem Vollbesitz haben könnte?
+
+Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord -- warum läuft er
+nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zögert er hier? Was
+fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von
+der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder
+Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das
+Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten
+dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er,
+seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen
+müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für
+sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche
+Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er
+da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem
+Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres
+Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn
+seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern
+auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze
+Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun
+zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine
+Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink
+läuft -- und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe
+und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand
+verpflichtet sein wollte?
+
+Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die
+Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr
+und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der
+dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte,
+dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit
+und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und
+rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er
+nicht entweichen.
+
+Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu
+leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es
+gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit
+geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren
+Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein
+war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn
+unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?
+
+Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern
+-- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich
+zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu
+arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der
+Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach
+gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas
+abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen
+Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten
+ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an,
+sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie
+aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären?
+fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit
+der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch
+lieber »zum ewigen Andenken« aufbewahren, als sie von ihrem Magen
+verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine
+Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes
+Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer
+und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien -- und je mehr man von ihr
+genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung
+wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war,
+wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und
+unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen,
+Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist
+frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde.
+
+Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin
+wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die
+Worte vernahm: »Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen,
+schöpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelüsten ließen sie die Zügel
+schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution
+gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des
+zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten
+ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt«.
+
+Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm
+heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie
+diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten
+seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!
+
+Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte,
+gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner
+Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung
+die Anrede »Hoheit« entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen
+üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen,
+während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: »Hoheit! Soll das ein
+auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich
+Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht?
+Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir
+für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den
+Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun,
+genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht.
+Sei gegrüßt, Grege!«
+
+Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und
+zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit
+ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen
+Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem
+Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als
+wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz
+und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem
+Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein
+Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug,
+undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten
+ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele
+erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den
+Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .
+
+Wohin? Wie lange?
+
+Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.
+
+Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem
+niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um
+ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen
+Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit
+auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich
+umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich.
+
+Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war
+gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere
+Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines
+Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher
+Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt.
+
+Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von
+einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht.
+
+-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden
+sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie
+kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung
+beizutragen.
+
+Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm.
+Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.
+
+Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie
+ein guter Witz.
+
+Jetzt wieder, und Grege lachte mit.
+
+Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit
+entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die
+verstecktesten Gedanken heraus.
+
+-- »Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die
+Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man
+sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch.
+Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben
+wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan
+machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo
+Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll,
+den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen
+lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat
+hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger
+wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue
+Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus.
+Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern -- und das Volk lief in
+Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk
+verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das
+Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte
+hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren --
+und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die
+Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen
+hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den
+großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie
+erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen
+mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte
+fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer
+Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren
+zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht
+trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn
+Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich
+Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte
+man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren
+verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche
+und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte
+man in der Rechtssprache »Nummero Sicher«. Den Strolchen bekam das gut, den
+Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten,
+Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen »groben Unfugs« oder
+»Lästerung« in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun
+hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische
+Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten
+Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die
+Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer
+warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des
+Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse
+brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender,
+gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter
+und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher.
+Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der
+erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten
+ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich
+unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen
+Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine
+überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen
+Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der
+abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum
+gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl
+Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur
+Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine
+neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten
+Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten
+und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen
+Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche
+Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner
+Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der
+Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß
+seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er
+die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten
+Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu
+Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und
+versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die
+Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf
+Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches
+Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und
+ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen.
+Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten
+schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab
+keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische
+Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen
+Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue
+Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und
+erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft
+und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen
+wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten
+schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die
+Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie
+Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker
+in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die
+Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr
+sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in
+diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war
+ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten
+Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der
+Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich
+unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig
+wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht
+hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer
+Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere,
+gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten
+ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben
+waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die »chinesische
+Pest« begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten
+Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger
+Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen,
+verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch
+Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen
+Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende
+erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war
+ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen
+Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum
+mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an
+Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den
+nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen
+der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der
+Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt
+und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem
+Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese
+im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den
+Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es
+friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .«
+
+Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In
+Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des
+jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen
+Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender
+Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie
+eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe
+Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen
+Staatenwelt einige Verstöße gegen die »historisch festgelegte Wahrheit«
+nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene
+»schauerliche Jammer-Ecke« verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem
+Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich
+begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen
+überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie
+waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen
+Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus,
+Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn
+glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte
+gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der
+großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der
+Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere
+Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in
+vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die
+kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen
+und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen.
+Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere
+Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die
+Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die
+Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter
+welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit
+am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden
+der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen,
+kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen
+Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten
+Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur
+noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner
+Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner
+brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa
+gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und
+kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen,
+belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt
+doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten
+gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.
+
+Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika
+ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für
+allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß
+sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke,
+herzliche Hochachtung empfinde.
+
+Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung -- sogar!
+
+Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung
+spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht.
+
+»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
+
+»Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!«
+
+Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung,
+Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele
+aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von
+der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles
+fortgewirbelt, auf die Tribüne.
+
+Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt
+zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen
+halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten
+seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt.
+
+Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals
+hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten.
+
+Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh
+und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und
+über sich selbst hinaus Bahn sucht.
+
+-- Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt
+soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen.
+Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich
+kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht,
+um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich
+klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn
+ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein
+armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus
+Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht.
+Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen.
+Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge
+und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre
+Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft,
+Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel
+offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden
+Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken
+der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort?
+Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig,
+und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in
+Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle
+aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr
+noch ein Wort? Oder ist's genug?
+
+-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm
+voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.
+
+-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen
+Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege
+gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt
+gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch
+lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit
+Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als
+hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden
+Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße
+gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das
+soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als
+kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner
+Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat
+keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein
+und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt
+. . .
+
+-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und
+Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.
+
+-- Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid
+reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu
+sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten
+mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier
+unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure
+Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran
+die verborgenen Kräfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure
+Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von
+Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt
+ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die
+Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und
+schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet,
+die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland
+seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern,
+gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer
+Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam
+bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als
+blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle
+aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll
+erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß
+sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse
+liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus
+ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die
+trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn
+die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der
+Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta
+unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen
+hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die
+herrliche Welt!
+
+So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine
+Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt,
+überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß.
+In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen
+erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das
+Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und
+glückeshungrigen Gattung.
+
+Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen,
+Jungen und Alten, Männern und Weibern.
+
+Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des
+Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der
+neuen Meisterin.
+
+Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben.
+
+In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie
+sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe
+floß, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um
+in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel.
+
+-- Einen . . .?
+
+-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das
+ist Staatsgeheimniß. Mach' Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh' in die
+Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate
+wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den
+blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt
+wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig
+für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen
+Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif -- wenn der rechte
+Umstürzer kommt.
+
+-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.
+
+-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche.
+
+-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.
+
+Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein
+Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine
+jähe Röthe.
+
+-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen
+Lippen.
+
+Plötzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein
+Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib?
+
+Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte
+und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren
+Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die
+Sehenden! Thu' mir Gewalt an!
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und
+was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen
+nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen.
+
+Ihren Fortgang!
+
+Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter
+dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle
+Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In
+Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem
+Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und
+Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im
+Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.
+
+Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft »Die Politik des
+altneuen Kurses.«
+
+Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn
+übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und
+gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.
+
+Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden.
+
+Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen
+Entdecker ein starkes Stück.
+
+Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu
+einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der
+bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und
+zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden.
+Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem
+Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren,
+und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern
+bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den
+unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in
+der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden.
+Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur
+noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten
+Literatur-Fragmenten, genannt das »Kommersbuch«, Abtheilung »Kneiplieder«,
+fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese
+Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die
+Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten
+manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß
+regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn
+unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu
+kuriren, gern zu seinem »Kommersbuch«. Einige sprachliche Formen, die keine
+Philologie mehr zu erklären vermochte, wie »Krambambuli«, »Jupeidi,
+jupeida«, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen
+Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen,
+daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß.
+
+Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen
+Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt
+im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.
+
+Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der
+dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht,
+der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie
+jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach:
+Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten
+-- und der Staat ist gerettet.
+
+Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen
+Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist
+es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu
+gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?
+
+Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden
+Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen
+übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines
+Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen
+Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor
+Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt,
+zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: »Wissen
+ist Macht, Bildung macht frei«, oder »Dem Volke muß die Religion erhalten
+bleiben«, oder »Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im
+Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder«,
+oder »Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient
+zerschmettert zu werden«, oder »Wem's im Teutareiche nicht behagt, der
+blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden«.
+
+Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt
+hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der
+Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen
+Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen
+Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege
+automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf
+lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht
+wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den
+Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit?
+
+Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht
+heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: -- Das will Alles noch
+wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein.
+Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen
+und Schutzmaßregeln erheischen.
+
+-- Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao,
+der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten
+doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen
+nicht: Das ist der Automat Minus, das ist -- gestatte das Beispiel -- der
+Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt's überhaupt keine
+Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als
+glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter,
+Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns
+allein, meine hohen Freunde.
+
+Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner
+Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.
+
+Titschi abschließend: -- Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium
+ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der
+Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim
+Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns
+auf seine amtsgemäße Haltung verlassen?
+
+-- Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend.
+
+Titschi: -- Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den
+Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen.
+
+Soundso: -- Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe
+ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben.
+Die Kopie übertrifft ihn.
+
+Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe
+und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal.
+Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne,
+ohne Gefahr der Entdeckung?
+
+Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der
+Automat den Mund: -- Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt
+sich Alles bieten. Dixi.
+
+Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit
+geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei
+der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas
+Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des
+Volkes wäre?
+
+Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an.
+
+Automat Minus nickte: -- Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt
+nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne
+seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste
+Diener.
+
+-- Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine
+Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht,
+spottete vergnügt der Oberdiplomat.
+
+Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem
+Grauen.
+
+Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: -- Hoheiten, wenn ich nicht
+meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte,
+ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist
+unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene
+Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit
+uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger
+anfertigen ließe und gegen uns selbst in's Feld führte.
+
+Bim warf sich in die Brust: -- Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische
+Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und
+Identität festgestellt.
+
+Soundso lächelte verschmitzt: -- Vielleicht gelingt es uns auch noch,
+Automaten mit Bim'schem Entdeckergenie anzufertigen.
+
+Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste
+Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie
+einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem
+listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen.
+
+Ao: -- Du sagst »uns«, Soundso, »vielleicht gelingt es uns«. Wer sind diese
+»uns«? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht
+verrathen?
+
+-- Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im
+Stillen bei mir selbst erwogen.
+
+Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet.
+
+-- Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, daß meine
+Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der
+Frauenstadt liegt.
+
+Alle wie aus einem Munde: -- In der Frauenstadt?
+
+-- Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern
+selbst in »geschlossener Zeit« und ohne »amtlichen Auftrag« öfters in der
+Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation
+geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in
+der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit
+zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird.
+
+-- Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte
+Kaspe.
+
+-- Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten
+Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht
+und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten
+Frauen einlassen.
+
+Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe.
+
+-- Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die
+Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den
+Automaten Grege zur Stelle bringst?
+
+-- Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich
+seiner Brauchbarkeit entgegen.
+
+-- Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet.
+
+Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel Anerkennung. Im Innern sah
+er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch
+den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten
+Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird
+zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von
+den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick
+genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in's Gesicht geworfen. Das
+Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn's mißlänge . . . Es
+soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los!
+
+-- Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens
+in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht
+länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich
+darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende
+eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem
+Festordner abliefern zu können.
+
+Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war
+das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen
+Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig
+zu werden.
+
+Die reine Teufelei!
+
+Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein
+und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen.
+
+Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. Mit Jalas Rückkehr hätte
+der sündhafte Tanz auf's Neue begonnen.
+
+-- Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen
+weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für
+seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken.
+
+Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei
+»Erwägungen«.
+
+Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während
+sich seine Augenlider gefühlvoll senken.
+
+-- Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die
+Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben
+vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in
+unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für
+selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?
+
+Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: -- Je Weniger um das Heil des
+Staates wissen, desto besser wird es behütet.
+
+Der Ton klang ein wenig sarkastisch.
+
+Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf
+dirigirte.
+
+Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms
+vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet
+werde. Nachdem für den hohen Rath all' die Schrecknisse und Aengste der
+jüngsten Zeit so glücklich überwunden sind, soll das Volk für die
+Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden.
+
+Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.
+
+Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des
+Festzuges, worin die »politisch-sozial verdächtigen Schattirungen«
+vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig
+ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern
+notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter
+um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: -- Das kommt
+uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen
+Festes würdig.
+
+-- Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher »Geist der Empörung«?
+
+-- Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen
+Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber
+immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung
+unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt.
+
+-- Ach so. Ich dachte schon . . .
+
+-- Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl
+Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu
+frei spazieren ließen.
+
+-- Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren?
+
+-- Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar
+harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig
+das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben
+Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen.
+Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die
+persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren,
+erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer
+sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate.
+
+-- Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.
+
+-- Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit
+unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener
+Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren
+zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer
+staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei.
+
+-- Strafe muß sein, lächelte Soundso.
+
+Ao, beglückt: -- Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die
+Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung
+theilen zu sehen.
+
+Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: -- Nachdem unser gelehrter Minus als
+Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig
+weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung
+nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges
+hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist
+schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler mit um so ruhigerem
+Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer
+Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug
+einstellen lassen.
+
+Ao: -- Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung,
+Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit
+einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse
+nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen.
+
+Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines
+glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: -- Noch eine ziemlich
+heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten
+entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja,
+unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit.
+Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . .
+hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom
+»hohen Mysterium«, vom »großen Unbekannten«, von der Formel »Gott und sein
+Volk« nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der
+Gläubigkeit vielleicht gar besudeln?
+
+-- Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten!
+Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht
+rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften.
+
+-- Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere
+veranlassen.
+
+Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. Er hat seines
+verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas
+Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine
+juridische Strenge erhöhen helfen.
+
+Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.
+
+-- Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung
+zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken
+verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir
+verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso
+berufe. »Probleme«, »Entwicklung« und ähnliche vom heiligen Wortschatze
+verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer
+Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen
+versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß
+daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen
+Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur
+Abwandlung überweisen.
+
+Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im
+physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte
+Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm
+mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in
+ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen
+geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar
+selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein
+aufreizendes Liebeslied mit dem verrückten Titel »An eine blinde Seherin«,
+ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine
+Ode »Auf einen sprossenden Bart«. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren
+schienen es diese »Dichter«, die mit ihren Schmierereien sich über die
+offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu
+nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu
+erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl
+straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen
+Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu
+bestrafen.
+
+Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein
+glattgeschabtes Kinn.
+
+Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen.
+
+-- Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen
+werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt
+in der menschlichen Natur.
+
+Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen.
+
+Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine
+Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge
+wurden mit Begeisterung angenommen.
+
+-- Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse
+Oberphysikus Bim zweifelnd.
+
+Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine
+Revisions-Sitzung anzuberaumen.
+
+Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie
+traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten.
+
+Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen.
+
+Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos.
+
+Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in's Ohr, daß der Automat
+Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest
+verschönen . . . leibhaftig!
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Maikka lud Grege ein, mit ihr in's Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich
+ausrüsteten für die Reise.
+
+Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie
+schalten.
+
+-- Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da
+müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den
+Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen.
+
+Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock,
+dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.
+
+-- Daß ich's nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an
+die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in
+der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge
+aussehen.
+
+Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht
+sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem
+kurzen schwarzen Rock bestehen.
+
+Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie
+einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt.
+
+Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt.
+Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte
+dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten
+Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven.
+
+-- Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.
+
+-- Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir
+müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir,
+wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit
+wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe
+zu bestehen, Grege.
+
+-- Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald
+in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich
+auch wieder das Unglück grüßen.
+
+-- Nur nicht pathetisch, Grege!
+
+-- Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr
+mit zu viel Worten zur Last sein.
+
+-- Nun thust Du gekränkt, Grege!
+
+-- Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief
+verpflichtet.
+
+-- Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe
+bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?
+
+Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen.
+
+Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die
+Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig
+schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand.
+
+-- Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher
+und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d'ran baumeln
+könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb' mal Acht, was wir im Gebirge für
+Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die
+entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . .
+
+-- Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab?
+
+-- In einer Stunde.
+
+-- Und wir kutschiren?
+
+-- Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis
+in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer
+entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches
+Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete!
+Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund.
+
+In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein,
+denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen
+Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und
+wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege
+wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den
+sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in
+Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: »Der Purpur-Staat oder vom neuen
+Götzen«, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine
+Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der
+Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die
+»Sprüche von Jesus Sirach«, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen
+Strich umrahmte: »Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm
+Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das
+Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt
+nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!«
+
+Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz
+dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem
+Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber
+Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene
+weiße Mähne.
+
+-- Vorwärts, Tema, mach' Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf
+Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du
+bist aus edlem Hause.
+
+Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene
+Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen.
+Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem
+Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen
+nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten
+jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in's
+Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als
+Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe
+übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben.
+Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen
+Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er
+für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten,
+ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine
+Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und
+hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle
+spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke
+eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf
+den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich
+gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne
+Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren
+Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück.
+Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit
+Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine
+große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten
+Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält's mit den Alten und
+mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt's den
+ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen
+. . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch
+bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . .
+Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der
+Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel,
+das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen
+Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig
+des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut
+hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede
+Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .
+
+-- Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema
+möchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?
+
+-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung,
+Maikka. Ich dachte gerade . . .
+
+-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten
+bei Euch die Geschlechtsregister?
+
+-- Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig.
+
+-- Das will sagen?
+
+-- Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht.
+Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte
+Thore -- und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder
+bis zu einer bestimmten Zeit.
+
+-- Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab,
+mag nichts weiter hören. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland.
+Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen.
+Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen?
+
+-- Keinen.
+
+-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die
+Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!
+
+Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich über die schwebende
+Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß
+sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle
+darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten
+Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in's Blaue hinein
+vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den
+überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen
+ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre
+verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da
+das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische
+Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente
+sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber
+keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen
+Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die
+sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen
+verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu
+seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das
+war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der
+europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst
+eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr
+gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes
+Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine
+Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in
+den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von
+diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die
+politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der
+Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie
+dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen!
+Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem
+engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer
+einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten:
+Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie
+alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung
+und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den
+ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was
+hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die
+Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen,
+bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten
+anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung
+blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und
+sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den
+Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde
+verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben
+sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der
+Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen
+mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden,
+ein wühlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles
+zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem
+neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?
+
+-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht.
+
+-- Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal
+abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig
+scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen,
+was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu
+verwenden?
+
+-- Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die
+verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen
+und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren.
+
+-- Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes
+fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?
+
+-- Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.
+
+-- Die wäre?
+
+-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und
+vielleicht noch mehr die geistige Noth.
+
+Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft
+gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen
+Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein
+älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken.
+
+Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.
+
+Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die
+gemächlichste Gangart.
+
+-- Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße
+gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.
+
+Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu
+viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße.
+
+-- Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott.
+
+Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: -- Flink, kutschire Du,
+dann stimmt's.
+
+Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel
+und machte keinen Schritt mehr.
+
+Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen
+gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen
+dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu
+schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen,
+so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander,
+Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine
+Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will
+ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier
+nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du
+eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine
+edle Leitung gewohnt ist. Hör' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen
+robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der
+Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens
+nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in
+ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß.
+
+-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.
+
+-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich
+einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat.
+Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche
+über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den
+Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.
+
+-- Ist's so recht, Maikka?
+
+-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute,
+vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen
+erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen
+in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!
+
+-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet
+und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich
+am gleichen Strang und müssen sich verständigen.
+
+-- Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man
+das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer
+tiefer in den Dreck.
+
+Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres,
+Fanatisches.
+
+-- Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal
+sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.
+
+-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht
+sich auch das Schicksal in's Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das
+Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen
+verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten
+errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat
+aller Surrogate.
+
+-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im
+Magen liegen.
+
+-- Laß ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an.
+
+-- Ich will mir's merken, Maikka.
+
+-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an
+Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so
+wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche
+und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht
+keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen
+und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen
+einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen,
+Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die
+Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .
+
+Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs
+kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und
+Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein
+Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem
+Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann
+oder Weib.
+
+-- Du fragst nicht, Grege?
+
+-- Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder
+verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!
+
+Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die
+durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition
+bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst
+erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht,
+sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit
+gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die
+Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema,
+sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'!
+
+Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich.
+
+-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich?
+
+-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die
+christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist
+interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika,
+vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können,
+ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die
+Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre
+Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert
+Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und
+Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit
+jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt.
+Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre
+wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als
+Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die
+kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und
+Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich
+Niemand auf.
+
+-- Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit
+warmer Antheilnahme.
+
+-- Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die
+Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den
+armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das
+Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine
+Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten
+christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es
+meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr.
+Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere
+Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der
+Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und
+Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen.
+Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so
+setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an
+Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.
+
+Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglückliche oder erst
+unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?
+
+Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck,
+den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemüth machte, und antwortete
+treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so
+wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die
+Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige
+Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des
+Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes
+Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen
+Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben
+hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den
+Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den
+Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere
+Zweck der Menschheit vereitelt?
+
+-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber
+das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein
+unverlöschlicher Himmelsglanz . . .
+
+-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt's auf dieser
+jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es
+manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch
+die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit
+der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition,
+selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie
+sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre
+Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede
+Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden,
+wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie,
+Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie
+gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.
+
+-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.
+
+-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das
+volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es
+giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!
+
+-- Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!
+
+-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab?
+Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel?
+
+-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . .
+
+-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei
+den Teutaleuten, na, Grege?
+
+-- Ein Drama.
+
+-- Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den
+klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt
+. . . Tema, hü! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hügels ist die
+Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte!
+
+Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.
+
+-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es
+trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire
+uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!
+
+Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.
+
+-- Verzeih', Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei
+Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der
+Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht,
+die Herzen auf, die Welt ist so schön!
+
+Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da.
+
+Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und
+fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch
+eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein
+waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein
+Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den
+Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen
+bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen
+Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .
+
+Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem
+Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen,
+improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.
+
+Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer
+Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen
+um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das
+ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .
+
+-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und
+sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz
+manierlich aus.
+
+Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen.
+
+-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom
+bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren
+Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit,
+Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns
+wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter
+ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht
+einen Monat früher gekommen, zu den »weißen Nächten«? . . . Ach, Ole, Du
+glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir
+eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich,
+Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter
+Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen!
+Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!
+
+Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden
+Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte.
+Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich
+nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die
+fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich
+Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden
+mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im
+dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft
+hielt sich feierlich still.
+
+Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab.
+Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf
+sie Reste von gedörrtem Fleische zu.
+
+-- Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In
+einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte
+hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?
+
+Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren
+schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen
+können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder
+ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.
+
+Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während
+die Gondel ruhigen Kurs hielt.
+
+-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim
+Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie
+ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir
+ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie
+an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und
+als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und
+ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist
+zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen
+bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war.
+Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes.
+Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und
+ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort
+ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen
+und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht
+wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, daß Du fortkommst,
+ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig
+sein. Nun geh'! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie
+erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und
+flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz
+verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf
+daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst
+Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da
+umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und
+der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von
+Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du
+auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh
+vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald
+bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon
+begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch
+weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von
+schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat
+Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der
+Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und
+Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der
+Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz
+und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?
+
+Er nickte mit stummem Lächeln.
+
+-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl' uns ein Märchen. Sieh, wie sich der
+Himmel umschattet!
+
+Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.
+
+-- Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war's. Das jüngste Gericht war
+vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der
+Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen
+stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß
+noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den
+Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut,
+die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel
+und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige
+Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht,
+ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle,
+wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob
+sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm
+nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen
+nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit
+dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle,
+das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und
+den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten
+konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein
+Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu
+erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu
+stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und
+er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht
+daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben
+könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem
+Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden,
+unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück,
+dort die Hölle mit ihrem Unglück -- und dazwischen das leere Nichts,
+unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das
+Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er
+plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr
+zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall
+und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze.
+Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung
+geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet
+hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott
+geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des
+Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene
+Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter
+einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen
+Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich
+gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in
+schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn
+immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge
+entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen
+und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und
+Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten
+Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft
+schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein
+Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen
+entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein
+Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst
+fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie
+seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht,
+sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet,
+vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er
+glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine
+Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen!
+Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der
+Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und
+er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das
+lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes
+plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst
+der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und
+farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb
+es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den
+Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz
+Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße
+Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd,
+dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen
+weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt
+mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib
+aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei
+mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen
+Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der
+Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und
+Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der
+Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der
+Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.
+
+-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.
+
+Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre
+Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.
+
+Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung
+gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.
+
+Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein
+Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in
+alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum
+gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe
+Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie
+an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und
+tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie
+ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese
+lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen
+Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die
+süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden
+Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme,
+als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei,
+seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer
+Stunde erwarte . . .
+
+Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte
+Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen
+und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt
+und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in
+verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen
+schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter
+spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus
+leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das
+blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .
+
+Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild,
+in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit
+fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden
+Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung
+von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der
+verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und
+himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese
+menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem
+Himmel entgegenzutragen schienen.
+
+Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden,
+den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß,
+die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen
+zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht,
+das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann
+aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument,
+gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie
+fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um
+die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt
+zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des
+Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten
+Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein
+Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn
+die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre
+breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr
+Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine
+uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe
+wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege's Gedächtniß sich einprägte,
+sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:
+
+ Befiehl Du Deine Wege
+ Und was Dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Dess', der den Himmel lenkt.
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Giebt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da Dein Fuß gehen kann.
+
+-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin,
+die als Aufseherin waltete.
+
+-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn
+Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt.
+Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja
+nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.
+
+-- Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?
+
+-- Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch
+eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere
+Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.
+
+-- Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?
+
+-- Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . .
+
+-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.
+
+-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe
+und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren
+seine Kraft nicht verloren . . .
+
+Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte
+davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein
+plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . .
+
+Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war
+ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung
+verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich
+ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen
+Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere
+Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen
+Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks
+jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie,
+dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die
+Herzen der Männer, der »Zottelbären« . . .
+
+Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.
+
+In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen
+nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer
+fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck
+begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch
+Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer.
+Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen
+Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede
+erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren.
+
+Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es
+höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei
+bereits fortgeschafft.
+
+-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du
+weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge?
+
+-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge
+genächtigt haben.
+
+Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile.
+
+-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches
+Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.
+
+-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die
+Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum
+Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen,
+warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!
+
+Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.
+
+So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit
+klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande.
+
+Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen
+wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an
+den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates
+bewirken könne.
+
+Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn
+in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt
+»Zum tollen Junker Heinz«. Grege, der sentimentalen Auffassung der
+irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das
+Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als
+objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in
+wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens,
+das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten.
+
+Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit
+Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt,
+wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen
+Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt.
+
+Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das
+Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem
+Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt,
+hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit
+einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle.
+
+Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem
+Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf
+auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber
+wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des
+Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle
+sich's um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die
+Begleitmusik machen.
+
+Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in
+Klang und Rhythmik:
+
+»Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine
+Brüder: da giebt es Staaten.
+
+Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage
+ich Euch mein Wort vom Tode der Völker.
+
+Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und
+diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.
+
+Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen
+Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
+
+Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat:
+sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
+
+Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als
+bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
+
+Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und
+Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in
+Sitten und Rechten.
+
+Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch
+redet, er lügt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's.
+
+Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige.
+Falsch sind selbst seine Eingeweide.
+
+Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als
+Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!
+Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
+
+Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat
+erfunden!
+
+Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie
+schlingt und kaut und wiederkäut!
+
+Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich
+Gottes -- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und
+Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!
+
+Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach,
+er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
+
+Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom
+Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
+
+Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne
+sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier!
+
+Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft
+er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.
+
+Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da
+erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!
+
+Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben
+preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
+
+Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo
+Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame
+Selbstmord Aller -- das Leben heißt.
+
+Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder
+und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles
+wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!
+
+Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen
+ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich
+nicht einmal verdauen.
+
+Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden
+ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel
+Geld, -- diese Unvermögenden!
+
+Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander
+hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
+
+Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glück
+auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der
+Thron auf dem Schlamme.
+
+Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel
+riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle
+zusammen, diese Götzendiener.
+
+Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und
+Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
+Götzendienerei der Ueberflüssigen!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe
+dieser Menschenopfer!
+
+Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele
+Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.
+
+Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig
+besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!
+
+Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht
+überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und
+unersetzliche Weise.
+
+Dort, wo der Staat aufhört, -- so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr
+ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? --
+
+Also sprach Zarathustra.« -- -- --
+
+Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie
+entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra's weiter
+sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er's nicht
+selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals,
+Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus
+tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die
+er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen
+Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge
+unvermögend, den Brand zu löschen . . .
+
+Unsinn, Unsinn!
+
+Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene
+Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot.
+
+Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles
+noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren
+herausgearbeitet . . .
+
+Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine
+Gedanken in einander zu unzerreißbarem Gefüge . . .
+
+Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. Da trat ein ältlicher, schwarz
+gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz,
+ein schlotteriges Knochengestell.
+
+-- Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler,
+der eine komische Rolle hersagt, -- ich bin der Wirth zum tollen Junker
+Heinz, und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren Vorhandensein
+bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glück
+hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines
+Gastes übereinstimmt.
+
+-- Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt's? Ich habe keine Zeit,
+Mann!
+
+-- Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft eines Herbergvaters in Ihrer
+Majestät der Kaiserin von Indien und Königin von Jerusalem und anderer
+Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaßen ich mir
+in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten,
+benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen.
+Derohalben giebt's erstens kund zu thun, daß Ihr keine Gastfreundschaft auf
+Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa
+noch zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit
+ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen müßt;
+zweitens giebt's von Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu
+leisten vermögt, welches Euer Nam' und Art und mit welcherlei
+staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt.
+
+-- Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr!
+
+-- In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas
+Anderes?
+
+-- Ich bin's.
+
+-- Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege?
+
+-- Aus Nordika, durch Wasser und Luft.
+
+-- Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns
+manchen leichten Gesellen an's Land und manches gelüstige Dirnlein in's
+Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr
+kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn
+unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der
+Gastfreundschaft zu hoch hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das
+Glück, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes
+zu freuen, Gentleman.
+
+-- Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so überrascht Ihr mich. Von all'
+diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt.
+
+-- Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den
+neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen
+Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist
+Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem
+Weltreich beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu
+fragen, wie ich's thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so
+großen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen.
+
+-- Je nun, Mann, was soll ich da sagen?
+
+-- Was man so die Wahrheit nennt, wenn's Euch beliebt. Zu welcher Gilde
+gehört Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen
+Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die
+reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt
+Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman?
+
+-- Nein.
+
+-- Der ist hier die größten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung könnt
+Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des
+Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel in's British Museum
+abgeliefert. Dort steht er noch. Die größten Gelehrten aller Rassen machen
+dort seit tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs
+Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum
+tollen Junker Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der
+berühmtesten Sehenswürdigkeiten im British Museum, da ist unser königlich
+kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen.
+
+-- Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlässig?
+
+-- In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr könnt,
+gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst
+dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, nach
+verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Männer in
+musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein
+Wort, Gentleman.
+
+-- Ich bitte Euch, 'meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte
+Belehrung über diesen Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden.
+Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher?
+Also erzählt!
+
+Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, schnitt
+eine lächerlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenüber und begann:
+
+-- Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heißt, die Polizei
+eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem
+königlich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er
+amüsant ist -- lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, mein Wort
+darauf! -- zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat.
+Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm'
+mich!
+
+-- Zur Sache!
+
+Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über einander und spuckte
+seitwärts an die Wand: -- Gott verdamm' mich, wenn ich nicht mitten drin
+bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich
+Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß nicht was, aber vorher,
+Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im
+Königlich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert
+sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin,
+Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . .
+
+-- Ist das Alles? Ich danke.
+
+-- Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung
+überwältigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, weiß sich das
+nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem
+Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und
+schlechter, wegen Unzulänglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus,
+wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie
+der größte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere
+Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune --
+nicht alle Völker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in
+Nordika! -- Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit
+wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel
+zur Fortpflanzung, amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und das
+Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien
+haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir
+besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim keine Revolution
+bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika,
+selbstverständlich, wasmaßen die Nordikaner unsere besten Freunde sind.
+Aber das übrige Europa ganz, wir werden's ausputzen, auflackiren, poliren,
+präsentabel machen, ertragsfähig. Ein großes Geschäft, würdig unserer
+Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze
+Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen
+Hottentotten mehr, leider.
+
+-- Das bezweifle ich.
+
+-- Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine
+Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak
+langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch
+einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden -- und was
+weiß ich.
+
+-- Teutaleute, nicht?
+
+-- Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine
+Historie, da komm' ich sofort darauf zurück. Also wir verschaffen uns von
+diesen interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare -- kein leichtes
+Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefährlich,
+als einen gesunden Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen,
+mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist
+dabei umgekommen, neulich erst . . .
+
+Grege rückte einen Schritt zurück: -- Keine Familienszenen, das wäre
+indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten,
+paart sie -- was dann?
+
+-- Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren
+Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die
+mißlungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt.
+
+-- Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter
+vermehren, was geschieht da?
+
+-- Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien,
+nach Afrika, und später, wenn wir ganz Europa haben, in ihre
+Originalländer, unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt
+und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt ist.
+
+-- Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschuß ergiebt, oder wenn
+einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden?
+
+-- Da giebt's zu lachen, großartig, Gentleman. Reiche, vornehme
+Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafür
+dürfen sie sich überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu sich
+nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht
+wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und
+bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui!
+Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das
+Vergnügen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und
+seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben
+die Welt, weil wir sie haben.
+
+-- Hm.
+
+-- Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas
+werth.
+
+-- Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus?
+
+-- Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten
+finden's so gut daheim. Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische
+Aufsicht, Training . . . hm . . .
+
+-- Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt?
+
+-- Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmühle, je nach Befund.
+Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt.
+
+-- Was ist sonst noch da?
+
+-- Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung gelehrter
+Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung
+entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus dem
+fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, Hofprediger und
+als Gegensatz Hungerkünstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben
+Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht's Euch selbst an,
+Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere
+Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen
+Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. Die Leute
+in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was
+sie auch vom Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen sie von allen
+Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman
+. . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür
+jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe
+gesehen? Ihr glaubt wohl, wir hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den
+allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe,
+mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . Jetzt eilt mir's, Gentleman.
+
+-- Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht fürchterlich . . .
+
+-- Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklärungen,
+Gentleman. Worüber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei
+. . .
+
+-- Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta
+an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein
+Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht.
+
+-- Gott verdamm' mich, Gentleman, das hätte ich wahrhaftig vergessen. Wurde
+da vor Wochen vom Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib
+erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter
+Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . .
+
+-- Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter!
+
+-- Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig.
+
+-- Also verrückt!
+
+-- Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind.
+
+-- Blind?
+
+-- Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein.
+
+Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, mit kalter Sachlichkeit.
+
+-- Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, Gentleman. Ich kann's nicht
+so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger.
+
+-- Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit
+einem blinden Weibe?
+
+-- Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit
+blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war
+sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken.
+
+-- Was konnte sie?
+
+-- In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . .
+Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht ließ man sie gerade darum laufen.
+Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht
+immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen
+werfen, heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und man kann's
+nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine
+kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das
+Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so
+viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn
+wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr,
+Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich verrathen sie sich
+gegenseitig, wie dieser rundköpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman?
+
+-- Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundköpfigen Kretin.
+
+-- Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer Gelehrter, Ihr kennt die Welt.
+Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein
+geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh's an Euren
+Augen, Ihr habt viel erlebt.
+
+-- Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt Ihr Recht haben.
+
+-- Hab' ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt' ich sagen? Das
+Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem
+eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem Königlich-Kaiserlichen in
+die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman?
+Zweitens, daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht
+erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben.
+
+-- An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall.
+
+-- Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische
+Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche.
+Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen
+Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger
+begünstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft zu revanchiren. So
+mag's wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte
+seinen Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen
+gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber
+die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht.
+Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem Spaß, trotz der ernsten
+Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen
+Polizeipräsidenten. Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos
+zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben
+müssen, Gentleman.
+
+-- Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende!
+
+-- Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, Teuta werde den Angelos den
+Krieg erklären, wenn sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst
+abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen
+Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch
+die Historie?
+
+-- Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege
+etwas dringender.
+
+-- Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hieß es,
+Gentleman.
+
+-- Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch.
+
+-- Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das
+ändert nichts am Spaß.
+
+-- Wahrhaftig nicht.
+
+Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hände: --
+Ich dank' Euch für die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat
+mir ordentlich Appetit gemacht.
+
+-- Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas
+Punsch oder . . .
+
+-- So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das möcht' ich mir
+nun doch einmal besehen, so schnell als möglich.
+
+-- Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch zuvor unser Land gut
+anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr
+bedürft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an
+kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf.
+Oder an Nachtschweiß? Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, Ihr bedürft
+meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen
+und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein
+Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine
+sehr interessante königlich-kaiserliche Familie, zahlreich wie sämtliche
+Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien
+gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet's mir danken, es ist
+ungeheuer sehenswerth. Wir salben Könige, die nichts zu thun brauchen, als
+sich salben zu lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche
+Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles
+Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist
+gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben.
+Wir haben viele Völkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Könige
+so nützlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes Bild.
+
+-- Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich Fahrgelegenheit nach Teuta
+finde?
+
+-- Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit
+Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden?
+
+-- Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft!
+
+-- Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold.
+
+-- Und Euer Name?
+
+-- Drachenschiff!
+
+-- Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und
+tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch,
+und der Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann im Rath.
+
+Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra
+und Jesus Sirach: -- Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker,
+meine Familienpapiere!
+
+-- Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt's nicht, kann's Euch den Hals
+kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu
+befriedigen, mit Respekt zu sagen.
+
+-- Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht!
+
+-- Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman.
+Gottbei!
+
+Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem
+schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebückt durch die niedrige Thür
+schiebend.
+
+Grege warf sich auf's Lager und wand sich in Krämpfen wie ein Epileptiker.
+Es ging vorüber. Der letzte Gram war abgeschüttelt.
+
+Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes Gesicht. Teufel!
+
+Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu
+wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd
+auf Alles, was ihm begegnete. Daß hier Alles in's Titanenhafte, Kolossale
+getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war
+das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein
+schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste
+Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man die
+Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie
+verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hält die Welt, hält das
+gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und
+Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins schlug ihm überall
+prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller
+Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachäffung
+Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, was
+er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein dämonischer Humor, der jeder
+Verzweiflung Herr wird, schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des
+Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn
+geworden.
+
+Das Allermerkwürdigste dünkte ihm -- und das war vielleicht der Schlüssel,
+sich Angellands räthselhafte Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig
+erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwärtige
+schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den
+tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jüngeren, üppig
+genährten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur
+ein Nebending, das sie nur als einer ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte.
+Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo ein
+Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart
+auf und formte es rücksichtslos zu seiner Heimath. So ward er überall der
+Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und pflückte überall die
+Freuden der Heimath . . .
+
+Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Fülle der
+Gesichte eines in's Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem
+königlich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wußte
+genug davon. Und er wollte keine Gefühle zwecklos verpuffen . . .
+
+Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach einem Ziel: Teuta! Kalte
+Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments
+. . .
+
+In Teuta -- klingt's nicht wie ein Märchen? -- hat bereits Einer den Kopf
+zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und
+dieser Eine . . . war nicht Grege?
+
+Teufel!
+
+Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an?
+
+Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich's um
+mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu
+entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen.
+
+Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge in das Jala-Abenteuer. Wer
+war der rundköpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht
+sagen wollte?
+
+Aber die letzte große That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn.
+Das fühlte er. Welche That? Festzustellen in's Einzelne vermochte er sie
+nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glühender
+wurde, eingehüllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde
+gekommen, mußte der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles stand
+im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem
+Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich
+trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, die Neugeburt der
+königlichen Seele . . .
+
+Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog
+plötzlich alle Mystik. Grege knirschte: -- Ganz Teuta auf Schiffe packen
+und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie
+die urgermanischen Vorfahren im Norden . . .
+
+Wer lacht so grell?
+
+Teufel!
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in
+freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein
+Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine
+Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund
+abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses
+Opfer. Nach Aos Gefühl war's ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in
+der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht
+riechen. Und erst das freie Licht! Giebt's etwas Brutaleres als freie Luft
+und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche
+Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der
+späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein
+lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel
+mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen!
+
+Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.
+
+Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer
+solchen Abendröthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches
+Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.
+
+-- Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug
+wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom
+Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen
+umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne
+werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein
+unerträglicher Skandal sein.
+
+Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben,
+diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu
+lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und
+Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe
+an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich
+nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum
+nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr
+Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht
+einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und
+dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein
+Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei
+ungewöhnliche »Effekte« sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres
+Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des
+göttlichen Uebermenschen Zarathustra und des großen Mysteriums unserer
+Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.
+
+Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom
+Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in
+einer Sänfte noch in's Gotteshaus und in's Museum schleppen lassen, um sich
+durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und
+oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das
+Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald
+zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten
+grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in
+einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges
+überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der
+Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike
+Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann
+in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und
+Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege
+improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen
+bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der
+Majestätsperiode früherer Jahrtausende.
+
+So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem
+geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso'sche Automaten die
+lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil
+sie für einen Automaten zu gefährlich war und leicht zu seiner Entlarvung
+führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich
+die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale
+stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder -- alten Münzen
+nachgeahmte Spielmarken -- einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und
+mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . .
+Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt
+erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man
+ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche
+verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er
+die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er
+nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten
+Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk
+würde dabei das Schauspiel einer bis -- zur Nacktheit verhüllten
+wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen
+sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste
+Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . .
+
+Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen
+Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die
+oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause
+emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der
+versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s.
+w., in verjüngtem Maßstabe nach berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes
+Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder
+ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte.
+
+Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit
+beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen
+und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den
+Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner
+persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit
+sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die
+Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von
+Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die
+Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt:
+zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des
+Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra's
+selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen
+merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten.
+Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom
+spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der
+vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten
+Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten
+Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten
+Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne.
+
+Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um
+von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu
+werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch
+keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die
+religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder
+Nichtglaube.
+
+Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt
+. . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung.
+
+Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen
+von den Strapazen erholen könnte.
+
+Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso.
+
+Athemlos flog der Diplomat herein: -- Hoheit, sie will nicht.
+
+-- Wer will nicht?
+
+-- Jala.
+
+-- Der Automat Jala?
+
+-- Jala in Person, Hoheit.
+
+-- Hast Du sie denn?
+
+-- Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß!
+
+-- Schweig, mich trifft der Schlag . . .
+
+Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster.
+
+Der hohe Rath wurde herbeigerufen.
+
+Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich
+heraus, seine Eigenmächtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort
+persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden
+Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse
+des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den
+Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört.
+
+Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath
+überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen
+Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes
+gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren,
+bestätigte Bim.
+
+Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in
+der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In
+seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle.
+
+Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie
+in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil
+den Grege -- diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen -- ersetzen
+müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne,
+gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur
+des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten.
+
+-- Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte
+Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die
+Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß!
+
+Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man
+nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen.
+
+Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun,
+werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle
+sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des
+unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den
+biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe
+Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen.
+Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese
+von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er,
+Soundso, wasche seine Hände in Unschuld.
+
+Das wirkte.
+
+-- Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die
+Tänzerin sofort vorgeführt werde.
+
+Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam.
+
+Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte
+eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos
+plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und
+hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala
+sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.
+
+Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier
+eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden.
+
+Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu
+empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn.
+
+So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige
+Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein
+müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine
+förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische
+Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende
+Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres
+Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos.
+
+-- Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager
+ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen.
+
+-- Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat
+uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können
+jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich
+gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden.
+
+-- Ueberdies hab' ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit
+selbstbewußter Miene bei.
+
+Titschi lächelte wie Einer, dem's Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt
+angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält.
+
+Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten
+Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die
+Ecke, Gesicht gegen Gesicht.
+
+Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und
+blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr
+verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten
+Staatsleitung geweihten Raum betreten.
+
+Es war ein Ereigniß.
+
+Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal
+erschimmerte in goldenem Licht.
+
+-- Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu.
+
+Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter
+Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus
+und Grege Platz, in gespannter Erwartung.
+
+Kaspe begann zu piepsen: -- Wir wollen's kurz machen, Hoheiten. Du bist
+Jala?
+
+Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand
+sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt
+wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein
+Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des
+All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht.
+
+Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß
+eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime
+Mutterschaft verrathe.
+
+-- Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.
+
+-- Ihr wißt es.
+
+Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.
+
+-- Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht?
+
+-- Ihr wißt es.
+
+Der Ton klang fester.
+
+-- Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat
+Dich Grege das geheißen?
+
+Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben
+über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die
+Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam.
+
+-- Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.
+
+Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu.
+
+-- Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden,
+Schweigsame?
+
+Pause.
+
+-- Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht?
+
+Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: -- Was in ihm ist, ist
+zugleich außer ihm.
+
+-- Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste
+erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst
+gethan?
+
+Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander,
+daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe.
+
+Der Oberrichter fuhr fort: -- Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand
+die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des
+Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?
+
+Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten
+Brust. Ein Wort von Grege jetzt -- und Alles war gewonnen . . . oder
+verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des
+Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im
+Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand
+winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen:
+
+-- Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für
+Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte!
+
+-- Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!
+
+Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: -- Was Du
+thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist.
+
+Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam,
+prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn.
+
+-- Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe.
+
+Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: -- Ich habe eine Stimme
+gehört, aber ich fühle sie nicht.
+
+Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit:
+
+-- Ihr habt's vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes
+Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts
+übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde,
+und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der
+Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des
+Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein
+Antrag!
+
+Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem
+Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der
+Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: --
+Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr
+noch?
+
+Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger
+Stimme: -- Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte
+zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo
+er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas,
+seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide
+ihren Lauf nehme.
+
+Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmüthig:
+-- Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf!
+
+Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein
+trüber Strudel den vom Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter
+Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoßen, wie der
+spukartig sich ankündigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer
+wüster anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr Schweigen wie Greges
+männlich schönes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wär's ein
+Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem
+. . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fühlte sie nicht, mit dem Klang
+der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war's, seine
+lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurückrufen,
+daß sie auch seinen Athem spüre, was soll sie beginnen, daß er ihr
+nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht
+mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege
+nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war's nicht ein
+Gaukelspiel? Wie wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, sie zu
+vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Löwe
+sein Eigenthum an sich reißt und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei
+der ewigen Liebe . . .
+
+-- Man führe Grege ab! gebot Kaspe.
+
+Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, dann streckte sie die Arme
+geradeaus nach vorn, wie beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib
+zurückfallen.
+
+-- Ich werde tanzen.
+
+Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein Triumph schnellte ihn nicht
+empor, als ihn die Hoheiten beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte
+sich nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu
+täuschen und unter fremden Willen zu zwingen.
+
+Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort zur Sache gefunden. Die
+Geschichte ging ihm über den Horizont. -- Mechanik und Mystik! murmelte er
+endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle für seine
+Augen.
+
+ * * *
+
+
+
+
+
+
+Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit
+anderen Augen und anderen Gedanken.
+
+-- Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, Reiterschaaren,
+anstürmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In
+schmählicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche
+Heimkehr beschieden wäre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks!
+
+Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf
+europäischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit
+blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den
+heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, war ein Seufzer,
+jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Männern nicht mit
+Worten, sondern mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom Gegner gefordert
+wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg
+oder Tod!
+
+Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er
+ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein
+mit vollem Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich
+straffer Gang, sein raubthierkühner, harter Blick.
+
+Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er bis zum Morgengrauen in
+Teuta sein und den hohen Rath allarmiren.
+
+Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt
+zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus
+nächster Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen.
+
+In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete
+Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß
+trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit
+wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten
+wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts
+sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen
+Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die
+Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief
+lange, fest, traumlos.
+
+Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine
+Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen
+nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit
+gemüthlicher Selbstironie.
+
+Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was
+bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen
+Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von Männer-,
+Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt
+gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara -- thuuu -- stra, Zara -- thuuu
+-- stra, Zara -- thuuu -- stra?
+
+In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber?
+Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den
+Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich
+verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und
+erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die
+Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die
+Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet -- da defilirt der hohe Rath vor dem
+Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten
+. . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und
+Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß
+mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der
+Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe
+zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien,
+gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher
+Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist's nicht so? Ist's
+nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an
+diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte
+. . . als gezwungener Komödiant?
+
+Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die ihm die heißen
+Strahlenreflexe der Sonne in's Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab
+krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil
+es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute
+sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?
+
+Hat er einen Doppelgänger?
+
+Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an
+der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit
+einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten
+vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich
+da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den
+Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs.
+Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen
+. . . wer denn? Grege's leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine
+Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme!
+Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische
+Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein
+Doppelgänger anstimmt: -- Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den
+Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono
+erwiderte, wie es jetzt erwidert: -- Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir
+lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein
+Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam
+gemächlich und wundert sich über nichts, hier der würdevolle Oberpriester,
+geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des
+heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso -- Alles echt
+und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege,
+oder ist er's nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er
+stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen
+Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt
+vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die
+Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in's Gesicht. Er ist er selbst,
+Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend,
+fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden,
+dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich
+dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur
+zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der
+weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die
+unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über
+die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten
+Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas
+Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen
+Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber
+immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der
+Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt's die Freitreppe herauf
+. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen der
+Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige Vertreter der Slavakos
+. . . o Scheußlichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o
+Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und Symbole auf
+hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . »Meine
+Brüder, seht, ich lehrte Euch den . . .
+
+Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das Königsschloß und nimmt hinter
+dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den
+Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold
+. . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und
+Schlurfen der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung,
+Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf
+und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht
+das hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem Baldachin hervor und
+hinauf auf die Portalschwelle die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf
+der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den
+Polsterstühlen Platz, die Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen
+Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in
+lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hüter des heiligen
+Wortschatzes von Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen Mysteriums in
+wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines
+Amtes zu walten, sich dem Volke als König vorzustellen und seinen
+Jahresspruch herzusagen.
+
+Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch:
+
+ Aufwärts fliegt unser Sinn,
+ Achtet der Stunde,
+ Teuta's erhabenes Volk -- --
+
+Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen Automaten auf und
+Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor.
+
+Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt
+auf Soundso. Der ist so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der
+Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen.
+Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu
+. . . Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den Boden . . . Schlägt
+mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse
+hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin von der
+Schulter und das goldene Scepter aus der Hand -- und der Automat deklamirt,
+eine entlarvte Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich
+schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem
+Zerstörungswerke weiter . . .
+
+ Will Euer Wille befehlen,
+ Wohlan, ich bin sein Symbol -- --
+
+Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal,
+dann war sie stille.
+
+Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von Grege erkannt, theilt
+dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der
+Purpurmantel entsinkt der Puppe . . .
+
+Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: -- Sprich, wer bist
+Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in
+das stumme Schauspiel hinein.
+
+Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von
+oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße
+fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft?
+
+Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge im Büßerhemde durchbricht
+die Reihen und stürmt, von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer
+gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die
+Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier!
+
+Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: -- Er ist der Befreier!
+Er ist der Befreier!
+
+Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und schüttelt die Massen, und wie
+Donnerstimme hallt's: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier!
+
+Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen
+Schritt vorwärts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele
+gegangen -- die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege's Brust.
+
+Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr,
+jeder Mund ist stumm, Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem
+Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an sich preßt: Volk von Teuta,
+Zarathustras jüngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und
+Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser!
+
+So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und
+das weiße Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, bis der
+Sieg erfochten.
+
+Als am Abend die Terrasse von den Trümmern des Automaten-Gaukelfestes
+gesäubert wurde, berührte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des
+eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich begann die
+kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: -- Ao ist ein Idiot -- Bim
+ist ein altes Grauthier -- Titschi ist ein entlaufener Strandräuber --
+Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie Wanzen ab. -- Man muß dem
+Volk in's Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf -- Man
+muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich der Gottheit nahe . . .
+
+In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen Beschluß des Volkes zum
+obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter
+der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt.
+
+-- Da habt Ihr Euren Tribut.
+
+Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum.
+
+Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis zum Anbruch des nächsten Tages
+Botschaft nach Nordika zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den
+Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit dem Brudervolke von
+Nordika ersetzt.
+
+Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung der Mauer, welche
+die Stadt der Männer von der Stadt der Frauen trennte.
+
+Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei
+Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er
+bis an sein Ende über des Teutareiches Untergang . . .
+
+Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Königsburg in Teuta,
+bis der volle Sieg über die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner
+mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen Leben im
+Lichte der Sonne.
+
+Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt es aus den klatschenden
+Falten des Banners wie Maikkas Lachen.
+
+
+
+Ende.
+
+
+
+Druck von C. G. Röder in Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß ***
+
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+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39565/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: In Purpurner Finsterniß
+ Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
+
+Author: Michael Georg Conrad
+
+Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+In purpurner Finsterniß.<br />
+<br />
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+<span style="font-size: smaller">
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+von<br />
+Michael Georg Conrad
+</span>
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+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size: 110%">
+Verlag von C. F. Tiefenbach<br />
+<span style="font-size:smaller">
+Separat-Conto<br />
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+Leipzig.
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="dedication">
+<span style="font-size: smaller">
+Meinem genialen Kameraden<br />
+</span>
+Juliane Déry
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 007 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1"><span class="hidden">Kapitel 1</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn
+Jala ihren Willen durchsetzen wollte.
+</p>
+
+<p>Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß,
+hatte er ihr verheimlicht. Immer noch sickerte Blut
+durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit
+dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so
+daß an der ihrigen, an der inneren Fläche zwischen
+Daumen und Zeigefinger, ein rothes Blutzeichen haften
+blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form
+eines Sterns.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn
+ich vorzeitig raste, schwinden meine Kräfte. Kann ich
+irren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten
+Kanalbett, bis in die Dünen, die wir noch in der Nacht
+erreichen. Du hast die frische Brise, vom Meer herüber,
+immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft
+wechselt, bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich
+jetzt eine Weile schonen, meiner Wunde wegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du
+sie mich nicht befühlen?
+</p>
+<!-- page 008 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich
+kurze Rast halte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein
+Held. Und wir wachsen in der herrlichen Einsamkeit.
+Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser Bewegung,
+die mich beschwingt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es ist eine Flucht, Jala.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere
+Welt, in unser freies Himmelreich! Säume nicht zu
+lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange ohne Dich!
+Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem
+scharfen Blick, das uns bedrohen könnte?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein.
+O, ich muß lachen, weißt Du. Sie haben sich selbst
+des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere
+Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten
+und alle Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und
+die Wege, die wir auf ebener Erde durch die Wüsteneien
+ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer Häscher
+verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner
+unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher
+Oberrichter, ist langsamer in Entschlüssen und
+Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao, ihr Oberpriester,
+schläft und verdaut.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht,
+daß noch ein Dritter im hohen Rathe sitzt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal
+mit widerlichen Anträgen belästigte? Den hat nur
+Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen
+bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist
+<!-- page 009 -->
+kein Verfolger. Der findet andere Ablenkungen. Ein
+schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts
+Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta
+hüten zu helfen. Nein, dieser hohe Oberlehrer von
+Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne ihn. Er
+hat mich einst unterrichtet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich
+voll Unruhe.
+</p>
+
+<p>Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib
+mit einem tiefen zärtlichen Blick.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die hat andere Ursache, süßes Weib.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also folg&rsquo; mir bald, Grege.
+</p>
+
+<p>Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die
+Tasche, ein Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung,
+das in Nußgröße die Kraft des Brodes und Weines
+und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie
+ziehen.
+</p>
+
+<p>Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie
+uneingeschränkt ihren Willen hatte. Er wußte auch,
+daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr war.
+</p>
+
+<p>So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen
+fielen ihm zu, das Bild der Wandernden einschließend.
+Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner Wunde
+erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen
+haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala wird sich um mich bangen. Ach, die
+weite Landschaft, endlos! Aber er war so schlaftrunken
+und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich nicht zu
+erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut
+nicht gut. Er wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen,
+<!-- page 010 -->
+sie einzuholen. Wer weiß, wie groß der Vorsprung
+ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres Schrittes
+vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin.
+</p>
+
+<p>Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten
+aus, ihre hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen
+Schweigsamkeit dieser unendlichen, sonnenhellen,
+weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel.
+Eine schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes
+mit der Fußsohle die Erde berührt. Die verkörperte
+Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens und
+deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme
+mit eigenem Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung
+schöpfend zu immer stärkerem Glanze, unfaßbar allem
+Gemeinen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht
+nach Deiner Schönheit, wenn ich länger säume.
+</p>
+
+<p>Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und
+zwang sich, mit schmerzendem Fuße ihren Spuren zu
+folgen.
+</p>
+
+<p>Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen,
+durch welche seltsamen Gegenden ihn jetzt sein Schicksal
+führte, die große Befreiung.
+</p>
+
+<p>Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein
+Tiefer-Zwingen, ein Unterdieerdebringen.
+</p>
+
+<p>Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen
+über Städteleichen. Für blühende Gemeinwesen
+haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine Wurzelfäule.
+Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang.
+Eine Kraft schlug die andere, eine Kraft fraß die andere.
+<!-- page 011 -->
+So wurde immer weniger Kraft, bis sich Alles in platte
+Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden
+kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues
+Geschlecht. Was übrig geblieben war von alten
+Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine Kuriosität
+für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein
+Spott für die Langeweile der Feiertage.
+</p>
+
+<p>Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende
+Macht. Ihre Vielzahl erdrückt den Einzelnen. Da
+winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an
+den Beinen und Armen hängen!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du
+schreitest über Köpfe und Tröpfe weg. Du hast auch
+mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse aus
+Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht,
+dem Sprossen alter Könige? Heiliger Gott Bimbam,
+ist&rsquo;s denn glaublich? Und erst eine Blinde mußte mir
+die Augen öffnen? Ein Kind Ao&rsquo;s, des frommen
+Komödianten, mußte mir Ernst beibringen und Selbstachtung?
+So oder so, jetzt stell&rsquo; ich meinen Mann.
+</p>
+
+<p>Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich
+dehnenden Länge des gleichförmigen Weges in diesen
+bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen. Er zog die
+leichte Kapuze tiefer in&rsquo;s Gesicht, die Sonnenstrahlen
+abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich
+verbündeten, ihn desto heißer zu stechen.
+</p>
+
+<p>Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß
+die Augen und tastete sich mit dem Stabe weiter. Sollte
+er&rsquo;s besser haben als Jala, sein Weib, die blinde Seherin?
+Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze
+<!-- page 012 -->
+der Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die
+starke Pilgerin?
+</p>
+
+<p>Greges Ohren summten.
+</p>
+
+<p>Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und
+befühlte seine Wunde an der Ferse. Kein Blut mehr.
+Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er schmerzenden
+Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten.
+Instinktiv war er die lange Zeit her nicht mit der
+ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur mit den
+Zehen aufgetreten. Er hinkte.
+</p>
+
+<p>Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief?
+</p>
+
+<p>Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war
+nicht Jala&rsquo;s Ton.
+</p>
+
+<p>Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um.
+</p>
+
+<p>Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer
+altmodischen Schwinggondel, zweimal Stabeslänge kaum,
+hinter ihm.
+</p>
+
+<p>Es durchzuckte ihn.
+</p>
+
+<p>Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht
+nach. Also wenigstens keine Häscher aus Teuta.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges
+in dieser Wüste?
+</p>
+
+<p>Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich
+auf seinen Stab und blickte die Fragenden scharf an.
+</p>
+
+<p>Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen,
+durchgearbeiteten Muskeln und Sehnen, keine Spur von
+Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen Augen mit
+herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln.
+</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm
+machte er eine abweisende Bewegung in dem Sinne:
+<!-- page 013 -->
+Was kümmert&rsquo;s Euch? Laßt mich! Ich will nichts
+mit Euch zu schaffen haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt
+auch Deine Zunge?
+</p>
+
+<p>Und sie lachten kalt.
+</p>
+
+<p>Der Eine näherte sich ihm, während der Andere
+mit dem Fuße den Anker, mit der Hand das Steuer
+der Schwinggondel festhielt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug
+trägt drei.
+</p>
+
+<p>Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte
+er nicht ein Gesicht wie ein Todtenkopf? Wahrhaftig.
+Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht leblos, wie
+angeklebt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen
+Dich zurück.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du
+gefällig den Mund öffnen willst. Wir grüßen Dich!
+</p>
+
+<p>Aber es klang nicht wie Gruß.
+</p>
+
+<p>Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er
+nicht schnell den rechten Entschluß fand. Wie würde
+Jala handeln?
+</p>
+
+<p>Da lachte er auf: &mdash; Ich erwidere Euren Gruß.
+Nun laßt mich in Frieden. Ich suche mein Weib.
+</p>
+
+<p>Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum
+Gehen wenden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten
+jetzt die Fremden.
+</p>
+
+<p>Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib?
+Wäre das auch mitzufangen? Eine doppelte Beute?
+<!-- page 014 -->
+Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch für vier.
+Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob
+das Weib nicht eine Katze, die schwer zu bändigen.
+Sicher ist sicher. Schließlich ist der Teutamann doch
+die Hauptsache.
+</p>
+
+<p>Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten.
+Der eine Fremde, der jüngere vertrat ihm
+den Weg.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Höre, Mann aus Teuta!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Woher weißt Du das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem
+Zustande kann man nur aus dem nächsten kommen.
+Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses
+Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so
+strenges Gesetz, daß sich Keiner den Bart darf sprossen
+lassen. Alle sind dem gleichen Willen unterthan, bartlos
+zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So sieh&rsquo; doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich
+habe nichts mehr mit der glatten Gleichheit Teutas zu
+schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In Teuta
+sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort
+der Ausnahme sich rühmen, eines eigenen Weibes
+eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der Begattung
+währt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Köstlich, wie du Bescheid weißt!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache
+gesagt. Nun hindere mich nicht länger.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde
+brauchen? Setz&rsquo; Dich zu uns und belehre uns. Wir
+sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach
+<!-- page 015 -->
+seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und
+einen lahmenden Fuß. Dein Fuß kann in unserem
+Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem
+ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter
+Fund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine
+solche Sprache zu mir, dem Freien, wagst?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst,
+und Du &mdash; ein Freier gewesen.
+</p>
+
+<p>Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt
+und in die Gondel gelegt.
+</p>
+
+<p>Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein
+Geier.
+</p>
+<!-- page 016 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2"><span class="hidden">Kapitel 2</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft.
+Müdes Flimmerlicht.
+</p>
+
+<p>Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige
+Sand, unter Jalas Sandalen, so oft sie den
+Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es
+waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor
+Ueberanstrengung.
+</p>
+
+<p>Jala war heute mehr Meilen gewandert, als
+gestern und ehegestern, von jagender Sehnsucht gepeinigt,
+endlich an&rsquo;s Ziel zu gelangen.
+</p>
+
+<p>Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag
+zurückgeblieben? Bis zum Abend versprach er
+sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala
+konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie
+des übersandeten Kanales mit der leichten dünenartigen
+Böschung auf beiden Seiten. War das nicht seine feste
+Meinung?
+</p>
+
+<p>Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre
+gegangen sein. Ihr tastender Stab fühlte keinerlei Erhöhung
+mehr am Wege.
+</p>
+
+<p>Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das
+Gesicht in der Richtung der scheidenden Sonne, die
+Lider tief über den blinden Augensternen. Keines
+<!-- page 017 -->
+Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer
+ihrer brechenden Müdigkeit.
+</p>
+
+<p>So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung
+sie zwänge, und Grege&rsquo;s, des Getreuen, zu harren.
+</p>
+
+<p>Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten
+Handflächen unter die linke Wange geschoben,
+ruhte sie am Wege, wie entseelt.
+</p>
+
+<p>Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch,
+mit bebenden Flügeln ein gelber Schmetterling.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige
+Jala! dachte sie. Dann verwehte ihr Bewußtsein, bis
+sich&rsquo;s wieder verdichtete im Traum.
+</p>
+
+<p>Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die
+Farbe des Sandbodens, ihr aschblondes Haar, in ungeordneten
+Locken aus der Kapuze hervorquillend, die
+Farbe der verdorrten Gräser und Halme.
+</p>
+
+<p>Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen
+Wanderung in freier Luft und Sonne sich ins Bernsteinfarbige
+gedunkelt. Um die weichen Umrisse der
+Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige
+Fläche der Wange schwebte ein Lächeln der
+Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den leidvollen Sieg
+der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die tiefwühlenden,
+schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber
+ihrer ersten wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen.
+</p>
+
+<p>Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt
+rastende Körper in den warmen Boden zu versinken,
+abgeflacht zu Schemen und Schatten.
+</p>
+
+<p>Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung
+<!-- page 018 -->
+über die Welt gekommen, wie ein tiefausholendes
+Verschwingen in langen, lauen Rhythmen.
+</p>
+
+<p>Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen,
+veilchenblau geädert, letzte, verklingende Liebkosung aus
+der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der versunkenen Sonne.
+</p>
+
+<p>Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz
+erfüllte es wie heiliger Rausch beim Kusse des Geliebten.
+Und wie von stummer Musik getragen, schwebte
+sie mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen
+Sonnenblumen, um deren hohe Stengel zierliche Schlingrosen
+rankten, in süßen Düften die seidenweiche Luft
+gebadet.
+</p>
+
+<p>Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß
+tauchend, die Insel, das Ziel der Pilgerschaft, die
+Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege&rsquo;s Himmelreich
+und das ihre.
+</p>
+
+<p>Ausland und Fremde war ihr die weite, feste
+Erde gewesen, wo die Vielzuvielen und Zusammenhängenden
+wohnen, der dichte, drückende Schwarm der
+Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück
+des Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen
+Willens.
+</p>
+
+<p>Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit
+solchen Menschen gefühlt.
+</p>
+
+<p>Wie war das gekommen, daß sie anders war?
+Ein Trotz für sich und ein Widerspruch allen Anderen?
+Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und
+eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen
+Ueberzeugung wuchs, daß die Ordnung rings nur ein
+feiges Elend sei, dem ein Held erstehen müsse, der Alles
+<!-- page 019 -->
+erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und
+sie die Heldin des Helden?
+</p>
+
+<p>Wie war das gekommen?
+</p>
+
+<p>War&rsquo;s eine verborgene Erbschaft aus ihrem
+Stammlande Friska, die jetzt in gesammelter Kraft aus
+ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre Gedanken
+zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit
+sprengenden Elementen lud?
+</p>
+
+<p>Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich&rsquo;s zu
+deuten in gegenständlichen Bildern, da die erklärenden
+Worte versagten.
+</p>
+
+<p>War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen
+fand?
+</p>
+
+<p>War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht
+des jauchzenden Frühlings, als die Reife des Weibes
+im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das
+Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig
+wurde, als schwämme sie in Blitzen?
+</p>
+
+<p>Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche,
+den Unterschied zur dauernden Gestalt, daraus die neue
+Menschheit wachsen mußte? Konnte sie darum nimmer
+von ihm lassen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im
+Traume.
+</p>
+
+<p>So verging die Zeit.
+</p>
+
+<p>Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung.
+</p>
+
+<p>Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die
+Höhe! Grege! Grege!
+</p>
+
+<p>Was war das Alles? Was?
+</p>
+<!-- page 020 -->
+
+<p>Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog
+sich daran empor, sie straffte ihren Körper zu voller
+Höhe. Fremd. Allein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege! Grege!
+</p>
+
+<p>Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein
+Schrei in&rsquo;s Leere.
+</p>
+
+<p>Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre
+Stimme.
+</p>
+<!-- page 021 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3"><span class="hidden">Kapitel 3</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal,
+dreißig Klafter tiefer, als die übrigen
+Amtsstuben, unter der gemeinen Erde.
+</p>
+
+<p>Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie
+ein Treibhaus durchwärmter Raum, zeltartig mit
+Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß
+keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen
+verschiedenfarbiger Schnüre für die Luft-, Licht- und
+Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner runder Tisch
+ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel.
+</p>
+
+<p>Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein
+junger Gehilfe Soundso hielten ihnen abwechselnd den
+Wochenvortrag.
+</p>
+
+<p>Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche
+Stimmung der Teutaleute bezügliche.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester,
+sich auf dem fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige
+Oberrichter.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit
+verbindlichem Lächeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also Alle glücklich, nickte Ao.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie üblich, bestätigte Kaspe.
+</p>
+<!-- page 022 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel
+Grad zu warm? fragte Soundso. Ich meine, es müßte
+uns um einen Zehntel Grad zu warm sein.
+</p>
+
+<p>Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der
+linken Hand, die mit einem feinen Faden umwickelt
+war, der magnetische Apparat spielte, mit einem zarten
+Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch
+die Temperaturorgel.
+</p>
+
+<p>Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war
+unfehlbar.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel
+Kerze zu hell? fragte wieder Soundso. Ich
+meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel Kerze
+zu hell sein.
+</p>
+
+<p>Alle stimmten bei.
+</p>
+
+<p>Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger
+der rechten Hand, der Apparat spielte, mit einem feinen
+Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit in
+den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten
+um die Idee einer Schattirung tiefer in ihrem purpurnen
+Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der Zeltgewebe
+und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches.
+Aber die hohen Räthe empfanden die schwache
+Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen Behaglichkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für
+das gemeine Volk hat sich bewährt? fragte Kaspe mit
+zirpender Stimme. Es finden keinerlei Entweichungen
+mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden
+am Rücken der Erde? Es wurde keinerlei
+<!-- page 023 -->
+Verunreinigung der Luft durch Schwinggondeln mit
+Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte
+Titschi, seine etwas geknickte Gestalt erhebend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande
+innerhalb der Grenzen der gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt
+ist das gemeine Glück, dank der Idealität
+unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A
+und das O, und ich bin, durch beider Willen, ihrer
+frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im geheiligten
+Amte stehe &mdash; sprach der Oberpriester in
+schläfriger Feierlichkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen
+sichtbar, Du verdaust gut, Du schläfst gut. Dem
+Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte
+im weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode?
+nahm Kaspe das Wort.
+</p>
+
+<p>Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte
+in einem winzigen Notizbuche, das mit allerlei
+krausen <a id="corr-1"></a>Abbreviaturen vollgekritzelt war.
+</p>
+
+<p>Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig
+sehr gut, Abtheilung II zwischen Achtundzwanzig
+und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen
+Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen
+Achtundvierzig und Fünfzig gut, Abtheilung V Rest
+ungenügend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen
+müssen. Vielleicht, daß er eine Abkürzung der
+<!-- page 024 -->
+Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der Abtheilungen
+nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao
+schlafsüchtig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte
+Soundso mit pfiffiger Miene, es liegt in der Natur,
+daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden
+und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen.
+</p>
+
+<p>Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand
+nickte.
+</p>
+
+<p>Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Natur? rief er merklich überrascht, beinahe
+vorwurfsvoll, was hat in Teuta die Natur zu sagen?
+Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe und
+Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein
+Ruhm begründen sich darauf, daß wir über die Natur
+hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden.
+Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und
+fallen wir. Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist
+unsere Macht. Mechanik und Mystik, das sind die
+beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt
+beneidet. Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So
+lange ich hier meines Amtes walte, ich, Ao, will ich
+das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr
+hören. Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine
+Werthung der Pflichten, nach ihrer größeren oder geringeren
+Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der
+Sache auf den Grund geht. Du bist gewarnt.
+</p>
+
+<p>Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen
+Ao schon lange nicht mehr gesehen.
+</p>
+<!-- page 025 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen
+Gehilfen, daß er sich so verschnappt hat, beschwichtigte
+Titschi, mit einem mahnenden Zwinkerblick
+auf Soundso.
+</p>
+
+<p>Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste
+Lammsmiene aufgesteckt, als hätte er nie das kleinste
+Wässerchen getrübt.
+</p>
+
+<p>Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja,
+Hoheiten, der Oberphysikus wird uns Bescheid sagen.
+Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei ernste Gefahr
+im Verzuge ist.
+</p>
+
+<p>Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang
+ist durchaus normal und giebt zu keinen Befürchtungen
+Anlaß, so lange wir in der Lage sind &mdash;
+und wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets &mdash; den
+Slavakos die festgesetzte Zahl an jungem Tauschvolk
+alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung der
+bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können
+sogar, bei der nächsten Erneuerung des Vertrages, mit
+der Schätzung unserer Leistung hinaufgehen und stärkere
+Gegenleistung fordern.
+</p>
+
+<p>Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung
+nicht unterdrücken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eines Tages möchte sich&rsquo;s doch ereignen, daß
+Teutaland nicht mehr so viel Tauschvolk produzirte,
+um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten. Und
+bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht
+leicht dahin kommen, das Volk mit Luft zu ernähren.
+Auch die Surros kriegt man auf die Dauer satt. Der
+Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches
+<!-- page 026 -->
+Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren
+thaten nicht gut, die Landwirthschaft zu zerstören und
+uns ganz den Künsteleien der Techniker und Chemiker
+zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern
+vom Schlage Greges. So hängen wir von den Slavakos
+ab. Wenn denen einmal Unheil zustößt, sind
+wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß
+sie unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit
+wollten wir sie dann verpflichten? Oder sie führen
+ein System des Lebens ein, das ihnen selbst genügend
+Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet
+meiner Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht.
+Die Slavakos werden im Gegentheil immer nachdrücklicher
+auf unsern Menschenersatz angewiesen sein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit
+vollkommen bezwungen zu haben schien.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten
+weiß, sind bei den Slavakos wieder einige neue
+religiöse Sekten entstanden, welche es mit den Lehren
+ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten
+ihrer Rasse vor zweitausend Jahren entdeckten, noch
+viel strenger nehmen. Toistoji nennen sie sich. Diese
+Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute Enthaltung
+von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen
+und wählen ihre Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste
+Mal erbitten wir uns weitere Aufschlüsse, Kaspe. Die
+<!-- page 027 -->
+Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere
+Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos?
+Hat sich unsere Abschließungszone gegen sie erweitert?
+Ist unsere Grenze genügend geschützt? Die
+Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung
+und sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen
+lauert ihre Herrschgier. Liegt nichts Verdächtiges
+vor?
+</p>
+
+<p>Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso,
+als wolle er wieder das Wort nehmen. Aber nun
+kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine neue Verschnappung
+seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen
+und damit eine lästige Verlängerung der
+Sitzung herbeizuführen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ
+sich keiner von diesen Störenfrieden an der Grenze
+unseres Reiches blicken. Unsere Abschließungszone
+gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende
+Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich
+verbreitert. Die sanften Slavakos, obwohl sie immer
+weiter nach Westen drücken, sind unsere vertragsmäßigen
+Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute
+geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung.
+Weitab wohnen die kleinen Völker, die ihrer turbulenten
+Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden
+sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren
+haben. Ich kann mir kein friedlicheres Bild unserer
+Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer der Trieb
+unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger
+Angriffspunkte bieten wir.
+</p>
+<!-- page 028 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen,
+zirpte Kaspe. Schade, daß wir die alten Kulturdenkmäler
+nicht auch unter die Erde bringen können. Das
+Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum,
+das Zuchthaus &mdash; gäbe es wirklich kein Mittel,
+sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin die Verwitterung
+so stark, daß uns die Unterhaltungskosten
+mit der Zeit drückend werden können. Oder wollen
+wir sie wie die Fabrik mit ihren neunundneunzig
+Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen?
+Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten
+auch daran. Ich glaube nicht, daß unsern
+Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt.
+Für diesen Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit
+lächelnder Lammsmiene, ja, das ist das herrliche Problem,
+neue Vergnügungen, Hoheiten!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns
+Alles Eintracht und Zufriedenheit athmet. Probleme
+sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, welche
+Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man
+nach ihnen welche machen wolle. Mit Recht oder Unrecht,
+so ist&rsquo;s.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich,
+ich hebe die Sitzung auf.
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal
+hüllte sich in purpurne Finsterniß. Der Oberpriester
+drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, der
+um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der
+<!-- page 029 -->
+Mechanismus, der die Hoheiten mit sammt ihren
+Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände in die
+Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten
+Gemächer in der höheren Region harrten.
+</p>
+
+<p>Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Alte wird schwach.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Idiot.
+</p>
+<!-- page 030 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4"><span class="hidden">Kapitel 4</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen
+aus der Ohrmuschel und schlenkerte sie nervös
+spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick war
+seltsam unruhig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog
+sein längliches Gesicht zu einem neugierigen Lächeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat
+ihn gekränkt. In der Wochensitzung. Heillose Worte
+sind gefallen. Ich soll prüfen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Heillose Worte? Von Seite Aos?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein. Soundso versündigte sich am heiligen
+Wortschatz.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand
+beobachten lassen. Mir ist er längst verdächtig.
+Also Frevelworte ausgestoßen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hm.
+</p>
+
+<p>Minus spitzte den Mund und blies in die hohle
+Hand.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na, Hoheit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer
+das Sprüchlein: &bdquo;Worte sind Schall und Rauch.&ldquo; Das
+wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht.
+<!-- page 031 -->
+Viel zu leicht .&nbsp;.&nbsp;. Eine schleichende Gefahr. Auch bei
+uns. Gehörtes verführt .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere
+Nachdenklichkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie hat der vor bald zweitausend Jahren
+gesagt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;&bdquo;Worte sind Schall und Rauch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hab&rsquo; ich nie gehört. Ich verneige mich vor
+Deiner Gelehrsamkeit. Worte nicht bloß Schall? Worte
+auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in
+jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die
+rauchen. Worte die nicht nur die Ohren, sondern auch
+die Augen belästigen. Die brändeln und stänkeln. Puh,
+Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du,
+großer Wissender?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die
+Staatsgeschäfte hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt,
+sei überzeugt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung,
+Seele, Alles in eins. Furchtbare Gewalt. Wenn nun
+Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr,
+Umwälzung, Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und
+was &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte
+seinen langen dünnen Hals verzweiflungsvoll, daß die
+Wirbel knackten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hm, machte Minus, indem er wieder die
+winzigen Hörröhrchen in die Ohrmuschel steckte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem
+Anfall erholt hatte.
+</p>
+<!-- page 032 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint
+ihm verdächtig. Seit der Wochensitzung. Worte,
+Worte, Worte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schon wieder? Was hab&rsquo; ich vorhin gesagt?
+Darf ich nun erfahren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt
+Aergerniß auf allen Seiten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus.
+Amtsgeheimniß.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares
+Material unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
+</p>
+
+<p>Aug&rsquo; in Aug&rsquo;, daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten,
+dann den Mund am Ohr: Vernimm, Bim &mdash;
+Natur &mdash; angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst
+Du? &mdash; Probleme, herrliche Probleme sogar.
+</p>
+
+<p>Dann blickten sie sich starr an.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soundso?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte
+er nicht des Schlimmsten fähig sein? Ist das nicht
+ein keimender Entartungstypus in unserem normalen
+Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender
+Seuchenheerd in unserem musterhaft gesunden Land?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich ahne, Bim.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung
+des Urstoffs, alle Geister hat sie erschüttert,
+ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still
+verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme,
+angenehmere Pflichten vor dem Oberpriester auszusprechen.
+</p>
+<!-- page 033 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und vor dem Oberpriester!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem,
+der meine unglaubliche Entdeckung mit dem höchsten
+Lob auszeichnete. Weißt Du noch?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete
+doch gleich Deine herrliche Entdeckung? Die Worte
+sind mir nicht gegenwärtig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus
+welcher die Atome bestehen, ist nicht qualitativ verschieden,
+sondern die verschiedenen Atome sind nur verschiedene
+Qualitäten derselben Materie, und diese
+Materie ist der Urstoff.
+</p>
+
+<p>Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie
+ein schwarzes Runzel-Dreieck über den erstaunten Augen
+standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder,
+aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake &mdash;
+aber seinem Munde entschlüpften klügere Worte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja,
+das sind Ideen, nicht Schall und Rauch. Davon wird
+eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme
+werden hervorsprießen, neue &mdash;
+</p>
+
+<p>Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken
+Hand in die Höhe und legte die rechte dem Sprecher
+auf den Mund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen
+gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! Entwi&mdash; Entwicklung,
+gehört das nicht auch zu den verpönten Worten
+unseres staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue
+Probleme? Stehen wir nicht auf dem Gipfel? Wohin
+mit Entwi&mdash; Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel
+<!-- page 034 -->
+eines Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen,
+wir fügen hinzu, aber entwickeln? Nein. Wir haben
+einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist nicht
+Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung
+&mdash; wem schauderte da nicht? Sturz in&rsquo;s Bodenlose
+&mdash; wem &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß
+die Halswirbel knackten.
+</p>
+
+<p>Minus hatte sich bei Bim&rsquo;s emphatischer Strafpredigt
+langsam umgewendet. Jetzt drehte er ihm das
+Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein
+Amt gestattet mir, mich auch einmal über meinen
+Standpunkt zu stellen, um &mdash; Andere zu prüfen. Du
+hast die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen.
+Der Mann des Geistes beglückwünscht den
+Mann der Körperlichkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit.
+</p>
+
+<p>Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches
+Lächeln den aufsteigenden Aerger zu dämpfen.
+</p>
+
+<p>Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten
+Gelehrsamkeitsverwalter, es ist ein Stich in&rsquo;s Boshafte,
+fast in&rsquo;s Größenwahnsinnige dabei, dem nichtsahnenden
+Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man
+könnte sich ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen
+solche Neigungen herrschend werden. Das ist kein
+glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten Volkes.
+Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit
+hinterlistigen Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade
+ihm, dem tadellosen Bim, dem unersetzlichen Physikus,
+<!-- page 035 -->
+der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen
+weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit
+der Teutaleute mit solchem Eifer wacht!
+</p>
+
+<p>Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten
+Köpfen, wenn ein Mann von der Gelehrsamkeit
+und Würde eines Minus Schabernack treibt?
+Kommt damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle
+Beziehungen derer, die der Wille des Volkes auf die
+wichtigsten Posten gestellt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann
+plötzlich der Oberlehrer wieder. Du bist ein Mann
+von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir
+noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich
+erweise, der Weisheit meiner hohen Kollegen immer
+näher komme?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wieso das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim,
+daß die Erde nichts ist als ein erstarrter winziger
+Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein Sandkorn
+in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen,
+welche Gase an der Fläche der fernsten Sterne glühen.
+Macht das Dein Herz größer? Dein Leben fröhlicher?
+Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die
+Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel
+zu lösen im Begriffe war, von denen wir heute keine
+Ahnung haben. Daß man damals fast das Problem
+gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und
+in die Sphäre des Mondes hineinzufahren. Hat dieser
+Aufschwung gehindert, daß dennoch ganz Europa in die
+Brüche gegangen? Daß all&rsquo; die großen Reiche des
+<!-- page 036 -->
+Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste
+sind? Wie viele Jahre noch?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, Hoheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus?
+Wir sind beide in guter Verfassung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch
+nicht im hohen Rath, Bim. Bei der nächsten Musterung,
+wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die
+Alten nicht mehr, stell&rsquo; Dir das vor! Es geht wie
+ein Traum der Verjüngung durch die Herzen der kleinen
+Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter wollen
+sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus
+ermüdet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen
+zittern. Hast Du Zahnweh?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber, ich bitte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du
+überhaupt noch Zähne?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die sitzen noch ganz solide.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß
+zu tragen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich begreife nicht, Hoheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren
+wohl auf diesen Zierat verzichtet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument
+der Gesundheit. Erinnere Dich, daß ich einst ein vielgepriesenes
+Mittel erfunden, dieses Instrument zu
+schärfen.
+</p>
+<!-- page 037 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht.
+Nach Dir kam aber einer, der Speiseformen erfand,
+wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt überflüssig
+wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung
+Ehre erwiesen, wirklich, Bim?
+</p>
+
+<p>Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen &mdash;
+es war keine vollständige Garnitur, und griff sich mit
+der Hand an die Stirn. Dann warf er einen hilflosen
+Blick auf den unbegreiflichen Frager.
+</p>
+
+<p>Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise
+fort:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ein Traum der Verjüngung. Meine
+Späher und Zeichendeuter sind zuverlässig. Hast Du
+nie einen ähnlichen Traum geträumt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nie, Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hättest Du&rsquo;s doch. Vielleicht hätte Dein
+Scharfsinn einen Sporn mehr erhalten. Du hättest
+uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden,
+Bim. Warum läßt Du uns sterben?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus.
+Wir sterben &mdash; wir sterben an der Jugend der Anderen.
+Grausame Todesart. Sie macht lächerlich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du quälst Dich und mich, Minus. Warum
+quälen wir uns mit solchen Fragen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Weil sie zeitgemäß sind.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung,
+Minus, Hoheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du verschwendest Deinen Geist, Minus.
+</p>
+<!-- page 038 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Verschwende ich ihn?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin
+&mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu
+Thoren geredet, wenn ich vermeinte, zu Weisen zu
+sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu
+leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig
+ganz unter uns. Oberphysikus, Amtsgeheimniß!
+</p>
+
+<p>Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte.
+Irgendwo und bei irgendwem stand&rsquo;s nicht richtig.
+</p>
+
+<p>Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen
+Rathe an.
+</p>
+
+<p>Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus
+diesen Mienen war keine Erklärung für die sonderbaren
+Worte zu schöpfen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen
+lassen, Bim? Weißt Du? Die den Sterbenden
+lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt?
+Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken&rsquo;s, Bim!
+und lachen und weinen, die Unerbittlichen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute.
+Ich fasse Deine Besorgniß nicht, Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit
+ihren Thränen verhöhnen sie den Unglücklichen. Ihre
+Thränen sind Salz in offene Wunden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus, nie habe ich Jemand von unserem
+Volke weinen sehen. Im edlen Lande der Teutaleute
+kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In
+alten Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten,
+Tyrannen und Knechte. Da kam&rsquo;s zu blutigen
+<!-- page 039 -->
+Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte,
+noch schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die
+sozialistischen Quälereien. Das besserte wenig. Die
+Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem
+Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus!
+Das ist vorbei. Das ist die Auszeichnung der Teutaleute,
+ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke doch,
+ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können
+ruhig sterben, Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum thun wir&rsquo;s nicht? So stirb doch,
+Bim! Schaffe Platz der Jugend! Was zögerst Du?
+Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir
+wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen
+bestellt hat. Nimm Dir einen Soundso. Die
+einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in Staatsgeschäften
+unser Leben zu dehnen. Aber Alles das
+thust Du nicht, Du wartest ab. Du greifst nicht vor.
+Du läßt&rsquo;s drauf ankommen. Du willst gestorben werden.
+Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht.
+Ich mache ein Ende. Heute noch. Ich habe Sehnsucht,
+loszukommen, ohne Hohn.
+</p>
+
+<p>Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles
+Uebrige. Also darauf spielten die krausen Wendungen
+und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen
+Minus der Ueberdruß, der Unmuth.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten
+gestellt. Und da sollen wir flüchten, ohne Noth, aus
+<!-- page 040 -->
+trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns anvertraut
+&mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine
+Reverenz &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut denn. So sagen wir (und kost&rsquo; es mir
+den Kragen, wenn&rsquo;s ein Späher hört), die Beherrschung
+des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem
+Herrscher, zu einem Gott in Dir, Bim? Ich hänge
+an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner Unvollkommenheit.
+Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung,
+Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber nicht mein Wohl. Und warum können
+wir das Volk beherrschen? Weil wir ihm die Flügel
+gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles
+Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen,
+Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist&rsquo;s das? Bestellt sich der Mündige einen
+Vormund? Duldet der Freie Obere, die sich mit &bdquo;Hoheit&ldquo;
+anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte Dich
+und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus
+der Erde heraus und liefe frei in die Sonne und allen
+Winden nach, wie die Thiere des Waldes, wie die
+Vögel des Himmels.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses:
+Deine Gelehrsamkeit ist Dir zu Kopf gestiegen. Das
+sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus alten
+Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen.
+<!-- page 041 -->
+Ich weiß mich frei davon, drum kann ich
+ruhig reden.
+</p>
+
+<p>Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei
+im Kopfe durcheinander geht. Wiederholt setzte er sein
+Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von keiner
+Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?
+</p>
+
+<p>Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung
+nahe. Solchen unerfreulichen Sachen war
+er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an unentwirrbaren
+Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den
+Strich. Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in
+einem solchen Zustande gesehen. Ein Knäuel von
+Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der
+Himmel, die Thiere.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund.
+Teuta aber ist gesund geblieben, weil es der Sonne,
+dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil es die
+Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat.
+Diesen vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten
+nachschwärmen: Poeten und Verliebte. Und
+mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt,
+gründlich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Haben wir das, alter Bim?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die
+Erde im Teutaland. Alles ist klar und bestimmt nach
+Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten bleiben,
+er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen.
+Das empfand ich in meiner Jugend, das bestätigt mein
+<!-- page 042 -->
+Alter. Eine Wissenschaft, die anders lehrt, ist falsch.
+Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut.
+</p>
+
+<p>Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen
+Gedanken versunken. Nie hätte er überhaupt den klugen,
+beschränkten Schwätzer so lange angehört, außer der
+Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte
+Komödie mit ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in
+der Geduld. Aber heute! &mdash;
+</p>
+
+<p>Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der
+Fernsprecher wußte ihm so wenig zu melden, wie der
+Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, es
+kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit
+der Wiederholung altbekannter Dinge.
+</p>
+
+<p>Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine
+Erwartung schlug.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer
+Weile. Ao weiß nichts. Kein Mensch weiß was. Jala,
+Unglückliche!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte
+sie in meiner Irren-Abtheilung zur Beobachtung. Dann
+entwich sie &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das sagst Du mir jetzt erst?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fragtest Du?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich
+nicht weiß? Berichte!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande
+entsprechend. Sie entwich. Sie wird ein Ende gemacht
+haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und
+unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta
+ist ruhig.
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich danke. Fahr&rsquo; ab, Bim, und hüte Deine
+Zunge.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Närrin weniger, das regt in unserem
+Lande keinen Menschen auf. Eine Närrin weniger, ich
+bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fahr&rsquo; ab, Bim. Jala ist keine Närrin und &mdash;
+mehr als Eine. Schluß. Fahr&rsquo; ab.
+</p>
+
+<p>Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß
+vor der Thür.
+</p>
+<!-- page 044 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5"><span class="hidden">Kapitel 5</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen.
+Niedrig, wolkenschwer lastete das Firmament auf der
+naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne
+Sterne.
+</p>
+
+<p>Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang
+gedämpft der schwermüthige Gesang der Wellen am
+Strande.
+</p>
+
+<p>Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern
+kam es zuweilen wie hartes Grollen und Stoßen und
+Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in
+dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen
+Schlägen bald über die Fluth hinweg in&rsquo;s Land zu
+fallen in wüthender Heerfahrt.
+</p>
+
+<p>Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem
+Bogen den Strand umgürteten, lag, tief eingebettet, eine
+Siedlung von Schifferhütten: Eine Weltfremde in den
+düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von
+wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich
+ab und zu von Wind und Wetter verschlagenen Insulanern
+oder Flüchtlingen aus den platten Hinterländern
+einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des
+Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche
+zogen wieder ab bei günstiger Wetterwende, Etliche, die
+<!-- page 045 -->
+sich anzufreunden und innigeres gegenseitiges Gefallen
+zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere verschwanden
+spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung
+genossen.
+</p>
+
+<p>Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer
+neuen Kunde aus entlegener Welt den Geist und mit
+ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam hausenden
+Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit
+des Daseins zwischen den Dünen.
+</p>
+
+<p>Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten
+beschränkt. Das Meer forderte beständig seine
+Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine Gewalt
+am schwächeren Nachwuchs.
+</p>
+
+<p>So gab&rsquo;s keine Bedrängniß an neuen Menschen,
+und das Blut und die Sitten der Eingeborenen aus
+alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen,
+die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die
+in längst verschwundenen Epochen bis an&rsquo;s Meer stießen,
+den Ur gejagt, war das Geschlecht blondmähnig und
+von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen
+Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.
+</p>
+
+<p>Das große Wort aber führten einige schwarze
+Rundköpfe in den länger werdenden Abenden der
+Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters
+hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem
+Glanz.
+</p>
+
+<p>Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen
+Küsten heraufgekommen, die in weißen Felsen und
+Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von
+<!-- page 046 -->
+waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und
+aus der ältesten Geschichte ihrer Voreltern berichteten
+sie von Kriegszügen, Revolutionen und Umstürzen, mit
+solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, unglaublichen
+Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller
+Augen, und lagen doch weit zurück um Jahrtausende,
+als die Menschheit noch lärmte und tobte, und in
+streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander losgingen
+und noch nicht so stille und bedachtsam geworden
+waren wie heute.
+</p>
+
+<p>Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen
+der Mund über von ihrem kriegerischen Nationalgott
+Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium
+erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges
+in Europa, und in hundert Jahren werde er wieder
+erscheinen und den Angelos und Amerikanos den
+Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem
+zweiten Erscheinen mit feurigen Schlangen gepeitscht und
+das Antlitz Europas mit Blut gewaschen und Schaaren
+Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß unter
+ihren Fußtritten die Erde gebebt.
+</p>
+
+<p>Das Alles war längst, längst vergangen. Aber
+es hatte seine Spuren zurückgelassen, sogar im Gedächtniß
+der rundköpfigen, kleingewachsenen Männer
+mit der unermüdlich behenden Zunge.
+</p>
+
+<p>Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so
+außerordentliche Dinge. Aber wenn draußen der
+Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend
+aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich
+die Erde spalten und der Wolkenhimmel in Schlünden
+<!-- page 047 -->
+und Abgründen schmetternd versinken, da klang das
+alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich.
+</p>
+
+<p>Nein, es konnte keine Fabel sein.
+</p>
+
+<p>Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und
+Gewitternacht heute noch, wenn die Jahreszeiten
+sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die große
+Helle und Stille über sie kam.
+</p>
+
+<p>Auch die Angelos, die drüben auf der großen
+Insel, weit weg vom Strande, hausten, und von denen
+zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt herüberkamen,
+bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei
+Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten
+gemahnten, etwas Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes,
+das namentlich den Leuten, die aus Teuta
+stammten, beängstigend erschien und von ihnen als
+drohende, unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde,
+gegen die ausreichender Schutz nicht leicht sei. Aller
+Vorsicht und Ordnung zum Trotz.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm
+noch losbrechen, wie wir lange keinen gehabt, sprach
+der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem
+Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute
+wieder unermüdlich in alten See- und Räubergeschichten
+gekramt und vom Hundertsten in&rsquo;s Tausendste fabulirt
+hatte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alles kehrt wieder, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schlechtes Wetter, jawohl.
+</p>
+
+<p>Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil
+Alles in den Hütten schlief, der Auffahrt des
+Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm
+<!-- page 048 -->
+der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und
+sternenlosen Nacht nicht viel. Dicke Schwärze, zuckende
+Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren
+da draußen ungeheuere eiserne Maschinen in schwarze
+Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die
+tausend Menschen faßten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist vorbei, Fix.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert
+Wägen, einer am andern, die faßten noch mehr,
+die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge,
+über Brücken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das kommt nicht wieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum, Willem Mom?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen
+Geschmack mehr am Plumpen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine,
+Flinke. Jeder für sein kleines, unterseeisches Boot.
+Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie auch
+wieder satt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast
+Du den Blitz gesehen? Der hat sich durchgehauen,
+und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Früher hat man sie in Drähten aufgefangen,
+fingerdick, von schwerem Metall. Jetzt thut&rsquo;s ein
+haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie
+man will.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit
+dem prächtigen Donner, he, Willem Mom!
+</p>
+<!-- page 049 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt
+der Menschen, sie leuchten nicht einmal unterwegs.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie
+gleich Musik dazu, hab&rsquo; ich mir sagen lassen. In
+Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich sag&rsquo; Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch
+nicht wohler in ihrer Haut, als uns, wenngleich sie
+sich für das erste Volk auf Erden halten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon
+Lust, einmal dahinein zu sehen, nach Teuta.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, die sperren sich ab, die sind sich selbst
+genug, Fix. Und immer tiefer in die Erde hinein, da
+ist nicht beizukommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn einmal die Wolken &rsquo;runterbrechen,
+müssen sie alle miteinander ersaufen. So eine Nacht,
+wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine
+Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles
+unter Wasser, Willem Mom!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben
+Alles ausgerechnet. Da geht Alles trocken über ihr
+Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was
+sie nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die
+Köpfe fallen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das haben sie sich abgewöhnt, Fix.
+</p>
+
+<p>Fix lachte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein
+Leben ohne Feuchtigkeit. Und was glaubst Du von
+ihrem Essen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt.
+</p>
+<!-- page 050 -->
+
+<p>Fix lachte wieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na, hör&rsquo; mal, das ist ja geisterhaft. Da können
+sie ja auch nackt gehen, denn zu sehen ist da wohl
+nichts.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum
+verkriechen sie sich tief in die Erde, wo&rsquo;s hübsch warm ist.
+</p>
+
+<p>Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen.
+Ist da keine Möglichkeit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer,
+nur davon zu träumen. Wär&rsquo; auch hineinzukommen,
+heraus kämen wir gewiß nicht mehr.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns
+herübergekommen, hört&rsquo; ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das schon, wenn auch ungeheuer selten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun also, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind
+aus der Art geschlagen. Oder sie haben etwas Verrücktes
+angestellt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Noch Verrückteres, als es schon die Anderen
+treiben? Kanntest Du so Einen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem
+Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich denke, wir haben von
+der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst
+Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer
+dicker. Was ist da zu sehen? Es rührt sich nichts.
+</p>
+
+<p>In der That, die Welt war wie mit Finsterniß
+verhängt. Auch das Blitzen und Donnern hatte nachgelassen.
+Das Getöse des Meeres klang gedämpfter.
+</p>
+<!-- page 051 -->
+
+<p>Plötzlich war&rsquo;s, als gingen die Falten der Nebelgardine
+auseinander, als würden sie emporgezogen von
+oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in einem
+Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher
+Schönheit tauchte der Mond mit voller
+Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, gerade im
+Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich
+in dunkles Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten
+auf der bauschigen Fluth.
+</p>
+
+<p>Die beiden Männer standen wie gebannt von so
+viel Schönheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da spricht man von einem Zauberland, begann
+Fix leise, ergriffen. Was sagst Du dazu, Willem Mom?
+</p>
+
+<p>Der aber deutete auf den Strand hinab, in die
+Lichtung hinein, und steckte den Kopf vor, um schärfer
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am
+Wasser hin. Siehst Du?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich
+doch, wo?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein
+wenig gebückt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von
+den Unsrigen noch am Strande sein?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Niemand von den Unsrigen. Das ist was
+Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist&rsquo;s weg, rechts
+hinein. Am Ende doch nur ein Schatten, ein Wolkenschatten.
+Wollen wir nachsehen, Willem Mom?
+Meinst Du?
+</p>
+<!-- page 052 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond
+wieder verschwindet.
+</p>
+
+<p>Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte
+im feuchten Sande abwärts gethan, als in der That
+leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe
+vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im
+Nu war das Spiel des Lichtes wieder in nächtiger
+Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand grenzte
+noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen
+Wasser ab.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mehr nach rechts, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dort liegt&rsquo;s, noch fünfzig Schritte. Hast Du
+eine Ahnung, was das sein könnte?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.
+</p>
+
+<p>Und sie stapften in großen Schritten weiter, die
+Beine hochziehend im nachgiebigen Sande.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>Nun standen sie davor.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Heda! rief Fix.
+</p>
+
+<p>Willem Mom beugte sich schweigend nieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Greif nicht zu, lass&rsquo; mich erst reden, rief Fix
+wieder, auf die andere Seite tretend. &mdash; Heda, rühr&rsquo;
+Dich!
+</p>
+
+<p>Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende
+erfaßt und bemühte sich, ihn vorsichtig aufzurichten.
+Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem Gesicht, die
+Stirn auf den gekreuzten Armen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß
+wir ihn umwenden.
+</p>
+<!-- page 053 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen.
+Es rührt sich nicht. Wär&rsquo;s nur nicht so
+stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in
+einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes.
+Nicht das Richtige, was wir von oben gesehen. Glaubst
+Du?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lass&rsquo; mich nur machen. Faß unten, ziehe die
+Beine, richte die Füße, Fix.
+</p>
+
+<p>Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt
+nun den Oberleib in seinen Armen, mit den Ohren
+nach der Brust und dem Herzen suchend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash; Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass&rsquo; den Arm
+und fühle nach dem Puls!
+</p>
+
+<p>Inzwischen streifte er mit der Hand über den
+Hals zog die Kapuze zurück und seine Finger verfingen
+sich in einer Fülle von Haaren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich finde keinen Puls, Willem Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist eine haarige Geschichte. Was machen
+wir nur gleich, Fix?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du
+wirst recht haben, die Glieder sind schlank und zart.
+Ich will&rsquo;s noch einmal mit einer Anrede versuchen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schweig&rsquo;, Fix. Sie ist jung und schön, das
+sieht man im Finstern. Wir müssen sie lebendig machen.
+Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die Handflächen
+kräftig. Ich will&rsquo;s an der Brust und im Rücken
+versuchen.
+</p>
+
+<p>Und schweigend machten sich die Männer, an&rsquo;s Werk.
+</p>
+
+<p>Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte
+sich, die Wogen schwankten sanfter an den Strand
+<!-- page 054 -->
+und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie elegische
+Musik.
+</p>
+
+<p>Willem Mom zog seine warme Jacke aus und
+umwand damit den Oberleib des Weibes. Dann eilte
+er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien
+und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu
+pressen.
+</p>
+
+<p>Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die
+Hände und die Arme.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie
+rührt sich. Ihre Finger zucken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich
+nehme sie auf meine Schulter, Fix.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger.
+Ich habe auch Stärkungsmittel. Heda, Weib,
+komm&rsquo; zu Dir und zu mir!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sei kein Narr, Fix. Lass&rsquo; los, ich bin Manns
+genug.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Willem Mom, ich sag&rsquo; Dir, sei nicht gewaltthätig.
+Heda, Weib, schlag die Augen auf! Siehst Du mich?
+</p>
+
+<p>Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte
+Willem Mom mit einer raschen kraftvollen Bewegung
+das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte
+davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.
+</p>
+
+<p>Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit
+seinen kürzeren Beinen mühsam hinter dem hochgewachsenen,
+weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt,
+ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend.
+</p>
+
+<p>Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit
+offenem Munde, mit stechenden Blicken die Finsterniß
+<!-- page 055 -->
+durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden,
+von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt
+in die Siedlung und zu seiner Hütte zu gewinnen
+war. Mit starken Armen hielt er die schlanke
+Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner
+rechten Wange, wärmer und wärmer, und plötzlich war
+ihm als höbe sich ihr herabhängender Arm und suche
+sich um seinen Hals zu legen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte
+Dich fest, ich bin stark.
+</p>
+
+<p>Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine
+Senkung und stürzte mit seiner Last zu Boden.
+</p>
+
+<p>Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu
+liegen, das er im Schreck noch gewaltsamer an sich preßte.
+</p>
+
+<p>Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich
+der Brust des Weibes der erste Laut, der wie &sbquo;Grege&lsquo;
+klang.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte
+Stimme.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom
+und bemühte sich mit äußerster Anstrengung, im weichenden
+Sande sich aufzurichten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun
+eingeholt hatte. Ganz Leidenschaft, schwang er drohend
+den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, das
+Weib auf sein Knie ziehend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst
+Du? rief er fröhlich. Und der Schweiß perlte ihm von
+den Schläfen und tropfte auf die weiche weibliche Hand,
+die auf seiner Schulter ruhte.
+</p>
+<!-- page 056 -->
+
+<p>Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der
+andern Hand, drückte sie in der seinigen und riß gierig
+die Augen auf, um die Formen des weiblichen Gesichts
+zu erspähen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr
+mehr. Wer bist Du? Ich schütze Dich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schweig&rsquo;, Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du
+erschreckst sie mit Deiner Heftigkeit.
+</p>
+
+<p>Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.
+</p>
+
+<p>Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die
+Männer überein, gemeinsam die Fremde zu tragen.
+Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war
+ansteigend und schwierig, und so war&rsquo;s das Vernünftigste,
+sich in die Last zu theilen.
+</p>
+
+<p>Dann ging&rsquo;s vorwärts, der Siedlung zu. Keiner
+sprach unterwegs mehr ein Wort.
+</p>
+
+<p>An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten
+sie Halt. Es war die Willem Mom&rsquo;s, dessen alter Vater,
+an Schlaflosigkeit leidend, sich ein kleines Feuer angeschürt
+hatte, um Thee zu kochen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier Vater, mach Platz&rsquo; auf dem Lager, wir
+bringen menschliches Strandgut. Ein Weib.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein
+anderes Weib zur ersten Hilfe.
+</p>
+
+<p>Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es
+bedarf nicht des Umkleidens. Warmes Lager und einen
+warmen Schluck.
+</p>
+
+<p>Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.
+</p>
+<!-- page 057 -->
+
+<p>Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die
+Fremde belebte sich auf dem wohligen Lager, im Dämmerlicht
+der stillen Hütte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der
+Vater Mom.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist Grege da?
+</p>
+
+<p>Die Männer sahen sich an.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.
+</p>
+
+<p>Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da,
+den Leib langausgestreckt, die Hände über der Brust
+gefaltet.
+</p>
+
+<p>Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in
+ihm selbst war eine seltsame Unruhe. Nach geraumer
+Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß
+sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien,
+und entzündete den Glanz der reichen blonden Haare.
+Die Männer standen betroffen vor so edler Schönheit.
+</p>
+
+<p>Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten
+des sich sonnig hellenden Morgens und schlüpften durch
+die angelehnte Thür.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht,
+wahrhaftig, es lächelt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Oeffne die Augen, sieh&rsquo; uns an, bat Willem
+Mom.
+</p>
+
+<p>Endlich bewegten sich ihre Lippen: &mdash; Dank Euch.
+Ich habe nicht Augen zum Sehen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie redet irr, flüsterte Fix.
+</p>
+
+<p>Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie
+den Hauch seines Athems spürte, wehrte sie mit schwacher
+<!-- page 058 -->
+Handbewegung ab. Zwischen Daumen und Zeigefinger
+erschien ein blaßrother Stern.
+</p>
+
+<p>Fix entging er nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer
+Hand? wollte er fragen. Aber schon hatte sie ihre
+Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit eigener
+Beobachtung beschäftigt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum willst Du uns nicht sehen? fragte
+Willem Mom in zärtlichem Tone. Wie heißt Du?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll
+aus ihrem Munde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die??
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich
+auf.
+</p>
+
+<p>Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf:
+&mdash; Nicht möglich? Es giebt kein Unglück, das nicht
+möglich wäre.
+</p>
+
+<p>Dann, gegen das Lager gewendet:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist&rsquo;s wirklich so? Bist Du blind?
+</p>
+
+<p>Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei
+große blicklose Augen enthüllten sich wie wolkenverschleierte,
+unergründliche Sterne.
+</p>
+
+<p>Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund
+zuckte ein stolzer Schmerzenszug.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände
+gefaltet.
+</p>
+
+<p>Sie nickte und seufzte:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch
+nicht hier? Der wird Euch Alles sagen.
+</p>
+<!-- page 059 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten
+die Männer durcheinander.
+</p>
+
+<p>Der Frühwind sprang über&rsquo;s Meer und jagte die
+Thür auf.
+</p>
+
+<p>Flammend grüßte jetzt die Sonne in&rsquo;s Gemach.
+</p>
+
+<p>Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und
+Augen wie in tiefem Sinnen geschlossen, ein schmerzliches
+Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren
+Rettern.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom.
+Das geht über Männerwitz.
+</p>
+<!-- page 060 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6"><span class="hidden">Kapitel 6</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Luft klar wie Krystall.
+</p>
+
+<p>Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen
+Wölkchen zur Rechten und Linken, die einzeln sich bewegten,
+wie von gegensätzlichen Kräften getragen.
+</p>
+
+<p>Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.
+</p>
+
+<p>Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.
+</p>
+
+<p>So ging&rsquo;s die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.
+</p>
+
+<p>Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch
+milde Temperaturen, selten gekreuzt von einer kalten
+Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war
+kaum mehr zu schätzen.
+</p>
+
+<p>Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften
+unbemannten und dunklen Riesenfahrzeug waren alle
+Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu und
+alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen
+zu geben.
+</p>
+
+<p>Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem
+ungeheuren Anprall im wilden Wirbel des Fallwindes
+überhaupt nicht vollständig scheiterte.
+</p>
+
+<p>Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner
+konnte es wissen. Der steuerlose Flug spottete jeder
+Berechnung.
+</p>
+<!-- page 061 -->
+
+<p>Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue
+Färbung des Himmels und die krystallene Klarheit
+der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols
+näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.
+</p>
+
+<p>Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt
+hatte, war fremdes weißes Land in ungeheuren Flächen
+zu erkennen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des
+Pols ein wenig anspießen zum Verschnaufen, spottete
+der Jüngere.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und einem Eisbären das Fell über die Ohren
+ziehen, damit es uns den Buckel wärme. Uebrigens
+ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in dieser
+Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode
+wieder ändern und sich Urwälder hinter den Ohren
+wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den Scheitel
+stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem
+gelehrten Teuta?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere,
+in dieser programmwidrigen Weise die Welt umkreisen,
+darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das erfrischt
+und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst
+Du nie dazu gekommen, aus solcher Höhe den Wundern
+der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.
+</p>
+
+<p>Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser
+Leute bewundern. Besonders der Aeltere, der mit dem
+Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. Außer
+seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die
+Richtung und den Wechsel des Windes ablesen konnte,
+hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst seine Lippen
+<!-- page 062 -->
+schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach
+nicht am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie
+erlebt. Der baroke Humor in dieser Situation absoluter
+Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine Offenbarung.
+Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien
+wurde, nahm er seinen Entführern schon gar nicht
+mehr übel in der gemeinsamen Noth.
+</p>
+
+<p>Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem
+irrenden Luftschiff in den ersten vom ausziehenden
+Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein Wort
+an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in
+seiner knirschenden Betäubung vollständig.
+</p>
+
+<p>Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine
+Fesseln, und ihr erstes Wort an ihn war Spott. Aber
+es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du
+kannst Dich nach Herzenslust bewegen und hingehen,
+wo es Dir beliebt.
+</p>
+
+<p>In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt
+durch den nächtigen Weltraum war ihm so beispiellos
+unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen bestimmten
+Gedanken denken konnte.
+</p>
+
+<p>Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des
+Fahrzeugs im Trichter des Fallwindes hatten auch
+seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten
+vergessen und hantirten ernst und schweigend in der
+Gondel herum. Als sie sich vergewissert hatten, daß
+vorerst nichts zu unternehmen war, als dem Schicksal
+seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche
+Worte an ihn.
+</p>
+<!-- page 063 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nimm&rsquo;s uns nicht übel, wir hatten&rsquo;s besser
+mit Dir vorgehabt. Wir werden Dich für die ausgestandene
+Angst schadlos halten, sobald wir geborgen
+sind. Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere
+Meinung von uns gewinnen. Willst Du frei sein,
+Flüchtling?
+</p>
+
+<p>Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.
+</p>
+
+<p>Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt.
+Er vermied auch, ihnen in die Augen zu sehen. Er
+fürchtete das kalt Beherrschende, das starr Bannende
+ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete
+und lähmte. Alle Schrecken seiner ersten
+Ueberwältigung und Fesselung vermeinte er wieder zu
+fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst,
+wo ihr Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und
+gemeinsam der Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen
+gegenüber, fand er sich in&rsquo;s Unvermeidliche und fühlte
+sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod Verbündeter.
+</p>
+
+<p>Nur wenn er an Jala dachte, war&rsquo;s mit seiner
+Fassung vorbei.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du
+wüßtest! Das war ein übler Anfang. O über die
+verwünschte Wunde!
+</p>
+
+<p>Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher
+Nähe, hergezogen durch die schmerzlich überquellende
+Sehnsucht seiner Seele.
+</p>
+
+<p>Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung
+in unmeßbarer Ferne wieder verschweben und sich selbst
+und seine Genossen wie außerhalb aller Welt, losgelöst
+<!-- page 064 -->
+von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe
+folgte auf die bittere Erregung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe
+des Pols bewegen? fragte er seine Peiniger.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die unendlichen Schneelagen da unten und
+die schimmernden Gletscher schließen den Zweifel aus.
+</p>
+
+<p>Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten
+über die schneeige Erde und lockten aus dem Weiß ein
+wunderbares Spiel zarter Farben.
+</p>
+
+<p>Grege machte große Augen. Er strengte seine
+Sinne an.
+</p>
+
+<p>Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät
+war das Schauspiel, das die Erde aus dieser fabelhaften
+Höhe bot!
+</p>
+
+<p>Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen
+der Landschaft ewigen Schnees. Diese schwarzen Arabesken
+im Farbenspiel waren doch Wasser? Er mochte
+nicht fragen.
+</p>
+
+<p>Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge
+flammten auf wie ein Feuerwerk. Eine lange rosige
+Dämmerung legte sich darüber.
+</p>
+
+<p>Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles
+unter ihren dunklen Mantel. In der Höhe aber
+brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem
+Glanz.
+</p>
+
+<p>Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle
+goldene Mond, getragen von einem zuckenden Schimmer,
+der aus der Erde heraufzubrechen schien.
+</p>
+
+<p>Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig
+einfachen Schönheit in dieser weltentrückten Höhe,
+<!-- page 065 -->
+wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht und
+Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in
+den Zuständen dieser beiden Medien und ihrer einzigen
+Idealität.
+</p>
+
+<p>Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was
+sie bei diesem Tiefblick in das All und ihre eigene unwillkürlich
+erschauernde Seele empfanden, keiner ein
+Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es
+war das äußerste Raffinement des Reizes, den die
+Natur auf menschliche Wesen auszuüben vermochte, in
+diesen fremden Regionen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere,
+um sich aus dem Zauber zu lösen, und über die Stupidität
+geht nichts.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte
+Grege mit dunkeler Stimme, die Augen aufschlagend,
+wie im Traum.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen
+immer frei. So oft wir sie auch wiederholen, klüger
+werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. Lass&rsquo;
+ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch&rsquo; Dir
+den Mund. Wir thun das Gleiche.
+</p>
+
+<p>Grege versank in Schweigen, das auf&rsquo;s Neue zu
+einem schlummerähnlichen Zustand überleitete. Die Einförmigkeit
+der Bewegung war so unerschütterlich, daß
+er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, und
+doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse
+nahmen ihren Gang. Aber er war so unbetheiligt
+an Allem &mdash; &mdash; so <a id="corr-2"></a>verwandelt &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+<!-- page 066 -->
+
+<p>Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in
+purpurner Nacht einen Stern blinken, geliebte erblindete
+Augen, feucht schimmernd von Thränen, von der Sehnsucht
+geweint und der Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.
+</p>
+
+<p>Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus
+der Tasche und strich damit seinen Bart.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Originell ist er immerhin, dieser Typus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist
+er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen
+Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu
+stehen kommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut
+heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als
+Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief,
+da unten ist&rsquo;s Meer. In seinen Schlünden zwischen
+Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther
+Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt
+kalter Wind, der da unten streicht.
+</p>
+
+<p>Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen.
+In seinen Augen blitzte es seltsam.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch
+länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen
+Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen
+fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht
+auf Tod und Leben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit
+<!-- page 067 -->
+einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn!
+Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht
+warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die
+Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft
+und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht
+sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der
+Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht
+von der richtigen Stärke.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des
+vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein
+einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste
+Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden
+Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit
+nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch
+nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir
+auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg,
+können wir uns ein anderes Exemplar einfangen.
+</p>
+
+<p>Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume
+ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem
+Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine
+Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß,
+an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei
+nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses &mdash;
+ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem
+Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze
+lumpige Welt in Trümmer gehen &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten,
+kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit
+dem Knie hoch.
+</p>
+<!-- page 068 -->
+
+<p>Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der
+Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen
+nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte
+Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über
+den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch
+haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er
+in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines
+Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die
+Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals
+bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere
+mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der
+Gurgel fahrend mit eiserner Faust.
+</p>
+
+<p>Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe
+Sterne vor, den Augen, blutigrothe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.
+</p>
+
+<p>Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem
+fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie
+in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder.
+</p>
+
+<p>Wie rother Qualm brach&rsquo;s durch die Luft, und
+eine frische Strömung hob das Fahrzeug.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, das dank&rsquo; ich Dir! Jala, Lebendige! &mdash;
+</p>
+<!-- page 069 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-7"><span class="hidden">Kapitel 7</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug
+weiter.
+</p>
+
+<p>Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges
+Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die
+die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.
+</p>
+
+<p>Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als
+ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde
+mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine
+neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so
+frei und gehoben.
+</p>
+
+<p>Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er
+muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt,
+den Andern zusammengehauen, das war ein
+Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann
+zu Mann.
+</p>
+
+<p>Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren
+Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe
+auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und
+wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.
+</p>
+
+<p>Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um
+die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken
+umgarnt!
+</p>
+<!-- page 070 -->
+
+<p>Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell
+seinen Gleichmuth wieder.
+</p>
+
+<p>An den empfangenen Streichen hatte er einen
+Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners
+gefunden.
+</p>
+
+<p>Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann
+nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten
+Gegner hatte.
+</p>
+
+<p>Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war&rsquo;s
+vorbei.
+</p>
+
+<p>Grege verhehlte sich&rsquo;s nicht, daß die neue Seite
+des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und
+Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der
+Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu
+unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit
+in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine
+Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine
+Bereicherung seiner Männlichkeit.
+</p>
+
+<p>Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem
+Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen
+auf den Leib zu rücken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Möchtest Du&rsquo;s noch einmal mit mir versuchen?
+Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie
+gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß
+von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir
+zu Dir?
+</p>
+
+<p>Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr
+Grege beherzt fort:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sag&rsquo; jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor
+mir rechtfertigen?
+</p>
+<!-- page 071 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die <a id="corr-3"></a>Antwort eilt mir nicht, entgegnete der
+Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn
+Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.
+</p>
+
+<p>Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln,
+davon reichte er ihm eine.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da, nimm und wohl bekomm&rsquo;s! Wir müssen
+den Rest eintheilen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und
+Trank kommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum hoffst Du das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir
+haben guten Kurs, endlich!
+</p>
+
+<p>In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen
+Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie
+in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere
+Fahrzeuge hielten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sobald Anruf möglich, können wir uns
+Anknüpfung suchen. Geht&rsquo;s gut, werden wir uns
+schleppen lassen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und dann?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann kehren wir heim.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie verstehst Du das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir haben bewohntes Land unter uns. Das
+Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist
+unser Ziel.
+</p>
+
+<p>Grege stutzte. Also in&rsquo;s Land der Feinde, unentrinnbar,
+in die Gefangenschaft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor?
+fragte er und faßte den Mann kühn in&rsquo;s Auge.
+</p>
+<!-- page 072 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort
+mit gespielter Harmlosigkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit
+Deinem letzten Gedanken!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du wirst unser Gast sein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich
+in ihm auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wenn mir das nicht behagt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit
+offenen Armen empfangen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn ich aber nicht empfangen sein will?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als
+ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das
+zu wenig?
+</p>
+
+<p>Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden
+Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu
+durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn
+noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er
+fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine
+Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung
+der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis.
+Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.
+</p>
+
+<p>Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am
+Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh&rsquo;n, als
+Niemandes Knecht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung
+zu begleichen ist.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was für eine Rechnung?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn
+<!-- page 073 -->
+kehr&rsquo; ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz
+zu bieten. Die Rechnung ist einfach.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht
+an, der Schuldige bist Du!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.
+</p>
+
+<p>Heiß stieg&rsquo;s in Grege auf. War das nicht empörend,
+so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren
+und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige,
+weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr
+gehandelt?
+</p>
+
+<p>Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und
+Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That
+konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die
+That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht
+bringen.
+</p>
+
+<p>Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er
+nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz,
+das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe
+Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt
+an!
+</p>
+
+<p>Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und
+die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus
+Teuta klar.
+</p>
+
+<p>Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute
+empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in
+die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund
+mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß
+und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler
+Drang in ihm gewesen. Jetzt galt&rsquo;s die Probe auf
+die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.
+</p>
+<!-- page 074 -->
+
+<p>Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte
+sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind.
+</p>
+
+<p>Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum
+lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit
+zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls
+wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten
+sein.
+</p>
+
+<p>Grege&rsquo;s Augen leuchten. Er strich sich die Haare
+aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die
+pochende Brust.
+</p>
+
+<p>Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er
+auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken
+zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt.
+Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur.
+Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm
+zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden.
+</p>
+
+<p>Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen,
+der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag
+verletzt.
+</p>
+
+<p>Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum.
+Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet,
+vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten
+eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten
+vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm
+konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über
+den Haufen blasen.
+</p>
+
+<p>Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der
+Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig
+Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen.
+Sogar für die Weisesten im hohen Rath.
+</p>
+<!-- page 075 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst
+Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden,
+in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo
+mit boshaftem Lächeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete
+Grege kurz.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde
+sind keine Schranken gesetzt, junger Mann.
+Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den
+Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus
+ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich
+meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute
+Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen
+Namen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine
+Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Tobe Dich aus, bevor&rsquo;s zu Ende geht mit
+unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen
+kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir
+nichts, ich bitte Dich.
+</p>
+
+<p>Grege&rsquo;s Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte
+Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende
+Eingebung, Jala!
+</p>
+
+<p>Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf
+wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich
+dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang,
+deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase
+gekitzelt?
+</p>
+
+<p>Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten
+<!-- page 076 -->
+Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken
+konzentrirte sich ihm Alles.
+</p>
+
+<p>Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der
+Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute
+und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ.
+Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber
+er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu
+fassen &mdash; jedenfalls würde er auch hier Mittel finden,
+seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen.
+</p>
+
+<p>Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war&rsquo;s
+ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke,
+daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug
+heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene
+Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft
+für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte
+ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang
+gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der
+überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst
+noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel
+im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie
+und Hypnose. Auch der Sportverein für
+Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche
+Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten
+Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut &mdash;
+Kalkulation und kein Ende.
+</p>
+
+<p>Da &mdash; alle Wetter!
+</p>
+
+<p>Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert,
+baumelt am Anker.
+</p>
+
+<p>Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe.
+Eilig sinkt mit ihm die Erde.
+</p>
+<!-- page 077 -->
+
+<p>Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend
+schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei,
+dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen,
+wär&rsquo; sicherer Todessprung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als
+Angelo überlistet und betrogen!
+</p>
+<!-- page 078 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-8"><span class="hidden">Kapitel 8</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren
+Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich
+durch&rsquo;s Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt
+auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser
+Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns.
+Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen!
+</p>
+
+<p>Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu
+bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen
+sind gefährlicher Unsinn.
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim&rsquo;s
+Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei
+Seite.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird
+man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium,
+Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal
+diese Galgenziffer neben einander. Wo er das
+nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung &mdash;
+nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was
+meinst Du, Minus?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte
+auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und
+Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich
+kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
+</p>
+<!-- page 079 -->
+
+<p>Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen
+Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie
+hervorgebracht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sag&rsquo; Unglückseligeres. Könnten wir einen
+Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles
+vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch
+dieses vertuschen? Denk&rsquo; nach, Minus!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge.
+Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso
+nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten
+diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt
+kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in&rsquo;s Antlitz
+sehen kann.
+</p>
+
+<p>Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben?
+Sag&rsquo;, Minus, ginge das nicht? Es kommt
+doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion.
+Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es giebt nicht seines Gleichen im Lande.
+Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du
+Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch
+entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder
+der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er
+überragt. Mag&rsquo;s zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit
+stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag&rsquo;
+ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen
+Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es
+nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden?
+</p>
+<!-- page 080 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine
+öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen,
+aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen
+und Augenweide für Alle.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch
+wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine
+Komödie haben, das ist Alles.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und eben die spielte ihm Grege mit seinen
+ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor.
+Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell
+war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen
+Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen
+Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr
+Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick
+in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit
+zum Gaudium der Massen. Das war sein großer
+Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache
+persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die
+schaulustige Menge amüsirte er königlich.
+</p>
+
+<p>Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden
+Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt,
+wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant
+wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie
+im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum
+hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück
+gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
+</p>
+<!-- page 081 -->
+
+<p>Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten
+gestellt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen.
+Weiß denn Bim nicht Rath?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Geh&rsquo; mir mit Bim!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen
+und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist ja lauter dummes Zeug, was er
+macht. Du hast&rsquo;s vorhin selbst gesagt. Linie D 3,
+Sonnenspektrum, Wellenlinie &mdash; läßt sich daraus ein
+Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht
+<a id="corr-4"></a>hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus.
+Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden
+sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort.
+Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig
+an wie das hypothetische Helium.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du thust Dich leicht, Ao.
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester blies die Backen auf und machte
+die Augen rund wie Glaskugeln:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches
+Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soll ich&rsquo;s an Bims Helium hängen? Das Herz
+ist eben auch da.
+</p>
+
+<p>Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen
+die fetten Schultern.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Für das Gemeinsame, Minus, nur für das
+Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten
+erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath,
+fügt sich&rsquo;s nicht in&rsquo;s Gesetz!
+</p>
+<!-- page 082 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So lange ich das erste Wort im Lande habe,
+weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen.
+Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr.
+Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für
+leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche
+Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste
+Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle.
+Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich
+solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles
+die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal
+steigt mir ein Wirrsal um&rsquo;s andere auf den Nacken.
+Ach, ach .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, ich werde ein Ende machen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein
+Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach&rsquo; ein
+Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach&rsquo; ein Ende.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Noch vor dem Zarathustra-Fest.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest.
+So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir&rsquo;s
+danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom
+Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden
+uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht
+weiter jammern. Mach&rsquo; ein Ende. Mach&rsquo; Frieden mit
+Deinem Herzen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß, das will ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst
+Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen
+Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe
+und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und
+<!-- page 083 -->
+nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du
+verstehst mich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und nun verlaß&rsquo; mich. Morgen wirst Du
+dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde.
+Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt
+die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mich auch. Leb&rsquo; wohl, Ao, leb&rsquo; wohl.
+</p>
+
+<p>Minus kämpfte schwer.
+</p>
+
+<p>Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte,
+seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich
+nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich
+keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm,
+Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte
+sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.
+</p>
+
+<p>Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein
+und vor der Welt den sanften Meister der geistigen
+Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf
+Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während
+er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt
+und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich
+und seine Mitwelt?
+</p>
+
+<p>Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses
+ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes
+verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten
+der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch.
+Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen
+und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten,
+die Aberwitzigsten die Belobtesten.
+</p>
+
+<p>Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener
+<!-- page 084 -->
+Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle
+des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen
+sich von selbst verstopft?
+</p>
+
+<p>Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in
+einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist
+erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im
+Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit.
+Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was
+die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt.
+Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe
+befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung,
+Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt.
+Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das
+Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen
+Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst
+mehr ernst nehmen kann.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es
+zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe
+Rath, hat Wind .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
+</p>
+
+<p>Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches.
+Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn
+gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur
+oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im
+neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der
+Männerhauptstadt.
+</p>
+
+<p>Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische
+Inschriften trugen &mdash; wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung,
+Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle,
+Schwelle des Unbewußten &mdash; trennte die Männerhauptstadt
+<!-- page 085 -->
+vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn
+das war der Triumph der moralischen Entwickelung in
+Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung,
+Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als
+Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur
+Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
+</p>
+
+<p>Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der
+Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es
+gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
+</p>
+
+<p>Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus
+auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem
+Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich
+herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im
+Schein des verminderten Lichts.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer da? rief Minus und öffnete seinen
+Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann
+vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
+</p>
+
+<p>Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und
+erwiderte lächelnd:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soundso grüßt Minus, Hoheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im
+Späherdienst.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kehr&rsquo; ein bei mir, auf eine Minute. Du bist
+mir ein willkommener Zeuge.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute.
+Kaspe erwartet mich, bei Titschi.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In diplomatischer Sendung versäumst Du auch
+bei mit Deine Zeit nicht. Du kannst dann übrigens
+den Hoheiten Schönes von mir melden.
+</p>
+<!-- page 086 -->
+
+<p>Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare
+Schirmwände in mehrere kleine Räume geteilt,
+empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen Knopf
+am Boden, sofort ward milde Dämmerung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet
+sein.
+</p>
+
+<p>Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.
+</p>
+
+<p>Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Darf ich Mitwisser sein, Soundso?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete
+Soundso, den Flüsterton etwas erhöhend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bist Du durch das Thor des siebenfachen
+Schweigens gegangen?
+</p>
+
+<p>Soundso blieb stumm.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?
+</p>
+
+<p>Soundso seufzte wollüstig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum
+süßen Salböl, wo die apokalyptischen Leuchter stehen?
+</p>
+
+<p>Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe
+den Kopf durchs Gitter gesteckt, das Thor war verschlossen
+und Blut auf der Schwelle.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche
+Jugend .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Und hat das Mondlicht Dich wonnig
+umflossen?
+</p>
+
+<p>Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd.
+Wenn der Esel Minus wüßte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist
+Dir&rsquo;s gefällig?
+</p>
+
+<p>Soundso räusperte sich. &mdash; Kann ich leise sprechen,
+hörst Du?
+</p>
+<!-- page 087 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine
+Auskundschaftung?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der
+schön gemessenen Bewegung .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn Du den Namen verschweigst, denk&rsquo; ich
+an Jala. Einverstanden?
+</p>
+
+<p>Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über,
+bis an die Stirn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hat man Spuren? Nähere Umstände?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Richtung des untergehenden Gestirns.
+Ist&rsquo;s so?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du sprichst im Bilde, Minus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter
+Stimme.
+</p>
+
+<p>Soundso schwieg.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene
+verdächtig? Möchtet ihr seiner los sein?
+</p>
+
+<p>Soundso schwieg.
+</p>
+
+<p>Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus
+athmen zu hören.
+</p>
+
+<p>Die Pause verlängerte sich.
+</p>
+
+<p>Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum
+vernehmbares Geräusch wie von sich entfernenden
+schleichenden Schritten.
+</p>
+
+<p>Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe.
+Soundso hörte nur noch seinen eigenen Athem.
+</p>
+
+<p>Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.
+</p>
+<!-- page 088 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende.
+Entlasse mich mit gütigem Gruß, bitte.
+</p>
+
+<p>Eine Weile tödtliche Stille.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem
+Hintergrunde.
+</p>
+
+<p>Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter
+Geruch und unerfreulicher Ausgang, dachte er.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut
+und machte wenige Schritte gegen den Hintergrund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er
+stehen bleibend. Kann ich mich zurückziehen?
+</p>
+
+<p>Es ward ihm keine Antwort.
+</p>
+
+<p>Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf
+am Boden.
+</p>
+
+<p>Plötzlich stand er im Dunkeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten
+zu sein, ich werde meine Maßregeln ergreifen, daß mir
+Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht seine
+eigenen Wege schließlich.
+</p>
+
+<p>Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er
+glaubte genug zu wissen. Und er versprach sich Nutzen
+von diesem Wissen.
+</p>
+<!-- page 089 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-9"><span class="hidden">Kapitel 9</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen.
+Ganz so erquickt wie sonst fühlte er sich nicht.
+</p>
+
+<p>Er rieb sich die Augen und die brummenden
+Unterschenkel. Er schien nicht ganz bequem gelegen zu
+haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus,
+die im Schlafe stets ein wenig geiferten.
+</p>
+
+<p>Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste.
+Man ist wie im Paradiese. Nun heißt es wieder an
+die rauhe Wirklichkeit denken und die Sorgen des
+Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.
+</p>
+
+<p>Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er
+sann. Da drohte ihn noch einmal der Schlummer zu
+überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten.
+Ach, das viele Denken.
+</p>
+
+<p>Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So
+ein oberstes Wächteramt, das lastet schwer, selbst auf
+den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten vor
+Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß
+Alles stets seinen rechten Weg gehe, daß die Maschine
+nicht nothleide &mdash; das strengt an, kein Wunder. Und
+als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten
+Mischung der Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz
+aufwenden, wenn Alles klappen sollte. Und
+<!-- page 090 -->
+das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles
+schön klappte.
+</p>
+
+<p>Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte
+Alles. Dies Verdienst konnte ihm Niemand schmälern.
+O, er verstand zu führen, zu richten und zu
+schlichten.
+</p>
+
+<p>Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war
+ihm sicher. Eine glänzende Ehrentafel. Keinem seiner
+Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der
+nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta
+findet man keinen Besseren. Da können sie in alle
+Winkel leuchten.
+</p>
+
+<p>Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen
+neuen Gähnanfall muthig nieder.
+</p>
+
+<p>Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt,
+in rhythmisirter Kadenz. Eine ganze Arie.
+</p>
+
+<p>Ao wälzte sich in Positur.
+</p>
+
+<p>Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne
+sie sich zu übersetzen. Sein Gehirn arbeitete noch ganz
+wunderbar mechanisch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Titschi will mir seinen Soundso zu einer
+Meldung schicken. Ach so. Die Geschichte mit Minus,
+Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst
+die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute
+vom Festbund. Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige
+Kraft.
+</p>
+
+<p>Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster
+an den kleinen Mitteltisch mit dem Tastwerk.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er
+mir vom Halse bleiben.
+</p>
+<!-- page 091 -->
+
+<p>Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken
+Finger würdevoll auf den Tasten spielen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So, jetzt kann&rsquo;s losgehen. Minus interessirt
+mich jetzt nicht, er soll mit sich selbst fertig werden.
+Grege und Jala, was sie nur forttrieb? Besser finden
+sie&rsquo;s doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt,
+da ist kein Halten mehr.
+</p>
+
+<p>Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den
+Hör- und Sprechapparat.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist
+Sturmläuten. Was? Minus ist mit sich fertig geworden?
+Um so besser. Hab&rsquo;s ihm eindringlich genug
+gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen
+persönlich Bericht erstatten. Ich lasse Minus grüßen.
+</p>
+
+<p>Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung
+ein wenig zu erholen.
+</p>
+
+<p>Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig,
+das war ein schmeichelhafter Erfolg für die
+Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft an,
+Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze
+ein Herzensopfer!
+</p>
+
+<p>Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger
+auf eine zierliche Flasche. Sofort antwortete ein
+duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das
+flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm
+über Stirn und Nase.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht
+mehr, die Aeltesten erwarten mich im Berathungssaal.
+Wie? Falsch verstanden, ich? Minus &mdash; was? Feierlicher
+Abgang, eigenhändig? Das wär&rsquo; gegen alle Verabredung.
+<!-- page 092 -->
+Soundso bezeugt&rsquo;s? Dabeigewesen? Das
+lass&rsquo; ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine Wahrscheinlichkeit
+für sich. Minus wird den Soundso als
+Augenzeugen zu sich einladen, um diesem vorwitzigen
+Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, Titschi,
+das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis
+morgen. Der Irrthum wird sich aufklären. Ich hab&rsquo;
+jetzt wirklich an Anderes zu denken, wie gesagt, Die
+Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles
+durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern.
+Also bis morgen. Schluß.
+</p>
+
+<p>Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren.
+Gut, nun würde er morgen Gelegenheit haben, diesen
+aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen zu
+lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.
+</p>
+
+<p>Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester
+seinen weitläufigen Leib in die Polster des
+Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, schloß die Augen
+und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal
+befördern.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten
+sich inzwischen die Zeit mit der gelehrten Untersuchung
+einer Frage vertrieben, die jüngst ein spitzfindiger
+Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu
+Stande käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf
+allen Vieren kriechen müßten, wie lange bliebe dies
+ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich
+der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht
+des Gehorsams wäre stark genug, eine Gewohnheit zu
+schaffen, daß die herrlichen Teutaleute schließlich nur
+<!-- page 093 -->
+mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen
+Vieren zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz
+in dem Bewußtsein jedes richtigen Teutamenschen, eine
+gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von keinem
+anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen
+könnte das Kriechen vor dem Gehen überdies
+ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und die positiven
+Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man
+schon im deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen
+melden, sogenannte Spring-Prozessionen gehabt, das
+heißt religiöse Aufzüge, die nicht feierlich geschritten,
+sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren
+zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter
+und anregender.
+</p>
+
+<p>Plötzlich war Ao hereingehuscht.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen.
+Wir sind zur Stelle.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme
+Plätze, der Anlaß unserer Begegnung zwingt uns wohl
+zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie das ganz Teuta&rsquo;s. Das Volk ist glücklich.
+Es sieht unserem schönsten Feste mit gehobenem Gemüthe
+entgegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in
+glatter Ordnung, und die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste
+erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum
+ließ ich Euch hierher bitten.
+</p>
+
+<p>Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher
+<!-- page 094 -->
+tauschte mit ihnen einen orientirenden Blick, dann nahm
+er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Von unserer Seite wurde nichts versäumt,
+dem Feste den gewohnten Glanz zu bewahren. Wir
+haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die
+eine pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht
+ungeeignet sein dürfte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht
+mir nicht von Neuerungen, noch von Pikanterien. Nur
+das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen
+liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur
+nichts, was unsere gewohnte Ruhe erschüttern könnte,
+ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise des
+Ueberlieferten nicht in unserem Staate.
+</p>
+
+<p>Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze
+seines vorgestreckten, leise wippenden Fußes.
+</p>
+
+<p>Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit
+Ueberraschung an dem leise wippenden Fuße. Nun
+sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen
+Punkt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich
+seither eine Rundung zu sehen die liebe Gewohnheit
+hatte. Seit wann trägt man denn die Fußbekleidung
+gespitzt?
+</p>
+
+<p>Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin.
+Richtig, der Sprecher trug Filzschuhe wie alle Welt in
+Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom allgemein
+üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr
+in einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten,
+mit Ausnahme des Sprechers, nickten dem Oberpriester
+<!-- page 095 -->
+beifällig zu, seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe
+ihre Bewunderung auszudrücken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit
+werth, kam es entschuldigend von den Lippen des
+Sprechers. Es ist nichts, als ein Versuch, mir mit
+dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen
+sind seit einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden,
+und die Jahre haben das Licht meiner Augen
+geschwächt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es handelt sich also um keine absichtliche
+Neuerung im Schuhschnitt, mein Freund? Um keine
+eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr Alle
+wißt, verpönt ist?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in
+meinen alten Tagen solche Extravaganzen erlauben, die
+dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! Nein,
+nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft
+hab&rsquo; ich mir diese Abweichung gestattet.
+</p>
+
+<p>Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt
+mit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren,
+sobald Deine Zehen gekräftigt sind? fragte Ao
+liebreich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß, das werde ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt
+uns, nach diesem glücklich erledigten Zwischenfall, unserer
+Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen
+zum Zarathustra-Feste, die Eurer Obhut vom Volke
+<!-- page 096 -->
+unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, mit
+einiger Sorge.
+</p>
+
+<p>Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der
+Ton des Oberpriesters schien wirklich überraschende
+Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen.
+Auch war&rsquo;s, als suche er mühsam nach dem Worte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen
+zu zerstreuen, oder, sollte uns dies nicht gelingen, sie
+Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher die
+Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den
+Eindruck, als ob er das rechte Wort immer noch nicht
+gefunden habe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es ist mir in der That diesmal nicht leicht,
+meine Freunde, Euch die Sache so vorzutragen, daß Ihr
+sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild von der
+Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend
+aufgeklärtes Ereigniß versetzt hat.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes
+Ereigniß? In unserem still geordneten, glücklichen
+Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der
+Klingel.
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und
+lauschte lange mit gesenktem Kopfe.
+</p>
+
+<p>Endlich seufzte er auf:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zwei Ereignisse.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um
+Eure Diskretion. Es stehen hohe Dinge auf dem Spiel.
+<!-- page 097 -->
+Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt
+sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen.
+</p>
+
+<p>Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich
+näher, Allen voran der Sprecher, so daß sie von hinten
+um den Oberpriester gruppirt mit diesem zugleich in
+den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.
+</p>
+
+<p>Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke
+Fläche sich allmählich mit den Zügen eines
+Menschengesichtes zu beleben begann, bis das Bild mit
+fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein
+Todtenantlitz, fürwahr, täuschen mich meine schwachen
+Augen nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine
+Freunde? Kennt Ihr ihn?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus? fragte Einer verzagt. Ist&rsquo;s nicht
+Minus?
+</p>
+
+<p>Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: &mdash;
+Minus!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O weh! Dann müssen wir das Fest absagen.
+Trauer im Volke läßt kein Freudenfest zu! entfuhr&rsquo;s
+dem Sprecher in der ersten Erregung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut
+murmelnd, und warf dem Sprecher einen dankbaren
+Blick zu.
+</p>
+
+<p>Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die
+Aeltesten noch gebannt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine
+mit kläglicher Stimme. Man sieht&rsquo;s ihm gar nicht an.
+</p>
+<!-- page 098 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, man sieht&rsquo;s ihm gar nicht an, wiederholte
+der Zweite.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In der That, es ist so, der Vierte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint
+Ihr? Was ist in der That und wahrhaftig so, daß
+man&rsquo;s ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom
+hohen Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint
+Ihr? Sprecher, sprich Du, was meint man? Ist
+Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt
+Ihr eine besondere Ursache seines plötzlichen Todes?
+Sprecht Euch umständlich aus, ich bitte Euch. Er
+rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht
+mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich
+wie Wachs, und einst in der sprudelnden Lebhaftigkeit
+seiner Einfälle so beweglich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete
+der Sprecher auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher
+Betonung im Chore ein. Beweglich!
+</p>
+
+<p>Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er galt doch als der Beweglichste im hohen
+Rath? fragte der Erste, seine Mitältesten der Reihe
+nach anblickend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus
+galt als der Beweglichste, bestätigte der Sprecher mit
+Kennermiene.
+</p>
+<!-- page 099 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte
+der Chorus zur Bekräftigung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein?
+fragte der Oberpriester, seine Stimme erhöhend, daß
+sie scharf und spitz klang.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an
+und für sich wohl nichts Kritisches, begann der Sprecher
+und ließ durchmerken, daß in dieser plötzlich sich aufbauenden
+Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren
+Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom
+hohen Rath.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden
+aus, Beweglichkeit ist an und für sich nichts
+Kritisches.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein
+kritischer festgestellt ist, auf den sich die Beweglichkeit
+bezieht, erklärte der Sprecher mit einer Deutlichkeit,
+die von seinen Mitältesten als äußerste <a id="corr-5"></a>in diesem Augenblick
+erlaubte <a id="corr-6"></a>Grenze des Aussprechbaren empfunden
+wurde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf
+der Tagesordnung, lenkte der Zweitälteste ein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung
+festzustellen. Wir sind kein Todtengericht. Wir sind
+die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der Sprecher
+wie zur Selbstbelehrung.
+</p>
+
+<p>Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell
+die eigenthümliche Stimmung, die ihm befremdend
+aus den versteckten und doch so hartnäckigen Wechselreden
+der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu
+<!-- page 100 -->
+machen versucht hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende
+des Ereignisses geeignet sein mußte, die Leute
+zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu
+drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher
+der Wurzel dieses sonderbaren Verhaltens wohl näher
+zu kommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige
+Leute bekannt, ich begreife, daß Euch das plötzliche
+Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters
+unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus
+nicht, den geehrten Meister und Hüter des Wortes
+und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter
+und Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes?
+Wer liebte ihn nicht? Und jetzt ist er todt. Nicht wahr,
+meine Freunde, wer liebte ihn nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit?
+Er war so beweglich, der gelehrte Minus.
+</p>
+
+<p>Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beweglich? Im Angesichte des Todes frag&rsquo;
+ich Euch, wollt Ihr mit der Sprache herausrücken
+oder nicht?
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender
+Stimme und gab seinem Gesicht einen ungewöhnlichen
+Ausdruck erhabener Würde.
+</p>
+
+<p>Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig
+zu imponiren, doch konnten sie sich des Gefühls nicht
+erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete Augenblick
+und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten
+Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen.
+Es mußte also ein Abschluß gefunden werden.
+</p>
+<!-- page 101 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen!
+fuhr der Oberpriester fort.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem
+Amte erworben. Neben seinem Amte pflegte er jedoch
+Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig beurtheilt
+wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame
+Gerüchte über seine dortigen Besuche zu uns
+gedrungen. Beweglich war er in seinen Neigungen,
+schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach
+Wunsch glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im
+Volke. Anderes wollten auch meine Mitältesten nicht
+andeuten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Habt Ihr Beweise?
+</p>
+
+<p>Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten
+gewahrend, nahm sich kein Blatt vor den
+Mund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was
+man als Beweise gelten lassen will. Zum Beispiel
+geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine
+Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für
+seine Privatzwecke versteckt. Jedenfalls ist die Person
+seitdem nicht mehr zum Vorschein gekommen. Du selbst,
+Hoheit, kennst die Person.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung
+paßt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann kennst Du Jala nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala? Was geht Euch Jala an?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so
+wenig an, wie jedem Unbetheiligten an der Geschichte.
+Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden ist. Und
+<!-- page 102 -->
+Volkes Stimme sagt: Minus&rsquo; Hand hat sie verschwinden
+gemacht. Sein Zauber hat sie beseitigt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus
+habe Grege beseitigt. Denn auch Grege ist verschwunden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die
+Hauptperson unseres Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche
+Uebermensch?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.
+</p>
+
+<p>Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel
+durch die Gruppe der Aeltesten, dann aber trat
+der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus
+beseitigt. Minus hat ihn gemeuchelt.
+</p>
+
+<p>Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen
+Ruf: Das ist Minus&rsquo; Werk! Keiner ist
+listiger, als er.
+</p>
+
+<p>Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen,
+vergnügten Aeltesten vom Festbund? Das sind Empörer,
+Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all&rsquo;
+seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den
+Leuten Ueberlegenheit zu zeigen und sich die Zügel
+nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja einfach unheimlich,
+dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit,
+dieses Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn
+das hinaus? Was war in der Welt von Teuta vorgegangen?
+</p>
+
+<p>Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht,
+seinen stillen, tiefen Farben, seiner ruhigen, milden
+<!-- page 103 -->
+Luft hatte selten so viel Aufregung zu schlucken gehabt,
+wie heute.
+</p>
+
+<p>Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte
+der Tapeten und Teppiche schien dem Oberpriester der
+Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu klingen.
+Schlechte Musik fürwahr.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde?
+Seid Ihr im Stande, ein Wort aus weisem Munde
+zu vernehmen?
+</p>
+
+<p>Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier,
+Hoheit? Man ruft uns hierher und tischt uns die
+unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest
+steht vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten
+programmgemäßen Verlauf zu verantworten, wie alljährlich.
+Minus ist aus dem Lande der Lebendigen
+geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen
+wir da Feste feiern? Wie wollen wir uns vor dem
+Volke verantworten?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Begreift Ihr denn nicht? Darum hab&rsquo; ich
+Euch ja berufen lassen, daß wir uns über den planmäßigen
+Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen
+Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte
+Freude haben. Mehr denn je brauchen
+wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus
+letzter Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein.
+Ihr verkennt ihn, liebe Freunde, Ihr mißdeutet seine
+Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben gegangen
+&mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer
+vom hohen Rath?
+</p>
+<!-- page 104 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben
+gegangen, damit der störenden Reden ein Ende werde.
+Er hat sein Leben seinem geliebten Volke zum Opfer
+gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen.
+</p>
+
+<p>Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann
+begann er kopfschüttelnd:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das
+schönste Fest zur Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur
+den Zwang zur Trauer im Gefolge, er hat auch das
+Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo
+sollen wir die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt,
+daß sie überhaupt noch am Leben sind? Oder sollen
+wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen?
+</p>
+
+<p>Ao athmete auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem.
+Du hast den Kern der Sache getroffen. Nun
+können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung.
+Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den
+Tod des edlen Minus geheim halten? Außer Titschi
+und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser.
+Und das sind Meister der Diplomatie. Zweitens:
+Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn Grege ist verschwunden,
+ohne das nachweisliche Verschulden des
+Minus.
+</p>
+
+<p>Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde
+abgebrochen durch erneutes lebhaftes Ertönen der
+Klingel.
+</p>
+
+<p>Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit
+Ao dringend zu sprechen. Die Späher hätten wichtige
+Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter Verdacht,
+<!-- page 105 -->
+daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt.
+Soundso sei zur kritischen Stunde beobachtet worden,
+wie er unter erschwerenden Umständen das Gemach des
+Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen
+begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest
+zu stören und das Volk gegen den hohen Rath aufzuwiegeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir
+der Kopf? jammerte der Oberpriester.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da ist eine Schraube im Weltmechanismus
+los, rief ein Aeltester.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört,
+fiel entrüstet der Sprecher ein. Der Glanz
+Teutas trübt sich.
+</p>
+
+<p>Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester
+entgegen. Beim heiligen Mysterium, wer bringt
+Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht mehr,
+wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen
+es auch nicht. Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest
+Du nicht vorbauen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner
+Wenigkeit. Ich thue, was meines Amtes ist. Die
+Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher Berechnung.
+Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso
+aufzujagen und zu fangen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester
+bestürzt.
+</p>
+
+<p>Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues.
+<!-- page 106 -->
+Jedenfalls halte er sich versteckt. Titschi selbst habe
+ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht mehr gesehen
+und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine
+Spur verliere sich in der Frauenhauptstadt, wohin er
+sich in Verkleidung begeben habe. Das sei die letzte
+sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen erhalten.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die
+Köpfe zusammen.
+</p>
+
+<p>Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei
+unter allen Umständen für seinen Gehilfen haftbar,
+meinte der Oberpriester. Sofort müsse er eingeladen
+werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ
+seine Hand auf dem Tastwerke spielen.
+</p>
+
+<p>Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei?
+fragte der Sprecher im Namen der Aeltesten. Ob
+man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder herbescheiden
+wolle?
+</p>
+
+<p>Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten
+Hörröhrchen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes
+zu einem Beschlusse kommen, meine Freunde, verweilt
+noch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht
+viel zu beschließen, dünkt mich, Hoheit Operpriester.
+Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und verschieben
+das Fest. Von Staatswegen, Punktum.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte
+der Sprecher bescheiden. Und meine Mitältesten theilen
+ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht tragen.
+<!-- page 107 -->
+Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung
+und Trauer.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem
+Lächeln. Soll&rsquo;s das Volk besser haben, als wir
+vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle
+finden müssen, wie wir uns in die unserige finden.
+Suggerirt ihm das Zweckentsprechende, und es wird sich
+zufrieden geben. Es empfindet weiß oder schwarz, je
+nachdem es ihm vorgestellt wird.
+</p>
+
+<p>Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen,
+er habe alle Hände voll zu thun. Die Beschlüsse
+des Oberpriesters mache er unbesehen zu den
+seinigen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der
+Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, ich solle beschließen!
+Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn beschließen?
+</p>
+
+<p>Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen
+dummen Ausdruck an.
+</p>
+
+<p>Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen,
+wie stets bei feierlichen Anlässen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung
+großen Stils für den herrlichen Minus! Zwar sei sein
+Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er soll den
+Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß
+stürzen.
+</p>
+
+<p>Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich
+die Freiheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend,
+findest Du? Gerade das ist ihr Werth. Das
+Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der Ueberraschung
+<!-- page 108 -->
+sein Behagen finden und uns Zeit lassen,
+Alles auf&rsquo;s Beste zu ordnen. Ich bitte Euch, Ihr
+Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, unterstützt
+uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte.
+Sucht auch aus der Trauer Genuß und Kurzweil für
+das gute Volk zu schlagen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom
+Leibe! Dieses nimmersatte Ungeheuer! ächzte der Oberpriester.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich
+zu.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung
+schafft und Ruhe stiftet.
+</p>
+
+<p>Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder
+in einem Schimmer intelligenter Zuversicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lasse das meine Sorge sein, Ao.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch
+Euch, Ihr Aeltesten, treue Freunde. Beliebt es Euch,
+daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird
+Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte
+um Deine Begleitung. Laß&rsquo; uns Titschi aufsuchen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen,
+ist&rsquo;s möglich, daß wir ihm nicht unwillkommen sind.
+Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, obwohl
+ich mich gern selbst ein wenig auf die faule
+Haut legte.
+</p>
+
+<p>Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters
+die Angst des Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe
+so im Handumwenden diesen gleichgiltigen Ton anschlagen?
+<!-- page 109 -->
+Stand denn nicht Alles auf dem Spiele?
+Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und
+nun that Kaspe, als handle sich&rsquo;s um irgend eine Verabredung
+zum Frühstück.
+</p>
+
+<p>Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im
+Bett. Er habe seinen faulen Tag, sagte er aufgeräumt.
+Und das Lustigste von Allem sei, daß man den Leichnam
+des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten
+aus Teuta!
+</p>
+<!-- page 110 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-10"><span class="hidden">Kapitel 10</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Das war nun allerdings das stärkste Stück, das
+der hohe Rath jemals dem Teutavolke geboten.
+</p>
+
+<p>Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben
+werden auf unbestimmte Zeit, um der großen Trauerkundgebung
+willen zu Ehren des Minus, und die
+Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der
+Leichnam der verstorbenen Hoheit aus dem Staube
+gemacht. Fabelhaft!
+</p>
+
+<p>Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des
+Minus festzustellen.
+</p>
+
+<p>Der die erste Nachricht vom Tode des hohen
+Oberlehrers dem obersten Diplomaten überbrachte, war
+allerdings eine vertrauenerweckende amtliche Person,
+Soundso.
+</p>
+
+<p>Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über
+die näheren Umstände des überraschenden Todesfalls
+vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und
+als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung
+verwerthen wollte, war von ihr nirgends eine
+Spur zu entdecken.
+</p>
+
+<p>Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im
+Fernseh-Spiegel des hohen Rathes auf Täuschung beruht
+haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer
+Betrügerei?
+</p>
+<!-- page 111 -->
+
+<p>Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten
+sich natürlicher Weise nur im engsten Kreise von drei
+oder vier Personen des hohen Rathes und der Aeltesten ab.
+</p>
+
+<p>Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon,
+oder wenigstens nicht mehr, als man für gut fand, ihm
+direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.
+</p>
+
+<p>Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi
+lag im Bett und redete sich auf die Folgen der Ueberanstrengung
+ohne nähere Begründung hinaus, und
+Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen
+nicht zur Stelle gebracht zu werden.
+</p>
+
+<p>Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige
+Zarathustra-Feier erwies sich als unmöglich, da nicht
+der geringste passende Leichnam aufzutreiben war. Die
+Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier
+ohne Leichnam konnte nicht einmal mehr von
+dem Oberpriester Ao ernsthaft in Erwägung gezogen
+werden.
+</p>
+
+<p>Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf&rsquo;s
+Aeußerste an und ließ alle Minen seines ausgezeichneten
+Späherdienstes springen. Vergeblich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.
+</p>
+
+<p>Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in&rsquo;s Bett
+und konnte mit nichts als mit virtuosen Redensarten
+und Trugschlüssen dienen.
+</p>
+
+<p>So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester
+zurück. In seinem Gehirn preßte sich die ganze Thatsachenreihe
+zu einer einzigen Halluzination zusammen.
+Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und
+seine Glatze dampfte, bald fror ihn, daß er sein
+<!-- page 112 -->
+Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, die vor Frost zu
+bersten droht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin
+verrückt. Ich werde tobsüchtig, es geschieht ein Unglück.
+Ach, ich ärmster Ao!
+</p>
+
+<p>Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß
+es ihm große Freude mache, von seinem hohen Kollegen
+so aufopfernd getröstet zu werden.
+</p>
+
+<p>Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für
+Uebelthäter, denen man beim besten Willen nichts mehr
+recht machen könne. Nicht einmal zum Einfangen seien
+sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh&rsquo; sei umsonst. Diese
+unnahbar edlen Spitzbuben!
+</p>
+
+<p>Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt
+jetzt Grimassen wie ein Verrückter.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie!
+rief er mit schiefgezogenem Munde dem Oberrichter zu.
+Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene Brust.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer denn? Wo denn?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die
+Lebendigen und die Todten, Alle durcheinander, die
+Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie in
+mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr
+Schlupfwinkel, ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu,
+Oberrichter!
+</p>
+
+<p>Und er wand und krümmte sich wie eine getretene
+Schnecke.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester!
+rief Titschi und streckte seinen Diplomatenkopf aus der
+Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz Teuta dieses
+<!-- page 113 -->
+Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte
+als Ersatz für das Zarathustra-Fest. Du bist ein
+großer Künstler, Ao! Herrlich, herrlich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht,
+stöhnte Ao mit geiferndem Munde und brach in den
+Polstern zusammen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall,
+flüsterte Kaspe. Soll ich vielleicht den Bim herbeirufen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Verschon&rsquo; mich mit diesem Querkopf. Aos
+Anfall, nein, es lohnt nicht der Mühe. Der Gute
+krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er
+einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung
+der obersten Geschäfte?
+</p>
+
+<p>Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte
+Mienen. Mit gedämpfter Stimme meinte er,
+ein wenig zurückhaltend:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist
+mir werthvoll.
+</p>
+
+<p>Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt.
+Er wollte schweigen. Die Sache war noch nicht
+reif. Der ehrgeizige Kaspe!
+</p>
+
+<p>Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen
+nicht versagen, dem Streber nach dem Vorsitz im hohen
+Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund
+bin, werde ich mich für Dich in&rsquo;s Zeug stürzen. Auch
+meine Agenten werden für Dich Stimmung machen.
+Aos Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm&rsquo;s
+nie verzeihen, daß es unter seinem Regiment so wenig
+Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung &mdash; lächerlich:
+<!-- page 114 -->
+Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen!
+Und nun geht unter Aos genialer Führung sogar die
+Zarathustra-Feier, das glänzendste Narrenfest der Welt,
+in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast
+Du gut eingefädelt!
+</p>
+
+<p>Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu
+gnädigem Danke. Es hatte ihn jedesmal, so oft Titschi
+herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, das
+Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen
+schlucken.
+</p>
+
+<p>Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen
+war erbarmungswürdig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bim &mdash; ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe
+Vertrauen zu Bim. Er kann mir helfen. Ich bin ja
+so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen
+zu Bim hast! Mit Vergnügen! Ich bin für Deine
+Anregungen immer empfänglich.
+</p>
+
+<p>Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem
+Bette &mdash; die Bewegung sah drollig aus, aber Niemand
+schien Sinn dafür zu haben &mdash; und mit der großen
+Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch
+die übrigen Zehen begannen zu spielen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast
+Du sonst noch Wünsche?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hunger hab&rsquo; ich, guter Titschi, Hunger.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch
+Durst? Die Lebensgeister sammeln sich. Du brauchst
+nur zu befehlen, Oberpriester.
+</p>
+<!-- page 115 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer
+elend. Ihr habt mich verrückt und elend gemacht.
+</p>
+
+<p>Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem
+Tastwerk. Bald öffnete sich die Wand und ein
+Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und
+Fläschchen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher!
+</p>
+
+<p>Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und
+Flüssiges und führte es zum Munde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab&rsquo;
+ich lange geschlafen, Freunde?
+</p>
+
+<p>Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern,
+während sein Mund kaute.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem
+schlimmen Anfall oder mitten hinein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie man&rsquo;s nimmt. Ich hatte etwas Blühendes
+und Duftiges in der Hand. Dann verwandelte
+sich&rsquo;s in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich
+glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht.
+Ist meine Luft nicht köstlich? Bezeuge Du&rsquo;s, Oberrichter
+Kaspe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, die Luft Titschis ist gut.
+</p>
+
+<p>Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir
+werden ja Bim&rsquo;s Urtheil hören. Was habt Ihr beschlossen,
+Freunde?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem
+<!-- page 116 -->
+allweisen Willen gehen soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen
+Willen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich
+erscheinen.
+</p>
+
+<p>Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig,
+mit dienstbereiter Miene. Sein Auge strahlte, seine
+Stirn leuchtete, als käme er direkt aus der Sonnenhöhe
+der Weisheit niedergefahren.
+</p>
+
+<p>Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender
+und Volksregenten von Teuta so schleunig in
+ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten wissenschaftlichen
+Entdeckung zu hören. Und nun war er da,
+gewappnet mit seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit
+seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, der treffliche
+Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht
+durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten
+Leute müssen&rsquo;s doch ahnen &mdash;
+</p>
+
+<p>Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle
+ahnten.
+</p>
+
+<p>Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen,
+begann Bim.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich
+in&rsquo;s Wort.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er
+wird mir nimmer entwischen.
+</p>
+<!-- page 117 -->
+
+<p>Aller Augen rundeten und befeuerten sich und
+drangen auf den gewaltigen Bim ein.
+</p>
+
+<p>Er hat ihn gefunden! Unglaublich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Leicht war&rsquo;s ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit
+Selbstgefühl fort. Leicht war&rsquo;s ja wahrhaftig nicht.
+Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war erstaunlich
+groß. Aber nun halt&rsquo; ich ihn. Er entschlüpft mir
+nicht mehr. Er ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes,
+ein Wesen, welches die ganze, weite Schöpfung
+in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung
+ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher
+Oberphysikus? unterbrach Titschi den Strom der Rede.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es
+bedarf nicht vieler Worte. Die Wahrheit ist groß, aber
+einfach. Nachdem ich ihn &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen!
+Denn es sind leider Viele flüchtig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe
+ist so werthvoll.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht,
+Alles hängt am richtigen Wort, wie Minus sagt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus! Ihn hast Du?
+</p>
+
+<p>Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr
+zügeln. Seine Erwartung war auf&rsquo;s Aeußerste gespannt.
+Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch that
+ihm weh vor Ungeduld.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nachdem ich das Atom &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Atom! Hört, hört!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Atom!
+</p>
+<!-- page 118 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Atom?
+</p>
+
+<p>Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich&rsquo;s im
+Voraus denken können. Aber immer auf&rsquo;s Neue fiel
+man bei dem gediegenen Oberphysikus und Welträthsellöser
+Bim darauf herein. Ein solcher Blender!
+</p>
+
+<p>Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: &mdash; Hoheiten,
+das Atom ist der Anfang aller Dinge, lassen
+wir&rsquo;s dem guten Bim, damit er auch an das Ende der
+Dinge gelange, die uns heute beschäftigen.
+</p>
+
+<p>Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus
+dem Konzept bringen. Nicht um eine Welt. Und wenn
+sie bersten sollten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff
+des Raumes, des Weltraumes. Und das ist
+meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom
+als das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende,
+durch seine Verkettung zu Molekülen Körperbildende
+erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was ist
+Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck
+der Selbstbewegung des Raumes, nicht Geschöpf, sondern
+Funktion des Raumes.
+</p>
+
+<p>Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den
+Kopf, Titschi kroch unter die Bettdecke.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des
+Weltraums und seiner Bedeutung gefunden. Nehmt
+ihn hin, meinen Fund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer,
+auf den Finderlohn, musterhafter Gelehrter. Etwas
+Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber gewesen.
+Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken.
+<!-- page 119 -->
+Sieh hier unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier
+unsern unersetzlichen hohen Ao, er ist krank, und ich
+selbst &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Ao lächelte schwermüthig: &mdash; Was mich betrifft,
+ich fühle mich nicht mehr krank. Bim besitzt eine seltene
+Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt seine Hülfe
+zu haben. Was nützen neue Begriffe!
+</p>
+
+<p>Titschi kroch aus dem Bette: &mdash; Weißt Du, was
+inzwischen in Teuta und seinem hohen Rathe vorgegangen
+ist, während Du bei den Atomen im Weltraum
+weiltest?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib
+zu definiren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus? Er ist eingetreten in&rsquo;s große Mysterium?
+Ist er das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Woher weißt Du das, Bim?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er
+das thun werde. Also hat er sein Versprechen erfüllt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, das hat er.
+</p>
+
+<p>Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein
+Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, das auf eine
+Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen
+und ein Ende zu machen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen?
+fragte Titschi.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst
+nichts.
+</p>
+<!-- page 120 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen
+unterbrechend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, hoher Oberpriester.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und alles Drum und Dran des Vorgangs?
+warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre ein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das
+Material für meine Forschungen zu sammeln suchen.
+Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. Minus
+ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.
+</p>
+
+<p>Bim schlug befriedigt die Beine übereinander,
+kreuzte die Arme und legte sich in die Polster zurück.
+Es war doch eine Lust zu leben, so lange das Dasein
+an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus
+nun selbst noch ihm in die Schlinge gegangen war,
+erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was kümmerten
+ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch
+an die Reihe kommen, diese widerborstigen Herrschaften.
+Er nahm sich fest vor, sie Alle zu überleben. Ihm
+mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre wissenschaftliche
+Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen.
+Der Stärkere war er, so wenig sie&rsquo;s auch merken
+mochten. Das hatte ihm wieder diese Unterredung bestätigt.
+Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm
+gestreckt, der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund
+verschlagener Weisheit?
+</p>
+
+<p>Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz
+mehr von den Andern nehmend und ihren rathlosen
+Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk
+<!-- page 121 -->
+führen wir auch über die festlose Zeit hinweg, prahlte
+der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit einem
+schiefen Blick nach Titschi.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Natürlich führen wir&rsquo;s drüber hinweg. Worüber
+führten wir&rsquo;s nicht hinweg? Laßt mich nur erst
+wieder aus dem Bette sein!
+</p>
+
+<p>Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen.
+Was half ihm Bim?
+</p>
+
+<p>Es herrschte tiefe Stille.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male
+Bim aus seinen Gedanken auf.
+</p>
+
+<p>Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der
+Wand hervor, auf seinem Fahrstuhl liegend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lebendig und todtbeglückt grüß&rsquo; ich Euch.
+</p>
+
+<p>Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das überleb&rsquo; ich nicht, röchelte Ao.
+</p>
+
+<p>Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das
+unvermuthete Bild ein starkes Stück.
+</p>
+<!-- page 122 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-11"><span class="hidden">Kapitel 11</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend,
+war Grege, als er zu Bewußtsein kam, die
+Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der
+Luftgondel fand.
+</p>
+
+<p>Aber er war auf fester Erde und ganz allein,
+und diese Thatsache dünkte ihm vorerst köstlich genug,
+ein wahres Himmelsgeschenk.
+</p>
+
+<p>Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht,
+empfand er nach wieder erlangtem Bewußtsein
+und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine Wiedergeburt
+zu neuem Leben.
+</p>
+
+<p>Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich
+nichts außer dem Fußgelenke. Erst wie er sich erheben
+und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß nicht
+Alles unbeschädigt geblieben.
+</p>
+
+<p>Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der
+Fußsohle schien wieder aufgebrochen und blutete ein
+wenig.
+</p>
+
+<p>Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut
+gewahrte, stand ihm wie eine Vision der blaßrothe
+Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus
+dem blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung
+die ganze Gestalt des geliebten fernen Weibes.
+</p>
+<!-- page 123 -->
+
+<p>Jala! Die Seelen grüßten sich.
+</p>
+
+<p>An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken.
+So ließ er sich wieder auf den gastlichen fremden
+Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und Mooswuchs
+wie ein weiches Polster überdeckte.
+</p>
+
+<p>Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und
+sandigen, Gras und Moos von solcher Dichtigkeit und
+Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte
+der Körper.
+</p>
+
+<p>Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles
+war geheimnißvoll, still, fremd, beschwichtigend.
+</p>
+
+<p>Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen.
+Keinerlei Furcht. Dafür eine herrlich erhebende Empfindung
+durch Seele und Leib von Hoffnung und
+Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege
+in dieser Alles durchdringenden Empfindung wie in
+einer neuen, wunderkräftigen Luft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, wo weilest Du? Wo ich?
+</p>
+
+<p>Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt,
+und starrte in den Himmel.
+</p>
+
+<p>Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten
+Glitzerschein entdeckte er schwebende Punkte, aber in
+solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein konnte,
+den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper
+auch nur zu ahnen. Grege lächelte.
+</p>
+
+<p>Freiheit! Hoffnung! Jala!
+</p>
+
+<p>Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen
+Körper so fest und weich trug, wie in Liebesarmen,
+konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören.
+</p>
+
+<p>Freiheit! Hoffnung! Jala!
+</p>
+<!-- page 124 -->
+
+<p>Wie süße Musik sang in seiner Seele und in
+seinen Nerven die Hoffnung.
+</p>
+
+<p>Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen.
+Wie aus den Schatten der Nacht die glänzenden Sterne,
+die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden aus
+dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen
+der Freiheit. Wie der Wanderer in den Thälern der
+Trübsal die sonnigen Höhen der Befriedigung, wie der
+Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt,
+so wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala!
+</p>
+
+<p>Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung,
+so sicher und herrlich stehe es mit seiner Befreiung
+doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der räuberischen
+Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne
+jeden Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen
+und gewaltthätigen Volke werden? Und wie
+würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel entblößt,
+sich die Gunst der Leute zu erkaufen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala!
+</p>
+
+<p>Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner
+Hoffnung Kraft lieh und sein Siegesbewußtsein zu
+lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das
+Land der Angelos sein? Kann sich der Mann im
+steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel allen Launen der
+Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im
+letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben?
+Möglich war Eins und das Andere, entschieden Nichts.
+</p>
+
+<p>Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund
+zum Verzweifeln.
+</p>
+<!-- page 125 -->
+
+<p>Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze
+steuerloser Fahrt, im Her und Hin, im Auf und Nieder
+der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen Länder
+unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen?
+Zwischen Meere von gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung
+der Insel- und Halbinselform sich alle gleichend
+im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr
+aufragen in wilder Gebirgsart &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern
+malenden Denken wieder in den Zustand des Traumlebens,
+Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die
+sich zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während
+sein Leib unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege! Grege!
+</p>
+
+<p>Es war Jala&rsquo;s Stimme. Wahrhaftig, sie war&rsquo;s.
+Ihr Ruf hallte über Berg und Thal und über das
+stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie
+Flötenton.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin
+hier, siehst Du mich nicht? Ich suche dich, Grege,
+Grege!
+</p>
+
+<p>Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war
+ausgegangen in die Weite, ihn zu suchen. Am Meere
+hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf
+steile, bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit
+blutenden Fingern an die Gipfel, an die Wolken &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege! Zu Hilfe! Rette mich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, hier! Was willst Du in der fernen
+Höhe? Hier bin ich, hier, Du wirst stürzen, ich beschwöre
+Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier,
+<!-- page 126 -->
+Jala, hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme
+sind Dir geöffnet, so komm&rsquo; doch, komm&rsquo; &mdash; &mdash; komm&rsquo;
+herab zu mir &mdash; &mdash; &mdash;.
+</p>
+
+<p>Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm
+die Stimme. Er fühlte nur, wie ihm die Augen aus
+dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der Verschwindenden
+nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben
+in unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte
+nur, wie krampfhaft lauschend sein Ohr sich anstrengte,
+noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern
+ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu
+erhaschen.
+</p>
+
+<p>Vergebens.
+</p>
+
+<p>Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn,
+im stürmisch pochenden Herzen ließen ihn noch einmal
+herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!
+</p>
+
+<p>Noch einmal war&rsquo;s ihm, als vermöchte er ihre
+Züge zu sehen, in ihr verrinnendes Angesicht zu blicken,
+die gleitenden Umrisse ihrer schönen, hoheitsvollen Gestalt
+zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten
+der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig
+helles, unbestimmt zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen
+durchzogen, ferner, immer ferner und lautlos
+verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen
+Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum
+erfüllten in majestätisch düsterem Gewoge.
+</p>
+
+<p>Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen
+haben. Sein Leib war steif und durchkältet, als
+sich die Besinnung wieder einstellte, sein Gehirn von
+einer unsäglichen Müdigkeit.
+</p>
+<!-- page 127 -->
+
+<p>Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen,
+die Augen zu öffnen und den Kopf ein wenig zu erheben,
+mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die
+kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde
+und seinen Ohren nicht nachließen. Auch an den
+inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte
+er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung
+mit einem feinborstigen, nervös warmen Gegenstande
+von kräftiger Lebendigkeit stattgefunden.
+</p>
+
+<p>Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem
+Gesicht eine mächtige Hundeschnauze. Das heißt: er
+rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta hatte er
+nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen
+Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen
+Thierleben nur aus alten Erzählungen und Bildern
+zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, unvergleichliche
+Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit
+Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als
+einzig würdiges Material für die Darlebung der
+höchsten Vernunft gezüchtet.
+</p>
+
+<p>Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht
+bloß die mächtige Hundeschnauze, sondern auch ein
+scheinbar unmittelbar der Erde entströmendes vibrirendes
+Flimmerlicht, das nach der überstandenen so intensiv
+durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine
+Sehnerven ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses
+Licht nicht an etwas Einzelnem haftete, sondern gleichmäßig
+ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über dem
+Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen
+<!-- page 128 -->
+Visionen und Schmerzen weit das Auge und versuchte,
+sich emporzurichten.
+</p>
+
+<p>Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige,
+goldbraune Hund. Wie ein Gruß neuen Lebens klang
+ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so
+viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden
+Lauten, eine reizvolle Naturfrische in den Intervallen,
+daß Grege bis in&rsquo;s Innerste davon getroffen war.
+</p>
+
+<p>Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen
+unter freudigem Gebell, dann stellte er sich
+straff wie ein Wächter zwischen die Beine Greges und
+faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in&rsquo;s Auge.
+</p>
+
+<p>Grege nickte ihm zu.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist
+Du, daß Du mich so herzlich begrüßt hast? Du nimmst
+wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben
+Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu
+wecken? Oder schickt Dich Jala mir als Bote?
+</p>
+
+<p>Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis
+in&rsquo;s Gesicht, schüttelte eifrig den buschigen Wedel und
+begann wieder zu bellen und zu springen, als wollte
+er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und
+das Weitere wird sich finden. Mach&rsquo; nur, daß Du
+endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und
+Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue,
+siehst Du wohl, also vertraue auch mir. Erhebe Dich,
+komm! Mach&rsquo; Sprünge wie ich! Und hinter Dir steht
+noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig
+&mdash; siehst Du denn nicht?
+</p>
+<!-- page 129 -->
+
+<p>Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend,
+wendete Grege den Oberleib und blickte rückwärts.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und
+stützte die Hände auf den Boden, um sich besser zu
+drehen und deutlicher zu sehen.
+</p>
+
+<p>Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem
+Boden. Lächelnd stand sie auf, die eine Hand auf dem
+Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine grüßende
+Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig.
+Lichtblondes Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die
+Schulter hingen. Den jugendlichen Leib in einem festen,
+wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem
+Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die
+ganze Erscheinung strammer, frischer, kerniger als Jala,
+die Züge gewöhnlicher, aber in Allem eine große Kraft
+und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen
+Feueraugen voll sprühender Gewalt!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Angelos? Wohnen hier Angelos?
+</p>
+
+<p>Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt
+näher und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Hund
+sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und
+Worte auffangen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mein Name ist Maikka. Hier sind keine
+Angelos.
+</p>
+
+<p>Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine
+und legte ihr die mächtigen Pratzen auf die Schultern.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer,
+aber ich merke, daß Du fremd bist. Ist Dir etwas
+Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. Lange
+<!-- page 130 -->
+lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich
+mein Hund weckte.
+</p>
+
+<p>Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der
+Hund lief von ihr zu Grege und berührte ihm mit
+dem Kopfe liebkosend die Schulter.
+</p>
+
+<p>Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der
+beiden gütigen Wesen. In dem allgemeinen Lichtscheine,
+der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, gewann das
+Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes,
+daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem
+Zauber einer Vision oder sonst einem Spuke zum
+Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und
+doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit,
+wie das Bellen des Hundes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Komm, Maikka, berühre mich wie Dein
+Hund.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier! Sie reichte ihm die Hand. &mdash; Warum
+erhebst Du Dich nicht? Bist Du müde von der Wanderung?
+Welches Weges bist Du gekommen?
+</p>
+
+<p>Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum.
+Welches Weges er gekommen! Durch die Luft!
+</p>
+
+<p>Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da
+unterbrach ihn Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung
+wird lange werden nach dem abenteuerlichen Anfang.
+Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das meinige.
+Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe
+zu bedürfen. Dein Gewand ist auch nicht im besten
+Zustand. Hast Du mit den Elementen gekämpft?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Maikka, das hab&rsquo; ich. Aber glaube mir,
+<!-- page 131 -->
+ich bin ein friedsamer Mensch und trage keinen Streit
+in die Welt.
+</p>
+
+<p>Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand
+Und an ihren beiden Händen sich fassend, sprang Grege
+vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm
+selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines
+Leibes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den
+Streit und schön für den Frieden. Warum verhehlst
+Du mir Deinen Namen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege heiß&rsquo; ich und komme aus Teutaland,
+ein Flüchtling. Nun weißt Du&rsquo;s. Ich habe nichts
+Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur
+meiner Freiheit hab&rsquo; ich mich gewehrt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie
+nun? Wo bin ich nun? Sprich, gütige Maikka, in
+welchem Lande begrüßest Du mich?
+</p>
+
+<p>Maikka lachte: &mdash; Du verstehst die Worte zu
+setzen wie ein Dichter. Nordika heißt das Land. Ist Dir
+das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig
+anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt.
+Teuta freilich, o Teuta!
+</p>
+
+<p>Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch,
+recht von Herzen, aber doch nicht in einem unzarten
+Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug seine vergnügtesten
+Töne an.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du
+Teuta?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Davon und von vielem Anderen später. Willst
+<!-- page 132 -->
+Du mein Gast sein? Ich führe Dich eine Straße, die
+ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du schwimmen?
+</p>
+
+<p>Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den
+Teutaleuten als vornehm-menschlich und staatserhaltend
+galt, war das Schwimmen. Das Schwimmen in großen
+unterirdischen Bassins.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, dann kannst Du über den See schwimmen.
+Das wird Dich von Deiner Starrheit erholen. Willkommen
+in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes
+Land kennen lernen, Teutamann Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gute Leute hoffe ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was lieben die Leute in Nordika?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nichts, Grege, und Alles &mdash; was Liebe verdient.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich will sagen: wofür haben sie die meiste
+Neigung? Oder: wovor haben sie Respekt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vor nichts, Grege, und vor Allem &mdash; was
+Respekt verdient.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Merkwürdig, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, Du wirst schon sehen.
+</p>
+
+<p>Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine
+Strecke auf der grasigen Straße zurückgelegt. Grege
+fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger spürte.
+</p>
+
+<p>Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht.
+In weitem Bogen umkreiste er die Herrin und ihren
+Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, machte
+er einen hohen Satz.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu
+und überraschend. Man watet hier förmlich in feinem
+Licht. In Teuta kennt man das nicht.
+</p>
+<!-- page 133 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;In Teuta!
+</p>
+
+<p>Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig,
+in anmuthigen Schritten und Bewegungen ging sie
+voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer
+Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder
+den Vormarsch nehmen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel
+Künstelei. Der Boden ist hier so reich an Leuchtstoff.
+Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus die
+Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß
+es nicht in hohem Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel
+sich sammetdunkel über die lichte Erde spannt. Man
+merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es
+Nacht ist.
+</p>
+
+<p>Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit
+leuchtenden Augen an.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß
+Deine Haut leuchten! Bist Du sehr geübt in Muskelarbeit?
+</p>
+
+<p>Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim
+in natürlichem Drange mancherlei Uebungen gemacht,
+ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche
+Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger
+eines Volkes von Rutschern, Hockern und
+Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer kräftigen
+Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer.
+Wenn Du willst, kannst Du rudern und ich schwimme
+hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- und
+Wassermenschen, nach Belieben, Grege.
+</p>
+<!-- page 134 -->
+
+<p>Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen
+in die stille schimmernde Nacht.
+</p>
+
+<p>All&rsquo; seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen
+in Teuta gehört. Lautes Lachen vertrug sich dort
+überhaupt nicht mit der staatlichen Wohlanständigkeit.
+Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen
+Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte
+Programm-Nummer sozusagen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er
+auch mit einer Ueberlegenheit aufwarten, denn es berührte
+ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer
+wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen
+Geringschätzung seines Teutalandes zu begegnen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim
+nicht, Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern
+unterirdischen Seen gehorchen unsere Fahrzeuge einem
+Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der Mechanismus
+unserer elektrischen Einrichtungen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das haben wir auch, das hatte man, wenn
+auch gröber und umständlicher, schon vor tausend Jahren.
+Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen
+nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die
+Brust, man muß breit ausathmen, alles hat einen so
+poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle Arme.
+Da fühl&rsquo; einmal her!
+</p>
+
+<p>Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff
+danach. Fox deutete das als Aufforderung zu einem
+Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die
+herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da
+<!-- page 135 -->
+sauste zwischen den Köpfen und über die ausgestreckten
+verbundenen Arme auch schon Fox mit mächtigem
+Sprung durch die Luft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier ist der See und dort das Boot! rief
+die lachende Maikka.
+</p>
+
+<p>Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im
+Wasser.
+</p>
+
+<p>Grege stand unentschlossen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun? Mein Gast hat die Wahl!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist,
+bemerkte Grege galant ausweichend.
+</p>
+
+<p>Maikka schlagfertig: &mdash; Aber das Wasser ist für
+zwei Schwimmer. Wenn Du darauf hältst, schwimmen
+wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das
+Boot noch vor uns her. Mir nach!
+</p>
+
+<p>Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und
+Untergewand abgestreift und in das Boot geworfen,
+die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt &mdash; und
+platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden
+Wasser auf und nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente,
+so sicher und schön war jede Bewegung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Herrlich, herrlich! Flink, Grege!
+</p>
+
+<p>Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich
+Grege seiner Kleidung, sie flog wie von selbst ins
+Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast
+besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen.
+Er hatte nur das eine Gefühl, daß er auf Tod und
+Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen
+pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam.
+Und neben ihm kicherte und schlängelte,
+<!-- page 136 -->
+wogte und wiegte die Nixe in den schönsten Schwimmkünsten,
+das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen
+vor sich hertreibend.
+</p>
+
+<p>Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen
+und Fuß an seinem Leibe spürte. Dann war&rsquo;s
+ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder
+gleite über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als
+sitze sie rittlings auf ihm. Dann wieder, als walle
+der See auf in einem Getümmel von weißen Frauenleibern
+und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern
+und Lachen und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz.
+</p>
+
+<p>Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt,
+es heilen Leibes erreicht zu haben. Er sah
+sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich würgenden
+Nixenarmen erstickt.
+</p>
+
+<p>Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich
+&mdash; und sein Bellen schallte wie Siegesruf.
+</p>
+
+<p>Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an
+das Ufer geeilt, die Herrin zu empfangen. Sie
+schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen
+nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit
+verrichteten sie das Zweckmäßige.
+</p>
+
+<p>Bevor Grege die neue Situation zu überschauen
+vermochte, steckte er schon in den warmhüllenden Kleidern,
+und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte
+sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern
+gehoben. Nur ihre Wangen schienen etwas blässer
+und ihre großen Augen glühten dunkler.
+</p>
+<!-- page 137 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und nun rasch in&rsquo;s wohnliche Gemach, mein
+tapferer Gast! Ist Alles bereit?
+</p>
+
+<p>Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie
+im Traum, den lebhaften Schritten Maikkas folgend.
+</p>
+
+<p>Was war das für eine Welt?
+</p>
+
+<p>In Teuta gab&rsquo;s für den Mann vom Jünglingsalter
+an keinen freien, offenen Verkehr mit dem Weibe.
+Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die
+Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet.
+Nur in der &bdquo;offenen Zeit&ldquo; gab&rsquo;s Verkehr
+zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen
+Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen
+mit Frauengruppen verkehren, nicht anders
+jedoch, als nach der Anweisung der Festordner. Sonst
+im gesammten Leben stand der Mann für sich, das
+Weib für sich. Die Kinder waren den Weibern zur
+Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit dem fünfzehnten
+Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.
+</p>
+
+<p>Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes
+Weib für sich, für sich ganz allein, haben wollte.
+Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. Denn das
+wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore
+thaten sich heimlich auf, die geschlossen sein sollten.
+Aber es stand Strafe darauf, wenn Einer in der
+Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen
+dort zu thun hatte.
+</p>
+
+<p>Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich
+war, und trotz aller Vererbung und Gewöhnung einzelnen
+Naturen bis auf&rsquo;s Blut zuwider. Aber was
+wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das
+<!-- page 138 -->
+Volk pries sich frei und glücklich unter der aufgezwungenen
+Regel &mdash; und sich zu preisen schätzte es
+nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und
+zu rühmen als das bevorzugteste Volk der Zivilisation!
+</p>
+
+<p>Was war das für eine Welt nun, in die Maikka,
+die Zauberhafte, ihren Gast Grege führte?
+</p>
+
+<p>In einem Föhrenhain stand das Haus und in
+dem Hause war ein hohes Gemach, reich geschmückt
+mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich
+in all&rsquo; seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige
+Kraft &mdash; wie schmolz das ineinander und schuf eine
+Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem
+Himmelreiche!
+</p>
+
+<p>Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch
+gearbeiteten silbernen Gefäßen, Krügen und
+Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <a id="corr-7"></a>Backwerk, süße
+Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge
+Mädchen, verschwanden schweigend, auf einen Wink
+der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste allein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum
+dienen sie mir so folgsam und bescheiden. Wenn sie
+in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden,
+sind sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande,
+bei freien Menschen, in Nordika, Grege. Und nun
+setz&rsquo; Dich zu mir und iß!
+</p>
+
+<p>Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den
+verdeckten Schüsseln.
+</p>
+
+<p>Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den
+Kopf, griff nach den Früchten, einem Stückchen Backwerk
+<!-- page 139 -->
+und schänkte sich von dem süßen Saft einen
+Schluck in sein Glas.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum nimmst Du nicht von den warmen
+Pastetchen? Sie sind köstlich. Sieh, wie sie mir
+schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Allerdings. In diesem Falle ist die Regel
+wie ein geleisteter Schwur.
+</p>
+
+<p>Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als
+im Freien, lachte laut auf und rückte ihren Sitz näher
+dem seinigen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten
+in Nordika nicht. Jetzt bist Du ein freier Mann in
+einem freien Lande.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das
+Alte lastet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln.
+</p>
+
+<p>Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden
+meine Dienerinnen erscheinen, Dich zu Deinem Lager
+zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch nach Fox
+und meinen Thieren sehen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst
+vorhin von Schülerinnen. Also bist Du Lehrerin?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine
+persönlichen Erlebnisse erzählst Du mir morgen.
+</p>
+<!-- page 140 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-12"><span class="hidden">Kapitel 12</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere
+Nacht in Maikkas Heim verbracht.
+</p>
+
+<p>Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst
+schüttelte ihn eine wüthende Sinnlichkeit, dann klärte
+sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht nach der
+fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte
+sie nun ihres Verlassenseins Kummer bergen?
+</p>
+
+<p>Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel
+wüßte, die Getrennten einander nahe zu bringen?
+Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte stehen
+dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die
+kluge Lehrerin nicht eine Nothhelferin werden?
+</p>
+
+<p>Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr.
+Ihr kann er wie einer Schwester das Zarteste und
+Schmerzlichste anvertrauen.
+</p>
+
+<p>Ja, ja, ja.
+</p>
+
+<p>Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über
+seine Seele, und behaglich streckte sich sein Leib in den
+leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein neues Leben
+lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen.
+</p>
+
+<p>Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen
+Träume, löschten die himmlische Helle, machten Alles
+schwarz und schwer, schoben Alles irr und wirr durcheinander,
+<!-- page 141 -->
+peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff
+und warfen ihn schließlich in den See. Alles schien
+für ihn verloren in gräßlicher Hilflosigkeit. Da tauchte
+Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen Blicken
+und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten
+sie in die Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens
+&mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten
+Schlaf.
+</p>
+
+<p>Das war das Morgenlied.
+</p>
+
+<p>Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte
+glückliche Narr der Träume.
+</p>
+
+<p>Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf:
+Fox brach mit mächtigem Gebell in das Gemach,
+die Gardinen flogen von den Fenstern, wie Feuerpfeile
+schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür
+her tönte eine glockenhelle Stimme: &mdash; Ein schlechter
+Mann, der nicht der Erste sein will!
+</p>
+
+<p>Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel.
+</p>
+
+<p>Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem
+Nachdenken die Beine vom Lager. Er strich über die
+Knie, er strich über die Waden, er befühlte die heile
+Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden
+Bart, er glitt mit beiden Händen über die Brust den
+Leib <a id="corr-8"></a>hinab: Er war er, kein Zweifel.
+</p>
+
+<p>Wie klang&rsquo;s?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und wessen Stimme war&rsquo;s?
+</p>
+
+<p>Ja, ja, Maikka&rsquo;s Stimme. Richtig. Maikka. Die
+<!-- page 142 -->
+Gastfreundin. Die edle Herrin dieses Heims. Wo ist
+sie? Soll er nach ihr rufen?
+</p>
+
+<p>Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur
+an der Wand. Ein Ruck. In freier Nacktheit stand
+er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte er
+nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen
+weißen, weiten, weichen Mantel. Er ging zur nächsten
+Thür, im Gehen den Mantel um sich nehmend. Er
+öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut
+kaum seinen Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge
+Mädchen, wie gestern, erwarten ihn, ihm ihre Dienste
+schweigend zu leisten.
+</p>
+
+<p>Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand,
+bestehend aus Hemd, Wams und kurzem Beinkleid.
+Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen,
+sie wissen von nichts.
+</p>
+
+<p>Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die
+Eine eine Thür, die Andere geht voran, und zwischen
+beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne fast umflort
+wie im Traume, in das hohe Speisegemach.
+</p>
+
+<p>Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher
+Handbewegung, am gedeckten Tische Platz zu nehmen,
+und entfernen sich wortlos.
+</p>
+
+<p>Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber
+es rührt sich nichts. In dem hallenartigen Raum,
+durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, die
+Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt,
+athmet eine sanfte Stille. Alles umfängt
+hier den Menschen so weich und innig und doch so
+bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts
+<!-- page 143 -->
+Flaues, Zugerichtetes, Ausgelebtes, Mechanisches wie
+in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht Alles.
+Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.
+</p>
+
+<p>Grege steht immer noch, von all&rsquo; den überraschenden
+Eindrücken erfüllt &mdash; aber es fällt kein Wort, es
+zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu erlösen
+und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und
+überlegsam mit der ungewohnten Umgebung in bewegte
+Harmonie setze, daß er nicht nur empfange, sondern
+auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist
+doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet
+und hinstellt, wo ein fremder Wille, und wäre es der
+freundlichste, sie haben will?
+</p>
+
+<p>Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung,
+eine Komödie, die sich ein unsichtbares Publikum
+mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um seiner
+Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu
+verschaffen? Mit der Gewaltthat der rohen Angelos
+ist er fertig geworden, will ihn jetzt die Feinheit der
+Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes
+Joch schlüpfe?
+</p>
+
+<p>Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch.
+Zwischen den kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein
+bunter Strauß &mdash; Blumen, so schön und farbenreich,
+wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll
+ihm das? Eine Handvoll Surros genügte ihm, den
+Hunger zu stillen. Er selbst war chemischer Künstler
+genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige
+Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch
+kraftreicher Form herzustellen. Hier war das Meiste
+<!-- page 144 -->
+aus der Hand der Natur, ohne viel Menschenwerk:
+Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den
+Tod von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar
+mit Teutas strengen Kultursitten. Und warum
+sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für ihn
+nicht gelten?
+</p>
+
+<p>Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die
+Spur von jenen zahlreichen Apparaten, mit denen man
+in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege des
+Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen
+und von überall her Mittheilungen zu empfangen.
+Auch auf dem Tische und am Stuhle keinerlei
+Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen
+Künsten wird dies kaum sein, wohl aber berechnete
+Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten Insel würde er
+sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber
+hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der
+leuchtenden Erde?
+</p>
+
+<p>Grege schloß einen Augenblick die Augen mit
+der Hand.
+</p>
+
+<p>Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung.
+Ein weiches und doch starkes Gewebe von lichtbrauner
+Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht unbequem.
+Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren
+Umrissen, als in den sack- und mantelartigen Gewändern,
+welche Teuta&rsquo;s Staatsweisheit vorschreibt. Aber
+mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider vorenthalten?
+</p>
+
+<p>Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht?
+</p>
+
+<p>Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die
+<!-- page 145 -->
+Mädchen eingeführt. Sie ist in die Wand eingefügt
+und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.
+</p>
+
+<p>Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden
+versunken. Der Raum ist leer.
+</p>
+
+<p>Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen.
+</p>
+
+<p>In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche
+Thür auf der gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge,
+gekleidet wie er, und winken ihm, ihnen zu folgen.
+</p>
+
+<p>Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal
+zögernd stehen und sieht zurück. Der Raum ist licht,
+still, leer, wie zuvor.
+</p>
+
+<p>Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten.
+Darum dürften sie aber doch den Mund aufthun,
+dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich unheimlich
+wurde.
+</p>
+
+<p>Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben.
+Was hätte Grege darum gegeben, jetzt sein fröhliches
+Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der Nähe,
+könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert
+sie sich heute nicht persönlich um ihren Gast?
+</p>
+
+<p>Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges
+Magen. Das Frühstück als Licht- und Schattenspiel
+hatte nichts Sättigendes. Aber war&rsquo;s nicht Greges
+eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen?
+</p>
+
+<p>Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts,
+in raschen, taktmäßigen Schritten, durch einen langen
+Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und hoch
+waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit
+machen konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke
+<!-- page 146 -->
+Hecken, darüber ein Streifen vom sonnenwarmen
+blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender
+Linie.
+</p>
+
+<p>Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer
+eiliger, so daß Grege gar nicht Zeit hatte, eine Frage
+an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging&rsquo;s
+im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen
+Macht getrieben, ahmte Grege Alles nach. Er
+wäre nicht mehr im Stande gewesen, zurückzuschauen
+oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen!
+Links und rechts in den Hecken schien ein
+Vogel laut zu werden, bald flog auch einer herüber
+oder hinüber. Vorwärts, vorwärts!
+</p>
+
+<p>Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen.
+Seine Brust arbeitete, seine Haut wurde schweißwarm.
+</p>
+
+<p>Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten
+sich mit Grege zu einer Reihe.
+</p>
+
+<p>Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando.
+Grege begriff nicht gleich. Nun zählte der Andere:
+eins, zwei &mdash; drei!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste
+es ihm nur in der Erinnerung an die letzte Nacht durch
+den Kopf?
+</p>
+
+<p>Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern
+a tempo ab, in kurzen, hüpfenden Schritten, wie sie
+&mdash; wer aber nicht als der Erste am Ziele erschien,
+war der junge Mann aus Teutaland.
+</p>
+
+<p>Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung
+des Laubganges in eine weite, lustige Halle von leichter
+<!-- page 147 -->
+Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im Gebälke. Es
+war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen
+und allerlei Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften.
+</p>
+
+<p>Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten.
+</p>
+
+<p>Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen
+und Jungfrauen in dem Raume zu finden, der
+ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer Ausdehnung
+dünkte. Noch erstaunter aber war er, als
+aus den Reihen der Jungfrauen ihm plötzlich Maikka
+entgegentrat.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm
+die Hand.
+</p>
+
+<p>Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen
+Morgen. Nach der merkwürdigen Wettlauferei
+mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein Gesicht
+eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren
+konnte, auch fand er keine freundliche Erwiderung
+auf Maikka&rsquo;s Willkomm. Er begnügte sich mit
+einer stummen Verneigung.
+</p>
+
+<p>Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß
+und schien sehr befriedigt.
+</p>
+
+<p>Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen:
+Wie komm&rsquo; ich daher, was thue ich in diesem Haufen
+fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, außerordentliche
+Frau? Ist das hier deine Schule, dein
+Lehramt?
+</p>
+
+<p>Die kluge Frau las ihm die Fragen von den
+Augen ab.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen,
+<!-- page 148 -->
+aber jede ist würdig, von Dir gekannt und geschätzt
+zu werden.
+</p>
+
+<p>Grege nickte höflich.
+</p>
+
+<p>Maikka fuhr fort: &mdash; Wir üben uns hier im
+Ring- und Reigenspiel, im Springen und Schlagen.
+Nimm theil, Grege!
+</p>
+
+<p>Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme
+gesagt und mit dem süßen Sprühen der dunklen Augen
+begleitet.
+</p>
+
+<p>Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen
+war, hatte er schon einen langen Stab in der
+Hand und stand in Reih und Glied und machte, so
+gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit.
+Dergleichen hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal zur
+Empörung und zum Widerspruche wurde ihm in diesem
+&bdquo;freien Lande&ldquo; Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde
+er mit fortgerissen.
+</p>
+
+<p>Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle,
+so zwanglos wie möglich, jedoch ohne die Reihe aufzulösen.
+</p>
+
+<p>Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn
+sie hatte alle Sprünge mit ausgeführt, auf Grege zu:
+&mdash; Wie gefällt es Dir?
+</p>
+
+<p>Grege: &mdash; In Teuta hätte mich&rsquo;s verrückt gemacht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied!
+fiel ihm Maikka in&rsquo;s Wort.
+</p>
+
+<p>Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog
+sie wieder an ihren Platz vor der ersten Reihe. Sie
+kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte
+<!-- page 149 -->
+der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe
+verschlungen, ausgeführt wurde.
+</p>
+
+<p>Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen,
+so anmuthig und heldenhaft schön waren die Bewegungen
+und Stellungen dieser blühenden Menschen,
+und so jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte
+die Verse zu vernehmen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Frisch, frei und froh, mein Kind!</p>
+<p class="line">Dein Sinn sei leicht wie der Wind,</p>
+<p class="line">Dein Muth bewährt wie Gold,</p>
+<p class="line">so bleibt das Glück dir hold &mdash;</p>
+<p class="line">Trala, Dir hold, trala, Dir hold.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Fest in Treue stets geschlossen</p>
+<p class="line">Sind wir stolzen Volkes Sprossen</p>
+<p class="line">Dir in Liebe zugewandt,</p>
+<p class="line">Nordika, heiliges Vaterland &mdash;</p>
+<p class="line">Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels
+überhörte Grege, nur der feurige Klang und der
+stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen,
+wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen,
+aber wie selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen
+und Figuren sein Auge entzückte.
+</p>
+
+<p>Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen
+mit elektrischen Schlägen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Nordika, heiliges Vaterland!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt
+aus voller Kehle in den Gesang mit ein &mdash; aber
+Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton
+über dem harmonischen Gewoge schweben zu hören.
+<!-- page 150 -->
+Das war ihm ein unerhörter Ohrenschmaus. Und das
+berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm
+in die Augen. Von dieser alles bezwingenden Gewalt
+des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er seither
+keine Ahnung gehabt.
+</p>
+
+<p>In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe
+überhaupt nicht. Dort galt nur der Begriff vom
+&bdquo;Staat&ldquo; und &bdquo;Reich&ldquo; als eines künstlich aufgebauten
+Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber
+niemals das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort
+keinen natürlich quellenden Enthusiasmus für irgend
+etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, die
+sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne
+natürliche Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten,
+Jünglingen und Jungfrauen, Männern und Frauen,
+jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen
+Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu
+lassen in einer Fluth von Tönen und wuchtigen Harmonien?
+Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute
+hatten sie&rsquo;s sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man
+im Teutareich keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt
+das dort? Weil die Seele fehlt. Weil Alles in seelenlose
+Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch
+nur mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl,
+wie man nur verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt,
+ohne Vaterlands-Empfindung.
+</p>
+
+<p>Und Grege liefen die Thränen über die Wangen,
+er stand betäubt, selig erschüttert und todtbetrübt zugleich.
+</p>
+<!-- page 151 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen
+und hochklopfender Brust auf ihn zutretend. &mdash; Was
+sagt Teuta dazu?
+</p>
+
+<p>Grege wischte sich die Augen und schüttelte den
+Kopf: &mdash; Nie hätte ich das geglaubt, nie habe ich das
+gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.
+</p>
+
+<p>Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die
+Wange: &mdash; Du bist ein guter Mensch, aber Deine
+Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben
+sie von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und
+Verbohrtheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt
+Dir all&rsquo; die Kenntniß? Bist Du je bei uns gewesen?
+</p>
+
+<p>Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und
+lachte mit dem ganzen Gesicht: &mdash; Nein, danach hat
+mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten Kundschafter.
+Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer
+Königssproß von Teutaland.
+</p>
+
+<p>Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft
+von ihrem letzten Wort, mit Fragen auf sie eindringen
+wollte, legte sie den Finger an ihre Lippen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und nun, mein Gast, hab&rsquo; ich eine halbe Stunde
+Zeit, ich bin schon seit fünf Uhr an der Arbeit, lass&rsquo;
+uns einen Gang in die Sonne machen.
+</p>
+
+<p>Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm
+ein paar Worte zu und entfernte sich mit Grege durch
+einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, hinaus
+in&rsquo;s Freie.
+</p>
+<!-- page 152 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-13"><span class="hidden">Kapitel 13</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende
+Frau von der Seite.
+</p>
+
+<p>Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit
+einem anderen, der sagte: &mdash; Verbeiß nur Deine Frage,
+Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das
+ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.
+</p>
+
+<p>Und Grege verstand den Blick und biß sich auf
+die Zunge.
+</p>
+
+<p>Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum
+Grübeln und Tüfteln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer
+Geschichte?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika
+zweifle ich daran.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lass&rsquo; hören: Was hinterließ uns der Mensch
+der Steinzeit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Erinnerung.
+</p>
+
+<p>Maikka lachte hellauf: &mdash; Das ist Poeten-Ausrede
+für sachliches Nichtwissen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du
+thust mir Unrecht, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst
+<!-- page 153 -->
+Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: Was hinterließ uns der
+Mensch der Steinzeit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr gut. Und was hinterließ uns der
+Mensch der industriellen und kapitalistischen Metallzeit?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale,
+einen traurig zusammengeschrumpften Rest Menschheit.
+Kehrichthaufen, wie ich sage.
+</p>
+
+<p>Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend
+bei: &mdash; Für Nordika gilt das wohl nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor
+tausend Jahren auch an dem großen europäischen Krach
+mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere
+Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen.
+Aber das gab schließlich die einzige Möglichkeit,
+die Völker Europas, soweit sie kulturfähig waren,
+auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein
+Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der
+europäischen Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen
+sind. Was nach dieser furchtbaren Musterung
+übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich
+blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er
+Kleinkram war und durch allerlei günstige Zufälle mit
+durchschlüpfen konnte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es
+heute noch auf keine Million Menschen gebracht, behaupten
+unsere Volkszähler.
+</p>
+
+<p>Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann
+ließ sie ihre Augen auf Grege blitzen: &mdash; Du bist ein
+herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit Dir kann
+<!-- page 154 -->
+man reden. Hör&rsquo; mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt,
+schreit doch zum Himmel. Das ist eine Staatskunst
+von Idioten und Feiglingen. Da Ihr doch einmal
+keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so
+fristet Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man
+nicht mit der Natur hausen kann, muß man gleich ein
+Verbrecher gegen die Natur sein? Hör&rsquo; mal, Grege,
+hör&rsquo; mal!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wär&rsquo;s möglich, daß Du für die Schmach
+Deiner Teutaleute selbst so wenig Empfindung hättest?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich
+nun plötzlich hier, an Deiner Seite, an Alles denken,
+was je Schmachvolles daheim in Teutaland geschehen?
+Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen
+Eindrücken auf mich ein &mdash; und da soll mir
+Schmachvolles gegenwärtig sein, das weit hinter
+mir liegt?
+</p>
+
+<p>In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe,
+rauhe Töne, als sie, die Hand auf Grege&rsquo;s Schulter
+legend, halblaut hervorstieß: &mdash; In Teutaland verhandelt
+man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man
+frißt seine eigenen Kinder &mdash; und spielt den Fleischverächter?
+Weißt Du, was das für ein Volk bedeutet?
+Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen
+setzt?
+</p>
+
+<p>Grege zuckte zusammen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend
+preis giebt oder verschachert. Grege, begreifst Du
+das nicht?
+</p>
+<!-- page 155 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich beschwöre Dich, Maikka!
+</p>
+
+<p>Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art
+Jalas in Ausdruck und Stimme. Jedes Wort gab
+Grege einen Stich in&rsquo;s Herz.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil!
+rief sie. &mdash; Oder ich muß Dich wie einen Tollen aus
+meiner Nähe jagen.
+</p>
+
+<p>Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden
+Lippen, als suche er vergeblich nach dem rechten Wort,
+fuhr sie mit wachsender Leidenschaftlichkeit fort: &mdash; Das
+geht durch Eure ganze Geschichte, seit Jahrtausenden.
+Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen
+Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert,
+wo ihr konntet. Ihr habt sie in den Zeiten
+des Mittelalters durch Eure blödsinnigen Gelehrten in
+Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den
+Römern und Griechen und Juden und ihrem blutigen
+Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und ihre Seelen belastet
+und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in
+Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige
+Individualität mit Füßen getreten, Jahrhunderte lang
+sie ausgeschunden um elender Idole willen. Ihr habt
+sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus,
+des Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen,
+wie man einem Geier Aas hinwirft &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Halt ein, Maikka!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren
+Pein, mit Verfolgung, Hunger, Noth und Elend in
+tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle
+Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch
+<!-- page 156 -->
+auf alle Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der
+Prostitution, in den &mdash; &mdash; der Millionenstädte &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bis der große europäische Krach kam und die
+große Schicksalswende, Maikka. Ich bitte Dich, halte
+Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten nicht
+bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast
+in allen Ländern Europas. Und wenn die Todten,
+die die Vergangenheit nicht alle begraben konnte, an
+die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden &mdash; sprich,
+Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen
+Leichnam?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet,
+trotzdem Ihr in Teutaland keine Poeten duldet. Aber
+gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und
+stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus,
+Teutaland.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft
+werden!
+</p>
+
+<p>Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern,
+schüttelte sie, bohrte ihren Blick hinauf in sein flammendes
+Auge: &mdash; Das soll ein Held gesprochen haben,
+Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich
+fröstelt im Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne!
+Freie Luft im freien Licht!
+</p>
+
+<p>Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden
+Birken und jungen Blutbuchen eingetreten, in deren
+flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. Maikka
+mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren
+in seinem Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden
+und in seiner Brust war ein seltsamer Rumor.
+</p>
+<!-- page 157 -->
+
+<p>Er zwang Maikka zum Stillestehn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen
+Gedankengang abgewichen, Maikka?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, nein. Oder gleichviel. Komm&rsquo; nur, wir
+haben schon den rechten Faden gesponnen. Soll ich&rsquo;s
+sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und dann
+Deine Thränen &mdash; weiß ich&rsquo;s? Das hat mich eben
+erregt und außer mich gebracht. Grege, merk&rsquo; Dir&rsquo;s,
+mit mir ist nicht zu spaßen!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit mir wohl auch nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein
+ganzer Mann sein.
+</p>
+
+<p>Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder,
+ihre klare Güte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage
+kommen, Maikka. Anknüpfend an den Kehrichthaufen.
+Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege:
+Freude wird sie hinterlassen. Freude, die aus dem
+Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen Muth schafft.
+Mach&rsquo; doch nicht wieder jenes Gesicht!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle,
+er muß auch einen Gegenstand haben, Maikka!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Freilich. Den größten und höchsten, den&rsquo;s
+giebt: Immer mehr Freude und Schönheit. Aber das
+ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die Mittelalterlichen
+nannten es das Göttliche und verdarben sich
+das Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem
+Himmel die Erde. Sieh&rsquo; mal den lustigen Käfer, wie
+er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig,
+<!-- page 158 -->
+nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich
+um den letzten Grund der Dinge?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir nennen&rsquo;s in Teuta das Mystische.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schweig&rsquo; mir von Teuta jetzt. Das Mystische!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche
+Wesen, das uns hegt und trägt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen
+nicht. Das Mystische! Nicht im Mindesten
+kümmert&rsquo;s uns. Wir hegen und tragen uns selber.
+Ja, wir erlauben uns das, Grege.
+</p>
+
+<p>Und nun lachte sie wieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum leben wir eigentlich, Maikka?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Weil wir da sind und weil uns das Leben
+gefällt. Sehr einfach.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt.
+Ich ertrag&rsquo;s in der Hoffnung, daß es mir wieder gefällt.
+Interessant ist&rsquo;s ja immer, mit und ohne.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit und ohne, was heißt das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit und ohne Gefallen. Aber hör&rsquo; mal,
+Grege! Stell&rsquo; dich nicht dumm!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so
+stark, daß sie mich in die schönsten Kinderträume zurückführen
+könnte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit
+Vernunft? Ich bin mit Vernunft mittendrin, in jedem
+Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!
+</p>
+
+<p>Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß
+Grege mitlachen mußte, ob er wollte oder nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du solltest mir Deine Geschichte erzählen,
+<!-- page 159 -->
+Grege. Aber siehst Du, sonderbar, ich erzähle mir sie
+selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als
+ich selbst. Vieles in meinem Leben ist mir wie verriegelt
+und versiegelt, ich kann nicht dahinter kommen.
+Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend &mdash; ach,
+was rede ich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist so verschattet, daß ich&rsquo;s nicht mehr entziffern
+kann, es ist wie eine alte verblichene Handschrift.
+</p>
+
+<p>Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein:
+&mdash; Poeten-Flausen! Was man nicht weiß, zählt nicht.
+Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt
+daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das
+Andere ist einfach nicht da, für uns nicht da. Was
+soll&rsquo;s uns also?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich&rsquo;s
+auch nicht, was in unserem Leben dagewesen ist. Das
+bleibt unserem Schicksal einverwoben. Denk&rsquo; nur an
+das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen
+läßt, wovon wir kaum eine Ahnung haben.
+Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob wir&rsquo;s
+wissen und wollen, oder nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich
+zu nehmen wäre, dann hätten wir die Ehre,
+heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige
+Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau&rsquo; mich an,
+Grege: Bin ich stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin
+ich chinesisch?
+</p>
+
+<p>Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit.
+<!-- page 160 -->
+Alles an ihr strahlte von Gesundheit und heiterem
+Geist. Sie ballte die Hände und streckte die Arme
+straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie
+den Boden.
+</p>
+
+<p>Grege legte den Arm über den Rücken und besah
+sich das schöne Menschenbild lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres
+zu seiner Jala hätte, er sich nicht vorstellen
+können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er
+konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die
+Schöpfung von einer neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte
+er jetzt mit seinem Denken nicht einzudringen.
+Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle
+Maßen gut, zweitens wünschte er, weniger Hunger zu
+haben, als er in der That hatte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka.
+Und wenn ich Dich als Symbol von Nordika nehmen
+darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt
+&mdash; als Symbol. Nimm mich! Nordika hat nichts
+dagegen.
+</p>
+
+<p>Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.
+</p>
+
+<p>Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mir nach! Hier ist Nordika!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen
+Schrittes nach. &mdash; Humor hat das Weib,
+dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man
+in Teuta auch nicht. Armes Teuta!
+</p>
+
+<p>In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch
+Maikka gedacht: Humor hat der schöne Teutamann nicht
+und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger.
+<!-- page 161 -->
+Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für
+Dich und Deine Teutaleute recht haben. Ihr habt den
+Chinesen noch im Blut. Am frühen Morgen nach
+einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung
+schon so schlaff &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges
+Blicken in der hellen Sonne. Breit und friedlich zog
+ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte,
+reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne
+große Höhen und Tiefen, von einem eigenartigen sanften
+Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen sprach.
+Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen
+über das Ganze verstreut. Daraus hervorlugend,
+roth und braun, eine Unzahl von Häusern, fast alle
+von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und anheimelnd
+in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern
+und Baumwuchs. Und Vögelschwärme in der sonnigen,
+seidenweichen Luft hin und her.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte
+Maikka mit einem Anflug von Spott. &mdash; Aber
+auch das ist schön, weil sich dann der Frühling um so
+bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen,
+nicht wahr, Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in
+meiner Phantasie, gewiß, da versetzte ich mich oft in
+ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von ihrer
+Insel &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts
+von alledem, nichtwahr?
+</p>
+
+<p>Grege verneinte mit Kopfschütteln.
+</p>
+<!-- page 162 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in
+einer einzigen Riesenstadt, wenn man das so nennen
+darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder vielmehr
+bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut,
+die Häuser sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer
+und Wälder &mdash; was weiß ich! Schau hin, da
+liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont
+abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht&rsquo;s noch
+weit fort, nach allen Himmelsgegenden, bis ans Meer
+mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, immer
+Nordika.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ein einziger Körper!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger
+Körper.
+</p>
+
+<p>Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens
+und Irreführens an. Sie zog den Mund ein wenig
+schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ein Körper, Du hast&rsquo;s verrathen. Und
+verräthst Du auch wie wir&rsquo;s machen, damit wir uns
+auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir
+uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft
+nicht verlaufen? Erräthst Du&rsquo;s?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr macht&rsquo;s wie wir. Ihr verseht Alles mit
+Nummern und Ueberschriften, denk&rsquo; ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen&rsquo;s nicht
+wir Ihr. Das wäre uns zu mechanisch, zu langweilig.
+Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn Du
+willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen
+Körper vor uns, als menschlichen Körper, und
+benennen die einzelnen Landestheile mit den menschenkörperlichen
+<!-- page 163 -->
+Namen. Unsere Landestheile oder Kreise
+sind also wie Körpertheile benamst und zwar genau
+nach dem echten anatomischen Zusammenhang des Leibes,
+von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder,
+der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande
+zurecht, und wenn er weiß, wo er sich befindet, findet
+er überall hin, ohne viel zu fragen oder Nummern
+und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum
+Beispiel im großen Zehen des linken Fußes ist und
+will nach dem rechten Knie oder nach der Nase oder
+dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung
+keine Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?
+</p>
+
+<p>Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft
+zugleich, daß er nun auch lachen mußte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches
+und vernünftiges Land sind? Der gestrenge
+Teutamensch lernt bei uns das Lachen.
+</p>
+
+<p>Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die
+Köpfe hinweg. Grege blickte und horchte auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an
+welchem Körpertheil wir uns jetzt befinden?
+</p>
+
+<p>Der hungrige Grege strich sich mit der Hand
+über den Magen.
+</p>
+
+<p>Sein Mund jedoch sprach: &mdash; Auf dem Herzen.
+</p>
+
+<p>Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem
+Blick seiner schönen Augen, daß es Maikka durchbebte.
+</p>
+
+<p>Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit
+innigem Wohlgefallen.
+</p>
+
+<p>Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?
+</p>
+
+<p>Nein, noch nicht.
+</p>
+<!-- page 164 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und
+Benennung unseres Landes?
+</p>
+
+<p>Grege blickte ihr tief in&rsquo;s Auge, besann sich ein
+wenig, dann antwortete er im vorigen Tone, nur wärmer
+und herzlicher: &mdash; Ich wüßte nicht, aber &mdash; vielleicht
+doch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nach Sternbildern.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden
+wir uns jetzt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Im Morgenstern, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist wunderlieb gesagt. Wenn&rsquo;s nur nicht
+falsch wäre, Grege!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wieso?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein
+Sternbild!
+</p>
+
+<p>Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen
+Schnitzer, fügte jedoch lachend und schlagfertig
+hinzu: &mdash; Nun denn, so erheben wir den einzigen
+Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken
+wir doch auch in dem einzigen Augenpaar eines lieben
+Menschen den ganzen Himmel!
+</p>
+
+<p>Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand
+und schwieg still entzückt über die schöne Deutung.
+</p>
+
+<p>Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala
+gedenkend, die ihm mit ihren armen erblindeten Augen
+mehr war als alle Himmel und alle Sternbilder.
+</p>
+
+<p>Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise
+rauschenden Flusse hin.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.
+</p>
+<!-- page 165 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf der Jagd.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf der Jagd?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja.
+</p>
+
+<p>Neues Schweigen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld?
+begann Grege wieder, im Gehen zögernd.
+</p>
+
+<p>Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den
+Kopf zu erheben: &mdash; Wir sind alle Bauern in Nordika.
+Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich
+&mdash; und das ist unser neuer Sinn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich
+die letzten Worte nach.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur
+arbeitsam zu leben und der Kultur froh zu werden.
+Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich,
+da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.
+</p>
+
+<p>Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: &mdash; Also
+herrscht auch in Nordika die wirthschaftliche Gleichheit?
+Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, nicht Satte
+und Hungrige &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser
+Land ist Freiland, unser Volk ist eine einzige große
+Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden,
+Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend
+einzusetzen hat, oder wer die Gleichstellung mit bösem
+Willen lohnt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste
+Praxis, Grege: Absolute Dummköpfe und Thunichtgute
+<!-- page 166 -->
+verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im Norden.
+Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm
+Dich zusammen und halte Dich brav! schloß sie
+lachend.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse
+ab auf einen Hain zu, aus dem ein freundliches Haus
+schimmerte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder
+an die Arbeit. Aber Du kannst mich begleiten und
+dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im
+Garten. Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule.
+Für Alt und Jung. Du zögerst?
+</p>
+
+<p>Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig,
+Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du hast doch gefrühstückt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist
+noch nüchtern.
+</p>
+<!-- page 167 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-14"><span class="hidden">Kapitel 14</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um
+auch heute noch einem Theil des Unterrichts beizuwohnen,
+den die bewundernswürdige Maikka im
+Freien gab.
+</p>
+
+<p>Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere
+Leute dem Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige
+Mädchengestalten, reifere Frauen und Männer.
+</p>
+
+<p>Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen
+ihre Ehre dareinsetzen, einen ganzen Kursus
+regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das Bedürfniß,
+je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als
+sie erhaschen können.
+</p>
+
+<p>Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen
+die Wissenschaft etwas Heiliges sein müsse, von dem
+sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. Mitten in
+die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut
+zu erhalten und im Vorübergehen eine feinere
+Kenntniß mitzunehmen, wie man auf einem Gang über
+die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien
+ihnen ein gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte
+sich um&rsquo;s Andere. So gab&rsquo;s auch keine Störung der
+Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein
+Anderer schweigend und gesammelt herankam.
+</p>
+<!-- page 168 -->
+
+<p>Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit,
+Arbeit, Lernbegier, Idealität der freien Persönlichkeit,
+edles Gemeinschaftsgefühl eines starken Volksgeistes.
+Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich Erzwungenes.
+Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung
+irgend einer persönlichen oder menschheitlichen
+Gerechtsame zu Gunsten einer mechanischen Ordnung.
+Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender Bewunderung,
+eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer
+unausgesetzten Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt
+haben, um einen solchen Volkszustand
+wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet
+hier Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends
+merkt man etwas von jener Tüftelei und
+Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden
+Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all&rsquo; jenen maskeradehaften
+Würdespielereien, die ihm sein Teutaland
+so widerlich gemacht hatten.
+</p>
+
+<p>Und trotzdem &mdash; es war sein Teutaland, er
+lernte hier ein Gefühl kennen, das ihm seither fremd
+geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit.
+Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte
+er persönlich vor den Nordikaleuten zurückstehen. Wenn
+Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so mußte er
+sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr,
+daß er sich erhaben dünkte über seine Volksangehörigen;
+das gab ihm keine rechtfertigende Größe und Sonderstellung,
+daß er von daheim Reißaus genommen.
+Womit wollte er&rsquo;s begründen, daß es ihn nichts angehe,
+was seine Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft
+<!-- page 169 -->
+gemacht? Wäre es nicht unmännlich, sich
+auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse
+hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem
+Blick, in jeder Miene, in der ganzen Haltung der
+Leute, ohne Unterschied des Geschlechts und der Jahre,
+lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in
+seiner Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch
+weiß und jede sklavische Unterwerfung unter eine blinde
+Fügung ausschließt?
+</p>
+
+<p>Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit
+für seines Volkes Thun und Leiden, für der Heimath
+Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das
+heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner
+eigenen Belehrung und Festigung auszunützen. Seine
+Jala blieb ihm unverloren, das war ihm heiliger
+Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit
+dem geliebten Weibe wieder zusammen zu führen, gut,
+so würden eben Wunder geschehen.
+</p>
+
+<p>War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier
+stand, unangefochten, in sicherer Gastfreundschaft, und
+den Worten einer Meisterin des Lebens und Wissens
+wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger
+Luft, umflossen von mildem Sonnenlicht? Und
+stieg&rsquo;s nicht wie ein Schwur in seiner Seele auf, das
+hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen
+seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten
+aus ihrem ärmlichen Geistesdämmer und stumpfen Genußleben,
+daß sie sich aufrafften zu einem bedeutungsvollen,
+inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in
+Teutaland überhaupt einen nennenswerthen Inhalt?
+<!-- page 170 -->
+Schuf es eine innige starke Freude den Lebenden?
+Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte
+Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka?
+Was galten seinen Teutaleuten überhaupt die Frauen,
+waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen,
+als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?
+</p>
+
+<p>Und wie war das Alles so geworden?
+</p>
+
+<p>Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er&rsquo;s jetzt
+hören, was in der Kulturarbeit des Volkes des Weibes
+Kopf und Hand geschaffen.
+</p>
+
+<p>Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst
+war Frauenwerk. Nicht dem Manne nachäffend, in
+Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, sondern
+aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten
+Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen
+so tüchtig wie der Mann, im Ergötzlichen so viel
+reicher und zarter als er. Und nichts mit dem heimlichen
+bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs,
+des kämpferischen Schrankenbruchs. Alles
+frei, naiv, selbstverständlich. Eine Kraft, die geradaus
+geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die nichts
+verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches
+Hinderniß zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung
+im Nebeneinander vom Weiblichen und Männlichen
+gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit.
+Keine hämische Kritik vom Einen zum Andern,
+kein Mißtrauen, keine Bosheit &mdash; daher dieses natürliche
+Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das
+Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt
+und hebt sich Alles in dem gleichen Geiste, wie
+<!-- page 171 -->
+in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu
+Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders
+gesegneten Art sich und die Anderen erquickt.
+</p>
+
+<p>Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule
+ersonnen und ausgeführt. Die Zurichtung des großen
+Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan
+und den größten Theil der Lehre &mdash; Alles dankt man
+ihnen. Die tüchtigsten Maurerinnen und Schreinerinnen
+haben den Bau aufgeführt und die phantasievollsten
+Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit
+Bildern und Zierrath geschmückt. Die Vorhänge
+sind von den geschicktesten Teppichweberinnen gewoben.
+In die Herstellung und Unterhaltung der Parkanlagen
+ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten
+Gärtnerinnen getheilt.
+</p>
+
+<p>Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei,
+dramatische Kunst und Literatur, Natur- und Kulturgeschichte
+werden hier von zahlreichen Lehrkräften, die
+ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen
+Volke in freier Wahl vorgetragen. Und
+keine Wissenspolizei bewacht die einzelnen Lehren. Der
+gesunde Verstand, die emsige Forschung, die praktische
+Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik
+sind ebenso viele und bessere Wächter, als irgend ein
+Einzelner von Amtswegen.
+</p>
+
+<p>In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und
+zürnen zugleich! In Teuta sitzt ein leberkranker Querkopf,
+wie dieser Minus, als &bdquo;Hoheit Oberlehrer&ldquo; im
+&bdquo;obersten Rath&ldquo; und hütet den &bdquo;heiligen Wortschatz&ldquo;
+&mdash; und nie dürfte ein Mann oder gar ein Weib sich
+<!-- page 172 -->
+beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche Ordnung, die
+den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen,
+oder es wartet ihrer der &bdquo;große Fluch&ldquo; der
+Verdammung zu &bdquo;ewiger Verhöhnung&ldquo; beim Zarathustra-Feste!
+</p>
+
+<p>Greges Augen schweiften über die schönen
+Menschengruppen, die den Park und die Halle füllten
+und den Worten der Meisterin Maikka lauschten.
+Maikka stand auf einem erhöhten Platz, vor einem
+großen Tisch. Sie sprach vollkommen frei, ohne Buch
+oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie manchmal
+hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald
+mit eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend,
+den Kopf leis auf die Seite geneigt. Eine Bewegung
+gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka nämlich
+die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte
+und sich damit gegen die Stirn fuhr,
+als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, nehmt einmal
+eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die
+Sache ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus.
+Die ersten Reihen der Zuhörer, auf losen Bänken,
+rückten nahe an die Sprecherin heran, die hinteren
+Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen
+sechseckigen Halle in den Garten, und hier saßen die
+Uebrigen theils auf dem Rasen, theils auf Feldstühlen,
+oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie
+gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf
+und ab, denn die Anlage war so geschickt, daß sich kein
+Wort der Sprecherin verlor. Und wenn zuweilen ein
+Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade
+<!-- page 173 -->
+von der Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene
+Wort um so inniger und ergreifender in
+dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur.
+Mag der Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen,
+mag ein Wolkenschatten über die Köpfe ziehen, was
+macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit
+des Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und
+rauscht der Regen nieder, so rückt man in der Halle
+zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter
+die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag
+abgebrochen und jeder rettet sich wie er mag.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ist&rsquo;s im Winter? fragte Grege, als ihm
+Maikka auf einem Gang über die Felder die schulischen
+Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Winter ist womöglich noch köstlicher als
+Studierzeit. Da beziehen wir in Abtheilungen besondere
+Räume. Jeder Bezirk &mdash; nein, ich habe Dich
+doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung
+in Herz, Magen, Nieren, Mund, Schlund
+&mdash; hast Du Hunger, sprich? &mdash; jeder Bezirk hat seine
+Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter
+wohnen wir Alle, die mit der Schule als Lehrende
+und Lernende zu thun haben, möglichst dicht beisammen.
+Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben.
+Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich.
+Das Hauptgebäude jeder Schulkolonie
+enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den
+Bibliothek- und Lesezimmern u.&nbsp;s.&nbsp;w. auch ausreichende
+Wohnräume für die ständigen Schüler.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auch Werkstätten, Spielräume?
+</p>
+<!-- page 174 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder
+für die Reinigung wie zu lustigen Wasserfesten, während
+draußen die Welt in Eis starrt und kracht, sogar
+Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und
+Lebenskreise, daß ich meinem Kopf ordentlich zureden
+muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung
+zu behalten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur
+Zeit nehmen und Zeit lassen, das ist das ganze Geheimniß,
+um mit Allem fertig zu werden. Das ist für
+uns in Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer
+und zu Allem Zeit. Uns plagt nie das Gefühl, daß
+wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so
+furchtbar lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht
+kurz und zeitbeschränkt oder überladen vor.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon,
+Meisterin, daß ich als beflissener Schüler Alles durcheinander
+frage. Warum sieht man bei Euch all&rsquo; die
+tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden,
+an den Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt
+und Tritt geräuschlos den Verkehr vermitteln und so
+viel Zeit sparen helfen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil
+wir kein Gespensterleben führen mögen, sondern überall
+persönlich dabei sein wollen. Weil tausend Dinge, die
+Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern.
+Und so noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du,
+die Menschheit hat nie weniger Zeit gehabt, also auch
+nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter.
+<!-- page 175 -->
+Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten
+Alles, wußten Alles &mdash; nur Eines nicht, daß
+das wahnsinnige Narrethei und kein Menschenleben ist.
+Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine
+Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter!
+Wir in Nordika haben es auch damals
+nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die weiter
+unten wohnen in der Geographie und sich als die
+Spitzenreiter der Zivilisation bejubelten, bis sie in den
+Graben purzelten, wie blinde Eseltreiber. Nein, wir
+haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles überflüssige
+Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta
+hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen,
+unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren,
+vor den Augen und &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen,
+aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß
+kräftig lachte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege
+nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben.
+</p>
+
+<p>Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen
+Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von
+Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und
+Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht
+noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich.
+Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine
+radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser!
+Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken
+<!-- page 176 -->
+und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein,
+sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und
+ohne Falsch.
+</p>
+
+<p>Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen
+Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt.
+Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen
+sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder
+durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch
+Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung
+belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem
+achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung
+in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe,
+erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor
+seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden
+dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung
+und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen,
+Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu
+unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst
+im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie
+alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten
+bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde
+Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne
+Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens
+zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit
+zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da
+bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu
+künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder
+zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen
+herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege
+zum Beispiel sie schätze?
+</p>
+<!-- page 177 -->
+
+<p>Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte
+hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie
+konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter
+sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende,
+kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie
+ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend
+rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden
+Augen mit den langen, dunklen Wimpern
+und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen
+Brauen &mdash; nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder
+sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend
+hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens
+vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit
+ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus
+ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte
+er ihr unmöglich geben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lach&rsquo; mich nicht aus, Maikka, aber so Ende
+der Zwanzig, nein, wär&rsquo;s möglich?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran
+liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner
+Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt&rsquo;s keine alten
+Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt&rsquo;s. Ich
+bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei
+Jahre.
+</p>
+
+<p>Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, mein Schüler, hör&rsquo; mich ernsthaft zu
+Ende und bleibe bei der Sache, nicht bei der Person.
+Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob männlich
+oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls
+gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen
+<!-- page 178 -->
+Verkehr mit ihnen ihr Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen
+stärken und ihre eigene Lebensanschauung entwickeln.
+Denn eingepaukt wird hier nichts. Vorgeschrieben
+als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in
+Respekt und Heldenverehrung wird nicht gearbeitet.
+Jeder kann seine Muster suchen, wo er will, und sich
+zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube
+mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute,
+mögen sie auch verschiedene Wege einschlagen, immer
+an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines Berges kann von
+verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der
+Weg eines Strebenden muß sich jederzeit individuell
+bestimmen, nach Gemüthsart, Geisteskraft, Charakter.
+Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden
+Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das
+Recht zu erwerben, andere Wege, als den seinigen, als
+falsche zu verketzern. Das ist ja selbstverständlich. Die
+Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen verschiedenartigen
+Ideenkreis.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder
+seinen Ideenkreis in voller Freiheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer
+hinein zu versetzen und dann erst zu beurtheilen, ob
+diese betreffenden Anderen den kürzeren oder den
+weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du,
+das ist wichtig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, sehr.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt
+von rechthaberischem Absprechen, von prahlerischem
+<!-- page 179 -->
+Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle echte
+Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen,
+Maikka! Worauf erstrecken sich die Vorträge in Euren
+Volkshochschulen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und
+Kunst des eigenen Landes, dessen Verfassung und gesetzgeberische
+Entwicklung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem
+heiligen Teuta.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften,
+Geographie, Mathematik, Gesang. Außerdem
+werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, in Haus,
+Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen
+Kursen werden Abends einige Theile des
+Vorgetragenen einer ungezwungenen allgemeinen Besprechung
+unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine
+Sache von mehreren Gesichtspunkten betrachten und
+ihre Gedanken deutlich ausdrücken. Der Unterricht ist
+überall für beide Geschlechter gemeinsam, auf allen Lehrstufen
+und in allen Schulkolonien. So bleibt der
+Geist natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben
+sich nicht gegenseitig. Sie genießen den vollen
+Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um
+die Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen
+Zeiten war, wo einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl
+nur der Hungerlohn zum &bdquo;Existenz-Minimum&ldquo; gehörte.
+Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für Jeden, sie
+sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle
+Pflicht und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner
+<!-- page 180 -->
+Wohlstand, keine blühenden Genossenschaften,
+kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute hier oben
+beten unsere Heimath an!
+</p>
+
+<p>Grege schritt still, gedankenvoll.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja wir verehren unseren Boden, wir haben
+Ehrfurcht vor unserer Natur. Wenn ein Bauer einen
+jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn
+er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder
+das Haupt. Der Landbau ist eine heilige Kunst. Wer
+den Pflug gut zu führen und eine schöne Furche zu
+ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein
+Bild malt oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense
+schwingt und eine Mahd gefällig hinlegt, oder einen
+Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so
+bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der
+Sänger oder wie der Architekt. Die Kunst, das ist die
+Seele des Volks. Und ein Volk kann nie genug Seele
+haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen.
+Siehst Du, Grege, drum freu&rsquo; ich mich allweil so
+unbändig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend
+in sich hinein.
+</p>
+
+<p>Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf
+ihn überstrahlte. Es war wie ein lohender Brand,
+und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der
+Flammenzone.
+</p>
+
+<p>Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete
+die Stelle, wo Jala&rsquo;s Blutstern war. Verblaßt,
+verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in die
+Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken.
+<!-- page 181 -->
+In seiner Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein
+Licht, das im Dunkel seinen Gefühlen leuchtet, damit
+sie nicht in Irrniß gerathen.
+</p>
+
+<p>Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an
+seiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger.
+</p>
+
+<p>Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes
+Angesicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst
+Du &mdash; oder bist Du hungrig?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön
+ist, was ich sehe, wunderschön ist, was ich höre.
+Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie ich Dir genug
+danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.
+</p>
+
+<p>Der Lobspruch klang wohl männlich und echt.
+Und am dankbaren Gemüthe des schönen, stattlichen
+Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie
+hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft
+und Ueberschwang der Empfindung. Freilich, wo soll
+das herkommen, wenn man aus dem vertrackten Teuta
+stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er
+denn das schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?
+</p>
+
+<p>Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender
+Abgeschlossenheit. Hohe, breitwipfelige Bäume drängten
+sich zu beiden Seiten des Weges und überschatteten
+ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine
+nackten Glieder laufen fühlte. War&rsquo;s wirklich nur die
+Schattenkühle, was ihn erschauern machte?
+</p>
+
+<p>In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die
+<!-- page 182 -->
+Meierei da oben! dachte Maikka und beschleunigte die
+Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine und
+Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen
+körperlich wenig geübten Teutamann erstaunlich muskulös
+waren. Gute Rasse verrieth sein Leib in jedem
+Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im
+Wuchs konnte er neben dem gelungensten Nordikamenschen
+mit Ehren bestehen. Er war ein edler Recke
+in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich
+sprossende Blondbart stand ihm ausgezeichnet.
+Maikka hatte mit ihrem Gast keinen schlechten Fund
+gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen;
+denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend
+und reckend, um das Frostgefühl nicht merken zu lassen,
+bot er wirklich das Bild eines Helden aus der Wiege
+des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht
+verhehlen, daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm
+in das romantische Traumland der skandinavischen
+Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und
+Heldin in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit
+ihm zu ringen und &mdash; sich von ihm überwältigen zu
+lassen. Jawohl, auch dies &mdash; vollkommen überwältigen.
+Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von
+Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut
+dampfend aus den Poren spritzte.
+</p>
+
+<p>Grege eilte, eilte &mdash;
+</p>
+
+<p>Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen,
+riß den Mund auf, daß ihr Gebiß schimmerte, wie
+eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm mit
+bebenden Nüstern zu: &mdash; Halt! Gelehriger Schüler!
+<!-- page 183 -->
+Weißt Du, wo Du wandelst? Weißt Du, wie ich Dich
+sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, in Brünne,
+Bärenfell und Flügelhelm! Du &mdash; Dich!
+</p>
+
+<p>Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert.
+Als gälte es, sich zu plötzlichem Kampfe zu rüsten,
+mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, zehn
+Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige
+Hüfte, stemmte einen Fuß vor den andern,
+hoch hob er den Kopf auf dem starken Nacken: &mdash;
+Halloh, Maikka!
+</p>
+
+<p>Sie streckte den linken Arm und wies durch die
+dunklen Stämme in die Lichtung gen Westen, wo das
+ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den
+Fjorden lag:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende
+nordische Aar sieghaft über die Welt, über
+Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die abgelebten
+Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis
+in die vermorschten Knochen, bis in&rsquo;s Mark! Wiking,
+halloh, auf&rsquo;s Drachenschiff! Wiking, los!
+</p>
+
+<p>Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen
+Lachen.
+</p>
+
+<p>Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den
+Fels umklammern, und die ohne Schwanken im Sturmestoben
+den Blitz erwartet.
+</p>
+<!-- page 184 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-15"><span class="hidden">Kapitel 15</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge
+Feuerpfeile durch die dunklen Stämme schoß, fanden sich
+Grege und Maikka wieder an der nämlichen Stelle ein,
+um ihre Wanderung fortzusetzen.
+</p>
+
+<p>Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht
+seines Lebens zu Ende zu erstatten. Was er ihr
+gestern Abend erzählte, auch von Jala &mdash; daß sie
+blind geworden, verschwieg er ihr &mdash; schien wenig Eindruck
+auf sie zu machen. Sie verlangte auch nicht
+Weiteres zu hören.
+</p>
+
+<p>Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.
+</p>
+
+<p>Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein
+spöttisch-mitleidiges Lächeln.
+</p>
+
+<p>Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem
+gefangenen Friska-Fürsten fand sie geschmacklos. Alles
+Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht
+auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung
+nur die Bemerkung hin: &mdash; Was liegt an
+Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und Nachkommen
+habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran
+liegt etwas. Vielleicht liegt auch an den Nachkommen
+nichts, wer weiß!
+</p>
+
+<p>Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte
+<!-- page 185 -->
+ihr barok, um kein verletzenderes Eigenschaftswort zu
+gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich vor, hinsichtlich
+Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine
+geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er
+gab seine Urtheile mit einem Wortprunk, der ihr als
+afterpoetisch und unwissenschaftlich zuwider war.
+</p>
+
+<p>Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne
+nahm sie mit ironischem Kopfnicken auf: &mdash; Du willst
+auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein?
+Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen?
+Welchen Inhalt soll Deine Kraft, Deine Jugend auf
+der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein Inhalt?
+</p>
+
+<p>Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.
+</p>
+
+<p>Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie
+standen, wo sie gestern gestanden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.
+</p>
+
+<p>Grege schüttelte unmuthig den Kopf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du sehnst Dich von hier fort?
+</p>
+
+<p>Er schwieg.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches
+Gestade. Zu den Angelos kannst Du jedoch noch in
+dieser Woche gelangen.
+</p>
+
+<p>Grege wehrte heftig ab.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nächst Nordika ist Angela das einzige Land,
+das ich Dir empfehlen möchte. Du könntest dort viel
+lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif dafür.
+Willst Du nach Teuta zurück?
+</p>
+
+<p>Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen
+seltsam entschlossenen Ausdruck an: &mdash; Noch nicht.
+Noch lange nicht, Maikka.
+</p>
+<!-- page 186 -->
+
+<p>Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen
+aussprach, wie eine Liebkosung. Aber sie wollte jetzt
+keine Liebkosung aus seinem Munde.
+</p>
+
+<p>Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland
+führte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier
+bebaut. Solche Blumen, Kräuter und Früchte sieht
+man selten.
+</p>
+
+<p>Grege bejahte stumm.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vor hundert Jahren war&rsquo;s nicht so. Der
+Boden ist trächtiger geworden. Vielleicht das Klima
+sogar milder.
+</p>
+
+<p>Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich
+unter der Last der Früchte bogen. Quitten hingen
+über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke abgrenzte.
+Von einem Spalier lachten Pfirsiche und
+Pflaumen aus dem Laub. Dann kamen zwischen den
+Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und Flammenblumen.
+Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen
+Farben über den Zaun.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr habt wohl große Freude an den Blumen,
+in Nordika?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und Ihr eßt von Allem?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta
+schmeckt ja nur das Chemische, das künstliche Präparat,
+nicht das natürlich Gewachsene, nicht wahr?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In Teuta! Geh&rsquo; mir mit Teuta, Maikka.
+Ich bin doch nicht Teuta?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.
+</p>
+<!-- page 187 -->
+
+<p>Sie schöpfte tief Athem.
+</p>
+
+<p>Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu
+brechen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen.
+Sag&rsquo; mir lieber: Was haben Deine Teutaleute eigentlich?
+Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths,
+meine ich.
+</p>
+
+<p>Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses
+ewige Examiniren!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten?
+Vielleicht etwas mehr Humor, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden
+kaum.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nenn&rsquo; ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für
+Ulk. Du kannst davon singen und sagen. Dein Hinweis
+gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im
+Teutareich als &mdash; Ulkist! Zarathustraismus &mdash;
+Ulkismus!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maikka, es ist wirklich schade um die duftige
+Sonnenluft, daß wir sie mit solchen Gesprächen erfüllen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die
+ist reich und kann etwas abgeben. Oder ziehst Du
+vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht.
+Euer Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da
+fliegt das Wort. Fang&rsquo;s! Und gleich noch eins, dann
+ist&rsquo;s ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist
+ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist
+ein Komödiant und zwar kein guter.
+</p>
+
+<p>Grege fuhr auf: &mdash; Respekt!
+</p>
+<!-- page 188 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient.
+Das ist eins unserer Staatsgrundgesetze.
+</p>
+
+<p>Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer
+verbitterter, dann herrischer, hochfahrender; sie immer
+schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie einen
+stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null,
+dann gab&rsquo;s einen Zehner.
+</p>
+
+<p>Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken
+schien.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel
+zu nehmen, Grege. Gesetzt, Deine Vorfahren waren
+Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche Fürsten,
+wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren &mdash;
+ich will einmal ein historischer Stegreifrechner sein,
+nach Teuta-Art, mit weitem Spielraum und elastischer
+Grenze &mdash; also wie sie damals an den Kanten des
+großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten,
+um kein anderes botanisches Wort zu wählen. Diese
+Deine Vorfahren machten einen Hof und hielten sich
+neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur Hofkomödianten
+waren, noch besondere Hofschauspieler. O,
+Deine Vorfahren, die Fürsten, zeichneten sie nicht
+wenig aus, ihre berufsmäßigen Hofschauspieler. Sie
+machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige
+Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren
+Frauen, oder traten persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe
+als Leiter, als Führer, und machten
+mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten
+sich als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere
+Weise nicht mehr zu gewinnen war. Glaubst Du, daß
+<!-- page 189 -->
+ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika,
+wo man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du,
+daß es in jenen Zeiten am Ende nicht besser gewesen,
+die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm begnügt
+und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und
+nun, Grege, hör&rsquo; mich ohne Zorn an: Achtest Du&rsquo;s
+für ausgeschlossen, daß Du der Abkömmling &mdash; eines
+Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein
+könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst,
+auf die doppelte Erbschaft zu pochen? Ist das nicht
+verständig geredet, Grege? Hättest Du Grund in dem
+kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als
+Schmach zu empfinden, da er doch in jenem großen
+Reich von damals als unbezweifelte Ehre galt? Man
+muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.
+</p>
+
+<p>Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und
+streifte mit der Nase schnuppernd an einer hochstengeligen
+Tulpe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Duftlos, lächelte er.
+</p>
+
+<p>Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine
+Bemerkung einging: &mdash; Vorsichtiger ausgedrückt, Deine
+Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir künftig
+beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt&rsquo;s
+ja nichts, aber unserer Nase und was als
+empfindlicher Mensch noch dranhängt, kann&rsquo;s zu statten
+kommen.
+</p>
+
+<p>Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene
+sanfte Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege
+im Weitergehen fort: &mdash; Ich möchte wissen, Maikka,
+giebt&rsquo;s auch Blödsinnige in Nordika?
+</p>
+<!-- page 190 -->
+
+<p>Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog
+sie einen Augenblick. Dann betrachtete sie forschend
+Grege&rsquo;s Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie
+der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur
+wenige.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Taubstumme?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich vermuthe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Blinde?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wo sind diese Bedauernswerthen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In einer besonderen Anstalt. Draußen, in
+der Nähe des großen Fjords.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich
+hatte einen erblindeten Freund draußen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, einen erblindeten Freund! Der Arme!
+Ist er nimmer sehend geworden?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht
+wieder erhalten, zum Theil wenigstens.
+</p>
+
+<p>Eine große Bewegung erfaßte Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar.
+Der glückliche Unglückliche, nein, nein, wahrhaftig, er
+wurde wieder sehend?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt
+hörte.
+</p>
+<!-- page 191 -->
+
+<p>Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der
+Ahnung einer gleichen seligen Möglichkeit für seine
+Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen und zu
+weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte
+die Wallung tapfer nieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und die näheren Umstände seiner Genesung?
+Maikka, sag&rsquo; doch!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt
+und siedelte in einer fernen Gegend sich an, mit andern
+Freunden. Und so verloren wir uns aus den
+Augen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sonderbar, sonderbar.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder
+aus den Augen verliert, Grege? Dies findest Du
+sonderbar?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du
+mir die Anstalt draußen am großen Fjord einmal
+zeigen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In
+kommender Woche.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine
+mit den Fjords und so, ist wohl schwer?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, Du kannst leicht allein hinauskommen.
+Bist Du sehr ungeduldig?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber
+warum soll ich Dir immer zur Last fallen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil,
+Grege. Und da sich nun einmal Alles so gefügt hat,
+möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist fremd,
+ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom
+<!-- page 192 -->
+Besuch in der Anstalt, möchte ich dabei sein, wenn
+Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum
+ersten Mal siehst. O, mach&rsquo; Dich auf ein ungeheures
+Schauspiel gefaßt, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend
+heiß. Er riß sein Wams auf, daß die Luft
+über seine nackte Brust strich.
+</p>
+
+<p>Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht
+von der Seite, im Gehen, und drückte sie innig.
+</p>
+
+<p>Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand
+mit der ihrigen fest.
+</p>
+
+<p>So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in
+heißen Gedanken.
+</p>
+
+<p>Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu
+Herz in Seligkeit. Und jedes hatte einen anderen
+Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch
+nur eine einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch
+in verschiedener Mischung und Färbung.
+</p>
+
+<p>Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die
+sonnenverschleierte Ferne, er wendete den Kopf ein
+wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah gierig
+an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom
+Haar beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher
+Bewunderung: &mdash; Er ist schön, glühend schön,
+mein Grege &mdash; und ihre schwellenden Lippen feuchteten
+sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf
+sie gefallen.
+</p>
+
+<p>Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.
+</p>
+
+<p>Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem
+<!-- page 193 -->
+Satz &mdash; hopp! über ihre verschlungenen Hände hinüber
+und davon, feldeinwärts, mit Gebell.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wem gehört das streunende Thier eigentlich,
+Maikka?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der
+es am meisten lieb hat. Und das wechselt. Neulich
+wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite.
+Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen,
+weißt Du.
+</p>
+
+<p>Grege&rsquo;s Gedanken waren schon wieder auf anderer
+Fährte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in
+die Anstalt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir kutschiren, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ist das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen
+und spannen ein Pferd vor, ein recht flinkes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal
+schöner, als das träge Hinausgleiten mit der
+Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander
+sind? Ich bitte Dich! Gefährlich, was heißt
+gefährlich? Das ist schließlich Alles .&nbsp;.&nbsp;. für den
+Aengstlichen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber anstrengend muß das Kutschiren sein,
+nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie
+<!-- page 194 -->
+Du sagst, daß es anstrengend ist. Sieh&rsquo; mal hinüber,
+dort hinter der Allee rutscht die Elektrische dahin,
+und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern
+und wählen uns Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren!
+Das wirkt stärkend auf Geist und Gemüth,
+das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die
+Nerven. Du wirst hüpfen vor Freude, glaub&rsquo; mir,
+Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika.
+Diese Art der Weiterbeförderung bin ich gar nicht
+gewohnt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte
+das Belebende? Fühlst Du das nicht? Frag&rsquo;
+einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am
+Marschiren? Sind sie nicht vergnügt, daß sie sich
+an Allem kräftig betheiligen dürfen, was wir unternehmen?
+</p>
+
+<p>Grege lachte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Frag&rsquo; sie doch, Du eigensinniger Mensch!
+Und Maikka lachte mit.
+</p>
+
+<p>Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende
+Menschen auf. Von einem eingefriedigten Weideplatz
+schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte Sensen
+dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.
+</p>
+
+<p>Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte
+einen, der, ganz mit jungen Birken umbuscht, gar still
+und heimlich war.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie sind müde und hungern nach Ruhe.
+</p>
+<!-- page 195 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt
+ihr gefüttert werden. Die armen hungrigen Beine.
+Wartet, ich weiß ein Mittel.
+</p>
+
+<p>Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete
+ihm die Waden, eine nach der andern, mit beiden
+Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, Drücken,
+Klopfen, dann preßte sie ein Knie um&rsquo;s andere und
+schlug lachend mit der Handschneide in die Kniekehle,
+daß Grege einknickte.
+</p>
+
+<p>Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hör&rsquo; auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich
+schmerzt&rsquo;s.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nachher wird&rsquo;s Dir wohl thun. Gieb mir
+die Hände, heb&rsquo; mich auf. Und nun vorwärts!
+</p>
+
+<p>Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen
+Leib flog und einen Augenblick an seiner Brust lag.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maikka, was müssen die Leute denken!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend
+voraus: &mdash; Hier giebt&rsquo;s übrigens gar keine Leute.
+Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.
+</p>
+
+<p>Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden
+Waden rieb, duckte sich Maikka auf den Boden
+und machte sich klein, ganz klein, zu einem Häufchen.
+</p>
+
+<p>Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: &mdash;
+Allahopp, Fox, über mich hinüber! Eins, zwei &mdash; drei!
+</p>
+
+<p>Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres
+Auges, ihrer Stimme und Stellung war so groß, daß
+Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde
+Weib hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig
+ihre elektrischen Haare.
+</p>
+<!-- page 196 -->
+
+<p>Sie sprang auf, klatschte in die Hände: &mdash; Himmlisch!
+Aber jetzt müssen wir ernsthafte Leute sein und
+wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist das vernünftig geredet?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Enorm, wenn Du ja sagst.
+</p>
+
+<p>Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein
+rothes Kätzchen über den Weg, eine piepsende Maus
+im Mäulchen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der
+Arbeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien
+todt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie verdient&rsquo;s nicht besser. Ich habe Freistunde.
+Und Du lernst doch was unterwegs, Du
+dummer Mensch, nicht? Mach&rsquo; die Augen auf, jetzt
+wird&rsquo;s interessant.
+</p>
+
+<p>Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm
+am Nacken hinauf und packte seinen Kopf und drückte
+ihn nach links.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was ist das dort, Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Haus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat
+das Haus?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Dach, Fenster, eine Thür.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten
+wir ein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt
+ist er schon über seinen Meister und korrigirt ihn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.
+</p>
+<!-- page 197 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin
+bin, also ein Weib? Bin ich denn ein Weib? Was
+weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein
+Mann sein! Bist Du ein Mann? Dann müßtest
+Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja
+nicht. Also!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist
+ein logischer Schluß, Du verzauberter Prinz aus
+Märchenland.
+</p>
+
+<p>Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte
+ihn mit einem Druck, ihrer Schulter links vom
+Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken,
+der gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich
+vor Grege still und hauchte in fieberhafter Erregung,
+athemlos: &mdash; Gieb mir einen Kuß. Ich verdurste.
+</p>
+
+<p>Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf
+die Stirn.
+</p>
+
+<p>Sie aber schlang sich an seinem Körper in die
+Höhe, suchte seinen Mund mit ihren Lippen und saugte
+sich daran fest.
+</p>
+
+<p>In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er
+preßte Maikka, daß sie aufschrie und zu Boden fiel,
+wie er plötzlich die Arme öffnete.
+</p>
+
+<p>Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an
+seinen Händen, an der Stelle von Jalas Stern.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist eine Wilde, knirschte er.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden.
+Ich fürchte, Du hast mir weh gethan.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer wohnt in dem Hause?
+</p>
+<!-- page 198 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter.
+Willst Du sie kennen lernen? Dann komm! Heb&rsquo;
+mich auf, ich bitte Dich.
+</p>
+
+<p>Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie
+ein Kind, festen Schritts durch die Laube über die
+Schwelle. Da stellte er sie nieder.
+</p>
+
+<p>Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung.
+Die Stube ganz einfach, sauber und behaglich,
+wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster
+ein Blick wie ins Paradies. An den Wänden ein
+paar seltsame alte Bilder und Uhren, auf dem Sims
+altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße.
+Ueber einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl
+ragte das Bild einer gravitätischen alten Dame, mit
+einer wunderbaren großen Haube von blendendem Weiß.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir
+gemalt. Gefällt es Dir? Ich werde Dich auch malen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber nicht so.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst
+einen Flügelhelm. Nun setz&rsquo; Dich in den Großvaterstuhl
+und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?
+</p>
+
+<p>Er bejahte und verneinte zugleich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie
+mit stechend glänzenden Augen, die immer größer zu
+werden schienen, als wollten sie ihn verschlingen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.
+</p>
+
+<p>Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte
+förmlich in ihn hinein und küßte ihn, als wollte sie
+ihm die Seele aus dem Leibe küssen.
+</p>
+
+<p>Und Grege ließ sie gewähren.
+</p>
+<!-- page 199 -->
+
+<p>Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege
+jetzt Niemand auf der Welt.
+</p>
+
+<p>Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen,
+der vom Garten durch Thür und Fenster fluthete, schien
+wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da zu
+sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen
+umhüllte der Athem der tausend Blumen das
+einzige Menschenpaar, daß es aus seliger Betäubung
+kaum mehr erwachte.
+</p>
+
+<p>Als das Irdische wieder sein Recht forderte und
+die Seligen aus dem Himmel wieder zurück auf die
+Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch
+den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der
+Stube.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg
+ist zu dieser Zeit nie daheim, wenn sie wohl ist. Und
+die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich die Wirthin
+machen.
+</p>
+
+<p>Maikka verließ die Stube und kam mit einem
+Krug Milch und einem großen Pfefferkuchen zurück.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hier, Grege, lass&rsquo; Dich erquicken. Ich bin
+schon lange nicht mehr so glücklich gewesen. Und Du?
+</p>
+
+<p>Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann
+nahm er aus Maikkas Händen den Krug und that
+einen tiefen Zug.
+</p>
+<!-- page 200 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-16"><span class="hidden">Kapitel 16</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden.
+Das Wetter verbot jeden größeren Ausflug. Seit einer
+Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme, die
+kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in
+überschäumender elementarer Gewalt.
+</p>
+
+<p>Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas
+Bibliothek zubrachte, einmal systematischen Studien in
+der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm nicht gelingen.
+Die Sammlung fehlte, die Konzentration der
+Gedanken, die allein zu einem eindringenden Verständniß
+den Weg bahnen kann und mit dem Verständniß
+die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege
+erhält. Grege fluchte oft auf Teuta, das in seinem
+versteinerten Bildungswesen aller wirksamen Mittel
+sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre
+wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele
+unschätzbar werthvolle Jugendjahre mußte er daheim
+vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken, das
+der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber
+von Staatswegen als alleinwissenswürdig verordnet.
+Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über die Geistesnacht,
+die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim
+fühlte er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde,
+<!-- page 201 -->
+sich nur unbefriedigt von dem gelehrten Quark, der
+sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und wüst
+blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und
+sich nie in gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte.
+Doch über die Ahnung, daß das nicht das
+Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres, Fröhlicheres
+geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen.
+Jede Sehnsucht nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß
+wurde dem jungen Volke mit der pfiffigen
+Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das
+Neue ist das Gefährliche, wir sind mit dem Alten das
+erste Bildungsreich der Welt geworden, also haltet Euch
+an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der überlieferten
+Kulturideale und Kulturschätze schon noch an
+Euch verspüren, auch wenn sich Euer unreifes Gefühl
+jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf denselben Wegen
+vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen
+sind, alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung,
+Zucht und Sitte, für den Bestand des Staates, der
+für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein muß
+auf der Welt. So will&rsquo;s unsere Weisheit, denn sie
+ist auf die tiefste Einsicht in die Naturnothwendigkeit
+aller Dinge gegründet. Will das Ei klüger sein als
+Henne und Hahn?
+</p>
+
+<p>Gluckgluckgluck, zippzippzipp &mdash;
+</p>
+
+<p>Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig
+auf, wenn er an die anmaßliche Frechheit und lebensmörderische
+Aufschneiderei seiner Teuta-Autoritäten gedachte.
+Na, auch diese Ilios wird stürzen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka,
+<!-- page 202 -->
+die in der Nähe saß und emsig ihren nächsten Vortrag
+vorbereitete.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten,
+verödeten Kopf hättest, Du würdest noch Anderes
+thun.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder
+herzurichten und urbar zu machen suchen. Ich würde
+die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in
+Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch
+so jung, Grege! Du wirst Deine Welt noch erobern,
+glaube mir!
+</p>
+
+<p>Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich
+hatte wenigstens, so leib- und geistesmächtig, so willensstark,
+so unerschütterlich selbstständig. In ihrer unmittelbaren
+Atmosphäre da lebte und brodelte Alles,
+und war doch voll reifer Klarheit und lachendem
+Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war ihr zugleich
+Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da
+quoll Alles brunnentief und vollkommen frisch und
+unmittelbar, gesund und natürlich aus einem innerlichen
+Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt.
+</p>
+
+<p>Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft
+berührt wird, der kommt nimmer los.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nimmer los? rief&rsquo;s wie ein fernes, müdes
+Echo in seiner Brust.
+</p>
+
+<p>Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres
+Blutes genossen hat, dem wallt das eigene Blut in
+seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es
+ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern,
+und kann doch sich nicht aufschwingen und in seiner
+<!-- page 203 -->
+eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er mag.
+Sie befreit und lähmt zugleich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das
+Echo, noch ferner und müder.
+</p>
+
+<p>Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er
+abgewandt saß, glaubte er doch zugleich ihre Blicke
+in seinem Auge und Gehirn zu spüren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was sagtest Du, Meisterin?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das
+Wissen ist wie das unendliche Meer. Nur ein träumendes
+Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen
+Hand ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer
+einmal von diesem Wasser getrunken, den wird ewig
+dürsten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und was arbeitest Du jetzt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du
+schon von der Gesteinsbildung durch Pflanzen gehört?
+</p>
+
+<p>Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er
+erinnerte sich nicht, davon gehört oder darüber nachgedacht
+zu haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden
+Betheiligung an ihr durch die Thierwelt
+wirst Du gehört haben? Auch davon nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist das etwas Mechanisches? Etwas was
+unser Teuta-Oberphysikus nachtüpfeln könnte?
+</p>
+
+<p>Maikka lachte kurz und schrieb weiter.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Liebe Meisterin, wenn&rsquo;s nichts Mechanisches
+ist, kannst es nicht von mir verlangen. In Teuta lehrt
+man nur das Mechanische.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unsinn. Du bist jetzt in Nordika.
+</p>
+<!-- page 204 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut. Also wie ist&rsquo;s damit? Mit der Gesteinsbildung
+durch Thiere zunächst!
+</p>
+
+<p>Maikka legte den Stift in das Buch und streckte
+die Arme aus, die ihr ein wenig steif geworden waren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie
+zum Beispiel die ragenden Kreidefelsen an der Küste
+der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen
+oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken,
+da ich das Alles noch niemals gesehen habe, niemals
+dort gewesen bin?
+</p>
+
+<p>Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb
+mitleidig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du
+denn wenigstens nicht Abbildungen davon gesehen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gestatte, daß ich verneine.
+</p>
+
+<p>Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus
+einem Schrank einen riesigen Folianten und legte ihn
+vor Grege auf die Tafel.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Such&rsquo; Dir selbst das Nöthige auf, ich habe
+jetzt wenig Zeit. Den ursprünglichen Baustoff zu den
+Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde Seethiere
+geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von
+Korallenthieren gebaut, und die Küsten der Angelos
+bestehen zum größten Theil aus den Kalkgehäusen der
+mikroskopischen Foraminiferen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Foramif &mdash; &mdash;?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen
+Auge nicht wahrzunehmen sind.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht,
+<!-- page 205 -->
+ob ich mir diesen werthen Namen der unsichtbaren
+Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken können.
+Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt.
+Ich glaube Dir auf&rsquo;s Wort. Wie ist&rsquo;s nun mit den
+Pflanzen?
+</p>
+
+<p>Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen
+ausführend, zwischen den Büchergestellen hin und her.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der
+Erde wacker mit gearbeitet, wird Dir einleuchten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den
+armen kleinen Thieren diese Arbeit nicht allein aufhalsen.
+Weiter im Text, Meisterin!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du weißt doch Etwas von den Bergwerken?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen
+unter der Erde in den Riesenräumen der
+ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und
+zu einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen,
+welche die alten Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet.
+Das waren die unsichtbaren Bauthiere
+unseres Landes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den
+Schuttbergen ausgefüllt, das wäre für euch Teutamenschen
+heilvoller gewesen. Solchen feigen Erdschlupfern
+muß man den Boden zuschütten, damit sie
+zu ihrer besseren Natur gezwungen werden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber
+es war nun einmal das Schicksal des allzeit tiefsinnigen
+Teutavolks, in der Noth der Zeiten &mdash; vergiß das
+nicht! &mdash; sich in die Tiefen der Erde zu flüchten.
+Später, wie&rsquo;s immer geschieht, bleibt man im schützenden,
+<!-- page 206 -->
+warmen Loch hocken und macht sich aus der Noth
+eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit.
+Fatal, aber unvermeidlich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir
+ein Fragezeichen zu setzen. Bei einiger Ueberlegung
+und Energie hätte der Schlupfwinkel in der Noth
+nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit
+bleiben müssen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit,
+Maikka!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden.
+Der neue Geist baut sich einen neuen Körper
+und schafft sich neue Wohnstätten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir hatten eben keinen neuen Geist.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder.
+Es ist komisch, wir können keine zehn Worte wissenschaftlich
+miteinander reden, geht der Zank los. Ach,
+Maikka &mdash;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft,
+sondern opponiren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen
+fort, ich werde Dir nicht einmal opponiren. Ich sitze
+still und spitze die Ohren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das sollst Du auch nicht, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer
+Verzweiflung und sprang von seinem Sitz.
+</p>
+
+<p>Maikka schob seinen Arm in den ihrigen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht
+und hört sich&rsquo;s gemüthlicher.
+</p>
+<!-- page 207 -->
+
+<p>Und nun schritten sie selbander den Saal ab,
+Arm in Arm, Meisterin und Schüler. Und um größere
+Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen
+zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen
+übte die kluge Meisterin laut dozirend ihren nächsten
+Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß, im
+Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer
+Fühlung zu haben. Draußen klatschte der Regen unablässig
+und erkältend an die Scheiben, so daß sie sich
+innen mit feuchtem Hauch überzogen.
+</p>
+
+<p>Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort
+dazwischen, dann drückte die Sprecherin seinen Arm
+mit besonderer Innigkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Algen? Großartig!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in
+dieser Weise bei der Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern
+thätig gewesen sind. Sie sind Gesteinsbildner
+ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher
+geschwankt, ob sie die Algen zu den Thieren oder zu
+den Pflanzen stellen sollen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Naturforscher! lächelte Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie leben im Meere .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Naturforscher?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Algen leben im Meere, besonders auf den
+Korallenriffen und gleichen äußerlich Polypen-Stöcken,
+da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht bedeckt ist
+und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den
+ältesten Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten
+Jahrhunderts noch, Nulliporen genannt, haben in
+früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige
+<!-- page 208 -->
+Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch
+hat man bei Ausgrabungen in den Ruinen von Paris
+ungeheure Massen von Baustein gefunden, der aus
+Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in
+den Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand,
+die aus den Gerüsten von Kalkalgen gewachsen sind.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege
+dazwischen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere
+Ausgraber, namentlich amerikanische Archäologen, versicherten,
+die Arbeit lohne zu wenig, da man bislang
+noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine
+andere Gruppe von Algen bilden die Erbauer des
+Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die ungeheuren
+Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch
+des päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die
+Ausgrabungen nicht wieder aufgenommen worden, seit
+die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild IX.
+Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus
+nach Amerika gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste
+in Konstantinopel und Sevilla haben damals,
+ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen
+Staub von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre
+Statthalterei über den Ozean getragen, nach Südamerika
+und Australien.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege
+still für sich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die großartigsten Bildungen dieser Algenart,
+aus der Gruppe der .&nbsp;.&nbsp;. der .&nbsp;.&nbsp;. Schizophyceen, finden
+sich in Amerika. Unter den heißen Quellen des Yellowstone-Parks
+<!-- page 209 -->
+haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen
+abgesetzt, die eine Ausdehnung von über
+zwei Quadratmeilen und eine Höhe von einigen tausend
+Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren
+Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe,
+grüne und braune Streifen und Flecken in Menge ab
+und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es
+sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je
+nach der Temperatur des Wassers bald diese, bald jene
+Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad nur weiße
+Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel
+bedeckt sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen
+sich grüne Farben ein, bei noch geringerer Wärme
+kommen die rothen und orangefarbigen und in den
+kühlsten Becken sind sie olivenbraun.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege
+und blickte schwärmerisch auf die gelehrte Meisterin, die
+unermüdlich weiter dozirte.
+</p>
+
+<p>Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei
+der Sinterbildung, auf die kieselschaaligen, mikroskopischen
+Bazillarien, auf die Infusorienerde und vieles
+Andere zu sprechen.
+</p>
+
+<p>Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor
+ihr ermüdet und vermochte ihren Ausführungen nicht
+mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte, ihr
+seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch
+nur das Alles im Kopf behalten und so anschaulich
+wiedergeben könne!
+</p>
+
+<p>Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes
+hören, etwas Ungelehrtes, Unwissenschaftliches, gestand
+<!-- page 210 -->
+er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches, sonst
+halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich
+in seinem Kopf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und
+ich büffle mit Vergnügen noch eine halbe Stunde an
+der Ausarbeitung meines Vortrages.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja Du, ein Weib!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung
+haben.
+</p>
+
+<p>Grege spitzte schon den Mund und warf sich in
+Positur.
+</p>
+
+<p>Aber er hatte sich diesmal verrechnet.
+</p>
+
+<p>Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre
+bibliographischen Raritäten und Kostbarkeiten enthielt.
+</p>
+
+<p>Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei.
+</p>
+
+<p>Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus,
+besah es nachdenklich.
+</p>
+
+<p>Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das
+Gesicht geschlagen, vor sich das weite, stille Meer.
+Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel
+und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen
+mit dem Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel.
+Als Schlußruf: Was gehen wir uns an, was
+haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte
+jetzt nicht an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge
+es nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt
+Maikka, die ihm über die Schulter sah.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten
+Jahrhundert. Seine wohlgezählten elf Jahrhunderte
+<!-- page 211 -->
+alt und so frisch und schön in seiner Empfindung,
+wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll
+wie ein Märchenschatz Indiens: &bdquo;An die Schönheit&ldquo;.
+Und Dir viel zu ernst? Gut, ich weiß Dir Passenderes.
+</p>
+
+<p>Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen
+Raritäten und Kostbarkeiten enthielt.
+</p>
+
+<p>Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in
+Leder gebunden, arg von der Zeit mitgenommen, und
+schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch voll
+schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte
+die Hände wie die alten Gläubigen zum Gebet!
+</p>
+
+<p>Es war der letzte Band der &bdquo;Fliegenden Blätter&ldquo;
+aus dem Jahre 2001, Jubiläumsausgabe, das Einzige,
+was von deutschen Zeitschriften für die Nachwelt übrig
+geblieben.
+</p>
+
+<p>An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung,
+daß der Aelteste des Bezirks bereit sei, Grege zu
+empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte.
+</p>
+
+<p>Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter
+dem Rücken Greges die Sache eingefädelt.
+</p>
+
+<p>Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem
+Rücken Maikkas um den Empfang nachgesucht.
+</p>
+
+<p>So hatten beide Theile einen vergnügten Tag.
+</p>
+<!-- page 212 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-17"><span class="hidden">Kapitel 17</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen
+Mantel und einen breitkrämpigen, weichen, braunen
+Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen vielleicht
+Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar
+bequeme Schuhe und nahm ihm die Sandalen ab.
+</p>
+
+<p>Grege machte sich auf den Weg. Der Regen
+hatte nachgelassen. Die Luft war angenehm, aber für
+Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im
+geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog
+sich den Mantel dicht um den Leib, hüllte auch die
+Arme darein.
+</p>
+
+<p>Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe
+und blickte Grege nach.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer,
+dabei doch männlicher geworden. Seit er von
+Freyas Aepfeln genossen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre
+Arbeit, nachdem sie die kostbaren Werke von Greges
+Tisch genommen und sorglich in den Schrank geschlossen.
+</p>
+
+<p>Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende
+Himmel hellte auch die Scheiben auf, deren
+Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte.
+</p>
+<!-- page 213 -->
+
+<p>Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen
+Büchergestellen und Schränken, Tischen und Pulten
+gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung,
+wie von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war
+wie ein erleichtertes Aufathmen nach dem Druck der
+trüben Elemente, die während des langen Regnens auf
+der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in
+diese lichte Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen.
+</p>
+
+<p>Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb
+sich die Hände. Sie war sehr zufrieden. Die Arbeit
+schmeckte ihr vortrefflich.
+</p>
+
+<p>Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er
+an Großmutter Ingeborgs Gartenhaus vorüber, das
+nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag. Heller,
+etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus.
+Großmutter Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das
+Herz ist ihr voll und sie strömt den Ueberfluß in
+Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege
+lächelte und schickte ihm einen eiligen Gruß hinein.
+Grege grüßt das Glück. Wie das klingt, und wie ist
+es wahr!
+</p>
+
+<p>Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte
+seine Brust und beflügelte seine Schritte. Wie reich
+und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie
+licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd,
+unbefangen. Von einem Altan sieht ein Mann
+herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein
+<!-- page 214 -->
+Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt
+auf dem Zaun und dreht den Kopf so, daß ihm die
+plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den rothen
+Kamm scheint.
+</p>
+
+<p>Dort ist das Rathhaus.
+</p>
+
+<p>Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur
+reicher bemalt in Braun und Grün, und mit Sinnbildern
+und Schildereien auf den weißen Wandflächen
+zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere
+Stock ist Steinbau.
+</p>
+
+<p>Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe
+hinauf. Er schlägt den Mantel auseinander und nimmt
+den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm geworden.
+Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen
+abgehalten werden. Keinerlei Einrichtungsgegenstände.
+Nur umlaufende Bänke an den Wänden,
+diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt.
+</p>
+
+<p>Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu,
+an dessen Ende eine Thür einladend offen steht.
+</p>
+
+<p>Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine
+wirkliche &bdquo;Hoheit&ldquo; (o Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann.
+Er ist wohl achtzig- oder neunzigjährig,
+seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer,
+mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes,
+lockiges Haar wallt auf seine Schultern. Grege erinnerte
+sich nicht, je in ein würdevolleres und zugleich
+freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu
+haben. Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von
+lebendiger Färbung, aus seinen blaugrauen Augen, von
+mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet Männlichkeit
+<!-- page 215 -->
+und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer
+Herr. Klarheit und Entschiedenheit thronen auf seiner
+Stirn.
+</p>
+
+<p>Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und
+ladet ihn zum Nähertreten ein.
+</p>
+
+<p>Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen
+Gemach auf Lederpolsterstühlen einander gegenüber.
+Durch die beiden mäßig großen Fenster sieht
+Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt,
+die Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den
+Blatträndern.
+</p>
+
+<p>Der Patriarch lächelt: &mdash; Ich bin der Aelteste
+dieses Landschafts-Bezirks und heiße Dich willkommen.
+Du bist Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege aus Teuta.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka
+hat mir&rsquo;s erzählt, unsere brave Meisterin.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ich danke ihr viel.
+</p>
+
+<p>Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat
+sie schon von ihm berichtet?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich
+in Nordika vom Ungemach Deiner Reise erholen. Es
+ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu
+sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die
+Leute dort nicht so stattlich gedacht. Du bist der Erste
+aus Teuta, den ich sehe und spreche, und bin kein
+Jüngling mehr. Blüht Dein Land?
+</p>
+
+<p>Grege lächelte ein wenig zweifelhaft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes.
+Aus den Berichten habe ich Mancherlei
+<!-- page 216 -->
+gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz
+fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und
+Wechselfälle unserer früheren Geschichte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer
+Blüthenzeiten gehabt. Kannst Du mir sagen, wie Euer
+großes Gemeinwesen verwaltet wird?
+</p>
+
+<p>Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte,
+daß er jetzt ein feierlich verlegenes, fast dummes Gesicht
+mache.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich
+ein Geheimniß. Wie das Meiste, was unseren Staat
+und seine Einrichtungen betrifft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sogar für Euch Teutaleute selbst?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir haben viele und verwickelte Traditionen.
+Es ist ein Mechanismus, in welchem nur Diejenigen
+Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden und
+sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen
+nehmen es auf Treu und Glauben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz
+auf Euer friedliches Glück.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen
+weiß ich manche unzufrieden, und ich vermuthe, daß
+auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht
+einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit,
+der Glaube an die Nothwendigkeit, daß, wie es
+ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, läßt nichts
+aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs
+untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine
+stetige Absonderung von Mann zu Mann, von Geschlecht
+<!-- page 217 -->
+zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe ist
+und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner
+dem Andern so recht von Herzen traut. Wer an die
+Majestät des Staates rührt, ist ein verlorener Mann,
+er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze
+der ehrbaren Meinung.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Habt Ihr viele Gesetze?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein
+wir uns seit Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist
+gar nicht mehr herauszukommen. Alles ist bei uns
+Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders.
+Es steckt blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und
+unsere Obersten sind die Hüter, daß an dieser zweiten
+Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie eine Kruste
+uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt
+in dieser Haft, ist erstaunlich, bloß naturgeschichtlich
+angesehen. In der Wissenschaft von der Regierung
+galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: &bdquo;Das
+Verderben des Staates sind die Gesetze.&ldquo; Besonders
+jene Gesetze, welche neben einem ausgesprochenen Zwecke
+noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da
+muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es
+sich so frei und schön entwickelte?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte
+haben fleißig probirt, in jeder Landschaft anders. Bis
+sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist ihnen
+nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein
+Beispiel erzählen. Nicht von dieser Landschaft, sondern
+<!-- page 218 -->
+einer weiter nach Norden gelegenen. Da hat vor ungefähr
+hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend
+gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing,
+den Leuten alle Freude zu nehmen. Grundsatz war
+sittsames Leben, warme Herzlichkeit, einfache Kost,
+schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte,
+konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich
+weiter brächte. Es war eine winzig kleine, bald verschwindende
+Zahl, die nicht mitthun mochte. Aller
+Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte
+seine individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen.
+Das war nicht schwierig, unter Gemeinwohl
+verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte
+zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben
+auch in der bescheidensten Form auf. Alles war gemeinsam,
+aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die
+Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen
+Mann zu seiner Lust zwingen. Die gemeinsame Verwaltung
+der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und
+Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat
+nur in außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen
+Versammlung zusammen, der Aelteste war
+der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte
+Stimme, die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen
+wurden niedergelacht. Als die Genossenschaft in ihrer
+Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein Witzbold,
+den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein
+Jeder essen, anziehen, wann er zu Bett gehen und
+aufstehen, wie er grüßen sollte und dergleichen Kindereien.
+Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen
+<!-- page 219 -->
+sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er
+wurde jedoch nicht niedergelacht, wie sich&rsquo;s geziemt
+hätte, sondern angenommen. Und von da ab war die
+Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte
+Aufpasser, die feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr
+zu Bett gegangen und Schlag sechs aufgestanden, ob
+in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen,
+ob keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben.
+Kurz, in Holgersland war die Freude weg.
+Es gab Vorhalte, Strafpredigten, Verstimmungen,
+Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in&rsquo;s
+Land, die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die
+Leute mußten bei den südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen.
+Unter denen war ein starker Mann, der
+sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit
+abthun. Was geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften
+tauschten erst ihre Meinungen und dann
+erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein
+Bund zwischen ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und
+Regierungssystem. So ging&rsquo;s weiter. Eine Landschaft
+borgte von der andern und lernte von der
+andern, sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere
+Ordnung. In dem Maaße wie sie gesicherter
+und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude.
+Was die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen
+die Andern an, was fehlschlug, ließen auch die Andern
+bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu unserm heutigen
+Nordika mit den guten Zuständen gekommen.
+</p>
+
+<p>Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so
+lange gesprochen, das Alter mache nun einmal redselig.
+</p>
+<!-- page 220 -->
+
+<p>Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei
+die Sache freilich nicht so gegangen. Und jetzt sei sie
+wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und
+Boden sei von anderer Art und die Menschen auch.
+Ein Unglück geradezu sei es, daß sie in so dichten
+Massen beisammen hockten und sich nicht von einander
+loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten
+wagten. Alles Land weit um Teuta herum sei
+Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse versumpft,
+von Garten- und Feldbau nicht im Traum
+zu reden. Die Teutaleute hätten keinen Muth und
+keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend
+Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die
+im einstigen Reich, das von der Nordsee bis an die
+Alpen ging, die oberste Führung hatten in allen
+Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche
+der sogenannten europäischen Kulturstaaten nur
+Trümmer gerettet und diese allerdings zu einer eigenartigen
+Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde
+man dabei nicht froh.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In welchen Künsten und Wissenschaften liegt
+Eure Stärke jetzt?
+</p>
+
+<p>Grege antwortete mit Ueberzeugung:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In der Feinmechanik und in der Chemie.
+Wir haben die winzigsten und feinsten Werkzeuge und
+unsere Handwerker haben Finger wie einst die geschicktesten
+Chinesen. Wir können Alles nachmachen
+auf künstlichem Wege. Wir sind selbst schon fast Automaten
+geworden. In der Chemie der Nahrungsmittel
+sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.
+</p>
+<!-- page 221 -->
+
+<p>Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege
+erschreckte und demüthigte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr
+könntet die Menschen, zumal die Kinder, hundertweis
+verschwinden lassen und die Leichname der ältesten
+Leute chemisch verflüchtigen.
+</p>
+
+<p>Grege senkte den Kopf und murmelte: &mdash; Ja,
+das können wir auch.
+</p>
+
+<p>Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den
+Tauschhandel mit den Slavakos denken, und wie er
+jetzt von unten herauf durch&rsquo;s Fenster schielte, vermeinte
+er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu
+sehen. Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland,
+mit so bohrendem Schmerz und so ehrlicher Scham
+hatte er&rsquo;s nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in
+Teuta geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend
+gewesen, zu verhindern, wenn es das Loos slovakischer
+Tauschwaare getroffen, daß man es von der Brust
+der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten
+Alterthum hätte man nichts Naturwidrigeres
+ersinnen können.
+</p>
+
+<p>Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf
+und sah den Blick des hoheitsvollen Aeltesten streng
+auf sich gerichtet.
+</p>
+
+<p>Der Greis lächelte wieder: &mdash; Euere Chemiker sollten
+das Ueberlebte nicht erst verflüchtigen, wenn es zum
+stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch sollten einmal
+die Jungen statt der Alten am Räderwerke des
+Staates sitzen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.
+</p>
+<!-- page 222 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn&rsquo;s nicht geht, freilich, dann geht&rsquo;s nicht.
+Das müßt Ihr wissen.
+</p>
+
+<p>Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich
+aber nach einem Blick durch&rsquo;s Fenster wieder auf dem
+Sitze nieder.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen
+setzt frisch ein. Ich mag jetzt nicht gehen. Vielleicht
+magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel
+von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann
+ich mir keine rechte Vorstellung machen. Wie sieht
+das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich.
+Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser,
+Weideplätze mit Thieren, Fluten mit Ackerleuten &mdash;
+das Alles nicht. Aber was denn und wie denn?
+Euere Straßen sind Gänge und Schläuche in der
+Erde, Euere Seen liegen tausend Klafter tief unter
+dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle,
+Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen
+&mdash; und Alles von unten herauf beleuchtet,
+von oben herunter schweigend belebt. Ist das so?
+Hat Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt?
+So eine Art Nibelheim, ja?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, so eine Art Nibelheim.
+</p>
+
+<p>Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das
+Gesicht in beide Hände und murmelte: Nibelheim,
+Nibelheim.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber
+es ist Deine Heimath. Sie ist Dir so heilig, wie uns
+die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst
+sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen
+<!-- page 223 -->
+Träumen bei Nacht .&nbsp;.&nbsp;. Hab&rsquo; ich recht, Grege? Es
+giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl.
+Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren
+auf diesem Boden.
+</p>
+
+<p>Grege nickte traurig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und aus sich heraus formen sich die Menschen
+ihre Heimath wieder, aus dem Gesunden und Jugendlichen
+stammen die Veränderungen und Verbesserungen.
+Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir
+gestalten es weiter in&rsquo;s Breite und Große, in unserer
+Umgebung. Maikka .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in
+blauem Feuer.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei
+uns bleiben und lernen willst. Es ist so schön, jung
+zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr?
+Man soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden,
+denn es lehrt uns das Eigene tiefer erkennen.
+Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und sich
+nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig
+wie vor den Anderen. Hast Du strebsame Freunde
+daheim, die treu zu Dir stehen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die muß ich mir noch schaffen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schaffe sie Dir.
+</p>
+
+<p>Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen
+Lockenhaar und den gütigen Augen und dem beredten
+Munde um den Hals fallen &mdash; und Vater! rufen
+mögen. Vater! Wem hätte er in Teuta diesen Namen
+geben können, geben mögen? Das ganze junge Volk
+dort, war&rsquo;s nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel
+<!-- page 224 -->
+erzeugt, im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen
+Helle und Hilfe?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du
+bist mir stets willkommen. Heute Abend machen unsere
+jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal
+und führen Tänze auf. Du bist eingeladen.
+</p>
+
+<p>Grege sagte zu.
+</p>
+
+<p>Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen
+Abend verfügt hatte.
+</p>
+
+<p>Und er war ihr zu Willen und verbrachte die
+Nacht in Ingeborgs Gartenhaus und &bdquo;grüßte das
+Glück&ldquo;.
+</p>
+<!-- page 225 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-18"><span class="hidden">Kapitel 18</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute
+wieder ihren lachhaften Tag. Nichts Ernsthaftes verfing
+bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er wollte.
+Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen
+im Leben und Denken, im Schaffen und Schalten hatte
+sie nur die eine Antwort: Du bist ein Narr &mdash; Alles
+kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller
+Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der
+Freudlosigkeit gewalzt wird, ist Blech. Grege, noch
+einmal, wenn Du mich anmoralisirst und anphilosophirst,
+so nehme ich all&rsquo; meinen Muth zusammen und verachte
+Dich, Amen.
+</p>
+
+<p>Und dann brach das Lachen los. Eine ganze
+Symphonie, ein ganzes Konzert, eine ganze Oper, ein
+ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter
+Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da
+klang&rsquo;s bald wie ein Choral, bald wie ein Schelmenlied,
+bald wie Lerchentriller, bald wie Amselruf, bald
+wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer
+schön bei aller Tollheit.
+</p>
+
+<p>Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des
+Lebens harter Pflicht wacker gekämpft. Zunächst in
+aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen
+<!-- page 226 -->
+Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen
+erhalten, dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen
+beigewohnt zur Festsetzung des Arbeitsplanes
+für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an
+den Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen
+mußte, dann am Nachmittag in der Volkshochschule
+ihren großen Vortrag über die Betheiligung
+der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit
+darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann
+noch Dieses und Jenes, wobei sie ihren ganzen Kopf
+einzusetzen hatte.
+</p>
+
+<p>Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und
+Abend frei. Und für sie gab&rsquo;s nichts Inhaltsreicheres
+als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege wußte
+davon zu sagen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau,
+rief sie und schleppte ihn auf den Thurm und auf die
+Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt &bdquo;Liebesgarten
+der Abgeschiedenen&ldquo;, wo die Asche der Abgeschiedenen
+auf die Beete gestreut wird und ein herrlicher
+Rosenflor weithin seine Düfte sendet, gleich letzten
+süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen Werkstätten
+(denn alle Hantirungen, die mit störendem
+Lärm, Gepoche und Gehämmer verbunden waren, mußten
+abseits von den Häusern in kellerartigen Räumen verrichtet
+werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus
+und in eine Haushaltungsschule, wo es nur so
+von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen schwirrte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber
+als die Buben? Wie viele könntest Du einmal lieben
+<!-- page 227 -->
+von ganzer Seele, sag&rsquo;? Wie groß ist Euer Herz in
+Teuta?
+</p>
+
+<p>Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung,
+oft wußte er dem Ansturm des Kobolds gar
+nicht Stand zu halten.
+</p>
+
+<p>Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit
+welcher Gewandtheit dieser Neckgeist die Uebergänge in
+die verschiedensten Gefühls- und Aeußerungsweisen fand,
+je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder
+weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder
+erzwungene Heuchelei, völlig aus einem überreichen
+Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster
+Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden
+wie alle lähmende Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute
+unter sich waren wie ein reingestimmtes Instrument,
+wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem angeschlagenen
+Grundton, je nach der durchklingenden
+Tonart. Und wo ja einmal ein Mißton aufzitterte,
+da antwortete eine kluge Pause, bis es wieder stimmte.
+</p>
+
+<p>Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten
+Teutamann, in welchem so viel Dogmatisches, Verbohrtes,
+Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht auszutreiben
+war, griff Maikka zuweilen fehl und traf
+nicht den gesuchten Ton. Da konnte sie dann herrisch
+aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des Ausdrucks sich
+fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.
+</p>
+
+<p>Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser
+urwüchsigen und doch so verfeinerten Frauennatur lernte.
+Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue Erkenntnißquellen,
+davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither
+<!-- page 228 -->
+keine Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und
+Herzensfrühling, und wenn er über sich und seine frischaufgeschossenen
+Pläne und Zukunftshoffnungen nachdachte,
+stieg er in sich selbst herum wie in einem
+blühenden Wunder. Jetzt erst glaubte er an sich, an
+seinen besonderen Beruf, in der Fülle der Klarheit, die
+in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken
+fügte sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich
+zu einem hellen Ganzen verbanden, nicht mehr zerrissen,
+nicht mehr verschwimmend, sondern zusammengehalten
+wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft
+durchgriff bis zum äußersten Kreis.
+</p>
+
+<p>Aber lachen, lachen wie Maikka &mdash; nein, das
+würde ihm und seinen Teutaleuten wohl nimmer gelingen.
+Das setzte Siege über so wesentliche Teuta-Thorheiten
+voraus, daß noch Generationen daran sich
+die Zähne ausbeißen mußten. Nur das stand ihm
+unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt begonnen werden
+mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte
+Alles gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn
+er sich all&rsquo; die Widerstände und Verwicklungen ohne
+Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden,
+je näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht
+der Ereignisse selbst fallen die besten Entscheidungen.
+Hinein &mdash; und durch!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sag&rsquo; mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über
+Euch zu Gericht, ich meine, wer entscheidet zum Beispiel
+über die Bedeutung eines Lehrers oder einer Lehrerin?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun aber die Frage! Darüber kann doch
+vernünftigerweise nur ein Gericht und kein anderes entscheiden,
+<!-- page 229 -->
+und das sind die Schüler. Wo in aller Welt
+könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über
+die Befähigung eines Schneiders? Doch nicht ein
+Kollegium von Schneidern? Doch nur Diejenigen,
+welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk
+an ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch
+nur von Denjenigen gerichtet werden, an denen er
+sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm
+das gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend
+einem begreiflichen Hintergedanken heraus an dem Werke
+ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln haben.
+Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort
+Euern Teuta-Idealen und Staatsweisthümern
+wider den Strich? Wer entscheidet in Teuta über die
+Lehrer?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen
+Wortschatzes.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du
+nicht auf den Bauch fällst und Dir dabei das Genick
+brichst.
+</p>
+
+<p>Und sie lachte über diese &bdquo;Teuta-Möglichkeit&ldquo;, daß
+sich ihre Hüften bogen. Es war auf dem Wege zur
+Fohlenwiese.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schau&rsquo; dort das Mädel, Grege, roth wie eine
+Rose. Wer sitzt über die Rose zu Gericht? Eine
+andere Rose?
+</p>
+
+<p>Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden
+gelehrigen Schülerton: &mdash; Die Nase, die daran riecht,
+das Auge, das sich an der Farbe entzückt, die Finger,
+die schmeichelnd daran tasten .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 230 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka
+im gleichen Ton, und sie fand den Spaß sehr gut. So
+viel Laune hätte sie heute dem ernsten Staatsdenker
+Grege wahrhaftig nicht zugetraut.
+</p>
+
+<p>Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die
+verschiedensten Gebiete, freuten Grege. Und wie die
+Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten die
+Gedanken in seinem Kopf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du, Maikka, wie ist&rsquo;s in Nordika mit dem
+Kinderzeugen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir
+werden gleich dort sein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Halten&rsquo;s die Menschen hier wirklich auch so?
+Wer hat, der giebt, und wer empfängt, der richtet sich
+darauf ein?
+</p>
+
+<p>Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu
+werden. Maikka hingegen zog es vor, jetzt ernst zu
+bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es
+kam ihr so.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf
+sich hält, besteht die freie Wahl-Liebe, nicht wahr?
+Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf längere
+oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen
+mag, ist Sache des Gefühls und der wirthschaftlichen
+Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, Grege?
+</p>
+
+<p>Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen,
+denn plötzlich fühlte er, als Teutamann, bei dem verhaßten
+Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden
+unter den Füßen. Er wollte die Szene von neulich
+nicht noch einmal heraufbeschwören.
+</p>
+<!-- page 231 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles
+Gewächs.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sicherlich, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor
+ein und zwei tausend Jahren, wie es die Geschichte
+ausweist, ging&rsquo;s ein wenig kraus zu.
+</p>
+
+<p>Maikka brauste auf:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging&rsquo;s zu,
+unsinnig bis zum Ekelhaften. Mit der damaligen Auffassung
+von Liebe und Ehe waren doch alle Naturbegriffe
+gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein.
+Sie hatten&rsquo;s auch dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen
+denkt, fragt man sich, in welchem Tollhaus
+die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die
+Sittlichen gelebt haben. Und darauf hatten sie noch
+ein kirchliches und ein staatliches Patent. Neunzehntel
+aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien einerseits,
+aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits
+drehten sich um ihr &bdquo;Ewigweibliches&ldquo;, was in ihrer
+Lebenspraxis doch nur ein Ewigabgeschmacktes war.
+Dazu hatten sie ihre &bdquo;Frauenfragen&ldquo; jahrhundertelang,
+und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter
+Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive
+und aus dem Gegensatz der Geschlechter und
+ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette abzunehmen
+und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung
+kamen sie nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil
+sie ihre Natur verloren hatten. In Nordika habt Ihr
+gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich mit
+<!-- page 232 -->
+der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten
+in allen Stücken mit ihr auseinander ist.
+</p>
+
+<p>Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der
+Nase. Er strauchelte über einen ersten und fiel über
+einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.
+</p>
+
+<p>Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Siehst Du, wie schnell man die Natur findet,
+wenn man die Kultur übersieht!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka!
+Ich habe mir wirklich am Schienbein weh gethan.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade
+vor Schadenfreude. Warum soll ich nicht lachen? Lacht
+nicht auch der Himmel über uns?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wird&rsquo;s hoffentlich noch öfter thun, auch
+wenn wir ihm keine Veranlassung bieten, aus freien
+Stücken.
+</p>
+
+<p>Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese.
+Es waren nur einige ältliche Stuten in der
+Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die
+Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte.
+Weiter drüben tummelte sich das jüngere Pferdevolk.
+</p>
+
+<p>Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch
+und Zuruf jagte sie die Thiere auf. Bevor
+ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte
+sie sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden
+Pferdes geschwungen.
+</p>
+
+<p>Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten
+Hand in die weiße Mähne und wendete sich nach
+Grege um.
+</p>
+<!-- page 233 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mir nach, Grege!
+</p>
+
+<p>Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr
+braunes Röckchen flatterte. Ihre nackten Arme und
+Beine leuchteten.
+</p>
+
+<p>Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte
+sie ihn völlig verrückt machen? Das Schauspiel war
+ja an sich ganz lustig anzusehen, diese galoppirende
+Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er
+würde sich jedoch hüten, ihr nachzumachen und den
+Hals zu riskiren. Die anderen Stuten betrachteten
+ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie
+fort, Maikka nach.
+</p>
+
+<p>Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde,
+sprang ab und schwang sich auf ein anderes Pferd,
+das sie als das Leitroß erkannte. Ihr Lieblingspferd
+war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger
+Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst,
+ein herrlich edler und intelligenter Kumpan, unter dessen
+ritterlicher Obhut die gesammte Fohlenwiese stand. In
+seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls ein
+tadelloses Thier, das Regiment.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!
+</p>
+
+<p>Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung,
+und der ganze Trupp hintendrein mit Gewieher
+und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt,
+der erschreckt zurückwich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene
+Mythologie. Magst Du Dich zu mir aufsetzen? Willst
+Du&rsquo;s griechisch oder altnordisch?
+</p>
+
+<p>Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah
+<!-- page 234 -->
+prachtvoll aus. Verklärt animalisch. Wie ein höheres
+Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas darum gegeben,
+wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen
+und mit ihr einen Ritt zu wagen.
+</p>
+
+<p>Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die
+Frage zu: &mdash; Hör&rsquo;, Grege, kannst Du Dir Deinen
+Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken?
+Nein? Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom
+Rücken eines edlen Rosses auf die Welt hinabgesehen,
+wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der aufgehenden
+Sonne entgegen, der untergehenden Sonne
+nachgeritten? Er hat nur Phantasieflüge gemacht, ohne
+Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd gehörte nicht
+zu seinen heiligen Thieren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra
+hoch zu Roß, die Umwerthung der Werthe
+zu Pferd!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um.
+Alle weltbewegenden Offenbarungen wurden der Menschheit
+vorgeritten, das Christenthum auf einem geduldigen
+Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen
+Araber. Und Dein Zarathustraismus kommt zu Fuß?
+</p>
+
+<p>Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte
+ihr die Hand. Sie glitt vom Pferde in seine Arme.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das viele Lachen hat mich dumm gemacht,
+wahrhaftig. Plötzlich fühle ich meinen Kopf so leer.
+Laß uns den Heimweg suchen.
+</p>
+
+<p>Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm
+schweigend im heraufziehenden Abendfrieden.
+</p>
+
+<p>Sie war wie verwandelt.
+</p>
+<!-- page 235 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ueber Zarathustra, fing sie später leise an,
+aber es war doch, als klinge wieder ein verhaltenes
+Lachen durch, &mdash; über Zarathustra muß ich mit Dir
+noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die
+ich aus Deinem Kopf vertreiben muß. Kennst Du den
+vollständigen Zarathustra?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle
+zu lesen wird in Teuta nicht für gut gehalten. Auch
+von den Kommentaren sind uns nur wenige erlaubt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek
+kannst Du Alles finden. Aber sag&rsquo; mir, was weißt
+Du von seinem Leben?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen.
+Er lebte um die Wende des zweiten Jahrtausends. Er
+war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst fünfhundert
+Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei
+Lebzeiten mußte er sich wahnsinnig stellen, um seinen
+Henkern zu entgehen. Nachdem er gestorben war, hörte
+man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge
+murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag
+seinen dunklen Schatten und bei Nacht seinen lichten
+Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das glaubst Du Alles buchstäblich?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich?
+Daß er Euch Teutaleuten die Köpfe verdreht hat
+und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm seine Lehre,
+soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so
+wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er hat den damals mächtigsten Papst der
+<!-- page 236 -->
+Welt, einen Musikzauberer, der in Bayreuth einen
+Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt,
+in einer mit Blut und Galle geschriebenen
+Schrift &bdquo;Der Fall Wagner&ldquo;, die seitdem verschollen
+ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle vorhandenen
+Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben.
+So stark wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen
+Tempel verließ und nach Italien floh. Dort trat ihm
+Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark
+zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg
+mehr wußte, als sich aus einem Palast in Venezia in
+das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ ihm
+Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam
+durch alle Meere, um die ganze Halbinsel Italia herum,
+bis er an der Sirenen-Insel angeschwemmt und neben
+den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem Alterthum,
+Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn
+die Gläubigen wieder aus und bestatteten ihn heimlich
+in seinem Tempel in Bayreuth.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So lehrt Euere historische Wissenschaft in
+Teuta? Das läuft Dir wie Auswendiggelerntes über
+die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu
+glauben. Aber das ist die Lehre unserer ersten
+Autoritäten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das läßt sich hören. Erzähl&rsquo; weiter. In
+diesem Ton. Er sei ein Heiliger und ein Märtyrer
+gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser
+Wahrheitsmuth, sondern auch sein enthaltsames
+<!-- page 237 -->
+Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in
+einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt,
+und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich
+und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser
+giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum
+allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren
+wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken
+oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und
+damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten
+besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so
+daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend
+Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte.
+Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra
+bis auf&rsquo;s Blut und hetzten ihn von Land zu Land.
+Endlich entfloh er ihnen in&rsquo;s Hochgebirg, in die Eiswüsten
+der Alpen. Er führte stets einen Becher bei
+sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher
+zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen.
+Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere
+zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde
+er auch von den Frauen, die nur um der physischen
+Wollust willen stets die Männer um sich haben und
+sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung
+unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte
+man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur
+die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen
+trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem
+giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden
+Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen
+jener Zeit hing er die Tafel auf: &bdquo;Es ist besser in die
+<!-- page 238 -->
+Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen
+Weibes zu fallen.&ldquo; Einige alte Jungfrauen, die seine
+Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn
+nicht, so lang er in der Ebene und in den großen
+Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden
+Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast
+Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches
+war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der
+Lehre der Teutaleute? Sag&rsquo; Dein Sprüchlein zu Ende!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein
+Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und
+tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen
+Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch
+lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war
+Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten
+ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß
+sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie&rsquo;s
+und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen,
+im Interesse von &bdquo;Thron und Altar&ldquo;, wie damals die
+Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen
+umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich
+konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die
+Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen
+von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen.
+Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name
+Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich
+<!-- page 239 -->
+ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und
+zwar nur von mir .&nbsp;.&nbsp;. das heißt, wenn ich dabei
+bin .&nbsp;.&nbsp;. wenn ich wiedererscheine .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm.
+Ich fürchte, ich fürchte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege
+zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden
+Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren.
+Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken
+wirken müssen. Sag&rsquo; mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre
+stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen
+Systems?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die geheimnißvollen Gegensätze: &bdquo;Man soll
+die lieben, die Gewalt haben.&ldquo; &bdquo;Man soll alles überwinden,
+was Gewalt hat .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun wohl, Teutamann, schaff&rsquo; Dir Gewalt
+an, und ich werde Dich lieben. Versuche Gewalt über
+mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut
+Nacht.
+</p>
+
+<p>Und sie riß sich von ihm los und eilte davon,
+wie von Gespenstern gejagt.
+</p>
+
+<p>Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm
+senkte sich die Finsterniß des Himmels herab auf die
+purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit
+schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der
+Leib von der Seele verlassen gewesen und müßte sich
+erst Alles wieder ineinander finden. Was hatte er
+vorhin erzählt? .&nbsp;.&nbsp;. War das Erträumtes, Erdachtes,
+<!-- page 240 -->
+Erinnerung an einst Erlebtes, mit späteren Lehren
+und Phantasien und zugeflogenen Irrthümern Vermischtes?
+</p>
+
+<p>Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.
+</p>
+
+<p>Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es
+war ihm, als hörte er ein gellendes Lachen in den
+leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn Maikka
+auf das Drachenschiff beschied.
+</p>
+<!-- page 241 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-19"><span class="hidden">Kapitel 19</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen
+im Schulhain lebhaft zu. Er bringt den Duft
+von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare
+um Grege&rsquo;s Ohren und jagt manchmal eine Locke über
+die Nase hinweg &mdash; und mit den Gedanken im Hirn
+macht er&rsquo;s noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu,
+bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her,
+und Grege greift nach der Locke und streicht sie hinter&rsquo;s
+Ohr, wo sie nicht halten will, und er drückt die flache
+Hand über die Augen und an die Stirn, aber es
+nützt nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht
+einmal die Sinne halten Stand.
+</p>
+
+<p>Was soll denn all&rsquo; die Unruhe? Wer schafft
+denn all&rsquo; den Unbestand? Ist&rsquo;s nur der Wind? Oder
+die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht,
+und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens
+in eine schwarze und eine weiße Hälfte getheilt wird?
+Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das Haus. Es
+ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß
+nicht einmal ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit
+nichts nach, und ihre Gedanken lassen an Schärfe
+nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht
+Maikka&rsquo;s Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind
+nicht so eindringlich, ihre ganze seelisch-körperliche Art
+<!-- page 242 -->
+erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum
+findet er&rsquo;s nicht? Warum formt sich überhaupt kein
+Bild in seinem Kopf? Warum dieses Gewirr von
+Linien und Lichtern?
+</p>
+
+<p>Sind&rsquo;s die Zuhörer, die ihm all&rsquo; die Unruhe und
+den Unbestand schaffen?
+</p>
+
+<p>Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser
+Stelle gesehen, und wenn es nicht dieselben sind, so
+sind es ähnliche. Einfache, schlichte, aufmerksam lauschende
+Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern,
+geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe
+Gruppirung wie sonst, nur die Reihen dichter, und
+mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen.
+Das ist&rsquo;s nicht, was Grege so zerstreut macht.
+</p>
+
+<p>Der Wind bringt den Duft von den Bergen und
+von den fernen Wassern .&nbsp;.&nbsp;. Das flüsternde, raschelnde
+Birkenlaub .&nbsp;.&nbsp;. Warum warst Du noch nicht am
+Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über&rsquo;s Meer,
+die Gestade abzusuchen? .&nbsp;.&nbsp;. Was sprechen die in
+Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große
+Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt
+diesmal Krone und Mantel und gaukelt mit dem
+Szepter? .&nbsp;.&nbsp;. Wie lange noch? .&nbsp;.&nbsp;. Wie .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die
+Aufmerksamkeit wird erregter, leidenschaftlicher.
+</p>
+
+<p>Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den
+strengen Mienen und der ernstgehaltenen Gestalt?
+Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier.
+Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken,
+und die Weltbilder, die sie entrollt .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 243 -->
+
+<p>Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.
+</p>
+
+<p>Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten,
+als einzelne Worte und Sätze. Er will
+seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven
+zäumen und zügeln mit festem Willen, er will sich
+selbst überwinden .&nbsp;.&nbsp;. Wie Alles überwunden werden
+muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes,
+damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse,
+keine Zerstreuung die Triebkraft mindere .&nbsp;.&nbsp;. Eine
+große Aufgabe schafft große Verantwortung, Selbstverantwortung
+.&nbsp;.&nbsp;. Hier unter fremden Leuten, fremden
+Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen,
+fremden Begriffen, warum findet er sich nicht selbst
+geschlossener, warum fühlt er sich nicht selbst gesammelter,
+gerade heute, wo er dem Banne Maikkas,
+der Wirkung ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo
+er wieder einmal, ganz er selbst, sich in eigenem Vollbesitz
+haben könnte?
+</p>
+
+<p>Der Wind bringt den Duft von den Bergen am
+großen Fjord &mdash; warum läuft er nicht dem Wind
+entgegen, hinaus an&rsquo;s Meer? Warum zögert er hier?
+Was fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel,
+warum rührt er sich nicht von der Stelle? Schöpft
+er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder
+Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen,
+denen das Gefühl seiner eigenen persönlichen
+Herabwürdigung folgt wie der Schatten dem
+Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer
+hier, in deren Mitte er, seiner selbst nicht mächtig,
+<!-- page 244 -->
+den Lauschenden spielt, mit welchen Augen müßten sie
+ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet
+er für sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr
+haben muß, als gastliche Zuvorkommenheit und menschliche
+Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er
+da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist,
+damit sie ihm von ihrem Ueberschwange spende, damit
+sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres Uebergewichtes
+stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen
+reißt? Wenn ihn seine Volksgenossen von Teuta jetzt
+so sähen, würden sie nicht mit Fingern auf ihn zeigen
+und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze
+Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten
+zu gering? Nun zehrt er von fremder Kost und ist des
+Dankes voll! Seht seine Ergebenheits-Miene! Wie er in
+Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink läuft &mdash;
+und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf
+dem Leibe und vielleicht fremde Verpflichtungen in der
+Seele, er, der daheim Niemand verpflichtet sein wollte?
+</p>
+
+<p>Und wie er dieser inneren Stimme aus der
+Heimath lauschte, brachen die Zuhörer rings um ihn
+in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr
+und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und
+er versuchte, aus der dichten Gruppe herauszukommen
+und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, dem Vortrage
+der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer
+Zerstreutheit und Flucht der Gedanken. Aber immer
+neue Zuhörer waren beigeströmt, und rückwärts standen
+sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So
+konnte er nicht entweichen.
+</p>
+<!-- page 245 -->
+
+<p>Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der
+Rednerin ein williges Ohr zu leihen und sein Interesse
+an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es
+gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm
+nur ein Spiel mit geistreichen Worten, ein glänzendes
+Gewebe von Behauptungen, deren Richtigkeit er nicht
+zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein
+war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen
+elektrisirte, ließ ihn unbewegt. Die Anderen? Was
+gingen ihn die Anderen an?
+</p>
+
+<p>Gestern &mdash; seine Gedanken vagabundirten schon
+wieder in Erinnerungs-Bildern &mdash; gestern war er in
+ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich
+zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde
+ihm eingeräumt, selbst zu arbeiten und Versuche anzustellen.
+Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der
+Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst
+hatte ihn danach gehungert, denn er fing an, den
+naturalistischen Leckerbissen Nordikas abgeneigt zu werden.
+Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen
+Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie
+daheim, aber sie dünkten ihm doch über alle Vergleiche
+gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, sie
+lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig
+davon, fanden sie aber nicht nach ihrem Geschmack.
+Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? fragten sie.
+Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte
+mit der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern,
+sie wolle sie doch lieber &bdquo;zum ewigen Andenken&ldquo;
+aufbewahren, als sie von ihrem Magen verarbeiten
+<!-- page 246 -->
+lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen
+seine Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum
+andern wie ein verliebtes Schlänglein und schwor hoch
+und heilig, die Natur sei doch so viel süßer und nahrhafter,
+als alle chemischen Künsteleien &mdash; und je mehr man
+von ihr genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde
+und aus schöner Sättigung wachse immer schönerer
+Hunger .&nbsp;.&nbsp;. Die Unersättliche! Und das Ende war,
+wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur
+Trunkenheit betäubte und unterjochte. Und mochte er
+sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, Siegerin
+blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und
+ihr Geist frohlockte und wurde des Jubels in ihrem
+Blute nicht müde.
+</p>
+
+<p>Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die
+Reihen. Die Sprecherin wiederholte den vom Beifall
+unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die Worte
+vernahm: &bdquo;Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige
+Naturen, schöpferischer Ordnung abhold, all&rsquo;
+ihren Gelüsten ließen sie die Zügel schießen, bis sich
+aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution
+gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte.
+So wurde am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts
+mit den letzten Trümmern einer dekadenten ideologischen
+Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten,
+was sollten sie ihm heute? Er konnte die Begier der
+Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie diese schimmeligen
+Historien verschlangen. Und dieselben Leute
+konnten seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!
+</p>
+<!-- page 247 -->
+
+<p>Während der Strom der großen Geschichtsrede an
+seinen Ohren weiterrauschte, gedachte er seines zweiten
+Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner Bewunderung
+des gütigen und klugen Patriarchen war
+ihm bei der Begrüßung die Anrede &bdquo;Hoheit&ldquo; entschlüpft,
+wie sie in Teuta vor den Staatspersonen üblich. Und
+wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen
+Augen, während sein Mund geschlossen blieb. Dann
+sprach er: &bdquo;Hoheit! Soll das ein auszeichnender Titel
+sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich
+Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst
+Du, was geschieht? Keiner betitelt sich, selbstverständlich.
+Also erspare mir die Scham, Dir für den Titel danken
+zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den
+Menschen von Nordika. Uns in&rsquo;s Auge zu sehen und
+den Mund aufzuthun, genügt. Wir kennen uns von
+einander und zu einander. Mehr bedarf&rsquo;s nicht. Sei
+gegrüßt, Grege!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren.
+Alles rappelt und zappelt in ihm. Wie ihn die Leute
+umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit ihrem heißen
+Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort,
+keinen Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen
+lassen. Sie hören mit dem Munde, mit den Augen,
+mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als
+wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr
+verwachsen, ein Herz und eine Seele, ein einziger Geist
+mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem Munde, als
+hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein
+ein Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre
+<!-- page 248 -->
+mit sich trug, undurchdringlich. Und sie drückten auf
+ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten ihn in seine
+Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die
+Seele erstickte .&nbsp;.&nbsp;. Es wurde ihm schwarz vor den
+Augen .&nbsp;.&nbsp;. Er sank in den Boden, er war verschwunden
+.&nbsp;.&nbsp;. Die Seele verflogen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Wohin? Wie lange?
+</p>
+
+<p>Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.
+</p>
+
+<p>Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen
+Ecke, auf einem niedrigen Stuhl, und er gewahrte,
+daß einige Frauen in seiner Nähe sich um ihn
+bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich
+zufriedenen Augen. Und er fand Lust und Sicherheit
+in diesem Blick. Er athmete breit auf, wie aus
+einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und
+wie er sich umsah, war Alles so bestimmt und wie er
+lauschte, war Alles so deutlich.
+</p>
+
+<p>Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin,
+nur die Spannung war gewichen. Frei und fröhlich
+leuchteten die Gesichter. Und eine andere Stimme klang
+von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme.
+Eines Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch
+hängt und doch wie aus froher Brust tönt und Widerklang
+in allen Seelen weckt.
+</p>
+
+<p>Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig,
+ein prächtiges Bild von einem Mann. Grege staunte,
+freudig überrascht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Besprechungen haben begonnen, belehrte
+ihn sein Nachbar. Es würden sich heute noch Viele
+zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie
+<!-- page 249 -->
+kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes
+aus eigener Auffassung beizutragen.
+</p>
+
+<p>Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem
+Genuß. Kein Satz entging ihm. Er glaubte niemals
+eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.
+</p>
+
+<p>Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit
+und wurde belacht wie ein guter Witz.
+</p>
+
+<p>Jetzt wieder, und Grege lachte mit.
+</p>
+
+<p>Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so
+ernster Sache Heiterkeit entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete
+ihn. Sie jagte ihm die verstecktesten Gedanken
+heraus.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;&bdquo;Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in
+Europa hat, wie die Hauptrednerin schon angedeutet,
+viele Ursachen gehabt. So viele, daß man sie so wenig
+zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen
+Kellerloch. Darf ich noch bei einigen verweilen? Also
+gut. Von den auffälligsten haben wir zwar genug
+gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan
+machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz
+geworden war, wo Alles schacherte und schwindelte,
+und kolossale Güter, damals werthvoll, den späteren
+Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen
+lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je
+mehr ein Staat hatte, desto mehr wollte er, und je
+mehr er räuberte, desto armseliger wurde er. Was sie
+an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen
+neue Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien,
+saugte ihnen die Kräfte aus. Die Magazine starrten
+von kostbaren Gewändern &mdash; und das Volk lief in
+<!-- page 250 -->
+Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln
+&mdash; und das Volk verhungerte; die Gewölbe vermochten
+das Gold nicht zu fassen &mdash; und das Volk bettelte
+um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht
+Früchte hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden,
+Waaren zu fabriziren &mdash; und für Produkte und Fabrikate
+waren keine Abnehmer da, denn die Spekulanten
+gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich
+nur gegen hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen
+Widersinn belegten sie mit den großartigsten Rechtstiteln.
+Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie
+erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die
+Köpfe zerschmeißen mußten, um ein wenig heller zu
+werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte fort.
+Die sozialistischen und kommunistischen Experimente
+zwischen einer Militärdiktatur und der anderen führten
+nicht zum Ziele. Die Menschen waren zu tief herabgekommen,
+und vom autoritären Staat konnten sie sich
+nicht trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst
+fraßen weiter, denn Alles war von der Furcht durchseucht,
+und in ganz Europa traute sich Niemand über die
+Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen
+hatte man eine Heidenangst. Die freien Künstler,
+Dichter, Zeitungsschreiber waren verhaßt. Man verfolgte
+sie, und wo es anging, jagte man sie fort.
+Strolche und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich
+einsperren ließen, das nannte man in der Rechtssprache
+&bdquo;Nummero Sicher&ldquo;. Den Strolchen bekam das gut, den
+Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt
+preisgegeben, Poeten, Maler, Musiker bei der geringsten
+<!-- page 251 -->
+Veranlassung wegen &bdquo;groben Unfugs&ldquo; oder &bdquo;Lästerung&ldquo;
+in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten
+Stoffen zu thun hatte, wie Mechaniker und Chemiker,
+blieb unbehelligt. Der sozialistische Staat war wie der
+alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten Gewohnheiten
+der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer,
+wenn die Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten.
+Die Lebensmittelsteuer warf wenig ab, weil die Mehrzahl
+wenig und schlecht aß. Aber das Laster des
+Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und
+anderer Giftgenüsse brachte Geld in die Kasse. Dabei
+wurde das Volk immer nervenelender, gehirntoller, überreizter,
+den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter
+und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher.
+Revolution war der Dauerzustand Europa&rsquo;s
+geworden, Revolution in der erbärmlichsten, feigsten
+Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten
+ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem
+Amerika Ostasien sich unterworfen, drängte sich
+das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen Westen.
+Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine
+überflutheten zunächst das südliche und mittlere
+Europa und pflanzten einen Riesenkaktus mitten in den
+schon arg verwilderten Garten der abendländischen
+Kultur .&nbsp;.&nbsp;. In Rom war es dem getauften Judenthum
+gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst
+seiner Rasse auf den Stuhl Petri zu bringen. Dem
+klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur
+Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische
+Katholizismus eine neue Heilsmacht zu begründen, die
+<!-- page 252 -->
+sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten Geister zu
+wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um
+die Gelehrten und Denker, die trotzig bei Seite standen
+in dem großen Zersetzungsschauspiel des europäischen
+Geistes, für die kirchliche Propaganda zu gewinnen,
+widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner Unfehlbarkeit
+alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger
+in der Statthalterei Christi und zuletzt seine
+eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß seines vizegöttlichen
+Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete
+er die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger
+Ketzerei verfolgten Familien mit dem Purpur, ernannte
+die Führer der Freigeisterei zu Ehrenkardinälen, machte
+einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und versetzte
+die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus
+unter die Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung
+mehr hervor. Die zwölf Judenchristenpäpste,
+die noch folgten, boten ihr übermenschliches Beherrschungstalent
+umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu
+verhelfen und ihr einen durchgreifenden Einfluß auf
+das zerrüttete Europa zu verschaffen. Sie hatte ihre
+Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten
+schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur
+Bewußtlosigkeit. Es gab keinerlei Halt mehr für die
+europäischen Völker. Der ideologische Verzweiflungstraum
+des letzten Fürsten des größten europäischen
+Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf,
+der die neue Weltwende einleitete. Fürst Willibald
+XXXIII. zerbrach sein Schwert und erklärte in
+seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für
+<!-- page 253 -->
+abgeschafft und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen
+Völkern, die an den Grenzen wohnten. Ganze Stämme,
+die das große Verderben witterten, wanderten schleunig
+aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen,
+so die Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main
+und Rhein bis zur Elbe. Wie Meeresfluth in rasendem
+Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker
+in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf
+wie die Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und
+hoffentlich keinen mehr sehen wird .&nbsp;.&nbsp;. Schließlich
+waren sämmtliche Völkerschaften Europas in diesen
+ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf
+von Riesen, es war ein Kampf von bestialischen
+Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten Zerstörungs-Werkzeugen
+des Maschinen-Weltalters. Die religiöse
+Drillung der Kirche, welche durch lange Jahrhunderte
+den Geist der Völker sich unterworfen wähnte, erwies
+sich nach der ethischen Seite vollständig wirkungslos.
+Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht
+hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends
+tauchte ein großer Feldherr auf, der die Massen,
+ineinander verbissen wie wüthende Thiere, gebändigt
+und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten
+Schlachten ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel
+aller Kämpfenden aufgerieben waren und unter den
+Uebriggebliebenen das große Sterben, die &bdquo;chinesische
+Pest&ldquo; begann. Das war Europas Untergang als einer
+geordneten Kulturstaatengruppe. Während inzwischen
+Angelland und Amerika in listiger Weise die übrigen
+Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen,
+<!-- page 254 -->
+verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte,
+durch Generationen und Generationen sich hinziehende
+Selbstmord der europäischen Zivilisation hatte
+mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende
+erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte,
+war ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und
+zerfetzten Gliedern und ausgerissenen Eingeweiden und
+verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum
+mitleidlosen Himmel empor .&nbsp;.&nbsp;. Was auf dem europäischen
+Festlande an Kulturvolk noch übrig blieb, war
+winzig an Zahl, sammelte sich in den nächsten Jahrhunderten
+an den Küsten, an den Flußläufen, an
+den Abhängen der Gebirge und hob sich allmählich
+wieder unter dem Sammelnamen der Slavakos, der
+Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung,
+Schutt und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem,
+bescheidenem Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten
+war bei dieser furchtbaren Auslese im europäischen
+Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es
+wurde nur an den Grenzen gegen Süden von der Verheerung
+gestreift, und im Innern blieb es friedlich auf
+seine ruhige Kraft gestellt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags
+zu verstehen glaubte. In Teutaland hatte er die Geschichte
+anders gehört. Aber diese Darstellung des
+jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er
+folgte auch den übrigen Rednern, die noch das
+Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender
+Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders
+reizvoll war es ihm, wie eine frische, rothwangige Frau
+<!-- page 255 -->
+von niedlicher Gestalt als scharfe Kritikerin auftrat und
+dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen
+Staatenwelt einige Verstöße gegen die &bdquo;historisch festgelegte
+Wahrheit&ldquo; nachzuweisen versuchte. Doch wollte
+sie sich nicht weiter in jene &bdquo;schauerliche Jammer-Ecke&ldquo;
+verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem Meere von
+Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren,
+gleich begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs
+und die kleinen überlebenden Völker zu zweckmäßiger
+Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie
+waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der
+grauenvollen Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln
+wie Kapitalismus, Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation,
+Konkurrenztollheit, Herrscherwahn glücklicherweise
+mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte
+gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung
+war in der großen europäischen Wüste den
+winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der Kampf
+um&rsquo;s Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere
+Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften
+lebten in vergeistigter Art als stille
+Erbschaft weiter. Von nun an konnten die kleinen, gesonderten
+Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört
+pflegen und in fester Gemeinarbeit aus dem
+eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. Aus der Bedürfnißlosigkeit
+erwuchs ihnen immer stärker die innere
+Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt,
+daß die Menschenvernunft keine Sprünge wider die
+Natur mache. Die Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst
+die wohlthätigen Regeln finden, unter welchen die Freiheit,
+<!-- page 256 -->
+Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit
+am besten gedeihen und das Wohlbefinden des
+Einzelnen mit dem Wohlbefinden der Gesammtheit sich
+vereinige. Alle die alten sozialistischen, kommunistischen,
+anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen Prinzipienreiterei
+oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten
+Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des
+dritten Jahrtausends nur noch belächelte Erinnerungen,
+wie der reife Mensch in der Fülle seiner Lebenserfahrungen
+die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen
+seiner brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles
+Hausglück ist über Europa gekommen, und auf dem
+Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten
+und kein Volk sich des anderen zu schämen. Man
+unterhält keinen aufdringlichen, belästigenden Verkehr
+von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt
+doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt,
+wie von allen Seiten gesunde Lüfte hereinwehen und
+keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.
+</p>
+
+<p>Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren
+Loblied auf Nordika ausklingen, dem Lande des Lichts
+und der Lust. Damit aber Niemand sie für allzu eigenliebig
+halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß
+sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor
+dem Teuta-Volke, herzliche Hochachtung empfinde.
+</p>
+
+<p>Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser
+spöttischen Betonung &mdash; sogar!
+</p>
+
+<p>Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den
+die Zuhörer der Schlußwendung spendeten, wie einen
+Schlag in&rsquo;s Gesicht.
+</p>
+<!-- page 257 -->
+
+<p>&bdquo;Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung,
+Sehnsucht, Hoffnung, Glücksempfinden, beleidigtem
+Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele
+aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und
+riß ihn selbst, wie von der Fluth des blutig gekränkten,
+übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles fortgewirbelt,
+auf die Tribüne.
+</p>
+
+<p>Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen
+Zorn erglüht, das Haupt zurückgebeugt, die Augen
+weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen halbgeöffnet,
+bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter
+den zürnenden Gesten seiner nach oben ausgreifenden
+Arme wuchs seine Gestalt.
+</p>
+
+<p>Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder
+da oben gestanden, niemals hatte ein Einheimischer das
+Schauspiel einer solchen Erregung geboten.
+</p>
+
+<p>Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer
+stockenden Maschine, rauh und zerrissen im Ton, von
+einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und über
+sich selbst hinaus Bahn sucht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich
+muß. Kein Mensch in der Welt soll sagen, daß ein
+Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen.
+Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne
+Verdienst und Würdigkeit. Ich kenne mein Land, ich
+weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht,
+um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß
+das hier geschehen, ich klage Niemand an, ich empfinde
+<!-- page 258 -->
+nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn ich nicht laut
+und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte.
+Ja, mein armes Land, weil Niemand in der Fremde
+die Schmerzen kennt, die wir aus Liebe zu ihm im
+Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer
+Sehnsucht. Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer
+von uns selbst begriffen. Gedrückt kam sie aus alter
+Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge und in
+Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen,
+also daß sie ihre Flügel zum Schwunge öffnen könnte,
+rauschend und jauchzend in freier Luft, Sonnenaufgängen
+und Heldentagen und Heldenglück entgegen.
+Wer den Himmel offen gefunden, segne sein Schicksal,
+aber er werfe keinen kränkenden Vorwurfsblick auf den,
+der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken
+der Erde klebt .&nbsp;.&nbsp;. Hab ich genug gesagt, oder duldet
+Ihr noch ein Wort? Ich weiß, ich spreche Eure liebe
+Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, und vielleicht
+bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht,
+daß wir uns in Teuta bemühen, im Geiste unseren
+Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle aufgeklärteren
+Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet
+Ihr noch ein Wort? Oder ist&rsquo;s genug?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund?
+Weiter reden! Das Herz ist ihm voll, er spreche!
+tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Herrliches hab&rsquo; ich bei Euch geschaut, Leute
+von Nordika, und hohen Glückes die Fülle genossen,
+nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege gelehrt,
+die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit
+<!-- page 259 -->
+Worte gesagt gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener
+Verstand allein wohl noch lange nicht gekommen. Mit
+Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit Schönheit
+meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist
+mir, als hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als
+hätten mir die brausenden Winde, die hier über das
+Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße gehaucht
+.&nbsp;.&nbsp;. und der Väter Geist .&nbsp;.&nbsp;. ist über mich
+gekommen .&nbsp;.&nbsp;. Das soll nicht verschwendet sein von heut
+auf morgen, das will ich als kostbaren Schatz meinem
+Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner Heimkehr.
+Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande
+denken, denn es hat keinen Undankbaren zu Euch geschickt.
+Unauslöschlich wird mein Dank sein und zum
+Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige
+Frucht bringt .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er
+ist schön, ein Sänger und Held zugleich! Daß aus
+Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe
+bieten soll, denn Ihr seid reich an jeglichem Gut, und
+ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu sein,
+das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern
+kommt, am wenigsten mir oder meinen Volksgenossen.
+Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier unsere Armuth
+zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim
+Eure Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als
+ein Beispiel aufrichten, daran die verborgenen Kräfte
+meines Volkes in&rsquo;s Licht wachsen sollen, damit Eure
+Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack
+<!-- page 260 -->
+verliere, wenn Ihr von Teuta sprecht. Wir sind verwandten
+Blutes, und in verwischten Zügen lebt ein
+alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie
+wunderbar die Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten
+Heimsuchungen und schaudervollsten Niedergängen
+die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet,
+die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß,
+ob nicht auch Teutaland seinen Blutsverwandten wieder
+näherrückt, gereinigt von Irrthümern, gewachsen in seinen
+Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer
+Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer
+an gemeinsam bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an
+Teuta denkt, freilich, da ist&rsquo;s als blicktet Ihr in eine
+große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle aus,
+mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig
+und hoffnungsvoll erglühenden Seele, wie ein stiller,
+heißer Purpurglanz über die Finsterniß sich breitet
+gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter
+dem Kusse liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung
+empfangende Mutter wird und aus ihrem Schooße den
+Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft,
+die trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O,
+daß nichts uns störe, wenn die brünstige Liebe ihr
+himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der Wonne
+des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße
+mein Teuta unter Nordikas Himmel, der mein Herz
+der Freude und Hoffnung erschlossen hat und meine
+Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich
+grüße die herrliche Welt!
+</p>
+
+<p>So endete Greges Rede, die als düster zürnende
+<!-- page 261 -->
+Abwehr begonnen, wie eine Apotheose, in deren Strahlenglanz
+sich Alles an die Brust fliegt, überwältigt vom
+Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung
+und Kuß. In seiner dichterischen Phantasie hat sich
+das Zeitliche zum Ewigen erhoben, der Einzelfall zum
+typischen Ereigniß, das Persönlichkeits-Lustgefühl zum
+jauchzenden Lustschrei der lebens- und glückeshungrigen
+Gattung.
+</p>
+
+<p>Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte
+er aus der Seele gesprochen, Jungen und Alten, Männern
+und Weibern.
+</p>
+
+<p>Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem.
+Die Improvisation des Teutamannes galt Allen
+für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der
+neuen Meisterin.
+</p>
+
+<p>Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben.
+</p>
+
+<p>In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott,
+von Sympathie und Hohn, wie sie ihr in den letzten
+Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe
+floß, sagte sie zu ihm: &mdash; Du sprichst wie ein Gott,
+das weiß ich. Aber um in Teuta gründliche Politik
+zu machen, braucht man einen Teufel.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Einen .&nbsp;.&nbsp;.?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art
+Eures wackeren .&nbsp;.&nbsp;. nein, das ist Staatsgeheimniß.
+Mach&rsquo; Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh&rsquo; in die
+Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein
+Kapitel vom Staate wollen wir zusammen lesen, wenn
+Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den blöden
+Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki
+<!-- page 262 -->
+habt wachsen lassen, in alle Winde jagen.
+Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig für eine Kinderstube
+zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen
+Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz
+reif &mdash; wenn der rechte Umstürzer kommt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra.
+Das ist das Nämliche.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.
+</p>
+
+<p>Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich,
+ohne Ueberlegung. Und ein Schauder flackerte heiß
+über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine
+jähe Röthe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal
+wie lallend von seinen Lippen.
+</p>
+
+<p>Plötzlich schrie er Maikka an: &mdash; Dein Staatsgeheimniß,
+ich will Dein Staatsgeheimniß wissen! Wie
+lange foppst Du mich noch, Weib?
+</p>
+
+<p>Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor
+dem Grege schier erblaßte und das Feuer seiner Augen
+zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren Flamme:
+&mdash; Frag&rsquo; mir&rsquo;s ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde
+bannen? Zwinge die Sehenden! Thu&rsquo; mir Gewalt
+an!
+</p>
+<!-- page 263 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-20"><span class="hidden">Kapitel 20</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen
+zum großen Nationalfeste und was damit zusammenhing
+&mdash; und was hing bei den herrschenden Einrichtungen
+nicht damit zusammen? &mdash; ihren Fortgang
+genommen.
+</p>
+
+<p>Ihren Fortgang!
+</p>
+
+<p>Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und
+mit besonderem Glanze unter dem glorreichen Regimente
+Aos und seiner Hoheits-Genossen alle Staatsangelegenheiten
+ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum.
+In Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen
+Schuß mit plötzlichem Zurückweichen und Stehenbleiben:
+Was war&rsquo;s &mdash; was nun? In Auf- und Abschwüngen.
+Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles
+vertauscht. Im Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.
+</p>
+
+<p>Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das
+boshaft &bdquo;Die Politik des altneuen Kurses.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder
+lebendig gewordenen Minus hat ihn übrigens im hohen
+Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und gefürchtetsten
+Mann gemacht. Es war sein gelungenster
+Meisterstreich.
+</p>
+
+<p>Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid
+todtkrank geworden.
+</p>
+<!-- page 264 -->
+
+<p>Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren,
+für den genialen Entdecker ein starkes Stück.
+</p>
+
+<p>Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur,
+und zwar zu einer radikalen, mit heimlicher
+Auslandsreise, nach dem damals in der bewohnten Welt
+berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen
+und zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und
+Wunderstadt im Süden. Die Ruinen stammten
+von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem Nothtempel
+für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in
+den Schaltjahren, und die hohen und weitläufigen,
+von amerikanischen Alterthumsforschern bereits labyrinthartig
+durchschnittenen Scherbenberge entstammten den
+unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen
+Gefäßen, in welchen in der deutsch-christlichen Vorzeit
+die Trankopfer dargebracht wurden. Dargebracht einer
+Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur
+noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten
+Literatur-Fragmenten, genannt das &bdquo;Kommersbuch&ldquo;,
+Abtheilung &bdquo;Kneiplieder&ldquo;, fristete. Die Hüter des
+heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese
+Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz
+willen niemals in die Hände der Jugend gelangen.
+Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten manchmal
+in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen
+gelehrten Genuß regelmäßig mit einem argen Kopfweh
+am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn unerwiderte
+Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem
+zu kuriren, gern zu seinem &bdquo;Kommersbuch&ldquo;.
+Einige sprachliche Formen, die keine Philologie mehr
+<!-- page 265 -->
+zu erklären vermochte, wie &bdquo;Krambambuli&ldquo;, &bdquo;Jupeidi,
+jupeida&ldquo;, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren
+der heiligen Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten,
+fesselten ihn oft dermaßen, daß er Herz- und Hüftweh
+darüber vergaß.
+</p>
+
+<p>Der große Minus! Nun war er wirklich todt,
+und nur dem außerordentlichen Diplomaten-Geist des
+Soundso war&rsquo;s gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt
+im hohen Rath vorzuführen und damit das
+ganze Kollegium zu revolutioniren.
+</p>
+
+<p>Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen
+Weisheit und der dämonische Ehrgeiz des
+Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht,
+der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht
+worden war. Und wie jeder geniale Gedanke, war er
+so naheliegend und so verblüffend einfach: Man ersetzt
+die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische
+Automaten &mdash; und der Staat ist gerettet.
+</p>
+
+<p>Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und
+alle technischen Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten
+Blüthenstufe angelangt sind, ist es doch fürwahr keine
+Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu
+gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?
+</p>
+
+<p>Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße
+flüsternden Minus-Automaten vor. Die Wirkung
+ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen übrig. Hierauf
+ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines
+Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte,
+und mit jenen Redensarten im Leibe, vor denen sich
+<!-- page 266 -->
+das Volk stumm verneigt wie vor Orakeln. Der
+Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche
+aufbewahrt, zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen
+Nothdurft: &bdquo;Wissen ist Macht, Bildung macht
+frei&ldquo;, oder &bdquo;Dem Volke muß die Religion erhalten
+bleiben&ldquo;, oder &bdquo;Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen,
+der Geringste im Lande steht meinem Herzen so hoch und
+so nahe, wie mein leiblicher Bruder&ldquo;, oder &bdquo;Wer dem
+Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient zerschmettert
+zu werden&ldquo;, oder &bdquo;Wem&rsquo;s im Teutareiche nicht
+behagt, der blase den Staub von seinen Pantoffeln,
+und es wird ihm wohler werden&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der
+ersten Verblüffung erholt hatten, fanden am Werke
+Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der Oberrichter,
+fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den
+kleinen Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man
+mit dieser fürchterlichen Technik schließlich die gesammte
+Jurisprudenz und Rechtspflege automatisire, so daß
+der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf lebendiges
+Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine
+Existenz gebracht wäre? Lauter billige, unbestechliche,
+unfehlbare Automaten auf den Richterstühlen, wäre
+das nicht das Ende aller Herrlichkeit?
+</p>
+
+<p>Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen
+Angstprodukte nicht heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch:
+&mdash; Das will Alles noch wohlerwogen und
+an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein.
+Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von
+bezüglichen Verordnungen und Schutzmaßregeln erheischen.
+</p>
+<!-- page 267 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte
+Hoheit Oberpriester Ao, der von der Idee der Entfettungskur
+rasch zurückgekommen war. Wir halten
+doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut
+geheim. Wir sagen nicht: Das ist der Automat Minus,
+das ist &mdash; gestatte das Beispiel &mdash; der Automat Oberrichter.
+Bewahre! Für das Volk giebt&rsquo;s überhaupt
+keine Automaten. Das Volk muß glauben oder sich
+geberden und verhalten, als glaube es: Der Minus ist
+der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, Hoheit
+ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten
+wir für uns allein, meine hohen Freunde.
+</p>
+
+<p>Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner
+Größe, groß in seiner Bescheidenheit. Alle Finessen
+der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.
+</p>
+
+<p>Titschi abschließend: &mdash; Den Minus also hätten
+wir, unser hohes Kollegium ist vollzählig, und unserem
+gemeinsamen Auftreten bei der Nationalfeierlichkeit steht
+nichts im Wege. Automat Minus wird beim Zarathustrafest
+seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung,
+wir können uns auf seine amtsgemäße Haltung verlassen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp; Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach
+Soundso sich verneigend.
+</p>
+
+<p>Titschi: &mdash; Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche
+Uebermensch, der uns den Streich gespielt, sich
+nicht erwischen zu lassen.
+</p>
+
+<p>Soundso: &mdash; Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire
+ich auch. Ich habe ihn bereits in Arbeit gegeben.
+Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. Die
+Kopie übertrifft ihn.
+</p>
+<!-- page 268 -->
+
+<p>Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens.
+Doch nahmen Kaspe und Bim den ihrigen
+wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal.
+Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche
+Täuschung bieten könne, ohne Gefahr der Entdeckung?
+</p>
+
+<p>Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus
+und sofort öffnete der Automat den
+Mund: &mdash; Volk? Sprecht mir nicht vom Volke!
+Heerdenvieh läßt sich Alles bieten. Dixi.
+</p>
+
+<p>Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß
+Minus unerwartet sprach mit geisterhafter Plötzlichkeit.
+Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei
+der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit
+beginge, etwas Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren,
+was nicht für die Ohren des Volkes wäre?
+</p>
+
+<p>Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte
+den Kunstmenschen leise an.
+</p>
+
+<p>Automat Minus nickte: &mdash; Alles für das Volk
+und durch das Volk, es giebt nichts Selbstherrliches
+außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne
+seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als
+des Staates erste Diener.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav
+gesprochen, Maschine Oberlehrer. Das ist ein Automat,
+der seinem Herrschberufe Ehre macht, spottete vergnügt
+der Oberdiplomat.
+</p>
+
+<p>Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding
+immerhin noch mit geheimem Grauen.
+</p>
+
+<p>Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: &mdash; Hoheiten,
+wenn ich nicht meinen weichen, warmen Bauch
+<!-- page 269 -->
+mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, ich
+wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch.
+Die Täuschung ist unheimlich. Man muß sich zusammennehmen,
+den Glauben an seine eigene Lebendigkeit
+nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares
+Spiel mit uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten
+unsere automatischen Doppelgänger anfertigen ließe und
+gegen uns selbst in&rsquo;s Feld führte.
+</p>
+
+<p>Bim warf sich in die Brust: &mdash; Ich entdecke, also
+bin ich. Die mechanische Puppe wird das niemals von
+sich sagen können. Damit ist meine Priorität und
+Identität festgestellt.
+</p>
+
+<p>Soundso lächelte verschmitzt: &mdash; Vielleicht gelingt
+es uns auch noch, Automaten mit Bim&rsquo;schem Entdeckergenie
+anzufertigen.
+</p>
+
+<p>Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen
+diese Aeußerung als dreiste Ueberhebung. Aber er
+wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie
+einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser
+Junge mit dem listigen Armensündergesicht schon gegen
+ihn herausgenommen.
+</p>
+
+<p>Ao: &mdash; Du sagst &bdquo;uns&ldquo;, Soundso, &bdquo;vielleicht gelingt
+es uns&ldquo;. Wer sind diese &bdquo;uns&ldquo;? Hast Du sie
+sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht
+verrathen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter.
+Soeben habe ich sie im Stillen bei mir selbst erwogen.
+</p>
+
+<p>Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie
+längst erwartet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich
+<!-- page 270 -->
+bekenne, daß meine Automatenfabrik vollkommen meinem
+Willen unterthan ist, obwohl sie in der Frauenstadt liegt.
+</p>
+
+<p>Alle wie aus einem Munde: &mdash; In der Frauenstadt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf mein Wort. Und hierin ist auch der
+Grund, warum ich von den Spähern selbst in &bdquo;geschlossener
+Zeit&ldquo; und ohne &bdquo;amtlichen Auftrag&ldquo; öfters in der
+Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der
+Denunziation geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt
+war, meinen heimlichen Aufenthalt in der Frauenstadt
+zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste
+damit zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine
+Rechtfertigung bringen wird.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht
+zu machen? inquirirte Kaspe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören
+die geübtesten und feinsten Frauenfinger dazu, solche
+Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht und
+geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten
+und verschwiegensten Frauen einlassen.
+</p>
+
+<p>Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen
+übertreffe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir können uns darauf verlassen, begann Ao
+wieder, wenn wir die Zarathustrafeier um weitere vierzehn
+Tage verschieben, daß Du uns den Automaten
+Grege zur Stelle bringst?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon
+in Arbeit. Er reist sichtlich seiner Brauchbarkeit entgegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne
+mehr verpflichtet.
+</p>
+
+<p>Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel
+<!-- page 271 -->
+Anerkennung. Im Innern sah er sich in einem unaufhaltsamen
+Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch
+den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem
+Purpur des ersten Vertreters des Staates geschmückt.
+O dieser impotente hohe Rath, er wird zermalmt werden
+von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht
+von den Rädern seines Siegeswagens. Ja .&nbsp;.&nbsp;. ja,
+gleich jetzt den Augenblick genützt und den Hoheiten eine
+neue Stichkarte in&rsquo;s Gesicht geworfen. Das Unternehmen
+kann nicht mißlingen, und selbst wenn&rsquo;s mißlänge .&nbsp;.&nbsp;.
+Es soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche
+That. Los!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres
+staatlichen Ansehens in die Hand zu nehmen mir erlaubte,
+wünsche ich vor den Hoheiten nicht länger geheim
+zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der
+Spur. Ja, ich darf sagen, ich habe die Person bereits,
+wenn auch erst sozusagen am Ende eines langen Fangseiles.
+Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem Festordner
+abliefern zu können.
+</p>
+
+<p>Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine
+Späher übertrumpft! Wie war das möglich? Was vermag
+denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit
+welchen Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine
+Verdienste fangen an verdächtig zu werden.
+</p>
+
+<p>Die reine Teufelei!
+</p>
+
+<p>Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen
+laut in die Bewunderung ein und wünschte dem Handstreich
+des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen.
+</p>
+
+<p>Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist.
+<!-- page 272 -->
+Mit Jalas Rückkehr hätte der sündhafte Tanz auf&rsquo;s
+Neue begonnen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath,
+in unseren heutigen Berathungen weiterschreiten, erübrigt
+uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für seine
+sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas
+auszudrücken.
+</p>
+
+<p>Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält
+von allerlei &bdquo;Erwägungen&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Automat Minus legt die Hand auf die Brust und
+nickt gleichfalls, während sich seine Augenlider gefühlvoll
+senken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise
+durch die Feststraßen ausgeführt und
+haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben vorher
+noch Anderes zu erledigen. Die Leute können
+warten. Daß wir sie in unser Automaten-Geheimniß
+nicht einweihen, erachte ich für selbstverständlich. Ist
+einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?
+</p>
+
+<p>Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: &mdash; Je
+Weniger um das Heil des Staates wissen, desto besser
+wird es behütet.
+</p>
+
+<p>Der Ton klang ein wenig sarkastisch.
+</p>
+
+<p>Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft,
+wie Soundso sein Geschöpf dirigirte.
+</p>
+
+<p>Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung
+des Festprogramms vor. Er wünsche, daß es
+diesmal besonders reich und glänzend gestaltet werde.
+Nachdem für den hohen Rath all&rsquo; die Schrecknisse und
+<a id="corr-9"></a>Aengste der jüngsten Zeit so glücklich überwunden
+<!-- page 273 -->
+sind, soll das Volk für die Verschiebung durch um so
+belustigendere Spenden entschädigt werden.
+</p>
+
+<p>Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.
+</p>
+
+<p>Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein,
+eine Abtheilung des Festzuges, worin die &bdquo;politisch-sozial
+verdächtigen Schattirungen&ldquo; vorgeführt und der
+Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig
+ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm
+von seinen Spähern notirt. Ein gewisser Geist der
+Empörung schien im letzten Jahre lebhafter um sich
+gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben:
+&mdash; Das kommt uns natürlich sehr erwünscht. Wir
+werden ein Exempel statuiren, des hohen Festes würdig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, aber .&nbsp;.&nbsp;. fragte Ao ängstlich, ein wirklicher
+&bdquo;Geist der Empörung&ldquo;?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester.
+Natürlich in jenen Schranken, der zwar keine Erschütterung
+des Staates befürchten, aber immerhin eine Erweiterung
+unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung
+unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ach so. Ich dachte schon .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich
+werde mir eine größere Anzahl Burschen herausfangen,
+die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu frei
+spazieren ließen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen
+diskutiren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich
+ist die Sache ja furchtbar harmlos. Aber um ein
+Exempel zu statuiren .&nbsp;.&nbsp;. Man weiß ja, wie wohlthätig
+<!-- page 274 -->
+das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten
+Bezirk haben Etliche die Werkzeuge
+zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen.
+Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren
+Schutz, als die persönliche Freiheit, denn es ist todte
+Sache und kann sich nicht wehren, erstens, und zweitens,
+das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus.
+Wer sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift
+sich am Staate.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen,
+welche die Heiligkeit unserer sittlichen Ordnung
+verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener Zeit
+an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen.
+Die Thore waren zwar verschlossen, allein die Absicht
+war nicht zu leugnen, unserer staatlich patentirten Sittlichkeit
+ein Bein zu stellen oder auch zwei.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Strafe muß sein, lächelte Soundso.
+</p>
+
+<p>Ao, beglückt: &mdash; Es ist mit angenehm, in so
+schwierigen Fragen, die Menschenkenntniß erfordern,
+unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung theilen
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: &mdash; Nachdem
+unser gelehrter Minus als Automat den Tod
+überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig
+weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem
+Rufe keine Kränkung nahe. Es sind mir einige Leute
+bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges hinsichtlich
+seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das
+ist schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler
+<!-- page 275 -->
+mit um so ruhigerem Gewissen in Strafe nehmen, als
+ein .&nbsp;.&nbsp;. Automat gewiß von exemplarischer Keuschheit
+ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in
+den Zug einstellen lassen.
+</p>
+
+<p>Ao: &mdash; Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine
+feinsinnige Gesetzesanwendung, Oberrichter Kaspe. Was
+man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit
+einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine
+erotischen Bedürfnisse nachsagen konnte, braucht er sich
+als Automat nicht gefallen zu lassen.
+</p>
+
+<p>Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und
+Streichen seines glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann
+er wieder: &mdash; Noch eine ziemlich heikle Sache
+wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten
+entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion
+ist ja, unter uns gesagt, Religionslosigkeit und
+unser Gottesglaube Gottlosigkeit. Ist es nun weise,
+frage ich, und liegt es im Interesse des Staates .&nbsp;.&nbsp;.
+hm, hm .&nbsp;.&nbsp;. eine milde Praxis gegen diejenigen zu
+beobachten, welche vom &bdquo;hohen Mysterium&ldquo;, vom &bdquo;großen
+Unbekannten&ldquo;, von der Formel &bdquo;Gott und sein Volk&ldquo;
+nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den
+Purpur der Gläubigkeit vielleicht gar besudeln?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das
+nicht! Streng bis zum Aeußersten! Religion, Mysterium,
+hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht
+rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in
+Eurem Sinne das Weitere veranlassen.
+</p>
+
+<p>Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück.
+<!-- page 276 -->
+Er hat seines verantwortungsvollen Amtes mit Eifer
+gewaltet. Er hat sich um Teutas Rechtspflege verdient
+gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine
+juridische Strenge erhöhen helfen.
+</p>
+
+<p>Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner
+automatischen Amtsführung zu unterstützen. Es ist
+mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken verbotene
+Worte ausgesprochen worden sind. Man wird
+keine Beweise von mir verlangen, wenn ich mich auf
+die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso berufe.
+&bdquo;Probleme&ldquo;, &bdquo;Entwicklung&ldquo; und ähnliche vom heiligen
+Wortschatze verpönte Begriffe sind von jungen Leuten,
+zweifellos in agitatorischer Absicht, wiederholt auf öffentlichen
+Plätzen, wo mindestens zwei Personen versammelt
+waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer
+haben Aergerniß daran genommen. Es liegt also ein
+qualifizirtes Verbrechen am heiligen Wortschatze vor.
+Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur Abwandlung
+überweisen.
+</p>
+
+<p>Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern
+aufwarten. Im physikalischen Institut ist er
+hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte Schüler
+haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen
+und ihm mit eigenen Entdeckungen unter die
+Arme zu greifen, sich mit der Muse in ekstatische Umarmungen
+gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen
+geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben,
+zum Theil sogar selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt.
+Eins enthielt ein aufreizendes Liebeslied mit
+<!-- page 277 -->
+dem verrückten Titel &bdquo;An eine blinde Seherin&ldquo;, ein
+anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den
+Teuta-Staat und eine Ode &bdquo;Auf einen sprossenden
+Bart&ldquo;. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren schienen
+es diese &bdquo;Dichter&ldquo;, die mit ihren Schmierereien sich
+über die offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken,
+nichts weniger als genau zu nehmen. Hierin ist eine
+Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu erkennen.
+Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine
+Anzahl straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen.
+Also bitte er wegen Bartwuchses und Dichterei
+die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu bestrafen.
+</p>
+
+<p>Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb
+sich schmunzelnd sein glattgeschabtes Kinn.
+</p>
+
+<p>Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die
+Hoheiten ergriffen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen
+Festzugs-Abtheilungen werden dem Teutavolke mehr
+Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt in
+der menschlichen Natur.
+</p>
+
+<p>Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden
+durchgesprochen.
+</p>
+
+<p>Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste.
+Alle seine Freundinnen hatten sich um den
+Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge wurden mit
+Begeisterung angenommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan?
+fragte am Schlusse Oberphysikus Bim zweifelnd.
+</p>
+
+<p>Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch
+einmal eine Revisions-Sitzung anzuberaumen.
+</p>
+<!-- page 278 -->
+
+<p>Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung
+vorgerufen. Sie traten mit verdrossenen
+Gesichtern ein, vom langen Warten.
+</p>
+
+<p>Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie
+losgelassen.
+</p>
+
+<p>Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine
+arbeitete tadellos.
+</p>
+
+<p>Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal
+in&rsquo;s Ohr, daß der Automat Grege womöglich noch
+besser ausfallen werde .&nbsp;.&nbsp;. Und Jala werde das Fest
+verschönen .&nbsp;.&nbsp;. leibhaftig!
+</p>
+<!-- page 279 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-21"><span class="hidden">Kapitel 21</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Maikka lud Grege ein, mit ihr in&rsquo;s Vorrathshaus
+zu kommen, damit sie sich ausrüsteten für die Reise.
+</p>
+
+<p>Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem
+Blick und ließ sie schalten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten,
+wetterharten Leuten, da müssen wir uns entsprechend
+kleiden, daß wir der Natur trotzen und den Menschen
+gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge
+erscheinen.
+</p>
+
+<p>Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor,
+einen langen hellen Rock, dazu eine rothe, pelzbesetzte
+Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Daß ich&rsquo;s nicht vergesse, auch ein großes
+Gürtelmesser mußt Du Dir an die Seite stecken. Von
+Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in der
+Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus
+dem Gebirge aussehen.
+</p>
+
+<p>Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel.
+Ihre übrige Tracht sollte aus einem weitärmeligen
+weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem
+kurzen schwarzen Rock bestehen.
+</p>
+
+<p>Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden
+Flechten ringsum wie einen schimmernden Rahmen mit
+goldenen Nadeln festgesteckt.
+</p>
+<!-- page 280 -->
+
+<p>Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle
+Tasche davon bereit gelegt. Maikka hingegen versah sich
+mit derberer Landkost, mit einer Schichte dünner Fladbrode
+und einem großen Stück gepökelten und gedörrten
+Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze
+und Konserven.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir
+uns nicht belasten. Aber wir müssen für alle Fälle mit
+Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir,
+wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur
+Hunger, ich jedoch Appetit wie ein Wolf. Wir kommen
+in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe zu
+bestehen, Grege.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich
+mehr. Führe mich nur bald in das bewußte Asyl.
+Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will
+ich auch wieder das Unglück grüßen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nur nicht pathetisch, Grege!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig.
+Ich werde Niemand mehr mit zu viel Worten
+zur Last sein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun thust Du gekränkt, Grege!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr
+schwach finden. Ich bin Dir tief verpflichtet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut.
+Du hast die Feuerprobe bestanden, nun werden wir
+zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?
+</p>
+
+<p>Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf
+den Lippen.
+</p>
+<!-- page 281 -->
+
+<p>Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen
+dichter Wuchs über die Wangen herab, an der Oberlippe
+und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig
+schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige
+Kühle entströmte ihrer Hand.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte
+mir ihn nur ein wenig rauher und struppiger. So
+ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d&rsquo;ran baumeln
+könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb&rsquo; mal Acht,
+was wir im Gebirge für Zottelbären-Männer entdecken
+werden. Für mich. Für Dich natürlich die entsprechende
+Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren
+wir ab?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In einer Stunde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wir kutschiren?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen
+wir ein Luftschiff bis in die Berge. Und das
+Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer entgegenrauscht,
+oder auch nicht. Wir werden stilles
+Wetter haben, frisches Wetter. So freue Dich doch,
+daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! Wahrhaftig,
+ich streiche Dir das Leben wie Honig um den
+Mund.
+</p>
+
+<p>In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten
+Pilgermantel mit ein, denn es könnte sie die Lust anwandeln,
+ihren Gast zu abenteuerlichen Bergbesteigungen
+zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird,
+und wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch
+in sich hinein. Grege wird Augen machen, wenn er
+<!-- page 282 -->
+den alten verschlissenen Freund, den sturmerprobten,
+wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das
+in Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: &bdquo;Der Purpur-Staat
+oder vom neuen Götzen&ldquo;, ein dünnes Heftchen.
+Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine Berghöhle
+bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag
+der Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes
+Büchlein packte sie dazu, die &bdquo;Sprüche von Jesus
+Sirach&ldquo;, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen
+Strich umrahmte: &bdquo;Errette den, dem Gewalt geschieht,
+von dem, der ihm Unrecht thut und sei unerschrocken,
+wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das Recht frei!
+Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh
+seine Gewalt nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit
+bis in den Tod!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf
+einem hochräderigen Zweisitz dahin. Maikka sprach
+zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem Reisegenossen.
+Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib
+von gelber Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine
+aufrechtstehende, kurzgehaltene weiße Mähne.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Vorwärts, Tema, mach&rsquo; Deinem Stammbaum
+Ehre! Du kannst Dir so viel auf Deinen Stammbaum
+einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei
+mir sitzt. Du bist aus edlem Hause.
+</p>
+
+<p>Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken
+versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka
+ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu
+sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge
+aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta
+<!-- page 283 -->
+neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen
+nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte
+Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des
+Teutastaates auf und rückten ihm drohend in&rsquo;s Gesichtsfeld:
+Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er
+seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren
+Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit
+allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen
+haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist
+von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung
+der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er
+für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten
+Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate
+nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter.
+Titschi fischt im Trüben und hat sich den
+Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles
+wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen
+die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung
+für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta
+auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von
+Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner
+Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht.
+Alles was in Nordika und bei den Angelos über die
+inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden
+ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus
+bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten
+Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er
+will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er
+arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste
+Stellung im Staate los. Er hält&rsquo;s mit den Alten
+<!-- page 284 -->
+und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch
+gemacht. Hier gilt&rsquo;s den ersten Streich, um ihn aus
+dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen .&nbsp;.&nbsp;. Bei
+den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen
+sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft
+seines Meisters Titschi .&nbsp;.&nbsp;. Maikkas Aussage klang
+in diesem Punkte ziemlich bestimmt .&nbsp;.&nbsp;. Und der Werthvolle
+Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische
+Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet,
+könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner
+Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig
+des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine
+Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber
+welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich
+die Windsbraut selbst schafft .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich
+anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie&rsquo;s
+bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln
+auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte
+gerade .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das thun wir auch, Tema und ich. Drum
+fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater
+ist gleichgiltig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das will sagen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist.
+Kinder stehen auf Mutterecht. Zur bestimmten Zeit
+ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte
+<!-- page 285 -->
+Thore &mdash; und kehren wieder zurück. Alles
+Uebrige bleibt den Müttern, wieder bis zu einer bestimmten
+Zeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren
+und wehrt mit dem Schwanze ab, mag nichts weiter
+hören. Schau&rsquo; Dir die Gegend an. Ehemaliges
+Sumpfland. Und jetzt! Die blühenden Gärten sind
+uns nicht über die Grenze geflogen. Schau&rsquo; Dir auch
+die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen
+Menschen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Keinen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alles ist, wie&rsquo;s gemacht wird, Land und Leute.
+Ich gestatte Dir die Nutzanwendung dieses Satzes.
+Hott, Tema!
+</p>
+
+<p>Dann fuhr Maikka fort: &mdash; Deine Bemerkung
+neulich über die schwebende Bevölkerungszahl war zutreffend
+und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß
+sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung
+an Ort und Stelle darf über die bestimmte
+Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten Staaten
+des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in&rsquo;s Blaue
+hinein vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung
+schufen. Als ob sich mit den überschüssigen Massen
+auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen ließe,
+als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und
+dann kamen ihre verdrehten Sozialpolitiker mit ihren
+einseitigen Systemen und wollten da das rabiat gewordene
+Leben hineinpressen. Wie diese durch die
+militärische Drillwuth verdummten Menschen durch ihre
+ewig fehlgeschlagenen Experimente sich nicht belehren
+<!-- page 286 -->
+ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber
+keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen.
+Was die unglücklichen Volksmassen, die Vielzuvielen,
+noch mehr durcheinander brachte, war die sogenannte
+Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure
+Ballen verschluckt wurden. Der Aermste las täglich
+seine Zeitung, sie gehörte zu seiner Mahlzeit, und den
+Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das war
+eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig
+den Krach der europäischen Zivilisation beschleunigen
+half. Die Presse nannte sich selbst eine Großmacht,
+auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format
+und ihr gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie
+wirkte wie ein schleichendes Gift. Die wahnbethörten
+Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine Gottheit,
+obwohl sie sich alle untereinander widersprachen,
+sich stets in den Haaren lagen und sich der schimpflichsten
+Dinge bezichtigten. Von diesen Zuständen
+können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen.
+Die politische Presse ist auch in Europa in dem großen
+Massengrab der Kulturkadaver mitverscharrt worden.
+Aber so lange sie da war, sorgte sie dafür, daß sie den
+Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen!
+Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise
+hockten sie auf dem engsten Raum beieinander .&nbsp;.&nbsp;.
+Fünf bis zehn Millionen oft in einer einzigen Stadt.
+Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten:
+Humanität und Internationalismus. Ihre
+Humanität bestand darin, daß sie alles Unsinnige,
+Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter
+<!-- page 287 -->
+Schonung und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln
+behandelten, während sie den ehrlichen, gesunden Leuten
+Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was hatten
+sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig
+in die Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten,
+gegenseitig belogen, betrogen, bekriegten, sich gegenseitig
+neue Bedürfnisse und Verlegenheiten anzüchteten, statt
+daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung
+blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem
+Grund sich begnügte und sein Leben nach seiner eigenen
+Art organisirte. Durch den Internationalismus ist
+das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde
+verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd
+hätte isolirt bleiben sollen, ist als Weltgift zu allen
+Völkern geflossen. So mußte aus der Menschheit, die
+nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen
+mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen
+kann, ein wüster Mischmasch werden, ein wühlender
+Krater &mdash; der dann in der bekannten Weise eruptiren
+und Alles zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles
+richtig betont worden in dem neulichen Probevortrag
+meiner Mitarbeiterin?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du
+die Sache noch besser gemacht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta
+den bekannten Skandal abstellen und Eure Menschenproduktion,
+die mir jetzt schon zu üppig scheint, ließe
+sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen,
+was würdest Du thun, um den Ueberschuß
+an Nachwuchs zweckmäßig zu verwenden?
+</p>
+<!-- page 288 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen
+vorschlagen und die verödeten Theile des alten
+Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen und
+Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes
+zu kolonisiren.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines
+verhockten Höhlenvolkes fortbringen? Wenn sie nicht
+freiwillig gingen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die
+sie hinaustriebe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die wäre?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth,
+Maikka, die leibliche und vielleicht noch mehr die
+geistige Noth.
+</p>
+
+<p>Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt
+auf der musterhaft gepflegten Fahrstraße dahin.
+Links und rechts Gehöfte mit thätigen Menschen.
+Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß
+einmal ein älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt
+nachzublicken.
+</p>
+
+<p>Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.
+</p>
+
+<p>Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan.
+Tema wählte sich die gemächlichste Gangart.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren
+nicht gegen die Straße gehen, alle gegen den Hof- oder
+Gartenraum.
+</p>
+
+<p>Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: &mdash;
+Weil die Menschen sonst zu viel schwatzen, und die
+Weisheit liegt nicht auf der Straße.
+</p>
+<!-- page 289 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte
+Grege mit Spott.
+</p>
+
+<p>Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand:
+&mdash; Flink, kutschire Du, dann stimmt&rsquo;s.
+</p>
+
+<p>Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort
+den Regierungswechsel und machte keinen Schritt mehr.
+</p>
+
+<p>Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: &mdash; Wo
+hast Du seither Deine Augen gehabt? Solche Dinge
+sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen
+dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen
+&mdash; der kleine ist zu schwach? &mdash; also zwischen
+dem dritten und vierten, und den Daumen so legen,
+so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die
+Beine nicht auseinander, Alles in Fühlung, Alles in
+festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine Zerstreuung.
+Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz .&nbsp;.&nbsp;.
+Und das will ein Staatenlenker sein, ein geborener.
+Halt, halt, mach&rsquo; mir das Thier nicht kopfscheu, Zügel
+jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du eine
+abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles
+Roß, das eine edle Leitung gewohnt ist. Hör&rsquo; mal,
+Grege, Tema verbittet sich dergleichen robuste Eingriffe
+in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in
+der Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen
+Fähigkeiten wenigstens nicht unter ihr stehe. Raubst
+Du ihr diese Illusion, dann macht sie in ihrem Jugendfeuer
+mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen
+Prozeß.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth
+<!-- page 290 -->
+zwingt das Thier, sich einen Kutscher gefallen zu lassen,
+der das Kutschiren nicht gelernt hat. Bis es über die
+Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner
+Kutsche über den Haufen wirft. Die Geschichte hat
+schon Manchem nicht bloß den Kutscherthron, sondern
+das Leben gekostet.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist&rsquo;s so recht, Maikka?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst
+die Antwort wissen. Das gute, vernünftige Thier!
+Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch
+einen erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit
+er ein besseres Fortkommen in der Welt finde! Alles
+wendet sich zu Deinem Heil!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte,
+Maikka. Der die Noth erleidet und der sie beobachtet
+und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich am
+gleichen Strang und müssen sich verständigen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In
+der alten Zeit nannte man das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik.
+Der Karren gerieth trotzdem immer
+tiefer in den Dreck.
+</p>
+
+<p>Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas
+eigenthümlich Starres, Fanatisches.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt,
+den nur das Schicksal sendet oder vorenthält. Die
+Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt
+eine Form der Noth, da lacht sich auch das Schicksal
+in&rsquo;s Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das
+Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich
+<!-- page 291 -->
+Millionen Menschen verhungern lassen, kein Geist hat
+die armen Hungertodes-Kandidaten errettet. Freilich,
+damals kannte man Deine Surros noch nicht, das
+Surrogat aller Surrogate.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich
+fürchte, er bleibt mir im Magen liegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Laß ihn liegen und schaff&rsquo; Dir einen neuen
+Magen an.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich will mir&rsquo;s merken, Maikka.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und merk&rsquo; Dir gleich noch dies dazu: Ihr
+Teutaleute habt Euch an Surrogaten verdorben. In
+Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so wächst
+Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine
+neue Küche und neue Köche an. Dann habt Ihr das
+Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht keine slovakische
+Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen
+und Neuordnungen liegt in der Küche.
+Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen einen Küchenzettel
+schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen,
+Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen
+Blut! .&nbsp;.&nbsp;. Gieb mir die Zügel, Grege, die arme Tema
+dauert mich .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger.
+Der Pflanzenwuchs kümmerlicher. Von Bäumen waren
+nur noch Birken, Eschen, Erlen und Ebereschen zu
+sehen. Die Straße führte über moorigen Grund.
+Selten war ein Gehöft zu entdecken. Hie und da ein
+Mensch in eigenthümlich langem, grauem Gewand, das
+den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob
+Mann oder Weib.
+</p>
+<!-- page 292 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du fragst nicht, Grege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was soll ich fragen? Frage Du für mich.
+Du hast mich verwöhnt .&nbsp;.&nbsp;. oder verdorben. Du
+nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!
+</p>
+
+<p>Maikka lachte: &mdash; So nimm doch wieder Alles
+zurück! Du bist die Macht, die durch Herkommen
+herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als
+Opposition bin ich von Haus aus der schwächere Theil,
+ich will die Herrschaft erst erringen. Wo hast Du jemals
+eine Macht gesehen, die sich schwach macht, sich
+selbst schwach macht .&nbsp;.&nbsp;. hü, Tema! .&nbsp;.&nbsp;. um die Opposition
+mit gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt
+mit Deiner altererbten Gewalt die Opposition aufreiben!
+.&nbsp;.&nbsp;. Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben,
+Tema, sonst führst Du die Opposition in den Morast!
+Frage, Grege, frag&rsquo;!
+</p>
+
+<p>Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische
+Zug verstärkte sich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme
+Gegend führst Du mich?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens
+Lokalfarbe. Das ist die christliche Gegend. Und die
+wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist interessant
+genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von
+Nordika, vielleicht von Europa. Und daß wir hier
+überhaupt fahren und athmen können, ohne Gefahr für
+unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die
+Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland.
+Ihre Aufopferung, ihr Fleiß brachten es
+auf den heutigen Stand. In hundert Jahren werden
+<!-- page 293 -->
+wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen
+und Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen
+nehmen ihren Beruf mit jenem himmlischen Ernst, der
+an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. Sie
+glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor,
+wie auf ihre wahre Heimath. Von der Erde und den
+Menschen begehren sie nichts, als Duldung und die
+Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen
+die kranke Erde und die kranken Menschen und trösten
+die Mühseligen und Beladenen, die hilfesuchend zu
+ihnen kommen. Sie selbst drängen sich Niemand auf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Mühseligen und Beladenen in Nordika?
+fragte Grege erstaunt, mit warmer Antheilnahme.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise,
+Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind
+es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen
+Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am
+Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben
+es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist
+die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen
+Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa
+giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes
+Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben
+unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation
+als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr
+Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda.
+Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen
+sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden
+Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen
+und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das
+<!-- page 294 -->
+christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an
+Anderen fort &mdash; oder auch nicht, ganz wie es ihnen
+das Herz eingiebt.
+</p>
+
+<p>Grege fragte nachdenklich: &mdash; Sind das nun geborene
+Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die
+wir im Asyle finden werden?
+</p>
+
+<p>Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem
+überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend
+auf Grege&rsquo;s Gemüth machte, und antwortete treuherzig:
+&mdash; Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika
+ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes
+freies Land. Wem die Natur gleich bei der
+Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige
+Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit
+des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen,
+daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder
+zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem
+anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von
+der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn
+sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit
+den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen,
+die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen
+wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck
+der Menschheit vereitelt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben
+lang .&nbsp;.&nbsp;. gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk,
+wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt
+wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe
+liegt&rsquo;s auf dieser jahrtausendalten christlichen
+<!-- page 295 -->
+Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es
+manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen.
+Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen
+der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie
+des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition,
+selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das
+innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder
+Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre
+Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich
+zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt
+jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der
+kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie,
+Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden
+ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die
+Gespenster sind doch überwunden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Poesie, ja .&nbsp;.&nbsp;. Poesie, lallte Grege, wie mit
+schwerem Kopf.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon.
+Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige
+Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? .&nbsp;.&nbsp;. Es giebt
+keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet!
+Hü, Tema!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig
+gelebter Poesie etwas ab? Ist Nordika nicht ein Idyll
+zwischen Erd&rsquo; und Himmel?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja, ja, wie man&rsquo;s nimmt .&nbsp;.&nbsp;. ein Idyll .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei
+den Angelos ein Epos, bei den Teutaleuten, na, Grege?
+</p>
+<!-- page 296 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein Drama.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit
+Satyrspiel wie bei den klassischen Alten. Sieh nur zu,
+daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt .&nbsp;.&nbsp;.
+Tema, hü! Nun werden wir&rsquo;s ja bald haben, jenseits
+des Hügels ist die Gäodrom-Station. Dann hinein in
+alle Lüfte!
+</p>
+
+<p>Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem
+Blick.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann!
+Tema hört das Singen gern, es trabt sich leichter
+beim Singen. Im Namen Tema&rsquo;s bitt&rsquo; ich Dich. Tirilire
+uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!
+</p>
+
+<p>Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Verzeih&rsquo;, Grege, ich hab Dich überschätzt. So
+juble wenigstens. Schrei Hojoho! Wir sind aus dem
+christlichen Armesünderland heraus, aus der Niederung
+der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft,
+Höhenlicht, die Herzen auf, die Welt ist so schön!
+</p>
+
+<p>Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und
+kalt saß er da.
+</p>
+
+<p>Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und
+pfiff durcheinander und fand dabei noch Zeit zu dem
+Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch eigentlich
+ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein
+waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein
+unausgetragener Stier. Ein Wasserkopf. Ein dreifacher
+Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den Asyl-Käfig
+am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen.
+Hü! Den Glücklichen bereitet er doch nur Mißbehagen.
+<!-- page 297 -->
+Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen Nordika-Sonne
+.&nbsp;.&nbsp;. Diese moderige Mumie im Garten der
+Lust .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen
+und stieß den Takt mit dem <a id="corr-10"></a>Ellbogen in Grege&rsquo;s
+Seite .&nbsp;.&nbsp;. Und um ihn recht empfindlich zu treffen,
+improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.
+</p>
+
+<p>Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn
+das zu ihrer Beschwichtigung nicht genügte, sie vom
+Sitze herunterwerfen, als der Wagen um die Ecke eines
+jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause
+hielt. Das ist ja kein Weib, das ist ein Berserker .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die
+Zügel auf den Rücken und sprang herab. Sie reckte
+und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz manierlich
+aus.
+</p>
+
+<p>Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend
+entgegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mein Sohn Ole, Gast Grege .&nbsp;.&nbsp;. Wie lebst
+Du hier? .&nbsp;.&nbsp;. Ist ein Gäodrom bereit? .&nbsp;.&nbsp;. In einer
+halben Stunde? .&nbsp;.&nbsp;. Das paßt uns. Packe unseren
+Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen .&nbsp;.&nbsp;. Du
+kommst nicht mit, Ole? .&nbsp;.&nbsp;. Schade. Uebermorgen sind
+wir wieder hier .&nbsp;.&nbsp;. Du giebst uns wenigstens einen
+verlässigen Fahrer mit? .&nbsp;.&nbsp;. Abgemacht .&nbsp;.&nbsp;. Das
+Wetter ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole .&nbsp;.&nbsp;. Aber
+warum ist mein Gast nicht einen Monat früher gekommen,
+zu den &bdquo;weißen Nächten&ldquo;? .&nbsp;.&nbsp;. Ach, Ole, Du
+glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu
+spät .&nbsp;.&nbsp;. Es ist mir eine große Freude, daß Du so
+<!-- page 298 -->
+stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, Ole .&nbsp;.&nbsp;.
+Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! .&nbsp;.&nbsp;.
+Großmutter Ingeborg? .&nbsp;.&nbsp;. Natürlich, sie ist lustig
+wie immer. Auf Wiedersehen! Gefällt Dir mein
+Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch .&nbsp;.&nbsp;. Wiedersehen!
+</p>
+
+<p>Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß.
+Maikka hieb mit blitzenden Zähnen in ihre Fladbrote
+ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. Grege
+fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel
+strich nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts
+sonderlich Bemerkenswerthes. Die fernen Berge waren
+wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich
+Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen
+Ortschaften. Viehherden mit glänzenden Kugeln an
+den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im dunklen
+Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde
+herauf. Die Luft hielt sich feierlich still.
+</p>
+
+<p>Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die
+Brotkrumen auf die Erde hinab. Einem Flug Elstern,
+der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste,
+warf sie Reste von gedörrtem Fleische zu.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt
+sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen
+sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte
+hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?
+</p>
+
+<p>Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird
+ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken
+desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können
+wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen
+<!-- page 299 -->
+und dann wieder ordnend darüber schweben wie der
+Schöpfergeist über dem Chaos.
+</p>
+
+<p>Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante
+zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die Elster war in uralter Zeit ein Weib,
+welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht
+wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie
+ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um
+Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme
+weit her über die Felder, redete der Gott sie an.
+Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von
+dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge
+hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald
+so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief
+sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so
+wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und
+kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste
+war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog.
+Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie
+bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und
+ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie:
+Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen
+ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und
+knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder
+kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem
+Wanderer: Mach&rsquo; nur, daß Du fortkommst, ich kann
+Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge
+Dir Odin gnädig sein. Nun geh&rsquo;! Da erzürnte der
+Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte,
+wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie
+<!-- page 300 -->
+auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der
+Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet
+und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du
+arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung
+gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine
+Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod
+mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße
+des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der
+Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich
+die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib
+sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt
+haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen.
+Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in
+eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr
+Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon
+begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche
+und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie
+aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie
+von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst
+ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt
+und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht
+der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden
+und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein
+Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung
+der Elster, und wer sie richtig hört, dem
+rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht
+.&nbsp;.&nbsp;. Ist Dein Herz gerührt, Grege?
+</p>
+
+<p>Er nickte mit stummem Lächeln.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl&rsquo; uns ein
+Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet!
+</p>
+<!-- page 301 -->
+
+<p>Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe
+stieg ihm in die Stirn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war&rsquo;s.
+Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück
+Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der
+Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert.
+Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem
+Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf
+seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen
+auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit.
+Von unten kam kein Laut, die Erde war wie
+ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im
+Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer
+ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der
+Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht,
+ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit
+so bleiben solle, wie er&rsquo;s entschieden. Er lauschte
+seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo
+weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er
+vernahm nichts als den verhallenden Jubel im
+Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht
+allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück,
+und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich
+das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde
+zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll
+und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum
+erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches
+Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge
+schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem
+Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung
+<!-- page 302 -->
+die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die
+Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu
+machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den
+ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es
+hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr
+geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen
+stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das
+Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich,
+von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem
+Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück &mdash; und dazwischen
+das leere Nichts, unabänderlich. Wie also
+kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das
+Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch
+wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um
+jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen
+und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem
+Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul;
+Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte
+und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung
+geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie
+auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er&rsquo;s nun recht
+bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem
+nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl
+des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das
+Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei
+und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten
+müsse. Und da schauderte der Gott vor sich
+als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches
+Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser
+Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und
+<!-- page 303 -->
+in schwere Trauer versank der Gott und seine alte
+Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß
+seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen.
+Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht
+mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte
+Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß
+.&nbsp;.&nbsp;. Siehe da, in freier Luft, nicht vom
+entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos
+tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine
+Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie
+fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen
+Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen
+Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein
+Mann .&nbsp;.&nbsp;. Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick,
+er mußte sich erst fassen, so überraschend war
+das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie
+seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das
+schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! .&nbsp;.&nbsp;.
+Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb
+uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen!
+rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen!
+.&nbsp;.&nbsp;. Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel,
+keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen!
+Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach,
+Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir
+mein Menschenreich auf Erden wieder! .&nbsp;.&nbsp;. Und er
+fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und
+wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da
+erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites
+Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst
+<!-- page 304 -->
+der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es
+da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge .&nbsp;.&nbsp;.
+Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm
+und auch die Augen öffneten sich nicht .&nbsp;.&nbsp;. Mann,
+welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der
+Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele
+und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte,
+lachend süße Weib &mdash; und reichte der stummen, bleichen
+Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie
+erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen
+weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel
+tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht
+dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib
+aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an
+seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem
+süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen
+Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels
+und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt
+der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil
+erblühe dem neuen Geschlecht .&nbsp;.&nbsp;. Und also entschwand
+lachend der Gott mit dem lachend süßen
+Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit.
+Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die
+Erde.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.
+</p>
+
+<p>Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und
+mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in
+großen Tropfen über die Wange rollten.
+</p>
+
+<p>Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem
+<!-- page 305 -->
+die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude.
+Das schied den Menschen vom Gott.
+</p>
+
+<p>Maikka streckte ihm ihre Hand hin: &mdash; Bitte
+Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende.
+Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden,
+in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht
+sein letzter Irrthum gewesen .&nbsp;.&nbsp;. Bitte ihn .&nbsp;.&nbsp;. warne
+ihn .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 306 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-22"><span class="hidden">Kapitel 22</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am
+Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht.
+Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an
+seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als
+Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete
+mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle
+Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo
+hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen?
+In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er
+schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit
+ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt?
+Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen
+schon geküßt? .&nbsp;.&nbsp;. Angstvoll zitterte ihre Stimme, als
+sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit
+und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke,
+und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.
+War&rsquo;s der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er
+aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und
+durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer
+hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen
+Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter
+Brandung .&nbsp;.&nbsp;. Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen
+<!-- page 307 -->
+Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben,
+die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen
+der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in
+tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle
+Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen
+bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die
+letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden
+Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden
+Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl
+gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten
+Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten
+Schluchtmündung. Und Alles so weiß und
+reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher,
+die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt
+zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem
+Himmel entgegenzutragen schienen.
+</p>
+
+<p>Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor
+dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene
+Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die
+Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen
+Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten,
+Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine
+alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte.
+Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem
+orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die
+Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden.
+Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich
+berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt
+einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln,
+<!-- page 308 -->
+voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des
+Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so
+oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren
+Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug
+kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und
+jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch
+schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser
+stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht
+hatte einen verklärt stupiden Ausdruck .&nbsp;.&nbsp;. Ein uraltes
+Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst
+die nämliche Strophe wiederholend, also daß
+sie Wort für Wort Grege&rsquo;s Gedächtniß sich einprägte,
+sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu
+der begleitenden Musik:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Befiehl Du Deine Wege</p>
+<p class="line">Und was Dein Herze kränkt,</p>
+<p class="line">Der allertreusten Pflege</p>
+<p class="line">Dess&rsquo;, der den Himmel lenkt.</p>
+<p class="line">Der Wolken, Luft und Winden</p>
+<p class="line">Giebt Wege, Lauf und Bahn,</p>
+<p class="line">Der wird auch Wege finden,</p>
+<p class="line">Da Dein Fuß gehen kann.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">&mdash;&nbsp;Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte
+Grege die mütterliche Christin, die als Aufseherin
+waltete.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie
+kaum mehr. Sie ist vor zehn Jahren erblindet, an
+einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt.
+Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich,
+glaube das ja nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.
+</p>
+<!-- page 309 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal
+eine junge Frau, durch eine große Gemüthserschütterung
+erblindet, ist ebenso durch eine andere
+Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das,
+christliche Frau?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur
+um noch etwas zu sagen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin.
+Die Wunder der Liebe und des Glaubens. Hast Du
+das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren seine
+Kraft nicht verloren .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen
+der Christin. Er eilte davon, und wie Nachhall
+der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein
+plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen
+dem Asyl und dem Fjord, war ein wandernder Spielmann
+eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung
+verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und
+Bauern entledigten sich ihrer Oberkleider. Erst sanfte
+Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen Nachtigallenliedern,
+dann immer wildere Spielmannsweisen und
+ausgelassenere Tänze. Alle Anwesenden schwangen die
+Beine in dem zum Ersticken heißen Raum. Und wer
+Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks
+jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend,
+wer? Ja, schön war sie, dämonisch, und ihre Blicke
+<!-- page 310 -->
+und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die
+Herzen der Männer, der &bdquo;Zottelbären&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.
+</p>
+
+<p>In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich
+das Blitzboot für den Morgen nach Angela rüste und
+noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer
+fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend
+mit Dank und Händedruck begegnet waren und
+ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch
+Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über
+das Wiedersehen am Meer. Ein Auftrag vom Aeltesten
+trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen Entschlusses
+schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen
+ihm jede erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse
+kundig waren.
+</p>
+
+<p>Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges
+Lager mit der Meldung, daß es höchste Zeit sei, sich
+in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei bereits
+fortgeschafft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine
+Frage: Ist die .&nbsp;.&nbsp;. Frau, Du weißt, mit der ich angekommen,
+zurückgekehrt vom Berge?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie
+wird wohl auf dem Berge genächtigt haben.
+</p>
+
+<p>Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der
+Thür und spornte zur Eile.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten
+Dank. Grüßt mir Euer gastliches Land .&nbsp;.&nbsp;. und die
+Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte
+<!-- page 311 -->
+dem Scheidenden die Hand. Und nimm, nach alter
+Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum Geleite
+mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was
+wir gefangen, warfen wir weg; was wir nicht gefangen,
+tragen wir bei uns!
+</p>
+
+<p>Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem
+Herzklopfen.
+</p>
+
+<p>So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher
+Fahrt in Angela zu landen.
+</p>
+<!-- page 312 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-23"><span class="hidden">Kapitel 23</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich
+Grege als treue Freunde. Mit klugem Rathe wiesen
+sie ihm die Wege im fremden Lande.
+</p>
+
+<p>Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und
+unterrichteten ihn in allen wissenswerthen Dingen, damit
+er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an den
+Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze
+des Teutastaates bewirken könne.
+</p>
+
+<p>Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger
+Bauart geleiteten sie ihn in einen Vorort der Hauptstadt
+und brachten ihn in eine Herberge, genannt &bdquo;Zum
+tollen Junker Heinz&ldquo;. Grege, der sentimentalen Auffassung
+der irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue
+mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das Ueberraschendste
+traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als
+objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie
+dereinst in wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des
+eigenen schöpferischen Wesens, das berufen ist, sich seine
+Welt zu gestalten.
+</p>
+
+<p>Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken
+eine ungeheuere Stadt mit Millionen Menschen gährte
+und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, wird
+er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit
+<!-- page 313 -->
+der stillen Sicherheit des Forschers, den keine feindliche
+Macht erschreckt.
+</p>
+
+<p>Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse
+stürzen auf das Dach, so daß sich sein kleines
+Gemach mit trommelndem und plätscherndem Geräusch
+erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man
+ihm gesagt, hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit
+nimmt zu, Grege sorgt mit einem Fingerdruck
+auf den Lichtträger für künstliche Helle.
+</p>
+
+<p>Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment
+zu entrollen. Auf dem Bauche liegend &mdash;
+das Lager ist raffiniert elastisch gebaut &mdash; und den
+Kopf auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten
+Fingern die vornüber wallenden Haare zurückhaltend,
+beginnt er laut in das Geräusch des Unwetters die
+lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als
+handle sich&rsquo;s um den Genuß einer Dichtung, zu welcher
+die Elemente selbst die Begleitmusik machen.
+</p>
+
+<p>Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend,
+den Sinn übertragend in Klang und Rhythmik:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden,
+doch nicht bei uns, meine Brüder: da giebt es
+Staaten.
+</p>
+
+<p>Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir
+die Ohren auf, denn jetzt sage ich Euch mein Wort
+vom Tode der Völker.
+</p>
+
+<p>Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer.
+Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem
+Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.
+</p>
+
+<p>Lüge ist&rsquo;s! Schaffende waren es, die schufen die
+<!-- page 314 -->
+Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe
+über sie hin: also dienten sie dem Leben.
+</p>
+
+<p>Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für
+Viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert
+und hundert Begierden über sie hin.
+</p>
+
+<p>Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat
+nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an
+Sitten und Rechten.
+</p>
+
+<p>Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht
+seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der
+Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten
+und Rechten.
+</p>
+
+<p>Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten
+und Bösen; und was er auch redet, er lügt &mdash; und
+was er auch hat, gestohlen hat er&rsquo;s.
+</p>
+
+<p>Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen
+beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.
+</p>
+
+<p>Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses
+Zeichen gebe ich Euch als Zeichen des Staates. Wahrlich,
+den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!
+Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
+</p>
+
+<p>Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen
+ward der Staat erfunden!
+</p>
+
+<p>Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen!
+Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!
+</p>
+
+<p>Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der
+ordnende Finger bin ich Gottes &mdash; also brüllt das
+Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte
+sinken auf die Kniee!
+</p>
+<!-- page 315 -->
+
+<p>Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er
+seine düsteren Lügen! Ach, er erräth die reichen Herzen,
+die gerne sich verschwenden!
+</p>
+
+<p>Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten
+Gottes! Müde werdet Ihr vom Kampfe, und nun dient
+Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
+</p>
+
+<p>Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen,
+der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein
+guter Gewissen, &mdash; das kalte Unthier!
+</p>
+
+<p>Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet,
+der neue Götze: also kauft er sich den Glanz Eurer
+Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.
+</p>
+
+<p>Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein
+Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes,
+klirrend im Putz göttlicher Ehren!
+</p>
+
+<p>Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das
+sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst
+allen Predigern des Todes!
+</p>
+
+<p>Staat nenne ich&rsquo;s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute
+und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren,
+Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord
+Aller &mdash; das Leben heißt.
+</p>
+
+<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen
+sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen:
+Bildung nennen sie ihren Diebstahl &mdash; und Alles wird
+ihnen zu Krankheit und Ungemach!
+</p>
+
+<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind
+sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es
+Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich
+nicht einmal verdauen.
+</p>
+<!-- page 316 -->
+
+<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer
+erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen
+sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, &mdash;
+diese Unvermögenden!
+</p>
+
+<p>Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie
+klettern über einander hinweg und zerren sich also in
+den Schlamm und die Tiefe.
+</p>
+
+<p>Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn
+ist es, &mdash; als ob das Glück auf dem Thron säße!
+Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron &mdash; und oft
+auch der Thron auf dem Schlamme.
+</p>
+
+<p>Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde
+Affen und Ueberheiße. Uebel riecht mir ihr Götze, das
+kalte Unthier: übel riechen sie mir alle zusammen,
+diese Götzendiener.
+</p>
+
+<p>Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste
+ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die
+Fenster und springt in&rsquo;s Freie!
+</p>
+
+<p>Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege!
+Geht fort von der Götzendienerei der Ueberflüssigen!
+</p>
+
+<p>Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege!
+Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!
+</p>
+
+<p>Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde.
+Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame,
+um die der Geruch stiller Meere weht.
+</p>
+
+<p>Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben.
+Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen:
+gelobt sei die kleine Armuth!
+</p>
+
+<p>Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der
+Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das
+<!-- page 317 -->
+Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche
+Weise.
+</p>
+
+<p>Dort, wo der Staat aufhört, &mdash; so seht mir doch
+hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen
+und die Brücken des Uebermenschen? &mdash;
+</p>
+
+<p>Also sprach Zarathustra.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf
+die Blätter, visionär, wie entrückt in ferne Vergangenheit,
+während er im Tone Zarathustra&rsquo;s weiter sprach,
+improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger?
+War er&rsquo;s nicht selbst gewesen, der die nämliche Rede
+schon gehalten, damals .&nbsp;.&nbsp;. damals, Wort für Wort .&nbsp;.&nbsp;.
+als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus
+tanzte .&nbsp;.&nbsp;. in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen
+Bergen, in die er geklettert, weltmüde, aus dem
+Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen Kopf gesenkt,
+also daß das Hirn in wildem Feuer stand .&nbsp;.&nbsp;.
+Eisberge unvermögend, den Brand zu löschen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Unsinn, Unsinn!
+</p>
+
+<p>Dann sprang er auf und lachte so grimmig und
+grell .&nbsp;.&nbsp;. wie einst jene Frau, als sie ihn auf das
+Drachenschiff entbot.
+</p>
+
+<p>Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und
+Uebermenschen, selbst Alles noch so gefunden haben,
+wie es Zarathustra vor tausend Jahren herausgearbeitet
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Besser so, jetzt geht es desto schneller .&nbsp;.&nbsp;. Krystallhart
+schossen seine Gedanken in einander zu unzerreißbarem
+Gefüge .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es.
+<!-- page 318 -->
+Da trat ein ältlicher, schwarz gekleideter Mann herein,
+mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz, ein
+schlotteriges Knochengestell.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann
+er, wie ein Schauspieler, der eine komische Rolle hersagt,
+&mdash; ich bin der Wirth zum tollen Junker Heinz,
+und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren
+Vorhandensein bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit
+mich trifft, das Glück hat, dadurch an Bedeutung
+zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines Gastes
+übereinstimmt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was sollen die Umschweife? Schnell, was
+giebt&rsquo;s? Ich habe keine Zeit, Mann!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft
+eines Herbergvaters in Ihrer Majestät der Kaiserin
+von Indien und Königin von Jerusalem und anderer
+Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen.
+Wessenmaßen ich mir in aller Unerfahrenheit allerlei
+Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten, benebst der
+hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals
+gezogen. Derohalben giebt&rsquo;s erstens kund zu thun, daß
+Ihr keine Gastfreundschaft auf Staatskosten bei mir zu
+erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa noch
+zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter
+Arbeit ersetzen oder andere Unterkunft als beim
+tollen Junker Heinz suchen müßt; zweitens giebt&rsquo;s von
+Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu
+leisten vermögt, welches Euer Nam&rsquo; und Art und mit
+welcherlei staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland
+aufzuhalten gedenkt.
+</p>
+<!-- page 319 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was
+Euer Begehr!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr
+ein Gentleman oder etwas Anderes?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bin&rsquo;s.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem
+Wege?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aus Nordika, durch Wasser und Luft.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch
+rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns manchen
+leichten Gesellen an&rsquo;s Land und manches gelüstige
+Dirnlein in&rsquo;s Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein
+Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr kuranten
+Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten,
+wenn unsere hohe Polizei, mit Respekt zu
+sagen, Euch den Brotkorb der Gastfreundschaft zu hoch
+hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das
+Glück, Euch in einem weise und streng geordneten
+Staate Eueres Aufenthaltes zu freuen, Gentleman.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so
+überrascht Ihr mich. Von all&rsquo; diesen Dingen haben
+mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen
+kannten vermuthlich den neuen Wirth zum
+tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen
+Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen,
+Gentleman, siehe, es ist Alles neu geworden, und bedenkliche
+Dinge bereiten sich vor in unserem Weltreich
+beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch
+so zu fragen, wie ich&rsquo;s thue, selbst auf die Gefahr hin,
+<!-- page 320 -->
+den Beifall eines so großen Weltreisenden, Gentleman,
+zu verscherzen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Je nun, Mann, was soll ich da sagen?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was man so die Wahrheit nennt, wenn&rsquo;s Euch
+beliebt. Zu welcher Gilde gehört Ihr? Zu Nummero
+Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen
+Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden
+schon die reichsten Leute der Welt gewohnt,
+Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt Ihr zum
+Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der ist hier die größten Summen schuldig
+geblieben. Seine Rechnung könnt Ihr heute noch im
+Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau
+des Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel
+in&rsquo;s British Museum abgeliefert. Dort steht er noch.
+Die größten Gelehrten aller Rassen machen dort seit
+tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir
+John Falstaffs Rechnung, notabene mit doppelter
+Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum tollen Junker
+Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der berühmtesten
+Sehenswürdigkeiten im British Museum, da
+ist unser königlich kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall
+dagegen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ah das, richtig. Wo ist .&nbsp;.&nbsp;. dieser Hundestall
+zu sehen? Zuverlässig?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In Kensington. Das ist eine ganze Stadt,
+keine kleine Anlage. Ihr könnt, gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr
+von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst
+dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch,
+<!-- page 321 -->
+nach verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten
+Männer in musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse.
+Ihr werdet Furore machen, mein Wort,
+Gentleman.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich bitte Euch, &rsquo;meine Person aus dem Spiele
+zu lassen. Durch ernsthafte Belehrung über diesen
+Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden.
+Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und
+vor einander sicher? Also erzählt!
+</p>
+
+<p>Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über
+das ganze Gesicht, schnitt eine lächerlich komische Fratze,
+setzte sich Grege gegenüber und begann:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns
+Mensch heißt, die Polizei eingeschlossen, mit Respekt zu
+sagen, hat seinen Narren an diesem königlich-kaiserlichen
+Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er amüsant
+ist &mdash; lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen,
+mein Wort darauf! &mdash; zum Zweiten, weil die Welt
+nicht seines Gleichen hat. Angelos-Idee, kein amerikanischer
+Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm&rsquo; mich!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zur Sache!
+</p>
+
+<p>Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über
+einander und spuckte seitwärts an die Wand: &mdash; Gott
+verdamm&rsquo; mich, wenn ich nicht mitten drin bin in der
+Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer,
+bevor ich Leichenschauer wurde, war ich .&nbsp;.&nbsp;. ich weiß
+nicht was, aber vorher, Gentleman, war ich einer der
+respektabelsten Aufseher im Königlich-Kaiserlichen, also
+in eben diesem Menschengarten. Das verliert sich nicht.
+Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin,
+<!-- page 322 -->
+Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen,
+Thatsachen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ist das Alles? Ich danke.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur,
+die Erinnerung überwältigt mich. Geduld, Gentleman.
+Wer nicht drin war, weiß sich das nicht zusammen zu
+reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem
+Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber
+sie werden schlechter und schlechter, wegen Unzulänglicher
+Behandlung, und endlich sterben sie aus, wie
+der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im
+Wappen haben, oder wie der größte Dichter Shakespeare,
+der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere
+Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer
+schlechten Laune &mdash; nicht alle Völker haben den Humor,
+wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in Nordika! &mdash;
+Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie
+also, damit wir die Rassen rein und vollzählig erhalten,
+in guten Exemplaren, kapabel zur Fortpflanzung,
+amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und
+das Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman.
+Wir besitzen ganz Afrika, Asien haben die verdammten
+Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir
+besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim
+keine Revolution bekommen oder nachher, nehmen wir
+ganz Europa, ohne Nordika, selbstverständlich, wasmaßen
+die Nordikaner unsere besten Freunde sind. Aber
+das übrige Europa ganz, wir werden&rsquo;s ausputzen, auflackiren,
+poliren, präsentabel machen, ertragsfähig. Ein
+großes Geschäft, würdig unserer Firma. Verstanden,
+<!-- page 323 -->
+Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die
+schwarze Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt
+worden. Es giebt keinen Hottentotten mehr, leider.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das bezweifle ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr,
+Gentleman. Nicht eine Nasespitze von einem Hottentotten,
+nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak langt.
+Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind
+nun in Europa noch einige brauchbare Italianos,
+Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden &mdash; und was
+weiß ich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Teutaleute, nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute,
+sehr gut. O, das ist eine Historie, da komm&rsquo; ich sofort
+darauf zurück. Also wir verschaffen uns von diesen
+interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare &mdash;
+kein leichtes Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist
+nicht so schwierig und gefährlich, als einen gesunden
+Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen,
+mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde.
+Mein leiblicher Bruder ist dabei umgekommen, neulich
+erst .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Grege rückte einen Schritt zurück: &mdash; Keine Familienszenen,
+das wäre indiskret. Also Ihr habt die
+reinen Exemplare in Eurem Menschengarten, paart sie
+&mdash; was dann?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten
+zugelassen, und von deren Nachzucht wieder nur die
+Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die mißlungenen
+Nachwuchsexemplare werden kastrirt.
+</p>
+<!-- page 324 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren,
+die sich immer weiter vermehren, was geschieht da?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als
+Setzlinge in unsere Kolonien, nach Afrika, und später,
+wenn wir ganz Europa haben, in ihre Originalländer,
+unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt
+und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt
+ist.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und wenn sich im Garten ein zu starker
+Ueberschuß ergiebt, oder wenn einzelne Paare durch
+Krankheit oder Tod zerrissen werden?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da giebt&rsquo;s zu lachen, großartig, Gentleman.
+Reiche, vornehme Herrschaften, Damen und Herren, erlegen
+dem Staate hohe Werthe, dafür dürfen sie sich
+überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu
+sich nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte
+Zeit, nur so, damit es nicht wie Sklavenhandel aussieht.
+Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui .&nbsp;.&nbsp;. und bei
+Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit
+ist, hui hui! Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr
+den Humor von der Sache? Das Vergnügen an rasse-echtem
+Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und
+seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui
+hui .&nbsp;.&nbsp;. Wir lieben die Welt, weil wir sie haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hm.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben.
+Das ist eine Handvoll Guineas werth.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort,
+nicht wahr, die Wenigsten finden&rsquo;s so gut daheim.
+<!-- page 325 -->
+Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische Aufsicht,
+Training .&nbsp;.&nbsp;. hm .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn
+man sie erwischt?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung,
+Tretmühle, je nach Befund. Wir Angelos sind die
+humanste Nation der Welt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was ist sonst noch da?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung
+gelehrter Professoren und solcher Kerls.
+Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung entstehen,
+Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus
+dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten,
+Hofprediger und als Gegensatz Hungerkünstler, aus
+Schullehrer-Dynastien mit einem halben Hundert Ahnen,
+Spiritisten, Juristen .&nbsp;.&nbsp;. seht&rsquo;s Euch selbst an, Gentleman.
+Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr?
+Habt Ihr unsere Schatzkammern gesehen? Unsere
+Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen Seiten der
+Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht.
+Die Leute in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen,
+sehen von der ganzen Welt nur, was sie auch vom
+Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen
+sie von allen Seiten, wir drehen auch den Mond noch
+herum, mein Wort darauf, Gentleman .&nbsp;.&nbsp;. Verdammtes
+Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür
+jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt
+Ihr unsere Schiffe gesehen? Ihr glaubt wohl, wir
+hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den allerneuesten
+Fahrzeugen auch die guten alten, offene und
+<!-- page 326 -->
+gedeckte Schiffe, mit Segeln und mit Panzerthürmen .&nbsp;.&nbsp;.
+Jetzt eilt mir&rsquo;s, Gentleman.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Noch einen Augenblick .&nbsp;.&nbsp;. Der Regen platscht
+fürchterlich .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet
+die Erklärungen, Gentleman. Worüber wir
+vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet
+auf eine Historie von Teuta an, dem wunderlichen
+Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein
+Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gott verdamm&rsquo; mich, <a id="corr-11"></a>Gentleman, das hätte ich
+wahrhaftig vergessen. Wurde da vor Wochen vom
+Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib erworben,
+von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten
+Merkmalen echter Rasse, jung, intelligent, aber .&nbsp;.&nbsp;.
+aber .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Also verrückt!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Blind?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht
+blinder sein.
+</p>
+
+<p>Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren,
+mit kalter Sachlichkeit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf,
+Gentleman. Ich kann&rsquo;s nicht so nobel geben. Ich
+diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor:
+<!-- page 327 -->
+Was wollen die guten Leute mit einem blinden
+Weibe?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was
+wollen die Menschen mit blinder Liebe? Ist Blindheit
+immer ein Nachtheil? Die blinde Person war sehr
+werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die
+Tinte blicken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was konnte sie?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;In die Tinte blicken, die Zukunft errathen.
+Sie war eine Seherin .&nbsp;.&nbsp;. Ich mache mir meine Gedanken,
+vielleicht ließ man sie gerade darum laufen.
+Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz
+der Welt. Es ist nicht immer gut, Alles vorher zu
+wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen werfen,
+heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und
+man kann&rsquo;s nicht hindern. Blind drauflos ist eine
+gute Sache, Gentleman. Es ist eine kritische Zeit.
+Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das Frauenzimmer
+wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes
+prophezeien, so viel sie will, und Unheil anrichten.
+Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn wir nicht damit
+spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr,
+Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich
+verrathen sie sich gegenseitig, wie dieser rundköpfige
+Kretin. Was meint Ihr, Gentleman?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Alles ist Geschäft .&nbsp;.&nbsp;. Bitte, fahrt fort. Vom
+rundköpfigen Kretin.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer
+Gelehrter, Ihr kennt die Welt. Die ganze Weltgeschichte
+ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein geriebener
+<!-- page 328 -->
+Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich
+seh&rsquo;s an Euren Augen, Ihr habt viel erlebt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt
+Ihr Recht haben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hab&rsquo; ich, Gentleman. Euer Wille geschehe.
+Was wollt&rsquo; ich sagen? Das Komische an der Historie
+ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem
+eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem
+Königlich-Kaiserlichen in die Hand gespielt worden ist.
+Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman? Zweitens,
+daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht
+erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;An den schuftigen Liebhaber? In der That
+ein komischer Fall.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta
+selbst. Auf diplomatische Einmischung. Die Diplomatie
+von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche. Das
+Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch
+mit einem jungen Diplomaten des Landes in zarten
+Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger begünstigt
+glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft
+zu revanchiren. So mag&rsquo;s wenigstens sein. Der junge
+Diplomat zerschlug den Handel und brachte seinen
+Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen
+gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas
+Geeigneteres zu liefern. Aber die lachhafteste Seite
+der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht.
+Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem
+Spaß, trotz der ernsten Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten
+<!-- page 329 -->
+sind ernst, auch ohne den neuen Polizeipräsidenten.
+Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos
+zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster
+in die Visage kleben müssen, Gentleman.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte,
+Teuta werde den Angelos den Krieg erklären, wenn
+sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst abwickelt.
+Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das
+Bild? Teuta gegen Angelland! Ja, die Zeiten sind
+lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch die
+Historie?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen
+des Weibes? fragte Grege etwas dringender.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen.
+Zala hieß es, Gentleman.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman.
+Uebrigens Zala oder Jala, das ändert nichts am Spaß.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wahrhaftig nicht.
+</p>
+
+<p>Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter
+Lustigkeit die Hände: &mdash; Ich dank&rsquo; Euch für die feine
+Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat mir
+ordentlich Appetit gemacht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch
+zu Diensten. Oder ein Glas Punsch oder .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen
+Teuta. Das möcht&rsquo; ich mir nun doch einmal besehen,
+so schnell als möglich.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch
+<!-- page 330 -->
+zuvor unser Land gut anzusehen, dann findet Ihr in
+Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr bedürft
+der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet
+Ihr an kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman,
+Ihr habt einen erregbaren Kopf. Oder an Nachtschweiß?
+Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman,
+Ihr bedürft meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich
+bin zwar Leichenschauer gewesen und mein letztes Weib
+selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein Lachs.
+Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir
+haben auch eine sehr interessante königlich-kaiserliche
+Familie, zahlreich wie sämtliche Patriarchen des Orients,
+und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien gemacht
+werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet&rsquo;s
+mir danken, es ist ungeheuer sehenswerth. Wir salben
+Könige, die nichts zu thun brauchen, als sich salben zu
+lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche
+Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick
+zu erfreuen. Alles Uebrige besorgen wir selbst. Die
+Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist gut, so lange
+man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran
+glauben. Wir haben viele Völkerschaften, die dran
+glauben. Also sind unsere Könige so nützlich wie
+unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes
+Bild.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich
+Fahrgelegenheit nach Teuta finde?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere
+Sache mit der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen.
+Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden?
+</p>
+<!-- page 331 -->
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein
+Witzbold.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und Euer Name?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Drachenschiff!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen,
+mit Respekt zu sagen. Und tragt Ihr Werthe bei Euch,
+Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch, und
+der <a id="corr-12"></a>Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann
+im Rath.
+</p>
+
+<p>Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie
+auf den Tisch, Zarathustra und Jesus Sirach: &mdash;
+Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker,
+meine Familienpapiere!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt&rsquo;s
+nicht, kann&rsquo;s Euch den Hals kosten. Aber was geht
+mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu befriedigen,
+mit Respekt zu sagen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Bei Sir John <a id="corr-13"></a>Falstaffs Andenken, hier wird
+nichts vergessen, Gentleman. Gottbei!
+</p>
+
+<p>Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges
+Knochengestell in dem schwarzen Futteral mit der komischen
+Fratze gebückt durch die niedrige Thür schiebend.
+</p>
+
+<p>Grege warf sich auf&rsquo;s Lager und wand sich in
+Krämpfen wie ein Epileptiker. Es ging vorüber. Der
+letzte Gram war abgeschüttelt.
+</p>
+
+<p>Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes
+Gesicht. Teufel!
+</p>
+
+<p>Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten.
+<!-- page 332 -->
+Das zwang ihn, zu wandern, die Kreuz und Quer,
+in Unrast seine kritischen Speere schleudernd auf Alles,
+was ihm begegnete. Daß hier Alles in&rsquo;s Titanenhafte,
+Kolossale getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine,
+Widersinnige, Tyrannische war das Besondere, was
+ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles
+hinein schlug die See, das Weltmeer. In den Augen
+der unbeirrte Blick auf fernste Horizonte, Nacht und
+Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man
+die Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln.
+Die Menschen wie verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk!
+Wer die See hat, hält die Welt, hält das gewaltige
+Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf
+Schritt und Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins
+schlug ihm überall prahlerisch
+entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller
+Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner,
+die sogar in deren Nachäffung Orgien feierte,
+erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste,
+was er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein
+dämonischer Humor, der jeder Verzweiflung Herr wird,
+schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des Alleinherrschenwollenden,
+dem der Eroberungsfanatismus zum
+sechsten Sinn geworden.
+</p>
+
+<p>Das Allermerkwürdigste dünkte ihm &mdash; und das
+war vielleicht der Schlüssel, sich Angellands räthselhafte
+Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig erhalten
+und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles
+Gegenwärtige schien gewachsen wie aus einem einzigen
+Wurzelkomplex, der bis in den tiefsten Boden der Vergangenheit
+<!-- page 333 -->
+reichte, mit vielen jüngeren, üppig genährten
+Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den
+Angelos nur ein Nebending, das sie nur als einer
+ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte. Ihr Reich war
+die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo
+ein Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte
+er seine wuchtige Eigenart auf und formte es rücksichtslos
+zu seiner Heimath. So ward er überall der
+Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und
+pflückte überall die Freuden der Heimath .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen
+gab, die ganze Fülle der Gesichte eines in&rsquo;s Riesige
+entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem königlich
+kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem
+Wege. Er wußte genug davon. Und er wollte keine
+Gefühle zwecklos verpuffen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach
+einem Ziel: Teuta! Kalte Ueberlegung. Keine Vergeudung
+der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>In Teuta &mdash; klingt&rsquo;s nicht wie ein Märchen? &mdash;
+hat bereits Einer den Kopf zu erheben und den Angelos
+mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas
+willen? Und dieser Eine .&nbsp;.&nbsp;. war nicht Grege?
+</p>
+
+<p>Teufel!
+</p>
+
+<p>Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das
+Weib an?
+</p>
+
+<p>Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen,
+handelte sich&rsquo;s um mehr, als um das Weib.
+Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu
+<!-- page 334 -->
+entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann
+ganz andere Dinge zu holen.
+</p>
+
+<p>Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge
+in das Jala-Abenteuer. Wer war der rundköpfige
+Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht
+sagen wollte?
+</p>
+
+<p>Aber die letzte große That war allein entscheidend.
+Die wartete auf ihn. Das fühlte er. Welche That?
+Festzustellen in&rsquo;s Einzelne vermochte er sie nicht. Er
+sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer
+glühender wurde, eingehüllt in einen dicht geballten
+schwarzen Nebel. Wenn die Stunde gekommen, mußte
+der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles
+stand im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war
+die leuchtende That, aus dem Dunkel geboren. Die
+Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich
+trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit,
+die Neugeburt der königlichen Seele .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit
+Angellands verflog plötzlich alle Mystik. Grege
+knirschte: &mdash; Ganz Teuta auf Schiffe packen und
+hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das
+Weltmeer zu reiten, wie die urgermanischen Vorfahren
+im Norden .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Wer lacht so grell?
+</p>
+
+<p>Teufel!
+</p>
+<!-- page 335 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-24"><span class="hidden">Kapitel 24</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein
+wenig an die Bewegung in freier Luft zu gewöhnen
+und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein
+Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und
+hatte eine ganz kleine Strecke der unendlichen Feststraße
+in Begleitung der Aeltesten vom Festbund abgeschritten,
+richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses
+Opfer. Nach Aos Gefühl war&rsquo;s ja einfach menschenunwürdig,
+überhaupt sich in der Oberwelt zu bewegen.
+Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht riechen.
+Und erst das freie Licht! Giebt&rsquo;s etwas Brutaleres
+als freie Luft und freies Licht, etwas Undisziplinirteres?
+Was nahm sich das natürliche Licht nicht für
+Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der
+späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel
+gegen Westen ein lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl
+noch ein brennender Stachel mit Widerhaken, einem
+das Auge aus dem Kopf zu reißen!
+</p>
+
+<p>Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.
+</p>
+
+<p>Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten,
+das Wetter werde nach einer solchen Abendröthe prachtvoll
+<!-- page 336 -->
+werden und das Fest und sein feierliches Gepränge
+in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös
+zusetzen. Der halbe Zug wird auf dem Wege liegen
+bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom
+Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll
+werden oder wie Fliegen umfallen, die heiligen
+Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der
+Kaserne werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden
+sich füllen, kurz, es wird ein unerträglicher
+Skandal sein.
+</p>
+
+<p>Und das Alles komme davon, daß man das Fest
+zum dritten Mal verschoben, diesem überspannten Soundso
+zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu
+lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe
+auf seine Geduld und Ergebung in den Willen des
+hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe
+an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und
+bedürfe eigentlich nicht des festlichen Lärmes, wenigstens
+nicht jedes Jahr. Und bis zum nächsten Jahre
+hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr
+Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen
+gesagt, sei es nicht einmal der Beruf des jungen
+Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und dem
+Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren.
+Das sei auch ein Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der
+Jugend überhebe und auf allerlei ungewöhnliche &bdquo;Effekte&ldquo;
+sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres Teutavolkes,
+könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und
+im Sinne des göttlichen Uebermenschen Zarathustra
+<!-- page 337 -->
+und des großen Mysteriums unserer Nationalgottheit
+ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.
+</p>
+
+<p>Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten
+leider die Aeltesten vom Festbunde wenig. Ao mußte,
+nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in einer
+Sänfte noch in&rsquo;s Gotteshaus und in&rsquo;s Museum schleppen
+lassen, um sich durch den Augenschein von den Erneuerungen
+zu überzeugen und oberpriesterlich zu bestätigen,
+daß Alles in schönster Ordnung. Das Gotteshaus
+und das Museum lagen an entgegengesetzten
+Punkten der bald zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße
+an den Abhängen der uralten grauen Schuttberge,
+mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße
+in einer großen Spirale endigte, stand auf einem,
+die anderen um Weniges überragenden Schuttberge das
+Königsschloß, auf dessen Terrasse der Schlußaktus der
+Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike
+Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk
+lagerte sich dann in weitem Umkreise auf die Abhänge
+der Schuttberge, auf Freitreppen und Terrassen und
+erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige
+Grege improvisirten Verspottungs-Komödie, die in
+Reden, Geberden und Tänzen bestand, parodirend nachgeahmt
+den alten Hof-Zeremonien der Majestätsperiode
+früherer Jahrtausende.
+</p>
+
+<p>So war es immer, und so sollte es auch diesmal
+sein, nur mit dem geheimgehaltenen Unterschied, daß
+jetzt Soundso&rsquo;sche Automaten die lebendigen Figuren
+ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen,
+weil sie für einen Automaten zu gefährlich war und
+<!-- page 338 -->
+leicht zu seiner Entlarvung führen könnte. Sie bestand
+in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich die
+Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen
+der in der Spirale stehenden Festgenossen abschreitend,
+die Trinkgelder &mdash; alten Münzen nachgeahmte Spielmarken
+&mdash; einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit,
+und mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die
+tollsten Stichelreden .&nbsp;.&nbsp;. Statt dieser Scene hatte Soundso
+eine groteske Tanznummer zugebilligt erhalten,
+für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach,
+wenn man ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und
+das Fest noch um eine Woche verschiebe. Soundso
+setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er
+die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen
+hatte. Was setzte er nicht durch? Die Hauptrolle bei
+diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten Tanzkünstlerinnen
+spielen, deren Namen er noch geheimhalte,
+und das Volk würde dabei das Schauspiel einer bis
+&mdash; zur Nacktheit verhüllten wunderschönen Frau haben,
+einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen sehe,
+was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch
+die naivste Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die
+Aeltesten vom Festbunde diesen Plan Soundsos mit
+beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger
+die oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes
+zum Gotteshause emporschleppten. Das Gotteshaus
+war, wie die übrigen Baudenkmäler der versunkenen
+Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne,
+das Zuchthaus u.&nbsp;s.&nbsp;w., in verjüngtem Maßstabe nach
+<!-- page 339 -->
+berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes Jahr waren
+Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester
+oder ein Anderer vom hohen Rath persönlich
+überzeugen mußte.
+</p>
+
+<p>Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die
+heilige Kommission damit beschäftigt, die Reliquien
+Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen und
+die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission
+begrüßte den Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn
+ein, die Prüfung mit seiner persönlichen Theilnahme
+zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit sieben
+Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest,
+daß die Siegel, welche der seidenen Umhüllung der
+Reliquien im vorigen Jahr von Staatswegen aufgedrückt
+worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die
+Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und
+dem Oberpriester gezeigt: zuerst das Gewand der
+Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des
+Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das
+Lendentuch Zarathustra&rsquo;s selbst. Ao fand, daß die
+Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen merkwürdig
+frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht
+moderig dufteten. Worauf ihm die heilige Kommission
+lächelnd erwiderte, das käme erstens vom spezifischen
+Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der
+vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten
+Rohstoffe, drittens von einem patentirten,
+diskret verwendeten Reliquien-Mottenpulver, dessen man
+selbst bei dem wirkungsvollsten Mysterium dieser Art
+nicht ganz entrathen könne.
+</p>
+<!-- page 340 -->
+
+<p>Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie
+des Thurmes getragen, um von dort herab beim
+Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu
+werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet.
+Das Volk erwartete auch keine, es hatte an seiner objektiven
+Gläubigkeit vollkommen genug. Die religiösen
+Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube
+oder Nichtglaube.
+</p>
+
+<p>Diese und andere Vorübungen für das Gelingen
+des Festes waren beendigt .&nbsp;.&nbsp;. und Ao war halbtodt
+vor Anstrengung.
+</p>
+
+<p>Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe
+ließe, damit er sich bis morgen von den Strapazen
+erholen könnte.
+</p>
+
+<p>Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die
+Welt hieß Soundso.
+</p>
+
+<p>Athemlos flog der Diplomat herein: &mdash; Hoheit,
+sie will nicht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wer will nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Der Automat Jala?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Jala in Person, Hoheit.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du sie denn?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Schweig, mich trifft der Schlag .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ao versank zu einem runden Klumpen in die
+seidenen Polster.
+</p>
+
+<p>Der hohe Rath wurde herbeigerufen.
+</p>
+
+<p>Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung.
+Die Hoheiten nahmen sich heraus, seine Eigenmächtigkeit
+<!-- page 341 -->
+zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort persönlich
+vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung
+aus fremden Tyrannenhänden schildere. Das fehle
+noch, daß ihm seine That im Interesse des Staates
+zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither
+nicht zu den Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden
+gehört.
+</p>
+
+<p>Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer
+den hohen Rath überhaupt nicht kümmere.
+Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen Frauensperson
+den Verführer Grege eingeliefert, das wäre
+etwas Anderes gewesen. Jala besitze nicht die Qualität,
+den hohen Rath zu interessiren, bestätigte Bim.
+</p>
+
+<p>Der Automat des galanten Minus träumte
+schweigend hinter einem Schirm in der Ecke. Der Fall
+Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen.
+In seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine
+Stelle.
+</p>
+
+<p>Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen.
+Abgesehen davon, daß sie in der Schlußnummer des
+Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil den
+Grege &mdash; diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen
+&mdash; ersetzen müsse, da man dem Automaten gewisse
+Verrichtungen nicht anvertrauen könne, gebe
+Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch
+auf die Spur des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege
+hat das verliebte Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken
+der Frauenstadt fortgelockt, um die Thörin unterwegs
+sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß!
+</p>
+<!-- page 342 -->
+
+<p>Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen,
+komme ihm vor, als wolle man nach dem Schweif
+eines verschwundenen Kometen greifen.
+</p>
+
+<p>Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm
+gelüste, diesen Griff zu thun, werde er nicht mit leeren
+Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle
+sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen
+Nachfeier des unter so außerordentlichen Umständen
+ermöglichten Nationalfestes den biederen Onkel Grege
+herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der
+hohe Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige
+Jala willfährig zu machen. Es sei dies ganz einfach
+eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese von
+der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten
+werden? Er, Soundso, wasche seine Hände in
+Unschuld.
+</p>
+
+<p>Das wirkte.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao
+zu befehlen, daß uns die Tänzerin sofort vorgeführt
+werde.
+</p>
+
+<p>Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum
+in sicherem Gewahrsam.
+</p>
+
+<p>Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten
+herzubringen. Es sollte eine kleine Seelenfolter
+angewendet werden. Automat Grege, das war
+Soundsos plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen,
+daß er soeben eingefangen und hierher geschleppt worden
+sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala sich
+nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.
+</p>
+
+<p>Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos,
+<!-- page 343 -->
+zur Nationalfeier eingeladen, bei dem Oberpriester zur
+Begrüßung melden.
+</p>
+
+<p>Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten,
+den Mann zu empfangen, er ließe für den
+Gruß danken und erwidere ihn.
+</p>
+
+<p>So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er
+schickte die mißmuthige Antwort herein, daß es dem
+obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein
+müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich
+nicht bloß um eine förmliche Begrüßung, sondern zugleich
+um eine wichtige diplomatische Unterredung in
+Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende
+Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die
+Teutaleute ein <a id="corr-14"></a>stärkeres Interesse zu nehmen hätten, als
+die Slavakos.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester,
+daß die Ernte mager ausgefallen ist und die Slavakos
+uns härtere Bedingungen stellen wollen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester.
+Ich wette, das hat uns auch wieder dieser .&nbsp;.&nbsp;.
+vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können jetzt
+keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der
+Mann muß sich gedulden bis nach dem Feste. Ich muß
+mich auch gedulden.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ueberdies hab&rsquo; ich jetzt die Register nicht zur
+Hand, fügte Bim mit selbstbewußter Miene bei.
+</p>
+
+<p>Titschi lächelte wie Einer, dem&rsquo;s Spaß macht,
+wenn eine Geschichte verkehrt angefaßt wird oder ein
+Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält.
+</p>
+
+<p>Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten
+<!-- page 344 -->
+Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn
+neben den Minus-Automaten in die Ecke, Gesicht gegen
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt
+trat einen Schritt vor und blieb im Halblicht
+vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr
+verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß
+diesen der obersten Staatsleitung geweihten Raum
+betreten.
+</p>
+
+<p>Es war ein Ereigniß.
+</p>
+
+<p>Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf.
+Der große, zeltartige Saal erschimmerte in goldenem
+Licht.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem
+Oberpriester zu.
+</p>
+
+<p>Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel,
+daß der Oberrichter Kaspe das Wort führen
+solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus
+und Grege Platz, in gespannter Erwartung.
+</p>
+
+<p>Kaspe begann zu piepsen: &mdash; Wir wollen&rsquo;s kurz
+machen, Hoheiten. Du bist Jala?
+</p>
+
+<p>Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten.
+Mit geschlossenen Augen stand sie da, im vollen Licht,
+hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt wie
+eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben,
+über ihre Züge ein Geist ergossen, der aus einer
+höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des All-Wissens
+aus Leid und Liebe und Glückesverzicht.
+</p>
+
+<p>Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für
+sich die Beobachtung, daß eine gewisse Linie des Leibes
+<!-- page 345 -->
+und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime Mutterschaft
+verrathe.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr wißt es.
+</p>
+
+<p>Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Du sollst am Zarathustratage tanzen und
+willst nicht?
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr wißt es.
+</p>
+
+<p>Der Ton klang fester.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier
+zu verweigern? Hat Dich Grege das geheißen?
+</p>
+
+<p>Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen,
+daß es wie leises Beben über ihren Leib lief.
+Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die
+Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes
+hervorkam.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.
+</p>
+
+<p>Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem
+Frager aufmunternd zu.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte,
+würdest Du die Antwort finden, Schweigsame?
+</p>
+
+<p>Pause.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst
+Du nicht?
+</p>
+
+<p>Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach
+leise: &mdash; Was in ihm ist, ist zugleich außer ihm.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen,
+wenn Grege beim Feste erscheint und gewissenhaft seine
+Schuldigkeit thut, wie er sie sonst gethan?
+</p>
+<!-- page 346 -->
+
+<p>Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie
+die Lippen aufeinander, daß kein Laut der Klage ihre
+Seele verrathe.
+</p>
+
+<p>Der Oberrichter fuhr fort: &mdash; Wenn Du seine
+Stimme vernimmst und seine Hand die Deinige berührt,
+vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des
+Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?
+</p>
+
+<p>Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in
+seines Grege-Automaten Brust. Ein Wort von Grege
+jetzt &mdash; und Alles war gewonnen .&nbsp;.&nbsp;. oder verloren.
+Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach
+der Brust des Automaten Minus, indem er den Finger
+durch eine handgroße Oeffnung im Rücken auf die
+Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern
+Hand winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das
+Wort zu nehmen:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß
+er zunächst selbst für Grege, seinen einstigen Schüler,
+eine Bitte an Jala richte!
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!
+</p>
+
+<p>Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit:
+&mdash; Was Du thust, bedenke des Volkes
+Wohl, das Dein eigenes ist.
+</p>
+
+<p>Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite,
+woher die Stimme kam, prüfend. Sie hob langsam
+die Hand und legte sie an die Stirn.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe.
+</p>
+
+<p>Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete
+Jala: &mdash; Ich habe eine Stimme gehört, aber ich fühle
+sie nicht.
+</p>
+<!-- page 347 -->
+
+<p>Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter
+Schlagfertigkeit:
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ihr habt&rsquo;s vernommen, Hoheiten, Jala hat
+kein Gefühl für des Volkes Wohl, also auch kein Gefühl
+für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe
+nichts übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem
+Feste ferngehalten werde, und als Flüchtling seine Strafe
+erleide. Grege werde der Abtheilung der Verbrecher
+gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der
+Schwelle des Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche
+Abbitte leiste. Dies mein Antrag!
+</p>
+
+<p>Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß
+bei. Er öffnete seinem Grege-Automaten den Mund,
+daß die weich und volltönenden Worte unter der Hülle
+wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe
+erklangen: &mdash; Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den
+Uebermenschen, was fordert Ihr noch?
+</p>
+
+<p>Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und
+rief mit starker spitziger Stimme: &mdash; Schweig! Ich
+verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte
+zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln
+bis morgen versparen, wo er dem Volke Rechenschaft
+zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, seiner
+Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen
+Beide ihren Lauf nehme.
+</p>
+
+<p>Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte
+hohe Rath einmüthig: &mdash; Ja, so geschehe es!
+Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf!
+</p>
+
+<p>Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges
+Worte verschlangen wie ein trüber Strudel den vom
+<!-- page 348 -->
+Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter
+Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen,
+Tosen, Stoßen, wie der spukartig sich ankündigende
+Groll des ganzen Volles, der morgen in immer wüster
+anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr
+Schweigen wie Greges männlich schönes Wort in den
+Staub treten wird. Grege .&nbsp;.&nbsp;. und wär&rsquo;s ein Wahnbild,
+eine Halluzination gewesen .&nbsp;.&nbsp;. Grege lebt und
+sein Athem .&nbsp;.&nbsp;. sein Athem? .&nbsp;.&nbsp;. Nein, seinen Athem
+fühlte sie nicht, mit dem Klang der Stimme ist seine
+Seele verweht .&nbsp;.&nbsp;. Aber seine Stimme war&rsquo;s, seine
+lang entbehrte herrliche Stimme .&nbsp;.&nbsp;. Wie soll sie seine
+Seele zurückrufen, daß sie auch seinen Athem spüre,
+was soll sie beginnen, daß er ihr nahekomme mit seinem
+vollen, warmen Leben .&nbsp;.&nbsp;. Ihre Kniee halten sie nicht
+mehr .&nbsp;.&nbsp;. Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen,
+Niemand, auch Grege nicht .&nbsp;.&nbsp;. Grege? Grege? War
+das Grege wirklich, war&rsquo;s nicht ein Gaukelspiel? Wie
+wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen,
+sie zu vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor
+aller Welt, wie ein Löwe sein Eigenthum an sich reißt
+und mit seinem Leben vertheidigt? .&nbsp;.&nbsp;. Bei der ewigen
+Liebe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Man führe Grege ab! gebot Kaspe.
+</p>
+
+<p>Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen,
+dann streckte sie die Arme geradeaus nach vorn, wie
+beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib zurückfallen.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Ich werde tanzen.
+</p>
+
+<p>Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein
+<!-- page 349 -->
+Triumph schnellte ihn nicht empor, als ihn die Hoheiten
+beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte sich
+nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein
+solches Weib zu täuschen und unter fremden Willen
+zu zwingen.
+</p>
+
+<p>Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort
+zur Sache gefunden. Die Geschichte ging ihm über
+den Horizont. &mdash; Mechanik und Mystik! murmelte er
+endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel
+der Helle für seine Augen.
+</p>
+<!-- page 350 -->
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr20" />
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-25"><span class="hidden">Kapitel 25</span>
+</h2>
+
+<p class="noindent">Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge
+erschienen, sah Grege mit anderen Augen und anderen
+Gedanken.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern,
+Reiterschaaren, anstürmend auf feurigen Rossen,
+in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In schmählicher
+Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem
+eine solche Heimkehr beschieden wäre an der Spitze
+eines kampfbegeisterten Kriegsvolks!
+</p>
+
+<p>Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel,
+heroische Phantasien. Auf europäischer Erde findet sich
+diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit blitzender
+Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den
+heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten,
+war ein Seufzer, jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo
+der Kampf zwischen Männern nicht mit Worten, sondern
+mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom
+Gegner gefordert wurde als Einsatz, sein lebendiges
+Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg oder Tod!
+</p>
+
+<p>Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen
+Stab wie damals, als er ausgezogen .&nbsp;.&nbsp;. Als Fremden
+zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein mit vollem
+Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich
+<!-- page 351 -->
+straffer Gang, sein raubthierkühner, harter
+Blick.
+</p>
+
+<p>Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er
+bis zum Morgengrauen in Teuta sein und den hohen
+Rath allarmiren.
+</p>
+
+<p>Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar
+vor der verschlafenen Stadt zu rasten, und dann, wenn
+das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus nächster
+Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes
+fand er eine geeignete Lagerstätte an der hinteren
+Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß trug.
+Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich
+mit wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen
+Boden nieder. Rasten wollte er in Sicherheit, nichts
+weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts sollte ihn
+stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens
+seinen Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein
+stilles, ehernes Meer, die Stürme lagen gefesselt auf dem
+Grund .&nbsp;.&nbsp;. Er schlief ein, und schlief lange, fest,
+traumlos.
+</p>
+
+<p>Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen
+Himmel. Sie ward seine Weckerin. Und er lächelte
+ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen
+nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze?
+fragte er sich mit gemüthlicher Selbstironie.
+</p>
+
+<p>Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes
+Gesicht. Was bedeutet das eigenthümliche Getöse,
+Gesumme, Geflöte von künstlichen Instrumenten,
+Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von
+<!-- page 352 -->
+Männer-, Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden
+Zurufen? Und jetzt gar dieser monotone
+Prozessionsschrei: Zara &mdash; thuuu &mdash; stra, Zara &mdash; thuuu &mdash;
+stra, Zara &mdash; thuuu &mdash; stra?
+</p>
+
+<p>In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier
+ist doch längst vorüber? Aber das festliche Getöse
+wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den
+Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße,
+pflanzt sich verstärkt über die Freitreppen und
+Terrassen der Kulturdenkbauten fort und erfüllt die
+Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus,
+das sind die Haltepunkte an den Stationen, dreimal
+drei Böllerschüsse werden gelöst, die Pauken und Trommeln
+wüthend bearbeitet &mdash; da defilirt der hohe Rath
+vor dem Gotteshaus und die Reliquien werden von
+Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten .&nbsp;.&nbsp;. Das ist
+Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein
+kann. Und Hochmittag naht, da erreicht die Feier
+ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß mit der widerlichen
+Verspottungsposse und dem greulichen Taumel
+der Pöbelwonne .&nbsp;.&nbsp;. Und Zarathustra, Uebermensch
+und König, Gott und Affe zugleich, spottet seiner selbst
+zur Erheiterung des großen, freien, gebildeten Teutavolkes
+und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher Erniedrigung
+zur Stärkung der Staatsautorität .&nbsp;.&nbsp;. Ist&rsquo;s
+nicht so? Ist&rsquo;s nicht immer so gewesen, so lange er
+selbst, Grege, aus blöder Tradition an diesem Verbrechen
+an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich
+betheiligte .&nbsp;.&nbsp;. als gezwungener Komödiant?
+</p>
+
+<p>Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die
+<!-- page 353 -->
+ihm die heißen Strahlenreflexe der Sonne in&rsquo;s Gesicht
+schlägt, höher und höher, den Stab krampfhaft in der
+Faust .&nbsp;.&nbsp;. Wenn das Alles so ist, wie es sein muß,
+weil es gar nicht anders sein kann .&nbsp;.&nbsp;. beim ewigen
+Zarathustra, wer ist heute sein Hanswurst, da Grege
+es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?
+</p>
+
+<p>Hat er einen Doppelgänger?
+</p>
+
+<p>Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses
+sich aufrichtete und hart an der Mauer sich vorsichtig
+nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit einem
+Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar!
+Was sich da unten vor ihm abspielt, ist die große
+Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich da gegen
+ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe
+Rath mit den Trägern der Götterbilder, Alles im
+Prunkglanze des offiziellen Purpurs. Unter einem Baldachin,
+getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen
+.&nbsp;.&nbsp;. wer denn? Grege&rsquo;s leibhaftige Gestalt!
+Sein Kopf, sein Gang, seine Art die Arme zu halten,
+seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme!
+Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall
+und die liturgische Betonung, wie sie ihm zu eigen,
+wenn er anstimmte, wie jetzt sein Doppelgänger anstimmt:
+&mdash; Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen,
+was fordert Ihr noch? und das Volk in
+gewaltigem Unisono erwiderte, wie es jetzt erwidert:
+&mdash; Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir lange
+und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du
+uns gesetzt, ein Beispiel den Völkern .&nbsp;.&nbsp;. und der hohe
+Rath schlendert bedeutsam gemächlich und wundert sich
+<!-- page 354 -->
+über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, geleitet
+von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer
+und Hüter des heiligen Wortschatzes Minus, geleitet
+von Titschi und Soundso &mdash; Alles echt und dennoch
+eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst
+Grege, oder ist er&rsquo;s nicht? Er zupft sich am Bart, er
+kneift sich in den Arm, er stößt mit seinem Stock auf,
+und da zeichnet die Sonne seinen langen Schatten an
+die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen
+Schritt vorwärts macht, läuft sein Schatten über die
+Königsterrasse und schlägt die Freitreppe hinab und
+den hohen Rath mitten in&rsquo;s Gesicht. Er ist er selbst,
+Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung
+an der Mauer suchend, fällt sein Blick auf den weiten,
+unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, dunkelgekleideten
+Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen
+Schlange sich dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig
+bestrahlten Schuttbergen, und nur zwei lichte Gruppen
+fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der
+weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen
+führen, und die unverhältnißmäßig große Gruppe der
+Büßer in weißen Hemden, die Arme über die Brust
+gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von
+einer lichten Gruppe zur andern: Woher die vielen,
+vielen Sünder an Teutas Staatsherrlichkeit, und woher
+die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen Tänzerinnen
+hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen?
+Aber immer lauter und betäubender umbraust
+sein hohes Versteck der Prozessionslärm, wie
+Schnauben und Keuchen kommt&rsquo;s die Freitreppe herauf
+<!-- page 355 -->
+.&nbsp;.&nbsp;. Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen
+der Weihrauchfässerschwinger .&nbsp;.&nbsp;. Der schwarzbärtige
+Vertreter der Slavakos .&nbsp;.&nbsp;. o Scheußlichkeit! .&nbsp;.&nbsp;.
+der Baldachin mit den Pfauenwedeln .&nbsp;.&nbsp;. o Gaukelspiel
+und Sinnentrug .&nbsp;.&nbsp;. die heiligen Götterbilder und
+Symbole auf hohen Tragstangen, die wehenden rothen
+Banner des Festbundes .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Meine Brüder, seht, ich
+lehrte Euch den .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das
+Königsschloß und nimmt hinter dem geschlossenen
+Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den
+Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der
+Hand wie ein Herold .&nbsp;.&nbsp;. Die Stunde ist da! Die
+Stunde ist da! .&nbsp;.&nbsp;. Außen Bewegung und Schlurfen
+der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung,
+Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet
+sich die Freitreppe herauf und staut sich unten in den
+weiten Spiralen .&nbsp;.&nbsp;. in wenigen Minuten geht das
+hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem
+Baldachin hervor und hinauf auf die Portalschwelle
+die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf der
+Terrasse .&nbsp;.&nbsp;. der hohe Rath und die hohen Abgeordneten
+nehmen auf den Polsterstühlen Platz, die
+Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen
+Luft .&nbsp;.&nbsp;. Minus erhebt mächtig die Stimme .&nbsp;.&nbsp;. der
+Aktus beginnt in lautlosem Lauschen des Volkes .&nbsp;.&nbsp;.
+Minus, der Hüter des heiligen Wortschatzes von
+Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen
+Mysteriums in wohlgesetzter Rede, verneigt sich und
+ersucht den Uebermenschen, seines Amtes zu walten,
+<!-- page 356 -->
+sich dem Volke als König vorzustellen und seinen
+Jahresspruch herzusagen.
+</p>
+
+<p>Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Aufwärts fliegt unser Sinn,</p>
+<p class="line">Achtet der Stunde,</p>
+<p class="line">Teuta&rsquo;s erhabenes Volk &mdash; &mdash;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen
+Automaten auf und Grege der Pilger schreitet
+leibhaft hervor.
+</p>
+
+<p>Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und
+der hohe Rath blicken entsetzt auf Soundso. Der ist
+so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der
+Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen
+Armbewegungen. Was will der Fremde? ruft
+Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu .&nbsp;.&nbsp;.
+Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den
+Boden .&nbsp;.&nbsp;. Schlägt mit dem Stab dem Automaten
+die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse hinweg
+und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin
+von der Schulter und das goldene Scepter aus der
+Hand &mdash; und der Automat deklamirt, eine entlarvte
+Puppe, unerschütterlich weiter .&nbsp;.&nbsp;. Ebenso unerschütterlich
+schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des
+Volkes in seinem Zerstörungswerke weiter .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Will Euer Wille befehlen,</p>
+<p class="line">Wohlan, ich bin sein Symbol &mdash; &mdash;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden,
+die Maschine rasselte noch einmal, dann war sie stille.
+</p>
+
+<p>Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von
+<!-- page 357 -->
+Grege erkannt, theilt dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter
+Kopf rollt ihm von der Schulter, der Purpurmantel
+entsinkt der Puppe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet:
+&mdash; Sprich, wer bist Du, der so Entsetzliches
+schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in das
+stumme Schauspiel hinein.
+</p>
+
+<p>Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo
+ruft von allen Seiten, von oben bis unten, von
+Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße
+fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du,
+der so Entsetzliches schafft?
+</p>
+
+<p>Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge
+im Büßerhemde durchbricht die Reihen und stürmt,
+von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer gemeinsamen
+Vision magnetisch angezogen, die Treppen
+hinauf, auf die Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm!
+Zu ihm! Er ist der Befreier!
+</p>
+
+<p>Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von
+unten: &mdash; Er ist der Befreier! Er ist der Befreier!
+</p>
+
+<p>Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und
+schüttelt die Massen, und wie Donnerstimme hallt&rsquo;s:
+Heil dem Befreier! Heil dem Befreier!
+</p>
+
+<p>Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier
+erkannt, taumelt einen Schritt vorwärts, die
+ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele gegangen
+&mdash; die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege&rsquo;s
+Brust.
+</p>
+
+<p>Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und
+Weib, alle Blicke sind starr, jeder Mund ist stumm,
+<!-- page 358 -->
+Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem
+Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an
+sich preßt: Volk von Teuta, Zarathustras jüngste
+Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und
+Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser!
+</p>
+
+<p>So war das Zeichen zum neuen Leben, zur
+Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und das weiße
+Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg,
+bis der Sieg erfochten.
+</p>
+
+<p>Als am Abend die Terrasse von den Trümmern
+des Automaten-Gaukelfestes gesäubert wurde, berührte
+ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des
+eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich
+begann die kopflose Puppe der entlarvten Hoheit
+zu rasseln: &mdash; Ao ist ein Idiot &mdash; Bim ist ein altes
+Grauthier &mdash; Titschi ist ein entlaufener Strandräuber
+&mdash; Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie
+Wanzen ab. &mdash; Man muß dem Volk in&rsquo;s Gesicht
+schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf &mdash;
+Man muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich
+der Gottheit nahe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen
+Beschluß des Volkes zum obersten Leiter der
+gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter
+der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt.
+</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;Da habt Ihr Euren Tribut.
+</p>
+
+<p>Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies
+Quartier im Museum.
+</p>
+
+<p>Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis
+zum Anbruch des nächsten Tages Botschaft nach Nordika
+<!-- page 359 -->
+zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den
+Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit
+dem Brudervolke von Nordika ersetzt.
+</p>
+
+<p>Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung
+der Mauer, welche die Stadt der Männer
+von der Stadt der Frauen trennte.
+</p>
+
+<p>Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen
+durchzubrennen und bei Willem Mom am
+Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und
+piepste er bis an sein Ende über des Teutareiches
+Untergang .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs
+von der Königsburg in Teuta, bis der volle Sieg über
+die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner mehr
+unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen
+Leben im Lichte der Sonne.
+</p>
+
+<p>Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt
+es aus den klatschenden Falten des Banners wie
+Maikkas Lachen.
+</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center">Ende.
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center" style="font-size:80%">
+Druck von C. G. Röder in Leipzig.
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... krausen <span class="underline">Abtreviaturen</span> vollgekritzelt war. ...<br />
+... krausen <a href="#corr-1"><span class="underline">Abbreviaturen</span></a> vollgekritzelt war. ...
+</li>
+
+<li>
+... an Allem &mdash; &mdash; so <span class="underline">werwandelt</span> &mdash; &mdash; &mdash; ...<br />
+... an Allem &mdash; &mdash; so <a href="#corr-2"><span class="underline">verwandelt</span></a> &mdash; &mdash; &mdash; ...
+</li>
+
+<li>
+... &mdash; Die <span class="underline">Anwort</span> eilt mir nicht, entgegnete der ...<br />
+... &mdash; Die <a href="#corr-3"><span class="underline">Antwort</span></a> eilt mir nicht, entgegnete der ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">hieher</span>. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. ...<br />
+... <a href="#corr-4"><span class="underline">hierher</span></a>. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. ...
+</li>
+
+<li>
+... die von seinen Mitältesten als äußerste <span class="underline">diesem</span> Augenblick ...<br />
+... die von seinen Mitältesten als äußerste <a href="#corr-5"><span class="underline">in diesem</span></a> Augenblick ...
+</li>
+
+<li>
+... erlaubte <span class="underline">in Grenze</span> des Aussprechbaren empfunden ...<br />
+... erlaubte <a href="#corr-6"><span class="underline">Grenze</span></a> des Aussprechbaren empfunden ...
+</li>
+
+<li>
+... Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <span class="underline">Backwerck</span>, süße ...<br />
+... Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <a href="#corr-7"><span class="underline">Backwerk</span></a>, süße ...
+</li>
+
+<li>
+... Leib <span class="underline">hinab hinab</span>: Er war er, kein Zweifel. ...<br />
+... Leib <a href="#corr-8"><span class="underline">hinab</span></a>: Er war er, kein Zweifel. ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Aengsten</span> der jüngsten Zeit so glücklich überwunden ...<br />
+... <a href="#corr-9"><span class="underline">Aengste</span></a> der jüngsten Zeit so glücklich überwunden ...
+</li>
+
+<li>
+... und stieß den Takt mit dem <span class="underline">Elbogen</span> in Grege&rsquo;s ...<br />
+... und stieß den Takt mit dem <a href="#corr-10"><span class="underline">Ellbogen</span></a> in Grege&rsquo;s ...
+</li>
+
+<li>
+... &mdash; Gott verdamm&rsquo; mich, <span class="underline">Gentlemann</span>, das hätte ich ...<br />
+... &mdash; Gott verdamm&rsquo; mich, <a href="#corr-11"><span class="underline">Gentleman</span></a>, das hätte ich ...
+</li>
+
+<li>
+... der <span class="underline">Polzeipräsident</span> ist neu und der mächtigste Mann ...<br />
+... der <a href="#corr-12"><span class="underline">Polizeipräsident</span></a> ist neu und der mächtigste Mann ...
+</li>
+
+<li>
+... &mdash; Bei Sir John <span class="underline">Fallstaffs</span> Andenken, hier wird ...<br />
+... &mdash; Bei Sir John <a href="#corr-13"><span class="underline">Falstaffs</span></a> Andenken, hier wird ...
+</li>
+
+<li>
+... Teutaleute ein <span class="underline">stärkens</span> Interesse zu nehmen hätten, als ...<br />
+... Teutaleute ein <a href="#corr-14"><span class="underline">stärkeres</span></a> Interesse zu nehmen hätten, als ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+
+</pre>
+
+</body>
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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