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+The Project Gutenberg eBook, Die Colonie. Dritter Band, by Friedrich
+Gerstäcker
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Die Colonie. Dritter Band
+ Brasilianisches Lebensbild
+
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+
+
+Release Date: April 27, 2012 [eBook #39545]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***
+
+
+E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
+(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the
+Google Books Library Project (http://books.google.com)
+
+
+
+Note: Images of the original pages are available through
+ the the Google Books Library Project. See
+ http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&id
+
+
+
+
+
+DIE COLONIE.
+
+Brasilianisches Lebensbild
+
+von
+
+FRIEDRICH GERSTÄCKER.
+
+Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.
+
+DRITTER BAND.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+Hermann Costenoble.
+1864.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichniss.
+
+
+ Seite
+ Erstes Kapitel.
+ Die Abendgesellschaft 7
+
+ Zweites Kapitel.
+ Fortsetzung 33
+
+ Drittes Kapitel.
+ Auf Köhler's Chagra 57
+
+ Viertes Kapitel.
+ Helene 87
+
+ Fünftes Kapitel.
+ Gerichtspflege in der Colonie 117
+
+ Sechstes Kapitel.
+ Vorbereitungen 143
+
+ Siebentes Kapitel.
+ Bux auf der Flucht 164
+
+ Achtes Kapitel.
+ Gefunden 194
+
+ Neuntes Kapitel.
+ Herr von Pulteleben 214
+
+ Zehntes Kapitel.
+ Graf Rottack's weitere Beschäftigung 236
+
+ Elftes Kapitel.
+ Abschiednehmen 253
+
+ Zwölftes Kapitel.
+ Schluß 276
+
+
+
+
+1.
+
+Die Abendgesellschaft.
+
+
+In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft
+sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt,
+die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend
+Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst
+Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr
+lautete die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran,
+als die Frau Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von
+Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das _sehr_ viel Geld gekostet
+hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre
+Toilette noch einmal zu mustern.
+
+Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute
+nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen
+Horizont begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen
+Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.
+
+»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die
+Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht
+von ihrem Rückgrat zu bekommen -- »ich traue ihm nicht recht; er ist ein
+ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.«
+
+»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte
+Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.«
+
+»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir _nicht_ recht
+angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde
+Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem früheren Director
+eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die »_bürgerliche_
+Versammlung« die Nase rümpfen.«
+
+»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der _alte_
+Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber
+unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Brasilien
+auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalt wählen
+sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu
+beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr
+von Schwartzau.«
+
+»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?«
+
+»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber
+nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist -- wen interessirt das
+auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.«
+
+»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah
+ihre Tochter forschend dabei an.
+
+»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene
+kalt und stolz.
+
+»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel
+trug -- »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der
+Treppe.«
+
+Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar
+trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke.
+
+»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend;
+»hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?«
+
+»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest
+Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und
+Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die
+Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft
+erwarten! Wer ist wer?«
+
+»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns
+die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich,
+in die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von
+früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser
+hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen können -- aber abgewöhnt
+hab' ich's ihm wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.«
+
+Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu,
+und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne
+auf die Schwester weiter zu achten, fort:
+
+»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig -- die ist in den Fluß
+gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar
+geprügelt hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.«
+
+»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du
+wolltest zu der Auction hinausreiten?«
+
+»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange
+gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend
+Kleinigkeiten.«
+
+»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?«
+
+»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern -- Du mußt ihn schon
+in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause --
+schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar
+erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.«
+
+»Herr von Pulteleben ist zurück?«
+
+»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln
+nicht ankriegen.«
+
+»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah nach
+ihrer Uhr -- »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir unbegreiflich.«
+
+»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der
+Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben,
+aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber -- der muß
+schmählich reich sein.«
+
+»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin
+ihre Tochter.
+
+»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.«
+
+»So -- entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm
+genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden?«
+
+»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar -- »Jeremias unterhält sich --
+der Bursche ist heute göttlich -- hast Du ihn schon in seiner Galatracht
+gesehen?«
+
+Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem
+Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich
+heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete:
+
+»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau
+Gemahlin.«
+
+Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch in
+den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick
+zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem
+Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste,
+gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber,
+etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine
+Frau hinter sich herschleppte.
+
+Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase
+und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen
+-- außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und
+-- wenn das Gerücht nicht log -- auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber
+schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich,
+die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie über das
+vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse -- von Oskar nahm sie keine
+Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thür durch
+sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer
+Verachtung.
+
+Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich
+noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er
+drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo
+saß, so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor
+Beckstein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen
+aufgewachsen, sondern daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein
+gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber seinen Dienst
+quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn
+und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere
+Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine
+Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner
+sagt, #the gift of the gab#, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen,
+die natürlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt
+in seiner Stellung zu behaupten -- konnten die Colonisten doch auch
+keinen andern und besseren auftreiben.
+
+Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug,
+viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge
+Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie
+schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber,
+als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab
+es deshalb nie. -- Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes
+schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer
+großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als
+zwei furchtbar große, reich gestickte -- leider auch schon einmal
+ausgebesserte -- Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose
+trug.
+
+Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste,
+denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald
+in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar
+Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.«
+
+Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines,
+rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos
+gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer
+einzelnen Achatschnur um den Hals.
+
+Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem
+Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in
+der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.
+
+Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich
+stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung
+lautete. Er war natürlich #à quatre épingles# gekleidet; seine Toilette
+ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit bei
+dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor
+Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er
+zufällig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin
+haßte den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn
+je gehaßt hatte -- es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und
+Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in _ihre_ Kirche
+ließ.
+
+Jetzt erschien auch endlich -- als Hausgenosse jedoch eben so
+gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet -- Herr von Pulteleben,
+gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren
+Frackschnitt als der Baron, was seinerseits _diesen_ wieder ärgerte.
+Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu,
+diese zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und
+grüßte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine
+Ecke zu drücken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise --
+was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurückließ.
+Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute Abend Stacheln -- wären
+es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim Nachhausegehen wie
+ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte sich Herr von
+Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht
+befriedigenden Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin
+hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch
+vielleicht sehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin
+eben nicht angenehm getäuscht.
+
+Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von
+Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit
+oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um
+Entschuldigung bat.
+
+Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der
+That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen
+oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm
+gefaßt und gesagt:
+
+»Laß mich lieber unten, Günther -- es ist wahrhaftig besser, und die
+Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja
+alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die
+Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu
+werden -- warum ihr also den Spaß verderben?«
+
+»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther,
+»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft
+wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann
+mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz
+besondere Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich
+will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl
+einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau _Gräfin_ wenigstens
+wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.«
+
+»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf
+bitter -- »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten
+Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern
+die Kammerfrau als Schwiegermutter -- ich würde mich sogar hüten, die
+Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur _ein_ Wort kostete. Aber
+in _einer_ Art hast Du Recht -- wenn auch in einem andern Sinn, wie
+Du es gemeint -- Helene selber könnte nämlich glauben, ich sei der
+Verlobung ausgewichen, und deshalb -- gehen wir hinauf. Ich freue mich
+jetzt selber darauf, einmal einer echt aristokratischen Gesellschaft in
+einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.«
+
+»Du willst mitgehen?«
+
+»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit
+fortziehend; »es muß überhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir
+werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Gräfin
+freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich,
+Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß ist
+mein eigen.«
+
+»Gewiß -- aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?«
+
+»Ich glaube kaum -- zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht
+gesehen, und ich selber -- bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich
+jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.«
+
+»Da sind wir.«
+
+»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese
+erleuchteten Hallen -- wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler
+röche -- und Jeremias in Gala -- Ich fürchte fast, Günther, daß wir
+nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.«
+
+»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur
+entgegen -- »immer 'rein -- _hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes
+sehen und erleben werden -- immer hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen
+gar Nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!«
+
+»So recht, Jeremias,« lachte Günther -- »ist die Gesellschaft
+versammelt?«
+
+»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste --
+»fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« --
+und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und
+meldete:
+
+»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit -- Donnerwetter, ich weiß ja
+_Ihren_ Namen nicht!«
+
+Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln
+nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick
+auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die
+Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes,
+jeder Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung
+bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin
+zu und sagte mit einer leichten Verbeugung:
+
+»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf
+heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier
+vorzustellen.«
+
+Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von
+Schwartzau, die nur an der äußersten Kante den neben ihm stehenden
+Freund einschloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat
+jetzt vor, und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich:
+
+»Sie haben _mir_ besonders eine große Freude gemacht, daß Sie der
+Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde mir ja gar keine
+Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir
+geboten, wie ich es wohl gemocht.«
+
+»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast wunderbaren
+Schönheit des Mädchens -- »so sehr wir den Unfall _Ihretwegen_ bedauert
+haben, so glücklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen
+leisten durften. Übrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von
+mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des
+Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.«
+
+Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen _beide_ Männer gewandt gehabt,
+aber während sie sprach doch immer nur Günther angesehen, und höchstens
+einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen
+Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger vermeiden, und auch
+ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte sie, aber nicht
+mehr so zuversichtlich, als vorher:
+
+»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit
+meinem wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr
+hörte oder sah, was um mich her vorging -- viel weniger denn hätte
+Personen unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten
+Dank.«
+
+»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die
+gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ
+-- »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
+ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang.
+Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen
+stets in den Weg, wo ich sie eben treffe.«
+
+»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem
+Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.«
+
+»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director
+ansehend -- »mit wem habe ich das Vergnügen?«
+
+»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die
+beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander.
+
+»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges in seinem Benehmen,«
+flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben der er stand.
+
+»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem
+gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm
+abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer
+betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben
+gesehen?
+
+Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so
+fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber
+so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein
+konnte.
+
+Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein
+sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose
+und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das
+Verbindlichste fragte:
+
+»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau
+-- hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen
+heruntergefegt!«
+
+Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee
+verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder
+geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von Thee kaum möglich.
+Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und daher sehr
+häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee
+umhergereicht wird.
+
+Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast
+ausschließlich um die Tagesbegebenheit -- die Auction des Meier'schen
+Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen,
+geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als
+einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen,
+daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein
+Messerstich für ihn gewesen.
+
+»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director
+an diesen -- »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns
+niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder
+vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die
+er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden
+Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier
+eine Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.«
+
+»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu
+können, Herr Baron,« sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste
+von diesen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn
+Meier selber bekommen, denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher
+zurückzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen
+lassen.«
+
+»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?«
+
+»Ganz und gar nicht -- ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum
+ersten Male betreten.«
+
+»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im
+ganzen Ort zu sein, der sie kennt.«
+
+»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden
+gehabt.«
+
+»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?«
+
+»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend,
+»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben
+würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist
+möglich, daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu
+beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.«
+
+»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director -- er sah, daß er aus Günther
+Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn dieser wirklich um Eins
+oder das Andere gewußt hätte.
+
+Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und
+Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin
+und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge
+verwickelt waren.
+
+»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame
+bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse
+abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- »das ist gar Nichts -- denken
+Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich
+muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für
+den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«
+
+»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt -- »für zweiunddreißig Beine!«
+
+Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging
+weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.
+
+»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte
+Helene, »so halte ich es doch für eine entsetzliche und fatale
+Gewohnheit, die aber eben nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen
+werden muß.«
+
+»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der
+Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören,
+keinen Mann zu küssen der raucht.«
+
+»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret
+vorschob -- »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein --
+die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen der
+_nicht_ raucht -- was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director
+wäre!«
+
+Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah
+Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig
+abprallte.
+
+Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument
+gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact,
+daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.
+
+»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten _Sie_ nicht die
+Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so
+viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber
+Ohrenzeuge zu sein.«
+
+Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das
+Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben
+stehen.
+
+»Und sind _Sie_ nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge
+Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete.
+
+»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein
+Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- »aber ich stamme aus
+einer ganz musikalischen Familie.«
+
+»So?«
+
+»Ja,« sagte Jeremias -- »ich habe drei Schwestern, die sind alle
+musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das
+Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein
+Stückchen Zucker?«
+
+»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und
+Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur
+Thür hinaus.
+
+Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich
+wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl -- und wie
+seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und
+frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder
+die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.
+
+Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst
+dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die
+Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der
+ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt,
+geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und
+Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen,
+aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.
+
+Jetzt schwiegen sie -- »Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich
+meisterhaft!« tönte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab
+und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer
+Luftzug seine Schläfe kühlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm
+weh.
+
+Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die
+junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und
+mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine
+leise Stimme an seiner Seite sagte:
+
+»Sind Sie nicht auch musikalisch?«
+
+Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen
+hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz
+fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes
+Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.
+
+»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als
+sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte
+überhört hätte.
+
+»Ich? -- Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er
+sich, gerade _dem_ Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt
+-- »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und fast rauh -- »mir träumte
+einmal, daß ich spielen könnte -- aber die Zeit liegt dahinten und --
+ich sehne sie auch nicht zurück.«
+
+»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.
+
+»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern -- »Musik sollte
+ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir -- reißt sie nur immer
+wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln
+schlafen. Ich _hasse_ Musik!«
+
+»Oder _fürchten_ sie,« sagte Helene ernst.
+
+»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse -- und
+doch könnten Sie Recht haben -- ich fürchte sie vielleicht.«
+
+»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in
+Schmerz und Leid!«
+
+»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob
+_Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht --
+einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.«
+
+»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen -- »Jeder von
+uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der
+glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, daß er die schwereren
+trüge. -- Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab -- »wissen
+Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in
+unseren Träumen haben?«
+
+»_Wir_ Beide?«
+
+»Ja -- auch mir träumte neulich einmal, daß Sie -- spielen könnten, und
+doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der
+Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«
+
+»Allerdings -- _sehr_ wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu
+ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf
+wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen
+eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere
+Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten
+kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume
+vergessen.«
+
+Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu
+einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus
+der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen
+breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter
+einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den
+Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt,
+und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste
+harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.
+
+
+
+
+2.
+
+Fortsetzung.
+
+
+Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr
+seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland,
+da der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr
+Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die
+Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen
+Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht
+hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch
+kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, gründlich durch
+einander zu werfen und zu verwirren.
+
+Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an
+der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau
+Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber
+zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den
+Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite
+zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu
+sitzen kam.
+
+Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und
+mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen.
+Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an
+der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick
+zuwarf.
+
+Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten
+Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür,
+um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder
+umdrehte, war das Unglück geschehen.
+
+»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt -- »wie -- wie haben Sie
+sich denn gesetzt?«
+
+»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf
+-- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt.
+
+»Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!«
+
+»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die
+sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte -- »wir bleiben so,
+nicht wahr?«
+
+»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der
+Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte -- »so ein
+Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«
+
+Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar
+wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen
+Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer
+Änderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und
+mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn
+Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also
+Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel,
+eine lebhafte Unterhaltung.
+
+Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die
+Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu
+halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« --
+rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine
+Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten
+Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckstein herumgucken
+müssen.
+
+Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die
+Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den
+beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein
+vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem
+Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten --
+und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrückt -- sie
+wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und
+ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich
+ausschließlich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten.
+
+Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr
+vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director,
+gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt
+zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen
+für die Colonie tragen mußten.
+
+Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male,
+sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau
+Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugniß ihr auch ihr
+Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mußte sich endlich in sein Schicksal
+ergeben und ruhig und geduldig ausharren.
+
+Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur
+unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der
+sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo
+nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Züge, die ihr so
+merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem
+jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf
+eine falsche Fährte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen,
+daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach
+ihr hinübersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast
+spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis-à-vis#
+zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu
+fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio
+oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken
+vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in
+einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem
+dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!«
+-- und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach
+der verkehrten Seite umsah.
+
+Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf,
+trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:
+
+»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es -- daß es jetzt etwa Zeit
+sein dürfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt
+mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.«
+
+»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen
+flüchtigen Blick über die Gäste werfend -- »es wird in der That Zeit;
+bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«
+
+Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_
+recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ
+sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen
+hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben
+mochte, denn sie erbleichte sichtbar.
+
+Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich
+selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum
+Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu.
+
+»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier
+_unten_ von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«
+
+»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«
+
+»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.
+
+»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- »hm
+-- es ist -- eigentlich gegen meine Grundsätze, aber -- wenn Ihnen damit
+ein Gefallen geschieht, junger Freund« -- und er stand dabei langsam
+von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm
+stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht
+seinen Messerrücken dagegen schlug.
+
+»Meine Herrschaften!«
+
+»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört
+hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr.
+
+»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit
+seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn
+erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle
+Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu
+nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses
+Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche
+einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und
+keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ....«
+
+»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.
+
+»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und
+ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse
+Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!«
+
+»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser
+erhebend und gegen einander stoßend.
+
+»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen
+Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein
+füllte.
+
+Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas
+entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:
+
+»Erlauben Sie, _Comtesse_, daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen
+aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben
+bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel
+bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen,
+daß er die -- schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«
+
+Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm
+auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei
+ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment
+in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser,
+herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«
+
+Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut
+zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern
+wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er
+drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus
+dem Weg gesetzt zu sein.
+
+»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau
+Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die
+betreffenden Personen selbst gewußt hatte -- »ei, da gratulir' ich ja
+recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der
+Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch
+alles Gute wünschen kann!«
+
+Helene stieß mit Allen an -- sie wußte gar nicht mit wem -- sie bemerkte
+auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit
+dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:
+
+»Meine liebe, liebe Helene -- o, daß ich Sie jetzt so nennen darf!«
+
+Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte
+sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch
+Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern
+konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich
+zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.
+
+Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.
+
+Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie
+unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor
+jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten«
+Gelegenheit verfaßt hatte.
+
+Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen
+Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen,
+vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich,
+daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch
+alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte
+beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung
+desselben wieder niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen,
+wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und
+gehalten hätte.
+
+Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix
+wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu
+ihm und sagte freundlich:
+
+»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja,
+bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu
+einem Begräbniß geladen wären!«
+
+»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber
+wahrhaftig, Günther, ich -- wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen.
+Ich fühle, daß ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden,
+und -- Andere entgelten lasse, was -- möglicher Weise Andere gar nicht
+verschuldet haben.«
+
+»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn
+ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen
+früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«
+
+»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt
+empfehlen könnten?«
+
+»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen,
+was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen
+können.«
+
+»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«
+
+Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors
+habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen
+Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie
+verhandelte.
+
+Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf
+und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und
+der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und
+beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha
+saß.
+
+Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben --
+die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja
+überhaupt nie hinaus.
+
+»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte,
+einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit
+der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde -- »thun Sie
+mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie
+königlich belohnen!«
+
+»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche,
+ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit
+Gläsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee
+haben? Der ist dünn genug.«
+
+Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen,
+sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest
+zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben,
+um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix
+vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland
+gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben,
+wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer
+imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen
+musternd, sagte sie scharf:
+
+»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph
+-- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt
+mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa
+Catharina?«
+
+»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,«
+sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter
+verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf
+von Rottack.«
+
+Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar
+und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein
+Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und
+Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr
+und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt,
+vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.
+
+»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem
+Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte.
+
+»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte
+sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director
+gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn
+vor die Thür hinaus.
+
+»Willst Du fort?« fragte dieser.
+
+»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte
+Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde
+in die Nacht hinaus.
+
+Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge
+scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr
+erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig
+war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er
+vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig:
+
+»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein
+wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«
+
+»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück -- »ich
+danke Dir, mein Kind -- »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven
+spielen mir manchmal einen solchen Streich.«
+
+Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und
+gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten
+Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen
+Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte
+jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten
+Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction
+zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem
+dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so
+rüstete sich Alles zum Aufbruche.
+
+Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen --
+Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit -- alle Tücher und
+Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber
+auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den
+Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen
+Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben
+noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht
+gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern -- und bat Helenen, daß sie
+ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn
+heute gemacht habe.
+
+»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn
+sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen -- »ich
+habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch
+eigentlich noch zu früh.«
+
+»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte
+Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.«
+
+»Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die
+ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan
+entworfen hatte -- »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her
+-- er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.«
+
+»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah
+ihre Mutter überrascht und fragend an.
+
+»Ja -- ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese fort --
+»Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschütternde
+Nachricht mit -- den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas
+angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno,
+und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein
+Geheimniß verrathen habe -- aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit
+zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte -- ich habe
+mir die Sache heute hin und her überlegt, und -- da Ihr doch jetzt mit
+einander verlobt seid, so -- thut es eigentlich kein Gut, die Sache
+zu lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit
+recht bald -- so bald als irgend möglich gefeiert werde.«
+
+»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von
+Pulteleben entzückt aus.
+
+»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein
+eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz.
+
+»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten
+mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen
+können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach
+Santa Catharina zu ziehen.«
+
+»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt -- »woraus
+schließen Sie das?«
+
+»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr
+die Gräfin fort, »da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts
+weniger als passender Platz ist.«
+
+»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?«
+
+»Entschieden -- aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen
+solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und
+ich habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel
+erkundigt. Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir
+die Auswahl unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in
+Massen nach dem Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier,
+und dann -- die Hauptsache -- finden wir selber einen viel besseren
+Markt für unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit
+dem Süden, ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.«
+
+»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße
+Vermuthung hin eine solche Reise ...«
+
+»Bloße Vermuthung -- das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie nicht
+sieht -- Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß
+Dir denn sagen, daß ich, um _ganz_ sicher zu gehen, schon vor mehreren
+Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer
+Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen -- und zwar sehr
+günstige Nachricht.«
+
+»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem
+kleinen Wechsel darin.«
+
+»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die
+Mutter -- »ich habe _zwei_ bekommen, einen von Deutschland und einen von
+Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem
+aber, was _ich_ sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens
+selber überzeugen -- hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf
+meiner Toilette; der in dem gelben Couvert -- es ist nur der eine da.«
+
+Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder
+zurückrief.
+
+»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.«
+
+»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.«
+
+»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch
+einander,« -- und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus
+der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam.
+
+»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf,
+»nun lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich
+ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser
+thun können, als nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind
+unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen
+Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber diese Reise zusammen machen,
+werden Sie selber einsehen, daß es nöthig ist die Trauung vorher zu
+halten -- schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene,
+Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin über unseren Umzug
+denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet uns sogar an in ihrem
+Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.«
+
+Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre
+Mutter groß und starr an.
+
+»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch eine
+ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß -- der Brief ist ja portugiesisch,
+und Sie verstehen ihn nicht, Arno -- gieb ihn mir, ich werde ihn
+übersetzen.«
+
+»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus
+der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist
+_nicht_ von Santa Catharina.«
+
+»_Nicht_ von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom
+Sopha hebend -- »dann -- dann habe ich die Couverts verwechselt -- gieb
+ihn mir -- gieb ihn mir!« -- und in einer Aufregung, die besonders Herrn
+von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe
+aus.
+
+»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene aufstehend
+-- »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch _einmal_ lesen möchte
+-- gute Nacht!« -- und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der
+verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie
+durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die
+Thür hinter sich ab.
+
+»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls
+aufstehend und seine Schwiegermutter #in spe# etwas verdutzt ansehend --
+»was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?«
+
+Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern -- wollte Herrn von Pulteleben
+eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem
+Augenblick nicht.
+
+»Ich bitte -- lieber Arno -- lassen Sie -- lassen Sie mich jetzt
+allein,« sagte sie verstört -- »ich habe mit dem Mädchen zu reden -- Sie
+-- Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.«
+
+»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem
+er seinen Hut ergriff -- »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich
+vielleicht ...«
+
+»Es ist Nichts -- Helene ist -- ein verzogenes Kind.«
+
+»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem
+vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere
+Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier
+unten total überflüssig sei -- wenn er auch noch lange nicht begriff
+weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen
+Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
+und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's
+Thür ging, und dort -- fast wie schüchtern -- anklopfte.
+
+»Helene!«
+
+Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.
+
+»Helene! -- Mach' auf -- laß uns vernünftig mit einander reden.«
+
+Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie
+durch das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte.
+
+»Helene! Sprich wenigstens mit mir!«
+
+Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau
+Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.
+
+
+
+
+3.
+
+Auf Köhler's Chagra.
+
+
+Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos'
+Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie
+die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther
+schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus
+allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige
+Thätigkeit in Brasilien abzuschließen.
+
+Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese
+Zurüstungen gesehen, sich angezogen -- er machte überhaupt jeden Morgen
+zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang --
+und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn
+einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er
+Jemanden erwarte.
+
+Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür
+oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern
+ein paar huldvolle Worte zu wechseln -- er zeigte sich gern
+herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab
+-- kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei
+seiner Arbeit saß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz
+erwiederte.
+
+»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das
+Fensterbret legte -- »immer so fleißig?«
+
+»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit
+aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und -- die Zeit todt zu
+schlagen. Was soll man anders thun?«
+
+»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen«
+nicht so ganz einverstanden schien -- »ja -- ist eigentlich ein einsames
+Leben in der Colonie.«
+
+»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und
+stach nur so viel eifriger in das Leder.
+
+»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die
+Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde -- »Nichts wieder
+gehört von Eurem Proceß?«
+
+»Mit der Geistlichkeit?«
+
+»Ja.«
+
+»Nicht das Geringste und -- werde auch wohl Nichts wieder darüber hören,
+als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit
+zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich
+nicht ankämpfen -- der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden.
+Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da -- hab' ich denn
+natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«
+
+»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm
+wurde -- »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«
+
+»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend,
+ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.
+
+Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold,
+der für den Baron arbeitete.
+
+»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er
+vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.
+
+»Guten Morgen, Meister Berthold -- ob ich _was_ weiß?«
+
+»Der Justus ist fort -- der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider
+-- den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«
+
+»Fort? Wohin? Durchgegangen?«
+
+»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus
+fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber
+Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit -- es sind
+nun schon ein paar Tage her -- nicht wieder nach Haus gekommen. Die
+Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe
+sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft
+herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt
+schuldig, der Lump!«
+
+»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört -- guten Morgen, Meister!« sagte
+der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür
+erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem
+Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch
+einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße
+herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen
+Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte
+lächelnd:
+
+»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen
+gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet
+sind.«
+
+»Ah, guten Morgen, Herr Baron -- auch schon auf?«
+
+»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn
+man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen
+Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen,
+ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise
+hingehen, wenn man fragen darf?«
+
+»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht
+auf die Schulter schlug -- »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich
+einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen
+brauche. -- Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der
+Civilisation.«
+
+»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron
+etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er
+ihnen hätte folgen können.
+
+»Vielleicht,« lachte Felix -- »und ich glaube bei Gott, ich passe besser
+zu _ihnen_, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir
+im gewöhnlichen Leben die _Gesellschaft_ nennen.«
+
+»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron
+schmunzelnd, »aber -- ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da
+draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen -- und
+wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die
+Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um
+einen Vogel aus der Luft zu schießen -- möchte ich noch eine Frage an
+Sie richten, lieber _Graf_.«
+
+»_Graf_?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu.
+
+»Bst, bst,« lächelte der Baron -- »ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm
+sind -- hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt -- aber ganz unter
+uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden
+Rechte hier auftreten wollen -- doch -- eine Frage müssen Sie mir
+beantworten, ehe Sie gehen« -- und er schob dabei seinen Arm in den des
+jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte
+sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.
+
+»Und die ist? Ich bin doch begierig.«
+
+»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus
+jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter
+Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen
+und der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten
+Antheil an ihrem Wohlergehen.«
+
+»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«
+
+»Ich komme gleich zur Sache -- Sie -- machten gestern Abend der Frau
+Gräfin eine Entdeckung.«
+
+»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.
+
+»Hm -- nicht unmittelbar -- zufällig -- die Frau Gräfin schien sehr
+bestürzt darüber -- auffallend bestürzt -- ich habe sie in der That so
+noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste
+Dame.«
+
+»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war,
+dem Baron _nicht_ auf halbem Wege entgegen zu kommen.
+
+»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte
+nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte --
+»ich -- ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf -- aber ich gebe
+Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen
+Hintergedanken -- daß ich schon seit einiger Zeit -- ich weiß eigentlich
+selber nicht recht, weshalb -- den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«
+
+»Daß?«
+
+»Daß die Frau Gräfin -- daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen
+-- verstehen Sie mich vielleicht?«
+
+»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des
+Barons amüsirte.
+
+»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden -- ich gebe es zu,« fuhr
+der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander
+rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte -- »und unter
+anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal
+gerechtfertigt erscheinen.«
+
+»Stehen Sie in einem _Verhältnisse_, Herr Baron?«
+
+»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und
+ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist
+kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der
+Aufrechterhaltung des _Standes_ im Allgemeinen nehme. _Jetzt_ haben Sie
+mich doch verstanden?«
+
+»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit
+einem boshaften Lächeln.
+
+»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu
+reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also
+ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen,
+denn wir Beide _sind_ es unserem Stande schuldig.«
+
+»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«
+
+Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest
+in's Auge und sagte:
+
+»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«
+
+»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin
+heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick
+herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie
+thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten
+bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen _wichtigen_
+Gegenstand Sie mich fragen wollten.«
+
+Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.
+
+»Und ist Ihnen _der_ Gegenstand _noch_ nicht wichtig genug?« brachte er
+endlich mühsam heraus.
+
+»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der
+junge Mann jetzt gerade heraus.
+
+»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.
+
+»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine _bestimmte_ Antwort
+darüber geben zu können, und ich muß Sie -- wieder auf Ihren kleinen
+Finger verweisen. -- Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern -- wir
+müssen fort -- also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten
+ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf
+dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf
+mit Günther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die
+Straße hinauf. --
+
+Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde
+erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten
+zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit
+fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über
+alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer --
+so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund
+bemitleidet zu werden.
+
+Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und
+ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther
+gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals
+so leichten Herzens -- so glücklich gewesen -- er wollte die Stunden
+noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter
+geblieben auf der Welt, als an _gehofftes_ Glück _zurück_zudenken.
+
+So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des
+Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere
+Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht
+ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als
+er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze
+Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.
+
+Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich
+zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick
+so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er
+Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe --
+und Alles wiederum verloren hatte -- Glück und Liebe.
+
+Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde -- da unten
+in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte,
+ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da
+drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das
+arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen
+sollte und jetzt -- wenn auch mit zitternder Hand -- den Wanderer wieder
+allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.
+
+Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd
+nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und
+Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben
+war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt
+schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in
+dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken
+gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte,
+so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie
+wiederkehren _müsse_, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit
+leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.
+
+Fort, fort mit den Gedanken! -- Das bittere Gefühl der Verlassenheit
+stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob
+er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz
+selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich
+plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in
+dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar
+versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht
+Alles vergessen und vergessen _müssen_ in der Zeit!
+
+Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu
+haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich
+entgegenrief:
+
+»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen
+lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal
+wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen.
+Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd
+trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der
+Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen,
+wie es scheint. -- Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch
+wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?«
+
+Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die
+Einladung war auch so treuherzig geboten -- er hätte dem guten Menschen
+schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen
+wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen
+Trübsinn zu vergessen.
+
+Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen!
+
+»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die
+Hand entgegenreichte -- »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch
+auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen und
+Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,«
+setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an -- »gar schlecht seht
+Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und
+munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank
+gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?«
+
+»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend -- »vielleicht der
+Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«
+
+»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem
+glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend -- sie hatte im Nu alles
+Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine
+Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu _ihm_ springen müsse,
+sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.« --
+»Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer
+um -- »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute
+Morgen noch so wild bei uns aus -- freilich, Besuch hatten wir so früh
+noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch
+dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von
+Allem abhält, was man thun möchte.«
+
+»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«
+
+»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus -- »da sei Gott
+vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte -- ich glaube, ich -- aber
+ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!«
+
+»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und
+ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher
+komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«
+
+»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn
+Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«
+
+»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen
+schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen -- wir
+haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher
+frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man
+sich erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«
+
+»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann
+allein bleiben -- ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da
+wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem
+erst der Schreihals gefüllt ist. -- So macht nur daß Ihr wiederkommt.
+Grüß' Gott, Fremder!«
+
+Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah,
+wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund
+jagte, und folgte ihm dann in das Feld.
+
+»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann -- »fehlt Euch wirklich
+Etwas?«
+
+»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln -- »das Einzige
+ausgenommen, was _Ihr_ habt und mir kein Arzt der Welt geben kann --
+eine glückliche Häuslichkeit.«
+
+»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich _auch_ keinen Arzt
+gebraucht; die macht man sich eben selber.«
+
+»Wie man's trifft,« seufzte Könnern -- »Ihr aber habt das große Loos
+gezogen mit der Frau.«
+
+»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s
+ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune -- ich
+kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. -- Und
+der Junge -- ist das nicht ein Prachtkerl -- habt Ihr schon einmal
+einen solchen Jungen gesehen? -- Aber der Alten darf ich's nicht merken
+lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's
+Blut -- und das kann sie -- das versteht sie aus dem Grunde.«
+
+Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück,
+bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend
+an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus
+in den dunkeln Wald zog -- freudlos und allein -- sah sie mit wunden
+Füßen und krank in einer Hütte liegen -- sah den Vater über sie gebeugt,
+der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte,
+und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand
+gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander
+sprengte.
+
+Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere
+Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm
+trefflich auf dem guten Land belohnte.
+
+»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von
+wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren --
+»da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt
+-- und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses
+Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte -- und wie leicht
+ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei
+Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker,
+und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er
+giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er
+noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen
+schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem
+ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert,
+daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr _fünf_mal geschnitten hätte.«
+
+»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der
+Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.
+
+»Nicht besonders -- leichter Boden thut's, und selbst Hitze und
+Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle
+herbekommt. -- Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn
+gestanden hat -- was für Stengel -- ja, das muß wahr sein, der Boden
+hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da oben
+viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das
+Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter
+einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«
+
+»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von
+Futterkräutern eignete.«
+
+»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt
+Nichts als seinen eigenen Wein -- gerade aus Widerspruch, weil's eben
+kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth
+Alles -- wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. -- Nur mit dem
+Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da
+ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher
+gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr
+vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen
+wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse
+und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen
+aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als
+wir hier.«
+
+»Und wie steht's mit dem Tabak?«
+
+»Gut -- von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz
+hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber
+-- ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an
+was es sonst vielleicht liegt -- der ganze Tabak taugt eigentlich nicht
+viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen
+Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser
+als die von Bahia.«
+
+»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern,
+der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten
+Umzäunungen gleiten ließ -- »man sieht doch gleich, wo eine deutsche
+Hand gearbeitet hat.«
+
+»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im
+Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie
+wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn
+wir selber selbstständig werden.«
+
+»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«
+
+»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die
+Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom
+Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau
+und zwei Kindern -- meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die
+Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen,
+und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser
+halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und
+nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine
+Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die
+daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt,
+wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige
+Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder,
+sahen ihre Heerden sich vermehren -- und ihre Kinder auch, und fanden
+plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten
+Chagra hätten. Mein Alter -- und viele andere Alte machten es eben so
+-- schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen
+neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere
+Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften
+fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so
+gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch
+einmal von vorn anzufangen, und wie _ich_ flügge wurde, ließ er mich
+hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.
+
+»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in
+der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt,
+werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und
+deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche
+ein halbes Pfund Fleisch gönnen konnten.«
+
+Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte
+besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener
+vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts
+mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie
+gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und
+zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste
+Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für
+seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte -- und dann,
+nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar
+machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch
+den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen -- Ställe nämlich nur für die
+Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief
+lustig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.
+
+Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume,
+an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz
+erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons
+Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem
+Hause, und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf
+hinaus.
+
+Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens
+erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf
+aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen
+Blumenkohl, den er hier gezogen -- er schwieg plötzlich und horchte nach
+dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.
+
+»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau
+hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht _so_ viel
+daraus. -- Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist
+meiner Frau größter Stolz, denn den hat« -- wieder hielt er inne, denn
+nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem
+ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich.
+
+»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich meinen Namen gehört
+hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin
+ihm Könnern folgte.
+
+»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit
+zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches
+_mußte_ dort geschehen sein.
+
+Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und
+blieb erstaunt mit einem lauten _Halloh_? auf der Schwelle stehen, denn
+in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte
+_seine_ Frau umfaßt, die sich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und
+suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, während er mit dem
+andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche sie nach seinem
+Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau
+augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und
+zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:
+
+»Gut, daß Du da bist -- schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«
+
+»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr
+verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus
+dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen
+zu haben.
+
+Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als
+erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war
+aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht
+wußte was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur
+Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:
+
+»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die
+verschiedenen Colonien?«
+
+»Also _das_ ist der neue Director?« rief Köhler jetzt, der vor innerem
+Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte -- »das
+ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und
+jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei,
+da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter ...«
+
+»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor
+der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend -- »ich
+sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«
+
+»Ich mache _auch_ nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm
+ausstreckend und seinen Kragen erfassend -- »nur zum Spaß will ich
+Sie einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das
+nächste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«
+
+»Herr Köhler -- ich werde jeden gewaltsamen Angriff« -- schrie der
+Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers -- aber er kam nicht
+weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde,
+als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten
+Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt
+hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel
+mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine
+ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.
+
+»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch
+noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher
+gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte --
+»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben
+bei mir zu sehen?«
+
+Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben
+spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's
+Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt
+haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selber so
+lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu
+reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg
+in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie
+wieder zu.
+
+»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern
+umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene
+gewesen war -- »hat er Dir weh gethan, Trine?«
+
+»Ich hab' _ihm_ weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend,
+»und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten
+im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«
+
+»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so
+forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd -- »eigentlich hätt' ich ihm
+vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen -- es ist mir nur zu spät
+eingefallen -- des guten Beispiels wegen, mein' ich.«
+
+»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die
+härteste Strafe für ihn war, daß gerade _ich_ daneben stand und Zeuge
+seiner Demüthigung sein konnte.«
+
+»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht
+Schläge ist auch nicht so übel, und verdient _hatte_ er sie.«
+
+»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau -- »'s ist aber so auch vielleicht
+besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun
+gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet
+und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich
+ungeschoren lassen.«
+
+»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.
+
+»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau --
+»_das_ ist ein Mordkerl -- der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun
+lassen. Wo war't _Ihr_ denn draußen?«
+
+»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl
+besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so
+'was?«
+
+»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder
+in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf
+die Erde -- »ich hol' Euch gleich Alles herein -- es ständ' schon
+auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre -- und wie er mich
+zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging,
+einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flüchtig in
+Ordnung brachte.
+
+»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den
+Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.
+
+»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen -- »er fragte nach Dir,
+und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich,
+_er_ hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter
+sich zu.
+
+
+
+
+4.
+
+Helene.
+
+
+Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben
+sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu
+versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie
+nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich
+mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen
+gestrigen Abschied dachte -- aber die alte Dame war ja oft so wunderlich
+und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber
+ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als
+sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging.
+
+Was nur in dem _Briefe_ gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran
+gewesen -- aber wenn er Helene heute darum fragte, _ihm_ sagte sie es
+gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so
+gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim
+halten.
+
+Eheleute -- wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber
+angewandt, vorkam -- er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig
+-- Eheleute -- wie ehrbar das klang und wie -- wie solid und dauernd
+-- und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte -- und wie
+wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie der
+Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt
+hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden
+Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen
+nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.
+
+Ob die -- Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier
+als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt
+gerade einfiel -- aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider
+-- Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den
+Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen
+Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch
+einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die
+Schwiegermutter.
+
+Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That
+nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr
+abzustreiten -- eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich
+gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte
+er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken
+nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen
+wollten.
+
+Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene
+Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter _allein_, sondern immer in
+Verbindung mit ihr auch an _Geld_ denken mußte. So fiel ihm denn auch
+jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand
+ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. -- Aber er
+hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem
+Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein
+kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno
+unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die
+einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön -- wie
+bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn
+er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!
+
+Da klopfte Jemand -- es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte
+wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und
+unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.
+
+»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem
+einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der
+andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur
+verwundert an und sagte:
+
+»Sichtbar?«
+
+»Ist sie schon angezogen und auf?«
+
+»Weiß ich nicht.«
+
+»Im Garten war sie noch nicht?«
+
+»Nee.«
+
+»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend,
+während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst
+noch in aller Ruhe trinken -- ist doch eigentlich der schönste Moment
+vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um
+sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese
+letzte Bemerkung nicht gehört.
+
+Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als
+Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute
+übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der
+Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der
+Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen
+Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche
+Schwierigkeiten zu bereiten drohte.
+
+Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge;
+er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die
+Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei
+schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um
+bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen
+Spaziergang mit ihm machen wolle.
+
+Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast
+jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch
+verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.
+
+Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie
+geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und
+die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« --
+weiter Nichts.
+
+Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr
+nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit
+erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet
+seien -- beide Damen waren also schon auf -- an beiden Fenstern waren
+aber auch die Rouleaux noch herunter -- also nach allen menschlichen
+Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.
+
+Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt -- er wußte
+eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von
+Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen.
+Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber,
+der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank,
+und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können,
+denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter
+Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte
+eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei
+dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen
+sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn
+gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur
+falschen Zeit gekommen sei.
+
+Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er
+hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn
+von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben,
+denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn
+ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor
+der Nase zu.
+
+»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so
+gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch
+lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die
+behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Straße
+aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er
+rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein
+Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die
+Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.
+
+Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war
+vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon
+vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide,
+öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.
+
+»Wer ist da?«
+
+»Ich bin's.«
+
+»Gleich!« sagte die Stimme inwendig -- »einen Augenblick nur,« und
+Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht
+wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse
+trat ein.
+
+»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster,
+um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu
+lassen.
+
+»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der
+Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz
+das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen
+gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu
+begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:
+
+»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen,
+mein Kind?«
+
+»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die
+Mutter anzusehen -- »doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, über das
+ich mit Ihnen sprechen möchte.«
+
+»Mit _Ihnen_?« rief die Gräfin erschreckt -- »Helene!«
+
+»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt -- »wir haben
+Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller
+Ruhe geschieht.«
+
+»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du?« rief
+die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.
+
+»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten
+Mal voll und ernst in's Auge -- »und das fragen Sie noch? Aber, bitte,
+setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen
+Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«
+
+»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit
+gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.
+
+»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus
+einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und
+über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester,
+ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:
+
+ »Liebe Constance!
+
+ Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten
+ Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen,
+ ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die
+ _Gräfin_ Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung
+ nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die
+ brasilianischen Verhältnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort
+ nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.
+
+ Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören,
+ und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie
+ sorgen.«
+
+»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und
+immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven
+Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau
+empor.
+
+Helene las ruhig weiter:
+
+ »Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«
+
+»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«
+
+»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das
+_nicht_ gethan habe?«
+
+»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang,
+aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr
+Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.
+
+»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen
+Stimme wie vorher -- »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches
+Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde
+unter fremde Menschen?«
+
+»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre
+Augen trocknend -- »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das
+Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den
+Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich
+darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!«
+
+Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein
+schwerer Seufzer hob ihre Brust.
+
+»Ich bin mündig,« sagte sie endlich -- »ich bin einundzwanzig Jahr.
+_Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern länger vorenthalten
+werden?«
+
+»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau --
+»gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten
+mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn
+sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du
+selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele
+lade.«
+
+Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die
+Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich
+sagte sie leise:
+
+»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«
+
+»Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. Laß
+Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen,
+und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides
+entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?«
+fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn -- Du würdest ihr
+doch nicht nahen dürfen.«
+
+»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem
+Herzen der Mutter fern halten?«
+
+»Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe
+wegen.«
+
+»Also _das dürfen_ Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus
+Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen.
+Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten
+werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen
+kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was
+ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung
+keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich
+denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«
+
+Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit
+zürnendem, drohendem Blick gegenüber.
+
+»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus
+ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie
+verfügte -- »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes
+Leben machen wird.«
+
+»_Noch_ unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter --
+»Sie scherzen, Frau _Gräfin_.«
+
+»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief
+die Frau, jetzt selber gereizt -- »wem zu Liebe stürzte ich mich in
+Ausgaben, die über meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst
+die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem
+Sohn hätte leben können?«
+
+»_Mir_ zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles
+_mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden!
+Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur
+noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir
+Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange
+ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter
+lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?«
+
+»Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach
+kurzem Zögern mit entschlossenem Blick -- »Du sollst es wissen, um zu
+fühlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort
+kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir
+zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und
+einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es
+_noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ für Dich sorgen kann und
+wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in
+Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren
+müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen
+und Dich wieder in die Arme _der_ Frau führen, die bis jetzt allein eine
+wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird
+es mir später danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.«
+
+»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im
+Ton -- »doch davon später -- nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen
+gefällig ist.«
+
+Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha
+auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück
+auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte
+in's Ohr.
+
+Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine
+Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände,
+deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den
+Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich,
+aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob
+sie das Zimmer verlassen wollte.
+
+»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und
+sie zurückhaltend -- »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren,
+daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in
+meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über
+das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon
+sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.«
+
+»Und glauben Sie, daß ich _darüber_ auch nur noch einen Augenblick in
+Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau
+heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.
+
+»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber
+und hinüber werfend -- »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich
+denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der
+arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,«
+erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu
+heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte,
+nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen,
+die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel
+wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wäre
+unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.«
+
+»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch
+nicht ...«
+
+»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«
+
+»Das darfst Du nicht ...«
+
+»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«
+
+»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«
+
+»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen
+Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen,
+und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher
+Weise mein Brod verdienen kann.«
+
+»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben
+wird den Augenblick zurücktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tödtlichste
+beleidigst.«
+
+»Und was kümmert das _mich_?«
+
+Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit
+Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die
+langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes
+Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen,
+glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die
+furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen
+werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie
+jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür
+zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne
+sich aber umzusehen:
+
+»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort
+beschließen werde, weiß ich noch nicht -- aber ich weiß, daß ich ein
+Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend
+finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« -- und ehe
+Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür
+verschwunden.
+
+Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen
+Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an
+seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier
+mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des
+Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen
+als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und
+einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.
+
+Von dem nämlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen
+Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben
+hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen
+Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem
+selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders
+schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:
+
+ »Herrn Arno von Pulteleben.
+
+ »Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der
+ einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt
+ zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich
+ weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen
+ nicht für einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie
+ glücklich zusammen geworden.
+
+ »Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und
+ unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu
+ ändern -- es wäre doch vergeblich.
+
+ »Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke,
+ die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst _mit_ diesem
+ Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken
+ lassen, zeichnet sich
+
+ _Helene_.«
+
+Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte
+ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer
+vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich
+bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr
+als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.
+
+»Opfer einer Täuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? --
+unumstößlicher Entschluß? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn
+verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? --
+Freundliche Gesinnung? -- Bewußtsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von
+dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein
+abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen,
+irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen
+können? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die
+schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die
+Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen
+hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich
+drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es
+wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu
+stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn
+bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es
+wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie
+gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.«
+
+Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen
+beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf
+Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief,
+daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch
+_die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich
+bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit
+gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter -- »wenn er nur erst
+einmal verheirathet war« -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte
+Form gab.
+
+Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber
+es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach
+seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf
+eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres
+hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher --
+daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine
+gebracht.
+
+Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache
+gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen
+der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er
+deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von
+innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt
+unmöglich sehen.
+
+Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum
+Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte
+mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine
+Mahlzeit allein verzehren.
+
+In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig
+lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder
+standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen.
+Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein,
+das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das,
+und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal
+getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen -- die
+ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor -- fiel ihm eben
+dieses rege Leben auf.
+
+»Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute?« fragte er einen
+vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien.
+
+»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.
+
+»Gefunden -- wen?«
+
+»Nu, den Justus!« sagte der Mann.
+
+»Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?«
+
+»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er
+durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen
+Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so
+schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren
+läßt -- bei die Hitze auch!«
+
+Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den
+schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang
+in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.
+
+Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem
+Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um
+sich das Nähere selbst anzusehen.
+
+Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien,
+ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann
+beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu
+laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste
+lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen
+konnte, wenn es schrie.
+
+Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils
+verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa
+Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen.
+Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen
+brach er mit seiner Familie auf.
+
+Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf
+dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil
+herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als
+er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch
+verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um
+den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen
+Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.
+
+»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von
+Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus -- »das
+nehme mir denn doch kein Mensch übel!«
+
+»Geht's _Euch_ was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen
+mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und
+festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen
+konnte -- »einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit
+meinem Jungen machen was ich will!«
+
+»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging
+vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen
+auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls
+den Kürzeren ziehen müssen.
+
+Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus
+gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und
+erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen
+aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu
+weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.
+
+Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er
+bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein
+Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr
+ändern -- der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte
+unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in
+die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr
+unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit
+heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich
+ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall
+bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt,
+in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte
+Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern
+durfte.
+
+Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick
+darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff
+jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von
+den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes.
+Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen
+worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa
+vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt
+gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen
+haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da
+niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen
+haben.
+
+Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei,
+zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade
+dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle
+stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren
+zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche
+Beschädigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon
+gefundenen blutigen Stein.
+
+Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen
+ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche
+ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender
+Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide
+Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn
+die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite
+gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.
+
+Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und
+betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu
+verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine
+Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in
+die Stadt zurück.
+
+Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem
+Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der
+früheren Meierei -- den Namen hatte die Chagra noch immer behalten --
+vorüber führte.
+
+Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und
+betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der
+gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin
+anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich
+die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings
+Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und
+ihr erstes Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das
+aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch
+schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht:
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur
+eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief
+geschrieben, daß ich ...«
+
+»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig -- »das Mädchen ist voller
+Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich
+werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«
+
+»Sie glauben wirklich?«
+
+»Lassen Sie mich nur machen« -- und die Thür schloß sich wieder hinter
+der Schwiegermutter.
+
+
+
+
+5.
+
+Gerichtspflege in der Colonie.
+
+
+In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und
+ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf
+gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder
+des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen
+eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche
+Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die
+Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und
+Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art
+gekränkt und beleidigt hätten.
+
+Köhler selber, als er durch die Colonie geführt wurde, sah wohl
+todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch
+ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er
+sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm
+die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs
+nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war
+er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu
+unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch
+gleich abgeurtheilt sei.
+
+»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er
+seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. -- Wenn er selber einen dafür
+von ihr bekomme, wolle _er_ ihm das erlauben.«
+
+Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß
+sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse
+und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt
+geschehen. -- Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß
+kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem
+Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt
+übergeben sei.[2] Er hatte hier also keine Behörde über sich als den
+Director selber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten
+Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte.
+
+Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß -- ein
+kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor
+dem niedern Fenster -- abgeführt und dort trotz seiner Berufung, daß er
+verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und
+allein gelassen.
+
+Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum
+von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als
+er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war
+strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis
+die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von _ihm_ bei
+dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war
+indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu
+nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara
+wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange oben auf der Chagra bei
+ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn
+sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft
+herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte
+doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen.
+
+Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu
+ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der
+Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl
+fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als
+er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht
+beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.
+
+Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und
+der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann«
+an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann
+mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst
+am nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar
+nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen
+hätte.
+
+Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause
+fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau
+erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war
+eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern
+Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, #J.
+K.#, eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem
+Pfeile durchstochenes Herz -- wovon aber die Frau nicht wußte, auf was
+es sich beziehen sollte.
+
+Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte
+allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld
+wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür
+versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht
+vielleicht noch mehr.
+
+Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen
+wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig
+gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen
+hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein
+wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen -- er erinnere sich
+aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die
+Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der
+Köhler den Schneider nie hätte leiden können -- wenigstens so lange _er_
+jetzt in der Colonie sei -- und ihm stets alles nur erdenkliche
+Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht
+bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als
+ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen
+die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte.
+Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen
+Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders
+sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort
+den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu
+feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht
+dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen.
+Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen
+nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte
+über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die
+andere verhöhnt.
+
+So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die
+Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und
+ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß
+sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden
+bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um
+darauf zu achten.
+
+Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen
+hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der
+Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden,
+ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen,
+darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die
+weitere Untersuchung aufgehellt werden.
+
+Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten
+vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und
+Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein
+Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem
+standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen
+etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte
+aber an einen solchen, denn Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um
+sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens
+bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind
+jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug.
+
+Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen
+aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen
+Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen
+Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt
+zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und
+mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch
+an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler
+irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung
+ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht
+an.
+
+Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht
+vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis
+die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine
+Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne
+ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft
+entlassen werden.
+
+Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe
+zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere
+zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas
+Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten
+sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen
+»Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die
+Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.
+
+»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister
+Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken
+sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist,
+und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da
+gewesen?«
+
+»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den
+Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director
+fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt
+Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar
+Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt,
+für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt?
+Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf
+solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den
+Hals zu jagen.«
+
+»Lieber Meister, zu _Buttlich's_ Nutzen geschieht das auch nicht,«
+lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich weiß aus ganz sicherer
+Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des
+Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden
+halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die
+Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert
+Milreis monatlich.«
+
+»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.
+
+»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts,
+was ich nicht beweisen kann.«
+
+»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.
+
+»Wo?« sagte Rohrland ruhig -- »bei der Regierung in Rio ist Keiner von
+uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? Das wäre
+schade um das Papier, das man damit verschriebe!«
+
+»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler
+Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen
+kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch,
+daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und
+tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der -- Herr da treibt
+mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein
+krummes Horn stoße.«
+
+»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker -- »_ich_
+geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung
+thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.«
+
+»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu
+Schaden kommen!«
+
+»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«
+
+»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort --
+»der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit
+den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört
+und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen, wohin gehörten
+die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich
+zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie
+zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da
+wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden
+könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger
+denn zu Hülfe kommen könnte.«
+
+»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold -- »da unten
+am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben
+stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten
+lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da
+klage nachher einmal Jemand -- was wär's dann? _Die_ Halunken verrathen
+einander schon lange nicht.«
+
+»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die
+Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen
+Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah
+vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach
+auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück
+Schwarzbrod.
+
+Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.
+
+»Wohl bekomm's!« sagte er -- »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl
+krank gewesen.«
+
+»Danke schön,« antwortete der Mann -- »nein, krank gerade nicht, aber
+das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem
+Norden.«
+
+»Aus dem Norden? Von Rio?«
+
+»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«
+
+»Alle Teufel -- und habt Ihr lange da oben gesteckt?«
+
+»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust.
+
+»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom
+andern Tische herüber -- »kommt, setzt Euch mit zu _uns_ herüber; was
+hockt Ihr da allein an einem Tisch?«
+
+»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und
+Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die
+jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und
+zwei Kinder -- drei sind mir gestorben -- und mein Schwager mit _seiner_
+Familie.«
+
+»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«
+
+»_Recht_ schlecht,« erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend
+-- »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch
+nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich
+auch jetzt ein Bißchen abgemagert aussehe.«
+
+Abgemagert aussehe -- Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett
+als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein
+Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit
+Geist und Körper bei ihm gebrochen.
+
+»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.
+
+»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber
+arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles
+Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser
+Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer
+mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und
+weiter wie das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider
+bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der
+Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben
+haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was
+wir uns selber hätten bebauen können -- dann wär's gut gewesen.«
+
+»Aber das _mußten_ sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht
+war!« rief der Tischler.
+
+»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber
+nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's
+uns auch der Agent erklärte -- daß das _eigenes_ Land sein sollte. Aber
+hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen --
+Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und das mußten wir uns urbar
+machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf
+bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann
+bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre
+um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und
+wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn
+wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und dergleichen
+ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an
+die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an
+ein kaltes Klima gewöhnt war, bei _der_ Hitze da oben wahrhaftig keine
+Kleinigkeit!«
+
+»Das war ja aber schändlich -- und litt denn das die Regierung?«
+
+»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer
+deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte
+bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein
+Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten
+ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu
+schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts
+Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und
+meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das
+abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären
+wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.«
+
+»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.
+
+»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig -- »wie sich's nachher
+herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden.
+Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin
+und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam
+nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten,
+denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben,
+was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre
+sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm
+abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen,
+denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in
+Rio -- und der Brasilianer wollte uns auch _noch_ nicht fort lassen,
+aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten
+konnte, da ließ er uns eben ziehen.«
+
+»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen
+können?« fragte Spenker kopfschüttelnd -- »zehn Jahre waret Ihr dort
+oben, nicht wahr?«
+
+»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann -- »aber verdienen?
+Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht
+Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so
+rasch.«
+
+»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden
+Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der
+Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der
+Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts
+herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade
+voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu
+denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth,
+Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der
+Zeit doch auch wahrlich Nichts.«
+
+»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann -- »aber die Gegend soll ja
+auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch
+freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die
+Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director
+Unterstützung bekommen würden. -- Aber 's ist wieder Nichts, und was wir
+jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott -- ich nicht!«
+
+»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.
+
+»Ja -- unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar
+Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten -- lieber Gott,
+schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns
+rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch
+keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch
+Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner
+Colonie kämen, desto besser.«
+
+»Aus _seiner_ Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung -- »na, Gott
+straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus _seiner_ Colonie!
+Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und
+übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die
+Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben
+können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei
+gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er
+sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich
+nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den
+verschiedenen Tischen vertheilt hatte -- »hier sind zwei arme deutsche
+Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes
+herunter gekommen -- krank dabei und elend, denen der Director Subsidien
+verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie
+kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel
+zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu
+machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht
+unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis -- wer hat noch
+ein Bißchen klein Geld bei sich?«
+
+»Hier ist auch einer -- hier auch einer!« rief es von allen Seiten --
+»hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiederte
+Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze des
+Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.
+
+»Da, nun gebt einmal _Eure_ Mütze her,« lachte Berthold den armen Teufel
+an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand,
+indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte -- »so, nun lauft heim
+und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager -- denn für den ist's auch
+mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch
+herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's
+nur auf der rechten Seite anfaßt.«
+
+»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.
+
+»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit
+ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus -- »wenn Ihr
+wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure
+Capitalien ab.«
+
+»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der
+Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht.
+
+Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich
+gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute
+auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen
+gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald
+ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger
+als bis morgen früh zu sitzen haben würde -- fing an zu singen. An dem
+einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«,
+»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder
+wurden vorgenommen.
+
+Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte
+jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte
+Nichts mit ihm zu thun haben.
+
+Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging,
+einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in
+portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine
+Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb
+stehen, sah den Burschen an und fragte:
+
+»Na? Was ist nu wieder los?«
+
+»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer
+trat.
+
+»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«
+
+»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat
+befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr
+gesungen wird.«
+
+»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.
+
+»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander,
+welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was
+will er, Bodenlos? Ist er durstig?«
+
+»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört
+den Herrn Director.«
+
+»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold
+-- »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«
+
+»Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat
+über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig
+auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen
+dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen
+draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem
+Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.
+
+»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber
+ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür
+nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die
+Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen
+faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben
+nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es
+wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn
+nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre.
+
+»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes
+willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich
+gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie
+wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie
+_mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen
+wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«
+
+Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste
+folgten seinen Bitten und verließen -- aber alle mit bitteren Flüchen
+auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten
+verstehen sollten -- das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei
+Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor
+des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine
+Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz
+richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der
+Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch
+den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.
+
+Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel,
+gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen
+leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.
+
+»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig -- »Sie haben mir
+im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch
+Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich
+habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth
+Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn
+Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«
+
+Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen,
+und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um
+hinauszugehen.
+
+»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein
+Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den
+Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem
+großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn
+ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen,
+um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn
+niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei
+aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im
+nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.
+
+Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute
+eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch
+todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:
+
+»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den
+Arm zerbrochen« -- und sank dann ohnmächtig zusammen.
+
+
+
+
+6.
+
+Vorbereitungen.
+
+
+So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche
+Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht
+viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die
+älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das
+Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen
+Teufeln« jagten.
+
+Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die
+Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte
+zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes
+Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die
+Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus«
+postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer
+lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude
+angewiesen worden.
+
+Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke
+wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director
+erwiederte dieser:
+
+Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern
+sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was
+übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend,
+der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem
+Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der
+Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und
+die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]
+
+Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen
+den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die
+sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für
+Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können -- und
+vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts
+in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß
+gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig
+Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle,
+die Schankgerechtigkeit entzogen werde.
+
+Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des
+Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung
+zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhör geführt und -- als er
+nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurückgebracht.
+
+Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie
+geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte,
+saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber
+aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken
+können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich
+gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken.
+Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er
+jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen
+nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das
+Directionsgebäude empört verließ.
+
+Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten
+zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath
+einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen,
+Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise
+treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem
+aufgeschlagenen Lager fand.
+
+Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara,
+und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor
+sich hin.
+
+»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich,
+»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen;
+aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth,
+Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben,
+denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten
+kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freund auch schlimm genug
+ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er
+sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also
+Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was
+gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal
+der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die
+alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel --
+so 'was Gutes kommt an mich nicht!«
+
+»Und können Sie mit hinunter?«
+
+»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern -- »das heißt heute nicht
+mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine
+Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern
+Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch
+wacker dabei unterstützt.«
+
+»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«
+
+»Vortrefflich!« lachte der junge Mann -- »und außerdem hatte ich nie im
+Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich
+sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der
+Regierung angestellten Beamten besitze.«
+
+»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte
+Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls
+brasilianischer Beamter wirst.«
+
+»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend;
+»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen,
+und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar
+nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«
+
+»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther -- »und nun wieder an die
+Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide
+noch genug zu thun.«
+
+Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber
+doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu
+können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.
+
+»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter
+gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen
+Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt -- Felix war gerade ein Stück
+zurückgeblieben.
+
+»Nichts -- gar Nichts,« sagte Könnern leise -- »ich habe sie sogar
+gesucht -- ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft
+umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese
+urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von
+den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß
+ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein
+könne. Meine arme, arme Elise!«
+
+»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd
+-- »wie wäre das _hier_ in der Colonie _möglich_?«
+
+»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach
+rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute
+Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden
+vermöchte, können sie verdorben sein.«
+
+»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar
+keinen Verdacht?«
+
+»Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß
+das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien
+ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde
+gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt.
+Es bleibt räthselhaft.«
+
+»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«
+
+»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er
+im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat,
+und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«
+
+»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können.
+Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist,
+hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen;
+jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der
+letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten
+Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«
+
+»Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?«
+
+»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und
+spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn
+schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.
+
+»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«
+
+»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen
+satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie
+einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern -- sechs
+Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb
+und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer
+wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der
+mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen;
+jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen
+vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafür sorgen
+werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten
+Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer
+reichen, deutschen Sprache -- _heim_!«
+
+Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht,
+welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen
+keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all'
+_sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die düsteren Schatten des
+brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme
+Elise!
+
+Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in
+den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung
+gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von
+Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin;
+die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten
+und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut
+warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen
+heraustrat.
+
+Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar
+nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm
+anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der
+ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron
+ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu
+finden.
+
+Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört,
+_nicht_, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen,
+die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken
+sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen
+Fürsprecher finden würde.
+
+Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei
+dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube
+mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen
+sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten
+Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit
+einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.
+
+»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen
+gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno
+gehangen -- »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«
+
+»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß
+Könnern allein im Zimmer sei -- »Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_
+laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und
+suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.«
+
+»Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde draußen.«
+
+»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen
+Gefallen thun?«
+
+»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«
+
+»Wie lange?«
+
+»Ist es so wichtig?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun denn, heraus damit!«
+
+»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«
+
+»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«
+
+»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu
+umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen
+möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«
+
+»Und wie lange wird es mich aufhalten?«
+
+»Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.«
+
+»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein;
+doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe
+ich eine Stunde Zeit für Dich -- vorausgesetzt aber, daß es wirklich
+wichtig ist.«
+
+Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl,
+seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern
+seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien
+weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun
+sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und
+folgte ihm die Treppe hinunter.
+
+»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu
+seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und
+angebunden hatte -- »ist es so weit?«
+
+»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem
+machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann
+die ganze Geschichte.«
+
+Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem
+Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der
+Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und
+Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel
+und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein
+großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und
+ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann
+kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld
+dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der
+Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig,
+vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald
+gesprungen sei. -- Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und
+Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der
+Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.
+
+»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz
+interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht
+übel -- was geht _mich_ das eigentlich an?«
+
+»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht
+im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als
+des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? -- ich weiß aber jetzt wer der
+wirkliche Mörder ist.«
+
+»Du -- Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.
+
+»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- »Bux.«
+
+»Bux? -- Wer ist Bux?«
+
+»Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?«
+
+»Und wo ist er jetzt?«
+
+»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.
+
+»Und woher glaubst Du das?«
+
+Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes
+Klappmesser und zeigte es Könnern.
+
+»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im
+Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang,
+als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen
+vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt'
+es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem
+Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich
+Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen
+ist.«
+
+»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«
+
+»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich
+richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der
+Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß _wie_,
+nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas
+ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und
+haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den
+Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können.
+Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er
+die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten
+Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes
+wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche
+fuhr.«
+
+»Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.«
+
+»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias -- »der Liedrian, der immer einen
+Tressenstreifen um die Mütze trug.«
+
+»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend -- »den hab' ich neulich auf
+meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen,
+ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt,
+und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«
+
+»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.
+
+»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an
+Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern
+vorwurfsvoll -- »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«
+
+»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen
+von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht
+unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger
+unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf
+die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen?
+-- Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und
+meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher
+gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und
+selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Köhler heute krank geworden
+wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr
+lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ möcht' ich nicht auf dem
+Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen
+sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das
+ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus
+todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht
+von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und
+daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«
+
+»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief
+Könnern rasch.
+
+»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und
+augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie
+sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige
+machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt,
+so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn
+Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _muß_ er den Gefangenen
+herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und
+räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt
+Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«
+
+Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen
+fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann
+mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau
+bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux'
+Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze
+Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem
+jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden
+Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.
+
+Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen
+Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe
+man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien
+allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu
+folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen
+würde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede
+mehr.
+
+Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte
+das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte,
+und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer
+Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je
+geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten
+sie rechnen.
+
+An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf
+Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt
+und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die
+gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um
+Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung
+nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es
+keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten
+sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen
+zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit
+der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen
+und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und
+Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu
+erreichende Rio de Janeiro.«
+
+Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio,
+angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen
+fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien
+an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit,
+daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon
+vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der
+andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.
+
+Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem
+nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten
+hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas
+geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet
+und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da
+er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am
+nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die
+ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen
+ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder
+Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später
+sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der
+Meierei vorüber in den Wald führte.
+
+
+
+
+7.
+
+Bux auf der Flucht.
+
+
+»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben
+führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war
+heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum
+ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen
+Unglücks lag es auf seiner Seele. -- »Heute hier, morgen da, heute
+philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des
+täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide
+heute -- als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie
+man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.«
+
+»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben
+einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane,
+mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über
+den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien
+auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so
+gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die
+nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir
+oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und
+interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«
+
+Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem
+Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.
+
+»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer _Gräfin_
+gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz
+nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?«
+
+»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern,
+»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich
+muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit
+versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten
+Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört,
+so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«
+
+»In der gräflichen?« lachte Felix.
+
+»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind
+mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte überhaupt damals
+den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung
+zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...«
+
+»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.
+
+»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr
+Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn
+die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt
+gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«
+
+»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? --
+Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?«
+
+»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber
+aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer
+gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an
+Director von Reitschen verkauft.«
+
+»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich
+hin. »Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam
+abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie,
+Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit
+den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer
+intriguanten Mutter und -- einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur,
+daß der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß
+gehört, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten
+Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und
+da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der
+Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag -- »dort hat sich ebenfalls
+eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene
+Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater
+und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten
+die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und
+jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das,
+höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal
+ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.«
+
+Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach
+riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos
+er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite,
+und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen
+und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und
+schweigend neben einander hin.
+
+»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern
+wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn
+man selbst überflüssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht
+einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die
+wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das
+glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den
+Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie
+Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem
+jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß
+mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glück und Seligkeit
+umschlingen würden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir
+zurückkommen? -- Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein
+einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen -- es ist zum
+Todtschießen!«
+
+»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern.
+
+»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich
+steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst
+wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen
+Bux -- so heißt der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?«
+
+»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern,
+»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«
+
+»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf
+der Jagd?«
+
+»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende
+Antwort -- »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«
+
+»Von dem sind Sie unzertrennlich?«
+
+»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir
+es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener
+verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein
+Jäger?«
+
+»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu
+Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden,
+mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos
+daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die
+Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für
+unanständig -- wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den
+verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich
+habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger
+hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List
+gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit
+Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen
+vermag.«
+
+»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch
+nicht für so ungleichen Kampf halten?«
+
+»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären.
+Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von
+Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen
+Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu
+finden, wo _er_ seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem
+unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls.
+Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen,
+die wirklich Freude daran finden.«
+
+Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem
+Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu
+berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und
+traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast
+direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang
+und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn
+an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und
+da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern
+schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange
+genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege
+genau und sorgfältig untersucht hatte.
+
+Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht
+hatten. Halbdurchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort,
+und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren
+mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den
+Nachtthau herzustellen.
+
+Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah,
+denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten
+Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde
+zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen
+Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und
+versucht eine Hütte für ihn zu spannen. -- Und an der nächsten Chagra
+eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an
+steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten
+menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit
+noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch
+Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge --
+umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden,
+und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen
+seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der
+furchtbaren Wildniß verderben mußten.
+
+Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte,
+alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen
+gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid
+mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst
+hoffen, daß er ihn verstehen würde?
+
+»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich
+sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte,
+-- »ob das _unsere_ Familie gewesen ist?«
+
+»Nein -- Andere,« sagte Könnern leise -- »Bux hat mit seiner Familie an
+dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen.
+-- Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!«
+
+Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich
+wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche
+niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche
+der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und
+Militärmacht in die Colonie zu legen.
+
+Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden
+beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch
+genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und
+waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer
+Einsamkeit zu sehen.
+
+Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben
+könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht
+einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung
+hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche
+Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht
+werden. -- Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und
+anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das
+Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde
+zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem
+Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht.
+
+Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den
+besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer
+Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch
+die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu
+bahnlosen Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist
+alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der
+Welt noch in Verbindung standen.
+
+Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen
+Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu
+schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so
+viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen
+auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch,
+daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden
+könnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth,
+und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen
+und günstigen Absatz.
+
+Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz,
+an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last
+nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte
+dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein
+überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er
+nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von
+der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das
+Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er
+hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er
+den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und
+weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort
+geäußert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich
+sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte.
+
+Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter
+dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich
+die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht
+und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste
+Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut
+frühstücken.
+
+Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu
+ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der
+That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner
+überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier,
+denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder
+erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal
+aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen
+kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls
+krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts
+schleppte.
+
+Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert
+hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt
+nicht mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie
+die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen
+Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich
+verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von
+keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt
+worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede
+Fährte hätte abdrücken _müssen_, und die Wanderer, des Gebüsches wegen,
+auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur
+der Verfolgten irgendwo hinein.
+
+»Nun, durch die Luft sind sie _nicht_,« tröstete sich aber Könnern, »und
+jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt,
+um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen
+wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf
+Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder
+in Sicht bekommen.«
+
+Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt
+zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte
+Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz
+schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte
+und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der
+nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar.
+
+»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat
+sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den
+Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer
+Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«
+
+»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange
+vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit
+einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am
+Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette
+eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«
+
+»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie,
+Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich
+überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen,
+den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine
+Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen
+zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen
+und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu
+kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder --
+verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es
+natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«
+
+»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber
+ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen
+widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit
+zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist.
+Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an
+Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr
+nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_
+müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden
+wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu
+sorgen. Meinen Sie nicht?«
+
+»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus -- »der armen Frau
+soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu
+tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden.
+So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich
+wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director
+überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe
+hier gar Nichts mehr.«
+
+»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte
+Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.
+
+»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn
+Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- »das da
+unten muß doch eine Chagra sein.«
+
+»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den
+Augen folgend -- »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in
+das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab,
+als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«
+
+»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn
+wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen,
+dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«
+
+Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen
+Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg
+ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr
+beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen
+Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als
+Könnern plötzlich leise rief:
+
+»Halt! Ich höre Stimmen!«
+
+Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt,
+unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe
+Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte
+die Stimme einer Frau.
+
+»Das ist er!« flüsterte Rottack -- »gleich dort hinter der Palmengruppe
+muß er stecken.«
+
+Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren
+Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg
+erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert
+Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane
+vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu
+kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte.
+Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.
+
+Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie
+Könnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke
+gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der
+Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er
+auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann
+das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und
+bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte
+aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber
+erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher,
+sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt
+hatte? -- er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte -- sagte
+ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur
+gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar
+Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit
+abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen,
+ob Jemand hinter ihm her käme.«
+
+So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch
+nicht ruhen lassen.
+
+Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die
+Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.
+
+»Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche -- »laß
+mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon
+wieder gehen.«
+
+»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem
+abscheulichen Fluch -- »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich
+krähen hören -- es _kann_ nicht mehr weit sein.«
+
+»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde,
+das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- »mach'
+mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier
+umkommen, aber ich kann nicht weiter.«
+
+»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich,
+Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« -- er fuhr
+erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im
+Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.
+
+Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:
+
+»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr
+geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib
+muß auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine
+Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine
+Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal
+einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's
+nöthig hättet.«
+
+»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau -- »und der mag's vergelten
+-- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde
+allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.«
+
+»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann
+finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor
+sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den
+Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor
+sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue,
+ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte
+Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten
+Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.
+
+»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde
+-- »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen
+Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen
+hättet? Das glaub' ich! _Ihr_ könnt's aushalten auf Euren Pferden
+oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben
+schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«
+
+Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder
+gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:
+
+»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«
+
+»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell
+-- »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich
+niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen
+scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den
+Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte
+jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.
+
+»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern
+in französischer Sprache zu -- »die Frau und die Kinder werden ein
+Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber
+warten, bis wir ihn allein haben?«
+
+Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux
+selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später
+herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch
+gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die
+beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen
+in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie
+waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt
+Rettung -- Flucht!
+
+»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von
+dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes
+Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen
+Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz
+in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie
+laufend.
+
+Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß
+auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock
+zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln
+und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder
+aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm
+hatte.
+
+Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende
+Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier
+dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter
+mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos
+um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte
+Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück
+und wollte nicht vorwärts.
+
+»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die
+Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und
+auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd
+zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie
+Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der
+Jagd.
+
+Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen
+Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern
+hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen
+getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und
+unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede
+Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos
+mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er
+dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb
+den Weg abzuschneiden.
+
+Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter
+-- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo
+sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber
+-- vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter
+Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt
+hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und
+erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte -- denn daß ihm hier ein Pferd
+nicht folgen konnte, wußte er --, sah er, daß er verloren war. Aber er
+ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links
+schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand
+und lag -- vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die
+Rächer! -- Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit
+seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er
+sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mütze hatte
+er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig
+gekratzte Stirn -- vorwärts -- vorwärts -- bis seine Kräfte ermatteten
+und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.
+
+Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der
+Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem
+Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und
+zeigte es dem Freunde.
+
+»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.
+
+»Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?«
+
+»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich
+sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach,
+da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da
+liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen,
+der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde
+hier gehabt hätte!«
+
+Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht -- nur sein schweres,
+hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf
+die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.
+
+»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch
+durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen,
+und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als
+ihn auf ein Pferd zu binden.«
+
+»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn
+Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drüben ist ein Weg,
+Könnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an
+der Chagra.«
+
+»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort
+Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal
+binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«
+
+»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann -- »eben nur geritzt,
+nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist
+wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen
+bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt
+wieder wandern.«
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern -- »trauen Sie ihm
+nicht!«
+
+»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend
+und heftig schüttelnd. -- »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine
+Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück,
+und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«
+
+Bux regte sich nicht.
+
+»Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht
+beklagen!« -- und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil
+aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um
+die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm
+ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der
+Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor
+-- doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in
+demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux
+wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei
+Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch
+um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.
+
+»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen
+Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten
+Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus
+springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas
+nützen können.«
+
+»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter
+und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«
+
+»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken,
+daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser,
+wir wissen erst wer hier unten wohnt.«
+
+»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht
+entwischt, dafür will ich schon sorgen.«
+
+Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch
+einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt
+rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich
+entgegenkommen sah.
+
+»Habt _Ihr_ um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in
+portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?«
+
+»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern -- »wir haben einen
+Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war
+und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte.
+Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«
+
+»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern
+erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte -- »ich habe
+einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht
+verlassen.«
+
+»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört
+haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer
+Familie gehabt?«
+
+»_Wir_, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der Brasilianer; »aber ein
+Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich
+und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein
+Haus betrat.«
+
+»Ein Fremder? -- mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm
+dabei das Blut in den Adern stockte.
+
+»Ja, Senhor.«
+
+»Ein Mann mit weißen Haaren?«
+
+»Kennt Ihr ihn?«
+
+»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus -- »hier also
+-- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! --
+Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen
+wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße
+hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm
+einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«
+
+»Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?«
+
+»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«
+
+»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt -- und nun macht nur,
+daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere
+will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«
+
+
+
+
+8.
+
+Gefunden.
+
+
+Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier
+ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal
+gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in
+diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen
+konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich
+herausgerückt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land,
+ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein
+reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang
+allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.
+
+Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven,
+die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der
+Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskräfte in Anspruch.
+So beschränkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte
+er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun
+ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde
+Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen
+bekam. Für die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal
+fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß
+saß -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche
+wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt.
+
+Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem
+Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung
+zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte
+wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die
+Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst
+gesunden Körper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der
+Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten
+Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin
+noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.
+
+Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der
+körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn,
+der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte.
+
+Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und
+seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war,
+so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb,
+waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den
+gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für
+flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn
+Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld
+sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des
+unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der
+Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei dulden mußte, schwand
+zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich
+gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem
+gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den
+Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.
+
+Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß
+sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu
+vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne
+einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst
+gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers
+Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen
+hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth.
+
+Jetzt war Alles vorbei -- Alles überstanden. Wie sich der Körper des
+unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch
+wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so
+schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber
+heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das
+Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte,
+ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der
+fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise:
+
+»Meine arme, arme Elise!«
+
+»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden
+Thränen -- »kennst Du mich denn?«
+
+»Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in
+Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen
+Manne?«
+
+»Mein guter Vater!«
+
+»Gottes Segen über Dich -- Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld
+nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!«
+
+»Vater -- _Vater_!«
+
+»Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und
+es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen
+Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch
+darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem
+weiten, fremden Lande zurücklasse.«
+
+»Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir
+bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen
+Kräften.«
+
+»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken
+folgte -- »und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, daß
+ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen,
+sündhaften Plänen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht muß ich jetzt
+mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!«
+
+Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und
+der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die
+dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.
+
+»Weine nicht, Elise,« sagte er leise -- »weine nicht -- wir sehen uns
+wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er
+seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so
+wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht
+so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe
+gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind -- sei stark,
+Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«
+
+»Du wirst _nicht_ sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte
+ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- »Du wirst leben, mir -- mir
+zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes,
+spätes Alter hinein!«
+
+»Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann,
+»und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern
+könnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,«
+fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen
+unterbrochen wurde -- »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt,
+der schöne Wald. -- Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn
+wiedersiehst -- die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und --
+wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen,
+daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen
+Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen
+Sünder!«
+
+»Vater!«
+
+»Fasse Dich, mein Lieschen -- es _muß_ sein -- und nun noch Eins -- rufe
+mir unseren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles
+Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der
+Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch
+nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie
+doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir
+hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!«
+
+Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht
+zurückdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz hätte ihr brechen
+mögen in Jammer und Weh.
+
+»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise -- »nur einen
+Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«
+
+Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte
+er traurig.
+
+»Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls
+draußen -- ich höre schon seinen Schritt.«
+
+Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür,
+als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.
+
+Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft
+schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie
+eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie
+abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne
+hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«
+
+»Elise -- Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme
+schließend -- »o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll
+uns wieder trennen!«
+
+»Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur
+gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?«
+hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.
+
+»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt
+den Kopf der Thür zu.
+
+»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm
+umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte -- »ein Freund, der
+nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht
+von sich stößt!«
+
+»Lieschen!«
+
+»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine
+Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.
+
+Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen,
+und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe.
+Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm
+niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.
+
+»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise -- »Lies--chen, leb' -- wohl
+-- sei glücklich -- Gott segne Dich« -- und wie er noch einmal seine
+Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war
+todt. -- --
+
+Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache,
+der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte.
+Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu
+streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest,
+und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm
+versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden
+schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden
+hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren,
+und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht.
+
+Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf
+geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand
+im nächsten Augenblick vor der Gruppe.
+
+»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,
+»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! -- Wie
+geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«
+
+»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten
+erwiedert -- »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben
+im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu
+werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«
+
+»Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der
+Mann liegt im Sterben.«
+
+»Im Sterben?«
+
+»Ja -- aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind
+Eure Pferde?«
+
+»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes
+sitzt dort ebenfalls.«
+
+»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet;
+»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich
+gemacht! Und was wird nun aus denen?«
+
+»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die
+für sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf
+und die Pferde lieber holen?«
+
+»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet
+Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein
+paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher
+besorgen. Aber Ihr blutet ja!«
+
+»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn
+fassen wollten.«
+
+»Natürlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf
+die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein
+Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer -- oder
+sollen wir Dir Beine machen?«
+
+»Er versteht kein Portugiesisch.«
+
+»Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach
+Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage
+bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick.
+-- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht,
+sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich
+machen.«
+
+Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen
+jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon
+herunter.
+
+Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache
+mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen
+der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten
+gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe,
+der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor.
+
+»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir
+weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch
+verschlimmern.«
+
+»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet
+mich nicht den Fremden übergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen --
+ich bin ein armer Teufel -- der Böse plagte mich -- der Justus war
+auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verführt -- er reizte mich.
+-- Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm
+abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu
+ihm aufhob -- »laßt mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver
+Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder
+-- ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt --
+Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit!« -- und er schrie die
+letzten Worte in Todesangst gellend heraus.
+
+»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert -- »Deinetwegen
+sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß
+frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«
+
+Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer,
+der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem
+Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde
+geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.
+
+»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den
+Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den
+kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die
+Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefähr
+sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«
+
+»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend
+-- »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit
+den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers
+übernehmen wollen.«
+
+»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und
+thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf,
+wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«
+
+Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und
+Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine,
+mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und
+wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden
+riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und
+hinabschleppten. --
+
+Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen
+aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos
+schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen,
+den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er
+eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen
+werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht
+allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre
+_mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu
+trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei
+sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre
+Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen,
+als sie an der Seite des Verbrechers geführt -- die Colonisten in Santa
+Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die
+Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber,
+daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal
+ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen
+Menschen weinen sah.
+
+So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das
+schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.
+
+»Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er
+vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein
+schweres, schweres Amt gehabt!«
+
+»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden
+Negerin das Kind übergab -- »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh
+einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches
+auf dem Weg hierher geleistet -- und daß die arme Frau da Etwas zu essen
+bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. --
+Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? -- Ihr Gesicht strahlt
+ja ordentlich vor Seligkeit!«
+
+»Rottack -- Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend -- »ich habe
+sie gefunden!«
+
+»_Sie_ -- so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich
+weiß, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu
+thun.«
+
+»Elise mein' ich.«
+
+»Elise? -- des alten Meier Tochter?«
+
+»Sie ist hier -- hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben
+in ihren Armen verschieden.«
+
+»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie
+leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen,
+weshalb _Sie_ darüber so entzückt sind?«
+
+»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter
+im ganzen Walde gesucht hatte?«
+
+»So? -- nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder
+zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen,
+und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger,
+nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch
+den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«
+
+»Lieber, bester Graf!«
+
+»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte
+Geschichte -- Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur
+darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen
+Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt
+_gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher
+leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der,
+daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem
+noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster zahlen, und für Herrn Bux'
+Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!«
+
+»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.
+
+»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht
+einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem
+todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig
+ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern
+wahrscheinlich den Transport allein übernehmen -- wieder ein Vortheil!«
+
+»Von Herzen gern will _ich_ das thun,« rief Könnern rasch, »wenn _Sie_
+nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.«
+
+»Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der
+jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_
+ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit
+ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?«
+
+»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha
+hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite,
+trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«
+
+»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann
+kommen Sie nach?«
+
+»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich
+hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die
+Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir
+für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«
+
+»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack,
+indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein
+Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.
+
+
+
+
+9.
+
+Herr von Pulteleben.
+
+
+Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die
+Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort
+begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze
+Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor!
+Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten
+zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der
+Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft
+zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter
+und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten
+Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte.
+
+Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der
+That wenige genug -- wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun
+und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht
+fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in
+rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige
+deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam
+dagegen aufzustehen.
+
+Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit
+dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen
+Spaziergänge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte
+-- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund
+abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ überlassen, der
+Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine
+»Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der
+Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.
+
+Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte
+lebensfähig verwalten können!
+
+Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben
+Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von
+Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in
+seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber
+davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen,
+schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die
+erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in
+Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten
+selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher
+Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren
+Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden
+Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher
+Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt
+hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie
+selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren
+aufgebracht zu sehen.
+
+Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.
+
+Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen
+Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin
+des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden
+Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei,
+und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar
+nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in
+Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.
+
+Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art
+von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar
+noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto
+rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der
+prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne
+darüber vergingen.
+
+Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer
+bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über
+Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von
+ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen,
+und daß _er_ unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich
+denken.
+
+Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten,
+was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte
+den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß
+nur _daraus_, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die
+aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne
+daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt
+hätte.
+
+In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet
+bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu
+fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum.
+Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich
+rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches
+Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin
+wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die
+Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie
+allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus
+dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen
+habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter
+zurückkehren.
+
+Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben,
+aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber
+keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut,
+und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm
+gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte.
+-- Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich
+nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen,
+und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der
+Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das
+freilich nicht.
+
+Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß
+von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was würden
+sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung
+mit der Comtesse hörten? -- Er _wollte_ -- er _mußte_ fort -- aber die
+Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und
+saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und
+überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der
+Affaire ziehen könne.
+
+Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch
+die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem
+»Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben
+rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite
+betrachtete, lachte; endlich sagte er:
+
+»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die
+Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«
+
+»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, gerade
+nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen.
+
+»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf,
+der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf
+diese Quelle zurückführte -- »das weiß der Henker! Das Mädel muß
+übergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr
+an. Was sagen Sie dazu?«
+
+Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen
+Grafen todtzuschweigen.
+
+»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas
+unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort --
+»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's
+Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder
+Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr
+auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei,
+daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über
+Euch zu ärgern.«
+
+Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die
+»Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein
+mögliches Mißverständniß -- wenn _er_ auch nicht wußte, durch was es
+entstanden sein konnte -- aufzuklären. Helene war verändert, seit sie
+den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe
+gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er
+nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf
+und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu
+berücksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen
+Gefühl über die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland
+geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß _seine_
+Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?
+
+»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt
+zugesehen hatte.
+
+Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie
+so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden,
+mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt
+nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhältniß nicht
+mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen
+oder andern Seite hin geschehen.
+
+»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne -- »Sie erlauben
+wohl, daß ich mich anziehen kann, ich -- muß Ihre Frau Mutter sprechen.«
+
+»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar -- »aber Sie _sind_ ja
+angezogen.«
+
+»Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- möchte meine Wäsche
+wechseln.«
+
+»So -- aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam
+erhebend -- »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich
+eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen
+früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«
+
+Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte
+abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem
+jungen Mann um.
+
+»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine
+zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der
+letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich -- daß ich wirklich
+das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«
+
+»S--o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.
+
+»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere
+recht hübsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, daß sich die
+Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«
+
+»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »_die_ besorgt
+das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.«
+
+»Gerettet? -- hm!«
+
+»Also Sie haben Nichts?«
+
+»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«
+
+»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das
+auch einerlei sein. -- Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer
+und warf die Thür hinter sich in's Schloß.
+
+»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter
+ihm zu und begann dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen.
+Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über
+einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und
+als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er
+etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.«
+
+Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der
+Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit
+dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein
+Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten
+Operation unterwerfen wolle.
+
+Die »Frau Gräfin« -- wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen,
+da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- saß
+in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff
+gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer
+wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort
+einmal allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene
+aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.
+
+»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«
+
+»Ja -- Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und
+sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- »ich -- und ich bin Ihnen
+sehr dankbar dafür, daß Sie ....«
+
+»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die
+Gräfin.
+
+»Sie erlauben -- ja, Frau Gräfin -- Sie können sich doch wohl denken,«
+sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein,
+»daß mir der jetzige Zustand -- die Vernachlässigung meiner -- Ihrer
+Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe
+mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, _was_ die Veranlassung
+dazu gewesen sein könnte. Wenn -- wenn Sie mich nur über Eines beruhigen
+möchten.«
+
+»Und das wäre?«
+
+»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.
+
+»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen
+Blick nach ihrem #vis-à-vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen?
+Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.
+
+»Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,«
+sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir
+so ungünstige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht
+anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin
+Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich
+ein Leichtes sein würde, wenn ich -- nur eben wüßte worauf sie
+basirten.«
+
+»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein
+vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun
+und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter
+benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf
+ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch
+Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache
+nur ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser
+in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen
+Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«
+
+»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den
+schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte
+er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem
+ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus
+ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu
+erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst
+verklärte. -- »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste
+Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie groß auch meine Liebe für sie war
+und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und
+jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name
+geben.«
+
+»Aber, lieber Pulteleben!«
+
+»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest
+entschlossen, mich -- von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich -- doch
+auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit
+nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin
+beizustehen.«
+
+»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu
+beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit _einem_ Mal
+Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen
+Tabak ....«
+
+»Ich bin fest entschlossen, für _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr
+zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf
+_eigene_ Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen
+Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem
+Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.«
+
+»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande
+gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen,
+schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu
+ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollständig
+von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- »und das
+sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt
+für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von
+Geschäften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen
+Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?«
+
+»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf
+_diese_ Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.
+
+»Ist das männlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt?« fuhr die
+Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. -- »Ich habe mein ganzes
+Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit
+einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen
+_ohne_ Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige
+Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen
+und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten
+lassen? _Können_ Sie das über's Herz bringen, _dürfen_ Sie das? Nein,
+ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich
+trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar
+diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter für mich war, das sage
+ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten
+desselben mehr zwischen uns liegen!«
+
+»Frau Gräfin!«
+
+»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen
+Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt
+zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt außerdem der schon
+längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie
+werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben.
+-- Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine
+Mutter für Sie gesorgt!«
+
+»Beste Frau Gräfin!«
+
+»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin -- »wir sprechen heute Abend
+weiter darüber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!«
+
+Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand
+und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter -- hätte sie aber
+sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn
+nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht.
+
+Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein
+und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn
+kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich
+weiß schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit
+den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Gräfin, _das_ zieht
+nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder
+angeführt! -- »He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch
+herauf!«
+
+»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie
+denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«
+
+»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung
+befand, »wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?«
+
+»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir
+einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«
+
+»Wo ist Oskar?«
+
+»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«
+
+»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn
+Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei
+Milreis; für jede Minute, die Sie es _früher_ abmachen, lege ich Ihnen
+hundert Reis auf, für jede, die Sie _später_ dorthin kommen, ziehe ich
+Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?«
+
+»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«
+
+»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«
+
+»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag,
+und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- »mein Karren
+steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin
+ich drüben.«
+
+»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von
+Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine
+Bursche entwickelte.
+
+»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«
+
+»Hier die Stiefel.«
+
+»Nehmen wir in die Hand.«
+
+»Den Plaid.«
+
+»Können wir oben aufschnallen.«
+
+»Die Hutschachtel.«
+
+»Schmeißen wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.«
+
+»Die bleibt hier.«
+
+»Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.«
+
+»Da klingelt noch Etwas darin.«
+
+»Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- können Sie drüben
+herauspuddeln -- Einer wär' fertig!«
+
+»Da hängt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.«
+
+»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias;
+»Jemine, ist das ein Vergnügen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken
+vielleicht oder getrocknete Blumen?«
+
+»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«
+
+Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea stürzte
+erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe
+ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel
+hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten
+aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.
+
+»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt -- »ist denn Feuer
+oben?«
+
+»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im
+Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.
+
+Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog;
+der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er
+nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür
+entgegenzog.
+
+Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage
+kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:
+
+»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?«
+
+»Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann,
+der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen;
+»hier -- ist Etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr
+dabei fünf Milreis in die Hand.
+
+»Ach, ich danke auch schön -- das war ja gar nicht nöthig -- na, da
+wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«
+
+»Guten Morgen, Dorothea!«
+
+»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«
+
+Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben
+hinauf wollte.
+
+»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr
+lieb, daß ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die
+Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«
+
+»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr
+von Pulteleben -- »ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr
+Spenker!«
+
+»_Sie_ haben die Casse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor
+sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- »na, da
+bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine
+Staatswirthschaft!«
+
+»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?«
+schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich
+vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst
+komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid
+thun --«
+
+»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner
+Uhr sehend.
+
+»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im
+nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er
+vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von
+Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. --
+
+
+
+
+10.
+
+Graf Rottack's weitere Beschäftigung.
+
+
+Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der
+von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu
+hielt.
+
+Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als
+das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in
+die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung
+der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für
+unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer
+hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig
+zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus
+eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.
+
+Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in
+seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im
+Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend,
+ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto
+weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem
+Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war,
+aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.
+
+»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am
+hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht
+immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder
+übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem
+Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?«
+
+»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt
+hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- »das ist der Mensch, der
+sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie
+die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier
+Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht
+glückte.«
+
+»Und wer ist der Reiter neben ihm?«
+
+»Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art
+zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«
+
+»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie
+hierher. -- Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er
+dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus
+standen -- »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«
+
+Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von
+Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches
+Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern
+geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken
+zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während
+der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der
+Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.
+
+Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es
+augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder
+zurück zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden
+Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann
+wieder die Thür -- aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er
+hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.
+
+Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn
+neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann
+stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors
+führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.
+
+»Guten Abend, meine Herren!«
+
+»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener
+Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte
+-- »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie
+nur gesteckt?«
+
+»Draußen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig
+ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«
+
+»Graf Rottack?« sagte der Director -- »ich hatte das Vergnügen bei der
+Frau Gräfin.«
+
+»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine
+Lippen zuckte -- »bei der Frau Gräfin -- doch zur Sache. Ich bringe
+Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den
+armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«
+
+»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm
+überrascht.
+
+»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein
+rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände,
+welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden
+haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber
+auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden.
+Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei
+ausweichende Art zu entschuldigen sucht.«
+
+»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen
+anzufassen -- »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem
+Ermordeten -- wie hieß er gleich, Baron?«
+
+»Justus Kernbeutel.«
+
+»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«
+
+Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er
+wieder ruhig:
+
+»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den
+Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten
+Haushälterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden
+Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren,
+sondern daß er sie auch am Tage der That getragen hat.«
+
+»Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,«
+sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat --
+keinesfalls wenigstens allein.«
+
+»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der
+Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden
+Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in
+welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal
+da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und
+mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«
+
+»Hm -- gut -- ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte der
+Director, nach seiner Uhr sehend -- »doch das werden wir ja Alles
+bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den
+gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu
+spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie
+dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«
+
+»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler,
+hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar
+erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig
+war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande
+lassen?«
+
+»_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director,
+»aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie
+nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie
+sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«
+
+»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier
+so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand
+glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind
+Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara
+ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt
+_gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu
+geben.«
+
+Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte
+in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er
+war von je ein Mann des Friedens gewesen.
+
+»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich
+leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden
+nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« -- er sah wieder nach der Uhr
+-- »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute
+keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe,
+Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«
+
+Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber -- nur der
+Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam
+zwang, ruhig zu bleiben.
+
+»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem
+Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler _muß_ seiner Familie heute
+wiedergegeben werden.«
+
+»Von einem _Muß_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiederte
+ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch -- »ich bitte Sie, _Ihre_
+Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.«
+
+»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden
+Zorn nicht mehr mäßigen konnte -- »dann hören Sie auch meines! Glauben
+Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften
+können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu
+thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das
+Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an
+der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie
+höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!«
+
+»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.
+
+»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.
+
+»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll
+Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche
+Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich
+nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark
+und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer
+deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie
+haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie
+aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb -- hat
+um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt.
+Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel
+über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar,
+so stürmen wir das Nest hier, und daß _Sie_ schneller hinausfliegen als
+Sie hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf
+Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter
+und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben
+gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.
+
+Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie
+schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des
+zündenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie
+brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was
+der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen
+Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn
+Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen
+möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.
+
+Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in
+seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand
+reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und
+wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter:
+Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten«
+allerdings zuerst auf das Directionsgebäude -- und er selber hatte nur
+geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich
+die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen
+die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort
+beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er
+deshalb den Director -- nur um Blutvergießen zu vermeiden -- der Gewalt
+nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen
+bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der
+Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf
+Eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn
+waren.
+
+Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr
+als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im
+Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der
+Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr --
+es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause
+hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier
+steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche
+Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch
+nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber
+hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob
+sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich
+schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe,
+in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß
+hinabzugehen.
+
+Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.
+
+»Sie weichen ja nur der Übermacht -- der rohen Gewalt,« sagte der Baron
+-- »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und
+die Regierung wird Ihre Mäßigung lobend anerkennen. -- Nachher kommen
+_wir_ wieder oben auf, und wenn _Sie_ dann Ihren Vortheil benutzen, kann
+Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.«
+
+»Gut -- so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich --
+es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. -- »Nehmt zwei Mann,
+Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort
+sitzenden Deutschen her.«
+
+»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr großer
+Zuversicht -- »sie schreien und toben und sind Alle gut bewaffnet.«
+
+»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick --
+»geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben
+bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen
+heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? --
+_Rasch_, die Zeit vergeht!«
+
+»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz
+herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den
+zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf
+Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte
+jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß sie
+den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber
+befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine
+kleine Beschäftigung gehabt.
+
+Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier
+gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben -- man traute den
+Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus'
+Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus
+gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den
+sie Alle vorher wußten, abzuwarten.
+
+Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten
+belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit
+ihm sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber
+konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als
+die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde -- und
+wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn
+hier festgehalten!
+
+Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum
+Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im
+Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich
+ein _Verhör_ nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme
+eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her
+vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee
+fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade
+und Barmherzigkeit -- nur um sein Leben flehte.
+
+Jeremias mußte auch noch her -- er stand schon vor der Thür -- und die
+einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that.
+Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf
+Jeremias aber trocken erwiederte:
+
+»Das geht Niemanden 'was an. -- Wenn _ich_ einmal vor Gericht stehe,
+können Sie wieder danach fragen,« und damit schob er seine Hände in die
+Taschen und ging hinaus.
+
+Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt,
+und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen
+wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:
+
+»_Diese_ Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem
+Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.«
+
+»Ich stehe Ihnen in _jeder_ Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,«
+sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ
+mit Köhler das Haus.
+
+Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich
+eine Frau, ein Kind auf dem Arm.
+
+»Hans! Hans!« schrie sie -- »wo bist Du?«
+
+»Hier! -- Trine -- Trine!« und die beiden Gatten lagen sich in den Armen
+und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor Freude
+und Seligkeit.
+
+»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein
+klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.
+
+»Und dafür bekomme ich _auch_ einen Kuß,« lachte dieser.
+
+»Zehn -- zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's
+Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab.
+
+Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster -- Rottack sah ihn, nahm
+seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter.
+
+
+
+
+11.
+
+Abschiednehmen.
+
+
+Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht
+stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede,
+denn die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu
+lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf
+Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene
+und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch
+selber nicht die nächsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen
+gewohnten Geschäften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort
+gegeben hätten, dem Director zu beweisen, daß sie eben nicht durch
+Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was
+Recht oder Unrecht sei.
+
+Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie
+des Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte,
+unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt.
+Das Hinderniß, welches zwischen ihrer Liebe stand -- die Pflicht, für
+den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu
+bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte
+die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in
+der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.
+
+Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen,
+während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director
+brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er
+sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner
+Waffenmacht, entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich
+gar nicht um ihn, gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit
+dem Baron über seinen finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen.
+
+Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute
+festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer
+vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. _Jetzt_ wurde
+ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That
+rächen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit
+vier Soldaten den Strom hinab.
+
+Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn ein
+anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der
+angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die
+jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß
+sie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich
+ihr _Recht_ nicht selber zu holen brauchten; erstaunten aber doch, als
+ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurückkehrte,
+rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. Was war da
+vorgefallen?
+
+In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote
+des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte.
+Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt.
+
+Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten
+bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze
+Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist abberufen.
+Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht
+klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue
+Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf,
+behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.
+
+Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt zu
+Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu
+sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen,
+packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu
+Muthe, als ob er ebenfalls packen müsse.
+
+Die Trauung war vorüber -- ein recht wehmüthiger Act, da sich für die
+arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch
+auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde
+ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den
+letzten Trost gegeben hatte!
+
+Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren
+Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen
+Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigentlich hatte das
+junge Paar schon am nächsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff
+verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit
+einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese
+benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es
+übernommen, die Passage unten für sie auszumachen.
+
+Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist
+und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben
+gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied
+erhalten hätte.
+
+Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab
+eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender
+Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die
+Freunde in den Armen.
+
+»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?«
+
+»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte
+eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt
+bekommen, aber wie mir so von _allen_ Seiten zugeredet wurde, ich mir
+zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch
+Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine
+andere passende Persönlichkeit hatte, so -- entschloß ich mich zuletzt,
+bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptsächlich _der_
+Herr da an meiner Sinnesänderung schuld.«
+
+Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der
+Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus:
+»Günther! _Sie_ wieder in der Colonie?«
+
+»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen.
+
+Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und
+angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau.
+Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend,
+küßte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:
+
+»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten
+Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.«
+
+»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter der
+Gruppe -- »Günther -- Mensch, wo kommst _Du_ her?« und im nächsten
+Augenblick lag er in seinen Armen -- aber rasch richtete er sich wieder
+empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, daß nicht
+Alles so mit ihm sei wie es solle -- »was ist geschehen, Günther?« rief
+er, ihn auf Armes Länge von sich drückend -- »Du siehst blaß und elend
+aus -- warst Du krank?«
+
+»Ja,« sagte Günther leise -- »recht krank -- aber es geht wieder besser
+und ich -- will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich
+die Heimreise antrete.«
+
+Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er
+noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd:
+
+»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias
+hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei,
+und selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen
+würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?«
+
+»Mein lieber -- lieber Günther!«
+
+»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen -- und nun vorwärts!«
+
+Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß
+Sarno wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die
+Colonisten in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher
+nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche
+Schaar _deutscher_ Colonisten gleichmäßig zufrieden zu stellen, wäre
+überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst
+gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und
+gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war
+desto größer.
+
+Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm
+sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den
+Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich
+aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich
+ihre Freude auszudrücken.
+
+Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und
+brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein
+Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen
+aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt
+voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden
+geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat -- und Jeremias schien
+der Nerv dieser ganzen Bewegung.
+
+Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche
+die Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa
+Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen
+Bericht über das Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident
+fortwährend leidend sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel
+anstelle, der nicht allein die Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen
+wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu
+gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit
+in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das
+Willkürlichste über ihn verfügt werden sollte.
+
+Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem
+Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen
+Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß
+zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die
+Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei.
+Außerdem hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der
+Frau Präsidentin erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende
+Zustand des sonst tüchtigen Präsidenten machte da eine Verbesserung des
+Geschehenen möglich. Der Präsident selber wurde pensionirt, Herr von
+Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes
+entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge, seines willkürlichen
+Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre auch die Soldaten
+wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nöthig schienen,
+und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Günther
+wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von
+Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es
+dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der
+andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach
+Rio de Janeiro hinauf.
+
+Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem
+Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben
+und überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich
+dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man
+seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch
+die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die nie
+versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft
+auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von
+seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese
+Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde -- übergab
+er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter
+Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor Tag,
+auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die
+Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde
+fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der
+Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen
+verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der
+Platz geräumt.
+
+Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden
+gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag
+die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und
+Graf Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit
+Könnerns nach Deutschland zurückzukehren.
+
+Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen,
+es war aber noch Etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer der
+unterwegs schlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise
+verzögerte sich deshalb um einige Stunden.
+
+Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck
+schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.
+
+Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt
+wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit
+dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und
+nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als
+Günther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich
+die Straße hinunter führte.
+
+»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem
+er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige
+Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du
+siehst bleich und elend aus und -- das Schlimmste -- es hat sich ein
+Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz
+eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland -- nach Thüringen
+zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!«
+
+Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein
+Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur
+die frei gehaltene Straße zog sich hindurch.
+
+»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du
+Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?«
+
+»Als ob es gestern gewesen wäre.«
+
+»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß
+ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen
+an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir
+hergestrichen und zuletzt weit -- weit hinaus in das düstere Meer
+verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden --
+wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte
+-- so einsam -- so öde schien mir in dem Augenblick die Welt?«
+
+»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise.
+
+»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's
+Auge sah -- »in jener Nacht starb meine Anna -- an jenem Morgen lag sie
+kalt und bleich auf ihrem Lager dort -- dort, wohin die Schwäne in den
+Nebel zogen!« -- Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen,
+das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die
+Brust des Freundes lehnte.
+
+Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort -- kein
+Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den
+fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen
+Schmerz.
+
+»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in
+seinen Armen empor.
+
+»So -- jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer
+seine Brust hob -- »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von Fremden
+umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust
+zurückzubannen, das thut doppelt weh!«
+
+»Armer, armer Freund! -- Und wo erhieltest Du die Nachricht?«
+
+»Vor wenigen Tagen in Rio -- der Dampfer, der mich in die Heimath führen
+sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt --
+jetzt _kann_ ich nicht zurück, und ich begleitete Sarno, um hier noch
+manche Arbeit zu beenden, die ich -- gehofft hatte von Anderen beendet
+zu sehen. -- Aber nun leb' wohl, Freund -- wie ich höre, willst Du
+Könnern begleiten -- ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen
+Menschen zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was
+ich Dir eben vertraut -- es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch
+meinen Gruß und -- leb' wohl!«
+
+»Du willst fort?«
+
+»Hier steht mein Pferd -- Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögest
+auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!«
+
+Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann riß
+sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand
+zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden.
+
+Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war ihm
+recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und
+allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. -- Als er wieder
+an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen
+Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. -- Es war
+Helene. -- Fast unwillkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und
+blieb dann stehn.
+
+»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von
+ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. -- Er sah
+nach seiner Uhr -- es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. -- »Was
+kümmert's denn mich, wenn sie -- ei, ich will aus Brasilien von
+keinem Menschen im Bösen scheiden -- am Wenigsten von ihr!« und rasch
+entschlossen schritt er in das Haus hinein.
+
+Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem
+das »Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein!
+antwortete ihm -- Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie
+war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als
+Schmuck und sah ungewöhnlich bleich aus.
+
+»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu
+verlassen, und -- wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu
+sagen.«
+
+»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte
+es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte,
+so viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das aber machte ihn selber
+verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den kaum begonnenen
+Abschied noch zu kürzen.
+
+»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen
+zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien
+zurückkehren werde.«
+
+»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich
+zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich
+nicht, daß wir auf _diese_ Weise von einander scheiden. -- Ich habe
+einen Verdacht, Sie _wissen_, daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt.
+-- Wenn dem nicht so wäre, nehmen Sie hier meine Erklärung ....«
+
+»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht -- »ich -- wußte
+nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie -- ihn so lange schon
+geführt ....«
+
+»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten
+hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte
+gehofft, _Sie_ wenigstens würden besser von mir denken; aber -- lassen
+Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst -- »ich habe so wenig
+Freunde auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir
+geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr
+Graf, und -- möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter
+traurige Bilder bieten!«
+
+Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen
+ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los
+und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:
+
+»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen
+Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick,
+den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr
+als Sie vielleicht glauben. -- Sehen Sie mir in's Auge -- halten Sie
+mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es
+wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in
+einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht
+selbst noch von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein
+Geheimniß,« fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm
+stand -- »ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause -- ich
+wußte ....«
+
+»Es _ist_ nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und ihre Hand aus der
+seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.
+
+Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.
+
+»Es _ist_ nicht Ihre Mutter?« wiederholte er endlich, und die Worte
+rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust.
+
+»Nein,« hauchte Helene -- »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen
+schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war -- es war mir
+nur ein -- peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu
+fühlen, daß Sie -- mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn
+Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so -- verlassen Sie mich
+jetzt!«
+
+»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und
+Gefühlen das Hirn durchzuckte -- »nicht so dürfen wir scheiden! Hier
+liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen -- o, wenn Sie Vertrauen
+zu mir hätten -- wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen könnten, wie
+gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.«
+
+»Herr Graf,« bat Helene scheu.
+
+»Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr
+Rottack leidenschaftlich fort -- »daß es Ihnen peinlich sei, _mich_
+scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten
+Sie Ihr Vertrauen zurück -- geben mir nur Andeutungen, die mich noch
+verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die
+sich Ihnen entgegenstreckt.«
+
+»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes
+beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.
+
+Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr
+treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte
+er herzlich:
+
+»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln
+Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg
+einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. -- Machen
+Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf
+der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!«
+
+Helene rang mit sich -- zu plötzlich, zu überraschend war ihr das Alles
+gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um _überlegen_ zu können.
+Noch nie aber hatte sie so das Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie
+in diesem Augenblick -- noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so
+herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich
+zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand,
+was er ihr geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und
+mit leiser, aber fester Stimme sagte sie:
+
+»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack -- ich _will_ Ihnen glauben -- ich würde
+Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen -- wie einem Bruder« --
+setzte sie kaum hörbar hinzu -- »aber für mich selber ist meine ganze
+Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein
+Licht darüber geben könnte -- bindet ein Schwur.«
+
+»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt -- »aber woher dann -- ich begreife
+nicht, wie Sie da überhaupt ....«
+
+Helene stand noch immer zögernd vor ihm -- aber wußte er nicht schon ihr
+Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden
+Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?
+
+»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es
+sich ihr endlich aus der Brust -- »hier, dieser Brief kam durch eine
+Verwechslung der Couverts in meine Hände« -- halb abgewandt reichte sie
+ihm denselben.
+
+»Darf ich ihn lesen?«
+
+»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den
+Händen.
+
+Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken
+verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.
+
+»Sie weigert sich, ihn zu nennen -- ein Schwur bindet ihre Lippen.«
+
+»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den
+Schwur kenne ich -- er heißt Selbstinteresse -- aber ich begreife noch
+immer nicht -- Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« unterbrach
+er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch
+legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während
+er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl
+über sein Antlitz zuckte -- »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das
+Vertrauen, das Sie mir geschenkt -- wenn ich es Ihnen auch nur durch
+Überraschung abgepreßt. -- Aber jetzt fort -- Du mein Himmel, mir
+schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt
+das Hirn durchkreuzen -- und doch war ich nie so glücklich, nie so
+lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«
+
+»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich
+Rottack's Betragen nicht erklären.
+
+»Gewiß,« lachte dieser -- »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich --
+aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen
+Besuch zu machen -- und dann komme ich wieder her -- in einer halben
+Stunde bin ich wieder hier« -- Und ohne Abschied sprang er in jubelndem
+Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.
+
+
+
+
+12.
+
+Schluß.
+
+
+Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten
+gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit
+flüchtigen Sätzen angesprungen kam.
+
+»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes
+eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im
+Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«
+
+»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix -- »Sie müssen noch einen
+Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!«
+
+»Vergessen -- was?«
+
+»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!«
+
+»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so
+förmlich geworden?«
+
+»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder
+Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und
+direct dem Hause der Gräfin zu.
+
+Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.
+
+»Ist die Frau Gräfin oben?«
+
+»Ja, in ihrem Zimmer.«
+
+»Melden Sie mich -- rasch, denn ich habe große Eile!«
+
+»Ja, _ich_ kann jetzt nicht hinaufgehen.«
+
+»Dann meld' ich mich selber!« -- und in wenigen Sätzen war er oben.
+An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief
+eine bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten
+Augenblicke der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha
+empor fuhr.
+
+»Herr Graf!«
+
+»Frau _Gräfin_,« sagte der junge Mann, sich mit Anstand verbeugend
+-- »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Kürze seine
+Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren
+Beantwortung ich Sie ersuche.«
+
+»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen,
+denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.
+
+»Gut -- dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so
+förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.«
+
+»Welchen Namen, Herr Graf?«
+
+»Den Namen von Helenens Mutter.«
+
+»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten.
+
+»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß Sie
+einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen
+gegenüber ging -- _wir_ stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie
+mir die volle Adresse _jetzt_ in diesem Augenblick auf, oder ich
+gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und --
+unterhalte mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich
+nicht scherze. _Noch_ ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und wird
+da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen -- wo nicht -- schreiben Sie
+sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß
+Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine einfache
+Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit Angabe der Verhältnisse,
+_ohne_ einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch
+das ist Nebensache. _Wir_ haben es hier mit dem speciell zu thun, was
+_Sie_ betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Besten
+kennen.«
+
+»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn ich mir selber
+alle Hülfsmittel abschneide, wovon -- o, wovon soll _ich_ denn da leben?
+Alles verläßt mich -- Alles verläßt mich -- auch der undankbare Mensch,
+der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen!«
+
+Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte:
+
+»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da
+ihm die _Frau_ abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete
+Schwiegermutter zu behalten -- doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunsch
+erfüllen oder nicht? ich _muß_ Antwort haben.«
+
+»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.«
+
+»Nein -- hier ist Papier und Dinte -- in fünf Minuten bleibt Ihnen keine
+Wahl mehr.«
+
+»Und _Sie_ versprechen mir zu schweigen?«
+
+»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die
+Colonie.«
+
+Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und
+reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber.
+
+»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert
+-- das Geheimniß ist nicht für mich.«
+
+Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr
+durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und
+ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen -- und der
+Baron _mußte_ schon einen Verdacht gefaßt haben -- als durch die Sorge
+um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert hatte. _Sie_ lebte nur in dem
+Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste
+Tag?
+
+»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit
+einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf
+dabei ansah -- »wie war es _möglich_, daß Helene bis vor wenig Tagen
+keine Ahnung davon haben konnte, _Sie_ seien nicht ihre wirkliche
+Mutter? Ich begreife das nicht.«
+
+»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann
+in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt
+mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß
+erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....«
+
+»Vollkommen ohne Nebenabsichten?«
+
+»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde -- »da entschloß sie sich zu
+dem Schritt -- den wir vorher reiflich überlegt hatten: sie mir nämlich
+mitzugeben, und ich -- holte sie damals, _als_ ihre Mutter, aus der
+Pension ab.«
+
+»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich
+eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?«
+
+»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt
+uns Pflichten auf, und -- in diesem Fall -- sie konnte doch nicht ihren
+_Ruf_, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja
+vernichtet worden.«
+
+»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack
+bitter -- »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben _mir_ einen
+Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire -- wir
+tauschen nämlich Papier um Papier. _Dieses_ ist Helenen's Geheimniß --
+_das_ hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor
+der Frau auf den Tisch legte -- »ist das _Ihrige_ -- wir sind quitt,
+nicht wahr?«
+
+»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus.
+
+»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe
+darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß
+gedrückt und das Haus verlassen.
+
+Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst
+und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder
+und stand gleich darauf in Helenens Zimmer.
+
+Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem
+Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden
+zu entdecken, und gerade _ihm_, der sie die letzte Zeit so kalt, fast
+höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch
+das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was _konnte_ sie
+thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie
+sich nicht nach _einem_ Herzen, dem sie vertrauend nahen -- zu dem sie
+um Trost -- um Hülfe aufblicken konnte? Und was that _er_ jetzt? Wohin
+hatte er sich gewandt? Würde sie ihn je wiedersehen, und spottete
+er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele
+losgerungen?
+
+In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört,
+und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er
+ihr entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz
+und Muthwille, der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen
+gewichen, und mit leiser Stimme sagte er:
+
+»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält --
+fürchten Sie nicht, daß _ich_ Ihr Geheimniß belauscht hätte -- ich kenne
+den Inhalt nicht.«
+
+»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem
+ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.
+
+»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig -- »erinnern Sie sich
+noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit -- jener Frau in der Stadt
+begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre -- vermeintliche Mutter
+sah.«
+
+»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig
+in's Herz -- »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht auf
+-- jene Frau.«
+
+»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber seine
+Stimme mehr und mehr steigerte -- »hatte ich nur _Sie_ gesehen und hatte
+Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben
+würde, wenn Sie sie hätten ahnen können.«
+
+»Graf Rottack!«
+
+»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die
+mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in
+Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da
+-- da sah ich Ihre Mutter -- Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte
+-- deren ganze Vergangenheit vor mir lag und -- ich _konnte_
+nicht anders glauben, als daß _Sie_ den Betrug theilten -- daß Sie
+_Mitwisserin_, Mithandelnde der Täuschung wären.«
+
+»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille
+Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. -- Rang und Stand
+-- Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; ich
+stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener
+Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen -- aber der Betrug fraß
+mir in's Herz hinein -- der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und --
+machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuschung
+zu vollenden, selbst das Netz, das -- jene Frau nach dem unglücklichen
+Pulteleben auswarf, und das -- wie es meiner verblendeten Eifersucht
+schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« -- rief er
+leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank -- »ich habe
+Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir verzeihen?«
+
+»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!«
+
+»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack -- »Helene,
+ich _habe_ Sie geliebt, ich habe nie aufgehört Sie zu lieben, und wie
+ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber stand, hätte mir das Herz dabei
+zerspringen mögen in der Brust. Können Sie mir verzeihen? Können Sie
+vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt -- glüht auch in _Ihrem_
+Herzen noch ein Funken der alten Liebe für _mich_? Läugnen Sie es nicht,
+Helene -- jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten,
+waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten Mädchens; jene
+Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. -- Oh,
+können Sie nur einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, so werden Sie
+mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte
+umschlang -- »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude
+oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine
+junge Frau uns erwarten -- in deren Begleitung machen Sie die Reise nach
+Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.«
+
+»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.
+
+»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben -- daß Sie mir glauben, wenn
+ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav -- daß
+Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu
+können. Helene!«
+
+Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an
+seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder
+und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment
+schien aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er
+weinte und lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen
+los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand,
+und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam.
+
+»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen
+lachend aus -- »was machen Sie, was soll das werden?«
+
+»Abreise -- Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner
+Beschäftigung stören zu lassen -- »wir sind ja in der größten Eile --
+unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.«
+
+»Abreisen?« rief Helene erschreckt -- »aber doch nicht jetzt? -- nicht
+heute?«
+
+»In einer Viertelstunde.«
+
+»Das ist ja unmöglich!«
+
+»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen -- Du bist mein, _ich_ bin
+der glücklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles
+Kleinigkeit und Nebensache.«
+
+»Aber wie kann das sein -- Rohrlands ...«
+
+»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten
+zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich
+bin gleich wieder da!«
+
+Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später
+mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos,
+keines Gedankens fähig, stand.
+
+»Liebe Frau Rohrland -- lieber Herr Rohrland -- ich habe hier das
+Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. -- Liebe
+Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches
+Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene
+Heirath.«
+
+»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in
+die Arme.
+
+»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte
+Felix -- »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir
+dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen
+Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau
+Rohrland?«
+
+»Ja, von Herzen gern, aber ...«
+
+»Gar kein Aber -- ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren
+herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr
+an die Landung?«
+
+»Ja, von Herzen gern -- aber diese Hast ...«
+
+»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten -- lieber Rohrland, auf ein
+Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte
+ihn vor die Thür hinaus.
+
+»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«
+
+»In _meiner_ Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld
+von _ihr_ in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.«
+
+»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den
+wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«
+
+»Aber ich begreife gar nicht.«
+
+»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«
+
+»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«
+
+»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei
+Seite schob -- »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!«
+rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein
+angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an
+die Landung hinunter.
+
+»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm
+Könnern entgegen -- »wir warten und warten hier.«
+
+»Lieber Freund,« sagte Rottack -- »ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren
+und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf -- es geht
+noch ein Passagier mit. -- Lieber Freund, ich habe in der kurzen
+Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter
+gebraucht, und dann _noch_ nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das
+ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.«
+
+»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der
+Landung stand -- »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts
+versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen
+doch nicht immer gleich fertig werden.«
+
+»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt
+-- und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der
+Landung auf und ab gegangen waren.
+
+»Fort -- in den Wald,« sagte Rottack ernst -- »ich habe Euch noch seine
+besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«
+
+»Braver Günther,« sagte Könnern -- »er hat Elisen die letzten Stunden
+nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos,
+Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Wahrhaftig?«
+
+»Nun, gewiß -- und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«
+
+»Ihrer Tochter?«
+
+»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es
+mit in ihre Koje nimmt.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in
+die Stadt hinaufgesehen hatte -- »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine
+nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen.
+Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt -- daß mir um Gottes willen
+Rohrlands das Bild nicht vergessen« -- und von Könnern fort, der ihm
+kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit
+den Weg zurück, den er gekommen.
+
+Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute
+haben könne, denn _so_ hatte er ihn noch nie gesehen, und außerdem
+drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah auch schon in immer
+kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr -- endlich ließ sich ein kleiner
+Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze
+rasch zur Landung herunter kamen.
+
+Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge
+Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten
+die Damen.
+
+»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein
+guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.
+
+»Ich? Denke gar nicht daran, aber -- so viel ich weiß ...«
+
+»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur
+erglühende Braut vor -- »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch
+trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und
+bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen
+Ihrem mütterlichen Schutz.«
+
+»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und
+nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«
+
+»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf,
+indem er Helene der jungen Frau zuführte -- »aber nun in's Boot. Sie
+haben lange genug auf uns gewartet -- hieher, Jeremias -- _das_ zum
+Andenken.«
+
+»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht.
+
+»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote
+nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit
+Tüchern und Hüten.
+
+»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben,
+schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.
+
+
+_Ende._
+
+
+Druck von _G. Pätz_ in Naumburg.
+
+
+
+
+Fußnoten
+
+[1] Eine Art Zuckerrohr.
+
+[2] Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig
+ herrscht.
+
+[3] Authentisch.
+
+
+
+
+ * * * * * *
+
+
+
+
+Hinweise zur Transkription
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
+Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei
+Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise
+sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der
+Zeichensetzung nicht.
+
+ Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Änderungen
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Seite 23
+ ein sehr großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen
+ ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen
+
+ Seite 37
+ ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen
+ ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen
+
+ Seite 46
+ als sie den Dienst meiner Mutter verließen
+ als Sie den Dienst meiner Mutter verließen
+
+ Seite 87
+ Er hielt unwillürklich mitten im Binden
+ Er hielt unwillkürlich mitten im Binden
+
+ Seite 227
+ hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte
+ hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte
+
+ Seite 247
+ mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln
+ mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln
+
+ Seite 260
+ denn ein solche Schaar deutscher Colonisten
+ denn eine solche Schaar deutscher Colonisten
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***
+
+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.