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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:13:04 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: In Purpurner Finsterniß + Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert + +Author: Michael Georg Conrad + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +In purpurner Finsterniß. + +Roman-Improvisation +aus dem dreißigsten Jahrhundert + +von + +Michael Georg Conrad. + + + + + + + + +Verlag von C. F. Tiefenbach + +Separat-Conto + +Leipzig. + + + + +Meinem genialen Kameraden +Juliane Déry + + + + + + + + + * * * + + + + + + +Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen +durchsetzen wollte. + +Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, hatte er ihr verheimlicht. +Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit +dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so daß an der ihrigen, +an der inneren Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes +Blutzeichen haften blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form eines +Sterns. + +-- Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung? + +-- Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden +meine Kräfte. Kann ich irren? + +-- Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die +Dünen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom +Meer herüber, immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft wechselt, +bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich jetzt eine Weile schonen, meiner +Wunde wegen. + +-- Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du sie mich nicht befühlen? + +-- Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte. + +-- Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der +herrlichen Einsamkeit. Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser +Bewegung, die mich beschwingt. + +-- Es ist eine Flucht, Jala. + +-- Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies +Himmelreich! Säume nicht zu lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange +ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick, +das uns bedrohen könnte? + +-- Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich muß lachen, weißt Du. Sie +haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere +Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle +Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und die Wege, die wir auf ebener +Erde durch die Wüsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer +Häscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner +unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter, +ist langsamer in Entschlüssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao, +ihr Oberpriester, schläft und verdaut. + +-- Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, daß noch ein Dritter im hohen +Rathe sitzt. + +-- Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Anträgen +belästigte? Den hat nur Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen +bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet +andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts +Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hüten zu helfen. +Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne +ihn. Er hat mich einst unterrichtet. + +-- Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe. + +Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib mit einem tiefen +zärtlichen Blick. + +-- Die hat andere Ursache, süßes Weib. + +-- Also folg' mir bald, Grege. + +Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein +Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nußgröße die Kraft des +Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie +ziehen. + +Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschränkt ihren +Willen hatte. Er wußte auch, daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr +war. + +So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der +Wandernden einschließend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner +Wunde erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen haben. + +-- Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber +er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich +nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er +wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, sie einzuholen. Wer weiß, wie +groß der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres +Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin. + +Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre +hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen, +sonnenhellen, weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. Eine +schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fußsohle die Erde +berührt. Die verkörperte Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens +und deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem +Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schöpfend zu immer stärkerem +Glanze, unfaßbar allem Gemeinen. + +-- Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schönheit, wenn +ich länger säume. + +Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit +schmerzendem Fuße ihren Spuren zu folgen. + +Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen +Gegenden ihn jetzt sein Schicksal führte, die große Befreiung. + +Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein +Unterdieerdebringen. + +Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen über Städteleichen. +Für blühende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine +Wurzelfäule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug +die andere, eine Kraft fraß die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis +sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden +kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was +übrig geblieben war von alten Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine +Kuriosität für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein Spott für +die Langeweile der Feiertage. + +Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrückt +den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den +Beinen und Armen hängen! + +-- Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest über Köpfe und +Tröpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse +aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter +Könige? Heiliger Gott Bimbam, ist's denn glaublich? Und erst eine Blinde +mußte mir die Augen öffnen? Ein Kind Ao's, des frommen Komödianten, mußte +mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell' ich meinen +Mann. + +Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Länge des +gleichförmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen. +Er zog die leichte Kapuze tiefer in's Gesicht, die Sonnenstrahlen +abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich verbündeten, ihn desto +heißer zu stechen. + +Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß die Augen und tastete sich +mit dem Stabe weiter. Sollte er's besser haben als Jala, sein Weib, die +blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der +Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin? + +Greges Ohren summten. + +Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und befühlte seine Wunde an +der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er +schmerzenden Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. Instinktiv war er +die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur +mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte. + +Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief? + +Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala's Ton. + +Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um. + +Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel, +zweimal Stabeslänge kaum, hinter ihm. + +Es durchzuckte ihn. + +Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens +keine Häscher aus Teuta. + +-- Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wüste? + +Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich auf seinen Stab und blickte +die Fragenden scharf an. + +Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten +Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen +Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln. + +Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende +Bewegung in dem Sinne: Was kümmert's Euch? Laßt mich! Ich will nichts mit +Euch zu schaffen haben. + +-- Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt auch Deine Zunge? + +Und sie lachten kalt. + +Der Eine näherte sich ihm, während der Andere mit dem Fuße den Anker, mit +der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt. + +-- Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trägt drei. + +Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie +ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht +leblos, wie angeklebt? + +-- Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurück. + +-- Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefällig den Mund öffnen willst. +Wir grüßen Dich! + +Aber es klang nicht wie Gruß. + +Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er nicht schnell den rechten +Entschluß fand. Wie würde Jala handeln? + +Da lachte er auf: -- Ich erwidere Euren Gruß. Nun laßt mich in Frieden. Ich +suche mein Weib. + +Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden. + +-- Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten jetzt die Fremden. + +Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? Wäre das auch +mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch +für vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob das Weib nicht +eine Katze, die schwer zu bändigen. Sicher ist sicher. Schließlich ist der +Teutamann doch die Hauptsache. + +Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der +jüngere vertrat ihm den Weg. + +-- Höre, Mann aus Teuta! + +-- Woher weißt Du das? + +-- Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem Zustande kann man nur aus +dem nächsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses +Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, daß sich +Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen +unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht. + +-- So sieh' doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der +glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In +Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich +rühmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der +Begattung währt. + +-- Köstlich, wie du Bescheid weißt! + +-- Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich +nicht länger. + +-- Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde brauchen? Setz' Dich zu uns +und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach +seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und einen lahmenden Fuß. Dein +Fuß kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem +ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund. + +-- Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine solche Sprache zu mir, dem +Freien, wagst? + +-- Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du -- ein Freier +gewesen. + +Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt und in die Gondel +gelegt. + +Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier. + + * * * + + + + + + +Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Müdes Flimmerlicht. + +Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige Sand, unter Jalas +Sandalen, so oft sie den Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es +waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung. + +Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von +jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an's Ziel zu gelangen. + +Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurückgeblieben? Bis zum +Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala +konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des übersandeten +Kanales mit der leichten dünenartigen Böschung auf beiden Seiten. War das +nicht seine feste Meinung? + +Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre gegangen sein. Ihr tastender +Stab fühlte keinerlei Erhöhung mehr am Wege. + +Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das Gesicht in der +Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief über den blinden +Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer +ihrer brechenden Müdigkeit. + +So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung sie zwänge, und +Grege's, des Getreuen, zu harren. + +Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten Handflächen +unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt. + +Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flügeln +ein gelber Schmetterling. + +-- Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige Jala! dachte sie. Dann +verwehte ihr Bewußtsein, bis sich's wieder verdichtete im Traum. + +Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens, +ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend, +die Farbe der verdorrten Gräser und Halme. + +Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft +und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der +Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige Fläche der Wange +schwebte ein Lächeln der Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den +leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die +tiefwühlenden, schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten +wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen. + +Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Körper in den +warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten. + +Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung über die Welt gekommen, +wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen. + +Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau geädert, letzte, +verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der +versunkenen Sonne. + +Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfüllte es wie heiliger Rausch +beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie +mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren +hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in süßen Düften die +seidenweiche Luft gebadet. + +Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß tauchend, die Insel, das +Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege's +Himmelreich und das ihre. + +Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die +Vielzuvielen und Zusammenhängenden wohnen, der dichte, drückende Schwarm +der Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück des +Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen Willens. + +Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefühlt. + +Wie war das gekommen, daß sie anders war? Ein Trotz für sich und ein +Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und +eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung +wuchs, daß die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held +erstehen müsse, der Alles erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und +sie die Heldin des Helden? + +Wie war das gekommen? + +War's eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in +gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre +Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden +Elementen lud? + +Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich's zu deuten in gegenständlichen +Bildern, da die erklärenden Worte versagten. + +War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand? + +War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht des jauchzenden Frühlings, +als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das +Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwämme +sie in Blitzen? + +Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur +dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mußte? Konnte sie +darum nimmer von ihm lassen? + +-- Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im Traume. + +So verging die Zeit. + +Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung. + +Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf. + +-- Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Höhe! Grege! Grege! + +Was war das Alles? Was? + +Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte +ihren Körper zu voller Höhe. Fremd. Allein. + +-- Grege! Grege! + +Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in's Leere. + +Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme. + + * * * + + + + + + +Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreißig Klafter +tiefer, als die übrigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde. + +Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwärmter +Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß +keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger +Schnüre für die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner +runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel. + +Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso +hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag. + +Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung +der Teutaleute bezügliche. + +-- Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem +fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend. + +-- Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige Oberrichter. + +-- Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lächeln. + +-- Also Alle glücklich, nickte Ao. + +-- Wie üblich, bestätigte Kaspe. + +-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte +Soundso. Ich meine, es müßte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein. + +Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem +feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem +zarten Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch die +Temperaturorgel. + +Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar. + +-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell? +fragte wieder Soundso. Ich meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel +Kerze zu hell sein. + +Alle stimmten bei. + +Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat +spielte, mit einem feinen Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit +in den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten um die Idee einer +Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der +Zeltgewebe und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen +Räthe empfanden die schwache Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen +Behaglichkeit. + +-- Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für das gemeine Volk hat sich +bewährt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei +Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am +Rücken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch +Schwinggondeln mit Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt? + +-- Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas +geknickte Gestalt erhebend. + +-- Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der +gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt ist das gemeine Glück, dank der Idealität +unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin, +durch beider Willen, ihrer frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im +geheiligten Amte stehe -- sprach der Oberpriester in schläfriger +Feierlichkeit. + +-- Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du +schläfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im +weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat. + +-- Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort. + +Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte in einem winzigen +Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war. + +Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II +zwischen Achtundzwanzig und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen +Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und +Fünfzig gut, Abtheilung V Rest ungenügend. + +-- Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen müssen. Vielleicht, daß er +eine Abkürzung der Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der +Abtheilungen nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao schlafsüchtig. + +-- Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene, +es liegt in der Natur, daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden +und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen. + +Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte. + +Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung. + +-- Natur? rief er merklich überrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in +Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe +und Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begründen +sich darauf, daß wir über die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit +Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir. +Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik, +das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet. +Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte, +ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hören. +Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer +größeren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache +auf den Grund geht. Du bist gewarnt. + +Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen Ao schon lange nicht +mehr gesehen. + +-- Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, daß er sich +so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden +Zwinkerblick auf Soundso. + +Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste Lammsmiene aufgesteckt, als +hätte er nie das kleinste Wässerchen getrübt. + +Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus +wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei +ernste Gefahr im Verzuge ist. + +Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang ist durchaus normal und +giebt zu keinen Befürchtungen Anlaß, so lange wir in der Lage sind -- und +wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets -- den Slavakos die festgesetzte +Zahl an jungem Tauschvolk alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung +der bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können sogar, bei der +nächsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schätzung unserer Leistung +hinaufgehen und stärkere Gegenleistung fordern. + +Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrücken. + +-- Eines Tages möchte sich's doch ereignen, daß Teutaland nicht mehr so +viel Tauschvolk produzirte, um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten. +Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin +kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. Auch die Surros kriegt man auf die +Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches +Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die +Landwirthschaft zu zerstören und uns ganz den Künsteleien der Techniker und +Chemiker zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage +Greges. So hängen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil +zustößt, sind wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß sie +unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit wollten wir sie dann +verpflichten? Oder sie führen ein System des Lebens ein, das ihnen selbst +genügend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner +Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken. + +-- Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im +Gegentheil immer nachdrücklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein. + +-- Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit vollkommen bezwungen zu +haben schien. + +-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den +Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den +Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse +vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji +nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute +Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre +Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . . + +-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere +Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere +Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere +Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend +geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und +sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier. +Liegt nichts Verdächtiges vor? + +Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er +wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine +neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und +damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen. + +-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen +Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere +Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende +Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften +Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere +vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute +geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen +Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden +sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir +kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer +der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger +Angriffspunkte bieten wir. + +-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß +wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das +Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus -- +gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin +die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit +drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren +neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen? +Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube +nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen +Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen. + +-- Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das +ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten! + +-- Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und +Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, +welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche +machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's. + +-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf. + +Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne +Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, +der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der +die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände +in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in +der höheren Region harrten. + +Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr: + +-- Der Alte wird schwach. + +-- Ein Idiot. + + * * * + + + + + + +Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und +schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick +war seltsam unruhig. + +-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu +einem neugierigen Lächeln. + +-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung. +Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen. + +-- Heillose Worte? Von Seite Aos? + +-- Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz. + +-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist +er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen? + +-- Hm. + +Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand. + +-- Na, Hoheit? + +-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: »Worte sind +Schall und Rauch.« Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel +zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt +. . . + +Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit. + +-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt? + +-- »Worte sind Schall und Rauch.« + +-- Hab' ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte +nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in +jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die +nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und +stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer +Wissender? + +-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte +hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt. + +-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare +Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung, +Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- -- + +Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen +Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten. + +-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die +Ohrmuschel steckte. + +-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte. + +-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der +Wochensitzung. Worte, Worte, Worte. + +-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren? + +-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten. + +-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand. + +-- Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß. + +-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem +Siegel der Verschwiegenheit. + +Aug' in Aug', daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am +Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du? +-- Probleme, herrliche Probleme sogar. + +Dann blickten sie sich starr an. + +-- Soundso? + +-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig +sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen +Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in +unserem musterhaft gesunden Land? + +-- Ich ahne, Bim. + +-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister +hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still +verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor +dem Oberpriester auszusprechen. + +-- Und vor dem Oberpriester! + +-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche +Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch? + +-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche +Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig. + +-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen, +ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur +verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der +Urstoff. + +Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck +über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder, +aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde +entschlüpften klügere Worte. + +-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht +Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme +werden hervorsprießen, neue -- + +Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und +legte die rechte dem Sprecher auf den Mund. + +-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! +Entwi-- Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres +staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf +dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines +Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber +entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist +nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung -- wem +schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- -- + +Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten. + +Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet. +Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe: + +-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch +einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prüfen. Du hast +die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes +beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit. + +-- Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit. + +Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den +aufsteigenden Aerger zu dämpfen. + +Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter, +es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Größenwahnsinnige dabei, dem +nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich +ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend +werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten +Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen +Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem +unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen +weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute +mit solchem Eifer wacht! + +Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein +Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt +damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die +der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt? + +-- Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer +wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir +noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit +meiner hohen Kollegen immer näher komme? + +-- Wieso das? + +-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist +als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein +Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an +der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein +Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die +Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe +war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das +Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre +des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch +ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all' die großen Reiche des +Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre +noch? + +-- O, Hoheit. + +-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch? + +-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter +Verfassung. + +-- Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei +der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die +Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung +durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter +wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt? + +-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet. + +-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh? + +-- Aber, ich bitte. + +-- Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne? + +-- Die sitzen noch ganz solide. + +-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen? + +-- Ich begreife nicht, Hoheit. + +-- Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat +verzichtet. + +-- Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich, +daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu +schärfen. + +-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der +Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt +überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen, +wirklich, Bim? + +Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen -- es war keine vollständige +Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen +hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager. + +Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort: + +-- Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind +zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt? + +-- Nie, Minus. + +-- Hättest Du's doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr +erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden, +Bim. Warum läßt Du uns sterben? + +-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir. + +-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an +der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich. + +-- Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen? + +-- Weil sie zeitgemäß sind. + +-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit. + +-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler. + +-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus. + +-- Verschwende ich ihn? + +-- O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin -- -- + +-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich +vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu +leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns. +Oberphysikus, Amtsgeheimniß! + +Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem +stand's nicht richtig. + +Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an. + +Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine +Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen. + +-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die +den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt? +Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und +weinen, die Unerbittlichen. + +-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß +nicht, Minus. + +-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen +sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden. + +-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen +Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten +Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da +kam's zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch +schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das +besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem +Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die +Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke +doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig +sterben, Minus. + +-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend! +Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir +wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat. +Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in +Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du +wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt's drauf ankommen. Du willst +gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart. + +-- Minus! + +-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch. +Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn. + +Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten +die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus +der Ueberdruß, der Unmuth. + +-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir +flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns +anvertraut -- -- + +-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- -- + +-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Späher +hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das +nicht? + +-- Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in +Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner +Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich. + +-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus. + +-- Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil +wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles +Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen! + +-- Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus. + +-- Ist's das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie +Obere, die sich mit »Hoheit« anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte +Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und +liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes, +wie die Vögel des Himmels. + +-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist +Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus +alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei +davon, drum kann ich ruhig reden. + +Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander +geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von +keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt? + +Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen +unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an +unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich. +Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen. +Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen. + +-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere. + +-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund +geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil +es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen +vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und +Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt, +gründlich. + +-- Haben wir das, alter Bim? + +-- Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles +ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten +bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand +ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die +anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut. + +Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie +hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört, +außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit +ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! -- + +Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so +wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, +es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung +altbekannter Dinge. + +Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug. + +-- Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein +Mensch weiß was. Jala, Unglückliche! + +-- Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung +zur Beobachtung. Dann entwich sie -- -- + +-- Das sagst Du mir jetzt erst? + +-- Fragtest Du? + +-- Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte! + +-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie +wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und +unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig. + +-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hüte Deine Zunge. + +-- Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine +Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um. + +-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Närrin und -- mehr als Eine. Schluß. Fahr' +ab. + +Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür. + + * * * + + + + + + +Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete +das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne +Sterne. + +Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige +Gesang der Wellen am Strande. + +Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes +Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in +dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über +die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wüthender Heerfahrt. + +Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand +umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine +Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von +wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und +Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten +Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des +Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei +günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres +gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere +verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen. + +Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus +entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam +hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des +Daseins zwischen den Dünen. + +Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer +forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine +Gewalt am schwächeren Nachwuchs. + +So gab's keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten +der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, +die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst +verschwundenen Epochen bis an's Meer stießen, den Ur gejagt, war das +Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen +Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren. + +Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger +werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters +hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz. + +Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen, +die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von +waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten +Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen +und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, +unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen, +und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte +und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander +losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute. + +Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem +kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium +erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in +hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos +den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen +mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut +gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß +unter ihren Fußtritten die Erde gebebt. + +Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren +zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen +Männer mit der unermüdlich behenden Zunge. + +Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber +wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend +aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und +der Wolkenhimmel in Schlünden und Abgründen schmetternd versinken, da klang +das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich. + +Nein, es konnte keine Fabel sein. + +Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch, +wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die +große Helle und Stille über sie kam. + +Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande, +hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt +herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei +Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas +Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die +aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende, +unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender +Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz. + +-- Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange +keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem +Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten +See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in's Tausendste +fabulirt hatte. + +-- Alles kehrt wieder, Willem Mom. + +-- Schlechtes Wetter, jawohl. + +Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten +schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm +der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel. +Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft. + +-- Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne +Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die +tausend Menschen faßten. + +-- Das ist vorbei, Fix. + +-- Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die +faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über +Brücken. + +-- Das kommt nicht wieder. + +-- Warum, Willem Mom? + +-- Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen. + +-- Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein +kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie +auch wieder satt. + +-- Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat +sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin. + +-- Jawohl. + +-- Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem +Metall. Jetzt thut's ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie +man will. + +-- Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he, +Willem Mom! + +-- Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten +nicht einmal unterwegs. + +-- Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab' ich +mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen. + +-- Ich sag' Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut, +als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten. + +-- Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu +sehen, nach Teuta. + +-- O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer +tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen. + +-- Wenn einmal die Wolken 'runterbrechen, müssen sie alle miteinander +ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine +Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser, +Willem Mom! + +-- Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles +trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie +nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen. + +-- Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land? + +-- Das haben sie sich abgewöhnt, Fix. + +Fix lachte. + +-- Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was +glaubst Du von ihrem Essen? + +-- Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt. + +Fix lachte wieder. + +-- Na, hör' mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen, +denn zu sehen ist da wohl nichts. + +-- Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in +die Erde, wo's hübsch warm ist. + +Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht. + +-- Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit? + +-- Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen. +Wär' auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr. + +-- Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört' ich. + +-- Das schon, wenn auch ungeheuer selten. + +-- Nun also, Willem Mom. + +-- Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder +sie haben etwas Verrücktes angestellt. + +-- Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so +Einen? + +-- Jawohl. + +-- Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich +denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst +Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu +sehen? Es rührt sich nichts. + +In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und +Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter. + +Plötzlich war's, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als +würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in +einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit +tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, +gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles +Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth. + +Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit. + +-- Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was +sagst Du dazu, Willem Mom? + +Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte +den Kopf vor, um schärfer zu sehen. + +-- Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du? + +-- Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo? + +-- Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt. + +-- Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande +sein? + +-- Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes. + +-- Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist's weg, rechts hinein. Am Ende doch +nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom? +Meinst Du? + +-- Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet. + +Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts +gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe +vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des +Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand +grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab. + +-- Mehr nach rechts, Willem Mom. + +-- Dort liegt's, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein +könnte? + +-- Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen. + +Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im +nachgiebigen Sande. + +-- Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom. + +Nun standen sie davor. + +-- Heda! rief Fix. + +Willem Mom beugte sich schweigend nieder. + +-- Greif nicht zu, lass' mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere +Seite tretend. -- Heda, rühr' Dich! + +Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich, +ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem +Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen. + +-- Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom. + +-- Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden. + +-- Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht. +Wär's nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in +einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was +wir von oben gesehen. Glaubst Du? + +-- Lass' mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix. + +Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen +Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend. + +-- -- Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass' den Arm und fühle nach dem Puls! + +Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und +seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren. + +-- Ich finde keinen Puls, Willem Mom. + +-- Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix? + +-- Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder +sind schlank und zart. Ich will's noch einmal mit einer Anrede versuchen. + +-- Schweig', Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir +müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die +Handflächen kräftig. Ich will's an der Brust und im Rücken versuchen. + +Und schweigend machten sich die Männer, an's Werk. + +Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen +schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie +elegische Musik. + +Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des +Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien +und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen. + +Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme. + +-- Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger +zucken. + +-- Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine +Schulter, Fix. + +-- Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch +Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm' zu Dir und zu mir! + +-- Sei kein Narr, Fix. Lass' los, ich bin Manns genug. + +-- Willem Mom, ich sag' Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die +Augen auf! Siehst Du mich? + +Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen +kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte +davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute. + +Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam +hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt, +ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend. + +Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden +Blicken die Finsterniß durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden, +von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung +und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die +schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange, +wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender +Arm und suche sich um seinen Hals zu legen. + +-- Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark. + +Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner +Last zu Boden. + +Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch +gewaltsamer an sich preßte. + +Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der +erste Laut, der wie >Grege< klang. + +-- Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme. + +-- Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster +Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten. + +-- Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz +Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, +das Weib auf sein Knie ziehend. + +-- Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich. +Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche +weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte. + +Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie +in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen +Gesichts zu erspähen. + +-- Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich +schütze Dich! + +-- Schweig', Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner +Heftigkeit. + +Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken. + +Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam +die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war +ansteigend und schwierig, und so war's das Vernünftigste, sich in die Last +zu theilen. + +Dann ging's vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein +Wort. + +An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die +Willem Mom's, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein +kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen. + +-- Hier Vater, mach Platz' auf dem Lager, wir bringen menschliches +Strandgut. Ein Weib. + +-- Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe. + +Aber da waren nicht viele Umstände zu machen. + +-- Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens. +Warmes Lager und einen warmen Schluck. + +Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand. + +Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem +wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte. + +-- Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage. + +-- Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom. + +-- Ist Grege da? + +Die Männer sahen sich an. + +-- Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend. + +Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt, +die Hände über der Brust gefaltet. + +Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame +Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß +sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete +den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so +edler Schönheit. + +Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig +hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür. + +-- Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt. + +-- Oeffne die Augen, sieh' uns an, bat Willem Mom. + +Endlich bewegten sich ihre Lippen: -- Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum +Sehen. + +-- Sie redet irr, flüsterte Fix. + +Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems +spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und +Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern. + +Fix entging er nicht. + +-- Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber +schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit +eigener Beobachtung beschäftigt. + +-- Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone. +Wie heißt Du? + +-- Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde. + +-- Die?? + +-- Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert. + +-- Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf. + +Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: -- Nicht möglich? Es giebt +kein Unglück, das nicht möglich wäre. + +Dann, gegen das Lager gewendet: + +-- Ist's wirklich so? Bist Du blind? + +Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen +enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne. + +Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer +Schmerzenszug. + +-- Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet. + +Sie nickte und seufzte: + +-- Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles +sagen. + +-- Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander. + +Der Frühwind sprang über's Meer und jagte die Thür auf. + +Flammend grüßte jetzt die Sonne in's Gemach. + +Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen +geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren +Rettern. + +-- Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz. + + * * * + + + + + + +Die Luft klar wie Krystall. + +Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und +Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften +getragen. + +Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben. + +Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte. + +So ging's die Nacht hindurch, so den zweiten Tag. + +Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten +gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war +kaum mehr zu schätzen. + +Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen +Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu +und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben. + +Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden +Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte. + +Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose +Flug spottete jeder Berechnung. + +Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und +die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols +näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel. + +Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes +Land in ungeheuren Flächen zu erkennen. + +-- Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen +zum Verschnaufen, spottete der Jüngere. + +-- Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den +Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in +dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und +sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den +Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta? + +-- Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen +Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das +erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen, +aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken. + +Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders +der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. +Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den +Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst +seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht +am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in +dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine +Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde, +nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen +Noth. + +Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den +ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein +Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner +knirschenden Betäubung vollständig. + +Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an +ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch. + +-- So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust +bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt. + +In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen +Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen +bestimmten Gedanken denken konnte. + +Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des +Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten +vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie +sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem +Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an +ihn. + +-- Nimm's uns nicht übel, wir hatten's besser mit Dir vorgehabt. Wir werden +Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind. +Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst +Du frei sein, Flüchtling? + +Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab. + +Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen +in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr +Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und +lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte +er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr +Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der +Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in's +Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod +Verbündeter. + +Nur wenn er an Jala dachte, war's mit seiner Fassung vorbei. + +-- Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler +Anfang. O über die verwünschte Wunde! + +Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die +schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele. + +Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne +wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller +Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte +auf die bittere Erregung. + +-- Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er +seine Peiniger. + +-- Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher +schließen den Zweifel aus. + +Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und +lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben. + +Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an. + +Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die +Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot! + +Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen +Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er +mochte nicht fragen. + +Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein +Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber. + +Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel. +In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem +Glanz. + +Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von +einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien. + +Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in +dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht +und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen +dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität. + +Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in +das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner +ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste +Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben +vermochte, in diesen fremden Regionen. + +-- Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber +zu lösen, und über die Stupidität geht nichts. + +-- Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere. + +-- Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme, +die Augen aufschlagend, wie im Traum. + +-- Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir +sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. +Lass' ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch' Dir den Mund. Wir thun +das Gleiche. + +Grege versank in Schweigen, das auf's Neue zu einem schlummerähnlichen +Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so +unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, +und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren +Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem -- -- so verwandelt -- -- -- + +Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen +Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen, +von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung. + +Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten. + +Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich +damit seinen Bart. + +-- Originell ist er immerhin, dieser Typus. + +-- Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In +normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer +zu stehen kommen. + +-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt +vorausgesetzt. + +-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir +gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlünden zwischen +Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer +Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht. + +Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte +es seltsam. + +-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender +Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den +Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod +und Leben. + +-- Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists +gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen? + +-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine +Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und +wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der +Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht +von der richtigen Stärke. + +-- Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der +reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die +verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte +befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. +Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern +wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns +ein anderes Exemplar einfangen. + +Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich +stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine +Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! +Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und +Sinnloses -- ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. +Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen -- -- + +Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den +Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch. + +Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug +Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte +Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die +schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er +in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die +Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den +Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig. + +-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, +seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust. + +Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, +blutigrothe. + +-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter. + +Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag +von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner +nieder. + +Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strömung hob das +Fahrzeug. + +-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! -- + + * * * + + + + + + +Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter. + +Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug +von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz. + +Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm +aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine +neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben. + +Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen +Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein +Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann. + +Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches +gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und +wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen. + +Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der +Feind dich nicht mit Ränken umgarnt! + +Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth +wieder. + +An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die +Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden. + +Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen +Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte. + +Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war's vorbei. + +Grege verhehlte sich's nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer +Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und +Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu +unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. +Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand +er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit. + +Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten +herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken. + +-- Möchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste +und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, +daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir? + +Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort: + +-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen? + +-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von +Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich. + +Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm +eine. + +-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir müssen den Rest eintheilen. + +-- Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen. + +-- Warum hoffst Du das? + +-- Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich! + +In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß +sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei +andere Fahrzeuge hielten. + +-- Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht's gut, +werden wir uns schleppen lassen. + +-- Und dann? + +-- Dann kehren wir heim. + +-- Wie verstehst Du das? + +-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht +fern. Dort ist unser Ziel. + +Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die +Gefangenschaft. + +-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn +in's Auge. + +-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter +Harmlosigkeit. + +-- Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken! + +-- Du wirst unser Gast sein. + +-- Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf. + +-- Und wenn mir das nicht behagt? + +-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen. + +-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will? + +-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu +feiern. Ist Dir das zu wenig? + +Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die +unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn +noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich +stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine +weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das +Entsetzliche durfte sich nicht vollenden. + +Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei +meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht. + +-- Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist. + +-- Was für eine Rechnung? + +-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine +Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach. + +-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist +Du! + +-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht. + +Heiß stieg's in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und +Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er +als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt? + +Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu +richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. +Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen. + +Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht +unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta +galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an! + +Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner +Flucht aus Teuta klar. + +Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn +aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer +Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und +Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt +galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung. + +Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf +gegen die, die vor ihm sind. + +Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den +Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird +sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein. + +Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er +drückte die Hand auf die pochende Brust. + +Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er +brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage +besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und +setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine +Legion aus dem Boden. + +Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz +gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt. + +Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: +Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die +Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten +vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus +ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen. + +Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick +seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. +Sogar für die Weisesten im hohen Rath. + +-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe +her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo +mit boshaftem Lächeln. + +-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz. + +-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken +gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den +Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes +Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf +los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen. + +-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, +Schurke immer und ewig. + +-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter +gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, +ich bitte Dich. + +Grege's Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz +zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala! + +Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine +weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft +durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt? + +Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines +Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles. + +Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und +berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung +ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber +er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls +würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in +Sicherheit zu bringen. + +Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschäftlich +verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen +Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die +ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und +Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang +gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen +Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl +schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle +Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung +reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte +für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut -- +Kalkulation und kein Ende. + +Da -- alle Wetter! + +Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker. + +Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die +Erde. + +Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede +gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm +nachstürzen, wär' sicherer Todessprung. + +-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen! + + * * * + + + + + + +Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus +erlebt. Was ihm nur plötzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, daß er +jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz +senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu +behelligen! + +Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese +wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn. + +Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Blätter und Tafeln, dann +schob er sie ärgerlich bei Seite. + +-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? +Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. +Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen +hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell +genug. Was meinst Du, Minus? + +-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. +Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. +Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen. + +Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte: + +-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster! + +-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, +Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht. + +-- Sag' Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir +haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch +dieses vertuschen? Denk' nach, Minus! + +-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er +war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir +hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, +wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann. + +Ao machte ein bekümmertes Gesicht. + +-- Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge +das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf +das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv. + +-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen +wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch +entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung +vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag's zum Grundgesetz unserer +Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich +zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, +Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig +verschwunden? + +-- Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine +Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von +Staatswegen und Augenweide für Alle. + +-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen. + +-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen +Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles. + +-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen +Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell +war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp +hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er +war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. +Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein +großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß +machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er +königlich. + +Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte +er mit speckiger Stimme: + +-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant +ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben. + +-- Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und +doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel +Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt. + +Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt. + +-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim +nicht Rath? + +-- Geh' mir mit Bim! + +-- Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn +da nichts machen? + +-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst +gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- läßt sich daraus ein +Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala? + +-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine +persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden +sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als +Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium. + +-- Du thust Dich leicht, Ao. + +Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie +Glaskugeln: + +-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an +kein Weib! + +-- Soll ich's an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da. + +Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern. + +-- Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die +Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, +fügt sich's nicht in's Gesetz! + +-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du! + +-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf +ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen +Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche +Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib +und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich +erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig +und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal +steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . . + +-- Gut, ich werde ein Ende machen. + +-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten +Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende. + +-- Noch vor dem Zarathustra-Fest. + +-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. +Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom +Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um +Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden +mit Deinem Herzen. + +-- Gewiß, das will ich. + +-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit +dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und +Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei +Schwierigkeiten, Du verstehst mich. + +-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao. + +-- Und nun verlaß' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung +geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die +Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch? + +-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl. + +Minus kämpfte schwer. + +Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht +Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut +wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag +sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit +verschlechtert. + +Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den +sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der +nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er +thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum +Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt? + +Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich +als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von +Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug +und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten +die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten. + +Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für +Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden +Hinsiechen sich von selbst verstopft? + +Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen +Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache +Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. +Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit +über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten +Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, +Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit +Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten +kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst +mehr ernst nehmen kann. + +-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe +Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . . + +Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe. + +Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er +durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region +zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten +Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt. + +Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie: +Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der +Gefühle, Schwelle des Unbewußten -- trennte die Männerhauptstadt vom +Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen +Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit +in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der +Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe. + +Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege +streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten. + +Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, +zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug +sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des +verminderten Lichts. + +-- Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen +Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen. + +Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd: + +-- Soundso grüßt Minus, Hoheit. + +-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen? + +-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst. + +-- Kehr' ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge. + +-- Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei +Titschi. + +-- In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du +kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden. + +Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in +mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen +Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung. + +-- Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein. + +Minus ging bis zur nächsten Abtheilung. + +Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch. + +-- Darf ich Mitwisser sein, Soundso? + +-- Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton +etwas erhöhend. + +-- Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen? + +Soundso blieb stumm. + +-- Und durch das Thor der sieben Seligkeiten? + +Soundso seufzte wollüstig. + +-- Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die +apokalyptischen Leuchter stehen? + +Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter +gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle. + +-- Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat +das Mondlicht Dich wonnig umflossen? + +Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte +. . . + +-- Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir's gefällig? + +Soundso räusperte sich. -- Kann ich leise sprechen, hörst Du? + +-- Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung? + +-- Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung +. . . + +-- Wenn Du den Namen verschweigst, denk' ich an Jala. Einverstanden? + +Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn. + +-- Hat man Spuren? Nähere Umstände? + +-- Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung. + +-- Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist's so? + +-- Du sprichst im Bilde, Minus. + +-- Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme. + +Soundso schwieg. + +-- Hat man Hoffnung auf Wiederkehr? + +-- Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben. + +-- Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet +ihr seiner los sein? + +Soundso schwieg. + +Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören. + +Die Pause verlängerte sich. + +Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von +sich entfernenden schleichenden Schritten. + +Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen +eigenen Athem. + +Schwül beklemmender Duft dickte die Luft. + +-- Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem +Gruß, bitte. + +Eine Weile tödtliche Stille. + +-- Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde. + +Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und +unerfreulicher Ausgang, dachte er. + +-- Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte +gegen den Hintergrund. + +-- War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich +mich zurückziehen? + +Es ward ihm keine Antwort. + +Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden. + +Plötzlich stand er im Dunkeln. + +-- Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine +Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht +seine eigenen Wege schließlich. + +Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und +er versprach sich Nutzen von diesem Wissen. + + * * * + + + + + + +Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst +fühlte er sich nicht. + +Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht +ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die +im Schlafe stets ein wenig geiferten. + +Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im +Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die +Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern. + +Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der +Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach, +das viele Denken. + +Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das +lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten +vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen +rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide -- das strengt an, kein +Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der +Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles +klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles +schön klappte. + +Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst +konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu +schlichten. + +Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende +Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der +nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren. +Da können sie in alle Winkel leuchten. + +Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder. + +Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter +Kadenz. Eine ganze Arie. + +Ao wälzte sich in Positur. + +Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein +Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch. + +-- Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die +Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst +die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund. +Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft. + +Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch +mit dem Tastwerk. + +-- Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben. + +Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den +Tasten spielen. + +-- So, jetzt kann's losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll +mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb? +Besser finden sie's doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da +ist kein Halten mehr. + +Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat. + +-- Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist +mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab's ihm eindringlich genug +gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht +erstatten. Ich lasse Minus grüßen. + +Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen. + +Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein +schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft +an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer! + +Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche. +Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das +flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase. + +-- Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten +mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus -- was? +Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär' gegen alle Verabredung. Soundso +bezeugt's? Dabeigewesen? Das lass' ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine +Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich +einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, +Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der +Irrthum wird sich aufklären. Ich hab' jetzt wirklich an Anderes zu denken, +wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles +durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen. +Schluß. + +Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen +Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen +zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion. + +Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen +weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, +schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal +befördern. + +Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit +mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein +spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande +käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten, +wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich +der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre +stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute +schließlich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren +zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes +richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von +keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das +Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und +die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im +deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte +Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht +feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren +zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender. + +Plötzlich war Ao hereingehuscht. + +Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann: + +-- Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle. + +-- Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer +Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut? + +-- Wie das ganz Teuta's. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten +Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen. + +-- Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die +Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum +ließ ich Euch hierher bitten. + +Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen +orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort: + +-- Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz +zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine +pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte. + +-- Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen, +noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen +liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte +Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise +des Ueberlieferten nicht in unserem Staate. + +Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten, +leise wippenden Fußes. + +Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise +wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen +Punkt. + +-- Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu +sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die +Fußbekleidung gespitzt? + +Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher +trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom +allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in +einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers, +nickten dem Oberpriester beifällig zu, seiner außerordentlichen +Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken. + +-- O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es +entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein +Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit +einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das +Licht meiner Augen geschwächt. + +-- Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt, +mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr +Alle wißt, verpönt ist? + +-- Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche +Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! +Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab' ich mir diese +Abweichung gestattet. + +Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit. + +-- Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen +gekräftigt sind? fragte Ao liebreich. + +-- Gewiß, das werde ich. + +-- Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich +erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit +zuwenden. + +Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück. + +-- Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die +Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, +mit einiger Sorge. + +Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien +wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen. +Auch war's, als suche er mühsam nach dem Worte. + +-- Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte +uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher +die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er +das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe. + +-- Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die +Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild +von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes +Ereigniß versetzt hat. + +-- Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still +geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander. + +Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin. + +In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel. + +Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit +gesenktem Kopfe. + +Endlich seufzte er auf: + +-- Zwei Ereignisse. + +-- Zwei sogar? Das ist viel auf einmal. + +-- Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe +Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt +sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen. + +Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der +Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem +zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten. + +-- Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen. + +Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich +allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das +Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte. + +-- Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr, +täuschen mich meine schwachen Augen nicht. + +-- Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn? + +-- Minus? fragte Einer verzagt. Ist's nicht Minus? + +Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: -- Minus! + +-- O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein +Freudenfest zu! entfuhr's dem Sprecher in der ersten Erregung. + +-- Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem +Sprecher einen dankbaren Blick zu. + +Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt. + +-- Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man +sieht's ihm gar nicht an. + +-- Ja, man sieht's ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite. + +-- Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein. + +-- In der That, es ist so, der Vierte. + +-- Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und +wahrhaftig so, daß man's ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen +Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was +meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine +besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus, +ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht +mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in +der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich. + +-- Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf. + +-- Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein. +Beweglich! + +Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand. + +-- Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde. + +-- Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine +Mitältesten der Reihe nach anblickend. + +-- Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste, +bestätigte der Sprecher mit Kennermiene. + +-- Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur +Bekräftigung. + +-- Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester, +seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang. + +-- Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts +Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser +plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren +Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath. + +-- Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist +an und für sich nichts Kritisches. + +-- So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt +ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit +einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem +Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde. + +-- Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte +der Zweitälteste ein. + +-- Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind +kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der +Sprecher wie zur Selbstbelehrung. + +Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche +Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen +Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht +hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein +mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu +drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses +sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen. + +-- Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife, +daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters +unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister +und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und +Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt +ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht? + +-- Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der +gelehrte Minus. + +Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort. + +-- Beweglich? Im Angesichte des Todes frag' ich Euch, wollt Ihr mit der +Sprache herausrücken oder nicht? + +Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem +Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde. + +Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten +sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete +Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten +Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein +Abschluß gefunden werden. + +-- Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort. + +-- Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem +Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig +beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über +seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen +Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch +glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine +Mitältesten nicht andeuten. + +-- Habt Ihr Beweise? + +Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm +sich kein Blatt vor den Mund. + +-- Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen +will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine +Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke +versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein +gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person. + +-- Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt. + +-- Dann kennst Du Jala nicht? + +-- Jala? Was geht Euch Jala an? + +-- Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem +Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden +ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus' Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein +Zauber hat sie beseitigt. + +-- Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch +Grege ist verschwunden. + +-- Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres +Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch? + +-- Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden. + +Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der +Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf: + +-- Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn +gemeuchelt. + +Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus' +Werk! Keiner ist listiger, als er. + +Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom +Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all' +seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit +zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja +einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses +Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt +von Teuta vorgegangen? + +Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen +Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu +schlucken gehabt, wie heute. + +Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche +schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu +klingen. Schlechte Musik fürwahr. + +-- Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus +weisem Munde zu vernehmen? + +Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und +tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht +vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu +verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen +geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie +wollen wir uns vor dem Volke verantworten? + +-- Begreift Ihr denn nicht? Darum hab' ich Euch ja berufen lassen, daß wir +uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen +Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr +denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter +Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe +Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben +gegangen -- + +-- Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath? + +-- Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der +störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke +zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen. + +Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd: + +-- Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur +Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er +hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir +die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben +sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen? + +Ao athmete auf. + +-- Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache +getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung. +Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim +halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und +das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn +Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus. + +Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes +lebhaftes Ertönen der Klingel. + +Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen. +Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter +Verdacht, daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur +kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen +das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen +begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen +den hohen Rath aufzuwiegeln. + +-- Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der +Oberpriester. + +-- Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester. + +-- Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der +Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich. + +Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt. + +-- O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim +heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht +mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht. +Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen? + +-- Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines +Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher +Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu +fangen. + +-- Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt. + +Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich +versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht +mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere +sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe. +Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen +erhalten. + +Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen. + +Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für +seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er +eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand +auf dem Tastwerke spielen. + +Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen +der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder +herbescheiden wolle? + +Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen. + +-- Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen, +meine Freunde, verweilt noch. + +-- Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt +mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und +verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum. + +-- Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und +meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht +tragen. Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer. + +-- Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll's das Volk +besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle +finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das +Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß +oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird. + +Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle +Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu +den seinigen. + +-- Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, +ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn +beschließen? + +Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an. + +Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei +feierlichen Anlässen. + +-- Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den +herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er +soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen. + +Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit. + +-- Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade +das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der +Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf's Beste zu +ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, +unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch +aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen. + +-- Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte +Ungeheuer! ächzte der Oberpriester. + +Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu. + +-- Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit? + +-- Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe +stiftet. + +Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer +intelligenter Zuversicht. + +-- Lasse das meine Sorge sein, Ao. + +-- Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue +Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird +Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine +Begleitung. Laß' uns Titschi aufsuchen. + +-- Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist's möglich, daß wir ihm +nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, +obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte. + +Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des +Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen +gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele? +Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als +handle sich's um irgend eine Verabredung zum Frühstück. + +Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen +Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den +Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta! + + * * * + + + + + + +Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem +Teutavolke geboten. + +Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte +Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die +Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der +verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft! + +Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen. + +Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten +Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche +Person, Soundso. + +Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des +überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und +als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte, +war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken. + +Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen +Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer +Betrügerei? + +Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise +nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der +Aeltesten ab. + +Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als +man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen. + +Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete +sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und +Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht +zu werden. + +Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies +sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben +war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne +Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in +Erwägung gezogen werden. + +Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf's Aeußerste an und ließ +alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich. + +-- Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er. + +Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in's Bett und konnte mit nichts als mit +virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen. + +So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn +preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination +zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze +dampfte, bald fror ihn, daß er sein Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, +die vor Frost zu bersten droht. + +-- Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde +tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao! + +Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude +mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden. + +Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man +beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum +Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh' sei umsonst. Diese +unnahbar edlen Spitzbuben! + +Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein +Verrückter. + +-- Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem +Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene +Brust. + +-- Wer denn? Wo denn? + +-- Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten, +Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie +in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel, +ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter! + +Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke. + +-- Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte +seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz +Teuta dieses Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz +für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich, +herrlich! + +-- Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde +und brach in den Polstern zusammen. + +-- Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich +vielleicht den Bim herbeirufen? + +-- Verschon' mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der +Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er +einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten +Geschäfte? + +Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit +gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend: + +-- Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll. + +Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen. +Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe! + +Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber +nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen: + +-- Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich +in's Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos +Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm's nie verzeihen, daß es unter +seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung -- +lächerlich: Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht +unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste +Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut +eingefädelt! + +Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn +jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, +das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken. + +Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig. + +-- Bim -- ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann +mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts? + +-- Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen! +Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich. + +Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette -- die Bewegung sah +drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben -- und mit der großen +Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen +begannen zu spielen. + +-- Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche? + +-- Hunger hab' ich, guter Titschi, Hunger. + +-- Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln +sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester. + +-- Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt +und elend gemacht. + +Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die +Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und +Fläschchen. + +-- Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher! + +Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum +Munde. + +-- Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab' ich lange geschlafen, Freunde? + +Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute. + +-- Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe. + +-- Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten +hinein. + +-- Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi. + +-- Wie man's nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand. +Dann verwandelte sich's in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich +glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi. + +-- Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht +köstlich? Bezeuge Du's, Oberrichter Kaspe. + +-- Ja, die Luft Titschis ist gut. + +Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim's Urtheil hören. Was +habt Ihr beschlossen, Freunde? + +-- Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem allweisen Willen gehen +soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht. + +-- Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen? + +-- Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen. + +Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter +Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus +der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren. + +Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten +von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten +wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit +seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, +der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht +durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen's doch ahnen -- + +Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten. + +Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht. + +-- Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim. + +-- Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in's Wort. + +-- Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen. + +Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim +ein. + +Er hat ihn gefunden! Unglaublich! + +-- Leicht war's ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht +war's ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war +erstaunlich groß. Aber nun halt' ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er +ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die +ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung +ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst. + +-- Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach +Titschi den Strom der Rede. + +-- Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte. +Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn -- -- + +-- Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele +flüchtig. + +-- Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll. + +-- Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen +Wort, wie Minus sagt. + +-- Minus! Ihn hast Du? + +Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war +auf's Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch +that ihm weh vor Ungeduld. + +-- Nachdem ich das Atom -- -- + +-- Das Atom! Hört, hört! + +-- Das Atom! + +-- Das Atom? + +Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich's im Voraus denken können. Aber +immer auf's Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und +Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender! + +Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: -- Hoheiten, das Atom ist der +Anfang aller Dinge, lassen wir's dem guten Bim, damit er auch an das Ende +der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen. + +Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht +um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten. + +-- Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des +Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als +das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu +Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was +ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung +des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes. + +Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter +die Bettdecke. + +-- So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner +Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund. + +-- Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn, +musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber +gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. Sieh hier +unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen +Ao, er ist krank, und ich selbst -- -- + +Ao lächelte schwermüthig: -- Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr +krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt +seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe! + +Titschi kroch aus dem Bette: -- Weißt Du, was inzwischen in Teuta und +seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum +weiltest? + +-- Nun? + +-- Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren? + +-- Minus? Er ist eingetreten in's große Mysterium? Ist er das? + +-- Woher weißt Du das, Bim? + +-- Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein +Versprechen erfüllt. + +-- Ja, das hat er. + +Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, +das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage: + +-- Welcherlei Art war das Versprechen, Bim? + +-- Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu +machen. + +-- Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi. + +-- Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts. + +-- Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend. + +-- Nein, hoher Oberpriester. + +-- Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre +ein. + +-- Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine +Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. +Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen. + +Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte +sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das +Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch +ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was +kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe +kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle +zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre +wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere +war er, so wenig sie's auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese +Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt, +der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit? + +Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern +nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken. + +-- Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao. + +-- Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk führen wir auch über die +festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit +einem schiefen Blick nach Titschi. + +-- Natürlich führen wir's drüber hinweg. Worüber führten wir's nicht +hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein! + +Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim? + +Es herrschte tiefe Stille. + +-- Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken +auf. + +Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem +Fahrstuhl liegend. + +-- Lebendig und todtbeglückt grüß' ich Euch. + +Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd. + +-- Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll. + +-- Das überleb' ich nicht, röchelte Ao. + +Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes +Stück. + + * * * + + + + + + +Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er +zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der +Luftgondel fand. + +Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm +vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk. + +Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder +erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine +Wiedergeburt zu neuem Leben. + +Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke. +Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß +nicht Alles unbeschädigt geblieben. + +Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder +aufgebrochen und blutete ein wenig. + +Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine +Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem +blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt +des geliebten fernen Weibes. + +Jala! Die Seelen grüßten sich. + +An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder +auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und +Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte. + +Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von +solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte +der Körper. + +Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still, +fremd, beschwichtigend. + +Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine +herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und +Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles +durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft. + +-- Jala, wo weilest Du? Wo ich? + +Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel. + +Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er +schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein +konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu +ahnen. Grege lächelte. + +Freiheit! Hoffnung! Jala! + +Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich +trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören. + +Freiheit! Hoffnung! Jala! + +Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung. + +Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der +Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden +aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie +der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der +Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so +wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen. + +-- Jala! + +Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich +stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der +räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden +Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen +Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel +entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen? + +-- Jala! + +Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein +Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land +der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel +allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im +letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das +Andere, entschieden Nichts. + +Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln. + +Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und +Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen +Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von +gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich +alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen +in wilder Gebirgsart -- -- + +Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den +Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich +zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib +unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb. + +-- Grege! Grege! + +Es war Jala's Stimme. Wahrhaftig, sie war's. Ihr Ruf hallte über Berg und +Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie +Flötenton. + +-- Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich +suche dich, Grege, Grege! + +Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu +suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile, +bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die +Gipfel, an die Wolken -- -- + +-- Grege! Zu Hilfe! Rette mich! + +-- Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du +wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala, +hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm' +doch, komm' -- -- komm' herab zu mir -- -- --. + +Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie +ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der +Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in +unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein +Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern +ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen. + +Vergebens. + +Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen +ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich! + +Noch einmal war's ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr +verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen, +hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten +der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt +zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer +ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen +Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in +majestätisch düsterem Gewoge. + +Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war +steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein +Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit. + +Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und +den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die +kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht +nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte +er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem +feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit +stattgefunden. + +Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige +Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta +hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen +Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten +Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, +unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit +Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material +für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet. + +Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige +Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde +entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so +intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven +ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem +haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über +dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen +weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten. + +Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein +Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so +viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine +reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in's Innerste +davon getroffen war. + +Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem +Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine +Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in's Auge. + +Grege nickte ihm zu. + +-- Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich +begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben +Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder +schickt Dich Jala mir als Bote? + +Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in's Gesicht, schüttelte +eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als +wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich +finden. Mach' nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und +Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also +vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach' Sprünge wie ich! Und hinter Dir +steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig -- siehst +Du denn nicht? + +Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und +blickte rückwärts. + +-- Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den +Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen. + +Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie +auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine +grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes +Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen +Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem +Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung +strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem +eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen +Feueraugen voll sprühender Gewalt! + +-- Angelos? Wohnen hier Angelos? + +Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den +Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und +Worte auffangen. + +-- Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos. + +Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die +mächtigen Pratzen auf die Schultern. + +-- Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir. + +-- Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du +fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. +Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte. + +Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege +und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter. + +Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem +allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, +gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes, +daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder +sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und +doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen +des Hundes. + +-- Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund. + +-- Hier! Sie reichte ihm die Hand. -- Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du +müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen? + +Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er +gekommen! Durch die Luft! + +Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka. + +-- Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem +abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das +meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen. +Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen +gekämpft? + +-- Ja, Maikka, das hab' ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch +und trage keinen Streit in die Welt. + +Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen +sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm +selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes. + +-- O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den +Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen? + +-- Grege heiß' ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du's. +Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur +meiner Freiheit hab' ich mich gewehrt. + +-- Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein? + +-- Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich, +gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich? + +Maikka lachte: -- Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika +heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig +anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o +Teuta! + +Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen, +aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug +seine vergnügtesten Töne an. + +-- Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta? + +-- Davon und von vielem Anderen später. Willst Du mein Gast sein? Ich führe +Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du +schwimmen? + +Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als +vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das +Schwimmen in großen unterirdischen Bassins. + +-- Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner +Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes +Land kennen lernen, Teutamann Grege. + +-- Gute Leute hoffe ich. + +-- Gewiß. + +-- Was lieben die Leute in Nordika? + +-- Nichts, Grege, und Alles -- was Liebe verdient. + +-- Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben +sie Respekt? + +-- Vor nichts, Grege, und vor Allem -- was Respekt verdient. + +-- Merkwürdig, Maikka. + +-- Jawohl, Du wirst schon sehen. + +Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen +Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger +spürte. + +Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er +die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, +machte er einen hohen Satz. + +-- Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet +hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht. + +-- In Teuta! + +Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und +Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer +Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch +nehmen. + +-- Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist +hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus +die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem +Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde +spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist. + +Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an. + +-- Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist +Du sehr geübt in Muskelarbeit? + +Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange +mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche +Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von +Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer +kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt. + +-- Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du +rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- +und Wassermenschen, nach Belieben, Grege. + +Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille +schimmernde Nacht. + +All' seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes +Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen +Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen +Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer +sozusagen. + +-- Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit +aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer +wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung +seines Teutalandes zu begegnen. + +-- Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege? + +-- Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen +unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der +Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen. + +-- Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher, +schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen +nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit +ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle +Arme. Da fühl' einmal her! + +Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als +Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die +herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den +Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit +mächtigem Sprung durch die Luft. + +-- Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka. + +Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser. + +Grege stand unentschlossen. + +-- Nun? Mein Gast hat die Wahl! + +-- Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant +ausweichend. + +Maikka schlagfertig: -- Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du +darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das +Boot noch vor uns her. Mir nach! + +Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift +und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt -- und +platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und +nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede +Bewegung. + +-- Herrlich, herrlich! Flink, Grege! + +Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie +flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast +besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine +Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen +pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm +kicherte und schlängelte, wogte und wiegte die Nixe in den schönsten +Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich +hertreibend. + +Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe +spürte. Dann war's ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite +über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm. +Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen +Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen +und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz. + +Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes +erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich +würgenden Nixenarmen erstickt. + +Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich -- und sein Bellen schallte +wie Siegesruf. + +Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu +empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen +nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das +Zweckmäßige. + +Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon +in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte +sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre +Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler. + +-- Und nun rasch in's wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles +bereit? + +Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften +Schritten Maikkas folgend. + +Was war das für eine Welt? + +In Teuta gab's für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen +Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die +Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der »offenen +Zeit« gab's Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen +Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit +Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der +Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für +sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit +dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte. + +Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für +sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. +Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich +heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf, +wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort +zu thun hatte. + +Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller +Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf's Blut zuwider. Aber was +wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und +glücklich unter der aufgezwungenen Regel -- und sich zu preisen schätzte es +nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das +bevorzugteste Volk der Zivilisation! + +Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast +Grege führte? + +In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach, +reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in +all' seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft -- wie schmolz das +ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem +Himmelreiche! + +Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen +Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße +Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden +schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste +allein. + +-- Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und +bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind +sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in +Nordika, Grege. Und nun setz' Dich zu mir und iß! + +Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln. + +Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den +Früchten, einem Stückchen Backwerk und schänkte sich von dem süßen Saft +einen Schluck in sein Glas. + +-- Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich. +Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel? + +-- Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur. + +Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf +und rückte ihren Sitz näher dem seinigen. + +-- Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist +Du ein freier Mann in einem freien Lande. + +-- Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet. + +-- Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln. + +Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang. + +-- Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen +erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch +nach Fox und meinen Thieren sehen. + +-- Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also +bist Du Lehrerin? + +-- Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse +erzählst Du mir morgen. + + * * * + + + + + + +Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht. + +Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst schüttelte ihn eine +wüthende Sinnlichkeit, dann klärte sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht +nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun +ihres Verlassenseins Kummer bergen? + +Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wüßte, die Getrennten +einander nahe zu bringen? Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte +stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die kluge Lehrerin nicht +eine Nothhelferin werden? + +Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer +Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen. + +Ja, ja, ja. + +Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über seine Seele, und behaglich +streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein +neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen. + +Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen Träume, löschten die +himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und +wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff und warfen +ihn schließlich in den See. Alles schien für ihn verloren in gräßlicher +Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen +Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die +Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens -- -- + +Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten Schlaf. + +Das war das Morgenlied. + +Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glückliche Narr der +Träume. + +Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit +mächtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie +Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür her tönte +eine glockenhelle Stimme: -- Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein +will! + +Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel. + +Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom +Lager. Er strich über die Knie, er strich über die Waden, er befühlte die +heile Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit +beiden Händen über die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel. + +Wie klang's? + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +Und wessen Stimme war's? + +Ja, ja, Maikka's Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin +dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen? + +Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck. +In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte +er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weißen, weiten, +weichen Mantel. Er ging zur nächsten Thür, im Gehen den Mantel um sich +nehmend. Er öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen +Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, wie gestern, erwarten ihn, +ihm ihre Dienste schweigend zu leisten. + +Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams +und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen, +sie wissen von nichts. + +Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die +Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne +fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach. + +Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten +Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos. + +Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In +dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, +die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine +sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch +so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes, +Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht +Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an. + +Grege steht immer noch, von all' den überraschenden Eindrücken erfüllt -- +aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu +erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam +mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur +empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist +doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo +ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will? + +Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die +sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um +seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit +der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die +Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch +schlüpfe? + +Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den +kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß -- Blumen, so schön +und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das? +Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war +chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige +Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form +herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel +Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod +von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen +Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für +ihn nicht gelten? + +Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen +Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege +des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von +überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle +keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird +dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten +Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber +hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde? + +Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand. + +Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes +Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht +unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als +in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta's Staatsweisheit +vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider +vorenthalten? + +Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht? + +Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist +in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal. + +Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist +leer. + +Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen. + +In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der +gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm, +ihnen zu folgen. + +Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht +zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor. + +Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber +doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich +unheimlich wurde. + +Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum +gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der +Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute +nicht persönlich um ihren Gast? + +Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als +Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war's nicht Greges +eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen? + +Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen +Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und +hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen +konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom +sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender +Linie. + +Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht +Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging's +im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben, +ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen, +zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen! +Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog +auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts! + +Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete, +seine Haut wurde schweißwarm. + +Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer +Reihe. + +Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich. +Nun zählte der Andere: eins, zwei -- drei! + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung +an die letzte Nacht durch den Kopf? + +Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen, +hüpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele +erschien, war der junge Mann aus Teutaland. + +Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite, +lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im +Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei +Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften. + +Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten. + +Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in +dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer +Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der +Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat. + +-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand. + +Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der +merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein +Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch +fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begnügte +sich mit einer stummen Verneigung. + +Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt. + +Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was +thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, +außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt? + +Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab. + +-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist +würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden. + +Grege nickte höflich. + +Maikka fuhr fort: -- Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im +Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege! + +Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen +Sprühen der dunklen Augen begleitet. + +Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon +einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so +gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er +noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm +in diesem »freien Lande« Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit +fortgerissen. + +Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich, +jedoch ohne die Reihe aufzulösen. + +Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge +mit ausgeführt, auf Grege zu: -- Wie gefällt es Dir? + +Grege: -- In Teuta hätte mich's verrückt gemacht. + +-- Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's +Wort. + +Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz +vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte +der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt +wurde. + +Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft +schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so +jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen: + + Frisch, frei und froh, mein Kind! + Dein Sinn sei leicht wie der Wind, + Dein Muth bewährt wie Gold, + so bleibt das Glück dir hold -- + Trala, Dir hold, trala, Dir hold. + + Fest in Treue stets geschlossen + Sind wir stolzen Volkes Sprossen + Dir in Liebe zugewandt, + Nordika, heiliges Vaterland -- + Heil, Vaterland! Heil, Vaterland! + +Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der +feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit +gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie +selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge +entzückte. + +Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen +Schlägen: + + Nordika, heiliges Vaterland! + +Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den +Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über +dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter +Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende + + Heil, Vaterland! Heil, Vaterland! + +ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser +alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er +seither keine Ahnung gehabt. + +In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort +galt nur der Begriff vom »Staat« und »Reich« als eines künstlich +aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals +das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden +Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, +die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche +Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern +und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen +Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von +Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute +hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich +keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil +Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur +mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur +verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung. + +Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig +erschüttert und todtbetrübt zugleich. + +-- Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf +ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu? + +Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: -- Nie hätte ich das +geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt. + +Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter +Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie +von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit. + +-- Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntniß? Bist Du +je bei uns gewesen? + +Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: -- +Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten +Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß +von Teutaland. + +Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten +Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre +Lippen. + +-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit +fünf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen. + +Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und +entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, +hinaus in's Freie. + + * * * + + + + + + +Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite. + +Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte: +-- Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das +ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens. + +Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge. + +Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln. + +-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte? + +-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran. + +-- Lass' hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit? + +-- Eine Erinnerung. + +Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede für sachliches +Nichtwissen. + +-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka. + +-- Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: +Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit? + +-- Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger. + +-- Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und +kapitalistischen Metallzeit? + +-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig +zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage. + +Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: -- Für Nordika gilt +das wohl nicht. + +-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem +großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere +Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab +schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie +kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein +Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen +Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser +furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich +blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und +durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte. + +-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million +Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler. + +Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf +Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit +Dir kann man reden. Hör' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch +zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr +doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet +Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen +kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör' mal, Grege, +hör' mal! + +-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du? + +-- Wär's möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig +Empfindung hättest? + +-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an +Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland +geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen +Eindrücken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein, +das weit hinter mir liegt? + +In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand +auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstieß: -- In Teutaland +verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine +eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für +ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen +setzt? + +Grege zuckte zusammen. + +-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert. +Grege, begreifst Du das nicht? + +-- Ich beschwöre Dich, Maikka! + +Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und +Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz. + +-- Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich muß +Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen. + +Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er +vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender +Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit +Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen +Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet. +Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen +Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern +und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und +ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in +Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit +Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole +willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des +Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas +hinwirft -- -- + +-- Halt ein, Maikka! + +-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger, +Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle +Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle +Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der +Millionenstädte -- -- + +-- Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende, +Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten +nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen +Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle +begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich, +Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam? + +-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland +keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und +stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland. + +-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden! + +Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte +ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen +haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im +Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht! + +Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen +eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. +Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem +Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein +seltsamer Rumor. + +Er zwang Maikka zum Stillestehn. + +-- Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka? + +-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten +Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und +dann Deine Thränen -- weiß ich's? Das hat mich eben erregt und außer mich +gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaßen! + +-- Mit mir wohl auch nicht. + +-- Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein. + +Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte. + +-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an +den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt? + +-- O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie +hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen +Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht! + +-- Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand +haben, Maikka! + +-- Freilich. Den größten und höchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und +Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die +Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das +Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal +den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig, +nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der +Dinge? + +-- Wir nennen's in Teuta das Mystische. + +-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische! + +-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und +trägt? + +-- Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische! +Nicht im Mindesten kümmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir +erlauben uns das, Grege. + +Und nun lachte sie wieder. + +-- Warum leben wir eigentlich, Maikka? + +-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach. + +-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt? + +-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag's in der Hoffnung, +daß es mir wieder gefällt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne. + +-- Mit und ohne, was heißt das? + +-- Mit und ohne Gefallen. Aber hör' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm! + +-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die +schönsten Kinderträume zurückführen könnte. + +-- Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft +mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin! + +Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er +wollte oder nicht. + +-- Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du, +sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles! + +-- Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem +Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter +kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich! + +-- Nun? + +-- Ist so verschattet, daß ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie +eine alte verblichene Handschrift. + +Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man +nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt +daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da, +für uns nicht da. Was soll's uns also? + +-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich's auch nicht, was in +unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben. +Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt, +wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob +wir's wissen und wollen, oder nicht? + +-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann +hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige +Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau' mich an, Grege: Bin ich +stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch? + +Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte +von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die +Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden. + +Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild +lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht +vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er +konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer +neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht +einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut, +zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte. + +-- Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als +Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land! + +-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich! +Nordika hat nichts dagegen. + +Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde. + +Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain. + +-- Mir nach! Hier ist Nordika! + +-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. -- +Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man +in Teuta auch nicht. Armes Teuta! + +In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der +schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger. +Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine +Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen +Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so +schlaff -- -- + +Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne. +Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, +reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen, +von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen +sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das +Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von +Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und +anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und +Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her. + +-- Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem +Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling +um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege? + +-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da +versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von +ihrer Insel -- -- + +-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr? + +Grege verneinte mit Kopfschütteln. + +-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt, +wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder +vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser +sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder -- was weiß ich! +Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont +abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen +Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, +immer Nordika. + +-- Wie ein einziger Körper! + +-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper. + +Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie +zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft. + +-- Wie ein Körper, Du hast's verrathen. Und verräthst Du auch wie wir's +machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir +uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen? +Erräthst Du's? + +-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften, +denk' ich. + +-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wäre uns zu +mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn +Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns, +als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den +menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie +Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen +Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, +der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er +weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder +Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen +Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der +Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine +Schwierigkeiten machen. Verstehst Du? + +Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun +auch lachen mußte. + +-- Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land +sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen. + +Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte +und horchte auf. + +-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt +befinden? + +Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen. + +Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen. + +Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen +Augen, daß es Maikka durchbebte. + +Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen. + +Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe? + +Nein, noch nicht. + +-- Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes? + +Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er +im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: -- Ich wüßte nicht, aber -- +vielleicht doch. + +-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand. + +-- Nach Sternbildern. + +-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt? + +-- Im Morgenstern, Maikka. + +-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wäre, Grege! + +-- Wieso? + +-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild! + +Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch +lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen +Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem +einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel! + +Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt +über die schöne Deutung. + +Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit +ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle +Sternbilder. + +Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin. + +-- Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich. + +-- Auf der Jagd. + +-- Auf der Jagd? + +-- Ja. + +Neues Schweigen. + +-- Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen +zögernd. + +Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind +alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich +-- und das ist unser neuer Sinn. + +-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach. + +-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der +Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, +da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins. + +Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika +die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, +nicht Satte und Hungrige -- -- + +-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist +eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, +Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten. + +-- Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer +die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt? + +-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute +Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im +Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen +und halte Dich brav! schloß sie lachend. + +-- -- -- + +Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus +dem ein freundliches Haus schimmerte. + +-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst +mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten. +Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du +zögerst? + +Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht. + +-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege? + +-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka. + +-- Du hast doch gefrühstückt? + +-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern. + + * * * + + + + + + +Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem +Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im +Freien gab. + +Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem +Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere +Frauen und Männer. + +Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre +dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das +Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie +erhaschen können. + +Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas +Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. +Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu +erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf +einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein +gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um's Andere. So gab's auch +keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein +Anderer schweigend und gesammelt herankam. + +Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier, +Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines +starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich +Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer +persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer +mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender +Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten +Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen +Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier +Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von +jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden +Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften +Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten. + +Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen, +das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. +Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den +Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so +mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich +erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine +rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus +genommen. Womit wollte er's begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine +Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht +unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse +hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder +Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts +und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner +Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische +Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt? + +Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun +und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das +heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und +Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm +heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten +Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen. + +War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in +sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und +Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft, +umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in +seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen +seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen +Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem +bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland +überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude +den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte +Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten +überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, +als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit? + +Und wie war das Alles so geworden? + +Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hören, was in der +Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen. + +Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht +dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, +sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten +Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im +Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem +heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des +kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine +Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die +nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß +zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen +und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine +hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit -- +daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das +Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in +dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu +Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich +und die Anderen erquickt. + +Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die +Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan +und den größten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten +Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die +phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und +Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten +Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der +Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten +Gärtnerinnen getheilt. + +Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und +Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen +Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen +Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die +einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die +praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso +viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen. + +In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt +ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als »Hoheit Oberlehrer« im +»obersten Rath« und hütet den »heiligen Wortschatz« -- und nie dürfte ein +Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche +Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder +es wartet ihrer der »große Fluch« der Verdammung zu »ewiger Verhöhnung« +beim Zarathustra-Feste! + +Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und +die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka +stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach +vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie +manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit +eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die +Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka +nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und +sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, +nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache +ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der +Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die +hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen +Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen, +theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie +gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die +Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn +zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der +Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und +ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der +Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die +Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des +Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so +rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter +die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder +rettet sich wie er mag. + +-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über +die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte. + +-- Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen +wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich +doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren, +Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine +Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit +der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht +beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. +Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude +jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den +Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die +ständigen Schüler. + +-- Auch Werkstätten, Spielräume? + +-- Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu +lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht, +sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut. + +-- Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich +meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu +behalten. + +-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das +ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in +Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt +nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar +lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder +überladen vor. + +-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als +beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch +all' die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den +Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr +vermitteln und so viel Zeit sparen helfen? + +-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben +führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend +Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so +noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit +gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter. +Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles, +wußten Alles -- nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein +Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine +Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in +Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die +weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der +Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde +Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles +überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange. + +-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas +Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den +Ohren, vor den Augen und -- + +-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so +erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte. + +-- Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem +er sinnend stehen geblieben. + +Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem +Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, +Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch +schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige +Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für +diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu +thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben +ohne Harm und ohne Falsch. + +Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die +sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen +Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine +große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in +seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten +Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie +ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein +Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei +nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, +Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu +unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen +Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute +die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch +im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und +seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu +verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in +natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken +gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen +herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze? + +Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren +Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter +sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- +und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit +den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, +blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen +der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fältchen oder Runzelchen +oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. +Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, +vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben +erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr +unmöglich geben. + +-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär's +möglich? + +-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen +nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt's keine +alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei +Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre. + +Grege wollte in Verwunderung ausbrechen. + +-- Nein, mein Schüler, hör' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der +Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob +männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls +gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr +Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene +Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts. +Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und +Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo +er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube +mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch +verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines +Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg +eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart, +Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden +Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben, +andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja +selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen +verschiedenartigen Ideenkreis. + +-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in +voller Freiheit. + +-- Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und +dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder +den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig. + +-- Ja, sehr. + +-- Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem +Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle +echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben. + +-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich +die Vorträge in Euren Volkshochschulen? + +-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes, +dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung. + +-- O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta. + +-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, +Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, +in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen +werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen +allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache +von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich +ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam, +auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist +natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig. +Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die +Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo +einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum +»Existenz-Minimum« gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für +Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht +und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine +blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute +hier oben beten unsere Heimath an! + +Grege schritt still, gedankenvoll. + +-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur. +Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn +er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der +Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne +Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt +oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig +hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so +bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der +Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie +genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst +Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbändig. + +-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein. + +Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war +wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der +Flammenzone. + +Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo +Jala's Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in +die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner +Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen +Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen. + +Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen +und Zeigefinger. + +Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht. + +-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du -- oder bist Du hungrig? + +-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe, +wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie +ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin. + +Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des +schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie +hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der +Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten +Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das +schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen? + +Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe, +breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und +überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine +nackten Glieder laufen fühlte. War's wirklich nur die Schattenkühle, was +ihn erschauern machte? + +In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts. + +-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka +und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine +und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig +geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib +in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er +neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler +Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende +Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen +schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; +denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das +Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden +aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen, +daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland +der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin +in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und -- +sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen +überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von +Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren +spritzte. + +Grege eilte, eilte -- + +Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr +Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm +mit bebenden Nüstern zu: -- Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du +wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, +in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du -- Dich! + +Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu +plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, +zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte, +stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken +Nacken: -- Halloh, Maikka! + +Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die +Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den +Fjorden lag: + +-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar +sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die +abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die +vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff! +Wiking, los! + +Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen. + +Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne +Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet. + + * * * + + + + + + +Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die +dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen +Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen. + +Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu +erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala -- daß sie +blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu +machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören. + +Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht. + +Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges +Lächeln. + +Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand +sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht +auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die +Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und +Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas. +Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß! + +Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein +verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich +vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine +geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile +mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich +zuwider war. + +Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem +Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? +Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll +Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein +Inhalt? + +Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm. + +Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern +gestanden. + +-- Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn. + +Grege schüttelte unmuthig den Kopf. + +-- Du sehnst Dich von hier fort? + +Er schwieg. + +-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos +kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen. + +Grege wehrte heftig ab. + +-- Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen +möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif +dafür. Willst Du nach Teuta zurück? + +Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck +an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka. + +Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung. +Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde. + +Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte. + +-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter +und Früchte sieht man selten. + +Grege bejahte stumm. + +-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden. +Vielleicht das Klima sogar milder. + +Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte +bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke +abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub. +Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und +Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den +Zaun. + +-- Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika? + +-- Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege. + +-- Und Ihr eßt von Allem? + +-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das +Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht +wahr? + +-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta? + +-- Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon. + +Sie schöpfte tief Athem. + +Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen. + +-- Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine +Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine +ich. + +Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren! + +-- Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr +Humor, Maikka. + +-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum. + +-- Nenn' ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst. + +-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen +und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im +Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus! + +-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie +mit solchen Gesprächen erfüllen. + +-- O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben. +Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer +Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und +gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist +ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar +kein guter. + +Grege fuhr auf: -- Respekt! + +-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer +Staatsgrundgesetze. + +Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer, +hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie +einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab's +einen Zehner. + +Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien. + +-- Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt, +Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche +Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will +einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem +Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des +großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes +botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und +hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur +Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren, +die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen +Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige +Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten +persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als +Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich +als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen +war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo +man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am +Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm +begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege, +hör' mich ohne Zorn an: Achtest Du's für ausgeschlossen, daß Du der +Abkömmling -- eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein +könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte +Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du +Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach +zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte +Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen. + +Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase +schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe. + +-- Duftlos, lächelte er. + +Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: -- +Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir +künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt's ja +nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt, +kann's zu statten kommen. + +Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte +Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich möchte +wissen, Maikka, giebt's auch Blödsinnige in Nordika? + +Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann +betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie +der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen. + +-- Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige. + +-- Taubstumme? + +-- Ich vermuthe. + +-- Blinde? + +-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene? + +-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht. + +-- Ja, Grege. + +-- Wo sind diese Bedauernswerthen? + +-- In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords. + +-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen? + +-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund +draußen. + +-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden? + +-- Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil +wenigstens. + +Eine große Bewegung erfaßte Grege. + +-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche, +nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend? + +-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte. + +Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen +seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen +und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung +tapfer nieder. + +-- Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag' doch! + +-- Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen +Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen. + +-- Sonderbar, sonderbar. + +-- Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert, +Grege? Dies findest Du sonderbar? + +-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am +großen Fjord einmal zeigen? + +-- Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche. + +-- Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl +schwer? + +-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig? + +-- Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur +Last fallen? + +-- Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun +einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist +fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt, +möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum +ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt, +Grege. + +-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams +auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich. + +Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen, +und drückte sie innig. + +Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest. + +So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken. + +Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte +einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine +einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und +Färbung. + +Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne, +er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah +gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar +beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: -- Er +ist schön, glühend schön, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen +feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen. + +Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander. + +Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! über ihre +verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell. + +-- Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka? + +-- Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und +das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. +Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du. + +Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte. + +-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt? + +-- Wir kutschiren, Grege. + +-- Wie ist das? + +-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor, +ein recht flinkes. + +-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch. + +-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge +Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft. + +-- Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit. + +-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich! +Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den +Aengstlichen. + +-- Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht? + +-- Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend +ist. Sieh' mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische +dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns +Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und +Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du +wirst hüpfen vor Freude, glaub' mir, Grege. + +-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung +bin ich gar nicht gewohnt. + +-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das +nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind +sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was +wir unternehmen? + +Grege lachte. + +-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit. + +Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem +eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte +Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen. + +Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen +Birken umbuscht, gar still und heimlich war. + +-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt. + +-- Nun? + +-- Sie sind müde und hungern nach Ruhe. + +-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die +armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel. + +Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine +nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, +Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um's andere und schlug lachend +mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte. + +Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt. + +-- Hör' auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt's. + +-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb' mich auf. Und nun +vorwärts! + +Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen +Augenblick an seiner Brust lag. + +-- Maikka, was müssen die Leute denken! + +-- Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's +übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh. + +Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb, +duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu +einem Häufchen. + +Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, über mich +hinüber! Eins, zwei -- drei! + +Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung +war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib +hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare. + +Sie sprang auf, klatschte in die Hände: -- Himmlisch! Aber jetzt müssen wir +ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, +Grege? + +-- Ist das vernünftig geredet? + +-- Enorm, wenn Du ja sagst. + +Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg, +eine piepsende Maus im Mäulchen. + +-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit. + +-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt. + +-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was +unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's +interessant. + +Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und +packte seinen Kopf und drückte ihn nach links. + +-- Was ist das dort, Grege? + +-- Ein Haus. + +-- Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus? + +-- Ein Dach, Fenster, eine Thür. + +-- Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein. + +-- Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür. + +-- Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen +Meister und korrigirt ihn. + +-- Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub. + +-- Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich +denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein! +Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja +nicht. Also! + +-- Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt. + +-- Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du +verzauberter Prinz aus Märchenland. + +Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer +Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der +gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und +hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: -- Gieb mir einen Kuß. Ich +verdurste. + +Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn. + +Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit +ihren Lippen und saugte sich daran fest. + +In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie +aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete. + +Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der +Stelle von Jalas Stern. + +-- Du bist eine Wilde, knirschte er. + +-- Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh +gethan. + +-- Wer wohnt in dem Hause? + +-- Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen? +Dann komm! Heb' mich auf, ich bitte Dich. + +Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch +die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder. + +Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber +und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick +wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren, +auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber +einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer +gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von +blendendem Weiß. + +-- Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich +werde Dich auch malen. + +-- Aber nicht so. + +-- Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz' +Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger? + +Er bejahte und verneinte zugleich. + +-- Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden +Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn +verschlingen. + +-- Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege. + +Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und +küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen. + +Und Grege ließ sie gewähren. + +Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der +Welt. + +Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und +Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da +zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der +Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger +Betäubung kaum mehr erwachte. + +Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel +wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch +den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube. + +-- Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie +daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich +die Wirthin machen. + +Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen +Pfefferkuchen zurück. + +-- Hier, Grege, lass' Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so +glücklich gewesen. Und Du? + +Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas +Händen den Krug und that einen tiefen Zug. + + * * * + + + + + + +Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. Das Wetter verbot jeden +größeren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme, +die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in überschäumender +elementarer Gewalt. + +Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte, +einmal systematischen Studien in der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm +nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die +allein zu einem eindringenden Verständniß den Weg bahnen kann und mit dem +Verständniß die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege erhält. Grege +fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller +wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre +wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele unschätzbar werthvolle +Jugendjahre mußte er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken, +das der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen +als alleinwissenswürdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über +die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fühlte +er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von +dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und +wüst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in +gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch über die Ahnung, daß +das nicht das Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres, +Fröhlicheres geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht +nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß wurde dem jungen Volke mit der +pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das Neue ist das +Gefährliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt +geworden, also haltet Euch an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der +überlieferten Kulturideale und Kulturschätze schon noch an Euch verspüren, +auch wenn sich Euer unreifes Gefühl jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf +denselben Wegen vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen sind, +alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, Zucht und Sitte, für den +Bestand des Staates, der für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein +muß auf der Welt. So will's unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste +Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegründet. Will das Ei +klüger sein als Henne und Hahn? + +Gluckgluckgluck, zippzippzipp -- + +Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die +anmaßliche Frechheit und lebensmörderische Aufschneiderei seiner +Teuta-Autoritäten gedachte. Na, auch diese Ilios wird stürzen. + +-- Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nähe saß und +emsig ihren nächsten Vortrag vorbereitete. + +-- Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, verödeten Kopf hättest, Du +würdest noch Anderes thun. + +-- Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder herzurichten und urbar zu +machen suchen. Ich würde die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in +Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst +Deine Welt noch erobern, glaube mir! + +Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und +geistesmächtig, so willensstark, so unerschütterlich selbstständig. In +ihrer unmittelbaren Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, und war doch +voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war +ihr zugleich Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles +brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natürlich aus +einem innerlichen Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt. + +Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berührt wird, der kommt +nimmer los. + +-- Nimmer los? rief's wie ein fernes, müdes Echo in seiner Brust. + +Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt +das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es +ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, und kann doch sich +nicht aufschwingen und in seiner eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er +mag. Sie befreit und lähmt zugleich. + +-- Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und müder. + +Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt saß, glaubte er doch +zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spüren. + +-- Was sagtest Du, Meisterin? + +-- Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche +Meer. Nur ein träumendes Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand +ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser +getrunken, den wird ewig dürsten. + +-- Und was arbeitest Du jetzt? + +-- Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung +durch Pflanzen gehört? + +Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht, +davon gehört oder darüber nachgedacht zu haben. + +-- Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr +durch die Thierwelt wirst Du gehört haben? Auch davon nicht? + +-- Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus +nachtüpfeln könnte? + +Maikka lachte kurz und schrieb weiter. + +-- Liebe Meisterin, wenn's nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir +verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische. + +-- Unsinn. Du bist jetzt in Nordika. + +-- Gut. Also wie ist's damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere +zunächst! + +Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein +wenig steif geworden waren. + +-- Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden +Kreidefelsen an der Küste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen +oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind? + +-- Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, da ich das Alles noch +niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin? + +Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb mitleidig. + +-- Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht +Abbildungen davon gesehen? + +-- Gestatte, daß ich verneine. + +Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen +Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel. + +-- Such' Dir selbst das Nöthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den +ursprünglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde +Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren +gebaut, und die Küsten der Angelos bestehen zum größten Theil aus den +Kalkgehäusen der mikroskopischen Foraminiferen. + +-- Foramif -- --? + +-- Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen Auge nicht wahrzunehmen +sind. + +-- Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen werthen +Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken +können. Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. Ich glaube Dir +auf's Wort. Wie ist's nun mit den Pflanzen? + +Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausführend, zwischen den +Büchergestellen hin und her. + +-- Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird +Dir einleuchten. + +-- Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese +Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin! + +-- Du weißt doch Etwas von den Bergwerken? + +-- Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in +den Riesenräumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu +einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten +Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren +Bauthiere unseres Landes. + +-- Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefüllt, das +wäre für euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen +Erdschlupfern muß man den Boden zuschütten, damit sie zu ihrer besseren +Natur gezwungen werden. + +-- Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das +Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten -- +vergiß das nicht! -- sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. Später, wie's +immer geschieht, bleibt man im schützenden, warmen Loch hocken und macht +sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit. +Fatal, aber unvermeidlich. + +-- Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu +setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie hätte der Schlupfwinkel in der +Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben müssen. + +-- Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka! + +-- Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist +baut sich einen neuen Körper und schafft sich neue Wohnstätten. + +-- Wir hatten eben keinen neuen Geist. + +-- Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals. + +-- Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir können +keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los. +Ach, Maikka -- + +-- Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren. + +-- Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht +einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren. + +-- Das sollst Du auch nicht, Grege. + +-- Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang +von seinem Sitz. + +Maikka schob seinen Arm in den ihrigen. + +-- Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hört sich's +gemüthlicher. + +Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und +Schüler. Und um größere Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen +zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen übte die kluge Meisterin +laut dozirend ihren nächsten Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß, +im Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fühlung zu haben. +Draußen klatschte der Regen unablässig und erkältend an die Scheiben, so +daß sie sich innen mit feuchtem Hauch überzogen. + +Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drückte die +Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit. + +-- Algen? Großartig! + +-- Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der +Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thätig gewesen sind. Sie sind +Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob +sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen. + +-- Die Naturforscher! lächelte Grege. + +-- Sie leben im Meere . . . + +-- Die Naturforscher? + +-- Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen +äußerlich Polypen-Stöcken, da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht +bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ältesten +Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen +genannt, haben in früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige +Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei +Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein +gefunden, der aus Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in den +Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, die aus den Gerüsten von +Kalkalgen gewachsen sind. + +-- Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen. + +-- Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere Ausgraber, namentlich +amerikanische Archäologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man +bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von +Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die +ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des +päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder +aufgenommen worden, seit die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild +IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika +gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste in Konstantinopel und Sevilla +haben damals, ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen Staub +von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre Statthalterei über den +Ozean getragen, nach Südamerika und Australien. + +-- Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still für sich. + +-- Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . . +der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heißen Quellen +des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen +abgesetzt, die eine Ausdehnung von über zwei Quadratmeilen und eine Höhe +von einigen tausend Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren +Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grüne und braune Streifen +und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es +sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur +des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad +nur weiße Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel bedeckt +sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grüne Farben ein, bei +noch geringerer Wärme kommen die rothen und orangefarbigen und in den +kühlsten Becken sind sie olivenbraun. + +-- Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwärmerisch auf +die gelehrte Meisterin, die unermüdlich weiter dozirte. + +Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die +kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und +vieles Andere zu sprechen. + +Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermüdet und vermochte +ihren Ausführungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte, +ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf +behalten und so anschaulich wiedergeben könne! + +Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes hören, etwas Ungelehrtes, +Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches, +sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich in seinem Kopf. + +-- Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich büffle mit Vergnügen noch +eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages. + +-- Ja Du, ein Weib! + +-- Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben. + +Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur. + +Aber er hatte sich diesmal verrechnet. + +Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritäten und +Kostbarkeiten enthielt. + +Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei. + +Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich. + +Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich +das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel +und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem +Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns +an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht +an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht. + +-- Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die +Schulter sah. + +-- Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine +wohlgezählten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schön in seiner +Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein +Märchenschatz Indiens: »An die Schönheit«. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich +weiß Dir Passenderes. + +Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und +Kostbarkeiten enthielt. + +Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von +der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch +voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf. + +-- Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten +Gläubigen zum Gebet! + +Es war der letzte Band der »Fliegenden Blätter« aus dem Jahre 2001, +Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die +Nachwelt übrig geblieben. + +An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, daß der Aelteste des +Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte. + +Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rücken Greges die +Sache eingefädelt. + +Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rücken Maikkas um den +Empfang nachgesucht. + +So hatten beide Theile einen vergnügten Tag. + + * * * + + + + + + +Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen Mantel und einen +breitkrämpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen +vielleicht Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe +und nahm ihm die Sandalen ab. + +Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war +angenehm, aber für Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im +geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht +um den Leib, hüllte auch die Arme darein. + +Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege +nach. + +-- Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, dabei doch männlicher +geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . . + +Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die +kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank +geschlossen. + +Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte +auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte. + +Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen Büchergestellen und Schränken, +Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie +von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes +Aufathmen nach dem Druck der trüben Elemente, die während des langen +Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte +Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen. + +Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hände. Sie war sehr +zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich. + +Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er an Großmutter Ingeborgs +Gartenhaus vorüber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag. +Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Großmutter +Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strömt +den Ueberfluß in Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege lächelte und +schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. Grege grüßt das Glück. Wie das +klingt, und wie ist es wahr! + +Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte seine Brust und beflügelte +seine Schritte. Wie reich und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie +licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . . + +Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, unbefangen. Von einem +Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein +Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht +den Kopf so, daß ihm die plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den +rothen Kamm scheint. + +Dort ist das Rathhaus. + +Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur reicher bemalt in Braun und +Grün, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weißen Wandflächen +zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau. + +Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlägt den +Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm +geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden. +Keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur umlaufende Bänke an den Wänden, +diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt. + +Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thür +einladend offen steht. + +Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche »Hoheit« (o +Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder +neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer, +mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt +auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres +und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben. +Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen +blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet +Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit +und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn. + +Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten +ein. + +Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf +Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen +Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die +Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern. + +Der Patriarch lächelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks +und heiße Dich willkommen. Du bist Grege? + +-- Grege aus Teuta. + +-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzählt, unsere brave +Meisterin. + +-- Ja, ich danke ihr viel. + +Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm +berichtet? + +-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner +Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu +sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so +stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche, +und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land? + +Grege lächelte ein wenig zweifelhaft. + +-- Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten +habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz +fremdartigen Ansichten und Einrichtungen. + +-- Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren +Geschichte . . . + +-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst +Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird? + +Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich +verlegenes, fast dummes Gesicht mache. + +-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das +Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft. + +-- Sogar für Euch Teutaleute selbst? + +-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in +welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden +und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu +und Glauben. + +-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück. + +-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden, +und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht +einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die +Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, +läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs +untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von +Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe +ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so +recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein +verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der +ehrbaren Meinung. + +-- Habt Ihr viele Gesetze? + +-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit +Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles +ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt +blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die +Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie +eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge. + +-- Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist +erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der +Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: »Das Verderben +des Staates sind die Gesetze.« Besonders jene Gesetze, welche neben einem +ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da +muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk. + +-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön +entwickelte? + +-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in +jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist +ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen. +Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da +hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend +gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle +Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit, +einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, +konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es +war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte. +Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine +individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig, +unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte +zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten +Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die +Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust +zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und +Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in +außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen, +der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme, +die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die +Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein +Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen, +anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und +dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen +sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht +niedergelacht, wie sich's geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab +war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die +feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs +aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob +keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in +Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten, +Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land, +die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den +südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der +sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was +geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und +dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen +ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's +weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern, +sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße +wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was +die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was +fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu +unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen. + +Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter +mache nun einmal redselig. + +Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so +gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und +Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei +es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von +einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles +Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse +versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute +hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend +Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich, +das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in +allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten +europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu +einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei +nicht froh. + +-- In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt? + +Grege antwortete mit Ueberzeugung: + +-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und +feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die +geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege. +Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der +Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen. + +Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und +demüthigte. + +-- Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die +Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten +Leute chemisch verflüchtigen. + +Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das können wir auch. + +Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos +denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte, +vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen. +Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und +so ehrlicher Scham hatte er's nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta +geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern, +wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der +Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum +hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können. + +Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des +hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet. + +Der Greis lächelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht +erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch +sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen. + +-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos. + +-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das müßt Ihr wissen. + +Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick +durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder. + +-- Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt +nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel +von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung +machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich. +Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten +mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere +Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend +Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle, +Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen -- und Alles von unten +herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat +Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja? + +-- Ja, so eine Art Nibelheim. + +Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und +murmelte: Nibelheim, Nibelheim. + +-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist +Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst +sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab' +ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl. +Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden. + +Grege nickte traurig. + +-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus +dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen. +Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's +Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . . + +Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer. + +-- Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst. +Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man +soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das +Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und +sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den +Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen? + +-- Die muß ich mir noch schaffen. + +-- Schaffe sie Dir. + +Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen +und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mögen. Vater! +Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze +junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt, +im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe? + +-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen. +Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und +führen Tänze auf. Du bist eingeladen. + +Grege sagte zu. + +Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte. + +Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus +und »grüßte das Glück«. + + * * * + + + + + + +Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag. +Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er +wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben +und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du +bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller +Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt +wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und +anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich, +Amen. + +Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert, +eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter +Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein +Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie +Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön +bei aller Tollheit. + +Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker +gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen +Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten, +dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des +Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den +Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am +Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die +Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit +darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes, +wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte. + +Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab's +nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege +wußte davon zu sagen. + +-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn +auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt +»Liebesgarten der Abgeschiedenen«, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die +Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte +sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen +Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und +Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen +Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine +Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen +schwirrte. + +-- Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele +könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie groß ist Euer Herz in +Teuta? + +Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem +Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten. + +Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser +Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und +Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder +weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei, +völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster +Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende +Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein +reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem +angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja +einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es +wieder stimmte. + +Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel +Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht +auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten +Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des +Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war. + +Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so +verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue +Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine +Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über +sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen +nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder. +Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der +Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte +sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen +verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern +zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff +bis zum äußersten Kreis. + +Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das würde ihm und seinen +Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche +Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne +ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt +begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles +gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all' die Widerstände +und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je +näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst +fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch! + +-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine, +wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer +Lehrerin? + +-- Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht +und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt +könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung +eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur +Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an +ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet +werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das +gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen +Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln +haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern +Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in +Teuta über die Lehrer? + +-- Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes. + +-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und +Dir dabei das Genick brichst. + +Und sie lachte über diese »Teuta-Möglichkeit«, daß sich ihre Hüften bogen. +Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese. + +-- Schau' dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die +Rose zu Gericht? Eine andere Rose? + +Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton: +-- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt, +die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . . + +-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie +fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten +Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut. + +Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete, +freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten +die Gedanken in seinem Kopf. + +-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen? + +-- Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein. + +-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer +empfängt, der richtet sich darauf ein? + +Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es +vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es +kam ihr so. + +-- Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die +freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf +längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache +des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, +Grege? + +Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als +Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter +den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal +heraufbeschwören. + +-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs. + +-- Sicherlich, Grege. + +-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren, +wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu. + +Maikka brauste auf: + +-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften. +Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle +Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch +dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem +Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen +gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein +staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien +einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten +sich um ihr »Ewigweibliches«, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein +Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre »Frauenfragen« +jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter +Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem +Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette +abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie +nicht. + +-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren +hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich +mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken +mit ihr auseinander ist. + +Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über +einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war. + +Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen. + +-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur +übersieht! + +-- Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am +Schienbein weh gethan. + +-- Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum +soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns? + +-- Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich. + +-- Und wird's hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine +Veranlassung bieten, aus freien Stücken. + +Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige +ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die +Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben +tummelte sich das jüngere Pferdevolk. + +Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die +Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie +sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen. + +Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und +wendete sich nach Grege um. + +-- Mir nach, Grege! + +Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre +nackten Arme und Beine leuchteten. + +Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt +machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese +galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich +jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten +betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort, +Maikka nach. + +Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang +sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr +Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger +Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und +intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte +Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls +ein tadelloses Thier, das Regiment. + +-- Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp! + +Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp +hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, +der erschreckt zurückwich. + +-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir +aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch? + +Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus. +Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas +darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen +und mit ihr einen Ritt zu wagen. + +Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hör', Grege, +kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein? +Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die +Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der +aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat +nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd +gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren? + +-- Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die +Umwerthung der Werthe zu Pferd! + +-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden +Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem +geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein +Zarathustraismus kommt zu Fuß? + +Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt +vom Pferde in seine Arme. + +-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich +meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen. + +Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden +Abendfrieden. + +Sie war wie verwandelt. + +-- Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als +klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- über Zarathustra muß ich mit +Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem +Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra? + +-- Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta +nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige +erlaubt. + +-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber +sag' mir, was weißt Du von seinem Leben? + +-- Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende +des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst +fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte +er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er +gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge +murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und +bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt. + +-- Das glaubst Du Alles buchstäblich? + +-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann. + +-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch +Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm +seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so +wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also? + +-- Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der +in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, +in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift »Der Fall Wagner«, die +seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle +vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark +wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien +floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark +zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus +einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ +ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere, +um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel +angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem +Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen +wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth. + +-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie +Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht? + +-- Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die +Lehre unserer ersten Autoritäten. + +-- Das läßt sich hören. Erzähl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger +und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das? + +-- Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth, +sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in +einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und +Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen +dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen +Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in +riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit +fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die +ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend +Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten +den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu +Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. +Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch +der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die +übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. +Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen +Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere +für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten +kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe +und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra +entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den +zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die +Tafel auf: »Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines +brünstigen Weibes zu fallen.« Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre +billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der +Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, +ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht. + +-- Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten +gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre +der Teutaleute? Sag' Dein Sprüchlein zu Ende! + +-- Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines +mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der +griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in +schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten +versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den +Jungen nur verlacht wurden, ließen sie's und schüttelten betrübt die Köpfe. +Von Staatswegen, im Interesse von »Thron und Altar«, wie damals die Formel +lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das +gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil +er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln. + +-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte? + +-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde +verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser +Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre +öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir +. . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . . + +-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte +. . . + +-- Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher +Sprechweise, wie sich selbst unbewußt. + +-- Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende +nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich +gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag' mir noch eins: Welche +Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems? + +-- Die geheimnißvollen Gegensätze: »Man soll die lieben, die Gewalt haben.« +»Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .« + +-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben. +Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut +Nacht. + +Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt. + +Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des +Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit +schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele +verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was +hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an +einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen +Irrthümern Vermischtes? + +Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten. + +Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein +gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn +Maikka auf das Drachenschiff beschied. + + * * * + + + + + + +Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu. +Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um +Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg -- und mit +den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu, +bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach +der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er +drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt +nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten +Stand. + +Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's +nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, +und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und +eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das +Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal +ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken +lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's +Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze +seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet +er's nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum +dieses Gewirr von Linien und Lichtern? + +Sind's die Zuhörer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen? + +Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und +wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte, +aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, +geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur +die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. +Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht. + +Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . . +Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am +Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über's Meer, die Gestade abzusuchen? +. . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große +Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und +gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . . + +Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter, +leidenschaftlicher. + +Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der +ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. +Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder, +die sie entrollt . . . + +Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen. + +Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte +und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen +und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie +Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, +damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung +die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große +Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden +Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen, +warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht +selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung +ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst, +sich in eigenem Vollbesitz haben könnte? + +Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord -- warum läuft er +nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zögert er hier? Was +fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von +der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder +Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das +Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten +dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er, +seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen +müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für +sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche +Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er +da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem +Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres +Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn +seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern +auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze +Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun +zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine +Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink +läuft -- und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe +und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand +verpflichtet sein wollte? + +Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die +Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr +und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der +dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, +dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit +und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und +rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er +nicht entweichen. + +Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu +leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es +gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit +geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren +Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein +war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn +unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an? + +Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern +-- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich +zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu +arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der +Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach +gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas +abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen +Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten +ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, +sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie +aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? +fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit +der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch +lieber »zum ewigen Andenken« aufbewahren, als sie von ihrem Magen +verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine +Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes +Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer +und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien -- und je mehr man von ihr +genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung +wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, +wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und +unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, +Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist +frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde. + +Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin +wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die +Worte vernahm: »Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen, +schöpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelüsten ließen sie die Zügel +schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution +gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des +zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten +ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt«. + +Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm +heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie +diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten +seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen! + +Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte, +gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner +Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung +die Anrede »Hoheit« entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen +üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen, +während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: »Hoheit! Soll das ein +auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich +Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht? +Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir +für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den +Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun, +genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht. +Sei gegrüßt, Grege!« + +Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und +zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit +ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen +Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem +Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als +wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz +und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem +Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein +Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug, +undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten +ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele +erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den +Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . . + +Wohin? Wie lange? + +Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht. + +Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem +niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um +ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen +Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit +auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich +umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich. + +Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war +gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere +Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines +Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher +Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt. + +Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von +einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht. + +-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden +sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie +kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung +beizutragen. + +Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm. +Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben. + +Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie +ein guter Witz. + +Jetzt wieder, und Grege lachte mit. + +Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit +entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die +verstecktesten Gedanken heraus. + +-- »Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die +Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man +sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch. +Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben +wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan +machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo +Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll, +den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen +lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat +hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger +wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue +Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus. +Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern -- und das Volk lief in +Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk +verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das +Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte +hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren -- +und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die +Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen +hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den +großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie +erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen +mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte +fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer +Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren +zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht +trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn +Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich +Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte +man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren +verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche +und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte +man in der Rechtssprache »Nummero Sicher«. Den Strolchen bekam das gut, den +Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten, +Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen »groben Unfugs« oder +»Lästerung« in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun +hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische +Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten +Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die +Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer +warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des +Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse +brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender, +gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter +und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. +Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der +erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten +ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich +unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen +Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine +überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen +Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der +abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum +gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl +Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur +Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine +neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten +Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten +und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen +Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche +Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner +Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der +Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß +seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er +die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten +Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu +Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und +versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die +Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf +Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches +Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und +ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen. +Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten +schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab +keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische +Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen +Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue +Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und +erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft +und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen +wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten +schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die +Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie +Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker +in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die +Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr +sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in +diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war +ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten +Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der +Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich +unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig +wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht +hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer +Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere, +gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten +ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben +waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die »chinesische +Pest« begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten +Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger +Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen, +verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch +Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen +Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende +erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war +ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen +Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum +mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an +Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den +nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen +der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der +Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt +und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem +Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese +im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den +Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es +friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .« + +Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In +Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des +jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen +Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender +Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie +eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe +Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen +Staatenwelt einige Verstöße gegen die »historisch festgelegte Wahrheit« +nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene +»schauerliche Jammer-Ecke« verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem +Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich +begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen +überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie +waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen +Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus, +Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn +glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte +gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der +großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der +Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere +Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in +vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die +kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen +und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. +Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere +Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die +Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die +Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter +welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit +am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden +der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen, +kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen +Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten +Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur +noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner +Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner +brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa +gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und +kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen, +belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt +doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten +gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt. + +Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika +ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für +allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß +sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke, +herzliche Hochachtung empfinde. + +Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung -- sogar! + +Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung +spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht. + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +»Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!« + +Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, +Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele +aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von +der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles +fortgewirbelt, auf die Tribüne. + +Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt +zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen +halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten +seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt. + +Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals +hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten. + +Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh +und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und +über sich selbst hinaus Bahn sucht. + +-- Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt +soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen. +Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich +kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht, +um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich +klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn +ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein +armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus +Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht. +Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen. +Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge +und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre +Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft, +Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel +offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden +Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken +der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort? +Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, +und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in +Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle +aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr +noch ein Wort? Oder ist's genug? + +-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm +voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander. + +-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen +Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege +gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt +gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch +lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit +Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als +hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden +Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße +gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das +soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als +kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner +Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat +keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein +und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt +. . . + +-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und +Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen. + +-- Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid +reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu +sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten +mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier +unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure +Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran +die verborgenen Kräfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure +Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von +Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt +ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die +Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und +schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, +die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland +seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern, +gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer +Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam +bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als +blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle +aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll +erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß +sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse +liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus +ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die +trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn +die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der +Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta +unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen +hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die +herrliche Welt! + +So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine +Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt, +überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß. +In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen +erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das +Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und +glückeshungrigen Gattung. + +Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen, +Jungen und Alten, Männern und Weibern. + +Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des +Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der +neuen Meisterin. + +Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben. + +In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie +sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe +floß, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um +in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel. + +-- Einen . . .? + +-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das +ist Staatsgeheimniß. Mach' Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh' in die +Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate +wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den +blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt +wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig +für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen +Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif -- wenn der rechte +Umstürzer kommt. + +-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart. + +-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche. + +-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr. + +Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein +Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine +jähe Röthe. + +-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen +Lippen. + +Plötzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein +Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib? + +Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte +und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren +Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die +Sehenden! Thu' mir Gewalt an! + + * * * + + + + + + +Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und +was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen +nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen. + +Ihren Fortgang! + +Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter +dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle +Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In +Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem +Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und +Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im +Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft. + +Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft »Die Politik des +altneuen Kurses.« + +Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn +übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und +gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich. + +Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden. + +Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen +Entdecker ein starkes Stück. + +Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu +einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der +bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und +zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden. +Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem +Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren, +und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern +bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den +unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in +der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden. +Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur +noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten +Literatur-Fragmenten, genannt das »Kommersbuch«, Abtheilung »Kneiplieder«, +fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese +Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die +Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten +manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß +regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn +unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu +kuriren, gern zu seinem »Kommersbuch«. Einige sprachliche Formen, die keine +Philologie mehr zu erklären vermochte, wie »Krambambuli«, »Jupeidi, +jupeida«, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen +Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen, +daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß. + +Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen +Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt +im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren. + +Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der +dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, +der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie +jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach: +Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten +-- und der Staat ist gerettet. + +Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen +Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist +es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu +gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten? + +Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden +Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen +übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines +Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen +Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor +Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt, +zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: »Wissen +ist Macht, Bildung macht frei«, oder »Dem Volke muß die Religion erhalten +bleiben«, oder »Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im +Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder«, +oder »Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient +zerschmettert zu werden«, oder »Wem's im Teutareiche nicht behagt, der +blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden«. + +Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt +hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der +Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen +Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen +Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege +automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf +lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht +wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den +Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit? + +Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht +heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: -- Das will Alles noch +wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein. +Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen +und Schutzmaßregeln erheischen. + +-- Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao, +der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten +doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen +nicht: Das ist der Automat Minus, das ist -- gestatte das Beispiel -- der +Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt's überhaupt keine +Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als +glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, +Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns +allein, meine hohen Freunde. + +Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner +Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt. + +Titschi abschließend: -- Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium +ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der +Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim +Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns +auf seine amtsgemäße Haltung verlassen? + +-- Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend. + +Titschi: -- Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den +Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen. + +Soundso: -- Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe +ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. +Die Kopie übertrifft ihn. + +Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe +und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal. +Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne, +ohne Gefahr der Entdeckung? + +Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der +Automat den Mund: -- Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt +sich Alles bieten. Dixi. + +Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit +geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei +der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas +Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des +Volkes wäre? + +Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an. + +Automat Minus nickte: -- Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt +nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne +seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste +Diener. + +-- Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine +Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht, +spottete vergnügt der Oberdiplomat. + +Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem +Grauen. + +Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: -- Hoheiten, wenn ich nicht +meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, +ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist +unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene +Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit +uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger +anfertigen ließe und gegen uns selbst in's Feld führte. + +Bim warf sich in die Brust: -- Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische +Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und +Identität festgestellt. + +Soundso lächelte verschmitzt: -- Vielleicht gelingt es uns auch noch, +Automaten mit Bim'schem Entdeckergenie anzufertigen. + +Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste +Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie +einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem +listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen. + +Ao: -- Du sagst »uns«, Soundso, »vielleicht gelingt es uns«. Wer sind diese +»uns«? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht +verrathen? + +-- Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im +Stillen bei mir selbst erwogen. + +Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet. + +-- Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, daß meine +Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der +Frauenstadt liegt. + +Alle wie aus einem Munde: -- In der Frauenstadt? + +-- Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern +selbst in »geschlossener Zeit« und ohne »amtlichen Auftrag« öfters in der +Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation +geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in +der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit +zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird. + +-- Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte +Kaspe. + +-- Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten +Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht +und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten +Frauen einlassen. + +Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe. + +-- Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die +Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den +Automaten Grege zur Stelle bringst? + +-- Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich +seiner Brauchbarkeit entgegen. + +-- Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet. + +Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel Anerkennung. Im Innern sah +er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch +den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten +Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird +zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von +den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick +genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in's Gesicht geworfen. Das +Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn's mißlänge . . . Es +soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los! + +-- Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens +in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht +länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich +darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende +eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem +Festordner abliefern zu können. + +Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war +das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen +Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig +zu werden. + +Die reine Teufelei! + +Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein +und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen. + +Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. Mit Jalas Rückkehr hätte +der sündhafte Tanz auf's Neue begonnen. + +-- Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen +weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für +seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken. + +Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei +»Erwägungen«. + +Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während +sich seine Augenlider gefühlvoll senken. + +-- Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die +Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben +vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in +unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für +selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung? + +Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: -- Je Weniger um das Heil des +Staates wissen, desto besser wird es behütet. + +Der Ton klang ein wenig sarkastisch. + +Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf +dirigirte. + +Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms +vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet +werde. Nachdem für den hohen Rath all' die Schrecknisse und Aengste der +jüngsten Zeit so glücklich überwunden sind, soll das Volk für die +Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden. + +Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort. + +Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des +Festzuges, worin die »politisch-sozial verdächtigen Schattirungen« +vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig +ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern +notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter +um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: -- Das kommt +uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen +Festes würdig. + +-- Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher »Geist der Empörung«? + +-- Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen +Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber +immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung +unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt. + +-- Ach so. Ich dachte schon . . . + +-- Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl +Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu +frei spazieren ließen. + +-- Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren? + +-- Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar +harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig +das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben +Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen. +Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die +persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren, +erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer +sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate. + +-- Sehr richtig, Oberrichter Kaspe. + +-- Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit +unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener +Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren +zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer +staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei. + +-- Strafe muß sein, lächelte Soundso. + +Ao, beglückt: -- Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die +Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung +theilen zu sehen. + +Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: -- Nachdem unser gelehrter Minus als +Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig +weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung +nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges +hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist +schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler mit um so ruhigerem +Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer +Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug +einstellen lassen. + +Ao: -- Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung, +Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit +einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse +nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen. + +Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines +glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: -- Noch eine ziemlich +heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten +entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja, +unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit. +Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . . +hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom +»hohen Mysterium«, vom »großen Unbekannten«, von der Formel »Gott und sein +Volk« nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der +Gläubigkeit vielleicht gar besudeln? + +-- Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten! +Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht +rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften. + +-- Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere +veranlassen. + +Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. Er hat seines +verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas +Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine +juridische Strenge erhöhen helfen. + +Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor. + +-- Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung +zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken +verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir +verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso +berufe. »Probleme«, »Entwicklung« und ähnliche vom heiligen Wortschatze +verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer +Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen +versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß +daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen +Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur +Abwandlung überweisen. + +Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im +physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte +Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm +mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in +ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen +geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar +selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein +aufreizendes Liebeslied mit dem verrückten Titel »An eine blinde Seherin«, +ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine +Ode »Auf einen sprossenden Bart«. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren +schienen es diese »Dichter«, die mit ihren Schmierereien sich über die +offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu +nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu +erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl +straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen +Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu +bestrafen. + +Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein +glattgeschabtes Kinn. + +Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen. + +-- Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen +werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt +in der menschlichen Natur. + +Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen. + +Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine +Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge +wurden mit Begeisterung angenommen. + +-- Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse +Oberphysikus Bim zweifelnd. + +Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine +Revisions-Sitzung anzuberaumen. + +Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie +traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten. + +Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen. + +Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos. + +Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in's Ohr, daß der Automat +Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest +verschönen . . . leibhaftig! + + * * * + + + + + + +Maikka lud Grege ein, mit ihr in's Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich +ausrüsteten für die Reise. + +Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie +schalten. + +-- Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da +müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den +Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen. + +Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock, +dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe. + +-- Daß ich's nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an +die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in +der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge +aussehen. + +Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht +sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem +kurzen schwarzen Rock bestehen. + +Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie +einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt. + +Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt. +Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte +dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten +Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven. + +-- Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege. + +-- Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir +müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir, +wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit +wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe +zu bestehen, Grege. + +-- Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald +in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich +auch wieder das Unglück grüßen. + +-- Nur nicht pathetisch, Grege! + +-- Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr +mit zu viel Worten zur Last sein. + +-- Nun thust Du gekränkt, Grege! + +-- Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief +verpflichtet. + +-- Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe +bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie? + +Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen. + +Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die +Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig +schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand. + +-- Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher +und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d'ran baumeln +könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb' mal Acht, was wir im Gebirge für +Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die +entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . . + +-- Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab? + +-- In einer Stunde. + +-- Und wir kutschiren? + +-- Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis +in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer +entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches +Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! +Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund. + +In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein, +denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen +Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und +wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege +wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den +sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in +Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: »Der Purpur-Staat oder vom neuen +Götzen«, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine +Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der +Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die +»Sprüche von Jesus Sirach«, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen +Strich umrahmte: »Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm +Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das +Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt +nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!« + +Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz +dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem +Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber +Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene +weiße Mähne. + +-- Vorwärts, Tema, mach' Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf +Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du +bist aus edlem Hause. + +Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene +Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. +Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem +Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen +nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten +jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in's +Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als +Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe +übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. +Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen +Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er +für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, +ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine +Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und +hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle +spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke +eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf +den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich +gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne +Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren +Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. +Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit +Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine +große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten +Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält's mit den Alten und +mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt's den +ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen +. . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch +bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . +Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der +Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, +das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen +Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig +des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut +hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede +Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . . + +-- Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema +möchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta? + +-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, +Maikka. Ich dachte gerade . . . + +-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten +bei Euch die Geschlechtsregister? + +-- Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig. + +-- Das will sagen? + +-- Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht. +Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte +Thore -- und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder +bis zu einer bestimmten Zeit. + +-- Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab, +mag nichts weiter hören. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland. +Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen. +Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen? + +-- Keinen. + +-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die +Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema! + +Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich über die schwebende +Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß +sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle +darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten +Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in's Blaue hinein +vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den +überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen +ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre +verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da +das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische +Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente +sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber +keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen +Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die +sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen +verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu +seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das +war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der +europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst +eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr +gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes +Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine +Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in +den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von +diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die +politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der +Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie +dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! +Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem +engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer +einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: +Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie +alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung +und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den +ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was +hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die +Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen, +bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten +anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung +blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und +sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den +Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde +verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben +sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der +Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen +mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden, +ein wühlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles +zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem +neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin? + +-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht. + +-- Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal +abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig +scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, +was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu +verwenden? + +-- Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die +verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen +und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren. + +-- Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes +fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen? + +-- Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe. + +-- Die wäre? + +-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und +vielleicht noch mehr die geistige Noth. + +Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft +gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen +Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein +älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken. + +Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert. + +Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die +gemächlichste Gangart. + +-- Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße +gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum. + +Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu +viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße. + +-- Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott. + +Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: -- Flink, kutschire Du, +dann stimmt's. + +Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel +und machte keinen Schritt mehr. + +Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen +gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen +dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu +schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, +so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander, +Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine +Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will +ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier +nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du +eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine +edle Leitung gewohnt ist. Hör' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen +robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der +Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens +nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in +ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß. + +-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka. + +-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich +einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat. +Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche +über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den +Kutscherthron, sondern das Leben gekostet. + +-- Ist's so recht, Maikka? + +-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute, +vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen +erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen +in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil! + +-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet +und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich +am gleichen Strang und müssen sich verständigen. + +-- Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man +das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer +tiefer in den Dreck. + +Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres, +Fanatisches. + +-- Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal +sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka. + +-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht +sich auch das Schicksal in's Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das +Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen +verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten +errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat +aller Surrogate. + +-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im +Magen liegen. + +-- Laß ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an. + +-- Ich will mir's merken, Maikka. + +-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an +Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so +wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche +und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht +keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen +und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen +einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, +Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die +Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . . + +Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs +kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und +Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein +Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem +Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann +oder Weib. + +-- Du fragst nicht, Grege? + +-- Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder +verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib! + +Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die +durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition +bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst +erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht, +sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit +gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die +Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema, +sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'! + +Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich. + +-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich? + +-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die +christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist +interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika, +vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können, +ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die +Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre +Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert +Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und +Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit +jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. +Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre +wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als +Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die +kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und +Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich +Niemand auf. + +-- Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit +warmer Antheilnahme. + +-- Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die +Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den +armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das +Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine +Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten +christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es +meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. +Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere +Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der +Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und +Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. +Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so +setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an +Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt. + +Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglückliche oder erst +unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden? + +Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, +den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemüth machte, und antwortete +treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so +wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die +Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige +Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des +Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes +Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen +Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben +hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den +Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den +Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere +Zweck der Menschheit vereitelt? + +-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber +das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein +unverlöschlicher Himmelsglanz . . . + +-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt's auf dieser +jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es +manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch +die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit +der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, +selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie +sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre +Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede +Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, +wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, +Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie +gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden. + +-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf. + +-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das +volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es +giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema! + +-- Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel! + +-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab? +Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel? + +-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . . + +-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei +den Teutaleuten, na, Grege? + +-- Ein Drama. + +-- Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den +klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt +. . . Tema, hü! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hügels ist die +Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte! + +Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick. + +-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es +trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire +uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife! + +Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort. + +-- Verzeih', Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei +Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der +Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht, +die Herzen auf, die Welt ist so schön! + +Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da. + +Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und +fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch +eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein +waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein +Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den +Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen +bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen +Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . . + +Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem +Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, +improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger. + +Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer +Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen +um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das +ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . . + +-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und +sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz +manierlich aus. + +Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen. + +-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom +bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren +Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit, +Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns +wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter +ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht +einen Monat früher gekommen, zu den »weißen Nächten«? . . . Ach, Ole, Du +glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir +eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, +Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter +Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen! +Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen! + +Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden +Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. +Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich +nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die +fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich +Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden +mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im +dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft +hielt sich feierlich still. + +Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab. +Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf +sie Reste von gedörrtem Fleische zu. + +-- Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In +einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte +hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt? + +Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren +schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen +können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder +ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos. + +Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während +die Gondel ruhigen Kurs hielt. + +-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim +Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie +ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir +ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie +an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und +als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und +ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist +zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen +bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. +Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. +Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und +ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort +ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen +und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht +wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, daß Du fortkommst, +ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig +sein. Nun geh'! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie +erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und +flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz +verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf +daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst +Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da +umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und +der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von +Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du +auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh +vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald +bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon +begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch +weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von +schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat +Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der +Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und +Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der +Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz +und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege? + +Er nickte mit stummem Lächeln. + +-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl' uns ein Märchen. Sieh, wie sich der +Himmel umschattet! + +Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn. + +-- Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war's. Das jüngste Gericht war +vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der +Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen +stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß +noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den +Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, +die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel +und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige +Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, +ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, +wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob +sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm +nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen +nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit +dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, +das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und +den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten +konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein +Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu +erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu +stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und +er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht +daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben +könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem +Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, +unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, +dort die Hölle mit ihrem Unglück -- und dazwischen das leere Nichts, +unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das +Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er +plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr +zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall +und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. +Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung +geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet +hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott +geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des +Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene +Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter +einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen +Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich +gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in +schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn +immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge +entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen +und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und +Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten +Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft +schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein +Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen +entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein +Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst +fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie +seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, +sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, +vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er +glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine +Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! +Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der +Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und +er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das +lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes +plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst +der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und +farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb +es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den +Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz +Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße +Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, +dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen +weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt +mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib +aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei +mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen +Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der +Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und +Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der +Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der +Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde. + +-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung. + +Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre +Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten. + +Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung +gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott. + +Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein +Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in +alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum +gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . . + + * * * + + + + + + +Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe +Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie +an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und +tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie +ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese +lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen +Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die +süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden +Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, +als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, +seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer +Stunde erwarte . . . + +Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte +Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen +und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt +und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in +verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen +schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter +spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus +leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das +blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . . + +Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, +in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit +fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden +Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung +von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der +verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und +himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese +menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem +Himmel entgegenzutragen schienen. + +Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, +den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, +die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen +zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, +das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann +aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, +gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie +fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um +die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt +zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des +Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten +Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein +Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn +die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre +breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr +Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine +uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe +wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege's Gedächtniß sich einprägte, +sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik: + + Befiehl Du Deine Wege + Und was Dein Herze kränkt, + Der allertreusten Pflege + Dess', der den Himmel lenkt. + Der Wolken, Luft und Winden + Giebt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da Dein Fuß gehen kann. + +-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin, +die als Aufseherin waltete. + +-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn +Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. +Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja +nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich. + +-- Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung? + +-- Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch +eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere +Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen. + +-- Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau? + +-- Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . . + +-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen. + +-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe +und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren +seine Kraft nicht verloren . . . + +Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte +davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein +plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . . + +Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war +ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung +verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich +ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen +Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere +Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen +Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks +jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie, +dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die +Herzen der Männer, der »Zottelbären« . . . + +Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege. + +In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen +nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer +fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck +begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch +Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer. +Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen +Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede +erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren. + +Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es +höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei +bereits fortgeschafft. + +-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du +weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge? + +-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge +genächtigt haben. + +Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile. + +-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches +Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt. + +-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die +Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum +Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen, +warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns! + +Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen. + +So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen. + + * * * + + + + + + +Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit +klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande. + +Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen +wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an +den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates +bewirken könne. + +Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn +in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt +»Zum tollen Junker Heinz«. Grege, der sentimentalen Auffassung der +irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das +Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als +objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in +wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens, +das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten. + +Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit +Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, +wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen +Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt. + +Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das +Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem +Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt, +hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit +einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle. + +Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem +Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf +auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber +wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des +Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle +sich's um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die +Begleitmusik machen. + +Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in +Klang und Rhythmik: + +»Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine +Brüder: da giebt es Staaten. + +Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage +ich Euch mein Wort vom Tode der Völker. + +Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und +diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk. + +Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen +Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben. + +Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat: +sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin. + +Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als +bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten. + +Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und +Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in +Sitten und Rechten. + +Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch +redet, er lügt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's. + +Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. +Falsch sind selbst seine Eingeweide. + +Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als +Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! +Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes! + +Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat +erfunden! + +Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie +schlingt und kaut und wiederkäut! + +Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich +Gottes -- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und +Kurzgeäugte sinken auf die Kniee! + +Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, +er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden! + +Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom +Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen! + +Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne +sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier! + +Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft +er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen. + +Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da +erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren! + +Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben +preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes! + +Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo +Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame +Selbstmord Aller -- das Leben heißt. + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder +und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles +wird ihnen zu Krankheit und Ungemach! + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen +ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich +nicht einmal verdauen. + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden +ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel +Geld, -- diese Unvermögenden! + +Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander +hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. + +Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glück +auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der +Thron auf dem Schlamme. + +Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel +riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle +zusammen, diese Götzendiener. + +Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und +Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie! + +Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der +Götzendienerei der Ueberflüssigen! + +Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe +dieser Menschenopfer! + +Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele +Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht. + +Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig +besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth! + +Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht +überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und +unersetzliche Weise. + +Dort, wo der Staat aufhört, -- so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr +ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? -- + +Also sprach Zarathustra.« -- -- -- + +Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie +entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra's weiter +sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er's nicht +selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals, +Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus +tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die +er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen +Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge +unvermögend, den Brand zu löschen . . . + +Unsinn, Unsinn! + +Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene +Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot. + +Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles +noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren +herausgearbeitet . . . + +Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine +Gedanken in einander zu unzerreißbarem Gefüge . . . + +Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. Da trat ein ältlicher, schwarz +gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz, +ein schlotteriges Knochengestell. + +-- Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler, +der eine komische Rolle hersagt, -- ich bin der Wirth zum tollen Junker +Heinz, und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren Vorhandensein +bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glück +hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines +Gastes übereinstimmt. + +-- Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt's? Ich habe keine Zeit, +Mann! + +-- Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft eines Herbergvaters in Ihrer +Majestät der Kaiserin von Indien und Königin von Jerusalem und anderer +Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaßen ich mir +in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten, +benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen. +Derohalben giebt's erstens kund zu thun, daß Ihr keine Gastfreundschaft auf +Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa +noch zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit +ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen müßt; +zweitens giebt's von Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu +leisten vermögt, welches Euer Nam' und Art und mit welcherlei +staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt. + +-- Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr! + +-- In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas +Anderes? + +-- Ich bin's. + +-- Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege? + +-- Aus Nordika, durch Wasser und Luft. + +-- Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns +manchen leichten Gesellen an's Land und manches gelüstige Dirnlein in's +Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr +kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn +unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der +Gastfreundschaft zu hoch hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das +Glück, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes +zu freuen, Gentleman. + +-- Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so überrascht Ihr mich. Von all' +diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt. + +-- Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den +neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen +Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist +Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem +Weltreich beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu +fragen, wie ich's thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so +großen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen. + +-- Je nun, Mann, was soll ich da sagen? + +-- Was man so die Wahrheit nennt, wenn's Euch beliebt. Zu welcher Gilde +gehört Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen +Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die +reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt +Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman? + +-- Nein. + +-- Der ist hier die größten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung könnt +Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des +Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel in's British Museum +abgeliefert. Dort steht er noch. Die größten Gelehrten aller Rassen machen +dort seit tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs +Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum +tollen Junker Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der +berühmtesten Sehenswürdigkeiten im British Museum, da ist unser königlich +kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen. + +-- Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlässig? + +-- In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr könnt, +gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst +dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, nach +verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Männer in +musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein +Wort, Gentleman. + +-- Ich bitte Euch, 'meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte +Belehrung über diesen Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden. +Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher? +Also erzählt! + +Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, schnitt +eine lächerlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenüber und begann: + +-- Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heißt, die Polizei +eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem +königlich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er +amüsant ist -- lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, mein Wort +darauf! -- zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat. +Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm' +mich! + +-- Zur Sache! + +Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über einander und spuckte +seitwärts an die Wand: -- Gott verdamm' mich, wenn ich nicht mitten drin +bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich +Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß nicht was, aber vorher, +Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im +Königlich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert +sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin, +Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . . + +-- Ist das Alles? Ich danke. + +-- Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung +überwältigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, weiß sich das +nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem +Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und +schlechter, wegen Unzulänglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus, +wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie +der größte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere +Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune -- +nicht alle Völker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in +Nordika! -- Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit +wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel +zur Fortpflanzung, amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und das +Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien +haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir +besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim keine Revolution +bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika, +selbstverständlich, wasmaßen die Nordikaner unsere besten Freunde sind. +Aber das übrige Europa ganz, wir werden's ausputzen, auflackiren, poliren, +präsentabel machen, ertragsfähig. Ein großes Geschäft, würdig unserer +Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze +Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen +Hottentotten mehr, leider. + +-- Das bezweifle ich. + +-- Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine +Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak +langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch +einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden -- und was +weiß ich. + +-- Teutaleute, nicht? + +-- Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine +Historie, da komm' ich sofort darauf zurück. Also wir verschaffen uns von +diesen interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare -- kein leichtes +Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefährlich, +als einen gesunden Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen, +mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist +dabei umgekommen, neulich erst . . . + +Grege rückte einen Schritt zurück: -- Keine Familienszenen, das wäre +indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten, +paart sie -- was dann? + +-- Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren +Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die +mißlungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt. + +-- Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter +vermehren, was geschieht da? + +-- Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien, +nach Afrika, und später, wenn wir ganz Europa haben, in ihre +Originalländer, unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt +und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt ist. + +-- Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschuß ergiebt, oder wenn +einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden? + +-- Da giebt's zu lachen, großartig, Gentleman. Reiche, vornehme +Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafür +dürfen sie sich überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu sich +nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht +wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und +bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui! +Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das +Vergnügen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und +seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben +die Welt, weil wir sie haben. + +-- Hm. + +-- Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas +werth. + +-- Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus? + +-- Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten +finden's so gut daheim. Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische +Aufsicht, Training . . . hm . . . + +-- Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt? + +-- Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmühle, je nach Befund. +Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt. + +-- Was ist sonst noch da? + +-- Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung gelehrter +Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung +entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus dem +fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, Hofprediger und +als Gegensatz Hungerkünstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben +Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht's Euch selbst an, +Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere +Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen +Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. Die Leute +in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was +sie auch vom Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen sie von allen +Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman +. . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür +jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe +gesehen? Ihr glaubt wohl, wir hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den +allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe, +mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . Jetzt eilt mir's, Gentleman. + +-- Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht fürchterlich . . . + +-- Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklärungen, +Gentleman. Worüber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei +. . . + +-- Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta +an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein +Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht. + +-- Gott verdamm' mich, Gentleman, das hätte ich wahrhaftig vergessen. Wurde +da vor Wochen vom Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib +erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter +Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . . + +-- Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter! + +-- Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig. + +-- Also verrückt! + +-- Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind. + +-- Blind? + +-- Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein. + +Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, mit kalter Sachlichkeit. + +-- Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, Gentleman. Ich kann's nicht +so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger. + +-- Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit +einem blinden Weibe? + +-- Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit +blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war +sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken. + +-- Was konnte sie? + +-- In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . . +Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht ließ man sie gerade darum laufen. +Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht +immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen +werfen, heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und man kann's +nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine +kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das +Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so +viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn +wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr, +Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich verrathen sie sich +gegenseitig, wie dieser rundköpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman? + +-- Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundköpfigen Kretin. + +-- Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer Gelehrter, Ihr kennt die Welt. +Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein +geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh's an Euren +Augen, Ihr habt viel erlebt. + +-- Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt Ihr Recht haben. + +-- Hab' ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt' ich sagen? Das +Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem +eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem Königlich-Kaiserlichen in +die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman? +Zweitens, daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht +erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben. + +-- An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall. + +-- Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische +Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche. +Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen +Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger +begünstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft zu revanchiren. So +mag's wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte +seinen Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen +gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber +die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht. +Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem Spaß, trotz der ernsten +Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen +Polizeipräsidenten. Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos +zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben +müssen, Gentleman. + +-- Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende! + +-- Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, Teuta werde den Angelos den +Krieg erklären, wenn sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst +abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen +Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch +die Historie? + +-- Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege +etwas dringender. + +-- Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hieß es, +Gentleman. + +-- Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch. + +-- Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das +ändert nichts am Spaß. + +-- Wahrhaftig nicht. + +Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hände: -- +Ich dank' Euch für die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat +mir ordentlich Appetit gemacht. + +-- Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas +Punsch oder . . . + +-- So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das möcht' ich mir +nun doch einmal besehen, so schnell als möglich. + +-- Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch zuvor unser Land gut +anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr +bedürft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an +kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf. +Oder an Nachtschweiß? Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, Ihr bedürft +meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen +und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein +Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine +sehr interessante königlich-kaiserliche Familie, zahlreich wie sämtliche +Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien +gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet's mir danken, es ist +ungeheuer sehenswerth. Wir salben Könige, die nichts zu thun brauchen, als +sich salben zu lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche +Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles +Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist +gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben. +Wir haben viele Völkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Könige +so nützlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes Bild. + +-- Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich Fahrgelegenheit nach Teuta +finde? + +-- Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit +Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden? + +-- Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft! + +-- Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold. + +-- Und Euer Name? + +-- Drachenschiff! + +-- Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und +tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch, +und der Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann im Rath. + +Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra +und Jesus Sirach: -- Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker, +meine Familienpapiere! + +-- Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt's nicht, kann's Euch den Hals +kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu +befriedigen, mit Respekt zu sagen. + +-- Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht! + +-- Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman. +Gottbei! + +Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem +schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebückt durch die niedrige Thür +schiebend. + +Grege warf sich auf's Lager und wand sich in Krämpfen wie ein Epileptiker. +Es ging vorüber. Der letzte Gram war abgeschüttelt. + +Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes Gesicht. Teufel! + +Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu +wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd +auf Alles, was ihm begegnete. Daß hier Alles in's Titanenhafte, Kolossale +getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war +das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein +schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste +Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man die +Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie +verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hält die Welt, hält das +gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und +Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins schlug ihm überall +prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller +Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachäffung +Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, was +er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein dämonischer Humor, der jeder +Verzweiflung Herr wird, schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des +Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn +geworden. + +Das Allermerkwürdigste dünkte ihm -- und das war vielleicht der Schlüssel, +sich Angellands räthselhafte Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig +erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwärtige +schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den +tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jüngeren, üppig +genährten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur +ein Nebending, das sie nur als einer ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte. +Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo ein +Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart +auf und formte es rücksichtslos zu seiner Heimath. So ward er überall der +Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und pflückte überall die +Freuden der Heimath . . . + +Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Fülle der +Gesichte eines in's Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem +königlich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wußte +genug davon. Und er wollte keine Gefühle zwecklos verpuffen . . . + +Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach einem Ziel: Teuta! Kalte +Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments +. . . + +In Teuta -- klingt's nicht wie ein Märchen? -- hat bereits Einer den Kopf +zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und +dieser Eine . . . war nicht Grege? + +Teufel! + +Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an? + +Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich's um +mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu +entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen. + +Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge in das Jala-Abenteuer. Wer +war der rundköpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht +sagen wollte? + +Aber die letzte große That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn. +Das fühlte er. Welche That? Festzustellen in's Einzelne vermochte er sie +nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glühender +wurde, eingehüllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde +gekommen, mußte der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles stand +im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem +Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich +trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, die Neugeburt der +königlichen Seele . . . + +Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog +plötzlich alle Mystik. Grege knirschte: -- Ganz Teuta auf Schiffe packen +und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie +die urgermanischen Vorfahren im Norden . . . + +Wer lacht so grell? + +Teufel! + + * * * + + + + + + +Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in +freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein +Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine +Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund +abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses +Opfer. Nach Aos Gefühl war's ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in +der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht +riechen. Und erst das freie Licht! Giebt's etwas Brutaleres als freie Luft +und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche +Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der +späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein +lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel +mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen! + +Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten. + +Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer +solchen Abendröthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches +Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen. + +-- Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug +wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom +Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen +umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne +werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein +unerträglicher Skandal sein. + +Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben, +diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu +lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und +Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe +an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich +nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum +nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr +Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht +einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und +dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein +Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei +ungewöhnliche »Effekte« sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres +Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des +göttlichen Uebermenschen Zarathustra und des großen Mysteriums unserer +Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen. + +Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom +Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in +einer Sänfte noch in's Gotteshaus und in's Museum schleppen lassen, um sich +durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und +oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das +Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald +zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten +grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in +einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges +überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der +Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike +Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann +in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und +Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege +improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen +bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der +Majestätsperiode früherer Jahrtausende. + +So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem +geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso'sche Automaten die +lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil +sie für einen Automaten zu gefährlich war und leicht zu seiner Entlarvung +führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich +die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale +stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder -- alten Münzen +nachgeahmte Spielmarken -- einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und +mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . . +Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt +erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man +ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche +verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er +die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er +nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten +Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk +würde dabei das Schauspiel einer bis -- zur Nacktheit verhüllten +wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen +sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste +Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . . + +Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen +Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die +oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause +emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der +versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s. +w., in verjüngtem Maßstabe nach berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes +Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder +ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte. + +Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit +beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen +und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den +Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner +persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit +sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die +Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von +Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die +Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt: +zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des +Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra's +selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen +merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten. +Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom +spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der +vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten +Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten +Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten +Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne. + +Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um +von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu +werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch +keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die +religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder +Nichtglaube. + +Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt +. . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung. + +Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen +von den Strapazen erholen könnte. + +Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso. + +Athemlos flog der Diplomat herein: -- Hoheit, sie will nicht. + +-- Wer will nicht? + +-- Jala. + +-- Der Automat Jala? + +-- Jala in Person, Hoheit. + +-- Hast Du sie denn? + +-- Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß! + +-- Schweig, mich trifft der Schlag . . . + +Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster. + +Der hohe Rath wurde herbeigerufen. + +Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich +heraus, seine Eigenmächtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort +persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden +Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse +des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den +Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört. + +Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath +überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen +Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes +gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren, +bestätigte Bim. + +Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in +der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In +seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle. + +Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie +in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil +den Grege -- diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen -- ersetzen +müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne, +gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur +des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten. + +-- Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte +Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die +Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß! + +Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man +nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen. + +Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun, +werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle +sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des +unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den +biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe +Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen. +Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese +von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er, +Soundso, wasche seine Hände in Unschuld. + +Das wirkte. + +-- Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die +Tänzerin sofort vorgeführt werde. + +Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam. + +Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte +eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos +plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und +hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala +sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe. + +Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier +eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden. + +Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu +empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn. + +So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige +Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein +müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine +förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische +Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende +Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres +Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos. + +-- Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager +ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen. + +-- Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat +uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können +jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich +gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden. + +-- Ueberdies hab' ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit +selbstbewußter Miene bei. + +Titschi lächelte wie Einer, dem's Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt +angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält. + +Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten +Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die +Ecke, Gesicht gegen Gesicht. + +Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und +blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr +verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten +Staatsleitung geweihten Raum betreten. + +Es war ein Ereigniß. + +Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal +erschimmerte in goldenem Licht. + +-- Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu. + +Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter +Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus +und Grege Platz, in gespannter Erwartung. + +Kaspe begann zu piepsen: -- Wir wollen's kurz machen, Hoheiten. Du bist +Jala? + +Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand +sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt +wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein +Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des +All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht. + +Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß +eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime +Mutterschaft verrathe. + +-- Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter. + +-- Ihr wißt es. + +Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton. + +-- Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht? + +-- Ihr wißt es. + +Der Ton klang fester. + +-- Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat +Dich Grege das geheißen? + +Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben +über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die +Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam. + +-- Was sagt Grege dazu? rief Kaspe. + +Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu. + +-- Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden, +Schweigsame? + +Pause. + +-- Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht? + +Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: -- Was in ihm ist, ist +zugleich außer ihm. + +-- Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste +erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst +gethan? + +Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander, +daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe. + +Der Oberrichter fuhr fort: -- Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand +die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des +Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht? + +Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten +Brust. Ein Wort von Grege jetzt -- und Alles war gewonnen . . . oder +verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des +Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im +Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand +winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen: + +-- Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für +Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte! + +-- Hoheit Minus, sprich in Greges Namen! + +Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: -- Was Du +thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist. + +Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam, +prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn. + +-- Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe. + +Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: -- Ich habe eine Stimme +gehört, aber ich fühle sie nicht. + +Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit: + +-- Ihr habt's vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes +Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts +übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde, +und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der +Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des +Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein +Antrag! + +Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem +Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der +Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: -- +Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr +noch? + +Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger +Stimme: -- Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte +zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo +er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, +seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide +ihren Lauf nehme. + +Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmüthig: +-- Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf! + +Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein +trüber Strudel den vom Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter +Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoßen, wie der +spukartig sich ankündigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer +wüster anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr Schweigen wie Greges +männlich schönes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wär's ein +Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem +. . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fühlte sie nicht, mit dem Klang +der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war's, seine +lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurückrufen, +daß sie auch seinen Athem spüre, was soll sie beginnen, daß er ihr +nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht +mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege +nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war's nicht ein +Gaukelspiel? Wie wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, sie zu +vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Löwe +sein Eigenthum an sich reißt und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei +der ewigen Liebe . . . + +-- Man führe Grege ab! gebot Kaspe. + +Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, dann streckte sie die Arme +geradeaus nach vorn, wie beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib +zurückfallen. + +-- Ich werde tanzen. + +Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein Triumph schnellte ihn nicht +empor, als ihn die Hoheiten beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte +sich nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu +täuschen und unter fremden Willen zu zwingen. + +Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort zur Sache gefunden. Die +Geschichte ging ihm über den Horizont. -- Mechanik und Mystik! murmelte er +endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle für seine +Augen. + + * * * + + + + + + +Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit +anderen Augen und anderen Gedanken. + +-- Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, Reiterschaaren, +anstürmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In +schmählicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche +Heimkehr beschieden wäre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks! + +Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf +europäischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit +blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den +heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, war ein Seufzer, +jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Männern nicht mit +Worten, sondern mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom Gegner gefordert +wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg +oder Tod! + +Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er +ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein +mit vollem Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich +straffer Gang, sein raubthierkühner, harter Blick. + +Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er bis zum Morgengrauen in +Teuta sein und den hohen Rath allarmiren. + +Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt +zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus +nächster Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen. + +In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete +Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß +trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit +wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten +wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts +sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen +Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die +Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief +lange, fest, traumlos. + +Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine +Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen +nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit +gemüthlicher Selbstironie. + +Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was +bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen +Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von Männer-, +Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt +gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara -- thuuu -- stra, Zara -- thuuu +-- stra, Zara -- thuuu -- stra? + +In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber? +Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den +Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich +verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und +erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die +Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die +Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet -- da defilirt der hohe Rath vor dem +Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten +. . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und +Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß +mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der +Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe +zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien, +gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher +Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist's nicht so? Ist's +nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an +diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte +. . . als gezwungener Komödiant? + +Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die ihm die heißen +Strahlenreflexe der Sonne in's Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab +krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil +es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute +sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird? + +Hat er einen Doppelgänger? + +Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an +der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit +einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten +vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich +da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den +Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs. +Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen +. . . wer denn? Grege's leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine +Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme! +Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische +Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein +Doppelgänger anstimmt: -- Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den +Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono +erwiderte, wie es jetzt erwidert: -- Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir +lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein +Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam +gemächlich und wundert sich über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, +geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des +heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso -- Alles echt +und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege, +oder ist er's nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er +stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen +Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt +vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die +Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in's Gesicht. Er ist er selbst, +Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend, +fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, +dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich +dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur +zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der +weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die +unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über +die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten +Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas +Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen +Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber +immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der +Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt's die Freitreppe herauf +. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen der +Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige Vertreter der Slavakos +. . . o Scheußlichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o +Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und Symbole auf +hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . »Meine +Brüder, seht, ich lehrte Euch den . . . + +Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das Königsschloß und nimmt hinter +dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den +Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold +. . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und +Schlurfen der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung, +Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf +und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht +das hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem Baldachin hervor und +hinauf auf die Portalschwelle die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf +der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den +Polsterstühlen Platz, die Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen +Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in +lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hüter des heiligen +Wortschatzes von Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen Mysteriums in +wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines +Amtes zu walten, sich dem Volke als König vorzustellen und seinen +Jahresspruch herzusagen. + +Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch: + + Aufwärts fliegt unser Sinn, + Achtet der Stunde, + Teuta's erhabenes Volk -- -- + +Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen Automaten auf und +Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor. + +Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt +auf Soundso. Der ist so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der +Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen. +Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu +. . . Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den Boden . . . Schlägt +mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse +hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin von der +Schulter und das goldene Scepter aus der Hand -- und der Automat deklamirt, +eine entlarvte Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich +schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem +Zerstörungswerke weiter . . . + + Will Euer Wille befehlen, + Wohlan, ich bin sein Symbol -- -- + +Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal, +dann war sie stille. + +Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von Grege erkannt, theilt +dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der +Purpurmantel entsinkt der Puppe . . . + +Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: -- Sprich, wer bist +Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in +das stumme Schauspiel hinein. + +Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von +oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße +fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft? + +Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge im Büßerhemde durchbricht +die Reihen und stürmt, von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer +gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die +Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier! + +Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: -- Er ist der Befreier! +Er ist der Befreier! + +Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und schüttelt die Massen, und wie +Donnerstimme hallt's: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier! + +Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen +Schritt vorwärts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele +gegangen -- die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege's Brust. + +Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr, +jeder Mund ist stumm, Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem +Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an sich preßt: Volk von Teuta, +Zarathustras jüngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und +Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser! + +So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und +das weiße Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, bis der +Sieg erfochten. + +Als am Abend die Terrasse von den Trümmern des Automaten-Gaukelfestes +gesäubert wurde, berührte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des +eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich begann die +kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: -- Ao ist ein Idiot -- Bim +ist ein altes Grauthier -- Titschi ist ein entlaufener Strandräuber -- +Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie Wanzen ab. -- Man muß dem +Volk in's Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf -- Man +muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich der Gottheit nahe . . . + +In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen Beschluß des Volkes zum +obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter +der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt. + +-- Da habt Ihr Euren Tribut. + +Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum. + +Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis zum Anbruch des nächsten Tages +Botschaft nach Nordika zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den +Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit dem Brudervolke von +Nordika ersetzt. + +Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung der Mauer, welche +die Stadt der Männer von der Stadt der Frauen trennte. + +Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei +Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er +bis an sein Ende über des Teutareiches Untergang . . . + +Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Königsburg in Teuta, +bis der volle Sieg über die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner +mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen Leben im +Lichte der Sonne. + +Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt es aus den klatschenden +Falten des Banners wie Maikkas Lachen. + + + +Ende. + + + +Druck von C. G. Röder in Leipzig. + + + + + + +End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + +***** This file should be named 39565-8.txt or 39565-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39565/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: In Purpurner Finsterniß + Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert + +Author: Michael Georg Conrad + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%;"> +<img src="images/cover.jpg" alt="Umschlag"/> +</div> + +<div class="trnote" style="page-break-before:always"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<h1 style="page-break-before:always;"> +In purpurner Finsterniß.<br /> +<br /> +<span style="font-size: smaller"> +Roman-Improvisation<br /> +<span style="font-size: smaller"> +aus dem dreißigsten Jahrhundert<br /> +von<br /> +Michael Georg Conrad +</span> +</span> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size: 110%"> +Verlag von C. F. Tiefenbach<br /> +<span style="font-size:smaller"> +Separat-Conto<br /> +</span> +Leipzig. +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="dedication"> +<span style="font-size: smaller"> +Meinem genialen Kameraden<br /> +</span> +Juliane Déry +</p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 007 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1"><span class="hidden">Kapitel 1</span> +</h2> + +<p class="noindent">Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn +Jala ihren Willen durchsetzen wollte. +</p> + +<p>Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, +hatte er ihr verheimlicht. Immer noch sickerte Blut +durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit +dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so +daß an der ihrigen, an der inneren Fläche zwischen +Daumen und Zeigefinger, ein rothes Blutzeichen haften +blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form +eines Sterns. +</p> + +<p>— Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung? +</p> + +<p>— Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn +ich vorzeitig raste, schwinden meine Kräfte. Kann ich +irren? +</p> + +<p>— Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten +Kanalbett, bis in die Dünen, die wir noch in der Nacht +erreichen. Du hast die frische Brise, vom Meer herüber, +immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft +wechselt, bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich +jetzt eine Weile schonen, meiner Wunde wegen. +</p> + +<p>— Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du +sie mich nicht befühlen? +</p> +<!-- page 008 --> + +<p>— Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich +kurze Rast halte. +</p> + +<p>— Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein +Held. Und wir wachsen in der herrlichen Einsamkeit. +Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser Bewegung, +die mich beschwingt. +</p> + +<p>— Es ist eine Flucht, Jala. +</p> + +<p>— Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere +Welt, in unser freies Himmelreich! Säume nicht zu +lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange ohne Dich! +Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem +scharfen Blick, das uns bedrohen könnte? +</p> + +<p>— Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. +O, ich muß lachen, weißt Du. Sie haben sich selbst +des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere +Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten +und alle Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und +die Wege, die wir auf ebener Erde durch die Wüsteneien +ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer Häscher +verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner +unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher +Oberrichter, ist langsamer in Entschlüssen und +Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao, ihr Oberpriester, +schläft und verdaut. +</p> + +<p>— Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, +daß noch ein Dritter im hohen Rathe sitzt. +</p> + +<p>— Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal +mit widerlichen Anträgen belästigte? Den hat nur +Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen +bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist +<!-- page 009 --> +kein Verfolger. Der findet andere Ablenkungen. Ein +schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts +Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta +hüten zu helfen. Nein, dieser hohe Oberlehrer von +Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne ihn. Er +hat mich einst unterrichtet. +</p> + +<p>— Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich +voll Unruhe. +</p> + +<p>Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib +mit einem tiefen zärtlichen Blick. +</p> + +<p>— Die hat andere Ursache, süßes Weib. +</p> + +<p>— Also folg’ mir bald, Grege. +</p> + +<p>Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die +Tasche, ein Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, +das in Nußgröße die Kraft des Brodes und Weines +und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie +ziehen. +</p> + +<p>Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie +uneingeschränkt ihren Willen hatte. Er wußte auch, +daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr war. +</p> + +<p>So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen +fielen ihm zu, das Bild der Wandernden einschließend. +Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner Wunde +erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen +haben. +</p> + +<p>— Jala wird sich um mich bangen. Ach, die +weite Landschaft, endlos! Aber er war so schlaftrunken +und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich nicht zu +erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut +nicht gut. Er wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, +<!-- page 010 --> +sie einzuholen. Wer weiß, wie groß der Vorsprung +ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres Schrittes +vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin. +</p> + +<p>Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten +aus, ihre hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen +Schweigsamkeit dieser unendlichen, sonnenhellen, +weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. +Eine schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes +mit der Fußsohle die Erde berührt. Die verkörperte +Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens und +deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme +mit eigenem Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung +schöpfend zu immer stärkerem Glanze, unfaßbar allem +Gemeinen. +</p> + +<p>— Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht +nach Deiner Schönheit, wenn ich länger säume. +</p> + +<p>Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und +zwang sich, mit schmerzendem Fuße ihren Spuren zu +folgen. +</p> + +<p>Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, +durch welche seltsamen Gegenden ihn jetzt sein Schicksal +führte, die große Befreiung. +</p> + +<p>Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein +Tiefer-Zwingen, ein Unterdieerdebringen. +</p> + +<p>Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen +über Städteleichen. Für blühende Gemeinwesen +haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine Wurzelfäule. +Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. +Eine Kraft schlug die andere, eine Kraft fraß die andere. +<!-- page 011 --> +So wurde immer weniger Kraft, bis sich Alles in platte +Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden +kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues +Geschlecht. Was übrig geblieben war von alten +Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine Kuriosität +für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein +Spott für die Langeweile der Feiertage. +</p> + +<p>Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende +Macht. Ihre Vielzahl erdrückt den Einzelnen. Da +winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an +den Beinen und Armen hängen! +</p> + +<p>— Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du +schreitest über Köpfe und Tröpfe weg. Du hast auch +mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse aus +Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, +dem Sprossen alter Könige? Heiliger Gott Bimbam, +ist’s denn glaublich? Und erst eine Blinde mußte mir +die Augen öffnen? Ein Kind Ao’s, des frommen +Komödianten, mußte mir Ernst beibringen und Selbstachtung? +So oder so, jetzt stell’ ich meinen Mann. +</p> + +<p>Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich +dehnenden Länge des gleichförmigen Weges in diesen +bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen. Er zog die +leichte Kapuze tiefer in’s Gesicht, die Sonnenstrahlen +abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich +verbündeten, ihn desto heißer zu stechen. +</p> + +<p>Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß +die Augen und tastete sich mit dem Stabe weiter. Sollte +er’s besser haben als Jala, sein Weib, die blinde Seherin? +Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze +<!-- page 012 --> +der Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die +starke Pilgerin? +</p> + +<p>Greges Ohren summten. +</p> + +<p>Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und +befühlte seine Wunde an der Ferse. Kein Blut mehr. +Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er schmerzenden +Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. +Instinktiv war er die lange Zeit her nicht mit der +ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur mit den +Zehen aufgetreten. Er hinkte. +</p> + +<p>Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief? +</p> + +<p>Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war +nicht Jala’s Ton. +</p> + +<p>Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um. +</p> + +<p>Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer +altmodischen Schwinggondel, zweimal Stabeslänge kaum, +hinter ihm. +</p> + +<p>Es durchzuckte ihn. +</p> + +<p>Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht +nach. Also wenigstens keine Häscher aus Teuta. +</p> + +<p>— Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges +in dieser Wüste? +</p> + +<p>Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich +auf seinen Stab und blickte die Fragenden scharf an. +</p> + +<p>Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, +durchgearbeiteten Muskeln und Sehnen, keine Spur von +Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen Augen mit +herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln. +</p> + +<p>Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm +machte er eine abweisende Bewegung in dem Sinne: +<!-- page 013 --> +Was kümmert’s Euch? Laßt mich! Ich will nichts +mit Euch zu schaffen haben. +</p> + +<p>— Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt +auch Deine Zunge? +</p> + +<p>Und sie lachten kalt. +</p> + +<p>Der Eine näherte sich ihm, während der Andere +mit dem Fuße den Anker, mit der Hand das Steuer +der Schwinggondel festhielt. +</p> + +<p>— Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug +trägt drei. +</p> + +<p>Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte +er nicht ein Gesicht wie ein Todtenkopf? Wahrhaftig. +Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht leblos, wie +angeklebt? +</p> + +<p>— Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen +Dich zurück. +</p> + +<p>— Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du +gefällig den Mund öffnen willst. Wir grüßen Dich! +</p> + +<p>Aber es klang nicht wie Gruß. +</p> + +<p>Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er +nicht schnell den rechten Entschluß fand. Wie würde +Jala handeln? +</p> + +<p>Da lachte er auf: — Ich erwidere Euren Gruß. +Nun laßt mich in Frieden. Ich suche mein Weib. +</p> + +<p>Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum +Gehen wenden. +</p> + +<p>— Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten +jetzt die Fremden. +</p> + +<p>Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? +Wäre das auch mitzufangen? Eine doppelte Beute? +<!-- page 014 --> +Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch für vier. +Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob +das Weib nicht eine Katze, die schwer zu bändigen. +Sicher ist sicher. Schließlich ist der Teutamann doch +die Hauptsache. +</p> + +<p>Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. +Der eine Fremde, der jüngere vertrat ihm +den Weg. +</p> + +<p>— Höre, Mann aus Teuta! +</p> + +<p>— Woher weißt Du das? +</p> + +<p>— Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem +Zustande kann man nur aus dem nächsten kommen. +Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses +Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so +strenges Gesetz, daß sich Keiner den Bart darf sprossen +lassen. Alle sind dem gleichen Willen unterthan, bartlos +zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht. +</p> + +<p>— So sieh’ doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich +habe nichts mehr mit der glatten Gleichheit Teutas zu +schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In Teuta +sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort +der Ausnahme sich rühmen, eines eigenen Weibes +eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der Begattung +währt. +</p> + +<p>— Köstlich, wie du Bescheid weißt! +</p> + +<p>— Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache +gesagt. Nun hindere mich nicht länger. +</p> + +<p>— Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde +brauchen? Setz’ Dich zu uns und belehre uns. Wir +sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach +<!-- page 015 --> +seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und +einen lahmenden Fuß. Dein Fuß kann in unserem +Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem +ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter +Fund. +</p> + +<p>— Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine +solche Sprache zu mir, dem Freien, wagst? +</p> + +<p>— Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, +und Du — ein Freier gewesen. +</p> + +<p>Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt +und in die Gondel gelegt. +</p> + +<p>Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein +Geier. +</p> +<!-- page 016 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2"><span class="hidden">Kapitel 2</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. +Müdes Flimmerlicht. +</p> + +<p>Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige +Sand, unter Jalas Sandalen, so oft sie den +Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es +waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor +Ueberanstrengung. +</p> + +<p>Jala war heute mehr Meilen gewandert, als +gestern und ehegestern, von jagender Sehnsucht gepeinigt, +endlich an’s Ziel zu gelangen. +</p> + +<p>Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag +zurückgeblieben? Bis zum Abend versprach er +sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala +konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie +des übersandeten Kanales mit der leichten dünenartigen +Böschung auf beiden Seiten. War das nicht seine feste +Meinung? +</p> + +<p>Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre +gegangen sein. Ihr tastender Stab fühlte keinerlei Erhöhung +mehr am Wege. +</p> + +<p>Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das +Gesicht in der Richtung der scheidenden Sonne, die +Lider tief über den blinden Augensternen. Keines +<!-- page 017 --> +Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer +ihrer brechenden Müdigkeit. +</p> + +<p>So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung +sie zwänge, und Grege’s, des Getreuen, zu harren. +</p> + +<p>Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten +Handflächen unter die linke Wange geschoben, +ruhte sie am Wege, wie entseelt. +</p> + +<p>Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, +mit bebenden Flügeln ein gelber Schmetterling. +</p> + +<p>— Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige +Jala! dachte sie. Dann verwehte ihr Bewußtsein, bis +sich’s wieder verdichtete im Traum. +</p> + +<p>Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die +Farbe des Sandbodens, ihr aschblondes Haar, in ungeordneten +Locken aus der Kapuze hervorquillend, die +Farbe der verdorrten Gräser und Halme. +</p> + +<p>Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen +Wanderung in freier Luft und Sonne sich ins Bernsteinfarbige +gedunkelt. Um die weichen Umrisse der +Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige +Fläche der Wange schwebte ein Lächeln der +Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den leidvollen Sieg +der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die tiefwühlenden, +schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber +ihrer ersten wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen. +</p> + +<p>Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt +rastende Körper in den warmen Boden zu versinken, +abgeflacht zu Schemen und Schatten. +</p> + +<p>Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung +<!-- page 018 --> +über die Welt gekommen, wie ein tiefausholendes +Verschwingen in langen, lauen Rhythmen. +</p> + +<p>Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, +veilchenblau geädert, letzte, verklingende Liebkosung aus +der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der versunkenen Sonne. +</p> + +<p>Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz +erfüllte es wie heiliger Rausch beim Kusse des Geliebten. +Und wie von stummer Musik getragen, schwebte +sie mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen +Sonnenblumen, um deren hohe Stengel zierliche Schlingrosen +rankten, in süßen Düften die seidenweiche Luft +gebadet. +</p> + +<p>Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß +tauchend, die Insel, das Ziel der Pilgerschaft, die +Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege’s Himmelreich +und das ihre. +</p> + +<p>Ausland und Fremde war ihr die weite, feste +Erde gewesen, wo die Vielzuvielen und Zusammenhängenden +wohnen, der dichte, drückende Schwarm der +Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück +des Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen +Willens. +</p> + +<p>Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit +solchen Menschen gefühlt. +</p> + +<p>Wie war das gekommen, daß sie anders war? +Ein Trotz für sich und ein Widerspruch allen Anderen? +Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und +eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen +Ueberzeugung wuchs, daß die Ordnung rings nur ein +feiges Elend sei, dem ein Held erstehen müsse, der Alles +<!-- page 019 --> +erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und +sie die Heldin des Helden? +</p> + +<p>Wie war das gekommen? +</p> + +<p>War’s eine verborgene Erbschaft aus ihrem +Stammlande Friska, die jetzt in gesammelter Kraft aus +ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre Gedanken +zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit +sprengenden Elementen lud? +</p> + +<p>Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich’s zu +deuten in gegenständlichen Bildern, da die erklärenden +Worte versagten. +</p> + +<p>War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen +fand? +</p> + +<p>War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht +des jauchzenden Frühlings, als die Reife des Weibes +im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das +Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig +wurde, als schwämme sie in Blitzen? +</p> + +<p>Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, +den Unterschied zur dauernden Gestalt, daraus die neue +Menschheit wachsen mußte? Konnte sie darum nimmer +von ihm lassen? +</p> + +<p>— Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im +Traume. +</p> + +<p>So verging die Zeit. +</p> + +<p>Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung. +</p> + +<p>Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf. +</p> + +<p>— Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die +Höhe! Grege! Grege! +</p> + +<p>Was war das Alles? Was? +</p> +<!-- page 020 --> + +<p>Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog +sich daran empor, sie straffte ihren Körper zu voller +Höhe. Fremd. Allein. +</p> + +<p>— Grege! Grege! +</p> + +<p>Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein +Schrei in’s Leere. +</p> + +<p>Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre +Stimme. +</p> +<!-- page 021 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3"><span class="hidden">Kapitel 3</span> +</h2> + +<p class="noindent">Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, +dreißig Klafter tiefer, als die übrigen +Amtsstuben, unter der gemeinen Erde. +</p> + +<p>Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie +ein Treibhaus durchwärmter Raum, zeltartig mit +Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß +keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen +verschiedenfarbiger Schnüre für die Luft-, Licht- und +Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner runder Tisch +ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel. +</p> + +<p>Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein +junger Gehilfe Soundso hielten ihnen abwechselnd den +Wochenvortrag. +</p> + +<p>Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche +Stimmung der Teutaleute bezügliche. +</p> + +<p>— Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, +sich auf dem fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend. +</p> + +<p>— Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige +Oberrichter. +</p> + +<p>— Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit +verbindlichem Lächeln. +</p> + +<p>— Also Alle glücklich, nickte Ao. +</p> + +<p>— Wie üblich, bestätigte Kaspe. +</p> +<!-- page 022 --> + +<p>— Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel +Grad zu warm? fragte Soundso. Ich meine, es müßte +uns um einen Zehntel Grad zu warm sein. +</p> + +<p>Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der +linken Hand, die mit einem feinen Faden umwickelt +war, der magnetische Apparat spielte, mit einem zarten +Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch +die Temperaturorgel. +</p> + +<p>Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war +unfehlbar. +</p> + +<p>— Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel +Kerze zu hell? fragte wieder Soundso. Ich +meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel Kerze +zu hell sein. +</p> + +<p>Alle stimmten bei. +</p> + +<p>Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger +der rechten Hand, der Apparat spielte, mit einem feinen +Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit in +den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten +um die Idee einer Schattirung tiefer in ihrem purpurnen +Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der Zeltgewebe +und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. +Aber die hohen Räthe empfanden die schwache +Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen Behaglichkeit. +</p> + +<p>— Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für +das gemeine Volk hat sich bewährt? fragte Kaspe mit +zirpender Stimme. Es finden keinerlei Entweichungen +mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden +am Rücken der Erde? Es wurde keinerlei +<!-- page 023 --> +Verunreinigung der Luft durch Schwinggondeln mit +Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt? +</p> + +<p>— Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte +Titschi, seine etwas geknickte Gestalt erhebend. +</p> + +<p>— Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande +innerhalb der Grenzen der gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt +ist das gemeine Glück, dank der Idealität +unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A +und das O, und ich bin, durch beider Willen, ihrer +frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im geheiligten +Amte stehe — sprach der Oberpriester in +schläfriger Feierlichkeit. +</p> + +<p>— Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen +sichtbar, Du verdaust gut, Du schläfst gut. Dem +Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte +im weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat. +</p> + +<p>— Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? +nahm Kaspe das Wort. +</p> + +<p>Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte +in einem winzigen Notizbuche, das mit allerlei +krausen <a id="corr-1"></a>Abbreviaturen vollgekritzelt war. +</p> + +<p>Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig +sehr gut, Abtheilung II zwischen Achtundzwanzig +und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen +Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen +Achtundvierzig und Fünfzig gut, Abtheilung V Rest +ungenügend. +</p> + +<p>— Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen +müssen. Vielleicht, daß er eine Abkürzung der +<!-- page 024 --> +Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der Abtheilungen +nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao +schlafsüchtig. +</p> + +<p>— Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte +Soundso mit pfiffiger Miene, es liegt in der Natur, +daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden +und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen. +</p> + +<p>Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand +nickte. +</p> + +<p>Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung. +</p> + +<p>— Natur? rief er merklich überrascht, beinahe +vorwurfsvoll, was hat in Teuta die Natur zu sagen? +Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe und +Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein +Ruhm begründen sich darauf, daß wir über die Natur +hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden. +Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und +fallen wir. Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist +unsere Macht. Mechanik und Mystik, das sind die +beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt +beneidet. Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So +lange ich hier meines Amtes walte, ich, Ao, will ich +das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr +hören. Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine +Werthung der Pflichten, nach ihrer größeren oder geringeren +Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der +Sache auf den Grund geht. Du bist gewarnt. +</p> + +<p>Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen +Ao schon lange nicht mehr gesehen. +</p> +<!-- page 025 --> + +<p>— Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen +Gehilfen, daß er sich so verschnappt hat, beschwichtigte +Titschi, mit einem mahnenden Zwinkerblick +auf Soundso. +</p> + +<p>Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste +Lammsmiene aufgesteckt, als hätte er nie das kleinste +Wässerchen getrübt. +</p> + +<p>Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, +Hoheiten, der Oberphysikus wird uns Bescheid sagen. +Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei ernste Gefahr +im Verzuge ist. +</p> + +<p>Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang +ist durchaus normal und giebt zu keinen Befürchtungen +Anlaß, so lange wir in der Lage sind — +und wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets — den +Slavakos die festgesetzte Zahl an jungem Tauschvolk +alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung der +bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können +sogar, bei der nächsten Erneuerung des Vertrages, mit +der Schätzung unserer Leistung hinaufgehen und stärkere +Gegenleistung fordern. +</p> + +<p>Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung +nicht unterdrücken. +</p> + +<p>— Eines Tages möchte sich’s doch ereignen, daß +Teutaland nicht mehr so viel Tauschvolk produzirte, +um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten. Und +bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht +leicht dahin kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. +Auch die Surros kriegt man auf die Dauer satt. Der +Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches +<!-- page 026 --> +Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren +thaten nicht gut, die Landwirthschaft zu zerstören und +uns ganz den Künsteleien der Techniker und Chemiker +zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern +vom Schlage Greges. So hängen wir von den Slavakos +ab. Wenn denen einmal Unheil zustößt, sind +wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß +sie unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit +wollten wir sie dann verpflichten? Oder sie führen +ein System des Lebens ein, das ihnen selbst genügend +Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet +meiner Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken. +</p> + +<p>— Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. +Die Slavakos werden im Gegentheil immer nachdrücklicher +auf unsern Menschenersatz angewiesen sein. +</p> + +<p>— Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit +vollkommen bezwungen zu haben schien. +</p> + +<p>— Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten +weiß, sind bei den Slavakos wieder einige neue +religiöse Sekten entstanden, welche es mit den Lehren +ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten +ihrer Rasse vor zweitausend Jahren entdeckten, noch +viel strenger nehmen. Toistoji nennen sie sich. Diese +Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute Enthaltung +von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen +und wählen ihre Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen +. . . +</p> + +<p>— Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste +Mal erbitten wir uns weitere Aufschlüsse, Kaspe. Die +<!-- page 027 --> +Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere +Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? +Hat sich unsere Abschließungszone gegen sie erweitert? +Ist unsere Grenze genügend geschützt? Die +Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung +und sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen +lauert ihre Herrschgier. Liegt nichts Verdächtiges +vor? +</p> + +<p>Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, +als wolle er wieder das Wort nehmen. Aber nun +kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine neue Verschnappung +seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen +und damit eine lästige Verlängerung der +Sitzung herbeizuführen. +</p> + +<p>— Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ +sich keiner von diesen Störenfrieden an der Grenze +unseres Reiches blicken. Unsere Abschließungszone +gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende +Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich +verbreitert. Die sanften Slavakos, obwohl sie immer +weiter nach Westen drücken, sind unsere vertragsmäßigen +Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute +geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. +Weitab wohnen die kleinen Völker, die ihrer turbulenten +Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden +sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren +haben. Ich kann mir kein friedlicheres Bild unserer +Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer der Trieb +unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger +Angriffspunkte bieten wir. +</p> +<!-- page 028 --> + +<p>— Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, +zirpte Kaspe. Schade, daß wir die alten Kulturdenkmäler +nicht auch unter die Erde bringen können. Das +Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, +das Zuchthaus — gäbe es wirklich kein Mittel, +sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin die Verwitterung +so stark, daß uns die Unterhaltungskosten +mit der Zeit drückend werden können. Oder wollen +wir sie wie die Fabrik mit ihren neunundneunzig +Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen? +Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten +auch daran. Ich glaube nicht, daß unsern +Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. +Für diesen Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen. +</p> + +<p>— Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit +lächelnder Lammsmiene, ja, das ist das herrliche Problem, +neue Vergnügungen, Hoheiten! +</p> + +<p>— Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns +Alles Eintracht und Zufriedenheit athmet. Probleme +sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, welche +Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man +nach ihnen welche machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, +so ist’s. +</p> + +<p>— Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, +ich hebe die Sitzung auf. +</p> + +<p>Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal +hüllte sich in purpurne Finsterniß. Der Oberpriester +drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, der +um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der +<!-- page 029 --> +Mechanismus, der die Hoheiten mit sammt ihren +Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände in die +Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten +Gemächer in der höheren Region harrten. +</p> + +<p>Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr: +</p> + +<p>— Der Alte wird schwach. +</p> + +<p>— Ein Idiot. +</p> +<!-- page 030 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4"><span class="hidden">Kapitel 4</span> +</h2> + +<p class="noindent">Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen +aus der Ohrmuschel und schlenkerte sie nervös +spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick war +seltsam unruhig. +</p> + +<p>— Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog +sein längliches Gesicht zu einem neugierigen Lächeln. +</p> + +<p>— Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat +ihn gekränkt. In der Wochensitzung. Heillose Worte +sind gefallen. Ich soll prüfen. +</p> + +<p>— Heillose Worte? Von Seite Aos? +</p> + +<p>— Nein. Soundso versündigte sich am heiligen +Wortschatz. +</p> + +<p>— Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand +beobachten lassen. Mir ist er längst verdächtig. +Also Frevelworte ausgestoßen? +</p> + +<p>— Hm. +</p> + +<p>Minus spitzte den Mund und blies in die hohle +Hand. +</p> + +<p>— Na, Hoheit? +</p> + +<p>— Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer +das Sprüchlein: „Worte sind Schall und Rauch.“ Das +wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. +<!-- page 031 --> +Viel zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei +uns. Gehörtes verführt . . . +</p> + +<p>Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere +Nachdenklichkeit. +</p> + +<p>— Wie hat der vor bald zweitausend Jahren +gesagt? +</p> + +<p>— „Worte sind Schall und Rauch.“ +</p> + +<p>— Hab’ ich nie gehört. Ich verneige mich vor +Deiner Gelehrsamkeit. Worte nicht bloß Schall? Worte +auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in +jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die +rauchen. Worte die nicht nur die Ohren, sondern auch +die Augen belästigen. Die brändeln und stänkeln. Puh, +Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, +großer Wissender? +</p> + +<p>— Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die +Staatsgeschäfte hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, +sei überzeugt. +</p> + +<p>— Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, +Seele, Alles in eins. Furchtbare Gewalt. Wenn nun +Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, +Umwälzung, Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und +was — — +</p> + +<p>Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte +seinen langen dünnen Hals verzweiflungsvoll, daß die +Wirbel knackten. +</p> + +<p>— Hm, machte Minus, indem er wieder die +winzigen Hörröhrchen in die Ohrmuschel steckte. +</p> + +<p>— Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem +Anfall erholt hatte. +</p> +<!-- page 032 --> + +<p>— Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint +ihm verdächtig. Seit der Wochensitzung. Worte, +Worte, Worte. +</p> + +<p>— Schon wieder? Was hab’ ich vorhin gesagt? +Darf ich nun erfahren? +</p> + +<p>— Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt +Aergerniß auf allen Seiten. +</p> + +<p>— Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand. +</p> + +<p>— Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. +Amtsgeheimniß. +</p> + +<p>— Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares +Material unter dem Siegel der Verschwiegenheit. +</p> + +<p>Aug’ in Aug’, daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, +dann den Mund am Ohr: Vernimm, Bim — +Natur — angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst +Du? — Probleme, herrliche Probleme sogar. +</p> + +<p>Dann blickten sie sich starr an. +</p> + +<p>— Soundso? +</p> + +<p>— Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte +er nicht des Schlimmsten fähig sein? Ist das nicht +ein keimender Entartungstypus in unserem normalen +Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender +Seuchenheerd in unserem musterhaft gesunden Land? +</p> + +<p>— Ich ahne, Bim. +</p> + +<p>— Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung +des Urstoffs, alle Geister hat sie erschüttert, +ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still +verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, +angenehmere Pflichten vor dem Oberpriester auszusprechen. +</p> +<!-- page 033 --> + +<p>— Und vor dem Oberpriester! +</p> + +<p>— Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, +der meine unglaubliche Entdeckung mit dem höchsten +Lob auszeichnete. Weißt Du noch? +</p> + +<p>— Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete +doch gleich Deine herrliche Entdeckung? Die Worte +sind mir nicht gegenwärtig. +</p> + +<p>— O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus +welcher die Atome bestehen, ist nicht qualitativ verschieden, +sondern die verschiedenen Atome sind nur verschiedene +Qualitäten derselben Materie, und diese +Materie ist der Urstoff. +</p> + +<p>Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie +ein schwarzes Runzel-Dreieck über den erstaunten Augen +standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder, +aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake — +aber seinem Munde entschlüpften klügere Worte. +</p> + +<p>— Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, +das sind Ideen, nicht Schall und Rauch. Davon wird +eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme +werden hervorsprießen, neue — +</p> + +<p>Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken +Hand in die Höhe und legte die rechte dem Sprecher +auf den Mund. +</p> + +<p>— Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen +gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! Entwi— Entwicklung, +gehört das nicht auch zu den verpönten Worten +unseres staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue +Probleme? Stehen wir nicht auf dem Gipfel? Wohin +mit Entwi— Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel +<!-- page 034 --> +eines Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, +wir fügen hinzu, aber entwickeln? Nein. Wir haben +einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist nicht +Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung +— wem schauderte da nicht? Sturz in’s Bodenlose +— wem — — — +</p> + +<p>Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß +die Halswirbel knackten. +</p> + +<p>Minus hatte sich bei Bim’s emphatischer Strafpredigt +langsam umgewendet. Jetzt drehte er ihm das +Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe: +</p> + +<p>— Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein +Amt gestattet mir, mich auch einmal über meinen +Standpunkt zu stellen, um — Andere zu prüfen. Du +hast die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. +Der Mann des Geistes beglückwünscht den +Mann der Körperlichkeit. +</p> + +<p>— Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit. +</p> + +<p>Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches +Lächeln den aufsteigenden Aerger zu dämpfen. +</p> + +<p>Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten +Gelehrsamkeitsverwalter, es ist ein Stich in’s Boshafte, +fast in’s Größenwahnsinnige dabei, dem nichtsahnenden +Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man +könnte sich ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen +solche Neigungen herrschend werden. Das ist kein +glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten Volkes. +Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit +hinterlistigen Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade +ihm, dem tadellosen Bim, dem unersetzlichen Physikus, +<!-- page 035 --> +der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen +weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit +der Teutaleute mit solchem Eifer wacht! +</p> + +<p>Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten +Köpfen, wenn ein Mann von der Gelehrsamkeit +und Würde eines Minus Schabernack treibt? +Kommt damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle +Beziehungen derer, die der Wille des Volkes auf die +wichtigsten Posten gestellt? +</p> + +<p>— Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann +plötzlich der Oberlehrer wieder. Du bist ein Mann +von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir +noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich +erweise, der Weisheit meiner hohen Kollegen immer +näher komme? +</p> + +<p>— Wieso das? +</p> + +<p>— Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, +daß die Erde nichts ist als ein erstarrter winziger +Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein Sandkorn +in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, +welche Gase an der Fläche der fernsten Sterne glühen. +Macht das Dein Herz größer? Dein Leben fröhlicher? +Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die +Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel +zu lösen im Begriffe war, von denen wir heute keine +Ahnung haben. Daß man damals fast das Problem +gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und +in die Sphäre des Mondes hineinzufahren. Hat dieser +Aufschwung gehindert, daß dennoch ganz Europa in die +Brüche gegangen? Daß all’ die großen Reiche des +<!-- page 036 --> +Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste +sind? Wie viele Jahre noch? +</p> + +<p>— O, Hoheit. +</p> + +<p>— Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch? +</p> + +<p>— Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? +Wir sind beide in guter Verfassung. +</p> + +<p>— Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch +nicht im hohen Rath, Bim. Bei der nächsten Musterung, +wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die +Alten nicht mehr, stell’ Dir das vor! Es geht wie +ein Traum der Verjüngung durch die Herzen der kleinen +Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter wollen +sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt? +</p> + +<p>— Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus +ermüdet. +</p> + +<p>— Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen +zittern. Hast Du Zahnweh? +</p> + +<p>— Aber, ich bitte. +</p> + +<p>— Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du +überhaupt noch Zähne? +</p> + +<p>— Die sitzen noch ganz solide. +</p> + +<p>— Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß +zu tragen? +</p> + +<p>— Ich begreife nicht, Hoheit. +</p> + +<p>— Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren +wohl auf diesen Zierat verzichtet. +</p> + +<p>— Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument +der Gesundheit. Erinnere Dich, daß ich einst ein vielgepriesenes +Mittel erfunden, dieses Instrument zu +schärfen. +</p> +<!-- page 037 --> + +<p>— Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. +Nach Dir kam aber einer, der Speiseformen erfand, +wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt überflüssig +wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung +Ehre erwiesen, wirklich, Bim? +</p> + +<p>Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen — +es war keine vollständige Garnitur, und griff sich mit +der Hand an die Stirn. Dann warf er einen hilflosen +Blick auf den unbegreiflichen Frager. +</p> + +<p>Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise +fort: +</p> + +<p>— Wie ein Traum der Verjüngung. Meine +Späher und Zeichendeuter sind zuverlässig. Hast Du +nie einen ähnlichen Traum geträumt? +</p> + +<p>— Nie, Minus. +</p> + +<p>— Hättest Du’s doch. Vielleicht hätte Dein +Scharfsinn einen Sporn mehr erhalten. Du hättest +uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden, +Bim. Warum läßt Du uns sterben? +</p> + +<p>— Sterben wir? Hoheit, noch leben wir. +</p> + +<p>— Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. +Wir sterben — wir sterben an der Jugend der Anderen. +Grausame Todesart. Sie macht lächerlich. +</p> + +<p>— Du quälst Dich und mich, Minus. Warum +quälen wir uns mit solchen Fragen? +</p> + +<p>— Weil sie zeitgemäß sind. +</p> + +<p>— Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, +Minus, Hoheit. +</p> + +<p>— Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler. +</p> + +<p>— Du verschwendest Deinen Geist, Minus. +</p> +<!-- page 038 --> + +<p>— Verschwende ich ihn? +</p> + +<p>— O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin +— — +</p> + +<p>— Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu +Thoren geredet, wenn ich vermeinte, zu Weisen zu +sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu +leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig +ganz unter uns. Oberphysikus, Amtsgeheimniß! +</p> + +<p>Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. +Irgendwo und bei irgendwem stand’s nicht richtig. +</p> + +<p>Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen +Rathe an. +</p> + +<p>Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus +diesen Mienen war keine Erklärung für die sonderbaren +Worte zu schöpfen. +</p> + +<p>— Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen +lassen, Bim? Weißt Du? Die den Sterbenden +lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt? +Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken’s, Bim! +und lachen und weinen, die Unerbittlichen. +</p> + +<p>— Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. +Ich fasse Deine Besorgniß nicht, Minus. +</p> + +<p>— Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit +ihren Thränen verhöhnen sie den Unglücklichen. Ihre +Thränen sind Salz in offene Wunden. +</p> + +<p>— Minus, nie habe ich Jemand von unserem +Volke weinen sehen. Im edlen Lande der Teutaleute +kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In +alten Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, +Tyrannen und Knechte. Da kam’s zu blutigen +<!-- page 039 --> +Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, +noch schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die +sozialistischen Quälereien. Das besserte wenig. Die +Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem +Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! +Das ist vorbei. Das ist die Auszeichnung der Teutaleute, +ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke doch, +ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können +ruhig sterben, Minus. +</p> + +<p>— Warum thun wir’s nicht? So stirb doch, +Bim! Schaffe Platz der Jugend! Was zögerst Du? +Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir +wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen +bestellt hat. Nimm Dir einen Soundso. Die +einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in Staatsgeschäften +unser Leben zu dehnen. Aber Alles das +thust Du nicht, Du wartest ab. Du greifst nicht vor. +Du läßt’s drauf ankommen. Du willst gestorben werden. +Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart. +</p> + +<p>— Minus! +</p> + +<p>— Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. +Ich mache ein Ende. Heute noch. Ich habe Sehnsucht, +loszukommen, ohne Hohn. +</p> + +<p>Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles +Uebrige. Also darauf spielten die krausen Wendungen +und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen +Minus der Ueberdruß, der Unmuth. +</p> + +<p>— Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten +gestellt. Und da sollen wir flüchten, ohne Noth, aus +<!-- page 040 --> +trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns anvertraut +— — +</p> + +<p>— Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine +Reverenz — — +</p> + +<p>— Gut denn. So sagen wir (und kost’ es mir +den Kragen, wenn’s ein Späher hört), die Beherrschung +des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das nicht? +</p> + +<p>— Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem +Herrscher, zu einem Gott in Dir, Bim? Ich hänge +an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner Unvollkommenheit. +Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich. +</p> + +<p>— Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, +Minus. +</p> + +<p>— Aber nicht mein Wohl. Und warum können +wir das Volk beherrschen? Weil wir ihm die Flügel +gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles +Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen! +</p> + +<p>— Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, +Minus. +</p> + +<p>— Ist’s das? Bestellt sich der Mündige einen +Vormund? Duldet der Freie Obere, die sich mit „Hoheit“ +anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte Dich +und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus +der Erde heraus und liefe frei in die Sonne und allen +Winden nach, wie die Thiere des Waldes, wie die +Vögel des Himmels. +</p> + +<p>— Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: +Deine Gelehrsamkeit ist Dir zu Kopf gestiegen. Das +sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus alten +Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. +<!-- page 041 --> +Ich weiß mich frei davon, drum kann ich +ruhig reden. +</p> + +<p>Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei +im Kopfe durcheinander geht. Wiederholt setzte er sein +Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von keiner +Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt? +</p> + +<p>Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung +nahe. Solchen unerfreulichen Sachen war +er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an unentwirrbaren +Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den +Strich. Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in +einem solchen Zustande gesehen. Ein Knäuel von +Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen. +</p> + +<p>— Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der +Himmel, die Thiere. +</p> + +<p>— Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. +Teuta aber ist gesund geblieben, weil es der Sonne, +dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil es die +Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. +Diesen vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten +nachschwärmen: Poeten und Verliebte. Und +mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt, +gründlich. +</p> + +<p>— Haben wir das, alter Bim? +</p> + +<p>— Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die +Erde im Teutaland. Alles ist klar und bestimmt nach +Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten bleiben, +er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. +Das empfand ich in meiner Jugend, das bestätigt mein +<!-- page 042 --> +Alter. Eine Wissenschaft, die anders lehrt, ist falsch. +Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut. +</p> + +<p>Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen +Gedanken versunken. Nie hätte er überhaupt den klugen, +beschränkten Schwätzer so lange angehört, außer der +Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte +Komödie mit ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in +der Geduld. Aber heute! — +</p> + +<p>Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der +Fernsprecher wußte ihm so wenig zu melden, wie der +Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, es +kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit +der Wiederholung altbekannter Dinge. +</p> + +<p>Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine +Erwartung schlug. +</p> + +<p>— Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer +Weile. Ao weiß nichts. Kein Mensch weiß was. Jala, +Unglückliche! +</p> + +<p>— Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte +sie in meiner Irren-Abtheilung zur Beobachtung. Dann +entwich sie — — +</p> + +<p>— Das sagst Du mir jetzt erst? +</p> + +<p>— Fragtest Du? +</p> + +<p>— Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich +nicht weiß? Berichte! +</p> + +<p>— Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande +entsprechend. Sie entwich. Sie wird ein Ende gemacht +haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und +unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta +ist ruhig. +</p> +<!-- page 043 --> + +<p>— Ich danke. Fahr’ ab, Bim, und hüte Deine +Zunge. +</p> + +<p>— Eine Närrin weniger, das regt in unserem +Lande keinen Menschen auf. Eine Närrin weniger, ich +bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um. +</p> + +<p>— Fahr’ ab, Bim. Jala ist keine Närrin und — +mehr als Eine. Schluß. Fahr’ ab. +</p> + +<p>Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß +vor der Thür. +</p> +<!-- page 044 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5"><span class="hidden">Kapitel 5</span> +</h2> + +<p class="noindent">Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. +Niedrig, wolkenschwer lastete das Firmament auf der +naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne +Sterne. +</p> + +<p>Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang +gedämpft der schwermüthige Gesang der Wellen am +Strande. +</p> + +<p>Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern +kam es zuweilen wie hartes Grollen und Stoßen und +Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in +dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen +Schlägen bald über die Fluth hinweg in’s Land zu +fallen in wüthender Heerfahrt. +</p> + +<p>Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem +Bogen den Strand umgürteten, lag, tief eingebettet, eine +Siedlung von Schifferhütten: Eine Weltfremde in den +düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von +wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich +ab und zu von Wind und Wetter verschlagenen Insulanern +oder Flüchtlingen aus den platten Hinterländern +einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des +Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche +zogen wieder ab bei günstiger Wetterwende, Etliche, die +<!-- page 045 --> +sich anzufreunden und innigeres gegenseitiges Gefallen +zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere verschwanden +spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung +genossen. +</p> + +<p>Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer +neuen Kunde aus entlegener Welt den Geist und mit +ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam hausenden +Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit +des Daseins zwischen den Dünen. +</p> + +<p>Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten +beschränkt. Das Meer forderte beständig seine +Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine Gewalt +am schwächeren Nachwuchs. +</p> + +<p>So gab’s keine Bedrängniß an neuen Menschen, +und das Blut und die Sitten der Eingeborenen aus +alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, +die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die +in längst verschwundenen Epochen bis an’s Meer stießen, +den Ur gejagt, war das Geschlecht blondmähnig und +von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen +Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren. +</p> + +<p>Das große Wort aber führten einige schwarze +Rundköpfe in den länger werdenden Abenden der +Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters +hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem +Glanz. +</p> + +<p>Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen +Küsten heraufgekommen, die in weißen Felsen und +Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von +<!-- page 046 --> +waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und +aus der ältesten Geschichte ihrer Voreltern berichteten +sie von Kriegszügen, Revolutionen und Umstürzen, mit +solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, unglaublichen +Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller +Augen, und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, +als die Menschheit noch lärmte und tobte, und in +streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander losgingen +und noch nicht so stille und bedachtsam geworden +waren wie heute. +</p> + +<p>Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen +der Mund über von ihrem kriegerischen Nationalgott +Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium +erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges +in Europa, und in hundert Jahren werde er wieder +erscheinen und den Angelos und Amerikanos den +Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem +zweiten Erscheinen mit feurigen Schlangen gepeitscht und +das Antlitz Europas mit Blut gewaschen und Schaaren +Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß unter +ihren Fußtritten die Erde gebebt. +</p> + +<p>Das Alles war längst, längst vergangen. Aber +es hatte seine Spuren zurückgelassen, sogar im Gedächtniß +der rundköpfigen, kleingewachsenen Männer +mit der unermüdlich behenden Zunge. +</p> + +<p>Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so +außerordentliche Dinge. Aber wenn draußen der +Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend +aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich +die Erde spalten und der Wolkenhimmel in Schlünden +<!-- page 047 --> +und Abgründen schmetternd versinken, da klang das +alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich. +</p> + +<p>Nein, es konnte keine Fabel sein. +</p> + +<p>Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und +Gewitternacht heute noch, wenn die Jahreszeiten +sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die große +Helle und Stille über sie kam. +</p> + +<p>Auch die Angelos, die drüben auf der großen +Insel, weit weg vom Strande, hausten, und von denen +zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt herüberkamen, +bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei +Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten +gemahnten, etwas Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, +das namentlich den Leuten, die aus Teuta +stammten, beängstigend erschien und von ihnen als +drohende, unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, +gegen die ausreichender Schutz nicht leicht sei. Aller +Vorsicht und Ordnung zum Trotz. +</p> + +<p>— Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm +noch losbrechen, wie wir lange keinen gehabt, sprach +der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem +Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute +wieder unermüdlich in alten See- und Räubergeschichten +gekramt und vom Hundertsten in’s Tausendste fabulirt +hatte. +</p> + +<p>— Alles kehrt wieder, Willem Mom. +</p> + +<p>— Schlechtes Wetter, jawohl. +</p> + +<p>Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil +Alles in den Hütten schlief, der Auffahrt des +Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm +<!-- page 048 --> +der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und +sternenlosen Nacht nicht viel. Dicke Schwärze, zuckende +Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft. +</p> + +<p>— Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren +da draußen ungeheuere eiserne Maschinen in schwarze +Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die +tausend Menschen faßten. +</p> + +<p>— Das ist vorbei, Fix. +</p> + +<p>— Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert +Wägen, einer am andern, die faßten noch mehr, +die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, +über Brücken. +</p> + +<p>— Das kommt nicht wieder. +</p> + +<p>— Warum, Willem Mom? +</p> + +<p>— Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen +Geschmack mehr am Plumpen. +</p> + +<p>— Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, +Flinke. Jeder für sein kleines, unterseeisches Boot. +Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie auch +wieder satt. +</p> + +<p>— Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast +Du den Blitz gesehen? Der hat sich durchgehauen, +und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin. +</p> + +<p>— Jawohl. +</p> + +<p>— Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, +fingerdick, von schwerem Metall. Jetzt thut’s ein +haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie +man will. +</p> + +<p>— Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit +dem prächtigen Donner, he, Willem Mom! +</p> +<!-- page 049 --> + +<p>— Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt +der Menschen, sie leuchten nicht einmal unterwegs. +</p> + +<p>— Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie +gleich Musik dazu, hab’ ich mir sagen lassen. In +Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen. +</p> + +<p>— Ich sag’ Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch +nicht wohler in ihrer Haut, als uns, wenngleich sie +sich für das erste Volk auf Erden halten. +</p> + +<p>— Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon +Lust, einmal dahinein zu sehen, nach Teuta. +</p> + +<p>— O, die sperren sich ab, die sind sich selbst +genug, Fix. Und immer tiefer in die Erde hinein, da +ist nicht beizukommen. +</p> + +<p>— Wenn einmal die Wolken ’runterbrechen, +müssen sie alle miteinander ersaufen. So eine Nacht, +wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine +Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles +unter Wasser, Willem Mom! +</p> + +<p>— Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben +Alles ausgerechnet. Da geht Alles trocken über ihr +Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was +sie nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die +Köpfe fallen. +</p> + +<p>— Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land? +</p> + +<p>— Das haben sie sich abgewöhnt, Fix. +</p> + +<p>Fix lachte. +</p> + +<p>— Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein +Leben ohne Feuchtigkeit. Und was glaubst Du von +ihrem Essen? +</p> + +<p>— Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt. +</p> +<!-- page 050 --> + +<p>Fix lachte wieder. +</p> + +<p>— Na, hör’ mal, das ist ja geisterhaft. Da können +sie ja auch nackt gehen, denn zu sehen ist da wohl +nichts. +</p> + +<p>— Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum +verkriechen sie sich tief in die Erde, wo’s hübsch warm ist. +</p> + +<p>Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht. +</p> + +<p>— Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. +Ist da keine Möglichkeit? +</p> + +<p>— Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, +nur davon zu träumen. Wär’ auch hineinzukommen, +heraus kämen wir gewiß nicht mehr. +</p> + +<p>— Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns +herübergekommen, hört’ ich. +</p> + +<p>— Das schon, wenn auch ungeheuer selten. +</p> + +<p>— Nun also, Willem Mom. +</p> + +<p>— Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind +aus der Art geschlagen. Oder sie haben etwas Verrücktes +angestellt. +</p> + +<p>— Noch Verrückteres, als es schon die Anderen +treiben? Kanntest Du so Einen? +</p> + +<p>— Jawohl. +</p> + +<p>— Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem +Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich denke, wir haben von +der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst +Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer +dicker. Was ist da zu sehen? Es rührt sich nichts. +</p> + +<p>In der That, die Welt war wie mit Finsterniß +verhängt. Auch das Blitzen und Donnern hatte nachgelassen. +Das Getöse des Meeres klang gedämpfter. +</p> +<!-- page 051 --> + +<p>Plötzlich war’s, als gingen die Falten der Nebelgardine +auseinander, als würden sie emporgezogen von +oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in einem +Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher +Schönheit tauchte der Mond mit voller +Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, gerade im +Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich +in dunkles Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten +auf der bauschigen Fluth. +</p> + +<p>Die beiden Männer standen wie gebannt von so +viel Schönheit. +</p> + +<p>— Da spricht man von einem Zauberland, begann +Fix leise, ergriffen. Was sagst Du dazu, Willem Mom? +</p> + +<p>Der aber deutete auf den Strand hinab, in die +Lichtung hinein, und steckte den Kopf vor, um schärfer +zu sehen. +</p> + +<p>— Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am +Wasser hin. Siehst Du? +</p> + +<p>— Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich +doch, wo? +</p> + +<p>— Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein +wenig gebückt. +</p> + +<p>— Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von +den Unsrigen noch am Strande sein? +</p> + +<p>— Niemand von den Unsrigen. Das ist was +Fremdes, sicher, was ganz Fremdes. +</p> + +<p>— Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist’s weg, rechts +hinein. Am Ende doch nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. +Wollen wir nachsehen, Willem Mom? +Meinst Du? +</p> +<!-- page 052 --> + +<p>— Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond +wieder verschwindet. +</p> + +<p>Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte +im feuchten Sande abwärts gethan, als in der That +leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe +vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im +Nu war das Spiel des Lichtes wieder in nächtiger +Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand grenzte +noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen +Wasser ab. +</p> + +<p>— Mehr nach rechts, Willem Mom. +</p> + +<p>— Dort liegt’s, noch fünfzig Schritte. Hast Du +eine Ahnung, was das sein könnte? +</p> + +<p>— Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen. +</p> + +<p>Und sie stapften in großen Schritten weiter, die +Beine hochziehend im nachgiebigen Sande. +</p> + +<p>— Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom. +</p> + +<p>Nun standen sie davor. +</p> + +<p>— Heda! rief Fix. +</p> + +<p>Willem Mom beugte sich schweigend nieder. +</p> + +<p>— Greif nicht zu, lass’ mich erst reden, rief Fix +wieder, auf die andere Seite tretend. — Heda, rühr’ +Dich! +</p> + +<p>Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende +erfaßt und bemühte sich, ihn vorsichtig aufzurichten. +Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem Gesicht, die +Stirn auf den gekreuzten Armen. +</p> + +<p>— Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom. +</p> + +<p>— Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß +wir ihn umwenden. +</p> +<!-- page 053 --> + +<p>— Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. +Es rührt sich nicht. Wär’s nur nicht so +stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in +einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. +Nicht das Richtige, was wir von oben gesehen. Glaubst +Du? +</p> + +<p>— Lass’ mich nur machen. Faß unten, ziehe die +Beine, richte die Füße, Fix. +</p> + +<p>Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt +nun den Oberleib in seinen Armen, mit den Ohren +nach der Brust und dem Herzen suchend. +</p> + +<p>— — Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass’ den Arm +und fühle nach dem Puls! +</p> + +<p>Inzwischen streifte er mit der Hand über den +Hals zog die Kapuze zurück und seine Finger verfingen +sich in einer Fülle von Haaren. +</p> + +<p>— Ich finde keinen Puls, Willem Mom. +</p> + +<p>— Das ist eine haarige Geschichte. Was machen +wir nur gleich, Fix? +</p> + +<p>— Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du +wirst recht haben, die Glieder sind schlank und zart. +Ich will’s noch einmal mit einer Anrede versuchen. +</p> + +<p>— Schweig’, Fix. Sie ist jung und schön, das +sieht man im Finstern. Wir müssen sie lebendig machen. +Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die Handflächen +kräftig. Ich will’s an der Brust und im Rücken +versuchen. +</p> + +<p>Und schweigend machten sich die Männer, an’s Werk. +</p> + +<p>Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte +sich, die Wogen schwankten sanfter an den Strand +<!-- page 054 --> +und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie elegische +Musik. +</p> + +<p>Willem Mom zog seine warme Jacke aus und +umwand damit den Oberleib des Weibes. Dann eilte +er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien +und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu +pressen. +</p> + +<p>Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die +Hände und die Arme. +</p> + +<p>— Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie +rührt sich. Ihre Finger zucken. +</p> + +<p>— Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich +nehme sie auf meine Schulter, Fix. +</p> + +<p>— Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. +Ich habe auch Stärkungsmittel. Heda, Weib, +komm’ zu Dir und zu mir! +</p> + +<p>— Sei kein Narr, Fix. Lass’ los, ich bin Manns +genug. +</p> + +<p>— Willem Mom, ich sag’ Dir, sei nicht gewaltthätig. +Heda, Weib, schlag die Augen auf! Siehst Du mich? +</p> + +<p>Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte +Willem Mom mit einer raschen kraftvollen Bewegung +das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte +davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute. +</p> + +<p>Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit +seinen kürzeren Beinen mühsam hinter dem hochgewachsenen, +weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt, +ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend. +</p> + +<p>Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit +offenem Munde, mit stechenden Blicken die Finsterniß +<!-- page 055 --> +durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden, +von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt +in die Siedlung und zu seiner Hütte zu gewinnen +war. Mit starken Armen hielt er die schlanke +Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner +rechten Wange, wärmer und wärmer, und plötzlich war +ihm als höbe sich ihr herabhängender Arm und suche +sich um seinen Hals zu legen. +</p> + +<p>— Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte +Dich fest, ich bin stark. +</p> + +<p>Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine +Senkung und stürzte mit seiner Last zu Boden. +</p> + +<p>Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu +liegen, das er im Schreck noch gewaltsamer an sich preßte. +</p> + +<p>Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich +der Brust des Weibes der erste Laut, der wie ‚Grege‘ +klang. +</p> + +<p>— Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte +Stimme. +</p> + +<p>— Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom +und bemühte sich mit äußerster Anstrengung, im weichenden +Sande sich aufzurichten. +</p> + +<p>— Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun +eingeholt hatte. Ganz Leidenschaft, schwang er drohend +den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, das +Weib auf sein Knie ziehend. +</p> + +<p>— Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst +Du? rief er fröhlich. Und der Schweiß perlte ihm von +den Schläfen und tropfte auf die weiche weibliche Hand, +die auf seiner Schulter ruhte. +</p> +<!-- page 056 --> + +<p>Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der +andern Hand, drückte sie in der seinigen und riß gierig +die Augen auf, um die Formen des weiblichen Gesichts +zu erspähen. +</p> + +<p>— Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr +mehr. Wer bist Du? Ich schütze Dich! +</p> + +<p>— Schweig’, Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du +erschreckst sie mit Deiner Heftigkeit. +</p> + +<p>Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken. +</p> + +<p>Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die +Männer überein, gemeinsam die Fremde zu tragen. +Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war +ansteigend und schwierig, und so war’s das Vernünftigste, +sich in die Last zu theilen. +</p> + +<p>Dann ging’s vorwärts, der Siedlung zu. Keiner +sprach unterwegs mehr ein Wort. +</p> + +<p>An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten +sie Halt. Es war die Willem Mom’s, dessen alter Vater, +an Schlaflosigkeit leidend, sich ein kleines Feuer angeschürt +hatte, um Thee zu kochen. +</p> + +<p>— Hier Vater, mach Platz’ auf dem Lager, wir +bringen menschliches Strandgut. Ein Weib. +</p> + +<p>— Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein +anderes Weib zur ersten Hilfe. +</p> + +<p>Aber da waren nicht viele Umstände zu machen. +</p> + +<p>— Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es +bedarf nicht des Umkleidens. Warmes Lager und einen +warmen Schluck. +</p> + +<p>Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand. +</p> +<!-- page 057 --> + +<p>Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die +Fremde belebte sich auf dem wohligen Lager, im Dämmerlicht +der stillen Hütte. +</p> + +<p>— Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage. +</p> + +<p>— Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der +Vater Mom. +</p> + +<p>— Ist Grege da? +</p> + +<p>Die Männer sahen sich an. +</p> + +<p>— Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend. +</p> + +<p>Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, +den Leib langausgestreckt, die Hände über der Brust +gefaltet. +</p> + +<p>Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in +ihm selbst war eine seltsame Unruhe. Nach geraumer +Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß +sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, +und entzündete den Glanz der reichen blonden Haare. +Die Männer standen betroffen vor so edler Schönheit. +</p> + +<p>Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten +des sich sonnig hellenden Morgens und schlüpften durch +die angelehnte Thür. +</p> + +<p>— Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, +wahrhaftig, es lächelt. +</p> + +<p>— Oeffne die Augen, sieh’ uns an, bat Willem +Mom. +</p> + +<p>Endlich bewegten sich ihre Lippen: — Dank Euch. +Ich habe nicht Augen zum Sehen. +</p> + +<p>— Sie redet irr, flüsterte Fix. +</p> + +<p>Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie +den Hauch seines Athems spürte, wehrte sie mit schwacher +<!-- page 058 --> +Handbewegung ab. Zwischen Daumen und Zeigefinger +erschien ein blaßrother Stern. +</p> + +<p>Fix entging er nicht. +</p> + +<p>— Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer +Hand? wollte er fragen. Aber schon hatte sie ihre +Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit eigener +Beobachtung beschäftigt. +</p> + +<p>— Warum willst Du uns nicht sehen? fragte +Willem Mom in zärtlichem Tone. Wie heißt Du? +</p> + +<p>— Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll +aus ihrem Munde. +</p> + +<p>— Die?? +</p> + +<p>— Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert. +</p> + +<p>— Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich +auf. +</p> + +<p>Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: +— Nicht möglich? Es giebt kein Unglück, das nicht +möglich wäre. +</p> + +<p>Dann, gegen das Lager gewendet: +</p> + +<p>— Ist’s wirklich so? Bist Du blind? +</p> + +<p>Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei +große blicklose Augen enthüllten sich wie wolkenverschleierte, +unergründliche Sterne. +</p> + +<p>Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund +zuckte ein stolzer Schmerzenszug. +</p> + +<p>— Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände +gefaltet. +</p> + +<p>Sie nickte und seufzte: +</p> + +<p>— Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch +nicht hier? Der wird Euch Alles sagen. +</p> +<!-- page 059 --> + +<p>— Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten +die Männer durcheinander. +</p> + +<p>Der Frühwind sprang über’s Meer und jagte die +Thür auf. +</p> + +<p>Flammend grüßte jetzt die Sonne in’s Gemach. +</p> + +<p>Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und +Augen wie in tiefem Sinnen geschlossen, ein schmerzliches +Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren +Rettern. +</p> + +<p>— Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. +Das geht über Männerwitz. +</p> +<!-- page 060 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6"><span class="hidden">Kapitel 6</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Luft klar wie Krystall. +</p> + +<p>Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen +Wölkchen zur Rechten und Linken, die einzeln sich bewegten, +wie von gegensätzlichen Kräften getragen. +</p> + +<p>Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben. +</p> + +<p>Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte. +</p> + +<p>So ging’s die Nacht hindurch, so den zweiten Tag. +</p> + +<p>Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch +milde Temperaturen, selten gekreuzt von einer kalten +Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war +kaum mehr zu schätzen. +</p> + +<p>Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften +unbemannten und dunklen Riesenfahrzeug waren alle +Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu und +alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen +zu geben. +</p> + +<p>Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem +ungeheuren Anprall im wilden Wirbel des Fallwindes +überhaupt nicht vollständig scheiterte. +</p> + +<p>Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner +konnte es wissen. Der steuerlose Flug spottete jeder +Berechnung. +</p> +<!-- page 061 --> + +<p>Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue +Färbung des Himmels und die krystallene Klarheit +der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols +näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel. +</p> + +<p>Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt +hatte, war fremdes weißes Land in ungeheuren Flächen +zu erkennen. +</p> + +<p>— Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des +Pols ein wenig anspießen zum Verschnaufen, spottete +der Jüngere. +</p> + +<p>— Und einem Eisbären das Fell über die Ohren +ziehen, damit es uns den Buckel wärme. Uebrigens +ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in dieser +Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode +wieder ändern und sich Urwälder hinter den Ohren +wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den Scheitel +stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem +gelehrten Teuta? +</p> + +<p>— Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, +in dieser programmwidrigen Weise die Welt umkreisen, +darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das erfrischt +und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst +Du nie dazu gekommen, aus solcher Höhe den Wundern +der Schöpfung in die Töpfe zu gucken. +</p> + +<p>Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser +Leute bewundern. Besonders der Aeltere, der mit dem +Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. Außer +seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die +Richtung und den Wechsel des Windes ablesen konnte, +hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst seine Lippen +<!-- page 062 --> +schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach +nicht am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie +erlebt. Der baroke Humor in dieser Situation absoluter +Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine Offenbarung. +Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien +wurde, nahm er seinen Entführern schon gar nicht +mehr übel in der gemeinsamen Noth. +</p> + +<p>Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem +irrenden Luftschiff in den ersten vom ausziehenden +Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein Wort +an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in +seiner knirschenden Betäubung vollständig. +</p> + +<p>Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine +Fesseln, und ihr erstes Wort an ihn war Spott. Aber +es klang ihm nicht bös, eher humoristisch. +</p> + +<p>— So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du +kannst Dich nach Herzenslust bewegen und hingehen, +wo es Dir beliebt. +</p> + +<p>In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt +durch den nächtigen Weltraum war ihm so beispiellos +unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen bestimmten +Gedanken denken konnte. +</p> + +<p>Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des +Fahrzeugs im Trichter des Fallwindes hatten auch +seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten +vergessen und hantirten ernst und schweigend in der +Gondel herum. Als sie sich vergewissert hatten, daß +vorerst nichts zu unternehmen war, als dem Schicksal +seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche +Worte an ihn. +</p> +<!-- page 063 --> + +<p>— Nimm’s uns nicht übel, wir hatten’s besser +mit Dir vorgehabt. Wir werden Dich für die ausgestandene +Angst schadlos halten, sobald wir geborgen +sind. Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere +Meinung von uns gewinnen. Willst Du frei sein, +Flüchtling? +</p> + +<p>Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab. +</p> + +<p>Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. +Er vermied auch, ihnen in die Augen zu sehen. Er +fürchtete das kalt Beherrschende, das starr Bannende +ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete +und lähmte. Alle Schrecken seiner ersten +Ueberwältigung und Fesselung vermeinte er wieder zu +fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, +wo ihr Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und +gemeinsam der Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen +gegenüber, fand er sich in’s Unvermeidliche und fühlte +sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod Verbündeter. +</p> + +<p>Nur wenn er an Jala dachte, war’s mit seiner +Fassung vorbei. +</p> + +<p>— Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du +wüßtest! Das war ein übler Anfang. O über die +verwünschte Wunde! +</p> + +<p>Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher +Nähe, hergezogen durch die schmerzlich überquellende +Sehnsucht seiner Seele. +</p> + +<p>Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung +in unmeßbarer Ferne wieder verschweben und sich selbst +und seine Genossen wie außerhalb aller Welt, losgelöst +<!-- page 064 --> +von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe +folgte auf die bittere Erregung. +</p> + +<p>— Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe +des Pols bewegen? fragte er seine Peiniger. +</p> + +<p>— Die unendlichen Schneelagen da unten und +die schimmernden Gletscher schließen den Zweifel aus. +</p> + +<p>Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten +über die schneeige Erde und lockten aus dem Weiß ein +wunderbares Spiel zarter Farben. +</p> + +<p>Grege machte große Augen. Er strengte seine +Sinne an. +</p> + +<p>Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät +war das Schauspiel, das die Erde aus dieser fabelhaften +Höhe bot! +</p> + +<p>Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen +der Landschaft ewigen Schnees. Diese schwarzen Arabesken +im Farbenspiel waren doch Wasser? Er mochte +nicht fragen. +</p> + +<p>Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge +flammten auf wie ein Feuerwerk. Eine lange rosige +Dämmerung legte sich darüber. +</p> + +<p>Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles +unter ihren dunklen Mantel. In der Höhe aber +brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem +Glanz. +</p> + +<p>Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle +goldene Mond, getragen von einem zuckenden Schimmer, +der aus der Erde heraufzubrechen schien. +</p> + +<p>Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig +einfachen Schönheit in dieser weltentrückten Höhe, +<!-- page 065 --> +wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht und +Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in +den Zuständen dieser beiden Medien und ihrer einzigen +Idealität. +</p> + +<p>Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was +sie bei diesem Tiefblick in das All und ihre eigene unwillkürlich +erschauernde Seele empfanden, keiner ein +Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es +war das äußerste Raffinement des Reizes, den die +Natur auf menschliche Wesen auszuüben vermochte, in +diesen fremden Regionen. +</p> + +<p>— Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, +um sich aus dem Zauber zu lösen, und über die Stupidität +geht nichts. +</p> + +<p>— Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere. +</p> + +<p>— Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte +Grege mit dunkeler Stimme, die Augen aufschlagend, +wie im Traum. +</p> + +<p>— Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen +immer frei. So oft wir sie auch wiederholen, klüger +werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. Lass’ +ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch’ Dir +den Mund. Wir thun das Gleiche. +</p> + +<p>Grege versank in Schweigen, das auf’s Neue zu +einem schlummerähnlichen Zustand überleitete. Die Einförmigkeit +der Bewegung war so unerschütterlich, daß +er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, und +doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse +nahmen ihren Gang. Aber er war so unbetheiligt +an Allem — — so <a id="corr-2"></a>verwandelt — — — +</p> +<!-- page 066 --> + +<p>Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in +purpurner Nacht einen Stern blinken, geliebte erblindete +Augen, feucht schimmernd von Thränen, von der Sehnsucht +geweint und der Verzweiflung. +</p> + +<p>Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten. +</p> + +<p>Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus +der Tasche und strich damit seinen Bart. +</p> + +<p>— Originell ist er immerhin, dieser Typus. +</p> + +<p>— Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist +er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen +Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu +stehen kommen. +</p> + +<p>— Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut +heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt. +</p> + +<p>— Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als +Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief, +da unten ist’s Meer. In seinen Schlünden zwischen +Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther +Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt +kalter Wind, der da unten streicht. +</p> + +<p>Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. +In seinen Augen blitzte es seltsam. +</p> + +<p>— Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch +länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen +Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen +fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht +auf Tod und Leben. +</p> + +<p>— Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit +<!-- page 067 --> +einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn! +Fort damit! Bist Du nicht entschlossen? +</p> + +<p>— Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht +warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die +Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft +und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht +sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der +Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht +von der richtigen Stärke. +</p> + +<p>— Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des +vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein +einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste +Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden +Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit +nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch +nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir +auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, +können wir uns ein anderes Exemplar einfangen. +</p> + +<p>Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume +ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem +Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine +Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, +an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei +nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses — +ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem +Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze +lumpige Welt in Trümmer gehen — — +</p> + +<p>Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, +kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit +dem Knie hoch. +</p> +<!-- page 068 --> + +<p>Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der +Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen +nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte +Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über +den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch +haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er +in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines +Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die +Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals +bricht, sonst nichts. Ganz zufällig. +</p> + +<p>— Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere +mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der +Gurgel fahrend mit eiserner Faust. +</p> + +<p>Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe +Sterne vor, den Augen, blutigrothe. +</p> + +<p>— Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter. +</p> + +<p>Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem +fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie +in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder. +</p> + +<p>Wie rother Qualm brach’s durch die Luft, und +eine frische Strömung hob das Fahrzeug. +</p> + +<p>— Jala, das dank’ ich Dir! Jala, Lebendige! — +</p> +<!-- page 069 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-7"><span class="hidden">Kapitel 7</span> +</h2> + +<p class="noindent">Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug +weiter. +</p> + +<p>Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges +Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die +die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz. +</p> + +<p>Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als +ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde +mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine +neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so +frei und gehoben. +</p> + +<p>Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er +muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt, +den Andern zusammengehauen, das war ein +Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann +zu Mann. +</p> + +<p>Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren +Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe +auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und +wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen. +</p> + +<p>Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um +die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken +umgarnt! +</p> +<!-- page 070 --> + +<p>Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell +seinen Gleichmuth wieder. +</p> + +<p>An den empfangenen Streichen hatte er einen +Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners +gefunden. +</p> + +<p>Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann +nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten +Gegner hatte. +</p> + +<p>Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war’s +vorbei. +</p> + +<p>Grege verhehlte sich’s nicht, daß die neue Seite +des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und +Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der +Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu +unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit +in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine +Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine +Bereicherung seiner Männlichkeit. +</p> + +<p>Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem +Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen +auf den Leib zu rücken. +</p> + +<p>— Möchtest Du’s noch einmal mit mir versuchen? +Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie +gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß +von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir +zu Dir? +</p> + +<p>Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr +Grege beherzt fort: +</p> + +<p>— Sag’ jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor +mir rechtfertigen? +</p> +<!-- page 071 --> + +<p>— Die <a id="corr-3"></a>Antwort eilt mir nicht, entgegnete der +Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn +Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich. +</p> + +<p>Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, +davon reichte er ihm eine. +</p> + +<p>— Da, nimm und wohl bekomm’s! Wir müssen +den Rest eintheilen. +</p> + +<p>— Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und +Trank kommen. +</p> + +<p>— Warum hoffst Du das? +</p> + +<p>— Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir +haben guten Kurs, endlich! +</p> + +<p>In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen +Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie +in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere +Fahrzeuge hielten. +</p> + +<p>— Sobald Anruf möglich, können wir uns +Anknüpfung suchen. Geht’s gut, werden wir uns +schleppen lassen. +</p> + +<p>— Und dann? +</p> + +<p>— Dann kehren wir heim. +</p> + +<p>— Wie verstehst Du das? +</p> + +<p>— Wir haben bewohntes Land unter uns. Das +Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist +unser Ziel. +</p> + +<p>Grege stutzte. Also in’s Land der Feinde, unentrinnbar, +in die Gefangenschaft. +</p> + +<p>— Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? +fragte er und faßte den Mann kühn in’s Auge. +</p> +<!-- page 072 --> + +<p>— Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort +mit gespielter Harmlosigkeit. +</p> + +<p>— Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit +Deinem letzten Gedanken! +</p> + +<p>— Du wirst unser Gast sein. +</p> + +<p>— Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich +in ihm auf. +</p> + +<p>— Und wenn mir das nicht behagt? +</p> + +<p>— Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit +offenen Armen empfangen. +</p> + +<p>— Wenn ich aber nicht empfangen sein will? +</p> + +<p>— Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als +ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das +zu wenig? +</p> + +<p>Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden +Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu +durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn +noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er +fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine +Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung +der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. +Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden. +</p> + +<p>Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am +Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh’n, als +Niemandes Knecht. +</p> + +<p>— Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung +zu begleichen ist. +</p> + +<p>— Was für eine Rechnung? +</p> + +<p>— Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn +<!-- page 073 --> +kehr’ ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz +zu bieten. Die Rechnung ist einfach. +</p> + +<p>— Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht +an, der Schuldige bist Du! +</p> + +<p>— Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht. +</p> + +<p>Heiß stieg’s in Grege auf. War das nicht empörend, +so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren +und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, +weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr +gehandelt? +</p> + +<p>Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und +Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That +konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die +That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht +bringen. +</p> + +<p>Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er +nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz, +das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe +Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt +an! +</p> + +<p>Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und +die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus +Teuta klar. +</p> + +<p>Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute +empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in +die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund +mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß +und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler +Drang in ihm gewesen. Jetzt galt’s die Probe auf +die Berechtigung seiner Selbstbestimmung. +</p> +<!-- page 074 --> + +<p>Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte +sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind. +</p> + +<p>Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum +lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit +zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls +wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten +sein. +</p> + +<p>Grege’s Augen leuchten. Er strich sich die Haare +aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die +pochende Brust. +</p> + +<p>Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er +auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken +zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt. +Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. +Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm +zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden. +</p> + +<p>Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, +der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag +verletzt. +</p> + +<p>Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. +Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, +vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten +eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten +vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm +konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über +den Haufen blasen. +</p> + +<p>Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der +Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig +Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. +Sogar für die Weisesten im hohen Rath. +</p> +<!-- page 075 --> + +<p>— Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst +Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden, +in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo +mit boshaftem Lächeln. +</p> + +<p>— Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete +Grege kurz. +</p> + +<p>— Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde +sind keine Schranken gesetzt, junger Mann. +Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den +Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus +ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich +meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute +Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen +Namen. +</p> + +<p>— Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine +Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig. +</p> + +<p>— Tobe Dich aus, bevor’s zu Ende geht mit +unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen +kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir +nichts, ich bitte Dich. +</p> + +<p>Grege’s Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte +Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende +Eingebung, Jala! +</p> + +<p>Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf +wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich +dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang, +deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase +gekitzelt? +</p> + +<p>Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten +<!-- page 076 --> +Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken +konzentrirte sich ihm Alles. +</p> + +<p>Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der +Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute +und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ. +Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber +er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu +fassen — jedenfalls würde er auch hier Mittel finden, +seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen. +</p> + +<p>Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war’s +ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke, +daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug +heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene +Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft +für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte +ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang +gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der +überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst +noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel +im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie +und Hypnose. Auch der Sportverein für +Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche +Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten +Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut — +Kalkulation und kein Ende. +</p> + +<p>Da — alle Wetter! +</p> + +<p>Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, +baumelt am Anker. +</p> + +<p>Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. +Eilig sinkt mit ihm die Erde. +</p> +<!-- page 077 --> + +<p>Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend +schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei, +dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen, +wär’ sicherer Todessprung. +</p> + +<p>— Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als +Angelo überlistet und betrogen! +</p> +<!-- page 078 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-8"><span class="hidden">Kapitel 8</span> +</h2> + +<p class="noindent">Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren +Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich +durch’s Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt +auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser +Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. +Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen! +</p> + +<p>Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu +bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen +sind gefährlicher Unsinn. +</p> + +<p>Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim’s +Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei +Seite. +</p> + +<p>— Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird +man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium, +Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal +diese Galgenziffer neben einander. Wo er das +nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung — +nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was +meinst Du, Minus? +</p> + +<p>— Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte +auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und +Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich +kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen. +</p> +<!-- page 079 --> + +<p>Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte: +</p> + +<p>— Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster! +</p> + +<p>— Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen +Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie +hervorgebracht. +</p> + +<p>— Sag’ Unglückseligeres. Könnten wir einen +Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles +vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch +dieses vertuschen? Denk’ nach, Minus! +</p> + +<p>— Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. +Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso +nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten +diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt +kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in’s Antlitz +sehen kann. +</p> + +<p>Ao machte ein bekümmertes Gesicht. +</p> + +<p>— Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? +Sag’, Minus, ginge das nicht? Es kommt +doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. +Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv. +</p> + +<p>— Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. +Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du +Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch +entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder +der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er +überragt. Mag’s zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit +stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag’ +ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen +Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es +nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden? +</p> +<!-- page 080 --> + +<p>— Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine +öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen, +aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen +und Augenweide für Alle. +</p> + +<p>— Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen. +</p> + +<p>— Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch +wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine +Komödie haben, das ist Alles. +</p> + +<p>— Und eben die spielte ihm Grege mit seinen +ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor. +Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell +war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen +Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen +Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr +Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick +in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit +zum Gaudium der Massen. Das war sein großer +Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache +persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die +schaulustige Menge amüsirte er königlich. +</p> + +<p>Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden +Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme: +</p> + +<p>— Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, +wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant +wird immer das Herz des Volkes für sich haben. +</p> + +<p>— Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie +im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum +hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück +gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt. +</p> +<!-- page 081 --> + +<p>Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten +gestellt. +</p> + +<p>— Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. +Weiß denn Bim nicht Rath? +</p> + +<p>— Geh’ mir mit Bim! +</p> + +<p>— Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen +und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen? +</p> + +<p>— Das ist ja lauter dummes Zeug, was er +macht. Du hast’s vorhin selbst gesagt. Linie D 3, +Sonnenspektrum, Wellenlinie — läßt sich daraus ein +Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala? +</p> + +<p>— Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht +<a id="corr-4"></a>hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. +Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden +sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. +Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig +an wie das hypothetische Helium. +</p> + +<p>— Du thust Dich leicht, Ao. +</p> + +<p>Der Oberpriester blies die Backen auf und machte +die Augen rund wie Glaskugeln: +</p> + +<p>— Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches +Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib! +</p> + +<p>— Soll ich’s an Bims Helium hängen? Das Herz +ist eben auch da. +</p> + +<p>Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen +die fetten Schultern. +</p> + +<p>— Für das Gemeinsame, Minus, nur für das +Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten +erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, +fügt sich’s nicht in’s Gesetz! +</p> +<!-- page 082 --> + +<p>— Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du! +</p> + +<p>— So lange ich das erste Wort im Lande habe, +weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen. +Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr. +Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für +leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche +Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste +Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. +Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich +solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles +die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal +steigt mir ein Wirrsal um’s andere auf den Nacken. +Ach, ach . . . . +</p> + +<p>— Gut, ich werde ein Ende machen. +</p> + +<p>— Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein +Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach’ ein +Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach’ ein Ende. +</p> + +<p>— Noch vor dem Zarathustra-Fest. +</p> + +<p>— Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. +So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir’s +danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom +Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden +uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht +weiter jammern. Mach’ ein Ende. Mach’ Frieden mit +Deinem Herzen. +</p> + +<p>— Gewiß, das will ich. +</p> + +<p>— Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst +Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen +Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe +und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und +<!-- page 083 --> +nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du +verstehst mich. +</p> + +<p>— Ja, ich verstehe Dich, guter Ao. +</p> + +<p>— Und nun verlaß’ mich. Morgen wirst Du +dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde. +Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt +die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch? +</p> + +<p>— Mich auch. Leb’ wohl, Ao, leb’ wohl. +</p> + +<p>Minus kämpfte schwer. +</p> + +<p>Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, +seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich +nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich +keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, +Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte +sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert. +</p> + +<p>Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein +und vor der Welt den sanften Meister der geistigen +Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf +Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während +er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt +und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich +und seine Mitwelt? +</p> + +<p>Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses +ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes +verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten +der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. +Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen +und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten, +die Aberwitzigsten die Belobtesten. +</p> + +<p>Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener +<!-- page 084 --> +Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle +des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen +sich von selbst verstopft? +</p> + +<p>Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in +einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist +erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im +Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. +Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was +die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. +Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe +befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, +Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. +Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das +Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen +Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst +mehr ernst nehmen kann. +</p> + +<p>— Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es +zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe +Rath, hat Wind . . . +</p> + +<p>Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe. +</p> + +<p>Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. +Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn +gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur +oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im +neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der +Männerhauptstadt. +</p> + +<p>Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische +Inschriften trugen — wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung, +Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle, +Schwelle des Unbewußten — trennte die Männerhauptstadt +<!-- page 085 --> +vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn +das war der Triumph der moralischen Entwickelung in +Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, +Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als +Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur +Vernichtung der persönlichen Wahltriebe. +</p> + +<p>Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der +Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es +gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten. +</p> + +<p>Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus +auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem +Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich +herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im +Schein des verminderten Lichts. +</p> + +<p>— Wer da? rief Minus und öffnete seinen +Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann +vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen. +</p> + +<p>Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und +erwiderte lächelnd: +</p> + +<p>— Soundso grüßt Minus, Hoheit. +</p> + +<p>— Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen? +</p> + +<p>— Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im +Späherdienst. +</p> + +<p>— Kehr’ ein bei mir, auf eine Minute. Du bist +mir ein willkommener Zeuge. +</p> + +<p>— Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. +Kaspe erwartet mich, bei Titschi. +</p> + +<p>— In diplomatischer Sendung versäumst Du auch +bei mit Deine Zeit nicht. Du kannst dann übrigens +den Hoheiten Schönes von mir melden. +</p> +<!-- page 086 --> + +<p>Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare +Schirmwände in mehrere kleine Räume geteilt, +empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen Knopf +am Boden, sofort ward milde Dämmerung. +</p> + +<p>— Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet +sein. +</p> + +<p>Minus ging bis zur nächsten Abtheilung. +</p> + +<p>Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch. +</p> + +<p>— Darf ich Mitwisser sein, Soundso? +</p> + +<p>— Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete +Soundso, den Flüsterton etwas erhöhend. +</p> + +<p>— Bist Du durch das Thor des siebenfachen +Schweigens gegangen? +</p> + +<p>Soundso blieb stumm. +</p> + +<p>— Und durch das Thor der sieben Seligkeiten? +</p> + +<p>Soundso seufzte wollüstig. +</p> + +<p>— Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum +süßen Salböl, wo die apokalyptischen Leuchter stehen? +</p> + +<p>Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe +den Kopf durchs Gitter gesteckt, das Thor war verschlossen +und Blut auf der Schwelle. +</p> + +<p>— Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche +Jugend . . . . Und hat das Mondlicht Dich wonnig +umflossen? +</p> + +<p>Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. +Wenn der Esel Minus wüßte . . . +</p> + +<p>— Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist +Dir’s gefällig? +</p> + +<p>Soundso räusperte sich. — Kann ich leise sprechen, +hörst Du? +</p> +<!-- page 087 --> + +<p>— Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine +Auskundschaftung? +</p> + +<p>— Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der +schön gemessenen Bewegung . . . +</p> + +<p>— Wenn Du den Namen verschweigst, denk’ ich +an Jala. Einverstanden? +</p> + +<p>Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, +bis an die Stirn. +</p> + +<p>— Hat man Spuren? Nähere Umstände? +</p> + +<p>— Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung. +</p> + +<p>— Die Richtung des untergehenden Gestirns. +Ist’s so? +</p> + +<p>— Du sprichst im Bilde, Minus. +</p> + +<p>— Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter +Stimme. +</p> + +<p>Soundso schwieg. +</p> + +<p>— Hat man Hoffnung auf Wiederkehr? +</p> + +<p>— Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben. +</p> + +<p>— Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene +verdächtig? Möchtet ihr seiner los sein? +</p> + +<p>Soundso schwieg. +</p> + +<p>Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus +athmen zu hören. +</p> + +<p>Die Pause verlängerte sich. +</p> + +<p>Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum +vernehmbares Geräusch wie von sich entfernenden +schleichenden Schritten. +</p> + +<p>Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. +Soundso hörte nur noch seinen eigenen Athem. +</p> + +<p>Schwül beklemmender Duft dickte die Luft. +</p> +<!-- page 088 --> + +<p>— Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. +Entlasse mich mit gütigem Gruß, bitte. +</p> + +<p>Eine Weile tödtliche Stille. +</p> + +<p>— Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem +Hintergrunde. +</p> + +<p>Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter +Geruch und unerfreulicher Ausgang, dachte er. +</p> + +<p>— Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut +und machte wenige Schritte gegen den Hintergrund. +</p> + +<p>— War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er +stehen bleibend. Kann ich mich zurückziehen? +</p> + +<p>Es ward ihm keine Antwort. +</p> + +<p>Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf +am Boden. +</p> + +<p>Plötzlich stand er im Dunkeln. +</p> + +<p>— Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten +zu sein, ich werde meine Maßregeln ergreifen, daß mir +Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht seine +eigenen Wege schließlich. +</p> + +<p>Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er +glaubte genug zu wissen. Und er versprach sich Nutzen +von diesem Wissen. +</p> +<!-- page 089 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-9"><span class="hidden">Kapitel 9</span> +</h2> + +<p class="noindent">Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. +Ganz so erquickt wie sonst fühlte er sich nicht. +</p> + +<p>Er rieb sich die Augen und die brummenden +Unterschenkel. Er schien nicht ganz bequem gelegen zu +haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, +die im Schlafe stets ein wenig geiferten. +</p> + +<p>Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. +Man ist wie im Paradiese. Nun heißt es wieder an +die rauhe Wirklichkeit denken und die Sorgen des +Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern. +</p> + +<p>Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er +sann. Da drohte ihn noch einmal der Schlummer zu +überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. +Ach, das viele Denken. +</p> + +<p>Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So +ein oberstes Wächteramt, das lastet schwer, selbst auf +den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten vor +Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß +Alles stets seinen rechten Weg gehe, daß die Maschine +nicht nothleide — das strengt an, kein Wunder. Und +als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten +Mischung der Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz +aufwenden, wenn Alles klappen sollte. Und +<!-- page 090 --> +das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles +schön klappte. +</p> + +<p>Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte +Alles. Dies Verdienst konnte ihm Niemand schmälern. +O, er verstand zu führen, zu richten und zu +schlichten. +</p> + +<p>Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war +ihm sicher. Eine glänzende Ehrentafel. Keinem seiner +Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der +nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta +findet man keinen Besseren. Da können sie in alle +Winkel leuchten. +</p> + +<p>Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen +neuen Gähnanfall muthig nieder. +</p> + +<p>Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, +in rhythmisirter Kadenz. Eine ganze Arie. +</p> + +<p>Ao wälzte sich in Positur. +</p> + +<p>Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne +sie sich zu übersetzen. Sein Gehirn arbeitete noch ganz +wunderbar mechanisch. +</p> + +<p>— Titschi will mir seinen Soundso zu einer +Meldung schicken. Ach so. Die Geschichte mit Minus, +Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst +die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute +vom Festbund. Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige +Kraft. +</p> + +<p>Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster +an den kleinen Mitteltisch mit dem Tastwerk. +</p> + +<p>— Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er +mir vom Halse bleiben. +</p> +<!-- page 091 --> + +<p>Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken +Finger würdevoll auf den Tasten spielen. +</p> + +<p>— So, jetzt kann’s losgehen. Minus interessirt +mich jetzt nicht, er soll mit sich selbst fertig werden. +Grege und Jala, was sie nur forttrieb? Besser finden +sie’s doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, +da ist kein Halten mehr. +</p> + +<p>Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den +Hör- und Sprechapparat. +</p> + +<p>— Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist +Sturmläuten. Was? Minus ist mit sich fertig geworden? +Um so besser. Hab’s ihm eindringlich genug +gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen +persönlich Bericht erstatten. Ich lasse Minus grüßen. +</p> + +<p>Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung +ein wenig zu erholen. +</p> + +<p>Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, +das war ein schmeichelhafter Erfolg für die +Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft an, +Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze +ein Herzensopfer! +</p> + +<p>Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger +auf eine zierliche Flasche. Sofort antwortete ein +duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das +flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm +über Stirn und Nase. +</p> + +<p>— Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht +mehr, die Aeltesten erwarten mich im Berathungssaal. +Wie? Falsch verstanden, ich? Minus — was? Feierlicher +Abgang, eigenhändig? Das wär’ gegen alle Verabredung. +<!-- page 092 --> +Soundso bezeugt’s? Dabeigewesen? Das +lass’ ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine Wahrscheinlichkeit +für sich. Minus wird den Soundso als +Augenzeugen zu sich einladen, um diesem vorwitzigen +Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, Titschi, +das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis +morgen. Der Irrthum wird sich aufklären. Ich hab’ +jetzt wirklich an Anderes zu denken, wie gesagt, Die +Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles +durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. +Also bis morgen. Schluß. +</p> + +<p>Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. +Gut, nun würde er morgen Gelegenheit haben, diesen +aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen zu +lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion. +</p> + +<p>Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester +seinen weitläufigen Leib in die Polster des +Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, schloß die Augen +und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal +befördern. +</p> + +<p>Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten +sich inzwischen die Zeit mit der gelehrten Untersuchung +einer Frage vertrieben, die jüngst ein spitzfindiger +Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu +Stande käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf +allen Vieren kriechen müßten, wie lange bliebe dies +ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich +der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht +des Gehorsams wäre stark genug, eine Gewohnheit zu +schaffen, daß die herrlichen Teutaleute schließlich nur +<!-- page 093 --> +mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen +Vieren zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz +in dem Bewußtsein jedes richtigen Teutamenschen, eine +gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von keinem +anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen +könnte das Kriechen vor dem Gehen überdies +ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und die positiven +Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man +schon im deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen +melden, sogenannte Spring-Prozessionen gehabt, das +heißt religiöse Aufzüge, die nicht feierlich geschritten, +sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren +zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter +und anregender. +</p> + +<p>Plötzlich war Ao hereingehuscht. +</p> + +<p>Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann: +</p> + +<p>— Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. +Wir sind zur Stelle. +</p> + +<p>— Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme +Plätze, der Anlaß unserer Begegnung zwingt uns wohl +zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut? +</p> + +<p>— Wie das ganz Teuta’s. Das Volk ist glücklich. +Es sieht unserem schönsten Feste mit gehobenem Gemüthe +entgegen. +</p> + +<p>— Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in +glatter Ordnung, und die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste +erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum +ließ ich Euch hierher bitten. +</p> + +<p>Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher +<!-- page 094 --> +tauschte mit ihnen einen orientirenden Blick, dann nahm +er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort: +</p> + +<p>— Von unserer Seite wurde nichts versäumt, +dem Feste den gewohnten Glanz zu bewahren. Wir +haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die +eine pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht +ungeeignet sein dürfte. +</p> + +<p>— Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht +mir nicht von Neuerungen, noch von Pikanterien. Nur +das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen +liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur +nichts, was unsere gewohnte Ruhe erschüttern könnte, +ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise des +Ueberlieferten nicht in unserem Staate. +</p> + +<p>Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze +seines vorgestreckten, leise wippenden Fußes. +</p> + +<p>Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit +Ueberraschung an dem leise wippenden Fuße. Nun +sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen +Punkt. +</p> + +<p>— Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich +seither eine Rundung zu sehen die liebe Gewohnheit +hatte. Seit wann trägt man denn die Fußbekleidung +gespitzt? +</p> + +<p>Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. +Richtig, der Sprecher trug Filzschuhe wie alle Welt in +Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom allgemein +üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr +in einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, +mit Ausnahme des Sprechers, nickten dem Oberpriester +<!-- page 095 --> +beifällig zu, seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe +ihre Bewunderung auszudrücken. +</p> + +<p>— O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit +werth, kam es entschuldigend von den Lippen des +Sprechers. Es ist nichts, als ein Versuch, mir mit +dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen +sind seit einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, +und die Jahre haben das Licht meiner Augen +geschwächt. +</p> + +<p>— Es handelt sich also um keine absichtliche +Neuerung im Schuhschnitt, mein Freund? Um keine +eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr Alle +wißt, verpönt ist? +</p> + +<p>— Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in +meinen alten Tagen solche Extravaganzen erlauben, die +dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! Nein, +nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft +hab’ ich mir diese Abweichung gestattet. +</p> + +<p>Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt +mit. +</p> + +<p>— Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, +sobald Deine Zehen gekräftigt sind? fragte Ao +liebreich. +</p> + +<p>— Gewiß, das werde ich. +</p> + +<p>— Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt +uns, nach diesem glücklich erledigten Zwischenfall, unserer +Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden. +</p> + +<p>Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück. +</p> + +<p>— Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen +zum Zarathustra-Feste, die Eurer Obhut vom Volke +<!-- page 096 --> +unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, mit +einiger Sorge. +</p> + +<p>Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der +Ton des Oberpriesters schien wirklich überraschende +Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen. +Auch war’s, als suche er mühsam nach dem Worte. +</p> + +<p>— Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen +zu zerstreuen, oder, sollte uns dies nicht gelingen, sie +Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher die +Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den +Eindruck, als ob er das rechte Wort immer noch nicht +gefunden habe. +</p> + +<p>— Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, +meine Freunde, Euch die Sache so vorzutragen, daß Ihr +sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild von der +Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend +aufgeklärtes Ereigniß versetzt hat. +</p> + +<p>— Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes +Ereigniß? In unserem still geordneten, glücklichen +Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander. +</p> + +<p>Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin. +</p> + +<p>In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der +Klingel. +</p> + +<p>Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und +lauschte lange mit gesenktem Kopfe. +</p> + +<p>Endlich seufzte er auf: +</p> + +<p>— Zwei Ereignisse. +</p> + +<p>— Zwei sogar? Das ist viel auf einmal. +</p> + +<p>— Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um +Eure Diskretion. Es stehen hohe Dinge auf dem Spiel. +<!-- page 097 --> +Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt +sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen. +</p> + +<p>Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich +näher, Allen voran der Sprecher, so daß sie von hinten +um den Oberpriester gruppirt mit diesem zugleich in +den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten. +</p> + +<p>— Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen. +</p> + +<p>Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke +Fläche sich allmählich mit den Zügen eines +Menschengesichtes zu beleben begann, bis das Bild mit +fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte. +</p> + +<p>— Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein +Todtenantlitz, fürwahr, täuschen mich meine schwachen +Augen nicht. +</p> + +<p>— Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine +Freunde? Kennt Ihr ihn? +</p> + +<p>— Minus? fragte Einer verzagt. Ist’s nicht +Minus? +</p> + +<p>Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: — +Minus! +</p> + +<p>— O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. +Trauer im Volke läßt kein Freudenfest zu! entfuhr’s +dem Sprecher in der ersten Erregung. +</p> + +<p>— Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut +murmelnd, und warf dem Sprecher einen dankbaren +Blick zu. +</p> + +<p>Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die +Aeltesten noch gebannt. +</p> + +<p>— Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine +mit kläglicher Stimme. Man sieht’s ihm gar nicht an. +</p> +<!-- page 098 --> + +<p>— Ja, man sieht’s ihm gar nicht an, wiederholte +der Zweite. +</p> + +<p>— Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein. +</p> + +<p>— In der That, es ist so, der Vierte. +</p> + +<p>— Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint +Ihr? Was ist in der That und wahrhaftig so, daß +man’s ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom +hohen Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint +Ihr? Sprecher, sprich Du, was meint man? Ist +Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt +Ihr eine besondere Ursache seines plötzlichen Todes? +Sprecht Euch umständlich aus, ich bitte Euch. Er +rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht +mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich +wie Wachs, und einst in der sprudelnden Lebhaftigkeit +seiner Einfälle so beweglich. +</p> + +<p>— Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete +der Sprecher auf. +</p> + +<p>— Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher +Betonung im Chore ein. Beweglich! +</p> + +<p>Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand. +</p> + +<p>— Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde. +</p> + +<p>— Er galt doch als der Beweglichste im hohen +Rath? fragte der Erste, seine Mitältesten der Reihe +nach anblickend. +</p> + +<p>— Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus +galt als der Beweglichste, bestätigte der Sprecher mit +Kennermiene. +</p> +<!-- page 099 --> + +<p>— Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte +der Chorus zur Bekräftigung. +</p> + +<p>— Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? +fragte der Oberpriester, seine Stimme erhöhend, daß +sie scharf und spitz klang. +</p> + +<p>— Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an +und für sich wohl nichts Kritisches, begann der Sprecher +und ließ durchmerken, daß in dieser plötzlich sich aufbauenden +Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren +Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom +hohen Rath. +</p> + +<p>— Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden +aus, Beweglichkeit ist an und für sich nichts +Kritisches. +</p> + +<p>— So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein +kritischer festgestellt ist, auf den sich die Beweglichkeit +bezieht, erklärte der Sprecher mit einer Deutlichkeit, +die von seinen Mitältesten als äußerste <a id="corr-5"></a>in diesem Augenblick +erlaubte <a id="corr-6"></a>Grenze des Aussprechbaren empfunden +wurde. +</p> + +<p>— Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf +der Tagesordnung, lenkte der Zweitälteste ein. +</p> + +<p>— Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung +festzustellen. Wir sind kein Todtengericht. Wir sind +die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der Sprecher +wie zur Selbstbelehrung. +</p> + +<p>Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell +die eigenthümliche Stimmung, die ihm befremdend +aus den versteckten und doch so hartnäckigen Wechselreden +der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu +<!-- page 100 --> +machen versucht hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende +des Ereignisses geeignet sein mußte, die Leute +zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu +drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher +der Wurzel dieses sonderbaren Verhaltens wohl näher +zu kommen. +</p> + +<p>— Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige +Leute bekannt, ich begreife, daß Euch das plötzliche +Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters +unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus +nicht, den geehrten Meister und Hüter des Wortes +und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter +und Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? +Wer liebte ihn nicht? Und jetzt ist er todt. Nicht wahr, +meine Freunde, wer liebte ihn nicht? +</p> + +<p>— Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? +Er war so beweglich, der gelehrte Minus. +</p> + +<p>Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort. +</p> + +<p>— Beweglich? Im Angesichte des Todes frag’ +ich Euch, wollt Ihr mit der Sprache herausrücken +oder nicht? +</p> + +<p>Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender +Stimme und gab seinem Gesicht einen ungewöhnlichen +Ausdruck erhabener Würde. +</p> + +<p>Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig +zu imponiren, doch konnten sie sich des Gefühls nicht +erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete Augenblick +und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten +Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. +Es mußte also ein Abschluß gefunden werden. +</p> +<!-- page 101 --> + +<p>— Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! +fuhr der Oberpriester fort. +</p> + +<p>— Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem +Amte erworben. Neben seinem Amte pflegte er jedoch +Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig beurtheilt +wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame +Gerüchte über seine dortigen Besuche zu uns +gedrungen. Beweglich war er in seinen Neigungen, +schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach +Wunsch glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im +Volke. Anderes wollten auch meine Mitältesten nicht +andeuten. +</p> + +<p>— Habt Ihr Beweise? +</p> + +<p>Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten +gewahrend, nahm sich kein Blatt vor den +Mund. +</p> + +<p>— Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was +man als Beweise gelten lassen will. Zum Beispiel +geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine +Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für +seine Privatzwecke versteckt. Jedenfalls ist die Person +seitdem nicht mehr zum Vorschein gekommen. Du selbst, +Hoheit, kennst die Person. +</p> + +<p>— Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung +paßt. +</p> + +<p>— Dann kennst Du Jala nicht? +</p> + +<p>— Jala? Was geht Euch Jala an? +</p> + +<p>— Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so +wenig an, wie jedem Unbetheiligten an der Geschichte. +Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden ist. Und +<!-- page 102 --> +Volkes Stimme sagt: Minus’ Hand hat sie verschwinden +gemacht. Sein Zauber hat sie beseitigt. +</p> + +<p>— Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus +habe Grege beseitigt. Denn auch Grege ist verschwunden. +</p> + +<p>— Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die +Hauptperson unseres Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche +Uebermensch? +</p> + +<p>— Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden. +</p> + +<p>Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel +durch die Gruppe der Aeltesten, dann aber trat +der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf: +</p> + +<p>— Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus +beseitigt. Minus hat ihn gemeuchelt. +</p> + +<p>Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen +Ruf: Das ist Minus’ Werk! Keiner ist +listiger, als er. +</p> + +<p>Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, +vergnügten Aeltesten vom Festbund? Das sind Empörer, +Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all’ +seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den +Leuten Ueberlegenheit zu zeigen und sich die Zügel +nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja einfach unheimlich, +dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, +dieses Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn +das hinaus? Was war in der Welt von Teuta vorgegangen? +</p> + +<p>Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, +seinen stillen, tiefen Farben, seiner ruhigen, milden +<!-- page 103 --> +Luft hatte selten so viel Aufregung zu schlucken gehabt, +wie heute. +</p> + +<p>Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte +der Tapeten und Teppiche schien dem Oberpriester der +Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu klingen. +Schlechte Musik fürwahr. +</p> + +<p>— Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? +Seid Ihr im Stande, ein Wort aus weisem Munde +zu vernehmen? +</p> + +<p>Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, +Hoheit? Man ruft uns hierher und tischt uns die +unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest +steht vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten +programmgemäßen Verlauf zu verantworten, wie alljährlich. +Minus ist aus dem Lande der Lebendigen +geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen +wir da Feste feiern? Wie wollen wir uns vor dem +Volke verantworten? +</p> + +<p>— Begreift Ihr denn nicht? Darum hab’ ich +Euch ja berufen lassen, daß wir uns über den planmäßigen +Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen +Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte +Freude haben. Mehr denn je brauchen +wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus +letzter Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. +Ihr verkennt ihn, liebe Freunde, Ihr mißdeutet seine +Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben gegangen +— +</p> + +<p>— Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer +vom hohen Rath? +</p> +<!-- page 104 --> + +<p>— Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben +gegangen, damit der störenden Reden ein Ende werde. +Er hat sein Leben seinem geliebten Volke zum Opfer +gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen. +</p> + +<p>Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann +begann er kopfschüttelnd: +</p> + +<p>— Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das +schönste Fest zur Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur +den Zwang zur Trauer im Gefolge, er hat auch das +Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo +sollen wir die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, +daß sie überhaupt noch am Leben sind? Oder sollen +wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen? +</p> + +<p>Ao athmete auf. +</p> + +<p>— Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. +Du hast den Kern der Sache getroffen. Nun +können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung. +Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den +Tod des edlen Minus geheim halten? Außer Titschi +und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. +Und das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: +Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn Grege ist verschwunden, +ohne das nachweisliche Verschulden des +Minus. +</p> + +<p>Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde +abgebrochen durch erneutes lebhaftes Ertönen der +Klingel. +</p> + +<p>Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit +Ao dringend zu sprechen. Die Späher hätten wichtige +Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter Verdacht, +<!-- page 105 --> +daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. +Soundso sei zur kritischen Stunde beobachtet worden, +wie er unter erschwerenden Umständen das Gemach des +Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen +begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest +zu stören und das Volk gegen den hohen Rath aufzuwiegeln. +</p> + +<p>— Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir +der Kopf? jammerte der Oberpriester. +</p> + +<p>— Da ist eine Schraube im Weltmechanismus +los, rief ein Aeltester. +</p> + +<p>— Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, +fiel entrüstet der Sprecher ein. Der Glanz +Teutas trübt sich. +</p> + +<p>Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt. +</p> + +<p>— O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester +entgegen. Beim heiligen Mysterium, wer bringt +Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht mehr, +wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen +es auch nicht. Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest +Du nicht vorbauen? +</p> + +<p>— Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner +Wenigkeit. Ich thue, was meines Amtes ist. Die +Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher Berechnung. +Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso +aufzujagen und zu fangen. +</p> + +<p>— Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester +bestürzt. +</p> + +<p>Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. +<!-- page 106 --> +Jedenfalls halte er sich versteckt. Titschi selbst habe +ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht mehr gesehen +und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine +Spur verliere sich in der Frauenhauptstadt, wohin er +sich in Verkleidung begeben habe. Das sei die letzte +sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen erhalten. +</p> + +<p>Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die +Köpfe zusammen. +</p> + +<p>Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei +unter allen Umständen für seinen Gehilfen haftbar, +meinte der Oberpriester. Sofort müsse er eingeladen +werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ +seine Hand auf dem Tastwerke spielen. +</p> + +<p>Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? +fragte der Sprecher im Namen der Aeltesten. Ob +man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder herbescheiden +wolle? +</p> + +<p>Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten +Hörröhrchen. +</p> + +<p>— Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes +zu einem Beschlusse kommen, meine Freunde, verweilt +noch. +</p> + +<p>— Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht +viel zu beschließen, dünkt mich, Hoheit Operpriester. +Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und verschieben +das Fest. Von Staatswegen, Punktum. +</p> + +<p>— Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte +der Sprecher bescheiden. Und meine Mitältesten theilen +ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht tragen. +<!-- page 107 --> +Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung +und Trauer. +</p> + +<p>— Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem +Lächeln. Soll’s das Volk besser haben, als wir +vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle +finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. +Suggerirt ihm das Zweckentsprechende, und es wird sich +zufrieden geben. Es empfindet weiß oder schwarz, je +nachdem es ihm vorgestellt wird. +</p> + +<p>Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, +er habe alle Hände voll zu thun. Die Beschlüsse +des Oberpriesters mache er unbesehen zu den +seinigen. +</p> + +<p>— Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der +Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, ich solle beschließen! +Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn beschließen? +</p> + +<p>Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen +dummen Ausdruck an. +</p> + +<p>Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, +wie stets bei feierlichen Anlässen. +</p> + +<p>— Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung +großen Stils für den herrlichen Minus! Zwar sei sein +Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er soll den +Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß +stürzen. +</p> + +<p>Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich +die Freiheit. +</p> + +<p>— Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, +findest Du? Gerade das ist ihr Werth. Das +Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der Ueberraschung +<!-- page 108 --> +sein Behagen finden und uns Zeit lassen, +Alles auf’s Beste zu ordnen. Ich bitte Euch, Ihr +Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, unterstützt +uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. +Sucht auch aus der Trauer Genuß und Kurzweil für +das gute Volk zu schlagen. +</p> + +<p>— Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom +Leibe! Dieses nimmersatte Ungeheuer! ächzte der Oberpriester. +</p> + +<p>Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich +zu. +</p> + +<p>— Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit? +</p> + +<p>— Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung +schafft und Ruhe stiftet. +</p> + +<p>Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder +in einem Schimmer intelligenter Zuversicht. +</p> + +<p>— Lasse das meine Sorge sein, Ao. +</p> + +<p>— Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch +Euch, Ihr Aeltesten, treue Freunde. Beliebt es Euch, +daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird +Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte +um Deine Begleitung. Laß’ uns Titschi aufsuchen. +</p> + +<p>— Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, +ist’s möglich, daß wir ihm nicht unwillkommen sind. +Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, obwohl +ich mich gern selbst ein wenig auf die faule +Haut legte. +</p> + +<p>Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters +die Angst des Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe +so im Handumwenden diesen gleichgiltigen Ton anschlagen? +<!-- page 109 --> +Stand denn nicht Alles auf dem Spiele? +Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und +nun that Kaspe, als handle sich’s um irgend eine Verabredung +zum Frühstück. +</p> + +<p>Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im +Bett. Er habe seinen faulen Tag, sagte er aufgeräumt. +Und das Lustigste von Allem sei, daß man den Leichnam +des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten +aus Teuta! +</p> +<!-- page 110 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-10"><span class="hidden">Kapitel 10</span> +</h2> + +<p class="noindent">Das war nun allerdings das stärkste Stück, das +der hohe Rath jemals dem Teutavolke geboten. +</p> + +<p>Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben +werden auf unbestimmte Zeit, um der großen Trauerkundgebung +willen zu Ehren des Minus, und die +Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der +Leichnam der verstorbenen Hoheit aus dem Staube +gemacht. Fabelhaft! +</p> + +<p>Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des +Minus festzustellen. +</p> + +<p>Der die erste Nachricht vom Tode des hohen +Oberlehrers dem obersten Diplomaten überbrachte, war +allerdings eine vertrauenerweckende amtliche Person, +Soundso. +</p> + +<p>Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über +die näheren Umstände des überraschenden Todesfalls +vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und +als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung +verwerthen wollte, war von ihr nirgends eine +Spur zu entdecken. +</p> + +<p>Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im +Fernseh-Spiegel des hohen Rathes auf Täuschung beruht +haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer +Betrügerei? +</p> +<!-- page 111 --> + +<p>Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten +sich natürlicher Weise nur im engsten Kreise von drei +oder vier Personen des hohen Rathes und der Aeltesten ab. +</p> + +<p>Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, +oder wenigstens nicht mehr, als man für gut fand, ihm +direkt oder indirekt mittheilen zu lassen. +</p> + +<p>Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi +lag im Bett und redete sich auf die Folgen der Ueberanstrengung +ohne nähere Begründung hinaus, und +Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen +nicht zur Stelle gebracht zu werden. +</p> + +<p>Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige +Zarathustra-Feier erwies sich als unmöglich, da nicht +der geringste passende Leichnam aufzutreiben war. Die +Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier +ohne Leichnam konnte nicht einmal mehr von +dem Oberpriester Ao ernsthaft in Erwägung gezogen +werden. +</p> + +<p>Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf’s +Aeußerste an und ließ alle Minen seines ausgezeichneten +Späherdienstes springen. Vergeblich. +</p> + +<p>— Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er. +</p> + +<p>Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in’s Bett +und konnte mit nichts als mit virtuosen Redensarten +und Trugschlüssen dienen. +</p> + +<p>So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester +zurück. In seinem Gehirn preßte sich die ganze Thatsachenreihe +zu einer einzigen Halluzination zusammen. +Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und +seine Glatze dampfte, bald fror ihn, daß er sein +<!-- page 112 --> +Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, die vor Frost zu +bersten droht. +</p> + +<p>— Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin +verrückt. Ich werde tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. +Ach, ich ärmster Ao! +</p> + +<p>Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß +es ihm große Freude mache, von seinem hohen Kollegen +so aufopfernd getröstet zu werden. +</p> + +<p>Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für +Uebelthäter, denen man beim besten Willen nichts mehr +recht machen könne. Nicht einmal zum Einfangen seien +sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh’ sei umsonst. Diese +unnahbar edlen Spitzbuben! +</p> + +<p>Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt +jetzt Grimassen wie ein Verrückter. +</p> + +<p>— Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! +rief er mit schiefgezogenem Munde dem Oberrichter zu. +Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene Brust. +</p> + +<p>— Wer denn? Wo denn? +</p> + +<p>— Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die +Lebendigen und die Todten, Alle durcheinander, die +Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie in +mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr +Schlupfwinkel, ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, +Oberrichter! +</p> + +<p>Und er wand und krümmte sich wie eine getretene +Schnecke. +</p> + +<p>— Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! +rief Titschi und streckte seinen Diplomatenkopf aus der +Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz Teuta dieses +<!-- page 113 --> +Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte +als Ersatz für das Zarathustra-Fest. Du bist ein +großer Künstler, Ao! Herrlich, herrlich! +</p> + +<p>— Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, +stöhnte Ao mit geiferndem Munde und brach in den +Polstern zusammen. +</p> + +<p>— Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, +flüsterte Kaspe. Soll ich vielleicht den Bim herbeirufen? +</p> + +<p>— Verschon’ mich mit diesem Querkopf. Aos +Anfall, nein, es lohnt nicht der Mühe. Der Gute +krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er +einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung +der obersten Geschäfte? +</p> + +<p>Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte +Mienen. Mit gedämpfter Stimme meinte er, +ein wenig zurückhaltend: +</p> + +<p>— Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist +mir werthvoll. +</p> + +<p>Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. +Er wollte schweigen. Die Sache war noch nicht +reif. Der ehrgeizige Kaspe! +</p> + +<p>Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen +nicht versagen, dem Streber nach dem Vorsitz im hohen +Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen: +</p> + +<p>— Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund +bin, werde ich mich für Dich in’s Zeug stürzen. Auch +meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. +Aos Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm’s +nie verzeihen, daß es unter seinem Regiment so wenig +Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung — lächerlich: +<!-- page 114 --> +Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! +Und nun geht unter Aos genialer Führung sogar die +Zarathustra-Feier, das glänzendste Narrenfest der Welt, +in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast +Du gut eingefädelt! +</p> + +<p>Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu +gnädigem Danke. Es hatte ihn jedesmal, so oft Titschi +herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, das +Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen +schlucken. +</p> + +<p>Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen +war erbarmungswürdig. +</p> + +<p>— Bim — ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe +Vertrauen zu Bim. Er kann mir helfen. Ich bin ja +so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts? +</p> + +<p>— Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen +zu Bim hast! Mit Vergnügen! Ich bin für Deine +Anregungen immer empfänglich. +</p> + +<p>Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem +Bette — die Bewegung sah drollig aus, aber Niemand +schien Sinn dafür zu haben — und mit der großen +Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch +die übrigen Zehen begannen zu spielen. +</p> + +<p>— Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast +Du sonst noch Wünsche? +</p> + +<p>— Hunger hab’ ich, guter Titschi, Hunger. +</p> + +<p>— Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch +Durst? Die Lebensgeister sammeln sich. Du brauchst +nur zu befehlen, Oberpriester. +</p> +<!-- page 115 --> + +<p>— Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer +elend. Ihr habt mich verrückt und elend gemacht. +</p> + +<p>Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem +Tastwerk. Bald öffnete sich die Wand und ein +Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und +Fläschchen. +</p> + +<p>— Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher! +</p> + +<p>Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und +Flüssiges und führte es zum Munde. +</p> + +<p>— Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab’ +ich lange geschlafen, Freunde? +</p> + +<p>Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, +während sein Mund kaute. +</p> + +<p>— Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe. +</p> + +<p>— Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem +schlimmen Anfall oder mitten hinein. +</p> + +<p>— Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi. +</p> + +<p>— Wie man’s nimmt. Ich hatte etwas Blühendes +und Duftiges in der Hand. Dann verwandelte +sich’s in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich +glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi. +</p> + +<p>— Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. +Ist meine Luft nicht köstlich? Bezeuge Du’s, Oberrichter +Kaspe. +</p> + +<p>— Ja, die Luft Titschis ist gut. +</p> + +<p>Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir +werden ja Bim’s Urtheil hören. Was habt Ihr beschlossen, +Freunde? +</p> + +<p>— Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem +<!-- page 116 --> +allweisen Willen gehen soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem +Gesicht. +</p> + +<p>— Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen +Willen? +</p> + +<p>— Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich +erscheinen. +</p> + +<p>Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, +mit dienstbereiter Miene. Sein Auge strahlte, seine +Stirn leuchtete, als käme er direkt aus der Sonnenhöhe +der Weisheit niedergefahren. +</p> + +<p>Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender +und Volksregenten von Teuta so schleunig in +ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten wissenschaftlichen +Entdeckung zu hören. Und nun war er da, +gewappnet mit seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit +seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, der treffliche +Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht +durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten +Leute müssen’s doch ahnen — +</p> + +<p>Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle +ahnten. +</p> + +<p>Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes +Gesicht. +</p> + +<p>— Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, +begann Bim. +</p> + +<p>— Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich +in’s Wort. +</p> + +<p>— Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er +wird mir nimmer entwischen. +</p> +<!-- page 117 --> + +<p>Aller Augen rundeten und befeuerten sich und +drangen auf den gewaltigen Bim ein. +</p> + +<p>Er hat ihn gefunden! Unglaublich! +</p> + +<p>— Leicht war’s ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit +Selbstgefühl fort. Leicht war’s ja wahrhaftig nicht. +Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war erstaunlich +groß. Aber nun halt’ ich ihn. Er entschlüpft mir +nicht mehr. Er ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, +ein Wesen, welches die ganze, weite Schöpfung +in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung +ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst. +</p> + +<p>— Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher +Oberphysikus? unterbrach Titschi den Strom der Rede. +</p> + +<p>— Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es +bedarf nicht vieler Worte. Die Wahrheit ist groß, aber +einfach. Nachdem ich ihn — — +</p> + +<p>— Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! +Denn es sind leider Viele flüchtig. +</p> + +<p>— Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe +ist so werthvoll. +</p> + +<p>— Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, +Alles hängt am richtigen Wort, wie Minus sagt. +</p> + +<p>— Minus! Ihn hast Du? +</p> + +<p>Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr +zügeln. Seine Erwartung war auf’s Aeußerste gespannt. +Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch that +ihm weh vor Ungeduld. +</p> + +<p>— Nachdem ich das Atom — — +</p> + +<p>— Das Atom! Hört, hört! +</p> + +<p>— Das Atom! +</p> +<!-- page 118 --> + +<p>— Das Atom? +</p> + +<p>Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich’s im +Voraus denken können. Aber immer auf’s Neue fiel +man bei dem gediegenen Oberphysikus und Welträthsellöser +Bim darauf herein. Ein solcher Blender! +</p> + +<p>Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: — Hoheiten, +das Atom ist der Anfang aller Dinge, lassen +wir’s dem guten Bim, damit er auch an das Ende der +Dinge gelange, die uns heute beschäftigen. +</p> + +<p>Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus +dem Konzept bringen. Nicht um eine Welt. Und wenn +sie bersten sollten. +</p> + +<p>— Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff +des Raumes, des Weltraumes. Und das ist +meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom +als das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, +durch seine Verkettung zu Molekülen Körperbildende +erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was ist +Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck +der Selbstbewegung des Raumes, nicht Geschöpf, sondern +Funktion des Raumes. +</p> + +<p>Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den +Kopf, Titschi kroch unter die Bettdecke. +</p> + +<p>— So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des +Weltraums und seiner Bedeutung gefunden. Nehmt +ihn hin, meinen Fund. +</p> + +<p>— Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, +auf den Finderlohn, musterhafter Gelehrter. Etwas +Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber gewesen. +Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. +<!-- page 119 --> +Sieh hier unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier +unsern unersetzlichen hohen Ao, er ist krank, und ich +selbst — — +</p> + +<p>Ao lächelte schwermüthig: — Was mich betrifft, +ich fühle mich nicht mehr krank. Bim besitzt eine seltene +Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt seine Hülfe +zu haben. Was nützen neue Begriffe! +</p> + +<p>Titschi kroch aus dem Bette: — Weißt Du, was +inzwischen in Teuta und seinem hohen Rathe vorgegangen +ist, während Du bei den Atomen im Weltraum +weiltest? +</p> + +<p>— Nun? +</p> + +<p>— Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib +zu definiren? +</p> + +<p>— Minus? Er ist eingetreten in’s große Mysterium? +Ist er das? +</p> + +<p>— Woher weißt Du das, Bim? +</p> + +<p>— Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er +das thun werde. Also hat er sein Versprechen erfüllt. +</p> + +<p>— Ja, das hat er. +</p> + +<p>Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein +Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, das auf eine +Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage: +</p> + +<p>— Welcherlei Art war das Versprechen, Bim? +</p> + +<p>— Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen +und ein Ende zu machen. +</p> + +<p>— Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? +fragte Titschi. +</p> + +<p>— Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst +nichts. +</p> +<!-- page 120 --> + +<p>— Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen +unterbrechend. +</p> + +<p>— Nein, hoher Oberpriester. +</p> + +<p>— Und alles Drum und Dran des Vorgangs? +warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre ein. +</p> + +<p>— Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das +Material für meine Forschungen zu sammeln suchen. +Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. Minus +ist mir stets ein interessanter Fall gewesen. +</p> + +<p>Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, +kreuzte die Arme und legte sich in die Polster zurück. +Es war doch eine Lust zu leben, so lange das Dasein +an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus +nun selbst noch ihm in die Schlinge gegangen war, +erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was kümmerten +ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch +an die Reihe kommen, diese widerborstigen Herrschaften. +Er nahm sich fest vor, sie Alle zu überleben. Ihm +mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre wissenschaftliche +Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. +Der Stärkere war er, so wenig sie’s auch merken +mochten. Das hatte ihm wieder diese Unterredung bestätigt. +Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm +gestreckt, der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund +verschlagener Weisheit? +</p> + +<p>Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz +mehr von den Andern nehmend und ihren rathlosen +Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken. +</p> + +<p>— Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao. +</p> + +<p>— Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk +<!-- page 121 --> +führen wir auch über die festlose Zeit hinweg, prahlte +der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit einem +schiefen Blick nach Titschi. +</p> + +<p>— Natürlich führen wir’s drüber hinweg. Worüber +führten wir’s nicht hinweg? Laßt mich nur erst +wieder aus dem Bette sein! +</p> + +<p>Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. +Was half ihm Bim? +</p> + +<p>Es herrschte tiefe Stille. +</p> + +<p>— Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male +Bim aus seinen Gedanken auf. +</p> + +<p>Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der +Wand hervor, auf seinem Fahrstuhl liegend. +</p> + +<p>— Lebendig und todtbeglückt grüß’ ich Euch. +</p> + +<p>Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd. +</p> + +<p>— Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll. +</p> + +<p>— Das überleb’ ich nicht, röchelte Ao. +</p> + +<p>Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das +unvermuthete Bild ein starkes Stück. +</p> +<!-- page 122 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-11"><span class="hidden">Kapitel 11</span> +</h2> + +<p class="noindent">Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, +war Grege, als er zu Bewußtsein kam, die +Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der +Luftgondel fand. +</p> + +<p>Aber er war auf fester Erde und ganz allein, +und diese Thatsache dünkte ihm vorerst köstlich genug, +ein wahres Himmelsgeschenk. +</p> + +<p>Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, +empfand er nach wieder erlangtem Bewußtsein +und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine Wiedergeburt +zu neuem Leben. +</p> + +<p>Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich +nichts außer dem Fußgelenke. Erst wie er sich erheben +und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß nicht +Alles unbeschädigt geblieben. +</p> + +<p>Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der +Fußsohle schien wieder aufgebrochen und blutete ein +wenig. +</p> + +<p>Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut +gewahrte, stand ihm wie eine Vision der blaßrothe +Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus +dem blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung +die ganze Gestalt des geliebten fernen Weibes. +</p> +<!-- page 123 --> + +<p>Jala! Die Seelen grüßten sich. +</p> + +<p>An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. +So ließ er sich wieder auf den gastlichen fremden +Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und Mooswuchs +wie ein weiches Polster überdeckte. +</p> + +<p>Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und +sandigen, Gras und Moos von solcher Dichtigkeit und +Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte +der Körper. +</p> + +<p>Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles +war geheimnißvoll, still, fremd, beschwichtigend. +</p> + +<p>Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. +Keinerlei Furcht. Dafür eine herrlich erhebende Empfindung +durch Seele und Leib von Hoffnung und +Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege +in dieser Alles durchdringenden Empfindung wie in +einer neuen, wunderkräftigen Luft. +</p> + +<p>— Jala, wo weilest Du? Wo ich? +</p> + +<p>Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, +und starrte in den Himmel. +</p> + +<p>Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten +Glitzerschein entdeckte er schwebende Punkte, aber in +solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein konnte, +den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper +auch nur zu ahnen. Grege lächelte. +</p> + +<p>Freiheit! Hoffnung! Jala! +</p> + +<p>Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen +Körper so fest und weich trug, wie in Liebesarmen, +konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören. +</p> + +<p>Freiheit! Hoffnung! Jala! +</p> +<!-- page 124 --> + +<p>Wie süße Musik sang in seiner Seele und in +seinen Nerven die Hoffnung. +</p> + +<p>Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. +Wie aus den Schatten der Nacht die glänzenden Sterne, +die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden aus +dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen +der Freiheit. Wie der Wanderer in den Thälern der +Trübsal die sonnigen Höhen der Befriedigung, wie der +Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, +so wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen. +</p> + +<p>— Jala! +</p> + +<p>Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, +so sicher und herrlich stehe es mit seiner Befreiung +doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der räuberischen +Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne +jeden Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen +und gewaltthätigen Volke werden? Und wie +würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel entblößt, +sich die Gunst der Leute zu erkaufen? +</p> + +<p>— Jala! +</p> + +<p>Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner +Hoffnung Kraft lieh und sein Siegesbewußtsein zu +lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das +Land der Angelos sein? Kann sich der Mann im +steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel allen Launen der +Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im +letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? +Möglich war Eins und das Andere, entschieden Nichts. +</p> + +<p>Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund +zum Verzweifeln. +</p> +<!-- page 125 --> + +<p>Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze +steuerloser Fahrt, im Her und Hin, im Auf und Nieder +der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen Länder +unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? +Zwischen Meere von gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung +der Insel- und Halbinselform sich alle gleichend +im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr +aufragen in wilder Gebirgsart — — +</p> + +<p>Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern +malenden Denken wieder in den Zustand des Traumlebens, +Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die +sich zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während +sein Leib unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb. +</p> + +<p>— Grege! Grege! +</p> + +<p>Es war Jala’s Stimme. Wahrhaftig, sie war’s. +Ihr Ruf hallte über Berg und Thal und über das +stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie +Flötenton. +</p> + +<p>— Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin +hier, siehst Du mich nicht? Ich suche dich, Grege, +Grege! +</p> + +<p>Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war +ausgegangen in die Weite, ihn zu suchen. Am Meere +hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf +steile, bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit +blutenden Fingern an die Gipfel, an die Wolken — — +</p> + +<p>— Grege! Zu Hilfe! Rette mich! +</p> + +<p>— Jala, hier! Was willst Du in der fernen +Höhe? Hier bin ich, hier, Du wirst stürzen, ich beschwöre +Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, +<!-- page 126 --> +Jala, hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme +sind Dir geöffnet, so komm’ doch, komm’ — — komm’ +herab zu mir — — —. +</p> + +<p>Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm +die Stimme. Er fühlte nur, wie ihm die Augen aus +dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der Verschwindenden +nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben +in unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte +nur, wie krampfhaft lauschend sein Ohr sich anstrengte, +noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern +ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu +erhaschen. +</p> + +<p>Vergebens. +</p> + +<p>Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, +im stürmisch pochenden Herzen ließen ihn noch einmal +herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich! +</p> + +<p>Noch einmal war’s ihm, als vermöchte er ihre +Züge zu sehen, in ihr verrinnendes Angesicht zu blicken, +die gleitenden Umrisse ihrer schönen, hoheitsvollen Gestalt +zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten +der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig +helles, unbestimmt zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen +durchzogen, ferner, immer ferner und lautlos +verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen +Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum +erfüllten in majestätisch düsterem Gewoge. +</p> + +<p>Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen +haben. Sein Leib war steif und durchkältet, als +sich die Besinnung wieder einstellte, sein Gehirn von +einer unsäglichen Müdigkeit. +</p> +<!-- page 127 --> + +<p>Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, +die Augen zu öffnen und den Kopf ein wenig zu erheben, +mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die +kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde +und seinen Ohren nicht nachließen. Auch an den +inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte +er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung +mit einem feinborstigen, nervös warmen Gegenstande +von kräftiger Lebendigkeit stattgefunden. +</p> + +<p>Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem +Gesicht eine mächtige Hundeschnauze. Das heißt: er +rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta hatte er +nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen +Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen +Thierleben nur aus alten Erzählungen und Bildern +zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, unvergleichliche +Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit +Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als +einzig würdiges Material für die Darlebung der +höchsten Vernunft gezüchtet. +</p> + +<p>Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht +bloß die mächtige Hundeschnauze, sondern auch ein +scheinbar unmittelbar der Erde entströmendes vibrirendes +Flimmerlicht, das nach der überstandenen so intensiv +durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine +Sehnerven ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses +Licht nicht an etwas Einzelnem haftete, sondern gleichmäßig +ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über dem +Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen +<!-- page 128 --> +Visionen und Schmerzen weit das Auge und versuchte, +sich emporzurichten. +</p> + +<p>Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, +goldbraune Hund. Wie ein Gruß neuen Lebens klang +ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so +viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden +Lauten, eine reizvolle Naturfrische in den Intervallen, +daß Grege bis in’s Innerste davon getroffen war. +</p> + +<p>Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen +unter freudigem Gebell, dann stellte er sich +straff wie ein Wächter zwischen die Beine Greges und +faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in’s Auge. +</p> + +<p>Grege nickte ihm zu. +</p> + +<p>— Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist +Du, daß Du mich so herzlich begrüßt hast? Du nimmst +wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben +Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu +wecken? Oder schickt Dich Jala mir als Bote? +</p> + +<p>Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis +in’s Gesicht, schüttelte eifrig den buschigen Wedel und +begann wieder zu bellen und zu springen, als wollte +er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und +das Weitere wird sich finden. Mach’ nur, daß Du +endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und +Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, +siehst Du wohl, also vertraue auch mir. Erhebe Dich, +komm! Mach’ Sprünge wie ich! Und hinter Dir steht +noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig +— siehst Du denn nicht? +</p> +<!-- page 129 --> + +<p>Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, +wendete Grege den Oberleib und blickte rückwärts. +</p> + +<p>— Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und +stützte die Hände auf den Boden, um sich besser zu +drehen und deutlicher zu sehen. +</p> + +<p>Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem +Boden. Lächelnd stand sie auf, die eine Hand auf dem +Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine grüßende +Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. +Lichtblondes Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die +Schulter hingen. Den jugendlichen Leib in einem festen, +wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem +Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die +ganze Erscheinung strammer, frischer, kerniger als Jala, +die Züge gewöhnlicher, aber in Allem eine große Kraft +und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen +Feueraugen voll sprühender Gewalt! +</p> + +<p>— Angelos? Wohnen hier Angelos? +</p> + +<p>Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt +näher und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Hund +sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und +Worte auffangen. +</p> + +<p>— Mein Name ist Maikka. Hier sind keine +Angelos. +</p> + +<p>Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine +und legte ihr die mächtigen Pratzen auf die Schultern. +</p> + +<p>— Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir. +</p> + +<p>— Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, +aber ich merke, daß Du fremd bist. Ist Dir etwas +Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. Lange +<!-- page 130 --> +lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich +mein Hund weckte. +</p> + +<p>Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der +Hund lief von ihr zu Grege und berührte ihm mit +dem Kopfe liebkosend die Schulter. +</p> + +<p>Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der +beiden gütigen Wesen. In dem allgemeinen Lichtscheine, +der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, gewann das +Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes, +daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem +Zauber einer Vision oder sonst einem Spuke zum +Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und +doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, +wie das Bellen des Hundes. +</p> + +<p>— Komm, Maikka, berühre mich wie Dein +Hund. +</p> + +<p>— Hier! Sie reichte ihm die Hand. — Warum +erhebst Du Dich nicht? Bist Du müde von der Wanderung? +Welches Weges bist Du gekommen? +</p> + +<p>Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. +Welches Weges er gekommen! Durch die Luft! +</p> + +<p>Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da +unterbrach ihn Maikka. +</p> + +<p>— Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung +wird lange werden nach dem abenteuerlichen Anfang. +Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das meinige. +Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe +zu bedürfen. Dein Gewand ist auch nicht im besten +Zustand. Hast Du mit den Elementen gekämpft? +</p> + +<p>— Ja, Maikka, das hab’ ich. Aber glaube mir, +<!-- page 131 --> +ich bin ein friedsamer Mensch und trage keinen Streit +in die Welt. +</p> + +<p>Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand +Und an ihren beiden Händen sich fassend, sprang Grege +vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm +selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines +Leibes. +</p> + +<p>— O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den +Streit und schön für den Frieden. Warum verhehlst +Du mir Deinen Namen? +</p> + +<p>— Grege heiß’ ich und komme aus Teutaland, +ein Flüchtling. Nun weißt Du’s. Ich habe nichts +Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur +meiner Freiheit hab’ ich mich gewehrt. +</p> + +<p>— Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein? +</p> + +<p>— Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie +nun? Wo bin ich nun? Sprich, gütige Maikka, in +welchem Lande begrüßest Du mich? +</p> + +<p>Maikka lachte: — Du verstehst die Worte zu +setzen wie ein Dichter. Nordika heißt das Land. Ist Dir +das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig +anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. +Teuta freilich, o Teuta! +</p> + +<p>Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, +recht von Herzen, aber doch nicht in einem unzarten +Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug seine vergnügtesten +Töne an. +</p> + +<p>— Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du +Teuta? +</p> + +<p>— Davon und von vielem Anderen später. Willst +<!-- page 132 --> +Du mein Gast sein? Ich führe Dich eine Straße, die +ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du schwimmen? +</p> + +<p>Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den +Teutaleuten als vornehm-menschlich und staatserhaltend +galt, war das Schwimmen. Das Schwimmen in großen +unterirdischen Bassins. +</p> + +<p>— Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. +Das wird Dich von Deiner Starrheit erholen. Willkommen +in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes +Land kennen lernen, Teutamann Grege. +</p> + +<p>— Gute Leute hoffe ich. +</p> + +<p>— Gewiß. +</p> + +<p>— Was lieben die Leute in Nordika? +</p> + +<p>— Nichts, Grege, und Alles — was Liebe verdient. +</p> + +<p>— Ich will sagen: wofür haben sie die meiste +Neigung? Oder: wovor haben sie Respekt? +</p> + +<p>— Vor nichts, Grege, und vor Allem — was +Respekt verdient. +</p> + +<p>— Merkwürdig, Maikka. +</p> + +<p>— Jawohl, Du wirst schon sehen. +</p> + +<p>Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine +Strecke auf der grasigen Straße zurückgelegt. Grege +fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger spürte. +</p> + +<p>Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. +In weitem Bogen umkreiste er die Herrin und ihren +Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, machte +er einen hohen Satz. +</p> + +<p>— Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu +und überraschend. Man watet hier förmlich in feinem +Licht. In Teuta kennt man das nicht. +</p> +<!-- page 133 --> + +<p>— In Teuta! +</p> + +<p>Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, +in anmuthigen Schritten und Bewegungen ging sie +voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer +Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder +den Vormarsch nehmen. +</p> + +<p>— Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel +Künstelei. Der Boden ist hier so reich an Leuchtstoff. +Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus die +Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß +es nicht in hohem Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel +sich sammetdunkel über die lichte Erde spannt. Man +merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es +Nacht ist. +</p> + +<p>Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit +leuchtenden Augen an. +</p> + +<p>— Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß +Deine Haut leuchten! Bist Du sehr geübt in Muskelarbeit? +</p> + +<p>Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim +in natürlichem Drange mancherlei Uebungen gemacht, +ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche +Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger +eines Volkes von Rutschern, Hockern und +Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer kräftigen +Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt. +</p> + +<p>— Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. +Wenn Du willst, kannst Du rudern und ich schwimme +hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- und +Wassermenschen, nach Belieben, Grege. +</p> +<!-- page 134 --> + +<p>Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen +in die stille schimmernde Nacht. +</p> + +<p>All’ seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen +in Teuta gehört. Lautes Lachen vertrug sich dort +überhaupt nicht mit der staatlichen Wohlanständigkeit. +Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen +Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte +Programm-Nummer sozusagen. +</p> + +<p>— Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er +auch mit einer Ueberlegenheit aufwarten, denn es berührte +ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer +wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen +Geringschätzung seines Teutalandes zu begegnen. +</p> + +<p>— Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim +nicht, Grege? +</p> + +<p>— Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern +unterirdischen Seen gehorchen unsere Fahrzeuge einem +Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der Mechanismus +unserer elektrischen Einrichtungen. +</p> + +<p>— Das haben wir auch, das hatte man, wenn +auch gröber und umständlicher, schon vor tausend Jahren. +Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen +nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die +Brust, man muß breit ausathmen, alles hat einen so +poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle Arme. +Da fühl’ einmal her! +</p> + +<p>Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff +danach. Fox deutete das als Aufforderung zu einem +Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die +herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da +<!-- page 135 --> +sauste zwischen den Köpfen und über die ausgestreckten +verbundenen Arme auch schon Fox mit mächtigem +Sprung durch die Luft. +</p> + +<p>— Hier ist der See und dort das Boot! rief +die lachende Maikka. +</p> + +<p>Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im +Wasser. +</p> + +<p>Grege stand unentschlossen. +</p> + +<p>— Nun? Mein Gast hat die Wahl! +</p> + +<p>— Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, +bemerkte Grege galant ausweichend. +</p> + +<p>Maikka schlagfertig: — Aber das Wasser ist für +zwei Schwimmer. Wenn Du darauf hältst, schwimmen +wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das +Boot noch vor uns her. Mir nach! +</p> + +<p>Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und +Untergewand abgestreift und in das Boot geworfen, +die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt — und +platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden +Wasser auf und nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, +so sicher und schön war jede Bewegung. +</p> + +<p>— Herrlich, herrlich! Flink, Grege! +</p> + +<p>Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich +Grege seiner Kleidung, sie flog wie von selbst ins +Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast +besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. +Er hatte nur das eine Gefühl, daß er auf Tod und +Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen +pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. +Und neben ihm kicherte und schlängelte, +<!-- page 136 --> +wogte und wiegte die Nixe in den schönsten Schwimmkünsten, +das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen +vor sich hertreibend. +</p> + +<p>Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen +und Fuß an seinem Leibe spürte. Dann war’s +ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder +gleite über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als +sitze sie rittlings auf ihm. Dann wieder, als walle +der See auf in einem Getümmel von weißen Frauenleibern +und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern +und Lachen und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz. +</p> + +<p>Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, +es heilen Leibes erreicht zu haben. Er sah +sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich würgenden +Nixenarmen erstickt. +</p> + +<p>Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich +— und sein Bellen schallte wie Siegesruf. +</p> + +<p>Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an +das Ufer geeilt, die Herrin zu empfangen. Sie +schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen +nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit +verrichteten sie das Zweckmäßige. +</p> + +<p>Bevor Grege die neue Situation zu überschauen +vermochte, steckte er schon in den warmhüllenden Kleidern, +und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte +sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern +gehoben. Nur ihre Wangen schienen etwas blässer +und ihre großen Augen glühten dunkler. +</p> +<!-- page 137 --> + +<p>— Und nun rasch in’s wohnliche Gemach, mein +tapferer Gast! Ist Alles bereit? +</p> + +<p>Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie +im Traum, den lebhaften Schritten Maikkas folgend. +</p> + +<p>Was war das für eine Welt? +</p> + +<p>In Teuta gab’s für den Mann vom Jünglingsalter +an keinen freien, offenen Verkehr mit dem Weibe. +Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die +Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. +Nur in der „offenen Zeit“ gab’s Verkehr +zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen +Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen +mit Frauengruppen verkehren, nicht anders +jedoch, als nach der Anweisung der Festordner. Sonst +im gesammten Leben stand der Mann für sich, das +Weib für sich. Die Kinder waren den Weibern zur +Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit dem fünfzehnten +Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte. +</p> + +<p>Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes +Weib für sich, für sich ganz allein, haben wollte. +Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. Denn das +wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore +thaten sich heimlich auf, die geschlossen sein sollten. +Aber es stand Strafe darauf, wenn Einer in der +Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen +dort zu thun hatte. +</p> + +<p>Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich +war, und trotz aller Vererbung und Gewöhnung einzelnen +Naturen bis auf’s Blut zuwider. Aber was +wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das +<!-- page 138 --> +Volk pries sich frei und glücklich unter der aufgezwungenen +Regel — und sich zu preisen schätzte es +nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und +zu rühmen als das bevorzugteste Volk der Zivilisation! +</p> + +<p>Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, +die Zauberhafte, ihren Gast Grege führte? +</p> + +<p>In einem Föhrenhain stand das Haus und in +dem Hause war ein hohes Gemach, reich geschmückt +mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich +in all’ seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige +Kraft — wie schmolz das ineinander und schuf eine +Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem +Himmelreiche! +</p> + +<p>Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch +gearbeiteten silbernen Gefäßen, Krügen und +Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <a id="corr-7"></a>Backwerk, süße +Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge +Mädchen, verschwanden schweigend, auf einen Wink +der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste allein. +</p> + +<p>— Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum +dienen sie mir so folgsam und bescheiden. Wenn sie +in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, +sind sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, +bei freien Menschen, in Nordika, Grege. Und nun +setz’ Dich zu mir und iß! +</p> + +<p>Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den +verdeckten Schüsseln. +</p> + +<p>Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den +Kopf, griff nach den Früchten, einem Stückchen Backwerk +<!-- page 139 --> +und schänkte sich von dem süßen Saft einen +Schluck in sein Glas. +</p> + +<p>— Warum nimmst Du nicht von den warmen +Pastetchen? Sie sind köstlich. Sieh, wie sie mir +schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel? +</p> + +<p>— Allerdings. In diesem Falle ist die Regel +wie ein geleisteter Schwur. +</p> + +<p>Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als +im Freien, lachte laut auf und rückte ihren Sitz näher +dem seinigen. +</p> + +<p>— Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten +in Nordika nicht. Jetzt bist Du ein freier Mann in +einem freien Lande. +</p> + +<p>— Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das +Alte lastet. +</p> + +<p>— Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln. +</p> + +<p>Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang. +</p> + +<p>— Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden +meine Dienerinnen erscheinen, Dich zu Deinem Lager +zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch nach Fox +und meinen Thieren sehen. +</p> + +<p>— Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst +vorhin von Schülerinnen. Also bist Du Lehrerin? +</p> + +<p>— Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine +persönlichen Erlebnisse erzählst Du mir morgen. +</p> +<!-- page 140 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-12"><span class="hidden">Kapitel 12</span> +</h2> + +<p class="noindent">Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere +Nacht in Maikkas Heim verbracht. +</p> + +<p>Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst +schüttelte ihn eine wüthende Sinnlichkeit, dann klärte +sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht nach der +fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte +sie nun ihres Verlassenseins Kummer bergen? +</p> + +<p>Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel +wüßte, die Getrennten einander nahe zu bringen? +Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte stehen +dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die +kluge Lehrerin nicht eine Nothhelferin werden? +</p> + +<p>Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. +Ihr kann er wie einer Schwester das Zarteste und +Schmerzlichste anvertrauen. +</p> + +<p>Ja, ja, ja. +</p> + +<p>Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über +seine Seele, und behaglich streckte sich sein Leib in den +leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein neues Leben +lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen. +</p> + +<p>Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen +Träume, löschten die himmlische Helle, machten Alles +schwarz und schwer, schoben Alles irr und wirr durcheinander, +<!-- page 141 --> +peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff +und warfen ihn schließlich in den See. Alles schien +für ihn verloren in gräßlicher Hilflosigkeit. Da tauchte +Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen Blicken +und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten +sie in die Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens +— — +</p> + +<p>Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten +Schlaf. +</p> + +<p>Das war das Morgenlied. +</p> + +<p>Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte +glückliche Narr der Träume. +</p> + +<p>Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: +Fox brach mit mächtigem Gebell in das Gemach, +die Gardinen flogen von den Fenstern, wie Feuerpfeile +schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür +her tönte eine glockenhelle Stimme: — Ein schlechter +Mann, der nicht der Erste sein will! +</p> + +<p>Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel. +</p> + +<p>Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem +Nachdenken die Beine vom Lager. Er strich über die +Knie, er strich über die Waden, er befühlte die heile +Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden +Bart, er glitt mit beiden Händen über die Brust den +Leib <a id="corr-8"></a>hinab: Er war er, kein Zweifel. +</p> + +<p>Wie klang’s? +</p> + +<p>„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“ +</p> + +<p>Und wessen Stimme war’s? +</p> + +<p>Ja, ja, Maikka’s Stimme. Richtig. Maikka. Die +<!-- page 142 --> +Gastfreundin. Die edle Herrin dieses Heims. Wo ist +sie? Soll er nach ihr rufen? +</p> + +<p>Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur +an der Wand. Ein Ruck. In freier Nacktheit stand +er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte er +nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen +weißen, weiten, weichen Mantel. Er ging zur nächsten +Thür, im Gehen den Mantel um sich nehmend. Er +öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut +kaum seinen Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge +Mädchen, wie gestern, erwarten ihn, ihm ihre Dienste +schweigend zu leisten. +</p> + +<p>Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, +bestehend aus Hemd, Wams und kurzem Beinkleid. +Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen, +sie wissen von nichts. +</p> + +<p>Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die +Eine eine Thür, die Andere geht voran, und zwischen +beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne fast umflort +wie im Traume, in das hohe Speisegemach. +</p> + +<p>Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher +Handbewegung, am gedeckten Tische Platz zu nehmen, +und entfernen sich wortlos. +</p> + +<p>Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber +es rührt sich nichts. In dem hallenartigen Raum, +durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, die +Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, +athmet eine sanfte Stille. Alles umfängt +hier den Menschen so weich und innig und doch so +bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts +<!-- page 143 --> +Flaues, Zugerichtetes, Ausgelebtes, Mechanisches wie +in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht Alles. +Selbst das Schweigen spricht wie Musik an. +</p> + +<p>Grege steht immer noch, von all’ den überraschenden +Eindrücken erfüllt — aber es fällt kein Wort, es +zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu erlösen +und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und +überlegsam mit der ungewohnten Umgebung in bewegte +Harmonie setze, daß er nicht nur empfange, sondern +auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist +doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet +und hinstellt, wo ein fremder Wille, und wäre es der +freundlichste, sie haben will? +</p> + +<p>Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, +eine Komödie, die sich ein unsichtbares Publikum +mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um seiner +Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu +verschaffen? Mit der Gewaltthat der rohen Angelos +ist er fertig geworden, will ihn jetzt die Feinheit der +Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes +Joch schlüpfe? +</p> + +<p>Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. +Zwischen den kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein +bunter Strauß — Blumen, so schön und farbenreich, +wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll +ihm das? Eine Handvoll Surros genügte ihm, den +Hunger zu stillen. Er selbst war chemischer Künstler +genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige +Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch +kraftreicher Form herzustellen. Hier war das Meiste +<!-- page 144 --> +aus der Hand der Natur, ohne viel Menschenwerk: +Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den +Tod von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar +mit Teutas strengen Kultursitten. Und warum +sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für ihn +nicht gelten? +</p> + +<p>Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die +Spur von jenen zahlreichen Apparaten, mit denen man +in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege des +Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen +und von überall her Mittheilungen zu empfangen. +Auch auf dem Tische und am Stuhle keinerlei +Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen +Künsten wird dies kaum sein, wohl aber berechnete +Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten Insel würde er +sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber +hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der +leuchtenden Erde? +</p> + +<p>Grege schloß einen Augenblick die Augen mit +der Hand. +</p> + +<p>Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. +Ein weiches und doch starkes Gewebe von lichtbrauner +Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht unbequem. +Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren +Umrissen, als in den sack- und mantelartigen Gewändern, +welche Teuta’s Staatsweisheit vorschreibt. Aber +mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider vorenthalten? +</p> + +<p>Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht? +</p> + +<p>Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die +<!-- page 145 --> +Mädchen eingeführt. Sie ist in die Wand eingefügt +und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal. +</p> + +<p>Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden +versunken. Der Raum ist leer. +</p> + +<p>Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen. +</p> + +<p>In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche +Thür auf der gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, +gekleidet wie er, und winken ihm, ihnen zu folgen. +</p> + +<p>Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal +zögernd stehen und sieht zurück. Der Raum ist licht, +still, leer, wie zuvor. +</p> + +<p>Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. +Darum dürften sie aber doch den Mund aufthun, +dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich unheimlich +wurde. +</p> + +<p>Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. +Was hätte Grege darum gegeben, jetzt sein fröhliches +Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der Nähe, +könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert +sie sich heute nicht persönlich um ihren Gast? +</p> + +<p>Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges +Magen. Das Frühstück als Licht- und Schattenspiel +hatte nichts Sättigendes. Aber war’s nicht Greges +eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen? +</p> + +<p>Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, +in raschen, taktmäßigen Schritten, durch einen langen +Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und hoch +waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit +machen konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke +<!-- page 146 --> +Hecken, darüber ein Streifen vom sonnenwarmen +blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender +Linie. +</p> + +<p>Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer +eiliger, so daß Grege gar nicht Zeit hatte, eine Frage +an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging’s +im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen +Macht getrieben, ahmte Grege Alles nach. Er +wäre nicht mehr im Stande gewesen, zurückzuschauen +oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen! +Links und rechts in den Hecken schien ein +Vogel laut zu werden, bald flog auch einer herüber +oder hinüber. Vorwärts, vorwärts! +</p> + +<p>Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. +Seine Brust arbeitete, seine Haut wurde schweißwarm. +</p> + +<p>Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten +sich mit Grege zu einer Reihe. +</p> + +<p>Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. +Grege begriff nicht gleich. Nun zählte der Andere: +eins, zwei — drei! +</p> + +<p>„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“ +</p> + +<p>Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste +es ihm nur in der Erinnerung an die letzte Nacht durch +den Kopf? +</p> + +<p>Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern +a tempo ab, in kurzen, hüpfenden Schritten, wie sie +— wer aber nicht als der Erste am Ziele erschien, +war der junge Mann aus Teutaland. +</p> + +<p>Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung +des Laubganges in eine weite, lustige Halle von leichter +<!-- page 147 --> +Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im Gebälke. Es +war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen +und allerlei Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften. +</p> + +<p>Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten. +</p> + +<p>Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen +und Jungfrauen in dem Raume zu finden, der +ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer Ausdehnung +dünkte. Noch erstaunter aber war er, als +aus den Reihen der Jungfrauen ihm plötzlich Maikka +entgegentrat. +</p> + +<p>— Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm +die Hand. +</p> + +<p>Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen +Morgen. Nach der merkwürdigen Wettlauferei +mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein Gesicht +eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren +konnte, auch fand er keine freundliche Erwiderung +auf Maikka’s Willkomm. Er begnügte sich mit +einer stummen Verneigung. +</p> + +<p>Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß +und schien sehr befriedigt. +</p> + +<p>Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: +Wie komm’ ich daher, was thue ich in diesem Haufen +fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, außerordentliche +Frau? Ist das hier deine Schule, dein +Lehramt? +</p> + +<p>Die kluge Frau las ihm die Fragen von den +Augen ab. +</p> + +<p>— Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, +<!-- page 148 --> +aber jede ist würdig, von Dir gekannt und geschätzt +zu werden. +</p> + +<p>Grege nickte höflich. +</p> + +<p>Maikka fuhr fort: — Wir üben uns hier im +Ring- und Reigenspiel, im Springen und Schlagen. +Nimm theil, Grege! +</p> + +<p>Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme +gesagt und mit dem süßen Sprühen der dunklen Augen +begleitet. +</p> + +<p>Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen +war, hatte er schon einen langen Stab in der +Hand und stand in Reih und Glied und machte, so +gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. +Dergleichen hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal zur +Empörung und zum Widerspruche wurde ihm in diesem +„freien Lande“ Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde +er mit fortgerissen. +</p> + +<p>Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, +so zwanglos wie möglich, jedoch ohne die Reihe aufzulösen. +</p> + +<p>Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn +sie hatte alle Sprünge mit ausgeführt, auf Grege zu: +— Wie gefällt es Dir? +</p> + +<p>Grege: — In Teuta hätte mich’s verrückt gemacht. +</p> + +<p>— Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! +fiel ihm Maikka in’s Wort. +</p> + +<p>Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog +sie wieder an ihren Platz vor der ersten Reihe. Sie +kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte +<!-- page 149 --> +der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe +verschlungen, ausgeführt wurde. +</p> + +<p>Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, +so anmuthig und heldenhaft schön waren die Bewegungen +und Stellungen dieser blühenden Menschen, +und so jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte +die Verse zu vernehmen: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Frisch, frei und froh, mein Kind!</p> +<p class="line">Dein Sinn sei leicht wie der Wind,</p> +<p class="line">Dein Muth bewährt wie Gold,</p> +<p class="line">so bleibt das Glück dir hold —</p> +<p class="line">Trala, Dir hold, trala, Dir hold.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Fest in Treue stets geschlossen</p> +<p class="line">Sind wir stolzen Volkes Sprossen</p> +<p class="line">Dir in Liebe zugewandt,</p> +<p class="line">Nordika, heiliges Vaterland —</p> +<p class="line">Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!</p> +</div> + +<p class="noindent">Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels +überhörte Grege, nur der feurige Klang und der +stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, +wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, +aber wie selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen +und Figuren sein Auge entzückte. +</p> + +<p>Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen +mit elektrischen Schlägen: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Nordika, heiliges Vaterland!</p> +</div> + +<p class="noindent">Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt +aus voller Kehle in den Gesang mit ein — aber +Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton +über dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. +<!-- page 150 --> +Das war ihm ein unerhörter Ohrenschmaus. Und das +berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!</p> +</div> + +<p class="noindent">ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm +in die Augen. Von dieser alles bezwingenden Gewalt +des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er seither +keine Ahnung gehabt. +</p> + +<p>In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe +überhaupt nicht. Dort galt nur der Begriff vom +„Staat“ und „Reich“ als eines künstlich aufgebauten +Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber +niemals das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort +keinen natürlich quellenden Enthusiasmus für irgend +etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, die +sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne +natürliche Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, +Jünglingen und Jungfrauen, Männern und Frauen, +jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen +Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu +lassen in einer Fluth von Tönen und wuchtigen Harmonien? +Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute +hatten sie’s sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man +im Teutareich keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt +das dort? Weil die Seele fehlt. Weil Alles in seelenlose +Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch +nur mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, +wie man nur verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, +ohne Vaterlands-Empfindung. +</p> + +<p>Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, +er stand betäubt, selig erschüttert und todtbetrübt zugleich. +</p> +<!-- page 151 --> + +<p>— Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen +und hochklopfender Brust auf ihn zutretend. — Was +sagt Teuta dazu? +</p> + +<p>Grege wischte sich die Augen und schüttelte den +Kopf: — Nie hätte ich das geglaubt, nie habe ich das +gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt. +</p> + +<p>Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die +Wange: — Du bist ein guter Mensch, aber Deine +Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben +sie von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und +Verbohrtheit. +</p> + +<p>— Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt +Dir all’ die Kenntniß? Bist Du je bei uns gewesen? +</p> + +<p>Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und +lachte mit dem ganzen Gesicht: — Nein, danach hat +mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten Kundschafter. +Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer +Königssproß von Teutaland. +</p> + +<p>Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft +von ihrem letzten Wort, mit Fragen auf sie eindringen +wollte, legte sie den Finger an ihre Lippen. +</p> + +<p>— Und nun, mein Gast, hab’ ich eine halbe Stunde +Zeit, ich bin schon seit fünf Uhr an der Arbeit, lass’ +uns einen Gang in die Sonne machen. +</p> + +<p>Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm +ein paar Worte zu und entfernte sich mit Grege durch +einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, hinaus +in’s Freie. +</p> +<!-- page 152 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-13"><span class="hidden">Kapitel 13</span> +</h2> + +<p class="noindent">Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende +Frau von der Seite. +</p> + +<p>Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit +einem anderen, der sagte: — Verbeiß nur Deine Frage, +Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das +ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens. +</p> + +<p>Und Grege verstand den Blick und biß sich auf +die Zunge. +</p> + +<p>Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum +Grübeln und Tüfteln. +</p> + +<p>— Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer +Geschichte? +</p> + +<p>— Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika +zweifle ich daran. +</p> + +<p>— Lass’ hören: Was hinterließ uns der Mensch +der Steinzeit? +</p> + +<p>— Eine Erinnerung. +</p> + +<p>Maikka lachte hellauf: — Das ist Poeten-Ausrede +für sachliches Nichtwissen. +</p> + +<p>— Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du +thust mir Unrecht, Maikka. +</p> + +<p>— Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst +<!-- page 153 --> +Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: Was hinterließ uns der +Mensch der Steinzeit? +</p> + +<p>— Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger. +</p> + +<p>— Sehr gut. Und was hinterließ uns der +Mensch der industriellen und kapitalistischen Metallzeit? +</p> + +<p>— Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, +einen traurig zusammengeschrumpften Rest Menschheit. +Kehrichthaufen, wie ich sage. +</p> + +<p>Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend +bei: — Für Nordika gilt das wohl nicht. +</p> + +<p>— Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor +tausend Jahren auch an dem großen europäischen Krach +mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere +Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. +Aber das gab schließlich die einzige Möglichkeit, +die Völker Europas, soweit sie kulturfähig waren, +auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein +Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der +europäischen Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen +sind. Was nach dieser furchtbaren Musterung +übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich +blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er +Kleinkram war und durch allerlei günstige Zufälle mit +durchschlüpfen konnte. +</p> + +<p>— Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es +heute noch auf keine Million Menschen gebracht, behaupten +unsere Volkszähler. +</p> + +<p>Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann +ließ sie ihre Augen auf Grege blitzen: — Du bist ein +herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit Dir kann +<!-- page 154 --> +man reden. Hör’ mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, +schreit doch zum Himmel. Das ist eine Staatskunst +von Idioten und Feiglingen. Da Ihr doch einmal +keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so +fristet Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man +nicht mit der Natur hausen kann, muß man gleich ein +Verbrecher gegen die Natur sein? Hör’ mal, Grege, +hör’ mal! +</p> + +<p>— Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du? +</p> + +<p>— Wär’s möglich, daß Du für die Schmach +Deiner Teutaleute selbst so wenig Empfindung hättest? +</p> + +<p>— Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich +nun plötzlich hier, an Deiner Seite, an Alles denken, +was je Schmachvolles daheim in Teutaland geschehen? +Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen +Eindrücken auf mich ein — und da soll mir +Schmachvolles gegenwärtig sein, das weit hinter +mir liegt? +</p> + +<p>In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, +rauhe Töne, als sie, die Hand auf Grege’s Schulter +legend, halblaut hervorstieß: — In Teutaland verhandelt +man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man +frißt seine eigenen Kinder — und spielt den Fleischverächter? +Weißt Du, was das für ein Volk bedeutet? +Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen +setzt? +</p> + +<p>Grege zuckte zusammen. +</p> + +<p>— Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend +preis giebt oder verschachert. Grege, begreifst Du +das nicht? +</p> +<!-- page 155 --> + +<p>— Ich beschwöre Dich, Maikka! +</p> + +<p>Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art +Jalas in Ausdruck und Stimme. Jedes Wort gab +Grege einen Stich in’s Herz. +</p> + +<p>— Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! +rief sie. — Oder ich muß Dich wie einen Tollen aus +meiner Nähe jagen. +</p> + +<p>Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden +Lippen, als suche er vergeblich nach dem rechten Wort, +fuhr sie mit wachsender Leidenschaftlichkeit fort: — Das +geht durch Eure ganze Geschichte, seit Jahrtausenden. +Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen +Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, +wo ihr konntet. Ihr habt sie in den Zeiten +des Mittelalters durch Eure blödsinnigen Gelehrten in +Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den +Römern und Griechen und Juden und ihrem blutigen +Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und ihre Seelen belastet +und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in +Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige +Individualität mit Füßen getreten, Jahrhunderte lang +sie ausgeschunden um elender Idole willen. Ihr habt +sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, +des Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, +wie man einem Geier Aas hinwirft — — +</p> + +<p>— Halt ein, Maikka! +</p> + +<p>— Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren +Pein, mit Verfolgung, Hunger, Noth und Elend in +tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle +Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch +<!-- page 156 --> +auf alle Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der +Prostitution, in den — — der Millionenstädte — — +</p> + +<p>— Bis der große europäische Krach kam und die +große Schicksalswende, Maikka. Ich bitte Dich, halte +Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten nicht +bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast +in allen Ländern Europas. Und wenn die Todten, +die die Vergangenheit nicht alle begraben konnte, an +die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden — sprich, +Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen +Leichnam? +</p> + +<p>— Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, +trotzdem Ihr in Teutaland keine Poeten duldet. Aber +gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und +stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, +Teutaland. +</p> + +<p>— Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft +werden! +</p> + +<p>Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, +schüttelte sie, bohrte ihren Blick hinauf in sein flammendes +Auge: — Das soll ein Held gesprochen haben, +Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich +fröstelt im Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! +Freie Luft im freien Licht! +</p> + +<p>Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden +Birken und jungen Blutbuchen eingetreten, in deren +flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. Maikka +mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren +in seinem Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden +und in seiner Brust war ein seltsamer Rumor. +</p> +<!-- page 157 --> + +<p>Er zwang Maikka zum Stillestehn. +</p> + +<p>— Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen +Gedankengang abgewichen, Maikka? +</p> + +<p>— Nein, nein. Oder gleichviel. Komm’ nur, wir +haben schon den rechten Faden gesponnen. Soll ich’s +sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und dann +Deine Thränen — weiß ich’s? Das hat mich eben +erregt und außer mich gebracht. Grege, merk’ Dir’s, +mit mir ist nicht zu spaßen! +</p> + +<p>— Mit mir wohl auch nicht. +</p> + +<p>— Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein +ganzer Mann sein. +</p> + +<p>Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, +ihre klare Güte. +</p> + +<p>— Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage +kommen, Maikka. Anknüpfend an den Kehrichthaufen. +Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt? +</p> + +<p>— O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: +Freude wird sie hinterlassen. Freude, die aus dem +Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen Muth schafft. +Mach’ doch nicht wieder jenes Gesicht! +</p> + +<p>— Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, +er muß auch einen Gegenstand haben, Maikka! +</p> + +<p>— Freilich. Den größten und höchsten, den’s +giebt: Immer mehr Freude und Schönheit. Aber das +ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die Mittelalterlichen +nannten es das Göttliche und verdarben sich +das Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem +Himmel die Erde. Sieh’ mal den lustigen Käfer, wie +er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig, +<!-- page 158 --> +nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich +um den letzten Grund der Dinge? +</p> + +<p>— Wir nennen’s in Teuta das Mystische. +</p> + +<p>— Schweig’ mir von Teuta jetzt. Das Mystische! +</p> + +<p>— Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche +Wesen, das uns hegt und trägt? +</p> + +<p>— Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen +nicht. Das Mystische! Nicht im Mindesten +kümmert’s uns. Wir hegen und tragen uns selber. +Ja, wir erlauben uns das, Grege. +</p> + +<p>Und nun lachte sie wieder. +</p> + +<p>— Warum leben wir eigentlich, Maikka? +</p> + +<p>— Weil wir da sind und weil uns das Leben +gefällt. Sehr einfach. +</p> + +<p>— Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt? +</p> + +<p>— Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. +Ich ertrag’s in der Hoffnung, daß es mir wieder gefällt. +Interessant ist’s ja immer, mit und ohne. +</p> + +<p>— Mit und ohne, was heißt das? +</p> + +<p>— Mit und ohne Gefallen. Aber hör’ mal, +Grege! Stell’ dich nicht dumm! +</p> + +<p>— Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so +stark, daß sie mich in die schönsten Kinderträume zurückführen +könnte. +</p> + +<p>— Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit +Vernunft? Ich bin mit Vernunft mittendrin, in jedem +Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin! +</p> + +<p>Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß +Grege mitlachen mußte, ob er wollte oder nicht. +</p> + +<p>— Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, +<!-- page 159 --> +Grege. Aber siehst Du, sonderbar, ich erzähle mir sie +selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles! +</p> + +<p>— Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als +ich selbst. Vieles in meinem Leben ist mir wie verriegelt +und versiegelt, ich kann nicht dahinter kommen. +Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend — ach, +was rede ich! +</p> + +<p>— Nun? +</p> + +<p>— Ist so verschattet, daß ich’s nicht mehr entziffern +kann, es ist wie eine alte verblichene Handschrift. +</p> + +<p>Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: +— Poeten-Flausen! Was man nicht weiß, zählt nicht. +Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt +daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das +Andere ist einfach nicht da, für uns nicht da. Was +soll’s uns also? +</p> + +<p>— Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich’s +auch nicht, was in unserem Leben dagewesen ist. Das +bleibt unserem Schicksal einverwoben. Denk’ nur an +das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen +läßt, wovon wir kaum eine Ahnung haben. +Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob wir’s +wissen und wollen, oder nicht? +</p> + +<p>— Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich +zu nehmen wäre, dann hätten wir die Ehre, +heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige +Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau’ mich an, +Grege: Bin ich stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin +ich chinesisch? +</p> + +<p>Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. +<!-- page 160 --> +Alles an ihr strahlte von Gesundheit und heiterem +Geist. Sie ballte die Hände und streckte die Arme +straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie +den Boden. +</p> + +<p>Grege legte den Arm über den Rücken und besah +sich das schöne Menschenbild lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres +zu seiner Jala hätte, er sich nicht vorstellen +können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er +konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die +Schöpfung von einer neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte +er jetzt mit seinem Denken nicht einzudringen. +Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle +Maßen gut, zweitens wünschte er, weniger Hunger zu +haben, als er in der That hatte. +</p> + +<p>— Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. +Und wenn ich Dich als Symbol von Nordika nehmen +darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land! +</p> + +<p>— Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt +— als Symbol. Nimm mich! Nordika hat nichts +dagegen. +</p> + +<p>Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde. +</p> + +<p>Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain. +</p> + +<p>— Mir nach! Hier ist Nordika! +</p> + +<p>— Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen +Schrittes nach. — Humor hat das Weib, +dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man +in Teuta auch nicht. Armes Teuta! +</p> + +<p>In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch +Maikka gedacht: Humor hat der schöne Teutamann nicht +und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger. +<!-- page 161 --> +Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für +Dich und Deine Teutaleute recht haben. Ihr habt den +Chinesen noch im Blut. Am frühen Morgen nach +einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung +schon so schlaff — — +</p> + +<p>Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges +Blicken in der hellen Sonne. Breit und friedlich zog +ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, +reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne +große Höhen und Tiefen, von einem eigenartigen sanften +Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen sprach. +Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen +über das Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, +roth und braun, eine Unzahl von Häusern, fast alle +von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und anheimelnd +in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern +und Baumwuchs. Und Vögelschwärme in der sonnigen, +seidenweichen Luft hin und her. +</p> + +<p>— Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte +Maikka mit einem Anflug von Spott. — Aber +auch das ist schön, weil sich dann der Frühling um so +bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, +nicht wahr, Grege? +</p> + +<p>— Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in +meiner Phantasie, gewiß, da versetzte ich mich oft in +ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von ihrer +Insel — — +</p> + +<p>— Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts +von alledem, nichtwahr? +</p> + +<p>Grege verneinte mit Kopfschütteln. +</p> +<!-- page 162 --> + +<p>— Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in +einer einzigen Riesenstadt, wenn man das so nennen +darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder vielmehr +bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, +die Häuser sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer +und Wälder — was weiß ich! Schau hin, da +liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont +abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht’s noch +weit fort, nach allen Himmelsgegenden, bis ans Meer +mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, immer +Nordika. +</p> + +<p>— Wie ein einziger Körper! +</p> + +<p>— Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger +Körper. +</p> + +<p>Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens +und Irreführens an. Sie zog den Mund ein wenig +schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft. +</p> + +<p>— Wie ein Körper, Du hast’s verrathen. Und +verräthst Du auch wie wir’s machen, damit wir uns +auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir +uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft +nicht verlaufen? Erräthst Du’s? +</p> + +<p>— Ihr macht’s wie wir. Ihr verseht Alles mit +Nummern und Ueberschriften, denk’ ich. +</p> + +<p>— Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen’s nicht +wir Ihr. Das wäre uns zu mechanisch, zu langweilig. +Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn Du +willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen +Körper vor uns, als menschlichen Körper, und +benennen die einzelnen Landestheile mit den menschenkörperlichen +<!-- page 163 --> +Namen. Unsere Landestheile oder Kreise +sind also wie Körpertheile benamst und zwar genau +nach dem echten anatomischen Zusammenhang des Leibes, +von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, +der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande +zurecht, und wenn er weiß, wo er sich befindet, findet +er überall hin, ohne viel zu fragen oder Nummern +und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum +Beispiel im großen Zehen des linken Fußes ist und +will nach dem rechten Knie oder nach der Nase oder +dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung +keine Schwierigkeiten machen. Verstehst Du? +</p> + +<p>Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft +zugleich, daß er nun auch lachen mußte. +</p> + +<p>— Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches +und vernünftiges Land sind? Der gestrenge +Teutamensch lernt bei uns das Lachen. +</p> + +<p>Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die +Köpfe hinweg. Grege blickte und horchte auf. +</p> + +<p>— Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an +welchem Körpertheil wir uns jetzt befinden? +</p> + +<p>Der hungrige Grege strich sich mit der Hand +über den Magen. +</p> + +<p>Sein Mund jedoch sprach: — Auf dem Herzen. +</p> + +<p>Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem +Blick seiner schönen Augen, daß es Maikka durchbebte. +</p> + +<p>Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit +innigem Wohlgefallen. +</p> + +<p>Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe? +</p> + +<p>Nein, noch nicht. +</p> +<!-- page 164 --> + +<p>— Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und +Benennung unseres Landes? +</p> + +<p>Grege blickte ihr tief in’s Auge, besann sich ein +wenig, dann antwortete er im vorigen Tone, nur wärmer +und herzlicher: — Ich wüßte nicht, aber — vielleicht +doch. +</p> + +<p>— Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand. +</p> + +<p>— Nach Sternbildern. +</p> + +<p>— O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden +wir uns jetzt? +</p> + +<p>— Im Morgenstern, Maikka. +</p> + +<p>— Das ist wunderlieb gesagt. Wenn’s nur nicht +falsch wäre, Grege! +</p> + +<p>— Wieso? +</p> + +<p>— Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein +Sternbild! +</p> + +<p>Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen +Schnitzer, fügte jedoch lachend und schlagfertig +hinzu: — Nun denn, so erheben wir den einzigen +Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken +wir doch auch in dem einzigen Augenpaar eines lieben +Menschen den ganzen Himmel! +</p> + +<p>Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand +und schwieg still entzückt über die schöne Deutung. +</p> + +<p>Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala +gedenkend, die ihm mit ihren armen erblindeten Augen +mehr war als alle Himmel und alle Sternbilder. +</p> + +<p>Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise +rauschenden Flusse hin. +</p> + +<p>— Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich. +</p> +<!-- page 165 --> + +<p>— Auf der Jagd. +</p> + +<p>— Auf der Jagd? +</p> + +<p>— Ja. +</p> + +<p>Neues Schweigen. +</p> + +<p>— Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? +begann Grege wieder, im Gehen zögernd. +</p> + +<p>Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den +Kopf zu erheben: — Wir sind alle Bauern in Nordika. +Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich +— und das ist unser neuer Sinn. +</p> + +<p>— Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich +die letzten Worte nach. +</p> + +<p>— Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur +arbeitsam zu leben und der Kultur froh zu werden. +Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, +da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins. +</p> + +<p>Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: — Also +herrscht auch in Nordika die wirthschaftliche Gleichheit? +Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, nicht Satte +und Hungrige — — +</p> + +<p>— Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser +Land ist Freiland, unser Volk ist eine einzige große +Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, +Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten. +</p> + +<p>— Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend +einzusetzen hat, oder wer die Gleichstellung mit bösem +Willen lohnt? +</p> + +<p>— Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste +Praxis, Grege: Absolute Dummköpfe und Thunichtgute +<!-- page 166 --> +verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im Norden. +Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm +Dich zusammen und halte Dich brav! schloß sie +lachend. +</p> + +<p>— — — +</p> + +<p>Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse +ab auf einen Hain zu, aus dem ein freundliches Haus +schimmerte. +</p> + +<p>— Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder +an die Arbeit. Aber Du kannst mich begleiten und +dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im +Garten. Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. +Für Alt und Jung. Du zögerst? +</p> + +<p>Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht. +</p> + +<p>— Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, +Grege? +</p> + +<p>— Ich habe furchtbar Hunger, Maikka. +</p> + +<p>— Du hast doch gefrühstückt? +</p> + +<p>— Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist +noch nüchtern. +</p> +<!-- page 167 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-14"><span class="hidden">Kapitel 14</span> +</h2> + +<p class="noindent">Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um +auch heute noch einem Theil des Unterrichts beizuwohnen, +den die bewundernswürdige Maikka im +Freien gab. +</p> + +<p>Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere +Leute dem Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige +Mädchengestalten, reifere Frauen und Männer. +</p> + +<p>Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen +ihre Ehre dareinsetzen, einen ganzen Kursus +regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das Bedürfniß, +je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als +sie erhaschen können. +</p> + +<p>Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen +die Wissenschaft etwas Heiliges sein müsse, von dem +sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. Mitten in +die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut +zu erhalten und im Vorübergehen eine feinere +Kenntniß mitzunehmen, wie man auf einem Gang über +die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien +ihnen ein gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte +sich um’s Andere. So gab’s auch keine Störung der +Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein +Anderer schweigend und gesammelt herankam. +</p> +<!-- page 168 --> + +<p>Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, +Arbeit, Lernbegier, Idealität der freien Persönlichkeit, +edles Gemeinschaftsgefühl eines starken Volksgeistes. +Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich Erzwungenes. +Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung +irgend einer persönlichen oder menschheitlichen +Gerechtsame zu Gunsten einer mechanischen Ordnung. +Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender Bewunderung, +eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer +unausgesetzten Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt +haben, um einen solchen Volkszustand +wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet +hier Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends +merkt man etwas von jener Tüftelei und +Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden +Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all’ jenen maskeradehaften +Würdespielereien, die ihm sein Teutaland +so widerlich gemacht hatten. +</p> + +<p>Und trotzdem — es war sein Teutaland, er +lernte hier ein Gefühl kennen, das ihm seither fremd +geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. +Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte +er persönlich vor den Nordikaleuten zurückstehen. Wenn +Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so mußte er +sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, +daß er sich erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; +das gab ihm keine rechtfertigende Größe und Sonderstellung, +daß er von daheim Reißaus genommen. +Womit wollte er’s begründen, daß es ihn nichts angehe, +was seine Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft +<!-- page 169 --> +gemacht? Wäre es nicht unmännlich, sich +auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse +hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem +Blick, in jeder Miene, in der ganzen Haltung der +Leute, ohne Unterschied des Geschlechts und der Jahre, +lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in +seiner Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch +weiß und jede sklavische Unterwerfung unter eine blinde +Fügung ausschließt? +</p> + +<p>Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit +für seines Volkes Thun und Leiden, für der Heimath +Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das +heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner +eigenen Belehrung und Festigung auszunützen. Seine +Jala blieb ihm unverloren, das war ihm heiliger +Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit +dem geliebten Weibe wieder zusammen zu führen, gut, +so würden eben Wunder geschehen. +</p> + +<p>War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier +stand, unangefochten, in sicherer Gastfreundschaft, und +den Worten einer Meisterin des Lebens und Wissens +wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger +Luft, umflossen von mildem Sonnenlicht? Und +stieg’s nicht wie ein Schwur in seiner Seele auf, das +hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen +seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten +aus ihrem ärmlichen Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, +daß sie sich aufrafften zu einem bedeutungsvollen, +inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in +Teutaland überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? +<!-- page 170 --> +Schuf es eine innige starke Freude den Lebenden? +Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte +Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? +Was galten seinen Teutaleuten überhaupt die Frauen, +waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, +als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit? +</p> + +<p>Und wie war das Alles so geworden? +</p> + +<p>Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er’s jetzt +hören, was in der Kulturarbeit des Volkes des Weibes +Kopf und Hand geschaffen. +</p> + +<p>Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst +war Frauenwerk. Nicht dem Manne nachäffend, in +Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, sondern +aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten +Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen +so tüchtig wie der Mann, im Ergötzlichen so viel +reicher und zarter als er. Und nichts mit dem heimlichen +bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, +des kämpferischen Schrankenbruchs. Alles +frei, naiv, selbstverständlich. Eine Kraft, die geradaus +geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die nichts +verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches +Hinderniß zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung +im Nebeneinander vom Weiblichen und Männlichen +gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. +Keine hämische Kritik vom Einen zum Andern, +kein Mißtrauen, keine Bosheit — daher dieses natürliche +Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das +Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt +und hebt sich Alles in dem gleichen Geiste, wie +<!-- page 171 --> +in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu +Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders +gesegneten Art sich und die Anderen erquickt. +</p> + +<p>Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule +ersonnen und ausgeführt. Die Zurichtung des großen +Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan +und den größten Theil der Lehre — Alles dankt man +ihnen. Die tüchtigsten Maurerinnen und Schreinerinnen +haben den Bau aufgeführt und die phantasievollsten +Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit +Bildern und Zierrath geschmückt. Die Vorhänge +sind von den geschicktesten Teppichweberinnen gewoben. +In die Herstellung und Unterhaltung der Parkanlagen +ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten +Gärtnerinnen getheilt. +</p> + +<p>Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, +dramatische Kunst und Literatur, Natur- und Kulturgeschichte +werden hier von zahlreichen Lehrkräften, die +ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen +Volke in freier Wahl vorgetragen. Und +keine Wissenspolizei bewacht die einzelnen Lehren. Der +gesunde Verstand, die emsige Forschung, die praktische +Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik +sind ebenso viele und bessere Wächter, als irgend ein +Einzelner von Amtswegen. +</p> + +<p>In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und +zürnen zugleich! In Teuta sitzt ein leberkranker Querkopf, +wie dieser Minus, als „Hoheit Oberlehrer“ im +„obersten Rath“ und hütet den „heiligen Wortschatz“ +— und nie dürfte ein Mann oder gar ein Weib sich +<!-- page 172 --> +beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche Ordnung, die +den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, +oder es wartet ihrer der „große Fluch“ der +Verdammung zu „ewiger Verhöhnung“ beim Zarathustra-Feste! +</p> + +<p>Greges Augen schweiften über die schönen +Menschengruppen, die den Park und die Halle füllten +und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. +Maikka stand auf einem erhöhten Platz, vor einem +großen Tisch. Sie sprach vollkommen frei, ohne Buch +oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie manchmal +hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald +mit eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, +den Kopf leis auf die Seite geneigt. Eine Bewegung +gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka nämlich +die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte +und sich damit gegen die Stirn fuhr, +als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, nehmt einmal +eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die +Sache ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. +Die ersten Reihen der Zuhörer, auf losen Bänken, +rückten nahe an die Sprecherin heran, die hinteren +Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen +sechseckigen Halle in den Garten, und hier saßen die +Uebrigen theils auf dem Rasen, theils auf Feldstühlen, +oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie +gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf +und ab, denn die Anlage war so geschickt, daß sich kein +Wort der Sprecherin verlor. Und wenn zuweilen ein +Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade +<!-- page 173 --> +von der Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene +Wort um so inniger und ergreifender in +dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. +Mag der Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, +mag ein Wolkenschatten über die Köpfe ziehen, was +macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit +des Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und +rauscht der Regen nieder, so rückt man in der Halle +zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter +die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag +abgebrochen und jeder rettet sich wie er mag. +</p> + +<p>— Wie ist’s im Winter? fragte Grege, als ihm +Maikka auf einem Gang über die Felder die schulischen +Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte. +</p> + +<p>— Der Winter ist womöglich noch köstlicher als +Studierzeit. Da beziehen wir in Abtheilungen besondere +Räume. Jeder Bezirk — nein, ich habe Dich +doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung +in Herz, Magen, Nieren, Mund, Schlund +— hast Du Hunger, sprich? — jeder Bezirk hat seine +Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter +wohnen wir Alle, die mit der Schule als Lehrende +und Lernende zu thun haben, möglichst dicht beisammen. +Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. +Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. +Das Hauptgebäude jeder Schulkolonie +enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den +Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende +Wohnräume für die ständigen Schüler. +</p> + +<p>— Auch Werkstätten, Spielräume? +</p> +<!-- page 174 --> + +<p>— Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder +für die Reinigung wie zu lustigen Wasserfesten, während +draußen die Welt in Eis starrt und kracht, sogar +Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut. +</p> + +<p>— Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und +Lebenskreise, daß ich meinem Kopf ordentlich zureden +muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung +zu behalten. +</p> + +<p>— Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur +Zeit nehmen und Zeit lassen, das ist das ganze Geheimniß, +um mit Allem fertig zu werden. Das ist für +uns in Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer +und zu Allem Zeit. Uns plagt nie das Gefühl, daß +wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so +furchtbar lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht +kurz und zeitbeschränkt oder überladen vor. +</p> + +<p>— Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, +Meisterin, daß ich als beflissener Schüler Alles durcheinander +frage. Warum sieht man bei Euch all’ die +tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, +an den Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt +und Tritt geräuschlos den Verkehr vermitteln und so +viel Zeit sparen helfen? +</p> + +<p>— O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil +wir kein Gespensterleben führen mögen, sondern überall +persönlich dabei sein wollen. Weil tausend Dinge, die +Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. +Und so noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, +die Menschheit hat nie weniger Zeit gehabt, also auch +nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter. +<!-- page 175 --> +Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten +Alles, wußten Alles — nur Eines nicht, daß +das wahnsinnige Narrethei und kein Menschenleben ist. +Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine +Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! +Wir in Nordika haben es auch damals +nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die weiter +unten wohnen in der Geographie und sich als die +Spitzenreiter der Zivilisation bejubelten, bis sie in den +Graben purzelten, wie blinde Eseltreiber. Nein, wir +haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles überflüssige +Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange. +</p> + +<p>— Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta +hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen, +unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren, +vor den Augen und — +</p> + +<p>— Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, +aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß +kräftig lachte. +</p> + +<p>— Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege +nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben. +</p> + +<p>Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen +Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von +Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und +Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht +noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. +Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine +radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser! +Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken +<!-- page 176 --> +und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein, +sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und +ohne Falsch. +</p> + +<p>Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen +Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt. +Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen +sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder +durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch +Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung +belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem +achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung +in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe, +erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor +seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden +dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung +und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen, +Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu +unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst +im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie +alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten +bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde +Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne +Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens +zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit +zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da +bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu +künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder +zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen +herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege +zum Beispiel sie schätze? +</p> +<!-- page 177 --> + +<p>Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte +hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie +konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter +sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, +kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie +ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend +rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden +Augen mit den langen, dunklen Wimpern +und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen +Brauen — nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder +sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend +hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens +vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit +ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus +ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte +er ihr unmöglich geben. +</p> + +<p>— Lach’ mich nicht aus, Maikka, aber so Ende +der Zwanzig, nein, wär’s möglich? +</p> + +<p>— Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran +liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner +Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt’s keine alten +Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt’s. Ich +bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei +Jahre. +</p> + +<p>Grege wollte in Verwunderung ausbrechen. +</p> + +<p>— Nein, mein Schüler, hör’ mich ernsthaft zu +Ende und bleibe bei der Sache, nicht bei der Person. +Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob männlich +oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls +gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen +<!-- page 178 --> +Verkehr mit ihnen ihr Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen +stärken und ihre eigene Lebensanschauung entwickeln. +Denn eingepaukt wird hier nichts. Vorgeschrieben +als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in +Respekt und Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. +Jeder kann seine Muster suchen, wo er will, und sich +zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube +mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, +mögen sie auch verschiedene Wege einschlagen, immer +an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines Berges kann von +verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der +Weg eines Strebenden muß sich jederzeit individuell +bestimmen, nach Gemüthsart, Geisteskraft, Charakter. +Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden +Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das +Recht zu erwerben, andere Wege, als den seinigen, als +falsche zu verketzern. Das ist ja selbstverständlich. Die +Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen verschiedenartigen +Ideenkreis. +</p> + +<p>— Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder +seinen Ideenkreis in voller Freiheit. +</p> + +<p>— Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer +hinein zu versetzen und dann erst zu beurtheilen, ob +diese betreffenden Anderen den kürzeren oder den +weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, +das ist wichtig. +</p> + +<p>— Ja, sehr. +</p> + +<p>— Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt +von rechthaberischem Absprechen, von prahlerischem +<!-- page 179 --> +Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle echte +Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben. +</p> + +<p>— Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, +Maikka! Worauf erstrecken sich die Vorträge in Euren +Volkshochschulen? +</p> + +<p>— Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und +Kunst des eigenen Landes, dessen Verfassung und gesetzgeberische +Entwicklung. +</p> + +<p>— O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem +heiligen Teuta. +</p> + +<p>— Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, +Geographie, Mathematik, Gesang. Außerdem +werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, in Haus, +Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen +Kursen werden Abends einige Theile des +Vorgetragenen einer ungezwungenen allgemeinen Besprechung +unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine +Sache von mehreren Gesichtspunkten betrachten und +ihre Gedanken deutlich ausdrücken. Der Unterricht ist +überall für beide Geschlechter gemeinsam, auf allen Lehrstufen +und in allen Schulkolonien. So bleibt der +Geist natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben +sich nicht gegenseitig. Sie genießen den vollen +Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um +die Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen +Zeiten war, wo einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl +nur der Hungerlohn zum „Existenz-Minimum“ gehörte. +Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für Jeden, sie +sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle +Pflicht und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner +<!-- page 180 --> +Wohlstand, keine blühenden Genossenschaften, +kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute hier oben +beten unsere Heimath an! +</p> + +<p>Grege schritt still, gedankenvoll. +</p> + +<p>— Ja wir verehren unseren Boden, wir haben +Ehrfurcht vor unserer Natur. Wenn ein Bauer einen +jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn +er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder +das Haupt. Der Landbau ist eine heilige Kunst. Wer +den Pflug gut zu führen und eine schöne Furche zu +ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein +Bild malt oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense +schwingt und eine Mahd gefällig hinlegt, oder einen +Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so +bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der +Sänger oder wie der Architekt. Die Kunst, das ist die +Seele des Volks. Und ein Volk kann nie genug Seele +haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. +Siehst Du, Grege, drum freu’ ich mich allweil so +unbändig. +</p> + +<p>— Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend +in sich hinein. +</p> + +<p>Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf +ihn überstrahlte. Es war wie ein lohender Brand, +und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der +Flammenzone. +</p> + +<p>Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete +die Stelle, wo Jala’s Blutstern war. Verblaßt, +verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in die +Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. +<!-- page 181 --> +In seiner Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein +Licht, das im Dunkel seinen Gefühlen leuchtet, damit +sie nicht in Irrniß gerathen. +</p> + +<p>Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an +seiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger. +</p> + +<p>Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes +Angesicht. +</p> + +<p>— Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst +Du — oder bist Du hungrig? +</p> + +<p>— Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön +ist, was ich sehe, wunderschön ist, was ich höre. +Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie ich Dir genug +danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin. +</p> + +<p>Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. +Und am dankbaren Gemüthe des schönen, stattlichen +Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie +hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft +und Ueberschwang der Empfindung. Freilich, wo soll +das herkommen, wenn man aus dem vertrackten Teuta +stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er +denn das schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen? +</p> + +<p>Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender +Abgeschlossenheit. Hohe, breitwipfelige Bäume drängten +sich zu beiden Seiten des Weges und überschatteten +ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine +nackten Glieder laufen fühlte. War’s wirklich nur die +Schattenkühle, was ihn erschauern machte? +</p> + +<p>In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts. +</p> + +<p>— Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die +<!-- page 182 --> +Meierei da oben! dachte Maikka und beschleunigte die +Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine und +Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen +körperlich wenig geübten Teutamann erstaunlich muskulös +waren. Gute Rasse verrieth sein Leib in jedem +Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im +Wuchs konnte er neben dem gelungensten Nordikamenschen +mit Ehren bestehen. Er war ein edler Recke +in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich +sprossende Blondbart stand ihm ausgezeichnet. +Maikka hatte mit ihrem Gast keinen schlechten Fund +gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; +denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend +und reckend, um das Frostgefühl nicht merken zu lassen, +bot er wirklich das Bild eines Helden aus der Wiege +des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht +verhehlen, daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm +in das romantische Traumland der skandinavischen +Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und +Heldin in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit +ihm zu ringen und — sich von ihm überwältigen zu +lassen. Jawohl, auch dies — vollkommen überwältigen. +Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von +Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut +dampfend aus den Poren spritzte. +</p> + +<p>Grege eilte, eilte — +</p> + +<p>Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, +riß den Mund auf, daß ihr Gebiß schimmerte, wie +eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm mit +bebenden Nüstern zu: — Halt! Gelehriger Schüler! +<!-- page 183 --> +Weißt Du, wo Du wandelst? Weißt Du, wie ich Dich +sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, in Brünne, +Bärenfell und Flügelhelm! Du — Dich! +</p> + +<p>Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. +Als gälte es, sich zu plötzlichem Kampfe zu rüsten, +mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, zehn +Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige +Hüfte, stemmte einen Fuß vor den andern, +hoch hob er den Kopf auf dem starken Nacken: — +Halloh, Maikka! +</p> + +<p>Sie streckte den linken Arm und wies durch die +dunklen Stämme in die Lichtung gen Westen, wo das +ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den +Fjorden lag: +</p> + +<p>— Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende +nordische Aar sieghaft über die Welt, über +Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die abgelebten +Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis +in die vermorschten Knochen, bis in’s Mark! Wiking, +halloh, auf’s Drachenschiff! Wiking, los! +</p> + +<p>Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen +Lachen. +</p> + +<p>Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den +Fels umklammern, und die ohne Schwanken im Sturmestoben +den Blitz erwartet. +</p> +<!-- page 184 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-15"><span class="hidden">Kapitel 15</span> +</h2> + +<p class="noindent">Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge +Feuerpfeile durch die dunklen Stämme schoß, fanden sich +Grege und Maikka wieder an der nämlichen Stelle ein, +um ihre Wanderung fortzusetzen. +</p> + +<p>Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht +seines Lebens zu Ende zu erstatten. Was er ihr +gestern Abend erzählte, auch von Jala — daß sie +blind geworden, verschwieg er ihr — schien wenig Eindruck +auf sie zu machen. Sie verlangte auch nicht +Weiteres zu hören. +</p> + +<p>Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht. +</p> + +<p>Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein +spöttisch-mitleidiges Lächeln. +</p> + +<p>Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem +gefangenen Friska-Fürsten fand sie geschmacklos. Alles +Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht +auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung +nur die Bemerkung hin: — Was liegt an +Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und Nachkommen +habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran +liegt etwas. Vielleicht liegt auch an den Nachkommen +nichts, wer weiß! +</p> + +<p>Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte +<!-- page 185 --> +ihr barok, um kein verletzenderes Eigenschaftswort zu +gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich vor, hinsichtlich +Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine +geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er +gab seine Urtheile mit einem Wortprunk, der ihr als +afterpoetisch und unwissenschaftlich zuwider war. +</p> + +<p>Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne +nahm sie mit ironischem Kopfnicken auf: — Du willst +auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? +Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? +Welchen Inhalt soll Deine Kraft, Deine Jugend auf +der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein Inhalt? +</p> + +<p>Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm. +</p> + +<p>Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie +standen, wo sie gestern gestanden. +</p> + +<p>— Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn. +</p> + +<p>Grege schüttelte unmuthig den Kopf. +</p> + +<p>— Du sehnst Dich von hier fort? +</p> + +<p>Er schwieg. +</p> + +<p>— Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches +Gestade. Zu den Angelos kannst Du jedoch noch in +dieser Woche gelangen. +</p> + +<p>Grege wehrte heftig ab. +</p> + +<p>— Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, +das ich Dir empfehlen möchte. Du könntest dort viel +lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif dafür. +Willst Du nach Teuta zurück? +</p> + +<p>Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen +seltsam entschlossenen Ausdruck an: — Noch nicht. +Noch lange nicht, Maikka. +</p> +<!-- page 186 --> + +<p>Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen +aussprach, wie eine Liebkosung. Aber sie wollte jetzt +keine Liebkosung aus seinem Munde. +</p> + +<p>Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland +führte. +</p> + +<p>— Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier +bebaut. Solche Blumen, Kräuter und Früchte sieht +man selten. +</p> + +<p>Grege bejahte stumm. +</p> + +<p>— Vor hundert Jahren war’s nicht so. Der +Boden ist trächtiger geworden. Vielleicht das Klima +sogar milder. +</p> + +<p>Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich +unter der Last der Früchte bogen. Quitten hingen +über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke abgrenzte. +Von einem Spalier lachten Pfirsiche und +Pflaumen aus dem Laub. Dann kamen zwischen den +Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und Flammenblumen. +Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen +Farben über den Zaun. +</p> + +<p>— Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, +in Nordika? +</p> + +<p>— Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege. +</p> + +<p>— Und Ihr eßt von Allem? +</p> + +<p>— Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta +schmeckt ja nur das Chemische, das künstliche Präparat, +nicht das natürlich Gewachsene, nicht wahr? +</p> + +<p>— In Teuta! Geh’ mir mit Teuta, Maikka. +Ich bin doch nicht Teuta? +</p> + +<p>— Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon. +</p> +<!-- page 187 --> + +<p>Sie schöpfte tief Athem. +</p> + +<p>Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu +brechen. +</p> + +<p>— Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. +Sag’ mir lieber: Was haben Deine Teutaleute eigentlich? +Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, +meine ich. +</p> + +<p>Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses +ewige Examiniren! +</p> + +<p>— Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? +Vielleicht etwas mehr Humor, Maikka. +</p> + +<p>— Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden +kaum. +</p> + +<p>— Nenn’ ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst. +</p> + +<p>— Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für +Ulk. Du kannst davon singen und sagen. Dein Hinweis +gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im +Teutareich als — Ulkist! Zarathustraismus — +Ulkismus! +</p> + +<p>— Maikka, es ist wirklich schade um die duftige +Sonnenluft, daß wir sie mit solchen Gesprächen erfüllen. +</p> + +<p>— O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die +ist reich und kann etwas abgeben. Oder ziehst Du +vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. +Euer Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da +fliegt das Wort. Fang’s! Und gleich noch eins, dann +ist’s ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist +ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist +ein Komödiant und zwar kein guter. +</p> + +<p>Grege fuhr auf: — Respekt! +</p> +<!-- page 188 --> + +<p>— Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. +Das ist eins unserer Staatsgrundgesetze. +</p> + +<p>Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer +verbitterter, dann herrischer, hochfahrender; sie immer +schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie einen +stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, +dann gab’s einen Zehner. +</p> + +<p>Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken +schien. +</p> + +<p>— Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel +zu nehmen, Grege. Gesetzt, Deine Vorfahren waren +Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche Fürsten, +wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren — +ich will einmal ein historischer Stegreifrechner sein, +nach Teuta-Art, mit weitem Spielraum und elastischer +Grenze — also wie sie damals an den Kanten des +großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, +um kein anderes botanisches Wort zu wählen. Diese +Deine Vorfahren machten einen Hof und hielten sich +neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur Hofkomödianten +waren, noch besondere Hofschauspieler. O, +Deine Vorfahren, die Fürsten, zeichneten sie nicht +wenig aus, ihre berufsmäßigen Hofschauspieler. Sie +machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige +Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren +Frauen, oder traten persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe +als Leiter, als Führer, und machten +mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten +sich als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere +Weise nicht mehr zu gewinnen war. Glaubst Du, daß +<!-- page 189 --> +ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, +wo man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, +daß es in jenen Zeiten am Ende nicht besser gewesen, +die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm begnügt +und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und +nun, Grege, hör’ mich ohne Zorn an: Achtest Du’s +für ausgeschlossen, daß Du der Abkömmling — eines +Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein +könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, +auf die doppelte Erbschaft zu pochen? Ist das nicht +verständig geredet, Grege? Hättest Du Grund in dem +kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als +Schmach zu empfinden, da er doch in jenem großen +Reich von damals als unbezweifelte Ehre galt? Man +muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen. +</p> + +<p>Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und +streifte mit der Nase schnuppernd an einer hochstengeligen +Tulpe. +</p> + +<p>— Duftlos, lächelte er. +</p> + +<p>Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine +Bemerkung einging: — Vorsichtiger ausgedrückt, Deine +Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir künftig +beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt’s +ja nichts, aber unserer Nase und was als +empfindlicher Mensch noch dranhängt, kann’s zu statten +kommen. +</p> + +<p>Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene +sanfte Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege +im Weitergehen fort: — Ich möchte wissen, Maikka, +giebt’s auch Blödsinnige in Nordika? +</p> +<!-- page 190 --> + +<p>Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog +sie einen Augenblick. Dann betrachtete sie forschend +Grege’s Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie +der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen. +</p> + +<p>— Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur +wenige. +</p> + +<p>— Taubstumme? +</p> + +<p>— Ich vermuthe. +</p> + +<p>— Blinde? +</p> + +<p>— Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene? +</p> + +<p>— Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht. +</p> + +<p>— Ja, Grege. +</p> + +<p>— Wo sind diese Bedauernswerthen? +</p> + +<p>— In einer besonderen Anstalt. Draußen, in +der Nähe des großen Fjords. +</p> + +<p>— Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen? +</p> + +<p>— Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich +hatte einen erblindeten Freund draußen. +</p> + +<p>— O, einen erblindeten Freund! Der Arme! +Ist er nimmer sehend geworden? +</p> + +<p>— Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht +wieder erhalten, zum Theil wenigstens. +</p> + +<p>Eine große Bewegung erfaßte Grege. +</p> + +<p>— Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. +Der glückliche Unglückliche, nein, nein, wahrhaftig, er +wurde wieder sehend? +</p> + +<p>— Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt +hörte. +</p> +<!-- page 191 --> + +<p>Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der +Ahnung einer gleichen seligen Möglichkeit für seine +Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen und zu +weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte +die Wallung tapfer nieder. +</p> + +<p>— Und die näheren Umstände seiner Genesung? +Maikka, sag’ doch! +</p> + +<p>— Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt +und siedelte in einer fernen Gegend sich an, mit andern +Freunden. Und so verloren wir uns aus den +Augen. +</p> + +<p>— Sonderbar, sonderbar. +</p> + +<p>— Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder +aus den Augen verliert, Grege? Dies findest Du +sonderbar? +</p> + +<p>— Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du +mir die Anstalt draußen am großen Fjord einmal +zeigen? +</p> + +<p>— Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In +kommender Woche. +</p> + +<p>— Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine +mit den Fjords und so, ist wohl schwer? +</p> + +<p>— O, Du kannst leicht allein hinauskommen. +Bist Du sehr ungeduldig? +</p> + +<p>— Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber +warum soll ich Dir immer zur Last fallen? +</p> + +<p>— Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, +Grege. Und da sich nun einmal Alles so gefügt hat, +möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist fremd, +ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom +<!-- page 192 --> +Besuch in der Anstalt, möchte ich dabei sein, wenn +Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum +ersten Mal siehst. O, mach’ Dich auf ein ungeheures +Schauspiel gefaßt, Grege. +</p> + +<p>— Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend +heiß. Er riß sein Wams auf, daß die Luft +über seine nackte Brust strich. +</p> + +<p>Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht +von der Seite, im Gehen, und drückte sie innig. +</p> + +<p>Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand +mit der ihrigen fest. +</p> + +<p>So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in +heißen Gedanken. +</p> + +<p>Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu +Herz in Seligkeit. Und jedes hatte einen anderen +Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch +nur eine einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch +in verschiedener Mischung und Färbung. +</p> + +<p>Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die +sonnenverschleierte Ferne, er wendete den Kopf ein +wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah gierig +an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom +Haar beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher +Bewunderung: — Er ist schön, glühend schön, +mein Grege — und ihre schwellenden Lippen feuchteten +sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf +sie gefallen. +</p> + +<p>Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander. +</p> + +<p>Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem +<!-- page 193 --> +Satz — hopp! über ihre verschlungenen Hände hinüber +und davon, feldeinwärts, mit Gebell. +</p> + +<p>— Wem gehört das streunende Thier eigentlich, +Maikka? +</p> + +<p>— Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der +es am meisten lieb hat. Und das wechselt. Neulich +wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. +Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, +weißt Du. +</p> + +<p>Grege’s Gedanken waren schon wieder auf anderer +Fährte. +</p> + +<p>— Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in +die Anstalt? +</p> + +<p>— Wir kutschiren, Grege. +</p> + +<p>— Wie ist das? +</p> + +<p>— Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen +und spannen ein Pferd vor, ein recht flinkes. +</p> + +<p>— Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch. +</p> + +<p>— Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal +schöner, als das träge Hinausgleiten mit der +Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft. +</p> + +<p>— Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit. +</p> + +<p>— Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander +sind? Ich bitte Dich! Gefährlich, was heißt +gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den +Aengstlichen. +</p> + +<p>— Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, +nicht? +</p> + +<p>— Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie +<!-- page 194 --> +Du sagst, daß es anstrengend ist. Sieh’ mal hinüber, +dort hinter der Allee rutscht die Elektrische dahin, +und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern +und wählen uns Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! +Das wirkt stärkend auf Geist und Gemüth, +das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die +Nerven. Du wirst hüpfen vor Freude, glaub’ mir, +Grege. +</p> + +<p>— Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. +Diese Art der Weiterbeförderung bin ich gar nicht +gewohnt. +</p> + +<p>— Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte +das Belebende? Fühlst Du das nicht? Frag’ +einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am +Marschiren? Sind sie nicht vergnügt, daß sie sich +an Allem kräftig betheiligen dürfen, was wir unternehmen? +</p> + +<p>Grege lachte. +</p> + +<p>— Frag’ sie doch, Du eigensinniger Mensch! +Und Maikka lachte mit. +</p> + +<p>Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende +Menschen auf. Von einem eingefriedigten Weideplatz +schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte Sensen +dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen. +</p> + +<p>Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte +einen, der, ganz mit jungen Birken umbuscht, gar still +und heimlich war. +</p> + +<p>— Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt. +</p> + +<p>— Nun? +</p> + +<p>— Sie sind müde und hungern nach Ruhe. +</p> +<!-- page 195 --> + +<p>— O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt +ihr gefüttert werden. Die armen hungrigen Beine. +Wartet, ich weiß ein Mittel. +</p> + +<p>Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete +ihm die Waden, eine nach der andern, mit beiden +Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, Drücken, +Klopfen, dann preßte sie ein Knie um’s andere und +schlug lachend mit der Handschneide in die Kniekehle, +daß Grege einknickte. +</p> + +<p>Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt. +</p> + +<p>— Hör’ auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich +schmerzt’s. +</p> + +<p>— Nachher wird’s Dir wohl thun. Gieb mir +die Hände, heb’ mich auf. Und nun vorwärts! +</p> + +<p>Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen +Leib flog und einen Augenblick an seiner Brust lag. +</p> + +<p>— Maikka, was müssen die Leute denken! +</p> + +<p>— Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend +voraus: — Hier giebt’s übrigens gar keine Leute. +Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh. +</p> + +<p>Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden +Waden rieb, duckte sich Maikka auf den Boden +und machte sich klein, ganz klein, zu einem Häufchen. +</p> + +<p>Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: — +Allahopp, Fox, über mich hinüber! Eins, zwei — drei! +</p> + +<p>Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres +Auges, ihrer Stimme und Stellung war so groß, daß +Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde +Weib hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig +ihre elektrischen Haare. +</p> +<!-- page 196 --> + +<p>Sie sprang auf, klatschte in die Hände: — Himmlisch! +Aber jetzt müssen wir ernsthafte Leute sein und +wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, Grege? +</p> + +<p>— Ist das vernünftig geredet? +</p> + +<p>— Enorm, wenn Du ja sagst. +</p> + +<p>Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein +rothes Kätzchen über den Weg, eine piepsende Maus +im Mäulchen. +</p> + +<p>— Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der +Arbeit. +</p> + +<p>— Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien +todt. +</p> + +<p>— Sie verdient’s nicht besser. Ich habe Freistunde. +Und Du lernst doch was unterwegs, Du +dummer Mensch, nicht? Mach’ die Augen auf, jetzt +wird’s interessant. +</p> + +<p>Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm +am Nacken hinauf und packte seinen Kopf und drückte +ihn nach links. +</p> + +<p>— Was ist das dort, Grege? +</p> + +<p>— Ein Haus. +</p> + +<p>— Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat +das Haus? +</p> + +<p>— Ein Dach, Fenster, eine Thür. +</p> + +<p>— Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten +wir ein. +</p> + +<p>— Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür. +</p> + +<p>— Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt +ist er schon über seinen Meister und korrigirt ihn. +</p> + +<p>— Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub. +</p> +<!-- page 197 --> + +<p>— Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin +bin, also ein Weib? Bin ich denn ein Weib? Was +weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein +Mann sein! Bist Du ein Mann? Dann müßtest +Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja +nicht. Also! +</p> + +<p>— Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt. +</p> + +<p>— Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist +ein logischer Schluß, Du verzauberter Prinz aus +Märchenland. +</p> + +<p>Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte +ihn mit einem Druck, ihrer Schulter links vom +Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, +der gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich +vor Grege still und hauchte in fieberhafter Erregung, +athemlos: — Gieb mir einen Kuß. Ich verdurste. +</p> + +<p>Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf +die Stirn. +</p> + +<p>Sie aber schlang sich an seinem Körper in die +Höhe, suchte seinen Mund mit ihren Lippen und saugte +sich daran fest. +</p> + +<p>In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er +preßte Maikka, daß sie aufschrie und zu Boden fiel, +wie er plötzlich die Arme öffnete. +</p> + +<p>Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an +seinen Händen, an der Stelle von Jalas Stern. +</p> + +<p>— Du bist eine Wilde, knirschte er. +</p> + +<p>— Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. +Ich fürchte, Du hast mir weh gethan. +</p> + +<p>— Wer wohnt in dem Hause? +</p> +<!-- page 198 --> + +<p>— Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. +Willst Du sie kennen lernen? Dann komm! Heb’ +mich auf, ich bitte Dich. +</p> + +<p>Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie +ein Kind, festen Schritts durch die Laube über die +Schwelle. Da stellte er sie nieder. +</p> + +<p>Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. +Die Stube ganz einfach, sauber und behaglich, +wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster +ein Blick wie ins Paradies. An den Wänden ein +paar seltsame alte Bilder und Uhren, auf dem Sims +altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. +Ueber einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl +ragte das Bild einer gravitätischen alten Dame, mit +einer wunderbaren großen Haube von blendendem Weiß. +</p> + +<p>— Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir +gemalt. Gefällt es Dir? Ich werde Dich auch malen. +</p> + +<p>— Aber nicht so. +</p> + +<p>— Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst +einen Flügelhelm. Nun setz’ Dich in den Großvaterstuhl +und raste, Du Starker. Hast Du Hunger? +</p> + +<p>Er bejahte und verneinte zugleich. +</p> + +<p>— Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie +mit stechend glänzenden Augen, die immer größer zu +werden schienen, als wollten sie ihn verschlingen. +</p> + +<p>— Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege. +</p> + +<p>Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte +förmlich in ihn hinein und küßte ihn, als wollte sie +ihm die Seele aus dem Leibe küssen. +</p> + +<p>Und Grege ließ sie gewähren. +</p> +<!-- page 199 --> + +<p>Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege +jetzt Niemand auf der Welt. +</p> + +<p>Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, +der vom Garten durch Thür und Fenster fluthete, schien +wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da zu +sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen +umhüllte der Athem der tausend Blumen das +einzige Menschenpaar, daß es aus seliger Betäubung +kaum mehr erwachte. +</p> + +<p>Als das Irdische wieder sein Recht forderte und +die Seligen aus dem Himmel wieder zurück auf die +Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch +den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der +Stube. +</p> + +<p>— Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg +ist zu dieser Zeit nie daheim, wenn sie wohl ist. Und +die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich die Wirthin +machen. +</p> + +<p>Maikka verließ die Stube und kam mit einem +Krug Milch und einem großen Pfefferkuchen zurück. +</p> + +<p>— Hier, Grege, lass’ Dich erquicken. Ich bin +schon lange nicht mehr so glücklich gewesen. Und Du? +</p> + +<p>Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann +nahm er aus Maikkas Händen den Krug und that +einen tiefen Zug. +</p> +<!-- page 200 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-16"><span class="hidden">Kapitel 16</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. +Das Wetter verbot jeden größeren Ausflug. Seit einer +Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme, die +kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in +überschäumender elementarer Gewalt. +</p> + +<p>Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas +Bibliothek zubrachte, einmal systematischen Studien in +der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm nicht gelingen. +Die Sammlung fehlte, die Konzentration der +Gedanken, die allein zu einem eindringenden Verständniß +den Weg bahnen kann und mit dem Verständniß +die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege +erhält. Grege fluchte oft auf Teuta, das in seinem +versteinerten Bildungswesen aller wirksamen Mittel +sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre +wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele +unschätzbar werthvolle Jugendjahre mußte er daheim +vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken, das +der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber +von Staatswegen als alleinwissenswürdig verordnet. +Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über die Geistesnacht, +die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim +fühlte er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, +<!-- page 201 --> +sich nur unbefriedigt von dem gelehrten Quark, der +sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und wüst +blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und +sich nie in gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. +Doch über die Ahnung, daß das nicht das +Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres, Fröhlicheres +geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. +Jede Sehnsucht nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß +wurde dem jungen Volke mit der pfiffigen +Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das +Neue ist das Gefährliche, wir sind mit dem Alten das +erste Bildungsreich der Welt geworden, also haltet Euch +an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der überlieferten +Kulturideale und Kulturschätze schon noch an +Euch verspüren, auch wenn sich Euer unreifes Gefühl +jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf denselben Wegen +vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen +sind, alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, +Zucht und Sitte, für den Bestand des Staates, der +für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein muß +auf der Welt. So will’s unsere Weisheit, denn sie +ist auf die tiefste Einsicht in die Naturnothwendigkeit +aller Dinge gegründet. Will das Ei klüger sein als +Henne und Hahn? +</p> + +<p>Gluckgluckgluck, zippzippzipp — +</p> + +<p>Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig +auf, wenn er an die anmaßliche Frechheit und lebensmörderische +Aufschneiderei seiner Teuta-Autoritäten gedachte. +Na, auch diese Ilios wird stürzen. +</p> + +<p>— Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, +<!-- page 202 --> +die in der Nähe saß und emsig ihren nächsten Vortrag +vorbereitete. +</p> + +<p>— Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, +verödeten Kopf hättest, Du würdest noch Anderes +thun. +</p> + +<p>— Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder +herzurichten und urbar zu machen suchen. Ich würde +die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in +Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch +so jung, Grege! Du wirst Deine Welt noch erobern, +glaube mir! +</p> + +<p>Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich +hatte wenigstens, so leib- und geistesmächtig, so willensstark, +so unerschütterlich selbstständig. In ihrer unmittelbaren +Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, +und war doch voll reifer Klarheit und lachendem +Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war ihr zugleich +Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da +quoll Alles brunnentief und vollkommen frisch und +unmittelbar, gesund und natürlich aus einem innerlichen +Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt. +</p> + +<p>Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft +berührt wird, der kommt nimmer los. +</p> + +<p>— Nimmer los? rief’s wie ein fernes, müdes +Echo in seiner Brust. +</p> + +<p>Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres +Blutes genossen hat, dem wallt das eigene Blut in +seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es +ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, +und kann doch sich nicht aufschwingen und in seiner +<!-- page 203 --> +eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er mag. +Sie befreit und lähmt zugleich. +</p> + +<p>— Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das +Echo, noch ferner und müder. +</p> + +<p>Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er +abgewandt saß, glaubte er doch zugleich ihre Blicke +in seinem Auge und Gehirn zu spüren. +</p> + +<p>— Was sagtest Du, Meisterin? +</p> + +<p>— Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das +Wissen ist wie das unendliche Meer. Nur ein träumendes +Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen +Hand ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer +einmal von diesem Wasser getrunken, den wird ewig +dürsten. +</p> + +<p>— Und was arbeitest Du jetzt? +</p> + +<p>— Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du +schon von der Gesteinsbildung durch Pflanzen gehört? +</p> + +<p>Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er +erinnerte sich nicht, davon gehört oder darüber nachgedacht +zu haben. +</p> + +<p>— Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden +Betheiligung an ihr durch die Thierwelt +wirst Du gehört haben? Auch davon nicht? +</p> + +<p>— Ist das etwas Mechanisches? Etwas was +unser Teuta-Oberphysikus nachtüpfeln könnte? +</p> + +<p>Maikka lachte kurz und schrieb weiter. +</p> + +<p>— Liebe Meisterin, wenn’s nichts Mechanisches +ist, kannst es nicht von mir verlangen. In Teuta lehrt +man nur das Mechanische. +</p> + +<p>— Unsinn. Du bist jetzt in Nordika. +</p> +<!-- page 204 --> + +<p>— Gut. Also wie ist’s damit? Mit der Gesteinsbildung +durch Thiere zunächst! +</p> + +<p>Maikka legte den Stift in das Buch und streckte +die Arme aus, die ihr ein wenig steif geworden waren. +</p> + +<p>— Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie +zum Beispiel die ragenden Kreidefelsen an der Küste +der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen +oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind? +</p> + +<p>— Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, +da ich das Alles noch niemals gesehen habe, niemals +dort gewesen bin? +</p> + +<p>Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb +mitleidig. +</p> + +<p>— Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du +denn wenigstens nicht Abbildungen davon gesehen? +</p> + +<p>— Gestatte, daß ich verneine. +</p> + +<p>Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus +einem Schrank einen riesigen Folianten und legte ihn +vor Grege auf die Tafel. +</p> + +<p>— Such’ Dir selbst das Nöthige auf, ich habe +jetzt wenig Zeit. Den ursprünglichen Baustoff zu den +Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde Seethiere +geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von +Korallenthieren gebaut, und die Küsten der Angelos +bestehen zum größten Theil aus den Kalkgehäusen der +mikroskopischen Foraminiferen. +</p> + +<p>— Foramif — —? +</p> + +<p>— Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen +Auge nicht wahrzunehmen sind. +</p> + +<p>— Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, +<!-- page 205 --> +ob ich mir diesen werthen Namen der unsichtbaren +Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken können. +Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. +Ich glaube Dir auf’s Wort. Wie ist’s nun mit den +Pflanzen? +</p> + +<p>Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen +ausführend, zwischen den Büchergestellen hin und her. +</p> + +<p>— Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der +Erde wacker mit gearbeitet, wird Dir einleuchten. +</p> + +<p>— Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den +armen kleinen Thieren diese Arbeit nicht allein aufhalsen. +Weiter im Text, Meisterin! +</p> + +<p>— Du weißt doch Etwas von den Bergwerken? +</p> + +<p>— Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen +unter der Erde in den Riesenräumen der +ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und +zu einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, +welche die alten Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. +Das waren die unsichtbaren Bauthiere +unseres Landes. +</p> + +<p>— Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den +Schuttbergen ausgefüllt, das wäre für euch Teutamenschen +heilvoller gewesen. Solchen feigen Erdschlupfern +muß man den Boden zuschütten, damit sie +zu ihrer besseren Natur gezwungen werden. +</p> + +<p>— Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber +es war nun einmal das Schicksal des allzeit tiefsinnigen +Teutavolks, in der Noth der Zeiten — vergiß das +nicht! — sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. +Später, wie’s immer geschieht, bleibt man im schützenden, +<!-- page 206 --> +warmen Loch hocken und macht sich aus der Noth +eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit. +Fatal, aber unvermeidlich. +</p> + +<p>— Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir +ein Fragezeichen zu setzen. Bei einiger Ueberlegung +und Energie hätte der Schlupfwinkel in der Noth +nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit +bleiben müssen. +</p> + +<p>— Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, +Maikka! +</p> + +<p>— Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. +Der neue Geist baut sich einen neuen Körper +und schafft sich neue Wohnstätten. +</p> + +<p>— Wir hatten eben keinen neuen Geist. +</p> + +<p>— Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals. +</p> + +<p>— Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. +Es ist komisch, wir können keine zehn Worte wissenschaftlich +miteinander reden, geht der Zank los. Ach, +Maikka — +</p> + +<p>— Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, +sondern opponiren. +</p> + +<p>— Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen +fort, ich werde Dir nicht einmal opponiren. Ich sitze +still und spitze die Ohren. +</p> + +<p>— Das sollst Du auch nicht, Grege. +</p> + +<p>— Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer +Verzweiflung und sprang von seinem Sitz. +</p> + +<p>Maikka schob seinen Arm in den ihrigen. +</p> + +<p>— Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht +und hört sich’s gemüthlicher. +</p> +<!-- page 207 --> + +<p>Und nun schritten sie selbander den Saal ab, +Arm in Arm, Meisterin und Schüler. Und um größere +Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen +zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen +übte die kluge Meisterin laut dozirend ihren nächsten +Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß, im +Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer +Fühlung zu haben. Draußen klatschte der Regen unablässig +und erkältend an die Scheiben, so daß sie sich +innen mit feuchtem Hauch überzogen. +</p> + +<p>Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort +dazwischen, dann drückte die Sprecherin seinen Arm +mit besonderer Innigkeit. +</p> + +<p>— Algen? Großartig! +</p> + +<p>— Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in +dieser Weise bei der Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern +thätig gewesen sind. Sie sind Gesteinsbildner +ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher +geschwankt, ob sie die Algen zu den Thieren oder zu +den Pflanzen stellen sollen. +</p> + +<p>— Die Naturforscher! lächelte Grege. +</p> + +<p>— Sie leben im Meere . . . +</p> + +<p>— Die Naturforscher? +</p> + +<p>— Die Algen leben im Meere, besonders auf den +Korallenriffen und gleichen äußerlich Polypen-Stöcken, +da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht bedeckt ist +und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den +ältesten Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten +Jahrhunderts noch, Nulliporen genannt, haben in +früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige +<!-- page 208 --> +Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch +hat man bei Ausgrabungen in den Ruinen von Paris +ungeheure Massen von Baustein gefunden, der aus +Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in +den Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, +die aus den Gerüsten von Kalkalgen gewachsen sind. +</p> + +<p>— Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege +dazwischen. +</p> + +<p>— Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere +Ausgraber, namentlich amerikanische Archäologen, versicherten, +die Arbeit lohne zu wenig, da man bislang +noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine +andere Gruppe von Algen bilden die Erbauer des +Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die ungeheuren +Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch +des päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die +Ausgrabungen nicht wieder aufgenommen worden, seit +die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild IX. +Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus +nach Amerika gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste +in Konstantinopel und Sevilla haben damals, +ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen +Staub von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre +Statthalterei über den Ozean getragen, nach Südamerika +und Australien. +</p> + +<p>— Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege +still für sich. +</p> + +<p>— Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, +aus der Gruppe der . . . der . . . Schizophyceen, finden +sich in Amerika. Unter den heißen Quellen des Yellowstone-Parks +<!-- page 209 --> +haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen +abgesetzt, die eine Ausdehnung von über +zwei Quadratmeilen und eine Höhe von einigen tausend +Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren +Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, +grüne und braune Streifen und Flecken in Menge ab +und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es +sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je +nach der Temperatur des Wassers bald diese, bald jene +Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad nur weiße +Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel +bedeckt sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen +sich grüne Farben ein, bei noch geringerer Wärme +kommen die rothen und orangefarbigen und in den +kühlsten Becken sind sie olivenbraun. +</p> + +<p>— Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege +und blickte schwärmerisch auf die gelehrte Meisterin, die +unermüdlich weiter dozirte. +</p> + +<p>Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei +der Sinterbildung, auf die kieselschaaligen, mikroskopischen +Bazillarien, auf die Infusorienerde und vieles +Andere zu sprechen. +</p> + +<p>Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor +ihr ermüdet und vermochte ihren Ausführungen nicht +mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte, ihr +seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch +nur das Alles im Kopf behalten und so anschaulich +wiedergeben könne! +</p> + +<p>Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes +hören, etwas Ungelehrtes, Unwissenschaftliches, gestand +<!-- page 210 --> +er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches, sonst +halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich +in seinem Kopf. +</p> + +<p>— Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und +ich büffle mit Vergnügen noch eine halbe Stunde an +der Ausarbeitung meines Vortrages. +</p> + +<p>— Ja Du, ein Weib! +</p> + +<p>— Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung +haben. +</p> + +<p>Grege spitzte schon den Mund und warf sich in +Positur. +</p> + +<p>Aber er hatte sich diesmal verrechnet. +</p> + +<p>Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre +bibliographischen Raritäten und Kostbarkeiten enthielt. +</p> + +<p>Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei. +</p> + +<p>Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, +besah es nachdenklich. +</p> + +<p>Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das +Gesicht geschlagen, vor sich das weite, stille Meer. +Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel +und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen +mit dem Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. +Als Schlußruf: Was gehen wir uns an, was +haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte +jetzt nicht an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge +es nicht. +</p> + +<p>— Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt +Maikka, die ihm über die Schulter sah. +</p> + +<p>— Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten +Jahrhundert. Seine wohlgezählten elf Jahrhunderte +<!-- page 211 --> +alt und so frisch und schön in seiner Empfindung, +wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll +wie ein Märchenschatz Indiens: „An die Schönheit“. +Und Dir viel zu ernst? Gut, ich weiß Dir Passenderes. +</p> + +<p>Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen +Raritäten und Kostbarkeiten enthielt. +</p> + +<p>Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in +Leder gebunden, arg von der Zeit mitgenommen, und +schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch voll +schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf. +</p> + +<p>— Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte +die Hände wie die alten Gläubigen zum Gebet! +</p> + +<p>Es war der letzte Band der „Fliegenden Blätter“ +aus dem Jahre 2001, Jubiläumsausgabe, das Einzige, +was von deutschen Zeitschriften für die Nachwelt übrig +geblieben. +</p> + +<p>An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, +daß der Aelteste des Bezirks bereit sei, Grege zu +empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte. +</p> + +<p>Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter +dem Rücken Greges die Sache eingefädelt. +</p> + +<p>Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem +Rücken Maikkas um den Empfang nachgesucht. +</p> + +<p>So hatten beide Theile einen vergnügten Tag. +</p> +<!-- page 212 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-17"><span class="hidden">Kapitel 17</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen +Mantel und einen breitkrämpigen, weichen, braunen +Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen vielleicht +Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar +bequeme Schuhe und nahm ihm die Sandalen ab. +</p> + +<p>Grege machte sich auf den Weg. Der Regen +hatte nachgelassen. Die Luft war angenehm, aber für +Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im +geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog +sich den Mantel dicht um den Leib, hüllte auch die +Arme darein. +</p> + +<p>Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe +und blickte Grege nach. +</p> + +<p>— Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, +dabei doch männlicher geworden. Seit er von +Freyas Aepfeln genossen . . . +</p> + +<p>Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre +Arbeit, nachdem sie die kostbaren Werke von Greges +Tisch genommen und sorglich in den Schrank geschlossen. +</p> + +<p>Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende +Himmel hellte auch die Scheiben auf, deren +Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte. +</p> +<!-- page 213 --> + +<p>Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen +Büchergestellen und Schränken, Tischen und Pulten +gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, +wie von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war +wie ein erleichtertes Aufathmen nach dem Druck der +trüben Elemente, die während des langen Regnens auf +der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in +diese lichte Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen. +</p> + +<p>Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb +sich die Hände. Sie war sehr zufrieden. Die Arbeit +schmeckte ihr vortrefflich. +</p> + +<p>Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er +an Großmutter Ingeborgs Gartenhaus vorüber, das +nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag. Heller, +etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. +Großmutter Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das +Herz ist ihr voll und sie strömt den Ueberfluß in +Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege +lächelte und schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. +Grege grüßt das Glück. Wie das klingt, und wie ist +es wahr! +</p> + +<p>Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte +seine Brust und beflügelte seine Schritte. Wie reich +und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie +licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde +. . . +</p> + +<p>Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, +unbefangen. Von einem Altan sieht ein Mann +herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein +<!-- page 214 --> +Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt +auf dem Zaun und dreht den Kopf so, daß ihm die +plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den rothen +Kamm scheint. +</p> + +<p>Dort ist das Rathhaus. +</p> + +<p>Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur +reicher bemalt in Braun und Grün, und mit Sinnbildern +und Schildereien auf den weißen Wandflächen +zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere +Stock ist Steinbau. +</p> + +<p>Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe +hinauf. Er schlägt den Mantel auseinander und nimmt +den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm geworden. +Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen +abgehalten werden. Keinerlei Einrichtungsgegenstände. +Nur umlaufende Bänke an den Wänden, +diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt. +</p> + +<p>Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, +an dessen Ende eine Thür einladend offen steht. +</p> + +<p>Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine +wirkliche „Hoheit“ (o Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. +Er ist wohl achtzig- oder neunzigjährig, +seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer, +mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, +lockiges Haar wallt auf seine Schultern. Grege erinnerte +sich nicht, je in ein würdevolleres und zugleich +freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu +haben. Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von +lebendiger Färbung, aus seinen blaugrauen Augen, von +mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet Männlichkeit +<!-- page 215 --> +und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer +Herr. Klarheit und Entschiedenheit thronen auf seiner +Stirn. +</p> + +<p>Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und +ladet ihn zum Nähertreten ein. +</p> + +<p>Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen +Gemach auf Lederpolsterstühlen einander gegenüber. +Durch die beiden mäßig großen Fenster sieht +Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, +die Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den +Blatträndern. +</p> + +<p>Der Patriarch lächelt: — Ich bin der Aelteste +dieses Landschafts-Bezirks und heiße Dich willkommen. +Du bist Grege? +</p> + +<p>— Grege aus Teuta. +</p> + +<p>— Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka +hat mir’s erzählt, unsere brave Meisterin. +</p> + +<p>— Ja, ich danke ihr viel. +</p> + +<p>Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat +sie schon von ihm berichtet? +</p> + +<p>— Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich +in Nordika vom Ungemach Deiner Reise erholen. Es +ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu +sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die +Leute dort nicht so stattlich gedacht. Du bist der Erste +aus Teuta, den ich sehe und spreche, und bin kein +Jüngling mehr. Blüht Dein Land? +</p> + +<p>Grege lächelte ein wenig zweifelhaft. +</p> + +<p>— Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. +Aus den Berichten habe ich Mancherlei +<!-- page 216 --> +gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz +fremdartigen Ansichten und Einrichtungen. +</p> + +<p>— Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und +Wechselfälle unserer früheren Geschichte . . . +</p> + +<p>— Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer +Blüthenzeiten gehabt. Kannst Du mir sagen, wie Euer +großes Gemeinwesen verwaltet wird? +</p> + +<p>Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, +daß er jetzt ein feierlich verlegenes, fast dummes Gesicht +mache. +</p> + +<p>— Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich +ein Geheimniß. Wie das Meiste, was unseren Staat +und seine Einrichtungen betrifft. +</p> + +<p>— Sogar für Euch Teutaleute selbst? +</p> + +<p>— Wir haben viele und verwickelte Traditionen. +Es ist ein Mechanismus, in welchem nur Diejenigen +Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden und +sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen +nehmen es auf Treu und Glauben. +</p> + +<p>— Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz +auf Euer friedliches Glück. +</p> + +<p>— O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen +weiß ich manche unzufrieden, und ich vermuthe, daß +auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht +einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, +der Glaube an die Nothwendigkeit, daß, wie es +ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, läßt nichts +aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs +untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine +stetige Absonderung von Mann zu Mann, von Geschlecht +<!-- page 217 --> +zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe ist +und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner +dem Andern so recht von Herzen traut. Wer an die +Majestät des Staates rührt, ist ein verlorener Mann, +er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze +der ehrbaren Meinung. +</p> + +<p>— Habt Ihr viele Gesetze? +</p> + +<p>— O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein +wir uns seit Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist +gar nicht mehr herauszukommen. Alles ist bei uns +Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. +Es steckt blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und +unsere Obersten sind die Hüter, daß an dieser zweiten +Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie eine Kruste +uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge. +</p> + +<p>— Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt +in dieser Haft, ist erstaunlich, bloß naturgeschichtlich +angesehen. In der Wissenschaft von der Regierung +galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: „Das +Verderben des Staates sind die Gesetze.“ Besonders +jene Gesetze, welche neben einem ausgesprochenen Zwecke +noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da +muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk. +</p> + +<p>— Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es +sich so frei und schön entwickelte? +</p> + +<p>— Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte +haben fleißig probirt, in jeder Landschaft anders. Bis +sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist ihnen +nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein +Beispiel erzählen. Nicht von dieser Landschaft, sondern +<!-- page 218 --> +einer weiter nach Norden gelegenen. Da hat vor ungefähr +hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend +gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, +den Leuten alle Freude zu nehmen. Grundsatz war +sittsames Leben, warme Herzlichkeit, einfache Kost, +schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, +konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich +weiter brächte. Es war eine winzig kleine, bald verschwindende +Zahl, die nicht mitthun mochte. Aller +Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte +seine individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. +Das war nicht schwierig, unter Gemeinwohl +verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte +zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben +auch in der bescheidensten Form auf. Alles war gemeinsam, +aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die +Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen +Mann zu seiner Lust zwingen. Die gemeinsame Verwaltung +der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und +Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat +nur in außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen +Versammlung zusammen, der Aelteste war +der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte +Stimme, die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen +wurden niedergelacht. Als die Genossenschaft in ihrer +Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein Witzbold, +den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein +Jeder essen, anziehen, wann er zu Bett gehen und +aufstehen, wie er grüßen sollte und dergleichen Kindereien. +Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen +<!-- page 219 --> +sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er +wurde jedoch nicht niedergelacht, wie sich’s geziemt +hätte, sondern angenommen. Und von da ab war die +Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte +Aufpasser, die feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr +zu Bett gegangen und Schlag sechs aufgestanden, ob +in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, +ob keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. +Kurz, in Holgersland war die Freude weg. +Es gab Vorhalte, Strafpredigten, Verstimmungen, +Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in’s +Land, die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die +Leute mußten bei den südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. +Unter denen war ein starker Mann, der +sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit +abthun. Was geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften +tauschten erst ihre Meinungen und dann +erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein +Bund zwischen ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und +Regierungssystem. So ging’s weiter. Eine Landschaft +borgte von der andern und lernte von der +andern, sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere +Ordnung. In dem Maaße wie sie gesicherter +und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. +Was die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen +die Andern an, was fehlschlug, ließen auch die Andern +bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu unserm heutigen +Nordika mit den guten Zuständen gekommen. +</p> + +<p>Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so +lange gesprochen, das Alter mache nun einmal redselig. +</p> +<!-- page 220 --> + +<p>Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei +die Sache freilich nicht so gegangen. Und jetzt sei sie +wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und +Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. +Ein Unglück geradezu sei es, daß sie in so dichten +Massen beisammen hockten und sich nicht von einander +loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten +wagten. Alles Land weit um Teuta herum sei +Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse versumpft, +von Garten- und Feldbau nicht im Traum +zu reden. Die Teutaleute hätten keinen Muth und +keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend +Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die +im einstigen Reich, das von der Nordsee bis an die +Alpen ging, die oberste Führung hatten in allen +Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche +der sogenannten europäischen Kulturstaaten nur +Trümmer gerettet und diese allerdings zu einer eigenartigen +Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde +man dabei nicht froh. +</p> + +<p>— In welchen Künsten und Wissenschaften liegt +Eure Stärke jetzt? +</p> + +<p>Grege antwortete mit Ueberzeugung: +</p> + +<p>— In der Feinmechanik und in der Chemie. +Wir haben die winzigsten und feinsten Werkzeuge und +unsere Handwerker haben Finger wie einst die geschicktesten +Chinesen. Wir können Alles nachmachen +auf künstlichem Wege. Wir sind selbst schon fast Automaten +geworden. In der Chemie der Nahrungsmittel +sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen. +</p> +<!-- page 221 --> + +<p>Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege +erschreckte und demüthigte. +</p> + +<p>— Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr +könntet die Menschen, zumal die Kinder, hundertweis +verschwinden lassen und die Leichname der ältesten +Leute chemisch verflüchtigen. +</p> + +<p>Grege senkte den Kopf und murmelte: — Ja, +das können wir auch. +</p> + +<p>Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den +Tauschhandel mit den Slavakos denken, und wie er +jetzt von unten herauf durch’s Fenster schielte, vermeinte +er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu +sehen. Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, +mit so bohrendem Schmerz und so ehrlicher Scham +hatte er’s nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in +Teuta geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend +gewesen, zu verhindern, wenn es das Loos slovakischer +Tauschwaare getroffen, daß man es von der Brust +der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten +Alterthum hätte man nichts Naturwidrigeres +ersinnen können. +</p> + +<p>Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf +und sah den Blick des hoheitsvollen Aeltesten streng +auf sich gerichtet. +</p> + +<p>Der Greis lächelte wieder: — Euere Chemiker sollten +das Ueberlebte nicht erst verflüchtigen, wenn es zum +stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch sollten einmal +die Jungen statt der Alten am Räderwerke des +Staates sitzen. +</p> + +<p>— Wenn das ginge, sagte Grege tonlos. +</p> +<!-- page 222 --> + +<p>— Wenn’s nicht geht, freilich, dann geht’s nicht. +Das müßt Ihr wissen. +</p> + +<p>Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich +aber nach einem Blick durch’s Fenster wieder auf dem +Sitze nieder. +</p> + +<p>— Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen +setzt frisch ein. Ich mag jetzt nicht gehen. Vielleicht +magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel +von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann +ich mir keine rechte Vorstellung machen. Wie sieht +das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich. +Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, +Weideplätze mit Thieren, Fluten mit Ackerleuten — +das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? +Euere Straßen sind Gänge und Schläuche in der +Erde, Euere Seen liegen tausend Klafter tief unter +dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle, +Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen +— und Alles von unten herauf beleuchtet, +von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? +Hat Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? +So eine Art Nibelheim, ja? +</p> + +<p>— Ja, so eine Art Nibelheim. +</p> + +<p>Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das +Gesicht in beide Hände und murmelte: Nibelheim, +Nibelheim. +</p> + +<p>— Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber +es ist Deine Heimath. Sie ist Dir so heilig, wie uns +die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst +sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen +<!-- page 223 --> +Träumen bei Nacht . . . Hab’ ich recht, Grege? Es +giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl. +Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren +auf diesem Boden. +</p> + +<p>Grege nickte traurig. +</p> + +<p>— Und aus sich heraus formen sich die Menschen +ihre Heimath wieder, aus dem Gesunden und Jugendlichen +stammen die Veränderungen und Verbesserungen. +Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir +gestalten es weiter in’s Breite und Große, in unserer +Umgebung. Maikka . . . +</p> + +<p>Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in +blauem Feuer. +</p> + +<p>— Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei +uns bleiben und lernen willst. Es ist so schön, jung +zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? +Man soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, +denn es lehrt uns das Eigene tiefer erkennen. +Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und sich +nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig +wie vor den Anderen. Hast Du strebsame Freunde +daheim, die treu zu Dir stehen? +</p> + +<p>— Die muß ich mir noch schaffen. +</p> + +<p>— Schaffe sie Dir. +</p> + +<p>Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen +Lockenhaar und den gütigen Augen und dem beredten +Munde um den Hals fallen — und Vater! rufen +mögen. Vater! Wem hätte er in Teuta diesen Namen +geben können, geben mögen? Das ganze junge Volk +dort, war’s nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel +<!-- page 224 --> +erzeugt, im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen +Helle und Hilfe? +</p> + +<p>— Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du +bist mir stets willkommen. Heute Abend machen unsere +jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal +und führen Tänze auf. Du bist eingeladen. +</p> + +<p>Grege sagte zu. +</p> + +<p>Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen +Abend verfügt hatte. +</p> + +<p>Und er war ihr zu Willen und verbrachte die +Nacht in Ingeborgs Gartenhaus und „grüßte das +Glück“. +</p> +<!-- page 225 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-18"><span class="hidden">Kapitel 18</span> +</h2> + +<p class="noindent">Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute +wieder ihren lachhaften Tag. Nichts Ernsthaftes verfing +bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er wollte. +Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen +im Leben und Denken, im Schaffen und Schalten hatte +sie nur die eine Antwort: Du bist ein Narr — Alles +kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller +Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der +Freudlosigkeit gewalzt wird, ist Blech. Grege, noch +einmal, wenn Du mich anmoralisirst und anphilosophirst, +so nehme ich all’ meinen Muth zusammen und verachte +Dich, Amen. +</p> + +<p>Und dann brach das Lachen los. Eine ganze +Symphonie, ein ganzes Konzert, eine ganze Oper, ein +ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter +Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da +klang’s bald wie ein Choral, bald wie ein Schelmenlied, +bald wie Lerchentriller, bald wie Amselruf, bald +wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer +schön bei aller Tollheit. +</p> + +<p>Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des +Lebens harter Pflicht wacker gekämpft. Zunächst in +aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen +<!-- page 226 --> +Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen +erhalten, dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen +beigewohnt zur Festsetzung des Arbeitsplanes +für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an +den Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen +mußte, dann am Nachmittag in der Volkshochschule +ihren großen Vortrag über die Betheiligung +der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit +darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann +noch Dieses und Jenes, wobei sie ihren ganzen Kopf +einzusetzen hatte. +</p> + +<p>Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und +Abend frei. Und für sie gab’s nichts Inhaltsreicheres +als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege wußte +davon zu sagen. +</p> + +<p>— Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, +rief sie und schleppte ihn auf den Thurm und auf die +Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt „Liebesgarten +der Abgeschiedenen“, wo die Asche der Abgeschiedenen +auf die Beete gestreut wird und ein herrlicher +Rosenflor weithin seine Düfte sendet, gleich letzten +süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen Werkstätten +(denn alle Hantirungen, die mit störendem +Lärm, Gepoche und Gehämmer verbunden waren, mußten +abseits von den Häusern in kellerartigen Räumen verrichtet +werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus +und in eine Haushaltungsschule, wo es nur so +von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen schwirrte. +</p> + +<p>— Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber +als die Buben? Wie viele könntest Du einmal lieben +<!-- page 227 --> +von ganzer Seele, sag’? Wie groß ist Euer Herz in +Teuta? +</p> + +<p>Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, +oft wußte er dem Ansturm des Kobolds gar +nicht Stand zu halten. +</p> + +<p>Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit +welcher Gewandtheit dieser Neckgeist die Uebergänge in +die verschiedensten Gefühls- und Aeußerungsweisen fand, +je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder +weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder +erzwungene Heuchelei, völlig aus einem überreichen +Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster +Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden +wie alle lähmende Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute +unter sich waren wie ein reingestimmtes Instrument, +wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem angeschlagenen +Grundton, je nach der durchklingenden +Tonart. Und wo ja einmal ein Mißton aufzitterte, +da antwortete eine kluge Pause, bis es wieder stimmte. +</p> + +<p>Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten +Teutamann, in welchem so viel Dogmatisches, Verbohrtes, +Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht auszutreiben +war, griff Maikka zuweilen fehl und traf +nicht den gesuchten Ton. Da konnte sie dann herrisch +aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des Ausdrucks sich +fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war. +</p> + +<p>Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser +urwüchsigen und doch so verfeinerten Frauennatur lernte. +Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue Erkenntnißquellen, +davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither +<!-- page 228 --> +keine Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und +Herzensfrühling, und wenn er über sich und seine frischaufgeschossenen +Pläne und Zukunftshoffnungen nachdachte, +stieg er in sich selbst herum wie in einem +blühenden Wunder. Jetzt erst glaubte er an sich, an +seinen besonderen Beruf, in der Fülle der Klarheit, die +in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken +fügte sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich +zu einem hellen Ganzen verbanden, nicht mehr zerrissen, +nicht mehr verschwimmend, sondern zusammengehalten +wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft +durchgriff bis zum äußersten Kreis. +</p> + +<p>Aber lachen, lachen wie Maikka — nein, das +würde ihm und seinen Teutaleuten wohl nimmer gelingen. +Das setzte Siege über so wesentliche Teuta-Thorheiten +voraus, daß noch Generationen daran sich +die Zähne ausbeißen mußten. Nur das stand ihm +unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt begonnen werden +mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte +Alles gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn +er sich all’ die Widerstände und Verwicklungen ohne +Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, +je näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht +der Ereignisse selbst fallen die besten Entscheidungen. +Hinein — und durch! +</p> + +<p>— Sag’ mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über +Euch zu Gericht, ich meine, wer entscheidet zum Beispiel +über die Bedeutung eines Lehrers oder einer Lehrerin? +</p> + +<p>— Nun aber die Frage! Darüber kann doch +vernünftigerweise nur ein Gericht und kein anderes entscheiden, +<!-- page 229 --> +und das sind die Schüler. Wo in aller Welt +könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über +die Befähigung eines Schneiders? Doch nicht ein +Kollegium von Schneidern? Doch nur Diejenigen, +welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk +an ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch +nur von Denjenigen gerichtet werden, an denen er +sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm +das gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend +einem begreiflichen Hintergedanken heraus an dem Werke +ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln haben. +Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort +Euern Teuta-Idealen und Staatsweisthümern +wider den Strich? Wer entscheidet in Teuta über die +Lehrer? +</p> + +<p>— Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen +Wortschatzes. +</p> + +<p>— Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du +nicht auf den Bauch fällst und Dir dabei das Genick +brichst. +</p> + +<p>Und sie lachte über diese „Teuta-Möglichkeit“, daß +sich ihre Hüften bogen. Es war auf dem Wege zur +Fohlenwiese. +</p> + +<p>— Schau’ dort das Mädel, Grege, roth wie eine +Rose. Wer sitzt über die Rose zu Gericht? Eine +andere Rose? +</p> + +<p>Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden +gelehrigen Schülerton: — Die Nase, die daran riecht, +das Auge, das sich an der Farbe entzückt, die Finger, +die schmeichelnd daran tasten . . . +</p> +<!-- page 230 --> + +<p>— Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka +im gleichen Ton, und sie fand den Spaß sehr gut. So +viel Laune hätte sie heute dem ernsten Staatsdenker +Grege wahrhaftig nicht zugetraut. +</p> + +<p>Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die +verschiedensten Gebiete, freuten Grege. Und wie die +Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten die +Gedanken in seinem Kopf. +</p> + +<p>— Du, Maikka, wie ist’s in Nordika mit dem +Kinderzeugen? +</p> + +<p>— Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir +werden gleich dort sein. +</p> + +<p>— Halten’s die Menschen hier wirklich auch so? +Wer hat, der giebt, und wer empfängt, der richtet sich +darauf ein? +</p> + +<p>Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu +werden. Maikka hingegen zog es vor, jetzt ernst zu +bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es +kam ihr so. +</p> + +<p>— Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf +sich hält, besteht die freie Wahl-Liebe, nicht wahr? +Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf längere +oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen +mag, ist Sache des Gefühls und der wirthschaftlichen +Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, Grege? +</p> + +<p>Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, +denn plötzlich fühlte er, als Teutamann, bei dem verhaßten +Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden +unter den Füßen. Er wollte die Szene von neulich +nicht noch einmal heraufbeschwören. +</p> +<!-- page 231 --> + +<p>— Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles +Gewächs. +</p> + +<p>— Sicherlich, Grege. +</p> + +<p>— Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor +ein und zwei tausend Jahren, wie es die Geschichte +ausweist, ging’s ein wenig kraus zu. +</p> + +<p>Maikka brauste auf: +</p> + +<p>— Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging’s zu, +unsinnig bis zum Ekelhaften. Mit der damaligen Auffassung +von Liebe und Ehe waren doch alle Naturbegriffe +gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. +Sie hatten’s auch dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen +denkt, fragt man sich, in welchem Tollhaus +die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die +Sittlichen gelebt haben. Und darauf hatten sie noch +ein kirchliches und ein staatliches Patent. Neunzehntel +aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien einerseits, +aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits +drehten sich um ihr „Ewigweibliches“, was in ihrer +Lebenspraxis doch nur ein Ewigabgeschmacktes war. +Dazu hatten sie ihre „Frauenfragen“ jahrhundertelang, +und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter +Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive +und aus dem Gegensatz der Geschlechter und +ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette abzunehmen +und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung +kamen sie nicht. +</p> + +<p>— Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil +sie ihre Natur verloren hatten. In Nordika habt Ihr +gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich mit +<!-- page 232 --> +der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten +in allen Stücken mit ihr auseinander ist. +</p> + +<p>Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der +Nase. Er strauchelte über einen ersten und fiel über +einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war. +</p> + +<p>Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen. +</p> + +<p>— Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, +wenn man die Kultur übersieht! +</p> + +<p>— Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! +Ich habe mir wirklich am Schienbein weh gethan. +</p> + +<p>— Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade +vor Schadenfreude. Warum soll ich nicht lachen? Lacht +nicht auch der Himmel über uns? +</p> + +<p>— Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich. +</p> + +<p>— Und wird’s hoffentlich noch öfter thun, auch +wenn wir ihm keine Veranlassung bieten, aus freien +Stücken. +</p> + +<p>Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. +Es waren nur einige ältliche Stuten in der +Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die +Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. +Weiter drüben tummelte sich das jüngere Pferdevolk. +</p> + +<p>Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch +und Zuruf jagte sie die Thiere auf. Bevor +ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte +sie sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden +Pferdes geschwungen. +</p> + +<p>Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten +Hand in die weiße Mähne und wendete sich nach +Grege um. +</p> +<!-- page 233 --> + +<p>— Mir nach, Grege! +</p> + +<p>Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr +braunes Röckchen flatterte. Ihre nackten Arme und +Beine leuchteten. +</p> + +<p>Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte +sie ihn völlig verrückt machen? Das Schauspiel war +ja an sich ganz lustig anzusehen, diese galoppirende +Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er +würde sich jedoch hüten, ihr nachzumachen und den +Hals zu riskiren. Die anderen Stuten betrachteten +ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie +fort, Maikka nach. +</p> + +<p>Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, +sprang ab und schwang sich auf ein anderes Pferd, +das sie als das Leitroß erkannte. Ihr Lieblingspferd +war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger +Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, +ein herrlich edler und intelligenter Kumpan, unter dessen +ritterlicher Obhut die gesammte Fohlenwiese stand. In +seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls ein +tadelloses Thier, das Regiment. +</p> + +<p>— Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp! +</p> + +<p>Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, +und der ganze Trupp hintendrein mit Gewieher +und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, +der erschreckt zurückwich. +</p> + +<p>— Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene +Mythologie. Magst Du Dich zu mir aufsetzen? Willst +Du’s griechisch oder altnordisch? +</p> + +<p>Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah +<!-- page 234 --> +prachtvoll aus. Verklärt animalisch. Wie ein höheres +Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas darum gegeben, +wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen +und mit ihr einen Ritt zu wagen. +</p> + +<p>Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die +Frage zu: — Hör’, Grege, kannst Du Dir Deinen +Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? +Nein? Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom +Rücken eines edlen Rosses auf die Welt hinabgesehen, +wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der aufgehenden +Sonne entgegen, der untergehenden Sonne +nachgeritten? Er hat nur Phantasieflüge gemacht, ohne +Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd gehörte nicht +zu seinen heiligen Thieren? +</p> + +<p>— Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra +hoch zu Roß, die Umwerthung der Werthe +zu Pferd! +</p> + +<p>— Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. +Alle weltbewegenden Offenbarungen wurden der Menschheit +vorgeritten, das Christenthum auf einem geduldigen +Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen +Araber. Und Dein Zarathustraismus kommt zu Fuß? +</p> + +<p>Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte +ihr die Hand. Sie glitt vom Pferde in seine Arme. +</p> + +<p>— Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, +wahrhaftig. Plötzlich fühle ich meinen Kopf so leer. +Laß uns den Heimweg suchen. +</p> + +<p>Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm +schweigend im heraufziehenden Abendfrieden. +</p> + +<p>Sie war wie verwandelt. +</p> +<!-- page 235 --> + +<p>— Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, +aber es war doch, als klinge wieder ein verhaltenes +Lachen durch, — über Zarathustra muß ich mit Dir +noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die +ich aus Deinem Kopf vertreiben muß. Kennst Du den +vollständigen Zarathustra? +</p> + +<p>— Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle +zu lesen wird in Teuta nicht für gut gehalten. Auch +von den Kommentaren sind uns nur wenige erlaubt. +</p> + +<p>— Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek +kannst Du Alles finden. Aber sag’ mir, was weißt +Du von seinem Leben? +</p> + +<p>— Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. +Er lebte um die Wende des zweiten Jahrtausends. Er +war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst fünfhundert +Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei +Lebzeiten mußte er sich wahnsinnig stellen, um seinen +Henkern zu entgehen. Nachdem er gestorben war, hörte +man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge +murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag +seinen dunklen Schatten und bei Nacht seinen lichten +Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt. +</p> + +<p>— Das glaubst Du Alles buchstäblich? +</p> + +<p>— Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann. +</p> + +<p>— Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? +Daß er Euch Teutaleuten die Köpfe verdreht hat +und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm seine Lehre, +soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so +wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also? +</p> + +<p>— Er hat den damals mächtigsten Papst der +<!-- page 236 --> +Welt, einen Musikzauberer, der in Bayreuth einen +Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, +in einer mit Blut und Galle geschriebenen +Schrift „Der Fall Wagner“, die seitdem verschollen +ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle vorhandenen +Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. +So stark wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen +Tempel verließ und nach Italien floh. Dort trat ihm +Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark +zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg +mehr wußte, als sich aus einem Palast in Venezia in +das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ ihm +Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam +durch alle Meere, um die ganze Halbinsel Italia herum, +bis er an der Sirenen-Insel angeschwemmt und neben +den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem Alterthum, +Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn +die Gläubigen wieder aus und bestatteten ihn heimlich +in seinem Tempel in Bayreuth. +</p> + +<p>— So lehrt Euere historische Wissenschaft in +Teuta? Das läuft Dir wie Auswendiggelerntes über +die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht? +</p> + +<p>— Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu +glauben. Aber das ist die Lehre unserer ersten +Autoritäten. +</p> + +<p>— Das läßt sich hören. Erzähl’ weiter. In +diesem Ton. Er sei ein Heiliger und ein Märtyrer +gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das? +</p> + +<p>— Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser +Wahrheitsmuth, sondern auch sein enthaltsames +<!-- page 237 --> +Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in +einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, +und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich +und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser +giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum +allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren +wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken +oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und +damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten +besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so +daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend +Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. +Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra +bis auf’s Blut und hetzten ihn von Land zu Land. +Endlich entfloh er ihnen in’s Hochgebirg, in die Eiswüsten +der Alpen. Er führte stets einen Becher bei +sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher +zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. +Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere +zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde +er auch von den Frauen, die nur um der physischen +Wollust willen stets die Männer um sich haben und +sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung +unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte +man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur +die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen +trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem +giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden +Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen +jener Zeit hing er die Tafel auf: „Es ist besser in die +<!-- page 238 --> +Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen +Weibes zu fallen.“ Einige alte Jungfrauen, die seine +Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn +nicht, so lang er in der Ebene und in den großen +Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden +Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht. +</p> + +<p>— Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast +Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches +war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der +Lehre der Teutaleute? Sag’ Dein Sprüchlein zu Ende! +</p> + +<p>— Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein +Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und +tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen +Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch +lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war +Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten +ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß +sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie’s +und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen, +im Interesse von „Thron und Altar“, wie damals die +Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen +umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich +konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die +Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln. +</p> + +<p>— Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte? +</p> + +<p>— Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen +von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen. +Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name +Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich +<!-- page 239 --> +ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und +zwar nur von mir . . . das heißt, wenn ich dabei +bin . . . wenn ich wiedererscheine . . . +</p> + +<p>— Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. +Ich fürchte, ich fürchte . . . +</p> + +<p>— Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege +zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt. +</p> + +<p>— Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden +Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren. +Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken +wirken müssen. Sag’ mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre +stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen +Systems? +</p> + +<p>— Die geheimnißvollen Gegensätze: „Man soll +die lieben, die Gewalt haben.“ „Man soll alles überwinden, +was Gewalt hat . . .“ +</p> + +<p>— Nun wohl, Teutamann, schaff’ Dir Gewalt +an, und ich werde Dich lieben. Versuche Gewalt über +mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut +Nacht. +</p> + +<p>Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, +wie von Gespenstern gejagt. +</p> + +<p>Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm +senkte sich die Finsterniß des Himmels herab auf die +purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit +schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der +Leib von der Seele verlassen gewesen und müßte sich +erst Alles wieder ineinander finden. Was hatte er +vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, +<!-- page 240 --> +Erinnerung an einst Erlebtes, mit späteren Lehren +und Phantasien und zugeflogenen Irrthümern Vermischtes? +</p> + +<p>Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten. +</p> + +<p>Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es +war ihm, als hörte er ein gellendes Lachen in den +leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn Maikka +auf das Drachenschiff beschied. +</p> +<!-- page 241 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-19"><span class="hidden">Kapitel 19</span> +</h2> + +<p class="noindent">Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen +im Schulhain lebhaft zu. Er bringt den Duft +von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare +um Grege’s Ohren und jagt manchmal eine Locke über +die Nase hinweg — und mit den Gedanken im Hirn +macht er’s noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu, +bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, +und Grege greift nach der Locke und streicht sie hinter’s +Ohr, wo sie nicht halten will, und er drückt die flache +Hand über die Augen und an die Stirn, aber es +nützt nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht +einmal die Sinne halten Stand. +</p> + +<p>Was soll denn all’ die Unruhe? Wer schafft +denn all’ den Unbestand? Ist’s nur der Wind? Oder +die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, +und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens +in eine schwarze und eine weiße Hälfte getheilt wird? +Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das Haus. Es +ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß +nicht einmal ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit +nichts nach, und ihre Gedanken lassen an Schärfe +nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht +Maikka’s Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind +nicht so eindringlich, ihre ganze seelisch-körperliche Art +<!-- page 242 --> +erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum +findet er’s nicht? Warum formt sich überhaupt kein +Bild in seinem Kopf? Warum dieses Gewirr von +Linien und Lichtern? +</p> + +<p>Sind’s die Zuhörer, die ihm all’ die Unruhe und +den Unbestand schaffen? +</p> + +<p>Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser +Stelle gesehen, und wenn es nicht dieselben sind, so +sind es ähnliche. Einfache, schlichte, aufmerksam lauschende +Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, +geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe +Gruppirung wie sonst, nur die Reihen dichter, und +mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. +Das ist’s nicht, was Grege so zerstreut macht. +</p> + +<p>Der Wind bringt den Duft von den Bergen und +von den fernen Wassern . . . Das flüsternde, raschelnde +Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am +Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über’s Meer, +die Gestade abzusuchen? . . . Was sprechen die in +Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große +Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt +diesmal Krone und Mantel und gaukelt mit dem +Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . . +</p> + +<p>Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die +Aufmerksamkeit wird erregter, leidenschaftlicher. +</p> + +<p>Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den +strengen Mienen und der ernstgehaltenen Gestalt? +Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. +Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, +und die Weltbilder, die sie entrollt . . . +</p> +<!-- page 243 --> + +<p>Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen. +</p> + +<p>Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, +als einzelne Worte und Sätze. Er will +seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven +zäumen und zügeln mit festem Willen, er will sich +selbst überwinden . . . Wie Alles überwunden werden +muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, +damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, +keine Zerstreuung die Triebkraft mindere . . . Eine +große Aufgabe schafft große Verantwortung, Selbstverantwortung +. . . Hier unter fremden Leuten, fremden +Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, +fremden Begriffen, warum findet er sich nicht selbst +geschlossener, warum fühlt er sich nicht selbst gesammelter, +gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, +der Wirkung ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo +er wieder einmal, ganz er selbst, sich in eigenem Vollbesitz +haben könnte? +</p> + +<p>Der Wind bringt den Duft von den Bergen am +großen Fjord — warum läuft er nicht dem Wind +entgegen, hinaus an’s Meer? Warum zögert er hier? +Was fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, +warum rührt er sich nicht von der Stelle? Schöpft +er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder +Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, +denen das Gefühl seiner eigenen persönlichen +Herabwürdigung folgt wie der Schatten dem +Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer +hier, in deren Mitte er, seiner selbst nicht mächtig, +<!-- page 244 --> +den Lauschenden spielt, mit welchen Augen müßten sie +ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet +er für sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr +haben muß, als gastliche Zuvorkommenheit und menschliche +Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er +da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, +damit sie ihm von ihrem Ueberschwange spende, damit +sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres Uebergewichtes +stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen +reißt? Wenn ihn seine Volksgenossen von Teuta jetzt +so sähen, würden sie nicht mit Fingern auf ihn zeigen +und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze +Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten +zu gering? Nun zehrt er von fremder Kost und ist des +Dankes voll! Seht seine Ergebenheits-Miene! Wie er in +Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink läuft — +und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf +dem Leibe und vielleicht fremde Verpflichtungen in der +Seele, er, der daheim Niemand verpflichtet sein wollte? +</p> + +<p>Und wie er dieser inneren Stimme aus der +Heimath lauschte, brachen die Zuhörer rings um ihn +in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr +und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und +er versuchte, aus der dichten Gruppe herauszukommen +und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, dem Vortrage +der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer +Zerstreutheit und Flucht der Gedanken. Aber immer +neue Zuhörer waren beigeströmt, und rückwärts standen +sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So +konnte er nicht entweichen. +</p> +<!-- page 245 --> + +<p>Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der +Rednerin ein williges Ohr zu leihen und sein Interesse +an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es +gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm +nur ein Spiel mit geistreichen Worten, ein glänzendes +Gewebe von Behauptungen, deren Richtigkeit er nicht +zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein +war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen +elektrisirte, ließ ihn unbewegt. Die Anderen? Was +gingen ihn die Anderen an? +</p> + +<p>Gestern — seine Gedanken vagabundirten schon +wieder in Erinnerungs-Bildern — gestern war er in +ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich +zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde +ihm eingeräumt, selbst zu arbeiten und Versuche anzustellen. +Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der +Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst +hatte ihn danach gehungert, denn er fing an, den +naturalistischen Leckerbissen Nordikas abgeneigt zu werden. +Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen +Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie +daheim, aber sie dünkten ihm doch über alle Vergleiche +gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, sie +lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig +davon, fanden sie aber nicht nach ihrem Geschmack. +Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? fragten sie. +Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte +mit der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, +sie wolle sie doch lieber „zum ewigen Andenken“ +aufbewahren, als sie von ihrem Magen verarbeiten +<!-- page 246 --> +lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen +seine Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum +andern wie ein verliebtes Schlänglein und schwor hoch +und heilig, die Natur sei doch so viel süßer und nahrhafter, +als alle chemischen Künsteleien — und je mehr man +von ihr genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde +und aus schöner Sättigung wachse immer schönerer +Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, +wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur +Trunkenheit betäubte und unterjochte. Und mochte er +sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, Siegerin +blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und +ihr Geist frohlockte und wurde des Jubels in ihrem +Blute nicht müde. +</p> + +<p>Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die +Reihen. Die Sprecherin wiederholte den vom Beifall +unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die Worte +vernahm: „Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige +Naturen, schöpferischer Ordnung abhold, all’ +ihren Gelüsten ließen sie die Zügel schießen, bis sich +aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution +gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. +So wurde am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts +mit den letzten Trümmern einer dekadenten ideologischen +Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt“. +</p> + +<p>Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, +was sollten sie ihm heute? Er konnte die Begier der +Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie diese schimmeligen +Historien verschlangen. Und dieselben Leute +konnten seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen! +</p> +<!-- page 247 --> + +<p>Während der Strom der großen Geschichtsrede an +seinen Ohren weiterrauschte, gedachte er seines zweiten +Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner Bewunderung +des gütigen und klugen Patriarchen war +ihm bei der Begrüßung die Anrede „Hoheit“ entschlüpft, +wie sie in Teuta vor den Staatspersonen üblich. Und +wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen +Augen, während sein Mund geschlossen blieb. Dann +sprach er: „Hoheit! Soll das ein auszeichnender Titel +sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich +Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst +Du, was geschieht? Keiner betitelt sich, selbstverständlich. +Also erspare mir die Scham, Dir für den Titel danken +zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den +Menschen von Nordika. Uns in’s Auge zu sehen und +den Mund aufzuthun, genügt. Wir kennen uns von +einander und zu einander. Mehr bedarf’s nicht. Sei +gegrüßt, Grege!“ +</p> + +<p>Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. +Alles rappelt und zappelt in ihm. Wie ihn die Leute +umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit ihrem heißen +Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, +keinen Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen +lassen. Sie hören mit dem Munde, mit den Augen, +mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als +wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr +verwachsen, ein Herz und eine Seele, ein einziger Geist +mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem Munde, als +hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein +ein Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre +<!-- page 248 --> +mit sich trug, undurchdringlich. Und sie drückten auf +ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten ihn in seine +Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die +Seele erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den +Augen . . . Er sank in den Boden, er war verschwunden +. . . Die Seele verflogen . . . +</p> + +<p>Wohin? Wie lange? +</p> + +<p>Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht. +</p> + +<p>Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen +Ecke, auf einem niedrigen Stuhl, und er gewahrte, +daß einige Frauen in seiner Nähe sich um ihn +bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich +zufriedenen Augen. Und er fand Lust und Sicherheit +in diesem Blick. Er athmete breit auf, wie aus +einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und +wie er sich umsah, war Alles so bestimmt und wie er +lauschte, war Alles so deutlich. +</p> + +<p>Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, +nur die Spannung war gewichen. Frei und fröhlich +leuchteten die Gesichter. Und eine andere Stimme klang +von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. +Eines Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch +hängt und doch wie aus froher Brust tönt und Widerklang +in allen Seelen weckt. +</p> + +<p>Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, +ein prächtiges Bild von einem Mann. Grege staunte, +freudig überrascht. +</p> + +<p>— Die Besprechungen haben begonnen, belehrte +ihn sein Nachbar. Es würden sich heute noch Viele +zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie +<!-- page 249 --> +kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes +aus eigener Auffassung beizutragen. +</p> + +<p>Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem +Genuß. Kein Satz entging ihm. Er glaubte niemals +eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben. +</p> + +<p>Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit +und wurde belacht wie ein guter Witz. +</p> + +<p>Jetzt wieder, und Grege lachte mit. +</p> + +<p>Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so +ernster Sache Heiterkeit entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete +ihn. Sie jagte ihm die verstecktesten Gedanken +heraus. +</p> + +<p>— „Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in +Europa hat, wie die Hauptrednerin schon angedeutet, +viele Ursachen gehabt. So viele, daß man sie so wenig +zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen +Kellerloch. Darf ich noch bei einigen verweilen? Also +gut. Von den auffälligsten haben wir zwar genug +gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan +machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz +geworden war, wo Alles schacherte und schwindelte, +und kolossale Güter, damals werthvoll, den späteren +Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen +lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je +mehr ein Staat hatte, desto mehr wollte er, und je +mehr er räuberte, desto armseliger wurde er. Was sie +an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen +neue Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, +saugte ihnen die Kräfte aus. Die Magazine starrten +von kostbaren Gewändern — und das Volk lief in +<!-- page 250 --> +Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln +— und das Volk verhungerte; die Gewölbe vermochten +das Gold nicht zu fassen — und das Volk bettelte +um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht +Früchte hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, +Waaren zu fabriziren — und für Produkte und Fabrikate +waren keine Abnehmer da, denn die Spekulanten +gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich +nur gegen hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen +Widersinn belegten sie mit den großartigsten Rechtstiteln. +Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie +erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die +Köpfe zerschmeißen mußten, um ein wenig heller zu +werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte fort. +Die sozialistischen und kommunistischen Experimente +zwischen einer Militärdiktatur und der anderen führten +nicht zum Ziele. Die Menschen waren zu tief herabgekommen, +und vom autoritären Staat konnten sie sich +nicht trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst +fraßen weiter, denn Alles war von der Furcht durchseucht, +und in ganz Europa traute sich Niemand über die +Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen +hatte man eine Heidenangst. Die freien Künstler, +Dichter, Zeitungsschreiber waren verhaßt. Man verfolgte +sie, und wo es anging, jagte man sie fort. +Strolche und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich +einsperren ließen, das nannte man in der Rechtssprache +„Nummero Sicher“. Den Strolchen bekam das gut, den +Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt +preisgegeben, Poeten, Maler, Musiker bei der geringsten +<!-- page 251 --> +Veranlassung wegen „groben Unfugs“ oder „Lästerung“ +in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten +Stoffen zu thun hatte, wie Mechaniker und Chemiker, +blieb unbehelligt. Der sozialistische Staat war wie der +alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten Gewohnheiten +der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, +wenn die Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. +Die Lebensmittelsteuer warf wenig ab, weil die Mehrzahl +wenig und schlecht aß. Aber das Laster des +Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und +anderer Giftgenüsse brachte Geld in die Kasse. Dabei +wurde das Volk immer nervenelender, gehirntoller, überreizter, +den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter +und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. +Revolution war der Dauerzustand Europa’s +geworden, Revolution in der erbärmlichsten, feigsten +Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten +ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem +Amerika Ostasien sich unterworfen, drängte sich +das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen Westen. +Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine +überflutheten zunächst das südliche und mittlere +Europa und pflanzten einen Riesenkaktus mitten in den +schon arg verwilderten Garten der abendländischen +Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum +gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst +seiner Rasse auf den Stuhl Petri zu bringen. Dem +klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur +Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische +Katholizismus eine neue Heilsmacht zu begründen, die +<!-- page 252 --> +sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten Geister zu +wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um +die Gelehrten und Denker, die trotzig bei Seite standen +in dem großen Zersetzungsschauspiel des europäischen +Geistes, für die kirchliche Propaganda zu gewinnen, +widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner Unfehlbarkeit +alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger +in der Statthalterei Christi und zuletzt seine +eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß seines vizegöttlichen +Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete +er die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger +Ketzerei verfolgten Familien mit dem Purpur, ernannte +die Führer der Freigeisterei zu Ehrenkardinälen, machte +einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und versetzte +die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus +unter die Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung +mehr hervor. Die zwölf Judenchristenpäpste, +die noch folgten, boten ihr übermenschliches Beherrschungstalent +umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu +verhelfen und ihr einen durchgreifenden Einfluß auf +das zerrüttete Europa zu verschaffen. Sie hatte ihre +Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten +schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur +Bewußtlosigkeit. Es gab keinerlei Halt mehr für die +europäischen Völker. Der ideologische Verzweiflungstraum +des letzten Fürsten des größten europäischen +Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, +der die neue Weltwende einleitete. Fürst Willibald +XXXIII. zerbrach sein Schwert und erklärte in +seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für +<!-- page 253 --> +abgeschafft und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen +Völkern, die an den Grenzen wohnten. Ganze Stämme, +die das große Verderben witterten, wanderten schleunig +aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, +so die Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main +und Rhein bis zur Elbe. Wie Meeresfluth in rasendem +Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker +in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf +wie die Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und +hoffentlich keinen mehr sehen wird . . . Schließlich +waren sämmtliche Völkerschaften Europas in diesen +ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf +von Riesen, es war ein Kampf von bestialischen +Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten Zerstörungs-Werkzeugen +des Maschinen-Weltalters. Die religiöse +Drillung der Kirche, welche durch lange Jahrhunderte +den Geist der Völker sich unterworfen wähnte, erwies +sich nach der ethischen Seite vollständig wirkungslos. +Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht +hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends +tauchte ein großer Feldherr auf, der die Massen, +ineinander verbissen wie wüthende Thiere, gebändigt +und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten +Schlachten ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel +aller Kämpfenden aufgerieben waren und unter den +Uebriggebliebenen das große Sterben, die „chinesische +Pest“ begann. Das war Europas Untergang als einer +geordneten Kulturstaatengruppe. Während inzwischen +Angelland und Amerika in listiger Weise die übrigen +Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen, +<!-- page 254 --> +verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, +durch Generationen und Generationen sich hinziehende +Selbstmord der europäischen Zivilisation hatte +mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende +erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, +war ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und +zerfetzten Gliedern und ausgerissenen Eingeweiden und +verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum +mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen +Festlande an Kulturvolk noch übrig blieb, war +winzig an Zahl, sammelte sich in den nächsten Jahrhunderten +an den Küsten, an den Flußläufen, an +den Abhängen der Gebirge und hob sich allmählich +wieder unter dem Sammelnamen der Slavakos, der +Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, +Schutt und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, +bescheidenem Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten +war bei dieser furchtbaren Auslese im europäischen +Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es +wurde nur an den Grenzen gegen Süden von der Verheerung +gestreift, und im Innern blieb es friedlich auf +seine ruhige Kraft gestellt . . .“ +</p> + +<p>Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags +zu verstehen glaubte. In Teutaland hatte er die Geschichte +anders gehört. Aber diese Darstellung des +jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er +folgte auch den übrigen Rednern, die noch das +Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender +Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders +reizvoll war es ihm, wie eine frische, rothwangige Frau +<!-- page 255 --> +von niedlicher Gestalt als scharfe Kritikerin auftrat und +dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen +Staatenwelt einige Verstöße gegen die „historisch festgelegte +Wahrheit“ nachzuweisen versuchte. Doch wollte +sie sich nicht weiter in jene „schauerliche Jammer-Ecke“ +verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem Meere von +Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, +gleich begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs +und die kleinen überlebenden Völker zu zweckmäßiger +Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie +waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der +grauenvollen Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln +wie Kapitalismus, Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, +Konkurrenztollheit, Herrscherwahn glücklicherweise +mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte +gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung +war in der großen europäischen Wüste den +winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der Kampf +um’s Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere +Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften +lebten in vergeistigter Art als stille +Erbschaft weiter. Von nun an konnten die kleinen, gesonderten +Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört +pflegen und in fester Gemeinarbeit aus dem +eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. Aus der Bedürfnißlosigkeit +erwuchs ihnen immer stärker die innere +Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, +daß die Menschenvernunft keine Sprünge wider die +Natur mache. Die Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst +die wohlthätigen Regeln finden, unter welchen die Freiheit, +<!-- page 256 --> +Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit +am besten gedeihen und das Wohlbefinden des +Einzelnen mit dem Wohlbefinden der Gesammtheit sich +vereinige. Alle die alten sozialistischen, kommunistischen, +anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen Prinzipienreiterei +oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten +Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des +dritten Jahrtausends nur noch belächelte Erinnerungen, +wie der reife Mensch in der Fülle seiner Lebenserfahrungen +die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen +seiner brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles +Hausglück ist über Europa gekommen, und auf dem +Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten +und kein Volk sich des anderen zu schämen. Man +unterhält keinen aufdringlichen, belästigenden Verkehr +von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt +doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, +wie von allen Seiten gesunde Lüfte hereinwehen und +keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt. +</p> + +<p>Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren +Loblied auf Nordika ausklingen, dem Lande des Lichts +und der Lust. Damit aber Niemand sie für allzu eigenliebig +halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß +sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor +dem Teuta-Volke, herzliche Hochachtung empfinde. +</p> + +<p>Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser +spöttischen Betonung — sogar! +</p> + +<p>Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den +die Zuhörer der Schlußwendung spendeten, wie einen +Schlag in’s Gesicht. +</p> +<!-- page 257 --> + +<p>„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“ +</p> + +<p>„Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!“ +</p> + +<p>Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, +Sehnsucht, Hoffnung, Glücksempfinden, beleidigtem +Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele +aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und +riß ihn selbst, wie von der Fluth des blutig gekränkten, +übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles fortgewirbelt, +auf die Tribüne. +</p> + +<p>Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen +Zorn erglüht, das Haupt zurückgebeugt, die Augen +weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen halbgeöffnet, +bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter +den zürnenden Gesten seiner nach oben ausgreifenden +Arme wuchs seine Gestalt. +</p> + +<p>Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder +da oben gestanden, niemals hatte ein Einheimischer das +Schauspiel einer solchen Erregung geboten. +</p> + +<p>Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer +stockenden Maschine, rauh und zerrissen im Ton, von +einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und über +sich selbst hinaus Bahn sucht. +</p> + +<p>— Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich +muß. Kein Mensch in der Welt soll sagen, daß ein +Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen. +Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne +Verdienst und Würdigkeit. Ich kenne mein Land, ich +weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht, +um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß +das hier geschehen, ich klage Niemand an, ich empfinde +<!-- page 258 --> +nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn ich nicht laut +und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. +Ja, mein armes Land, weil Niemand in der Fremde +die Schmerzen kennt, die wir aus Liebe zu ihm im +Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer +Sehnsucht. Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer +von uns selbst begriffen. Gedrückt kam sie aus alter +Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge und in +Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, +also daß sie ihre Flügel zum Schwunge öffnen könnte, +rauschend und jauchzend in freier Luft, Sonnenaufgängen +und Heldentagen und Heldenglück entgegen. +Wer den Himmel offen gefunden, segne sein Schicksal, +aber er werfe keinen kränkenden Vorwurfsblick auf den, +der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken +der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet +Ihr noch ein Wort? Ich weiß, ich spreche Eure liebe +Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, und vielleicht +bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, +daß wir uns in Teuta bemühen, im Geiste unseren +Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle aufgeklärteren +Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet +Ihr noch ein Wort? Oder ist’s genug? +</p> + +<p>— Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? +Weiter reden! Das Herz ist ihm voll, er spreche! +tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander. +</p> + +<p>— Herrliches hab’ ich bei Euch geschaut, Leute +von Nordika, und hohen Glückes die Fülle genossen, +nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege gelehrt, +die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit +<!-- page 259 --> +Worte gesagt gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener +Verstand allein wohl noch lange nicht gekommen. Mit +Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit Schönheit +meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist +mir, als hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als +hätten mir die brausenden Winde, die hier über das +Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße gehaucht +. . . und der Väter Geist . . . ist über mich +gekommen . . . Das soll nicht verschwendet sein von heut +auf morgen, das will ich als kostbaren Schatz meinem +Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner Heimkehr. +Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande +denken, denn es hat keinen Undankbaren zu Euch geschickt. +Unauslöschlich wird mein Dank sein und zum +Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige +Frucht bringt . . . +</p> + +<p>— Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er +ist schön, ein Sänger und Held zugleich! Daß aus +Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen. +</p> + +<p>— Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe +bieten soll, denn Ihr seid reich an jeglichem Gut, und +ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu sein, +das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern +kommt, am wenigsten mir oder meinen Volksgenossen. +Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier unsere Armuth +zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim +Eure Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als +ein Beispiel aufrichten, daran die verborgenen Kräfte +meines Volkes in’s Licht wachsen sollen, damit Eure +Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack +<!-- page 260 --> +verliere, wenn Ihr von Teuta sprecht. Wir sind verwandten +Blutes, und in verwischten Zügen lebt ein +alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie +wunderbar die Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten +Heimsuchungen und schaudervollsten Niedergängen +die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, +die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, +ob nicht auch Teutaland seinen Blutsverwandten wieder +näherrückt, gereinigt von Irrthümern, gewachsen in seinen +Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer +Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer +an gemeinsam bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an +Teuta denkt, freilich, da ist’s als blicktet Ihr in eine +große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle aus, +mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig +und hoffnungsvoll erglühenden Seele, wie ein stiller, +heißer Purpurglanz über die Finsterniß sich breitet +gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter +dem Kusse liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung +empfangende Mutter wird und aus ihrem Schooße den +Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, +die trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, +daß nichts uns störe, wenn die brünstige Liebe ihr +himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der Wonne +des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße +mein Teuta unter Nordikas Himmel, der mein Herz +der Freude und Hoffnung erschlossen hat und meine +Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich +grüße die herrliche Welt! +</p> + +<p>So endete Greges Rede, die als düster zürnende +<!-- page 261 --> +Abwehr begonnen, wie eine Apotheose, in deren Strahlenglanz +sich Alles an die Brust fliegt, überwältigt vom +Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung +und Kuß. In seiner dichterischen Phantasie hat sich +das Zeitliche zum Ewigen erhoben, der Einzelfall zum +typischen Ereigniß, das Persönlichkeits-Lustgefühl zum +jauchzenden Lustschrei der lebens- und glückeshungrigen +Gattung. +</p> + +<p>Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte +er aus der Seele gesprochen, Jungen und Alten, Männern +und Weibern. +</p> + +<p>Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. +Die Improvisation des Teutamannes galt Allen +für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der +neuen Meisterin. +</p> + +<p>Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben. +</p> + +<p>In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, +von Sympathie und Hohn, wie sie ihr in den letzten +Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe +floß, sagte sie zu ihm: — Du sprichst wie ein Gott, +das weiß ich. Aber um in Teuta gründliche Politik +zu machen, braucht man einen Teufel. +</p> + +<p>— Einen . . .? +</p> + +<p>— Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art +Eures wackeren . . . nein, das ist Staatsgeheimniß. +Mach’ Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh’ in die +Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein +Kapitel vom Staate wollen wir zusammen lesen, wenn +Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den blöden +Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki +<!-- page 262 --> +habt wachsen lassen, in alle Winde jagen. +Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig für eine Kinderstube +zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen +Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz +reif — wenn der rechte Umstürzer kommt. +</p> + +<p>— Der rechte Teufel, in Deiner Lesart. +</p> + +<p>— Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. +Das ist das Nämliche. +</p> + +<p>— Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr. +</p> + +<p>Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, +ohne Ueberlegung. Und ein Schauder flackerte heiß +über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine +jähe Röthe. +</p> + +<p>— Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal +wie lallend von seinen Lippen. +</p> + +<p>Plötzlich schrie er Maikka an: — Dein Staatsgeheimniß, +ich will Dein Staatsgeheimniß wissen! Wie +lange foppst Du mich noch, Weib? +</p> + +<p>Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor +dem Grege schier erblaßte und das Feuer seiner Augen +zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren Flamme: +— Frag’ mir’s ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde +bannen? Zwinge die Sehenden! Thu’ mir Gewalt +an! +</p> +<!-- page 263 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-20"><span class="hidden">Kapitel 20</span> +</h2> + +<p class="noindent">Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen +zum großen Nationalfeste und was damit zusammenhing +— und was hing bei den herrschenden Einrichtungen +nicht damit zusammen? — ihren Fortgang +genommen. +</p> + +<p>Ihren Fortgang! +</p> + +<p>Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und +mit besonderem Glanze unter dem glorreichen Regimente +Aos und seiner Hoheits-Genossen alle Staatsangelegenheiten +ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. +In Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen +Schuß mit plötzlichem Zurückweichen und Stehenbleiben: +Was war’s — was nun? In Auf- und Abschwüngen. +Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles +vertauscht. Im Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft. +</p> + +<p>Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das +boshaft „Die Politik des altneuen Kurses.“ +</p> + +<p>Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder +lebendig gewordenen Minus hat ihn übrigens im hohen +Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und gefürchtetsten +Mann gemacht. Es war sein gelungenster +Meisterstreich. +</p> + +<p>Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid +todtkrank geworden. +</p> +<!-- page 264 --> + +<p>Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, +für den genialen Entdecker ein starkes Stück. +</p> + +<p>Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, +und zwar zu einer radikalen, mit heimlicher +Auslandsreise, nach dem damals in der bewohnten Welt +berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen +und zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und +Wunderstadt im Süden. Die Ruinen stammten +von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem Nothtempel +für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in +den Schaltjahren, und die hohen und weitläufigen, +von amerikanischen Alterthumsforschern bereits labyrinthartig +durchschnittenen Scherbenberge entstammten den +unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen +Gefäßen, in welchen in der deutsch-christlichen Vorzeit +die Trankopfer dargebracht wurden. Dargebracht einer +Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur +noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten +Literatur-Fragmenten, genannt das „Kommersbuch“, +Abtheilung „Kneiplieder“, fristete. Die Hüter des +heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese +Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz +willen niemals in die Hände der Jugend gelangen. +Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten manchmal +in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen +gelehrten Genuß regelmäßig mit einem argen Kopfweh +am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn unerwiderte +Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem +zu kuriren, gern zu seinem „Kommersbuch“. +Einige sprachliche Formen, die keine Philologie mehr +<!-- page 265 --> +zu erklären vermochte, wie „Krambambuli“, „Jupeidi, +jupeida“, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren +der heiligen Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, +fesselten ihn oft dermaßen, daß er Herz- und Hüftweh +darüber vergaß. +</p> + +<p>Der große Minus! Nun war er wirklich todt, +und nur dem außerordentlichen Diplomaten-Geist des +Soundso war’s gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt +im hohen Rath vorzuführen und damit das +ganze Kollegium zu revolutioniren. +</p> + +<p>Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen +Weisheit und der dämonische Ehrgeiz des +Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, +der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht +worden war. Und wie jeder geniale Gedanke, war er +so naheliegend und so verblüffend einfach: Man ersetzt +die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische +Automaten — und der Staat ist gerettet. +</p> + +<p>Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und +alle technischen Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten +Blüthenstufe angelangt sind, ist es doch fürwahr keine +Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu +gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten? +</p> + +<p>Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße +flüsternden Minus-Automaten vor. Die Wirkung +ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen übrig. Hierauf +ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines +Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, +und mit jenen Redensarten im Leibe, vor denen sich +<!-- page 266 --> +das Volk stumm verneigt wie vor Orakeln. Der +Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche +aufbewahrt, zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen +Nothdurft: „Wissen ist Macht, Bildung macht +frei“, oder „Dem Volke muß die Religion erhalten +bleiben“, oder „Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, +der Geringste im Lande steht meinem Herzen so hoch und +so nahe, wie mein leiblicher Bruder“, oder „Wer dem +Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient zerschmettert +zu werden“, oder „Wem’s im Teutareiche nicht +behagt, der blase den Staub von seinen Pantoffeln, +und es wird ihm wohler werden“. +</p> + +<p>Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der +ersten Verblüffung erholt hatten, fanden am Werke +Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der Oberrichter, +fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den +kleinen Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man +mit dieser fürchterlichen Technik schließlich die gesammte +Jurisprudenz und Rechtspflege automatisire, so daß +der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf lebendiges +Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine +Existenz gebracht wäre? Lauter billige, unbestechliche, +unfehlbare Automaten auf den Richterstühlen, wäre +das nicht das Ende aller Herrlichkeit? +</p> + +<p>Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen +Angstprodukte nicht heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: +— Das will Alles noch wohlerwogen und +an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein. +Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von +bezüglichen Verordnungen und Schutzmaßregeln erheischen. +</p> +<!-- page 267 --> + +<p>— Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte +Hoheit Oberpriester Ao, der von der Idee der Entfettungskur +rasch zurückgekommen war. Wir halten +doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut +geheim. Wir sagen nicht: Das ist der Automat Minus, +das ist — gestatte das Beispiel — der Automat Oberrichter. +Bewahre! Für das Volk giebt’s überhaupt +keine Automaten. Das Volk muß glauben oder sich +geberden und verhalten, als glaube es: Der Minus ist +der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, Hoheit +ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten +wir für uns allein, meine hohen Freunde. +</p> + +<p>Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner +Größe, groß in seiner Bescheidenheit. Alle Finessen +der Schauspielerei waren in seiner Gewalt. +</p> + +<p>Titschi abschließend: — Den Minus also hätten +wir, unser hohes Kollegium ist vollzählig, und unserem +gemeinsamen Auftreten bei der Nationalfeierlichkeit steht +nichts im Wege. Automat Minus wird beim Zarathustrafest +seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, +wir können uns auf seine amtsgemäße Haltung verlassen? +</p> + +<p>— Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach +Soundso sich verneigend. +</p> + +<p>Titschi: — Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche +Uebermensch, der uns den Streich gespielt, sich +nicht erwischen zu lassen. +</p> + +<p>Soundso: — Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire +ich auch. Ich habe ihn bereits in Arbeit gegeben. +Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. Die +Kopie übertrifft ihn. +</p> +<!-- page 268 --> + +<p>Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. +Doch nahmen Kaspe und Bim den ihrigen +wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal. +Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche +Täuschung bieten könne, ohne Gefahr der Entdeckung? +</p> + +<p>Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus +und sofort öffnete der Automat den +Mund: — Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! +Heerdenvieh läßt sich Alles bieten. Dixi. +</p> + +<p>Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß +Minus unerwartet sprach mit geisterhafter Plötzlichkeit. +Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei +der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit +beginge, etwas Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, +was nicht für die Ohren des Volkes wäre? +</p> + +<p>Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte +den Kunstmenschen leise an. +</p> + +<p>Automat Minus nickte: — Alles für das Volk +und durch das Volk, es giebt nichts Selbstherrliches +außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne +seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als +des Staates erste Diener. +</p> + +<p>— Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav +gesprochen, Maschine Oberlehrer. Das ist ein Automat, +der seinem Herrschberufe Ehre macht, spottete vergnügt +der Oberdiplomat. +</p> + +<p>Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding +immerhin noch mit geheimem Grauen. +</p> + +<p>Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: — Hoheiten, +wenn ich nicht meinen weichen, warmen Bauch +<!-- page 269 --> +mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, ich +wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. +Die Täuschung ist unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, +den Glauben an seine eigene Lebendigkeit +nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares +Spiel mit uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten +unsere automatischen Doppelgänger anfertigen ließe und +gegen uns selbst in’s Feld führte. +</p> + +<p>Bim warf sich in die Brust: — Ich entdecke, also +bin ich. Die mechanische Puppe wird das niemals von +sich sagen können. Damit ist meine Priorität und +Identität festgestellt. +</p> + +<p>Soundso lächelte verschmitzt: — Vielleicht gelingt +es uns auch noch, Automaten mit Bim’schem Entdeckergenie +anzufertigen. +</p> + +<p>Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen +diese Aeußerung als dreiste Ueberhebung. Aber er +wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie +einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser +Junge mit dem listigen Armensündergesicht schon gegen +ihn herausgenommen. +</p> + +<p>Ao: — Du sagst „uns“, Soundso, „vielleicht gelingt +es uns“. Wer sind diese „uns“? Hast Du sie +sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht +verrathen? +</p> + +<p>— Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. +Soeben habe ich sie im Stillen bei mir selbst erwogen. +</p> + +<p>Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie +längst erwartet. +</p> + +<p>— Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich +<!-- page 270 --> +bekenne, daß meine Automatenfabrik vollkommen meinem +Willen unterthan ist, obwohl sie in der Frauenstadt liegt. +</p> + +<p>Alle wie aus einem Munde: — In der Frauenstadt? +</p> + +<p>— Auf mein Wort. Und hierin ist auch der +Grund, warum ich von den Spähern selbst in „geschlossener +Zeit“ und ohne „amtlichen Auftrag“ öfters in der +Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der +Denunziation geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt +war, meinen heimlichen Aufenthalt in der Frauenstadt +zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste +damit zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine +Rechtfertigung bringen wird. +</p> + +<p>— Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht +zu machen? inquirirte Kaspe. +</p> + +<p>— Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören +die geübtesten und feinsten Frauenfinger dazu, solche +Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht und +geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten +und verschwiegensten Frauen einlassen. +</p> + +<p>Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen +übertreffe. +</p> + +<p>— Wir können uns darauf verlassen, begann Ao +wieder, wenn wir die Zarathustrafeier um weitere vierzehn +Tage verschieben, daß Du uns den Automaten +Grege zur Stelle bringst? +</p> + +<p>— Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon +in Arbeit. Er reist sichtlich seiner Brauchbarkeit entgegen. +</p> + +<p>— Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne +mehr verpflichtet. +</p> + +<p>Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel +<!-- page 271 --> +Anerkennung. Im Innern sah er sich in einem unaufhaltsamen +Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch +den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem +Purpur des ersten Vertreters des Staates geschmückt. +O dieser impotente hohe Rath, er wird zermalmt werden +von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht +von den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, +gleich jetzt den Augenblick genützt und den Hoheiten eine +neue Stichkarte in’s Gesicht geworfen. Das Unternehmen +kann nicht mißlingen, und selbst wenn’s mißlänge . . . +Es soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche +That. Los! +</p> + +<p>— Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres +staatlichen Ansehens in die Hand zu nehmen mir erlaubte, +wünsche ich vor den Hoheiten nicht länger geheim +zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der +Spur. Ja, ich darf sagen, ich habe die Person bereits, +wenn auch erst sozusagen am Ende eines langen Fangseiles. +Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem Festordner +abliefern zu können. +</p> + +<p>Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine +Späher übertrumpft! Wie war das möglich? Was vermag +denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit +welchen Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine +Verdienste fangen an verdächtig zu werden. +</p> + +<p>Die reine Teufelei! +</p> + +<p>Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen +laut in die Bewunderung ein und wünschte dem Handstreich +des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen. +</p> + +<p>Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. +<!-- page 272 --> +Mit Jalas Rückkehr hätte der sündhafte Tanz auf’s +Neue begonnen. +</p> + +<p>— Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, +in unseren heutigen Berathungen weiterschreiten, erübrigt +uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für seine +sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas +auszudrücken. +</p> + +<p>Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält +von allerlei „Erwägungen“. +</p> + +<p>Automat Minus legt die Hand auf die Brust und +nickt gleichfalls, während sich seine Augenlider gefühlvoll +senken. +</p> + +<p>— Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise +durch die Feststraßen ausgeführt und +haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben vorher +noch Anderes zu erledigen. Die Leute können +warten. Daß wir sie in unser Automaten-Geheimniß +nicht einweihen, erachte ich für selbstverständlich. Ist +einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung? +</p> + +<p>Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: — Je +Weniger um das Heil des Staates wissen, desto besser +wird es behütet. +</p> + +<p>Der Ton klang ein wenig sarkastisch. +</p> + +<p>Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, +wie Soundso sein Geschöpf dirigirte. +</p> + +<p>Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung +des Festprogramms vor. Er wünsche, daß es +diesmal besonders reich und glänzend gestaltet werde. +Nachdem für den hohen Rath all’ die Schrecknisse und +<a id="corr-9"></a>Aengste der jüngsten Zeit so glücklich überwunden +<!-- page 273 --> +sind, soll das Volk für die Verschiebung durch um so +belustigendere Spenden entschädigt werden. +</p> + +<p>Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort. +</p> + +<p>Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, +eine Abtheilung des Festzuges, worin die „politisch-sozial +verdächtigen Schattirungen“ vorgeführt und der +Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig +ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm +von seinen Spähern notirt. Ein gewisser Geist der +Empörung schien im letzten Jahre lebhafter um sich +gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: +— Das kommt uns natürlich sehr erwünscht. Wir +werden ein Exempel statuiren, des hohen Festes würdig. +</p> + +<p>— Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher +„Geist der Empörung“? +</p> + +<p>— Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. +Natürlich in jenen Schranken, der zwar keine Erschütterung +des Staates befürchten, aber immerhin eine Erweiterung +unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung +unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt. +</p> + +<p>— Ach so. Ich dachte schon . . . +</p> + +<p>— Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich +werde mir eine größere Anzahl Burschen herausfangen, +die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu frei +spazieren ließen. +</p> + +<p>— Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen +diskutiren? +</p> + +<p>— Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich +ist die Sache ja furchtbar harmlos. Aber um ein +Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig +<!-- page 274 --> +das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten +Bezirk haben Etliche die Werkzeuge +zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen. +Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren +Schutz, als die persönliche Freiheit, denn es ist todte +Sache und kann sich nicht wehren, erstens, und zweitens, +das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. +Wer sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift +sich am Staate. +</p> + +<p>— Sehr richtig, Oberrichter Kaspe. +</p> + +<p>— Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, +welche die Heiligkeit unserer sittlichen Ordnung +verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener Zeit +an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. +Die Thore waren zwar verschlossen, allein die Absicht +war nicht zu leugnen, unserer staatlich patentirten Sittlichkeit +ein Bein zu stellen oder auch zwei. +</p> + +<p>— Strafe muß sein, lächelte Soundso. +</p> + +<p>Ao, beglückt: — Es ist mit angenehm, in so +schwierigen Fragen, die Menschenkenntniß erfordern, +unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung theilen +zu sehen. +</p> + +<p>Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: — Nachdem +unser gelehrter Minus als Automat den Tod +überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig +weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem +Rufe keine Kränkung nahe. Es sind mir einige Leute +bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges hinsichtlich +seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das +ist schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler +<!-- page 275 --> +mit um so ruhigerem Gewissen in Strafe nehmen, als +ein . . . Automat gewiß von exemplarischer Keuschheit +ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in +den Zug einstellen lassen. +</p> + +<p>Ao: — Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine +feinsinnige Gesetzesanwendung, Oberrichter Kaspe. Was +man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit +einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine +erotischen Bedürfnisse nachsagen konnte, braucht er sich +als Automat nicht gefallen zu lassen. +</p> + +<p>Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und +Streichen seines glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann +er wieder: — Noch eine ziemlich heikle Sache +wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten +entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion +ist ja, unter uns gesagt, Religionslosigkeit und +unser Gottesglaube Gottlosigkeit. Ist es nun weise, +frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . . +hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu +beobachten, welche vom „hohen Mysterium“, vom „großen +Unbekannten“, von der Formel „Gott und sein Volk“ +nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den +Purpur der Gläubigkeit vielleicht gar besudeln? +</p> + +<p>— Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das +nicht! Streng bis zum Aeußersten! Religion, Mysterium, +hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht +rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften. +</p> + +<p>— Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in +Eurem Sinne das Weitere veranlassen. +</p> + +<p>Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. +<!-- page 276 --> +Er hat seines verantwortungsvollen Amtes mit Eifer +gewaltet. Er hat sich um Teutas Rechtspflege verdient +gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine +juridische Strenge erhöhen helfen. +</p> + +<p>Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor. +</p> + +<p>— Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner +automatischen Amtsführung zu unterstützen. Es ist +mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken verbotene +Worte ausgesprochen worden sind. Man wird +keine Beweise von mir verlangen, wenn ich mich auf +die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso berufe. +„Probleme“, „Entwicklung“ und ähnliche vom heiligen +Wortschatze verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, +zweifellos in agitatorischer Absicht, wiederholt auf öffentlichen +Plätzen, wo mindestens zwei Personen versammelt +waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer +haben Aergerniß daran genommen. Es liegt also ein +qualifizirtes Verbrechen am heiligen Wortschatze vor. +Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur Abwandlung +überweisen. +</p> + +<p>Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern +aufwarten. Im physikalischen Institut ist er +hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte Schüler +haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen +und ihm mit eigenen Entdeckungen unter die +Arme zu greifen, sich mit der Muse in ekstatische Umarmungen +gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen +geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, +zum Theil sogar selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. +Eins enthielt ein aufreizendes Liebeslied mit +<!-- page 277 --> +dem verrückten Titel „An eine blinde Seherin“, ein +anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den +Teuta-Staat und eine Ode „Auf einen sprossenden +Bart“. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren schienen +es diese „Dichter“, die mit ihren Schmierereien sich +über die offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, +nichts weniger als genau zu nehmen. Hierin ist eine +Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu erkennen. +Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine +Anzahl straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. +Also bitte er wegen Bartwuchses und Dichterei +die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu bestrafen. +</p> + +<p>Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb +sich schmunzelnd sein glattgeschabtes Kinn. +</p> + +<p>Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die +Hoheiten ergriffen. +</p> + +<p>— Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen +Festzugs-Abtheilungen werden dem Teutavolke mehr +Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt in +der menschlichen Natur. +</p> + +<p>Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden +durchgesprochen. +</p> + +<p>Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. +Alle seine Freundinnen hatten sich um den +Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge wurden mit +Begeisterung angenommen. +</p> + +<p>— Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? +fragte am Schlusse Oberphysikus Bim zweifelnd. +</p> + +<p>Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch +einmal eine Revisions-Sitzung anzuberaumen. +</p> +<!-- page 278 --> + +<p>Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung +vorgerufen. Sie traten mit verdrossenen +Gesichtern ein, vom langen Warten. +</p> + +<p>Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie +losgelassen. +</p> + +<p>Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine +arbeitete tadellos. +</p> + +<p>Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal +in’s Ohr, daß der Automat Grege womöglich noch +besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest +verschönen . . . leibhaftig! +</p> +<!-- page 279 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-21"><span class="hidden">Kapitel 21</span> +</h2> + +<p class="noindent">Maikka lud Grege ein, mit ihr in’s Vorrathshaus +zu kommen, damit sie sich ausrüsteten für die Reise. +</p> + +<p>Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem +Blick und ließ sie schalten. +</p> + +<p>— Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, +wetterharten Leuten, da müssen wir uns entsprechend +kleiden, daß wir der Natur trotzen und den Menschen +gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge +erscheinen. +</p> + +<p>Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, +einen langen hellen Rock, dazu eine rothe, pelzbesetzte +Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe. +</p> + +<p>— Daß ich’s nicht vergesse, auch ein großes +Gürtelmesser mußt Du Dir an die Seite stecken. Von +Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in der +Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus +dem Gebirge aussehen. +</p> + +<p>Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. +Ihre übrige Tracht sollte aus einem weitärmeligen +weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem +kurzen schwarzen Rock bestehen. +</p> + +<p>Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden +Flechten ringsum wie einen schimmernden Rahmen mit +goldenen Nadeln festgesteckt. +</p> +<!-- page 280 --> + +<p>Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle +Tasche davon bereit gelegt. Maikka hingegen versah sich +mit derberer Landkost, mit einer Schichte dünner Fladbrode +und einem großen Stück gepökelten und gedörrten +Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze +und Konserven. +</p> + +<p>— Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege. +</p> + +<p>— Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir +uns nicht belasten. Aber wir müssen für alle Fälle mit +Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir, +wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur +Hunger, ich jedoch Appetit wie ein Wolf. Wir kommen +in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe zu +bestehen, Grege. +</p> + +<p>— Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich +mehr. Führe mich nur bald in das bewußte Asyl. +Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will +ich auch wieder das Unglück grüßen. +</p> + +<p>— Nur nicht pathetisch, Grege! +</p> + +<p>— Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. +Ich werde Niemand mehr mit zu viel Worten +zur Last sein. +</p> + +<p>— Nun thust Du gekränkt, Grege! +</p> + +<p>— Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr +schwach finden. Ich bin Dir tief verpflichtet. +</p> + +<p>— Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. +Du hast die Feuerprobe bestanden, nun werden wir +zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie? +</p> + +<p>Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf +den Lippen. +</p> +<!-- page 281 --> + +<p>Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen +dichter Wuchs über die Wangen herab, an der Oberlippe +und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig +schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige +Kühle entströmte ihrer Hand. +</p> + +<p>— Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte +mir ihn nur ein wenig rauher und struppiger. So +ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d’ran baumeln +könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb’ mal Acht, +was wir im Gebirge für Zottelbären-Männer entdecken +werden. Für mich. Für Dich natürlich die entsprechende +Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . . +</p> + +<p>— Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren +wir ab? +</p> + +<p>— In einer Stunde. +</p> + +<p>— Und wir kutschiren? +</p> + +<p>— Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen +wir ein Luftschiff bis in die Berge. Und das +Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer entgegenrauscht, +oder auch nicht. Wir werden stilles +Wetter haben, frisches Wetter. So freue Dich doch, +daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! Wahrhaftig, +ich streiche Dir das Leben wie Honig um den +Mund. +</p> + +<p>In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten +Pilgermantel mit ein, denn es könnte sie die Lust anwandeln, +ihren Gast zu abenteuerlichen Bergbesteigungen +zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, +und wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch +in sich hinein. Grege wird Augen machen, wenn er +<!-- page 282 --> +den alten verschlissenen Freund, den sturmerprobten, +wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das +in Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: „Der Purpur-Staat +oder vom neuen Götzen“, ein dünnes Heftchen. +Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine Berghöhle +bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag +der Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes +Büchlein packte sie dazu, die „Sprüche von Jesus +Sirach“, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen +Strich umrahmte: „Errette den, dem Gewalt geschieht, +von dem, der ihm Unrecht thut und sei unerschrocken, +wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das Recht frei! +Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh +seine Gewalt nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit +bis in den Tod!“ +</p> + +<p>Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf +einem hochräderigen Zweisitz dahin. Maikka sprach +zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem Reisegenossen. +Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib +von gelber Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine +aufrechtstehende, kurzgehaltene weiße Mähne. +</p> + +<p>— Vorwärts, Tema, mach’ Deinem Stammbaum +Ehre! Du kannst Dir so viel auf Deinen Stammbaum +einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei +mir sitzt. Du bist aus edlem Hause. +</p> + +<p>Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken +versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka +ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu +sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge +aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta +<!-- page 283 --> +neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen +nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte +Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des +Teutastaates auf und rückten ihm drohend in’s Gesichtsfeld: +Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er +seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren +Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit +allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen +haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist +von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung +der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er +für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten +Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate +nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. +Titschi fischt im Trüben und hat sich den +Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles +wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen +die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung +für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta +auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von +Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner +Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht. +Alles was in Nordika und bei den Angelos über die +inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden +ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus +bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten +Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er +will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er +arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste +Stellung im Staate los. Er hält’s mit den Alten +<!-- page 284 --> +und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch +gemacht. Hier gilt’s den ersten Streich, um ihn aus +dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen . . . Bei +den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen +sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft +seines Meisters Titschi . . . Maikkas Aussage klang +in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der Werthvolle +Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische +Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet, +könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner +Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig +des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine +Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber +welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich +die Windsbraut selbst schafft . . . +</p> + +<p>— Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich +anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie’s +bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta? +</p> + +<p>— Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln +auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte +gerade . . . +</p> + +<p>— Das thun wir auch, Tema und ich. Drum +fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister? +</p> + +<p>— Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater +ist gleichgiltig. +</p> + +<p>— Das will sagen? +</p> + +<p>— Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. +Kinder stehen auf Mutterecht. Zur bestimmten Zeit +ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte +<!-- page 285 --> +Thore — und kehren wieder zurück. Alles +Uebrige bleibt den Müttern, wieder bis zu einer bestimmten +Zeit. +</p> + +<p>— Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren +und wehrt mit dem Schwanze ab, mag nichts weiter +hören. Schau’ Dir die Gegend an. Ehemaliges +Sumpfland. Und jetzt! Die blühenden Gärten sind +uns nicht über die Grenze geflogen. Schau’ Dir auch +die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen +Menschen? +</p> + +<p>— Keinen. +</p> + +<p>— Alles ist, wie’s gemacht wird, Land und Leute. +Ich gestatte Dir die Nutzanwendung dieses Satzes. +Hott, Tema! +</p> + +<p>Dann fuhr Maikka fort: — Deine Bemerkung +neulich über die schwebende Bevölkerungszahl war zutreffend +und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß +sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung +an Ort und Stelle darf über die bestimmte +Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten Staaten +des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in’s Blaue +hinein vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung +schufen. Als ob sich mit den überschüssigen Massen +auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen ließe, +als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und +dann kamen ihre verdrehten Sozialpolitiker mit ihren +einseitigen Systemen und wollten da das rabiat gewordene +Leben hineinpressen. Wie diese durch die +militärische Drillwuth verdummten Menschen durch ihre +ewig fehlgeschlagenen Experimente sich nicht belehren +<!-- page 286 --> +ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber +keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. +Was die unglücklichen Volksmassen, die Vielzuvielen, +noch mehr durcheinander brachte, war die sogenannte +Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure +Ballen verschluckt wurden. Der Aermste las täglich +seine Zeitung, sie gehörte zu seiner Mahlzeit, und den +Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das war +eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig +den Krach der europäischen Zivilisation beschleunigen +half. Die Presse nannte sich selbst eine Großmacht, +auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format +und ihr gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie +wirkte wie ein schleichendes Gift. Die wahnbethörten +Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine Gottheit, +obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, +sich stets in den Haaren lagen und sich der schimpflichsten +Dinge bezichtigten. Von diesen Zuständen +können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. +Die politische Presse ist auch in Europa in dem großen +Massengrab der Kulturkadaver mitverscharrt worden. +Aber so lange sie da war, sorgte sie dafür, daß sie den +Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! +Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise +hockten sie auf dem engsten Raum beieinander . . . +Fünf bis zehn Millionen oft in einer einzigen Stadt. +Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: +Humanität und Internationalismus. Ihre +Humanität bestand darin, daß sie alles Unsinnige, +Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter +<!-- page 287 --> +Schonung und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln +behandelten, während sie den ehrlichen, gesunden Leuten +Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was hatten +sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig +in die Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, +gegenseitig belogen, betrogen, bekriegten, sich gegenseitig +neue Bedürfnisse und Verlegenheiten anzüchteten, statt +daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung +blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem +Grund sich begnügte und sein Leben nach seiner eigenen +Art organisirte. Durch den Internationalismus ist +das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde +verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd +hätte isolirt bleiben sollen, ist als Weltgift zu allen +Völkern geflossen. So mußte aus der Menschheit, die +nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen +mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen +kann, ein wüster Mischmasch werden, ein wühlender +Krater — der dann in der bekannten Weise eruptiren +und Alles zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles +richtig betont worden in dem neulichen Probevortrag +meiner Mitarbeiterin? +</p> + +<p>— Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du +die Sache noch besser gemacht. +</p> + +<p>— Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta +den bekannten Skandal abstellen und Eure Menschenproduktion, +die mir jetzt schon zu üppig scheint, ließe +sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, +was würdest Du thun, um den Ueberschuß +an Nachwuchs zweckmäßig zu verwenden? +</p> +<!-- page 288 --> + +<p>— Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen +vorschlagen und die verödeten Theile des alten +Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen und +Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes +zu kolonisiren. +</p> + +<p>— Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines +verhockten Höhlenvolkes fortbringen? Wenn sie nicht +freiwillig gingen? +</p> + +<p>— Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die +sie hinaustriebe. +</p> + +<p>— Die wäre? +</p> + +<p>— Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, +Maikka, die leibliche und vielleicht noch mehr die +geistige Noth. +</p> + +<p>Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt +auf der musterhaft gepflegten Fahrstraße dahin. +Links und rechts Gehöfte mit thätigen Menschen. +Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß +einmal ein älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt +nachzublicken. +</p> + +<p>Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert. +</p> + +<p>Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. +Tema wählte sich die gemächlichste Gangart. +</p> + +<p>— Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren +nicht gegen die Straße gehen, alle gegen den Hof- oder +Gartenraum. +</p> + +<p>Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: — +Weil die Menschen sonst zu viel schwatzen, und die +Weisheit liegt nicht auf der Straße. +</p> +<!-- page 289 --> + +<p>— Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte +Grege mit Spott. +</p> + +<p>Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: +— Flink, kutschire Du, dann stimmt’s. +</p> + +<p>Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort +den Regierungswechsel und machte keinen Schritt mehr. +</p> + +<p>Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: — Wo +hast Du seither Deine Augen gehabt? Solche Dinge +sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen +dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen +— der kleine ist zu schwach? — also zwischen +dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, +so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die +Beine nicht auseinander, Alles in Fühlung, Alles in +festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine Zerstreuung. +Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . +Und das will ein Staatenlenker sein, ein geborener. +Halt, halt, mach’ mir das Thier nicht kopfscheu, Zügel +jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du eine +abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles +Roß, das eine edle Leitung gewohnt ist. Hör’ mal, +Grege, Tema verbittet sich dergleichen robuste Eingriffe +in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in +der Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen +Fähigkeiten wenigstens nicht unter ihr stehe. Raubst +Du ihr diese Illusion, dann macht sie in ihrem Jugendfeuer +mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen +Prozeß. +</p> + +<p>— Die Noth lehrt kutschiren, Maikka. +</p> + +<p>— Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth +<!-- page 290 --> +zwingt das Thier, sich einen Kutscher gefallen zu lassen, +der das Kutschiren nicht gelernt hat. Bis es über die +Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner +Kutsche über den Haufen wirft. Die Geschichte hat +schon Manchem nicht bloß den Kutscherthron, sondern +das Leben gekostet. +</p> + +<p>— Ist’s so recht, Maikka? +</p> + +<p>— Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst +die Antwort wissen. Das gute, vernünftige Thier! +Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch +einen erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit +er ein besseres Fortkommen in der Welt finde! Alles +wendet sich zu Deinem Heil! +</p> + +<p>— Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, +Maikka. Der die Noth erleidet und der sie beobachtet +und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich am +gleichen Strang und müssen sich verständigen. +</p> + +<p>— Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In +der alten Zeit nannte man das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. +Der Karren gerieth trotzdem immer +tiefer in den Dreck. +</p> + +<p>Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas +eigenthümlich Starres, Fanatisches. +</p> + +<p>— Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, +den nur das Schicksal sendet oder vorenthält. Die +Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka. +</p> + +<p>— Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt +eine Form der Noth, da lacht sich auch das Schicksal +in’s Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das +Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich +<!-- page 291 --> +Millionen Menschen verhungern lassen, kein Geist hat +die armen Hungertodes-Kandidaten errettet. Freilich, +damals kannte man Deine Surros noch nicht, das +Surrogat aller Surrogate. +</p> + +<p>— Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich +fürchte, er bleibt mir im Magen liegen. +</p> + +<p>— Laß ihn liegen und schaff’ Dir einen neuen +Magen an. +</p> + +<p>— Ich will mir’s merken, Maikka. +</p> + +<p>— Und merk’ Dir gleich noch dies dazu: Ihr +Teutaleute habt Euch an Surrogaten verdorben. In +Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so wächst +Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine +neue Küche und neue Köche an. Dann habt Ihr das +Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht keine slovakische +Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen +und Neuordnungen liegt in der Küche. +Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen einen Küchenzettel +schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, +Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen +Blut! . . . Gieb mir die Zügel, Grege, die arme Tema +dauert mich . . . +</p> + +<p>Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. +Der Pflanzenwuchs kümmerlicher. Von Bäumen waren +nur noch Birken, Eschen, Erlen und Ebereschen zu +sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. +Selten war ein Gehöft zu entdecken. Hie und da ein +Mensch in eigenthümlich langem, grauem Gewand, das +den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob +Mann oder Weib. +</p> +<!-- page 292 --> + +<p>— Du fragst nicht, Grege? +</p> + +<p>— Was soll ich fragen? Frage Du für mich. +Du hast mich verwöhnt . . . oder verdorben. Du +nimmst mir Alles ab. Teufelsweib! +</p> + +<p>Maikka lachte: — So nimm doch wieder Alles +zurück! Du bist die Macht, die durch Herkommen +herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als +Opposition bin ich von Haus aus der schwächere Theil, +ich will die Herrschaft erst erringen. Wo hast Du jemals +eine Macht gesehen, die sich schwach macht, sich +selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition +mit gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt +mit Deiner altererbten Gewalt die Opposition aufreiben! +. . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, +Tema, sonst führst Du die Opposition in den Morast! +Frage, Grege, frag’! +</p> + +<p>Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische +Zug verstärkte sich. +</p> + +<p>— In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme +Gegend führst Du mich? +</p> + +<p>— Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens +Lokalfarbe. Das ist die christliche Gegend. Und die +wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist interessant +genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von +Nordika, vielleicht von Europa. Und daß wir hier +überhaupt fahren und athmen können, ohne Gefahr für +unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die +Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. +Ihre Aufopferung, ihr Fleiß brachten es +auf den heutigen Stand. In hundert Jahren werden +<!-- page 293 --> +wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen +und Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen +nehmen ihren Beruf mit jenem himmlischen Ernst, der +an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. Sie +glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, +wie auf ihre wahre Heimath. Von der Erde und den +Menschen begehren sie nichts, als Duldung und die +Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen +die kranke Erde und die kranken Menschen und trösten +die Mühseligen und Beladenen, die hilfesuchend zu +ihnen kommen. Sie selbst drängen sich Niemand auf. +</p> + +<p>— Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? +fragte Grege erstaunt, mit warmer Antheilnahme. +</p> + +<p>— Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, +Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind +es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen +Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am +Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben +es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist +die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen +Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa +giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes +Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben +unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation +als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr +Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. +Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen +sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden +Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen +und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das +<!-- page 294 --> +christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an +Anderen fort — oder auch nicht, ganz wie es ihnen +das Herz eingiebt. +</p> + +<p>Grege fragte nachdenklich: — Sind das nun geborene +Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die +wir im Asyle finden werden? +</p> + +<p>Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem +überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend +auf Grege’s Gemüth machte, und antwortete treuherzig: +— Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika +ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes +freies Land. Wem die Natur gleich bei der +Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige +Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit +des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, +daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder +zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem +anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von +der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn +sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit +den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, +die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen +wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck +der Menschheit vereitelt? +</p> + +<p>— Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben +lang . . . gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk, +wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt +wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz . . . +</p> + +<p>— Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe +liegt’s auf dieser jahrtausendalten christlichen +<!-- page 295 --> +Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es +manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. +Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen +der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie +des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, +selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das +innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder +Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre +Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich +zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt +jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der +kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, +Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden +ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die +Gespenster sind doch überwunden. +</p> + +<p>— Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit +schwerem Kopf. +</p> + +<p>— Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. +Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige +Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es giebt +keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! +Hü, Tema! +</p> + +<p>— Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel! +</p> + +<p>— Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig +gelebter Poesie etwas ab? Ist Nordika nicht ein Idyll +zwischen Erd’ und Himmel? +</p> + +<p>— Ja, ja, wie man’s nimmt . . . ein Idyll . . . +</p> + +<p>— Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei +den Angelos ein Epos, bei den Teutaleuten, na, Grege? +</p> +<!-- page 296 --> + +<p>— Ein Drama. +</p> + +<p>— Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit +Satyrspiel wie bei den klassischen Alten. Sieh nur zu, +daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt . . . +Tema, hü! Nun werden wir’s ja bald haben, jenseits +des Hügels ist die Gäodrom-Station. Dann hinein in +alle Lüfte! +</p> + +<p>Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem +Blick. +</p> + +<p>— Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! +Tema hört das Singen gern, es trabt sich leichter +beim Singen. Im Namen Tema’s bitt’ ich Dich. Tirilire +uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife! +</p> + +<p>Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort. +</p> + +<p>— Verzeih’, Grege, ich hab Dich überschätzt. So +juble wenigstens. Schrei Hojoho! Wir sind aus dem +christlichen Armesünderland heraus, aus der Niederung +der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, +Höhenlicht, die Herzen auf, die Welt ist so schön! +</p> + +<p>Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und +kalt saß er da. +</p> + +<p>Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und +pfiff durcheinander und fand dabei noch Zeit zu dem +Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch eigentlich +ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein +waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein +unausgetragener Stier. Ein Wasserkopf. Ein dreifacher +Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den Asyl-Käfig +am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. +Hü! Den Glücklichen bereitet er doch nur Mißbehagen. +<!-- page 297 --> +Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen Nordika-Sonne +. . . Diese moderige Mumie im Garten der +Lust . . . +</p> + +<p>Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen +und stieß den Takt mit dem <a id="corr-10"></a>Ellbogen in Grege’s +Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, +improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger. +</p> + +<p>Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn +das zu ihrer Beschwichtigung nicht genügte, sie vom +Sitze herunterwerfen, als der Wagen um die Ecke eines +jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause +hielt. Das ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . . +</p> + +<p>— Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die +Zügel auf den Rücken und sprang herab. Sie reckte +und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz manierlich +aus. +</p> + +<p>Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend +entgegen. +</p> + +<p>— Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst +Du hier? . . . Ist ein Gäodrom bereit? . . . In einer +halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren +Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du +kommst nicht mit, Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind +wir wieder hier . . . Du giebst uns wenigstens einen +verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das +Wetter ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber +warum ist mein Gast nicht einen Monat früher gekommen, +zu den „weißen Nächten“? . . . Ach, Ole, Du +glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu +spät . . . Es ist mir eine große Freude, daß Du so +<!-- page 298 --> +stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, Ole . . . +Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . +Großmutter Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig +wie immer. Auf Wiedersehen! Gefällt Dir mein +Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen! +</p> + +<p>Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. +Maikka hieb mit blitzenden Zähnen in ihre Fladbrote +ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. Grege +fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel +strich nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts +sonderlich Bemerkenswerthes. Die fernen Berge waren +wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich +Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen +Ortschaften. Viehherden mit glänzenden Kugeln an +den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im dunklen +Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde +herauf. Die Luft hielt sich feierlich still. +</p> + +<p>Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die +Brotkrumen auf die Erde hinab. Einem Flug Elstern, +der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, +warf sie Reste von gedörrtem Fleische zu. +</p> + +<p>— Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt +sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen +sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte +hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt? +</p> + +<p>Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird +ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken +desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können +wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen +<!-- page 299 --> +und dann wieder ordnend darüber schweben wie der +Schöpfergeist über dem Chaos. +</p> + +<p>Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante +zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt. +</p> + +<p>— Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, +welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht +wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie +ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um +Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme +weit her über die Felder, redete der Gott sie an. +Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von +dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge +hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald +so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief +sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so +wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und +kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste +war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. +Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie +bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und +ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: +Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen +ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und +knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder +kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem +Wanderer: Mach’ nur, daß Du fortkommst, ich kann +Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge +Dir Odin gnädig sein. Nun geh’! Da erzürnte der +Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte, +wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie +<!-- page 300 --> +auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der +Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet +und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du +arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung +gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine +Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod +mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße +des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der +Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich +die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib +sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt +haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. +Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in +eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr +Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon +begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche +und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie +aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie +von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst +ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt +und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht +der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden +und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein +Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung +der Elster, und wer sie richtig hört, dem +rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht +. . . Ist Dein Herz gerührt, Grege? +</p> + +<p>Er nickte mit stummem Lächeln. +</p> + +<p>— Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl’ uns ein +Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet! +</p> +<!-- page 301 --> + +<p>Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe +stieg ihm in die Stirn. +</p> + +<p>— Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war’s. +Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück +Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der +Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. +Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem +Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf +seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen +auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. +Von unten kam kein Laut, die Erde war wie +ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im +Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer +ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der +Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, +ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit +so bleiben solle, wie er’s entschieden. Er lauschte +seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo +weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er +vernahm nichts als den verhallenden Jubel im +Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht +allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, +und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich +das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde +zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll +und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum +erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches +Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge +schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem +Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung +<!-- page 302 --> +die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die +Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu +machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den +ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es +hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr +geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen +stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das +Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich, +von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem +Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück — und dazwischen +das leere Nichts, unabänderlich. Wie also +kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das +Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch +wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um +jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen +und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem +Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; +Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte +und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung +geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie +auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er’s nun recht +bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem +nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl +des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das +Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei +und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten +müsse. Und da schauderte der Gott vor sich +als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches +Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser +Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und +<!-- page 303 --> +in schwere Trauer versank der Gott und seine alte +Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß +seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen. +Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht +mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte +Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß +. . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom +entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos +tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine +Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie +fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen +Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen +Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein +Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, +er mußte sich erst fassen, so überraschend war +das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie +seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das +schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! . . . +Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb +uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! +rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! +. . . Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel, +keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! +Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, +Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir +mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und er +fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und +wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da +erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites +Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst +<!-- page 304 --> +der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es +da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge . . . +Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm +und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, +welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der +Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele +und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, +lachend süße Weib — und reichte der stummen, bleichen +Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie +erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen +weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel +tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht +dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib +aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an +seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem +süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen +Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels +und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt +der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil +erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand +lachend der Gott mit dem lachend süßen +Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit. +Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die +Erde. +</p> + +<p>— Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung. +</p> + +<p>Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und +mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in +großen Tropfen über die Wange rollten. +</p> + +<p>Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem +<!-- page 305 --> +die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude. +Das schied den Menschen vom Gott. +</p> + +<p>Maikka streckte ihm ihre Hand hin: — Bitte +Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende. +Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, +in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht +sein letzter Irrthum gewesen . . . Bitte ihn . . . warne +ihn . . . +</p> +<!-- page 306 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-22"><span class="hidden">Kapitel 22</span> +</h2> + +<p class="noindent">Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am +Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht. +Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an +seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als +Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete +mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle +Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo +hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? +In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er +schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit +ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? +Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen +schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, als +sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit +und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke, +und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte . . . +</p> + +<p>Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. +War’s der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er +aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und +durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer +hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen +Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter +Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen +<!-- page 307 --> +Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, +die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen +der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in +tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle +Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . . +</p> + +<p>Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen +bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die +letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden +Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden +Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl +gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten +Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten +Schluchtmündung. Und Alles so weiß und +reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, +die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt +zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem +Himmel entgegenzutragen schienen. +</p> + +<p>Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor +dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene +Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die +Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen +Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten, +Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine +alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. +Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem +orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die +Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden. +Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich +berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt +einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln, +<!-- page 308 --> +voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des +Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so +oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren +Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug +kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und +jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch +schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser +stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht +hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes +Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst +die nämliche Strophe wiederholend, also daß +sie Wort für Wort Grege’s Gedächtniß sich einprägte, +sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu +der begleitenden Musik: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Befiehl Du Deine Wege</p> +<p class="line">Und was Dein Herze kränkt,</p> +<p class="line">Der allertreusten Pflege</p> +<p class="line">Dess’, der den Himmel lenkt.</p> +<p class="line">Der Wolken, Luft und Winden</p> +<p class="line">Giebt Wege, Lauf und Bahn,</p> +<p class="line">Der wird auch Wege finden,</p> +<p class="line">Da Dein Fuß gehen kann.</p> +</div> + +<p class="noindent">— Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte +Grege die mütterliche Christin, die als Aufseherin +waltete. +</p> + +<p>— Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie +kaum mehr. Sie ist vor zehn Jahren erblindet, an +einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. +Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, +glaube das ja nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich. +</p> +<!-- page 309 --> + +<p>— Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung? +</p> + +<p>— Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal +eine junge Frau, durch eine große Gemüthserschütterung +erblindet, ist ebenso durch eine andere +Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen. +</p> + +<p>— Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, +christliche Frau? +</p> + +<p>— Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . . +</p> + +<p>— Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur +um noch etwas zu sagen. +</p> + +<p>— Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. +Die Wunder der Liebe und des Glaubens. Hast Du +das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren seine +Kraft nicht verloren . . . +</p> + +<p>Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen +der Christin. Er eilte davon, und wie Nachhall +der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein +plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . . +</p> + +<p>Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen +dem Asyl und dem Fjord, war ein wandernder Spielmann +eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung +verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und +Bauern entledigten sich ihrer Oberkleider. Erst sanfte +Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen Nachtigallenliedern, +dann immer wildere Spielmannsweisen und +ausgelassenere Tänze. Alle Anwesenden schwangen die +Beine in dem zum Ersticken heißen Raum. Und wer +Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks +jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, +wer? Ja, schön war sie, dämonisch, und ihre Blicke +<!-- page 310 --> +und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die +Herzen der Männer, der „Zottelbären“ . . . +</p> + +<p>Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege. +</p> + +<p>In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich +das Blitzboot für den Morgen nach Angela rüste und +noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer +fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend +mit Dank und Händedruck begegnet waren und +ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch +Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über +das Wiedersehen am Meer. Ein Auftrag vom Aeltesten +trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen Entschlusses +schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen +ihm jede erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse +kundig waren. +</p> + +<p>Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges +Lager mit der Meldung, daß es höchste Zeit sei, sich +in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei bereits +fortgeschafft. +</p> + +<p>— Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine +Frage: Ist die . . . Frau, Du weißt, mit der ich angekommen, +zurückgekehrt vom Berge? +</p> + +<p>— Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie +wird wohl auf dem Berge genächtigt haben. +</p> + +<p>Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der +Thür und spornte zur Eile. +</p> + +<p>— Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten +Dank. Grüßt mir Euer gastliches Land . . . und die +Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt. +</p> + +<p>— Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte +<!-- page 311 --> +dem Scheidenden die Hand. Und nimm, nach alter +Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum Geleite +mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was +wir gefangen, warfen wir weg; was wir nicht gefangen, +tragen wir bei uns! +</p> + +<p>Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem +Herzklopfen. +</p> + +<p>So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher +Fahrt in Angela zu landen. +</p> +<!-- page 312 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-23"><span class="hidden">Kapitel 23</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich +Grege als treue Freunde. Mit klugem Rathe wiesen +sie ihm die Wege im fremden Lande. +</p> + +<p>Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und +unterrichteten ihn in allen wissenswerthen Dingen, damit +er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an den +Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze +des Teutastaates bewirken könne. +</p> + +<p>Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger +Bauart geleiteten sie ihn in einen Vorort der Hauptstadt +und brachten ihn in eine Herberge, genannt „Zum +tollen Junker Heinz“. Grege, der sentimentalen Auffassung +der irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue +mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das Ueberraschendste +traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als +objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie +dereinst in wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des +eigenen schöpferischen Wesens, das berufen ist, sich seine +Welt zu gestalten. +</p> + +<p>Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken +eine ungeheuere Stadt mit Millionen Menschen gährte +und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, wird +er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit +<!-- page 313 --> +der stillen Sicherheit des Forschers, den keine feindliche +Macht erschreckt. +</p> + +<p>Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse +stürzen auf das Dach, so daß sich sein kleines +Gemach mit trommelndem und plätscherndem Geräusch +erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man +ihm gesagt, hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit +nimmt zu, Grege sorgt mit einem Fingerdruck +auf den Lichtträger für künstliche Helle. +</p> + +<p>Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment +zu entrollen. Auf dem Bauche liegend — +das Lager ist raffiniert elastisch gebaut — und den +Kopf auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten +Fingern die vornüber wallenden Haare zurückhaltend, +beginnt er laut in das Geräusch des Unwetters die +lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als +handle sich’s um den Genuß einer Dichtung, zu welcher +die Elemente selbst die Begleitmusik machen. +</p> + +<p>Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, +den Sinn übertragend in Klang und Rhythmik: +</p> + +<p>„Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, +doch nicht bei uns, meine Brüder: da giebt es +Staaten. +</p> + +<p>Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir +die Ohren auf, denn jetzt sage ich Euch mein Wort +vom Tode der Völker. +</p> + +<p>Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. +Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem +Munde: Ich, der Staat, bin das Volk. +</p> + +<p>Lüge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die +<!-- page 314 --> +Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe +über sie hin: also dienten sie dem Leben. +</p> + +<p>Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für +Viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert +und hundert Begierden über sie hin. +</p> + +<p>Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat +nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an +Sitten und Rechten. +</p> + +<p>Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht +seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der +Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten +und Rechten. +</p> + +<p>Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten +und Bösen; und was er auch redet, er lügt — und +was er auch hat, gestohlen hat er’s. +</p> + +<p>Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen +beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide. +</p> + +<p>Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses +Zeichen gebe ich Euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, +den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! +Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes! +</p> + +<p>Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen +ward der Staat erfunden! +</p> + +<p>Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! +Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut! +</p> + +<p>Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der +ordnende Finger bin ich Gottes — also brüllt das +Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte +sinken auf die Kniee! +</p> +<!-- page 315 --> + +<p>Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er +seine düsteren Lügen! Ach, er erräth die reichen Herzen, +die gerne sich verschwenden! +</p> + +<p>Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten +Gottes! Müde werdet Ihr vom Kampfe, und nun dient +Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen! +</p> + +<p>Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, +der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein +guter Gewissen, — das kalte Unthier! +</p> + +<p>Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, +der neue Götze: also kauft er sich den Glanz Eurer +Tugend und den Blick eurer stolzen Augen. +</p> + +<p>Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein +Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, +klirrend im Putz göttlicher Ehren! +</p> + +<p>Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das +sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst +allen Predigern des Todes! +</p> + +<p>Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute +und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, +Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord +Aller — das Leben heißt. +</p> + +<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen +sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: +Bildung nennen sie ihren Diebstahl — und Alles wird +ihnen zu Krankheit und Ungemach! +</p> + +<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind +sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es +Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich +nicht einmal verdauen. +</p> +<!-- page 316 --> + +<p>Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer +erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen +sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, — +diese Unvermögenden! +</p> + +<p>Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie +klettern über einander hinweg und zerren sich also in +den Schlamm und die Tiefe. +</p> + +<p>Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn +ist es, — als ob das Glück auf dem Thron säße! +Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron — und oft +auch der Thron auf dem Schlamme. +</p> + +<p>Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde +Affen und Ueberheiße. Uebel riecht mir ihr Götze, das +kalte Unthier: übel riechen sie mir alle zusammen, +diese Götzendiener. +</p> + +<p>Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste +ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die +Fenster und springt in’s Freie! +</p> + +<p>Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! +Geht fort von der Götzendienerei der Ueberflüssigen! +</p> + +<p>Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! +Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer! +</p> + +<p>Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. +Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, +um die der Geruch stiller Meere weht. +</p> + +<p>Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. +Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: +gelobt sei die kleine Armuth! +</p> + +<p>Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der +Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das +<!-- page 317 --> +Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche +Weise. +</p> + +<p>Dort, wo der Staat aufhört, — so seht mir doch +hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen +und die Brücken des Uebermenschen? — +</p> + +<p>Also sprach Zarathustra.“ — — — +</p> + +<p>Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf +die Blätter, visionär, wie entrückt in ferne Vergangenheit, +während er im Tone Zarathustra’s weiter sprach, +improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? +War er’s nicht selbst gewesen, der die nämliche Rede +schon gehalten, damals . . . damals, Wort für Wort . . . +als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus +tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen +Bergen, in die er geklettert, weltmüde, aus dem +Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen Kopf gesenkt, +also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . +Eisberge unvermögend, den Brand zu löschen . . . +</p> + +<p>Unsinn, Unsinn! +</p> + +<p>Dann sprang er auf und lachte so grimmig und +grell . . . wie einst jene Frau, als sie ihn auf das +Drachenschiff entbot. +</p> + +<p>Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und +Uebermenschen, selbst Alles noch so gefunden haben, +wie es Zarathustra vor tausend Jahren herausgearbeitet +. . . +</p> + +<p>Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart +schossen seine Gedanken in einander zu unzerreißbarem +Gefüge . . . +</p> + +<p>Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. +<!-- page 318 --> +Da trat ein ältlicher, schwarz gekleideter Mann herein, +mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz, ein +schlotteriges Knochengestell. +</p> + +<p>— Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann +er, wie ein Schauspieler, der eine komische Rolle hersagt, +— ich bin der Wirth zum tollen Junker Heinz, +und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren +Vorhandensein bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit +mich trifft, das Glück hat, dadurch an Bedeutung +zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines Gastes +übereinstimmt. +</p> + +<p>— Was sollen die Umschweife? Schnell, was +giebt’s? Ich habe keine Zeit, Mann! +</p> + +<p>— Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft +eines Herbergvaters in Ihrer Majestät der Kaiserin +von Indien und Königin von Jerusalem und anderer +Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. +Wessenmaßen ich mir in aller Unerfahrenheit allerlei +Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten, benebst der +hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals +gezogen. Derohalben giebt’s erstens kund zu thun, daß +Ihr keine Gastfreundschaft auf Staatskosten bei mir zu +erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa noch +zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter +Arbeit ersetzen oder andere Unterkunft als beim +tollen Junker Heinz suchen müßt; zweitens giebt’s von +Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu +leisten vermögt, welches Euer Nam’ und Art und mit +welcherlei staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland +aufzuhalten gedenkt. +</p> +<!-- page 319 --> + +<p>— Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was +Euer Begehr! +</p> + +<p>— In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr +ein Gentleman oder etwas Anderes? +</p> + +<p>— Ich bin’s. +</p> + +<p>— Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem +Wege? +</p> + +<p>— Aus Nordika, durch Wasser und Luft. +</p> + +<p>— Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch +rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns manchen +leichten Gesellen an’s Land und manches gelüstige +Dirnlein in’s Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein +Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr kuranten +Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, +wenn unsere hohe Polizei, mit Respekt zu +sagen, Euch den Brotkorb der Gastfreundschaft zu hoch +hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das +Glück, Euch in einem weise und streng geordneten +Staate Eueres Aufenthaltes zu freuen, Gentleman. +</p> + +<p>— Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so +überrascht Ihr mich. Von all’ diesen Dingen haben +mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt. +</p> + +<p>— Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen +kannten vermuthlich den neuen Wirth zum +tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen +Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, +Gentleman, siehe, es ist Alles neu geworden, und bedenkliche +Dinge bereiten sich vor in unserem Weltreich +beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch +so zu fragen, wie ich’s thue, selbst auf die Gefahr hin, +<!-- page 320 --> +den Beifall eines so großen Weltreisenden, Gentleman, +zu verscherzen. +</p> + +<p>— Je nun, Mann, was soll ich da sagen? +</p> + +<p>— Was man so die Wahrheit nennt, wenn’s Euch +beliebt. Zu welcher Gilde gehört Ihr? Zu Nummero +Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen +Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden +schon die reichsten Leute der Welt gewohnt, +Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt Ihr zum +Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman? +</p> + +<p>— Nein. +</p> + +<p>— Der ist hier die größten Summen schuldig +geblieben. Seine Rechnung könnt Ihr heute noch im +Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau +des Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel +in’s British Museum abgeliefert. Dort steht er noch. +Die größten Gelehrten aller Rassen machen dort seit +tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir +John Falstaffs Rechnung, notabene mit doppelter +Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum tollen Junker +Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der berühmtesten +Sehenswürdigkeiten im British Museum, da +ist unser königlich kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall +dagegen. +</p> + +<p>— Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall +zu sehen? Zuverlässig? +</p> + +<p>— In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, +keine kleine Anlage. Ihr könnt, gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr +von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst +dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, +<!-- page 321 --> +nach verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten +Männer in musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. +Ihr werdet Furore machen, mein Wort, +Gentleman. +</p> + +<p>— Ich bitte Euch, ’meine Person aus dem Spiele +zu lassen. Durch ernsthafte Belehrung über diesen +Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden. +Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und +vor einander sicher? Also erzählt! +</p> + +<p>Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über +das ganze Gesicht, schnitt eine lächerlich komische Fratze, +setzte sich Grege gegenüber und begann: +</p> + +<p>— Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns +Mensch heißt, die Polizei eingeschlossen, mit Respekt zu +sagen, hat seinen Narren an diesem königlich-kaiserlichen +Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er amüsant +ist — lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, +mein Wort darauf! — zum Zweiten, weil die Welt +nicht seines Gleichen hat. Angelos-Idee, kein amerikanischer +Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm’ mich! +</p> + +<p>— Zur Sache! +</p> + +<p>Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über +einander und spuckte seitwärts an die Wand: — Gott +verdamm’ mich, wenn ich nicht mitten drin bin in der +Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, +bevor ich Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß +nicht was, aber vorher, Gentleman, war ich einer der +respektabelsten Aufseher im Königlich-Kaiserlichen, also +in eben diesem Menschengarten. Das verliert sich nicht. +Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin, +<!-- page 322 --> +Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, +Thatsachen . . . +</p> + +<p>— Ist das Alles? Ich danke. +</p> + +<p>— Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, +die Erinnerung überwältigt mich. Geduld, Gentleman. +Wer nicht drin war, weiß sich das nicht zusammen zu +reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem +Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber +sie werden schlechter und schlechter, wegen Unzulänglicher +Behandlung, und endlich sterben sie aus, wie +der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im +Wappen haben, oder wie der größte Dichter Shakespeare, +der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere +Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer +schlechten Laune — nicht alle Völker haben den Humor, +wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in Nordika! — +Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie +also, damit wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, +in guten Exemplaren, kapabel zur Fortpflanzung, +amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und +das Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. +Wir besitzen ganz Afrika, Asien haben die verdammten +Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir +besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim +keine Revolution bekommen oder nachher, nehmen wir +ganz Europa, ohne Nordika, selbstverständlich, wasmaßen +die Nordikaner unsere besten Freunde sind. Aber +das übrige Europa ganz, wir werden’s ausputzen, auflackiren, +poliren, präsentabel machen, ertragsfähig. Ein +großes Geschäft, würdig unserer Firma. Verstanden, +<!-- page 323 --> +Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die +schwarze Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt +worden. Es giebt keinen Hottentotten mehr, leider. +</p> + +<p>— Das bezweifle ich. +</p> + +<p>— Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, +Gentleman. Nicht eine Nasespitze von einem Hottentotten, +nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak langt. +Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind +nun in Europa noch einige brauchbare Italianos, +Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden — und was +weiß ich. +</p> + +<p>— Teutaleute, nicht? +</p> + +<p>— Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, +sehr gut. O, das ist eine Historie, da komm’ ich sofort +darauf zurück. Also wir verschaffen uns von diesen +interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare — +kein leichtes Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist +nicht so schwierig und gefährlich, als einen gesunden +Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen, +mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. +Mein leiblicher Bruder ist dabei umgekommen, neulich +erst . . . +</p> + +<p>Grege rückte einen Schritt zurück: — Keine Familienszenen, +das wäre indiskret. Also Ihr habt die +reinen Exemplare in Eurem Menschengarten, paart sie +— was dann? +</p> + +<p>— Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten +zugelassen, und von deren Nachzucht wieder nur die +Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die mißlungenen +Nachwuchsexemplare werden kastrirt. +</p> +<!-- page 324 --> + +<p>— Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, +die sich immer weiter vermehren, was geschieht da? +</p> + +<p>— Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als +Setzlinge in unsere Kolonien, nach Afrika, und später, +wenn wir ganz Europa haben, in ihre Originalländer, +unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt +und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt +ist. +</p> + +<p>— Und wenn sich im Garten ein zu starker +Ueberschuß ergiebt, oder wenn einzelne Paare durch +Krankheit oder Tod zerrissen werden? +</p> + +<p>— Da giebt’s zu lachen, großartig, Gentleman. +Reiche, vornehme Herrschaften, Damen und Herren, erlegen +dem Staate hohe Werthe, dafür dürfen sie sich +überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu +sich nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte +Zeit, nur so, damit es nicht wie Sklavenhandel aussieht. +Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und bei +Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit +ist, hui hui! Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr +den Humor von der Sache? Das Vergnügen an rasse-echtem +Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und +seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui +hui . . . Wir lieben die Welt, weil wir sie haben. +</p> + +<p>— Hm. +</p> + +<p>— Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. +Das ist eine Handvoll Guineas werth. +</p> + +<p>— Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus? +</p> + +<p>— Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, +nicht wahr, die Wenigsten finden’s so gut daheim. +<!-- page 325 --> +Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische Aufsicht, +Training . . . hm . . . +</p> + +<p>— Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn +man sie erwischt? +</p> + +<p>— Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, +Tretmühle, je nach Befund. Wir Angelos sind die +humanste Nation der Welt. +</p> + +<p>— Was ist sonst noch da? +</p> + +<p>— Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung +gelehrter Professoren und solcher Kerls. +Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung entstehen, +Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus +dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, +Hofprediger und als Gegensatz Hungerkünstler, aus +Schullehrer-Dynastien mit einem halben Hundert Ahnen, +Spiritisten, Juristen . . . seht’s Euch selbst an, Gentleman. +Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? +Habt Ihr unsere Schatzkammern gesehen? Unsere +Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen Seiten der +Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. +Die Leute in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, +sehen von der ganzen Welt nur, was sie auch vom +Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen +sie von allen Seiten, wir drehen auch den Mond noch +herum, mein Wort darauf, Gentleman . . . Verdammtes +Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür +jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt +Ihr unsere Schiffe gesehen? Ihr glaubt wohl, wir +hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den allerneuesten +Fahrzeugen auch die guten alten, offene und +<!-- page 326 --> +gedeckte Schiffe, mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . +Jetzt eilt mir’s, Gentleman. +</p> + +<p>— Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht +fürchterlich . . . +</p> + +<p>— Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet +die Erklärungen, Gentleman. Worüber wir +vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei . . . +</p> + +<p>— Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet +auf eine Historie von Teuta an, dem wunderlichen +Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein +Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht. +</p> + +<p>— Gott verdamm’ mich, <a id="corr-11"></a>Gentleman, das hätte ich +wahrhaftig vergessen. Wurde da vor Wochen vom +Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib erworben, +von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten +Merkmalen echter Rasse, jung, intelligent, aber . . . +aber . . . +</p> + +<p>— Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter! +</p> + +<p>— Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig. +</p> + +<p>— Also verrückt! +</p> + +<p>— Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind. +</p> + +<p>— Blind? +</p> + +<p>— Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht +blinder sein. +</p> + +<p>Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, +mit kalter Sachlichkeit. +</p> + +<p>— Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, +Gentleman. Ich kann’s nicht so nobel geben. Ich +diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger. +</p> + +<p>— Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: +<!-- page 327 --> +Was wollen die guten Leute mit einem blinden +Weibe? +</p> + +<p>— Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was +wollen die Menschen mit blinder Liebe? Ist Blindheit +immer ein Nachtheil? Die blinde Person war sehr +werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die +Tinte blicken. +</p> + +<p>— Was konnte sie? +</p> + +<p>— In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. +Sie war eine Seherin . . . Ich mache mir meine Gedanken, +vielleicht ließ man sie gerade darum laufen. +Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz +der Welt. Es ist nicht immer gut, Alles vorher zu +wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen werfen, +heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und +man kann’s nicht hindern. Blind drauflos ist eine +gute Sache, Gentleman. Es ist eine kritische Zeit. +Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das Frauenzimmer +wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes +prophezeien, so viel sie will, und Unheil anrichten. +Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn wir nicht damit +spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr, +Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich +verrathen sie sich gegenseitig, wie dieser rundköpfige +Kretin. Was meint Ihr, Gentleman? +</p> + +<p>— Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom +rundköpfigen Kretin. +</p> + +<p>— Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer +Gelehrter, Ihr kennt die Welt. Die ganze Weltgeschichte +ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein geriebener +<!-- page 328 --> +Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich +seh’s an Euren Augen, Ihr habt viel erlebt. +</p> + +<p>— Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt +Ihr Recht haben. +</p> + +<p>— Hab’ ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. +Was wollt’ ich sagen? Das Komische an der Historie +ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem +eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem +Königlich-Kaiserlichen in die Hand gespielt worden ist. +Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman? Zweitens, +daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht +erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben. +</p> + +<p>— An den schuftigen Liebhaber? In der That +ein komischer Fall. +</p> + +<p>— Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta +selbst. Auf diplomatische Einmischung. Die Diplomatie +von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche. Das +Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch +mit einem jungen Diplomaten des Landes in zarten +Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger begünstigt +glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft +zu revanchiren. So mag’s wenigstens sein. Der junge +Diplomat zerschlug den Handel und brachte seinen +Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen +gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas +Geeigneteres zu liefern. Aber die lachhafteste Seite +der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht. +Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem +Spaß, trotz der ernsten Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten +<!-- page 329 --> +sind ernst, auch ohne den neuen Polizeipräsidenten. +Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos +zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster +in die Visage kleben müssen, Gentleman. +</p> + +<p>— Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende! +</p> + +<p>— Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, +Teuta werde den Angelos den Krieg erklären, wenn +sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst abwickelt. +Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das +Bild? Teuta gegen Angelland! Ja, die Zeiten sind +lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch die +Historie? +</p> + +<p>— Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen +des Weibes? fragte Grege etwas dringender. +</p> + +<p>— Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. +Zala hieß es, Gentleman. +</p> + +<p>— Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch. +</p> + +<p>— Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. +Uebrigens Zala oder Jala, das ändert nichts am Spaß. +</p> + +<p>— Wahrhaftig nicht. +</p> + +<p>Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter +Lustigkeit die Hände: — Ich dank’ Euch für die feine +Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat mir +ordentlich Appetit gemacht. +</p> + +<p>— Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch +zu Diensten. Oder ein Glas Punsch oder . . . +</p> + +<p>— So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen +Teuta. Das möcht’ ich mir nun doch einmal besehen, +so schnell als möglich. +</p> + +<p>— Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch +<!-- page 330 --> +zuvor unser Land gut anzusehen, dann findet Ihr in +Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr bedürft +der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet +Ihr an kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, +Ihr habt einen erregbaren Kopf. Oder an Nachtschweiß? +Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, +Ihr bedürft meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich +bin zwar Leichenschauer gewesen und mein letztes Weib +selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein Lachs. +Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir +haben auch eine sehr interessante königlich-kaiserliche +Familie, zahlreich wie sämtliche Patriarchen des Orients, +und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien gemacht +werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet’s +mir danken, es ist ungeheuer sehenswerth. Wir salben +Könige, die nichts zu thun brauchen, als sich salben zu +lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche +Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick +zu erfreuen. Alles Uebrige besorgen wir selbst. Die +Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist gut, so lange +man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran +glauben. Wir haben viele Völkerschaften, die dran +glauben. Also sind unsere Könige so nützlich wie +unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes +Bild. +</p> + +<p>— Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich +Fahrgelegenheit nach Teuta finde? +</p> + +<p>— Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere +Sache mit der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen. +Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden? +</p> +<!-- page 331 --> + +<p>— Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft! +</p> + +<p>— Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein +Witzbold. +</p> + +<p>— Und Euer Name? +</p> + +<p>— Drachenschiff! +</p> + +<p>— Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, +mit Respekt zu sagen. Und tragt Ihr Werthe bei Euch, +Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch, und +der <a id="corr-12"></a>Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann +im Rath. +</p> + +<p>Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie +auf den Tisch, Zarathustra und Jesus Sirach: — +Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker, +meine Familienpapiere! +</p> + +<p>— Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt’s +nicht, kann’s Euch den Hals kosten. Aber was geht +mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu befriedigen, +mit Respekt zu sagen. +</p> + +<p>— Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht! +</p> + +<p>— Bei Sir John <a id="corr-13"></a>Falstaffs Andenken, hier wird +nichts vergessen, Gentleman. Gottbei! +</p> + +<p>Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges +Knochengestell in dem schwarzen Futteral mit der komischen +Fratze gebückt durch die niedrige Thür schiebend. +</p> + +<p>Grege warf sich auf’s Lager und wand sich in +Krämpfen wie ein Epileptiker. Es ging vorüber. Der +letzte Gram war abgeschüttelt. +</p> + +<p>Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes +Gesicht. Teufel! +</p> + +<p>Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. +<!-- page 332 --> +Das zwang ihn, zu wandern, die Kreuz und Quer, +in Unrast seine kritischen Speere schleudernd auf Alles, +was ihm begegnete. Daß hier Alles in’s Titanenhafte, +Kolossale getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, +Widersinnige, Tyrannische war das Besondere, was +ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles +hinein schlug die See, das Weltmeer. In den Augen +der unbeirrte Blick auf fernste Horizonte, Nacht und +Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man +die Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. +Die Menschen wie verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! +Wer die See hat, hält die Welt, hält das gewaltige +Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf +Schritt und Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins +schlug ihm überall prahlerisch +entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller +Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, +die sogar in deren Nachäffung Orgien feierte, +erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, +was er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein +dämonischer Humor, der jeder Verzweiflung Herr wird, +schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des Alleinherrschenwollenden, +dem der Eroberungsfanatismus zum +sechsten Sinn geworden. +</p> + +<p>Das Allermerkwürdigste dünkte ihm — und das +war vielleicht der Schlüssel, sich Angellands räthselhafte +Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig erhalten +und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles +Gegenwärtige schien gewachsen wie aus einem einzigen +Wurzelkomplex, der bis in den tiefsten Boden der Vergangenheit +<!-- page 333 --> +reichte, mit vielen jüngeren, üppig genährten +Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den +Angelos nur ein Nebending, das sie nur als einer +ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte. Ihr Reich war +die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo +ein Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte +er seine wuchtige Eigenart auf und formte es rücksichtslos +zu seiner Heimath. So ward er überall der +Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und +pflückte überall die Freuden der Heimath . . . +</p> + +<p>Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen +gab, die ganze Fülle der Gesichte eines in’s Riesige +entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem königlich +kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem +Wege. Er wußte genug davon. Und er wollte keine +Gefühle zwecklos verpuffen . . . +</p> + +<p>Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach +einem Ziel: Teuta! Kalte Ueberlegung. Keine Vergeudung +der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments +. . . +</p> + +<p>In Teuta — klingt’s nicht wie ein Märchen? — +hat bereits Einer den Kopf zu erheben und den Angelos +mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas +willen? Und dieser Eine . . . war nicht Grege? +</p> + +<p>Teufel! +</p> + +<p>Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das +Weib an? +</p> + +<p>Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, +handelte sich’s um mehr, als um das Weib. +Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu +<!-- page 334 --> +entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann +ganz andere Dinge zu holen. +</p> + +<p>Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge +in das Jala-Abenteuer. Wer war der rundköpfige +Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht +sagen wollte? +</p> + +<p>Aber die letzte große That war allein entscheidend. +Die wartete auf ihn. Das fühlte er. Welche That? +Festzustellen in’s Einzelne vermochte er sie nicht. Er +sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer +glühender wurde, eingehüllt in einen dicht geballten +schwarzen Nebel. Wenn die Stunde gekommen, mußte +der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles +stand im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war +die leuchtende That, aus dem Dunkel geboren. Die +Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich +trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, +die Neugeburt der königlichen Seele . . . +</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit +Angellands verflog plötzlich alle Mystik. Grege +knirschte: — Ganz Teuta auf Schiffe packen und +hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das +Weltmeer zu reiten, wie die urgermanischen Vorfahren +im Norden . . . +</p> + +<p>Wer lacht so grell? +</p> + +<p>Teufel! +</p> +<!-- page 335 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-24"><span class="hidden">Kapitel 24</span> +</h2> + +<p class="noindent">Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein +wenig an die Bewegung in freier Luft zu gewöhnen +und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein +Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und +hatte eine ganz kleine Strecke der unendlichen Feststraße +in Begleitung der Aeltesten vom Festbund abgeschritten, +richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses +Opfer. Nach Aos Gefühl war’s ja einfach menschenunwürdig, +überhaupt sich in der Oberwelt zu bewegen. +Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht riechen. +Und erst das freie Licht! Giebt’s etwas Brutaleres +als freie Luft und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? +Was nahm sich das natürliche Licht nicht für +Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der +späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel +gegen Westen ein lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl +noch ein brennender Stachel mit Widerhaken, einem +das Auge aus dem Kopf zu reißen! +</p> + +<p>Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten. +</p> + +<p>Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, +das Wetter werde nach einer solchen Abendröthe prachtvoll +<!-- page 336 --> +werden und das Fest und sein feierliches Gepränge +in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen. +</p> + +<p>— Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös +zusetzen. Der halbe Zug wird auf dem Wege liegen +bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom +Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll +werden oder wie Fliegen umfallen, die heiligen +Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der +Kaserne werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden +sich füllen, kurz, es wird ein unerträglicher +Skandal sein. +</p> + +<p>Und das Alles komme davon, daß man das Fest +zum dritten Mal verschoben, diesem überspannten Soundso +zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu +lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe +auf seine Geduld und Ergebung in den Willen des +hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe +an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und +bedürfe eigentlich nicht des festlichen Lärmes, wenigstens +nicht jedes Jahr. Und bis zum nächsten Jahre +hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr +Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen +gesagt, sei es nicht einmal der Beruf des jungen +Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und dem +Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. +Das sei auch ein Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der +Jugend überhebe und auf allerlei ungewöhnliche „Effekte“ +sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres Teutavolkes, +könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und +im Sinne des göttlichen Uebermenschen Zarathustra +<!-- page 337 --> +und des großen Mysteriums unserer Nationalgottheit +ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen. +</p> + +<p>Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten +leider die Aeltesten vom Festbunde wenig. Ao mußte, +nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in einer +Sänfte noch in’s Gotteshaus und in’s Museum schleppen +lassen, um sich durch den Augenschein von den Erneuerungen +zu überzeugen und oberpriesterlich zu bestätigen, +daß Alles in schönster Ordnung. Das Gotteshaus +und das Museum lagen an entgegengesetzten +Punkten der bald zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße +an den Abhängen der uralten grauen Schuttberge, +mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße +in einer großen Spirale endigte, stand auf einem, +die anderen um Weniges überragenden Schuttberge das +Königsschloß, auf dessen Terrasse der Schlußaktus der +Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike +Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk +lagerte sich dann in weitem Umkreise auf die Abhänge +der Schuttberge, auf Freitreppen und Terrassen und +erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige +Grege improvisirten Verspottungs-Komödie, die in +Reden, Geberden und Tänzen bestand, parodirend nachgeahmt +den alten Hof-Zeremonien der Majestätsperiode +früherer Jahrtausende. +</p> + +<p>So war es immer, und so sollte es auch diesmal +sein, nur mit dem geheimgehaltenen Unterschied, daß +jetzt Soundso’sche Automaten die lebendigen Figuren +ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, +weil sie für einen Automaten zu gefährlich war und +<!-- page 338 --> +leicht zu seiner Entlarvung führen könnte. Sie bestand +in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich die +Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen +der in der Spirale stehenden Festgenossen abschreitend, +die Trinkgelder — alten Münzen nachgeahmte Spielmarken +— einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, +und mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die +tollsten Stichelreden . . . Statt dieser Scene hatte Soundso +eine groteske Tanznummer zugebilligt erhalten, +für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, +wenn man ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und +das Fest noch um eine Woche verschiebe. Soundso +setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er +die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen +hatte. Was setzte er nicht durch? Die Hauptrolle bei +diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten Tanzkünstlerinnen +spielen, deren Namen er noch geheimhalte, +und das Volk würde dabei das Schauspiel einer bis +— zur Nacktheit verhüllten wunderschönen Frau haben, +einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen sehe, +was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch +die naivste Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . . +</p> + +<p>Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die +Aeltesten vom Festbunde diesen Plan Soundsos mit +beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger +die oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes +zum Gotteshause emporschleppten. Das Gotteshaus +war, wie die übrigen Baudenkmäler der versunkenen +Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, +das Zuchthaus u. s. w., in verjüngtem Maßstabe nach +<!-- page 339 --> +berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes Jahr waren +Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester +oder ein Anderer vom hohen Rath persönlich +überzeugen mußte. +</p> + +<p>Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die +heilige Kommission damit beschäftigt, die Reliquien +Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen und +die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission +begrüßte den Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn +ein, die Prüfung mit seiner persönlichen Theilnahme +zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit sieben +Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, +daß die Siegel, welche der seidenen Umhüllung der +Reliquien im vorigen Jahr von Staatswegen aufgedrückt +worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die +Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und +dem Oberpriester gezeigt: zuerst das Gewand der +Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des +Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das +Lendentuch Zarathustra’s selbst. Ao fand, daß die +Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen merkwürdig +frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht +moderig dufteten. Worauf ihm die heilige Kommission +lächelnd erwiderte, das käme erstens vom spezifischen +Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der +vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten +Rohstoffe, drittens von einem patentirten, +diskret verwendeten Reliquien-Mottenpulver, dessen man +selbst bei dem wirkungsvollsten Mysterium dieser Art +nicht ganz entrathen könne. +</p> +<!-- page 340 --> + +<p>Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie +des Thurmes getragen, um von dort herab beim +Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu +werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. +Das Volk erwartete auch keine, es hatte an seiner objektiven +Gläubigkeit vollkommen genug. Die religiösen +Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube +oder Nichtglaube. +</p> + +<p>Diese und andere Vorübungen für das Gelingen +des Festes waren beendigt . . . und Ao war halbtodt +vor Anstrengung. +</p> + +<p>Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe +ließe, damit er sich bis morgen von den Strapazen +erholen könnte. +</p> + +<p>Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die +Welt hieß Soundso. +</p> + +<p>Athemlos flog der Diplomat herein: — Hoheit, +sie will nicht. +</p> + +<p>— Wer will nicht? +</p> + +<p>— Jala. +</p> + +<p>— Der Automat Jala? +</p> + +<p>— Jala in Person, Hoheit. +</p> + +<p>— Hast Du sie denn? +</p> + +<p>— Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß! +</p> + +<p>— Schweig, mich trifft der Schlag . . . +</p> + +<p>Ao versank zu einem runden Klumpen in die +seidenen Polster. +</p> + +<p>Der hohe Rath wurde herbeigerufen. +</p> + +<p>Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. +Die Hoheiten nahmen sich heraus, seine Eigenmächtigkeit +<!-- page 341 --> +zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort persönlich +vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung +aus fremden Tyrannenhänden schildere. Das fehle +noch, daß ihm seine That im Interesse des Staates +zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither +nicht zu den Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden +gehört. +</p> + +<p>Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer +den hohen Rath überhaupt nicht kümmere. +Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen Frauensperson +den Verführer Grege eingeliefert, das wäre +etwas Anderes gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, +den hohen Rath zu interessiren, bestätigte Bim. +</p> + +<p>Der Automat des galanten Minus träumte +schweigend hinter einem Schirm in der Ecke. Der Fall +Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. +In seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine +Stelle. +</p> + +<p>Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. +Abgesehen davon, daß sie in der Schlußnummer des +Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil den +Grege — diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen +— ersetzen müsse, da man dem Automaten gewisse +Verrichtungen nicht anvertrauen könne, gebe +Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch +auf die Spur des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten. +</p> + +<p>— Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege +hat das verliebte Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken +der Frauenstadt fortgelockt, um die Thörin unterwegs +sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß! +</p> +<!-- page 342 --> + +<p>Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, +komme ihm vor, als wolle man nach dem Schweif +eines verschwundenen Kometen greifen. +</p> + +<p>Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm +gelüste, diesen Griff zu thun, werde er nicht mit leeren +Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle +sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen +Nachfeier des unter so außerordentlichen Umständen +ermöglichten Nationalfestes den biederen Onkel Grege +herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der +hohe Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige +Jala willfährig zu machen. Es sei dies ganz einfach +eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese von +der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten +werden? Er, Soundso, wasche seine Hände in +Unschuld. +</p> + +<p>Das wirkte. +</p> + +<p>— Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao +zu befehlen, daß uns die Tänzerin sofort vorgeführt +werde. +</p> + +<p>Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum +in sicherem Gewahrsam. +</p> + +<p>Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten +herzubringen. Es sollte eine kleine Seelenfolter +angewendet werden. Automat Grege, das war +Soundsos plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, +daß er soeben eingefangen und hierher geschleppt worden +sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala sich +nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe. +</p> + +<p>Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, +<!-- page 343 --> +zur Nationalfeier eingeladen, bei dem Oberpriester zur +Begrüßung melden. +</p> + +<p>Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, +den Mann zu empfangen, er ließe für den +Gruß danken und erwidere ihn. +</p> + +<p>So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er +schickte die mißmuthige Antwort herein, daß es dem +obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein +müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich +nicht bloß um eine förmliche Begrüßung, sondern zugleich +um eine wichtige diplomatische Unterredung in +Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende +Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die +Teutaleute ein <a id="corr-14"></a>stärkeres Interesse zu nehmen hätten, als +die Slavakos. +</p> + +<p>— Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, +daß die Ernte mager ausgefallen ist und die Slavakos +uns härtere Bedingungen stellen wollen. +</p> + +<p>— Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. +Ich wette, das hat uns auch wieder dieser . . . +vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können jetzt +keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der +Mann muß sich gedulden bis nach dem Feste. Ich muß +mich auch gedulden. +</p> + +<p>— Ueberdies hab’ ich jetzt die Register nicht zur +Hand, fügte Bim mit selbstbewußter Miene bei. +</p> + +<p>Titschi lächelte wie Einer, dem’s Spaß macht, +wenn eine Geschichte verkehrt angefaßt wird oder ein +Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält. +</p> + +<p>Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten +<!-- page 344 --> +Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn +neben den Minus-Automaten in die Ecke, Gesicht gegen +Gesicht. +</p> + +<p>Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt +trat einen Schritt vor und blieb im Halblicht +vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr +verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß +diesen der obersten Staatsleitung geweihten Raum +betreten. +</p> + +<p>Es war ein Ereigniß. +</p> + +<p>Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. +Der große, zeltartige Saal erschimmerte in goldenem +Licht. +</p> + +<p>— Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem +Oberpriester zu. +</p> + +<p>Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, +daß der Oberrichter Kaspe das Wort führen +solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus +und Grege Platz, in gespannter Erwartung. +</p> + +<p>Kaspe begann zu piepsen: — Wir wollen’s kurz +machen, Hoheiten. Du bist Jala? +</p> + +<p>Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. +Mit geschlossenen Augen stand sie da, im vollen Licht, +hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt wie +eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, +über ihre Züge ein Geist ergossen, der aus einer +höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des All-Wissens +aus Leid und Liebe und Glückesverzicht. +</p> + +<p>Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für +sich die Beobachtung, daß eine gewisse Linie des Leibes +<!-- page 345 --> +und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime Mutterschaft +verrathe. +</p> + +<p>— Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter. +</p> + +<p>— Ihr wißt es. +</p> + +<p>Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton. +</p> + +<p>— Du sollst am Zarathustratage tanzen und +willst nicht? +</p> + +<p>— Ihr wißt es. +</p> + +<p>Der Ton klang fester. +</p> + +<p>— Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier +zu verweigern? Hat Dich Grege das geheißen? +</p> + +<p>Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, +daß es wie leises Beben über ihren Leib lief. +Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die +Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes +hervorkam. +</p> + +<p>— Was sagt Grege dazu? rief Kaspe. +</p> + +<p>Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem +Frager aufmunternd zu. +</p> + +<p>— Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, +würdest Du die Antwort finden, Schweigsame? +</p> + +<p>Pause. +</p> + +<p>— Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst +Du nicht? +</p> + +<p>Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach +leise: — Was in ihm ist, ist zugleich außer ihm. +</p> + +<p>— Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, +wenn Grege beim Feste erscheint und gewissenhaft seine +Schuldigkeit thut, wie er sie sonst gethan? +</p> +<!-- page 346 --> + +<p>Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie +die Lippen aufeinander, daß kein Laut der Klage ihre +Seele verrathe. +</p> + +<p>Der Oberrichter fuhr fort: — Wenn Du seine +Stimme vernimmst und seine Hand die Deinige berührt, +vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des +Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht? +</p> + +<p>Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in +seines Grege-Automaten Brust. Ein Wort von Grege +jetzt — und Alles war gewonnen . . . oder verloren. +Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach +der Brust des Automaten Minus, indem er den Finger +durch eine handgroße Oeffnung im Rücken auf die +Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern +Hand winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das +Wort zu nehmen: +</p> + +<p>— Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß +er zunächst selbst für Grege, seinen einstigen Schüler, +eine Bitte an Jala richte! +</p> + +<p>— Hoheit Minus, sprich in Greges Namen! +</p> + +<p>Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: +— Was Du thust, bedenke des Volkes +Wohl, das Dein eigenes ist. +</p> + +<p>Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, +woher die Stimme kam, prüfend. Sie hob langsam +die Hand und legte sie an die Stirn. +</p> + +<p>— Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe. +</p> + +<p>Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete +Jala: — Ich habe eine Stimme gehört, aber ich fühle +sie nicht. +</p> +<!-- page 347 --> + +<p>Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter +Schlagfertigkeit: +</p> + +<p>— Ihr habt’s vernommen, Hoheiten, Jala hat +kein Gefühl für des Volkes Wohl, also auch kein Gefühl +für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe +nichts übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem +Feste ferngehalten werde, und als Flüchtling seine Strafe +erleide. Grege werde der Abtheilung der Verbrecher +gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der +Schwelle des Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche +Abbitte leiste. Dies mein Antrag! +</p> + +<p>Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß +bei. Er öffnete seinem Grege-Automaten den Mund, +daß die weich und volltönenden Worte unter der Hülle +wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe +erklangen: — Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den +Uebermenschen, was fordert Ihr noch? +</p> + +<p>Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und +rief mit starker spitziger Stimme: — Schweig! Ich +verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte +zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln +bis morgen versparen, wo er dem Volke Rechenschaft +zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, seiner +Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen +Beide ihren Lauf nehme. +</p> + +<p>Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte +hohe Rath einmüthig: — Ja, so geschehe es! +Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf! +</p> + +<p>Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges +Worte verschlangen wie ein trüber Strudel den vom +<!-- page 348 --> +Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter +Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, +Tosen, Stoßen, wie der spukartig sich ankündigende +Groll des ganzen Volles, der morgen in immer wüster +anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr +Schweigen wie Greges männlich schönes Wort in den +Staub treten wird. Grege . . . und wär’s ein Wahnbild, +eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und +sein Athem . . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem +fühlte sie nicht, mit dem Klang der Stimme ist seine +Seele verweht . . . Aber seine Stimme war’s, seine +lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine +Seele zurückrufen, daß sie auch seinen Athem spüre, +was soll sie beginnen, daß er ihr nahekomme mit seinem +vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht +mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, +Niemand, auch Grege nicht . . . Grege? Grege? War +das Grege wirklich, war’s nicht ein Gaukelspiel? Wie +wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, +sie zu vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor +aller Welt, wie ein Löwe sein Eigenthum an sich reißt +und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei der ewigen +Liebe . . . +</p> + +<p>— Man führe Grege ab! gebot Kaspe. +</p> + +<p>Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, +dann streckte sie die Arme geradeaus nach vorn, wie +beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib zurückfallen. +</p> + +<p>— Ich werde tanzen. +</p> + +<p>Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein +<!-- page 349 --> +Triumph schnellte ihn nicht empor, als ihn die Hoheiten +beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte sich +nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein +solches Weib zu täuschen und unter fremden Willen +zu zwingen. +</p> + +<p>Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort +zur Sache gefunden. Die Geschichte ging ihm über +den Horizont. — Mechanik und Mystik! murmelte er +endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel +der Helle für seine Augen. +</p> +<!-- page 350 --> + +<p> </p> +<hr class="hr20" /> + +<h2 class="chapter" id="chapter-25"><span class="hidden">Kapitel 25</span> +</h2> + +<p class="noindent">Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge +erschienen, sah Grege mit anderen Augen und anderen +Gedanken. +</p> + +<p>— Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, +Reiterschaaren, anstürmend auf feurigen Rossen, +in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In schmählicher +Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem +eine solche Heimkehr beschieden wäre an der Spitze +eines kampfbegeisterten Kriegsvolks! +</p> + +<p>Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, +heroische Phantasien. Auf europäischer Erde findet sich +diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit blitzender +Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den +heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, +war ein Seufzer, jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo +der Kampf zwischen Männern nicht mit Worten, sondern +mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom +Gegner gefordert wurde als Einsatz, sein lebendiges +Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg oder Tod! +</p> + +<p>Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen +Stab wie damals, als er ausgezogen . . . Als Fremden +zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein mit vollem +Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich +<!-- page 351 --> +straffer Gang, sein raubthierkühner, harter +Blick. +</p> + +<p>Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er +bis zum Morgengrauen in Teuta sein und den hohen +Rath allarmiren. +</p> + +<p>Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar +vor der verschlafenen Stadt zu rasten, und dann, wenn +das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus nächster +Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen. +</p> + +<p>In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes +fand er eine geeignete Lagerstätte an der hinteren +Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß trug. +Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich +mit wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen +Boden nieder. Rasten wollte er in Sicherheit, nichts +weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts sollte ihn +stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens +seinen Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein +stilles, ehernes Meer, die Stürme lagen gefesselt auf dem +Grund . . . Er schlief ein, und schlief lange, fest, +traumlos. +</p> + +<p>Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen +Himmel. Sie ward seine Weckerin. Und er lächelte +ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen +nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? +fragte er sich mit gemüthlicher Selbstironie. +</p> + +<p>Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes +Gesicht. Was bedeutet das eigenthümliche Getöse, +Gesumme, Geflöte von künstlichen Instrumenten, +Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von +<!-- page 352 --> +Männer-, Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden +Zurufen? Und jetzt gar dieser monotone +Prozessionsschrei: Zara — thuuu — stra, Zara — thuuu — +stra, Zara — thuuu — stra? +</p> + +<p>In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier +ist doch längst vorüber? Aber das festliche Getöse +wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den +Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, +pflanzt sich verstärkt über die Freitreppen und +Terrassen der Kulturdenkbauten fort und erfüllt die +Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, +das sind die Haltepunkte an den Stationen, dreimal +drei Böllerschüsse werden gelöst, die Pauken und Trommeln +wüthend bearbeitet — da defilirt der hohe Rath +vor dem Gotteshaus und die Reliquien werden von +Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten . . . Das ist +Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein +kann. Und Hochmittag naht, da erreicht die Feier +ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß mit der widerlichen +Verspottungsposse und dem greulichen Taumel +der Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch +und König, Gott und Affe zugleich, spottet seiner selbst +zur Erheiterung des großen, freien, gebildeten Teutavolkes +und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher Erniedrigung +zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist’s +nicht so? Ist’s nicht immer so gewesen, so lange er +selbst, Grege, aus blöder Tradition an diesem Verbrechen +an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich +betheiligte . . . als gezwungener Komödiant? +</p> + +<p>Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die +<!-- page 353 --> +ihm die heißen Strahlenreflexe der Sonne in’s Gesicht +schlägt, höher und höher, den Stab krampfhaft in der +Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, +weil es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen +Zarathustra, wer ist heute sein Hanswurst, da Grege +es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird? +</p> + +<p>Hat er einen Doppelgänger? +</p> + +<p>Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses +sich aufrichtete und hart an der Mauer sich vorsichtig +nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit einem +Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! +Was sich da unten vor ihm abspielt, ist die große +Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich da gegen +ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe +Rath mit den Trägern der Götterbilder, Alles im +Prunkglanze des offiziellen Purpurs. Unter einem Baldachin, +getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen +. . . wer denn? Grege’s leibhaftige Gestalt! +Sein Kopf, sein Gang, seine Art die Arme zu halten, +seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme! +Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall +und die liturgische Betonung, wie sie ihm zu eigen, +wenn er anstimmte, wie jetzt sein Doppelgänger anstimmt: +— Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, +was fordert Ihr noch? und das Volk in +gewaltigem Unisono erwiderte, wie es jetzt erwidert: +— Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir lange +und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du +uns gesetzt, ein Beispiel den Völkern . . . und der hohe +Rath schlendert bedeutsam gemächlich und wundert sich +<!-- page 354 --> +über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, geleitet +von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer +und Hüter des heiligen Wortschatzes Minus, geleitet +von Titschi und Soundso — Alles echt und dennoch +eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst +Grege, oder ist er’s nicht? Er zupft sich am Bart, er +kneift sich in den Arm, er stößt mit seinem Stock auf, +und da zeichnet die Sonne seinen langen Schatten an +die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen +Schritt vorwärts macht, läuft sein Schatten über die +Königsterrasse und schlägt die Freitreppe hinab und +den hohen Rath mitten in’s Gesicht. Er ist er selbst, +Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung +an der Mauer suchend, fällt sein Blick auf den weiten, +unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, dunkelgekleideten +Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen +Schlange sich dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig +bestrahlten Schuttbergen, und nur zwei lichte Gruppen +fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der +weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen +führen, und die unverhältnißmäßig große Gruppe der +Büßer in weißen Hemden, die Arme über die Brust +gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von +einer lichten Gruppe zur andern: Woher die vielen, +vielen Sünder an Teutas Staatsherrlichkeit, und woher +die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen Tänzerinnen +hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? +Aber immer lauter und betäubender umbraust +sein hohes Versteck der Prozessionslärm, wie +Schnauben und Keuchen kommt’s die Freitreppe herauf +<!-- page 355 --> +. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen +der Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige +Vertreter der Slavakos . . . o Scheußlichkeit! . . . +der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o Gaukelspiel +und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und +Symbole auf hohen Tragstangen, die wehenden rothen +Banner des Festbundes . . . „Meine Brüder, seht, ich +lehrte Euch den . . . +</p> + +<p>Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das +Königsschloß und nimmt hinter dem geschlossenen +Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den +Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der +Hand wie ein Herold . . . Die Stunde ist da! Die +Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und Schlurfen +der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung, +Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet +sich die Freitreppe herauf und staut sich unten in den +weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht das +hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem +Baldachin hervor und hinauf auf die Portalschwelle +die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf der +Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten +nehmen auf den Polsterstühlen Platz, die +Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen +Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der +Aktus beginnt in lautlosem Lauschen des Volkes . . . +Minus, der Hüter des heiligen Wortschatzes von +Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen +Mysteriums in wohlgesetzter Rede, verneigt sich und +ersucht den Uebermenschen, seines Amtes zu walten, +<!-- page 356 --> +sich dem Volke als König vorzustellen und seinen +Jahresspruch herzusagen. +</p> + +<p>Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Aufwärts fliegt unser Sinn,</p> +<p class="line">Achtet der Stunde,</p> +<p class="line">Teuta’s erhabenes Volk — —</p> +</div> + +<p class="noindent">Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen +Automaten auf und Grege der Pilger schreitet +leibhaft hervor. +</p> + +<p>Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und +der hohe Rath blicken entsetzt auf Soundso. Der ist +so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der +Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen +Armbewegungen. Was will der Fremde? ruft +Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu . . . +Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den +Boden . . . Schlägt mit dem Stab dem Automaten +die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse hinweg +und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin +von der Schulter und das goldene Scepter aus der +Hand — und der Automat deklamirt, eine entlarvte +Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich +schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des +Volkes in seinem Zerstörungswerke weiter . . . +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Will Euer Wille befehlen,</p> +<p class="line">Wohlan, ich bin sein Symbol — —</p> +</div> + +<p class="noindent">Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, +die Maschine rasselte noch einmal, dann war sie stille. +</p> + +<p>Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von +<!-- page 357 --> +Grege erkannt, theilt dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter +Kopf rollt ihm von der Schulter, der Purpurmantel +entsinkt der Puppe . . . +</p> + +<p>Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: +— Sprich, wer bist Du, der so Entsetzliches +schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in das +stumme Schauspiel hinein. +</p> + +<p>Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo +ruft von allen Seiten, von oben bis unten, von +Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße +fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, +der so Entsetzliches schafft? +</p> + +<p>Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge +im Büßerhemde durchbricht die Reihen und stürmt, +von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer gemeinsamen +Vision magnetisch angezogen, die Treppen +hinauf, auf die Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! +Zu ihm! Er ist der Befreier! +</p> + +<p>Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von +unten: — Er ist der Befreier! Er ist der Befreier! +</p> + +<p>Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und +schüttelt die Massen, und wie Donnerstimme hallt’s: +Heil dem Befreier! Heil dem Befreier! +</p> + +<p>Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier +erkannt, taumelt einen Schritt vorwärts, die +ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele gegangen +— die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege’s +Brust. +</p> + +<p>Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und +Weib, alle Blicke sind starr, jeder Mund ist stumm, +<!-- page 358 --> +Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem +Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an +sich preßt: Volk von Teuta, Zarathustras jüngste +Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und +Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser! +</p> + +<p>So war das Zeichen zum neuen Leben, zur +Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und das weiße +Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, +bis der Sieg erfochten. +</p> + +<p>Als am Abend die Terrasse von den Trümmern +des Automaten-Gaukelfestes gesäubert wurde, berührte +ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des +eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich +begann die kopflose Puppe der entlarvten Hoheit +zu rasseln: — Ao ist ein Idiot — Bim ist ein altes +Grauthier — Titschi ist ein entlaufener Strandräuber +— Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie +Wanzen ab. — Man muß dem Volk in’s Gesicht +schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf — +Man muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich +der Gottheit nahe . . . +</p> + +<p>In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen +Beschluß des Volkes zum obersten Leiter der +gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter +der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt. +</p> + +<p>— Da habt Ihr Euren Tribut. +</p> + +<p>Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies +Quartier im Museum. +</p> + +<p>Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis +zum Anbruch des nächsten Tages Botschaft nach Nordika +<!-- page 359 --> +zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den +Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit +dem Brudervolke von Nordika ersetzt. +</p> + +<p>Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung +der Mauer, welche die Stadt der Männer +von der Stadt der Frauen trennte. +</p> + +<p>Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen +durchzubrennen und bei Willem Mom am +Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und +piepste er bis an sein Ende über des Teutareiches +Untergang . . . +</p> + +<p>Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs +von der Königsburg in Teuta, bis der volle Sieg über +die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner mehr +unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen +Leben im Lichte der Sonne. +</p> + +<p>Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt +es aus den klatschenden Falten des Banners wie +Maikkas Lachen. +</p> + + +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center">Ende. +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p class="center" style="font-size:80%"> +Druck von C. G. Röder in Leipzig. +</p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... krausen <span class="underline">Abtreviaturen</span> vollgekritzelt war. ...<br /> +... krausen <a href="#corr-1"><span class="underline">Abbreviaturen</span></a> vollgekritzelt war. ... +</li> + +<li> +... an Allem — — so <span class="underline">werwandelt</span> — — — ...<br /> +... an Allem — — so <a href="#corr-2"><span class="underline">verwandelt</span></a> — — — ... +</li> + +<li> +... — Die <span class="underline">Anwort</span> eilt mir nicht, entgegnete der ...<br /> +... — Die <a href="#corr-3"><span class="underline">Antwort</span></a> eilt mir nicht, entgegnete der ... +</li> + +<li> +... <span class="underline">hieher</span>. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. ...<br /> +... <a href="#corr-4"><span class="underline">hierher</span></a>. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. ... +</li> + +<li> +... die von seinen Mitältesten als äußerste <span class="underline">diesem</span> Augenblick ...<br /> +... die von seinen Mitältesten als äußerste <a href="#corr-5"><span class="underline">in diesem</span></a> Augenblick ... +</li> + +<li> +... erlaubte <span class="underline">in Grenze</span> des Aussprechbaren empfunden ...<br /> +... erlaubte <a href="#corr-6"><span class="underline">Grenze</span></a> des Aussprechbaren empfunden ... +</li> + +<li> +... Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <span class="underline">Backwerck</span>, süße ...<br /> +... Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, <a href="#corr-7"><span class="underline">Backwerk</span></a>, süße ... +</li> + +<li> +... Leib <span class="underline">hinab hinab</span>: Er war er, kein Zweifel. ...<br /> +... Leib <a href="#corr-8"><span class="underline">hinab</span></a>: Er war er, kein Zweifel. ... +</li> + +<li> +... <span class="underline">Aengsten</span> der jüngsten Zeit so glücklich überwunden ...<br /> +... <a href="#corr-9"><span class="underline">Aengste</span></a> der jüngsten Zeit so glücklich überwunden ... +</li> + +<li> +... und stieß den Takt mit dem <span class="underline">Elbogen</span> in Grege’s ...<br /> +... und stieß den Takt mit dem <a href="#corr-10"><span class="underline">Ellbogen</span></a> in Grege’s ... +</li> + +<li> +... — Gott verdamm’ mich, <span class="underline">Gentlemann</span>, das hätte ich ...<br /> +... — Gott verdamm’ mich, <a href="#corr-11"><span class="underline">Gentleman</span></a>, das hätte ich ... +</li> + +<li> +... der <span class="underline">Polzeipräsident</span> ist neu und der mächtigste Mann ...<br /> +... der <a href="#corr-12"><span class="underline">Polizeipräsident</span></a> ist neu und der mächtigste Mann ... +</li> + +<li> +... — Bei Sir John <span class="underline">Fallstaffs</span> Andenken, hier wird ...<br /> +... — Bei Sir John <a href="#corr-13"><span class="underline">Falstaffs</span></a> Andenken, hier wird ... +</li> + +<li> +... Teutaleute ein <span class="underline">stärkens</span> Interesse zu nehmen hätten, als ...<br /> +... Teutaleute ein <a href="#corr-14"><span class="underline">stärkeres</span></a> Interesse zu nehmen hätten, als ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + +***** This file should be named 39565-h.htm or 39565-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39565/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License available with this file or online at + www.gutenberg.org/license. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/39565-h/images/cover.jpg b/39565-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ec57430 --- /dev/null +++ b/39565-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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