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+The Project Gutenberg eBook, Die Colonie. Dritter Band, by Friedrich
+Gerstäcker
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Die Colonie. Dritter Band
+ Brasilianisches Lebensbild
+
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+
+
+Release Date: April 27, 2012 [eBook #39545]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***
+
+
+E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
+(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the
+Google Books Library Project (http://books.google.com)
+
+
+
+Note: Images of the original pages are available through
+ the the Google Books Library Project. See
+ http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&id
+
+
+
+
+
+DIE COLONIE.
+
+Brasilianisches Lebensbild
+
+von
+
+FRIEDRICH GERSTÄCKER.
+
+Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.
+
+DRITTER BAND.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+Hermann Costenoble.
+1864.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichniss.
+
+
+ Seite
+ Erstes Kapitel.
+ Die Abendgesellschaft 7
+
+ Zweites Kapitel.
+ Fortsetzung 33
+
+ Drittes Kapitel.
+ Auf Köhler's Chagra 57
+
+ Viertes Kapitel.
+ Helene 87
+
+ Fünftes Kapitel.
+ Gerichtspflege in der Colonie 117
+
+ Sechstes Kapitel.
+ Vorbereitungen 143
+
+ Siebentes Kapitel.
+ Bux auf der Flucht 164
+
+ Achtes Kapitel.
+ Gefunden 194
+
+ Neuntes Kapitel.
+ Herr von Pulteleben 214
+
+ Zehntes Kapitel.
+ Graf Rottack's weitere Beschäftigung 236
+
+ Elftes Kapitel.
+ Abschiednehmen 253
+
+ Zwölftes Kapitel.
+ Schluß 276
+
+
+
+
+1.
+
+Die Abendgesellschaft.
+
+
+In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft
+sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt,
+die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend
+Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst
+Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr
+lautete die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran,
+als die Frau Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von
+Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das _sehr_ viel Geld gekostet
+hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre
+Toilette noch einmal zu mustern.
+
+Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute
+nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen
+Horizont begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen
+Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.
+
+»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die
+Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht
+von ihrem Rückgrat zu bekommen -- »ich traue ihm nicht recht; er ist ein
+ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.«
+
+»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte
+Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.«
+
+»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir _nicht_ recht
+angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde
+Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem früheren Director
+eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die »_bürgerliche_
+Versammlung« die Nase rümpfen.«
+
+»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der _alte_
+Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber
+unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Brasilien
+auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalt wählen
+sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu
+beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr
+von Schwartzau.«
+
+»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?«
+
+»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber
+nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist -- wen interessirt das
+auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.«
+
+»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah
+ihre Tochter forschend dabei an.
+
+»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene
+kalt und stolz.
+
+»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel
+trug -- »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der
+Treppe.«
+
+Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar
+trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke.
+
+»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend;
+»hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?«
+
+»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest
+Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und
+Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die
+Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft
+erwarten! Wer ist wer?«
+
+»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns
+die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich,
+in die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von
+früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser
+hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen können -- aber abgewöhnt
+hab' ich's ihm wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.«
+
+Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu,
+und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne
+auf die Schwester weiter zu achten, fort:
+
+»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig -- die ist in den Fluß
+gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar
+geprügelt hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.«
+
+»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du
+wolltest zu der Auction hinausreiten?«
+
+»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange
+gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend
+Kleinigkeiten.«
+
+»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?«
+
+»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern -- Du mußt ihn schon
+in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause --
+schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar
+erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.«
+
+»Herr von Pulteleben ist zurück?«
+
+»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln
+nicht ankriegen.«
+
+»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah nach
+ihrer Uhr -- »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir unbegreiflich.«
+
+»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der
+Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben,
+aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber -- der muß
+schmählich reich sein.«
+
+»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin
+ihre Tochter.
+
+»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.«
+
+»So -- entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm
+genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden?«
+
+»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar -- »Jeremias unterhält sich --
+der Bursche ist heute göttlich -- hast Du ihn schon in seiner Galatracht
+gesehen?«
+
+Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem
+Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich
+heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete:
+
+»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau
+Gemahlin.«
+
+Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch in
+den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick
+zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem
+Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste,
+gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber,
+etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine
+Frau hinter sich herschleppte.
+
+Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase
+und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen
+-- außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und
+-- wenn das Gerücht nicht log -- auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber
+schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich,
+die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie über das
+vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse -- von Oskar nahm sie keine
+Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thür durch
+sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer
+Verachtung.
+
+Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich
+noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er
+drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo
+saß, so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor
+Beckstein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen
+aufgewachsen, sondern daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein
+gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber seinen Dienst
+quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn
+und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere
+Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine
+Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner
+sagt, #the gift of the gab#, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen,
+die natürlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt
+in seiner Stellung zu behaupten -- konnten die Colonisten doch auch
+keinen andern und besseren auftreiben.
+
+Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug,
+viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge
+Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie
+schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber,
+als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab
+es deshalb nie. -- Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes
+schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer
+großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als
+zwei furchtbar große, reich gestickte -- leider auch schon einmal
+ausgebesserte -- Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose
+trug.
+
+Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste,
+denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald
+in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar
+Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.«
+
+Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines,
+rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos
+gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer
+einzelnen Achatschnur um den Hals.
+
+Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem
+Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in
+der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.
+
+Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich
+stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung
+lautete. Er war natürlich #à quatre épingles# gekleidet; seine Toilette
+ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit bei
+dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor
+Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er
+zufällig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin
+haßte den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn
+je gehaßt hatte -- es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und
+Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in _ihre_ Kirche
+ließ.
+
+Jetzt erschien auch endlich -- als Hausgenosse jedoch eben so
+gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet -- Herr von Pulteleben,
+gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren
+Frackschnitt als der Baron, was seinerseits _diesen_ wieder ärgerte.
+Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu,
+diese zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und
+grüßte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine
+Ecke zu drücken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise --
+was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurückließ.
+Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute Abend Stacheln -- wären
+es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim Nachhausegehen wie
+ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte sich Herr von
+Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht
+befriedigenden Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin
+hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch
+vielleicht sehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin
+eben nicht angenehm getäuscht.
+
+Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von
+Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit
+oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um
+Entschuldigung bat.
+
+Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der
+That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen
+oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm
+gefaßt und gesagt:
+
+»Laß mich lieber unten, Günther -- es ist wahrhaftig besser, und die
+Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja
+alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die
+Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu
+werden -- warum ihr also den Spaß verderben?«
+
+»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther,
+»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft
+wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann
+mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz
+besondere Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich
+will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl
+einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau _Gräfin_ wenigstens
+wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.«
+
+»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf
+bitter -- »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten
+Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern
+die Kammerfrau als Schwiegermutter -- ich würde mich sogar hüten, die
+Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur _ein_ Wort kostete. Aber
+in _einer_ Art hast Du Recht -- wenn auch in einem andern Sinn, wie
+Du es gemeint -- Helene selber könnte nämlich glauben, ich sei der
+Verlobung ausgewichen, und deshalb -- gehen wir hinauf. Ich freue mich
+jetzt selber darauf, einmal einer echt aristokratischen Gesellschaft in
+einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.«
+
+»Du willst mitgehen?«
+
+»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit
+fortziehend; »es muß überhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir
+werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Gräfin
+freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich,
+Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß ist
+mein eigen.«
+
+»Gewiß -- aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?«
+
+»Ich glaube kaum -- zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht
+gesehen, und ich selber -- bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich
+jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.«
+
+»Da sind wir.«
+
+»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese
+erleuchteten Hallen -- wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler
+röche -- und Jeremias in Gala -- Ich fürchte fast, Günther, daß wir
+nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.«
+
+»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur
+entgegen -- »immer 'rein -- _hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes
+sehen und erleben werden -- immer hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen
+gar Nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!«
+
+»So recht, Jeremias,« lachte Günther -- »ist die Gesellschaft
+versammelt?«
+
+»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste --
+»fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« --
+und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und
+meldete:
+
+»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit -- Donnerwetter, ich weiß ja
+_Ihren_ Namen nicht!«
+
+Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln
+nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick
+auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die
+Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes,
+jeder Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung
+bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin
+zu und sagte mit einer leichten Verbeugung:
+
+»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf
+heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier
+vorzustellen.«
+
+Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von
+Schwartzau, die nur an der äußersten Kante den neben ihm stehenden
+Freund einschloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat
+jetzt vor, und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich:
+
+»Sie haben _mir_ besonders eine große Freude gemacht, daß Sie der
+Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde mir ja gar keine
+Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir
+geboten, wie ich es wohl gemocht.«
+
+»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast wunderbaren
+Schönheit des Mädchens -- »so sehr wir den Unfall _Ihretwegen_ bedauert
+haben, so glücklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen
+leisten durften. Übrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von
+mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des
+Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.«
+
+Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen _beide_ Männer gewandt gehabt,
+aber während sie sprach doch immer nur Günther angesehen, und höchstens
+einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen
+Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger vermeiden, und auch
+ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte sie, aber nicht
+mehr so zuversichtlich, als vorher:
+
+»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit
+meinem wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr
+hörte oder sah, was um mich her vorging -- viel weniger denn hätte
+Personen unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten
+Dank.«
+
+»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die
+gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ
+-- »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
+ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang.
+Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen
+stets in den Weg, wo ich sie eben treffe.«
+
+»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem
+Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.«
+
+»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director
+ansehend -- »mit wem habe ich das Vergnügen?«
+
+»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die
+beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander.
+
+»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges in seinem Benehmen,«
+flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben der er stand.
+
+»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem
+gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm
+abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer
+betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben
+gesehen?
+
+Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so
+fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber
+so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein
+konnte.
+
+Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein
+sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose
+und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das
+Verbindlichste fragte:
+
+»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau
+-- hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen
+heruntergefegt!«
+
+Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee
+verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder
+geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von Thee kaum möglich.
+Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und daher sehr
+häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee
+umhergereicht wird.
+
+Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast
+ausschließlich um die Tagesbegebenheit -- die Auction des Meier'schen
+Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen,
+geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als
+einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen,
+daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein
+Messerstich für ihn gewesen.
+
+»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director
+an diesen -- »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns
+niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder
+vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die
+er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden
+Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier
+eine Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.«
+
+»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu
+können, Herr Baron,« sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste
+von diesen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn
+Meier selber bekommen, denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher
+zurückzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen
+lassen.«
+
+»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?«
+
+»Ganz und gar nicht -- ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum
+ersten Male betreten.«
+
+»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im
+ganzen Ort zu sein, der sie kennt.«
+
+»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden
+gehabt.«
+
+»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?«
+
+»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend,
+»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben
+würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist
+möglich, daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu
+beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.«
+
+»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director -- er sah, daß er aus Günther
+Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn dieser wirklich um Eins
+oder das Andere gewußt hätte.
+
+Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und
+Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin
+und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge
+verwickelt waren.
+
+»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame
+bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse
+abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- »das ist gar Nichts -- denken
+Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich
+muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für
+den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«
+
+»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt -- »für zweiunddreißig Beine!«
+
+Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging
+weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.
+
+»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte
+Helene, »so halte ich es doch für eine entsetzliche und fatale
+Gewohnheit, die aber eben nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen
+werden muß.«
+
+»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der
+Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören,
+keinen Mann zu küssen der raucht.«
+
+»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret
+vorschob -- »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein --
+die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen der
+_nicht_ raucht -- was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director
+wäre!«
+
+Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah
+Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig
+abprallte.
+
+Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument
+gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact,
+daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.
+
+»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten _Sie_ nicht die
+Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so
+viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber
+Ohrenzeuge zu sein.«
+
+Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das
+Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben
+stehen.
+
+»Und sind _Sie_ nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge
+Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete.
+
+»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein
+Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- »aber ich stamme aus
+einer ganz musikalischen Familie.«
+
+»So?«
+
+»Ja,« sagte Jeremias -- »ich habe drei Schwestern, die sind alle
+musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das
+Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein
+Stückchen Zucker?«
+
+»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und
+Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur
+Thür hinaus.
+
+Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich
+wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl -- und wie
+seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und
+frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder
+die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.
+
+Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst
+dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die
+Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der
+ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt,
+geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und
+Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen,
+aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.
+
+Jetzt schwiegen sie -- »Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich
+meisterhaft!« tönte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab
+und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer
+Luftzug seine Schläfe kühlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm
+weh.
+
+Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die
+junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und
+mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine
+leise Stimme an seiner Seite sagte:
+
+»Sind Sie nicht auch musikalisch?«
+
+Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen
+hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz
+fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes
+Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.
+
+»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als
+sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte
+überhört hätte.
+
+»Ich? -- Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er
+sich, gerade _dem_ Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt
+-- »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und fast rauh -- »mir träumte
+einmal, daß ich spielen könnte -- aber die Zeit liegt dahinten und --
+ich sehne sie auch nicht zurück.«
+
+»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.
+
+»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern -- »Musik sollte
+ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir -- reißt sie nur immer
+wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln
+schlafen. Ich _hasse_ Musik!«
+
+»Oder _fürchten_ sie,« sagte Helene ernst.
+
+»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse -- und
+doch könnten Sie Recht haben -- ich fürchte sie vielleicht.«
+
+»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in
+Schmerz und Leid!«
+
+»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob
+_Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht --
+einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.«
+
+»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen -- »Jeder von
+uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der
+glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, daß er die schwereren
+trüge. -- Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab -- »wissen
+Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in
+unseren Träumen haben?«
+
+»_Wir_ Beide?«
+
+»Ja -- auch mir träumte neulich einmal, daß Sie -- spielen könnten, und
+doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der
+Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«
+
+»Allerdings -- _sehr_ wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu
+ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf
+wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen
+eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere
+Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten
+kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume
+vergessen.«
+
+Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu
+einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus
+der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen
+breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter
+einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den
+Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt,
+und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste
+harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.
+
+
+
+
+2.
+
+Fortsetzung.
+
+
+Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr
+seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland,
+da der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr
+Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die
+Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen
+Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht
+hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch
+kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, gründlich durch
+einander zu werfen und zu verwirren.
+
+Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an
+der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau
+Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber
+zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den
+Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite
+zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu
+sitzen kam.
+
+Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und
+mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen.
+Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an
+der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick
+zuwarf.
+
+Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten
+Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür,
+um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder
+umdrehte, war das Unglück geschehen.
+
+»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt -- »wie -- wie haben Sie
+sich denn gesetzt?«
+
+»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf
+-- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt.
+
+»Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!«
+
+»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die
+sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte -- »wir bleiben so,
+nicht wahr?«
+
+»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der
+Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte -- »so ein
+Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«
+
+Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar
+wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen
+Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer
+Änderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und
+mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn
+Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also
+Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel,
+eine lebhafte Unterhaltung.
+
+Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die
+Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu
+halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« --
+rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine
+Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten
+Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckstein herumgucken
+müssen.
+
+Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die
+Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den
+beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein
+vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem
+Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten --
+und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrückt -- sie
+wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und
+ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich
+ausschließlich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten.
+
+Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr
+vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director,
+gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt
+zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen
+für die Colonie tragen mußten.
+
+Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male,
+sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau
+Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugniß ihr auch ihr
+Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mußte sich endlich in sein Schicksal
+ergeben und ruhig und geduldig ausharren.
+
+Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur
+unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der
+sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo
+nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Züge, die ihr so
+merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem
+jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf
+eine falsche Fährte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen,
+daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach
+ihr hinübersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast
+spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis-à-vis#
+zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu
+fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio
+oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken
+vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in
+einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem
+dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!«
+-- und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach
+der verkehrten Seite umsah.
+
+Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf,
+trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:
+
+»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es -- daß es jetzt etwa Zeit
+sein dürfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt
+mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.«
+
+»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen
+flüchtigen Blick über die Gäste werfend -- »es wird in der That Zeit;
+bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«
+
+Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_
+recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ
+sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen
+hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben
+mochte, denn sie erbleichte sichtbar.
+
+Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich
+selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum
+Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu.
+
+»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier
+_unten_ von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«
+
+»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«
+
+»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.
+
+»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- »hm
+-- es ist -- eigentlich gegen meine Grundsätze, aber -- wenn Ihnen damit
+ein Gefallen geschieht, junger Freund« -- und er stand dabei langsam
+von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm
+stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht
+seinen Messerrücken dagegen schlug.
+
+»Meine Herrschaften!«
+
+»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört
+hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr.
+
+»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit
+seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn
+erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle
+Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu
+nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses
+Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche
+einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und
+keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ....«
+
+»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.
+
+»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und
+ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse
+Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!«
+
+»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser
+erhebend und gegen einander stoßend.
+
+»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen
+Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein
+füllte.
+
+Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas
+entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:
+
+»Erlauben Sie, _Comtesse_, daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen
+aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben
+bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel
+bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen,
+daß er die -- schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«
+
+Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm
+auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei
+ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment
+in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser,
+herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«
+
+Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut
+zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern
+wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er
+drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus
+dem Weg gesetzt zu sein.
+
+»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau
+Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die
+betreffenden Personen selbst gewußt hatte -- »ei, da gratulir' ich ja
+recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der
+Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch
+alles Gute wünschen kann!«
+
+Helene stieß mit Allen an -- sie wußte gar nicht mit wem -- sie bemerkte
+auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit
+dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:
+
+»Meine liebe, liebe Helene -- o, daß ich Sie jetzt so nennen darf!«
+
+Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte
+sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch
+Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern
+konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich
+zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.
+
+Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.
+
+Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie
+unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor
+jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten«
+Gelegenheit verfaßt hatte.
+
+Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen
+Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen,
+vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich,
+daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch
+alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte
+beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung
+desselben wieder niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen,
+wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und
+gehalten hätte.
+
+Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix
+wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu
+ihm und sagte freundlich:
+
+»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja,
+bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu
+einem Begräbniß geladen wären!«
+
+»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber
+wahrhaftig, Günther, ich -- wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen.
+Ich fühle, daß ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden,
+und -- Andere entgelten lasse, was -- möglicher Weise Andere gar nicht
+verschuldet haben.«
+
+»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn
+ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen
+früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«
+
+»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt
+empfehlen könnten?«
+
+»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen,
+was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen
+können.«
+
+»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«
+
+Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors
+habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen
+Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie
+verhandelte.
+
+Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf
+und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und
+der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und
+beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha
+saß.
+
+Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben --
+die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja
+überhaupt nie hinaus.
+
+»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte,
+einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit
+der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde -- »thun Sie
+mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie
+königlich belohnen!«
+
+»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche,
+ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit
+Gläsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee
+haben? Der ist dünn genug.«
+
+Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen,
+sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest
+zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben,
+um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix
+vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland
+gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben,
+wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer
+imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen
+musternd, sagte sie scharf:
+
+»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph
+-- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt
+mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa
+Catharina?«
+
+»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,«
+sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter
+verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf
+von Rottack.«
+
+Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar
+und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein
+Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und
+Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr
+und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt,
+vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.
+
+»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem
+Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte.
+
+»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte
+sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director
+gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn
+vor die Thür hinaus.
+
+»Willst Du fort?« fragte dieser.
+
+»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte
+Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde
+in die Nacht hinaus.
+
+Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge
+scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr
+erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig
+war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er
+vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig:
+
+»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein
+wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«
+
+»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück -- »ich
+danke Dir, mein Kind -- »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven
+spielen mir manchmal einen solchen Streich.«
+
+Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und
+gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten
+Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen
+Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte
+jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten
+Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction
+zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem
+dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so
+rüstete sich Alles zum Aufbruche.
+
+Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen --
+Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit -- alle Tücher und
+Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber
+auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den
+Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen
+Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben
+noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht
+gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern -- und bat Helenen, daß sie
+ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn
+heute gemacht habe.
+
+»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn
+sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen -- »ich
+habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch
+eigentlich noch zu früh.«
+
+»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte
+Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.«
+
+»Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die
+ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan
+entworfen hatte -- »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her
+-- er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.«
+
+»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah
+ihre Mutter überrascht und fragend an.
+
+»Ja -- ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese fort --
+»Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschütternde
+Nachricht mit -- den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas
+angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno,
+und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein
+Geheimniß verrathen habe -- aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit
+zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte -- ich habe
+mir die Sache heute hin und her überlegt, und -- da Ihr doch jetzt mit
+einander verlobt seid, so -- thut es eigentlich kein Gut, die Sache
+zu lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit
+recht bald -- so bald als irgend möglich gefeiert werde.«
+
+»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von
+Pulteleben entzückt aus.
+
+»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein
+eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz.
+
+»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten
+mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen
+können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach
+Santa Catharina zu ziehen.«
+
+»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt -- »woraus
+schließen Sie das?«
+
+»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr
+die Gräfin fort, »da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts
+weniger als passender Platz ist.«
+
+»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?«
+
+»Entschieden -- aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen
+solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und
+ich habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel
+erkundigt. Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir
+die Auswahl unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in
+Massen nach dem Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier,
+und dann -- die Hauptsache -- finden wir selber einen viel besseren
+Markt für unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit
+dem Süden, ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.«
+
+»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße
+Vermuthung hin eine solche Reise ...«
+
+»Bloße Vermuthung -- das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie nicht
+sieht -- Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß
+Dir denn sagen, daß ich, um _ganz_ sicher zu gehen, schon vor mehreren
+Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer
+Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen -- und zwar sehr
+günstige Nachricht.«
+
+»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem
+kleinen Wechsel darin.«
+
+»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die
+Mutter -- »ich habe _zwei_ bekommen, einen von Deutschland und einen von
+Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem
+aber, was _ich_ sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens
+selber überzeugen -- hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf
+meiner Toilette; der in dem gelben Couvert -- es ist nur der eine da.«
+
+Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder
+zurückrief.
+
+»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.«
+
+»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.«
+
+»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch
+einander,« -- und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus
+der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam.
+
+»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf,
+»nun lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich
+ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser
+thun können, als nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind
+unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen
+Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber diese Reise zusammen machen,
+werden Sie selber einsehen, daß es nöthig ist die Trauung vorher zu
+halten -- schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene,
+Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin über unseren Umzug
+denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet uns sogar an in ihrem
+Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.«
+
+Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre
+Mutter groß und starr an.
+
+»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch eine
+ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß -- der Brief ist ja portugiesisch,
+und Sie verstehen ihn nicht, Arno -- gieb ihn mir, ich werde ihn
+übersetzen.«
+
+»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus
+der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist
+_nicht_ von Santa Catharina.«
+
+»_Nicht_ von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom
+Sopha hebend -- »dann -- dann habe ich die Couverts verwechselt -- gieb
+ihn mir -- gieb ihn mir!« -- und in einer Aufregung, die besonders Herrn
+von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe
+aus.
+
+»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene aufstehend
+-- »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch _einmal_ lesen möchte
+-- gute Nacht!« -- und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der
+verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie
+durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die
+Thür hinter sich ab.
+
+»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls
+aufstehend und seine Schwiegermutter #in spe# etwas verdutzt ansehend --
+»was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?«
+
+Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern -- wollte Herrn von Pulteleben
+eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem
+Augenblick nicht.
+
+»Ich bitte -- lieber Arno -- lassen Sie -- lassen Sie mich jetzt
+allein,« sagte sie verstört -- »ich habe mit dem Mädchen zu reden -- Sie
+-- Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.«
+
+»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem
+er seinen Hut ergriff -- »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich
+vielleicht ...«
+
+»Es ist Nichts -- Helene ist -- ein verzogenes Kind.«
+
+»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem
+vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere
+Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier
+unten total überflüssig sei -- wenn er auch noch lange nicht begriff
+weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen
+Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
+und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's
+Thür ging, und dort -- fast wie schüchtern -- anklopfte.
+
+»Helene!«
+
+Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.
+
+»Helene! -- Mach' auf -- laß uns vernünftig mit einander reden.«
+
+Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie
+durch das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte.
+
+»Helene! Sprich wenigstens mit mir!«
+
+Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau
+Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.
+
+
+
+
+3.
+
+Auf Köhler's Chagra.
+
+
+Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos'
+Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie
+die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther
+schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus
+allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige
+Thätigkeit in Brasilien abzuschließen.
+
+Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese
+Zurüstungen gesehen, sich angezogen -- er machte überhaupt jeden Morgen
+zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang --
+und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn
+einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er
+Jemanden erwarte.
+
+Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür
+oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern
+ein paar huldvolle Worte zu wechseln -- er zeigte sich gern
+herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab
+-- kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei
+seiner Arbeit saß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz
+erwiederte.
+
+»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das
+Fensterbret legte -- »immer so fleißig?«
+
+»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit
+aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und -- die Zeit todt zu
+schlagen. Was soll man anders thun?«
+
+»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen«
+nicht so ganz einverstanden schien -- »ja -- ist eigentlich ein einsames
+Leben in der Colonie.«
+
+»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und
+stach nur so viel eifriger in das Leder.
+
+»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die
+Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde -- »Nichts wieder
+gehört von Eurem Proceß?«
+
+»Mit der Geistlichkeit?«
+
+»Ja.«
+
+»Nicht das Geringste und -- werde auch wohl Nichts wieder darüber hören,
+als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit
+zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich
+nicht ankämpfen -- der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden.
+Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da -- hab' ich denn
+natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«
+
+»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm
+wurde -- »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«
+
+»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend,
+ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.
+
+Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold,
+der für den Baron arbeitete.
+
+»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er
+vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.
+
+»Guten Morgen, Meister Berthold -- ob ich _was_ weiß?«
+
+»Der Justus ist fort -- der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider
+-- den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«
+
+»Fort? Wohin? Durchgegangen?«
+
+»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus
+fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber
+Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit -- es sind
+nun schon ein paar Tage her -- nicht wieder nach Haus gekommen. Die
+Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe
+sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft
+herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt
+schuldig, der Lump!«
+
+»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört -- guten Morgen, Meister!« sagte
+der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür
+erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem
+Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch
+einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße
+herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen
+Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte
+lächelnd:
+
+»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen
+gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet
+sind.«
+
+»Ah, guten Morgen, Herr Baron -- auch schon auf?«
+
+»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn
+man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen
+Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen,
+ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise
+hingehen, wenn man fragen darf?«
+
+»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht
+auf die Schulter schlug -- »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich
+einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen
+brauche. -- Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der
+Civilisation.«
+
+»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron
+etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er
+ihnen hätte folgen können.
+
+»Vielleicht,« lachte Felix -- »und ich glaube bei Gott, ich passe besser
+zu _ihnen_, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir
+im gewöhnlichen Leben die _Gesellschaft_ nennen.«
+
+»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron
+schmunzelnd, »aber -- ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da
+draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen -- und
+wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die
+Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um
+einen Vogel aus der Luft zu schießen -- möchte ich noch eine Frage an
+Sie richten, lieber _Graf_.«
+
+»_Graf_?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu.
+
+»Bst, bst,« lächelte der Baron -- »ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm
+sind -- hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt -- aber ganz unter
+uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden
+Rechte hier auftreten wollen -- doch -- eine Frage müssen Sie mir
+beantworten, ehe Sie gehen« -- und er schob dabei seinen Arm in den des
+jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte
+sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.
+
+»Und die ist? Ich bin doch begierig.«
+
+»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus
+jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter
+Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen
+und der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten
+Antheil an ihrem Wohlergehen.«
+
+»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«
+
+»Ich komme gleich zur Sache -- Sie -- machten gestern Abend der Frau
+Gräfin eine Entdeckung.«
+
+»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.
+
+»Hm -- nicht unmittelbar -- zufällig -- die Frau Gräfin schien sehr
+bestürzt darüber -- auffallend bestürzt -- ich habe sie in der That so
+noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste
+Dame.«
+
+»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war,
+dem Baron _nicht_ auf halbem Wege entgegen zu kommen.
+
+»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte
+nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte --
+»ich -- ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf -- aber ich gebe
+Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen
+Hintergedanken -- daß ich schon seit einiger Zeit -- ich weiß eigentlich
+selber nicht recht, weshalb -- den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«
+
+»Daß?«
+
+»Daß die Frau Gräfin -- daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen
+-- verstehen Sie mich vielleicht?«
+
+»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des
+Barons amüsirte.
+
+»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden -- ich gebe es zu,« fuhr
+der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander
+rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte -- »und unter
+anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal
+gerechtfertigt erscheinen.«
+
+»Stehen Sie in einem _Verhältnisse_, Herr Baron?«
+
+»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und
+ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist
+kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der
+Aufrechterhaltung des _Standes_ im Allgemeinen nehme. _Jetzt_ haben Sie
+mich doch verstanden?«
+
+»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit
+einem boshaften Lächeln.
+
+»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu
+reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also
+ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen,
+denn wir Beide _sind_ es unserem Stande schuldig.«
+
+»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«
+
+Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest
+in's Auge und sagte:
+
+»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«
+
+»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin
+heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick
+herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie
+thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten
+bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen _wichtigen_
+Gegenstand Sie mich fragen wollten.«
+
+Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.
+
+»Und ist Ihnen _der_ Gegenstand _noch_ nicht wichtig genug?« brachte er
+endlich mühsam heraus.
+
+»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der
+junge Mann jetzt gerade heraus.
+
+»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.
+
+»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine _bestimmte_ Antwort
+darüber geben zu können, und ich muß Sie -- wieder auf Ihren kleinen
+Finger verweisen. -- Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern -- wir
+müssen fort -- also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten
+ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf
+dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf
+mit Günther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die
+Straße hinauf. --
+
+Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde
+erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten
+zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit
+fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über
+alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer --
+so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund
+bemitleidet zu werden.
+
+Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und
+ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther
+gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals
+so leichten Herzens -- so glücklich gewesen -- er wollte die Stunden
+noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter
+geblieben auf der Welt, als an _gehofftes_ Glück _zurück_zudenken.
+
+So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des
+Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere
+Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht
+ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als
+er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze
+Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.
+
+Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich
+zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick
+so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er
+Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe --
+und Alles wiederum verloren hatte -- Glück und Liebe.
+
+Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde -- da unten
+in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte,
+ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da
+drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das
+arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen
+sollte und jetzt -- wenn auch mit zitternder Hand -- den Wanderer wieder
+allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.
+
+Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd
+nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und
+Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben
+war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt
+schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in
+dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken
+gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte,
+so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie
+wiederkehren _müsse_, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit
+leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.
+
+Fort, fort mit den Gedanken! -- Das bittere Gefühl der Verlassenheit
+stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob
+er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz
+selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich
+plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in
+dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar
+versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht
+Alles vergessen und vergessen _müssen_ in der Zeit!
+
+Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu
+haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich
+entgegenrief:
+
+»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen
+lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal
+wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen.
+Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd
+trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der
+Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen,
+wie es scheint. -- Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch
+wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?«
+
+Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die
+Einladung war auch so treuherzig geboten -- er hätte dem guten Menschen
+schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen
+wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen
+Trübsinn zu vergessen.
+
+Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen!
+
+»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die
+Hand entgegenreichte -- »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch
+auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen und
+Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,«
+setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an -- »gar schlecht seht
+Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und
+munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank
+gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?«
+
+»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend -- »vielleicht der
+Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«
+
+»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem
+glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend -- sie hatte im Nu alles
+Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine
+Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu _ihm_ springen müsse,
+sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.« --
+»Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer
+um -- »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute
+Morgen noch so wild bei uns aus -- freilich, Besuch hatten wir so früh
+noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch
+dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von
+Allem abhält, was man thun möchte.«
+
+»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«
+
+»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus -- »da sei Gott
+vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte -- ich glaube, ich -- aber
+ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!«
+
+»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und
+ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher
+komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«
+
+»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn
+Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«
+
+»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen
+schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen -- wir
+haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher
+frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man
+sich erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«
+
+»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann
+allein bleiben -- ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da
+wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem
+erst der Schreihals gefüllt ist. -- So macht nur daß Ihr wiederkommt.
+Grüß' Gott, Fremder!«
+
+Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah,
+wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund
+jagte, und folgte ihm dann in das Feld.
+
+»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann -- »fehlt Euch wirklich
+Etwas?«
+
+»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln -- »das Einzige
+ausgenommen, was _Ihr_ habt und mir kein Arzt der Welt geben kann --
+eine glückliche Häuslichkeit.«
+
+»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich _auch_ keinen Arzt
+gebraucht; die macht man sich eben selber.«
+
+»Wie man's trifft,« seufzte Könnern -- »Ihr aber habt das große Loos
+gezogen mit der Frau.«
+
+»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s
+ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune -- ich
+kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. -- Und
+der Junge -- ist das nicht ein Prachtkerl -- habt Ihr schon einmal
+einen solchen Jungen gesehen? -- Aber der Alten darf ich's nicht merken
+lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's
+Blut -- und das kann sie -- das versteht sie aus dem Grunde.«
+
+Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück,
+bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend
+an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus
+in den dunkeln Wald zog -- freudlos und allein -- sah sie mit wunden
+Füßen und krank in einer Hütte liegen -- sah den Vater über sie gebeugt,
+der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte,
+und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand
+gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander
+sprengte.
+
+Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere
+Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm
+trefflich auf dem guten Land belohnte.
+
+»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von
+wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren --
+»da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt
+-- und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses
+Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte -- und wie leicht
+ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei
+Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker,
+und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er
+giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er
+noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen
+schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem
+ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert,
+daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr _fünf_mal geschnitten hätte.«
+
+»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der
+Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.
+
+»Nicht besonders -- leichter Boden thut's, und selbst Hitze und
+Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle
+herbekommt. -- Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn
+gestanden hat -- was für Stengel -- ja, das muß wahr sein, der Boden
+hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da oben
+viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das
+Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter
+einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«
+
+»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von
+Futterkräutern eignete.«
+
+»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt
+Nichts als seinen eigenen Wein -- gerade aus Widerspruch, weil's eben
+kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth
+Alles -- wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. -- Nur mit dem
+Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da
+ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher
+gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr
+vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen
+wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse
+und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen
+aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als
+wir hier.«
+
+»Und wie steht's mit dem Tabak?«
+
+»Gut -- von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz
+hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber
+-- ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an
+was es sonst vielleicht liegt -- der ganze Tabak taugt eigentlich nicht
+viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen
+Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser
+als die von Bahia.«
+
+»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern,
+der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten
+Umzäunungen gleiten ließ -- »man sieht doch gleich, wo eine deutsche
+Hand gearbeitet hat.«
+
+»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im
+Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie
+wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn
+wir selber selbstständig werden.«
+
+»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«
+
+»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die
+Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom
+Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau
+und zwei Kindern -- meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die
+Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen,
+und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser
+halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und
+nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine
+Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die
+daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt,
+wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige
+Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder,
+sahen ihre Heerden sich vermehren -- und ihre Kinder auch, und fanden
+plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten
+Chagra hätten. Mein Alter -- und viele andere Alte machten es eben so
+-- schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen
+neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere
+Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften
+fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so
+gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch
+einmal von vorn anzufangen, und wie _ich_ flügge wurde, ließ er mich
+hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.
+
+»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in
+der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt,
+werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und
+deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche
+ein halbes Pfund Fleisch gönnen konnten.«
+
+Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte
+besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener
+vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts
+mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie
+gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und
+zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste
+Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für
+seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte -- und dann,
+nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar
+machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch
+den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen -- Ställe nämlich nur für die
+Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief
+lustig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.
+
+Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume,
+an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz
+erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons
+Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem
+Hause, und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf
+hinaus.
+
+Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens
+erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf
+aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen
+Blumenkohl, den er hier gezogen -- er schwieg plötzlich und horchte nach
+dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.
+
+»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau
+hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht _so_ viel
+daraus. -- Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist
+meiner Frau größter Stolz, denn den hat« -- wieder hielt er inne, denn
+nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem
+ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich.
+
+»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich meinen Namen gehört
+hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin
+ihm Könnern folgte.
+
+»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit
+zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches
+_mußte_ dort geschehen sein.
+
+Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und
+blieb erstaunt mit einem lauten _Halloh_? auf der Schwelle stehen, denn
+in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte
+_seine_ Frau umfaßt, die sich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und
+suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, während er mit dem
+andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche sie nach seinem
+Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau
+augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und
+zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:
+
+»Gut, daß Du da bist -- schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«
+
+»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr
+verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus
+dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen
+zu haben.
+
+Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als
+erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war
+aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht
+wußte was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur
+Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:
+
+»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die
+verschiedenen Colonien?«
+
+»Also _das_ ist der neue Director?« rief Köhler jetzt, der vor innerem
+Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte -- »das
+ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und
+jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei,
+da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter ...«
+
+»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor
+der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend -- »ich
+sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«
+
+»Ich mache _auch_ nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm
+ausstreckend und seinen Kragen erfassend -- »nur zum Spaß will ich
+Sie einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das
+nächste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«
+
+»Herr Köhler -- ich werde jeden gewaltsamen Angriff« -- schrie der
+Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers -- aber er kam nicht
+weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde,
+als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten
+Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt
+hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel
+mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine
+ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.
+
+»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch
+noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher
+gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte --
+»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben
+bei mir zu sehen?«
+
+Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben
+spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's
+Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt
+haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selber so
+lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu
+reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg
+in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie
+wieder zu.
+
+»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern
+umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene
+gewesen war -- »hat er Dir weh gethan, Trine?«
+
+»Ich hab' _ihm_ weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend,
+»und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten
+im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«
+
+»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so
+forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd -- »eigentlich hätt' ich ihm
+vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen -- es ist mir nur zu spät
+eingefallen -- des guten Beispiels wegen, mein' ich.«
+
+»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die
+härteste Strafe für ihn war, daß gerade _ich_ daneben stand und Zeuge
+seiner Demüthigung sein konnte.«
+
+»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht
+Schläge ist auch nicht so übel, und verdient _hatte_ er sie.«
+
+»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau -- »'s ist aber so auch vielleicht
+besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun
+gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet
+und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich
+ungeschoren lassen.«
+
+»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.
+
+»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau --
+»_das_ ist ein Mordkerl -- der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun
+lassen. Wo war't _Ihr_ denn draußen?«
+
+»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl
+besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so
+'was?«
+
+»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder
+in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf
+die Erde -- »ich hol' Euch gleich Alles herein -- es ständ' schon
+auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre -- und wie er mich
+zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging,
+einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flüchtig in
+Ordnung brachte.
+
+»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den
+Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.
+
+»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen -- »er fragte nach Dir,
+und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich,
+_er_ hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter
+sich zu.
+
+
+
+
+4.
+
+Helene.
+
+
+Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben
+sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu
+versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie
+nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich
+mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen
+gestrigen Abschied dachte -- aber die alte Dame war ja oft so wunderlich
+und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber
+ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als
+sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging.
+
+Was nur in dem _Briefe_ gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran
+gewesen -- aber wenn er Helene heute darum fragte, _ihm_ sagte sie es
+gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so
+gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim
+halten.
+
+Eheleute -- wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber
+angewandt, vorkam -- er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig
+-- Eheleute -- wie ehrbar das klang und wie -- wie solid und dauernd
+-- und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte -- und wie
+wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie der
+Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt
+hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden
+Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen
+nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.
+
+Ob die -- Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier
+als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt
+gerade einfiel -- aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider
+-- Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den
+Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen
+Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch
+einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die
+Schwiegermutter.
+
+Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That
+nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr
+abzustreiten -- eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich
+gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte
+er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken
+nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen
+wollten.
+
+Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene
+Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter _allein_, sondern immer in
+Verbindung mit ihr auch an _Geld_ denken mußte. So fiel ihm denn auch
+jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand
+ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. -- Aber er
+hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem
+Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein
+kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno
+unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die
+einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön -- wie
+bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn
+er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!
+
+Da klopfte Jemand -- es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte
+wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und
+unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.
+
+»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem
+einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der
+andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur
+verwundert an und sagte:
+
+»Sichtbar?«
+
+»Ist sie schon angezogen und auf?«
+
+»Weiß ich nicht.«
+
+»Im Garten war sie noch nicht?«
+
+»Nee.«
+
+»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend,
+während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst
+noch in aller Ruhe trinken -- ist doch eigentlich der schönste Moment
+vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um
+sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese
+letzte Bemerkung nicht gehört.
+
+Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als
+Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute
+übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der
+Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der
+Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen
+Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche
+Schwierigkeiten zu bereiten drohte.
+
+Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge;
+er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die
+Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei
+schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um
+bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen
+Spaziergang mit ihm machen wolle.
+
+Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast
+jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch
+verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.
+
+Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie
+geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und
+die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« --
+weiter Nichts.
+
+Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr
+nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit
+erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet
+seien -- beide Damen waren also schon auf -- an beiden Fenstern waren
+aber auch die Rouleaux noch herunter -- also nach allen menschlichen
+Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.
+
+Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt -- er wußte
+eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von
+Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen.
+Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber,
+der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank,
+und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können,
+denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter
+Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte
+eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei
+dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen
+sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn
+gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur
+falschen Zeit gekommen sei.
+
+Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er
+hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn
+von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben,
+denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn
+ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor
+der Nase zu.
+
+»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so
+gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch
+lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die
+behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Straße
+aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er
+rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein
+Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die
+Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.
+
+Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war
+vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon
+vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide,
+öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.
+
+»Wer ist da?«
+
+»Ich bin's.«
+
+»Gleich!« sagte die Stimme inwendig -- »einen Augenblick nur,« und
+Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht
+wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse
+trat ein.
+
+»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster,
+um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu
+lassen.
+
+»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der
+Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz
+das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen
+gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu
+begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:
+
+»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen,
+mein Kind?«
+
+»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die
+Mutter anzusehen -- »doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, über das
+ich mit Ihnen sprechen möchte.«
+
+»Mit _Ihnen_?« rief die Gräfin erschreckt -- »Helene!«
+
+»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt -- »wir haben
+Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller
+Ruhe geschieht.«
+
+»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du?« rief
+die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.
+
+»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten
+Mal voll und ernst in's Auge -- »und das fragen Sie noch? Aber, bitte,
+setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen
+Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«
+
+»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit
+gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.
+
+»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus
+einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und
+über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester,
+ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:
+
+ »Liebe Constance!
+
+ Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten
+ Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen,
+ ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die
+ _Gräfin_ Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung
+ nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die
+ brasilianischen Verhältnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort
+ nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.
+
+ Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören,
+ und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie
+ sorgen.«
+
+»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und
+immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven
+Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau
+empor.
+
+Helene las ruhig weiter:
+
+ »Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«
+
+»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«
+
+»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das
+_nicht_ gethan habe?«
+
+»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang,
+aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr
+Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.
+
+»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen
+Stimme wie vorher -- »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches
+Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde
+unter fremde Menschen?«
+
+»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre
+Augen trocknend -- »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das
+Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den
+Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich
+darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!«
+
+Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein
+schwerer Seufzer hob ihre Brust.
+
+»Ich bin mündig,« sagte sie endlich -- »ich bin einundzwanzig Jahr.
+_Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern länger vorenthalten
+werden?«
+
+»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau --
+»gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten
+mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn
+sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du
+selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele
+lade.«
+
+Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die
+Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich
+sagte sie leise:
+
+»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«
+
+»Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. Laß
+Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen,
+und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides
+entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?«
+fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn -- Du würdest ihr
+doch nicht nahen dürfen.«
+
+»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem
+Herzen der Mutter fern halten?«
+
+»Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe
+wegen.«
+
+»Also _das dürfen_ Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus
+Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen.
+Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten
+werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen
+kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was
+ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung
+keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich
+denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«
+
+Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit
+zürnendem, drohendem Blick gegenüber.
+
+»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus
+ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie
+verfügte -- »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes
+Leben machen wird.«
+
+»_Noch_ unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter --
+»Sie scherzen, Frau _Gräfin_.«
+
+»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief
+die Frau, jetzt selber gereizt -- »wem zu Liebe stürzte ich mich in
+Ausgaben, die über meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst
+die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem
+Sohn hätte leben können?«
+
+»_Mir_ zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles
+_mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden!
+Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur
+noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir
+Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange
+ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter
+lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?«
+
+»Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach
+kurzem Zögern mit entschlossenem Blick -- »Du sollst es wissen, um zu
+fühlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort
+kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir
+zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und
+einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es
+_noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ für Dich sorgen kann und
+wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in
+Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren
+müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen
+und Dich wieder in die Arme _der_ Frau führen, die bis jetzt allein eine
+wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird
+es mir später danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.«
+
+»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im
+Ton -- »doch davon später -- nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen
+gefällig ist.«
+
+Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha
+auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück
+auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte
+in's Ohr.
+
+Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine
+Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände,
+deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den
+Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich,
+aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob
+sie das Zimmer verlassen wollte.
+
+»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und
+sie zurückhaltend -- »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren,
+daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in
+meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über
+das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon
+sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.«
+
+»Und glauben Sie, daß ich _darüber_ auch nur noch einen Augenblick in
+Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau
+heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.
+
+»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber
+und hinüber werfend -- »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich
+denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der
+arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,«
+erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu
+heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte,
+nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen,
+die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel
+wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wäre
+unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.«
+
+»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch
+nicht ...«
+
+»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«
+
+»Das darfst Du nicht ...«
+
+»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«
+
+»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«
+
+»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen
+Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen,
+und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher
+Weise mein Brod verdienen kann.«
+
+»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben
+wird den Augenblick zurücktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tödtlichste
+beleidigst.«
+
+»Und was kümmert das _mich_?«
+
+Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit
+Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die
+langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes
+Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen,
+glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die
+furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen
+werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie
+jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür
+zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne
+sich aber umzusehen:
+
+»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort
+beschließen werde, weiß ich noch nicht -- aber ich weiß, daß ich ein
+Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend
+finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« -- und ehe
+Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür
+verschwunden.
+
+Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen
+Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an
+seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier
+mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des
+Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen
+als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und
+einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.
+
+Von dem nämlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen
+Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben
+hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen
+Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem
+selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders
+schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:
+
+ »Herrn Arno von Pulteleben.
+
+ »Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der
+ einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt
+ zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich
+ weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen
+ nicht für einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie
+ glücklich zusammen geworden.
+
+ »Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und
+ unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu
+ ändern -- es wäre doch vergeblich.
+
+ »Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke,
+ die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst _mit_ diesem
+ Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken
+ lassen, zeichnet sich
+
+ _Helene_.«
+
+Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte
+ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer
+vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich
+bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr
+als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.
+
+»Opfer einer Täuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? --
+unumstößlicher Entschluß? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn
+verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? --
+Freundliche Gesinnung? -- Bewußtsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von
+dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein
+abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen,
+irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen
+können? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die
+schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die
+Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen
+hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich
+drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es
+wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu
+stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn
+bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es
+wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie
+gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.«
+
+Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen
+beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf
+Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief,
+daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch
+_die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich
+bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit
+gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter -- »wenn er nur erst
+einmal verheirathet war« -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte
+Form gab.
+
+Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber
+es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach
+seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf
+eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres
+hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher --
+daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine
+gebracht.
+
+Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache
+gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen
+der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er
+deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von
+innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt
+unmöglich sehen.
+
+Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum
+Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte
+mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine
+Mahlzeit allein verzehren.
+
+In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig
+lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder
+standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen.
+Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein,
+das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das,
+und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal
+getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen -- die
+ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor -- fiel ihm eben
+dieses rege Leben auf.
+
+»Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute?« fragte er einen
+vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien.
+
+»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.
+
+»Gefunden -- wen?«
+
+»Nu, den Justus!« sagte der Mann.
+
+»Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?«
+
+»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er
+durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen
+Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so
+schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren
+läßt -- bei die Hitze auch!«
+
+Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den
+schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang
+in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.
+
+Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem
+Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um
+sich das Nähere selbst anzusehen.
+
+Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien,
+ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann
+beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu
+laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste
+lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen
+konnte, wenn es schrie.
+
+Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils
+verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa
+Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen.
+Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen
+brach er mit seiner Familie auf.
+
+Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf
+dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil
+herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als
+er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch
+verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um
+den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen
+Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.
+
+»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von
+Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus -- »das
+nehme mir denn doch kein Mensch übel!«
+
+»Geht's _Euch_ was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen
+mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und
+festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen
+konnte -- »einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit
+meinem Jungen machen was ich will!«
+
+»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging
+vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen
+auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls
+den Kürzeren ziehen müssen.
+
+Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus
+gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und
+erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen
+aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu
+weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.
+
+Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er
+bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein
+Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr
+ändern -- der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte
+unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in
+die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr
+unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit
+heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich
+ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall
+bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt,
+in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte
+Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern
+durfte.
+
+Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick
+darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff
+jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von
+den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes.
+Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen
+worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa
+vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt
+gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen
+haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da
+niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen
+haben.
+
+Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei,
+zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade
+dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle
+stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren
+zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche
+Beschädigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon
+gefundenen blutigen Stein.
+
+Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen
+ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche
+ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender
+Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide
+Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn
+die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite
+gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.
+
+Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und
+betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu
+verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine
+Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in
+die Stadt zurück.
+
+Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem
+Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der
+früheren Meierei -- den Namen hatte die Chagra noch immer behalten --
+vorüber führte.
+
+Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und
+betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der
+gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin
+anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich
+die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings
+Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und
+ihr erstes Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das
+aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch
+schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht:
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur
+eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief
+geschrieben, daß ich ...«
+
+»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig -- »das Mädchen ist voller
+Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich
+werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«
+
+»Sie glauben wirklich?«
+
+»Lassen Sie mich nur machen« -- und die Thür schloß sich wieder hinter
+der Schwiegermutter.
+
+
+
+
+5.
+
+Gerichtspflege in der Colonie.
+
+
+In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und
+ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf
+gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder
+des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen
+eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche
+Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die
+Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und
+Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art
+gekränkt und beleidigt hätten.
+
+Köhler selber, als er durch die Colonie geführt wurde, sah wohl
+todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch
+ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er
+sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm
+die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs
+nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war
+er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu
+unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch
+gleich abgeurtheilt sei.
+
+»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er
+seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. -- Wenn er selber einen dafür
+von ihr bekomme, wolle _er_ ihm das erlauben.«
+
+Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß
+sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse
+und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt
+geschehen. -- Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß
+kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem
+Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt
+übergeben sei.[2] Er hatte hier also keine Behörde über sich als den
+Director selber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten
+Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte.
+
+Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß -- ein
+kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor
+dem niedern Fenster -- abgeführt und dort trotz seiner Berufung, daß er
+verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und
+allein gelassen.
+
+Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum
+von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als
+er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war
+strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis
+die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von _ihm_ bei
+dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war
+indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu
+nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara
+wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange oben auf der Chagra bei
+ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn
+sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft
+herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte
+doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen.
+
+Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu
+ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der
+Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl
+fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als
+er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht
+beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.
+
+Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und
+der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann«
+an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann
+mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst
+am nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar
+nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen
+hätte.
+
+Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause
+fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau
+erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war
+eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern
+Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, #J.
+K.#, eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem
+Pfeile durchstochenes Herz -- wovon aber die Frau nicht wußte, auf was
+es sich beziehen sollte.
+
+Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte
+allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld
+wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür
+versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht
+vielleicht noch mehr.
+
+Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen
+wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig
+gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen
+hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein
+wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen -- er erinnere sich
+aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die
+Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der
+Köhler den Schneider nie hätte leiden können -- wenigstens so lange _er_
+jetzt in der Colonie sei -- und ihm stets alles nur erdenkliche
+Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht
+bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als
+ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen
+die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte.
+Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen
+Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders
+sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort
+den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu
+feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht
+dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen.
+Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen
+nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte
+über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die
+andere verhöhnt.
+
+So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die
+Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und
+ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß
+sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden
+bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um
+darauf zu achten.
+
+Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen
+hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der
+Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden,
+ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen,
+darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die
+weitere Untersuchung aufgehellt werden.
+
+Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten
+vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und
+Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein
+Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem
+standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen
+etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte
+aber an einen solchen, denn Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um
+sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens
+bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind
+jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug.
+
+Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen
+aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen
+Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen
+Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt
+zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und
+mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch
+an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler
+irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung
+ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht
+an.
+
+Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht
+vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis
+die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine
+Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne
+ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft
+entlassen werden.
+
+Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe
+zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere
+zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas
+Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten
+sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen
+»Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die
+Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.
+
+»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister
+Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken
+sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist,
+und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da
+gewesen?«
+
+»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den
+Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director
+fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt
+Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar
+Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt,
+für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt?
+Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf
+solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den
+Hals zu jagen.«
+
+»Lieber Meister, zu _Buttlich's_ Nutzen geschieht das auch nicht,«
+lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich weiß aus ganz sicherer
+Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des
+Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden
+halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die
+Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert
+Milreis monatlich.«
+
+»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.
+
+»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts,
+was ich nicht beweisen kann.«
+
+»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.
+
+»Wo?« sagte Rohrland ruhig -- »bei der Regierung in Rio ist Keiner von
+uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? Das wäre
+schade um das Papier, das man damit verschriebe!«
+
+»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler
+Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen
+kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch,
+daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und
+tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der -- Herr da treibt
+mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein
+krummes Horn stoße.«
+
+»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker -- »_ich_
+geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung
+thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.«
+
+»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu
+Schaden kommen!«
+
+»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«
+
+»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort --
+»der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit
+den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört
+und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen, wohin gehörten
+die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich
+zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie
+zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da
+wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden
+könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger
+denn zu Hülfe kommen könnte.«
+
+»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold -- »da unten
+am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben
+stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten
+lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da
+klage nachher einmal Jemand -- was wär's dann? _Die_ Halunken verrathen
+einander schon lange nicht.«
+
+»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die
+Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen
+Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah
+vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach
+auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück
+Schwarzbrod.
+
+Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.
+
+»Wohl bekomm's!« sagte er -- »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl
+krank gewesen.«
+
+»Danke schön,« antwortete der Mann -- »nein, krank gerade nicht, aber
+das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem
+Norden.«
+
+»Aus dem Norden? Von Rio?«
+
+»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«
+
+»Alle Teufel -- und habt Ihr lange da oben gesteckt?«
+
+»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust.
+
+»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom
+andern Tische herüber -- »kommt, setzt Euch mit zu _uns_ herüber; was
+hockt Ihr da allein an einem Tisch?«
+
+»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und
+Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die
+jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und
+zwei Kinder -- drei sind mir gestorben -- und mein Schwager mit _seiner_
+Familie.«
+
+»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«
+
+»_Recht_ schlecht,« erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend
+-- »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch
+nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich
+auch jetzt ein Bißchen abgemagert aussehe.«
+
+Abgemagert aussehe -- Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett
+als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein
+Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit
+Geist und Körper bei ihm gebrochen.
+
+»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.
+
+»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber
+arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles
+Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser
+Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer
+mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und
+weiter wie das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider
+bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der
+Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben
+haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was
+wir uns selber hätten bebauen können -- dann wär's gut gewesen.«
+
+»Aber das _mußten_ sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht
+war!« rief der Tischler.
+
+»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber
+nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's
+uns auch der Agent erklärte -- daß das _eigenes_ Land sein sollte. Aber
+hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen --
+Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und das mußten wir uns urbar
+machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf
+bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann
+bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre
+um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und
+wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn
+wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und dergleichen
+ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an
+die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an
+ein kaltes Klima gewöhnt war, bei _der_ Hitze da oben wahrhaftig keine
+Kleinigkeit!«
+
+»Das war ja aber schändlich -- und litt denn das die Regierung?«
+
+»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer
+deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte
+bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein
+Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten
+ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu
+schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts
+Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und
+meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das
+abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären
+wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.«
+
+»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.
+
+»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig -- »wie sich's nachher
+herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden.
+Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin
+und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam
+nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten,
+denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben,
+was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre
+sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm
+abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen,
+denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in
+Rio -- und der Brasilianer wollte uns auch _noch_ nicht fort lassen,
+aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten
+konnte, da ließ er uns eben ziehen.«
+
+»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen
+können?« fragte Spenker kopfschüttelnd -- »zehn Jahre waret Ihr dort
+oben, nicht wahr?«
+
+»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann -- »aber verdienen?
+Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht
+Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so
+rasch.«
+
+»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden
+Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der
+Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der
+Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts
+herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade
+voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu
+denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth,
+Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der
+Zeit doch auch wahrlich Nichts.«
+
+»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann -- »aber die Gegend soll ja
+auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch
+freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die
+Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director
+Unterstützung bekommen würden. -- Aber 's ist wieder Nichts, und was wir
+jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott -- ich nicht!«
+
+»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.
+
+»Ja -- unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar
+Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten -- lieber Gott,
+schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns
+rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch
+keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch
+Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner
+Colonie kämen, desto besser.«
+
+»Aus _seiner_ Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung -- »na, Gott
+straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus _seiner_ Colonie!
+Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und
+übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die
+Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben
+können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei
+gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er
+sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich
+nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den
+verschiedenen Tischen vertheilt hatte -- »hier sind zwei arme deutsche
+Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes
+herunter gekommen -- krank dabei und elend, denen der Director Subsidien
+verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie
+kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel
+zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu
+machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht
+unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis -- wer hat noch
+ein Bißchen klein Geld bei sich?«
+
+»Hier ist auch einer -- hier auch einer!« rief es von allen Seiten --
+»hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiederte
+Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze des
+Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.
+
+»Da, nun gebt einmal _Eure_ Mütze her,« lachte Berthold den armen Teufel
+an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand,
+indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte -- »so, nun lauft heim
+und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager -- denn für den ist's auch
+mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch
+herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's
+nur auf der rechten Seite anfaßt.«
+
+»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.
+
+»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit
+ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus -- »wenn Ihr
+wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure
+Capitalien ab.«
+
+»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der
+Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht.
+
+Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich
+gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute
+auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen
+gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald
+ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger
+als bis morgen früh zu sitzen haben würde -- fing an zu singen. An dem
+einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«,
+»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder
+wurden vorgenommen.
+
+Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte
+jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte
+Nichts mit ihm zu thun haben.
+
+Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging,
+einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in
+portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine
+Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb
+stehen, sah den Burschen an und fragte:
+
+»Na? Was ist nu wieder los?«
+
+»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer
+trat.
+
+»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«
+
+»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat
+befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr
+gesungen wird.«
+
+»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.
+
+»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander,
+welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was
+will er, Bodenlos? Ist er durstig?«
+
+»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört
+den Herrn Director.«
+
+»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold
+-- »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«
+
+»Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat
+über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig
+auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen
+dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen
+draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem
+Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.
+
+»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber
+ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür
+nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die
+Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen
+faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben
+nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es
+wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn
+nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre.
+
+»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes
+willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich
+gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie
+wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie
+_mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen
+wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«
+
+Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste
+folgten seinen Bitten und verließen -- aber alle mit bitteren Flüchen
+auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten
+verstehen sollten -- das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei
+Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor
+des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine
+Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz
+richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der
+Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch
+den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.
+
+Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel,
+gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen
+leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.
+
+»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig -- »Sie haben mir
+im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch
+Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich
+habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth
+Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn
+Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«
+
+Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen,
+und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um
+hinauszugehen.
+
+»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein
+Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den
+Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem
+großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn
+ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen,
+um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn
+niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei
+aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im
+nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.
+
+Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute
+eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch
+todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:
+
+»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den
+Arm zerbrochen« -- und sank dann ohnmächtig zusammen.
+
+
+
+
+6.
+
+Vorbereitungen.
+
+
+So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche
+Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht
+viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die
+älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das
+Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen
+Teufeln« jagten.
+
+Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die
+Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte
+zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes
+Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die
+Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus«
+postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer
+lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude
+angewiesen worden.
+
+Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke
+wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director
+erwiederte dieser:
+
+Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern
+sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was
+übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend,
+der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem
+Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der
+Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und
+die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]
+
+Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen
+den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die
+sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für
+Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können -- und
+vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts
+in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß
+gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig
+Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle,
+die Schankgerechtigkeit entzogen werde.
+
+Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des
+Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung
+zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhör geführt und -- als er
+nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurückgebracht.
+
+Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie
+geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte,
+saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber
+aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken
+können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich
+gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken.
+Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er
+jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen
+nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das
+Directionsgebäude empört verließ.
+
+Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten
+zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath
+einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen,
+Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise
+treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem
+aufgeschlagenen Lager fand.
+
+Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara,
+und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor
+sich hin.
+
+»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich,
+»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen;
+aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth,
+Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben,
+denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten
+kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freund auch schlimm genug
+ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er
+sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also
+Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was
+gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal
+der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die
+alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel --
+so 'was Gutes kommt an mich nicht!«
+
+»Und können Sie mit hinunter?«
+
+»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern -- »das heißt heute nicht
+mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine
+Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern
+Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch
+wacker dabei unterstützt.«
+
+»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«
+
+»Vortrefflich!« lachte der junge Mann -- »und außerdem hatte ich nie im
+Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich
+sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der
+Regierung angestellten Beamten besitze.«
+
+»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte
+Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls
+brasilianischer Beamter wirst.«
+
+»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend;
+»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen,
+und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar
+nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«
+
+»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther -- »und nun wieder an die
+Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide
+noch genug zu thun.«
+
+Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber
+doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu
+können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.
+
+»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter
+gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen
+Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt -- Felix war gerade ein Stück
+zurückgeblieben.
+
+»Nichts -- gar Nichts,« sagte Könnern leise -- »ich habe sie sogar
+gesucht -- ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft
+umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese
+urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von
+den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß
+ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein
+könne. Meine arme, arme Elise!«
+
+»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd
+-- »wie wäre das _hier_ in der Colonie _möglich_?«
+
+»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach
+rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute
+Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden
+vermöchte, können sie verdorben sein.«
+
+»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar
+keinen Verdacht?«
+
+»Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß
+das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien
+ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde
+gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt.
+Es bleibt räthselhaft.«
+
+»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«
+
+»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er
+im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat,
+und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«
+
+»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können.
+Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist,
+hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen;
+jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der
+letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten
+Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«
+
+»Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?«
+
+»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und
+spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn
+schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.
+
+»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«
+
+»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen
+satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie
+einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern -- sechs
+Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb
+und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer
+wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der
+mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen;
+jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen
+vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafür sorgen
+werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten
+Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer
+reichen, deutschen Sprache -- _heim_!«
+
+Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht,
+welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen
+keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all'
+_sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die düsteren Schatten des
+brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme
+Elise!
+
+Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in
+den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung
+gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von
+Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin;
+die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten
+und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut
+warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen
+heraustrat.
+
+Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar
+nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm
+anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der
+ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron
+ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu
+finden.
+
+Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört,
+_nicht_, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen,
+die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken
+sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen
+Fürsprecher finden würde.
+
+Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei
+dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube
+mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen
+sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten
+Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit
+einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.
+
+»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen
+gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno
+gehangen -- »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«
+
+»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß
+Könnern allein im Zimmer sei -- »Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_
+laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und
+suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.«
+
+»Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde draußen.«
+
+»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen
+Gefallen thun?«
+
+»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«
+
+»Wie lange?«
+
+»Ist es so wichtig?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun denn, heraus damit!«
+
+»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«
+
+»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«
+
+»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu
+umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen
+möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«
+
+»Und wie lange wird es mich aufhalten?«
+
+»Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.«
+
+»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein;
+doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe
+ich eine Stunde Zeit für Dich -- vorausgesetzt aber, daß es wirklich
+wichtig ist.«
+
+Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl,
+seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern
+seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien
+weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun
+sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und
+folgte ihm die Treppe hinunter.
+
+»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu
+seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und
+angebunden hatte -- »ist es so weit?«
+
+»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem
+machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann
+die ganze Geschichte.«
+
+Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem
+Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der
+Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und
+Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel
+und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein
+großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und
+ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann
+kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld
+dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der
+Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig,
+vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald
+gesprungen sei. -- Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und
+Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der
+Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.
+
+»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz
+interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht
+übel -- was geht _mich_ das eigentlich an?«
+
+»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht
+im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als
+des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? -- ich weiß aber jetzt wer der
+wirkliche Mörder ist.«
+
+»Du -- Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.
+
+»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- »Bux.«
+
+»Bux? -- Wer ist Bux?«
+
+»Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?«
+
+»Und wo ist er jetzt?«
+
+»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.
+
+»Und woher glaubst Du das?«
+
+Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes
+Klappmesser und zeigte es Könnern.
+
+»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im
+Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang,
+als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen
+vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt'
+es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem
+Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich
+Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen
+ist.«
+
+»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«
+
+»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich
+richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der
+Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß _wie_,
+nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas
+ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und
+haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den
+Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können.
+Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er
+die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten
+Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes
+wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche
+fuhr.«
+
+»Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.«
+
+»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias -- »der Liedrian, der immer einen
+Tressenstreifen um die Mütze trug.«
+
+»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend -- »den hab' ich neulich auf
+meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen,
+ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt,
+und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«
+
+»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.
+
+»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an
+Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern
+vorwurfsvoll -- »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«
+
+»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen
+von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht
+unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger
+unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf
+die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen?
+-- Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und
+meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher
+gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und
+selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Köhler heute krank geworden
+wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr
+lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ möcht' ich nicht auf dem
+Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen
+sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das
+ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus
+todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht
+von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und
+daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«
+
+»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief
+Könnern rasch.
+
+»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und
+augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie
+sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige
+machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt,
+so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn
+Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _muß_ er den Gefangenen
+herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und
+räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt
+Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«
+
+Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen
+fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann
+mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau
+bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux'
+Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze
+Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem
+jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden
+Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.
+
+Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen
+Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe
+man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien
+allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu
+folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen
+würde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede
+mehr.
+
+Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte
+das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte,
+und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer
+Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je
+geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten
+sie rechnen.
+
+An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf
+Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt
+und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die
+gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um
+Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung
+nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es
+keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten
+sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen
+zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit
+der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen
+und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und
+Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu
+erreichende Rio de Janeiro.«
+
+Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio,
+angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen
+fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien
+an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit,
+daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon
+vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der
+andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.
+
+Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem
+nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten
+hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas
+geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet
+und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da
+er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am
+nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die
+ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen
+ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder
+Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später
+sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der
+Meierei vorüber in den Wald führte.
+
+
+
+
+7.
+
+Bux auf der Flucht.
+
+
+»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben
+führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war
+heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum
+ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen
+Unglücks lag es auf seiner Seele. -- »Heute hier, morgen da, heute
+philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des
+täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide
+heute -- als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie
+man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.«
+
+»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben
+einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane,
+mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über
+den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien
+auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so
+gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die
+nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir
+oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und
+interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«
+
+Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem
+Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.
+
+»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer _Gräfin_
+gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz
+nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?«
+
+»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern,
+»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich
+muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit
+versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten
+Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört,
+so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«
+
+»In der gräflichen?« lachte Felix.
+
+»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind
+mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte überhaupt damals
+den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung
+zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...«
+
+»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.
+
+»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr
+Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn
+die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt
+gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«
+
+»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? --
+Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?«
+
+»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber
+aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer
+gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an
+Director von Reitschen verkauft.«
+
+»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich
+hin. »Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam
+abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie,
+Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit
+den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer
+intriguanten Mutter und -- einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur,
+daß der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß
+gehört, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten
+Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und
+da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der
+Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag -- »dort hat sich ebenfalls
+eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene
+Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater
+und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten
+die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und
+jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das,
+höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal
+ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.«
+
+Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach
+riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos
+er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite,
+und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen
+und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und
+schweigend neben einander hin.
+
+»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern
+wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn
+man selbst überflüssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht
+einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die
+wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das
+glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den
+Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie
+Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem
+jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß
+mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glück und Seligkeit
+umschlingen würden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir
+zurückkommen? -- Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein
+einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen -- es ist zum
+Todtschießen!«
+
+»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern.
+
+»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich
+steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst
+wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen
+Bux -- so heißt der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?«
+
+»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern,
+»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«
+
+»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf
+der Jagd?«
+
+»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende
+Antwort -- »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«
+
+»Von dem sind Sie unzertrennlich?«
+
+»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir
+es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener
+verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein
+Jäger?«
+
+»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu
+Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden,
+mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos
+daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die
+Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für
+unanständig -- wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den
+verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich
+habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger
+hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List
+gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit
+Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen
+vermag.«
+
+»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch
+nicht für so ungleichen Kampf halten?«
+
+»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären.
+Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von
+Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen
+Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu
+finden, wo _er_ seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem
+unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls.
+Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen,
+die wirklich Freude daran finden.«
+
+Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem
+Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu
+berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und
+traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast
+direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang
+und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn
+an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und
+da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern
+schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange
+genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege
+genau und sorgfältig untersucht hatte.
+
+Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht
+hatten. Halbdurchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort,
+und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren
+mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den
+Nachtthau herzustellen.
+
+Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah,
+denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten
+Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde
+zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen
+Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und
+versucht eine Hütte für ihn zu spannen. -- Und an der nächsten Chagra
+eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an
+steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten
+menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit
+noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch
+Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge --
+umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden,
+und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen
+seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der
+furchtbaren Wildniß verderben mußten.
+
+Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte,
+alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen
+gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid
+mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst
+hoffen, daß er ihn verstehen würde?
+
+»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich
+sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte,
+-- »ob das _unsere_ Familie gewesen ist?«
+
+»Nein -- Andere,« sagte Könnern leise -- »Bux hat mit seiner Familie an
+dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen.
+-- Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!«
+
+Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich
+wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche
+niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche
+der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und
+Militärmacht in die Colonie zu legen.
+
+Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden
+beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch
+genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und
+waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer
+Einsamkeit zu sehen.
+
+Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben
+könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht
+einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung
+hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche
+Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht
+werden. -- Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und
+anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das
+Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde
+zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem
+Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht.
+
+Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den
+besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer
+Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch
+die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu
+bahnlosen Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist
+alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der
+Welt noch in Verbindung standen.
+
+Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen
+Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu
+schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so
+viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen
+auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch,
+daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden
+könnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth,
+und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen
+und günstigen Absatz.
+
+Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz,
+an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last
+nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte
+dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein
+überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er
+nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von
+der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das
+Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er
+hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er
+den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und
+weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort
+geäußert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich
+sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte.
+
+Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter
+dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich
+die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht
+und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste
+Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut
+frühstücken.
+
+Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu
+ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der
+That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner
+überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier,
+denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder
+erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal
+aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen
+kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls
+krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts
+schleppte.
+
+Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert
+hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt
+nicht mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie
+die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen
+Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich
+verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von
+keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt
+worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede
+Fährte hätte abdrücken _müssen_, und die Wanderer, des Gebüsches wegen,
+auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur
+der Verfolgten irgendwo hinein.
+
+»Nun, durch die Luft sind sie _nicht_,« tröstete sich aber Könnern, »und
+jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt,
+um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen
+wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf
+Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder
+in Sicht bekommen.«
+
+Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt
+zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte
+Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz
+schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte
+und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der
+nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar.
+
+»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat
+sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den
+Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer
+Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«
+
+»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange
+vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit
+einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am
+Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette
+eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«
+
+»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie,
+Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich
+überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen,
+den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine
+Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen
+zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen
+und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu
+kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder --
+verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es
+natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«
+
+»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber
+ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen
+widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit
+zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist.
+Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an
+Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr
+nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_
+müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden
+wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu
+sorgen. Meinen Sie nicht?«
+
+»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus -- »der armen Frau
+soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu
+tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden.
+So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich
+wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director
+überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe
+hier gar Nichts mehr.«
+
+»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte
+Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.
+
+»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn
+Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- »das da
+unten muß doch eine Chagra sein.«
+
+»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den
+Augen folgend -- »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in
+das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab,
+als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«
+
+»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn
+wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen,
+dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«
+
+Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen
+Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg
+ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr
+beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen
+Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als
+Könnern plötzlich leise rief:
+
+»Halt! Ich höre Stimmen!«
+
+Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt,
+unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe
+Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte
+die Stimme einer Frau.
+
+»Das ist er!« flüsterte Rottack -- »gleich dort hinter der Palmengruppe
+muß er stecken.«
+
+Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren
+Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg
+erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert
+Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane
+vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu
+kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte.
+Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.
+
+Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie
+Könnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke
+gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der
+Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er
+auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann
+das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und
+bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte
+aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber
+erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher,
+sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt
+hatte? -- er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte -- sagte
+ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur
+gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar
+Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit
+abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen,
+ob Jemand hinter ihm her käme.«
+
+So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch
+nicht ruhen lassen.
+
+Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die
+Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.
+
+»Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche -- »laß
+mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon
+wieder gehen.«
+
+»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem
+abscheulichen Fluch -- »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich
+krähen hören -- es _kann_ nicht mehr weit sein.«
+
+»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde,
+das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- »mach'
+mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier
+umkommen, aber ich kann nicht weiter.«
+
+»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich,
+Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« -- er fuhr
+erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im
+Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.
+
+Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:
+
+»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr
+geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib
+muß auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine
+Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine
+Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal
+einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's
+nöthig hättet.«
+
+»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau -- »und der mag's vergelten
+-- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde
+allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.«
+
+»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann
+finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor
+sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den
+Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor
+sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue,
+ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte
+Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten
+Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.
+
+»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde
+-- »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen
+Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen
+hättet? Das glaub' ich! _Ihr_ könnt's aushalten auf Euren Pferden
+oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben
+schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«
+
+Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder
+gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:
+
+»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«
+
+»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell
+-- »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich
+niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen
+scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den
+Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte
+jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.
+
+»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern
+in französischer Sprache zu -- »die Frau und die Kinder werden ein
+Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber
+warten, bis wir ihn allein haben?«
+
+Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux
+selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später
+herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch
+gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die
+beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen
+in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie
+waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt
+Rettung -- Flucht!
+
+»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von
+dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes
+Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen
+Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz
+in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie
+laufend.
+
+Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß
+auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock
+zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln
+und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder
+aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm
+hatte.
+
+Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende
+Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier
+dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter
+mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos
+um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte
+Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück
+und wollte nicht vorwärts.
+
+»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die
+Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und
+auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd
+zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie
+Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der
+Jagd.
+
+Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen
+Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern
+hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen
+getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und
+unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede
+Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos
+mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er
+dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb
+den Weg abzuschneiden.
+
+Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter
+-- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo
+sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber
+-- vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter
+Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt
+hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und
+erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte -- denn daß ihm hier ein Pferd
+nicht folgen konnte, wußte er --, sah er, daß er verloren war. Aber er
+ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links
+schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand
+und lag -- vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die
+Rächer! -- Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit
+seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er
+sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mütze hatte
+er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig
+gekratzte Stirn -- vorwärts -- vorwärts -- bis seine Kräfte ermatteten
+und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.
+
+Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der
+Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem
+Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und
+zeigte es dem Freunde.
+
+»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.
+
+»Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?«
+
+»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich
+sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach,
+da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da
+liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen,
+der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde
+hier gehabt hätte!«
+
+Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht -- nur sein schweres,
+hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf
+die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.
+
+»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch
+durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen,
+und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als
+ihn auf ein Pferd zu binden.«
+
+»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn
+Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drüben ist ein Weg,
+Könnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an
+der Chagra.«
+
+»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort
+Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal
+binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«
+
+»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann -- »eben nur geritzt,
+nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist
+wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen
+bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt
+wieder wandern.«
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern -- »trauen Sie ihm
+nicht!«
+
+»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend
+und heftig schüttelnd. -- »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine
+Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück,
+und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«
+
+Bux regte sich nicht.
+
+»Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht
+beklagen!« -- und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil
+aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um
+die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm
+ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der
+Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor
+-- doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in
+demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux
+wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei
+Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch
+um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.
+
+»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen
+Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten
+Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus
+springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas
+nützen können.«
+
+»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter
+und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«
+
+»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken,
+daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser,
+wir wissen erst wer hier unten wohnt.«
+
+»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht
+entwischt, dafür will ich schon sorgen.«
+
+Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch
+einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt
+rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich
+entgegenkommen sah.
+
+»Habt _Ihr_ um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in
+portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?«
+
+»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern -- »wir haben einen
+Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war
+und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte.
+Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«
+
+»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern
+erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte -- »ich habe
+einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht
+verlassen.«
+
+»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört
+haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer
+Familie gehabt?«
+
+»_Wir_, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der Brasilianer; »aber ein
+Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich
+und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein
+Haus betrat.«
+
+»Ein Fremder? -- mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm
+dabei das Blut in den Adern stockte.
+
+»Ja, Senhor.«
+
+»Ein Mann mit weißen Haaren?«
+
+»Kennt Ihr ihn?«
+
+»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus -- »hier also
+-- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! --
+Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen
+wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße
+hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm
+einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«
+
+»Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?«
+
+»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«
+
+»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt -- und nun macht nur,
+daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere
+will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«
+
+
+
+
+8.
+
+Gefunden.
+
+
+Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier
+ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal
+gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in
+diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen
+konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich
+herausgerückt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land,
+ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein
+reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang
+allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.
+
+Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven,
+die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der
+Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskräfte in Anspruch.
+So beschränkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte
+er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun
+ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde
+Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen
+bekam. Für die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal
+fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß
+saß -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche
+wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt.
+
+Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem
+Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung
+zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte
+wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die
+Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst
+gesunden Körper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der
+Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten
+Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin
+noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.
+
+Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der
+körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn,
+der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte.
+
+Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und
+seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war,
+so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb,
+waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den
+gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für
+flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn
+Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld
+sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des
+unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der
+Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei dulden mußte, schwand
+zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich
+gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem
+gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den
+Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.
+
+Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß
+sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu
+vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne
+einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst
+gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers
+Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen
+hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth.
+
+Jetzt war Alles vorbei -- Alles überstanden. Wie sich der Körper des
+unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch
+wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so
+schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber
+heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das
+Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte,
+ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der
+fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise:
+
+»Meine arme, arme Elise!«
+
+»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden
+Thränen -- »kennst Du mich denn?«
+
+»Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in
+Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen
+Manne?«
+
+»Mein guter Vater!«
+
+»Gottes Segen über Dich -- Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld
+nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!«
+
+»Vater -- _Vater_!«
+
+»Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und
+es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen
+Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch
+darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem
+weiten, fremden Lande zurücklasse.«
+
+»Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir
+bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen
+Kräften.«
+
+»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken
+folgte -- »und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, daß
+ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen,
+sündhaften Plänen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht muß ich jetzt
+mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!«
+
+Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und
+der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die
+dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.
+
+»Weine nicht, Elise,« sagte er leise -- »weine nicht -- wir sehen uns
+wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er
+seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so
+wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht
+so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe
+gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind -- sei stark,
+Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«
+
+»Du wirst _nicht_ sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte
+ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- »Du wirst leben, mir -- mir
+zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes,
+spätes Alter hinein!«
+
+»Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann,
+»und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern
+könnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,«
+fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen
+unterbrochen wurde -- »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt,
+der schöne Wald. -- Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn
+wiedersiehst -- die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und --
+wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen,
+daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen
+Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen
+Sünder!«
+
+»Vater!«
+
+»Fasse Dich, mein Lieschen -- es _muß_ sein -- und nun noch Eins -- rufe
+mir unseren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles
+Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der
+Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch
+nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie
+doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir
+hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!«
+
+Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht
+zurückdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz hätte ihr brechen
+mögen in Jammer und Weh.
+
+»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise -- »nur einen
+Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«
+
+Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte
+er traurig.
+
+»Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls
+draußen -- ich höre schon seinen Schritt.«
+
+Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür,
+als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.
+
+Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft
+schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie
+eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie
+abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne
+hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«
+
+»Elise -- Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme
+schließend -- »o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll
+uns wieder trennen!«
+
+»Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur
+gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?«
+hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.
+
+»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt
+den Kopf der Thür zu.
+
+»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm
+umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte -- »ein Freund, der
+nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht
+von sich stößt!«
+
+»Lieschen!«
+
+»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine
+Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.
+
+Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen,
+und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe.
+Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm
+niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.
+
+»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise -- »Lies--chen, leb' -- wohl
+-- sei glücklich -- Gott segne Dich« -- und wie er noch einmal seine
+Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war
+todt. -- --
+
+Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache,
+der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte.
+Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu
+streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest,
+und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm
+versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden
+schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden
+hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren,
+und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht.
+
+Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf
+geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand
+im nächsten Augenblick vor der Gruppe.
+
+»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,
+»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! -- Wie
+geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«
+
+»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten
+erwiedert -- »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben
+im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu
+werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«
+
+»Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der
+Mann liegt im Sterben.«
+
+»Im Sterben?«
+
+»Ja -- aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind
+Eure Pferde?«
+
+»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes
+sitzt dort ebenfalls.«
+
+»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet;
+»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich
+gemacht! Und was wird nun aus denen?«
+
+»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die
+für sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf
+und die Pferde lieber holen?«
+
+»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet
+Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein
+paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher
+besorgen. Aber Ihr blutet ja!«
+
+»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn
+fassen wollten.«
+
+»Natürlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf
+die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein
+Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer -- oder
+sollen wir Dir Beine machen?«
+
+»Er versteht kein Portugiesisch.«
+
+»Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach
+Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage
+bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick.
+-- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht,
+sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich
+machen.«
+
+Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen
+jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon
+herunter.
+
+Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache
+mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen
+der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten
+gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe,
+der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor.
+
+»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir
+weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch
+verschlimmern.«
+
+»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet
+mich nicht den Fremden übergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen --
+ich bin ein armer Teufel -- der Böse plagte mich -- der Justus war
+auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verführt -- er reizte mich.
+-- Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm
+abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu
+ihm aufhob -- »laßt mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver
+Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder
+-- ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt --
+Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit!« -- und er schrie die
+letzten Worte in Todesangst gellend heraus.
+
+»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert -- »Deinetwegen
+sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß
+frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«
+
+Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer,
+der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem
+Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde
+geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.
+
+»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den
+Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den
+kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die
+Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefähr
+sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«
+
+»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend
+-- »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit
+den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers
+übernehmen wollen.«
+
+»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und
+thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf,
+wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«
+
+Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und
+Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine,
+mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und
+wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden
+riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und
+hinabschleppten. --
+
+Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen
+aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos
+schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen,
+den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er
+eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen
+werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht
+allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre
+_mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu
+trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei
+sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre
+Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen,
+als sie an der Seite des Verbrechers geführt -- die Colonisten in Santa
+Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die
+Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber,
+daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal
+ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen
+Menschen weinen sah.
+
+So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das
+schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.
+
+»Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er
+vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein
+schweres, schweres Amt gehabt!«
+
+»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden
+Negerin das Kind übergab -- »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh
+einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches
+auf dem Weg hierher geleistet -- und daß die arme Frau da Etwas zu essen
+bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. --
+Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? -- Ihr Gesicht strahlt
+ja ordentlich vor Seligkeit!«
+
+»Rottack -- Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend -- »ich habe
+sie gefunden!«
+
+»_Sie_ -- so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich
+weiß, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu
+thun.«
+
+»Elise mein' ich.«
+
+»Elise? -- des alten Meier Tochter?«
+
+»Sie ist hier -- hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben
+in ihren Armen verschieden.«
+
+»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie
+leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen,
+weshalb _Sie_ darüber so entzückt sind?«
+
+»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter
+im ganzen Walde gesucht hatte?«
+
+»So? -- nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder
+zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen,
+und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger,
+nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch
+den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«
+
+»Lieber, bester Graf!«
+
+»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte
+Geschichte -- Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur
+darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen
+Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt
+_gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher
+leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der,
+daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem
+noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster zahlen, und für Herrn Bux'
+Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!«
+
+»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.
+
+»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht
+einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem
+todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig
+ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern
+wahrscheinlich den Transport allein übernehmen -- wieder ein Vortheil!«
+
+»Von Herzen gern will _ich_ das thun,« rief Könnern rasch, »wenn _Sie_
+nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.«
+
+»Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der
+jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_
+ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit
+ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?«
+
+»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha
+hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite,
+trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«
+
+»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann
+kommen Sie nach?«
+
+»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich
+hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die
+Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir
+für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«
+
+»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack,
+indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein
+Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.
+
+
+
+
+9.
+
+Herr von Pulteleben.
+
+
+Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die
+Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort
+begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze
+Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor!
+Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten
+zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der
+Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft
+zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter
+und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten
+Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte.
+
+Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der
+That wenige genug -- wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun
+und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht
+fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in
+rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige
+deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam
+dagegen aufzustehen.
+
+Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit
+dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen
+Spaziergänge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte
+-- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund
+abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ überlassen, der
+Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine
+»Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der
+Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.
+
+Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte
+lebensfähig verwalten können!
+
+Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben
+Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von
+Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in
+seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber
+davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen,
+schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die
+erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in
+Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten
+selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher
+Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren
+Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden
+Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher
+Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt
+hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie
+selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren
+aufgebracht zu sehen.
+
+Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.
+
+Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen
+Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin
+des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden
+Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei,
+und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar
+nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in
+Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.
+
+Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art
+von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar
+noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto
+rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der
+prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne
+darüber vergingen.
+
+Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer
+bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über
+Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von
+ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen,
+und daß _er_ unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich
+denken.
+
+Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten,
+was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte
+den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß
+nur _daraus_, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die
+aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne
+daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt
+hätte.
+
+In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet
+bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu
+fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum.
+Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich
+rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches
+Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin
+wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die
+Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie
+allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus
+dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen
+habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter
+zurückkehren.
+
+Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben,
+aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber
+keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut,
+und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm
+gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte.
+-- Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich
+nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen,
+und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der
+Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das
+freilich nicht.
+
+Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß
+von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was würden
+sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung
+mit der Comtesse hörten? -- Er _wollte_ -- er _mußte_ fort -- aber die
+Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und
+saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und
+überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der
+Affaire ziehen könne.
+
+Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch
+die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem
+»Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben
+rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite
+betrachtete, lachte; endlich sagte er:
+
+»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die
+Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«
+
+»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, gerade
+nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen.
+
+»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf,
+der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf
+diese Quelle zurückführte -- »das weiß der Henker! Das Mädel muß
+übergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr
+an. Was sagen Sie dazu?«
+
+Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen
+Grafen todtzuschweigen.
+
+»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas
+unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort --
+»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's
+Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder
+Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr
+auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei,
+daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über
+Euch zu ärgern.«
+
+Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die
+»Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein
+mögliches Mißverständniß -- wenn _er_ auch nicht wußte, durch was es
+entstanden sein konnte -- aufzuklären. Helene war verändert, seit sie
+den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe
+gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er
+nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf
+und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu
+berücksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen
+Gefühl über die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland
+geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß _seine_
+Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?
+
+»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt
+zugesehen hatte.
+
+Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie
+so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden,
+mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt
+nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhältniß nicht
+mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen
+oder andern Seite hin geschehen.
+
+»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne -- »Sie erlauben
+wohl, daß ich mich anziehen kann, ich -- muß Ihre Frau Mutter sprechen.«
+
+»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar -- »aber Sie _sind_ ja
+angezogen.«
+
+»Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- möchte meine Wäsche
+wechseln.«
+
+»So -- aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam
+erhebend -- »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich
+eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen
+früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«
+
+Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte
+abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem
+jungen Mann um.
+
+»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine
+zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der
+letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich -- daß ich wirklich
+das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«
+
+»S--o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.
+
+»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere
+recht hübsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, daß sich die
+Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«
+
+»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »_die_ besorgt
+das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.«
+
+»Gerettet? -- hm!«
+
+»Also Sie haben Nichts?«
+
+»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«
+
+»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das
+auch einerlei sein. -- Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer
+und warf die Thür hinter sich in's Schloß.
+
+»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter
+ihm zu und begann dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen.
+Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über
+einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und
+als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er
+etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.«
+
+Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der
+Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit
+dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein
+Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten
+Operation unterwerfen wolle.
+
+Die »Frau Gräfin« -- wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen,
+da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- saß
+in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff
+gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer
+wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort
+einmal allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene
+aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.
+
+»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«
+
+»Ja -- Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und
+sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- »ich -- und ich bin Ihnen
+sehr dankbar dafür, daß Sie ....«
+
+»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die
+Gräfin.
+
+»Sie erlauben -- ja, Frau Gräfin -- Sie können sich doch wohl denken,«
+sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein,
+»daß mir der jetzige Zustand -- die Vernachlässigung meiner -- Ihrer
+Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe
+mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, _was_ die Veranlassung
+dazu gewesen sein könnte. Wenn -- wenn Sie mich nur über Eines beruhigen
+möchten.«
+
+»Und das wäre?«
+
+»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.
+
+»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen
+Blick nach ihrem #vis-à-vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen?
+Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.
+
+»Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,«
+sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir
+so ungünstige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht
+anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin
+Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich
+ein Leichtes sein würde, wenn ich -- nur eben wüßte worauf sie
+basirten.«
+
+»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein
+vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun
+und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter
+benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf
+ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch
+Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache
+nur ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser
+in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen
+Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«
+
+»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den
+schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte
+er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem
+ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus
+ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu
+erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst
+verklärte. -- »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste
+Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie groß auch meine Liebe für sie war
+und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und
+jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name
+geben.«
+
+»Aber, lieber Pulteleben!«
+
+»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest
+entschlossen, mich -- von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich -- doch
+auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit
+nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin
+beizustehen.«
+
+»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu
+beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit _einem_ Mal
+Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen
+Tabak ....«
+
+»Ich bin fest entschlossen, für _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr
+zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf
+_eigene_ Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen
+Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem
+Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.«
+
+»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande
+gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen,
+schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu
+ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollständig
+von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- »und das
+sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt
+für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von
+Geschäften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen
+Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?«
+
+»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf
+_diese_ Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.
+
+»Ist das männlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt?« fuhr die
+Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. -- »Ich habe mein ganzes
+Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit
+einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen
+_ohne_ Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige
+Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen
+und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten
+lassen? _Können_ Sie das über's Herz bringen, _dürfen_ Sie das? Nein,
+ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich
+trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar
+diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter für mich war, das sage
+ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten
+desselben mehr zwischen uns liegen!«
+
+»Frau Gräfin!«
+
+»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen
+Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt
+zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt außerdem der schon
+längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie
+werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben.
+-- Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine
+Mutter für Sie gesorgt!«
+
+»Beste Frau Gräfin!«
+
+»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin -- »wir sprechen heute Abend
+weiter darüber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!«
+
+Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand
+und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter -- hätte sie aber
+sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn
+nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht.
+
+Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein
+und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn
+kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich
+weiß schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit
+den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Gräfin, _das_ zieht
+nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder
+angeführt! -- »He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch
+herauf!«
+
+»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie
+denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«
+
+»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung
+befand, »wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?«
+
+»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir
+einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«
+
+»Wo ist Oskar?«
+
+»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«
+
+»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn
+Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei
+Milreis; für jede Minute, die Sie es _früher_ abmachen, lege ich Ihnen
+hundert Reis auf, für jede, die Sie _später_ dorthin kommen, ziehe ich
+Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?«
+
+»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«
+
+»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«
+
+»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag,
+und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- »mein Karren
+steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin
+ich drüben.«
+
+»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von
+Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine
+Bursche entwickelte.
+
+»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«
+
+»Hier die Stiefel.«
+
+»Nehmen wir in die Hand.«
+
+»Den Plaid.«
+
+»Können wir oben aufschnallen.«
+
+»Die Hutschachtel.«
+
+»Schmeißen wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.«
+
+»Die bleibt hier.«
+
+»Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.«
+
+»Da klingelt noch Etwas darin.«
+
+»Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- können Sie drüben
+herauspuddeln -- Einer wär' fertig!«
+
+»Da hängt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.«
+
+»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias;
+»Jemine, ist das ein Vergnügen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken
+vielleicht oder getrocknete Blumen?«
+
+»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«
+
+Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea stürzte
+erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe
+ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel
+hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten
+aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.
+
+»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt -- »ist denn Feuer
+oben?«
+
+»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im
+Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.
+
+Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog;
+der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er
+nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür
+entgegenzog.
+
+Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage
+kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:
+
+»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?«
+
+»Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann,
+der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen;
+»hier -- ist Etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr
+dabei fünf Milreis in die Hand.
+
+»Ach, ich danke auch schön -- das war ja gar nicht nöthig -- na, da
+wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«
+
+»Guten Morgen, Dorothea!«
+
+»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«
+
+Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben
+hinauf wollte.
+
+»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr
+lieb, daß ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die
+Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«
+
+»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr
+von Pulteleben -- »ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr
+Spenker!«
+
+»_Sie_ haben die Casse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor
+sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- »na, da
+bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine
+Staatswirthschaft!«
+
+»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?«
+schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich
+vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst
+komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid
+thun --«
+
+»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner
+Uhr sehend.
+
+»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im
+nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er
+vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von
+Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. --
+
+
+
+
+10.
+
+Graf Rottack's weitere Beschäftigung.
+
+
+Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der
+von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu
+hielt.
+
+Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als
+das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in
+die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung
+der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für
+unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer
+hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig
+zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus
+eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.
+
+Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in
+seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im
+Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend,
+ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto
+weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem
+Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war,
+aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.
+
+»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am
+hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht
+immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder
+übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem
+Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?«
+
+»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt
+hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- »das ist der Mensch, der
+sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie
+die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier
+Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht
+glückte.«
+
+»Und wer ist der Reiter neben ihm?«
+
+»Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art
+zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«
+
+»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie
+hierher. -- Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er
+dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus
+standen -- »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«
+
+Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von
+Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches
+Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern
+geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken
+zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während
+der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der
+Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.
+
+Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es
+augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder
+zurück zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden
+Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann
+wieder die Thür -- aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er
+hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.
+
+Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn
+neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann
+stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors
+führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.
+
+»Guten Abend, meine Herren!«
+
+»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener
+Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte
+-- »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie
+nur gesteckt?«
+
+»Draußen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig
+ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«
+
+»Graf Rottack?« sagte der Director -- »ich hatte das Vergnügen bei der
+Frau Gräfin.«
+
+»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine
+Lippen zuckte -- »bei der Frau Gräfin -- doch zur Sache. Ich bringe
+Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den
+armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«
+
+»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm
+überrascht.
+
+»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein
+rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände,
+welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden
+haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber
+auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden.
+Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei
+ausweichende Art zu entschuldigen sucht.«
+
+»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen
+anzufassen -- »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem
+Ermordeten -- wie hieß er gleich, Baron?«
+
+»Justus Kernbeutel.«
+
+»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«
+
+Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er
+wieder ruhig:
+
+»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den
+Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten
+Haushälterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden
+Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren,
+sondern daß er sie auch am Tage der That getragen hat.«
+
+»Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,«
+sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat --
+keinesfalls wenigstens allein.«
+
+»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der
+Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden
+Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in
+welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal
+da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und
+mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«
+
+»Hm -- gut -- ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte der
+Director, nach seiner Uhr sehend -- »doch das werden wir ja Alles
+bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den
+gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu
+spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie
+dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«
+
+»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler,
+hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar
+erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig
+war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande
+lassen?«
+
+»_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director,
+»aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie
+nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie
+sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«
+
+»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier
+so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand
+glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind
+Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara
+ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt
+_gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu
+geben.«
+
+Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte
+in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er
+war von je ein Mann des Friedens gewesen.
+
+»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich
+leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden
+nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« -- er sah wieder nach der Uhr
+-- »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute
+keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe,
+Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«
+
+Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber -- nur der
+Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam
+zwang, ruhig zu bleiben.
+
+»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem
+Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler _muß_ seiner Familie heute
+wiedergegeben werden.«
+
+»Von einem _Muß_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiederte
+ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch -- »ich bitte Sie, _Ihre_
+Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.«
+
+»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden
+Zorn nicht mehr mäßigen konnte -- »dann hören Sie auch meines! Glauben
+Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften
+können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu
+thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das
+Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an
+der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie
+höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!«
+
+»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.
+
+»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.
+
+»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll
+Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche
+Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich
+nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark
+und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer
+deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie
+haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie
+aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb -- hat
+um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt.
+Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel
+über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar,
+so stürmen wir das Nest hier, und daß _Sie_ schneller hinausfliegen als
+Sie hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf
+Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter
+und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben
+gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.
+
+Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie
+schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des
+zündenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie
+brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was
+der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen
+Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn
+Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen
+möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.
+
+Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in
+seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand
+reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und
+wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter:
+Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten«
+allerdings zuerst auf das Directionsgebäude -- und er selber hatte nur
+geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich
+die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen
+die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort
+beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er
+deshalb den Director -- nur um Blutvergießen zu vermeiden -- der Gewalt
+nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen
+bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der
+Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf
+Eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn
+waren.
+
+Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr
+als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im
+Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der
+Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr --
+es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause
+hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier
+steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche
+Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch
+nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber
+hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob
+sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich
+schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe,
+in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß
+hinabzugehen.
+
+Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.
+
+»Sie weichen ja nur der Übermacht -- der rohen Gewalt,« sagte der Baron
+-- »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und
+die Regierung wird Ihre Mäßigung lobend anerkennen. -- Nachher kommen
+_wir_ wieder oben auf, und wenn _Sie_ dann Ihren Vortheil benutzen, kann
+Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.«
+
+»Gut -- so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich --
+es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. -- »Nehmt zwei Mann,
+Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort
+sitzenden Deutschen her.«
+
+»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr großer
+Zuversicht -- »sie schreien und toben und sind Alle gut bewaffnet.«
+
+»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick --
+»geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben
+bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen
+heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? --
+_Rasch_, die Zeit vergeht!«
+
+»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz
+herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den
+zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf
+Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte
+jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß sie
+den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber
+befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine
+kleine Beschäftigung gehabt.
+
+Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier
+gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben -- man traute den
+Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus'
+Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus
+gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den
+sie Alle vorher wußten, abzuwarten.
+
+Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten
+belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit
+ihm sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber
+konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als
+die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde -- und
+wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn
+hier festgehalten!
+
+Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum
+Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im
+Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich
+ein _Verhör_ nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme
+eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her
+vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee
+fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade
+und Barmherzigkeit -- nur um sein Leben flehte.
+
+Jeremias mußte auch noch her -- er stand schon vor der Thür -- und die
+einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that.
+Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf
+Jeremias aber trocken erwiederte:
+
+»Das geht Niemanden 'was an. -- Wenn _ich_ einmal vor Gericht stehe,
+können Sie wieder danach fragen,« und damit schob er seine Hände in die
+Taschen und ging hinaus.
+
+Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt,
+und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen
+wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:
+
+»_Diese_ Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem
+Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.«
+
+»Ich stehe Ihnen in _jeder_ Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,«
+sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ
+mit Köhler das Haus.
+
+Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich
+eine Frau, ein Kind auf dem Arm.
+
+»Hans! Hans!« schrie sie -- »wo bist Du?«
+
+»Hier! -- Trine -- Trine!« und die beiden Gatten lagen sich in den Armen
+und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor Freude
+und Seligkeit.
+
+»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein
+klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.
+
+»Und dafür bekomme ich _auch_ einen Kuß,« lachte dieser.
+
+»Zehn -- zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's
+Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab.
+
+Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster -- Rottack sah ihn, nahm
+seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter.
+
+
+
+
+11.
+
+Abschiednehmen.
+
+
+Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht
+stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede,
+denn die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu
+lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf
+Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene
+und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch
+selber nicht die nächsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen
+gewohnten Geschäften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort
+gegeben hätten, dem Director zu beweisen, daß sie eben nicht durch
+Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was
+Recht oder Unrecht sei.
+
+Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie
+des Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte,
+unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt.
+Das Hinderniß, welches zwischen ihrer Liebe stand -- die Pflicht, für
+den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu
+bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte
+die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in
+der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.
+
+Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen,
+während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director
+brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er
+sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner
+Waffenmacht, entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich
+gar nicht um ihn, gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit
+dem Baron über seinen finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen.
+
+Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute
+festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer
+vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. _Jetzt_ wurde
+ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That
+rächen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit
+vier Soldaten den Strom hinab.
+
+Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn ein
+anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der
+angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die
+jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß
+sie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich
+ihr _Recht_ nicht selber zu holen brauchten; erstaunten aber doch, als
+ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurückkehrte,
+rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. Was war da
+vorgefallen?
+
+In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote
+des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte.
+Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt.
+
+Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten
+bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze
+Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist abberufen.
+Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht
+klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue
+Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf,
+behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.
+
+Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt zu
+Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu
+sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen,
+packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu
+Muthe, als ob er ebenfalls packen müsse.
+
+Die Trauung war vorüber -- ein recht wehmüthiger Act, da sich für die
+arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch
+auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde
+ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den
+letzten Trost gegeben hatte!
+
+Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren
+Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen
+Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigentlich hatte das
+junge Paar schon am nächsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff
+verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit
+einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese
+benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es
+übernommen, die Passage unten für sie auszumachen.
+
+Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist
+und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben
+gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied
+erhalten hätte.
+
+Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab
+eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender
+Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die
+Freunde in den Armen.
+
+»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?«
+
+»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte
+eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt
+bekommen, aber wie mir so von _allen_ Seiten zugeredet wurde, ich mir
+zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch
+Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine
+andere passende Persönlichkeit hatte, so -- entschloß ich mich zuletzt,
+bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptsächlich _der_
+Herr da an meiner Sinnesänderung schuld.«
+
+Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der
+Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus:
+»Günther! _Sie_ wieder in der Colonie?«
+
+»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen.
+
+Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und
+angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau.
+Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend,
+küßte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:
+
+»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten
+Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.«
+
+»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter der
+Gruppe -- »Günther -- Mensch, wo kommst _Du_ her?« und im nächsten
+Augenblick lag er in seinen Armen -- aber rasch richtete er sich wieder
+empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, daß nicht
+Alles so mit ihm sei wie es solle -- »was ist geschehen, Günther?« rief
+er, ihn auf Armes Länge von sich drückend -- »Du siehst blaß und elend
+aus -- warst Du krank?«
+
+»Ja,« sagte Günther leise -- »recht krank -- aber es geht wieder besser
+und ich -- will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich
+die Heimreise antrete.«
+
+Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er
+noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd:
+
+»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias
+hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei,
+und selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen
+würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?«
+
+»Mein lieber -- lieber Günther!«
+
+»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen -- und nun vorwärts!«
+
+Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß
+Sarno wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die
+Colonisten in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher
+nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche
+Schaar _deutscher_ Colonisten gleichmäßig zufrieden zu stellen, wäre
+überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst
+gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und
+gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war
+desto größer.
+
+Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm
+sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den
+Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich
+aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich
+ihre Freude auszudrücken.
+
+Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und
+brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein
+Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen
+aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt
+voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden
+geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat -- und Jeremias schien
+der Nerv dieser ganzen Bewegung.
+
+Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche
+die Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa
+Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen
+Bericht über das Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident
+fortwährend leidend sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel
+anstelle, der nicht allein die Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen
+wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu
+gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit
+in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das
+Willkürlichste über ihn verfügt werden sollte.
+
+Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem
+Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen
+Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß
+zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die
+Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei.
+Außerdem hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der
+Frau Präsidentin erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende
+Zustand des sonst tüchtigen Präsidenten machte da eine Verbesserung des
+Geschehenen möglich. Der Präsident selber wurde pensionirt, Herr von
+Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes
+entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge, seines willkürlichen
+Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre auch die Soldaten
+wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nöthig schienen,
+und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Günther
+wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von
+Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es
+dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der
+andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach
+Rio de Janeiro hinauf.
+
+Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem
+Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben
+und überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich
+dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man
+seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch
+die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die nie
+versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft
+auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von
+seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese
+Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde -- übergab
+er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter
+Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor Tag,
+auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die
+Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde
+fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der
+Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen
+verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der
+Platz geräumt.
+
+Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden
+gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag
+die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und
+Graf Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit
+Könnerns nach Deutschland zurückzukehren.
+
+Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen,
+es war aber noch Etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer der
+unterwegs schlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise
+verzögerte sich deshalb um einige Stunden.
+
+Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck
+schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.
+
+Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt
+wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit
+dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und
+nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als
+Günther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich
+die Straße hinunter führte.
+
+»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem
+er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige
+Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du
+siehst bleich und elend aus und -- das Schlimmste -- es hat sich ein
+Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz
+eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland -- nach Thüringen
+zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!«
+
+Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein
+Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur
+die frei gehaltene Straße zog sich hindurch.
+
+»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du
+Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?«
+
+»Als ob es gestern gewesen wäre.«
+
+»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß
+ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen
+an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir
+hergestrichen und zuletzt weit -- weit hinaus in das düstere Meer
+verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden --
+wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte
+-- so einsam -- so öde schien mir in dem Augenblick die Welt?«
+
+»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise.
+
+»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's
+Auge sah -- »in jener Nacht starb meine Anna -- an jenem Morgen lag sie
+kalt und bleich auf ihrem Lager dort -- dort, wohin die Schwäne in den
+Nebel zogen!« -- Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen,
+das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die
+Brust des Freundes lehnte.
+
+Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort -- kein
+Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den
+fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen
+Schmerz.
+
+»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in
+seinen Armen empor.
+
+»So -- jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer
+seine Brust hob -- »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von Fremden
+umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust
+zurückzubannen, das thut doppelt weh!«
+
+»Armer, armer Freund! -- Und wo erhieltest Du die Nachricht?«
+
+»Vor wenigen Tagen in Rio -- der Dampfer, der mich in die Heimath führen
+sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt --
+jetzt _kann_ ich nicht zurück, und ich begleitete Sarno, um hier noch
+manche Arbeit zu beenden, die ich -- gehofft hatte von Anderen beendet
+zu sehen. -- Aber nun leb' wohl, Freund -- wie ich höre, willst Du
+Könnern begleiten -- ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen
+Menschen zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was
+ich Dir eben vertraut -- es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch
+meinen Gruß und -- leb' wohl!«
+
+»Du willst fort?«
+
+»Hier steht mein Pferd -- Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögest
+auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!«
+
+Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann riß
+sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand
+zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden.
+
+Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war ihm
+recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und
+allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. -- Als er wieder
+an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen
+Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. -- Es war
+Helene. -- Fast unwillkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und
+blieb dann stehn.
+
+»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von
+ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. -- Er sah
+nach seiner Uhr -- es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. -- »Was
+kümmert's denn mich, wenn sie -- ei, ich will aus Brasilien von
+keinem Menschen im Bösen scheiden -- am Wenigsten von ihr!« und rasch
+entschlossen schritt er in das Haus hinein.
+
+Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem
+das »Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein!
+antwortete ihm -- Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie
+war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als
+Schmuck und sah ungewöhnlich bleich aus.
+
+»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu
+verlassen, und -- wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu
+sagen.«
+
+»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte
+es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte,
+so viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das aber machte ihn selber
+verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den kaum begonnenen
+Abschied noch zu kürzen.
+
+»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen
+zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien
+zurückkehren werde.«
+
+»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich
+zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich
+nicht, daß wir auf _diese_ Weise von einander scheiden. -- Ich habe
+einen Verdacht, Sie _wissen_, daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt.
+-- Wenn dem nicht so wäre, nehmen Sie hier meine Erklärung ....«
+
+»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht -- »ich -- wußte
+nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie -- ihn so lange schon
+geführt ....«
+
+»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten
+hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte
+gehofft, _Sie_ wenigstens würden besser von mir denken; aber -- lassen
+Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst -- »ich habe so wenig
+Freunde auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir
+geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr
+Graf, und -- möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter
+traurige Bilder bieten!«
+
+Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen
+ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los
+und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:
+
+»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen
+Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick,
+den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr
+als Sie vielleicht glauben. -- Sehen Sie mir in's Auge -- halten Sie
+mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es
+wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in
+einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht
+selbst noch von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein
+Geheimniß,« fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm
+stand -- »ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause -- ich
+wußte ....«
+
+»Es _ist_ nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und ihre Hand aus der
+seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.
+
+Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.
+
+»Es _ist_ nicht Ihre Mutter?« wiederholte er endlich, und die Worte
+rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust.
+
+»Nein,« hauchte Helene -- »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen
+schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war -- es war mir
+nur ein -- peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu
+fühlen, daß Sie -- mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn
+Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so -- verlassen Sie mich
+jetzt!«
+
+»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und
+Gefühlen das Hirn durchzuckte -- »nicht so dürfen wir scheiden! Hier
+liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen -- o, wenn Sie Vertrauen
+zu mir hätten -- wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen könnten, wie
+gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.«
+
+»Herr Graf,« bat Helene scheu.
+
+»Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr
+Rottack leidenschaftlich fort -- »daß es Ihnen peinlich sei, _mich_
+scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten
+Sie Ihr Vertrauen zurück -- geben mir nur Andeutungen, die mich noch
+verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die
+sich Ihnen entgegenstreckt.«
+
+»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes
+beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.
+
+Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr
+treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte
+er herzlich:
+
+»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln
+Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg
+einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. -- Machen
+Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf
+der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!«
+
+Helene rang mit sich -- zu plötzlich, zu überraschend war ihr das Alles
+gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um _überlegen_ zu können.
+Noch nie aber hatte sie so das Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie
+in diesem Augenblick -- noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so
+herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich
+zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand,
+was er ihr geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und
+mit leiser, aber fester Stimme sagte sie:
+
+»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack -- ich _will_ Ihnen glauben -- ich würde
+Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen -- wie einem Bruder« --
+setzte sie kaum hörbar hinzu -- »aber für mich selber ist meine ganze
+Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein
+Licht darüber geben könnte -- bindet ein Schwur.«
+
+»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt -- »aber woher dann -- ich begreife
+nicht, wie Sie da überhaupt ....«
+
+Helene stand noch immer zögernd vor ihm -- aber wußte er nicht schon ihr
+Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden
+Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?
+
+»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es
+sich ihr endlich aus der Brust -- »hier, dieser Brief kam durch eine
+Verwechslung der Couverts in meine Hände« -- halb abgewandt reichte sie
+ihm denselben.
+
+»Darf ich ihn lesen?«
+
+»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den
+Händen.
+
+Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken
+verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.
+
+»Sie weigert sich, ihn zu nennen -- ein Schwur bindet ihre Lippen.«
+
+»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den
+Schwur kenne ich -- er heißt Selbstinteresse -- aber ich begreife noch
+immer nicht -- Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« unterbrach
+er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch
+legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während
+er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl
+über sein Antlitz zuckte -- »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das
+Vertrauen, das Sie mir geschenkt -- wenn ich es Ihnen auch nur durch
+Überraschung abgepreßt. -- Aber jetzt fort -- Du mein Himmel, mir
+schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt
+das Hirn durchkreuzen -- und doch war ich nie so glücklich, nie so
+lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«
+
+»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich
+Rottack's Betragen nicht erklären.
+
+»Gewiß,« lachte dieser -- »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich --
+aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen
+Besuch zu machen -- und dann komme ich wieder her -- in einer halben
+Stunde bin ich wieder hier« -- Und ohne Abschied sprang er in jubelndem
+Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.
+
+
+
+
+12.
+
+Schluß.
+
+
+Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten
+gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit
+flüchtigen Sätzen angesprungen kam.
+
+»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes
+eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im
+Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«
+
+»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix -- »Sie müssen noch einen
+Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!«
+
+»Vergessen -- was?«
+
+»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!«
+
+»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so
+förmlich geworden?«
+
+»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder
+Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und
+direct dem Hause der Gräfin zu.
+
+Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.
+
+»Ist die Frau Gräfin oben?«
+
+»Ja, in ihrem Zimmer.«
+
+»Melden Sie mich -- rasch, denn ich habe große Eile!«
+
+»Ja, _ich_ kann jetzt nicht hinaufgehen.«
+
+»Dann meld' ich mich selber!« -- und in wenigen Sätzen war er oben.
+An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief
+eine bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten
+Augenblicke der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha
+empor fuhr.
+
+»Herr Graf!«
+
+»Frau _Gräfin_,« sagte der junge Mann, sich mit Anstand verbeugend
+-- »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Kürze seine
+Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren
+Beantwortung ich Sie ersuche.«
+
+»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen,
+denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.
+
+»Gut -- dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so
+förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.«
+
+»Welchen Namen, Herr Graf?«
+
+»Den Namen von Helenens Mutter.«
+
+»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten.
+
+»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß Sie
+einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen
+gegenüber ging -- _wir_ stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie
+mir die volle Adresse _jetzt_ in diesem Augenblick auf, oder ich
+gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und --
+unterhalte mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich
+nicht scherze. _Noch_ ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und wird
+da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen -- wo nicht -- schreiben Sie
+sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß
+Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine einfache
+Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit Angabe der Verhältnisse,
+_ohne_ einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch
+das ist Nebensache. _Wir_ haben es hier mit dem speciell zu thun, was
+_Sie_ betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Besten
+kennen.«
+
+»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn ich mir selber
+alle Hülfsmittel abschneide, wovon -- o, wovon soll _ich_ denn da leben?
+Alles verläßt mich -- Alles verläßt mich -- auch der undankbare Mensch,
+der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen!«
+
+Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte:
+
+»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da
+ihm die _Frau_ abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete
+Schwiegermutter zu behalten -- doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunsch
+erfüllen oder nicht? ich _muß_ Antwort haben.«
+
+»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.«
+
+»Nein -- hier ist Papier und Dinte -- in fünf Minuten bleibt Ihnen keine
+Wahl mehr.«
+
+»Und _Sie_ versprechen mir zu schweigen?«
+
+»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die
+Colonie.«
+
+Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und
+reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber.
+
+»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert
+-- das Geheimniß ist nicht für mich.«
+
+Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr
+durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und
+ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen -- und der
+Baron _mußte_ schon einen Verdacht gefaßt haben -- als durch die Sorge
+um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert hatte. _Sie_ lebte nur in dem
+Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste
+Tag?
+
+»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit
+einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf
+dabei ansah -- »wie war es _möglich_, daß Helene bis vor wenig Tagen
+keine Ahnung davon haben konnte, _Sie_ seien nicht ihre wirkliche
+Mutter? Ich begreife das nicht.«
+
+»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann
+in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt
+mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß
+erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....«
+
+»Vollkommen ohne Nebenabsichten?«
+
+»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde -- »da entschloß sie sich zu
+dem Schritt -- den wir vorher reiflich überlegt hatten: sie mir nämlich
+mitzugeben, und ich -- holte sie damals, _als_ ihre Mutter, aus der
+Pension ab.«
+
+»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich
+eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?«
+
+»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt
+uns Pflichten auf, und -- in diesem Fall -- sie konnte doch nicht ihren
+_Ruf_, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja
+vernichtet worden.«
+
+»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack
+bitter -- »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben _mir_ einen
+Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire -- wir
+tauschen nämlich Papier um Papier. _Dieses_ ist Helenen's Geheimniß --
+_das_ hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor
+der Frau auf den Tisch legte -- »ist das _Ihrige_ -- wir sind quitt,
+nicht wahr?«
+
+»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus.
+
+»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe
+darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß
+gedrückt und das Haus verlassen.
+
+Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst
+und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder
+und stand gleich darauf in Helenens Zimmer.
+
+Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem
+Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden
+zu entdecken, und gerade _ihm_, der sie die letzte Zeit so kalt, fast
+höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch
+das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was _konnte_ sie
+thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie
+sich nicht nach _einem_ Herzen, dem sie vertrauend nahen -- zu dem sie
+um Trost -- um Hülfe aufblicken konnte? Und was that _er_ jetzt? Wohin
+hatte er sich gewandt? Würde sie ihn je wiedersehen, und spottete
+er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele
+losgerungen?
+
+In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört,
+und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er
+ihr entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz
+und Muthwille, der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen
+gewichen, und mit leiser Stimme sagte er:
+
+»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält --
+fürchten Sie nicht, daß _ich_ Ihr Geheimniß belauscht hätte -- ich kenne
+den Inhalt nicht.«
+
+»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem
+ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.
+
+»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig -- »erinnern Sie sich
+noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit -- jener Frau in der Stadt
+begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre -- vermeintliche Mutter
+sah.«
+
+»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig
+in's Herz -- »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht auf
+-- jene Frau.«
+
+»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber seine
+Stimme mehr und mehr steigerte -- »hatte ich nur _Sie_ gesehen und hatte
+Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben
+würde, wenn Sie sie hätten ahnen können.«
+
+»Graf Rottack!«
+
+»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die
+mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in
+Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da
+-- da sah ich Ihre Mutter -- Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte
+-- deren ganze Vergangenheit vor mir lag und -- ich _konnte_
+nicht anders glauben, als daß _Sie_ den Betrug theilten -- daß Sie
+_Mitwisserin_, Mithandelnde der Täuschung wären.«
+
+»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille
+Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. -- Rang und Stand
+-- Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; ich
+stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener
+Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen -- aber der Betrug fraß
+mir in's Herz hinein -- der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und --
+machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuschung
+zu vollenden, selbst das Netz, das -- jene Frau nach dem unglücklichen
+Pulteleben auswarf, und das -- wie es meiner verblendeten Eifersucht
+schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« -- rief er
+leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank -- »ich habe
+Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir verzeihen?«
+
+»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!«
+
+»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack -- »Helene,
+ich _habe_ Sie geliebt, ich habe nie aufgehört Sie zu lieben, und wie
+ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber stand, hätte mir das Herz dabei
+zerspringen mögen in der Brust. Können Sie mir verzeihen? Können Sie
+vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt -- glüht auch in _Ihrem_
+Herzen noch ein Funken der alten Liebe für _mich_? Läugnen Sie es nicht,
+Helene -- jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten,
+waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten Mädchens; jene
+Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. -- Oh,
+können Sie nur einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, so werden Sie
+mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte
+umschlang -- »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude
+oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine
+junge Frau uns erwarten -- in deren Begleitung machen Sie die Reise nach
+Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.«
+
+»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.
+
+»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben -- daß Sie mir glauben, wenn
+ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav -- daß
+Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu
+können. Helene!«
+
+Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an
+seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder
+und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment
+schien aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er
+weinte und lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen
+los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand,
+und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam.
+
+»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen
+lachend aus -- »was machen Sie, was soll das werden?«
+
+»Abreise -- Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner
+Beschäftigung stören zu lassen -- »wir sind ja in der größten Eile --
+unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.«
+
+»Abreisen?« rief Helene erschreckt -- »aber doch nicht jetzt? -- nicht
+heute?«
+
+»In einer Viertelstunde.«
+
+»Das ist ja unmöglich!«
+
+»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen -- Du bist mein, _ich_ bin
+der glücklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles
+Kleinigkeit und Nebensache.«
+
+»Aber wie kann das sein -- Rohrlands ...«
+
+»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten
+zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich
+bin gleich wieder da!«
+
+Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später
+mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos,
+keines Gedankens fähig, stand.
+
+»Liebe Frau Rohrland -- lieber Herr Rohrland -- ich habe hier das
+Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. -- Liebe
+Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches
+Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene
+Heirath.«
+
+»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in
+die Arme.
+
+»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte
+Felix -- »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir
+dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen
+Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau
+Rohrland?«
+
+»Ja, von Herzen gern, aber ...«
+
+»Gar kein Aber -- ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren
+herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr
+an die Landung?«
+
+»Ja, von Herzen gern -- aber diese Hast ...«
+
+»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten -- lieber Rohrland, auf ein
+Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte
+ihn vor die Thür hinaus.
+
+»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«
+
+»In _meiner_ Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld
+von _ihr_ in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.«
+
+»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den
+wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«
+
+»Aber ich begreife gar nicht.«
+
+»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«
+
+»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«
+
+»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei
+Seite schob -- »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!«
+rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein
+angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an
+die Landung hinunter.
+
+»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm
+Könnern entgegen -- »wir warten und warten hier.«
+
+»Lieber Freund,« sagte Rottack -- »ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren
+und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf -- es geht
+noch ein Passagier mit. -- Lieber Freund, ich habe in der kurzen
+Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter
+gebraucht, und dann _noch_ nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das
+ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.«
+
+»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der
+Landung stand -- »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts
+versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen
+doch nicht immer gleich fertig werden.«
+
+»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt
+-- und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der
+Landung auf und ab gegangen waren.
+
+»Fort -- in den Wald,« sagte Rottack ernst -- »ich habe Euch noch seine
+besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«
+
+»Braver Günther,« sagte Könnern -- »er hat Elisen die letzten Stunden
+nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos,
+Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Wahrhaftig?«
+
+»Nun, gewiß -- und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«
+
+»Ihrer Tochter?«
+
+»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es
+mit in ihre Koje nimmt.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in
+die Stadt hinaufgesehen hatte -- »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine
+nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen.
+Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt -- daß mir um Gottes willen
+Rohrlands das Bild nicht vergessen« -- und von Könnern fort, der ihm
+kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit
+den Weg zurück, den er gekommen.
+
+Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute
+haben könne, denn _so_ hatte er ihn noch nie gesehen, und außerdem
+drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah auch schon in immer
+kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr -- endlich ließ sich ein kleiner
+Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze
+rasch zur Landung herunter kamen.
+
+Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge
+Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten
+die Damen.
+
+»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein
+guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.
+
+»Ich? Denke gar nicht daran, aber -- so viel ich weiß ...«
+
+»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur
+erglühende Braut vor -- »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch
+trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und
+bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen
+Ihrem mütterlichen Schutz.«
+
+»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und
+nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«
+
+»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf,
+indem er Helene der jungen Frau zuführte -- »aber nun in's Boot. Sie
+haben lange genug auf uns gewartet -- hieher, Jeremias -- _das_ zum
+Andenken.«
+
+»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht.
+
+»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote
+nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit
+Tüchern und Hüten.
+
+»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben,
+schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.
+
+
+_Ende._
+
+
+Druck von _G. Pätz_ in Naumburg.
+
+
+
+
+Fußnoten
+
+[1] Eine Art Zuckerrohr.
+
+[2] Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig
+ herrscht.
+
+[3] Authentisch.
+
+
+
+
+ * * * * * *
+
+
+
+
+Hinweise zur Transkription
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
+Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei
+Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise
+sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der
+Zeichensetzung nicht.
+
+ Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Änderungen
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Seite 23
+ ein sehr großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen
+ ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen
+
+ Seite 37
+ ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen
+ ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen
+
+ Seite 46
+ als sie den Dienst meiner Mutter verließen
+ als Sie den Dienst meiner Mutter verließen
+
+ Seite 87
+ Er hielt unwillürklich mitten im Binden
+ Er hielt unwillkürlich mitten im Binden
+
+ Seite 227
+ hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte
+ hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte
+
+ Seite 247
+ mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln
+ mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln
+
+ Seite 260
+ denn ein solche Schaar deutscher Colonisten
+ denn eine solche Schaar deutscher Colonisten
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***
+
+
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+<p>Title: Die Colonie. Dritter Band</p>
+<p> Brasilianisches Lebensbild</p>
+<p>Author: Friedrich Gerst&auml;cker</p>
+<p>Release Date: April 27, 2012 [eBook #39545]</p>
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+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***</p>
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+ (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
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+ http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&amp;id</a>
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+von<br />
+<big>Friedrich Gerstäcker.</big><br />
+<small>Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.</small><br />
+<span class="gesperrt"><b>Dritter Band.</b></span><br />
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+
+<hr style="margin-top: 2em; width: 50%;" />
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+<p class="front">
+Leipzig,<br />
+<span class="gesperrt">Hermann Costenoble</span>.<br />
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+
+
+
+
+<table summary="Inhaltsverzeichnis" border="0" width="70%" style="margin-bottom: 6em;">
+
+<tbody style="line-height:1.3;">
+
+<tr>
+ <th colspan="2" style="font-size:150%;">Inhalts-Verzeichniss.</th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="right">Seite</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC01" class="gesperrt">Erstes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Die Abendgesellschaft</td>
+ <td align="right">7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC02" class="gesperrt">Zweites Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Fortsetzung.</td>
+ <td align="right">33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC03" class="gesperrt">Drittes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Auf Köhler's Chagra</td>
+ <td align="right">57</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC04" class="gesperrt">Viertes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Helene</td>
+ <td align="right">87</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC05" class="gesperrt">Fünftes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Gerichtspflege in der Colonie</td>
+ <td align="right">117</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC06" class="gesperrt">Sechstes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Vorbereitungen</td>
+ <td align="right">143</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC07" class="gesperrt">Siebentes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Bux auf der Flucht</td>
+ <td align="right">164</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC08" class="gesperrt">Achtes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Gefunden</td>
+ <td align="right">194</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC09" class="gesperrt">Neuntes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Herr von Pulteleben</td>
+ <td align="right">214</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC10" class="gesperrt">Zehntes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Graf Rottack's weitere Beschäftigung</td>
+ <td align="right">236</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#TOC11" class="gesperrt">Elftes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Abschiednehmen</td>
+ <td align="right">253</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2"><a href="#TOC12" class="gesperrt">Zwölftes Kapitel.</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left">Schluß</td>
+ <td align="right">276</td>
+</tr>
+
+</tbody>
+</table>
+
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_007" id="Pg_007">[S. 7]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC01" id="TOC01"></a>1.<br />
+
+Die Abendgesellschaft.</h2>
+
+
+<p>In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft
+sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt,
+die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend
+Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst Helenens
+Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr lautete
+die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran, als die Frau
+Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von Pulteleben extra
+aus Rio verschrieben und das <em class="gesperrt">sehr</em> viel Geld
+gekostet hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre
+Toilette noch einmal zu mustern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_008" id="Pg_008">[S. 8]</a></span>
+
+Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute
+nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen Horizont
+begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen Gebirgszuges
+scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.</p>
+
+<p>»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die
+Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht von
+ihrem Rückgrat zu bekommen &ndash; »ich traue ihm nicht recht; er ist ein
+ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.«</p>
+
+<p>»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte
+Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.«</p>
+
+<p>»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir <em
+class="gesperrt">nicht</em> recht angenehm, daß wir bei der heutigen
+Gelegenheit gerade wildfremde Menschen haben, von denen ein paar sogar mit
+dem früheren Director eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die
+»<em class="gesperrt">bürgerliche</em> Versammlung« die Nase rümpfen.«</p>
+
+<p>»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der <em
+class="gesperrt">alte</em> Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt
+fände; wenn er aber unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_009" id="Pg_009">[S. 9]</a></span>
+
+nach Brasilien auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum
+Aufenthalt wählen sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und
+den Herrn Baron zu beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer
+Artillerieofficier, ein Herr von Schwartzau.«</p>
+
+<p>»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?«</p>
+
+<p>»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber
+nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist &ndash; wen interessirt das
+auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.«</p>
+
+<p>»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah
+ihre Tochter forschend dabei an.</p>
+
+<p>»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene
+kalt und stolz.</p>
+
+<p>»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel
+trug &ndash; »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der
+Treppe.«</p>
+
+<p>Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar
+trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke.</p>
+
+<p>»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_010" id="Pg_010">[S. 10]</a></span>
+
+an's Fenster gehend; »hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?«</p>
+
+<p>»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest
+Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und
+Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die
+Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft
+erwarten! Wer ist wer?«</p>
+
+<p>»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns
+die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich, in
+die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von früher
+her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser hergekrochen
+bin und ihn nie habe erwischen können &ndash; aber abgewöhnt hab' ich's ihm
+wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.«</p>
+
+<p>Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu,
+und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne auf
+die Schwester weiter zu achten, fort:</p>
+
+<p>»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig &ndash; die ist in den Fluß
+gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar geprügelt
+hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_011" id="Pg_011">[S. 11]</a></span>
+
+»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du
+wolltest zu der Auction hinausreiten?«</p>
+
+<p>»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange
+gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend
+Kleinigkeiten.«</p>
+
+<p>»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?«</p>
+
+<p>»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern &ndash; Du mußt ihn
+schon in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause
+&ndash; schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend
+brauchbar erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.«</p>
+
+<p>»Herr von Pulteleben ist zurück?«</p>
+
+<p>»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln
+nicht ankriegen.«</p>
+
+<p>»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah
+nach ihrer Uhr &ndash; »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir
+unbegreiflich.«</p>
+
+<p>»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der
+Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben, aber
+Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber &ndash; der muß schmählich
+reich sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_012" id="Pg_012">[S. 12]</a></span>
+
+»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin ihre
+Tochter.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.«</p>
+
+<p>»So &ndash; entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich
+nicht vornehm genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur
+einbilden?«</p>
+
+<p>»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar &ndash; »Jeremias unterhält
+sich &ndash; der Bursche ist heute göttlich &ndash; hast Du ihn schon in
+seiner Galatracht gesehen?«</p>
+
+<p>Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem
+Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich
+heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete:</p>
+
+<p>»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau
+Gemahlin.«</p>
+
+<p>Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch
+in den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick
+zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem
+Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste,
+gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber,
+etwas unpassend, mit
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_013" id="Pg_013">[S. 13]</a></span>
+
+Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine Frau hinter sich
+herschleppte.</p>
+
+<p>Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase
+und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen
+&ndash; außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten
+und &ndash; wenn das Gerücht nicht log &ndash; auch ihres eigenen Mannes.
+Jetzt aber schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute
+sie sich, die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie
+über das vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse &ndash; von Oskar
+nahm sie keine Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der
+Thür durch sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber
+furchtbarer Verachtung.</p>
+
+<p>Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich
+noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er
+drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo saß,
+so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor Beckstein
+war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, sondern
+daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein gewesen. Aus einem oder dem
+andern Grunde mußte er aber seinen Dienst quittiren,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_014" id="Pg_014">[S. 14]</a></span>
+
+war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn und wanderte
+zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere Stellung bekommen
+konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine Zuhörer jeden Sonntag
+Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner sagt, <i>the gift of the
+gab</i>, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen, die natürlich Niemand
+nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt in seiner Stellung
+zu behaupten &ndash; konnten die Colonisten doch auch keinen andern und
+besseren auftreiben.</p>
+
+<p>Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug,
+viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge
+Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie
+schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber,
+als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab
+es deshalb nie. &ndash; Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes
+schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer
+großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als zwei furchtbar
+große, reich gestickte &ndash; leider auch schon einmal
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_015" id="Pg_015">[S. 15]</a></span>
+
+ausgebesserte &ndash; Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose
+trug.</p>
+
+<p>Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste,
+denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald in's
+Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar Rohrland
+nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.«</p>
+
+<p>Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines,
+rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos
+gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer
+einzelnen Achatschnur um den Hals.</p>
+
+<p>Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem
+Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in der
+bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.</p>
+
+<p>Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich
+stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung
+lautete. Er war natürlich <i>à quatre épingles</i> gekleidet; seine
+Toilette ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit
+bei dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor
+Beckstein schrak auch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_016" id="Pg_016">[S. 16]</a></span>
+
+wirklich ordentlich in sich zusammen, als er zufällig einmal einen Blick
+auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin haßte den Baron aber seit diesem
+Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn je gehaßt hatte &ndash; es versteht
+sich von selber, nur seines Stolzes und Hochmuths wegen, der ihn sogar
+nicht ein einziges Mal in <em class="gesperrt">ihre</em> Kirche ließ.</p>
+
+<p>Jetzt erschien auch endlich &ndash; als Hausgenosse jedoch eben so
+gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet &ndash; Herr von Pulteleben,
+gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch
+neueren Frackschnitt als der Baron, was seinerseits <em
+class="gesperrt">diesen</em> wieder ärgerte. Herr von Pulteleben ging
+übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu, diese zu begrüßen, machte dem
+Baron dann die gehörige Verbeugung und grüßte den Herrn Pastor mit seiner
+Gattin, die anfingen, sich in eine Ecke zu drücken und dort festzusetzen,
+in etwas summarischer Weise &ndash; was wieder einen Stachel in der Brust
+der Frau Pastorin zurückließ. Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute
+Abend Stacheln &ndash; wären es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim
+Nachhausegehen wie ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte
+sich Herr von Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens
+nicht befriedigenden
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_017" id="Pg_017">[S. 17]</a></span>
+
+Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin hatte nämlich
+gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch vielleicht sehr
+unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin eben nicht angenehm
+getäuscht.
+
+Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von
+Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit
+oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um
+Entschuldigung bat.</p>
+
+<p>Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der
+That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen oder
+bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm gefaßt und
+gesagt:</p>
+
+<p>»Laß mich lieber unten, Günther &ndash; es ist wahrhaftig besser, und
+die Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind
+ja alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die
+Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu
+werden &ndash; warum ihr also den Spaß verderben?«</p>
+
+<p>»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther,
+»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_018" id="Pg_018">[S. 18]</a></span>
+
+wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann mir
+denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz besondere
+Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich will Dich dann
+schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl einmal eine andere und
+bessere Gelegenheit, die Frau <em class="gesperrt">Gräfin</em> wenigstens
+wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.«</p>
+
+<p>»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf
+bitter &ndash; »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten
+Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern die
+Kammerfrau als Schwiegermutter &ndash; ich würde mich sogar hüten,
+die Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur
+<em class="gesperrt">ein</em> Wort kostete. Aber in <em
+class="gesperrt">einer</em> Art hast Du Recht &ndash; wenn auch in einem
+andern Sinn, wie Du es gemeint &ndash; Helene selber könnte nämlich
+glauben, ich sei der Verlobung ausgewichen, und deshalb &ndash; gehen
+wir hinauf. Ich freue mich jetzt selber darauf, einmal einer echt
+aristokratischen Gesellschaft in einer brasilianischen Colonie
+beizuwohnen.«</p>
+
+<p>»Du willst mitgehen?«</p>
+
+<p>»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_019" id="Pg_019">[S. 19]</a></span>
+
+wieder ergreifend und ihn mit fortziehend; »es muß überhaupt schon fast
+dreiviertel sein, und wir werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie
+sich die Frau Gräfin freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber
+ich bitte Dich, Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das
+Geheimniß ist mein eigen.«</p>
+
+<p>»Gewiß &ndash; aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?«</p>
+
+<p>»Ich glaube kaum &ndash; zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns
+nicht gesehen, und ich selber &ndash; bin alt dabei geworden; vielleicht
+kann ich jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.«</p>
+
+<p>»Da sind wir.«</p>
+
+<p>»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese
+erleuchteten Hallen &ndash; wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler
+röche &ndash; und Jeremias in Gala &ndash; Ich fürchte fast, Günther, daß
+wir nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.«</p>
+
+<p>»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur
+entgegen &ndash; »immer 'rein &ndash; <em class="gesperrt">hür</em> ist
+der Platz, wo Sie Staunenswerthes sehen und erleben werden &ndash; immer
+hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen gar Nichts und Säuglinge unter zwölf
+Jahren die Hälfte!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_020" id="Pg_020">[S. 20]</a></span>
+
+»So recht, Jeremias,« lachte Günther &ndash; »ist die Gesellschaft
+versammelt?«</p>
+
+<p>»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste
+&ndash; »fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen«
+&ndash; und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf
+und meldete:</p>
+
+<p>»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit &ndash; Donnerwetter, ich weiß
+ja <em class="gesperrt">Ihren</em> Namen nicht!«</p>
+
+<p>Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln
+nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick auf
+den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die
+Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes, jeder
+Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung bringen zu
+lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin zu und sagte
+mit einer leichten Verbeugung:</p>
+
+<p>»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf
+heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier
+vorzustellen.«</p>
+
+<p>Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von
+Schwartzau, die nur
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_021" id="Pg_021">[S. 21]</a></span>
+
+an der äußersten Kante den neben ihm stehenden Freund einschloß; Helene
+aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat jetzt vor, und von Schwartzau
+die Hand reichend, sagte sie herzlich:</p>
+
+<p>»Sie haben <em class="gesperrt">mir</em> besonders eine große Freude
+gemacht, daß Sie der Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde
+mir ja gar keine Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken,
+die Sie mir geboten, wie ich es wohl gemocht.«</p>
+
+<p>»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast
+wunderbaren Schönheit des Mädchens &ndash; »so sehr wir den Unfall <em
+class="gesperrt">Ihretwegen</em> bedauert haben, so glücklich hat uns der
+kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen leisten durften. Übrigens muß ich die
+Haupthandlung vollkommen von mir abwenden, denn Freund Randolph hier
+war der eigentliche Held des Morgens, indem er sich Ihrem Pferd
+entgegenwarf.«</p>
+
+<p>Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen <em class="gesperrt">beide</em>
+Männer gewandt gehabt, aber während sie sprach doch immer nur Günther
+angesehen, und höchstens einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter,
+aber nie bis zu dessen Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger
+vermeiden, und auch ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte
+sie, aber nicht mehr so zuversichtlich, als vorher:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_022" id="Pg_022">[S. 22]</a></span>
+
+»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit meinem
+wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr hörte oder
+sah, was um mich her vorging &ndash; viel weniger denn hätte Personen
+unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten Dank.«</p>
+
+<p>»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die
+gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ
+&ndash; »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
+ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang. Ich
+kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen stets in
+den Weg, wo ich sie eben treffe.«</p>
+
+<p>»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem
+Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.«</p>
+
+<p>»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director
+ansehend &ndash; »mit wem habe ich das Vergnügen?«</p>
+
+<p>»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die
+beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander.</p>
+
+<p>»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_023" id="Pg_023">[S. 23]</a></span>
+
+in seinem Benehmen,« flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben
+der er stand.</p>
+
+<p>»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem
+gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm
+abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer
+betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben
+gesehen?</p>
+
+<p>Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so
+fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber
+so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein
+konnte.</p>
+
+<p>Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein
+sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose
+und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das
+Verbindlichste fragte:</p>
+
+<p>»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau
+&ndash; hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen
+heruntergefegt!«</p>
+
+<p>Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee
+verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder
+geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_024" id="Pg_024">[S. 24]</a></span>
+
+Thee kaum möglich. Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und
+daher sehr häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch
+Thee umhergereicht wird.</p>
+
+<p>Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast
+ausschließlich um die Tagesbegebenheit &ndash; die Auction des
+Meier'schen Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen,
+geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als
+einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen,
+daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein
+Messerstich für ihn gewesen.</p>
+
+<p>»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director
+an diesen &ndash; »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns
+niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder
+vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die
+er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden
+Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier eine
+Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.«</p>
+
+<p>»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu
+können, Herr Baron,«
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_025" id="Pg_025">[S. 25]</a></span>
+
+sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste von diesen Einkäufen
+gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn Meier selber bekommen,
+denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher zurückzukehren. Er hat
+wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen lassen.«</p>
+
+<p>»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?«</p>
+
+<p>»Ganz und gar nicht &ndash; ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum
+ersten Male betreten.«</p>
+
+<p>»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im
+ganzen Ort zu sein, der sie kennt.«</p>
+
+<p>»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden
+gehabt.«</p>
+
+<p>»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?«</p>
+
+<p>»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend,
+»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben
+würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist möglich,
+daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu beigetragen
+hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.«</p>
+
+<p>»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director &ndash;
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_026" id="Pg_026">[S. 26]</a></span>
+
+er sah, daß er aus Günther Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn
+dieser wirklich um Eins oder das Andere gewußt hätte.</p>
+
+<p>Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und
+Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin und
+Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge verwickelt
+waren.</p>
+
+<p>»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame
+bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse
+abnahm und sich Zucker und Milch nahm &ndash; »das ist gar Nichts &ndash;
+denken Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen.
+Ich muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für
+den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«</p>
+
+<p>»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt &ndash; »für zweiunddreißig
+Beine!«</p>
+
+<p>Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging
+weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.</p>
+
+<p>»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte
+Helene, »so halte ich es doch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_027" id="Pg_027">[S. 27]</a></span>
+
+für eine entsetzliche und fatale Gewohnheit, die aber eben nicht
+abzuschaffen ist und deshalb ertragen werden muß.«</p>
+
+<p>»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der
+Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören,
+keinen Mann zu küssen der raucht.«</p>
+
+<p>»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret
+vorschob &ndash; »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein
+&ndash; die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen
+der <em class="gesperrt">nicht</em> raucht &ndash; was nachher für ein
+Gereiße um den Herrn Director wäre!«</p>
+
+<p>Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director
+sah Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig
+abprallte.</p>
+
+<p>Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument
+gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact, daß
+ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.</p>
+
+<p>»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten <em
+class="gesperrt">Sie</em> nicht die Freundlichkeit haben und uns Etwas zum
+Besten geben? Ich habe schon so viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie
+die Freude gehabt, selber Ohrenzeuge zu sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_028" id="Pg_028">[S. 28]</a></span>
+
+Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das
+Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben
+stehen.</p>
+
+<p>»Und sind <em class="gesperrt">Sie</em> nicht musikalisch, würdiger
+Greis?« sagte der junge Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse
+bereitete.</p>
+
+<p>»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein
+Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf &ndash; »aber ich stamme aus
+einer ganz musikalischen Familie.«</p>
+
+<p>»So?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Jeremias &ndash; »ich habe drei Schwestern, die sind alle
+musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das
+Pianoforte und die dritte ist Witwe &ndash; nehmen Sie nicht <em
+class="gesperrt">noch</em> ein Stückchen Zucker?«</p>
+
+<p>»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und
+Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur Thür
+hinaus.</p>
+
+<p>Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich
+wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl &ndash; und wie
+seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und frisch
+sprang sie zu dem Allegro über, durch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_029" id="Pg_029">[S. 29]</a></span>
+
+das immer und immer wieder die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.</p>
+
+<p>Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst
+dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die
+Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der ihm
+Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt, geantwortet
+hatte, und jetzt &ndash; er deckte seine Augen mit der Hand, und Alles, was
+ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen, aus dem nur die
+Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.</p>
+
+<p>Jetzt schwiegen sie &ndash; »Bravo, Bravo, vortrefflich &ndash; wirklich
+meisterhaft!« tönte es von allen Seiten &ndash; nur Felix wandte sich ab
+und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer
+Luftzug seine Schläfe kühlte &ndash; die leeren Beifallsphrasen thaten ihm
+weh.</p>
+
+<p>Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen &ndash;
+die junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und
+mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine leise
+Stimme an seiner Seite sagte:</p>
+
+<p>»Sind Sie nicht auch musikalisch?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_030" id="Pg_030">[S. 30]</a></span>
+
+Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen
+hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz
+fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes
+Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.</p>
+
+<p>»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als
+sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte
+überhört hätte.</p>
+
+<p>»Ich? &ndash; Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß
+er sich, gerade <em class="gesperrt">dem</em> Mädchen gegenüber, so schwach
+und unbeholfen gezeigt &ndash; »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und
+fast rauh &ndash; »mir träumte einmal, daß ich spielen könnte &ndash; aber
+die Zeit liegt dahinten und &ndash; ich sehne sie auch nicht zurück.«</p>
+
+<p>»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.</p>
+
+<p>»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern &ndash; »Musik
+sollte ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir &ndash; reißt sie
+nur immer wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im
+Dunkeln schlafen. Ich <em class="gesperrt">hasse</em> Musik!«</p>
+
+<p>»Oder <em class="gesperrt">fürchten</em> sie,« sagte Helene ernst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_031" id="Pg_031">[S. 31]</a></span>
+
+»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse &ndash;
+und doch könnten Sie Recht haben &ndash; ich fürchte sie vielleicht.«</p>
+
+<p>»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in
+Schmerz und Leid!«</p>
+
+<p>»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob <em
+class="gesperrt">Sie</em> schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter
+sich und nicht &ndash; einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich
+hätten.«</p>
+
+<p>»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen &ndash; »Jeder von uns
+trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der glattesten
+Stirn verstecken &ndash; wer will sagen, daß er die schwereren trüge.
+&ndash; Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab &ndash; »wissen
+Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in
+unseren Träumen haben?«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Wir</em> Beide?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; auch mir träumte neulich einmal, daß Sie &ndash; spielen
+könnten, und doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur
+flüchtig auf der Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«</p>
+
+<p>»Allerdings &ndash; <em class="gesperrt">sehr</em> wunderbar!« rief
+Felix und schaute überrascht zu ihr auf, Helene sah
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_032" id="Pg_032">[S. 32]</a></span>
+
+ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf wieder abwandte und
+sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen eben und gehen, und
+drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere Erinnerung, daß wir in
+späteren Jahren die wirklichen von den geträumten kaum noch unterscheiden
+können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume vergessen.«</p>
+
+<p>Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie
+zu einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus der
+eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen breiten
+Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter einander,
+die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den Genuß
+aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt, und Oskar's
+laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste harre, machte
+überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_033" id="Pg_033">[S. 33]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC02" id="TOC02"></a>2.<br />
+
+Fortsetzung.</h2>
+
+
+<p>Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr
+seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland, da
+der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr Rohrland
+führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die Frau Pastorin
+zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen Escorte in das
+Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht hatte, die von seiner
+Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch kleine Namenszettel bezeichnete
+Rangliste der Sitzenden, gründlich durch einander zu werfen und zu
+verwirren.</p>
+
+<p>Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_034" id="Pg_034">[S. 34]</a></span>
+
+Tafel, mit Herrn Randolph an der einen und dem Director an der andern
+Seite; neben diesen die Frau Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und
+Herrn Rohrland, Oskar selber zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr
+gern unterhielt, und den Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf
+die andere Seite zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts
+von Felix zu sitzen kam.</p>
+
+<p>Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und
+mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen.
+Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an
+der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick
+zuwarf.</p>
+
+<p>Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten
+Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, um
+Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder umdrehte,
+war das Unglück geschehen.</p>
+
+<p>»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt &ndash; »wie &ndash; wie
+haben Sie sich denn gesetzt?«</p>
+
+<p>»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,«
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_035" id="Pg_035">[S. 35]</a></span>
+
+antwortete der Baron scharf &ndash; es war die einzige Rache, die er nicht
+unter seiner Würde hielt.</p>
+
+<p>»Aber das ist ja ganz falsch &ndash; eine Verwechselung!«</p>
+
+<p>»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die
+sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte &ndash; »wir bleiben so,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der
+Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte &ndash; »so
+ein Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«</p>
+
+<p>Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar wohl
+zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen Platz nicht
+eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer Änderung
+stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und mit einem
+kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn Rohrland hinein. Dann
+kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also Zusammengewürfelten
+begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel, eine lebhafte
+Unterhaltung.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die
+Luft gesetzt. Wie hatte
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_036" id="Pg_036">[S. 36]</a></span>
+
+er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu halten sich vorgenommen
+»mit der jungen Dame an meiner Seite« &ndash; rechts saß der Pastor, links
+der trockene Kaufmann Rohrland, und seine Schwiegermutter in spe konnte er
+nicht einmal ansehen, um den geeigneten Moment aufzufangen; er hätte dann
+um den dicken Beckstein herumgucken müssen.</p>
+
+<p>Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die
+Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den
+beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein
+vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem
+Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten &ndash;
+und doch war ihr das Herz dabei so weh &ndash; so sonderbar bedrückt
+&ndash; sie wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben,
+weshalb &ndash; und ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau,
+beschäftigte sich ausschließlich mit <em class="gesperrt">seiner</em>
+Nachbarin zur Rechten.</p>
+
+<p>Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr
+vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director,
+gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_037" id="Pg_037">[S. 37]</a></span>
+
+und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die
+segensreichsten Folgen für die Colonie tragen mußten.</p>
+
+<p>Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male,
+sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden &ndash; aber umsonst. Die
+Frau Pastorin hielt, was sie einmal hatte &ndash; welches Zeugniß ihr auch
+ihr Mann zu Zeiten ausstellte &ndash; und er mußte sich endlich in sein
+Schicksal ergeben und ruhig und geduldig ausharren.</p>
+
+<p>Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur
+unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der sich
+unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte
+sie das Gesicht schon gesehen &ndash; wo diese Züge, die ihr so merkwürdig
+bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem jungen
+Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf eine falsche
+Fährte brachten? &ndash; Felix konnte es eben so wenig entgehen, daß ihn
+die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinübersah
+&ndash; aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast spöttisches
+Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein <i>vis-à-vis</i> zuletzt so,
+daß sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_038" id="Pg_038">[S. 38]</a></span>
+
+sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu fragen, wo sie sich
+schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa
+Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß
+sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von
+Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem dicken Nachbar weggerufen
+hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« &ndash; und der Pastor,
+durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach der verkehrten Seite
+umsah.</p>
+
+<p>Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf,
+trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:</p>
+
+<p>»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es &ndash; daß es jetzt etwa
+Zeit sein dürfte, der Gesellschaft &ndash; der Gesellschaft den wichtigen
+Schritt mitzutheilen? &ndash; Wir sind schon beim Dessert.«</p>
+
+<p>»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen
+flüchtigen Blick über die Gäste werfend &ndash; »es wird in der That Zeit;
+bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben verneigte sich &ndash; es war ihm in der That <em
+class="gesperrt">nicht</em> recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum
+zu bitten, aber es ließ
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_039" id="Pg_039">[S. 39]</a></span>
+
+sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen
+hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben
+mochte, denn sie erbleichte sichtbar.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich
+selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron
+und flüsterte diesem einige Worte leise zu.</p>
+
+<p>»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier <em
+class="gesperrt">unten</em> von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«</p>
+
+<p>»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.</p>
+
+<p>»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund
+&ndash; »hm &ndash; es ist &ndash; eigentlich gegen meine Grundsätze, aber
+&ndash; wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, junger Freund« &ndash; und
+er stand dabei langsam von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den
+Fuß des vor ihm stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern
+Hand leicht seinen Messerrücken dagegen schlug.</p>
+
+<p>»Meine Herrschaften!«</p>
+
+<p>»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_040" id="Pg_040">[S. 40]</a></span>
+
+das Anschlagen des Glases gehört hatte und mit dem Käseteller auf den Baron
+zufuhr.</p>
+
+<p>»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias
+mit seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn
+erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle
+Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu nennen,
+die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses Leben zu
+wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche einstimmen
+werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und keine Dornen, nur
+Sonne und keinen Schatten ....«</p>
+
+<p>»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.</p>
+
+<p>»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und
+ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse Helene
+und Herrn Arno von Pulteleben &ndash; Sie leben hoch!«</p>
+
+<p>»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser
+erhebend und gegen einander stoßend.</p>
+
+<p>»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen
+Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein
+füllte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_041" id="Pg_041">[S. 41]</a></span>
+
+Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas
+entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:</p>
+
+<p>»Erlauben Sie, <em class="gesperrt">Comtesse</em>, daß ich der Erste
+sei, der Ihnen seinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn
+von Pulteleben bringt &ndash; es ist ja auch das Einzige, was wir anderen
+armen Teufel bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden
+mögen, daß er die &ndash; schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«</p>
+
+<p>Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm
+auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei
+ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment
+in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser,
+herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner
+Braut zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern
+wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er
+drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus dem
+Weg gesetzt zu sein.</p>
+
+<p>»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau
+Pastorin, die das Geheimniß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_042" id="Pg_042">[S. 42]</a></span>
+
+schon einige Tage früher als die betreffenden Personen selbst gewußt hatte
+&ndash; »ei, da gratulir' ich ja recht von Herzen und von ganzer Seele und
+mit ganzem Gemüth, und der Herr gebe seinen reichsten Segen dazu &ndash;
+und was man Ihnen sonst noch alles Gute wünschen kann!«</p>
+
+<p>Helene stieß mit Allen an &ndash; sie wußte gar nicht mit wem &ndash;
+sie bemerkte auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein
+Glas mit dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:</p>
+
+<p>»Meine liebe, liebe Helene &ndash; o, daß ich Sie jetzt so nennen
+darf!«</p>
+
+<p>Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte
+sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch Jeremias
+mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern konnte, stieß
+der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich zunickend, mit ihm an
+und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.</p>
+
+<p>Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.</p>
+
+<p>Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie
+unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor jetzt
+ein
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_043" id="Pg_043">[S. 43]</a></span>
+
+langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten« Gelegenheit
+verfaßt hatte.</p>
+
+<p>Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen
+Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen, vorsichtig
+die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich, daß der
+Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch alle, nur
+Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte beschäftigt,
+hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung desselben wieder
+niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen, wenn ihn der dicht
+hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und gehalten hätte.</p>
+
+<p>Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix
+wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu ihm
+und sagte freundlich:</p>
+
+<p>»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja,
+bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu
+einem Begräbniß geladen wären!«</p>
+
+<p>»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber
+wahrhaftig, Günther, ich &ndash; wollte, ich wäre gar nicht hierher
+gekommen. Ich fühle, daß ich anfange bitter und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_044" id="Pg_044">[S. 44]</a></span>
+
+vielleicht ungerecht zu werden, und &ndash; Andere entgelten lasse, was
+&ndash; möglicher Weise Andere gar nicht verschuldet haben.«</p>
+
+<p>»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn
+ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen
+früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«</p>
+
+<p>»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt
+empfehlen könnten?«</p>
+
+<p>»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen,
+was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen
+können.«</p>
+
+<p>»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«</p>
+
+<p>Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors
+habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen Debatte
+über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie verhandelte.</p>
+
+<p>Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf
+und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und
+der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und
+beobachtete
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_045" id="Pg_045">[S. 45]</a></span>
+
+Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha saß.</p>
+
+<p>Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben
+&ndash; die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte
+sie ja überhaupt nie hinaus.</p>
+
+<p>»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte,
+einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit der
+stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde &ndash; »thun Sie
+mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser &ndash; ich werde Sie
+königlich belohnen!«</p>
+
+<p>»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche,
+ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen &ndash; da hinten steht die Caraffe
+mit Gläsern &ndash; bitte, langen Sie zu &ndash; oder wollen Sie lieber den
+Kaffee haben? Der ist dünn genug.«</p>
+
+<p>Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen,
+sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest
+zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben, um nach
+Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix vorüberrauschte und
+mit dem Fächer dabei wedelte und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_046" id="Pg_046">[S. 46]</a></span>
+
+Herrn Rohrland gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch
+aufgehoben, wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer
+imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen
+musternd, sagte sie scharf:</p>
+
+<p>»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name &ndash; ah, ja,
+Randolph &ndash; wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht
+kommt mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa
+Catharina?«</p>
+
+<p>»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,«
+sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter
+verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf
+von Rottack.«</p>
+
+<p>Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch
+klar und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein
+Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und
+Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr und
+furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, vor ihm
+stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?«
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_047" id="Pg_047">[S. 47]</a></span>
+
+rief Helene, welche in diesem Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren
+Armen stützte.</p>
+
+<p>»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte
+sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director
+gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn vor
+die Thür hinaus.</p>
+
+<p>»Willst Du fort?« fragte dieser.</p>
+
+<p>»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte
+Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde in
+die Nacht hinaus.</p>
+
+<p>Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge scheu
+umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr erstaunter
+Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig war, um
+Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er vernommen. Er trat
+indessen rasch auf sie zu und fragte artig:</p>
+
+<p>»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein
+wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück &ndash;
+»ich danke Dir, mein
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_048" id="Pg_048">[S. 48]</a></span>
+
+Kind &ndash; »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven spielen mir
+manchmal einen solchen Streich.«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen
+und gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten Stuhl
+gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen Spaziergang
+im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte jedenfalls auf
+eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten Gäste waren aber
+müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction zugebracht, der Director
+schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem dem Wein sehr tüchtig
+zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so rüstete sich Alles zum
+Aufbruche.</p>
+
+<p>Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen
+&ndash; Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit &ndash; alle
+Tücher und Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen
+waren. Aber auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein
+Wenig in den Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in
+der frischen Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von
+Pulteleben noch einmal in das Zimmer der Damen &ndash; hatte er doch jetzt
+ein Recht gewonnen, sich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_049" id="Pg_049">[S. 49]</a></span>
+
+ihnen vertraulich zu nähern &ndash; und bat Helenen, daß sie ihm erlauben
+möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn heute gemacht
+habe.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn
+sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen &ndash; »ich
+habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch
+eigentlich noch zu früh.«</p>
+
+<p>»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte
+Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.«</p>
+
+<p>»Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die
+ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan
+entworfen hatte &ndash; »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland
+her &ndash; er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin
+Rottack.«</p>
+
+<p>»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah
+ihre Mutter überrascht und fragend an.</p>
+
+<p>»Ja &ndash; ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese
+fort &ndash; »Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine
+erschütternde Nachricht mit &ndash; den Tod einer Verwandten von ihm,
+was mich etwas angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein,
+lieber Arno, und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_050" id="Pg_050">[S. 50]</a></span>
+
+ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein Geheimniß
+verrathen habe &ndash; aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit zur
+Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte &ndash; ich habe mir
+die Sache heute hin und her überlegt, und &ndash; da Ihr doch jetzt mit
+einander verlobt seid, so &ndash; thut es eigentlich kein Gut, die Sache zu
+lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit recht
+bald &ndash; so bald als irgend möglich gefeiert werde.«</p>
+
+<p>»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von
+Pulteleben entzückt aus.</p>
+
+<p>»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein
+eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz.</p>
+
+<p>»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten
+mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen
+können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach
+Santa Catharina zu ziehen.«</p>
+
+<p>»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt &ndash;
+»woraus schließen Sie das?«</p>
+
+<p>»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr
+die Gräfin fort,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_051" id="Pg_051">[S. 51]</a></span>
+
+»da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts weniger als
+passender Platz ist.«</p>
+
+<p>»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?«</p>
+
+<p>»Entschieden &ndash; aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen
+solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und ich
+habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel erkundigt.
+Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir die Auswahl
+unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in Massen nach dem
+Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier, und dann &ndash;
+die Hauptsache &ndash; finden wir selber einen viel besseren Markt für
+unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit dem Süden,
+ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.«</p>
+
+<p>»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße
+Vermuthung hin eine solche Reise ...«</p>
+
+<p>»Bloße Vermuthung &ndash; das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie
+nicht sieht &ndash; Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So
+laß Dir denn sagen, daß ich, um <em class="gesperrt">ganz</em> sicher zu
+gehen, schon vor mehreren Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem
+letzten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_052" id="Pg_052">[S. 52]</a></span>
+
+Dampfer Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen &ndash; und
+zwar sehr günstige Nachricht.«</p>
+
+<p>»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem
+kleinen Wechsel darin.«</p>
+
+<p>»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die
+Mutter &ndash; »ich habe <em class="gesperrt">zwei</em> bekommen, einen
+von Deutschland und einen von Santa Catharina, den mir der Director selber
+mitgebracht; wenn Du dem aber, was <em class="gesperrt">ich</em> sage,
+nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens selber überzeugen
+&ndash; hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf meiner Toilette;
+der in dem gelben Couvert &ndash; es ist nur der eine da.«</p>
+
+<p>Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder
+zurückrief.</p>
+
+<p>»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.«</p>
+
+<p>»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.«</p>
+
+<p>»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch
+einander,« &ndash; und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer,
+aus der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_053" id="Pg_053">[S. 53]</a></span>
+
+»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf, »nun
+lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich ebenfalls
+überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser thun können, als
+nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind unbedeutend, und wir bringen
+in zwei Monaten reichlich die möglichen Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir
+aber diese Reise zusammen machen, werden Sie selber einsehen, daß es nöthig
+ist die Trauung vorher zu halten &ndash; schon des Geredes der Leute wegen.
+Nun, lies nur laut, Helene, Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin
+über unseren Umzug denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet
+uns sogar an in ihrem Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung
+hergerichtet haben.«</p>
+
+<p>Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre
+Mutter groß und starr an.</p>
+
+<p>»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch
+eine ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß &ndash; der Brief ist ja
+portugiesisch, und Sie verstehen ihn nicht, Arno &ndash; gieb ihn mir, ich
+werde ihn übersetzen.«</p>
+
+<p>»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus
+der Hand zu geben,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_054" id="Pg_054">[S. 54]</a></span>
+
+oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist <em
+class="gesperrt">nicht</em> von Santa Catharina.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Nicht</em> von Santa Catharina?« rief die Gräfin,
+sich erschreckt halb vom Sopha hebend &ndash; »dann &ndash; dann habe
+ich die Couverts verwechselt &ndash; gieb ihn mir &ndash; gieb ihn mir!«
+&ndash; und in einer Aufregung, die besonders Herrn von Pulteleben staunen
+machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe aus.</p>
+
+<p>»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene
+aufstehend &ndash; »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch <em
+class="gesperrt">einmal</em> lesen möchte &ndash; gute Nacht!« &ndash; und
+ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der verblüffte Bräutigam ein Wort
+dagegen einwenden konnte, schritt sie durch die Stube in ihr dicht daran
+stoßendes Zimmer und riegelte die Thür hinter sich ab.</p>
+
+<p>»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls
+aufstehend und seine Schwiegermutter <i>in spe</i> etwas verdutzt ansehend
+&ndash; »was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst
+geworden?«</p>
+
+<p>Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern &ndash; wollte Herrn von
+Pulteleben eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem
+Augenblick nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_055" id="Pg_055">[S. 55]</a></span>
+
+»Ich bitte &ndash; lieber Arno &ndash; lassen Sie &ndash; lassen Sie mich
+jetzt allein,« sagte sie verstört &ndash; »ich habe mit dem Mädchen zu
+reden &ndash; Sie &ndash; Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie
+hat.«</p>
+
+<p>»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem
+er seinen Hut ergriff &ndash; »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich
+vielleicht ...«</p>
+
+<p>»Es ist Nichts &ndash; Helene ist &ndash; ein verzogenes Kind.«</p>
+
+<p>»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem
+vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere Richtung
+zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier unten total
+überflüssig sei &ndash; wenn er auch noch lange nicht begriff weshalb, und
+in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen Zimmer empor und
+legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, und die Gräfin
+hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's Thür ging, und
+dort &ndash; fast wie schüchtern &ndash; anklopfte.</p>
+
+<p>»Helene!«</p>
+
+<p>Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.</p>
+
+<p>»Helene! &ndash; Mach' auf &ndash; laß uns vernünftig mit einander
+reden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_056" id="Pg_056">[S. 56]</a></span>
+
+Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie durch
+das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte.</p>
+
+<p>»Helene! Sprich wenigstens mit mir!«</p>
+
+<p>Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau
+Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_057" id="Pg_057">[S. 57]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC03" id="TOC03"></a>3.<br />
+
+Auf Köhler's Chagra.</h2>
+
+
+<p>Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos'
+Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie die
+nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther schien
+jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus allen Kräften
+vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige Thätigkeit in
+Brasilien abzuschließen.</p>
+
+<p>Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese
+Zurüstungen gesehen, sich angezogen &ndash; er machte überhaupt jeden
+Morgen zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang
+&ndash; und war
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_058" id="Pg_058">[S. 58]</a></span>
+
+hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn einzuschlagen,
+und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er Jemanden
+erwarte.</p>
+
+<p>Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür
+oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern ein
+paar huldvolle Worte zu wechseln &ndash; er zeigte sich gern herablassend,
+wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab &ndash; kam er auch
+zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei seiner Arbeit saß,
+und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz erwiederte.</p>
+
+<p>»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das
+Fensterbret legte &ndash; »immer so fleißig?«</p>
+
+<p>»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit
+aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und &ndash; die Zeit todt zu
+schlagen. Was soll man anders thun?«</p>
+
+<p>»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen«
+nicht so ganz einverstanden schien &ndash; »ja &ndash; ist eigentlich ein
+einsames Leben in der Colonie.«</p>
+
+<p>»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_059" id="Pg_059">[S. 59]</a></span>
+
+Brust vor sich hin, und stach nur so viel eifriger in das Leder.</p>
+
+<p>»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die
+Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde &ndash; »Nichts wieder
+gehört von Eurem Proceß?«</p>
+
+<p>»Mit der Geistlichkeit?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Nicht das Geringste und &ndash; werde auch wohl Nichts wieder darüber
+hören, als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts
+damit zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich
+nicht ankämpfen &ndash; der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden.
+Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da &ndash; hab' ich denn
+natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«</p>
+
+<p>»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm
+wurde &ndash; »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend,
+ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.</p>
+
+<p>Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold,
+der für den Baron arbeitete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_060" id="Pg_060">[S. 60]</a></span>
+
+»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er
+vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Meister Berthold &ndash; ob ich <em
+class="gesperrt">was</em> weiß?«</p>
+
+<p>»Der Justus ist fort &ndash; der Kernbeutel, mein' ich, der andere
+Schneider &ndash; den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«</p>
+
+<p>»Fort? Wohin? Durchgegangen?«</p>
+
+<p>»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus
+fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber
+Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit &ndash; es
+sind nun schon ein paar Tage her &ndash; nicht wieder nach Haus gekommen.
+Die Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld
+habe sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft
+herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt
+schuldig, der Lump!«</p>
+
+<p>»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört &ndash; guten Morgen, Meister!«
+sagte der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür
+erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem
+Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_061" id="Pg_061">[S. 61]</a></span>
+
+Gurt noch einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der
+Straße herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem
+jungen Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte
+lächelnd:</p>
+
+<p>»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen
+gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet
+sind.«</p>
+
+<p>»Ah, guten Morgen, Herr Baron &ndash; auch schon auf?«</p>
+
+<p>»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn
+man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen
+Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen, ohne
+augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise hingehen,
+wenn man fragen darf?«</p>
+
+<p>»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht
+auf die Schulter schlug &ndash; »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich
+einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen
+brauche. &ndash; Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor
+der Civilisation.«</p>
+
+<p>»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_062" id="Pg_062">[S. 62]</a></span>
+
+gehen?« lächelte der Baron etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm
+zu barock, als daß er ihnen hätte folgen können.</p>
+
+<p>»Vielleicht,« lachte Felix &ndash; »und ich glaube bei Gott, ich passe
+besser zu <em class="gesperrt">ihnen</em>, als in diese erlogenen
+und künstlichen Verhältnisse, die wir im gewöhnlichen Leben die <em
+class="gesperrt">Gesellschaft</em> nennen.«</p>
+
+<p>»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron
+schmunzelnd, »aber &ndash; ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da
+draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen &ndash; und
+wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die
+Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um einen
+Vogel aus der Luft zu schießen &ndash; möchte ich noch eine Frage an Sie
+richten, lieber <em class="gesperrt">Graf</em>.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Graf</em>?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch
+zu.</p>
+
+<p>»Bst, bst,« lächelte der Baron &ndash; »ich weiß recht gut daß Sie ein
+Schelm sind &ndash; hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt &ndash;
+aber ganz unter uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen
+gebührenden Rechte hier auftreten wollen &ndash; doch &ndash; eine Frage
+müssen Sie mir beantworten, ehe Sie gehen« &ndash; und er schob dabei
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_063" id="Pg_063">[S. 63]</a></span>
+
+seinen Arm in den des jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf,
+denn er wollte sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.</p>
+
+<p>»Und die ist? Ich bin doch begierig.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus
+jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter
+Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen und
+der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten Antheil an
+ihrem Wohlergehen.«</p>
+
+<p>»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«</p>
+
+<p>»Ich komme gleich zur Sache &ndash; Sie &ndash; machten gestern Abend
+der Frau Gräfin eine Entdeckung.«</p>
+
+<p>»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.</p>
+
+<p>»Hm &ndash; nicht unmittelbar &ndash; zufällig &ndash; die Frau Gräfin
+schien sehr bestürzt darüber &ndash; auffallend bestürzt &ndash; ich habe
+sie in der That so noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und
+charakterfeste Dame.«</p>
+
+<p>»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war,
+dem Baron <em class="gesperrt">nicht</em> auf halbem Wege entgegen zu
+kommen.</p>
+
+<p>»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte
+nicht, wie er auf die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_064" id="Pg_064">[S. 64]</a></span>
+
+geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte &ndash; »ich &ndash; ich muß
+Ihnen nur gestehen, lieber Graf &ndash; aber ich gebe Ihnen nochmals mein
+Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen Hintergedanken &ndash; daß
+ich schon seit einiger Zeit &ndash; ich weiß eigentlich selber nicht recht,
+weshalb &ndash; den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«</p>
+
+<p>»Daß?«</p>
+
+<p>»Daß die Frau Gräfin &ndash; daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich
+sagen &ndash; verstehen Sie mich vielleicht?«</p>
+
+<p>»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des
+Barons amüsirte.</p>
+
+<p>»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden &ndash; ich gebe es zu,«
+fuhr der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander
+rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte &ndash; »und unter
+anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal
+gerechtfertigt erscheinen.«</p>
+
+<p>»Stehen Sie in einem <em class="gesperrt">Verhältnisse</em>, Herr
+Baron?«</p>
+
+<p>»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch
+und ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist kein
+persönliches Interesse, sondern nur das, was ich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_065" id="Pg_065">[S. 65]</a></span>
+
+an der Aufrechterhaltung des <em class="gesperrt">Standes</em> im
+Allgemeinen nehme. <em class="gesperrt">Jetzt</em> haben Sie mich doch
+verstanden?«</p>
+
+<p>»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit
+einem boshaften Lächeln.</p>
+
+<p>»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu
+reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also ganz
+aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, denn wir
+Beide <em class="gesperrt">sind</em> es unserem Stande schuldig.«</p>
+
+<p>»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«</p>
+
+<p>Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest
+in's Auge und sagte:</p>
+
+<p>»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«</p>
+
+<p>»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin
+heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick herunter
+kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie thun mir
+einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten bei Seite lassen
+und mir gerade heraus sagen, um welchen <em class="gesperrt">wichtigen</em>
+Gegenstand Sie mich fragen wollten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_066" id="Pg_066">[S. 66]</a></span>
+
+Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.</p>
+
+<p>»Und ist Ihnen <em class="gesperrt">der</em> Gegenstand <em
+class="gesperrt">noch</em> nicht wichtig genug?« brachte er endlich mühsam
+heraus.</p>
+
+<p>»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der
+junge Mann jetzt gerade heraus.</p>
+
+<p>»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.</p>
+
+<p>»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine <em
+class="gesperrt">bestimmte</em> Antwort darüber geben zu können, und ich
+muß Sie &ndash; wieder auf Ihren kleinen Finger verweisen. &ndash; Da kommt
+auch schon Schwartzau mit Könnern &ndash; wir müssen fort &ndash; also
+auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten ließ er den über solche
+Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf dem Wege stehen, schwang
+sich in den Sattel und sprengte gleich darauf mit Günther und von den
+Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die Straße hinauf. &ndash;</p>
+
+<p>Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde
+erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten zu
+sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit fremden,
+gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über alltägliche
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_067" id="Pg_067">[S. 67]</a></span>
+
+Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer &ndash; so schwer
+und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund bemitleidet zu
+werden.</p>
+
+<p>Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf
+und ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther
+gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals so
+leichten Herzens &ndash; so glücklich gewesen &ndash; er wollte die Stunden
+noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter
+geblieben auf der Welt, als an <em class="gesperrt">gehofftes</em> Glück
+<em class="gesperrt">zurück</em>zudenken.</p>
+
+<p>So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des
+Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere
+Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht
+ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als er
+den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze Colonie
+Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.</p>
+
+<p>Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich
+zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick so
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_068" id="Pg_068">[S. 68]</a></span>
+
+rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er Alles
+gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe &ndash; und
+Alles wiederum verloren hatte &ndash; Glück und Liebe.</p>
+
+<p>Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde &ndash; da
+unten in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte,
+ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da
+drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das arme
+süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen sollte
+und jetzt &ndash; wenn auch mit zitternder Hand &ndash; den Wanderer wieder
+allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.</p>
+
+<p>Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd
+nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und Kummer
+zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben war,
+sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt schon
+freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in dem
+Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken
+gesehen, ihre liebe Stimme gehört,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_069" id="Pg_069">[S. 69]</a></span>
+
+in ihre treuen Augen geschaut hatte, so lange war es ihm, als ob er
+noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie wiederkehren <em
+class="gesperrt">müsse</em>, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und
+mit leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.</p>
+
+<p>Fort, fort mit den Gedanken! &ndash; Das bittere Gefühl der
+Verlassenheit stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd
+herumwerfend, als ob er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn
+er den theuren Platz selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg
+entlang und sah sich plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer
+Köhler gegenüber, in dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war
+und dem er sogar versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte
+er nicht Alles vergessen und vergessen <em class="gesperrt">müssen</em> in
+der Zeit!</p>
+
+<p>Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten
+zu haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich
+entgegenrief:</p>
+
+<p>»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen lang
+gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal wiederzusehen,
+denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen. Und wie ist's
+gegangen in der Colonie?«
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_070" id="Pg_070">[S. 70]</a></span>
+
+fuhr er fort, als er zum Pferd trat und Könnern herzlich die Hand
+schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der Graue sieht auch prächtig aus. Dem
+ist da unten Nichts abgegangen, wie es scheint. &ndash; Aber so steigen
+Sie doch nur ab; Sie wollen doch wahrhaftig nicht im Sattel sitzen
+bleiben?«</p>
+
+<p>Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein.
+Die Einladung war auch so treuherzig geboten &ndash; er hätte dem guten
+Menschen schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht
+gewesen wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen
+Trübsinn zu vergessen.</p>
+
+<p>Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau
+empfangen!</p>
+
+<p>»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die
+Hand entgegenreichte &ndash; »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr
+Euch auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen
+und Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,«
+setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an &ndash; »gar schlecht seht
+Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und munter
+wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_071" id="Pg_071">[S. 71]</a></span>
+
+Seid Ihr krank gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund
+genug?«</p>
+
+<p>»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend &ndash; »vielleicht
+der Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«</p>
+
+<p>»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem
+glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend &ndash; sie hatte im Nu alles
+Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine Arbeit
+auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu <em class="gesperrt">ihm</em>
+springen müsse, sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen
+aufthut.« &ndash; »Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich
+dabei im Zimmer um &ndash; »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es
+sieht auch heute Morgen noch so wild bei uns aus &ndash; freilich, Besuch
+hatten wir so früh noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause
+zu thun, und noch dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen
+geradezu von Allem abhält, was man thun möchte.«</p>
+
+<p>»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«</p>
+
+<p>»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus &ndash; »da sei
+Gott vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte &ndash; ich glaube, ich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_072" id="Pg_072">[S. 72]</a></span>
+
+&ndash; aber ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für
+Reden führt!«</p>
+
+<p>»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und
+ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher
+komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«</p>
+
+<p>»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn
+Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«</p>
+
+<p>»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen
+schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen &ndash;
+wir haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher
+frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man sich
+erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«</p>
+
+<p>»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann
+allein bleiben &ndash; ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da
+wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem erst
+der Schreihals gefüllt ist. &ndash; So macht nur daß Ihr wiederkommt. Grüß'
+Gott, Fremder!«</p>
+
+<p>Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah,
+wie dieser dort
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_073" id="Pg_073">[S. 73]</a></span>
+
+sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund jagte, und folgte ihm
+dann in das Feld.</p>
+
+<p>»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann &ndash; »fehlt Euch wirklich
+Etwas?«</p>
+
+<p>»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln &ndash; »das
+Einzige ausgenommen, was <em class="gesperrt">Ihr</em> habt und mir kein
+Arzt der Welt geben kann &ndash; eine glückliche Häuslichkeit.«</p>
+
+<p>»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich <em
+class="gesperrt">auch</em> keinen Arzt gebraucht; die macht man sich eben
+selber.«</p>
+
+<p>»Wie man's trifft,« seufzte Könnern &ndash; »Ihr aber habt das große
+Loos gezogen mit der Frau.«</p>
+
+<p>»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s
+ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune &ndash; ich
+kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. &ndash;
+Und der Junge &ndash; ist das nicht ein Prachtkerl &ndash; habt Ihr schon
+einmal einen solchen Jungen gesehen? &ndash; Aber der Alten darf ich's
+nicht merken lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich
+bis auf's Blut &ndash; und das kann sie &ndash; das versteht sie aus dem
+Grunde.«</p>
+
+<p>Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück,
+bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_074" id="Pg_074">[S. 74]</a></span>
+
+an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus in
+den dunkeln Wald zog &ndash; freudlos und allein &ndash; sah sie mit
+wunden Füßen und krank in einer Hütte liegen &ndash; sah den Vater über
+sie gebeugt, der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur
+vermehrte, und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten
+Hand gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander
+sprengte.</p>
+
+<p>Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere
+Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm
+trefflich auf dem guten Land belohnte.</p>
+
+<p>»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von
+wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren &ndash;
+»da habe ich einen Versuch gemacht, und
+Sorgho<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1"
+class="fnanchor">[1]</a>
+
+zu Viehfutter gesteckt &ndash; und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's
+aus! Das ist ein famoses Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen
+sollte &ndash; und wie leicht ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir
+ihn in den Boden, drei Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_075" id="Pg_075">[S. 75]</a></span>
+
+den Boden locker, und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten
+Mal. Aber er giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!«
+treibt er noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf
+Wochen schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem
+ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert,
+daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr <em class="gesperrt">fünf</em>mal
+geschnitten hätte.«</p>
+
+<p>»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der
+Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.</p>
+
+<p>»Nicht besonders &ndash; leichter Boden thut's, und selbst Hitze
+und Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle
+herbekommt. &ndash; Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn
+gestanden hat &ndash; was für Stengel &ndash; ja, das muß wahr sein, der
+Boden hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da
+oben viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das
+Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter
+einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_076" id="Pg_076">[S. 76]</a></span>
+
+»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von Futterkräutern
+eignete.«</p>
+
+<p>»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt
+Nichts als seinen eigenen Wein &ndash; gerade aus Widerspruch, weil's eben
+kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth
+Alles &ndash; wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. &ndash; Nur
+mit dem Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang,
+ja, da ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber
+nachher gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr
+vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen
+wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse
+und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen
+aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als wir
+hier.«</p>
+
+<p>»Und wie steht's mit dem Tabak?«</p>
+
+<p>»Gut &ndash; von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz
+hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber
+&ndash; ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder
+an was es sonst vielleicht liegt &ndash; der ganze Tabak taugt eigentlich
+nicht
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_077" id="Pg_077">[S. 77]</a></span>
+
+viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen
+Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser als
+die von Bahia.«</p>
+
+<p>»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern,
+der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten
+Umzäunungen gleiten ließ &ndash; »man sieht doch gleich, wo eine deutsche
+Hand gearbeitet hat.«</p>
+
+<p>»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im
+Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie wir's
+daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn wir
+selber selbstständig werden.«</p>
+
+<p>»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«</p>
+
+<p>»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die
+Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom
+Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau und
+zwei Kindern &ndash; meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die
+Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen, und
+auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_078" id="Pg_078">[S. 78]</a></span>
+
+Zeit über Wasser halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der
+Regierung, und nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht,
+daß es eine Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen
+Teufel, die daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer
+genug gehabt, wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine
+nothdürftige Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre
+Felder, sahen ihre Heerden sich vermehren &ndash; und ihre Kinder auch, und
+fanden plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten
+Chagra hätten. Mein Alter &ndash; und viele andere Alte machten es eben so
+&ndash; schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich
+einen neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere
+Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften
+fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so gut
+verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch einmal
+von vorn anzufangen, und wie <em class="gesperrt">ich</em> flügge wurde,
+ließ er mich hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.</p>
+
+<p>»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in
+der Gegend und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_079" id="Pg_079">[S. 79]</a></span>
+
+in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt, werdet Ihr überall
+Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und deren Eltern doch
+daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche ein halbes Pfund
+Fleisch gönnen konnten.«</p>
+
+<p>Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte
+besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener vor
+fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts mitgebracht
+habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie gut es ihnen
+ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und zeigte dem
+Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste Jahr schon
+wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für seine Frau
+gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte &ndash; und dann, nachdem
+er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar machten,
+führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch den Gemüsegarten
+und die Ställe zu zeigen &ndash; Ställe nämlich nur für die Mastschweine,
+die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief lustig draußen im
+Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_080" id="Pg_080">[S. 80]</a></span>
+
+Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume,
+an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz
+erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons
+Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem Hause,
+und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf hinaus.</p>
+
+<p>Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens
+erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf aus dem
+Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen Blumenkohl, den
+er hier gezogen &ndash; er schwieg plötzlich und horchte nach dem Hause
+hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.</p>
+
+<p>»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau
+hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht <em
+class="gesperrt">so</em> viel daraus. &ndash; Ja, was ich gleich sagen
+wollte, der Blumenkohl hier ist meiner Frau größter Stolz, denn den
+hat« &ndash; wieder hielt er inne, denn nochmals kam aus dem Hause ein
+merkwürdiger Laut, der weit mehr einem ärgerlichen Schrei als einem Zanken
+glich.</p>
+
+<p>»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_081" id="Pg_081">[S. 81]</a></span>
+
+meinen Namen gehört hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch
+dem Hause zu, wohin ihm Könnern folgte.</p>
+
+<p>»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit
+zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches <em
+class="gesperrt">mußte</em> dort geschehen sein.</p>
+
+<p>Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und
+blieb erstaunt mit einem lauten <em class="gesperrt">Halloh</em>? auf der
+Schwelle stehen, denn in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter
+ältlicher Herr, hatte <em class="gesperrt">seine</em> Frau umfaßt, die sich
+aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und suchte sie mit dem einen Arme
+an sich zu ziehen, während er mit dem andern ein paar gut gemeinte Stöße
+parirte, welche sie nach seinem Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes
+ließ er freilich die Frau augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt,
+mit funkelnden Augen und zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:</p>
+
+<p>»Gut, daß Du da bist &ndash; schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«</p>
+
+<p>»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr
+verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_082" id="Pg_082">[S. 82]</a></span>
+
+aus dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen
+zu haben.</p>
+
+<p>Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als
+erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war
+aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht wußte was
+er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur Besinnung,
+als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:</p>
+
+<p>»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die
+verschiedenen Colonien?«</p>
+
+<p>»Also <em class="gesperrt">das</em> ist der neue Director?« rief Köhler
+jetzt, der vor innerem Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst
+anfassen sollte &ndash; »das ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus
+seiner Stelle gebissen hat und jetzt in den Colonien herumkriechen
+und Stänkereien anrichten will! Ei, da soll doch gleich ein heiliges
+Kreuzdonnerwetter ...«</p>
+
+<p>»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor
+der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend &ndash; »ich
+sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«</p>
+
+<p>»Ich mache <em class="gesperrt">auch</em> nur Spaß,« sagte der junge
+Bauer, den Arm nach ihm ausstreckend und seinen Kragen erfassend &ndash;
+»nur zum Spaß will ich Sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_083" id="Pg_083">[S. 83]</a></span>
+
+einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das nächste
+Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«</p>
+
+<p>»Herr Köhler &ndash; ich werde jeden gewaltsamen Angriff« &ndash; schrie
+der Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers &ndash; aber er
+kam nicht weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt
+wurde, als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im
+nächsten Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher
+Gewalt hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und
+fiel mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine
+ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.</p>
+
+<p>»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch
+noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher
+gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte &ndash;
+»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben bei
+mir zu sehen?«</p>
+
+<p>Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben
+spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's
+Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_084" id="Pg_084">[S. 84]</a></span>
+
+leichter hinweggesetzt haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und
+ohne sich selber so lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur
+oberflächlich zu reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf
+ihn über, stieg in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug,
+der Colonie wieder zu.</p>
+
+<p>»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern
+umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene
+gewesen war &ndash; »hat er Dir weh gethan, Trine?«</p>
+
+<p>»Ich hab' <em class="gesperrt">ihm</em> weh gethan,« sagte die junge,
+prächtige Frau lachend, »und das blaue Auge und die blutige Nase wird er
+wohl eine Woche unten im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«</p>
+
+<p>»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so
+forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd &ndash; »eigentlich hätt' ich ihm
+vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen &ndash; es ist mir nur zu spät
+eingefallen &ndash; des guten Beispiels wegen, mein' ich.«</p>
+
+<p>»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort,
+die härteste Strafe für ihn war, daß gerade <em class="gesperrt">ich</em>
+daneben stand und Zeuge seiner Demüthigung sein konnte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_085" id="Pg_085">[S. 85]</a></span>
+
+»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht Schläge
+ist auch nicht so übel, und verdient <em class="gesperrt">hatte</em> er
+sie.«</p>
+
+<p>»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau &ndash; »'s ist aber so auch
+vielleicht besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu
+thun gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet
+und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich
+ungeschoren lassen.«</p>
+
+<p>»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.</p>
+
+<p>»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau
+&ndash; »<em class="gesperrt">das</em> ist ein Mordkerl &ndash; der
+wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun lassen. Wo war't <em
+class="gesperrt">Ihr</em> denn draußen?«</p>
+
+<p>»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl
+besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so
+'was?«</p>
+
+<p>»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder
+in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf die
+Erde &ndash; »ich hol' Euch gleich Alles herein &ndash; es ständ' schon
+auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre &ndash; und wie er mich
+zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_086" id="Pg_086">[S. 86]</a></span>
+
+Spiegel vorbeiging, einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder
+flüchtig in Ordnung brachte.</p>
+
+<p>»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den
+Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.</p>
+
+<p>»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen &ndash; »er fragte
+nach Dir, und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er
+wahrscheinlich, <em class="gesperrt">er</em> hätt's Preh! Der alte Esel!«
+und lachend warf sie die Thür hinter sich zu.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_087" id="Pg_087">[S. 87]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC04" id="TOC04"></a>4.<br />
+
+Helene.</h2>
+
+
+<p>Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben sehr
+früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu versäumen,
+seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie nur gestern
+Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich mitten im Binden
+seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen gestrigen Abschied
+dachte &ndash; aber die alte Dame war ja oft so wunderlich und eigenwillig.
+Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber ausgegangen zu sein,
+und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als sie vom Tische aufstand
+und in ihr Zimmer ging.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_088" id="Pg_088">[S. 88]</a></span>
+
+Was nur in dem <em class="gesperrt">Briefe</em> gestanden hatte? Der war
+jedenfalls schuld daran gewesen &ndash; aber wenn er Helene heute darum
+fragte, <em class="gesperrt">ihm</em> sagte sie es gewiß, denn sie waren ja
+jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so gut wie Eheleute, und Eheleute
+sollen ja nie Etwas vor einander geheim halten.</p>
+
+<p>Eheleute &ndash; wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber
+angewandt, vorkam &ndash; er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht
+fertig &ndash; Eheleute &ndash; wie ehrbar das klang und wie &ndash; wie
+solid und dauernd &ndash; und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht
+hatte &ndash; und wie wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand
+daran schuld wie der Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen
+eingeschmuggelt hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ
+die beiden Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten
+Händen nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.</p>
+
+<p>Ob die &ndash; Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er
+hier als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das
+jetzt gerade einfiel &ndash; aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene
+Kleider &ndash; Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_089" id="Pg_089">[S. 89]</a></span>
+
+durch den Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es
+einmal einen Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten
+durch einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die
+Schwiegermutter.</p>
+
+<p>Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That nicht
+läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr abzustreiten
+&ndash; eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich gratuliren,
+daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte er sich selber
+nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken nicht Raum zu geben,
+die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen wollten.</p>
+
+<p>Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar
+gewordene Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter <em
+class="gesperrt">allein</em>, sondern immer in Verbindung mit ihr auch an
+<em class="gesperrt">Geld</em> denken mußte. So fiel ihm denn auch jetzt,
+in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand ein und
+was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. &ndash; Aber er hatte
+an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem Schooner
+nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein kleines
+Capital aus dem Vater heraus, wenn sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_090" id="Pg_090">[S. 90]</a></span>
+
+erfuhr, daß ihr Arno unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch
+außerdem die einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön
+&ndash; wie bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie
+sein, wenn er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!</p>
+
+<p>Da klopfte Jemand &ndash; es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte
+wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und
+unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.</p>
+
+<p>»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem
+einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der andern
+Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur verwundert an
+und sagte:</p>
+
+<p>»Sichtbar?«</p>
+
+<p>»Ist sie schon angezogen und auf?«</p>
+
+<p>»Weiß ich nicht.«</p>
+
+<p>»Im Garten war sie noch nicht?«</p>
+
+<p>»Nee.«</p>
+
+<p>»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend,
+während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst
+noch in aller Ruhe trinken &ndash; ist doch eigentlich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_091" id="Pg_091">[S. 91]</a></span>
+
+der schönste Moment vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen
+Tisch nieder, um sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine
+Braut diese letzte Bemerkung nicht gehört.</p>
+
+<p>Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als
+Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute
+übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der
+Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der Eine
+von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen Morgen
+ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche
+Schwierigkeiten zu bereiten drohte.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische
+Dinge; er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die
+Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei
+schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um bei
+Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen Spaziergang
+mit ihm machen wolle.</p>
+
+<p>Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast
+jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_092" id="Pg_092">[S. 92]</a></span>
+
+noch verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.</p>
+
+<p>Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie
+geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und
+die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« &ndash;
+weiter Nichts.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr
+nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit erhielt,
+daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet seien &ndash;
+beide Damen waren also schon auf &ndash; an beiden Fenstern waren aber
+auch die Rouleaux noch herunter &ndash; also nach allen menschlichen
+Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt &ndash; er
+wußte eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von
+Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen.
+Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, der
+seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, und
+hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, denn der
+Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_093" id="Pg_093">[S. 93]</a></span>
+
+sehr schlechter Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht
+auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal
+bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen
+sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn
+gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur
+falschen Zeit gekommen sei.</p>
+
+<p>Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er
+hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn
+von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, denn
+er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziemlich
+barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Nase
+zu.</p>
+
+<p>»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben &ndash; denn dem sonst so
+gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber
+auf mein Zimmer und lasse die Leute zu <em class="gesperrt">mir</em>
+kommen. Die behandeln Einen ja wie einen &ndash; als ob sie Einen auf der
+Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging
+er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein
+Schreibzeug
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_094" id="Pg_094">[S. 94]</a></span>
+
+her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des
+Menschengeschlechts schildern wollte.</p>
+
+<p>Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor
+etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig
+angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr
+Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.</p>
+
+<p>»Wer ist da?«</p>
+
+<p>»Ich bin's.«</p>
+
+<p>»Gleich!« sagte die Stimme inwendig &ndash; »einen Augenblick nur,« und
+Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht
+wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat
+ein.</p>
+
+<p>»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster,
+um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu
+lassen.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der
+Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das
+hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber
+beibehielt, abgelegt
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_095" id="Pg_095">[S. 95]</a></span>
+
+zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte ihr sogar einen
+Stuhl und sagte:</p>
+
+<p>»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen,
+mein Kind?«</p>
+
+<p>»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die
+Mutter anzusehen &ndash; »doch &ndash; das hat mit dem Nichts zu thun, über
+das ich mit Ihnen sprechen möchte.«</p>
+
+<p>»Mit <em class="gesperrt">Ihnen</em>?« rief die Gräfin erschreckt
+&ndash; »Helene!«</p>
+
+<p>»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt &ndash; »wir
+haben Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in
+aller Ruhe geschieht.«</p>
+
+<p>»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur &ndash; wie bist Du?«
+rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.</p>
+
+<p>»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten
+Mal voll und ernst in's Auge &ndash; »und das fragen Sie noch? Aber, bitte,
+setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen
+Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«</p>
+
+<p>»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit
+gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_096" id="Pg_096">[S. 96]</a></span>
+
+»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus
+einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den
+sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch
+nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Liebe Constance!</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">Anbei sende ich Ihnen &ndash; dieses Mal <em
+class="gesperrt">direct</em> &ndash; den zweiten Semester-Wechsel für die
+Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch
+erfüllt und die Adresse an die <em class="gesperrt">Gräfin</em> Baulen
+gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden
+und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse
+nicht, und es <em class="gesperrt">mag</em> vielleicht dort nöthig sein. So
+geschehe es denn Helenens wegen.</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">Es freut mich, so Günstiges über die
+Fortschritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten
+und wie eine Mutter für sie sorgen.«</p>
+
+<p>»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und
+immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für
+Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_097" id="Pg_097">[S. 97]</a></span>
+
+Helene las ruhig weiter:</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«
+</p>
+
+<p>»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«</p>
+
+<p>»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das
+<em class="gesperrt">nicht</em> gethan habe?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang,
+aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr
+Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.</p>
+
+<p>»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen
+Stimme wie vorher &ndash; »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches
+Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter
+fremde Menschen?«</p>
+
+<p>»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre
+Augen trocknend &ndash; »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das
+Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag
+dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und
+kann den Eid nicht brechen &ndash; fordere es nicht!«</p>
+
+<p>Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_098" id="Pg_098">[S. 98]</a></span>
+
+fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust.</p>
+
+<p>»Ich bin mündig,« sagte sie endlich &ndash; »ich bin einundzwanzig Jahr.
+<em class="gesperrt">Darf</em> mir der Name meiner Mutter &ndash; meiner
+Eltern länger vorenthalten werden?«</p>
+
+<p>»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau
+&ndash; »gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter
+bitten mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn
+sie <em class="gesperrt">nicht</em> darein willigt, kann und darf ich es ja
+doch nicht thun. Du selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid
+auf meine Seele lade.«</p>
+
+<p>Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die
+Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich sagte
+sie leise:</p>
+
+<p>»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">kann</em>, ich <em class="gesperrt">darf</em>
+nicht, Kind &ndash; wenigstens jetzt noch nicht. Laß Dir Zeit &ndash; in
+wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen, und ich zweifle
+keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides entbinden wird. Dann
+von Herzen gern. Aber &ndash; was nutzt es
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_099" id="Pg_099">[S. 99]</a></span>
+
+Dir, Helene?« fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn &ndash; Du
+würdest ihr doch nicht nahen dürfen.«</p>
+
+<p>»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem
+Herzen der Mutter fern halten?«</p>
+
+<p>»Frage mich nicht weiter &ndash; dringe nicht in mich, Deiner eigenen
+Ruhe wegen.«</p>
+
+<p>»Also <em class="gesperrt">das dürfen</em> Sie mir doch sagen,« rief
+Helene rasch, »und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie
+es zurückzuhalten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wissen, <em
+class="gesperrt">weshalb</em> mir die Mutter vorenthalten werden soll. Ich
+mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen kann, wenn ich es
+<em class="gesperrt">nicht</em> erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte
+was ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung
+keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich denke,
+Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«</p>
+
+<p>Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit
+zürnendem, drohendem Blick gegenüber.</p>
+
+<p>»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus
+ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_100" id="Pg_100">[S. 100]</a></span>
+
+verfügte &ndash; »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes
+Leben machen wird.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Noch</em> unglücklicher als ich jetzt schon
+bin?« lachte Helene bitter &ndash; »Sie scherzen, Frau <em
+class="gesperrt">Gräfin</em>.«</p>
+
+<p>»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief
+die Frau, jetzt selber gereizt &ndash; »wem zu Liebe stürzte ich mich in
+Ausgaben, die über meine Mittel gingen &ndash; wem zu Liebe hab' ich selbst
+die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn
+hätte leben können?«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Mir</em> zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt
+und bitter, »nur Alles <em class="gesperrt">mir</em> zu Liebe, nicht dem
+Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuschen Sie sich nicht, daß
+ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur noch einen Augenblick an Ihren
+wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan Nichts mehr mit
+einander gemein, und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wissen,
+welche Schuld auf mir oder meiner Mutter lastet, daß ich ihr nie im Leben
+angehören soll?«</p>
+
+<p>»Gut &ndash; Du <em class="gesperrt">sollst</em> es wissen, Undankbare!«
+sagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit entschlossenem Blick &ndash;
+»Du sollst es wissen, um zu
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_101" id="Pg_101">[S. 101]</a></span>
+
+fühlen, <em class="gesperrt">wie</em> allein Du auf der Welt stehst, und
+wie es mich Ein Wort kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du
+jetzt pochst, von Dir zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann
+vernünftig werden und einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes
+gewollt, wie ich es <em class="gesperrt">noch</em> will, und wie kein
+Mensch hier <em class="gesperrt">so</em> für Dich sorgen kann und wird, als
+gerade <em class="gesperrt">ich</em>. Vielleicht ist es auch gut so, daß
+der Brief in Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch
+erfahren müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger
+machen und Dich wieder in die Arme <em class="gesperrt">der</em> Frau
+führen, die bis jetzt allein eine wirkliche und wahre Mutter für Dich
+gewesen ist. Pulteleben selber wird es mir später danken &ndash; wenn <em
+class="gesperrt">er</em> auch Nichts davon zu wissen braucht.«</p>
+
+<p>»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im Ton
+&ndash; »doch davon später &ndash; nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen
+gefällig ist.«</p>
+
+<p>Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha
+auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück
+auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte in's
+Ohr.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_102" id="Pg_102">[S. 102]</a></span>
+
+Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine Minute
+lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, deckte ihr
+Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den Fingern durch.
+Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber ohne einen
+Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob sie das Zimmer
+verlassen wollte.</p>
+
+<p>»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und
+sie zurückhaltend &ndash; »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren,
+daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in
+meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über
+das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon sagen,
+was Du zu thun und zu lassen hast.«</p>
+
+<p>»Und glauben Sie, daß ich <em class="gesperrt">darüber</em> auch nur
+noch einen Augenblick in Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick,
+den sie auf die Frau heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.</p>
+
+<p>»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber
+und hinüber werfend &ndash; »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich
+denken und handeln, Du richtetest
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_103" id="Pg_103">[S. 103]</a></span>
+
+Dich von vorn herein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird seine bittere Noth
+mit Dir bekommen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,«
+erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann
+zu heirathen, den ich nicht liebe &ndash; ja, nicht einmal
+<em class="gesperrt">achten</em> konnte, nur der <em
+class="gesperrt">Mutter</em> wegen. Ich glaubte damit eine Schuld
+loszukaufen, die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß
+der Himmel wenigstens <em class="gesperrt">das</em> Opfer nicht von mir
+angenommen hat &ndash; ich wäre unglücklich und elend gewesen mein ganzes
+Leben lang.«</p>
+
+<p>»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch
+nicht ...«</p>
+
+<p>»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«</p>
+
+<p>»Das darfst Du nicht ...«</p>
+
+<p>»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«</p>
+
+<p>»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«</p>
+
+<p>»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen
+Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen,
+und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_104" id="Pg_104">[S. 104]</a></span>
+
+mir selber in ehrlicher Weise mein Brod verdienen kann.«</p>
+
+<p>»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben &ndash; Herr von Pulteleben
+wird den Augenblick zurücktreten, wenn <em class="gesperrt">Du</em> ihn so
+auf das Tödtlichste beleidigst.«</p>
+
+<p>»Und was kümmert das <em class="gesperrt">mich</em>?«</p>
+
+<p>Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit
+Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die langen
+Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes Wohlleben
+für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, glitt ihr unter
+den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor
+Augen, daß sie auf sich selber angewiesen werden könne. Helene aber,
+die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie jetzt bewegten, wandte sich
+verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür zu, die sie aufschloß. Dort
+blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne sich aber umzusehen:</p>
+
+<p>»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort
+beschließen werde, weiß ich noch nicht &ndash; aber ich weiß, daß ich ein
+Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend
+finde. Ich werde Sie später das
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_105" id="Pg_105">[S. 105]</a></span>
+
+Nöthige wissen lassen« &ndash; und ehe Madame Baulen ein Wort darauf
+erwiedern konnte, war sie durch die Thür verschwunden.</p>
+
+<p>Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen
+Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an
+seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier mit seinen
+poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts, die
+endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel schilderte, der
+eigentlich gar nicht hieher gehöre, und einzig und allein aus Versehen auf
+die Welt gekommen sei.</p>
+
+<p>Von dem nämlichen Engel &ndash; er war gerade aufgestanden, hatte seinen
+Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben
+hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen &ndash; erhielt er da
+einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem
+selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders
+schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Herrn Arno von Pulteleben.</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer
+Täuschung geworden. Der einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu
+spät ist,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_106" id="Pg_106">[S. 106]</a></span>
+
+den Schritt zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten
+sollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber &ndash;
+wir passen nicht für einander &ndash; ich habe Sie nie geliebt, und wir
+wären auch nie glücklich zusammen geworden.</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe,
+ist: meinen festen und unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen
+Versuch zu machen ihn zu ändern &ndash; es wäre doch vergeblich.</p>
+
+<p style="margin-left: 5%;">»Indem ich Ihnen noch hiermit für die
+freundliche Gesinnung danke, die Sie mir stets bewiesen, und in dem
+Bewußtsein, selbst <em class="gesperrt">mit</em> diesem Schritt Nichts
+gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken lassen, zeichnet
+sich</p>
+
+<p style="margin-left: 60%;"><em class="gesperrt">Helene</em>.«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte
+ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer
+vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich
+bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr als
+gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.</p>
+
+<p>»Opfer einer Täuschung? &ndash; einziger Trost?
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_107" id="Pg_107">[S. 107]</a></span>
+
+&ndash; guter Mensch? &ndash; unumstößlicher Entschluß? &ndash; Achtung
+sinken lassen? &ndash; Bin <em class="gesperrt">ich</em> denn verrückt,
+oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? &ndash;
+Freundliche Gesinnung? &ndash; Bewußtsein? &ndash; Wenn ich auch nur
+Ein Wort von dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem
+Falzbein abschneiden lassen! &ndash; Hab' ich denn nur, um Gottes Christi
+willen, irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte
+beleidigen können? &ndash; Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die
+schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? &ndash; Hat denn nicht die
+Schwiegermutter selber &ndash; holla, da sitzt der Haken &ndash; in <em
+class="gesperrt">dem</em> Kuchen hat die Schwiegermutter wieder einen
+Finger &ndash; meinen Kopf wollte ich drauf verwetten! Das ist wirklich
+eine ganz erschreckliche Frau, und es wird wieder viel, sehr viel
+Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu stellen. Jetzt bin ich nur
+neugierig, was sie <em class="gesperrt">nun</em> haben will, denn bis jetzt
+hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es wird schon
+herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie gewöhnlich
+nicht lange hinter dem Berge.«</p>
+
+<p>Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen
+beruhigt, denn er war jetzt
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_108" id="Pg_108">[S. 108]</a></span>
+
+so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf Nichts weiter als eine pecuniäre
+Laune der Schwiegermutter hinauslief, daß er sich weiter gar keine
+Sorgen mehr machte. Helene <em class="gesperrt">konnte</em> ja doch <em
+class="gesperrt">die</em> Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben.
+Übrigens bildeten sich bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von
+Widersetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter &ndash;
+»wenn er nur erst einmal verheirathet war« &ndash; denen er aber vorerst
+noch keine bestimmte Form gab.</p>
+
+<p>Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber es
+war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach seiner
+Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf
+eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres
+hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher &ndash;
+daran zweifelte er keinen Augenblick &ndash; war dann Alles rasch in's
+Reine gebracht.</p>
+
+<p>Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache
+gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen
+der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er deren
+Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von innen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_109" id="Pg_109">[S. 109]</a></span>
+
+die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt
+unmöglich sehen.</p>
+
+<p>Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum
+Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte
+mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine
+Mahlzeit allein verzehren.</p>
+
+<p>In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig
+lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder standen
+in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen. Es mußte
+augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, das sie
+derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das, und als er
+aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal getreten,
+und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen &ndash; die ganze
+Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor &ndash; fiel ihm eben
+dieses rege Leben auf.</p>
+
+<p>»Na, was ist denn &ndash; was habt Ihr denn heute?« fragte er
+einen vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein
+schien.</p>
+
+<p>»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.</p>
+
+<p>»Gefunden &ndash; wen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_110" id="Pg_110">[S. 110]</a></span>
+
+»Nu, den Justus!« sagte der Mann.</p>
+
+<p>»Den Justus? &ndash; Wer ist denn der Justus?«</p>
+
+<p>»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er
+durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen Teufel,
+und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so schrecklich
+zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren läßt &ndash; bei
+die Hitze auch!«</p>
+
+<p>Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den
+schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang in
+dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem
+Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um
+sich das Nähere selbst anzusehen.</p>
+
+<p>Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es
+schien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann
+beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu
+laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste
+lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen
+konnte, wenn es schrie.</p>
+
+<p>Bux hatte den größten Theil seiner Sachen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_111" id="Pg_111">[S. 111]</a></span>
+
+theils versetzt, theils verkauft &ndash; um nicht zu verhungern, wie er
+sagte &ndash; und wollte nun Santa Clara verlassen, um in einer andern
+Colonie sein »Glück« zu versuchen. Schon seit ein paar Tagen hatte er das
+bewerkstelligt, und heute Morgen brach er mit seiner Familie auf.</p>
+
+<p>Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf
+dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil
+herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als
+er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch
+verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um den
+Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen Fluch
+gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.</p>
+
+<p>»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von
+Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus &ndash; »das
+nehme mir denn doch kein Mensch übel!«</p>
+
+<p>»Geht's <em class="gesperrt">Euch</em> was an?« knurrte der Mann, indem
+er, ohne sich um seinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil
+selber herumwarf und festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier
+kaum noch athmen konnte &ndash; »einen Quark
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_112" id="Pg_112">[S. 112]</a></span>
+
+habt <em class="gesperrt">Ihr</em> drein zu reden, und ich kann mit meinem
+Jungen machen was ich will!«</p>
+
+<p>»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging
+vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen
+auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls
+den Kürzeren ziehen müssen.</p>
+
+<p>Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus
+gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und erzählte
+heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem
+Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu weiterer
+Verwendung begierig aufgefangen wurden.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er
+bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein
+Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr ändern
+&ndash; der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte
+unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in die
+heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr unbedeutender
+Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit heruntergewaschen und durch
+einander geworfen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_113" id="Pg_113">[S. 113]</a></span>
+
+hatte. Oben zog sich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen
+dünnen Wasserfall bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt
+entfernt, in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar
+entstellte Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht
+nähern durfte.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick
+darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff jetzt
+selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von den
+Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. Der
+Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen worden,
+und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt
+von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte.
+Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen haben, denn der ganze
+Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da niedergesunken, wo er lag.
+Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen haben.</p>
+
+<p>Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei,
+zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_114" id="Pg_114">[S. 114]</a></span>
+
+dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle
+stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren
+zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche
+Beschädigung glaubbar zu machen &ndash; selbst ohne den entfernt davon
+gefundenen blutigen Stein.</p>
+
+<p>Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen
+ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche
+ausging. Er lag &ndash; als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender
+Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte &ndash; auf dem Gesicht, beide
+Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn
+die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite
+gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.</p>
+
+<p>Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und
+betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu
+verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage
+und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in die Stadt
+zurück.</p>
+
+<p>Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem
+Esel schon Santa
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_115" id="Pg_115">[S. 115]</a></span>
+
+Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der früheren Meierei
+&ndash; den Namen hatte die Chagra noch immer behalten &ndash; vorüber
+führte.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und
+betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der
+gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin
+anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich die
+Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings Herrn von
+Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und ihr erstes
+Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das aber war jetzt
+nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch schon und sagte
+mit sehr bestürztem Gesicht:</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur
+eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief
+geschrieben, daß ich ...«</p>
+
+<p>»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig &ndash; »das Mädchen ist
+voller Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund,
+ich werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_116" id="Pg_116">[S. 116]</a></span>
+
+»Sie glauben wirklich?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich nur machen« &ndash; und die Thür schloß sich wieder
+hinter der Schwiegermutter.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_117" id="Pg_117">[S. 117]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC05" id="TOC05"></a>5.<br />
+
+Gerichtspflege in der Colonie.</h2>
+
+
+<p>In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen
+und ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf
+gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder
+des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen
+eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche Frau
+mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die Soldaten oben
+bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und Fenster zerschlagen
+und sie selber auf die boshafteste und rohste Art gekränkt und beleidigt
+hätten.</p>
+
+<p>Köhler selber, als er durch die Colonie geführt
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_118" id="Pg_118">[S. 118]</a></span>
+
+wurde, sah wohl todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber
+sonst nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm
+vorging; mußte er sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die
+Hände hatten ihm die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als
+er sich unterwegs nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden
+wollte, war er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem
+zu unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch
+gleich abgeurtheilt sei.</p>
+
+<p>»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er
+seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. &ndash; Wenn er selber einen dafür
+von ihr bekomme, wolle <em class="gesperrt">er</em> ihm das erlauben.«</p>
+
+<p>Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß
+sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse
+und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt
+geschehen. &ndash; Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen,
+daß kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem
+Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt
+übergeben
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_119" id="Pg_119">[S. 119]</a></span>
+
+sei.<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2"
+class="fnanchor">[2]</a>
+
+Er hatte hier also keine Behörde über sich als den Director selber, von
+dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten Vorgängen keine besondere
+Freundlichkeit erwarten durfte.</p>
+
+<p>Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß &ndash;
+ein kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern
+vor dem niedern Fenster &ndash; abgeführt und dort trotz seiner Berufung,
+daß er verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen
+und allein gelassen.</p>
+
+<p>Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum
+von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als er
+augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war
+strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis
+die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von <em
+class="gesperrt">ihm</em> bei dem Director Nichts fruchten würde, wußte er
+vorher. Köhler's Frau war indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen
+Hülfe in Anspruch zu nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht
+weit von Santa Clara wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_120" id="Pg_120">[S. 120]</a></span>
+
+oben auf der Chagra bei ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen
+haben konnte; denn sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der
+Nachbarschaft herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben,
+und konnte doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich
+lassen.</p>
+
+<p>Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu
+ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der
+Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl
+fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als er
+den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht beschädigen
+können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.</p>
+
+<p>Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und
+der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann« an
+dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann mit
+ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst am
+nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar nicht,
+weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen hätte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_121" id="Pg_121">[S. 121]</a></span>
+
+Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause fortgegangen
+sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau erinnerte
+sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war eine
+silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern Deckel hatte
+Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, <i>J. K.</i>,
+eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile
+durchstochenes Herz &ndash; wovon aber die Frau nicht wußte, auf was es
+sich beziehen sollte.</p>
+
+<p>Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte
+allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre
+er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür versetzen
+müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht vielleicht noch
+mehr.</p>
+
+<p>Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen
+wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig gezankt
+hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen hätte: sie
+möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein wenig vor den
+Leuten und der Nachbarschaft schämen &ndash; er erinnere sich aber nicht
+mehr genau der Worte,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_122" id="Pg_122">[S. 122]</a></span>
+
+die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden sich einander vorgeworfen.
+So viel wisse er außerdem, daß der Köhler den Schneider nie hätte leiden
+können &ndash; wenigstens so lange <em class="gesperrt">er</em> jetzt in
+der Colonie sei &ndash; und ihm stets alles nur erdenkliche Böse nachgesagt
+habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht bestätigen. Der
+Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als ein nüchterner,
+anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungesetzlichkeiten
+des vorigen Regiments protestirt haben mochte. Deshalb wollten auch alle
+die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre,
+Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders sei Justus' Absicht
+gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen
+Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er sei dazu in
+seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht dort eingeladen, aber doch
+mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. Es wäre auch möglich, daß sich
+die beiden Männer gerade über diesen nämlichen Gegenstand vorher gezankt
+hätten, denn die eine Partei hätte über diese sogenannten »Director-Feste«
+immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt.</p>
+
+<p>So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_123" id="Pg_123">[S. 123]</a></span>
+
+Zeugen brachte, die Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas
+vor Sonnenuntergang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht
+bestätigen konnten, daß sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen
+zwischen den Beiden bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch
+vorbeigeritten, um darauf zu achten.</p>
+
+<p>Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen
+hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der
+Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch
+dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, darüber
+lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere
+Untersuchung aufgehellt werden.</p>
+
+<p>Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten
+vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und Noth
+erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett
+und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem standen
+außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen etwaigen
+Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte aber an
+einen solchen, denn Köhler
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_124" id="Pg_124">[S. 124]</a></span>
+
+hatte ein viel zu reines Gewissen, um sich durch die Flucht einer Haft zu
+entziehen, die ja doch nur höchstens bis zum nächsten Morgen dauern konnte.
+Da er seine Frau und sein Kind jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich
+um das Andere wenig genug.</p>
+
+<p>Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen aus
+ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Menschen
+seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen Verdacht hin wie
+einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu sehen, und selbst
+Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und mehrere andere ansässige
+Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch an dem nämlichen Abend
+beim Director melden und erboten sich, für Köhler irgend eine verlangte
+Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung ausweichen würde. Der
+Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht an.</p>
+
+<p>Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht
+vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis die
+Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine Weise
+beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_125" id="Pg_125">[S. 125]</a></span>
+
+ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft
+entlassen werden.</p>
+
+<p>Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe
+zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere zu
+besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas Bier den
+natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten sie außerdem
+genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen »Herrn« waren
+eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die Colonisten unter
+Sarno gar keine Ahnung gehabt.</p>
+
+<p>»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister
+Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken sie
+einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, und wollen
+nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da gewesen?«</p>
+
+<p>»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den
+Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director
+fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt Ihr,
+daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_126" id="Pg_126">[S. 126]</a></span>
+
+Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt, für
+die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt? Das will
+denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf solche
+Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den Hals zu
+jagen.«</p>
+
+<p>»Lieber Meister, zu <em class="gesperrt">Buttlich's</em> Nutzen
+geschieht das auch nicht,« lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich
+weiß aus ganz sicherer Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein
+stiller Compagnon des Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director
+offen keinen Laden halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann,
+eben durch die Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens
+fünfhundert Milreis monatlich.«</p>
+
+<p>»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.</p>
+
+<p>»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts,
+was ich nicht beweisen kann.«</p>
+
+<p>»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.</p>
+
+<p>»Wo?« sagte Rohrland ruhig &ndash; »bei der Regierung in Rio ist Keiner
+von uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina?
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_127" id="Pg_127">[S. 127]</a></span>
+
+Das wäre schade um das Papier, das man damit verschriebe!«</p>
+
+<p>»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler
+Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen kann?
+Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, daß
+sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und tüchtige
+Handwerker in's Land zu bekommen, und der &ndash; Herr da treibt mich
+wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein krummes
+Horn stoße.«</p>
+
+<p>»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker &ndash; »<em
+class="gesperrt">ich</em> geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf
+Jahre, wie's die Regierung thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter
+bringen.«</p>
+
+<p>»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu
+Schaden kommen!«</p>
+
+<p>»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«</p>
+
+<p>»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort
+&ndash; »der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens
+seit den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut
+gehört und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_128" id="Pg_128">[S. 128]</a></span>
+
+wohin gehörten die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns
+wirklich zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen
+Colonie zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich
+da wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden
+könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger denn
+zu Hülfe kommen könnte.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold &ndash; »da
+unten am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben
+stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten
+lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da klage
+nachher einmal Jemand &ndash; was wär's dann? <em class="gesperrt">Die</em>
+Halunken verrathen einander schon lange nicht.«</p>
+
+<p>»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die
+Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen
+Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah vollkommen
+aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach auf den Füßen,
+und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück Schwarzbrod.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_129" id="Pg_129">[S. 129]</a></span>
+
+Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.</p>
+
+<p>»Wohl bekomm's!« sagte er &ndash; »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid
+wohl krank gewesen.«</p>
+
+<p>»Danke schön,« antwortete der Mann &ndash; »nein, krank gerade nicht,
+aber das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem
+Norden.«</p>
+
+<p>»Aus dem Norden? Von Rio?«</p>
+
+<p>»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«</p>
+
+<p>»Alle Teufel &ndash; und habt Ihr lange da oben gesteckt?«</p>
+
+<p>»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine
+Brust.</p>
+
+<p>»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold
+vom andern Tische herüber &ndash; »kommt, setzt Euch mit zu <em
+class="gesperrt">uns</em> herüber; was hockt Ihr da allein an einem
+Tisch?«</p>
+
+<p>»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und
+Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die jetzt
+aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und zwei Kinder
+&ndash; drei
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_130" id="Pg_130">[S. 130]</a></span>
+
+sind mir gestorben &ndash; und mein Schwager mit <em
+class="gesperrt">seiner</em> Familie.«</p>
+
+<p>»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Recht</em> schlecht,« erwiederte der Mann, noch
+einmal tief aufseufzend &ndash; »und wie wir's Alle ausgehalten,
+begreife ich eigentlich selber noch nicht. Wir waren aber freilich
+lauter kerngesunde Menschen, wenn ich auch jetzt ein Bißchen abgemagert
+aussehe.«</p>
+
+<p>Abgemagert aussehe &ndash; Du lieber Gott, der Mann glich eher einem
+Skelett als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in
+sein Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere
+Zeit Geist und Körper bei ihm gebrochen.</p>
+
+<p>»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.</p>
+
+<p>»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber
+arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles
+Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser
+Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer mehr
+in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und weiter wie
+das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_131" id="Pg_131">[S. 131]</a></span>
+
+Kleider bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns
+der Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben
+haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was wir
+uns selber hätten bebauen können &ndash; dann wär's gut gewesen.«</p>
+
+<p>»Aber das <em class="gesperrt">mußten</em> sie Euch ja doch geben,
+wenn's einmal ausgemacht war!« rief der Tischler.</p>
+
+<p>»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber
+nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's uns
+auch der Agent erklärte &ndash; daß das <em class="gesperrt">eigenes</em>
+Land sein sollte. Aber hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir
+richtig angewiesen &ndash; Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und
+das mußten wir uns urbar machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage
+arbeiteten wir darauf bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine
+Hand hatten, und dann bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie
+aber die zwei Jahre um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte
+Kaffeebäume drauf und wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken
+Bäumen, und wenn wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und
+dergleichen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_132" id="Pg_132">[S. 132]</a></span>
+
+ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an
+die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an ein
+kaltes Klima gewöhnt war, bei <em class="gesperrt">der</em> Hitze da oben
+wahrhaftig keine Kleinigkeit!«</p>
+
+<p>»Das war ja aber schändlich &ndash; und litt denn das die
+Regierung?«</p>
+
+<p>»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer
+deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte bei
+unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein Tractiren
+und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten ihn, ob er
+uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu schlecht und wir
+wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts Unrechtes wollten,
+blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und meinte, wir sollten
+nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgearbeitet hätten,
+was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und
+könnten thun und lassen, was wir wollten.«</p>
+
+<p>»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.</p>
+
+<p>»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig &ndash; »wie sich's
+nachher herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig
+geworden.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_133" id="Pg_133">[S. 133]</a></span>
+
+Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und
+erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam nachher
+zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, denn unser
+Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, was der Kaffee
+gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre sehr leicht möglich,
+daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es
+ließe sich Nichts weiter dagegen machen, denn er sei ein sehr vornehmer
+Herr, und hätte eine Menge Verwandte in Rio &ndash; und der Brasilianer
+wollte uns auch <em class="gesperrt">noch</em> nicht fort lassen, aber da
+wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten konnte, da
+ließ er uns eben ziehen.«</p>
+
+<p>»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen
+können?« fragte Spenker kopfschüttelnd &ndash; »zehn Jahre waret Ihr dort
+oben, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann &ndash; »aber
+verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und
+vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das
+nicht so rasch.«</p>
+
+<p>»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_134" id="Pg_134">[S. 134]</a></span>
+
+von der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der
+Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn
+Jahre hier, der Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und
+mit Nichts herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen
+Lade voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt
+zu denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth,
+Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der Zeit
+doch auch wahrlich Nichts.«</p>
+
+<p>»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann &ndash; »aber die Gegend soll
+ja auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch
+freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die
+Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director
+Unterstützung bekommen würden. &ndash; Aber 's ist wieder Nichts, und was
+wir jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott &ndash; ich nicht!«</p>
+
+<p>»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.</p>
+
+<p>»Ja &ndash; unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein
+paar Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten &ndash; lieber
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_135" id="Pg_135">[S. 135]</a></span>
+
+Gott, schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns
+rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch keinen
+ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch Nichts zu thun
+haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner Colonie kämen,
+desto besser.«</p>
+
+<p>»Aus <em class="gesperrt">seiner</em> Colonie?« rief Berthold in voller
+Entrüstung &ndash; »na, Gott straf' mich, 's wird doch alle Tage besser!
+Aus <em class="gesperrt">seiner</em> Colonie! Aber heute geht Ihr noch
+nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht, und dann
+wollen wir doch einmal sehen, ob die Colonisten hier in der Nachbarschaft
+nicht so viel zusammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die
+zehn Jahre in der Sclaverei gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He,
+Landsleute!« wandte er sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste,
+von denen sich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und
+an den verschiedenen Tischen vertheilt hatte &ndash; »hier sind zwei arme
+deutsche Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas
+Geraes herunter gekommen &ndash; krank dabei und elend, denen der Director
+Subsidien verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_136" id="Pg_136">[S. 136]</a></span>
+
+sie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel
+zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu
+machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht
+unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis &ndash; wer hat
+noch ein Bißchen klein Geld bei sich?«</p>
+
+<p>»Hier ist auch einer &ndash; hier auch einer!« rief es von allen
+Seiten &ndash; »hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,«
+erwiederte Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze
+des Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.</p>
+
+<p>»Da, nun gebt einmal <em class="gesperrt">Eure</em> Mütze her,« lachte
+Berthold den armen Teufel an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum
+trauend daneben stand, indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte
+&ndash; »so, nun lauft heim und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager
+&ndash; denn für den ist's auch mit, und morgen reden wir weiter, wo wir
+ein paar Colonien für Euch herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles
+in der Welt, wenn man's nur auf der rechten Seite anfaßt.«</p>
+
+<p>»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.</p>
+
+<p>»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_137" id="Pg_137">[S. 137]</a></span>
+
+ihm die Verlegenheit ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus
+&ndash; »wenn Ihr wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt
+liefert erst Eure Capitalien ab.«</p>
+
+<p>»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der
+Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm
+zugemacht.</p>
+
+<p>Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich
+gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute
+auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen
+gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald
+ausgesprochen hatte &ndash; denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler
+länger als bis morgen früh zu sitzen haben würde &ndash; fing an zu singen.
+An dem einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«,
+»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder
+wurden vorgenommen.</p>
+
+<p>Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte
+jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte
+Nichts mit ihm zu thun haben.</p>
+
+<p>Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer
+der braunen brasilianischen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_138" id="Pg_138">[S. 138]</a></span>
+
+Soldaten den Kopf hereinsteckte und in portugiesischer Sprache nach dem
+Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der
+Thür vorbeigehen wollte, blieb stehen, sah den Burschen an und fragte:</p>
+
+<p>»Na? Was ist nu wieder los?«</p>
+
+<p>»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer
+trat.</p>
+
+<p>»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«</p>
+
+<p>»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat
+befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr
+gesungen wird.«</p>
+
+<p>»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.</p>
+
+<p>»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander,
+welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was will
+er, Bodenlos? Ist er durstig?«</p>
+
+<p>»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört
+den Herrn Director.«</p>
+
+<p>»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold
+&ndash; »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«</p>
+
+<p>»Alle sollen nach Hause gehen und Singen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_139" id="Pg_139">[S. 139]</a></span>
+
+aufhören!« schrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei
+seinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das gethan
+hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der
+ganzen Mannschaft stießen draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die
+Gäste sahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.</p>
+
+<p>»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber
+ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür
+nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die
+Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen
+faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben
+nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre
+jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn nicht
+Bohlos dazwischen gesprungen wäre.</p>
+
+<p>»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes
+willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich
+gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie
+wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie <em
+class="gesperrt">mir</em>
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_140" id="Pg_140">[S. 140]</a></span>
+
+den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus &ndash; morgen
+wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«</p>
+
+<p>Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste
+folgten seinen Bitten und verließen &ndash; aber alle mit bitteren
+Flüchen auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten
+verstehen sollten &ndash; das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei
+Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor
+des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine
+Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz richtige
+deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der
+Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch den Ort, um
+ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.</p>
+
+<p>Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel,
+gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen leere
+Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.</p>
+
+<p>»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig &ndash; »Sie haben mir
+im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_141" id="Pg_141">[S. 141]</a></span>
+
+Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich habe
+übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich
+auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn Sie also
+Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«</p>
+
+<p>Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen,
+und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um
+hinauszugehen.</p>
+
+<p>»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein
+Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den
+Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem großen
+Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte.
+Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, um sich vor
+dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn niedertraf.
+Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei aus, als die
+Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im nächsten
+Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.</p>
+
+<p>Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute
+eilten herbei. Bohlos
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_142" id="Pg_142">[S. 142]</a></span>
+
+aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen
+stand, sagte ruhig:</p>
+
+<p>»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den
+Arm zerbrochen« &ndash; und sank dann ohnmächtig zusammen.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_143" id="Pg_143">[S. 143]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC06" id="TOC06"></a>6.<br />
+
+Vorbereitungen.</h2>
+
+
+<p>So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche
+Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht
+viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die älteren
+Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das Directions-Haus
+stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen Teufeln« jagten.</p>
+
+<p>Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die
+Stimmung gegen ihn <em class="gesperrt">konnte</em> ihm nicht verborgen
+bleiben, und er hatte zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten
+in sein eigenes Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten
+mußten.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_144" id="Pg_144">[S. 144]</a></span>
+
+Die Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das
+»Auswanderer-Haus« postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten
+am Fluß-Ufer lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner
+Hintergebäude angewiesen worden.</p>
+
+<p>Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke
+wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director
+erwiederte dieser:</p>
+
+<p>Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern sogar
+offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens
+noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend,
+der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem
+Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der
+Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und die
+Sache werde dann weiter untersucht werden.<a name="FNanchor_3"
+id="FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
+
+<p>Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen den
+braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die sich selbst
+am Tag auffallend glichen, wäre es ganz
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_145" id="Pg_145">[S. 145]</a></span>
+
+unmöglich für Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu
+können &ndash; und vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah
+weiter Nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon
+in Kenntniß gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die
+Behörden« fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem
+Wiederholungsfalle, die Schankgerechtigkeit entzogen werde.</p>
+
+<p>Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des
+Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung
+zeigte, wurde er zum <em class="gesperrt">ersten</em> Mal zu seinem Verhör
+geführt und &ndash; als er nicht bekennen wollte &ndash; wieder in seine
+Zelle zurückgebracht.</p>
+
+<p>Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie
+geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte,
+saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber
+aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken
+können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich gesinnt
+sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. Außerdem
+war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er jene Mißhandlung
+erlitten,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_146" id="Pg_146">[S. 146]</a></span>
+
+und mit aller Höflichkeit und einigen nichtssagenden Redensarten wurde der
+junge Mann abgespeist, daß er das Directionsgebäude empört verließ.</p>
+
+<p>Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten zu
+treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath einzuholen.
+Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, Niemand konnte
+ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise treffen würde, und
+es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem aufgeschlagenen Lager
+fand.</p>
+
+<p>Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara,
+und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor sich
+hin.</p>
+
+<p>»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich,
+»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen;
+aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth,
+Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben, denn
+das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten kommen,
+und wenn es jetzt für unseren jungen Freund
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_147" id="Pg_147">[S. 147]</a></span>
+
+auch schlimm genug ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt
+zu sein, kann er sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung
+erhält. Also Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen
+erwischt? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das
+später einmal der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können!
+Aber die alte Geschichte &ndash; wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal
+der Löffel &ndash; so 'was Gutes kommt an mich nicht!«</p>
+
+<p>»Und können Sie mit hinunter?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern &ndash; »das heißt heute nicht
+mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine
+Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern
+Stelle fertig machen kann &ndash; mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber
+auch wacker dabei unterstützt.«</p>
+
+<p>»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«</p>
+
+<p>»Vortrefflich!« lachte der junge Mann &ndash; »und außerdem hatte ich
+nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich
+sein könnte, während ich sogar jetzt das volle
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_148" id="Pg_148">[S. 148]</a></span>
+
+Vertrauen des von der Regierung angestellten Beamten besitze.«</p>
+
+<p>»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,«
+sagte Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls
+brasilianischer Beamter wirst.«</p>
+
+<p>»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend;
+»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen,
+und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar
+nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«</p>
+
+<p>»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther &ndash; »und nun wieder an die
+Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch
+genug zu thun.«</p>
+
+<p>Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber doch
+zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu können,
+den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.</p>
+
+<p>»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter
+gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen
+Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt &ndash; Felix war gerade ein Stück
+zurückgeblieben.</p>
+
+<p>»Nichts &ndash; gar Nichts,« sagte Könnern leise
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_149" id="Pg_149">[S. 149]</a></span>
+
+&ndash; »ich habe sie sogar gesucht &ndash; ich bin fünf Tage nach ihnen
+in der ganzen Nachbarschaft umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur
+gefolgt. Dann war diese urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir
+weitere Nachricht von den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir
+jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück
+zugestoßen sein könne. Meine arme, arme Elise!«</p>
+
+<p>»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd
+&ndash; »wie wäre das <em class="gesperrt">hier</em> in der Colonie <em
+class="gesperrt">möglich</em>?«</p>
+
+<p>»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach
+rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute
+Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden
+vermöchte, können sie verdorben sein.«</p>
+
+<p>»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar
+keinen Verdacht?«</p>
+
+<p>»Keinen &ndash; der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich,
+als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine
+Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum
+Feinde gemacht, daß man glauben
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_150" id="Pg_150">[S. 150]</a></span>
+
+könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.«</p>
+
+<p>»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«</p>
+
+<p>»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er
+im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und
+daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«</p>
+
+<p>»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können.
+Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, hat
+der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt
+ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten
+Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit
+nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«</p>
+
+<p>»Sie wollen wirklich fort &ndash; und dann nach Deutschland?«</p>
+
+<p>»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und
+spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon
+der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.</p>
+
+<p>»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_151" id="Pg_151">[S. 151]</a></span>
+
+»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen
+satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie
+einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern &ndash; sechs
+Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb
+und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer
+wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich
+drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt
+habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen
+und mein Geld einzucassiren &ndash; wobei ich aber dafür sorgen werde,
+daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer
+heim &ndash; heim &ndash; es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer
+reichen, deutschen Sprache &ndash; <em class="gesperrt">heim</em>!«</p>
+
+<p>Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße
+Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in <em
+class="gesperrt">seinem</em> Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die
+Heimath todt und leer, denn all' <em class="gesperrt">sein</em> Hoffen,
+all' <em class="gesperrt">sein</em> Lieben deckten die düsteren Schatten
+des brasilianischen Urwaldes &ndash; vielleicht schon mit Todesnacht
+&ndash; arme Elise!</p>
+
+<p>Noch an demselben Nachmittag erreichten sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_152" id="Pg_152">[S. 152]</a></span>
+
+die Colonie, in der sich in den Tagen Nichts verändert hatte, das
+ausgenommen, daß die Erbitterung gegen den Director fast noch mit jedem
+Tage gestiegen war. Herr von Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit
+dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube
+gar nicht mehr betreten und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo
+sie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Director einmal einen
+Augenblick zu ihnen heraustrat.</p>
+
+<p>Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr,
+gar nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm
+anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der
+ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron ihn
+zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu finden.</p>
+
+<p>Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört,
+<em class="gesperrt">nicht</em>, arbeitete aber dafür sehr fleißig an
+verschiedenen Depeschen, die allen möglichen ungünstigen Berichten in
+Rio entgegenwirken sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von
+Schwartzau keinen Fürsprecher finden würde.</p>
+
+<p>Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_153" id="Pg_153">[S. 153]</a></span>
+
+Versuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in
+seiner Stube mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach
+Rio nehmen sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im
+nächsten Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht,
+aber mit einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.</p>
+
+<p>»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen gern
+leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen
+&ndash; »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«</p>
+
+<p>»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß
+Könnern allein im Zimmer sei &ndash; »Sie haben mich wohl erwartet, und
+<em class="gesperrt">ich</em> laufe mir seit beinahe einer Woche im
+ganzen Neste die Beine ab und suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und
+Ecken.«</p>
+
+<p>»Mich &ndash; und weshalb? &ndash; Ich war im Walde draußen.«</p>
+
+<p>»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber &ndash; wollen Sie mir einen
+Gefallen thun?«</p>
+
+<p>»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«</p>
+
+<p>»Wie lange?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_154" id="Pg_154">[S. 154]</a></span>
+
+»Ist es so wichtig?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Nun denn, heraus damit!«</p>
+
+<p>»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«</p>
+
+<p>»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«</p>
+
+<p>»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu
+umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen
+möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«</p>
+
+<p>»Und wie lange wird es mich aufhalten?«</p>
+
+<p>»Eine gute Stunde &ndash; vielleicht zwei &ndash; vielleicht eine
+Woche.«</p>
+
+<p>»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein;
+doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe
+ich eine Stunde Zeit für Dich &ndash; vorausgesetzt aber, daß es wirklich
+wichtig ist.«</p>
+
+<p>Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl,
+seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern
+seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien
+weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun
+sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_155" id="Pg_155">[S. 155]</a></span>
+
+jungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter.</p>
+
+<p>»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah
+zu seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und
+angebunden hatte &ndash; »ist es so weit?«</p>
+
+<p>»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem
+machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann die
+ganze Geschichte.«</p>
+
+<p>Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem
+Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach
+Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis
+der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun,
+ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein großes Vertrauen
+hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und ihm den Platz zu
+beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend,
+an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimsen wollte, und
+zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der Dieb seines eigenen Geldes, den
+gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe, und
+dann in wilder Flucht in den
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_156" id="Pg_156">[S. 156]</a></span>
+
+Wald gesprungen sei. &ndash; Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und
+Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher
+gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.</p>
+
+<p>»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz
+interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber &ndash; nimm mir's
+nicht übel &ndash; was geht <em class="gesperrt">mich</em> das eigentlich
+an?«</p>
+
+<p>»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht
+im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als
+des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? &ndash; ich weiß aber jetzt wer
+der wirkliche Mörder ist.«</p>
+
+<p>»Du &ndash; Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.</p>
+
+<p>»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe &ndash; »Bux.«</p>
+
+<p>»Bux? &ndash; Wer ist Bux?«</p>
+
+<p>»Sie kennen Buxen nicht? &ndash; den Bauchredner, den Lump?«</p>
+
+<p>»Und wo ist er jetzt?«</p>
+
+<p>»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.</p>
+
+<p>»Und woher glaubst Du das?«</p>
+
+<p>Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes
+Klappmesser und zeigte es Könnern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_157" id="Pg_157">[S. 157]</a></span>
+
+»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im
+Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, als
+ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen vorsichtig
+erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es
+mir abnehmen. &ndash; So, und jetzt steigen wir zu meinem Versteck hinauf,
+in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze
+Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen ist.«</p>
+
+<p>»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«</p>
+
+<p>»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich
+richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der
+Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß <em
+class="gesperrt">wie</em>, nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben
+irgendwo gerade Etwas ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie
+mir nachgekrochen und haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux
+den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein
+behalten zu können. Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele
+bekam er die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im
+ersten Schrecken,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_158" id="Pg_158">[S. 158]</a></span>
+
+als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes wegen abgefaßt
+werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche fuhr.«</p>
+
+<p>»Bux? &ndash; Bux? &ndash; Ich kann mich auf den Menschen gar nicht
+besinnen.«</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias &ndash; »der Liedrian, der immer
+einen Tressenstreifen um die Mütze trug.«</p>
+
+<p>»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend &ndash; »den hab' ich neulich auf
+meinem Ritt in die Colonien getroffen. &ndash; Es war ihm Etwas geschehen,
+ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt, und
+er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«</p>
+
+<p>»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.</p>
+
+<p>»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast
+an Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern
+vorwurfsvoll &ndash; »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«</p>
+
+<p>»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen
+von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht unter
+Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem
+Daumen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_159" id="Pg_159">[S. 159]</a></span>
+
+zu halten? Und dann, sollt ich's <em class="gesperrt">denen</em> wohl
+auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu
+müssen? &ndash; Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt
+haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr
+sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht,
+und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht &ndash; der Köhler heute krank
+geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr
+lange aus, und wenn dem 'was passirte &ndash; <em class="gesperrt">das</em>
+möcht' ich nicht auf dem Gewissen haben &ndash; da noch lieber die Angst,
+bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mit <em
+class="gesperrt">meinem</em> Gelde auch heraus, das ist sicher, denn
+gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher
+freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt,
+wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben so
+erschreckt gewesen wäre, als er selber.«</p>
+
+<p>»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief
+Könnern rasch.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und
+augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_160" id="Pg_160">[S. 160]</a></span>
+
+Sie sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige
+machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, so
+wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann
+die Beweise unter die Nase reiben, <em class="gesperrt">muß</em> er den
+Gefangenen herausgeben, oder &ndash; wir stecken ihm das Haus über dem Kopf
+an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt
+Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«</p>
+
+<p>Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen
+fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit
+ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt
+würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er
+seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie
+benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa
+Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit
+ihnen das Nöthige zu berathen.</p>
+
+<p>Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen
+Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_161" id="Pg_161">[S. 161]</a></span>
+
+ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien
+allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu
+folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen
+würde, aber &ndash; sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede
+mehr.</p>
+
+<p>Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte
+das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte,
+und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer
+Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je
+geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten sie
+rechnen.</p>
+
+<p>An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf
+Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt
+und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die
+gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um
+Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht
+drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen
+verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen,
+daß wenigstens
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_162" id="Pg_162">[S. 162]</a></span>
+
+ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die
+Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit
+sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen
+Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das
+abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro.«</p>
+
+<p>Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio,
+angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen
+fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien an
+der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man
+nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon vorgekommen, daß
+der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht
+hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.</p>
+
+<p>Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem
+nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hieher
+gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes
+Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte
+über die Vermessung der Colonie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_163" id="Pg_163">[S. 163]</a></span>
+
+beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte,
+schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den
+Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide
+junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen,
+sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine
+halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße
+hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_164" id="Pg_164">[S. 164]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC07" id="TOC07"></a>7.<br />
+
+Bux auf der Flucht.</h2>
+
+
+<p>»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben
+führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war heute,
+wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum ersten Mal
+gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag
+es auf seiner Seele. &ndash; »Heute hier, morgen da, heute philisterhaft
+sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des täglichen Brodes
+wegen, und morgen wieder im Sattel &ndash; wie wir Beide heute &ndash;
+als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie man sie nicht
+brauchbarer erfinden könnte.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_165" id="Pg_165">[S. 165]</a></span>
+
+auch gleicht unser Leben einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich
+combinirten Romane, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und
+alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach
+Brasilien auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden
+wir eben so gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten
+Verhältnissen, die nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen.
+Könnten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare
+und interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«</p>
+
+<p>Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem
+Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.
+
+»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer <em
+class="gesperrt">Gräfin</em> gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die
+ich in Santa Clara war, ganz nach ihr zu fragen &ndash; oder kennen Sie die
+Dame gar nicht?«</p>
+
+<p>»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern,
+»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich
+muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit
+versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_166" id="Pg_166">[S. 166]</a></span>
+
+Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, so
+scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«</p>
+
+<p>»In der gräflichen?« lachte Felix.</p>
+
+<p>»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind
+mir auch die Einzelheiten wieder entfallen &ndash; ich hatte überhaupt
+damals den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die
+Verbindung zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen
+ist ...«</p>
+
+<p>»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.</p>
+
+<p>»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr
+Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn
+die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt
+gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«</p>
+
+<p>»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein?
+&ndash; Und wo wohnt sie jetzt? &ndash; Wo konnte sie hin?«</p>
+
+<p>»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame
+selber aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer
+gemiethet und einen Theil ihrer Möbel
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_167" id="Pg_167">[S. 167]</a></span>
+
+wie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitschen verkauft.«</p>
+
+<p>»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich
+hin. »Von der <em class="gesperrt">Mutter</em> getrennt, und die Verbindung
+mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen
+sein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen
+Familienroman mit den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen
+Mädchen, einer intriguanten Mutter und &ndash; einem überflüssigen
+Bräutigam. Schade nur, daß der wirkliche <em class="gesperrt">Geliebte</em>
+fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß gehört, denn <em
+class="gesperrt">die</em> Damen, die in einem Buche immer zuerst die
+letzten Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung.
+&ndash; Und da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand
+nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag &ndash; »dort hat
+sich ebenfalls eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt
+gewordene Veranlassung zerstreut &ndash; die Mutter ist in's Wasser
+gesprungen, Vater und Tochter sind verschwunden &ndash; verdorben
+vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieses Leben, wie wir
+&ndash; gerade so gut als wir, und jetzt Alles &ndash; Alles zerstoben wie
+ein Traum! Sonderbare Geschichte
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_168" id="Pg_168">[S. 168]</a></span>
+
+das, höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich
+nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher <em
+class="gesperrt">wacht</em>.«</p>
+
+<p>Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach
+riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos er
+in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, und
+da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen und Bildern
+zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und schweigend neben
+einander hin.</p>
+
+<p>»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern
+wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn man
+selbst überflüssige Zeit hat, und das &ndash; haben wir hier nicht einmal!
+Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt
+nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das glückliche Gesicht
+der jungen allerliebsten Frau &ndash; um die ich den Gefangenen, aufrichtig
+gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauschte
+den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem jetzigen Aufenthalt in dem
+ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein Paar
+<em class="gesperrt">solcher</em> Arme in
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_169" id="Pg_169">[S. 169]</a></span>
+
+Glück und Seligkeit umschlingen würden. &ndash; Aber was haben <em
+class="gesperrt">wir</em> Beiden, wenn wir zurückkommen? &ndash; Quartier
+bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein einschläfiges Gastbett,
+zweischläfig mit Flöhen versehen &ndash; es ist zum Todtschießen!«</p>
+
+<p>»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte
+Könnern.</p>
+
+<p>»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich
+steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst wenn
+man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux
+&ndash; so heißt der Kerl ja wohl &ndash; zum letzten Mal gesehen?«</p>
+
+<p>»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern,
+»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«</p>
+
+<p>»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen &ndash;
+auf der Jagd?«</p>
+
+<p>»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende
+Antwort &ndash; »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«</p>
+
+<p>»Von dem sind Sie unzertrennlich?«</p>
+
+<p>»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir
+es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_170" id="Pg_170">[S. 170]</a></span>
+
+sich jener verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind <em
+class="gesperrt">Sie</em> kein Jäger?«</p>
+
+<p>»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu
+Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden,
+mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos
+daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die Jäger
+nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für unanständig
+&ndash; wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den verschiedenen
+Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich habe auch nur selten
+ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger hetzte ich aber dafür
+Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List gegen List, Muskel gegen
+Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit Pulver und Blei, dem das arme
+Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen vermag.«</p>
+
+<p>»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch
+nicht für so ungleichen Kampf halten?«</p>
+
+<p>»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären.
+Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von Durst
+und Hitze halb aufgerieben werden
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_171" id="Pg_171">[S. 171]</a></span>
+
+und dann nicht einmal einen Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens
+einmal seine Fährte zu finden, wo <em class="gesperrt">er</em> seinen
+Durst löschte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken saß und
+schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Passion
+die mir fehlt, und ich überlasse es denen, die wirklich Freude daran
+finden.«</p>
+
+<p>Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem
+Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu
+berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf
+auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast direct
+nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang und mußten
+sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn an vielen
+Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und da führte
+auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern schien aber
+völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er
+die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und sorgfältig
+untersucht hatte.</p>
+
+<p>Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht
+hatten. Halbdurchgebrannte
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_172" id="Pg_172">[S. 172]</a></span>
+
+Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit
+Messer oder Beil abgehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt
+worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzustellen.</p>
+
+<p>Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah,
+denn hier hatte &ndash; dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten
+Colonie wohnten &ndash; seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde
+zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen Holz
+herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und versucht
+eine Hütte für ihn zu spannen. &ndash; Und an der nächsten Chagra eben
+verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an steinig, da er
+in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten menschlichen Wohnung
+wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit noch war er damals
+umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht
+brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge &ndash; umsonst, wie in den
+Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, und es blieb keine
+andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen seien und sich verirrt
+hätten,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_173" id="Pg_173">[S. 173]</a></span>
+
+wo sie dann rettungslos in der furchtbaren Wildniß verderben mußten.</p>
+
+<p>Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte,
+alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen
+gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid
+mitzutheilen &ndash; was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst
+hoffen, daß er ihn verstehen würde?</p>
+
+<p>»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich
+sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte,
+&ndash; »ob das <em class="gesperrt">unsere</em> Familie gewesen ist?«</p>
+
+<p>»Nein &ndash; Andere,« sagte Könnern leise &ndash; »Bux hat mit seiner
+Familie an dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra
+geben lassen. &ndash; Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne
+Zeit!«</p>
+
+<p>Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich
+wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche
+niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche der
+Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und Militärmacht
+in die Colonie zu legen.</p>
+
+<p>Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_174" id="Pg_174">[S. 174]</a></span>
+
+zu, und die Reisenden beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken
+fanden sie auch genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie
+hatten, und waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in
+ihrer Einsamkeit zu sehen.</p>
+
+<p>Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben
+könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht
+einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung hatte
+früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche Colonie
+anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht werden.
+&ndash; Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und
+anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das
+Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde
+zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem
+Centralpunkt zu arbeiten &ndash; aber es ging nicht.</p>
+
+<p>Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den
+besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer Producte
+zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch die, nie von
+einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu bahnlosen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_175" id="Pg_175">[S. 175]</a></span>
+
+Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist alle ihr
+Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der Welt noch in
+Verbindung standen.</p>
+
+<p>Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen
+Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu
+schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so viel
+sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen auch hier
+und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch, daß die für
+jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden könnte. Dann aber
+stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth, und ihre Producte
+fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen und günstigen
+Absatz.</p>
+
+<p>Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz,
+an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last nicht
+weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte dafür, wie
+roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein überladenes
+Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er nach einer andern
+Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_176" id="Pg_176">[S. 176]</a></span>
+
+nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das Schmiedehandwerk
+verstehe &ndash; was recht gut sein konnte &ndash; und als er hier erfuhr,
+daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er den Entschluß
+gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und weshalb er hieher
+in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort geäußert haben, und
+die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich sein Esel wieder so weit
+erholt hatte, daß er weiter konnte.</p>
+
+<p>Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter
+dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich
+die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht und
+brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste
+Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut
+frühstücken.</p>
+
+<p>Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu
+ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der
+That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner
+überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier,
+denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder
+erholt, war nicht im Stande
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_177" id="Pg_177">[S. 177]</a></span>
+
+gewesen, seine frühere Last noch einmal aufzunehmen. Der Meinung des Bauers
+nach konnte der Bursche indessen kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein,
+denn die Frau war ebenfalls krank geworden und so schwach, daß sie sich mit
+dem Kinde kaum vorwärts schleppte.</p>
+
+<p>Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert
+hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt nicht
+mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie die
+kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen Schuhe
+des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich verschwunden
+und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von keinem kleinen
+Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt worden. Sie
+fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede Fährte hätte
+abdrücken <em class="gesperrt">müssen</em>, und die Wanderer, des Gebüsches
+wegen, auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine
+Spur der Verfolgten irgendwo hinein.</p>
+
+<p>»Nun, durch die Luft sind sie <em class="gesperrt">nicht</em>,« tröstete
+sich aber Könnern, »und jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links
+irgendwo abgewandt, um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_178" id="Pg_178">[S. 178]</a></span>
+
+so dicht auf den Fersen wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also
+ein Stück zurück, Graf Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen
+Eselshuf zuerst wieder in Sicht bekommen.«</p>
+
+<p>Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt
+zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte
+Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz schmalen
+Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte und kaum zu
+passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der nägelbeschlagene Schuh
+hier wieder sichtbar.</p>
+
+<p>»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat
+sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den
+Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer
+Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«</p>
+
+<p>»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange
+vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit
+einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am
+Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette eingehen,
+daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_179" id="Pg_179">[S. 179]</a></span>
+
+Kinder auch. Hören Sie, Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich
+doch nicht ordentlich überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei
+überlassen sollen, den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird
+jedenfalls eine Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und
+Entsetzen zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn
+einfangen und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau
+dazu kommt &ndash; und krank soll sie ohnedies sein &ndash; und kleine
+Kinder &ndash; verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt
+einfällt, wo es natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«</p>
+
+<p>»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber
+ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen
+widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit
+zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist.
+Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an Köhler's
+junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr nicht einmal
+verstattet wird, den <em class="gesperrt">erkrankten</em> Mann zu pflegen.
+<em class="gesperrt">Der</em> müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und
+ich denke, nachher werden wir auch wohl im
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_180" id="Pg_180">[S. 180]</a></span>
+
+Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu sorgen. Meinen Sie
+nicht?«</p>
+
+<p>»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus &ndash; »der armen
+Frau soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid
+zu tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden.
+So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich wie ein
+Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director überliefern
+können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe hier gar Nichts
+mehr.«</p>
+
+<p>»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte
+Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.</p>
+
+<p>»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn
+Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen &ndash; »das
+da unten muß doch eine Chagra sein.«</p>
+
+<p>»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den
+Augen folgend &ndash; »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in
+das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, als
+ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«</p>
+
+<p>»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,«
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_181" id="Pg_181">[S. 181]</a></span>
+
+sagte Rottack, »denn wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich
+einem steilen, dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«</p>
+
+<p>Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen
+Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg
+ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr
+beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen
+Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als
+Könnern plötzlich leise rief:</p>
+
+<p>»Halt! Ich höre Stimmen!«</p>
+
+<p>Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt,
+unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe
+Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte die
+Stimme einer Frau.</p>
+
+<p>»Das ist er!« flüsterte Rottack &ndash; »gleich dort hinter der
+Palmengruppe muß er stecken.«</p>
+
+<p>Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren
+Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg
+erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert
+Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_182" id="Pg_182">[S. 182]</a></span>
+
+vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu
+kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte.
+Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.</p>
+
+<p>Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem &ndash;
+wie Könnern ganz richtig vermuthet hatte &ndash; der unbehagliche Gedanke
+gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der Verdacht
+auf <em class="gesperrt">ihn</em> fallen sollte, wußte er freilich nicht,
+denn hatte er auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die
+Frage, wann das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen
+würde, und bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht
+konnte aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber
+erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher, sonst
+wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt hatte?
+&ndash; er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte &ndash; sagte
+ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur
+gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar Wochen
+im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit abwarten,
+als sich, wie er
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_183" id="Pg_183">[S. 183]</a></span>
+
+bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen, ob Jemand hinter ihm her
+käme.«</p>
+
+<p>So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch
+nicht ruhen lassen.</p>
+
+<p>Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die
+Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.</p>
+
+<p>»Aber ich <em class="gesperrt">kann</em> ja nicht mehr, Bux,« sagte die
+Unglückliche &ndash; »laß mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen,
+nachher wird's schon wieder gehen.«</p>
+
+<p>»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem
+abscheulichen Fluch &ndash; »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich
+krähen hören &ndash; es <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr weit
+sein.«</p>
+
+<p>»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde,
+das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum &ndash; »mach'
+mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier
+umkommen, aber ich kann nicht weiter.«</p>
+
+<p>»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich, Gott
+straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« &ndash; er fuhr
+erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_184" id="Pg_184">[S. 184]</a></span>
+
+Pferde im Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.</p>
+
+<p>Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:</p>
+
+<p>»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr
+geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib
+muß auch noch das schwere Kind schleppen &ndash; 's ist doch wahrlich
+eine Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine
+Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal
+einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun &ndash; Ihr seht aus, als ob
+Ihr's nöthig hättet.«</p>
+
+<p>»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau &ndash; »und der mag's
+vergelten &ndash; Ihr seid doch auch <em class="gesperrt">Menschen</em>,
+Ihr werdet mich nicht hier im Walde allein liegen und mit dem Kinde
+verhungern lassen.«</p>
+
+<p>»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann
+finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor sich
+auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den Mörder
+finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor sich
+hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_185" id="Pg_185">[S. 185]</a></span>
+
+Die scheue, ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der
+unechte Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den
+letzten Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.</p>
+
+<p>»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde
+&ndash; »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen
+Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen hättet?
+Das glaub' ich! <em class="gesperrt">Ihr</em> könnt's aushalten auf Euren
+Pferden oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's
+Leben schinden &ndash; na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«</p>
+
+<p>Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder
+gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:</p>
+
+<p>»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell
+&ndash; »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich
+niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen
+scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den Händen
+der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte jetzt einen
+Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_186" id="Pg_186">[S. 186]</a></span>
+
+»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern in
+französischer Sprache zu &ndash; »die Frau und die Kinder werden ein
+Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber
+warten, bis wir ihn allein haben?«</p>
+
+<p>Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux
+selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später
+herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch
+gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die beiden
+Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen in Santa
+Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren
+gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt Rettung
+&ndash; Flucht!</p>
+
+<p>»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von
+dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes
+Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen
+Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit <em
+class="gesperrt">einem</em> Satz in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen
+Hang mehr hinab stürzend, wie laufend.</p>
+
+<p>Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß
+auszuweichen, der ihn
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_187" id="Pg_187">[S. 187]</a></span>
+
+noch leicht am Arm streifte, seinen Rock zerschnitt und ihm die Haut
+ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, so
+daß der Flüchtling, ehe er sich wieder aufraffen konnte, wenigstens zehn
+bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm hatte.</p>
+
+<p>Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende
+Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem
+Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter mit
+einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos um seine
+eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte Könnern's Pferd
+vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht
+vorwärts.</p>
+
+<p>»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die
+Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und auch
+die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück,
+warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie Nichts zu
+befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der Jagd.</p>
+
+<p>Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen
+Tagesmarsch und der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_188" id="Pg_188">[S. 188]</a></span>
+
+ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern hatte auch, um seinen
+Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken, als ihm gut war.
+Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und frischen
+Kräften, mit denen er jede Öffnung in den Büschen benutzte, während
+der Fliehende rücksichtslos mitten hindurch brach und damit seine Kraft
+schwächte, sah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war,
+und suchte ihm deshalb den Weg abzuschneiden.</p>
+
+<p>Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort
+&ndash; weiter &ndash; aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben
+Augenblick, wo sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts
+hinüber &ndash; vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein
+zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang
+jetzt hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden,
+und erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte &ndash; denn daß ihm hier ein
+Pferd nicht folgen konnte, wußte er &ndash;, sah er, daß er verloren war.
+Aber er ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch
+links schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_189" id="Pg_189">[S. 189]</a></span>
+
+und lag &ndash; vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten
+die Rächer! &ndash; Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb
+mit seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er
+sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen &ndash; seine Mütze hatte er
+verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte
+Stirn &ndash; vorwärts &ndash; vorwärts &ndash; bis seine Kräfte ermatteten
+und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.</p>
+
+<p>Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der
+Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem
+Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte
+es dem Freunde.</p>
+
+<p>»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.</p>
+
+<p>»Hier liegt er &ndash; er ist sicher &ndash; aber was haben Sie
+dort?«</p>
+
+<p>»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich
+sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach, da
+ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da liegt
+die Canaille &ndash; ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen, der
+hat uns noch eine hübsche Hetze
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_190" id="Pg_190">[S. 190]</a></span>
+
+gemacht! &ndash; Wenn ich nur meine Hunde hier gehabt hätte!«</p>
+
+<p>Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht &ndash; nur sein schweres,
+hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf die
+vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.</p>
+
+<p>»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch
+durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen,
+und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als ihn
+auf ein Pferd zu binden.«</p>
+
+<p>»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn
+Mitleid verdient die Canaille nicht. &ndash; Aber dort drüben ist ein Weg,
+Könnern, bei Gott &ndash; und da hinten liegt das Haus &ndash; wir sind
+dicht an der Chagra.«</p>
+
+<p>»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort
+Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal
+binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«</p>
+
+<p>»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann &ndash; »eben nur geritzt,
+nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen &ndash; das
+ist wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen
+bleiben &ndash; holla, Freund
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_191" id="Pg_191">[S. 191]</a></span>
+
+&ndash; steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt wieder wandern.«</p>
+
+<p>»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern &ndash; »trauen Sie
+ihm nicht!«</p>
+
+<p>»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend
+und heftig schüttelnd. &ndash; »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine
+Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück, und
+wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«</p>
+
+<p>Bux regte sich nicht.</p>
+
+<p>»Willst Du nicht gehorchen? &ndash; gut, dann darfst Du Dich auch nicht
+beklagen!« &ndash; und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil
+aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um
+die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm
+ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der Hand
+fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor &ndash;
+doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in demselben
+Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux wollte sich
+losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei Minuten später,
+während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch um Hülfe
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_192" id="Pg_192">[S. 192]</a></span>
+
+brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.</p>
+
+<p>»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen
+Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten Sie
+bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus
+springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas nützen
+können.«</p>
+
+<p>»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter
+und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«</p>
+
+<p>»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken,
+daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser, wir
+wissen erst wer hier unten wohnt.«</p>
+
+<p>»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht
+entwischt, dafür will ich schon sorgen.«</p>
+
+<p>Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch
+einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt rasch
+darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich entgegenkommen
+sah.
+
+»Habt <em class="gesperrt">Ihr</em> um Hülfe geschrieen?« fragte ihn
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_193" id="Pg_193">[S. 193]</a></span>
+
+dieser schon von Weitem in portugiesischer Sprache. »Was ist denn
+geschehen? Seid Ihr angefallen?«</p>
+
+<p>»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern &ndash; »wir haben
+einen Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war
+und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. Könnt
+Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«</p>
+
+<p>»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern
+erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte &ndash; »ich habe
+einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht
+verlassen.«</p>
+
+<p>»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört
+haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer
+Familie gehabt?«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Wir</em>, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der
+Brasilianer; »aber ein Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter
+zu uns kam, legte sich und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon
+krank, als er mein Haus betrat.«</p>
+
+<p>»Ein Fremder? &ndash; mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie
+ihm dabei das Blut in den Adern stockte.</p>
+
+<p>»Ja, Senhor.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_194" id="Pg_194">[S. 194]</a></span>
+
+»Ein Mann mit weißen Haaren?«</p>
+
+<p>»Kennt Ihr ihn?«</p>
+
+<p>»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus &ndash;
+»hier also &ndash; hier &ndash; aber da komm' ich doch noch vielleicht zur
+rechten Zeit! &ndash; Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir
+eine Liebe erzeigen wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt
+die Straße hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt
+ihm einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«</p>
+
+<p>»Seid <em class="gesperrt">Ihr</em> ein Verwandter von dem Alten?«</p>
+
+<p>»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«</p>
+
+<p>»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt &ndash; und nun macht
+nur, daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das
+Andere will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_195" id="Pg_195">[S. 195]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC08" id="TOC08"></a>8.<br />
+
+Gefunden.</h2>
+
+
+<p>Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der
+hier ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal
+gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in diese
+Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen konnte, in
+einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich herausgerückt zu
+sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land, ihnen gute Colonien
+zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein reicher Mann sein.
+Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang allein und einsam in der
+Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.</p>
+
+<p>Natürlich hatte er für sich und seine Familie,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_196" id="Pg_196">[S. 196]</a></span>
+
+wie für ein paar Sclaven, die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige
+Hütte gebaut, denn der Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine
+Arbeitskräfte in Anspruch. So beschränkt aber der Raum war, den er
+bewohnte, so willig theilte er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem
+Fremden &ndash; war es nun ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte,
+oder eine wandernde Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten
+genug zu sehen bekam. Für die Frau &ndash; denn der Mann konnte doch
+wenigstens manchmal fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein
+in ihrer Wildniß saß &ndash; war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest,
+und was die Küche wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht
+und aufgetischt.</p>
+
+<p>Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem
+Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung
+zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte
+wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die
+Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst gesunden
+Körper gearbeitet und gezehrt &ndash; die furchtbare Zeit der Entdeckung
+kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_197" id="Pg_197">[S. 197]</a></span>
+
+der ungewohnten Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die
+ihn bis dahin noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.</p>
+
+<p>Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der
+körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger
+Stumpfsinn, der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend
+aufloderte.</p>
+
+<p>Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und
+seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war,
+so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb, waren aus
+seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den gräßlichen
+Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für flüchtig
+vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn Elise zu
+beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld sowohl das eigene
+Leid wie die Klagen und Beschwörungen des unglücklichen Vaters, wenn er
+sie bat, ihn nicht zu verlassen und der Polizei auszuliefern. Was sie
+körperlich dabei dulden mußte, schwand zu einem Nichts zusammen, und ihre
+Lage wurde erst dann wirklich gefährlich, als die wilden Phantasien dem
+Unglücklichen auf keinem gebahnten Weg mehr Ruhe
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_198" id="Pg_198">[S. 198]</a></span>
+
+ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den Verfolgern zu entgehen, die
+er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.</p>
+
+<p>Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß
+sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu vergehen
+drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne einen Trunk
+Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst gegen Morgen
+zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers Chagra, der auch
+dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen hatte, Hülfe in der
+schrecklichsten Noth.</p>
+
+<p>Jetzt war Alles vorbei &ndash; Alles überstanden. Wie sich der Körper
+des unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch
+wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so schwach
+geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber heute zum
+ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das Fenster warf, und
+sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte, ob sie ihm irgend eine
+Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der fleischlosen, bleichen Hand das
+Haar von der Stirn und sagte leise:</p>
+
+<p>»Meine arme, arme Elise!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_199" id="Pg_199">[S. 199]</a></span>
+
+»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden
+Thränen &ndash; »kennst Du mich denn?«</p>
+
+<p>»Soll ich <em class="gesperrt">Dich</em> nicht kennen, meine treue
+Gefährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei
+dem alten, verlassenen Manne?«</p>
+
+<p>»Mein guter Vater!«</p>
+
+<p>»Gottes Segen über Dich &ndash; Gottes reichsten Segen, und daß er
+die Schuld nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele
+liegt!«</p>
+
+<p>»Vater &ndash; <em class="gesperrt">Vater</em>!«</p>
+
+<p>»Stille, mein Kind &ndash; stille &ndash; weine nicht; es ist jetzt
+Alles gut, und es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit
+langen, langen Jahren nicht gewesen ist. Nur <em class="gesperrt">eine</em>
+&ndash; <em class="gesperrt">eine</em> Sorge liegt mir noch darauf, und das
+bist <em class="gesperrt">Du</em>, mein Kind, das ich allein und hülflos in
+dem weiten, fremden Lande zurücklasse.«</p>
+
+<p>»Vater, sprich nicht so &ndash; Du wirst noch viele, viele Jahre bei
+mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen
+Kräften.«</p>
+
+<p>»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken
+folgte &ndash; »und auch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_200" id="Pg_200">[S. 200]</a></span>
+
+daran trage ich die Schuld &ndash; auch daran, daß ich Dich fern gehalten
+von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, sündhaften Plänen folgend
+&ndash; auch daran, und <em class="gesperrt">das</em> Gewicht muß ich jetzt
+mit mir hinab nehmen &ndash; hinab in's Grab!«</p>
+
+<p>Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und
+der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die
+dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.</p>
+
+<p>»Weine nicht, Elise,« sagte er leise &ndash; »weine nicht &ndash;
+wir sehen uns wieder &ndash; wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir
+abwendet. Hat er seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir
+gehalten, so wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande
+&ndash; nicht so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du
+doch Hülfe gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind &ndash;
+sei stark, Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«</p>
+
+<p>»Du wirst <em class="gesperrt">nicht</em> sterben, Vater!« schluchzte
+das arme Kind und preßte ihre Stirn nur fester an seine Schulter &ndash;
+»Du wirst leben, mir &ndash; mir zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen
+kann bis in Dein spätes, spätes Alter hinein!«</p>
+
+<p>»Du willst mir den Abschied recht schwer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_201" id="Pg_201">[S. 201]</a></span>
+
+machen,« seufzte der alte Mann, »und ich habe doch keine Thränen mehr, die
+mir die Brust erleichtern könnten! &ndash; Sieh, wie der Sonnenschein so
+warm durch's Fenster dringt,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die
+nur durch Elisens Schluchzen unterbrochen wurde &ndash; »und draußen liegt
+in Licht und Glanz die Welt, der schöne Wald. &ndash; Grüß' mir den Wald,
+mein Lieschen, wenn Du ihn wiedersiehst &ndash; die schattigen Bäume und
+den murmelnden Bach, und &ndash; wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag
+der Gedanke Dich versöhnen, daß er im frischen, grünen Walde schläft und
+das Rauschen der ewigen Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt
+für den reuigen Sünder!«</p>
+
+<p>»Vater!«</p>
+
+<p>»Fasse Dich, mein Lieschen &ndash; es <em class="gesperrt">muß</em>
+sein &ndash; und nun noch Eins &ndash; rufe mir unseren freundlichen
+Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles Liebe und Gute, das er
+uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der Welt, was ich ihm bieten
+könnte, wie meinen Dank! &ndash; Er wird Dich auch nicht gleich verstoßen;
+seine Frau ist gut und freundlich &ndash; war sie doch gut und freundlich
+gegen mich &ndash; o, wenn ich <em class="gesperrt">den</em>
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_202" id="Pg_202">[S. 202]</a></span>
+
+Trost mit mir hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz
+verlassen wäre!«</p>
+
+<p>Elise richtete sich gewaltsam empor &ndash; sie durfte jetzt nicht
+zurückdenken &ndash; nur <em class="gesperrt">jetzt</em> nicht &ndash; oder
+das Herz hätte ihr brechen mögen in Jammer und Weh.</p>
+
+<p>»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise &ndash; »nur einen
+Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«</p>
+
+<p>Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte
+er traurig.</p>
+
+<p>»Ich bin gleich &ndash; gleich wieder bei Dir, Vater. &ndash; Er ist
+jedenfalls draußen &ndash; ich höre schon seinen Schritt.«</p>
+
+<p>Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür,
+als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.</p>
+
+<p>Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft
+schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie
+eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie
+abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne
+hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«</p>
+
+<p>»Elise &ndash; Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_203" id="Pg_203">[S. 203]</a></span>
+
+und sie in seine Arme schließend &ndash; »o, nun ist Alles gut &ndash;
+Alles, und Nichts im Leben soll uns wieder trennen!«</p>
+
+<p>»Und bist Du's wirklich, Bernard? &ndash; Ist es nicht Dein Geist, der
+nur gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?«
+hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.</p>
+
+<p>»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt
+den Kopf der Thür zu.</p>
+
+<p>»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm
+umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte &ndash; »ein Freund, der
+nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht
+von sich stößt!«
+
+»Lieschen!«</p>
+
+<p>»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine
+Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.</p>
+
+<p>Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen,
+und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe.
+Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm
+niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_204" id="Pg_204">[S. 204]</a></span>
+
+»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise &ndash; »Lies&ndash;chen, leb'
+&ndash; wohl &ndash; sei glücklich &ndash; Gott segne Dich« &ndash; und wie
+er noch einmal seine Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter
+&ndash; er war todt. &ndash; &ndash;</p>
+
+<p>Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache,
+der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte.
+Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu
+streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest, und als
+sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm versicherte,
+er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden schlagen, lag er
+still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden hier im Wald nicht im
+Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren, und baute für die Nacht
+seine Pläne zur Flucht.</p>
+
+<p>Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf
+geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand im
+nächsten Augenblick vor der Gruppe.</p>
+
+<p>»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,
+»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! &ndash;
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_205" id="Pg_205">[S. 205]</a></span>
+
+Wie geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«</p>
+
+<p>»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten
+erwiedert &ndash; »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben
+im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu
+werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«</p>
+
+<p>»Im Hause &ndash; ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und
+der Mann liegt im Sterben.«</p>
+
+<p>»Im Sterben?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo
+sind Eure Pferde?«</p>
+
+<p>»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes
+sitzt dort ebenfalls.«</p>
+
+<p>»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet;
+»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich gemacht!
+Und was wird nun aus denen?«</p>
+
+<p>»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die
+für sie sorgen werden &ndash; besser als der da es gethan. Soll ich hinauf
+und die Pferde lieber holen?«</p>
+
+<p>»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet
+Ihr doch nicht gleich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_206" id="Pg_206">[S. 206]</a></span>
+
+mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein paar von meinen Negerjungen
+hinauf, die das viel besser und rascher besorgen. Aber Ihr blutet ja!«</p>
+
+<p>»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn
+fassen wollten.«</p>
+
+<p>»Natürlich &ndash; wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher
+auf die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein
+Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer &ndash; oder
+sollen wir Dir Beine machen?«</p>
+
+<p>»Er versteht kein Portugiesisch.«</p>
+
+<p>»Oho &ndash; noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte
+auch nach Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat
+Passage bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen
+Strick. &ndash; So sagt <em class="gesperrt">Ihr</em> ihm einmal auf gut
+Deutsch, daß er gutwillig mitgeht, sonst kann ich es ihm doch vielleicht
+auf Brasilianisch begreiflich machen.«</p>
+
+<p>Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen
+jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon
+herunter.</p>
+
+<p>Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache
+mit scheuem Blick
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_207" id="Pg_207">[S. 207]</a></span>
+
+gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen der Deutschen befand,
+schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten gefährlich. Jetzt zum
+ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe, der er entgegenging,
+überkam ihn zugleich die Angst davor.</p>
+
+<p>»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir
+weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch
+verschlimmern.«</p>
+
+<p>»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet
+mich nicht den Fremden übergeben &ndash; ich &ndash; ich will ja Alles
+gestehen &ndash; ich bin ein armer Teufel &ndash; der Böse plagte mich
+&ndash; der Justus war auch ein schlechter Kerl &ndash; er hat mich
+verführt &ndash; er reizte mich. &ndash; Landsmann,« bat er dringender, als
+sich Rottack mit Ekel von ihm abwandte, indem er sich auf die Kniee warf
+und die gebundenen Hände zu ihm aufhob &ndash; »laßt mich laufen &ndash;
+ich will ein ordentlicher, braver Kerl werden &ndash; ich will meine Frau
+nicht mehr prügeln und die Kinder &ndash; ich will arbeiten, daß mir das
+Blut unter den Nägeln vorspritzt &ndash; Landsmann, habt Barmherzigkeit
+&ndash; Barmherzigkeit!« &ndash; und er schrie die letzten Worte in
+Todesangst gellend heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_208" id="Pg_208">[S. 208]</a></span>
+
+»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert &ndash; »Deinetwegen
+sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß frei
+werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«</p>
+
+<p>Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer, der
+einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem Karren gingen
+vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde geschlagen. Drei
+von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.</p>
+
+<p>»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den
+Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den kleinen
+Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die Kinder
+nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf &ndash; wo ungefähr sind
+Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«</p>
+
+<p>»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend
+&ndash; »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit
+den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers
+übernehmen wollen.«</p>
+
+<p>»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und
+thust was er Dir
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_209" id="Pg_209">[S. 209]</a></span>
+
+sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf, wenn er nicht
+gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«</p>
+
+<p>Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und
+Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine,
+mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und wenige
+Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden riesigen
+Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und hinabschleppten.
+&ndash;</p>
+
+<p>Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen
+aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos
+schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen,
+den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er
+eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen
+werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht
+allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre <em
+class="gesperrt">mit</em> den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften
+stand, sie zu trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das
+er bei sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_210" id="Pg_210">[S. 210]</a></span>
+
+ihre Kinder unterzubringen &ndash; sie ginge jetzt einem bessern Leben
+entgegen, als sie an der Seite des Verbrechers geführt &ndash; die
+Colonisten in Santa Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer
+Sorgen für die Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug
+es selber, daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur
+erst einmal ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen
+erwachsenen Menschen weinen sah.</p>
+
+<p>So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das
+schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.</p>
+
+<p>»Graf Rottack, <em class="gesperrt">Sie</em> als Kinderwärter?« sagte
+er lächelnd, indem er vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut
+&ndash; Sie haben ein schweres, schweres Amt gehabt!«</p>
+
+<p>»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden
+Negerin das Kind übergab &ndash; »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh
+einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches auf
+dem Weg hierher geleistet &ndash; und daß die arme Frau da Etwas zu essen
+bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. &ndash;
+Aber was ist
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_211" id="Pg_211">[S. 211]</a></span>
+
+denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? &ndash; Ihr Gesicht strahlt ja
+ordentlich vor Seligkeit!«</p>
+
+<p>»Rottack &ndash; Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend &ndash;
+»ich habe sie gefunden!«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> &ndash; so?« sagte der junge Graf in
+komischem Erstaunen; »so viel ich weiß, hatte <em class="gesperrt">ich
+sie</em> gesucht, und Sie hatten es nur mit einem <em
+class="gesperrt">ihn</em> zu thun.«</p>
+
+<p>»Elise mein' ich.«</p>
+
+<p>»Elise? &ndash; des alten Meier Tochter?«</p>
+
+<p>»Sie ist hier &ndash; hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist
+eben in ihren Armen verschieden.«</p>
+
+<p>»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie
+leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen,
+weshalb <em class="gesperrt">Sie</em> darüber so entzückt sind?«</p>
+
+<p>»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter
+im ganzen Walde gesucht hatte?«</p>
+
+<p>»So? &ndash; nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler
+wieder zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur
+zu kommen, und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den
+Diebsfänger, nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende
+Kinder
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_212" id="Pg_212">[S. 212]</a></span>
+
+durch den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«</p>
+
+<p>»Lieber, bester Graf!«</p>
+
+<p>»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte
+Geschichte &ndash; Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur
+darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen Frau
+da oben in dem Miniaturparadies &ndash; Sie haben ebenfalls jetzt <em
+class="gesperrt">gefunden</em>, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich
+der, welcher leer ausgeht. <em class="gesperrt">Mein</em> einzig sichtbarer
+Vortheil ist auch wohl nur der, daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen
+neu kleiden kann und außerdem noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster
+zahlen, und für Herrn Bux' Familie sorgen darf! Hol' der Teufel
+Brasilien!«</p>
+
+<p>»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.</p>
+
+<p>»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht
+einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem
+todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig
+ist. Also darf <em class="gesperrt">ich</em> mit ein paar sehr unangenehm
+ausdünstenden Negern wahrscheinlich den Transport allein übernehmen &ndash;
+wieder ein Vortheil!«</p>
+
+<p>»Von Herzen gern will <em class="gesperrt">ich</em> das thun,« rief
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_213" id="Pg_213">[S. 213]</a></span>
+
+Könnern rasch, »wenn <em class="gesperrt">Sie</em> nur dann meine Stelle
+<em class="gesperrt">hier</em> vertreten wollen.«</p>
+
+<p>»Hm, so? &ndash; damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank
+der jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; <em
+class="gesperrt">das will</em> ich wenigstens haben, und wenn ich's mir
+stehlen müßte. Aber wie weit ist's von hier nach Santa Clara &ndash; haben
+Sie eine Idee?«</p>
+
+<p>»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha
+hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite,
+trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«</p>
+
+<p>»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. &ndash; Und
+wann kommen Sie nach?«</p>
+
+<p>»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich
+hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die Familie
+des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir für die
+arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«</p>
+
+<p>»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack,
+indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein Wenig
+gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_214" id="Pg_214">[S. 214]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC09" id="TOC09"></a>9.<br />
+
+Herr von Pulteleben.</h2>
+
+
+<p>Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die
+Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort
+begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze
+Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor! Jede
+Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten zu keiner
+Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der Schenke, um
+ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft zu machen, und
+Herr von Reitschen &ndash; regierte indessen ruhig weiter und verübte
+unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, jede
+Willkür, die ihm irgend beliebte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_215" id="Pg_215">[S. 215]</a></span>
+
+Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten &ndash; und das waren in der
+That wenige genug &ndash; wurden in jeder Weise begünstigt und konnten
+thun und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht
+fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in
+rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige
+deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam
+dagegen aufzustehen.</p>
+
+<p>Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit
+dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen
+Spaziergänge &ndash; bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte
+&ndash; und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern
+rund abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien <em
+class="gesperrt">gratis</em> überlassen, der Regierung gegenüber unter dem
+Vorwande natürlich daß der Baron eine »Musterwirthschaft« darauf anlegen
+und dadurch den Ackerbau in der Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.</p>
+
+<p>Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte
+lebensfähig verwalten können!</p>
+
+<p>Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben
+Nichts &ndash; es blieb
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_216" id="Pg_216">[S. 216]</a></span>
+
+Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage.
+Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in seinem Gefängniß
+stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber davongetragen hatte.
+So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, schien der Director fest
+entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu
+rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in Händen hatte, und was etwaige
+Klagen oder Beschwerden der Colonisten selber in Rio de Janeiro betraf,
+so vertraute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der
+brasilianischen Obergerichte, deren Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er
+seine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch
+besser als mancher Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so,
+compromittirt hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten,
+konnten sie selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes
+Gebahren aufgebracht zu sehen.</p>
+
+<p>Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.</p>
+
+<p>Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen
+Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin des
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_217" id="Pg_217">[S. 217]</a></span>
+
+festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden Segeln in
+einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei, und mit der
+ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar nicht mehr
+flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in Schlamm und
+Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art
+von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht &ndash; im Anfange
+zwar noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto
+rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der prosaischen
+Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne darüber
+vergingen.</p>
+
+<p>Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer
+bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft
+über Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige <em
+class="gesperrt">was</em> er von ihr erhielt, war die Erlaubniß, die
+einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß <em class="gesperrt">er</em>
+unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich denken.</p>
+
+<p>Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten,
+was ihn aber nicht im
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_218" id="Pg_218">[S. 218]</a></span>
+
+Geringsten mehr interessirte, denn er hatte den Arbeitsplatz schon lange
+nicht mehr betreten, und er schloß nur <em class="gesperrt">daraus</em>,
+das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die aufgestapelten Kisten
+mit frischen Cigarren zusehends abnahmen &ndash; ohne daß er selber
+freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt hätte.</p>
+
+<p>In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet
+bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden
+Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. Aber mit
+anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich rasch eine eigene
+Motivirung dieses Schrittes, die auch manches Wahrscheinliche für sich
+hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comtesse den Herrn
+von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comtesse wolle aber den Herrn von
+Pulteleben nicht haben, und da sie allbekannt stets sehr selbstständig
+aufgetreten, so war sie einfach aus dem Hause gezogen, bis es der ihr
+nicht zusagende Bräutigam verlassen habe. Sobald der fort war, würde sie
+natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren.</p>
+
+<p>Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben,
+aber der arme Teufel sah,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_219" id="Pg_219">[S. 219]</a></span>
+
+wenn er recht darüber nachdachte, selber keinen andern Grund für das
+merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht,
+weshalb sie früher so freundlich mit ihm gewesen war und selbst die
+Verlobung stillschweigend geduldet hatte. &ndash; Er ärgerte sich jetzt
+noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich nicht wenigstens an jenem
+Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, und daran war Niemand weiter
+schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der Oskar, mit seinen albernen
+Streichen. Über die Tafel hinüber ging das freilich nicht.</p>
+
+<p>Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß
+von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten &ndash; und was würden
+sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit
+der Comtesse hörten? &ndash; Er <em class="gesperrt">wollte</em> &ndash;
+er <em class="gesperrt">mußte</em> fort &ndash; aber die Schwiegermutter
+&ndash; er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und saß heute wieder
+in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und überlegte und grübelte,
+wie er sich am Besten und Anständigsten aus der Affaire ziehen könne.</p>
+
+<p>Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch
+die Oskar, eben
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_220" id="Pg_220">[S. 220]</a></span>
+
+von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem »Donnerwetter, ich
+bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte sich nicht, und
+Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich sagte
+er:</p>
+
+<p>»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die
+Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«</p>
+
+<p>»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann,
+gerade nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche
+anzuknüpfen.</p>
+
+<p>»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf,
+der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf
+diese Quelle zurückführte &ndash; »das weiß der Henker! Das Mädel muß
+übergeschnappt sein, denn sie nimmt <em class="gesperrt">meinen</em> Besuch
+nicht einmal mehr an. Was sagen Sie dazu?«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen
+Grafen todtzuschweigen.</p>
+
+<p>»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas
+unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort &ndash;
+»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's
+Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_221" id="Pg_221">[S. 221]</a></span>
+
+nur um Gottes willen wieder Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause
+jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Ihr seid <em class="gesperrt">Alle</em>
+unausstehlich, und das Schlimmste dabei, daß man Euch noch dazu Alle
+einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über Euch zu ärgern.«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über
+die »Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein
+mögliches Mißverständniß &ndash; wenn <em class="gesperrt">er</em> auch
+nicht wußte, durch was es entstanden sein konnte &ndash; aufzuklären.
+Helene war verändert, seit sie den <em class="gesperrt">Brief</em> gelesen
+hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe gestanden und wie weit
+er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er nicht, wenn nicht &ndash;
+er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf und lief in der Stube auf und
+ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu berücksichtigen. &ndash; Hatten sie
+&ndash; es lief ihm mit einem unbehaglichen Gefühl über die Seele &ndash;
+hatten sie vielleicht nach Deutschland geschrieben und von dort aus
+Nachricht erhalten, daß <em class="gesperrt">seine</em> Verhältnisse nicht
+so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?</p>
+
+<p>»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt
+zugesehen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_222" id="Pg_222">[S. 222]</a></span>
+
+Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig &ndash; er hatte noch nie
+so schnell gedacht. &ndash; Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden,
+mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt
+nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn <em class="gesperrt">so konnte</em>
+ihr Verhältniß nicht mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt
+mußte nach der einen oder andern Seite hin geschehen.</p>
+
+<p>»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne &ndash; »Sie
+erlauben wohl, daß ich mich anziehen kann, ich &ndash; muß Ihre Frau Mutter
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar &ndash; »aber Sie <em
+class="gesperrt">sind</em> ja angezogen.«</p>
+
+<p>»Ich &ndash; habe schon einen Spaziergang gemacht und &ndash; möchte
+meine Wäsche wechseln.«</p>
+
+<p>»So &ndash; aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich
+langsam erhebend &ndash; »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins,
+weshalb ich eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis
+morgen früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte
+abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem jungen
+Mann um.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_223" id="Pg_223">[S. 223]</a></span>
+
+»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine zwanzig
+Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der letzten Zeit
+so bedeutend auf mich gezogen, daß ich &ndash; daß ich wirklich das wenige
+mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«</p>
+
+<p>»S&ndash;o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.</p>
+
+<p>»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere
+recht hübsche Einnahmen <em class="gesperrt">gehabt</em> haben, denn ich
+sehe, daß sich die Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«</p>
+
+<p>»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »<em
+class="gesperrt">die</em> besorgt das; ich habe mit Müh' und Noth tausend
+Stück für mich gerettet.«</p>
+
+<p>»Gerettet? &ndash; hm!«</p>
+
+<p>»Also Sie haben Nichts?«</p>
+
+<p>»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«</p>
+
+<p>»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das
+auch einerlei sein. &ndash; Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer
+und warf die Thür hinter sich in's Schloß.</p>
+
+<p>»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter
+ihm zu und begann
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_224" id="Pg_224">[S. 224]</a></span>
+
+dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen. Selbst den schwarzen
+Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über einige Mottenlöcher,
+die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und als Dorothea heraufkam,
+ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er etwas Wichtiges mit ihr zu
+sprechen habe.«</p>
+
+<p>Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der
+Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit
+dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein
+Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten
+Operation unterwerfen wolle.</p>
+
+<p>Die »Frau Gräfin« &ndash; wir müssen sie doch jetzt schon so fort
+nennen, da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte &ndash;
+saß in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff
+gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer
+wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort einmal
+allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene aus, ja,
+schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_225" id="Pg_225">[S. 225]</a></span>
+
+»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«</p>
+
+<p>»Ja &ndash; Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand
+und sich verlegen nach einem Stuhl umsehend &ndash; »ich &ndash; und ich
+bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie ....«</p>
+
+<p>»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die
+Gräfin.</p>
+
+<p>»Sie erlauben &ndash; ja, Frau Gräfin &ndash; Sie können sich doch
+wohl denken,« sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage
+hinein, »daß mir der jetzige Zustand &ndash; die Vernachlässigung meiner
+&ndash; Ihrer Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß,
+und ich habe mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, <em
+class="gesperrt">was</em> die Veranlassung dazu gewesen sein könnte. Wenn
+&ndash; wenn Sie mich nur über Eines beruhigen möchten.«</p>
+
+<p>»Und das wäre?«</p>
+
+<p>»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.</p>
+
+<p>»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen
+Blick nach ihrem <i>vis-à-vis</i>. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß
+verrathen? Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.</p>
+
+<p>»Der Brief, den die junge Dame an jenem
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_226" id="Pg_226">[S. 226]</a></span>
+
+Abend aus Ihrem Zimmer brachte,« sagte er entschlossen, »denn von jenem
+Augenblick an datirt sich die mir so ungünstige Veränderung, und ich kann
+in der That jetzt nicht anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig
+gesinnte Hand darin Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen
+mir wahrscheinlich ein Leichtes sein würde, wenn ich &ndash; nur eben wüßte
+worauf sie basirten.«</p>
+
+<p>»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein
+vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun
+und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter
+benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf
+ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch
+Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache nur
+ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser in der
+letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen Kräften in
+die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den
+schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte er
+doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_227" id="Pg_227">[S. 227]</a></span>
+
+beschränkte, zu einem ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend
+frische Summen aus ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das
+Rittergut zu erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der
+sie sonst verklärte. &ndash; »Ich für meine Person setze nicht mehr die
+geringste Hoffnung auf die Comtesse, denn &ndash; wie groß auch meine
+Liebe für sie war und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr
+aufzudringen, und jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein
+anderer Name geben.«</p>
+
+<p>»Aber, lieber Pulteleben!«</p>
+
+<p>»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest
+entschlossen, mich &ndash; von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich &ndash;
+doch auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit
+nicht gewachsen bin, und Oskar &ndash; sich entschieden weigert, mir darin
+beizustehen.«</p>
+
+<p>»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu
+beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit <em
+class="gesperrt">einem</em> Mal Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein
+Wort, daß wir mit dem neuen Tabak ....«</p>
+
+<p>»Ich bin fest entschlossen, für <em class="gesperrt">meine</em> Rechnung
+<em class="gesperrt">keinen</em> Tabak mehr zu kaufen,« sagte der zur
+Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_228" id="Pg_228">[S. 228]</a></span>
+
+<em class="gesperrt">eigene</em> Rechnung fortführen, so wünsche ich
+Ihnen alles Glück und allen Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie
+ernstlich, mich von diesem Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu
+dispensiren.«</p>
+
+<p>»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande
+gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen, schüchternen
+Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu ihrer <em
+class="gesperrt">letzten</em> Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt
+vollständig von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben?
+&ndash; »und das sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten
+Sie jetzt für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau,
+die von Geschäften gar Nichts verstehen <em class="gesperrt">kann</em>,
+verleitet haben, meine ganzen Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu
+stecken?«</p>
+
+<p>»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf <em
+class="gesperrt">diese</em> Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.</p>
+
+<p>»Ist das männlich, ist das selbst nur <em class="gesperrt">ehrlich</em>
+gehandelt?« fuhr die Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. &ndash;
+»Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich
+sah, daß ich es mit einem braven, rechtlichen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_229" id="Pg_229">[S. 229]</a></span>
+
+Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen <em class="gesperrt">ohne</em>
+Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige Wolke vor
+die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen und mich im
+Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten lassen?
+<em class="gesperrt">Können</em> Sie das über's Herz bringen, <em
+class="gesperrt">dürfen</em> Sie das? Nein, ich sehe, daß Sie den
+unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich trage Ihnen auch keinen
+Groll deshalb nach, Arno &ndash; ich will sogar diesen Augenblick, der
+recht, <em class="gesperrt">recht</em> bitter für mich war, das sage ich
+Ihnen aufrichtig, vergessen &ndash; es soll nicht einmal der Schatten
+desselben mehr zwischen uns liegen!«</p>
+
+<p>»Frau Gräfin!«</p>
+
+<p>»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen
+Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt zu
+meiner Tochter Helene &ndash; in wenigen Tagen kommt außerdem der schon
+längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und &ndash;
+Sie werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben.
+&ndash; Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine
+Mutter für Sie gesorgt!«</p>
+
+<p>»Beste Frau Gräfin!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_230" id="Pg_230">[S. 230]</a></span>
+
+»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin &ndash; »wir sprechen heute
+Abend weiter darüber. &ndash; Guten Morgen, lieber Arno &ndash; guten
+Morgen!«</p>
+
+<p>Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand
+und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter &ndash; hätte sie aber
+sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn
+nicht so rasch verlassen &ndash; wenigstens jetzt noch nicht.</p>
+
+<p>Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein
+und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn kommen
+sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich weiß schon:
+mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit den
+Wechseln, die nie eintreffen! &ndash; Nein, Frau Gräfin, <em
+class="gesperrt">das</em> zieht nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt
+brauche, bin ich wieder angeführt! &ndash; »He &ndash; Jeremias &ndash;
+Jeremias! Kommen Sie einmal rasch herauf!«</p>
+
+<p>»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie
+denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«</p>
+
+<p>»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung
+befand, »wollen Sie &ndash; wollen Sie zwei Milreis verdienen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_231" id="Pg_231">[S. 231]</a></span>
+
+»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir
+einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«</p>
+
+<p>»Wo ist Oskar?«</p>
+
+<p>»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«</p>
+
+<p>»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber.
+Wenn Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei
+Milreis; für jede Minute, die Sie es <em class="gesperrt">früher</em>
+abmachen, lege ich Ihnen hundert Reis auf, für jede, die Sie <em
+class="gesperrt">später</em> dorthin kommen, ziehe ich Ihnen hundert ab.
+Sind Sie das zufrieden?«</p>
+
+<p>»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«</p>
+
+<p>»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«</p>
+
+<p>»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag,
+und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte &ndash; »mein Karren
+steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin ich
+drüben.«</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von
+Pulteleben, über den Eifer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_232" id="Pg_232">[S. 232]</a></span>
+
+jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine Bursche entwickelte.</p>
+
+<p>»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«</p>
+
+<p>»Hier die Stiefel.«</p>
+
+<p>»Nehmen wir in die Hand.«</p>
+
+<p>»Den Plaid.«</p>
+
+<p>»Können wir oben aufschnallen.«</p>
+
+<p>»Die Hutschachtel.«</p>
+
+<p>»Schmeißen wir auf den Karren &ndash; und die Cigarrenkiste auch.«</p>
+
+<p>»Die bleibt hier.«</p>
+
+<p>»Desto besser &ndash; geben Sie einmal den Schlafrock her.«</p>
+
+<p>»Da klingelt noch Etwas darin.«</p>
+
+<p>»Macht Nichts &ndash; werden ein paar Louisd'or sein &ndash; können Sie
+drüben herauspuddeln &ndash; Einer wär' fertig!«</p>
+
+<p>»Da hängt noch eine Weste &ndash; halt, das Handtuch bleibt auch
+hier.«</p>
+
+<p>»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias;
+»Jemine, ist das ein Vergnügen! &ndash; Sonst noch 'was? &ndash; Haarlocken
+vielleicht oder getrocknete Blumen?«</p>
+
+<p>»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«</p>
+
+<p>Jeremias packte den einen Koffer auf, und die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_233" id="Pg_233">[S. 233]</a></span>
+
+Dorothea stürzte erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der
+oberen Treppe ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem
+Spectakel hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei
+Kleinigkeiten aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.</p>
+
+<p>»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt &ndash; »ist denn
+Feuer oben?«</p>
+
+<p>»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im
+Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.</p>
+
+<p>Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog;
+der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er nach dem
+zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür entgegenzog.</p>
+
+<p>Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage
+kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:</p>
+
+<p>»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn <em
+class="gesperrt">auch</em> fort?«</p>
+
+<p>»Ich &ndash; werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der
+junge Mann, der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht
+einzugestehen; »hier &ndash; ist Etwas für Ihre Bemühungen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_234" id="Pg_234">[S. 234]</a></span>
+
+für mich,« und er drückte ihr dabei fünf Milreis in die Hand.</p>
+
+<p>»Ach, ich danke auch schön &ndash; das war ja gar nicht nöthig &ndash;
+na, da wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Dorothea!«</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«</p>
+
+<p>Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben
+hinauf wollte.</p>
+
+<p>»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr
+lieb, daß ich Sie noch treffe. &ndash; Ich wollte meine Miethe holen. Die
+Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«</p>
+
+<p>»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr
+von Pulteleben &ndash; »ich habe die Casse nicht mehr &ndash; guten Morgen,
+Herr Spenker!«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben die Casse nicht mehr?« brummte der
+Bäckermeister leise vor sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem
+Hause war &ndash; »na, da bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat.
+Das ist eine Staatswirthschaft!«</p>
+
+<p>»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?«
+schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich
+vorspannte,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_235" id="Pg_235">[S. 235]</a></span>
+
+und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst komischen Blick von der
+Seite an; »würde ihr doch unendlich leid thun &ndash;«</p>
+
+<p>»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner
+Uhr sehend.</p>
+
+<p>»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im
+nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er vor
+eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von Pulteleben
+konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. &ndash;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_236" id="Pg_236">[S. 236]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC10" id="TOC10"></a>10.<br />
+
+Graf Rottack's weitere Beschäftigung.</h2>
+
+
+<p>Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm,
+der von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu
+hielt.</p>
+
+<p>Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als
+das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in
+die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung
+der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für
+unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer hatten, und
+was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig zusammengehalten,
+die Einzelnen wieder waren viel zu indolent,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_237" id="Pg_237">[S. 237]</a></span>
+
+aus eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.</p>
+
+<p>Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in
+seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im
+Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend, ein
+paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto weniger
+sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem Baron neben
+sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, aber allem
+Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.</p>
+
+<p>»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am
+hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht
+immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder
+übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem Maulthier?
+Ist der Mann nicht gebunden?«</p>
+
+<p>»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt
+hatte und damit hinaus auf den Zug sah &ndash; »das ist der Mensch, der
+sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie
+die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier
+Vorstellungen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_238" id="Pg_238">[S. 238]</a></span>
+
+im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht glückte.«</p>
+
+<p>»Und wer ist der Reiter neben ihm?«</p>
+
+<p>»Der junge Graf Rottack; wie aber <em class="gesperrt">die</em> Beiden
+auf solche Art zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«</p>
+
+<p>»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie
+hierher. &ndash; Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er
+dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus standen
+&ndash; »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«</p>
+
+<p>Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von
+Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches
+Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern
+geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken
+zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während
+der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der
+Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.</p>
+
+<p>Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es
+augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder zurück
+zu
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_239" id="Pg_239">[S. 239]</a></span>
+
+sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden Soldaten ließen ihn,
+dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann wieder die Thür &ndash;
+aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er hatte sie gebeten,
+seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.</p>
+
+<p>Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn
+neugierig betrachteten &ndash; sonst war Alles leer und öde. Der junge
+Mann stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors
+führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.</p>
+
+<p>»Guten Abend, meine Herren!«</p>
+
+<p>»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener
+Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte
+&ndash; »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie
+nur gesteckt?«</p>
+
+<p>»Draußen im Walde, Baron. &ndash; Herr Director, ich weiß nicht ob es
+nöthig ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«</p>
+
+<p>»Graf Rottack?« sagte der Director &ndash; »ich hatte das Vergnügen bei
+der Frau Gräfin.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine
+Lippen zuckte &ndash; »bei der Frau Gräfin &ndash; doch zur Sache. Ich
+bringe
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_240" id="Pg_240">[S. 240]</a></span>
+
+Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den armen
+Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«</p>
+
+<p>»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm
+überrascht.</p>
+
+<p>»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein
+rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände, welche
+dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden haben. Die
+Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber auf &ndash; das
+Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden. Außerdem gestand
+er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei ausweichende Art zu
+entschuldigen sucht.«</p>
+
+<p>»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen
+anzufassen &ndash; »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem
+Ermordeten &ndash; wie hieß er gleich, Baron?«</p>
+
+<p>»Justus Kernbeutel.«</p>
+
+<p>»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«</p>
+
+<p>Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er
+wieder ruhig:</p>
+
+<p>»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den Mord
+gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten Haushälterin
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_241" id="Pg_241">[S. 241]</a></span>
+
+des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden Augenblick zu
+beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren, sondern daß er sie
+auch am Tage der That getragen hat.«</p>
+
+<p>»Hm &ndash; das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint
+es,« sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat
+&ndash; keinesfalls wenigstens allein.«</p>
+
+<p>»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der
+Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden
+Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in
+welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal da,
+um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und mußte
+wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«</p>
+
+<p>»Hm &ndash; gut &ndash; ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte
+der Director, nach seiner Uhr sehend &ndash; »doch das werden wir ja
+Alles bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den
+gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen &ndash; heute ist es doch zu
+spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie dann,
+sich wieder
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_242" id="Pg_242">[S. 242]</a></span>
+
+hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«</p>
+
+<p>»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler,
+hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar
+erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig war
+&ndash; wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande
+lassen?«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,«
+lächelte der Director, »aber <em class="gesperrt">ich</em> habe ihn nicht
+eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie nehmen sich überhaupt der
+Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie sogar ganz in Gedanken
+bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«</p>
+
+<p>»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier
+so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand
+glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind
+Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara
+ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt <em
+class="gesperrt">gleich</em> vorzunehmen und den Unschuldigen seiner
+Familie wieder zu geben.«</p>
+
+<p>Der Baron bog sich zu dem Director über
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_243" id="Pg_243">[S. 243]</a></span>
+
+und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge,
+das ihm nicht gefiel, und er war von je ein Mann des Friedens gewesen.</p>
+
+<p>»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich
+leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden
+nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« &ndash; er sah wieder nach der Uhr
+&ndash; »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns
+heute keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt
+habe, Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«</p>
+
+<p>Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber &ndash; nur
+der Tisch war zwischen ihnen &ndash; und man sah es ihm an, wie er sich
+gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben.</p>
+
+<p>»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem
+Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler <em class="gesperrt">muß</em>
+seiner Familie heute wiedergegeben werden.«</p>
+
+<p>»Von einem <em class="gesperrt">Muß</em>, Herr Graf, kann hier gar
+keine Rede sein,« erwiederte ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch
+&ndash; »ich bitte Sie, <em class="gesperrt">Ihre</em> Worte ein Wenig auf
+die Wage zu legen; <em class="gesperrt">mein</em> letztes Wort haben Sie.«
+</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_244" id="Pg_244">[S. 244]</a></span>
+
+»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden Zorn
+nicht mehr mäßigen konnte &ndash; »dann hören Sie auch meines! Glauben Sie
+denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften können
+wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu thun
+haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das Verhör
+nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an der Spitze der
+Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie höchsteigenhändig aus dem
+Fenster werfe!«</p>
+
+<p>»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.</p>
+
+<p>»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.</p>
+
+<p>»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll
+Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche Canaille
+alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich nach Ihren
+Soldaten um &ndash; glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark und Saft
+verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer deutschen
+Bauern widerstehen? Ist <em class="gesperrt">das</em> der ganze Schutz den
+Sie haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie
+aufgetreten sind? Hier, meine
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_245" id="Pg_245">[S. 245]</a></span>
+
+Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb &ndash; hat um drei Viertel das Verhör
+nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt. Das Blockhaus, in dem Köhler
+sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel über den Haufen geworfen, und fällt
+ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, so stürmen wir das Nest hier, und
+daß <em class="gesperrt">Sie</em> schneller hinausfliegen als Sie
+hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort &ndash; also auf
+Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter und
+unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben gehört
+hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.</p>
+
+<p>Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie
+schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des zündenden
+Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie brachte,
+um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was der Director
+beabsichtige und was <em class="gesperrt">er</em> ihm zugeschworen, als
+die jungen Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn
+Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen
+möglichen anderen, zu
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_246" id="Pg_246">[S. 246]</a></span>
+
+Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.</p>
+
+<p>Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in seinem
+Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand reißend,
+schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und wenn er
+selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter: Brach hier im Ort
+eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten« allerdings zuerst auf
+das Directionsgebäude &ndash; und er selber hatte nur geringes Vertrauen
+zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich die Wuth, ihr erstes
+Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen die übrige Aristokratie
+wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort beliebt war, wußte er eben
+so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er deshalb den Director &ndash; nur
+um Blutvergießen zu vermeiden &ndash; der Gewalt nachzugeben, eine spätere
+Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen bestrafen und besonders den
+Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der Director konnte in allen Fällen
+auf ihn rechnen &ndash; wozu jetzt Alles auf Eine Karte setzen, während
+noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn waren.</p>
+
+<p>Der Director sah aus dem Fenster &ndash; unten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_247" id="Pg_247">[S. 247]</a></span>
+
+wogte und tobte es &ndash; mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln,
+ihre Gewehre und andere Waffen im Arm, sammelten sich dort um den Grafen
+Rottack, der mit der Uhr in der Hand zwischen ihnen stand. Der Director
+sah nach seiner eigenen Uhr &ndash; es fehlten noch fünf Minuten an drei
+Viertel. &ndash; Die Soldaten im Hause hatten sich vor der drohenden
+Bewegung gesammelt, und der Unterofficier steckte jetzt ganz verblüfft den
+Kopf in die Thür und fragte, welche Befehle der Herr Director gäbe. Es
+war den Blaujacken da unten auch nicht wohl geworden, denn einem einzelnen
+hülflosen Colonisten gegenüber hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber
+sah es beinahe aus, als ob sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine
+Schaar hatte eigentlich schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache
+bös abliefe, in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß
+hinabzugehen.</p>
+
+<p>Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.</p>
+
+<p>»Sie weichen ja nur der Übermacht &ndash; der rohen Gewalt,« sagte der
+Baron &ndash; »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf
+machen, und die Regierung wird Ihre Mäßigung
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_248" id="Pg_248">[S. 248]</a></span>
+
+lobend anerkennen. &ndash; Nachher kommen <em class="gesperrt">wir</em>
+wieder oben auf, und wenn <em class="gesperrt">Sie</em> dann Ihren Vortheil
+benutzen, kann Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.«</p>
+
+<p>»Gut &ndash; so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich
+&ndash; es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. &ndash; »Nehmt
+zwei Mann, Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den
+dort sitzenden Deutschen her.«</p>
+
+<p>»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr
+großer Zuversicht &ndash; »sie schreien und toben und sind Alle gut
+bewaffnet.«</p>
+
+<p>»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick
+&ndash; »geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben
+oben bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen
+heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? &ndash;
+<em class="gesperrt">Rasch</em>, die Zeit vergeht!«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz
+herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den
+zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf
+Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_249" id="Pg_249">[S. 249]</a></span>
+
+bedurfte jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß
+sie den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber
+befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine
+kleine Beschäftigung gehabt.</p>
+
+<p>Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier
+gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben &ndash; man traute
+den Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus'
+Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus
+gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den sie
+Alle vorher wußten, abzuwarten.</p>
+
+<p>Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten
+belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit ihm
+sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber konnte er
+nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als die Schaar zum
+ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde &ndash; und wie
+bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn hier
+festgehalten!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_250" id="Pg_250">[S. 250]</a></span>
+
+Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum
+Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im
+Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich ein
+<em class="gesperrt">Verhör</em> nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts
+als die Abnahme eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr
+um sich her vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf
+die Kniee fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um
+Gnade und Barmherzigkeit &ndash; nur um sein Leben flehte.</p>
+
+<p>Jeremias mußte auch noch her &ndash; er stand schon vor der Thür &ndash;
+und die einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten
+that. Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf
+Jeremias aber trocken erwiederte:</p>
+
+<p>»Das geht Niemanden 'was an. &ndash; Wenn <em class="gesperrt">ich</em>
+einmal vor Gericht stehe, können Sie wieder danach fragen,« und damit schob
+er seine Hände in die Taschen und ging hinaus.</p>
+
+<p>Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt,
+und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_251" id="Pg_251">[S. 251]</a></span>
+
+wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Diese</em> Sache ist jetzt beendet, Herr Graf,
+aber für Ihr Betragen, dem Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders
+verantwortlich machen.«</p>
+
+<p>»Ich stehe Ihnen in <em class="gesperrt">jeder</em> Hinsicht zu
+Diensten, Herr von Reitschen,« sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen
+letzten Blick zu und verließ mit Köhler das Haus.</p>
+
+<p>Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich
+eine Frau, ein Kind auf dem Arm.</p>
+
+<p>»Hans! Hans!« schrie sie &ndash; »wo bist Du?«</p>
+
+<p>»Hier! &ndash; Trine &ndash; Trine!« und die beiden Gatten lagen sich
+in den Armen und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor
+Freude und Seligkeit.</p>
+
+<p>»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein
+klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.</p>
+
+<p>»Und dafür bekomme ich <em class="gesperrt">auch</em> einen Kuß,« lachte
+dieser.</p>
+
+<p>»Zehn &ndash; zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an
+Rottack's Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_252" id="Pg_252">[S. 252]</a></span>
+
+Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster &ndash; Rottack sah ihn, nahm
+seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_253" id="Pg_253">[S. 253]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC11" id="TOC11"></a>11.<br />
+
+Abschiednehmen.</h2>
+
+
+<p>Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht
+stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede, denn
+die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu lassen. Das
+Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf Händen, daß er
+ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene und unerträgliche Joch
+abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch selber nicht die nächsten
+Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen gewohnten Geschäften nach. Es
+war ordentlich, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, dem Director zu
+beweisen, daß sie eben nicht durch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_254" id="Pg_254">[S. 254]</a></span>
+
+Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was
+Recht oder Unrecht sei.</p>
+
+<p>Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie des
+Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte, unterbrachte.
+Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt. Das Hinderniß,
+welches zwischen ihrer Liebe stand &ndash; die Pflicht, für den Vater zu
+sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu bestimmt, sie
+mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte die Zeit nicht
+hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in der Welt und konnte
+ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.</p>
+
+<p>Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen,
+während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director
+brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er sah,
+wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner Waffenmacht,
+entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich gar nicht um ihn,
+gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit dem Baron über seinen
+finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen.</p>
+
+<p>Da wurde, an demselben Morgen, an welchem
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_255" id="Pg_255">[S. 255]</a></span>
+
+die Trauung der jungen Leute festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom
+Norden und dann ein anderer vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen
+jubelte. <em class="gesperrt">Jetzt</em> wurde ihm Hülfe, jetzt konnte er
+die erlittene Schmach fast auf frischer That rächen, und augenblicklich
+setzte er sich in ein Boot und ruderte mit vier Soldaten den Strom
+hinab.</p>
+
+<p>Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn
+ein anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der
+angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die jetzt
+an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß sie gegen
+die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich ihr <em
+class="gesperrt">Recht</em> nicht selber zu holen brauchten; erstaunten
+aber doch, als ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein,
+zurückkehrte, rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß.
+Was war da vorgefallen?</p>
+
+<p>In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote
+des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte.
+Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle
+umgekehrt.</p>
+
+<p>Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_256" id="Pg_256">[S. 256]</a></span>
+
+Nachricht er da unten bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht
+durch die ganze Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist
+abberufen. Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht
+klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue
+Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf,
+behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.</p>
+
+<p>Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt
+zu Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu
+sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen, packten
+stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu Muthe, als
+ob er ebenfalls packen müsse.</p>
+
+<p>Die Trauung war vorüber &ndash; ein recht wehmüthiger Act, da sich für
+die arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch
+auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde
+ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den
+letzten Trost gegeben hatte!</p>
+
+<p>Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren
+Trauungszeugen gewesen; Jeremias
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_257" id="Pg_257">[S. 257]</a></span>
+
+stolzirte ebenfalls mit einem riesigen Blumenbouquet vorn im Knopfloche
+einher, und eigentlich hatte das junge Paar schon am nächsten Morgen die
+Colonie auf einem Segelschiff verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit
+bequemere Gelegenheit mit einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio
+bot, sollte diese benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte,
+hatte es übernommen, die Passage unten für sie auszumachen.</p>
+
+<p>Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist
+und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben gelandet
+sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied erhalten
+hätte.</p>
+
+<p>Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab
+eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender
+Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die Freunde
+in den Armen.</p>
+
+<p>»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?«</p>
+
+<p>»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte
+eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt
+bekommen, aber wie mir so von <em class="gesperrt">allen</em> Seiten
+zugeredet
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_258" id="Pg_258">[S. 258]</a></span>
+
+wurde, ich mir zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier
+vielleicht noch Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht
+gleich eine andere passende Persönlichkeit hatte, so &ndash; entschloß
+ich mich zuletzt, bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist
+aber hauptsächlich <em class="gesperrt">der</em> Herr da an meiner
+Sinnesänderung schuld.«</p>
+
+<p>Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der
+Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus:
+»Günther! <em class="gesperrt">Sie</em> wieder in der Colonie?«</p>
+
+<p>»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen.</p>
+
+<p>Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und
+angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau.
+Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend, küßte
+er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:</p>
+
+<p>»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten
+Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.«</p>
+
+<p>»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter
+der Gruppe &ndash; »Günther &ndash; Mensch, wo kommst <em
+class="gesperrt">Du</em> her?« und im nächsten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_259" id="Pg_259">[S. 259]</a></span>
+
+Augenblick lag er in seinen Armen &ndash; aber rasch richtete er sich
+wieder empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen,
+daß nicht Alles so mit ihm sei wie es solle &ndash; »was ist geschehen,
+Günther?« rief er, ihn auf Armes Länge von sich drückend &ndash; »Du siehst
+blaß und elend aus &ndash; warst Du krank?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Günther leise &ndash; »recht krank &ndash; aber es geht
+wieder besser und ich &ndash; will mich hier in der Colonie noch ein Wenig
+erholen, ehe ich die Heimreise antrete.«</p>
+
+<p>Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er
+noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd:</p>
+
+<p>»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias
+hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei, und
+selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen würden.
+Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?«</p>
+
+<p>»Mein lieber &ndash; lieber Günther!«</p>
+
+<p>»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen &ndash; und nun
+vorwärts!«</p>
+
+<p>Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß Sarno
+wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die Colonisten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_260" id="Pg_260">[S. 260]</a></span>
+
+in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher nicht mit
+Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche Schaar
+<em class="gesperrt">deutscher</em> Colonisten gleichmäßig zufrieden zu
+stellen, wäre überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte
+ihnen aber erst gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets
+rechtlich und gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu
+haben, war desto größer.</p>
+
+<p>Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm
+sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den
+Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich
+aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich ihre
+Freude auszudrücken.</p>
+
+<p>Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und
+brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein
+Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen
+aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt
+voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden
+geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat &ndash; und Jeremias
+schien der Nerv dieser ganzen Bewegung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_261" id="Pg_261">[S. 261]</a></span>
+
+Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche die
+Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa Catharina
+aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen Bericht über das
+Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident fortwährend leidend
+sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel anstelle, der nicht allein die
+Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen wie Brasilianers, errege, sondern
+auch den Bestand der Colonien zu gefährden drohe. Er hatte dabei nicht
+unterlassen, Sarno's Wirksamkeit in Santa Clara und die Art und Weise zu
+schildern, mit der jetzt auf das Willkürlichste über ihn verfügt werden
+sollte.</p>
+
+<p>Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem
+Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen
+Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß
+zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die Abberufung
+Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei. Außerdem
+hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der Frau Präsidentin
+erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende Zustand des sonst
+tüchtigen Präsidenten
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_262" id="Pg_262">[S. 262]</a></span>
+
+machte da eine Verbesserung des Geschehenen möglich. Der Präsident selber
+wurde pensionirt, Herr von Reitschen aber, der Director von Santa Clara,
+einfach seines Dienstes entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge,
+seines willkürlichen Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre
+auch die Soldaten wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht
+nöthig schienen, und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno
+und Günther wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director
+von Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es dem
+Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der andere
+Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach Rio de
+Janeiro hinauf.</p>
+
+<p>Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem
+Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben und
+überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich dem
+aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man seinem
+Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch die ganze Nacht
+die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_263" id="Pg_263">[S. 263]</a></span>
+
+nie versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft
+auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von
+seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese
+Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde &ndash;
+übergab er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach
+erfolgter Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor
+Tag, auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein.
+Die Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde
+fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der
+Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen
+verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der
+Platz geräumt.</p>
+
+<p>Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden
+gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag
+die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und Graf
+Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit Könnerns
+nach Deutschland zurückzukehren.</p>
+
+<p>Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen,
+es war aber noch Etwas
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_264" id="Pg_264">[S. 264]</a></span>
+
+an der Maschine zu repariren und der Dampfer der unterwegs schlechtes
+Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise verzögerte sich deshalb
+um einige Stunden.</p>
+
+<p>Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck
+schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.</p>
+
+<p>Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt
+wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit dem
+Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und nicht
+genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als Günther
+an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich die Straße
+hinunter führte.</p>
+
+<p>»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem
+er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige
+Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du siehst
+bleich und elend aus und &ndash; das Schlimmste &ndash; es hat sich ein
+Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz
+eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland &ndash; nach Thüringen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_265" id="Pg_265">[S. 265]</a></span>
+
+zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!«</p>
+
+<p>Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein
+Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur die
+frei gehaltene Straße zog sich hindurch.</p>
+
+<p>»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du
+Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?«</p>
+
+<p>»Als ob es gestern gewesen wäre.«</p>
+
+<p>»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß
+ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen
+an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir
+hergestrichen und zuletzt weit &ndash; weit hinaus in das düstere Meer
+verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden
+&ndash; wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben
+konnte &ndash; so einsam &ndash; so öde schien mir in dem Augenblick die
+Welt?«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise.</p>
+
+<p>»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's
+Auge sah &ndash; »in jener Nacht starb meine Anna &ndash; an jenem Morgen
+lag sie kalt und bleich auf ihrem Lager dort
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_266" id="Pg_266">[S. 266]</a></span>
+
+&ndash; dort, wohin die Schwäne in den Nebel zogen!« &ndash; Und was
+der starke Mann bis dahin standhaft ertragen, das brach jetzt aus
+in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die Brust des Freundes
+lehnte.</p>
+
+<p>Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort &ndash;
+kein Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den
+fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen
+Schmerz.</p>
+
+<p>»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in
+seinen Armen empor.</p>
+
+<p>»So &ndash; jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer
+seine Brust hob &ndash; »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von
+Fremden umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust
+zurückzubannen, das thut doppelt weh!«</p>
+
+<p>»Armer, armer Freund! &ndash; Und wo erhieltest Du die Nachricht?«</p>
+
+<p>»Vor wenigen Tagen in Rio &ndash; der Dampfer, der mich in die Heimath
+führen sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt
+&ndash; jetzt <em class="gesperrt">kann</em> ich nicht zurück, und ich
+begleitete Sarno, um hier noch manche Arbeit zu
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_267" id="Pg_267">[S. 267]</a></span>
+
+beenden, die ich &ndash; gehofft hatte von Anderen beendet zu sehen.
+&ndash; Aber nun leb' wohl, Freund &ndash; wie ich höre, willst Du Könnern
+begleiten &ndash; ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen Menschen
+zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was ich Dir
+eben vertraut &ndash; es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch meinen
+Gruß und &ndash; leb' wohl!«</p>
+
+<p>»Du willst fort?«</p>
+
+<p>»Hier steht mein Pferd &ndash; Gott mit Dir, mein lieber Freund, und
+mögest auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!«</p>
+
+<p>Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann
+riß sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand
+zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden.</p>
+
+<p>Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war
+ihm recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und
+allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. &ndash; Als er
+wieder an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen
+Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. &ndash; Es war
+Helene. &ndash; Fast unwillkürlich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_268" id="Pg_268">[S. 268]</a></span>
+
+grüßte der junge Mann im Weitergehen und blieb dann stehn.</p>
+
+<p>»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von
+ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. &ndash; Er sah
+nach seiner Uhr &ndash; es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. &ndash;
+»Was kümmert's denn mich, wenn sie &ndash; ei, ich will aus Brasilien von
+keinem Menschen im Bösen scheiden &ndash; am Wenigsten von ihr!« und rasch
+entschlossen schritt er in das Haus hinein.</p>
+
+<p>Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem das
+»Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein! antwortete
+ihm &ndash; Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie war ganz
+einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als Schmuck und sah
+ungewöhnlich bleich aus.</p>
+
+<p>»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu
+verlassen, und &ndash; wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu
+sagen.«</p>
+
+<p>»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte
+es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte, so
+viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_269" id="Pg_269">[S. 269]</a></span>
+
+aber machte ihn selber verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den
+kaum begonnenen Abschied noch zu kürzen.</p>
+
+<p>»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen
+zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien
+zurückkehren werde.«</p>
+
+<p>»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich
+zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich nicht,
+daß wir auf <em class="gesperrt">diese</em> Weise von einander scheiden.
+&ndash; Ich habe einen Verdacht, Sie <em class="gesperrt">wissen</em>,
+daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt. &ndash; Wenn dem nicht so wäre,
+nehmen Sie hier meine Erklärung ....«</p>
+
+<p>»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht &ndash; »ich &ndash;
+wußte nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie &ndash; ihn so lange schon
+geführt ....«</p>
+
+<p>»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten
+hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte
+gehofft, <em class="gesperrt">Sie</em> wenigstens würden besser von mir
+denken; aber &ndash; lassen Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst
+&ndash; »ich habe so wenig Freunde
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_270" id="Pg_270">[S. 270]</a></span>
+
+auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir geht, kein
+hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr Graf, und
+&ndash; möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter traurige
+Bilder bieten!«</p>
+
+<p>Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen
+ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los
+und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:</p>
+
+<p>»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen
+Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick,
+den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr als
+Sie vielleicht glauben. &ndash; Sehen Sie mir in's Auge &ndash; halten Sie
+mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es
+wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in einer
+halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht selbst noch
+von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein Geheimniß,« fuhr er
+fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm stand &ndash; »ich kannte
+Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause &ndash; ich wußte ....«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_271" id="Pg_271">[S. 271]</a></span>
+
+»Es <em class="gesperrt">ist</em> nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und
+ihre Hand aus der seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.</p>
+
+<p>Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.</p>
+
+<p>»Es <em class="gesperrt">ist</em> nicht Ihre Mutter?« wiederholte er
+endlich, und die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust.</p>
+
+<p>»Nein,« hauchte Helene &ndash; »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe
+Ihnen schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war &ndash; es
+war mir nur ein &ndash; peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen
+und zu fühlen, daß Sie &ndash; mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf,
+und wenn Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so &ndash; verlassen
+Sie mich jetzt!«</p>
+
+<p>»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und
+Gefühlen das Hirn durchzuckte &ndash; »nicht so dürfen wir scheiden!
+Hier liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen &ndash; o, wenn Sie
+Vertrauen zu mir hätten &ndash; wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen
+könnten, wie gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.«</p>
+
+<p>»Herr Graf,« bat Helene scheu.</p>
+
+<p>»Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr
+Rottack leidenschaftlich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_272" id="Pg_272">[S. 272]</a></span>
+
+fort &ndash; »daß es Ihnen peinlich sei, <em class="gesperrt">mich</em>
+scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten
+Sie Ihr Vertrauen zurück &ndash; geben mir nur Andeutungen, die mich noch
+verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die
+sich Ihnen entgegenstreckt.«</p>
+
+<p>»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes
+beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.</p>
+
+<p>Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr
+treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte er
+herzlich:</p>
+
+<p>»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln
+Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg
+einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. &ndash;
+Machen Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden
+auf der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!«</p>
+
+<p>Helene rang mit sich &ndash; zu plötzlich, zu überraschend war ihr
+das Alles gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um <em
+class="gesperrt">überlegen</em> zu können. Noch nie aber hatte sie so das
+Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie in diesem Augenblick
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_273" id="Pg_273">[S. 273]</a></span>
+
+&ndash; noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so herzlich, so
+einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich zu dem jungen
+Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand, was er ihr
+geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und mit leiser,
+aber fester Stimme sagte sie:</p>
+
+<p>»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack &ndash; ich <em
+class="gesperrt">will</em> Ihnen glauben &ndash; ich würde Ihnen auch in
+diesem Augenblick vertrauen &ndash; wie einem Bruder« &ndash; setzte
+sie kaum hörbar hinzu &ndash; »aber für mich selber ist meine ganze
+Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein Licht
+darüber geben könnte &ndash; bindet ein Schwur.«</p>
+
+<p>»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt &ndash; »aber woher dann &ndash;
+ich begreife nicht, wie Sie da überhaupt ....«</p>
+
+<p>Helene stand noch immer zögernd vor ihm &ndash; aber wußte er nicht
+schon ihr Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die
+jeden Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es
+sich ihr endlich aus der Brust &ndash; »hier, dieser Brief kam durch eine
+Verwechslung
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_274" id="Pg_274">[S. 274]</a></span>
+
+der Couverts in meine Hände« &ndash; halb abgewandt reichte sie ihm
+denselben.</p>
+
+<p>»Darf ich ihn lesen?«</p>
+
+<p>»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den
+Händen.</p>
+
+<p>Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken
+verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.</p>
+
+<p>»Sie weigert sich, ihn zu nennen &ndash; ein Schwur bindet ihre
+Lippen.«</p>
+
+<p>»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den
+Schwur kenne ich &ndash; er heißt Selbstinteresse &ndash; aber ich begreife
+noch immer nicht &ndash; Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,«
+unterbrach er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf
+den Tisch legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu,
+während er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl
+über sein Antlitz zuckte &ndash; »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das
+Vertrauen, das Sie mir geschenkt &ndash; wenn ich es Ihnen auch nur durch
+Überraschung abgepreßt. &ndash; Aber jetzt fort &ndash; Du mein Himmel,
+mir schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt das
+Hirn durchkreuzen &ndash; und doch war ich nie so glücklich,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_275" id="Pg_275">[S. 275]</a></span>
+
+nie so lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«</p>
+
+<p>»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich
+Rottack's Betragen nicht erklären.</p>
+
+<p>»Gewiß,« lachte dieser &ndash; »unten warten sie ja mit dem Boot auf
+mich &ndash; aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen
+wichtigen Besuch zu machen &ndash; und dann komme ich wieder her &ndash; in
+einer halben Stunde bin ich wieder hier« &ndash; Und ohne Abschied sprang
+er in jubelndem Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_276" id="Pg_276">[S. 276]</a></span></p>
+
+<h2><a name="TOC12" id="TOC12"></a>12.<br />
+
+Schluß.</h2>
+
+
+<p>Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten
+gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit
+flüchtigen Sätzen angesprungen kam.</p>
+
+<p>»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes
+eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im
+Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«</p>
+
+<p>»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix &ndash; »Sie müssen
+noch einen Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges
+vergessen!«</p>
+
+<p>»Vergessen &ndash; was?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_277" id="Pg_277">[S. 277]</a></span>
+
+»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!«</p>
+
+<p>»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so
+förmlich geworden?«</p>
+
+<p>»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder
+Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und direct
+dem Hause der Gräfin zu.</p>
+
+<p>Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.</p>
+
+<p>»Ist die Frau Gräfin oben?«</p>
+
+<p>»Ja, in ihrem Zimmer.«</p>
+
+<p>»Melden Sie mich &ndash; rasch, denn ich habe große Eile!«</p>
+
+<p>»Ja, <em class="gesperrt">ich</em> kann jetzt nicht hinaufgehen.«</p>
+
+<p>»Dann meld' ich mich selber!« &ndash; und in wenigen Sätzen war er
+oben. An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief eine
+bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten Augenblicke
+der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha empor fuhr.</p>
+
+<p>»Herr Graf!«</p>
+
+<p>»Frau <em class="gesperrt">Gräfin</em>,« sagte der junge Mann, sich
+mit Anstand verbeugend &ndash; »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur
+in seiner Kürze seine Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen
+Frage, um deren Beantwortung ich Sie ersuche.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_278" id="Pg_278">[S. 278]</a></span>
+
+»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen,
+denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.</p>
+
+<p>»Gut &ndash; dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so
+förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.«</p>
+
+<p>»Welchen Namen, Herr Graf?«</p>
+
+<p>»Den Namen von Helenens Mutter.«</p>
+
+<p>»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten.</p>
+
+<p>»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß
+Sie einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen
+Mädchen gegenüber ging &ndash; <em class="gesperrt">wir</em> stehen
+anders zusammen. Entweder schreiben Sie mir die volle Adresse <em
+class="gesperrt">jetzt</em> in diesem Augenblick auf, oder ich gehe direct
+hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und &ndash; unterhalte
+mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich nicht scherze.
+<em class="gesperrt">Noch</em> ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und
+wird da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen &ndash; wo nicht &ndash;
+schreiben Sie sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch
+bemerken, daß Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine
+einfache Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_279" id="Pg_279">[S. 279]</a></span>
+
+Angabe der Verhältnisse, <em class="gesperrt">ohne</em> einen Namen zu
+nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch das ist Nebensache. <em
+class="gesperrt">Wir</em> haben es hier mit dem speciell zu thun, was <em
+class="gesperrt">Sie</em> betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie
+da auch am Besten kennen.«</p>
+
+<p>»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen &ndash; wenn ich
+mir selber alle Hülfsmittel abschneide, wovon &ndash; o, wovon soll <em
+class="gesperrt">ich</em> denn da leben? Alles verläßt mich &ndash; Alles
+verläßt mich &ndash; auch der undankbare Mensch, der Pulteleben, hat mich
+im Stich gelassen!«</p>
+
+<p>Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte:</p>
+
+<p>»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da ihm
+die <em class="gesperrt">Frau</em> abhanden gekommen, nicht doch wenigstens
+die vermuthete Schwiegermutter zu behalten &ndash; doch zur Sache. Wollen
+Sie meinen Wunsch erfüllen oder nicht? ich <em class="gesperrt">muß</em>
+Antwort haben.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.«</p>
+
+<p>»Nein &ndash; hier ist Papier und Dinte &ndash; in fünf Minuten bleibt
+Ihnen keine Wahl mehr.«</p>
+
+<p>»Und <em class="gesperrt">Sie</em> versprechen mir zu schweigen?«</p>
+
+<p>»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die
+Colonie.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_280" id="Pg_280">[S. 280]</a></span>
+
+Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und
+reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber.</p>
+
+<p>»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert
+&ndash; das Geheimniß ist nicht für mich.«</p>
+
+<p>Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr
+durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und
+ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen &ndash; und der
+Baron <em class="gesperrt">mußte</em> schon einen Verdacht gefaßt haben
+&ndash; als durch die Sorge um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert
+hatte. <em class="gesperrt">Sie</em> lebte nur in dem Augenblicke, dem sie
+abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste Tag?</p>
+
+<p>»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit
+einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf
+dabei ansah &ndash; »wie war es <em class="gesperrt">möglich</em>,
+daß Helene bis vor wenig Tagen keine Ahnung davon haben konnte, <em
+class="gesperrt">Sie</em> seien nicht ihre wirkliche Mutter? Ich begreife
+das nicht.«</p>
+
+<p>»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann
+in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_281" id="Pg_281">[S. 281]</a></span>
+
+mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß
+erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....«</p>
+
+<p>»Vollkommen ohne Nebenabsichten?«</p>
+
+<p>»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde &ndash; »da entschloß sie
+sich zu dem Schritt &ndash; den wir vorher reiflich überlegt hatten:
+sie mir nämlich mitzugeben, und ich &ndash; holte sie damals, <em
+class="gesperrt">als</em> ihre Mutter, aus der Pension ab.«</p>
+
+<p>»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich
+eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?«</p>
+
+<p>»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt
+uns Pflichten auf, und &ndash; in diesem Fall &ndash; sie konnte doch nicht
+ihren <em class="gesperrt">Ruf</em>, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes
+häusliches Glück wäre ja vernichtet worden.«</p>
+
+<p>»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack
+bitter &ndash; »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben <em
+class="gesperrt">mir</em> einen Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich
+mich dafür revanchire &ndash; wir tauschen nämlich Papier um Papier.
+<em class="gesperrt">Dieses</em> ist Helenen's Geheimniß &ndash; <em
+class="gesperrt">das</em> hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von
+500 Milreis vor der Frau auf den Tisch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_282" id="Pg_282">[S. 282]</a></span>
+
+legte &ndash; »ist das <em class="gesperrt">Ihrige</em> &ndash; wir sind
+quitt, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus.</p>
+
+<p>»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe
+darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß gedrückt
+und das Haus verlassen.</p>
+
+<p>Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst
+und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder und
+stand gleich darauf in Helenens Zimmer.</p>
+
+<p>Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem
+Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden zu
+entdecken, und gerade <em class="gesperrt">ihm</em>, der sie die letzte
+Zeit so kalt, fast höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein
+ihr, nein, auch das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was
+<em class="gesperrt">konnte</em> sie thun? Stand sie nicht allein,
+rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie sich nicht nach <em
+class="gesperrt">einem</em> Herzen, dem sie vertrauend nahen &ndash; zu
+dem sie um Trost &ndash; um Hülfe aufblicken konnte? Und was that <em
+class="gesperrt">er</em> jetzt? Wohin hatte er sich gewandt? Würde sie ihn
+je wiedersehen,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_283" id="Pg_283">[S. 283]</a></span>
+
+und spottete er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer
+Seele losgerungen?</p>
+
+<p>In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört,
+und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er ihr
+entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz und Muthwille,
+der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen gewichen, und mit
+leiser Stimme sagte er:</p>
+
+<p>»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält
+&ndash; fürchten Sie nicht, daß <em class="gesperrt">ich</em> Ihr Geheimniß
+belauscht hätte &ndash; ich kenne den Inhalt nicht.«</p>
+
+<p>»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem
+ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.</p>
+
+<p>»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig &ndash; »erinnern Sie
+sich noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit &ndash; jener Frau in der
+Stadt begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre &ndash; vermeintliche
+Mutter sah.«</p>
+
+<p>»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig
+in's Herz &ndash; »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht
+auf &ndash; jene Frau.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_284" id="Pg_284">[S. 284]</a></span>
+
+»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber
+seine Stimme mehr und mehr steigerte &ndash; »hatte ich nur <em
+class="gesperrt">Sie</em> gesehen und hatte Sie geliebt mit einer
+Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben würde, wenn Sie sie hätten
+ahnen können.«</p>
+
+<p>»Graf Rottack!«</p>
+
+<p>»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die
+mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in Fesseln
+gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da &ndash;
+da sah ich Ihre Mutter &ndash; Ihre Mutter, wie ich damals glauben
+mußte &ndash; deren ganze Vergangenheit vor mir lag und &ndash; ich
+<em class="gesperrt">konnte</em> nicht anders glauben, als daß <em
+class="gesperrt">Sie</em> den Betrug theilten &ndash; daß Sie <em
+class="gesperrt">Mitwisserin</em>, Mithandelnde der Täuschung wären.«</p>
+
+<p>»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille
+Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. &ndash; Rang und Stand
+&ndash; Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte;
+ich stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener
+Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen &ndash; aber der Betrug
+fraß mir in's Herz hinein &ndash; der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_285" id="Pg_285">[S. 285]</a></span>
+
+und &ndash; machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die
+Täuschung zu vollenden, selbst das Netz, das &ndash; jene Frau nach
+dem unglücklichen Pulteleben auswarf, und das &ndash; wie es meiner
+verblendeten Eifersucht schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,«
+&ndash; rief er leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank
+&ndash; »ich habe Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir
+verzeihen?«</p>
+
+<p>»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!«</p>
+
+<p>»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack &ndash;
+»Helene, ich <em class="gesperrt">habe</em> Sie geliebt, ich habe nie
+aufgehört Sie zu lieben, und wie ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber
+stand, hätte mir das Herz dabei zerspringen mögen in der Brust. Können
+Sie mir verzeihen? Können Sie vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt
+&ndash; glüht auch in <em class="gesperrt">Ihrem</em> Herzen noch ein
+Funken der alten Liebe für <em class="gesperrt">mich</em>? Läugnen Sie
+es nicht, Helene &ndash; jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige
+antworteten, waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten
+Mädchens; jene Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen
+drangen. &ndash; Oh, können Sie nur einen Schatten jener Gefühle
+zurückrufen, so werden
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_286" id="Pg_286">[S. 286]</a></span>
+
+Sie mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte
+umschlang &ndash; »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie
+Freude oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine
+junge Frau uns erwarten &ndash; in deren Begleitung machen Sie die Reise
+nach Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.«</p>
+
+<p>»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.</p>
+
+<p>»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben &ndash; daß Sie mir glauben,
+wenn ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav &ndash;
+daß Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu
+können. Helene!«</p>
+
+<p>Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an
+seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder und
+wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment schien
+aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er weinte und
+lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen los, zerrte einen
+großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand, und fing an hinein zu
+werfen, was ihm unter die Hände kam.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_287" id="Pg_287">[S. 287]</a></span>
+
+»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen lachend
+aus &ndash; »was machen Sie, was soll das werden?«</p>
+
+<p>»Abreise &ndash; Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner
+Beschäftigung stören zu lassen &ndash; »wir sind ja in der größten Eile
+&ndash; unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.«</p>
+
+<p>»Abreisen?« rief Helene erschreckt &ndash; »aber doch nicht jetzt?
+&ndash; nicht heute?«</p>
+
+<p>»In einer Viertelstunde.«</p>
+
+<p>»Das ist ja unmöglich!«</p>
+
+<p>»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen &ndash; Du bist mein, <em
+class="gesperrt">ich</em> bin der glücklichste Mensch unter der Sonne, und
+das Andere ist alles Kleinigkeit und Nebensache.«</p>
+
+<p>»Aber wie kann das sein &ndash; Rohrlands ...«</p>
+
+<p>»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten
+zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich bin
+gleich wieder da!«</p>
+
+<p>Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später
+mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos,
+keines Gedankens fähig, stand.</p>
+
+<p>»Liebe Frau Rohrland &ndash; lieber Herr Rohrland
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_288" id="Pg_288">[S. 288]</a></span>
+
+&ndash; ich habe hier das Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack
+vorzustellen. &ndash; Liebe Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und
+ziehe ein freundliches Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre
+eine gezwungene Heirath.«</p>
+
+<p>»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in
+die Arme.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte
+Felix &ndash; »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir
+dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen Helenen
+packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau Rohrland?«</p>
+
+<p>»Ja, von Herzen gern, aber ...«</p>
+
+<p>»Gar kein Aber &ndash; ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem
+Karren herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit
+ihr an die Landung?«</p>
+
+<p>»Ja, von Herzen gern &ndash; aber diese Hast ...«</p>
+
+<p>»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten &ndash; lieber Rohrland, auf
+ein Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte
+ihn vor die Thür hinaus.</p>
+
+<p>»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_289" id="Pg_289">[S. 289]</a></span>
+
+»In <em class="gesperrt">meiner</em> Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil,
+ich habe noch Geld von <em class="gesperrt">ihr</em> in Händen, für den
+Verkauf ihrer Sachen.«</p>
+
+<p>»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den
+wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«</p>
+
+<p>»Aber ich begreife gar nicht.«</p>
+
+<p>»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«</p>
+
+<p>»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«</p>
+
+<p>»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann
+bei Seite schob &ndash; »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren
+oben!« rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein
+angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an die
+Landung hinunter.</p>
+
+<p>»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm
+Könnern entgegen &ndash; »wir warten und warten hier.«</p>
+
+<p>»Lieber Freund,« sagte Rottack &ndash; »ach Jeremias, nehmt doch Euern
+Karren und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf &ndash;
+es geht noch ein Passagier mit. &ndash; Lieber Freund, ich habe in der
+kurzen Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter
+gebraucht, und dann <em class="gesperrt">noch</em> nicht fertig wird. So
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_290" id="Pg_290">[S. 290]</a></span>
+
+recht, Jeremias, das ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu
+bezahlen.«</p>
+
+<p>»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der
+Landung stand &ndash; »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts
+versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen
+doch nicht immer gleich fertig werden.«</p>
+
+<p>»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt
+&ndash; und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der
+Landung auf und ab gegangen waren.</p>
+
+<p>»Fort &ndash; in den Wald,« sagte Rottack ernst &ndash; »ich habe Euch
+noch seine besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«</p>
+
+<p>»Braver Günther,« sagte Könnern &ndash; »er hat Elisen die letzten
+Stunden nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen.
+Apropos, Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin
+gemacht?«</p>
+
+<p>»Allerdings.«</p>
+
+<p>»Wahrhaftig?«</p>
+
+<p>»Nun, gewiß &ndash; und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«</p>
+
+<p>»Ihrer Tochter?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_291" id="Pg_291">[S. 291]</a></span>
+
+»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es mit
+in ihre Koje nimmt.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie nicht.«</p>
+
+<p>»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig
+in die Stadt hinaufgesehen hatte &ndash; »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt
+keine nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen.
+Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt &ndash; daß mir um Gottes willen
+Rohrlands das Bild nicht vergessen« &ndash; und von Könnern fort, der ihm
+kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit den
+Weg zurück, den er gekommen.</p>
+
+<p>Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute
+haben könne, denn <em class="gesperrt">so</em> hatte er ihn noch nie
+gesehen, und außerdem drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah
+auch schon in immer kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr &ndash; endlich
+ließ sich ein kleiner Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias
+an der Spitze rasch zur Landung herunter kamen.</p>
+
+<p>Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge
+Comtesse mit in der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_292" id="Pg_292">[S. 292]</a></span>
+
+Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten die Damen.</p>
+
+<p>»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein
+guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.</p>
+
+<p>»Ich? Denke gar nicht daran, aber &ndash; so viel ich weiß ...«</p>
+
+<p>»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur
+erglühende Braut vor &ndash; »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns
+noch trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und
+bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen
+Ihrem mütterlichen Schutz.«</p>
+
+<p>»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und
+nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«</p>
+
+<p>»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf,
+indem er Helene der jungen Frau zuführte &ndash; »aber nun in's Boot. Sie
+haben lange genug auf uns gewartet &ndash; hieher, Jeremias &ndash; <em
+class="gesperrt">das</em> zum Andenken.«</p>
+
+<p>»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem
+Gesicht.</p>
+
+<p>»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote
+nach, das in den
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_293" id="Pg_293">[S. 293]</a></span>
+
+Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit Tüchern und
+Hüten.</p>
+
+<p>»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben,
+schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.</p>
+
+<p class="front" style="margin-top: 3em; font-size:100%;">
+<span class="gesperrt">Ende</span>.</p>
+
+<p class="front" style="margin-top: 3em; margin-bottom: 5em; font-size:80%;">
+Druck von <span class="gesperrt">G. Pätz</span> in Naumburg.</p>
+
+
+
+
+<div class="footnotes" style="margin-top: 4em; margin-bottom: 4em;">
+
+<div class="footnote">
+
+<h2>Fußnoten</h2>
+
+<p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a>
+Eine Art Zuckerrohr.</p>
+
+<p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a>
+Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig
+herrscht.</p>
+
+<p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a>
+Authentisch.</p>
+
+</div></div>
+
+
+
+
+<div style="padding: 10px; background: rgb(200, 200, 200) none repeat scroll 0% 50%;">
+
+<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
+
+<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
+Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei
+Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise
+sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der
+Zeichensetzung nicht.</p>
+
+
+
+
+<h2>Liste der Änderungen</h2>
+
+<table summary="Aenderungen" border="1">
+<thead>
+<tr>
+ <th>Original</th>
+ <th>Änderung</th>
+</tr>
+</thead>
+
+<tbody>
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_023">Seite 23</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>ein sehr großes Theebret<b>t</b> mit einer Anzahl Tassen</td>
+ <td>ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_037">Seite 37</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen</td>
+ <td>ein leichtes, fast spöttisches L<b>ä</b>cheln um seine Lippen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_046">Seite 46</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>als sie den Dienst meiner Mutter verließen</td>
+ <td>als <b>S</b>ie den Dienst meiner Mutter verließen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_087">Seite 87</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Er hielt unwillürklich mitten im Binden</td>
+ <td>Er hielt unwill<b>k</b>ürlich mitten im Binden</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_227">Seite 227</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte</td>
+ <td>hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son<b>st</b> verklärte</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_247">Seite 247</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln</td>
+ <td>mehr als dreihundert Männer i<b>n</b> Hemdsärmeln</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_260">Seite 260</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>denn ein solche Schaar deutscher Colonisten</td>
+ <td>denn ein<b>e</b> solche Schaar deutscher Colonisten</td>
+</tr>
+
+
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***</p>
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+
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.</p>
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
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+with this eBook or online at <a
+href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.</p>
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.</p>
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.</p>
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.</p>
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+<p>1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.</p>
+
+<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p>
+
+<p>1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that</p>
+
+<ul>
+<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."</li>
+
+<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.</li>
+
+<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.</li>
+
+<li>You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
+</ul>
+
+<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
+
+<p>1.F.</p>
+
+<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.</p>
+
+<p>1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.</p>
+
+<p>1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.</p>
+
+<p>1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
+
+<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.</p>
+
+<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.</p>
+
+<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
+
+<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.</p>
+
+<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
+the Foundation information page at <a
+href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
+
+<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation</h3>
+
+<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.</p>
+
+<p>The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at <a
+href="http://www.gutenberg.org/contact">www.gutenberg.org/contact</a></p>
+
+<p>For additional contact information:<br />
+ Dr. Gregory B. Newby<br />
+ Chief Executive and Director<br />
+ gbnewby@pglaf.org</p>
+
+<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation</h3>
+
+<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.</p>
+
+<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit <a
+href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
+
+<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.</p>
+
+<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
+
+<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: <a
+href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
+
+<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.</h3>
+
+<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
+
+<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.</p>
+
+<p>Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+<a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
+
+<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
+
+</body>
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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