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diff --git a/39565-8.txt b/39565-8.txt new file mode 100644 index 0000000..5c973e7 --- /dev/null +++ b/39565-8.txt @@ -0,0 +1,10244 @@ +Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: In Purpurner Finsterniß + Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert + +Author: Michael Georg Conrad + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39565] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +In purpurner Finsterniß. + +Roman-Improvisation +aus dem dreißigsten Jahrhundert + +von + +Michael Georg Conrad. + + + + + + + + +Verlag von C. F. Tiefenbach + +Separat-Conto + +Leipzig. + + + + +Meinem genialen Kameraden +Juliane Déry + + + + + + + + + * * * + + + + + + +Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen +durchsetzen wollte. + +Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, hatte er ihr verheimlicht. +Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit +dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so daß an der ihrigen, +an der inneren Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes +Blutzeichen haften blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form eines +Sterns. + +-- Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung? + +-- Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden +meine Kräfte. Kann ich irren? + +-- Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die +Dünen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom +Meer herüber, immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft wechselt, +bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich jetzt eine Weile schonen, meiner +Wunde wegen. + +-- Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du sie mich nicht befühlen? + +-- Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte. + +-- Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der +herrlichen Einsamkeit. Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser +Bewegung, die mich beschwingt. + +-- Es ist eine Flucht, Jala. + +-- Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies +Himmelreich! Säume nicht zu lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange +ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick, +das uns bedrohen könnte? + +-- Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich muß lachen, weißt Du. Sie +haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere +Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle +Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und die Wege, die wir auf ebener +Erde durch die Wüsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer +Häscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner +unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter, +ist langsamer in Entschlüssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao, +ihr Oberpriester, schläft und verdaut. + +-- Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, daß noch ein Dritter im hohen +Rathe sitzt. + +-- Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Anträgen +belästigte? Den hat nur Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen +bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet +andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts +Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hüten zu helfen. +Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne +ihn. Er hat mich einst unterrichtet. + +-- Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe. + +Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib mit einem tiefen +zärtlichen Blick. + +-- Die hat andere Ursache, süßes Weib. + +-- Also folg' mir bald, Grege. + +Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein +Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nußgröße die Kraft des +Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie +ziehen. + +Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschränkt ihren +Willen hatte. Er wußte auch, daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr +war. + +So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der +Wandernden einschließend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner +Wunde erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen haben. + +-- Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber +er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich +nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er +wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, sie einzuholen. Wer weiß, wie +groß der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres +Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin. + +Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre +hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen, +sonnenhellen, weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. Eine +schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fußsohle die Erde +berührt. Die verkörperte Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens +und deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem +Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schöpfend zu immer stärkerem +Glanze, unfaßbar allem Gemeinen. + +-- Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schönheit, wenn +ich länger säume. + +Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit +schmerzendem Fuße ihren Spuren zu folgen. + +Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen +Gegenden ihn jetzt sein Schicksal führte, die große Befreiung. + +Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein +Unterdieerdebringen. + +Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen über Städteleichen. +Für blühende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine +Wurzelfäule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug +die andere, eine Kraft fraß die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis +sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden +kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was +übrig geblieben war von alten Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine +Kuriosität für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein Spott für +die Langeweile der Feiertage. + +Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrückt +den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den +Beinen und Armen hängen! + +-- Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest über Köpfe und +Tröpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse +aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter +Könige? Heiliger Gott Bimbam, ist's denn glaublich? Und erst eine Blinde +mußte mir die Augen öffnen? Ein Kind Ao's, des frommen Komödianten, mußte +mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell' ich meinen +Mann. + +Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Länge des +gleichförmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen. +Er zog die leichte Kapuze tiefer in's Gesicht, die Sonnenstrahlen +abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich verbündeten, ihn desto +heißer zu stechen. + +Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß die Augen und tastete sich +mit dem Stabe weiter. Sollte er's besser haben als Jala, sein Weib, die +blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der +Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin? + +Greges Ohren summten. + +Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und befühlte seine Wunde an +der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er +schmerzenden Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. Instinktiv war er +die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur +mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte. + +Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief? + +Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala's Ton. + +Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um. + +Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel, +zweimal Stabeslänge kaum, hinter ihm. + +Es durchzuckte ihn. + +Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens +keine Häscher aus Teuta. + +-- Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wüste? + +Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich auf seinen Stab und blickte +die Fragenden scharf an. + +Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten +Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen +Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln. + +Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende +Bewegung in dem Sinne: Was kümmert's Euch? Laßt mich! Ich will nichts mit +Euch zu schaffen haben. + +-- Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt auch Deine Zunge? + +Und sie lachten kalt. + +Der Eine näherte sich ihm, während der Andere mit dem Fuße den Anker, mit +der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt. + +-- Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trägt drei. + +Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie +ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht +leblos, wie angeklebt? + +-- Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurück. + +-- Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefällig den Mund öffnen willst. +Wir grüßen Dich! + +Aber es klang nicht wie Gruß. + +Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er nicht schnell den rechten +Entschluß fand. Wie würde Jala handeln? + +Da lachte er auf: -- Ich erwidere Euren Gruß. Nun laßt mich in Frieden. Ich +suche mein Weib. + +Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden. + +-- Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten jetzt die Fremden. + +Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? Wäre das auch +mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch +für vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob das Weib nicht +eine Katze, die schwer zu bändigen. Sicher ist sicher. Schließlich ist der +Teutamann doch die Hauptsache. + +Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der +jüngere vertrat ihm den Weg. + +-- Höre, Mann aus Teuta! + +-- Woher weißt Du das? + +-- Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem Zustande kann man nur aus +dem nächsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses +Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, daß sich +Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen +unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht. + +-- So sieh' doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der +glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In +Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich +rühmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der +Begattung währt. + +-- Köstlich, wie du Bescheid weißt! + +-- Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich +nicht länger. + +-- Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde brauchen? Setz' Dich zu uns +und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach +seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und einen lahmenden Fuß. Dein +Fuß kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem +ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund. + +-- Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine solche Sprache zu mir, dem +Freien, wagst? + +-- Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du -- ein Freier +gewesen. + +Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt und in die Gondel +gelegt. + +Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier. + + * * * + + + + + + +Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Müdes Flimmerlicht. + +Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige Sand, unter Jalas +Sandalen, so oft sie den Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es +waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung. + +Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von +jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an's Ziel zu gelangen. + +Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurückgeblieben? Bis zum +Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala +konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des übersandeten +Kanales mit der leichten dünenartigen Böschung auf beiden Seiten. War das +nicht seine feste Meinung? + +Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre gegangen sein. Ihr tastender +Stab fühlte keinerlei Erhöhung mehr am Wege. + +Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das Gesicht in der +Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief über den blinden +Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer +ihrer brechenden Müdigkeit. + +So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung sie zwänge, und +Grege's, des Getreuen, zu harren. + +Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten Handflächen +unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt. + +Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flügeln +ein gelber Schmetterling. + +-- Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige Jala! dachte sie. Dann +verwehte ihr Bewußtsein, bis sich's wieder verdichtete im Traum. + +Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens, +ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend, +die Farbe der verdorrten Gräser und Halme. + +Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft +und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der +Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige Fläche der Wange +schwebte ein Lächeln der Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den +leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die +tiefwühlenden, schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten +wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen. + +Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Körper in den +warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten. + +Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung über die Welt gekommen, +wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen. + +Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau geädert, letzte, +verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der +versunkenen Sonne. + +Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfüllte es wie heiliger Rausch +beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie +mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren +hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in süßen Düften die +seidenweiche Luft gebadet. + +Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß tauchend, die Insel, das +Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege's +Himmelreich und das ihre. + +Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die +Vielzuvielen und Zusammenhängenden wohnen, der dichte, drückende Schwarm +der Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück des +Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen Willens. + +Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefühlt. + +Wie war das gekommen, daß sie anders war? Ein Trotz für sich und ein +Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und +eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung +wuchs, daß die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held +erstehen müsse, der Alles erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und +sie die Heldin des Helden? + +Wie war das gekommen? + +War's eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in +gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre +Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden +Elementen lud? + +Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich's zu deuten in gegenständlichen +Bildern, da die erklärenden Worte versagten. + +War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand? + +War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht des jauchzenden Frühlings, +als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das +Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwämme +sie in Blitzen? + +Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur +dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mußte? Konnte sie +darum nimmer von ihm lassen? + +-- Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im Traume. + +So verging die Zeit. + +Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung. + +Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf. + +-- Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Höhe! Grege! Grege! + +Was war das Alles? Was? + +Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte +ihren Körper zu voller Höhe. Fremd. Allein. + +-- Grege! Grege! + +Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in's Leere. + +Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme. + + * * * + + + + + + +Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreißig Klafter +tiefer, als die übrigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde. + +Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwärmter +Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß +keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger +Schnüre für die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner +runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel. + +Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso +hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag. + +Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung +der Teutaleute bezügliche. + +-- Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem +fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend. + +-- Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige Oberrichter. + +-- Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lächeln. + +-- Also Alle glücklich, nickte Ao. + +-- Wie üblich, bestätigte Kaspe. + +-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte +Soundso. Ich meine, es müßte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein. + +Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem +feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem +zarten Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch die +Temperaturorgel. + +Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar. + +-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell? +fragte wieder Soundso. Ich meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel +Kerze zu hell sein. + +Alle stimmten bei. + +Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat +spielte, mit einem feinen Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit +in den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten um die Idee einer +Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der +Zeltgewebe und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen +Räthe empfanden die schwache Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen +Behaglichkeit. + +-- Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für das gemeine Volk hat sich +bewährt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei +Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am +Rücken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch +Schwinggondeln mit Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt? + +-- Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas +geknickte Gestalt erhebend. + +-- Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der +gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt ist das gemeine Glück, dank der Idealität +unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin, +durch beider Willen, ihrer frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im +geheiligten Amte stehe -- sprach der Oberpriester in schläfriger +Feierlichkeit. + +-- Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du +schläfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im +weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat. + +-- Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort. + +Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte in einem winzigen +Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war. + +Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II +zwischen Achtundzwanzig und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen +Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und +Fünfzig gut, Abtheilung V Rest ungenügend. + +-- Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen müssen. Vielleicht, daß er +eine Abkürzung der Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der +Abtheilungen nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao schlafsüchtig. + +-- Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene, +es liegt in der Natur, daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden +und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen. + +Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte. + +Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung. + +-- Natur? rief er merklich überrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in +Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe +und Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begründen +sich darauf, daß wir über die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit +Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir. +Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik, +das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet. +Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte, +ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hören. +Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer +größeren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache +auf den Grund geht. Du bist gewarnt. + +Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen Ao schon lange nicht +mehr gesehen. + +-- Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, daß er sich +so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden +Zwinkerblick auf Soundso. + +Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste Lammsmiene aufgesteckt, als +hätte er nie das kleinste Wässerchen getrübt. + +Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus +wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei +ernste Gefahr im Verzuge ist. + +Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang ist durchaus normal und +giebt zu keinen Befürchtungen Anlaß, so lange wir in der Lage sind -- und +wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets -- den Slavakos die festgesetzte +Zahl an jungem Tauschvolk alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung +der bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können sogar, bei der +nächsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schätzung unserer Leistung +hinaufgehen und stärkere Gegenleistung fordern. + +Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrücken. + +-- Eines Tages möchte sich's doch ereignen, daß Teutaland nicht mehr so +viel Tauschvolk produzirte, um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten. +Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin +kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. Auch die Surros kriegt man auf die +Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches +Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die +Landwirthschaft zu zerstören und uns ganz den Künsteleien der Techniker und +Chemiker zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage +Greges. So hängen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil +zustößt, sind wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß sie +unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit wollten wir sie dann +verpflichten? Oder sie führen ein System des Lebens ein, das ihnen selbst +genügend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner +Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken. + +-- Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im +Gegentheil immer nachdrücklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein. + +-- Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit vollkommen bezwungen zu +haben schien. + +-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den +Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den +Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse +vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji +nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute +Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre +Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . . + +-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere +Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere +Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere +Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend +geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und +sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier. +Liegt nichts Verdächtiges vor? + +Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er +wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine +neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und +damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen. + +-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen +Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere +Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende +Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften +Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere +vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute +geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen +Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden +sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir +kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer +der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger +Angriffspunkte bieten wir. + +-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß +wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das +Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus -- +gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin +die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit +drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren +neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen? +Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube +nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen +Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen. + +-- Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das +ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten! + +-- Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und +Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, +welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche +machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's. + +-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf. + +Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne +Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, +der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der +die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände +in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in +der höheren Region harrten. + +Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr: + +-- Der Alte wird schwach. + +-- Ein Idiot. + + * * * + + + + + + +Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und +schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick +war seltsam unruhig. + +-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu +einem neugierigen Lächeln. + +-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung. +Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen. + +-- Heillose Worte? Von Seite Aos? + +-- Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz. + +-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist +er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen? + +-- Hm. + +Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand. + +-- Na, Hoheit? + +-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: »Worte sind +Schall und Rauch.« Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel +zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt +. . . + +Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit. + +-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt? + +-- »Worte sind Schall und Rauch.« + +-- Hab' ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte +nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in +jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die +nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und +stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer +Wissender? + +-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte +hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt. + +-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare +Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung, +Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- -- + +Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen +Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten. + +-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die +Ohrmuschel steckte. + +-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte. + +-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der +Wochensitzung. Worte, Worte, Worte. + +-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren? + +-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten. + +-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand. + +-- Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß. + +-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem +Siegel der Verschwiegenheit. + +Aug' in Aug', daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am +Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du? +-- Probleme, herrliche Probleme sogar. + +Dann blickten sie sich starr an. + +-- Soundso? + +-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig +sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen +Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in +unserem musterhaft gesunden Land? + +-- Ich ahne, Bim. + +-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister +hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still +verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor +dem Oberpriester auszusprechen. + +-- Und vor dem Oberpriester! + +-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche +Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch? + +-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche +Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig. + +-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen, +ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur +verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der +Urstoff. + +Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck +über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder, +aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde +entschlüpften klügere Worte. + +-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht +Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme +werden hervorsprießen, neue -- + +Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und +legte die rechte dem Sprecher auf den Mund. + +-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! +Entwi-- Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres +staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf +dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines +Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber +entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist +nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung -- wem +schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- -- + +Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten. + +Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet. +Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe: + +-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch +einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prüfen. Du hast +die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes +beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit. + +-- Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit. + +Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den +aufsteigenden Aerger zu dämpfen. + +Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter, +es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Größenwahnsinnige dabei, dem +nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich +ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend +werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten +Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen +Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem +unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen +weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute +mit solchem Eifer wacht! + +Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein +Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt +damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die +der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt? + +-- Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer +wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir +noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit +meiner hohen Kollegen immer näher komme? + +-- Wieso das? + +-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist +als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein +Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an +der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein +Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die +Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe +war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das +Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre +des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch +ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all' die großen Reiche des +Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre +noch? + +-- O, Hoheit. + +-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch? + +-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter +Verfassung. + +-- Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei +der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die +Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung +durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter +wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt? + +-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet. + +-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh? + +-- Aber, ich bitte. + +-- Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne? + +-- Die sitzen noch ganz solide. + +-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen? + +-- Ich begreife nicht, Hoheit. + +-- Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat +verzichtet. + +-- Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich, +daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu +schärfen. + +-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der +Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt +überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen, +wirklich, Bim? + +Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen -- es war keine vollständige +Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen +hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager. + +Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort: + +-- Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind +zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt? + +-- Nie, Minus. + +-- Hättest Du's doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr +erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden, +Bim. Warum läßt Du uns sterben? + +-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir. + +-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an +der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich. + +-- Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen? + +-- Weil sie zeitgemäß sind. + +-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit. + +-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler. + +-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus. + +-- Verschwende ich ihn? + +-- O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin -- -- + +-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich +vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu +leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns. +Oberphysikus, Amtsgeheimniß! + +Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem +stand's nicht richtig. + +Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an. + +Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine +Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen. + +-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die +den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt? +Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und +weinen, die Unerbittlichen. + +-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß +nicht, Minus. + +-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen +sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden. + +-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen +Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten +Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da +kam's zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch +schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das +besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem +Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die +Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke +doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig +sterben, Minus. + +-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend! +Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir +wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat. +Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in +Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du +wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt's drauf ankommen. Du willst +gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart. + +-- Minus! + +-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch. +Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn. + +Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten +die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus +der Ueberdruß, der Unmuth. + +-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir +flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns +anvertraut -- -- + +-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- -- + +-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Späher +hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das +nicht? + +-- Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in +Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner +Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich. + +-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus. + +-- Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil +wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles +Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen! + +-- Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus. + +-- Ist's das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie +Obere, die sich mit »Hoheit« anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte +Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und +liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes, +wie die Vögel des Himmels. + +-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist +Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus +alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei +davon, drum kann ich ruhig reden. + +Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander +geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von +keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt? + +Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen +unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an +unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich. +Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen. +Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen. + +-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere. + +-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund +geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil +es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen +vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und +Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt, +gründlich. + +-- Haben wir das, alter Bim? + +-- Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles +ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten +bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand +ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die +anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut. + +Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie +hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört, +außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit +ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! -- + +Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so +wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, +es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung +altbekannter Dinge. + +Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug. + +-- Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein +Mensch weiß was. Jala, Unglückliche! + +-- Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung +zur Beobachtung. Dann entwich sie -- -- + +-- Das sagst Du mir jetzt erst? + +-- Fragtest Du? + +-- Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte! + +-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie +wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und +unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig. + +-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hüte Deine Zunge. + +-- Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine +Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um. + +-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Närrin und -- mehr als Eine. Schluß. Fahr' +ab. + +Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür. + + * * * + + + + + + +Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete +das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne +Sterne. + +Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige +Gesang der Wellen am Strande. + +Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes +Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in +dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über +die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wüthender Heerfahrt. + +Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand +umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine +Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von +wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und +Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten +Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des +Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei +günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres +gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere +verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen. + +Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus +entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam +hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des +Daseins zwischen den Dünen. + +Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer +forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine +Gewalt am schwächeren Nachwuchs. + +So gab's keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten +der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, +die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst +verschwundenen Epochen bis an's Meer stießen, den Ur gejagt, war das +Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen +Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren. + +Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger +werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters +hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz. + +Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen, +die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von +waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten +Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen +und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, +unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen, +und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte +und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander +losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute. + +Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem +kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium +erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in +hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos +den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen +mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut +gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß +unter ihren Fußtritten die Erde gebebt. + +Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren +zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen +Männer mit der unermüdlich behenden Zunge. + +Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber +wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend +aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und +der Wolkenhimmel in Schlünden und Abgründen schmetternd versinken, da klang +das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich. + +Nein, es konnte keine Fabel sein. + +Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch, +wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die +große Helle und Stille über sie kam. + +Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande, +hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt +herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei +Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas +Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die +aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende, +unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender +Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz. + +-- Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange +keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem +Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten +See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in's Tausendste +fabulirt hatte. + +-- Alles kehrt wieder, Willem Mom. + +-- Schlechtes Wetter, jawohl. + +Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten +schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm +der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel. +Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft. + +-- Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne +Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die +tausend Menschen faßten. + +-- Das ist vorbei, Fix. + +-- Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die +faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über +Brücken. + +-- Das kommt nicht wieder. + +-- Warum, Willem Mom? + +-- Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen. + +-- Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein +kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie +auch wieder satt. + +-- Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat +sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin. + +-- Jawohl. + +-- Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem +Metall. Jetzt thut's ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie +man will. + +-- Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he, +Willem Mom! + +-- Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten +nicht einmal unterwegs. + +-- Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab' ich +mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen. + +-- Ich sag' Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut, +als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten. + +-- Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu +sehen, nach Teuta. + +-- O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer +tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen. + +-- Wenn einmal die Wolken 'runterbrechen, müssen sie alle miteinander +ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine +Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser, +Willem Mom! + +-- Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles +trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie +nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen. + +-- Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land? + +-- Das haben sie sich abgewöhnt, Fix. + +Fix lachte. + +-- Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was +glaubst Du von ihrem Essen? + +-- Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt. + +Fix lachte wieder. + +-- Na, hör' mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen, +denn zu sehen ist da wohl nichts. + +-- Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in +die Erde, wo's hübsch warm ist. + +Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht. + +-- Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit? + +-- Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen. +Wär' auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr. + +-- Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört' ich. + +-- Das schon, wenn auch ungeheuer selten. + +-- Nun also, Willem Mom. + +-- Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder +sie haben etwas Verrücktes angestellt. + +-- Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so +Einen? + +-- Jawohl. + +-- Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich +denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst +Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu +sehen? Es rührt sich nichts. + +In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und +Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter. + +Plötzlich war's, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als +würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in +einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit +tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, +gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles +Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth. + +Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit. + +-- Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was +sagst Du dazu, Willem Mom? + +Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte +den Kopf vor, um schärfer zu sehen. + +-- Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du? + +-- Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo? + +-- Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt. + +-- Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande +sein? + +-- Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes. + +-- Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist's weg, rechts hinein. Am Ende doch +nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom? +Meinst Du? + +-- Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet. + +Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts +gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe +vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des +Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand +grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab. + +-- Mehr nach rechts, Willem Mom. + +-- Dort liegt's, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein +könnte? + +-- Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen. + +Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im +nachgiebigen Sande. + +-- Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom. + +Nun standen sie davor. + +-- Heda! rief Fix. + +Willem Mom beugte sich schweigend nieder. + +-- Greif nicht zu, lass' mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere +Seite tretend. -- Heda, rühr' Dich! + +Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich, +ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem +Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen. + +-- Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom. + +-- Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden. + +-- Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht. +Wär's nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in +einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was +wir von oben gesehen. Glaubst Du? + +-- Lass' mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix. + +Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen +Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend. + +-- -- Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass' den Arm und fühle nach dem Puls! + +Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und +seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren. + +-- Ich finde keinen Puls, Willem Mom. + +-- Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix? + +-- Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder +sind schlank und zart. Ich will's noch einmal mit einer Anrede versuchen. + +-- Schweig', Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir +müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die +Handflächen kräftig. Ich will's an der Brust und im Rücken versuchen. + +Und schweigend machten sich die Männer, an's Werk. + +Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen +schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie +elegische Musik. + +Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des +Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien +und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen. + +Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme. + +-- Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger +zucken. + +-- Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine +Schulter, Fix. + +-- Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch +Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm' zu Dir und zu mir! + +-- Sei kein Narr, Fix. Lass' los, ich bin Manns genug. + +-- Willem Mom, ich sag' Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die +Augen auf! Siehst Du mich? + +Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen +kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte +davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute. + +Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam +hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt, +ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend. + +Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden +Blicken die Finsterniß durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden, +von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung +und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die +schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange, +wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender +Arm und suche sich um seinen Hals zu legen. + +-- Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark. + +Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner +Last zu Boden. + +Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch +gewaltsamer an sich preßte. + +Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der +erste Laut, der wie >Grege< klang. + +-- Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme. + +-- Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster +Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten. + +-- Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz +Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, +das Weib auf sein Knie ziehend. + +-- Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich. +Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche +weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte. + +Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie +in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen +Gesichts zu erspähen. + +-- Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich +schütze Dich! + +-- Schweig', Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner +Heftigkeit. + +Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken. + +Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam +die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war +ansteigend und schwierig, und so war's das Vernünftigste, sich in die Last +zu theilen. + +Dann ging's vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein +Wort. + +An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die +Willem Mom's, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein +kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen. + +-- Hier Vater, mach Platz' auf dem Lager, wir bringen menschliches +Strandgut. Ein Weib. + +-- Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe. + +Aber da waren nicht viele Umstände zu machen. + +-- Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens. +Warmes Lager und einen warmen Schluck. + +Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand. + +Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem +wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte. + +-- Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage. + +-- Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom. + +-- Ist Grege da? + +Die Männer sahen sich an. + +-- Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend. + +Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt, +die Hände über der Brust gefaltet. + +Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame +Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß +sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete +den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so +edler Schönheit. + +Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig +hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür. + +-- Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt. + +-- Oeffne die Augen, sieh' uns an, bat Willem Mom. + +Endlich bewegten sich ihre Lippen: -- Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum +Sehen. + +-- Sie redet irr, flüsterte Fix. + +Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems +spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und +Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern. + +Fix entging er nicht. + +-- Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber +schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit +eigener Beobachtung beschäftigt. + +-- Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone. +Wie heißt Du? + +-- Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde. + +-- Die?? + +-- Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert. + +-- Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf. + +Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: -- Nicht möglich? Es giebt +kein Unglück, das nicht möglich wäre. + +Dann, gegen das Lager gewendet: + +-- Ist's wirklich so? Bist Du blind? + +Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen +enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne. + +Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer +Schmerzenszug. + +-- Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet. + +Sie nickte und seufzte: + +-- Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles +sagen. + +-- Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander. + +Der Frühwind sprang über's Meer und jagte die Thür auf. + +Flammend grüßte jetzt die Sonne in's Gemach. + +Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen +geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren +Rettern. + +-- Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz. + + * * * + + + + + + +Die Luft klar wie Krystall. + +Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und +Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften +getragen. + +Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben. + +Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte. + +So ging's die Nacht hindurch, so den zweiten Tag. + +Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten +gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war +kaum mehr zu schätzen. + +Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen +Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu +und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben. + +Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden +Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte. + +Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose +Flug spottete jeder Berechnung. + +Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und +die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols +näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel. + +Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes +Land in ungeheuren Flächen zu erkennen. + +-- Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen +zum Verschnaufen, spottete der Jüngere. + +-- Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den +Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in +dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und +sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den +Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta? + +-- Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen +Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das +erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen, +aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken. + +Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders +der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. +Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den +Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst +seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht +am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in +dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine +Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde, +nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen +Noth. + +Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den +ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein +Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner +knirschenden Betäubung vollständig. + +Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an +ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch. + +-- So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust +bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt. + +In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen +Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen +bestimmten Gedanken denken konnte. + +Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des +Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten +vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie +sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem +Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an +ihn. + +-- Nimm's uns nicht übel, wir hatten's besser mit Dir vorgehabt. Wir werden +Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind. +Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst +Du frei sein, Flüchtling? + +Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab. + +Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen +in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr +Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und +lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte +er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr +Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der +Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in's +Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod +Verbündeter. + +Nur wenn er an Jala dachte, war's mit seiner Fassung vorbei. + +-- Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler +Anfang. O über die verwünschte Wunde! + +Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die +schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele. + +Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne +wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller +Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte +auf die bittere Erregung. + +-- Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er +seine Peiniger. + +-- Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher +schließen den Zweifel aus. + +Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und +lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben. + +Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an. + +Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die +Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot! + +Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen +Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er +mochte nicht fragen. + +Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein +Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber. + +Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel. +In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem +Glanz. + +Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von +einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien. + +Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in +dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht +und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen +dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität. + +Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in +das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner +ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste +Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben +vermochte, in diesen fremden Regionen. + +-- Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber +zu lösen, und über die Stupidität geht nichts. + +-- Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere. + +-- Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme, +die Augen aufschlagend, wie im Traum. + +-- Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir +sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. +Lass' ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch' Dir den Mund. Wir thun +das Gleiche. + +Grege versank in Schweigen, das auf's Neue zu einem schlummerähnlichen +Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so +unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, +und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren +Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem -- -- so verwandelt -- -- -- + +Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen +Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen, +von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung. + +Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten. + +Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich +damit seinen Bart. + +-- Originell ist er immerhin, dieser Typus. + +-- Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In +normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer +zu stehen kommen. + +-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt +vorausgesetzt. + +-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir +gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlünden zwischen +Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer +Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht. + +Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte +es seltsam. + +-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender +Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den +Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod +und Leben. + +-- Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists +gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen? + +-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine +Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und +wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der +Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht +von der richtigen Stärke. + +-- Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der +reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die +verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte +befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. +Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern +wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns +ein anderes Exemplar einfangen. + +Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich +stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine +Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! +Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und +Sinnloses -- ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. +Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen -- -- + +Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den +Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch. + +Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug +Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte +Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die +schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er +in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die +Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den +Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig. + +-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, +seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust. + +Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, +blutigrothe. + +-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter. + +Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag +von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner +nieder. + +Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strömung hob das +Fahrzeug. + +-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! -- + + * * * + + + + + + +Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter. + +Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug +von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz. + +Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm +aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine +neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben. + +Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen +Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein +Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann. + +Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches +gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und +wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen. + +Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der +Feind dich nicht mit Ränken umgarnt! + +Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth +wieder. + +An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die +Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden. + +Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen +Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte. + +Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war's vorbei. + +Grege verhehlte sich's nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer +Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und +Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu +unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. +Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand +er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit. + +Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten +herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken. + +-- Möchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste +und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, +daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir? + +Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort: + +-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen? + +-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von +Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich. + +Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm +eine. + +-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir müssen den Rest eintheilen. + +-- Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen. + +-- Warum hoffst Du das? + +-- Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich! + +In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß +sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei +andere Fahrzeuge hielten. + +-- Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht's gut, +werden wir uns schleppen lassen. + +-- Und dann? + +-- Dann kehren wir heim. + +-- Wie verstehst Du das? + +-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht +fern. Dort ist unser Ziel. + +Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die +Gefangenschaft. + +-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn +in's Auge. + +-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter +Harmlosigkeit. + +-- Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken! + +-- Du wirst unser Gast sein. + +-- Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf. + +-- Und wenn mir das nicht behagt? + +-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen. + +-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will? + +-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu +feiern. Ist Dir das zu wenig? + +Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die +unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn +noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich +stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine +weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das +Entsetzliche durfte sich nicht vollenden. + +Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei +meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht. + +-- Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist. + +-- Was für eine Rechnung? + +-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine +Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach. + +-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist +Du! + +-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht. + +Heiß stieg's in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und +Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er +als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt? + +Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu +richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. +Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen. + +Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht +unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta +galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an! + +Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner +Flucht aus Teuta klar. + +Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn +aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer +Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und +Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt +galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung. + +Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf +gegen die, die vor ihm sind. + +Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den +Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird +sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein. + +Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er +drückte die Hand auf die pochende Brust. + +Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er +brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage +besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und +setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine +Legion aus dem Boden. + +Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz +gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt. + +Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: +Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die +Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten +vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus +ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen. + +Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick +seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. +Sogar für die Weisesten im hohen Rath. + +-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe +her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo +mit boshaftem Lächeln. + +-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz. + +-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken +gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den +Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes +Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf +los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen. + +-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, +Schurke immer und ewig. + +-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter +gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, +ich bitte Dich. + +Grege's Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz +zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala! + +Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine +weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft +durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt? + +Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines +Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles. + +Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und +berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung +ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber +er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls +würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in +Sicherheit zu bringen. + +Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschäftlich +verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen +Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die +ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und +Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang +gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen +Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl +schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle +Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung +reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte +für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut -- +Kalkulation und kein Ende. + +Da -- alle Wetter! + +Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker. + +Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die +Erde. + +Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede +gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm +nachstürzen, wär' sicherer Todessprung. + +-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen! + + * * * + + + + + + +Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus +erlebt. Was ihm nur plötzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, daß er +jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz +senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu +behelligen! + +Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese +wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn. + +Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Blätter und Tafeln, dann +schob er sie ärgerlich bei Seite. + +-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? +Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. +Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen +hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell +genug. Was meinst Du, Minus? + +-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. +Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. +Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen. + +Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte: + +-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster! + +-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, +Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht. + +-- Sag' Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir +haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch +dieses vertuschen? Denk' nach, Minus! + +-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er +war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir +hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, +wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann. + +Ao machte ein bekümmertes Gesicht. + +-- Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge +das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf +das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv. + +-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen +wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch +entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung +vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag's zum Grundgesetz unserer +Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich +zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, +Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig +verschwunden? + +-- Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine +Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von +Staatswegen und Augenweide für Alle. + +-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen. + +-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen +Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles. + +-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen +Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell +war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp +hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er +war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. +Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein +großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß +machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er +königlich. + +Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte +er mit speckiger Stimme: + +-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant +ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben. + +-- Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und +doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel +Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt. + +Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt. + +-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim +nicht Rath? + +-- Geh' mir mit Bim! + +-- Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn +da nichts machen? + +-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst +gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- läßt sich daraus ein +Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala? + +-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine +persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden +sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als +Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium. + +-- Du thust Dich leicht, Ao. + +Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie +Glaskugeln: + +-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an +kein Weib! + +-- Soll ich's an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da. + +Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern. + +-- Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die +Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, +fügt sich's nicht in's Gesetz! + +-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du! + +-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf +ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen +Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche +Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib +und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich +erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig +und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal +steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . . + +-- Gut, ich werde ein Ende machen. + +-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten +Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende. + +-- Noch vor dem Zarathustra-Fest. + +-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. +Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom +Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um +Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden +mit Deinem Herzen. + +-- Gewiß, das will ich. + +-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit +dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und +Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei +Schwierigkeiten, Du verstehst mich. + +-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao. + +-- Und nun verlaß' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung +geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die +Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch? + +-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl. + +Minus kämpfte schwer. + +Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht +Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut +wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag +sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit +verschlechtert. + +Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den +sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der +nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er +thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum +Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt? + +Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich +als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von +Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug +und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten +die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten. + +Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für +Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden +Hinsiechen sich von selbst verstopft? + +Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen +Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache +Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. +Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit +über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten +Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, +Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit +Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten +kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst +mehr ernst nehmen kann. + +-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe +Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . . + +Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe. + +Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er +durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region +zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten +Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt. + +Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie: +Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der +Gefühle, Schwelle des Unbewußten -- trennte die Männerhauptstadt vom +Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen +Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit +in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der +Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe. + +Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege +streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten. + +Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, +zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug +sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des +verminderten Lichts. + +-- Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen +Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen. + +Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd: + +-- Soundso grüßt Minus, Hoheit. + +-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen? + +-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst. + +-- Kehr' ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge. + +-- Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei +Titschi. + +-- In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du +kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden. + +Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in +mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen +Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung. + +-- Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein. + +Minus ging bis zur nächsten Abtheilung. + +Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch. + +-- Darf ich Mitwisser sein, Soundso? + +-- Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton +etwas erhöhend. + +-- Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen? + +Soundso blieb stumm. + +-- Und durch das Thor der sieben Seligkeiten? + +Soundso seufzte wollüstig. + +-- Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die +apokalyptischen Leuchter stehen? + +Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter +gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle. + +-- Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat +das Mondlicht Dich wonnig umflossen? + +Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte +. . . + +-- Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir's gefällig? + +Soundso räusperte sich. -- Kann ich leise sprechen, hörst Du? + +-- Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung? + +-- Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung +. . . + +-- Wenn Du den Namen verschweigst, denk' ich an Jala. Einverstanden? + +Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn. + +-- Hat man Spuren? Nähere Umstände? + +-- Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung. + +-- Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist's so? + +-- Du sprichst im Bilde, Minus. + +-- Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme. + +Soundso schwieg. + +-- Hat man Hoffnung auf Wiederkehr? + +-- Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben. + +-- Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet +ihr seiner los sein? + +Soundso schwieg. + +Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören. + +Die Pause verlängerte sich. + +Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von +sich entfernenden schleichenden Schritten. + +Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen +eigenen Athem. + +Schwül beklemmender Duft dickte die Luft. + +-- Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem +Gruß, bitte. + +Eine Weile tödtliche Stille. + +-- Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde. + +Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und +unerfreulicher Ausgang, dachte er. + +-- Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte +gegen den Hintergrund. + +-- War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich +mich zurückziehen? + +Es ward ihm keine Antwort. + +Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden. + +Plötzlich stand er im Dunkeln. + +-- Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine +Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht +seine eigenen Wege schließlich. + +Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und +er versprach sich Nutzen von diesem Wissen. + + * * * + + + + + + +Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst +fühlte er sich nicht. + +Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht +ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die +im Schlafe stets ein wenig geiferten. + +Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im +Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die +Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern. + +Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der +Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach, +das viele Denken. + +Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das +lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten +vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen +rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide -- das strengt an, kein +Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der +Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles +klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles +schön klappte. + +Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst +konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu +schlichten. + +Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende +Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der +nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren. +Da können sie in alle Winkel leuchten. + +Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder. + +Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter +Kadenz. Eine ganze Arie. + +Ao wälzte sich in Positur. + +Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein +Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch. + +-- Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die +Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst +die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund. +Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft. + +Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch +mit dem Tastwerk. + +-- Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben. + +Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den +Tasten spielen. + +-- So, jetzt kann's losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll +mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb? +Besser finden sie's doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da +ist kein Halten mehr. + +Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat. + +-- Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist +mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab's ihm eindringlich genug +gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht +erstatten. Ich lasse Minus grüßen. + +Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen. + +Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein +schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft +an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer! + +Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche. +Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das +flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase. + +-- Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten +mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus -- was? +Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär' gegen alle Verabredung. Soundso +bezeugt's? Dabeigewesen? Das lass' ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine +Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich +einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, +Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der +Irrthum wird sich aufklären. Ich hab' jetzt wirklich an Anderes zu denken, +wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles +durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen. +Schluß. + +Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen +Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen +zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion. + +Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen +weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, +schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal +befördern. + +Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit +mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein +spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande +käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten, +wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich +der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre +stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute +schließlich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren +zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes +richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von +keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das +Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und +die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im +deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte +Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht +feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren +zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender. + +Plötzlich war Ao hereingehuscht. + +Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann: + +-- Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle. + +-- Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer +Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut? + +-- Wie das ganz Teuta's. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten +Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen. + +-- Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die +Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum +ließ ich Euch hierher bitten. + +Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen +orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort: + +-- Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz +zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine +pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte. + +-- Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen, +noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen +liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte +Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise +des Ueberlieferten nicht in unserem Staate. + +Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten, +leise wippenden Fußes. + +Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise +wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen +Punkt. + +-- Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu +sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die +Fußbekleidung gespitzt? + +Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher +trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom +allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in +einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers, +nickten dem Oberpriester beifällig zu, seiner außerordentlichen +Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken. + +-- O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es +entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein +Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit +einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das +Licht meiner Augen geschwächt. + +-- Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt, +mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr +Alle wißt, verpönt ist? + +-- Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche +Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! +Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab' ich mir diese +Abweichung gestattet. + +Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit. + +-- Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen +gekräftigt sind? fragte Ao liebreich. + +-- Gewiß, das werde ich. + +-- Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich +erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit +zuwenden. + +Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück. + +-- Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die +Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, +mit einiger Sorge. + +Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien +wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen. +Auch war's, als suche er mühsam nach dem Worte. + +-- Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte +uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher +die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er +das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe. + +-- Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die +Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild +von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes +Ereigniß versetzt hat. + +-- Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still +geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander. + +Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin. + +In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel. + +Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit +gesenktem Kopfe. + +Endlich seufzte er auf: + +-- Zwei Ereignisse. + +-- Zwei sogar? Das ist viel auf einmal. + +-- Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe +Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt +sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen. + +Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der +Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem +zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten. + +-- Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen. + +Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich +allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das +Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte. + +-- Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr, +täuschen mich meine schwachen Augen nicht. + +-- Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn? + +-- Minus? fragte Einer verzagt. Ist's nicht Minus? + +Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: -- Minus! + +-- O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein +Freudenfest zu! entfuhr's dem Sprecher in der ersten Erregung. + +-- Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem +Sprecher einen dankbaren Blick zu. + +Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt. + +-- Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man +sieht's ihm gar nicht an. + +-- Ja, man sieht's ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite. + +-- Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein. + +-- In der That, es ist so, der Vierte. + +-- Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und +wahrhaftig so, daß man's ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen +Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was +meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine +besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus, +ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht +mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in +der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich. + +-- Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf. + +-- Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein. +Beweglich! + +Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand. + +-- Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde. + +-- Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine +Mitältesten der Reihe nach anblickend. + +-- Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste, +bestätigte der Sprecher mit Kennermiene. + +-- Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur +Bekräftigung. + +-- Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester, +seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang. + +-- Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts +Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser +plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren +Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath. + +-- Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist +an und für sich nichts Kritisches. + +-- So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt +ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit +einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem +Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde. + +-- Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte +der Zweitälteste ein. + +-- Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind +kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der +Sprecher wie zur Selbstbelehrung. + +Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche +Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen +Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht +hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein +mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu +drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses +sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen. + +-- Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife, +daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters +unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister +und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und +Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt +ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht? + +-- Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der +gelehrte Minus. + +Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort. + +-- Beweglich? Im Angesichte des Todes frag' ich Euch, wollt Ihr mit der +Sprache herausrücken oder nicht? + +Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem +Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde. + +Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten +sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete +Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten +Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein +Abschluß gefunden werden. + +-- Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort. + +-- Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem +Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig +beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über +seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen +Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch +glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine +Mitältesten nicht andeuten. + +-- Habt Ihr Beweise? + +Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm +sich kein Blatt vor den Mund. + +-- Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen +will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine +Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke +versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein +gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person. + +-- Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt. + +-- Dann kennst Du Jala nicht? + +-- Jala? Was geht Euch Jala an? + +-- Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem +Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden +ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus' Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein +Zauber hat sie beseitigt. + +-- Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch +Grege ist verschwunden. + +-- Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres +Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch? + +-- Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden. + +Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der +Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf: + +-- Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn +gemeuchelt. + +Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus' +Werk! Keiner ist listiger, als er. + +Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom +Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all' +seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit +zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja +einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses +Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt +von Teuta vorgegangen? + +Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen +Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu +schlucken gehabt, wie heute. + +Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche +schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu +klingen. Schlechte Musik fürwahr. + +-- Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus +weisem Munde zu vernehmen? + +Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und +tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht +vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu +verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen +geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie +wollen wir uns vor dem Volke verantworten? + +-- Begreift Ihr denn nicht? Darum hab' ich Euch ja berufen lassen, daß wir +uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen +Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr +denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter +Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe +Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben +gegangen -- + +-- Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath? + +-- Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der +störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke +zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen. + +Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd: + +-- Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur +Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er +hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir +die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben +sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen? + +Ao athmete auf. + +-- Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache +getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung. +Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim +halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und +das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn +Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus. + +Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes +lebhaftes Ertönen der Klingel. + +Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen. +Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter +Verdacht, daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur +kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen +das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen +begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen +den hohen Rath aufzuwiegeln. + +-- Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der +Oberpriester. + +-- Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester. + +-- Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der +Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich. + +Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt. + +-- O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim +heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht +mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht. +Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen? + +-- Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines +Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher +Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu +fangen. + +-- Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt. + +Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich +versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht +mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere +sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe. +Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen +erhalten. + +Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen. + +Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für +seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er +eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand +auf dem Tastwerke spielen. + +Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen +der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder +herbescheiden wolle? + +Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen. + +-- Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen, +meine Freunde, verweilt noch. + +-- Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt +mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und +verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum. + +-- Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und +meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht +tragen. Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer. + +-- Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll's das Volk +besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle +finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das +Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß +oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird. + +Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle +Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu +den seinigen. + +-- Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, +ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn +beschließen? + +Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an. + +Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei +feierlichen Anlässen. + +-- Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den +herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er +soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen. + +Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit. + +-- Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade +das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der +Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf's Beste zu +ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, +unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch +aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen. + +-- Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte +Ungeheuer! ächzte der Oberpriester. + +Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu. + +-- Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit? + +-- Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe +stiftet. + +Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer +intelligenter Zuversicht. + +-- Lasse das meine Sorge sein, Ao. + +-- Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue +Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird +Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine +Begleitung. Laß' uns Titschi aufsuchen. + +-- Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist's möglich, daß wir ihm +nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, +obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte. + +Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des +Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen +gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele? +Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als +handle sich's um irgend eine Verabredung zum Frühstück. + +Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen +Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den +Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta! + + * * * + + + + + + +Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem +Teutavolke geboten. + +Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte +Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die +Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der +verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft! + +Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen. + +Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten +Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche +Person, Soundso. + +Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des +überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und +als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte, +war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken. + +Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen +Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer +Betrügerei? + +Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise +nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der +Aeltesten ab. + +Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als +man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen. + +Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete +sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und +Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht +zu werden. + +Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies +sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben +war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne +Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in +Erwägung gezogen werden. + +Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf's Aeußerste an und ließ +alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich. + +-- Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er. + +Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in's Bett und konnte mit nichts als mit +virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen. + +So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn +preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination +zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze +dampfte, bald fror ihn, daß er sein Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, +die vor Frost zu bersten droht. + +-- Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde +tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao! + +Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude +mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden. + +Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man +beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum +Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh' sei umsonst. Diese +unnahbar edlen Spitzbuben! + +Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein +Verrückter. + +-- Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem +Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene +Brust. + +-- Wer denn? Wo denn? + +-- Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten, +Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie +in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel, +ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter! + +Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke. + +-- Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte +seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz +Teuta dieses Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz +für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich, +herrlich! + +-- Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde +und brach in den Polstern zusammen. + +-- Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich +vielleicht den Bim herbeirufen? + +-- Verschon' mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der +Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er +einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten +Geschäfte? + +Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit +gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend: + +-- Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll. + +Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen. +Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe! + +Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber +nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen: + +-- Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich +in's Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos +Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm's nie verzeihen, daß es unter +seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung -- +lächerlich: Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht +unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste +Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut +eingefädelt! + +Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn +jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, +das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken. + +Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig. + +-- Bim -- ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann +mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts? + +-- Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen! +Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich. + +Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette -- die Bewegung sah +drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben -- und mit der großen +Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen +begannen zu spielen. + +-- Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche? + +-- Hunger hab' ich, guter Titschi, Hunger. + +-- Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln +sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester. + +-- Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt +und elend gemacht. + +Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die +Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und +Fläschchen. + +-- Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher! + +Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum +Munde. + +-- Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab' ich lange geschlafen, Freunde? + +Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute. + +-- Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe. + +-- Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten +hinein. + +-- Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi. + +-- Wie man's nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand. +Dann verwandelte sich's in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich +glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi. + +-- Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht +köstlich? Bezeuge Du's, Oberrichter Kaspe. + +-- Ja, die Luft Titschis ist gut. + +Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim's Urtheil hören. Was +habt Ihr beschlossen, Freunde? + +-- Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem allweisen Willen gehen +soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht. + +-- Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen? + +-- Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen. + +Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter +Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus +der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren. + +Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten +von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten +wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit +seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, +der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht +durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen's doch ahnen -- + +Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten. + +Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht. + +-- Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim. + +-- Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in's Wort. + +-- Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen. + +Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim +ein. + +Er hat ihn gefunden! Unglaublich! + +-- Leicht war's ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht +war's ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war +erstaunlich groß. Aber nun halt' ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er +ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die +ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung +ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst. + +-- Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach +Titschi den Strom der Rede. + +-- Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte. +Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn -- -- + +-- Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele +flüchtig. + +-- Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll. + +-- Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen +Wort, wie Minus sagt. + +-- Minus! Ihn hast Du? + +Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war +auf's Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch +that ihm weh vor Ungeduld. + +-- Nachdem ich das Atom -- -- + +-- Das Atom! Hört, hört! + +-- Das Atom! + +-- Das Atom? + +Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich's im Voraus denken können. Aber +immer auf's Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und +Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender! + +Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: -- Hoheiten, das Atom ist der +Anfang aller Dinge, lassen wir's dem guten Bim, damit er auch an das Ende +der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen. + +Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht +um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten. + +-- Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des +Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als +das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu +Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was +ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung +des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes. + +Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter +die Bettdecke. + +-- So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner +Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund. + +-- Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn, +musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber +gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. Sieh hier +unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen +Ao, er ist krank, und ich selbst -- -- + +Ao lächelte schwermüthig: -- Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr +krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt +seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe! + +Titschi kroch aus dem Bette: -- Weißt Du, was inzwischen in Teuta und +seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum +weiltest? + +-- Nun? + +-- Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren? + +-- Minus? Er ist eingetreten in's große Mysterium? Ist er das? + +-- Woher weißt Du das, Bim? + +-- Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein +Versprechen erfüllt. + +-- Ja, das hat er. + +Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, +das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage: + +-- Welcherlei Art war das Versprechen, Bim? + +-- Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu +machen. + +-- Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi. + +-- Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts. + +-- Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend. + +-- Nein, hoher Oberpriester. + +-- Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre +ein. + +-- Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine +Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. +Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen. + +Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte +sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das +Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch +ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was +kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe +kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle +zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre +wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere +war er, so wenig sie's auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese +Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt, +der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit? + +Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern +nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken. + +-- Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao. + +-- Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk führen wir auch über die +festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit +einem schiefen Blick nach Titschi. + +-- Natürlich führen wir's drüber hinweg. Worüber führten wir's nicht +hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein! + +Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim? + +Es herrschte tiefe Stille. + +-- Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken +auf. + +Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem +Fahrstuhl liegend. + +-- Lebendig und todtbeglückt grüß' ich Euch. + +Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd. + +-- Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll. + +-- Das überleb' ich nicht, röchelte Ao. + +Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes +Stück. + + * * * + + + + + + +Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er +zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der +Luftgondel fand. + +Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm +vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk. + +Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder +erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine +Wiedergeburt zu neuem Leben. + +Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke. +Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß +nicht Alles unbeschädigt geblieben. + +Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder +aufgebrochen und blutete ein wenig. + +Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine +Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem +blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt +des geliebten fernen Weibes. + +Jala! Die Seelen grüßten sich. + +An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder +auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und +Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte. + +Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von +solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte +der Körper. + +Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still, +fremd, beschwichtigend. + +Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine +herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und +Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles +durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft. + +-- Jala, wo weilest Du? Wo ich? + +Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel. + +Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er +schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein +konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu +ahnen. Grege lächelte. + +Freiheit! Hoffnung! Jala! + +Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich +trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören. + +Freiheit! Hoffnung! Jala! + +Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung. + +Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der +Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden +aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie +der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der +Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so +wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen. + +-- Jala! + +Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich +stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der +räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden +Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen +Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel +entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen? + +-- Jala! + +Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein +Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land +der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel +allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im +letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das +Andere, entschieden Nichts. + +Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln. + +Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und +Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen +Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von +gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich +alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen +in wilder Gebirgsart -- -- + +Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den +Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich +zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib +unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb. + +-- Grege! Grege! + +Es war Jala's Stimme. Wahrhaftig, sie war's. Ihr Ruf hallte über Berg und +Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie +Flötenton. + +-- Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich +suche dich, Grege, Grege! + +Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu +suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile, +bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die +Gipfel, an die Wolken -- -- + +-- Grege! Zu Hilfe! Rette mich! + +-- Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du +wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala, +hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm' +doch, komm' -- -- komm' herab zu mir -- -- --. + +Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie +ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der +Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in +unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein +Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern +ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen. + +Vergebens. + +Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen +ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich! + +Noch einmal war's ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr +verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen, +hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten +der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt +zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer +ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen +Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in +majestätisch düsterem Gewoge. + +Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war +steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein +Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit. + +Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und +den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die +kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht +nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte +er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem +feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit +stattgefunden. + +Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige +Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta +hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen +Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten +Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, +unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit +Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material +für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet. + +Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige +Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde +entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so +intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven +ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem +haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über +dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen +weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten. + +Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein +Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so +viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine +reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in's Innerste +davon getroffen war. + +Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem +Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine +Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in's Auge. + +Grege nickte ihm zu. + +-- Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich +begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben +Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder +schickt Dich Jala mir als Bote? + +Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in's Gesicht, schüttelte +eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als +wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich +finden. Mach' nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und +Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also +vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach' Sprünge wie ich! Und hinter Dir +steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig -- siehst +Du denn nicht? + +Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und +blickte rückwärts. + +-- Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den +Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen. + +Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie +auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine +grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes +Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen +Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem +Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung +strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem +eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen +Feueraugen voll sprühender Gewalt! + +-- Angelos? Wohnen hier Angelos? + +Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den +Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und +Worte auffangen. + +-- Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos. + +Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die +mächtigen Pratzen auf die Schultern. + +-- Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir. + +-- Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du +fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. +Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte. + +Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege +und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter. + +Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem +allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, +gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes, +daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder +sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und +doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen +des Hundes. + +-- Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund. + +-- Hier! Sie reichte ihm die Hand. -- Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du +müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen? + +Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er +gekommen! Durch die Luft! + +Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka. + +-- Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem +abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das +meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen. +Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen +gekämpft? + +-- Ja, Maikka, das hab' ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch +und trage keinen Streit in die Welt. + +Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen +sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm +selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes. + +-- O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den +Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen? + +-- Grege heiß' ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du's. +Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur +meiner Freiheit hab' ich mich gewehrt. + +-- Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein? + +-- Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich, +gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich? + +Maikka lachte: -- Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika +heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig +anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o +Teuta! + +Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen, +aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug +seine vergnügtesten Töne an. + +-- Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta? + +-- Davon und von vielem Anderen später. Willst Du mein Gast sein? Ich führe +Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du +schwimmen? + +Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als +vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das +Schwimmen in großen unterirdischen Bassins. + +-- Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner +Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes +Land kennen lernen, Teutamann Grege. + +-- Gute Leute hoffe ich. + +-- Gewiß. + +-- Was lieben die Leute in Nordika? + +-- Nichts, Grege, und Alles -- was Liebe verdient. + +-- Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben +sie Respekt? + +-- Vor nichts, Grege, und vor Allem -- was Respekt verdient. + +-- Merkwürdig, Maikka. + +-- Jawohl, Du wirst schon sehen. + +Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen +Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger +spürte. + +Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er +die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, +machte er einen hohen Satz. + +-- Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet +hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht. + +-- In Teuta! + +Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und +Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer +Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch +nehmen. + +-- Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist +hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus +die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem +Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde +spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist. + +Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an. + +-- Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist +Du sehr geübt in Muskelarbeit? + +Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange +mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche +Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von +Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer +kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt. + +-- Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du +rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- +und Wassermenschen, nach Belieben, Grege. + +Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille +schimmernde Nacht. + +All' seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes +Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen +Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen +Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer +sozusagen. + +-- Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit +aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer +wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung +seines Teutalandes zu begegnen. + +-- Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege? + +-- Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen +unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der +Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen. + +-- Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher, +schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen +nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit +ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle +Arme. Da fühl' einmal her! + +Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als +Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die +herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den +Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit +mächtigem Sprung durch die Luft. + +-- Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka. + +Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser. + +Grege stand unentschlossen. + +-- Nun? Mein Gast hat die Wahl! + +-- Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant +ausweichend. + +Maikka schlagfertig: -- Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du +darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das +Boot noch vor uns her. Mir nach! + +Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift +und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt -- und +platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und +nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede +Bewegung. + +-- Herrlich, herrlich! Flink, Grege! + +Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie +flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast +besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine +Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen +pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm +kicherte und schlängelte, wogte und wiegte die Nixe in den schönsten +Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich +hertreibend. + +Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe +spürte. Dann war's ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite +über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm. +Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen +Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen +und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz. + +Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes +erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich +würgenden Nixenarmen erstickt. + +Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich -- und sein Bellen schallte +wie Siegesruf. + +Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu +empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen +nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das +Zweckmäßige. + +Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon +in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte +sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre +Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler. + +-- Und nun rasch in's wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles +bereit? + +Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften +Schritten Maikkas folgend. + +Was war das für eine Welt? + +In Teuta gab's für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen +Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die +Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der »offenen +Zeit« gab's Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen +Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit +Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der +Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für +sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit +dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte. + +Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für +sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. +Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich +heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf, +wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort +zu thun hatte. + +Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller +Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf's Blut zuwider. Aber was +wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und +glücklich unter der aufgezwungenen Regel -- und sich zu preisen schätzte es +nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das +bevorzugteste Volk der Zivilisation! + +Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast +Grege führte? + +In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach, +reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in +all' seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft -- wie schmolz das +ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem +Himmelreiche! + +Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen +Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße +Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden +schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste +allein. + +-- Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und +bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind +sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in +Nordika, Grege. Und nun setz' Dich zu mir und iß! + +Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln. + +Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den +Früchten, einem Stückchen Backwerk und schänkte sich von dem süßen Saft +einen Schluck in sein Glas. + +-- Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich. +Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel? + +-- Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur. + +Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf +und rückte ihren Sitz näher dem seinigen. + +-- Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist +Du ein freier Mann in einem freien Lande. + +-- Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet. + +-- Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln. + +Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang. + +-- Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen +erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch +nach Fox und meinen Thieren sehen. + +-- Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also +bist Du Lehrerin? + +-- Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse +erzählst Du mir morgen. + + * * * + + + + + + +Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht. + +Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst schüttelte ihn eine +wüthende Sinnlichkeit, dann klärte sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht +nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun +ihres Verlassenseins Kummer bergen? + +Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wüßte, die Getrennten +einander nahe zu bringen? Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte +stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die kluge Lehrerin nicht +eine Nothhelferin werden? + +Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer +Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen. + +Ja, ja, ja. + +Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über seine Seele, und behaglich +streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein +neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen. + +Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen Träume, löschten die +himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und +wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff und warfen +ihn schließlich in den See. Alles schien für ihn verloren in gräßlicher +Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen +Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die +Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens -- -- + +Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten Schlaf. + +Das war das Morgenlied. + +Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glückliche Narr der +Träume. + +Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit +mächtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie +Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür her tönte +eine glockenhelle Stimme: -- Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein +will! + +Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel. + +Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom +Lager. Er strich über die Knie, er strich über die Waden, er befühlte die +heile Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit +beiden Händen über die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel. + +Wie klang's? + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +Und wessen Stimme war's? + +Ja, ja, Maikka's Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin +dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen? + +Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck. +In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte +er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weißen, weiten, +weichen Mantel. Er ging zur nächsten Thür, im Gehen den Mantel um sich +nehmend. Er öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen +Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, wie gestern, erwarten ihn, +ihm ihre Dienste schweigend zu leisten. + +Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams +und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen, +sie wissen von nichts. + +Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die +Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne +fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach. + +Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten +Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos. + +Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In +dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, +die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine +sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch +so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes, +Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht +Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an. + +Grege steht immer noch, von all' den überraschenden Eindrücken erfüllt -- +aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu +erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam +mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur +empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist +doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo +ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will? + +Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die +sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um +seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit +der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die +Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch +schlüpfe? + +Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den +kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß -- Blumen, so schön +und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das? +Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war +chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige +Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form +herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel +Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod +von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen +Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für +ihn nicht gelten? + +Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen +Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege +des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von +überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle +keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird +dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten +Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber +hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde? + +Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand. + +Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes +Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht +unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als +in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta's Staatsweisheit +vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider +vorenthalten? + +Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht? + +Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist +in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal. + +Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist +leer. + +Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen. + +In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der +gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm, +ihnen zu folgen. + +Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht +zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor. + +Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber +doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich +unheimlich wurde. + +Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum +gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der +Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute +nicht persönlich um ihren Gast? + +Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als +Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war's nicht Greges +eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen? + +Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen +Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und +hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen +konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom +sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender +Linie. + +Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht +Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging's +im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben, +ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen, +zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen! +Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog +auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts! + +Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete, +seine Haut wurde schweißwarm. + +Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer +Reihe. + +Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich. +Nun zählte der Andere: eins, zwei -- drei! + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung +an die letzte Nacht durch den Kopf? + +Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen, +hüpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele +erschien, war der junge Mann aus Teutaland. + +Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite, +lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im +Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei +Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften. + +Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten. + +Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in +dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer +Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der +Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat. + +-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand. + +Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der +merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein +Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch +fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begnügte +sich mit einer stummen Verneigung. + +Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt. + +Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was +thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, +außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt? + +Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab. + +-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist +würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden. + +Grege nickte höflich. + +Maikka fuhr fort: -- Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im +Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege! + +Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen +Sprühen der dunklen Augen begleitet. + +Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon +einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so +gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er +noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm +in diesem »freien Lande« Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit +fortgerissen. + +Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich, +jedoch ohne die Reihe aufzulösen. + +Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge +mit ausgeführt, auf Grege zu: -- Wie gefällt es Dir? + +Grege: -- In Teuta hätte mich's verrückt gemacht. + +-- Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's +Wort. + +Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz +vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte +der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt +wurde. + +Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft +schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so +jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen: + + Frisch, frei und froh, mein Kind! + Dein Sinn sei leicht wie der Wind, + Dein Muth bewährt wie Gold, + so bleibt das Glück dir hold -- + Trala, Dir hold, trala, Dir hold. + + Fest in Treue stets geschlossen + Sind wir stolzen Volkes Sprossen + Dir in Liebe zugewandt, + Nordika, heiliges Vaterland -- + Heil, Vaterland! Heil, Vaterland! + +Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der +feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit +gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie +selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge +entzückte. + +Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen +Schlägen: + + Nordika, heiliges Vaterland! + +Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den +Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über +dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter +Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende + + Heil, Vaterland! Heil, Vaterland! + +ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser +alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er +seither keine Ahnung gehabt. + +In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort +galt nur der Begriff vom »Staat« und »Reich« als eines künstlich +aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals +das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden +Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, +die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche +Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern +und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen +Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von +Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute +hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich +keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil +Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur +mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur +verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung. + +Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig +erschüttert und todtbetrübt zugleich. + +-- Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf +ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu? + +Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: -- Nie hätte ich das +geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt. + +Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter +Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie +von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit. + +-- Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntniß? Bist Du +je bei uns gewesen? + +Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: -- +Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten +Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß +von Teutaland. + +Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten +Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre +Lippen. + +-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit +fünf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen. + +Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und +entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, +hinaus in's Freie. + + * * * + + + + + + +Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite. + +Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte: +-- Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das +ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens. + +Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge. + +Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln. + +-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte? + +-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran. + +-- Lass' hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit? + +-- Eine Erinnerung. + +Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede für sachliches +Nichtwissen. + +-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka. + +-- Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: +Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit? + +-- Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger. + +-- Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und +kapitalistischen Metallzeit? + +-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig +zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage. + +Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: -- Für Nordika gilt +das wohl nicht. + +-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem +großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere +Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab +schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie +kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein +Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen +Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser +furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich +blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und +durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte. + +-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million +Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler. + +Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf +Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit +Dir kann man reden. Hör' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch +zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr +doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet +Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen +kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör' mal, Grege, +hör' mal! + +-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du? + +-- Wär's möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig +Empfindung hättest? + +-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an +Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland +geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen +Eindrücken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein, +das weit hinter mir liegt? + +In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand +auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstieß: -- In Teutaland +verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine +eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für +ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen +setzt? + +Grege zuckte zusammen. + +-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert. +Grege, begreifst Du das nicht? + +-- Ich beschwöre Dich, Maikka! + +Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und +Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz. + +-- Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich muß +Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen. + +Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er +vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender +Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit +Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen +Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet. +Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen +Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern +und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und +ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in +Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit +Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole +willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des +Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas +hinwirft -- -- + +-- Halt ein, Maikka! + +-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger, +Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle +Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle +Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der +Millionenstädte -- -- + +-- Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende, +Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten +nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen +Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle +begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich, +Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam? + +-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland +keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und +stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland. + +-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden! + +Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte +ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen +haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im +Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht! + +Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen +eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. +Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem +Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein +seltsamer Rumor. + +Er zwang Maikka zum Stillestehn. + +-- Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka? + +-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten +Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und +dann Deine Thränen -- weiß ich's? Das hat mich eben erregt und außer mich +gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaßen! + +-- Mit mir wohl auch nicht. + +-- Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein. + +Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte. + +-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an +den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt? + +-- O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie +hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen +Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht! + +-- Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand +haben, Maikka! + +-- Freilich. Den größten und höchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und +Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die +Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das +Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal +den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig, +nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der +Dinge? + +-- Wir nennen's in Teuta das Mystische. + +-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische! + +-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und +trägt? + +-- Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische! +Nicht im Mindesten kümmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir +erlauben uns das, Grege. + +Und nun lachte sie wieder. + +-- Warum leben wir eigentlich, Maikka? + +-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach. + +-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt? + +-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag's in der Hoffnung, +daß es mir wieder gefällt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne. + +-- Mit und ohne, was heißt das? + +-- Mit und ohne Gefallen. Aber hör' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm! + +-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die +schönsten Kinderträume zurückführen könnte. + +-- Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft +mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin! + +Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er +wollte oder nicht. + +-- Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du, +sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles! + +-- Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem +Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter +kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich! + +-- Nun? + +-- Ist so verschattet, daß ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie +eine alte verblichene Handschrift. + +Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man +nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt +daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da, +für uns nicht da. Was soll's uns also? + +-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich's auch nicht, was in +unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben. +Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt, +wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob +wir's wissen und wollen, oder nicht? + +-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann +hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige +Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau' mich an, Grege: Bin ich +stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch? + +Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte +von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die +Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden. + +Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild +lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht +vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er +konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer +neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht +einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut, +zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte. + +-- Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als +Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land! + +-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich! +Nordika hat nichts dagegen. + +Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde. + +Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain. + +-- Mir nach! Hier ist Nordika! + +-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. -- +Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man +in Teuta auch nicht. Armes Teuta! + +In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der +schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger. +Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine +Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen +Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so +schlaff -- -- + +Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne. +Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, +reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen, +von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen +sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das +Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von +Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und +anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und +Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her. + +-- Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem +Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling +um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege? + +-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da +versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von +ihrer Insel -- -- + +-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr? + +Grege verneinte mit Kopfschütteln. + +-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt, +wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder +vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser +sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder -- was weiß ich! +Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont +abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen +Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, +immer Nordika. + +-- Wie ein einziger Körper! + +-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper. + +Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie +zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft. + +-- Wie ein Körper, Du hast's verrathen. Und verräthst Du auch wie wir's +machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir +uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen? +Erräthst Du's? + +-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften, +denk' ich. + +-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wäre uns zu +mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn +Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns, +als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den +menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie +Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen +Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, +der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er +weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder +Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen +Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der +Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine +Schwierigkeiten machen. Verstehst Du? + +Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun +auch lachen mußte. + +-- Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land +sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen. + +Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte +und horchte auf. + +-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt +befinden? + +Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen. + +Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen. + +Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen +Augen, daß es Maikka durchbebte. + +Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen. + +Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe? + +Nein, noch nicht. + +-- Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes? + +Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er +im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: -- Ich wüßte nicht, aber -- +vielleicht doch. + +-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand. + +-- Nach Sternbildern. + +-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt? + +-- Im Morgenstern, Maikka. + +-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wäre, Grege! + +-- Wieso? + +-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild! + +Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch +lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen +Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem +einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel! + +Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt +über die schöne Deutung. + +Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit +ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle +Sternbilder. + +Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin. + +-- Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich. + +-- Auf der Jagd. + +-- Auf der Jagd? + +-- Ja. + +Neues Schweigen. + +-- Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen +zögernd. + +Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind +alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich +-- und das ist unser neuer Sinn. + +-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach. + +-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der +Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, +da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins. + +Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika +die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, +nicht Satte und Hungrige -- -- + +-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist +eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, +Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten. + +-- Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer +die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt? + +-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute +Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im +Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen +und halte Dich brav! schloß sie lachend. + +-- -- -- + +Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus +dem ein freundliches Haus schimmerte. + +-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst +mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten. +Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du +zögerst? + +Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht. + +-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege? + +-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka. + +-- Du hast doch gefrühstückt? + +-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern. + + * * * + + + + + + +Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem +Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im +Freien gab. + +Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem +Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere +Frauen und Männer. + +Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre +dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das +Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie +erhaschen können. + +Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas +Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. +Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu +erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf +einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein +gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um's Andere. So gab's auch +keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein +Anderer schweigend und gesammelt herankam. + +Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier, +Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines +starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich +Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer +persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer +mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender +Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten +Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen +Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier +Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von +jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden +Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften +Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten. + +Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen, +das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. +Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den +Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so +mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich +erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine +rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus +genommen. Womit wollte er's begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine +Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht +unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse +hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder +Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts +und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner +Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische +Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt? + +Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun +und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das +heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und +Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm +heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten +Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen. + +War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in +sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und +Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft, +umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in +seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen +seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen +Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem +bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland +überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude +den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte +Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten +überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, +als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit? + +Und wie war das Alles so geworden? + +Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hören, was in der +Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen. + +Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht +dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, +sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten +Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im +Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem +heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des +kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine +Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die +nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß +zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen +und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine +hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit -- +daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das +Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in +dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu +Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich +und die Anderen erquickt. + +Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die +Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan +und den größten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten +Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die +phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und +Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten +Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der +Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten +Gärtnerinnen getheilt. + +Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und +Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen +Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen +Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die +einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die +praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso +viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen. + +In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt +ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als »Hoheit Oberlehrer« im +»obersten Rath« und hütet den »heiligen Wortschatz« -- und nie dürfte ein +Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche +Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder +es wartet ihrer der »große Fluch« der Verdammung zu »ewiger Verhöhnung« +beim Zarathustra-Feste! + +Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und +die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka +stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach +vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie +manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit +eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die +Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka +nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und +sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, +nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache +ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der +Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die +hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen +Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen, +theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie +gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die +Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn +zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der +Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und +ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der +Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die +Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des +Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so +rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter +die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder +rettet sich wie er mag. + +-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über +die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte. + +-- Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen +wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich +doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren, +Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine +Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit +der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht +beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. +Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude +jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den +Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die +ständigen Schüler. + +-- Auch Werkstätten, Spielräume? + +-- Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu +lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht, +sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut. + +-- Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich +meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu +behalten. + +-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das +ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in +Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt +nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar +lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder +überladen vor. + +-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als +beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch +all' die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den +Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr +vermitteln und so viel Zeit sparen helfen? + +-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben +führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend +Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so +noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit +gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter. +Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles, +wußten Alles -- nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein +Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine +Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in +Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die +weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der +Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde +Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles +überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange. + +-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas +Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den +Ohren, vor den Augen und -- + +-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so +erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte. + +-- Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem +er sinnend stehen geblieben. + +Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem +Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, +Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch +schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige +Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für +diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu +thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben +ohne Harm und ohne Falsch. + +Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die +sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen +Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine +große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in +seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten +Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie +ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein +Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei +nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, +Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu +unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen +Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute +die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch +im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und +seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu +verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in +natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken +gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen +herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze? + +Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren +Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter +sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- +und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit +den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, +blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen +der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fältchen oder Runzelchen +oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. +Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, +vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben +erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr +unmöglich geben. + +-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär's +möglich? + +-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen +nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt's keine +alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei +Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre. + +Grege wollte in Verwunderung ausbrechen. + +-- Nein, mein Schüler, hör' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der +Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob +männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls +gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr +Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene +Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts. +Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und +Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo +er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube +mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch +verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines +Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg +eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart, +Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden +Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben, +andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja +selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen +verschiedenartigen Ideenkreis. + +-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in +voller Freiheit. + +-- Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und +dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder +den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig. + +-- Ja, sehr. + +-- Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem +Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle +echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben. + +-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich +die Vorträge in Euren Volkshochschulen? + +-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes, +dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung. + +-- O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta. + +-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, +Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, +in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen +werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen +allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache +von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich +ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam, +auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist +natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig. +Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die +Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo +einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum +»Existenz-Minimum« gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für +Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht +und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine +blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute +hier oben beten unsere Heimath an! + +Grege schritt still, gedankenvoll. + +-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur. +Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn +er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der +Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne +Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt +oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig +hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so +bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der +Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie +genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst +Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbändig. + +-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein. + +Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war +wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der +Flammenzone. + +Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo +Jala's Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in +die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner +Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen +Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen. + +Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen +und Zeigefinger. + +Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht. + +-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du -- oder bist Du hungrig? + +-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe, +wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie +ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin. + +Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des +schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie +hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der +Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten +Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das +schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen? + +Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe, +breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und +überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine +nackten Glieder laufen fühlte. War's wirklich nur die Schattenkühle, was +ihn erschauern machte? + +In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts. + +-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka +und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine +und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig +geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib +in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er +neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler +Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende +Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen +schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; +denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das +Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden +aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen, +daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland +der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin +in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und -- +sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen +überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von +Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren +spritzte. + +Grege eilte, eilte -- + +Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr +Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm +mit bebenden Nüstern zu: -- Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du +wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, +in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du -- Dich! + +Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu +plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, +zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte, +stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken +Nacken: -- Halloh, Maikka! + +Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die +Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den +Fjorden lag: + +-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar +sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die +abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die +vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff! +Wiking, los! + +Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen. + +Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne +Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet. + + * * * + + + + + + +Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die +dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen +Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen. + +Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu +erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala -- daß sie +blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu +machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören. + +Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht. + +Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges +Lächeln. + +Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand +sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht +auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die +Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und +Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas. +Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß! + +Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein +verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich +vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine +geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile +mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich +zuwider war. + +Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem +Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? +Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll +Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein +Inhalt? + +Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm. + +Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern +gestanden. + +-- Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn. + +Grege schüttelte unmuthig den Kopf. + +-- Du sehnst Dich von hier fort? + +Er schwieg. + +-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos +kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen. + +Grege wehrte heftig ab. + +-- Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen +möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif +dafür. Willst Du nach Teuta zurück? + +Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck +an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka. + +Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung. +Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde. + +Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte. + +-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter +und Früchte sieht man selten. + +Grege bejahte stumm. + +-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden. +Vielleicht das Klima sogar milder. + +Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte +bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke +abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub. +Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und +Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den +Zaun. + +-- Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika? + +-- Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege. + +-- Und Ihr eßt von Allem? + +-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das +Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht +wahr? + +-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta? + +-- Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon. + +Sie schöpfte tief Athem. + +Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen. + +-- Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine +Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine +ich. + +Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren! + +-- Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr +Humor, Maikka. + +-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum. + +-- Nenn' ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst. + +-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen +und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im +Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus! + +-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie +mit solchen Gesprächen erfüllen. + +-- O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben. +Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer +Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und +gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist +ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar +kein guter. + +Grege fuhr auf: -- Respekt! + +-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer +Staatsgrundgesetze. + +Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer, +hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie +einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab's +einen Zehner. + +Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien. + +-- Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt, +Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche +Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will +einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem +Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des +großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes +botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und +hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur +Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren, +die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen +Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige +Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten +persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als +Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich +als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen +war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo +man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am +Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm +begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege, +hör' mich ohne Zorn an: Achtest Du's für ausgeschlossen, daß Du der +Abkömmling -- eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein +könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte +Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du +Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach +zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte +Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen. + +Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase +schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe. + +-- Duftlos, lächelte er. + +Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: -- +Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir +künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt's ja +nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt, +kann's zu statten kommen. + +Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte +Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich möchte +wissen, Maikka, giebt's auch Blödsinnige in Nordika? + +Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann +betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie +der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen. + +-- Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige. + +-- Taubstumme? + +-- Ich vermuthe. + +-- Blinde? + +-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene? + +-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht. + +-- Ja, Grege. + +-- Wo sind diese Bedauernswerthen? + +-- In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords. + +-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen? + +-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund +draußen. + +-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden? + +-- Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil +wenigstens. + +Eine große Bewegung erfaßte Grege. + +-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche, +nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend? + +-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte. + +Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen +seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen +und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung +tapfer nieder. + +-- Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag' doch! + +-- Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen +Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen. + +-- Sonderbar, sonderbar. + +-- Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert, +Grege? Dies findest Du sonderbar? + +-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am +großen Fjord einmal zeigen? + +-- Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche. + +-- Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl +schwer? + +-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig? + +-- Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur +Last fallen? + +-- Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun +einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist +fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt, +möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum +ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt, +Grege. + +-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams +auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich. + +Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen, +und drückte sie innig. + +Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest. + +So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken. + +Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte +einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine +einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und +Färbung. + +Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne, +er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah +gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar +beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: -- Er +ist schön, glühend schön, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen +feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen. + +Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander. + +Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! über ihre +verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell. + +-- Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka? + +-- Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und +das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. +Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du. + +Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte. + +-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt? + +-- Wir kutschiren, Grege. + +-- Wie ist das? + +-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor, +ein recht flinkes. + +-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch. + +-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge +Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft. + +-- Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit. + +-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich! +Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den +Aengstlichen. + +-- Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht? + +-- Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend +ist. Sieh' mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische +dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns +Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und +Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du +wirst hüpfen vor Freude, glaub' mir, Grege. + +-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung +bin ich gar nicht gewohnt. + +-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das +nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind +sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was +wir unternehmen? + +Grege lachte. + +-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit. + +Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem +eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte +Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen. + +Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen +Birken umbuscht, gar still und heimlich war. + +-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt. + +-- Nun? + +-- Sie sind müde und hungern nach Ruhe. + +-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die +armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel. + +Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine +nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, +Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um's andere und schlug lachend +mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte. + +Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt. + +-- Hör' auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt's. + +-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb' mich auf. Und nun +vorwärts! + +Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen +Augenblick an seiner Brust lag. + +-- Maikka, was müssen die Leute denken! + +-- Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's +übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh. + +Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb, +duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu +einem Häufchen. + +Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, über mich +hinüber! Eins, zwei -- drei! + +Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung +war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib +hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare. + +Sie sprang auf, klatschte in die Hände: -- Himmlisch! Aber jetzt müssen wir +ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, +Grege? + +-- Ist das vernünftig geredet? + +-- Enorm, wenn Du ja sagst. + +Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg, +eine piepsende Maus im Mäulchen. + +-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit. + +-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt. + +-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was +unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's +interessant. + +Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und +packte seinen Kopf und drückte ihn nach links. + +-- Was ist das dort, Grege? + +-- Ein Haus. + +-- Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus? + +-- Ein Dach, Fenster, eine Thür. + +-- Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein. + +-- Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür. + +-- Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen +Meister und korrigirt ihn. + +-- Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub. + +-- Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich +denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein! +Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja +nicht. Also! + +-- Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt. + +-- Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du +verzauberter Prinz aus Märchenland. + +Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer +Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der +gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und +hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: -- Gieb mir einen Kuß. Ich +verdurste. + +Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn. + +Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit +ihren Lippen und saugte sich daran fest. + +In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie +aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete. + +Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der +Stelle von Jalas Stern. + +-- Du bist eine Wilde, knirschte er. + +-- Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh +gethan. + +-- Wer wohnt in dem Hause? + +-- Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen? +Dann komm! Heb' mich auf, ich bitte Dich. + +Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch +die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder. + +Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber +und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick +wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren, +auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber +einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer +gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von +blendendem Weiß. + +-- Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich +werde Dich auch malen. + +-- Aber nicht so. + +-- Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz' +Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger? + +Er bejahte und verneinte zugleich. + +-- Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden +Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn +verschlingen. + +-- Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege. + +Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und +küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen. + +Und Grege ließ sie gewähren. + +Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der +Welt. + +Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und +Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da +zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der +Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger +Betäubung kaum mehr erwachte. + +Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel +wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch +den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube. + +-- Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie +daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich +die Wirthin machen. + +Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen +Pfefferkuchen zurück. + +-- Hier, Grege, lass' Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so +glücklich gewesen. Und Du? + +Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas +Händen den Krug und that einen tiefen Zug. + + * * * + + + + + + +Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. Das Wetter verbot jeden +größeren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme, +die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in überschäumender +elementarer Gewalt. + +Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte, +einmal systematischen Studien in der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm +nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die +allein zu einem eindringenden Verständniß den Weg bahnen kann und mit dem +Verständniß die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege erhält. Grege +fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller +wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre +wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele unschätzbar werthvolle +Jugendjahre mußte er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken, +das der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen +als alleinwissenswürdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über +die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fühlte +er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von +dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und +wüst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in +gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch über die Ahnung, daß +das nicht das Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres, +Fröhlicheres geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht +nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß wurde dem jungen Volke mit der +pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das Neue ist das +Gefährliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt +geworden, also haltet Euch an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der +überlieferten Kulturideale und Kulturschätze schon noch an Euch verspüren, +auch wenn sich Euer unreifes Gefühl jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf +denselben Wegen vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen sind, +alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, Zucht und Sitte, für den +Bestand des Staates, der für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein +muß auf der Welt. So will's unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste +Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegründet. Will das Ei +klüger sein als Henne und Hahn? + +Gluckgluckgluck, zippzippzipp -- + +Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die +anmaßliche Frechheit und lebensmörderische Aufschneiderei seiner +Teuta-Autoritäten gedachte. Na, auch diese Ilios wird stürzen. + +-- Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nähe saß und +emsig ihren nächsten Vortrag vorbereitete. + +-- Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, verödeten Kopf hättest, Du +würdest noch Anderes thun. + +-- Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder herzurichten und urbar zu +machen suchen. Ich würde die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in +Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst +Deine Welt noch erobern, glaube mir! + +Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und +geistesmächtig, so willensstark, so unerschütterlich selbstständig. In +ihrer unmittelbaren Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, und war doch +voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war +ihr zugleich Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles +brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natürlich aus +einem innerlichen Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt. + +Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berührt wird, der kommt +nimmer los. + +-- Nimmer los? rief's wie ein fernes, müdes Echo in seiner Brust. + +Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt +das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es +ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, und kann doch sich +nicht aufschwingen und in seiner eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er +mag. Sie befreit und lähmt zugleich. + +-- Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und müder. + +Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt saß, glaubte er doch +zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spüren. + +-- Was sagtest Du, Meisterin? + +-- Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche +Meer. Nur ein träumendes Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand +ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser +getrunken, den wird ewig dürsten. + +-- Und was arbeitest Du jetzt? + +-- Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung +durch Pflanzen gehört? + +Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht, +davon gehört oder darüber nachgedacht zu haben. + +-- Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr +durch die Thierwelt wirst Du gehört haben? Auch davon nicht? + +-- Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus +nachtüpfeln könnte? + +Maikka lachte kurz und schrieb weiter. + +-- Liebe Meisterin, wenn's nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir +verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische. + +-- Unsinn. Du bist jetzt in Nordika. + +-- Gut. Also wie ist's damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere +zunächst! + +Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein +wenig steif geworden waren. + +-- Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden +Kreidefelsen an der Küste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen +oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind? + +-- Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, da ich das Alles noch +niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin? + +Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb mitleidig. + +-- Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht +Abbildungen davon gesehen? + +-- Gestatte, daß ich verneine. + +Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen +Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel. + +-- Such' Dir selbst das Nöthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den +ursprünglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde +Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren +gebaut, und die Küsten der Angelos bestehen zum größten Theil aus den +Kalkgehäusen der mikroskopischen Foraminiferen. + +-- Foramif -- --? + +-- Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen Auge nicht wahrzunehmen +sind. + +-- Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen werthen +Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken +können. Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. Ich glaube Dir +auf's Wort. Wie ist's nun mit den Pflanzen? + +Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausführend, zwischen den +Büchergestellen hin und her. + +-- Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird +Dir einleuchten. + +-- Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese +Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin! + +-- Du weißt doch Etwas von den Bergwerken? + +-- Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in +den Riesenräumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu +einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten +Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren +Bauthiere unseres Landes. + +-- Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefüllt, das +wäre für euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen +Erdschlupfern muß man den Boden zuschütten, damit sie zu ihrer besseren +Natur gezwungen werden. + +-- Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das +Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten -- +vergiß das nicht! -- sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. Später, wie's +immer geschieht, bleibt man im schützenden, warmen Loch hocken und macht +sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit. +Fatal, aber unvermeidlich. + +-- Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu +setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie hätte der Schlupfwinkel in der +Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben müssen. + +-- Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka! + +-- Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist +baut sich einen neuen Körper und schafft sich neue Wohnstätten. + +-- Wir hatten eben keinen neuen Geist. + +-- Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals. + +-- Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir können +keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los. +Ach, Maikka -- + +-- Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren. + +-- Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht +einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren. + +-- Das sollst Du auch nicht, Grege. + +-- Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang +von seinem Sitz. + +Maikka schob seinen Arm in den ihrigen. + +-- Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hört sich's +gemüthlicher. + +Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und +Schüler. Und um größere Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen +zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen übte die kluge Meisterin +laut dozirend ihren nächsten Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß, +im Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fühlung zu haben. +Draußen klatschte der Regen unablässig und erkältend an die Scheiben, so +daß sie sich innen mit feuchtem Hauch überzogen. + +Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drückte die +Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit. + +-- Algen? Großartig! + +-- Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der +Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thätig gewesen sind. Sie sind +Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob +sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen. + +-- Die Naturforscher! lächelte Grege. + +-- Sie leben im Meere . . . + +-- Die Naturforscher? + +-- Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen +äußerlich Polypen-Stöcken, da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht +bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ältesten +Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen +genannt, haben in früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige +Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei +Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein +gefunden, der aus Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in den +Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, die aus den Gerüsten von +Kalkalgen gewachsen sind. + +-- Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen. + +-- Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere Ausgraber, namentlich +amerikanische Archäologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man +bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von +Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die +ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des +päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder +aufgenommen worden, seit die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild +IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika +gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste in Konstantinopel und Sevilla +haben damals, ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen Staub +von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre Statthalterei über den +Ozean getragen, nach Südamerika und Australien. + +-- Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still für sich. + +-- Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . . +der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heißen Quellen +des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen +abgesetzt, die eine Ausdehnung von über zwei Quadratmeilen und eine Höhe +von einigen tausend Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren +Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grüne und braune Streifen +und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es +sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur +des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad +nur weiße Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel bedeckt +sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grüne Farben ein, bei +noch geringerer Wärme kommen die rothen und orangefarbigen und in den +kühlsten Becken sind sie olivenbraun. + +-- Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwärmerisch auf +die gelehrte Meisterin, die unermüdlich weiter dozirte. + +Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die +kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und +vieles Andere zu sprechen. + +Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermüdet und vermochte +ihren Ausführungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte, +ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf +behalten und so anschaulich wiedergeben könne! + +Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes hören, etwas Ungelehrtes, +Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches, +sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich in seinem Kopf. + +-- Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich büffle mit Vergnügen noch +eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages. + +-- Ja Du, ein Weib! + +-- Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben. + +Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur. + +Aber er hatte sich diesmal verrechnet. + +Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritäten und +Kostbarkeiten enthielt. + +Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei. + +Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich. + +Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich +das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel +und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem +Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns +an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht +an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht. + +-- Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die +Schulter sah. + +-- Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine +wohlgezählten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schön in seiner +Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein +Märchenschatz Indiens: »An die Schönheit«. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich +weiß Dir Passenderes. + +Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und +Kostbarkeiten enthielt. + +Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von +der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch +voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf. + +-- Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten +Gläubigen zum Gebet! + +Es war der letzte Band der »Fliegenden Blätter« aus dem Jahre 2001, +Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die +Nachwelt übrig geblieben. + +An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, daß der Aelteste des +Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte. + +Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rücken Greges die +Sache eingefädelt. + +Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rücken Maikkas um den +Empfang nachgesucht. + +So hatten beide Theile einen vergnügten Tag. + + * * * + + + + + + +Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen Mantel und einen +breitkrämpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen +vielleicht Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe +und nahm ihm die Sandalen ab. + +Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war +angenehm, aber für Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im +geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht +um den Leib, hüllte auch die Arme darein. + +Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege +nach. + +-- Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, dabei doch männlicher +geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . . + +Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die +kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank +geschlossen. + +Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte +auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte. + +Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen Büchergestellen und Schränken, +Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie +von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes +Aufathmen nach dem Druck der trüben Elemente, die während des langen +Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte +Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen. + +Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hände. Sie war sehr +zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich. + +Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er an Großmutter Ingeborgs +Gartenhaus vorüber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag. +Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Großmutter +Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strömt +den Ueberfluß in Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege lächelte und +schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. Grege grüßt das Glück. Wie das +klingt, und wie ist es wahr! + +Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte seine Brust und beflügelte +seine Schritte. Wie reich und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie +licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . . + +Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, unbefangen. Von einem +Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein +Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht +den Kopf so, daß ihm die plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den +rothen Kamm scheint. + +Dort ist das Rathhaus. + +Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur reicher bemalt in Braun und +Grün, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weißen Wandflächen +zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau. + +Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlägt den +Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm +geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden. +Keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur umlaufende Bänke an den Wänden, +diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt. + +Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thür +einladend offen steht. + +Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche »Hoheit« (o +Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder +neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer, +mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt +auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres +und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben. +Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen +blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet +Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit +und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn. + +Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten +ein. + +Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf +Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen +Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die +Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern. + +Der Patriarch lächelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks +und heiße Dich willkommen. Du bist Grege? + +-- Grege aus Teuta. + +-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzählt, unsere brave +Meisterin. + +-- Ja, ich danke ihr viel. + +Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm +berichtet? + +-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner +Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu +sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so +stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche, +und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land? + +Grege lächelte ein wenig zweifelhaft. + +-- Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten +habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz +fremdartigen Ansichten und Einrichtungen. + +-- Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren +Geschichte . . . + +-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst +Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird? + +Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich +verlegenes, fast dummes Gesicht mache. + +-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das +Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft. + +-- Sogar für Euch Teutaleute selbst? + +-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in +welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden +und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu +und Glauben. + +-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück. + +-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden, +und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht +einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die +Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, +läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs +untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von +Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe +ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so +recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein +verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der +ehrbaren Meinung. + +-- Habt Ihr viele Gesetze? + +-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit +Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles +ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt +blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die +Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie +eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge. + +-- Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist +erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der +Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: »Das Verderben +des Staates sind die Gesetze.« Besonders jene Gesetze, welche neben einem +ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da +muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk. + +-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön +entwickelte? + +-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in +jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist +ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen. +Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da +hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend +gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle +Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit, +einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, +konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es +war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte. +Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine +individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig, +unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte +zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten +Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die +Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust +zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und +Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in +außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen, +der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme, +die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die +Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein +Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen, +anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und +dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen +sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht +niedergelacht, wie sich's geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab +war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die +feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs +aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob +keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in +Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten, +Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land, +die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den +südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der +sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was +geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und +dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen +ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's +weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern, +sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße +wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was +die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was +fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu +unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen. + +Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter +mache nun einmal redselig. + +Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so +gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und +Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei +es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von +einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles +Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse +versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute +hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend +Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich, +das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in +allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten +europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu +einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei +nicht froh. + +-- In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt? + +Grege antwortete mit Ueberzeugung: + +-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und +feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die +geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege. +Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der +Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen. + +Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und +demüthigte. + +-- Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die +Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten +Leute chemisch verflüchtigen. + +Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das können wir auch. + +Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos +denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte, +vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen. +Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und +so ehrlicher Scham hatte er's nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta +geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern, +wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der +Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum +hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können. + +Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des +hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet. + +Der Greis lächelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht +erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch +sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen. + +-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos. + +-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das müßt Ihr wissen. + +Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick +durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder. + +-- Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt +nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel +von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung +machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich. +Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten +mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere +Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend +Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle, +Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen -- und Alles von unten +herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat +Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja? + +-- Ja, so eine Art Nibelheim. + +Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und +murmelte: Nibelheim, Nibelheim. + +-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist +Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst +sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab' +ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl. +Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden. + +Grege nickte traurig. + +-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus +dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen. +Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's +Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . . + +Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer. + +-- Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst. +Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man +soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das +Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und +sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den +Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen? + +-- Die muß ich mir noch schaffen. + +-- Schaffe sie Dir. + +Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen +und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mögen. Vater! +Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze +junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt, +im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe? + +-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen. +Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und +führen Tänze auf. Du bist eingeladen. + +Grege sagte zu. + +Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte. + +Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus +und »grüßte das Glück«. + + * * * + + + + + + +Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag. +Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er +wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben +und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du +bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller +Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt +wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und +anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich, +Amen. + +Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert, +eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter +Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein +Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie +Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön +bei aller Tollheit. + +Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker +gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen +Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten, +dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des +Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den +Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am +Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die +Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit +darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes, +wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte. + +Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab's +nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege +wußte davon zu sagen. + +-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn +auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt +»Liebesgarten der Abgeschiedenen«, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die +Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte +sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen +Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und +Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen +Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine +Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen +schwirrte. + +-- Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele +könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie groß ist Euer Herz in +Teuta? + +Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem +Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten. + +Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser +Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und +Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder +weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei, +völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster +Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende +Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein +reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem +angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja +einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es +wieder stimmte. + +Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel +Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht +auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten +Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des +Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war. + +Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so +verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue +Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine +Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über +sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen +nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder. +Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der +Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte +sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen +verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern +zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff +bis zum äußersten Kreis. + +Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das würde ihm und seinen +Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche +Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne +ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt +begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles +gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all' die Widerstände +und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je +näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst +fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch! + +-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine, +wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer +Lehrerin? + +-- Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht +und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt +könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung +eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur +Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an +ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet +werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das +gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen +Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln +haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern +Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in +Teuta über die Lehrer? + +-- Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes. + +-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und +Dir dabei das Genick brichst. + +Und sie lachte über diese »Teuta-Möglichkeit«, daß sich ihre Hüften bogen. +Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese. + +-- Schau' dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die +Rose zu Gericht? Eine andere Rose? + +Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton: +-- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt, +die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . . + +-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie +fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten +Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut. + +Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete, +freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten +die Gedanken in seinem Kopf. + +-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen? + +-- Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein. + +-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer +empfängt, der richtet sich darauf ein? + +Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es +vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es +kam ihr so. + +-- Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die +freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf +längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache +des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, +Grege? + +Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als +Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter +den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal +heraufbeschwören. + +-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs. + +-- Sicherlich, Grege. + +-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren, +wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu. + +Maikka brauste auf: + +-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften. +Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle +Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch +dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem +Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen +gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein +staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien +einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten +sich um ihr »Ewigweibliches«, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein +Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre »Frauenfragen« +jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter +Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem +Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette +abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie +nicht. + +-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren +hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich +mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken +mit ihr auseinander ist. + +Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über +einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war. + +Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen. + +-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur +übersieht! + +-- Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am +Schienbein weh gethan. + +-- Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum +soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns? + +-- Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich. + +-- Und wird's hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine +Veranlassung bieten, aus freien Stücken. + +Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige +ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die +Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben +tummelte sich das jüngere Pferdevolk. + +Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die +Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie +sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen. + +Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und +wendete sich nach Grege um. + +-- Mir nach, Grege! + +Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre +nackten Arme und Beine leuchteten. + +Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt +machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese +galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich +jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten +betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort, +Maikka nach. + +Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang +sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr +Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger +Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und +intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte +Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls +ein tadelloses Thier, das Regiment. + +-- Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp! + +Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp +hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, +der erschreckt zurückwich. + +-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir +aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch? + +Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus. +Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas +darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen +und mit ihr einen Ritt zu wagen. + +Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hör', Grege, +kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein? +Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die +Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der +aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat +nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd +gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren? + +-- Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die +Umwerthung der Werthe zu Pferd! + +-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden +Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem +geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein +Zarathustraismus kommt zu Fuß? + +Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt +vom Pferde in seine Arme. + +-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich +meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen. + +Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden +Abendfrieden. + +Sie war wie verwandelt. + +-- Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als +klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- über Zarathustra muß ich mit +Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem +Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra? + +-- Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta +nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige +erlaubt. + +-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber +sag' mir, was weißt Du von seinem Leben? + +-- Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende +des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst +fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte +er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er +gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge +murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und +bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt. + +-- Das glaubst Du Alles buchstäblich? + +-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann. + +-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch +Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm +seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so +wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also? + +-- Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der +in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, +in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift »Der Fall Wagner«, die +seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle +vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark +wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien +floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark +zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus +einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ +ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere, +um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel +angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem +Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen +wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth. + +-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie +Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht? + +-- Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die +Lehre unserer ersten Autoritäten. + +-- Das läßt sich hören. Erzähl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger +und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das? + +-- Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth, +sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in +einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und +Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen +dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen +Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in +riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit +fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die +ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend +Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten +den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu +Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. +Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch +der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die +übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. +Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen +Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere +für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten +kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe +und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra +entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den +zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die +Tafel auf: »Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines +brünstigen Weibes zu fallen.« Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre +billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der +Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, +ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht. + +-- Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten +gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre +der Teutaleute? Sag' Dein Sprüchlein zu Ende! + +-- Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines +mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der +griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in +schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten +versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den +Jungen nur verlacht wurden, ließen sie's und schüttelten betrübt die Köpfe. +Von Staatswegen, im Interesse von »Thron und Altar«, wie damals die Formel +lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das +gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil +er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln. + +-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte? + +-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde +verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser +Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre +öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir +. . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . . + +-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte +. . . + +-- Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher +Sprechweise, wie sich selbst unbewußt. + +-- Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende +nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich +gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag' mir noch eins: Welche +Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems? + +-- Die geheimnißvollen Gegensätze: »Man soll die lieben, die Gewalt haben.« +»Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .« + +-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben. +Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut +Nacht. + +Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt. + +Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des +Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit +schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele +verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was +hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an +einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen +Irrthümern Vermischtes? + +Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten. + +Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein +gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn +Maikka auf das Drachenschiff beschied. + + * * * + + + + + + +Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu. +Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um +Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg -- und mit +den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu, +bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach +der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er +drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt +nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten +Stand. + +Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's +nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, +und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und +eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das +Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal +ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken +lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's +Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze +seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet +er's nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum +dieses Gewirr von Linien und Lichtern? + +Sind's die Zuhörer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen? + +Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und +wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte, +aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, +geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur +die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. +Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht. + +Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . . +Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am +Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über's Meer, die Gestade abzusuchen? +. . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große +Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und +gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . . + +Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter, +leidenschaftlicher. + +Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der +ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. +Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder, +die sie entrollt . . . + +Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen. + +Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte +und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen +und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie +Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, +damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung +die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große +Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden +Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen, +warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht +selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung +ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst, +sich in eigenem Vollbesitz haben könnte? + +Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord -- warum läuft er +nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zögert er hier? Was +fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von +der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder +Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das +Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten +dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er, +seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen +müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für +sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche +Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er +da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem +Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres +Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn +seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern +auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze +Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun +zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine +Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink +läuft -- und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe +und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand +verpflichtet sein wollte? + +Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die +Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr +und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der +dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, +dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit +und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und +rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er +nicht entweichen. + +Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu +leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es +gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit +geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren +Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein +war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn +unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an? + +Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern +-- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich +zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu +arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der +Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach +gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas +abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen +Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten +ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, +sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie +aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? +fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit +der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch +lieber »zum ewigen Andenken« aufbewahren, als sie von ihrem Magen +verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine +Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes +Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer +und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien -- und je mehr man von ihr +genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung +wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, +wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und +unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, +Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist +frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde. + +Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin +wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die +Worte vernahm: »Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen, +schöpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelüsten ließen sie die Zügel +schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution +gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des +zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten +ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt«. + +Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm +heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie +diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten +seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen! + +Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte, +gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner +Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung +die Anrede »Hoheit« entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen +üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen, +während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: »Hoheit! Soll das ein +auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich +Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht? +Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir +für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den +Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun, +genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht. +Sei gegrüßt, Grege!« + +Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und +zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit +ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen +Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem +Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als +wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz +und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem +Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein +Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug, +undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten +ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele +erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den +Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . . + +Wohin? Wie lange? + +Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht. + +Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem +niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um +ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen +Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit +auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich +umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich. + +Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war +gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere +Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines +Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher +Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt. + +Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von +einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht. + +-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden +sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie +kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung +beizutragen. + +Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm. +Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben. + +Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie +ein guter Witz. + +Jetzt wieder, und Grege lachte mit. + +Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit +entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die +verstecktesten Gedanken heraus. + +-- »Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die +Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man +sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch. +Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben +wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan +machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo +Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll, +den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen +lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat +hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger +wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue +Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus. +Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern -- und das Volk lief in +Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk +verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das +Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte +hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren -- +und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die +Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen +hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den +großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie +erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen +mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte +fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer +Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren +zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht +trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn +Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich +Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte +man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren +verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche +und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte +man in der Rechtssprache »Nummero Sicher«. Den Strolchen bekam das gut, den +Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten, +Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen »groben Unfugs« oder +»Lästerung« in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun +hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische +Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten +Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die +Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer +warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des +Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse +brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender, +gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter +und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. +Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der +erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten +ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich +unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen +Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine +überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen +Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der +abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum +gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl +Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur +Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine +neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten +Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten +und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen +Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche +Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner +Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der +Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß +seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er +die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten +Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu +Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und +versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die +Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf +Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches +Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und +ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen. +Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten +schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab +keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische +Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen +Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue +Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und +erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft +und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen +wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten +schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die +Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie +Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker +in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die +Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr +sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in +diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war +ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten +Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der +Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich +unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig +wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht +hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer +Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere, +gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten +ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben +waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die »chinesische +Pest« begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten +Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger +Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen, +verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch +Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen +Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende +erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war +ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen +Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum +mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an +Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den +nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen +der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der +Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt +und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem +Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese +im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den +Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es +friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .« + +Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In +Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des +jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen +Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender +Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie +eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe +Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen +Staatenwelt einige Verstöße gegen die »historisch festgelegte Wahrheit« +nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene +»schauerliche Jammer-Ecke« verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem +Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich +begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen +überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie +waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen +Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus, +Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn +glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte +gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der +großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der +Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere +Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in +vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die +kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen +und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. +Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere +Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die +Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die +Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter +welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit +am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden +der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen, +kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen +Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten +Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur +noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner +Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner +brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa +gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und +kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen, +belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt +doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten +gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt. + +Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika +ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für +allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß +sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke, +herzliche Hochachtung empfinde. + +Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung -- sogar! + +Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung +spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht. + +»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!« + +»Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!« + +Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, +Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele +aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von +der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles +fortgewirbelt, auf die Tribüne. + +Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt +zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen +halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten +seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt. + +Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals +hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten. + +Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh +und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und +über sich selbst hinaus Bahn sucht. + +-- Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt +soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen. +Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich +kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht, +um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich +klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn +ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein +armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus +Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht. +Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen. +Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge +und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre +Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft, +Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel +offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden +Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken +der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort? +Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, +und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in +Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle +aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr +noch ein Wort? Oder ist's genug? + +-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm +voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander. + +-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen +Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege +gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt +gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch +lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit +Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als +hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden +Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße +gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das +soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als +kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner +Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat +keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein +und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt +. . . + +-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und +Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen. + +-- Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid +reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu +sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten +mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier +unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure +Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran +die verborgenen Kräfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure +Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von +Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt +ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die +Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und +schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, +die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland +seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern, +gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer +Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam +bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als +blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle +aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll +erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß +sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse +liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus +ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die +trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn +die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der +Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta +unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen +hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die +herrliche Welt! + +So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine +Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt, +überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß. +In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen +erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das +Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und +glückeshungrigen Gattung. + +Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen, +Jungen und Alten, Männern und Weibern. + +Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des +Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der +neuen Meisterin. + +Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben. + +In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie +sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe +floß, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um +in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel. + +-- Einen . . .? + +-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das +ist Staatsgeheimniß. Mach' Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh' in die +Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate +wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den +blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt +wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig +für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen +Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif -- wenn der rechte +Umstürzer kommt. + +-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart. + +-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche. + +-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr. + +Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein +Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine +jähe Röthe. + +-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen +Lippen. + +Plötzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein +Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib? + +Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte +und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren +Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die +Sehenden! Thu' mir Gewalt an! + + * * * + + + + + + +Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und +was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen +nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen. + +Ihren Fortgang! + +Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter +dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle +Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In +Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem +Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und +Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im +Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft. + +Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft »Die Politik des +altneuen Kurses.« + +Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn +übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und +gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich. + +Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden. + +Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen +Entdecker ein starkes Stück. + +Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu +einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der +bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und +zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden. +Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem +Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren, +und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern +bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den +unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in +der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden. +Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur +noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten +Literatur-Fragmenten, genannt das »Kommersbuch«, Abtheilung »Kneiplieder«, +fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese +Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die +Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten +manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß +regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn +unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu +kuriren, gern zu seinem »Kommersbuch«. Einige sprachliche Formen, die keine +Philologie mehr zu erklären vermochte, wie »Krambambuli«, »Jupeidi, +jupeida«, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen +Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen, +daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß. + +Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen +Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt +im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren. + +Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der +dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, +der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie +jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach: +Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten +-- und der Staat ist gerettet. + +Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen +Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist +es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu +gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten? + +Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden +Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen +übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines +Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen +Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor +Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt, +zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: »Wissen +ist Macht, Bildung macht frei«, oder »Dem Volke muß die Religion erhalten +bleiben«, oder »Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im +Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder«, +oder »Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient +zerschmettert zu werden«, oder »Wem's im Teutareiche nicht behagt, der +blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden«. + +Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt +hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der +Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen +Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen +Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege +automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf +lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht +wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den +Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit? + +Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht +heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: -- Das will Alles noch +wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein. +Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen +und Schutzmaßregeln erheischen. + +-- Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao, +der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten +doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen +nicht: Das ist der Automat Minus, das ist -- gestatte das Beispiel -- der +Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt's überhaupt keine +Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als +glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, +Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns +allein, meine hohen Freunde. + +Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner +Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt. + +Titschi abschließend: -- Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium +ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der +Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim +Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns +auf seine amtsgemäße Haltung verlassen? + +-- Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend. + +Titschi: -- Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den +Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen. + +Soundso: -- Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe +ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. +Die Kopie übertrifft ihn. + +Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe +und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal. +Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne, +ohne Gefahr der Entdeckung? + +Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der +Automat den Mund: -- Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt +sich Alles bieten. Dixi. + +Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit +geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei +der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas +Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des +Volkes wäre? + +Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an. + +Automat Minus nickte: -- Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt +nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne +seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste +Diener. + +-- Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine +Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht, +spottete vergnügt der Oberdiplomat. + +Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem +Grauen. + +Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: -- Hoheiten, wenn ich nicht +meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, +ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist +unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene +Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit +uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger +anfertigen ließe und gegen uns selbst in's Feld führte. + +Bim warf sich in die Brust: -- Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische +Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und +Identität festgestellt. + +Soundso lächelte verschmitzt: -- Vielleicht gelingt es uns auch noch, +Automaten mit Bim'schem Entdeckergenie anzufertigen. + +Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste +Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie +einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem +listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen. + +Ao: -- Du sagst »uns«, Soundso, »vielleicht gelingt es uns«. Wer sind diese +»uns«? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht +verrathen? + +-- Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im +Stillen bei mir selbst erwogen. + +Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet. + +-- Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, daß meine +Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der +Frauenstadt liegt. + +Alle wie aus einem Munde: -- In der Frauenstadt? + +-- Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern +selbst in »geschlossener Zeit« und ohne »amtlichen Auftrag« öfters in der +Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation +geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in +der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit +zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird. + +-- Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte +Kaspe. + +-- Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten +Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht +und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten +Frauen einlassen. + +Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe. + +-- Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die +Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den +Automaten Grege zur Stelle bringst? + +-- Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich +seiner Brauchbarkeit entgegen. + +-- Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet. + +Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel Anerkennung. Im Innern sah +er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch +den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten +Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird +zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von +den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick +genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in's Gesicht geworfen. Das +Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn's mißlänge . . . Es +soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los! + +-- Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens +in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht +länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich +darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende +eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem +Festordner abliefern zu können. + +Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war +das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen +Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig +zu werden. + +Die reine Teufelei! + +Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein +und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen. + +Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. Mit Jalas Rückkehr hätte +der sündhafte Tanz auf's Neue begonnen. + +-- Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen +weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für +seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken. + +Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei +»Erwägungen«. + +Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während +sich seine Augenlider gefühlvoll senken. + +-- Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die +Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben +vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in +unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für +selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung? + +Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: -- Je Weniger um das Heil des +Staates wissen, desto besser wird es behütet. + +Der Ton klang ein wenig sarkastisch. + +Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf +dirigirte. + +Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms +vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet +werde. Nachdem für den hohen Rath all' die Schrecknisse und Aengste der +jüngsten Zeit so glücklich überwunden sind, soll das Volk für die +Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden. + +Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort. + +Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des +Festzuges, worin die »politisch-sozial verdächtigen Schattirungen« +vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig +ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern +notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter +um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: -- Das kommt +uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen +Festes würdig. + +-- Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher »Geist der Empörung«? + +-- Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen +Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber +immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung +unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt. + +-- Ach so. Ich dachte schon . . . + +-- Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl +Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu +frei spazieren ließen. + +-- Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren? + +-- Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar +harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig +das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben +Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen. +Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die +persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren, +erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer +sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate. + +-- Sehr richtig, Oberrichter Kaspe. + +-- Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit +unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener +Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren +zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer +staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei. + +-- Strafe muß sein, lächelte Soundso. + +Ao, beglückt: -- Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die +Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung +theilen zu sehen. + +Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: -- Nachdem unser gelehrter Minus als +Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig +weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung +nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges +hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist +schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler mit um so ruhigerem +Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer +Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug +einstellen lassen. + +Ao: -- Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung, +Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit +einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse +nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen. + +Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines +glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: -- Noch eine ziemlich +heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten +entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja, +unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit. +Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . . +hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom +»hohen Mysterium«, vom »großen Unbekannten«, von der Formel »Gott und sein +Volk« nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der +Gläubigkeit vielleicht gar besudeln? + +-- Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten! +Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht +rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften. + +-- Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere +veranlassen. + +Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. Er hat seines +verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas +Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine +juridische Strenge erhöhen helfen. + +Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor. + +-- Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung +zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken +verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir +verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso +berufe. »Probleme«, »Entwicklung« und ähnliche vom heiligen Wortschatze +verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer +Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen +versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß +daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen +Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur +Abwandlung überweisen. + +Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im +physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte +Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm +mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in +ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen +geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar +selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein +aufreizendes Liebeslied mit dem verrückten Titel »An eine blinde Seherin«, +ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine +Ode »Auf einen sprossenden Bart«. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren +schienen es diese »Dichter«, die mit ihren Schmierereien sich über die +offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu +nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu +erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl +straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen +Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu +bestrafen. + +Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein +glattgeschabtes Kinn. + +Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen. + +-- Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen +werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt +in der menschlichen Natur. + +Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen. + +Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine +Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge +wurden mit Begeisterung angenommen. + +-- Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse +Oberphysikus Bim zweifelnd. + +Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine +Revisions-Sitzung anzuberaumen. + +Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie +traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten. + +Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen. + +Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos. + +Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in's Ohr, daß der Automat +Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest +verschönen . . . leibhaftig! + + * * * + + + + + + +Maikka lud Grege ein, mit ihr in's Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich +ausrüsteten für die Reise. + +Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie +schalten. + +-- Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da +müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den +Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen. + +Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock, +dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe. + +-- Daß ich's nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an +die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in +der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge +aussehen. + +Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht +sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem +kurzen schwarzen Rock bestehen. + +Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie +einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt. + +Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt. +Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte +dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten +Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven. + +-- Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege. + +-- Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir +müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir, +wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit +wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe +zu bestehen, Grege. + +-- Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald +in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich +auch wieder das Unglück grüßen. + +-- Nur nicht pathetisch, Grege! + +-- Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr +mit zu viel Worten zur Last sein. + +-- Nun thust Du gekränkt, Grege! + +-- Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief +verpflichtet. + +-- Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe +bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie? + +Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen. + +Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die +Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig +schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand. + +-- Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher +und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d'ran baumeln +könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb' mal Acht, was wir im Gebirge für +Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die +entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . . + +-- Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab? + +-- In einer Stunde. + +-- Und wir kutschiren? + +-- Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis +in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer +entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches +Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! +Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund. + +In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein, +denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen +Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und +wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege +wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den +sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in +Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: »Der Purpur-Staat oder vom neuen +Götzen«, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine +Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der +Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die +»Sprüche von Jesus Sirach«, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen +Strich umrahmte: »Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm +Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das +Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt +nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!« + +Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz +dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem +Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber +Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene +weiße Mähne. + +-- Vorwärts, Tema, mach' Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf +Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du +bist aus edlem Hause. + +Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene +Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. +Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem +Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen +nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten +jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in's +Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als +Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe +übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. +Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen +Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er +für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, +ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine +Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und +hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle +spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke +eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf +den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich +gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne +Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren +Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. +Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit +Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine +große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten +Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält's mit den Alten und +mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt's den +ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen +. . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch +bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . +Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der +Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, +das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen +Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig +des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut +hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede +Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . . + +-- Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema +möchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta? + +-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, +Maikka. Ich dachte gerade . . . + +-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten +bei Euch die Geschlechtsregister? + +-- Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig. + +-- Das will sagen? + +-- Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht. +Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte +Thore -- und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder +bis zu einer bestimmten Zeit. + +-- Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab, +mag nichts weiter hören. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland. +Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen. +Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen? + +-- Keinen. + +-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die +Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema! + +Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich über die schwebende +Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß +sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle +darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten +Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in's Blaue hinein +vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den +überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen +ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre +verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da +das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische +Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente +sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber +keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen +Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die +sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen +verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu +seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das +war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der +europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst +eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr +gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes +Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine +Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in +den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von +diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die +politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der +Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie +dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! +Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem +engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer +einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: +Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie +alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung +und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den +ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was +hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die +Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen, +bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten +anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung +blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und +sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den +Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde +verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben +sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der +Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen +mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden, +ein wühlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles +zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem +neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin? + +-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht. + +-- Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal +abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig +scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, +was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu +verwenden? + +-- Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die +verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen +und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren. + +-- Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes +fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen? + +-- Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe. + +-- Die wäre? + +-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und +vielleicht noch mehr die geistige Noth. + +Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft +gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen +Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein +älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken. + +Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert. + +Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die +gemächlichste Gangart. + +-- Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße +gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum. + +Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu +viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße. + +-- Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott. + +Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: -- Flink, kutschire Du, +dann stimmt's. + +Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel +und machte keinen Schritt mehr. + +Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen +gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen +dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu +schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, +so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander, +Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine +Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will +ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier +nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du +eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine +edle Leitung gewohnt ist. Hör' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen +robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der +Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens +nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in +ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß. + +-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka. + +-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich +einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat. +Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche +über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den +Kutscherthron, sondern das Leben gekostet. + +-- Ist's so recht, Maikka? + +-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute, +vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen +erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen +in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil! + +-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet +und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich +am gleichen Strang und müssen sich verständigen. + +-- Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man +das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer +tiefer in den Dreck. + +Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres, +Fanatisches. + +-- Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal +sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka. + +-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht +sich auch das Schicksal in's Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das +Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen +verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten +errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat +aller Surrogate. + +-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im +Magen liegen. + +-- Laß ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an. + +-- Ich will mir's merken, Maikka. + +-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an +Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so +wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche +und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht +keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen +und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen +einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, +Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die +Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . . + +Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs +kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und +Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein +Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem +Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann +oder Weib. + +-- Du fragst nicht, Grege? + +-- Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder +verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib! + +Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die +durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition +bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst +erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht, +sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit +gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die +Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema, +sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'! + +Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich. + +-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich? + +-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die +christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist +interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika, +vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können, +ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die +Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre +Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert +Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und +Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit +jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. +Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre +wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als +Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die +kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und +Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich +Niemand auf. + +-- Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit +warmer Antheilnahme. + +-- Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die +Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den +armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das +Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine +Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten +christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es +meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. +Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere +Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der +Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und +Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. +Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so +setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an +Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt. + +Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglückliche oder erst +unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden? + +Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, +den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemüth machte, und antwortete +treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so +wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die +Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige +Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des +Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes +Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen +Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben +hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den +Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den +Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere +Zweck der Menschheit vereitelt? + +-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber +das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein +unverlöschlicher Himmelsglanz . . . + +-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt's auf dieser +jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es +manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch +die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit +der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, +selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie +sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre +Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede +Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, +wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, +Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie +gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden. + +-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf. + +-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das +volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es +giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema! + +-- Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel! + +-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab? +Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel? + +-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . . + +-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei +den Teutaleuten, na, Grege? + +-- Ein Drama. + +-- Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den +klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt +. . . Tema, hü! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hügels ist die +Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte! + +Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick. + +-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es +trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire +uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife! + +Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort. + +-- Verzeih', Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei +Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der +Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht, +die Herzen auf, die Welt ist so schön! + +Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da. + +Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und +fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch +eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein +waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein +Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den +Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen +bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen +Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . . + +Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem +Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, +improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger. + +Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer +Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen +um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das +ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . . + +-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und +sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz +manierlich aus. + +Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen. + +-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom +bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren +Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit, +Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns +wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter +ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht +einen Monat früher gekommen, zu den »weißen Nächten«? . . . Ach, Ole, Du +glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir +eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, +Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter +Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen! +Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen! + +Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden +Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. +Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich +nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die +fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich +Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden +mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im +dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft +hielt sich feierlich still. + +Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab. +Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf +sie Reste von gedörrtem Fleische zu. + +-- Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In +einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte +hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt? + +Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren +schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen +können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder +ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos. + +Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während +die Gondel ruhigen Kurs hielt. + +-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim +Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie +ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir +ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie +an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und +als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und +ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist +zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen +bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. +Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. +Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und +ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort +ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen +und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht +wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, daß Du fortkommst, +ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig +sein. Nun geh'! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie +erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und +flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz +verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf +daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst +Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da +umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und +der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von +Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du +auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh +vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald +bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon +begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch +weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von +schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat +Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der +Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und +Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der +Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz +und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege? + +Er nickte mit stummem Lächeln. + +-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl' uns ein Märchen. Sieh, wie sich der +Himmel umschattet! + +Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn. + +-- Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war's. Das jüngste Gericht war +vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der +Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen +stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß +noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den +Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, +die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel +und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige +Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, +ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, +wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob +sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm +nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen +nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit +dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, +das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und +den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten +konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein +Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu +erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu +stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und +er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht +daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben +könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem +Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, +unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, +dort die Hölle mit ihrem Unglück -- und dazwischen das leere Nichts, +unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das +Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er +plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr +zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall +und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. +Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung +geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet +hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott +geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des +Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene +Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter +einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen +Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich +gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in +schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn +immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge +entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen +und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und +Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten +Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft +schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein +Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen +entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein +Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst +fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie +seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, +sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, +vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er +glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine +Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! +Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der +Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und +er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das +lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes +plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst +der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und +farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb +es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den +Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz +Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße +Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, +dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen +weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt +mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib +aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei +mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen +Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der +Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und +Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der +Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der +Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde. + +-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung. + +Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre +Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten. + +Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung +gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott. + +Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein +Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in +alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum +gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . . + + * * * + + + + + + +Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe +Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie +an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und +tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie +ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese +lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen +Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die +süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden +Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, +als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, +seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer +Stunde erwarte . . . + +Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte +Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen +und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt +und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in +verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen +schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter +spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus +leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das +blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . . + +Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, +in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit +fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden +Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung +von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der +verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und +himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese +menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem +Himmel entgegenzutragen schienen. + +Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, +den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, +die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen +zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, +das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann +aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, +gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie +fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um +die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt +zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des +Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten +Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein +Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn +die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre +breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr +Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine +uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe +wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege's Gedächtniß sich einprägte, +sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik: + + Befiehl Du Deine Wege + Und was Dein Herze kränkt, + Der allertreusten Pflege + Dess', der den Himmel lenkt. + Der Wolken, Luft und Winden + Giebt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da Dein Fuß gehen kann. + +-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin, +die als Aufseherin waltete. + +-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn +Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. +Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja +nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich. + +-- Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung? + +-- Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch +eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere +Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen. + +-- Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau? + +-- Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . . + +-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen. + +-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe +und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren +seine Kraft nicht verloren . . . + +Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte +davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein +plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . . + +Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war +ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung +verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich +ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen +Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere +Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen +Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks +jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie, +dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die +Herzen der Männer, der »Zottelbären« . . . + +Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege. + +In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen +nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer +fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck +begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch +Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer. +Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen +Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede +erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren. + +Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es +höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei +bereits fortgeschafft. + +-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du +weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge? + +-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge +genächtigt haben. + +Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile. + +-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches +Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt. + +-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die +Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum +Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen, +warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns! + +Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen. + +So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen. + + * * * + + + + + + +Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit +klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande. + +Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen +wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an +den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates +bewirken könne. + +Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn +in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt +»Zum tollen Junker Heinz«. Grege, der sentimentalen Auffassung der +irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das +Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als +objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in +wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens, +das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten. + +Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit +Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, +wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen +Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt. + +Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das +Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem +Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt, +hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit +einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle. + +Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem +Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf +auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber +wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des +Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle +sich's um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die +Begleitmusik machen. + +Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in +Klang und Rhythmik: + +»Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine +Brüder: da giebt es Staaten. + +Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage +ich Euch mein Wort vom Tode der Völker. + +Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und +diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk. + +Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen +Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben. + +Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat: +sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin. + +Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als +bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten. + +Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und +Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in +Sitten und Rechten. + +Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch +redet, er lügt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's. + +Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. +Falsch sind selbst seine Eingeweide. + +Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als +Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! +Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes! + +Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat +erfunden! + +Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie +schlingt und kaut und wiederkäut! + +Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich +Gottes -- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und +Kurzgeäugte sinken auf die Kniee! + +Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, +er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden! + +Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom +Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen! + +Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne +sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier! + +Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft +er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen. + +Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da +erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren! + +Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben +preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes! + +Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo +Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame +Selbstmord Aller -- das Leben heißt. + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder +und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles +wird ihnen zu Krankheit und Ungemach! + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen +ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich +nicht einmal verdauen. + +Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden +ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel +Geld, -- diese Unvermögenden! + +Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander +hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. + +Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glück +auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der +Thron auf dem Schlamme. + +Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel +riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle +zusammen, diese Götzendiener. + +Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und +Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie! + +Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der +Götzendienerei der Ueberflüssigen! + +Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe +dieser Menschenopfer! + +Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele +Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht. + +Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig +besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth! + +Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht +überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und +unersetzliche Weise. + +Dort, wo der Staat aufhört, -- so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr +ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? -- + +Also sprach Zarathustra.« -- -- -- + +Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie +entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra's weiter +sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er's nicht +selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals, +Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus +tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die +er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen +Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge +unvermögend, den Brand zu löschen . . . + +Unsinn, Unsinn! + +Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene +Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot. + +Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles +noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren +herausgearbeitet . . . + +Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine +Gedanken in einander zu unzerreißbarem Gefüge . . . + +Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. Da trat ein ältlicher, schwarz +gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz, +ein schlotteriges Knochengestell. + +-- Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler, +der eine komische Rolle hersagt, -- ich bin der Wirth zum tollen Junker +Heinz, und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren Vorhandensein +bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glück +hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines +Gastes übereinstimmt. + +-- Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt's? Ich habe keine Zeit, +Mann! + +-- Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft eines Herbergvaters in Ihrer +Majestät der Kaiserin von Indien und Königin von Jerusalem und anderer +Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaßen ich mir +in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten, +benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen. +Derohalben giebt's erstens kund zu thun, daß Ihr keine Gastfreundschaft auf +Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa +noch zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit +ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen müßt; +zweitens giebt's von Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu +leisten vermögt, welches Euer Nam' und Art und mit welcherlei +staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt. + +-- Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr! + +-- In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas +Anderes? + +-- Ich bin's. + +-- Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege? + +-- Aus Nordika, durch Wasser und Luft. + +-- Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns +manchen leichten Gesellen an's Land und manches gelüstige Dirnlein in's +Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr +kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn +unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der +Gastfreundschaft zu hoch hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das +Glück, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes +zu freuen, Gentleman. + +-- Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so überrascht Ihr mich. Von all' +diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt. + +-- Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den +neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen +Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist +Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem +Weltreich beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu +fragen, wie ich's thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so +großen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen. + +-- Je nun, Mann, was soll ich da sagen? + +-- Was man so die Wahrheit nennt, wenn's Euch beliebt. Zu welcher Gilde +gehört Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen +Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die +reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt +Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman? + +-- Nein. + +-- Der ist hier die größten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung könnt +Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des +Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel in's British Museum +abgeliefert. Dort steht er noch. Die größten Gelehrten aller Rassen machen +dort seit tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs +Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum +tollen Junker Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der +berühmtesten Sehenswürdigkeiten im British Museum, da ist unser königlich +kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen. + +-- Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlässig? + +-- In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr könnt, +gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst +dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, nach +verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Männer in +musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein +Wort, Gentleman. + +-- Ich bitte Euch, 'meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte +Belehrung über diesen Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden. +Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher? +Also erzählt! + +Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, schnitt +eine lächerlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenüber und begann: + +-- Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heißt, die Polizei +eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem +königlich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er +amüsant ist -- lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, mein Wort +darauf! -- zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat. +Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm' +mich! + +-- Zur Sache! + +Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über einander und spuckte +seitwärts an die Wand: -- Gott verdamm' mich, wenn ich nicht mitten drin +bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich +Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß nicht was, aber vorher, +Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im +Königlich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert +sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin, +Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . . + +-- Ist das Alles? Ich danke. + +-- Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung +überwältigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, weiß sich das +nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem +Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und +schlechter, wegen Unzulänglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus, +wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie +der größte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere +Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune -- +nicht alle Völker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in +Nordika! -- Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit +wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel +zur Fortpflanzung, amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und das +Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien +haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir +besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim keine Revolution +bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika, +selbstverständlich, wasmaßen die Nordikaner unsere besten Freunde sind. +Aber das übrige Europa ganz, wir werden's ausputzen, auflackiren, poliren, +präsentabel machen, ertragsfähig. Ein großes Geschäft, würdig unserer +Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze +Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen +Hottentotten mehr, leider. + +-- Das bezweifle ich. + +-- Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine +Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak +langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch +einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden -- und was +weiß ich. + +-- Teutaleute, nicht? + +-- Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine +Historie, da komm' ich sofort darauf zurück. Also wir verschaffen uns von +diesen interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare -- kein leichtes +Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefährlich, +als einen gesunden Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen, +mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist +dabei umgekommen, neulich erst . . . + +Grege rückte einen Schritt zurück: -- Keine Familienszenen, das wäre +indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten, +paart sie -- was dann? + +-- Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren +Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die +mißlungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt. + +-- Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter +vermehren, was geschieht da? + +-- Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien, +nach Afrika, und später, wenn wir ganz Europa haben, in ihre +Originalländer, unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt +und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt ist. + +-- Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschuß ergiebt, oder wenn +einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden? + +-- Da giebt's zu lachen, großartig, Gentleman. Reiche, vornehme +Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafür +dürfen sie sich überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu sich +nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht +wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und +bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui! +Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das +Vergnügen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und +seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben +die Welt, weil wir sie haben. + +-- Hm. + +-- Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas +werth. + +-- Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus? + +-- Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten +finden's so gut daheim. Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische +Aufsicht, Training . . . hm . . . + +-- Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt? + +-- Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmühle, je nach Befund. +Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt. + +-- Was ist sonst noch da? + +-- Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung gelehrter +Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung +entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus dem +fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, Hofprediger und +als Gegensatz Hungerkünstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben +Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht's Euch selbst an, +Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere +Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen +Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. Die Leute +in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was +sie auch vom Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen sie von allen +Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman +. . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür +jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe +gesehen? Ihr glaubt wohl, wir hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den +allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe, +mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . Jetzt eilt mir's, Gentleman. + +-- Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht fürchterlich . . . + +-- Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklärungen, +Gentleman. Worüber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei +. . . + +-- Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta +an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein +Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht. + +-- Gott verdamm' mich, Gentleman, das hätte ich wahrhaftig vergessen. Wurde +da vor Wochen vom Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib +erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter +Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . . + +-- Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter! + +-- Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig. + +-- Also verrückt! + +-- Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind. + +-- Blind? + +-- Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein. + +Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, mit kalter Sachlichkeit. + +-- Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, Gentleman. Ich kann's nicht +so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger. + +-- Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit +einem blinden Weibe? + +-- Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit +blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war +sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken. + +-- Was konnte sie? + +-- In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . . +Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht ließ man sie gerade darum laufen. +Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht +immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen +werfen, heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und man kann's +nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine +kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das +Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so +viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn +wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr, +Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich verrathen sie sich +gegenseitig, wie dieser rundköpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman? + +-- Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundköpfigen Kretin. + +-- Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer Gelehrter, Ihr kennt die Welt. +Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein +geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh's an Euren +Augen, Ihr habt viel erlebt. + +-- Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt Ihr Recht haben. + +-- Hab' ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt' ich sagen? Das +Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem +eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem Königlich-Kaiserlichen in +die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman? +Zweitens, daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht +erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben. + +-- An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall. + +-- Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische +Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche. +Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen +Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger +begünstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft zu revanchiren. So +mag's wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte +seinen Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen +gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber +die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht. +Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem Spaß, trotz der ernsten +Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen +Polizeipräsidenten. Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos +zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben +müssen, Gentleman. + +-- Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende! + +-- Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, Teuta werde den Angelos den +Krieg erklären, wenn sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst +abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen +Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch +die Historie? + +-- Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege +etwas dringender. + +-- Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hieß es, +Gentleman. + +-- Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch. + +-- Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das +ändert nichts am Spaß. + +-- Wahrhaftig nicht. + +Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hände: -- +Ich dank' Euch für die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat +mir ordentlich Appetit gemacht. + +-- Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas +Punsch oder . . . + +-- So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das möcht' ich mir +nun doch einmal besehen, so schnell als möglich. + +-- Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch zuvor unser Land gut +anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr +bedürft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an +kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf. +Oder an Nachtschweiß? Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, Ihr bedürft +meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen +und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein +Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine +sehr interessante königlich-kaiserliche Familie, zahlreich wie sämtliche +Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien +gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet's mir danken, es ist +ungeheuer sehenswerth. Wir salben Könige, die nichts zu thun brauchen, als +sich salben zu lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche +Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles +Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist +gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben. +Wir haben viele Völkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Könige +so nützlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes Bild. + +-- Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich Fahrgelegenheit nach Teuta +finde? + +-- Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit +Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden? + +-- Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft! + +-- Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold. + +-- Und Euer Name? + +-- Drachenschiff! + +-- Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und +tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch, +und der Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann im Rath. + +Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra +und Jesus Sirach: -- Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker, +meine Familienpapiere! + +-- Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt's nicht, kann's Euch den Hals +kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu +befriedigen, mit Respekt zu sagen. + +-- Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht! + +-- Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman. +Gottbei! + +Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem +schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebückt durch die niedrige Thür +schiebend. + +Grege warf sich auf's Lager und wand sich in Krämpfen wie ein Epileptiker. +Es ging vorüber. Der letzte Gram war abgeschüttelt. + +Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes Gesicht. Teufel! + +Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu +wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd +auf Alles, was ihm begegnete. Daß hier Alles in's Titanenhafte, Kolossale +getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war +das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein +schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste +Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man die +Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie +verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hält die Welt, hält das +gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und +Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins schlug ihm überall +prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller +Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachäffung +Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, was +er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein dämonischer Humor, der jeder +Verzweiflung Herr wird, schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des +Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn +geworden. + +Das Allermerkwürdigste dünkte ihm -- und das war vielleicht der Schlüssel, +sich Angellands räthselhafte Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig +erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwärtige +schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den +tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jüngeren, üppig +genährten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur +ein Nebending, das sie nur als einer ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte. +Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo ein +Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart +auf und formte es rücksichtslos zu seiner Heimath. So ward er überall der +Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und pflückte überall die +Freuden der Heimath . . . + +Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Fülle der +Gesichte eines in's Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem +königlich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wußte +genug davon. Und er wollte keine Gefühle zwecklos verpuffen . . . + +Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach einem Ziel: Teuta! Kalte +Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments +. . . + +In Teuta -- klingt's nicht wie ein Märchen? -- hat bereits Einer den Kopf +zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und +dieser Eine . . . war nicht Grege? + +Teufel! + +Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an? + +Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich's um +mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu +entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen. + +Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge in das Jala-Abenteuer. Wer +war der rundköpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht +sagen wollte? + +Aber die letzte große That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn. +Das fühlte er. Welche That? Festzustellen in's Einzelne vermochte er sie +nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glühender +wurde, eingehüllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde +gekommen, mußte der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles stand +im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem +Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich +trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, die Neugeburt der +königlichen Seele . . . + +Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog +plötzlich alle Mystik. Grege knirschte: -- Ganz Teuta auf Schiffe packen +und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie +die urgermanischen Vorfahren im Norden . . . + +Wer lacht so grell? + +Teufel! + + * * * + + + + + + +Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in +freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein +Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine +Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund +abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses +Opfer. Nach Aos Gefühl war's ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in +der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht +riechen. Und erst das freie Licht! Giebt's etwas Brutaleres als freie Luft +und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche +Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der +späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein +lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel +mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen! + +Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten. + +Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer +solchen Abendröthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches +Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen. + +-- Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug +wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom +Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen +umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne +werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein +unerträglicher Skandal sein. + +Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben, +diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu +lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und +Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe +an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich +nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum +nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr +Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht +einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und +dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein +Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei +ungewöhnliche »Effekte« sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres +Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des +göttlichen Uebermenschen Zarathustra und des großen Mysteriums unserer +Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen. + +Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom +Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in +einer Sänfte noch in's Gotteshaus und in's Museum schleppen lassen, um sich +durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und +oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das +Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald +zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten +grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in +einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges +überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der +Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike +Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann +in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und +Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege +improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen +bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der +Majestätsperiode früherer Jahrtausende. + +So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem +geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso'sche Automaten die +lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil +sie für einen Automaten zu gefährlich war und leicht zu seiner Entlarvung +führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich +die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale +stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder -- alten Münzen +nachgeahmte Spielmarken -- einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und +mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . . +Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt +erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man +ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche +verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er +die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er +nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten +Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk +würde dabei das Schauspiel einer bis -- zur Nacktheit verhüllten +wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen +sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste +Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . . + +Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen +Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die +oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause +emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der +versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s. +w., in verjüngtem Maßstabe nach berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes +Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder +ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte. + +Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit +beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen +und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den +Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner +persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit +sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die +Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von +Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die +Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt: +zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des +Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra's +selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen +merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten. +Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom +spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der +vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten +Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten +Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten +Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne. + +Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um +von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu +werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch +keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die +religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder +Nichtglaube. + +Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt +. . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung. + +Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen +von den Strapazen erholen könnte. + +Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso. + +Athemlos flog der Diplomat herein: -- Hoheit, sie will nicht. + +-- Wer will nicht? + +-- Jala. + +-- Der Automat Jala? + +-- Jala in Person, Hoheit. + +-- Hast Du sie denn? + +-- Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß! + +-- Schweig, mich trifft der Schlag . . . + +Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster. + +Der hohe Rath wurde herbeigerufen. + +Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich +heraus, seine Eigenmächtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort +persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden +Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse +des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den +Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört. + +Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath +überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen +Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes +gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren, +bestätigte Bim. + +Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in +der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In +seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle. + +Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie +in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil +den Grege -- diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen -- ersetzen +müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne, +gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur +des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten. + +-- Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte +Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die +Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß! + +Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man +nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen. + +Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun, +werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle +sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des +unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den +biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe +Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen. +Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese +von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er, +Soundso, wasche seine Hände in Unschuld. + +Das wirkte. + +-- Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die +Tänzerin sofort vorgeführt werde. + +Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam. + +Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte +eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos +plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und +hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala +sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe. + +Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier +eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden. + +Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu +empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn. + +So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige +Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein +müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine +förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische +Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende +Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres +Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos. + +-- Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager +ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen. + +-- Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat +uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können +jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich +gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden. + +-- Ueberdies hab' ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit +selbstbewußter Miene bei. + +Titschi lächelte wie Einer, dem's Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt +angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält. + +Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten +Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die +Ecke, Gesicht gegen Gesicht. + +Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und +blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr +verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten +Staatsleitung geweihten Raum betreten. + +Es war ein Ereigniß. + +Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal +erschimmerte in goldenem Licht. + +-- Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu. + +Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter +Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus +und Grege Platz, in gespannter Erwartung. + +Kaspe begann zu piepsen: -- Wir wollen's kurz machen, Hoheiten. Du bist +Jala? + +Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand +sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt +wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein +Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des +All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht. + +Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß +eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime +Mutterschaft verrathe. + +-- Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter. + +-- Ihr wißt es. + +Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton. + +-- Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht? + +-- Ihr wißt es. + +Der Ton klang fester. + +-- Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat +Dich Grege das geheißen? + +Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben +über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die +Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam. + +-- Was sagt Grege dazu? rief Kaspe. + +Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu. + +-- Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden, +Schweigsame? + +Pause. + +-- Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht? + +Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: -- Was in ihm ist, ist +zugleich außer ihm. + +-- Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste +erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst +gethan? + +Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander, +daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe. + +Der Oberrichter fuhr fort: -- Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand +die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des +Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht? + +Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten +Brust. Ein Wort von Grege jetzt -- und Alles war gewonnen . . . oder +verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des +Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im +Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand +winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen: + +-- Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für +Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte! + +-- Hoheit Minus, sprich in Greges Namen! + +Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: -- Was Du +thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist. + +Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam, +prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn. + +-- Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe. + +Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: -- Ich habe eine Stimme +gehört, aber ich fühle sie nicht. + +Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit: + +-- Ihr habt's vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes +Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts +übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde, +und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der +Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des +Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein +Antrag! + +Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem +Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der +Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: -- +Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr +noch? + +Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger +Stimme: -- Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte +zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo +er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, +seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide +ihren Lauf nehme. + +Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmüthig: +-- Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf! + +Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein +trüber Strudel den vom Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter +Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoßen, wie der +spukartig sich ankündigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer +wüster anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr Schweigen wie Greges +männlich schönes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wär's ein +Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem +. . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fühlte sie nicht, mit dem Klang +der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war's, seine +lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurückrufen, +daß sie auch seinen Athem spüre, was soll sie beginnen, daß er ihr +nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht +mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege +nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war's nicht ein +Gaukelspiel? Wie wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, sie zu +vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Löwe +sein Eigenthum an sich reißt und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei +der ewigen Liebe . . . + +-- Man führe Grege ab! gebot Kaspe. + +Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, dann streckte sie die Arme +geradeaus nach vorn, wie beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib +zurückfallen. + +-- Ich werde tanzen. + +Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein Triumph schnellte ihn nicht +empor, als ihn die Hoheiten beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte +sich nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu +täuschen und unter fremden Willen zu zwingen. + +Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort zur Sache gefunden. Die +Geschichte ging ihm über den Horizont. -- Mechanik und Mystik! murmelte er +endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle für seine +Augen. + + * * * + + + + + + +Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit +anderen Augen und anderen Gedanken. + +-- Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, Reiterschaaren, +anstürmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In +schmählicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche +Heimkehr beschieden wäre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks! + +Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf +europäischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit +blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den +heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, war ein Seufzer, +jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Männern nicht mit +Worten, sondern mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom Gegner gefordert +wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg +oder Tod! + +Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er +ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein +mit vollem Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich +straffer Gang, sein raubthierkühner, harter Blick. + +Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er bis zum Morgengrauen in +Teuta sein und den hohen Rath allarmiren. + +Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt +zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus +nächster Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen. + +In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete +Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß +trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit +wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten +wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts +sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen +Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die +Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief +lange, fest, traumlos. + +Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine +Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen +nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit +gemüthlicher Selbstironie. + +Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was +bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen +Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von Männer-, +Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt +gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara -- thuuu -- stra, Zara -- thuuu +-- stra, Zara -- thuuu -- stra? + +In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber? +Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den +Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich +verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und +erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die +Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die +Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet -- da defilirt der hohe Rath vor dem +Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten +. . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und +Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß +mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der +Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe +zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien, +gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher +Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist's nicht so? Ist's +nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an +diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte +. . . als gezwungener Komödiant? + +Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die ihm die heißen +Strahlenreflexe der Sonne in's Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab +krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil +es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute +sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird? + +Hat er einen Doppelgänger? + +Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an +der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit +einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten +vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich +da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den +Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs. +Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen +. . . wer denn? Grege's leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine +Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme! +Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische +Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein +Doppelgänger anstimmt: -- Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den +Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono +erwiderte, wie es jetzt erwidert: -- Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir +lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein +Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam +gemächlich und wundert sich über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, +geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des +heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso -- Alles echt +und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege, +oder ist er's nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er +stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen +Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt +vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die +Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in's Gesicht. Er ist er selbst, +Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend, +fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, +dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich +dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur +zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der +weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die +unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über +die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten +Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas +Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen +Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber +immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der +Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt's die Freitreppe herauf +. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen der +Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige Vertreter der Slavakos +. . . o Scheußlichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o +Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und Symbole auf +hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . »Meine +Brüder, seht, ich lehrte Euch den . . . + +Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das Königsschloß und nimmt hinter +dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den +Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold +. . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und +Schlurfen der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung, +Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf +und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht +das hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem Baldachin hervor und +hinauf auf die Portalschwelle die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf +der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den +Polsterstühlen Platz, die Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen +Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in +lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hüter des heiligen +Wortschatzes von Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen Mysteriums in +wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines +Amtes zu walten, sich dem Volke als König vorzustellen und seinen +Jahresspruch herzusagen. + +Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch: + + Aufwärts fliegt unser Sinn, + Achtet der Stunde, + Teuta's erhabenes Volk -- -- + +Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen Automaten auf und +Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor. + +Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt +auf Soundso. Der ist so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der +Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen. +Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu +. . . Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den Boden . . . Schlägt +mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse +hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin von der +Schulter und das goldene Scepter aus der Hand -- und der Automat deklamirt, +eine entlarvte Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich +schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem +Zerstörungswerke weiter . . . + + Will Euer Wille befehlen, + Wohlan, ich bin sein Symbol -- -- + +Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal, +dann war sie stille. + +Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von Grege erkannt, theilt +dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der +Purpurmantel entsinkt der Puppe . . . + +Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: -- Sprich, wer bist +Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in +das stumme Schauspiel hinein. + +Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von +oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße +fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft? + +Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge im Büßerhemde durchbricht +die Reihen und stürmt, von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer +gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die +Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier! + +Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: -- Er ist der Befreier! +Er ist der Befreier! + +Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und schüttelt die Massen, und wie +Donnerstimme hallt's: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier! + +Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen +Schritt vorwärts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele +gegangen -- die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege's Brust. + +Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr, +jeder Mund ist stumm, Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem +Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an sich preßt: Volk von Teuta, +Zarathustras jüngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und +Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser! + +So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und +das weiße Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, bis der +Sieg erfochten. + +Als am Abend die Terrasse von den Trümmern des Automaten-Gaukelfestes +gesäubert wurde, berührte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des +eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich begann die +kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: -- Ao ist ein Idiot -- Bim +ist ein altes Grauthier -- Titschi ist ein entlaufener Strandräuber -- +Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie Wanzen ab. -- Man muß dem +Volk in's Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf -- Man +muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich der Gottheit nahe . . . + +In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen Beschluß des Volkes zum +obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter +der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt. + +-- Da habt Ihr Euren Tribut. + +Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum. + +Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis zum Anbruch des nächsten Tages +Botschaft nach Nordika zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den +Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit dem Brudervolke von +Nordika ersetzt. + +Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung der Mauer, welche +die Stadt der Männer von der Stadt der Frauen trennte. + +Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei +Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er +bis an sein Ende über des Teutareiches Untergang . . . + +Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Königsburg in Teuta, +bis der volle Sieg über die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner +mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen Leben im +Lichte der Sonne. + +Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt es aus den klatschenden +Falten des Banners wie Maikkas Lachen. + + + +Ende. + + + +Druck von C. G. Röder in Leipzig. + + + + + + +End of Project Gutenberg's In Purpurner Finsterniß, by Michael Georg Conrad + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN PURPURNER FINSTERNIß *** + +***** This file should be named 39565-8.txt or 39565-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39565/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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