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DRITTER BAND*** + + +E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team +(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the +Google Books Library Project (http://books.google.com) + + + +Note: Images of the original pages are available through + the the Google Books Library Project. See + http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&id + + + + + +DIE COLONIE. + +Brasilianisches Lebensbild + +von + +FRIEDRICH GERSTÄCKER. + +Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor. + +DRITTER BAND. + + + + + + + +Leipzig, +Hermann Costenoble. +1864. + + + + +Inhalts-Verzeichniss. + + + Seite + Erstes Kapitel. + Die Abendgesellschaft 7 + + Zweites Kapitel. + Fortsetzung 33 + + Drittes Kapitel. + Auf Köhler's Chagra 57 + + Viertes Kapitel. + Helene 87 + + Fünftes Kapitel. + Gerichtspflege in der Colonie 117 + + Sechstes Kapitel. + Vorbereitungen 143 + + Siebentes Kapitel. + Bux auf der Flucht 164 + + Achtes Kapitel. + Gefunden 194 + + Neuntes Kapitel. + Herr von Pulteleben 214 + + Zehntes Kapitel. + Graf Rottack's weitere Beschäftigung 236 + + Elftes Kapitel. + Abschiednehmen 253 + + Zwölftes Kapitel. + Schluß 276 + + + + +1. + +Die Abendgesellschaft. + + +In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft +sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt, +die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend +Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst +Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr +lautete die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran, +als die Frau Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von +Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das _sehr_ viel Geld gekostet +hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre +Toilette noch einmal zu mustern. + +Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute +nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen +Horizont begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen +Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete. + +»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die +Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht +von ihrem Rückgrat zu bekommen -- »ich traue ihm nicht recht; er ist ein +ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.« + +»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte +Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.« + +»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir _nicht_ recht +angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde +Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem früheren Director +eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die »_bürgerliche_ +Versammlung« die Nase rümpfen.« + +»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der _alte_ +Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber +unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Brasilien +auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalt wählen +sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu +beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr +von Schwartzau.« + +»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?« + +»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber +nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist -- wen interessirt das +auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.« + +»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah +ihre Tochter forschend dabei an. + +»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene +kalt und stolz. + +»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel +trug -- »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der +Treppe.« + +Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar +trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke. + +»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend; +»hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?« + +»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest +Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und +Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die +Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft +erwarten! Wer ist wer?« + +»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns +die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich, +in die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von +früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser +hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen können -- aber abgewöhnt +hab' ich's ihm wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.« + +Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu, +und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne +auf die Schwester weiter zu achten, fort: + +»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig -- die ist in den Fluß +gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar +geprügelt hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.« + +»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du +wolltest zu der Auction hinausreiten?« + +»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange +gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend +Kleinigkeiten.« + +»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?« + +»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern -- Du mußt ihn schon +in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause -- +schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar +erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.« + +»Herr von Pulteleben ist zurück?« + +»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln +nicht ankriegen.« + +»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah nach +ihrer Uhr -- »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir unbegreiflich.« + +»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der +Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben, +aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber -- der muß +schmählich reich sein.« + +»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin +ihre Tochter. + +»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.« + +»So -- entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm +genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden?« + +»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar -- »Jeremias unterhält sich -- +der Bursche ist heute göttlich -- hast Du ihn schon in seiner Galatracht +gesehen?« + +Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem +Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich +heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete: + +»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau +Gemahlin.« + +Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch in +den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick +zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem +Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste, +gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber, +etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine +Frau hinter sich herschleppte. + +Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase +und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen +-- außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und +-- wenn das Gerücht nicht log -- auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber +schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich, +die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie über das +vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse -- von Oskar nahm sie keine +Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thür durch +sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer +Verachtung. + +Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich +noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er +drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo +saß, so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor +Beckstein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen +aufgewachsen, sondern daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein +gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber seinen Dienst +quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn +und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere +Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine +Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner +sagt, #the gift of the gab#, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen, +die natürlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt +in seiner Stellung zu behaupten -- konnten die Colonisten doch auch +keinen andern und besseren auftreiben. + +Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug, +viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge +Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie +schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber, +als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab +es deshalb nie. -- Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes +schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer +großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als +zwei furchtbar große, reich gestickte -- leider auch schon einmal +ausgebesserte -- Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose +trug. + +Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste, +denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald +in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar +Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.« + +Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines, +rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos +gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer +einzelnen Achatschnur um den Hals. + +Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem +Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in +der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung. + +Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich +stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung +lautete. Er war natürlich #à quatre épingles# gekleidet; seine Toilette +ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit bei +dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor +Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er +zufällig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin +haßte den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn +je gehaßt hatte -- es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und +Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in _ihre_ Kirche +ließ. + +Jetzt erschien auch endlich -- als Hausgenosse jedoch eben so +gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet -- Herr von Pulteleben, +gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren +Frackschnitt als der Baron, was seinerseits _diesen_ wieder ärgerte. +Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu, +diese zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und +grüßte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine +Ecke zu drücken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise -- +was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurückließ. +Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute Abend Stacheln -- wären +es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim Nachhausegehen wie +ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte sich Herr von +Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht +befriedigenden Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin +hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch +vielleicht sehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin +eben nicht angenehm getäuscht. + +Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von +Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit +oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um +Entschuldigung bat. + +Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der +That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen +oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm +gefaßt und gesagt: + +»Laß mich lieber unten, Günther -- es ist wahrhaftig besser, und die +Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja +alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die +Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu +werden -- warum ihr also den Spaß verderben?« + +»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther, +»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft +wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann +mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz +besondere Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich +will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl +einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau _Gräfin_ wenigstens +wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.« + +»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf +bitter -- »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten +Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern +die Kammerfrau als Schwiegermutter -- ich würde mich sogar hüten, die +Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur _ein_ Wort kostete. Aber +in _einer_ Art hast Du Recht -- wenn auch in einem andern Sinn, wie +Du es gemeint -- Helene selber könnte nämlich glauben, ich sei der +Verlobung ausgewichen, und deshalb -- gehen wir hinauf. Ich freue mich +jetzt selber darauf, einmal einer echt aristokratischen Gesellschaft in +einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.« + +»Du willst mitgehen?« + +»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit +fortziehend; »es muß überhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir +werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Gräfin +freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich, +Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß ist +mein eigen.« + +»Gewiß -- aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?« + +»Ich glaube kaum -- zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht +gesehen, und ich selber -- bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich +jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.« + +»Da sind wir.« + +»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese +erleuchteten Hallen -- wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler +röche -- und Jeremias in Gala -- Ich fürchte fast, Günther, daß wir +nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.« + +»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur +entgegen -- »immer 'rein -- _hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes +sehen und erleben werden -- immer hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen +gar Nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!« + +»So recht, Jeremias,« lachte Günther -- »ist die Gesellschaft +versammelt?« + +»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste -- +»fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« -- +und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und +meldete: + +»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit -- Donnerwetter, ich weiß ja +_Ihren_ Namen nicht!« + +Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln +nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick +auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die +Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes, +jeder Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung +bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin +zu und sagte mit einer leichten Verbeugung: + +»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf +heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier +vorzustellen.« + +Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von +Schwartzau, die nur an der äußersten Kante den neben ihm stehenden +Freund einschloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat +jetzt vor, und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich: + +»Sie haben _mir_ besonders eine große Freude gemacht, daß Sie der +Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde mir ja gar keine +Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir +geboten, wie ich es wohl gemocht.« + +»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast wunderbaren +Schönheit des Mädchens -- »so sehr wir den Unfall _Ihretwegen_ bedauert +haben, so glücklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen +leisten durften. Übrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von +mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des +Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.« + +Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen _beide_ Männer gewandt gehabt, +aber während sie sprach doch immer nur Günther angesehen, und höchstens +einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen +Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger vermeiden, und auch +ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte sie, aber nicht +mehr so zuversichtlich, als vorher: + +»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit +meinem wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr +hörte oder sah, was um mich her vorging -- viel weniger denn hätte +Personen unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten +Dank.« + +»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die +gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ +-- »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß +ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang. +Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen +stets in den Weg, wo ich sie eben treffe.« + +»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem +Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.« + +»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director +ansehend -- »mit wem habe ich das Vergnügen?« + +»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die +beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander. + +»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges in seinem Benehmen,« +flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben der er stand. + +»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem +gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm +abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer +betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben +gesehen? + +Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so +fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber +so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein +konnte. + +Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein +sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose +und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das +Verbindlichste fragte: + +»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau +-- hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen +heruntergefegt!« + +Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee +verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder +geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von Thee kaum möglich. +Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und daher sehr +häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee +umhergereicht wird. + +Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast +ausschließlich um die Tagesbegebenheit -- die Auction des Meier'schen +Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen, +geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als +einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen, +daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein +Messerstich für ihn gewesen. + +»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director +an diesen -- »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns +niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder +vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die +er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden +Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier +eine Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.« + +»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu +können, Herr Baron,« sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste +von diesen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn +Meier selber bekommen, denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher +zurückzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen +lassen.« + +»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?« + +»Ganz und gar nicht -- ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum +ersten Male betreten.« + +»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im +ganzen Ort zu sein, der sie kennt.« + +»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden +gehabt.« + +»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?« + +»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend, +»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben +würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist +möglich, daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu +beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.« + +»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director -- er sah, daß er aus Günther +Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn dieser wirklich um Eins +oder das Andere gewußt hätte. + +Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und +Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin +und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge +verwickelt waren. + +»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame +bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse +abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- »das ist gar Nichts -- denken +Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich +muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für +den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.« + +»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt -- »für zweiunddreißig Beine!« + +Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging +weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand. + +»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte +Helene, »so halte ich es doch für eine entsetzliche und fatale +Gewohnheit, die aber eben nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen +werden muß.« + +»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der +Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören, +keinen Mann zu küssen der raucht.« + +»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret +vorschob -- »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein -- +die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen der +_nicht_ raucht -- was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director +wäre!« + +Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah +Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig +abprallte. + +Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument +gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact, +daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören. + +»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten _Sie_ nicht die +Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so +viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber +Ohrenzeuge zu sein.« + +Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das +Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben +stehen. + +»Und sind _Sie_ nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge +Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete. + +»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein +Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- »aber ich stamme aus +einer ganz musikalischen Familie.« + +»So?« + +»Ja,« sagte Jeremias -- »ich habe drei Schwestern, die sind alle +musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das +Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein +Stückchen Zucker?« + +»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und +Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur +Thür hinaus. + +Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich +wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl -- und wie +seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und +frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder +die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten. + +Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst +dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die +Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der +ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt, +geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und +Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen, +aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen. + +Jetzt schwiegen sie -- »Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich +meisterhaft!« tönte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab +und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer +Luftzug seine Schläfe kühlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm +weh. + +Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die +junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und +mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine +leise Stimme an seiner Seite sagte: + +»Sind Sie nicht auch musikalisch?« + +Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen +hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz +fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes +Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien. + +»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als +sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte +überhört hätte. + +»Ich? -- Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er +sich, gerade _dem_ Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt +-- »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und fast rauh -- »mir träumte +einmal, daß ich spielen könnte -- aber die Zeit liegt dahinten und -- +ich sehne sie auch nicht zurück.« + +»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich. + +»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern -- »Musik sollte +ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir -- reißt sie nur immer +wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln +schlafen. Ich _hasse_ Musik!« + +»Oder _fürchten_ sie,« sagte Helene ernst. + +»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse -- und +doch könnten Sie Recht haben -- ich fürchte sie vielleicht.« + +»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in +Schmerz und Leid!« + +»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob +_Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht -- +einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.« + +»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen -- »Jeder von +uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der +glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, daß er die schwereren +trüge. -- Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab -- »wissen +Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in +unseren Träumen haben?« + +»_Wir_ Beide?« + +»Ja -- auch mir träumte neulich einmal, daß Sie -- spielen könnten, und +doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der +Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?« + +»Allerdings -- _sehr_ wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu +ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf +wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen +eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere +Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten +kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume +vergessen.« + +Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu +einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus +der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen +breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter +einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den +Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt, +und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste +harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich. + + + + +2. + +Fortsetzung. + + +Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr +seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland, +da der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr +Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die +Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen +Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht +hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch +kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, gründlich durch +einander zu werfen und zu verwirren. + +Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an +der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau +Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber +zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den +Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite +zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu +sitzen kam. + +Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und +mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen. +Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an +der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick +zuwarf. + +Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten +Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, +um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder +umdrehte, war das Unglück geschehen. + +»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt -- »wie -- wie haben Sie +sich denn gesetzt?« + +»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf +-- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt. + +»Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!« + +»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die +sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte -- »wir bleiben so, +nicht wahr?« + +»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der +Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte -- »so ein +Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.« + +Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar +wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen +Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer +Änderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und +mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn +Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also +Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel, +eine lebhafte Unterhaltung. + +Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die +Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu +halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« -- +rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine +Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten +Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckstein herumgucken +müssen. + +Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die +Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den +beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein +vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem +Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten -- +und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrückt -- sie +wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und +ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich +ausschließlich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten. + +Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr +vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, +gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt +zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen +für die Colonie tragen mußten. + +Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male, +sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau +Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugniß ihr auch ihr +Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mußte sich endlich in sein Schicksal +ergeben und ruhig und geduldig ausharren. + +Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur +unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der +sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo +nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Züge, die ihr so +merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem +jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf +eine falsche Fährte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen, +daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach +ihr hinübersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast +spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis-à-vis# +zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu +fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio +oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken +vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in +einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem +dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« +-- und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach +der verkehrten Seite umsah. + +Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf, +trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte: + +»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es -- daß es jetzt etwa Zeit +sein dürfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt +mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.« + +»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen +flüchtigen Blick über die Gäste werfend -- »es wird in der That Zeit; +bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.« + +Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_ +recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ +sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen +hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben +mochte, denn sie erbleichte sichtbar. + +Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich +selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum +Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu. + +»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier +_unten_ von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?« + +»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.« + +»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu. + +»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- »hm +-- es ist -- eigentlich gegen meine Grundsätze, aber -- wenn Ihnen damit +ein Gefallen geschieht, junger Freund« -- und er stand dabei langsam +von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm +stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht +seinen Messerrücken dagegen schlug. + +»Meine Herrschaften!« + +»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört +hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr. + +»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit +seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn +erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle +Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu +nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses +Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche +einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und +keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ....« + +»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut. + +»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und +ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse +Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!« + +»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser +erhebend und gegen einander stoßend. + +»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen +Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein +füllte. + +Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas +entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt: + +»Erlauben Sie, _Comtesse_, daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen +aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben +bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel +bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen, +daß er die -- schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.« + +Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm +auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei +ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment +in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser, +herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!« + +Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut +zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern +wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er +drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus +dem Weg gesetzt zu sein. + +»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau +Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die +betreffenden Personen selbst gewußt hatte -- »ei, da gratulir' ich ja +recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der +Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch +alles Gute wünschen kann!« + +Helene stieß mit Allen an -- sie wußte gar nicht mit wem -- sie bemerkte +auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit +dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte: + +»Meine liebe, liebe Helene -- o, daß ich Sie jetzt so nennen darf!« + +Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte +sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch +Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern +konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich +zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug. + +Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen. + +Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie +unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor +jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten« +Gelegenheit verfaßt hatte. + +Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen +Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen, +vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich, +daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch +alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte +beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung +desselben wieder niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen, +wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und +gehalten hätte. + +Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix +wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu +ihm und sagte freundlich: + +»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja, +bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu +einem Begräbniß geladen wären!« + +»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber +wahrhaftig, Günther, ich -- wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen. +Ich fühle, daß ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden, +und -- Andere entgelten lasse, was -- möglicher Weise Andere gar nicht +verschuldet haben.« + +»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn +ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen +früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.« + +»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt +empfehlen könnten?« + +»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen, +was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen +können.« + +»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.« + +Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors +habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen +Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie +verhandelte. + +Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf +und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und +der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und +beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha +saß. + +Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben -- +die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja +überhaupt nie hinaus. + +»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte, +einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit +der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde -- »thun Sie +mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie +königlich belohnen!« + +»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche, +ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit +Gläsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee +haben? Der ist dünn genug.« + +Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen, +sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest +zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben, +um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix +vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland +gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben, +wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer +imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen +musternd, sagte sie scharf: + +»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph +-- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt +mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa +Catharina?« + +»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,« +sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter +verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf +von Rottack.« + +Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar +und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein +Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und +Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr +und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, +vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte. + +»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem +Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte. + +»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte +sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director +gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn +vor die Thür hinaus. + +»Willst Du fort?« fragte dieser. + +»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte +Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde +in die Nacht hinaus. + +Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge +scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr +erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig +war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er +vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig: + +»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein +wenig englisches Salz in der Nähe hätte.« + +»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück -- »ich +danke Dir, mein Kind -- »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven +spielen mir manchmal einen solchen Streich.« + +Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und +gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten +Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen +Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte +jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten +Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction +zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem +dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so +rüstete sich Alles zum Aufbruche. + +Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen -- +Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit -- alle Tücher und +Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber +auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den +Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen +Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben +noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht +gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern -- und bat Helenen, daß sie +ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn +heute gemacht habe. + +»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn +sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen -- »ich +habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch +eigentlich noch zu früh.« + +»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte +Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.« + +»Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die +ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan +entworfen hatte -- »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her +-- er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.« + +»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah +ihre Mutter überrascht und fragend an. + +»Ja -- ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese fort -- +»Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschütternde +Nachricht mit -- den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas +angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno, +und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein +Geheimniß verrathen habe -- aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit +zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte -- ich habe +mir die Sache heute hin und her überlegt, und -- da Ihr doch jetzt mit +einander verlobt seid, so -- thut es eigentlich kein Gut, die Sache +zu lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit +recht bald -- so bald als irgend möglich gefeiert werde.« + +»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von +Pulteleben entzückt aus. + +»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein +eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz. + +»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten +mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen +können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach +Santa Catharina zu ziehen.« + +»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt -- »woraus +schließen Sie das?« + +»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr +die Gräfin fort, »da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts +weniger als passender Platz ist.« + +»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?« + +»Entschieden -- aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen +solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und +ich habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel +erkundigt. Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir +die Auswahl unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in +Massen nach dem Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier, +und dann -- die Hauptsache -- finden wir selber einen viel besseren +Markt für unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit +dem Süden, ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.« + +»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße +Vermuthung hin eine solche Reise ...« + +»Bloße Vermuthung -- das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie nicht +sieht -- Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß +Dir denn sagen, daß ich, um _ganz_ sicher zu gehen, schon vor mehreren +Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer +Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen -- und zwar sehr +günstige Nachricht.« + +»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem +kleinen Wechsel darin.« + +»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die +Mutter -- »ich habe _zwei_ bekommen, einen von Deutschland und einen von +Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem +aber, was _ich_ sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens +selber überzeugen -- hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf +meiner Toilette; der in dem gelben Couvert -- es ist nur der eine da.« + +Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder +zurückrief. + +»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.« + +»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.« + +»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch +einander,« -- und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus +der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam. + +»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf, +»nun lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich +ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser +thun können, als nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind +unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen +Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber diese Reise zusammen machen, +werden Sie selber einsehen, daß es nöthig ist die Trauung vorher zu +halten -- schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene, +Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin über unseren Umzug +denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet uns sogar an in ihrem +Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.« + +Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre +Mutter groß und starr an. + +»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch eine +ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß -- der Brief ist ja portugiesisch, +und Sie verstehen ihn nicht, Arno -- gieb ihn mir, ich werde ihn +übersetzen.« + +»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus +der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist +_nicht_ von Santa Catharina.« + +»_Nicht_ von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom +Sopha hebend -- »dann -- dann habe ich die Couverts verwechselt -- gieb +ihn mir -- gieb ihn mir!« -- und in einer Aufregung, die besonders Herrn +von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe +aus. + +»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene aufstehend +-- »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch _einmal_ lesen möchte +-- gute Nacht!« -- und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der +verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie +durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die +Thür hinter sich ab. + +»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls +aufstehend und seine Schwiegermutter #in spe# etwas verdutzt ansehend -- +»was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?« + +Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern -- wollte Herrn von Pulteleben +eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem +Augenblick nicht. + +»Ich bitte -- lieber Arno -- lassen Sie -- lassen Sie mich jetzt +allein,« sagte sie verstört -- »ich habe mit dem Mädchen zu reden -- Sie +-- Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.« + +»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem +er seinen Hut ergriff -- »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich +vielleicht ...« + +»Es ist Nichts -- Helene ist -- ein verzogenes Kind.« + +»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem +vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere +Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier +unten total überflüssig sei -- wenn er auch noch lange nicht begriff +weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen +Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, +und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's +Thür ging, und dort -- fast wie schüchtern -- anklopfte. + +»Helene!« + +Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker. + +»Helene! -- Mach' auf -- laß uns vernünftig mit einander reden.« + +Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie +durch das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte. + +»Helene! Sprich wenigstens mit mir!« + +Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau +Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager. + + + + +3. + +Auf Köhler's Chagra. + + +Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos' +Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie +die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther +schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus +allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige +Thätigkeit in Brasilien abzuschließen. + +Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese +Zurüstungen gesehen, sich angezogen -- er machte überhaupt jeden Morgen +zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang -- +und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn +einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er +Jemanden erwarte. + +Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür +oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern +ein paar huldvolle Worte zu wechseln -- er zeigte sich gern +herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab +-- kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei +seiner Arbeit saß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz +erwiederte. + +»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das +Fensterbret legte -- »immer so fleißig?« + +»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit +aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und -- die Zeit todt zu +schlagen. Was soll man anders thun?« + +»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen« +nicht so ganz einverstanden schien -- »ja -- ist eigentlich ein einsames +Leben in der Colonie.« + +»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und +stach nur so viel eifriger in das Leder. + +»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die +Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde -- »Nichts wieder +gehört von Eurem Proceß?« + +»Mit der Geistlichkeit?« + +»Ja.« + +»Nicht das Geringste und -- werde auch wohl Nichts wieder darüber hören, +als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit +zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich +nicht ankämpfen -- der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden. +Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da -- hab' ich denn +natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.« + +»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm +wurde -- »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!« + +»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend, +ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen. + +Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold, +der für den Baron arbeitete. + +»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er +vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog. + +»Guten Morgen, Meister Berthold -- ob ich _was_ weiß?« + +»Der Justus ist fort -- der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider +-- den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?« + +»Fort? Wohin? Durchgegangen?« + +»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus +fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber +Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit -- es sind +nun schon ein paar Tage her -- nicht wieder nach Haus gekommen. Die +Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe +sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft +herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt +schuldig, der Lump!« + +»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört -- guten Morgen, Meister!« sagte +der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür +erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem +Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch +einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße +herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen +Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte +lächelnd: + +»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen +gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet +sind.« + +»Ah, guten Morgen, Herr Baron -- auch schon auf?« + +»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn +man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen +Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen, +ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise +hingehen, wenn man fragen darf?« + +»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht +auf die Schulter schlug -- »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich +einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen +brauche. -- Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der +Civilisation.« + +»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron +etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er +ihnen hätte folgen können. + +»Vielleicht,« lachte Felix -- »und ich glaube bei Gott, ich passe besser +zu _ihnen_, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir +im gewöhnlichen Leben die _Gesellschaft_ nennen.« + +»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron +schmunzelnd, »aber -- ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da +draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen -- und +wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die +Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um +einen Vogel aus der Luft zu schießen -- möchte ich noch eine Frage an +Sie richten, lieber _Graf_.« + +»_Graf_?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu. + +»Bst, bst,« lächelte der Baron -- »ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm +sind -- hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt -- aber ganz unter +uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden +Rechte hier auftreten wollen -- doch -- eine Frage müssen Sie mir +beantworten, ehe Sie gehen« -- und er schob dabei seinen Arm in den des +jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte +sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden. + +»Und die ist? Ich bin doch begierig.« + +»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus +jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter +Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen +und der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten +Antheil an ihrem Wohlergehen.« + +»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.« + +»Ich komme gleich zur Sache -- Sie -- machten gestern Abend der Frau +Gräfin eine Entdeckung.« + +»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an. + +»Hm -- nicht unmittelbar -- zufällig -- die Frau Gräfin schien sehr +bestürzt darüber -- auffallend bestürzt -- ich habe sie in der That so +noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste +Dame.« + +»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war, +dem Baron _nicht_ auf halbem Wege entgegen zu kommen. + +»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte +nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte -- +»ich -- ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf -- aber ich gebe +Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen +Hintergedanken -- daß ich schon seit einiger Zeit -- ich weiß eigentlich +selber nicht recht, weshalb -- den Verdacht gefaßt hatte, daß ....« + +»Daß?« + +»Daß die Frau Gräfin -- daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen +-- verstehen Sie mich vielleicht?« + +»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des +Barons amüsirte. + +»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden -- ich gebe es zu,« fuhr +der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander +rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte -- »und unter +anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal +gerechtfertigt erscheinen.« + +»Stehen Sie in einem _Verhältnisse_, Herr Baron?« + +»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und +ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist +kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der +Aufrechterhaltung des _Standes_ im Allgemeinen nehme. _Jetzt_ haben Sie +mich doch verstanden?« + +»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit +einem boshaften Lächeln. + +»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu +reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also +ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, +denn wir Beide _sind_ es unserem Stande schuldig.« + +»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.« + +Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest +in's Auge und sagte: + +»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?« + +»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin +heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick +herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie +thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten +bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen _wichtigen_ +Gegenstand Sie mich fragen wollten.« + +Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix. + +»Und ist Ihnen _der_ Gegenstand _noch_ nicht wichtig genug?« brachte er +endlich mühsam heraus. + +»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der +junge Mann jetzt gerade heraus. + +»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet. + +»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine _bestimmte_ Antwort +darüber geben zu können, und ich muß Sie -- wieder auf Ihren kleinen +Finger verweisen. -- Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern -- wir +müssen fort -- also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten +ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf +dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf +mit Günther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die +Straße hinauf. -- + +Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde +erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten +zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit +fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über +alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer -- +so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund +bemitleidet zu werden. + +Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und +ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther +gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals +so leichten Herzens -- so glücklich gewesen -- er wollte die Stunden +noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter +geblieben auf der Welt, als an _gehofftes_ Glück _zurück_zudenken. + +So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des +Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere +Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht +ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als +er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze +Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann. + +Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich +zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick +so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er +Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe -- +und Alles wiederum verloren hatte -- Glück und Liebe. + +Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde -- da unten +in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte, +ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da +drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das +arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen +sollte und jetzt -- wenn auch mit zitternder Hand -- den Wanderer wieder +allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben. + +Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd +nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und +Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben +war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt +schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in +dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken +gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte, +so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie +wiederkehren _müsse_, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit +leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen. + +Fort, fort mit den Gedanken! -- Das bittere Gefühl der Verlassenheit +stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob +er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz +selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich +plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in +dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar +versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht +Alles vergessen und vergessen _müssen_ in der Zeit! + +Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu +haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich +entgegenrief: + +»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen +lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal +wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen. +Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd +trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der +Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen, +wie es scheint. -- Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch +wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?« + +Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die +Einladung war auch so treuherzig geboten -- er hätte dem guten Menschen +schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen +wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen +Trübsinn zu vergessen. + +Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen! + +»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die +Hand entgegenreichte -- »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch +auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen und +Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,« +setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an -- »gar schlecht seht +Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und +munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank +gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?« + +»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend -- »vielleicht der +Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?« + +»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem +glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend -- sie hatte im Nu alles +Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine +Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu _ihm_ springen müsse, +sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.« -- +»Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer +um -- »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute +Morgen noch so wild bei uns aus -- freilich, Besuch hatten wir so früh +noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch +dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von +Allem abhält, was man thun möchte.« + +»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?« + +»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus -- »da sei Gott +vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte -- ich glaube, ich -- aber +ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!« + +»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und +ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher +komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.« + +»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn +Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.« + +»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen +schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen -- wir +haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher +frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man +sich erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.« + +»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann +allein bleiben -- ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da +wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem +erst der Schreihals gefüllt ist. -- So macht nur daß Ihr wiederkommt. +Grüß' Gott, Fremder!« + +Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah, +wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund +jagte, und folgte ihm dann in das Feld. + +»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann -- »fehlt Euch wirklich +Etwas?« + +»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln -- »das Einzige +ausgenommen, was _Ihr_ habt und mir kein Arzt der Welt geben kann -- +eine glückliche Häuslichkeit.« + +»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich _auch_ keinen Arzt +gebraucht; die macht man sich eben selber.« + +»Wie man's trifft,« seufzte Könnern -- »Ihr aber habt das große Loos +gezogen mit der Frau.« + +»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s +ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune -- ich +kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. -- Und +der Junge -- ist das nicht ein Prachtkerl -- habt Ihr schon einmal +einen solchen Jungen gesehen? -- Aber der Alten darf ich's nicht merken +lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's +Blut -- und das kann sie -- das versteht sie aus dem Grunde.« + +Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück, +bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend +an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus +in den dunkeln Wald zog -- freudlos und allein -- sah sie mit wunden +Füßen und krank in einer Hütte liegen -- sah den Vater über sie gebeugt, +der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte, +und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand +gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander +sprengte. + +Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere +Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm +trefflich auf dem guten Land belohnte. + +»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von +wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren -- +»da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt +-- und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses +Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte -- und wie leicht +ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei +Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker, +und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er +giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er +noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen +schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem +ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert, +daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr _fünf_mal geschnitten hätte.« + +»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der +Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte. + +»Nicht besonders -- leichter Boden thut's, und selbst Hitze und +Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle +herbekommt. -- Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn +gestanden hat -- was für Stengel -- ja, das muß wahr sein, der Boden +hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da oben +viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das +Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter +einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.« + +»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von +Futterkräutern eignete.« + +»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt +Nichts als seinen eigenen Wein -- gerade aus Widerspruch, weil's eben +kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth +Alles -- wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. -- Nur mit dem +Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da +ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher +gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr +vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen +wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse +und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen +aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als +wir hier.« + +»Und wie steht's mit dem Tabak?« + +»Gut -- von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz +hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber +-- ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an +was es sonst vielleicht liegt -- der ganze Tabak taugt eigentlich nicht +viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen +Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser +als die von Bahia.« + +»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern, +der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten +Umzäunungen gleiten ließ -- »man sieht doch gleich, wo eine deutsche +Hand gearbeitet hat.« + +»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im +Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie +wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn +wir selber selbstständig werden.« + +»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?« + +»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die +Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom +Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau +und zwei Kindern -- meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die +Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen, +und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser +halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und +nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine +Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die +daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt, +wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige +Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder, +sahen ihre Heerden sich vermehren -- und ihre Kinder auch, und fanden +plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten +Chagra hätten. Mein Alter -- und viele andere Alte machten es eben so +-- schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen +neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere +Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften +fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so +gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch +einmal von vorn anzufangen, und wie _ich_ flügge wurde, ließ er mich +hinaus, um mein eigen Nest zu bauen. + +»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in +der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt, +werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und +deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche +ein halbes Pfund Fleisch gönnen konnten.« + +Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte +besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener +vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts +mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie +gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und +zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste +Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für +seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte -- und dann, +nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar +machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch +den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen -- Ställe nämlich nur für die +Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief +lustig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher. + +Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume, +an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz +erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons +Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem +Hause, und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf +hinaus. + +Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens +erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf +aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen +Blumenkohl, den er hier gezogen -- er schwieg plötzlich und horchte nach +dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie. + +»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau +hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht _so_ viel +daraus. -- Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist +meiner Frau größter Stolz, denn den hat« -- wieder hielt er inne, denn +nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem +ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich. + +»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich meinen Namen gehört +hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin +ihm Könnern folgte. + +»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit +zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches +_mußte_ dort geschehen sein. + +Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und +blieb erstaunt mit einem lauten _Halloh_? auf der Schwelle stehen, denn +in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte +_seine_ Frau umfaßt, die sich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und +suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, während er mit dem +andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche sie nach seinem +Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau +augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und +zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief: + +»Gut, daß Du da bist -- schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!« + +»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr +verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus +dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen +zu haben. + +Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als +erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war +aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht +wußte was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur +Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte: + +»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die +verschiedenen Colonien?« + +»Also _das_ ist der neue Director?« rief Köhler jetzt, der vor innerem +Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte -- »das +ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und +jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei, +da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter ...« + +»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor +der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend -- »ich +sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...« + +»Ich mache _auch_ nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm +ausstreckend und seinen Kragen erfassend -- »nur zum Spaß will ich +Sie einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das +nächste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.« + +»Herr Köhler -- ich werde jeden gewaltsamen Angriff« -- schrie der +Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers -- aber er kam nicht +weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde, +als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten +Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt +hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel +mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine +ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte. + +»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch +noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher +gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte -- +»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben +bei mir zu sehen?« + +Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben +spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's +Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt +haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selber so +lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu +reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg +in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie +wieder zu. + +»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern +umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene +gewesen war -- »hat er Dir weh gethan, Trine?« + +»Ich hab' _ihm_ weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend, +»und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten +im Ort zu meiner Erinnerung tragen.« + +»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so +forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd -- »eigentlich hätt' ich ihm +vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen -- es ist mir nur zu spät +eingefallen -- des guten Beispiels wegen, mein' ich.« + +»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die +härteste Strafe für ihn war, daß gerade _ich_ daneben stand und Zeuge +seiner Demüthigung sein konnte.« + +»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht +Schläge ist auch nicht so übel, und verdient _hatte_ er sie.« + +»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau -- »'s ist aber so auch vielleicht +besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun +gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet +und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich +ungeschoren lassen.« + +»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann. + +»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau -- +»_das_ ist ein Mordkerl -- der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun +lassen. Wo war't _Ihr_ denn draußen?« + +»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl +besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so +'was?« + +»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder +in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf +die Erde -- »ich hol' Euch gleich Alles herein -- es ständ' schon +auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre -- und wie er mich +zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging, +einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flüchtig in +Ordnung brachte. + +»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den +Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte. + +»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen -- »er fragte nach Dir, +und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich, +_er_ hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter +sich zu. + + + + +4. + +Helene. + + +Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben +sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu +versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie +nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich +mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen +gestrigen Abschied dachte -- aber die alte Dame war ja oft so wunderlich +und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber +ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als +sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging. + +Was nur in dem _Briefe_ gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran +gewesen -- aber wenn er Helene heute darum fragte, _ihm_ sagte sie es +gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so +gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim +halten. + +Eheleute -- wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber +angewandt, vorkam -- er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig +-- Eheleute -- wie ehrbar das klang und wie -- wie solid und dauernd +-- und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte -- und wie +wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie der +Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt +hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden +Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen +nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen. + +Ob die -- Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier +als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt +gerade einfiel -- aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider +-- Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den +Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen +Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch +einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die +Schwiegermutter. + +Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That +nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr +abzustreiten -- eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich +gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte +er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken +nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen +wollten. + +Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene +Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter _allein_, sondern immer in +Verbindung mit ihr auch an _Geld_ denken mußte. So fiel ihm denn auch +jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand +ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. -- Aber er +hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem +Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein +kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno +unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die +einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön -- wie +bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn +er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte! + +Da klopfte Jemand -- es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte +wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und +unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus. + +»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem +einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der +andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur +verwundert an und sagte: + +»Sichtbar?« + +»Ist sie schon angezogen und auf?« + +»Weiß ich nicht.« + +»Im Garten war sie noch nicht?« + +»Nee.« + +»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend, +während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst +noch in aller Ruhe trinken -- ist doch eigentlich der schönste Moment +vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um +sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese +letzte Bemerkung nicht gehört. + +Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als +Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute +übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der +Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der +Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen +Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche +Schwierigkeiten zu bereiten drohte. + +Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge; +er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die +Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei +schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um +bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen +Spaziergang mit ihm machen wolle. + +Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast +jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch +verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort. + +Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie +geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und +die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« -- +weiter Nichts. + +Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr +nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit +erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet +seien -- beide Damen waren also schon auf -- an beiden Fenstern waren +aber auch die Rouleaux noch herunter -- also nach allen menschlichen +Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen. + +Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt -- er wußte +eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von +Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen. +Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, +der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, +und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, +denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter +Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte +eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei +dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen +sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn +gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur +falschen Zeit gekommen sei. + +Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er +hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn +von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, +denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn +ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor +der Nase zu. + +»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so +gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch +lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die +behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Straße +aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er +rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein +Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die +Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte. + +Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war +vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon +vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, +öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an. + +»Wer ist da?« + +»Ich bin's.« + +»Gleich!« sagte die Stimme inwendig -- »einen Augenblick nur,« und +Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht +wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse +trat ein. + +»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster, +um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu +lassen. + +»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der +Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz +das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen +gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu +begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte: + +»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, +mein Kind?« + +»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die +Mutter anzusehen -- »doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, über das +ich mit Ihnen sprechen möchte.« + +»Mit _Ihnen_?« rief die Gräfin erschreckt -- »Helene!« + +»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt -- »wir haben +Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller +Ruhe geschieht.« + +»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du?« rief +die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen. + +»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten +Mal voll und ernst in's Auge -- »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, +setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen +Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.« + +»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit +gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder. + +»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus +einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und +über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, +ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme: + + »Liebe Constance! + + Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten + Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, + ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die + _Gräfin_ Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung + nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die + brasilianischen Verhältnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort + nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen. + + Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören, + und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie + sorgen.« + +»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und +immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven +Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau +empor. + +Helene las ruhig weiter: + + »Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....« + +»Der Name wie Ort und Datum fehlen.« + +»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das +_nicht_ gethan habe?« + +»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, +aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr +Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt. + +»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen +Stimme wie vorher -- »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches +Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde +unter fremde Menschen?« + +»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre +Augen trocknend -- »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das +Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den +Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich +darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!« + +Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein +schwerer Seufzer hob ihre Brust. + +»Ich bin mündig,« sagte sie endlich -- »ich bin einundzwanzig Jahr. +_Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern länger vorenthalten +werden?« + +»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau -- +»gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten +mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn +sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du +selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele +lade.« + +Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die +Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich +sagte sie leise: + +»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?« + +»Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. Laß +Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen, +und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides +entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?« +fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn -- Du würdest ihr +doch nicht nahen dürfen.« + +»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem +Herzen der Mutter fern halten?« + +»Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe +wegen.« + +»Also _das dürfen_ Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus +Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen. +Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten +werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen +kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was +ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung +keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich +denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.« + +Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit +zürnendem, drohendem Blick gegenüber. + +»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus +ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie +verfügte -- »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes +Leben machen wird.« + +»_Noch_ unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter -- +»Sie scherzen, Frau _Gräfin_.« + +»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief +die Frau, jetzt selber gereizt -- »wem zu Liebe stürzte ich mich in +Ausgaben, die über meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst +die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem +Sohn hätte leben können?« + +»_Mir_ zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles +_mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! +Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur +noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir +Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange +ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter +lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?« + +»Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach +kurzem Zögern mit entschlossenem Blick -- »Du sollst es wissen, um zu +fühlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort +kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir +zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und +einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es +_noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ für Dich sorgen kann und +wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in +Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren +müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen +und Dich wieder in die Arme _der_ Frau führen, die bis jetzt allein eine +wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird +es mir später danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.« + +»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im +Ton -- »doch davon später -- nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen +gefällig ist.« + +Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha +auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück +auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte +in's Ohr. + +Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine +Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, +deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den +Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, +aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob +sie das Zimmer verlassen wollte. + +»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und +sie zurückhaltend -- »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, +daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in +meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über +das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon +sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.« + +»Und glauben Sie, daß ich _darüber_ auch nur noch einen Augenblick in +Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau +heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren. + +»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber +und hinüber werfend -- »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich +denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der +arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.« + +»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,« +erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu +heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte, +nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen, +die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel +wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wäre +unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.« + +»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch +nicht ...« + +»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.« + +»Das darfst Du nicht ...« + +»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.« + +»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?« + +»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen +Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen, +und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher +Weise mein Brod verdienen kann.« + +»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben +wird den Augenblick zurücktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tödtlichste +beleidigst.« + +»Und was kümmert das _mich_?« + +Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit +Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die +langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes +Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, +glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die +furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen +werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie +jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür +zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne +sich aber umzusehen: + +»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort +beschließen werde, weiß ich noch nicht -- aber ich weiß, daß ich ein +Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend +finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« -- und ehe +Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür +verschwunden. + +Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen +Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an +seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier +mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des +Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen +als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und +einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei. + +Von dem nämlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen +Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben +hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen +Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem +selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders +schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete: + + »Herrn Arno von Pulteleben. + + »Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der + einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt + zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich + weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen + nicht für einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie + glücklich zusammen geworden. + + »Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und + unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu + ändern -- es wäre doch vergeblich. + + »Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke, + die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst _mit_ diesem + Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken + lassen, zeichnet sich + + _Helene_.« + +Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte +ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer +vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich +bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr +als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern. + +»Opfer einer Täuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? -- +unumstößlicher Entschluß? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn +verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? -- +Freundliche Gesinnung? -- Bewußtsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von +dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein +abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen, +irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen +können? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die +schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die +Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen +hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich +drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es +wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu +stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn +bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es +wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie +gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.« + +Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen +beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf +Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief, +daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch +_die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich +bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit +gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter -- »wenn er nur erst +einmal verheirathet war« -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte +Form gab. + +Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber +es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach +seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf +eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres +hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher -- +daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine +gebracht. + +Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache +gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen +der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er +deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von +innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt +unmöglich sehen. + +Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum +Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte +mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine +Mahlzeit allein verzehren. + +In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig +lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder +standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen. +Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, +das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das, +und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal +getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen -- die +ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor -- fiel ihm eben +dieses rege Leben auf. + +»Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute?« fragte er einen +vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien. + +»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab. + +»Gefunden -- wen?« + +»Nu, den Justus!« sagte der Mann. + +»Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?« + +»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er +durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen +Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so +schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren +läßt -- bei die Hitze auch!« + +Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den +schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang +in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können. + +Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem +Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um +sich das Nähere selbst anzusehen. + +Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien, +ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann +beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu +laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste +lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen +konnte, wenn es schrie. + +Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils +verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa +Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen. +Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen +brach er mit seiner Familie auf. + +Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf +dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil +herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als +er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch +verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um +den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen +Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog. + +»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von +Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus -- »das +nehme mir denn doch kein Mensch übel!« + +»Geht's _Euch_ was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen +mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und +festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen +konnte -- »einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit +meinem Jungen machen was ich will!« + +»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging +vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen +auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls +den Kürzeren ziehen müssen. + +Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus +gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und +erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen +aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu +weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden. + +Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er +bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein +Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr +ändern -- der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte +unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in +die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr +unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit +heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich +ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall +bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt, +in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte +Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern +durfte. + +Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick +darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff +jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von +den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. +Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen +worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa +vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt +gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen +haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da +niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen +haben. + +Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei, +zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade +dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle +stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren +zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche +Beschädigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon +gefundenen blutigen Stein. + +Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen +ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche +ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender +Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide +Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn +die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite +gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben. + +Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und +betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu +verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine +Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in +die Stadt zurück. + +Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem +Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der +früheren Meierei -- den Namen hatte die Chagra noch immer behalten -- +vorüber führte. + +Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und +betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der +gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin +anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich +die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings +Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und +ihr erstes Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das +aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch +schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht: + +»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur +eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief +geschrieben, daß ich ...« + +»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig -- »das Mädchen ist voller +Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich +werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.« + +»Sie glauben wirklich?« + +»Lassen Sie mich nur machen« -- und die Thür schloß sich wieder hinter +der Schwiegermutter. + + + + +5. + +Gerichtspflege in der Colonie. + + +In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und +ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf +gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder +des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen +eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche +Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die +Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und +Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art +gekränkt und beleidigt hätten. + +Köhler selber, als er durch die Colonie geführt wurde, sah wohl +todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch +ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er +sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm +die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs +nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war +er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu +unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch +gleich abgeurtheilt sei. + +»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er +seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. -- Wenn er selber einen dafür +von ihr bekomme, wolle _er_ ihm das erlauben.« + +Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß +sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse +und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt +geschehen. -- Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß +kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem +Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt +übergeben sei.[2] Er hatte hier also keine Behörde über sich als den +Director selber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten +Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte. + +Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß -- ein +kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor +dem niedern Fenster -- abgeführt und dort trotz seiner Berufung, daß er +verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und +allein gelassen. + +Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum +von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als +er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war +strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis +die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von _ihm_ bei +dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war +indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu +nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara +wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange oben auf der Chagra bei +ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn +sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft +herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte +doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen. + +Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu +ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der +Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl +fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als +er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht +beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab. + +Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und +der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann« +an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann +mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst +am nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar +nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen +hätte. + +Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause +fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau +erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war +eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern +Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, #J. +K.#, eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem +Pfeile durchstochenes Herz -- wovon aber die Frau nicht wußte, auf was +es sich beziehen sollte. + +Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte +allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld +wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür +versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht +vielleicht noch mehr. + +Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen +wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig +gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen +hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein +wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen -- er erinnere sich +aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die +Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der +Köhler den Schneider nie hätte leiden können -- wenigstens so lange _er_ +jetzt in der Colonie sei -- und ihm stets alles nur erdenkliche +Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht +bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als +ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen +die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte. +Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen +Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders +sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort +den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu +feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht +dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. +Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen +nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte +über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die +andere verhöhnt. + +So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die +Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und +ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß +sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden +bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um +darauf zu achten. + +Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen +hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der +Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, +ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, +darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die +weitere Untersuchung aufgehellt werden. + +Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten +vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und +Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein +Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem +standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen +etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte +aber an einen solchen, denn Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um +sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens +bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind +jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug. + +Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen +aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen +Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen +Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt +zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und +mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch +an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler +irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung +ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht +an. + +Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht +vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis +die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine +Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne +ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft +entlassen werden. + +Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe +zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere +zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas +Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten +sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen +»Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die +Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt. + +»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister +Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken +sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, +und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da +gewesen?« + +»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den +Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director +fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt +Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar +Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt, +für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt? +Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf +solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den +Hals zu jagen.« + +»Lieber Meister, zu _Buttlich's_ Nutzen geschieht das auch nicht,« +lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich weiß aus ganz sicherer +Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des +Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden +halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die +Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert +Milreis monatlich.« + +»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold. + +»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts, +was ich nicht beweisen kann.« + +»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker. + +»Wo?« sagte Rohrland ruhig -- »bei der Regierung in Rio ist Keiner von +uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? Das wäre +schade um das Papier, das man damit verschriebe!« + +»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler +Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen +kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, +daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und +tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der -- Herr da treibt +mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein +krummes Horn stoße.« + +»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker -- »_ich_ +geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung +thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.« + +»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu +Schaden kommen!« + +»Das weiß ich und bin nicht bange drum.« + +»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort -- +»der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit +den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört +und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen, wohin gehörten +die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich +zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie +zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da +wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden +könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger +denn zu Hülfe kommen könnte.« + +»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold -- »da unten +am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben +stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten +lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da +klage nachher einmal Jemand -- was wär's dann? _Die_ Halunken verrathen +einander schon lange nicht.« + +»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die +Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen +Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah +vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach +auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück +Schwarzbrod. + +Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen. + +»Wohl bekomm's!« sagte er -- »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl +krank gewesen.« + +»Danke schön,« antwortete der Mann -- »nein, krank gerade nicht, aber +das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem +Norden.« + +»Aus dem Norden? Von Rio?« + +»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.« + +»Alle Teufel -- und habt Ihr lange da oben gesteckt?« + +»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust. + +»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom +andern Tische herüber -- »kommt, setzt Euch mit zu _uns_ herüber; was +hockt Ihr da allein an einem Tisch?« + +»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und +Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die +jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und +zwei Kinder -- drei sind mir gestorben -- und mein Schwager mit _seiner_ +Familie.« + +»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?« + +»_Recht_ schlecht,« erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend +-- »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch +nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich +auch jetzt ein Bißchen abgemagert aussehe.« + +Abgemagert aussehe -- Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett +als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein +Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit +Geist und Körper bei ihm gebrochen. + +»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland. + +»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber +arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles +Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser +Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer +mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und +weiter wie das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider +bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der +Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben +haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was +wir uns selber hätten bebauen können -- dann wär's gut gewesen.« + +»Aber das _mußten_ sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht +war!« rief der Tischler. + +»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber +nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's +uns auch der Agent erklärte -- daß das _eigenes_ Land sein sollte. Aber +hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen -- +Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und das mußten wir uns urbar +machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf +bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann +bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre +um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und +wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn +wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und dergleichen +ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an +die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an +ein kaltes Klima gewöhnt war, bei _der_ Hitze da oben wahrhaftig keine +Kleinigkeit!« + +»Das war ja aber schändlich -- und litt denn das die Regierung?« + +»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer +deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte +bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein +Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten +ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu +schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts +Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und +meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das +abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären +wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.« + +»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland. + +»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig -- »wie sich's nachher +herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden. +Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin +und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam +nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, +denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, +was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre +sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm +abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen, +denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in +Rio -- und der Brasilianer wollte uns auch _noch_ nicht fort lassen, +aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten +konnte, da ließ er uns eben ziehen.« + +»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen +können?« fragte Spenker kopfschüttelnd -- »zehn Jahre waret Ihr dort +oben, nicht wahr?« + +»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann -- »aber verdienen? +Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht +Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so +rasch.« + +»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden +Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der +Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der +Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts +herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade +voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu +denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth, +Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der +Zeit doch auch wahrlich Nichts.« + +»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann -- »aber die Gegend soll ja +auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch +freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die +Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director +Unterstützung bekommen würden. -- Aber 's ist wieder Nichts, und was wir +jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott -- ich nicht!« + +»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch. + +»Ja -- unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar +Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten -- lieber Gott, +schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns +rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch +keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch +Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner +Colonie kämen, desto besser.« + +»Aus _seiner_ Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung -- »na, Gott +straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus _seiner_ Colonie! +Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und +übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die +Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben +können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei +gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er +sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich +nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den +verschiedenen Tischen vertheilt hatte -- »hier sind zwei arme deutsche +Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes +herunter gekommen -- krank dabei und elend, denen der Director Subsidien +verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie +kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel +zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu +machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht +unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis -- wer hat noch +ein Bißchen klein Geld bei sich?« + +»Hier ist auch einer -- hier auch einer!« rief es von allen Seiten -- +»hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiederte +Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze des +Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt. + +»Da, nun gebt einmal _Eure_ Mütze her,« lachte Berthold den armen Teufel +an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand, +indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte -- »so, nun lauft heim +und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager -- denn für den ist's auch +mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch +herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's +nur auf der rechten Seite anfaßt.« + +»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann. + +»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit +ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus -- »wenn Ihr +wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure +Capitalien ab.« + +»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der +Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht. + +Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich +gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute +auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen +gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald +ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger +als bis morgen früh zu sitzen haben würde -- fing an zu singen. An dem +einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«, +»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder +wurden vorgenommen. + +Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte +jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte +Nichts mit ihm zu thun haben. + +Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, +einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in +portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine +Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb +stehen, sah den Burschen an und fragte: + +»Na? Was ist nu wieder los?« + +»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer +trat. + +»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?« + +»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat +befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr +gesungen wird.« + +»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen. + +»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander, +welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was +will er, Bodenlos? Ist er durstig?« + +»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört +den Herrn Director.« + +»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold +-- »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!« + +»Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat +über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig +auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen +dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen +draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem +Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde. + +»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber +ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür +nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die +Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen +faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben +nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es +wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn +nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre. + +»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes +willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich +gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie +wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie +_mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen +wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.« + +Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste +folgten seinen Bitten und verließen -- aber alle mit bitteren Flüchen +auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten +verstehen sollten -- das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei +Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor +des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine +Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz +richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der +Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch +den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen. + +Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, +gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen +leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen. + +»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig -- »Sie haben mir +im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch +Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich +habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth +Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn +Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.« + +Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen, +und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um +hinauszugehen. + +»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein +Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den +Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem +großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn +ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, +um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn +niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei +aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im +nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren. + +Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute +eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch +todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig: + +»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den +Arm zerbrochen« -- und sank dann ohnmächtig zusammen. + + + + +6. + +Vorbereitungen. + + +So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche +Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht +viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die +älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das +Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen +Teufeln« jagten. + +Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die +Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte +zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes +Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die +Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus« +postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer +lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude +angewiesen worden. + +Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke +wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director +erwiederte dieser: + +Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern +sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was +übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend, +der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem +Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der +Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und +die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3] + +Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen +den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die +sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für +Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können -- und +vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts +in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß +gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig +Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle, +die Schankgerechtigkeit entzogen werde. + +Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des +Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung +zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhör geführt und -- als er +nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurückgebracht. + +Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie +geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte, +saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber +aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken +können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich +gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. +Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er +jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen +nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das +Directionsgebäude empört verließ. + +Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten +zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath +einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, +Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise +treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem +aufgeschlagenen Lager fand. + +Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, +und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor +sich hin. + +»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich, +»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen; +aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, +Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben, +denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten +kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freund auch schlimm genug +ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er +sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also +Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was +gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal +der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die +alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel -- +so 'was Gutes kommt an mich nicht!« + +»Und können Sie mit hinunter?« + +»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern -- »das heißt heute nicht +mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine +Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern +Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch +wacker dabei unterstützt.« + +»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?« + +»Vortrefflich!« lachte der junge Mann -- »und außerdem hatte ich nie im +Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich +sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der +Regierung angestellten Beamten besitze.« + +»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte +Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls +brasilianischer Beamter wirst.« + +»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend; +»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen, +und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar +nicht hoch genug anzuschlagen weiß.« + +»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther -- »und nun wieder an die +Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide +noch genug zu thun.« + +Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber +doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu +können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten. + +»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter +gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen +Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt -- Felix war gerade ein Stück +zurückgeblieben. + +»Nichts -- gar Nichts,« sagte Könnern leise -- »ich habe sie sogar +gesucht -- ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft +umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese +urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von +den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß +ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein +könne. Meine arme, arme Elise!« + +»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd +-- »wie wäre das _hier_ in der Colonie _möglich_?« + +»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach +rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute +Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden +vermöchte, können sie verdorben sein.« + +»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar +keinen Verdacht?« + +»Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß +das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien +ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde +gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. +Es bleibt räthselhaft.« + +»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?« + +»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er +im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, +und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.« + +»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. +Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, +hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; +jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der +letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten +Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.« + +»Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?« + +»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und +spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn +schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe. + +»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?« + +»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen +satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie +einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern -- sechs +Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb +und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer +wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der +mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; +jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen +vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafür sorgen +werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten +Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer +reichen, deutschen Sprache -- _heim_!« + +Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht, +welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen +keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all' +_sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die düsteren Schatten des +brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme +Elise! + +Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in +den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung +gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von +Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin; +die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten +und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut +warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen +heraustrat. + +Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar +nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm +anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der +ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron +ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu +finden. + +Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört, +_nicht_, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen, +die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken +sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen +Fürsprecher finden würde. + +Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei +dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube +mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen +sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten +Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit +einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür. + +»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen +gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno +gehangen -- »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?« + +»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß +Könnern allein im Zimmer sei -- »Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_ +laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und +suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.« + +»Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde draußen.« + +»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen +Gefallen thun?« + +»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.« + +»Wie lange?« + +»Ist es so wichtig?« + +»Ja.« + +»Nun denn, heraus damit!« + +»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.« + +»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?« + +»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu +umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen +möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.« + +»Und wie lange wird es mich aufhalten?« + +»Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.« + +»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein; +doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe +ich eine Stunde Zeit für Dich -- vorausgesetzt aber, daß es wirklich +wichtig ist.« + +Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl, +seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern +seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien +weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun +sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und +folgte ihm die Treppe hinunter. + +»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu +seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und +angebunden hatte -- »ist es so weit?« + +»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem +machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann +die ganze Geschichte.« + +Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem +Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der +Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und +Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel +und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein +großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und +ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann +kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld +dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der +Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, +vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald +gesprungen sei. -- Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und +Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der +Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war. + +»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz +interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht +übel -- was geht _mich_ das eigentlich an?« + +»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht +im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als +des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? -- ich weiß aber jetzt wer der +wirkliche Mörder ist.« + +»Du -- Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt. + +»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- »Bux.« + +»Bux? -- Wer ist Bux?« + +»Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?« + +»Und wo ist er jetzt?« + +»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung. + +»Und woher glaubst Du das?« + +Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes +Klappmesser und zeigte es Könnern. + +»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im +Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, +als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen +vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' +es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem +Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich +Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen +ist.« + +»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?« + +»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich +richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der +Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß _wie_, +nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas +ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und +haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den +Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können. +Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er +die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten +Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes +wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche +fuhr.« + +»Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.« + +»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias -- »der Liedrian, der immer einen +Tressenstreifen um die Mütze trug.« + +»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend -- »den hab' ich neulich auf +meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen, +ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt, +und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.« + +»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt. + +»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an +Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern +vorwurfsvoll -- »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!« + +»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen +von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht +unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger +unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf +die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen? +-- Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und +meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher +gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und +selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Köhler heute krank geworden +wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr +lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ möcht' ich nicht auf dem +Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen +sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das +ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus +todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht +von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und +daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.« + +»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief +Könnern rasch. + +»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und +augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie +sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige +machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, +so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn +Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _muß_ er den Gefangenen +herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und +räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt +Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!« + +Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen +fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann +mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau +bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' +Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze +Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem +jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden +Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen. + +Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen +Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe +man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien +allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu +folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen +würde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede +mehr. + +Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte +das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte, +und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer +Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je +geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten +sie rechnen. + +An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf +Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt +und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die +gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um +Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung +nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es +keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten +sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen +zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit +der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen +und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und +Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu +erreichende Rio de Janeiro.« + +Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, +angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen +fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien +an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, +daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon +vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der +andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf. + +Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem +nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten +hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas +geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet +und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da +er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am +nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die +ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen +ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder +Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später +sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der +Meierei vorüber in den Wald führte. + + + + +7. + +Bux auf der Flucht. + + +»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben +führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war +heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum +ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen +Unglücks lag es auf seiner Seele. -- »Heute hier, morgen da, heute +philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des +täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide +heute -- als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie +man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.« + +»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben +einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane, +mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über +den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien +auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so +gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die +nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir +oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und +interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!« + +Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem +Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen. + +»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer _Gräfin_ +gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz +nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?« + +»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern, +»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich +muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit +versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten +Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, +so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.« + +»In der gräflichen?« lachte Felix. + +»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind +mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte überhaupt damals +den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung +zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...« + +»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend. + +»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr +Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn +die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt +gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.« + +»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? -- +Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?« + +»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber +aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer +gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an +Director von Reitschen verkauft.« + +»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich +hin. »Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam +abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie, +Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit +den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer +intriguanten Mutter und -- einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur, +daß der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß +gehört, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten +Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und +da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der +Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag -- »dort hat sich ebenfalls +eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene +Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater +und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten +die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und +jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das, +höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal +ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.« + +Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach +riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos +er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, +und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen +und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und +schweigend neben einander hin. + +»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern +wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn +man selbst überflüssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht +einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die +wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das +glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den +Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie +Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem +jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß +mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glück und Seligkeit +umschlingen würden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir +zurückkommen? -- Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein +einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen -- es ist zum +Todtschießen!« + +»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern. + +»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich +steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst +wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen +Bux -- so heißt der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?« + +»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern, +»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.« + +»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf +der Jagd?« + +»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende +Antwort -- »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!« + +»Von dem sind Sie unzertrennlich?« + +»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir +es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener +verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein +Jäger?« + +»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu +Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, +mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos +daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die +Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für +unanständig -- wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den +verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich +habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger +hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List +gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit +Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen +vermag.« + +»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch +nicht für so ungleichen Kampf halten?« + +»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. +Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von +Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen +Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu +finden, wo _er_ seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem +unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. +Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen, +die wirklich Freude daran finden.« + +Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem +Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu +berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und +traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast +direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang +und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn +an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und +da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern +schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange +genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege +genau und sorgfältig untersucht hatte. + +Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht +hatten. Halbdurchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, +und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren +mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den +Nachtthau herzustellen. + +Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah, +denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten +Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde +zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen +Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und +versucht eine Hütte für ihn zu spannen. -- Und an der nächsten Chagra +eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an +steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten +menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit +noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch +Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge -- +umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, +und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen +seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der +furchtbaren Wildniß verderben mußten. + +Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte, +alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen +gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid +mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst +hoffen, daß er ihn verstehen würde? + +»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich +sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte, +-- »ob das _unsere_ Familie gewesen ist?« + +»Nein -- Andere,« sagte Könnern leise -- »Bux hat mit seiner Familie an +dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen. +-- Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!« + +Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich +wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche +niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche +der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und +Militärmacht in die Colonie zu legen. + +Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden +beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch +genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und +waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer +Einsamkeit zu sehen. + +Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben +könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht +einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung +hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche +Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht +werden. -- Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und +anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das +Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde +zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem +Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht. + +Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den +besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer +Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch +die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu +bahnlosen Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist +alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der +Welt noch in Verbindung standen. + +Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen +Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu +schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so +viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen +auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch, +daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden +könnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth, +und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen +und günstigen Absatz. + +Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz, +an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last +nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte +dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein +überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er +nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von +der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das +Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er +hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er +den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und +weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort +geäußert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich +sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte. + +Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter +dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich +die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht +und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste +Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut +frühstücken. + +Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu +ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der +That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner +überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier, +denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder +erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal +aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen +kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls +krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts +schleppte. + +Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert +hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt +nicht mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie +die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen +Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich +verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von +keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt +worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede +Fährte hätte abdrücken _müssen_, und die Wanderer, des Gebüsches wegen, +auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur +der Verfolgten irgendwo hinein. + +»Nun, durch die Luft sind sie _nicht_,« tröstete sich aber Könnern, »und +jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt, +um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen +wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf +Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder +in Sicht bekommen.« + +Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt +zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte +Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz +schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte +und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der +nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar. + +»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat +sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den +Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer +Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!« + +»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange +vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit +einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am +Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette +eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.« + +»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie, +Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich +überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen, +den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine +Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen +zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen +und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu +kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder -- +verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es +natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!« + +»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber +ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen +widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit +zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist. +Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an +Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr +nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_ +müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden +wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu +sorgen. Meinen Sie nicht?« + +»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus -- »der armen Frau +soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu +tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden. +So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich +wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director +überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe +hier gar Nichts mehr.« + +»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte +Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte. + +»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn +Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- »das da +unten muß doch eine Chagra sein.« + +»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den +Augen folgend -- »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in +das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, +als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.« + +»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn +wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen, +dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.« + +Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen +Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg +ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr +beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen +Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als +Könnern plötzlich leise rief: + +»Halt! Ich höre Stimmen!« + +Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt, +unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe +Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte +die Stimme einer Frau. + +»Das ist er!« flüsterte Rottack -- »gleich dort hinter der Palmengruppe +muß er stecken.« + +Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren +Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg +erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert +Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane +vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu +kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte. +Rottack hielt sich dicht an seiner Seite. + +Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie +Könnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke +gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der +Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er +auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann +das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und +bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte +aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber +erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher, +sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt +hatte? -- er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte -- sagte +ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur +gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar +Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit +abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen, +ob Jemand hinter ihm her käme.« + +So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch +nicht ruhen lassen. + +Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die +Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte. + +»Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche -- »laß +mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon +wieder gehen.« + +»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem +abscheulichen Fluch -- »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich +krähen hören -- es _kann_ nicht mehr weit sein.« + +»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde, +das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- »mach' +mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier +umkommen, aber ich kann nicht weiter.« + +»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich, +Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« -- er fuhr +erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im +Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an. + +Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster: + +»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr +geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib +muß auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine +Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine +Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal +einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's +nöthig hättet.« + +»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau -- »und der mag's vergelten +-- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde +allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.« + +»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann +finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor +sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den +Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor +sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue, +ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte +Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten +Beweis, wenn es dessen bedurft hätte. + +»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde +-- »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen +Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen +hättet? Das glaub' ich! _Ihr_ könnt's aushalten auf Euren Pferden +oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben +schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?« + +Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder +gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam: + +»Ihr heißt Bux, nicht wahr?« + +»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell +-- »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich +niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen +scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den +Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte +jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können. + +»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern +in französischer Sprache zu -- »die Frau und die Kinder werden ein +Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber +warten, bis wir ihn allein haben?« + +Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux +selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später +herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch +gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die +beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen +in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie +waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt +Rettung -- Flucht! + +»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von +dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes +Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen +Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz +in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie +laufend. + +Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß +auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock +zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln +und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder +aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm +hatte. + +Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende +Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier +dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter +mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos +um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte +Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück +und wollte nicht vorwärts. + +»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die +Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und +auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd +zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie +Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der +Jagd. + +Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen +Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern +hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen +getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und +unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede +Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos +mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er +dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb +den Weg abzuschneiden. + +Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter +-- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo +sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber +-- vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter +Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt +hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und +erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte -- denn daß ihm hier ein Pferd +nicht folgen konnte, wußte er --, sah er, daß er verloren war. Aber er +ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links +schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand +und lag -- vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die +Rächer! -- Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit +seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er +sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mütze hatte +er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig +gekratzte Stirn -- vorwärts -- vorwärts -- bis seine Kräfte ermatteten +und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach. + +Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der +Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem +Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und +zeigte es dem Freunde. + +»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem. + +»Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?« + +»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich +sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach, +da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da +liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen, +der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde +hier gehabt hätte!« + +Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht -- nur sein schweres, +hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf +die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt. + +»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch +durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen, +und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als +ihn auf ein Pferd zu binden.« + +»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn +Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drüben ist ein Weg, +Könnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an +der Chagra.« + +»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort +Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal +binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?« + +»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann -- »eben nur geritzt, +nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist +wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen +bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt +wieder wandern.« + +»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern -- »trauen Sie ihm +nicht!« + +»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend +und heftig schüttelnd. -- »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine +Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück, +und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.« + +Bux regte sich nicht. + +»Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht +beklagen!« -- und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil +aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um +die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm +ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der +Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor +-- doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in +demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux +wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei +Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch +um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger. + +»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen +Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten +Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus +springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas +nützen können.« + +»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter +und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?« + +»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken, +daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser, +wir wissen erst wer hier unten wohnt.« + +»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht +entwischt, dafür will ich schon sorgen.« + +Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch +einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt +rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich +entgegenkommen sah. + +»Habt _Ihr_ um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in +portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?« + +»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern -- »wir haben einen +Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war +und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. +Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?« + +»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern +erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte -- »ich habe +einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht +verlassen.« + +»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört +haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer +Familie gehabt?« + +»_Wir_, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der Brasilianer; »aber ein +Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich +und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein +Haus betrat.« + +»Ein Fremder? -- mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm +dabei das Blut in den Adern stockte. + +»Ja, Senhor.« + +»Ein Mann mit weißen Haaren?« + +»Kennt Ihr ihn?« + +»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus -- »hier also +-- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! -- +Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen +wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße +hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm +einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.« + +»Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?« + +»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.« + +»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt -- und nun macht nur, +daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere +will ich schon mit Eurem Freund besorgen.« + + + + +8. + +Gefunden. + + +Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier +ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal +gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in +diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen +konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich +herausgerückt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land, +ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein +reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang +allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht. + +Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven, +die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der +Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskräfte in Anspruch. +So beschränkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte +er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun +ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde +Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen +bekam. Für die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal +fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß +saß -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche +wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt. + +Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem +Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung +zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte +wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die +Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst +gesunden Körper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der +Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten +Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin +noch fast gewaltsam aufrecht gehalten. + +Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der +körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn, +der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte. + +Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und +seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war, +so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb, +waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den +gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für +flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn +Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld +sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des +unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der +Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei dulden mußte, schwand +zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich +gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem +gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den +Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte. + +Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß +sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu +vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne +einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst +gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers +Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen +hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth. + +Jetzt war Alles vorbei -- Alles überstanden. Wie sich der Körper des +unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch +wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so +schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber +heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das +Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte, +ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der +fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise: + +»Meine arme, arme Elise!« + +»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden +Thränen -- »kennst Du mich denn?« + +»Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in +Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen +Manne?« + +»Mein guter Vater!« + +»Gottes Segen über Dich -- Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld +nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!« + +»Vater -- _Vater_!« + +»Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und +es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen +Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch +darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem +weiten, fremden Lande zurücklasse.« + +»Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir +bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen +Kräften.« + +»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken +folgte -- »und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, daß +ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, +sündhaften Plänen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht muß ich jetzt +mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!« + +Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und +der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die +dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch. + +»Weine nicht, Elise,« sagte er leise -- »weine nicht -- wir sehen uns +wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er +seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so +wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht +so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe +gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind -- sei stark, +Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.« + +»Du wirst _nicht_ sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte +ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- »Du wirst leben, mir -- mir +zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes, +spätes Alter hinein!« + +»Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann, +»und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern +könnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,« +fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen +unterbrochen wurde -- »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt, +der schöne Wald. -- Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn +wiedersiehst -- die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und -- +wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen, +daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen +Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen +Sünder!« + +»Vater!« + +»Fasse Dich, mein Lieschen -- es _muß_ sein -- und nun noch Eins -- rufe +mir unseren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles +Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der +Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch +nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie +doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir +hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!« + +Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht +zurückdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz hätte ihr brechen +mögen in Jammer und Weh. + +»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise -- »nur einen +Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.« + +Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte +er traurig. + +»Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls +draußen -- ich höre schon seinen Schritt.« + +Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür, +als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand. + +Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft +schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie +eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie +abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne +hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!« + +»Elise -- Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme +schließend -- »o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll +uns wieder trennen!« + +»Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur +gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?« +hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich. + +»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt +den Kopf der Thür zu. + +»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm +umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte -- »ein Freund, der +nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht +von sich stößt!« + +»Lieschen!« + +»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine +Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter. + +Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen, +und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe. +Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm +niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes. + +»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise -- »Lies--chen, leb' -- wohl +-- sei glücklich -- Gott segne Dich« -- und wie er noch einmal seine +Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war +todt. -- -- + +Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache, +der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte. +Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu +streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest, +und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm +versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden +schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden +hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren, +und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht. + +Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf +geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand +im nächsten Augenblick vor der Gruppe. + +»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend, +»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! -- Wie +geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?« + +»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten +erwiedert -- »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben +im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu +werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?« + +»Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der +Mann liegt im Sterben.« + +»Im Sterben?« + +»Ja -- aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind +Eure Pferde?« + +»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes +sitzt dort ebenfalls.« + +»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet; +»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich +gemacht! Und was wird nun aus denen?« + +»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die +für sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf +und die Pferde lieber holen?« + +»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet +Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein +paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher +besorgen. Aber Ihr blutet ja!« + +»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn +fassen wollten.« + +»Natürlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf +die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein +Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer -- oder +sollen wir Dir Beine machen?« + +»Er versteht kein Portugiesisch.« + +»Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach +Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage +bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick. +-- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht, +sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich +machen.« + +Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen +jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon +herunter. + +Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache +mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen +der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten +gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe, +der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor. + +»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir +weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch +verschlimmern.« + +»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet +mich nicht den Fremden übergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen -- +ich bin ein armer Teufel -- der Böse plagte mich -- der Justus war +auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verführt -- er reizte mich. +-- Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm +abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu +ihm aufhob -- »laßt mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver +Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder +-- ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt -- +Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit!« -- und er schrie die +letzten Worte in Todesangst gellend heraus. + +»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert -- »Deinetwegen +sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß +frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.« + +Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer, +der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem +Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde +geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen. + +»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den +Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den +kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die +Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefähr +sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?« + +»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend +-- »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit +den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers +übernehmen wollen.« + +»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und +thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf, +wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.« + +Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und +Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine, +mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und +wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden +riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und +hinabschleppten. -- + +Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen +aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos +schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen, +den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er +eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen +werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht +allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre +_mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu +trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei +sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre +Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen, +als sie an der Seite des Verbrechers geführt -- die Colonisten in Santa +Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die +Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber, +daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal +ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen +Menschen weinen sah. + +So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das +schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang. + +»Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er +vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein +schweres, schweres Amt gehabt!« + +»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden +Negerin das Kind übergab -- »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh +einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches +auf dem Weg hierher geleistet -- und daß die arme Frau da Etwas zu essen +bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. -- +Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? -- Ihr Gesicht strahlt +ja ordentlich vor Seligkeit!« + +»Rottack -- Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend -- »ich habe +sie gefunden!« + +»_Sie_ -- so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich +weiß, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu +thun.« + +»Elise mein' ich.« + +»Elise? -- des alten Meier Tochter?« + +»Sie ist hier -- hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben +in ihren Armen verschieden.« + +»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie +leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen, +weshalb _Sie_ darüber so entzückt sind?« + +»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter +im ganzen Walde gesucht hatte?« + +»So? -- nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder +zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen, +und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger, +nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch +den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!« + +»Lieber, bester Graf!« + +»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte +Geschichte -- Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur +darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen +Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt +_gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher +leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der, +daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem +noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster zahlen, und für Herrn Bux' +Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!« + +»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig. + +»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht +einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem +todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig +ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern +wahrscheinlich den Transport allein übernehmen -- wieder ein Vortheil!« + +»Von Herzen gern will _ich_ das thun,« rief Könnern rasch, »wenn _Sie_ +nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.« + +»Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der +jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_ +ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit +ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?« + +»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha +hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite, +trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.« + +»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann +kommen Sie nach?« + +»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich +hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die +Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir +für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.« + +»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack, +indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein +Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte. + + + + +9. + +Herr von Pulteleben. + + +Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die +Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort +begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze +Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor! +Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten +zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der +Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft +zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter +und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten +Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte. + +Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der +That wenige genug -- wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun +und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht +fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in +rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige +deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam +dagegen aufzustehen. + +Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit +dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen +Spaziergänge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte +-- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund +abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ überlassen, der +Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine +»Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der +Colonie »wissenschaftlich« heben wolle. + +Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte +lebensfähig verwalten können! + +Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben +Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von +Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in +seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber +davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, +schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die +erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in +Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten +selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher +Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren +Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden +Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher +Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt +hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie +selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren +aufgebracht zu sehen. + +Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel. + +Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen +Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin +des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden +Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei, +und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar +nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in +Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen. + +Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art +von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar +noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto +rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der +prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne +darüber vergingen. + +Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer +bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über +Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von +ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, +und daß _er_ unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich +denken. + +Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten, +was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte +den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß +nur _daraus_, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die +aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne +daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt +hätte. + +In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet +bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu +fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. +Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich +rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches +Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin +wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die +Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie +allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus +dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen +habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter +zurückkehren. + +Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, +aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber +keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, +und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm +gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte. +-- Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich +nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, +und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der +Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das +freilich nicht. + +Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß +von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was würden +sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung +mit der Comtesse hörten? -- Er _wollte_ -- er _mußte_ fort -- aber die +Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und +saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und +überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der +Affaire ziehen könne. + +Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch +die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem +»Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben +rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite +betrachtete, lachte; endlich sagte er: + +»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die +Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?« + +»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, gerade +nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen. + +»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf, +der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf +diese Quelle zurückführte -- »das weiß der Henker! Das Mädel muß +übergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr +an. Was sagen Sie dazu?« + +Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen +Grafen todtzuschweigen. + +»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas +unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort -- +»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's +Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder +Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr +auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei, +daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über +Euch zu ärgern.« + +Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die +»Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein +mögliches Mißverständniß -- wenn _er_ auch nicht wußte, durch was es +entstanden sein konnte -- aufzuklären. Helene war verändert, seit sie +den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe +gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er +nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf +und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu +berücksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen +Gefühl über die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland +geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß _seine_ +Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet? + +»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt +zugesehen hatte. + +Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie +so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden, +mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt +nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhältniß nicht +mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen +oder andern Seite hin geschehen. + +»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne -- »Sie erlauben +wohl, daß ich mich anziehen kann, ich -- muß Ihre Frau Mutter sprechen.« + +»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar -- »aber Sie _sind_ ja +angezogen.« + +»Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- möchte meine Wäsche +wechseln.« + +»So -- aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam +erhebend -- »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich +eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen +früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.« + +Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte +abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem +jungen Mann um. + +»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine +zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der +letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich -- daß ich wirklich +das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.« + +»S--o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an. + +»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere +recht hübsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, daß sich die +Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.« + +»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »_die_ besorgt +das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.« + +»Gerettet? -- hm!« + +»Also Sie haben Nichts?« + +»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?« + +»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das +auch einerlei sein. -- Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer +und warf die Thür hinter sich in's Schloß. + +»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter +ihm zu und begann dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen. +Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über +einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und +als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er +etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.« + +Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der +Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit +dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein +Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten +Operation unterwerfen wolle. + +Die »Frau Gräfin« -- wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen, +da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- saß +in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff +gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer +wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort +einmal allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene +aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte. + +»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?« + +»Ja -- Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und +sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- »ich -- und ich bin Ihnen +sehr dankbar dafür, daß Sie ....« + +»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die +Gräfin. + +»Sie erlauben -- ja, Frau Gräfin -- Sie können sich doch wohl denken,« +sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein, +»daß mir der jetzige Zustand -- die Vernachlässigung meiner -- Ihrer +Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe +mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, _was_ die Veranlassung +dazu gewesen sein könnte. Wenn -- wenn Sie mich nur über Eines beruhigen +möchten.« + +»Und das wäre?« + +»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen. + +»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen +Blick nach ihrem #vis-à-vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen? +Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung. + +»Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,« +sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir +so ungünstige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht +anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin +Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich +ein Leichtes sein würde, wenn ich -- nur eben wüßte worauf sie +basirten.« + +»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein +vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun +und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter +benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf +ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch +Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache +nur ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser +in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen +Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....« + +»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den +schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte +er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem +ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus +ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu +erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst +verklärte. -- »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste +Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie groß auch meine Liebe für sie war +und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und +jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name +geben.« + +»Aber, lieber Pulteleben!« + +»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest +entschlossen, mich -- von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich -- doch +auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit +nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin +beizustehen.« + +»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu +beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit _einem_ Mal +Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen +Tabak ....« + +»Ich bin fest entschlossen, für _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr +zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf +_eigene_ Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen +Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem +Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.« + +»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande +gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen, +schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu +ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollständig +von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- »und das +sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt +für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von +Geschäften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen +Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?« + +»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf +_diese_ Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen. + +»Ist das männlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt?« fuhr die +Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. -- »Ich habe mein ganzes +Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit +einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen +_ohne_ Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige +Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen +und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten +lassen? _Können_ Sie das über's Herz bringen, _dürfen_ Sie das? Nein, +ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich +trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar +diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter für mich war, das sage +ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten +desselben mehr zwischen uns liegen!« + +»Frau Gräfin!« + +»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen +Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt +zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt außerdem der schon +längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie +werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben. +-- Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine +Mutter für Sie gesorgt!« + +»Beste Frau Gräfin!« + +»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin -- »wir sprechen heute Abend +weiter darüber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!« + +Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand +und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter -- hätte sie aber +sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn +nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht. + +Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein +und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn +kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich +weiß schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit +den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Gräfin, _das_ zieht +nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder +angeführt! -- »He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch +herauf!« + +»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie +denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!« + +»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung +befand, »wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?« + +»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir +einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?« + +»Wo ist Oskar?« + +»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.« + +»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn +Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei +Milreis; für jede Minute, die Sie es _früher_ abmachen, lege ich Ihnen +hundert Reis auf, für jede, die Sie _später_ dorthin kommen, ziehe ich +Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?« + +»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!« + +»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.« + +»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag, +und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- »mein Karren +steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin +ich drüben.« + +»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von +Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine +Bursche entwickelte. + +»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!« + +»Hier die Stiefel.« + +»Nehmen wir in die Hand.« + +»Den Plaid.« + +»Können wir oben aufschnallen.« + +»Die Hutschachtel.« + +»Schmeißen wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.« + +»Die bleibt hier.« + +»Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.« + +»Da klingelt noch Etwas darin.« + +»Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- können Sie drüben +herauspuddeln -- Einer wär' fertig!« + +»Da hängt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.« + +»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias; +»Jemine, ist das ein Vergnügen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken +vielleicht oder getrocknete Blumen?« + +»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!« + +Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea stürzte +erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe +ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel +hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten +aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen. + +»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt -- »ist denn Feuer +oben?« + +»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im +Handumdrehen die zweite Treppe hinunter. + +Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog; +der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er +nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür +entgegenzog. + +Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage +kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte: + +»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?« + +»Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann, +der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen; +»hier -- ist Etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr +dabei fünf Milreis in die Hand. + +»Ach, ich danke auch schön -- das war ja gar nicht nöthig -- na, da +wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.« + +»Guten Morgen, Dorothea!« + +»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!« + +Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben +hinauf wollte. + +»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr +lieb, daß ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die +Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.« + +»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr +von Pulteleben -- »ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr +Spenker!« + +»_Sie_ haben die Casse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor +sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- »na, da +bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine +Staatswirthschaft!« + +»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?« +schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich +vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst +komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid +thun --« + +»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner +Uhr sehend. + +»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im +nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er +vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von +Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. -- + + + + +10. + +Graf Rottack's weitere Beschäftigung. + + +Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der +von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu +hielt. + +Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als +das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in +die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung +der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für +unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer +hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig +zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus +eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen. + +Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in +seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im +Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend, +ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto +weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem +Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, +aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte. + +»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am +hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht +immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder +übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem +Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?« + +»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt +hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- »das ist der Mensch, der +sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie +die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier +Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht +glückte.« + +»Und wer ist der Reiter neben ihm?« + +»Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art +zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.« + +»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie +hierher. -- Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er +dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus +standen -- »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.« + +Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von +Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches +Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern +geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken +zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während +der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der +Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach. + +Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es +augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder +zurück zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden +Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann +wieder die Thür -- aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er +hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten. + +Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn +neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann +stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors +führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand. + +»Guten Abend, meine Herren!« + +»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener +Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte +-- »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie +nur gesteckt?« + +»Draußen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig +ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?« + +»Graf Rottack?« sagte der Director -- »ich hatte das Vergnügen bei der +Frau Gräfin.« + +»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine +Lippen zuckte -- »bei der Frau Gräfin -- doch zur Sache. Ich bringe +Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den +armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.« + +»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm +überrascht. + +»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein +rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände, +welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden +haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber +auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden. +Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei +ausweichende Art zu entschuldigen sucht.« + +»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen +anzufassen -- »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem +Ermordeten -- wie hieß er gleich, Baron?« + +»Justus Kernbeutel.« + +»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?« + +Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er +wieder ruhig: + +»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den +Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten +Haushälterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden +Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren, +sondern daß er sie auch am Tage der That getragen hat.« + +»Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,« +sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat -- +keinesfalls wenigstens allein.« + +»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der +Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden +Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in +welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal +da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und +mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.« + +»Hm -- gut -- ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte der +Director, nach seiner Uhr sehend -- »doch das werden wir ja Alles +bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den +gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu +spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie +dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.« + +»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler, +hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar +erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig +war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande +lassen?« + +»_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director, +»aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie +nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie +sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.« + +»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier +so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand +glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind +Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara +ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt +_gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu +geben.« + +Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte +in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er +war von je ein Mann des Friedens gewesen. + +»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich +leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden +nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« -- er sah wieder nach der Uhr +-- »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute +keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe, +Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.« + +Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber -- nur der +Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam +zwang, ruhig zu bleiben. + +»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem +Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler _muß_ seiner Familie heute +wiedergegeben werden.« + +»Von einem _Muß_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiederte +ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch -- »ich bitte Sie, _Ihre_ +Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.« + +»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden +Zorn nicht mehr mäßigen konnte -- »dann hören Sie auch meines! Glauben +Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften +können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu +thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das +Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an +der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie +höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!« + +»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster. + +»Lieber, bester Graf!« bat der Baron. + +»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll +Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche +Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich +nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark +und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer +deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie +haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie +aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb -- hat +um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt. +Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel +über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, +so stürmen wir das Nest hier, und daß _Sie_ schneller hinausfliegen als +Sie hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf +Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter +und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben +gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten. + +Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie +schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des +zündenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie +brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was +der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen +Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn +Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen +möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen. + +Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in +seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand +reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und +wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter: +Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten« +allerdings zuerst auf das Directionsgebäude -- und er selber hatte nur +geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich +die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen +die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort +beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er +deshalb den Director -- nur um Blutvergießen zu vermeiden -- der Gewalt +nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen +bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der +Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf +Eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn +waren. + +Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr +als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im +Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der +Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr -- +es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause +hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier +steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche +Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch +nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber +hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob +sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich +schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe, +in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß +hinabzugehen. + +Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab. + +»Sie weichen ja nur der Übermacht -- der rohen Gewalt,« sagte der Baron +-- »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und +die Regierung wird Ihre Mäßigung lobend anerkennen. -- Nachher kommen +_wir_ wieder oben auf, und wenn _Sie_ dann Ihren Vortheil benutzen, kann +Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.« + +»Gut -- so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich -- +es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. -- »Nehmt zwei Mann, +Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort +sitzenden Deutschen her.« + +»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr großer +Zuversicht -- »sie schreien und toben und sind Alle gut bewaffnet.« + +»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick -- +»geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben +bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen +heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? -- +_Rasch_, die Zeit vergeht!« + +»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz +herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den +zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf +Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte +jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß sie +den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber +befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine +kleine Beschäftigung gehabt. + +Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier +gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben -- man traute den +Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus' +Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus +gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den +sie Alle vorher wußten, abzuwarten. + +Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten +belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit +ihm sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber +konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als +die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde -- und +wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn +hier festgehalten! + +Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum +Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im +Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich +ein _Verhör_ nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme +eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her +vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee +fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade +und Barmherzigkeit -- nur um sein Leben flehte. + +Jeremias mußte auch noch her -- er stand schon vor der Thür -- und die +einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that. +Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf +Jeremias aber trocken erwiederte: + +»Das geht Niemanden 'was an. -- Wenn _ich_ einmal vor Gericht stehe, +können Sie wieder danach fragen,« und damit schob er seine Hände in die +Taschen und ging hinaus. + +Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt, +und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen +wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director: + +»_Diese_ Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem +Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.« + +»Ich stehe Ihnen in _jeder_ Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,« +sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ +mit Köhler das Haus. + +Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich +eine Frau, ein Kind auf dem Arm. + +»Hans! Hans!« schrie sie -- »wo bist Du?« + +»Hier! -- Trine -- Trine!« und die beiden Gatten lagen sich in den Armen +und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor Freude +und Seligkeit. + +»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein +klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack. + +»Und dafür bekomme ich _auch_ einen Kuß,« lachte dieser. + +»Zehn -- zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's +Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab. + +Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster -- Rottack sah ihn, nahm +seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter. + + + + +11. + +Abschiednehmen. + + +Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht +stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede, +denn die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu +lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf +Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene +und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch +selber nicht die nächsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen +gewohnten Geschäften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort +gegeben hätten, dem Director zu beweisen, daß sie eben nicht durch +Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was +Recht oder Unrecht sei. + +Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie +des Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte, +unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt. +Das Hinderniß, welches zwischen ihrer Liebe stand -- die Pflicht, für +den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu +bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte +die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in +der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen. + +Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen, +während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director +brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er +sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner +Waffenmacht, entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich +gar nicht um ihn, gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit +dem Baron über seinen finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen. + +Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute +festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer +vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. _Jetzt_ wurde +ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That +rächen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit +vier Soldaten den Strom hinab. + +Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn ein +anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der +angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die +jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß +sie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich +ihr _Recht_ nicht selber zu holen brauchten; erstaunten aber doch, als +ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurückkehrte, +rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. Was war da +vorgefallen? + +In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote +des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte. +Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt. + +Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten +bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze +Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist abberufen. +Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht +klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue +Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf, +behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot. + +Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt zu +Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu +sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen, +packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu +Muthe, als ob er ebenfalls packen müsse. + +Die Trauung war vorüber -- ein recht wehmüthiger Act, da sich für die +arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch +auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde +ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den +letzten Trost gegeben hatte! + +Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren +Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen +Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigentlich hatte das +junge Paar schon am nächsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff +verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit +einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese +benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es +übernommen, die Passage unten für sie auszumachen. + +Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist +und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben +gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied +erhalten hätte. + +Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab +eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender +Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die +Freunde in den Armen. + +»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?« + +»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte +eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt +bekommen, aber wie mir so von _allen_ Seiten zugeredet wurde, ich mir +zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch +Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine +andere passende Persönlichkeit hatte, so -- entschloß ich mich zuletzt, +bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptsächlich _der_ +Herr da an meiner Sinnesänderung schuld.« + +Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der +Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus: +»Günther! _Sie_ wieder in der Colonie?« + +»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen. + +Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und +angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau. +Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend, +küßte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich: + +»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten +Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.« + +»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter der +Gruppe -- »Günther -- Mensch, wo kommst _Du_ her?« und im nächsten +Augenblick lag er in seinen Armen -- aber rasch richtete er sich wieder +empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, daß nicht +Alles so mit ihm sei wie es solle -- »was ist geschehen, Günther?« rief +er, ihn auf Armes Länge von sich drückend -- »Du siehst blaß und elend +aus -- warst Du krank?« + +»Ja,« sagte Günther leise -- »recht krank -- aber es geht wieder besser +und ich -- will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich +die Heimreise antrete.« + +Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er +noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd: + +»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias +hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei, +und selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen +würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?« + +»Mein lieber -- lieber Günther!« + +»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen -- und nun vorwärts!« + +Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß +Sarno wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die +Colonisten in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher +nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche +Schaar _deutscher_ Colonisten gleichmäßig zufrieden zu stellen, wäre +überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst +gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und +gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war +desto größer. + +Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm +sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den +Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich +aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich +ihre Freude auszudrücken. + +Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und +brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein +Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen +aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt +voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden +geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat -- und Jeremias schien +der Nerv dieser ganzen Bewegung. + +Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche +die Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa +Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen +Bericht über das Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident +fortwährend leidend sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel +anstelle, der nicht allein die Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen +wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu +gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit +in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das +Willkürlichste über ihn verfügt werden sollte. + +Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem +Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen +Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß +zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die +Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei. +Außerdem hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der +Frau Präsidentin erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende +Zustand des sonst tüchtigen Präsidenten machte da eine Verbesserung des +Geschehenen möglich. Der Präsident selber wurde pensionirt, Herr von +Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes +entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge, seines willkürlichen +Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre auch die Soldaten +wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nöthig schienen, +und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Günther +wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von +Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es +dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der +andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach +Rio de Janeiro hinauf. + +Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem +Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben +und überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich +dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man +seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch +die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die nie +versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft +auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von +seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese +Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde -- übergab +er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter +Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor Tag, +auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die +Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde +fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der +Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen +verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der +Platz geräumt. + +Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden +gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag +die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und +Graf Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit +Könnerns nach Deutschland zurückzukehren. + +Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen, +es war aber noch Etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer der +unterwegs schlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise +verzögerte sich deshalb um einige Stunden. + +Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck +schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war. + +Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt +wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit +dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und +nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als +Günther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich +die Straße hinunter führte. + +»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem +er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige +Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du +siehst bleich und elend aus und -- das Schlimmste -- es hat sich ein +Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz +eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland -- nach Thüringen +zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!« + +Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein +Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur +die frei gehaltene Straße zog sich hindurch. + +»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du +Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?« + +»Als ob es gestern gewesen wäre.« + +»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß +ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen +an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir +hergestrichen und zuletzt weit -- weit hinaus in das düstere Meer +verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden -- +wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte +-- so einsam -- so öde schien mir in dem Augenblick die Welt?« + +»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise. + +»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's +Auge sah -- »in jener Nacht starb meine Anna -- an jenem Morgen lag sie +kalt und bleich auf ihrem Lager dort -- dort, wohin die Schwäne in den +Nebel zogen!« -- Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen, +das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die +Brust des Freundes lehnte. + +Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort -- kein +Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den +fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen +Schmerz. + +»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in +seinen Armen empor. + +»So -- jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer +seine Brust hob -- »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von Fremden +umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust +zurückzubannen, das thut doppelt weh!« + +»Armer, armer Freund! -- Und wo erhieltest Du die Nachricht?« + +»Vor wenigen Tagen in Rio -- der Dampfer, der mich in die Heimath führen +sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt -- +jetzt _kann_ ich nicht zurück, und ich begleitete Sarno, um hier noch +manche Arbeit zu beenden, die ich -- gehofft hatte von Anderen beendet +zu sehen. -- Aber nun leb' wohl, Freund -- wie ich höre, willst Du +Könnern begleiten -- ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen +Menschen zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was +ich Dir eben vertraut -- es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch +meinen Gruß und -- leb' wohl!« + +»Du willst fort?« + +»Hier steht mein Pferd -- Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögest +auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!« + +Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann riß +sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand +zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden. + +Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war ihm +recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und +allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. -- Als er wieder +an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen +Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. -- Es war +Helene. -- Fast unwillkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und +blieb dann stehn. + +»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von +ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. -- Er sah +nach seiner Uhr -- es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. -- »Was +kümmert's denn mich, wenn sie -- ei, ich will aus Brasilien von +keinem Menschen im Bösen scheiden -- am Wenigsten von ihr!« und rasch +entschlossen schritt er in das Haus hinein. + +Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem +das »Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein! +antwortete ihm -- Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie +war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als +Schmuck und sah ungewöhnlich bleich aus. + +»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu +verlassen, und -- wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu +sagen.« + +»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte +es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte, +so viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das aber machte ihn selber +verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den kaum begonnenen +Abschied noch zu kürzen. + +»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen +zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien +zurückkehren werde.« + +»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich +zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich +nicht, daß wir auf _diese_ Weise von einander scheiden. -- Ich habe +einen Verdacht, Sie _wissen_, daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt. +-- Wenn dem nicht so wäre, nehmen Sie hier meine Erklärung ....« + +»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht -- »ich -- wußte +nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie -- ihn so lange schon +geführt ....« + +»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten +hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte +gehofft, _Sie_ wenigstens würden besser von mir denken; aber -- lassen +Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst -- »ich habe so wenig +Freunde auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir +geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr +Graf, und -- möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter +traurige Bilder bieten!« + +Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen +ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los +und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen: + +»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen +Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick, +den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr +als Sie vielleicht glauben. -- Sehen Sie mir in's Auge -- halten Sie +mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es +wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in +einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht +selbst noch von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein +Geheimniß,« fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm +stand -- »ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause -- ich +wußte ....« + +»Es _ist_ nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und ihre Hand aus der +seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit. + +Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr. + +»Es _ist_ nicht Ihre Mutter?« wiederholte er endlich, und die Worte +rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust. + +»Nein,« hauchte Helene -- »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen +schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war -- es war mir +nur ein -- peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu +fühlen, daß Sie -- mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn +Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so -- verlassen Sie mich +jetzt!« + +»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und +Gefühlen das Hirn durchzuckte -- »nicht so dürfen wir scheiden! Hier +liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen -- o, wenn Sie Vertrauen +zu mir hätten -- wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen könnten, wie +gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.« + +»Herr Graf,« bat Helene scheu. + +»Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr +Rottack leidenschaftlich fort -- »daß es Ihnen peinlich sei, _mich_ +scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten +Sie Ihr Vertrauen zurück -- geben mir nur Andeutungen, die mich noch +verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die +sich Ihnen entgegenstreckt.« + +»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes +beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte. + +Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr +treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte +er herzlich: + +»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln +Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg +einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. -- Machen +Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf +der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!« + +Helene rang mit sich -- zu plötzlich, zu überraschend war ihr das Alles +gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um _überlegen_ zu können. +Noch nie aber hatte sie so das Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie +in diesem Augenblick -- noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so +herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich +zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand, +was er ihr geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und +mit leiser, aber fester Stimme sagte sie: + +»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack -- ich _will_ Ihnen glauben -- ich würde +Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen -- wie einem Bruder« -- +setzte sie kaum hörbar hinzu -- »aber für mich selber ist meine ganze +Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein +Licht darüber geben könnte -- bindet ein Schwur.« + +»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt -- »aber woher dann -- ich begreife +nicht, wie Sie da überhaupt ....« + +Helene stand noch immer zögernd vor ihm -- aber wußte er nicht schon ihr +Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden +Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an? + +»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es +sich ihr endlich aus der Brust -- »hier, dieser Brief kam durch eine +Verwechslung der Couverts in meine Hände« -- halb abgewandt reichte sie +ihm denselben. + +»Darf ich ihn lesen?« + +»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den +Händen. + +Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken +verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er. + +»Sie weigert sich, ihn zu nennen -- ein Schwur bindet ihre Lippen.« + +»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den +Schwur kenne ich -- er heißt Selbstinteresse -- aber ich begreife noch +immer nicht -- Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« unterbrach +er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch +legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während +er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl +über sein Antlitz zuckte -- »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das +Vertrauen, das Sie mir geschenkt -- wenn ich es Ihnen auch nur durch +Überraschung abgepreßt. -- Aber jetzt fort -- Du mein Himmel, mir +schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt +das Hirn durchkreuzen -- und doch war ich nie so glücklich, nie so +lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!« + +»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich +Rottack's Betragen nicht erklären. + +»Gewiß,« lachte dieser -- »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich -- +aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen +Besuch zu machen -- und dann komme ich wieder her -- in einer halben +Stunde bin ich wieder hier« -- Und ohne Abschied sprang er in jubelndem +Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab. + + + + +12. + +Schluß. + + +Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten +gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit +flüchtigen Sätzen angesprungen kam. + +»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes +eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im +Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!« + +»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix -- »Sie müssen noch einen +Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!« + +»Vergessen -- was?« + +»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!« + +»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so +förmlich geworden?« + +»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder +Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und +direct dem Hause der Gräfin zu. + +Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr. + +»Ist die Frau Gräfin oben?« + +»Ja, in ihrem Zimmer.« + +»Melden Sie mich -- rasch, denn ich habe große Eile!« + +»Ja, _ich_ kann jetzt nicht hinaufgehen.« + +»Dann meld' ich mich selber!« -- und in wenigen Sätzen war er oben. +An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief +eine bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten +Augenblicke der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha +empor fuhr. + +»Herr Graf!« + +»Frau _Gräfin_,« sagte der junge Mann, sich mit Anstand verbeugend +-- »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Kürze seine +Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren +Beantwortung ich Sie ersuche.« + +»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen, +denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte. + +»Gut -- dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so +förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.« + +»Welchen Namen, Herr Graf?« + +»Den Namen von Helenens Mutter.« + +»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten. + +»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß Sie +einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen +gegenüber ging -- _wir_ stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie +mir die volle Adresse _jetzt_ in diesem Augenblick auf, oder ich +gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und -- +unterhalte mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich +nicht scherze. _Noch_ ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und wird +da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen -- wo nicht -- schreiben Sie +sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß +Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine einfache +Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit Angabe der Verhältnisse, +_ohne_ einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch +das ist Nebensache. _Wir_ haben es hier mit dem speciell zu thun, was +_Sie_ betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Besten +kennen.« + +»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn ich mir selber +alle Hülfsmittel abschneide, wovon -- o, wovon soll _ich_ denn da leben? +Alles verläßt mich -- Alles verläßt mich -- auch der undankbare Mensch, +der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen!« + +Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte: + +»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da +ihm die _Frau_ abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete +Schwiegermutter zu behalten -- doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunsch +erfüllen oder nicht? ich _muß_ Antwort haben.« + +»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.« + +»Nein -- hier ist Papier und Dinte -- in fünf Minuten bleibt Ihnen keine +Wahl mehr.« + +»Und _Sie_ versprechen mir zu schweigen?« + +»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die +Colonie.« + +Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und +reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber. + +»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert +-- das Geheimniß ist nicht für mich.« + +Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr +durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und +ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen -- und der +Baron _mußte_ schon einen Verdacht gefaßt haben -- als durch die Sorge +um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert hatte. _Sie_ lebte nur in dem +Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste +Tag? + +»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit +einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf +dabei ansah -- »wie war es _möglich_, daß Helene bis vor wenig Tagen +keine Ahnung davon haben konnte, _Sie_ seien nicht ihre wirkliche +Mutter? Ich begreife das nicht.« + +»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann +in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt +mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß +erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....« + +»Vollkommen ohne Nebenabsichten?« + +»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde -- »da entschloß sie sich zu +dem Schritt -- den wir vorher reiflich überlegt hatten: sie mir nämlich +mitzugeben, und ich -- holte sie damals, _als_ ihre Mutter, aus der +Pension ab.« + +»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich +eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?« + +»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt +uns Pflichten auf, und -- in diesem Fall -- sie konnte doch nicht ihren +_Ruf_, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja +vernichtet worden.« + +»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack +bitter -- »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben _mir_ einen +Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire -- wir +tauschen nämlich Papier um Papier. _Dieses_ ist Helenen's Geheimniß -- +_das_ hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor +der Frau auf den Tisch legte -- »ist das _Ihrige_ -- wir sind quitt, +nicht wahr?« + +»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus. + +»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe +darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß +gedrückt und das Haus verlassen. + +Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst +und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder +und stand gleich darauf in Helenens Zimmer. + +Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem +Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden +zu entdecken, und gerade _ihm_, der sie die letzte Zeit so kalt, fast +höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch +das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was _konnte_ sie +thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie +sich nicht nach _einem_ Herzen, dem sie vertrauend nahen -- zu dem sie +um Trost -- um Hülfe aufblicken konnte? Und was that _er_ jetzt? Wohin +hatte er sich gewandt? Würde sie ihn je wiedersehen, und spottete +er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele +losgerungen? + +In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört, +und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er +ihr entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz +und Muthwille, der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen +gewichen, und mit leiser Stimme sagte er: + +»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält -- +fürchten Sie nicht, daß _ich_ Ihr Geheimniß belauscht hätte -- ich kenne +den Inhalt nicht.« + +»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem +ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm. + +»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig -- »erinnern Sie sich +noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit -- jener Frau in der Stadt +begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre -- vermeintliche Mutter +sah.« + +»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig +in's Herz -- »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht auf +-- jene Frau.« + +»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber seine +Stimme mehr und mehr steigerte -- »hatte ich nur _Sie_ gesehen und hatte +Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben +würde, wenn Sie sie hätten ahnen können.« + +»Graf Rottack!« + +»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die +mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in +Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da +-- da sah ich Ihre Mutter -- Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte +-- deren ganze Vergangenheit vor mir lag und -- ich _konnte_ +nicht anders glauben, als daß _Sie_ den Betrug theilten -- daß Sie +_Mitwisserin_, Mithandelnde der Täuschung wären.« + +»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille +Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. -- Rang und Stand +-- Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; ich +stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener +Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen -- aber der Betrug fraß +mir in's Herz hinein -- der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und -- +machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuschung +zu vollenden, selbst das Netz, das -- jene Frau nach dem unglücklichen +Pulteleben auswarf, und das -- wie es meiner verblendeten Eifersucht +schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« -- rief er +leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank -- »ich habe +Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir verzeihen?« + +»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!« + +»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack -- »Helene, +ich _habe_ Sie geliebt, ich habe nie aufgehört Sie zu lieben, und wie +ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber stand, hätte mir das Herz dabei +zerspringen mögen in der Brust. Können Sie mir verzeihen? Können Sie +vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt -- glüht auch in _Ihrem_ +Herzen noch ein Funken der alten Liebe für _mich_? Läugnen Sie es nicht, +Helene -- jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten, +waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten Mädchens; jene +Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. -- Oh, +können Sie nur einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, so werden Sie +mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte +umschlang -- »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude +oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine +junge Frau uns erwarten -- in deren Begleitung machen Sie die Reise nach +Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.« + +»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken. + +»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben -- daß Sie mir glauben, wenn +ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav -- daß +Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu +können. Helene!« + +Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an +seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder +und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment +schien aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er +weinte und lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen +los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand, +und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam. + +»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen +lachend aus -- »was machen Sie, was soll das werden?« + +»Abreise -- Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner +Beschäftigung stören zu lassen -- »wir sind ja in der größten Eile -- +unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.« + +»Abreisen?« rief Helene erschreckt -- »aber doch nicht jetzt? -- nicht +heute?« + +»In einer Viertelstunde.« + +»Das ist ja unmöglich!« + +»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen -- Du bist mein, _ich_ bin +der glücklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles +Kleinigkeit und Nebensache.« + +»Aber wie kann das sein -- Rohrlands ...« + +»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten +zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich +bin gleich wieder da!« + +Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später +mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos, +keines Gedankens fähig, stand. + +»Liebe Frau Rohrland -- lieber Herr Rohrland -- ich habe hier das +Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. -- Liebe +Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches +Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene +Heirath.« + +»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in +die Arme. + +»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte +Felix -- »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir +dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen +Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau +Rohrland?« + +»Ja, von Herzen gern, aber ...« + +»Gar kein Aber -- ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren +herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr +an die Landung?« + +»Ja, von Herzen gern -- aber diese Hast ...« + +»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten -- lieber Rohrland, auf ein +Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte +ihn vor die Thür hinaus. + +»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?« + +»In _meiner_ Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld +von _ihr_ in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.« + +»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den +wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.« + +»Aber ich begreife gar nicht.« + +»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.« + +»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.« + +»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei +Seite schob -- »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!« +rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein +angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an +die Landung hinunter. + +»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm +Könnern entgegen -- »wir warten und warten hier.« + +»Lieber Freund,« sagte Rottack -- »ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren +und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf -- es geht +noch ein Passagier mit. -- Lieber Freund, ich habe in der kurzen +Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter +gebraucht, und dann _noch_ nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das +ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.« + +»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der +Landung stand -- »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts +versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen +doch nicht immer gleich fertig werden.« + +»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt +-- und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der +Landung auf und ab gegangen waren. + +»Fort -- in den Wald,« sagte Rottack ernst -- »ich habe Euch noch seine +besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.« + +»Braver Günther,« sagte Könnern -- »er hat Elisen die letzten Stunden +nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos, +Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?« + +»Allerdings.« + +»Wahrhaftig?« + +»Nun, gewiß -- und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.« + +»Ihrer Tochter?« + +»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es +mit in ihre Koje nimmt.« + +»Ich verstehe Sie nicht.« + +»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in +die Stadt hinaufgesehen hatte -- »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine +nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen. +Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt -- daß mir um Gottes willen +Rohrlands das Bild nicht vergessen« -- und von Könnern fort, der ihm +kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit +den Weg zurück, den er gekommen. + +Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute +haben könne, denn _so_ hatte er ihn noch nie gesehen, und außerdem +drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah auch schon in immer +kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr -- endlich ließ sich ein kleiner +Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze +rasch zur Landung herunter kamen. + +Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge +Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten +die Damen. + +»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein +guter Herr Rohrland?« fragte Sarno. + +»Ich? Denke gar nicht daran, aber -- so viel ich weiß ...« + +»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur +erglühende Braut vor -- »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch +trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und +bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen +Ihrem mütterlichen Schutz.« + +»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und +nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.« + +»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf, +indem er Helene der jungen Frau zuführte -- »aber nun in's Boot. Sie +haben lange genug auf uns gewartet -- hieher, Jeremias -- _das_ zum +Andenken.« + +»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht. + +»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote +nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit +Tüchern und Hüten. + +»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben, +schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen. + + +_Ende._ + + +Druck von _G. Pätz_ in Naumburg. + + + + +Fußnoten + +[1] Eine Art Zuckerrohr. + +[2] Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig + herrscht. + +[3] Authentisch. + + + + + * * * * * * + + + + +Hinweise zur Transkription + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene +Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch +Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei +Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise +sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der +Zeichensetzung nicht. + + Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt: + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Änderungen + + Seitenangabe + originaler Text + geänderter Text + + Seite 23 + ein sehr großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen + ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen + + Seite 37 + ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen + ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen + + Seite 46 + als sie den Dienst meiner Mutter verließen + als Sie den Dienst meiner Mutter verließen + + Seite 87 + Er hielt unwillürklich mitten im Binden + Er hielt unwillkürlich mitten im Binden + + Seite 227 + hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte + hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte + + Seite 247 + mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln + mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln + + Seite 260 + denn ein solche Schaar deutscher Colonisten + denn eine solche Schaar deutscher Colonisten + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND*** + + +******* This file should be named 39545-8.txt or 39545-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/4/39545 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker</title> +<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> +<style type="text/css"> + +body { +margin-left: 10%; +margin-right: 10%; +} + +h1,h2,h4 { +text-align: center; +clear: both; +} + +h1 {font-size:300%; line-height:1.5;} +h2 {font-size:120%; margin-top: 2em;} + +p { +text-indent:1em; +margin-top: .75em; +text-align: justify; +margin-bottom: .75em; +} + +p.title { +text-align:center; +text-indent:0; +font-weight:bold; +font-size: 1.2em; +line-height: 3.0; +margin-bottom:3em; +} + +p.front { +text-align: center; +font-size: 1.2em; +text-indent: 0; +margin-bottom:4em; +} + +small {font-size:60%;} +big {font-size:140%;} + +.gesperrt { +font-style: normal; +font-weight: normal; +letter-spacing: .2em; +padding-left: .2em +} + +hr { +width: 33%; +margin-top: 2em; +margin-bottom: 2em; +margin-left: auto; +margin-right: auto; +clear: both; +} + +table { +margin-left: auto; +margin-right: auto; +} + +.pagenum { +position: absolute; +left: 92%; +font-size: smaller; +text-align: right; +} + +.footnotes {border: dashed 1px;} +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} +.fnanchor { +vertical-align: super; +font-size: .8em; +text-decoration: +none; +} + + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } +</style> +</head> +<body> +<h1>The Project Gutenberg eBook, Die Colonie. Dritter Band, by Friedrich +Gerstäcker</h1> +<p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a +href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p> +<p>Title: Die Colonie. Dritter Band</p> +<p> Brasilianisches Lebensbild</p> +<p>Author: Friedrich Gerstäcker</p> +<p>Release Date: April 27, 2012 [eBook #39545]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***</p> +<p> </p> +<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team<br /> + (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> + from page images generously made available by the<br /> + Google Books Library Project<br /> + (<a href="http://books.google.com">http://books.google.com</a>)</h4> +<p> </p> +<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> + <tr> + <td valign="top"> + Note: + </td> + <td> + Images of the original pages are available through + the the Google Books Library Project. See + <a href="http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&id"> + http://books.google.com/books?vid=B5A6AAAAcAAJ&id</a> + </td> + </tr> +</table> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1><big>Die Colonie.</big></h1> + +<hr style="width: 20%;" /> + +<p class="title"> +<span class="gesperrt"><big>Brasilianisches Lebensbild</big></span><br /> +von<br /> +<big>Friedrich Gerstäcker.</big><br /> +<small>Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.</small><br /> +<span class="gesperrt"><b>Dritter Band.</b></span><br /> +</p> + +<hr style="margin-top: 2em; width: 50%;" /> + +<p class="front"> +Leipzig,<br /> +<span class="gesperrt">Hermann Costenoble</span>.<br /> +1864.</p> + + + + +<table summary="Inhaltsverzeichnis" border="0" width="70%" style="margin-bottom: 6em;"> + +<tbody style="line-height:1.3;"> + +<tr> + <th colspan="2" style="font-size:150%;">Inhalts-Verzeichniss.</th> +</tr> +<tr> + <td> </td> + <td align="right">Seite</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC01" class="gesperrt">Erstes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Die Abendgesellschaft</td> + <td align="right">7</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC02" class="gesperrt">Zweites Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Fortsetzung.</td> + <td align="right">33</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC03" class="gesperrt">Drittes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Auf Köhler's Chagra</td> + <td align="right">57</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC04" class="gesperrt">Viertes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Helene</td> + <td align="right">87</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC05" class="gesperrt">Fünftes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Gerichtspflege in der Colonie</td> + <td align="right">117</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC06" class="gesperrt">Sechstes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Vorbereitungen</td> + <td align="right">143</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC07" class="gesperrt">Siebentes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Bux auf der Flucht</td> + <td align="right">164</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC08" class="gesperrt">Achtes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Gefunden</td> + <td align="right">194</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC09" class="gesperrt">Neuntes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Herr von Pulteleben</td> + <td align="right">214</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC10" class="gesperrt">Zehntes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Graf Rottack's weitere Beschäftigung</td> + <td align="right">236</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#TOC11" class="gesperrt">Elftes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Abschiednehmen</td> + <td align="right">253</td> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2"><a href="#TOC12" class="gesperrt">Zwölftes Kapitel.</a></th> +</tr> +<tr> + <td align="left">Schluß</td> + <td align="right">276</td> +</tr> + +</tbody> +</table> + + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_007" id="Pg_007">[S. 7]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC01" id="TOC01"></a>1.<br /> + +Die Abendgesellschaft.</h2> + + +<p>In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft +sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt, +die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend +Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst Helenens +Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr lautete +die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran, als die Frau +Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von Pulteleben extra +aus Rio verschrieben und das <em class="gesperrt">sehr</em> viel Geld +gekostet hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre +Toilette noch einmal zu mustern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_008" id="Pg_008">[S. 8]</a></span> + +Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute +nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen Horizont +begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen Gebirgszuges +scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.</p> + +<p>»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die +Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht von +ihrem Rückgrat zu bekommen – »ich traue ihm nicht recht; er ist ein +ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.«</p> + +<p>»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte +Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.«</p> + +<p>»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir <em +class="gesperrt">nicht</em> recht angenehm, daß wir bei der heutigen +Gelegenheit gerade wildfremde Menschen haben, von denen ein paar sogar mit +dem früheren Director eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die +»<em class="gesperrt">bürgerliche</em> Versammlung« die Nase rümpfen.«</p> + +<p>»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der <em +class="gesperrt">alte</em> Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt +fände; wenn er aber unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht + +<span class="pagenum"><a name="Pg_009" id="Pg_009">[S. 9]</a></span> + +nach Brasilien auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum +Aufenthalt wählen sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und +den Herrn Baron zu beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer +Artillerieofficier, ein Herr von Schwartzau.«</p> + +<p>»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?«</p> + +<p>»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber +nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist – wen interessirt das +auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.«</p> + +<p>»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah +ihre Tochter forschend dabei an.</p> + +<p>»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene +kalt und stolz.</p> + +<p>»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel +trug – »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der +Treppe.«</p> + +<p>Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar +trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke.</p> + +<p>»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_010" id="Pg_010">[S. 10]</a></span> + +an's Fenster gehend; »hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?«</p> + +<p>»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest +Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und +Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die +Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft +erwarten! Wer ist wer?«</p> + +<p>»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns +die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich, in +die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von früher +her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser hergekrochen +bin und ihn nie habe erwischen können – aber abgewöhnt hab' ich's ihm +wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.«</p> + +<p>Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu, +und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne auf +die Schwester weiter zu achten, fort:</p> + +<p>»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig – die ist in den Fluß +gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar geprügelt +hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_011" id="Pg_011">[S. 11]</a></span> + +»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du +wolltest zu der Auction hinausreiten?«</p> + +<p>»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange +gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend +Kleinigkeiten.«</p> + +<p>»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?«</p> + +<p>»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern – Du mußt ihn +schon in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause +– schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend +brauchbar erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.«</p> + +<p>»Herr von Pulteleben ist zurück?«</p> + +<p>»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln +nicht ankriegen.«</p> + +<p>»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah +nach ihrer Uhr – »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir +unbegreiflich.«</p> + +<p>»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der +Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben, aber +Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber – der muß schmählich +reich sein.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_012" id="Pg_012">[S. 12]</a></span> + +»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin ihre +Tochter.</p> + +<p>»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.«</p> + +<p>»So – entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich +nicht vornehm genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur +einbilden?«</p> + +<p>»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar – »Jeremias unterhält +sich – der Bursche ist heute göttlich – hast Du ihn schon in +seiner Galatracht gesehen?«</p> + +<p>Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem +Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich +heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete:</p> + +<p>»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau +Gemahlin.«</p> + +<p>Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch +in den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick +zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem +Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste, +gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber, +etwas unpassend, mit + +<span class="pagenum"><a name="Pg_013" id="Pg_013">[S. 13]</a></span> + +Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine Frau hinter sich +herschleppte.</p> + +<p>Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase +und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen +– außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten +und – wenn das Gerücht nicht log – auch ihres eigenen Mannes. +Jetzt aber schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute +sie sich, die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie +über das vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse – von Oskar +nahm sie keine Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der +Thür durch sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber +furchtbarer Verachtung.</p> + +<p>Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich +noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er +drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo saß, +so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor Beckstein +war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, sondern +daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein gewesen. Aus einem oder dem +andern Grunde mußte er aber seinen Dienst quittiren, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_014" id="Pg_014">[S. 14]</a></span> + +war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn und wanderte +zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere Stellung bekommen +konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine Zuhörer jeden Sonntag +Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner sagt, <i>the gift of the +gab</i>, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen, die natürlich Niemand +nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt in seiner Stellung +zu behaupten – konnten die Colonisten doch auch keinen andern und +besseren auftreiben.</p> + +<p>Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug, +viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge +Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie +schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber, +als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab +es deshalb nie. – Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes +schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer +großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als zwei furchtbar +große, reich gestickte – leider auch schon einmal + +<span class="pagenum"><a name="Pg_015" id="Pg_015">[S. 15]</a></span> + +ausgebesserte – Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose +trug.</p> + +<p>Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste, +denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald in's +Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar Rohrland +nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.«</p> + +<p>Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines, +rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos +gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer +einzelnen Achatschnur um den Hals.</p> + +<p>Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem +Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in der +bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.</p> + +<p>Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich +stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung +lautete. Er war natürlich <i>à quatre épingles</i> gekleidet; seine +Toilette ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit +bei dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor +Beckstein schrak auch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_016" id="Pg_016">[S. 16]</a></span> + +wirklich ordentlich in sich zusammen, als er zufällig einmal einen Blick +auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin haßte den Baron aber seit diesem +Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn je gehaßt hatte – es versteht +sich von selber, nur seines Stolzes und Hochmuths wegen, der ihn sogar +nicht ein einziges Mal in <em class="gesperrt">ihre</em> Kirche ließ.</p> + +<p>Jetzt erschien auch endlich – als Hausgenosse jedoch eben so +gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet – Herr von Pulteleben, +gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch +neueren Frackschnitt als der Baron, was seinerseits <em +class="gesperrt">diesen</em> wieder ärgerte. Herr von Pulteleben ging +übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu, diese zu begrüßen, machte dem +Baron dann die gehörige Verbeugung und grüßte den Herrn Pastor mit seiner +Gattin, die anfingen, sich in eine Ecke zu drücken und dort festzusetzen, +in etwas summarischer Weise – was wieder einen Stachel in der Brust +der Frau Pastorin zurückließ. Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute +Abend Stacheln – wären es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim +Nachhausegehen wie ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte +sich Herr von Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens +nicht befriedigenden + +<span class="pagenum"><a name="Pg_017" id="Pg_017">[S. 17]</a></span> + +Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin hatte nämlich +gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch vielleicht sehr +unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin eben nicht angenehm +getäuscht. + +Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von +Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit +oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um +Entschuldigung bat.</p> + +<p>Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der +That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen oder +bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm gefaßt und +gesagt:</p> + +<p>»Laß mich lieber unten, Günther – es ist wahrhaftig besser, und +die Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind +ja alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die +Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu +werden – warum ihr also den Spaß verderben?«</p> + +<p>»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther, +»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft + +<span class="pagenum"><a name="Pg_018" id="Pg_018">[S. 18]</a></span> + +wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann mir +denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz besondere +Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich will Dich dann +schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl einmal eine andere und +bessere Gelegenheit, die Frau <em class="gesperrt">Gräfin</em> wenigstens +wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.«</p> + +<p>»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf +bitter – »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten +Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern die +Kammerfrau als Schwiegermutter – ich würde mich sogar hüten, +die Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur +<em class="gesperrt">ein</em> Wort kostete. Aber in <em +class="gesperrt">einer</em> Art hast Du Recht – wenn auch in einem +andern Sinn, wie Du es gemeint – Helene selber könnte nämlich +glauben, ich sei der Verlobung ausgewichen, und deshalb – gehen +wir hinauf. Ich freue mich jetzt selber darauf, einmal einer echt +aristokratischen Gesellschaft in einer brasilianischen Colonie +beizuwohnen.«</p> + +<p>»Du willst mitgehen?«</p> + +<p>»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm + +<span class="pagenum"><a name="Pg_019" id="Pg_019">[S. 19]</a></span> + +wieder ergreifend und ihn mit fortziehend; »es muß überhaupt schon fast +dreiviertel sein, und wir werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie +sich die Frau Gräfin freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber +ich bitte Dich, Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das +Geheimniß ist mein eigen.«</p> + +<p>»Gewiß – aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?«</p> + +<p>»Ich glaube kaum – zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns +nicht gesehen, und ich selber – bin alt dabei geworden; vielleicht +kann ich jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.«</p> + +<p>»Da sind wir.«</p> + +<p>»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese +erleuchteten Hallen – wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler +röche – und Jeremias in Gala – Ich fürchte fast, Günther, daß +wir nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.«</p> + +<p>»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur +entgegen – »immer 'rein – <em class="gesperrt">hür</em> ist +der Platz, wo Sie Staunenswerthes sehen und erleben werden – immer +hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen gar Nichts und Säuglinge unter zwölf +Jahren die Hälfte!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_020" id="Pg_020">[S. 20]</a></span> + +»So recht, Jeremias,« lachte Günther – »ist die Gesellschaft +versammelt?«</p> + +<p>»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste +– »fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« +– und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf +und meldete:</p> + +<p>»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit – Donnerwetter, ich weiß +ja <em class="gesperrt">Ihren</em> Namen nicht!«</p> + +<p>Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln +nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick auf +den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die +Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes, jeder +Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung bringen zu +lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin zu und sagte +mit einer leichten Verbeugung:</p> + +<p>»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf +heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier +vorzustellen.«</p> + +<p>Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von +Schwartzau, die nur + +<span class="pagenum"><a name="Pg_021" id="Pg_021">[S. 21]</a></span> + +an der äußersten Kante den neben ihm stehenden Freund einschloß; Helene +aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat jetzt vor, und von Schwartzau +die Hand reichend, sagte sie herzlich:</p> + +<p>»Sie haben <em class="gesperrt">mir</em> besonders eine große Freude +gemacht, daß Sie der Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde +mir ja gar keine Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, +die Sie mir geboten, wie ich es wohl gemocht.«</p> + +<p>»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast +wunderbaren Schönheit des Mädchens – »so sehr wir den Unfall <em +class="gesperrt">Ihretwegen</em> bedauert haben, so glücklich hat uns der +kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen leisten durften. Übrigens muß ich die +Haupthandlung vollkommen von mir abwenden, denn Freund Randolph hier +war der eigentliche Held des Morgens, indem er sich Ihrem Pferd +entgegenwarf.«</p> + +<p>Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen <em class="gesperrt">beide</em> +Männer gewandt gehabt, aber während sie sprach doch immer nur Günther +angesehen, und höchstens einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, +aber nie bis zu dessen Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger +vermeiden, und auch ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte +sie, aber nicht mehr so zuversichtlich, als vorher:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_022" id="Pg_022">[S. 22]</a></span> + +»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit meinem +wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr hörte oder +sah, was um mich her vorging – viel weniger denn hätte Personen +unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten Dank.«</p> + +<p>»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die +gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ +– »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß +ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang. Ich +kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen stets in +den Weg, wo ich sie eben treffe.«</p> + +<p>»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem +Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.«</p> + +<p>»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director +ansehend – »mit wem habe ich das Vergnügen?«</p> + +<p>»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die +beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander.</p> + +<p>»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges + +<span class="pagenum"><a name="Pg_023" id="Pg_023">[S. 23]</a></span> + +in seinem Benehmen,« flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben +der er stand.</p> + +<p>»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem +gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm +abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer +betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben +gesehen?</p> + +<p>Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so +fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber +so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein +konnte.</p> + +<p>Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein +sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose +und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das +Verbindlichste fragte:</p> + +<p>»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau +– hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen +heruntergefegt!«</p> + +<p>Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee +verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder +geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von + +<span class="pagenum"><a name="Pg_024" id="Pg_024">[S. 24]</a></span> + +Thee kaum möglich. Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und +daher sehr häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch +Thee umhergereicht wird.</p> + +<p>Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast +ausschließlich um die Tagesbegebenheit – die Auction des +Meier'schen Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen, +geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als +einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen, +daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein +Messerstich für ihn gewesen.</p> + +<p>»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director +an diesen – »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns +niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder +vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die +er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden +Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier eine +Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.«</p> + +<p>»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu +können, Herr Baron,« + +<span class="pagenum"><a name="Pg_025" id="Pg_025">[S. 25]</a></span> + +sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste von diesen Einkäufen +gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn Meier selber bekommen, +denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher zurückzukehren. Er hat +wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen lassen.«</p> + +<p>»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?«</p> + +<p>»Ganz und gar nicht – ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum +ersten Male betreten.«</p> + +<p>»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im +ganzen Ort zu sein, der sie kennt.«</p> + +<p>»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden +gehabt.«</p> + +<p>»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?«</p> + +<p>»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend, +»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben +würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist möglich, +daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu beigetragen +hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.«</p> + +<p>»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director – + +<span class="pagenum"><a name="Pg_026" id="Pg_026">[S. 26]</a></span> + +er sah, daß er aus Günther Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn +dieser wirklich um Eins oder das Andere gewußt hätte.</p> + +<p>Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und +Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin und +Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge verwickelt +waren.</p> + +<p>»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame +bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse +abnahm und sich Zucker und Milch nahm – »das ist gar Nichts – +denken Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. +Ich muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für +den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«</p> + +<p>»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt – »für zweiunddreißig +Beine!«</p> + +<p>Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging +weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.</p> + +<p>»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte +Helene, »so halte ich es doch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_027" id="Pg_027">[S. 27]</a></span> + +für eine entsetzliche und fatale Gewohnheit, die aber eben nicht +abzuschaffen ist und deshalb ertragen werden muß.«</p> + +<p>»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der +Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören, +keinen Mann zu küssen der raucht.«</p> + +<p>»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret +vorschob – »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein +– die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen +der <em class="gesperrt">nicht</em> raucht – was nachher für ein +Gereiße um den Herrn Director wäre!«</p> + +<p>Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director +sah Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig +abprallte.</p> + +<p>Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument +gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact, daß +ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.</p> + +<p>»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten <em +class="gesperrt">Sie</em> nicht die Freundlichkeit haben und uns Etwas zum +Besten geben? Ich habe schon so viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie +die Freude gehabt, selber Ohrenzeuge zu sein.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_028" id="Pg_028">[S. 28]</a></span> + +Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das +Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben +stehen.</p> + +<p>»Und sind <em class="gesperrt">Sie</em> nicht musikalisch, würdiger +Greis?« sagte der junge Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse +bereitete.</p> + +<p>»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein +Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf – »aber ich stamme aus +einer ganz musikalischen Familie.«</p> + +<p>»So?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Jeremias – »ich habe drei Schwestern, die sind alle +musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das +Pianoforte und die dritte ist Witwe – nehmen Sie nicht <em +class="gesperrt">noch</em> ein Stückchen Zucker?«</p> + +<p>»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und +Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur Thür +hinaus.</p> + +<p>Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich +wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl – und wie +seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und frisch +sprang sie zu dem Allegro über, durch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_029" id="Pg_029">[S. 29]</a></span> + +das immer und immer wieder die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.</p> + +<p>Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst +dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die +Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der ihm +Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt, geantwortet +hatte, und jetzt – er deckte seine Augen mit der Hand, und Alles, was +ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen, aus dem nur die +Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.</p> + +<p>Jetzt schwiegen sie – »Bravo, Bravo, vortrefflich – wirklich +meisterhaft!« tönte es von allen Seiten – nur Felix wandte sich ab +und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer +Luftzug seine Schläfe kühlte – die leeren Beifallsphrasen thaten ihm +weh.</p> + +<p>Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen – +die junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und +mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine leise +Stimme an seiner Seite sagte:</p> + +<p>»Sind Sie nicht auch musikalisch?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_030" id="Pg_030">[S. 30]</a></span> + +Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen +hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz +fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes +Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.</p> + +<p>»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als +sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte +überhört hätte.</p> + +<p>»Ich? – Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß +er sich, gerade <em class="gesperrt">dem</em> Mädchen gegenüber, so schwach +und unbeholfen gezeigt – »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und +fast rauh – »mir träumte einmal, daß ich spielen könnte – aber +die Zeit liegt dahinten und – ich sehne sie auch nicht zurück.«</p> + +<p>»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.</p> + +<p>»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern – »Musik +sollte ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir – reißt sie +nur immer wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im +Dunkeln schlafen. Ich <em class="gesperrt">hasse</em> Musik!«</p> + +<p>»Oder <em class="gesperrt">fürchten</em> sie,« sagte Helene ernst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_031" id="Pg_031">[S. 31]</a></span> + +»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse – +und doch könnten Sie Recht haben – ich fürchte sie vielleicht.«</p> + +<p>»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in +Schmerz und Leid!«</p> + +<p>»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob <em +class="gesperrt">Sie</em> schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter +sich und nicht – einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich +hätten.«</p> + +<p>»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen – »Jeder von uns +trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der glattesten +Stirn verstecken – wer will sagen, daß er die schwereren trüge. +– Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab – »wissen +Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in +unseren Träumen haben?«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Wir</em> Beide?«</p> + +<p>»Ja – auch mir träumte neulich einmal, daß Sie – spielen +könnten, und doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur +flüchtig auf der Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«</p> + +<p>»Allerdings – <em class="gesperrt">sehr</em> wunderbar!« rief +Felix und schaute überrascht zu ihr auf, Helene sah + +<span class="pagenum"><a name="Pg_032" id="Pg_032">[S. 32]</a></span> + +ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf wieder abwandte und +sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen eben und gehen, und +drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere Erinnerung, daß wir in +späteren Jahren die wirklichen von den geträumten kaum noch unterscheiden +können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume vergessen.«</p> + +<p>Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie +zu einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus der +eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen breiten +Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter einander, +die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den Genuß +aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt, und Oskar's +laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste harre, machte +überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_033" id="Pg_033">[S. 33]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC02" id="TOC02"></a>2.<br /> + +Fortsetzung.</h2> + + +<p>Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr +seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland, da +der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr Rohrland +führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die Frau Pastorin +zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen Escorte in das +Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht hatte, die von seiner +Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch kleine Namenszettel bezeichnete +Rangliste der Sitzenden, gründlich durch einander zu werfen und zu +verwirren.</p> + +<p>Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_034" id="Pg_034">[S. 34]</a></span> + +Tafel, mit Herrn Randolph an der einen und dem Director an der andern +Seite; neben diesen die Frau Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und +Herrn Rohrland, Oskar selber zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr +gern unterhielt, und den Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf +die andere Seite zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts +von Felix zu sitzen kam.</p> + +<p>Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und +mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen. +Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an +der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick +zuwarf.</p> + +<p>Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten +Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, um +Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder umdrehte, +war das Unglück geschehen.</p> + +<p>»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt – »wie – wie +haben Sie sich denn gesetzt?«</p> + +<p>»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« + +<span class="pagenum"><a name="Pg_035" id="Pg_035">[S. 35]</a></span> + +antwortete der Baron scharf – es war die einzige Rache, die er nicht +unter seiner Würde hielt.</p> + +<p>»Aber das ist ja ganz falsch – eine Verwechselung!«</p> + +<p>»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die +sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte – »wir bleiben so, +nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der +Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte – »so +ein Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«</p> + +<p>Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar wohl +zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen Platz nicht +eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer Änderung +stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und mit einem +kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn Rohrland hinein. Dann +kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also Zusammengewürfelten +begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel, eine lebhafte +Unterhaltung.</p> + +<p>Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die +Luft gesetzt. Wie hatte + +<span class="pagenum"><a name="Pg_036" id="Pg_036">[S. 36]</a></span> + +er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu halten sich vorgenommen +»mit der jungen Dame an meiner Seite« – rechts saß der Pastor, links +der trockene Kaufmann Rohrland, und seine Schwiegermutter in spe konnte er +nicht einmal ansehen, um den geeigneten Moment aufzufangen; er hätte dann +um den dicken Beckstein herumgucken müssen.</p> + +<p>Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die +Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den +beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein +vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem +Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten – +und doch war ihr das Herz dabei so weh – so sonderbar bedrückt +– sie wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, +weshalb – und ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, +beschäftigte sich ausschließlich mit <em class="gesperrt">seiner</em> +Nachbarin zur Rechten.</p> + +<p>Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr +vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, +gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau + +<span class="pagenum"><a name="Pg_037" id="Pg_037">[S. 37]</a></span> + +und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die +segensreichsten Folgen für die Colonie tragen mußten.</p> + +<p>Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male, +sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden – aber umsonst. Die +Frau Pastorin hielt, was sie einmal hatte – welches Zeugniß ihr auch +ihr Mann zu Zeiten ausstellte – und er mußte sich endlich in sein +Schicksal ergeben und ruhig und geduldig ausharren.</p> + +<p>Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur +unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der sich +unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte +sie das Gesicht schon gesehen – wo diese Züge, die ihr so merkwürdig +bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem jungen +Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf eine falsche +Fährte brachten? – Felix konnte es eben so wenig entgehen, daß ihn +die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinübersah +– aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast spöttisches +Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein <i>vis-à-vis</i> zuletzt so, +daß sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_038" id="Pg_038">[S. 38]</a></span> + +sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu fragen, wo sie sich +schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa +Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß +sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von +Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem dicken Nachbar weggerufen +hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« – und der Pastor, +durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach der verkehrten Seite +umsah.</p> + +<p>Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf, +trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:</p> + +<p>»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es – daß es jetzt etwa +Zeit sein dürfte, der Gesellschaft – der Gesellschaft den wichtigen +Schritt mitzutheilen? – Wir sind schon beim Dessert.«</p> + +<p>»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen +flüchtigen Blick über die Gäste werfend – »es wird in der That Zeit; +bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben verneigte sich – es war ihm in der That <em +class="gesperrt">nicht</em> recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum +zu bitten, aber es ließ + +<span class="pagenum"><a name="Pg_039" id="Pg_039">[S. 39]</a></span> + +sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen +hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben +mochte, denn sie erbleichte sichtbar.</p> + +<p>Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich +selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron +und flüsterte diesem einige Worte leise zu.</p> + +<p>»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier <em +class="gesperrt">unten</em> von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«</p> + +<p>»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«</p> + +<p>»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.</p> + +<p>»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund +– »hm – es ist – eigentlich gegen meine Grundsätze, aber +– wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, junger Freund« – und +er stand dabei langsam von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den +Fuß des vor ihm stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern +Hand leicht seinen Messerrücken dagegen schlug.</p> + +<p>»Meine Herrschaften!«</p> + +<p>»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_040" id="Pg_040">[S. 40]</a></span> + +das Anschlagen des Glases gehört hatte und mit dem Käseteller auf den Baron +zufuhr.</p> + +<p>»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias +mit seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn +erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle +Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu nennen, +die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses Leben zu +wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche einstimmen +werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und keine Dornen, nur +Sonne und keinen Schatten ....«</p> + +<p>»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.</p> + +<p>»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und +ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse Helene +und Herrn Arno von Pulteleben – Sie leben hoch!«</p> + +<p>»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser +erhebend und gegen einander stoßend.</p> + +<p>»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen +Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein +füllte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_041" id="Pg_041">[S. 41]</a></span> + +Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas +entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:</p> + +<p>»Erlauben Sie, <em class="gesperrt">Comtesse</em>, daß ich der Erste +sei, der Ihnen seinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn +von Pulteleben bringt – es ist ja auch das Einzige, was wir anderen +armen Teufel bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden +mögen, daß er die – schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«</p> + +<p>Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm +auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei +ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment +in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser, +herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«</p> + +<p>Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner +Braut zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern +wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er +drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus dem +Weg gesetzt zu sein.</p> + +<p>»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau +Pastorin, die das Geheimniß + +<span class="pagenum"><a name="Pg_042" id="Pg_042">[S. 42]</a></span> + +schon einige Tage früher als die betreffenden Personen selbst gewußt hatte +– »ei, da gratulir' ich ja recht von Herzen und von ganzer Seele und +mit ganzem Gemüth, und der Herr gebe seinen reichsten Segen dazu – +und was man Ihnen sonst noch alles Gute wünschen kann!«</p> + +<p>Helene stieß mit Allen an – sie wußte gar nicht mit wem – +sie bemerkte auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein +Glas mit dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:</p> + +<p>»Meine liebe, liebe Helene – o, daß ich Sie jetzt so nennen +darf!«</p> + +<p>Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte +sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch Jeremias +mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern konnte, stieß +der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich zunickend, mit ihm an +und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.</p> + +<p>Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.</p> + +<p>Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie +unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor jetzt +ein + +<span class="pagenum"><a name="Pg_043" id="Pg_043">[S. 43]</a></span> + +langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten« Gelegenheit +verfaßt hatte.</p> + +<p>Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen +Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen, vorsichtig +die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich, daß der +Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch alle, nur +Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte beschäftigt, +hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung desselben wieder +niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen, wenn ihn der dicht +hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und gehalten hätte.</p> + +<p>Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix +wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu ihm +und sagte freundlich:</p> + +<p>»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja, +bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu +einem Begräbniß geladen wären!«</p> + +<p>»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber +wahrhaftig, Günther, ich – wollte, ich wäre gar nicht hierher +gekommen. Ich fühle, daß ich anfange bitter und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_044" id="Pg_044">[S. 44]</a></span> + +vielleicht ungerecht zu werden, und – Andere entgelten lasse, was +– möglicher Weise Andere gar nicht verschuldet haben.«</p> + +<p>»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn +ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen +früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«</p> + +<p>»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt +empfehlen könnten?«</p> + +<p>»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen, +was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen +können.«</p> + +<p>»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«</p> + +<p>Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors +habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen Debatte +über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie verhandelte.</p> + +<p>Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf +und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und +der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und +beobachtete + +<span class="pagenum"><a name="Pg_045" id="Pg_045">[S. 45]</a></span> + +Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha saß.</p> + +<p>Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben +– die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte +sie ja überhaupt nie hinaus.</p> + +<p>»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte, +einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit der +stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde – »thun Sie +mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser – ich werde Sie +königlich belohnen!«</p> + +<p>»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche, +ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen – da hinten steht die Caraffe +mit Gläsern – bitte, langen Sie zu – oder wollen Sie lieber den +Kaffee haben? Der ist dünn genug.«</p> + +<p>Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen, +sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest +zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben, um nach +Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix vorüberrauschte und +mit dem Fächer dabei wedelte und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_046" id="Pg_046">[S. 46]</a></span> + +Herrn Rohrland gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch +aufgehoben, wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer +imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen +musternd, sagte sie scharf:</p> + +<p>»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name – ah, ja, +Randolph – wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht +kommt mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa +Catharina?«</p> + +<p>»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,« +sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter +verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf +von Rottack.«</p> + +<p>Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch +klar und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein +Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und +Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr und +furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, vor ihm +stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.</p> + +<p>»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« + +<span class="pagenum"><a name="Pg_047" id="Pg_047">[S. 47]</a></span> + +rief Helene, welche in diesem Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren +Armen stützte.</p> + +<p>»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte +sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director +gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn vor +die Thür hinaus.</p> + +<p>»Willst Du fort?« fragte dieser.</p> + +<p>»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte +Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde in +die Nacht hinaus.</p> + +<p>Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge scheu +umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr erstaunter +Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig war, um +Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er vernommen. Er trat +indessen rasch auf sie zu und fragte artig:</p> + +<p>»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein +wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück – +»ich danke Dir, mein + +<span class="pagenum"><a name="Pg_048" id="Pg_048">[S. 48]</a></span> + +Kind – »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven spielen mir +manchmal einen solchen Streich.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen +und gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten Stuhl +gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen Spaziergang +im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte jedenfalls auf +eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten Gäste waren aber +müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction zugebracht, der Director +schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem dem Wein sehr tüchtig +zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so rüstete sich Alles zum +Aufbruche.</p> + +<p>Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen +– Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit – alle +Tücher und Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen +waren. Aber auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein +Wenig in den Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in +der frischen Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von +Pulteleben noch einmal in das Zimmer der Damen – hatte er doch jetzt +ein Recht gewonnen, sich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_049" id="Pg_049">[S. 49]</a></span> + +ihnen vertraulich zu nähern – und bat Helenen, daß sie ihm erlauben +möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn heute gemacht +habe.</p> + +<p>»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn +sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen – »ich +habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch +eigentlich noch zu früh.«</p> + +<p>»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte +Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.«</p> + +<p>»Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die +ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan +entworfen hatte – »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland +her – er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin +Rottack.«</p> + +<p>»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah +ihre Mutter überrascht und fragend an.</p> + +<p>»Ja – ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese +fort – »Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine +erschütternde Nachricht mit – den Tod einer Verwandten von ihm, +was mich etwas angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein, +lieber Arno, und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_050" id="Pg_050">[S. 50]</a></span> + +ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein Geheimniß +verrathen habe – aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit zur +Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte – ich habe mir +die Sache heute hin und her überlegt, und – da Ihr doch jetzt mit +einander verlobt seid, so – thut es eigentlich kein Gut, die Sache zu +lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit recht +bald – so bald als irgend möglich gefeiert werde.«</p> + +<p>»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von +Pulteleben entzückt aus.</p> + +<p>»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein +eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz.</p> + +<p>»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten +mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen +können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach +Santa Catharina zu ziehen.«</p> + +<p>»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt – +»woraus schließen Sie das?«</p> + +<p>»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr +die Gräfin fort, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_051" id="Pg_051">[S. 51]</a></span> + +»da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts weniger als +passender Platz ist.«</p> + +<p>»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?«</p> + +<p>»Entschieden – aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen +solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und ich +habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel erkundigt. +Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir die Auswahl +unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in Massen nach dem +Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier, und dann – +die Hauptsache – finden wir selber einen viel besseren Markt für +unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit dem Süden, +ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.«</p> + +<p>»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße +Vermuthung hin eine solche Reise ...«</p> + +<p>»Bloße Vermuthung – das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie +nicht sieht – Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So +laß Dir denn sagen, daß ich, um <em class="gesperrt">ganz</em> sicher zu +gehen, schon vor mehreren Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem +letzten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_052" id="Pg_052">[S. 52]</a></span> + +Dampfer Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen – und +zwar sehr günstige Nachricht.«</p> + +<p>»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem +kleinen Wechsel darin.«</p> + +<p>»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die +Mutter – »ich habe <em class="gesperrt">zwei</em> bekommen, einen +von Deutschland und einen von Santa Catharina, den mir der Director selber +mitgebracht; wenn Du dem aber, was <em class="gesperrt">ich</em> sage, +nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens selber überzeugen +– hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf meiner Toilette; +der in dem gelben Couvert – es ist nur der eine da.«</p> + +<p>Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder +zurückrief.</p> + +<p>»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.«</p> + +<p>»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.«</p> + +<p>»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch +einander,« – und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, +aus der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_053" id="Pg_053">[S. 53]</a></span> + +»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf, »nun +lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich ebenfalls +überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser thun können, als +nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind unbedeutend, und wir bringen +in zwei Monaten reichlich die möglichen Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir +aber diese Reise zusammen machen, werden Sie selber einsehen, daß es nöthig +ist die Trauung vorher zu halten – schon des Geredes der Leute wegen. +Nun, lies nur laut, Helene, Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin +über unseren Umzug denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet +uns sogar an in ihrem Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung +hergerichtet haben.«</p> + +<p>Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre +Mutter groß und starr an.</p> + +<p>»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch +eine ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß – der Brief ist ja +portugiesisch, und Sie verstehen ihn nicht, Arno – gieb ihn mir, ich +werde ihn übersetzen.«</p> + +<p>»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus +der Hand zu geben, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_054" id="Pg_054">[S. 54]</a></span> + +oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist <em +class="gesperrt">nicht</em> von Santa Catharina.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Nicht</em> von Santa Catharina?« rief die Gräfin, +sich erschreckt halb vom Sopha hebend – »dann – dann habe +ich die Couverts verwechselt – gieb ihn mir – gieb ihn mir!« +– und in einer Aufregung, die besonders Herrn von Pulteleben staunen +machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe aus.</p> + +<p>»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene +aufstehend – »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch <em +class="gesperrt">einmal</em> lesen möchte – gute Nacht!« – und +ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der verblüffte Bräutigam ein Wort +dagegen einwenden konnte, schritt sie durch die Stube in ihr dicht daran +stoßendes Zimmer und riegelte die Thür hinter sich ab.</p> + +<p>»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls +aufstehend und seine Schwiegermutter <i>in spe</i> etwas verdutzt ansehend +– »was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst +geworden?«</p> + +<p>Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern – wollte Herrn von +Pulteleben eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem +Augenblick nicht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_055" id="Pg_055">[S. 55]</a></span> + +»Ich bitte – lieber Arno – lassen Sie – lassen Sie mich +jetzt allein,« sagte sie verstört – »ich habe mit dem Mädchen zu +reden – Sie – Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie +hat.«</p> + +<p>»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem +er seinen Hut ergriff – »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich +vielleicht ...«</p> + +<p>»Es ist Nichts – Helene ist – ein verzogenes Kind.«</p> + +<p>»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem +vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere Richtung +zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier unten total +überflüssig sei – wenn er auch noch lange nicht begriff weshalb, und +in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen Zimmer empor und +legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, und die Gräfin +hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's Thür ging, und +dort – fast wie schüchtern – anklopfte.</p> + +<p>»Helene!«</p> + +<p>Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.</p> + +<p>»Helene! – Mach' auf – laß uns vernünftig mit einander +reden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_056" id="Pg_056">[S. 56]</a></span> + +Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie durch +das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte.</p> + +<p>»Helene! Sprich wenigstens mit mir!«</p> + +<p>Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau +Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_057" id="Pg_057">[S. 57]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC03" id="TOC03"></a>3.<br /> + +Auf Köhler's Chagra.</h2> + + +<p>Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos' +Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie die +nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther schien +jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus allen Kräften +vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige Thätigkeit in +Brasilien abzuschließen.</p> + +<p>Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese +Zurüstungen gesehen, sich angezogen – er machte überhaupt jeden +Morgen zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang +– und war + +<span class="pagenum"><a name="Pg_058" id="Pg_058">[S. 58]</a></span> + +hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn einzuschlagen, +und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er Jemanden +erwarte.</p> + +<p>Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür +oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern ein +paar huldvolle Worte zu wechseln – er zeigte sich gern herablassend, +wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab – kam er auch +zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei seiner Arbeit saß, +und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz erwiederte.</p> + +<p>»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das +Fensterbret legte – »immer so fleißig?«</p> + +<p>»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit +aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und – die Zeit todt zu +schlagen. Was soll man anders thun?«</p> + +<p>»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen« +nicht so ganz einverstanden schien – »ja – ist eigentlich ein +einsames Leben in der Colonie.«</p> + +<p>»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller + +<span class="pagenum"><a name="Pg_059" id="Pg_059">[S. 59]</a></span> + +Brust vor sich hin, und stach nur so viel eifriger in das Leder.</p> + +<p>»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die +Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde – »Nichts wieder +gehört von Eurem Proceß?«</p> + +<p>»Mit der Geistlichkeit?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Nicht das Geringste und – werde auch wohl Nichts wieder darüber +hören, als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts +damit zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich +nicht ankämpfen – der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden. +Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da – hab' ich denn +natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«</p> + +<p>»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm +wurde – »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend, +ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.</p> + +<p>Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold, +der für den Baron arbeitete.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_060" id="Pg_060">[S. 60]</a></span> + +»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er +vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.</p> + +<p>»Guten Morgen, Meister Berthold – ob ich <em +class="gesperrt">was</em> weiß?«</p> + +<p>»Der Justus ist fort – der Kernbeutel, mein' ich, der andere +Schneider – den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«</p> + +<p>»Fort? Wohin? Durchgegangen?«</p> + +<p>»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus +fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber +Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit – es +sind nun schon ein paar Tage her – nicht wieder nach Haus gekommen. +Die Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld +habe sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft +herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt +schuldig, der Lump!«</p> + +<p>»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört – guten Morgen, Meister!« +sagte der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür +erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem +Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_061" id="Pg_061">[S. 61]</a></span> + +Gurt noch einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der +Straße herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem +jungen Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte +lächelnd:</p> + +<p>»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen +gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet +sind.«</p> + +<p>»Ah, guten Morgen, Herr Baron – auch schon auf?«</p> + +<p>»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn +man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen +Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen, ohne +augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise hingehen, +wenn man fragen darf?«</p> + +<p>»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht +auf die Schulter schlug – »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich +einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen +brauche. – Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor +der Civilisation.«</p> + +<p>»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer + +<span class="pagenum"><a name="Pg_062" id="Pg_062">[S. 62]</a></span> + +gehen?« lächelte der Baron etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm +zu barock, als daß er ihnen hätte folgen können.</p> + +<p>»Vielleicht,« lachte Felix – »und ich glaube bei Gott, ich passe +besser zu <em class="gesperrt">ihnen</em>, als in diese erlogenen +und künstlichen Verhältnisse, die wir im gewöhnlichen Leben die <em +class="gesperrt">Gesellschaft</em> nennen.«</p> + +<p>»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron +schmunzelnd, »aber – ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da +draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen – und +wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die +Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um einen +Vogel aus der Luft zu schießen – möchte ich noch eine Frage an Sie +richten, lieber <em class="gesperrt">Graf</em>.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Graf</em>?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch +zu.</p> + +<p>»Bst, bst,« lächelte der Baron – »ich weiß recht gut daß Sie ein +Schelm sind – hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt – +aber ganz unter uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen +gebührenden Rechte hier auftreten wollen – doch – eine Frage +müssen Sie mir beantworten, ehe Sie gehen« – und er schob dabei + +<span class="pagenum"><a name="Pg_063" id="Pg_063">[S. 63]</a></span> + +seinen Arm in den des jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, +denn er wollte sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.</p> + +<p>»Und die ist? Ich bin doch begierig.«</p> + +<p>»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus +jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter +Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen und +der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten Antheil an +ihrem Wohlergehen.«</p> + +<p>»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«</p> + +<p>»Ich komme gleich zur Sache – Sie – machten gestern Abend +der Frau Gräfin eine Entdeckung.«</p> + +<p>»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.</p> + +<p>»Hm – nicht unmittelbar – zufällig – die Frau Gräfin +schien sehr bestürzt darüber – auffallend bestürzt – ich habe +sie in der That so noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und +charakterfeste Dame.«</p> + +<p>»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war, +dem Baron <em class="gesperrt">nicht</em> auf halbem Wege entgegen zu +kommen.</p> + +<p>»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte +nicht, wie er auf die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_064" id="Pg_064">[S. 64]</a></span> + +geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte – »ich – ich muß +Ihnen nur gestehen, lieber Graf – aber ich gebe Ihnen nochmals mein +Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen Hintergedanken – daß +ich schon seit einiger Zeit – ich weiß eigentlich selber nicht recht, +weshalb – den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«</p> + +<p>»Daß?«</p> + +<p>»Daß die Frau Gräfin – daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich +sagen – verstehen Sie mich vielleicht?«</p> + +<p>»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des +Barons amüsirte.</p> + +<p>»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden – ich gebe es zu,« +fuhr der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander +rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte – »und unter +anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal +gerechtfertigt erscheinen.«</p> + +<p>»Stehen Sie in einem <em class="gesperrt">Verhältnisse</em>, Herr +Baron?«</p> + +<p>»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch +und ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist kein +persönliches Interesse, sondern nur das, was ich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_065" id="Pg_065">[S. 65]</a></span> + +an der Aufrechterhaltung des <em class="gesperrt">Standes</em> im +Allgemeinen nehme. <em class="gesperrt">Jetzt</em> haben Sie mich doch +verstanden?«</p> + +<p>»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit +einem boshaften Lächeln.</p> + +<p>»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu +reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also ganz +aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, denn wir +Beide <em class="gesperrt">sind</em> es unserem Stande schuldig.«</p> + +<p>»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«</p> + +<p>Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest +in's Auge und sagte:</p> + +<p>»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«</p> + +<p>»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin +heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick herunter +kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie thun mir +einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten bei Seite lassen +und mir gerade heraus sagen, um welchen <em class="gesperrt">wichtigen</em> +Gegenstand Sie mich fragen wollten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_066" id="Pg_066">[S. 66]</a></span> + +Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.</p> + +<p>»Und ist Ihnen <em class="gesperrt">der</em> Gegenstand <em +class="gesperrt">noch</em> nicht wichtig genug?« brachte er endlich mühsam +heraus.</p> + +<p>»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der +junge Mann jetzt gerade heraus.</p> + +<p>»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.</p> + +<p>»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine <em +class="gesperrt">bestimmte</em> Antwort darüber geben zu können, und ich +muß Sie – wieder auf Ihren kleinen Finger verweisen. – Da kommt +auch schon Schwartzau mit Könnern – wir müssen fort – also +auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten ließ er den über solche +Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf dem Wege stehen, schwang +sich in den Sattel und sprengte gleich darauf mit Günther und von den +Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die Straße hinauf. –</p> + +<p>Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde +erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten zu +sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit fremden, +gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über alltägliche + +<span class="pagenum"><a name="Pg_067" id="Pg_067">[S. 67]</a></span> + +Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer – so schwer +und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund bemitleidet zu +werden.</p> + +<p>Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf +und ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther +gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals so +leichten Herzens – so glücklich gewesen – er wollte die Stunden +noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter +geblieben auf der Welt, als an <em class="gesperrt">gehofftes</em> Glück +<em class="gesperrt">zurück</em>zudenken.</p> + +<p>So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des +Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere +Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht +ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als er +den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze Colonie +Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.</p> + +<p>Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich +zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick so + +<span class="pagenum"><a name="Pg_068" id="Pg_068">[S. 68]</a></span> + +rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er Alles +gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe – und +Alles wiederum verloren hatte – Glück und Liebe.</p> + +<p>Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde – da +unten in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte, +ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da +drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das arme +süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen sollte +und jetzt – wenn auch mit zitternder Hand – den Wanderer wieder +allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.</p> + +<p>Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd +nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und Kummer +zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben war, +sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt schon +freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in dem +Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken +gesehen, ihre liebe Stimme gehört, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_069" id="Pg_069">[S. 69]</a></span> + +in ihre treuen Augen geschaut hatte, so lange war es ihm, als ob er +noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie wiederkehren <em +class="gesperrt">müsse</em>, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und +mit leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.</p> + +<p>Fort, fort mit den Gedanken! – Das bittere Gefühl der +Verlassenheit stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd +herumwerfend, als ob er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn +er den theuren Platz selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg +entlang und sah sich plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer +Köhler gegenüber, in dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war +und dem er sogar versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte +er nicht Alles vergessen und vergessen <em class="gesperrt">müssen</em> in +der Zeit!</p> + +<p>Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten +zu haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich +entgegenrief:</p> + +<p>»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen lang +gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal wiederzusehen, +denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen. Und wie ist's +gegangen in der Colonie?« + +<span class="pagenum"><a name="Pg_070" id="Pg_070">[S. 70]</a></span> + +fuhr er fort, als er zum Pferd trat und Könnern herzlich die Hand +schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der Graue sieht auch prächtig aus. Dem +ist da unten Nichts abgegangen, wie es scheint. – Aber so steigen +Sie doch nur ab; Sie wollen doch wahrhaftig nicht im Sattel sitzen +bleiben?«</p> + +<p>Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. +Die Einladung war auch so treuherzig geboten – er hätte dem guten +Menschen schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht +gewesen wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen +Trübsinn zu vergessen.</p> + +<p>Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau +empfangen!</p> + +<p>»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die +Hand entgegenreichte – »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr +Euch auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen +und Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,« +setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an – »gar schlecht seht +Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und munter +wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. + +<span class="pagenum"><a name="Pg_071" id="Pg_071">[S. 71]</a></span> + +Seid Ihr krank gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund +genug?«</p> + +<p>»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend – »vielleicht +der Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«</p> + +<p>»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem +glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend – sie hatte im Nu alles +Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine Arbeit +auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu <em class="gesperrt">ihm</em> +springen müsse, sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen +aufthut.« – »Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich +dabei im Zimmer um – »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es +sieht auch heute Morgen noch so wild bei uns aus – freilich, Besuch +hatten wir so früh noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause +zu thun, und noch dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen +geradezu von Allem abhält, was man thun möchte.«</p> + +<p>»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«</p> + +<p>»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus – »da sei +Gott vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte – ich glaube, ich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_072" id="Pg_072">[S. 72]</a></span> + +– aber ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für +Reden führt!«</p> + +<p>»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und +ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher +komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«</p> + +<p>»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn +Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«</p> + +<p>»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen +schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen – +wir haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher +frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man sich +erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«</p> + +<p>»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann +allein bleiben – ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da +wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem erst +der Schreihals gefüllt ist. – So macht nur daß Ihr wiederkommt. Grüß' +Gott, Fremder!«</p> + +<p>Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah, +wie dieser dort + +<span class="pagenum"><a name="Pg_073" id="Pg_073">[S. 73]</a></span> + +sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund jagte, und folgte ihm +dann in das Feld.</p> + +<p>»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann – »fehlt Euch wirklich +Etwas?«</p> + +<p>»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln – »das +Einzige ausgenommen, was <em class="gesperrt">Ihr</em> habt und mir kein +Arzt der Welt geben kann – eine glückliche Häuslichkeit.«</p> + +<p>»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich <em +class="gesperrt">auch</em> keinen Arzt gebraucht; die macht man sich eben +selber.«</p> + +<p>»Wie man's trifft,« seufzte Könnern – »Ihr aber habt das große +Loos gezogen mit der Frau.«</p> + +<p>»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s +ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune – ich +kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. – +Und der Junge – ist das nicht ein Prachtkerl – habt Ihr schon +einmal einen solchen Jungen gesehen? – Aber der Alten darf ich's +nicht merken lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich +bis auf's Blut – und das kann sie – das versteht sie aus dem +Grunde.«</p> + +<p>Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück, +bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend + +<span class="pagenum"><a name="Pg_074" id="Pg_074">[S. 74]</a></span> + +an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus in +den dunkeln Wald zog – freudlos und allein – sah sie mit +wunden Füßen und krank in einer Hütte liegen – sah den Vater über +sie gebeugt, der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur +vermehrte, und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten +Hand gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander +sprengte.</p> + +<p>Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere +Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm +trefflich auf dem guten Land belohnte.</p> + +<p>»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von +wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren – +»da habe ich einen Versuch gemacht, und +Sorgho<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1" +class="fnanchor">[1]</a> + +zu Viehfutter gesteckt – und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's +aus! Das ist ein famoses Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen +sollte – und wie leicht ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir +ihn in den Boden, drei Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_075" id="Pg_075">[S. 75]</a></span> + +den Boden locker, und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten +Mal. Aber er giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« +treibt er noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf +Wochen schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem +ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert, +daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr <em class="gesperrt">fünf</em>mal +geschnitten hätte.«</p> + +<p>»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der +Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.</p> + +<p>»Nicht besonders – leichter Boden thut's, und selbst Hitze +und Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle +herbekommt. – Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn +gestanden hat – was für Stengel – ja, das muß wahr sein, der +Boden hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da +oben viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das +Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter +einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_076" id="Pg_076">[S. 76]</a></span> + +»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von Futterkräutern +eignete.«</p> + +<p>»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt +Nichts als seinen eigenen Wein – gerade aus Widerspruch, weil's eben +kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth +Alles – wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. – Nur +mit dem Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, +ja, da ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber +nachher gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr +vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen +wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse +und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen +aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als wir +hier.«</p> + +<p>»Und wie steht's mit dem Tabak?«</p> + +<p>»Gut – von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz +hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber +– ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder +an was es sonst vielleicht liegt – der ganze Tabak taugt eigentlich +nicht + +<span class="pagenum"><a name="Pg_077" id="Pg_077">[S. 77]</a></span> + +viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen +Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser als +die von Bahia.«</p> + +<p>»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern, +der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten +Umzäunungen gleiten ließ – »man sieht doch gleich, wo eine deutsche +Hand gearbeitet hat.«</p> + +<p>»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im +Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie wir's +daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn wir +selber selbstständig werden.«</p> + +<p>»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«</p> + +<p>»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die +Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom +Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau und +zwei Kindern – meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die +Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen, und +auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste + +<span class="pagenum"><a name="Pg_078" id="Pg_078">[S. 78]</a></span> + +Zeit über Wasser halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der +Regierung, und nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, +daß es eine Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen +Teufel, die daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer +genug gehabt, wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine +nothdürftige Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre +Felder, sahen ihre Heerden sich vermehren – und ihre Kinder auch, und +fanden plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten +Chagra hätten. Mein Alter – und viele andere Alte machten es eben so +– schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich +einen neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere +Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften +fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so gut +verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch einmal +von vorn anzufangen, und wie <em class="gesperrt">ich</em> flügge wurde, +ließ er mich hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.</p> + +<p>»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in +der Gegend und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_079" id="Pg_079">[S. 79]</a></span> + +in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt, werdet Ihr überall +Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und deren Eltern doch +daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche ein halbes Pfund +Fleisch gönnen konnten.«</p> + +<p>Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte +besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener vor +fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts mitgebracht +habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie gut es ihnen +ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und zeigte dem +Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste Jahr schon +wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für seine Frau +gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte – und dann, nachdem +er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar machten, +führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch den Gemüsegarten +und die Ställe zu zeigen – Ställe nämlich nur für die Mastschweine, +die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief lustig draußen im +Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_080" id="Pg_080">[S. 80]</a></span> + +Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume, +an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz +erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons +Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem Hause, +und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf hinaus.</p> + +<p>Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens +erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf aus dem +Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen Blumenkohl, den +er hier gezogen – er schwieg plötzlich und horchte nach dem Hause +hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.</p> + +<p>»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau +hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht <em +class="gesperrt">so</em> viel daraus. – Ja, was ich gleich sagen +wollte, der Blumenkohl hier ist meiner Frau größter Stolz, denn den +hat« – wieder hielt er inne, denn nochmals kam aus dem Hause ein +merkwürdiger Laut, der weit mehr einem ärgerlichen Schrei als einem Zanken +glich.</p> + +<p>»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_081" id="Pg_081">[S. 81]</a></span> + +meinen Namen gehört hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch +dem Hause zu, wohin ihm Könnern folgte.</p> + +<p>»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit +zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches <em +class="gesperrt">mußte</em> dort geschehen sein.</p> + +<p>Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und +blieb erstaunt mit einem lauten <em class="gesperrt">Halloh</em>? auf der +Schwelle stehen, denn in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter +ältlicher Herr, hatte <em class="gesperrt">seine</em> Frau umfaßt, die sich +aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und suchte sie mit dem einen Arme +an sich zu ziehen, während er mit dem andern ein paar gut gemeinte Stöße +parirte, welche sie nach seinem Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes +ließ er freilich die Frau augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, +mit funkelnden Augen und zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:</p> + +<p>»Gut, daß Du da bist – schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«</p> + +<p>»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr +verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut + +<span class="pagenum"><a name="Pg_082" id="Pg_082">[S. 82]</a></span> + +aus dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen +zu haben.</p> + +<p>Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als +erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war +aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht wußte was +er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, +als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:</p> + +<p>»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die +verschiedenen Colonien?«</p> + +<p>»Also <em class="gesperrt">das</em> ist der neue Director?« rief Köhler +jetzt, der vor innerem Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst +anfassen sollte – »das ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus +seiner Stelle gebissen hat und jetzt in den Colonien herumkriechen +und Stänkereien anrichten will! Ei, da soll doch gleich ein heiliges +Kreuzdonnerwetter ...«</p> + +<p>»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor +der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend – »ich +sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«</p> + +<p>»Ich mache <em class="gesperrt">auch</em> nur Spaß,« sagte der junge +Bauer, den Arm nach ihm ausstreckend und seinen Kragen erfassend – +»nur zum Spaß will ich Sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_083" id="Pg_083">[S. 83]</a></span> + +einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das nächste +Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«</p> + +<p>»Herr Köhler – ich werde jeden gewaltsamen Angriff« – schrie +der Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers – aber er +kam nicht weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt +wurde, als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im +nächsten Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher +Gewalt hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und +fiel mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine +ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.</p> + +<p>»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch +noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher +gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte – +»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben bei +mir zu sehen?«</p> + +<p>Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben +spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's +Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel + +<span class="pagenum"><a name="Pg_084" id="Pg_084">[S. 84]</a></span> + +leichter hinweggesetzt haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und +ohne sich selber so lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur +oberflächlich zu reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf +ihn über, stieg in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, +der Colonie wieder zu.</p> + +<p>»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern +umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene +gewesen war – »hat er Dir weh gethan, Trine?«</p> + +<p>»Ich hab' <em class="gesperrt">ihm</em> weh gethan,« sagte die junge, +prächtige Frau lachend, »und das blaue Auge und die blutige Nase wird er +wohl eine Woche unten im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«</p> + +<p>»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so +forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd – »eigentlich hätt' ich ihm +vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen – es ist mir nur zu spät +eingefallen – des guten Beispiels wegen, mein' ich.«</p> + +<p>»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, +die härteste Strafe für ihn war, daß gerade <em class="gesperrt">ich</em> +daneben stand und Zeuge seiner Demüthigung sein konnte.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_085" id="Pg_085">[S. 85]</a></span> + +»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht Schläge +ist auch nicht so übel, und verdient <em class="gesperrt">hatte</em> er +sie.«</p> + +<p>»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau – »'s ist aber so auch +vielleicht besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu +thun gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet +und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich +ungeschoren lassen.«</p> + +<p>»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.</p> + +<p>»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau +– »<em class="gesperrt">das</em> ist ein Mordkerl – der +wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun lassen. Wo war't <em +class="gesperrt">Ihr</em> denn draußen?«</p> + +<p>»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl +besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so +'was?«</p> + +<p>»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder +in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf die +Erde – »ich hol' Euch gleich Alles herein – es ständ' schon +auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre – und wie er mich +zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_086" id="Pg_086">[S. 86]</a></span> + +Spiegel vorbeiging, einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder +flüchtig in Ordnung brachte.</p> + +<p>»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den +Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.</p> + +<p>»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen – »er fragte +nach Dir, und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er +wahrscheinlich, <em class="gesperrt">er</em> hätt's Preh! Der alte Esel!« +und lachend warf sie die Thür hinter sich zu.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_087" id="Pg_087">[S. 87]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC04" id="TOC04"></a>4.<br /> + +Helene.</h2> + + +<p>Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben sehr +früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu versäumen, +seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie nur gestern +Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich mitten im Binden +seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen gestrigen Abschied +dachte – aber die alte Dame war ja oft so wunderlich und eigenwillig. +Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber ausgegangen zu sein, +und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als sie vom Tische aufstand +und in ihr Zimmer ging.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_088" id="Pg_088">[S. 88]</a></span> + +Was nur in dem <em class="gesperrt">Briefe</em> gestanden hatte? Der war +jedenfalls schuld daran gewesen – aber wenn er Helene heute darum +fragte, <em class="gesperrt">ihm</em> sagte sie es gewiß, denn sie waren ja +jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so gut wie Eheleute, und Eheleute +sollen ja nie Etwas vor einander geheim halten.</p> + +<p>Eheleute – wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber +angewandt, vorkam – er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht +fertig – Eheleute – wie ehrbar das klang und wie – wie +solid und dauernd – und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht +hatte – und wie wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand +daran schuld wie der Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen +eingeschmuggelt hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ +die beiden Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten +Händen nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.</p> + +<p>Ob die – Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er +hier als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das +jetzt gerade einfiel – aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene +Kleider – Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her + +<span class="pagenum"><a name="Pg_089" id="Pg_089">[S. 89]</a></span> + +durch den Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es +einmal einen Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten +durch einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die +Schwiegermutter.</p> + +<p>Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That nicht +läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr abzustreiten +– eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich gratuliren, +daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte er sich selber +nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken nicht Raum zu geben, +die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen wollten.</p> + +<p>Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar +gewordene Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter <em +class="gesperrt">allein</em>, sondern immer in Verbindung mit ihr auch an +<em class="gesperrt">Geld</em> denken mußte. So fiel ihm denn auch jetzt, +in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand ein und +was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. – Aber er hatte +an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem Schooner +nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein kleines +Capital aus dem Vater heraus, wenn sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_090" id="Pg_090">[S. 90]</a></span> + +erfuhr, daß ihr Arno unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch +außerdem die einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön +– wie bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie +sein, wenn er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!</p> + +<p>Da klopfte Jemand – es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte +wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und +unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.</p> + +<p>»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem +einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der andern +Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur verwundert an +und sagte:</p> + +<p>»Sichtbar?«</p> + +<p>»Ist sie schon angezogen und auf?«</p> + +<p>»Weiß ich nicht.«</p> + +<p>»Im Garten war sie noch nicht?«</p> + +<p>»Nee.«</p> + +<p>»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend, +während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst +noch in aller Ruhe trinken – ist doch eigentlich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_091" id="Pg_091">[S. 91]</a></span> + +der schönste Moment vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen +Tisch nieder, um sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine +Braut diese letzte Bemerkung nicht gehört.</p> + +<p>Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als +Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute +übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der +Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der Eine +von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen Morgen +ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche +Schwierigkeiten zu bereiten drohte.</p> + +<p>Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische +Dinge; er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die +Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei +schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um bei +Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen Spaziergang +mit ihm machen wolle.</p> + +<p>Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast +jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer + +<span class="pagenum"><a name="Pg_092" id="Pg_092">[S. 92]</a></span> + +noch verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.</p> + +<p>Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie +geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und +die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« – +weiter Nichts.</p> + +<p>Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr +nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit erhielt, +daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet seien – +beide Damen waren also schon auf – an beiden Fenstern waren aber +auch die Rouleaux noch herunter – also nach allen menschlichen +Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.</p> + +<p>Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt – er +wußte eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von +Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen. +Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, der +seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, und +hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, denn der +Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise + +<span class="pagenum"><a name="Pg_093" id="Pg_093">[S. 93]</a></span> + +sehr schlechter Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht +auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal +bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen +sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn +gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur +falschen Zeit gekommen sei.</p> + +<p>Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er +hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn +von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, denn +er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziemlich +barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Nase +zu.</p> + +<p>»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben – denn dem sonst so +gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber +auf mein Zimmer und lasse die Leute zu <em class="gesperrt">mir</em> +kommen. Die behandeln Einen ja wie einen – als ob sie Einen auf der +Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging +er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein +Schreibzeug + +<span class="pagenum"><a name="Pg_094" id="Pg_094">[S. 94]</a></span> + +her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des +Menschengeschlechts schildern wollte.</p> + +<p>Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor +etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig +angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr +Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.</p> + +<p>»Wer ist da?«</p> + +<p>»Ich bin's.«</p> + +<p>»Gleich!« sagte die Stimme inwendig – »einen Augenblick nur,« und +Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht +wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat +ein.</p> + +<p>»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster, +um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu +lassen.</p> + +<p>»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der +Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das +hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber +beibehielt, abgelegt + +<span class="pagenum"><a name="Pg_095" id="Pg_095">[S. 95]</a></span> + +zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte ihr sogar einen +Stuhl und sagte:</p> + +<p>»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, +mein Kind?«</p> + +<p>»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die +Mutter anzusehen – »doch – das hat mit dem Nichts zu thun, über +das ich mit Ihnen sprechen möchte.«</p> + +<p>»Mit <em class="gesperrt">Ihnen</em>?« rief die Gräfin erschreckt +– »Helene!«</p> + +<p>»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt – »wir +haben Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in +aller Ruhe geschieht.«</p> + +<p>»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur – wie bist Du?« +rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.</p> + +<p>»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten +Mal voll und ernst in's Auge – »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, +setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen +Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«</p> + +<p>»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit +gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_096" id="Pg_096">[S. 96]</a></span> + +»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus +einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den +sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch +nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Liebe Constance!</p> + +<p style="margin-left: 5%;">Anbei sende ich Ihnen – dieses Mal <em +class="gesperrt">direct</em> – den zweiten Semester-Wechsel für die +Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch +erfüllt und die Adresse an die <em class="gesperrt">Gräfin</em> Baulen +gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden +und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse +nicht, und es <em class="gesperrt">mag</em> vielleicht dort nöthig sein. So +geschehe es denn Helenens wegen.</p> + +<p style="margin-left: 5%;">Es freut mich, so Günstiges über die +Fortschritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten +und wie eine Mutter für sie sorgen.«</p> + +<p>»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und +immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für +Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_097" id="Pg_097">[S. 97]</a></span> + +Helene las ruhig weiter:</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....« +</p> + +<p>»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«</p> + +<p>»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das +<em class="gesperrt">nicht</em> gethan habe?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, +aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr +Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.</p> + +<p>»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen +Stimme wie vorher – »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches +Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter +fremde Menschen?«</p> + +<p>»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre +Augen trocknend – »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das +Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag +dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und +kann den Eid nicht brechen – fordere es nicht!«</p> + +<p>Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer + +<span class="pagenum"><a name="Pg_098" id="Pg_098">[S. 98]</a></span> + +fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust.</p> + +<p>»Ich bin mündig,« sagte sie endlich – »ich bin einundzwanzig Jahr. +<em class="gesperrt">Darf</em> mir der Name meiner Mutter – meiner +Eltern länger vorenthalten werden?«</p> + +<p>»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau +– »gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter +bitten mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn +sie <em class="gesperrt">nicht</em> darein willigt, kann und darf ich es ja +doch nicht thun. Du selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid +auf meine Seele lade.«</p> + +<p>Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die +Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich sagte +sie leise:</p> + +<p>»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">kann</em>, ich <em class="gesperrt">darf</em> +nicht, Kind – wenigstens jetzt noch nicht. Laß Dir Zeit – in +wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen, und ich zweifle +keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides entbinden wird. Dann +von Herzen gern. Aber – was nutzt es + +<span class="pagenum"><a name="Pg_099" id="Pg_099">[S. 99]</a></span> + +Dir, Helene?« fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn – Du +würdest ihr doch nicht nahen dürfen.«</p> + +<p>»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem +Herzen der Mutter fern halten?«</p> + +<p>»Frage mich nicht weiter – dringe nicht in mich, Deiner eigenen +Ruhe wegen.«</p> + +<p>»Also <em class="gesperrt">das dürfen</em> Sie mir doch sagen,« rief +Helene rasch, »und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie +es zurückzuhalten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wissen, <em +class="gesperrt">weshalb</em> mir die Mutter vorenthalten werden soll. Ich +mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen kann, wenn ich es +<em class="gesperrt">nicht</em> erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte +was ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung +keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich denke, +Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«</p> + +<p>Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit +zürnendem, drohendem Blick gegenüber.</p> + +<p>»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus +ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_100" id="Pg_100">[S. 100]</a></span> + +verfügte – »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes +Leben machen wird.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Noch</em> unglücklicher als ich jetzt schon +bin?« lachte Helene bitter – »Sie scherzen, Frau <em +class="gesperrt">Gräfin</em>.«</p> + +<p>»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief +die Frau, jetzt selber gereizt – »wem zu Liebe stürzte ich mich in +Ausgaben, die über meine Mittel gingen – wem zu Liebe hab' ich selbst +die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn +hätte leben können?«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Mir</em> zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt +und bitter, »nur Alles <em class="gesperrt">mir</em> zu Liebe, nicht dem +Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuschen Sie sich nicht, daß +ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur noch einen Augenblick an Ihren +wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan Nichts mehr mit +einander gemein, und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wissen, +welche Schuld auf mir oder meiner Mutter lastet, daß ich ihr nie im Leben +angehören soll?«</p> + +<p>»Gut – Du <em class="gesperrt">sollst</em> es wissen, Undankbare!« +sagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit entschlossenem Blick – +»Du sollst es wissen, um zu + +<span class="pagenum"><a name="Pg_101" id="Pg_101">[S. 101]</a></span> + +fühlen, <em class="gesperrt">wie</em> allein Du auf der Welt stehst, und +wie es mich Ein Wort kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du +jetzt pochst, von Dir zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann +vernünftig werden und einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes +gewollt, wie ich es <em class="gesperrt">noch</em> will, und wie kein +Mensch hier <em class="gesperrt">so</em> für Dich sorgen kann und wird, als +gerade <em class="gesperrt">ich</em>. Vielleicht ist es auch gut so, daß +der Brief in Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch +erfahren müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger +machen und Dich wieder in die Arme <em class="gesperrt">der</em> Frau +führen, die bis jetzt allein eine wirkliche und wahre Mutter für Dich +gewesen ist. Pulteleben selber wird es mir später danken – wenn <em +class="gesperrt">er</em> auch Nichts davon zu wissen braucht.«</p> + +<p>»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im Ton +– »doch davon später – nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen +gefällig ist.«</p> + +<p>Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha +auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück +auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte in's +Ohr.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_102" id="Pg_102">[S. 102]</a></span> + +Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine Minute +lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, deckte ihr +Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den Fingern durch. +Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber ohne einen +Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob sie das Zimmer +verlassen wollte.</p> + +<p>»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und +sie zurückhaltend – »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, +daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in +meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über +das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon sagen, +was Du zu thun und zu lassen hast.«</p> + +<p>»Und glauben Sie, daß ich <em class="gesperrt">darüber</em> auch nur +noch einen Augenblick in Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, +den sie auf die Frau heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.</p> + +<p>»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber +und hinüber werfend – »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich +denken und handeln, Du richtetest + +<span class="pagenum"><a name="Pg_103" id="Pg_103">[S. 103]</a></span> + +Dich von vorn herein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird seine bittere Noth +mit Dir bekommen.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,« +erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann +zu heirathen, den ich nicht liebe – ja, nicht einmal +<em class="gesperrt">achten</em> konnte, nur der <em +class="gesperrt">Mutter</em> wegen. Ich glaubte damit eine Schuld +loszukaufen, die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß +der Himmel wenigstens <em class="gesperrt">das</em> Opfer nicht von mir +angenommen hat – ich wäre unglücklich und elend gewesen mein ganzes +Leben lang.«</p> + +<p>»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch +nicht ...«</p> + +<p>»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«</p> + +<p>»Das darfst Du nicht ...«</p> + +<p>»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«</p> + +<p>»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«</p> + +<p>»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen +Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen, +und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_104" id="Pg_104">[S. 104]</a></span> + +mir selber in ehrlicher Weise mein Brod verdienen kann.«</p> + +<p>»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben – Herr von Pulteleben +wird den Augenblick zurücktreten, wenn <em class="gesperrt">Du</em> ihn so +auf das Tödtlichste beleidigst.«</p> + +<p>»Und was kümmert das <em class="gesperrt">mich</em>?«</p> + +<p>Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit +Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die langen +Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes Wohlleben +für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, glitt ihr unter +den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor +Augen, daß sie auf sich selber angewiesen werden könne. Helene aber, +die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie jetzt bewegten, wandte sich +verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür zu, die sie aufschloß. Dort +blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne sich aber umzusehen:</p> + +<p>»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort +beschließen werde, weiß ich noch nicht – aber ich weiß, daß ich ein +Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend +finde. Ich werde Sie später das + +<span class="pagenum"><a name="Pg_105" id="Pg_105">[S. 105]</a></span> + +Nöthige wissen lassen« – und ehe Madame Baulen ein Wort darauf +erwiedern konnte, war sie durch die Thür verschwunden.</p> + +<p>Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen +Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an +seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier mit seinen +poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts, die +endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel schilderte, der +eigentlich gar nicht hieher gehöre, und einzig und allein aus Versehen auf +die Welt gekommen sei.</p> + +<p>Von dem nämlichen Engel – er war gerade aufgestanden, hatte seinen +Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben +hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen – erhielt er da +einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem +selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders +schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Herrn Arno von Pulteleben.</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer +Täuschung geworden. Der einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu +spät ist, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_106" id="Pg_106">[S. 106]</a></span> + +den Schritt zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten +sollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber – +wir passen nicht für einander – ich habe Sie nie geliebt, und wir +wären auch nie glücklich zusammen geworden.</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, +ist: meinen festen und unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen +Versuch zu machen ihn zu ändern – es wäre doch vergeblich.</p> + +<p style="margin-left: 5%;">»Indem ich Ihnen noch hiermit für die +freundliche Gesinnung danke, die Sie mir stets bewiesen, und in dem +Bewußtsein, selbst <em class="gesperrt">mit</em> diesem Schritt Nichts +gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken lassen, zeichnet +sich</p> + +<p style="margin-left: 60%;"><em class="gesperrt">Helene</em>.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte +ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer +vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich +bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr als +gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.</p> + +<p>»Opfer einer Täuschung? – einziger Trost? + +<span class="pagenum"><a name="Pg_107" id="Pg_107">[S. 107]</a></span> + +– guter Mensch? – unumstößlicher Entschluß? – Achtung +sinken lassen? – Bin <em class="gesperrt">ich</em> denn verrückt, +oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? – +Freundliche Gesinnung? – Bewußtsein? – Wenn ich auch nur +Ein Wort von dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem +Falzbein abschneiden lassen! – Hab' ich denn nur, um Gottes Christi +willen, irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte +beleidigen können? – Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die +schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? – Hat denn nicht die +Schwiegermutter selber – holla, da sitzt der Haken – in <em +class="gesperrt">dem</em> Kuchen hat die Schwiegermutter wieder einen +Finger – meinen Kopf wollte ich drauf verwetten! Das ist wirklich +eine ganz erschreckliche Frau, und es wird wieder viel, sehr viel +Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu stellen. Jetzt bin ich nur +neugierig, was sie <em class="gesperrt">nun</em> haben will, denn bis jetzt +hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es wird schon +herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie gewöhnlich +nicht lange hinter dem Berge.«</p> + +<p>Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen +beruhigt, denn er war jetzt + +<span class="pagenum"><a name="Pg_108" id="Pg_108">[S. 108]</a></span> + +so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf Nichts weiter als eine pecuniäre +Laune der Schwiegermutter hinauslief, daß er sich weiter gar keine +Sorgen mehr machte. Helene <em class="gesperrt">konnte</em> ja doch <em +class="gesperrt">die</em> Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. +Übrigens bildeten sich bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von +Widersetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter – +»wenn er nur erst einmal verheirathet war« – denen er aber vorerst +noch keine bestimmte Form gab.</p> + +<p>Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber es +war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach seiner +Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf +eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres +hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher – +daran zweifelte er keinen Augenblick – war dann Alles rasch in's +Reine gebracht.</p> + +<p>Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache +gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen +der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er deren +Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von innen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_109" id="Pg_109">[S. 109]</a></span> + +die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt +unmöglich sehen.</p> + +<p>Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum +Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte +mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine +Mahlzeit allein verzehren.</p> + +<p>In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig +lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder standen +in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen. Es mußte +augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, das sie +derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das, und als er +aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal getreten, +und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen – die ganze +Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor – fiel ihm eben +dieses rege Leben auf.</p> + +<p>»Na, was ist denn – was habt Ihr denn heute?« fragte er +einen vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein +schien.</p> + +<p>»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.</p> + +<p>»Gefunden – wen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_110" id="Pg_110">[S. 110]</a></span> + +»Nu, den Justus!« sagte der Mann.</p> + +<p>»Den Justus? – Wer ist denn der Justus?«</p> + +<p>»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er +durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen Teufel, +und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so schrecklich +zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren läßt – bei +die Hitze auch!«</p> + +<p>Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den +schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang in +dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.</p> + +<p>Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem +Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um +sich das Nähere selbst anzusehen.</p> + +<p>Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es +schien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann +beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu +laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste +lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen +konnte, wenn es schrie.</p> + +<p>Bux hatte den größten Theil seiner Sachen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_111" id="Pg_111">[S. 111]</a></span> + +theils versetzt, theils verkauft – um nicht zu verhungern, wie er +sagte – und wollte nun Santa Clara verlassen, um in einer andern +Colonie sein »Glück« zu versuchen. Schon seit ein paar Tagen hatte er das +bewerkstelligt, und heute Morgen brach er mit seiner Familie auf.</p> + +<p>Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf +dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil +herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als +er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch +verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um den +Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen Fluch +gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.</p> + +<p>»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von +Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus – »das +nehme mir denn doch kein Mensch übel!«</p> + +<p>»Geht's <em class="gesperrt">Euch</em> was an?« knurrte der Mann, indem +er, ohne sich um seinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil +selber herumwarf und festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier +kaum noch athmen konnte – »einen Quark + +<span class="pagenum"><a name="Pg_112" id="Pg_112">[S. 112]</a></span> + +habt <em class="gesperrt">Ihr</em> drein zu reden, und ich kann mit meinem +Jungen machen was ich will!«</p> + +<p>»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging +vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen +auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls +den Kürzeren ziehen müssen.</p> + +<p>Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus +gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und erzählte +heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem +Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu weiterer +Verwendung begierig aufgefangen wurden.</p> + +<p>Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er +bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein +Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr ändern +– der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte +unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in die +heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr unbedeutender +Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit heruntergewaschen und durch +einander geworfen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_113" id="Pg_113">[S. 113]</a></span> + +hatte. Oben zog sich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen +dünnen Wasserfall bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt +entfernt, in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar +entstellte Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht +nähern durfte.</p> + +<p>Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick +darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff jetzt +selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von den +Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. Der +Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen worden, +und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt +von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte. +Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen haben, denn der ganze +Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da niedergesunken, wo er lag. +Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen haben.</p> + +<p>Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei, +zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade + +<span class="pagenum"><a name="Pg_114" id="Pg_114">[S. 114]</a></span> + +dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle +stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren +zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche +Beschädigung glaubbar zu machen – selbst ohne den entfernt davon +gefundenen blutigen Stein.</p> + +<p>Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen +ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche +ausging. Er lag – als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender +Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte – auf dem Gesicht, beide +Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn +die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite +gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.</p> + +<p>Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und +betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu +verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage +und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in die Stadt +zurück.</p> + +<p>Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem +Esel schon Santa + +<span class="pagenum"><a name="Pg_115" id="Pg_115">[S. 115]</a></span> + +Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der früheren Meierei +– den Namen hatte die Chagra noch immer behalten – vorüber +führte.</p> + +<p>Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und +betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der +gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin +anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich die +Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings Herrn von +Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und ihr erstes +Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das aber war jetzt +nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch schon und sagte +mit sehr bestürztem Gesicht:</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur +eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief +geschrieben, daß ich ...«</p> + +<p>»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig – »das Mädchen ist +voller Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, +ich werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_116" id="Pg_116">[S. 116]</a></span> + +»Sie glauben wirklich?«</p> + +<p>»Lassen Sie mich nur machen« – und die Thür schloß sich wieder +hinter der Schwiegermutter.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_117" id="Pg_117">[S. 117]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC05" id="TOC05"></a>5.<br /> + +Gerichtspflege in der Colonie.</h2> + + +<p>In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen +und ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf +gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder +des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen +eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche Frau +mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die Soldaten oben +bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und Fenster zerschlagen +und sie selber auf die boshafteste und rohste Art gekränkt und beleidigt +hätten.</p> + +<p>Köhler selber, als er durch die Colonie geführt + +<span class="pagenum"><a name="Pg_118" id="Pg_118">[S. 118]</a></span> + +wurde, sah wohl todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber +sonst nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm +vorging; mußte er sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die +Hände hatten ihm die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als +er sich unterwegs nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden +wollte, war er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem +zu unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch +gleich abgeurtheilt sei.</p> + +<p>»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er +seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. – Wenn er selber einen dafür +von ihr bekomme, wolle <em class="gesperrt">er</em> ihm das erlauben.«</p> + +<p>Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß +sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse +und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt +geschehen. – Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, +daß kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem +Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt +übergeben + +<span class="pagenum"><a name="Pg_119" id="Pg_119">[S. 119]</a></span> + +sei.<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a><a href="#Footnote_2" +class="fnanchor">[2]</a> + +Er hatte hier also keine Behörde über sich als den Director selber, von +dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten Vorgängen keine besondere +Freundlichkeit erwarten durfte.</p> + +<p>Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß – +ein kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern +vor dem niedern Fenster – abgeführt und dort trotz seiner Berufung, +daß er verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen +und allein gelassen.</p> + +<p>Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum +von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als er +augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war +strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis +die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von <em +class="gesperrt">ihm</em> bei dem Director Nichts fruchten würde, wußte er +vorher. Köhler's Frau war indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen +Hülfe in Anspruch zu nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht +weit von Santa Clara wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange + +<span class="pagenum"><a name="Pg_120" id="Pg_120">[S. 120]</a></span> + +oben auf der Chagra bei ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen +haben konnte; denn sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der +Nachbarschaft herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, +und konnte doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich +lassen.</p> + +<p>Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu +ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der +Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl +fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als er +den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht beschädigen +können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.</p> + +<p>Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und +der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann« an +dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann mit +ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst am +nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar nicht, +weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen hätte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_121" id="Pg_121">[S. 121]</a></span> + +Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause fortgegangen +sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau erinnerte +sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war eine +silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern Deckel hatte +Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, <i>J. K.</i>, +eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile +durchstochenes Herz – wovon aber die Frau nicht wußte, auf was es +sich beziehen sollte.</p> + +<p>Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte +allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre +er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür versetzen +müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht vielleicht noch +mehr.</p> + +<p>Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen +wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig gezankt +hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen hätte: sie +möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein wenig vor den +Leuten und der Nachbarschaft schämen – er erinnere sich aber nicht +mehr genau der Worte, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_122" id="Pg_122">[S. 122]</a></span> + +die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden sich einander vorgeworfen. +So viel wisse er außerdem, daß der Köhler den Schneider nie hätte leiden +können – wenigstens so lange <em class="gesperrt">er</em> jetzt in +der Colonie sei – und ihm stets alles nur erdenkliche Böse nachgesagt +habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht bestätigen. Der +Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als ein nüchterner, +anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungesetzlichkeiten +des vorigen Regiments protestirt haben mochte. Deshalb wollten auch alle +die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre, +Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders sei Justus' Absicht +gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen +Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er sei dazu in +seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht dort eingeladen, aber doch +mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. Es wäre auch möglich, daß sich +die beiden Männer gerade über diesen nämlichen Gegenstand vorher gezankt +hätten, denn die eine Partei hätte über diese sogenannten »Director-Feste« +immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt.</p> + +<p>So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere + +<span class="pagenum"><a name="Pg_123" id="Pg_123">[S. 123]</a></span> + +Zeugen brachte, die Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas +vor Sonnenuntergang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht +bestätigen konnten, daß sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen +zwischen den Beiden bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch +vorbeigeritten, um darauf zu achten.</p> + +<p>Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen +hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der +Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch +dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, darüber +lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere +Untersuchung aufgehellt werden.</p> + +<p>Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten +vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und Noth +erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett +und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem standen +außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen etwaigen +Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte aber an +einen solchen, denn Köhler + +<span class="pagenum"><a name="Pg_124" id="Pg_124">[S. 124]</a></span> + +hatte ein viel zu reines Gewissen, um sich durch die Flucht einer Haft zu +entziehen, die ja doch nur höchstens bis zum nächsten Morgen dauern konnte. +Da er seine Frau und sein Kind jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich +um das Andere wenig genug.</p> + +<p>Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen aus +ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Menschen +seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen Verdacht hin wie +einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu sehen, und selbst +Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und mehrere andere ansässige +Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch an dem nämlichen Abend +beim Director melden und erboten sich, für Köhler irgend eine verlangte +Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung ausweichen würde. Der +Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht an.</p> + +<p>Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht +vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis die +Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine Weise +beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne + +<span class="pagenum"><a name="Pg_125" id="Pg_125">[S. 125]</a></span> + +ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft +entlassen werden.</p> + +<p>Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe +zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere zu +besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas Bier den +natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten sie außerdem +genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen »Herrn« waren +eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die Colonisten unter +Sarno gar keine Ahnung gehabt.</p> + +<p>»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister +Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken sie +einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, und wollen +nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da gewesen?«</p> + +<p>»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den +Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director +fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt Ihr, +daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar + +<span class="pagenum"><a name="Pg_126" id="Pg_126">[S. 126]</a></span> + +Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt, für +die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt? Das will +denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf solche +Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den Hals zu +jagen.«</p> + +<p>»Lieber Meister, zu <em class="gesperrt">Buttlich's</em> Nutzen +geschieht das auch nicht,« lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich +weiß aus ganz sicherer Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein +stiller Compagnon des Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director +offen keinen Laden halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, +eben durch die Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens +fünfhundert Milreis monatlich.«</p> + +<p>»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.</p> + +<p>»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts, +was ich nicht beweisen kann.«</p> + +<p>»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.</p> + +<p>»Wo?« sagte Rohrland ruhig – »bei der Regierung in Rio ist Keiner +von uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? + +<span class="pagenum"><a name="Pg_127" id="Pg_127">[S. 127]</a></span> + +Das wäre schade um das Papier, das man damit verschriebe!«</p> + +<p>»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler +Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen kann? +Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, daß +sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und tüchtige +Handwerker in's Land zu bekommen, und der – Herr da treibt mich +wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein krummes +Horn stoße.«</p> + +<p>»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker – »<em +class="gesperrt">ich</em> geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf +Jahre, wie's die Regierung thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter +bringen.«</p> + +<p>»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu +Schaden kommen!«</p> + +<p>»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«</p> + +<p>»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort +– »der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens +seit den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut +gehört und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_128" id="Pg_128">[S. 128]</a></span> + +wohin gehörten die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns +wirklich zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen +Colonie zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich +da wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden +könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger denn +zu Hülfe kommen könnte.«</p> + +<p>»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold – »da +unten am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben +stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten +lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da klage +nachher einmal Jemand – was wär's dann? <em class="gesperrt">Die</em> +Halunken verrathen einander schon lange nicht.«</p> + +<p>»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die +Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen +Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah vollkommen +aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach auf den Füßen, +und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück Schwarzbrod.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_129" id="Pg_129">[S. 129]</a></span> + +Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.</p> + +<p>»Wohl bekomm's!« sagte er – »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid +wohl krank gewesen.«</p> + +<p>»Danke schön,« antwortete der Mann – »nein, krank gerade nicht, +aber das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem +Norden.«</p> + +<p>»Aus dem Norden? Von Rio?«</p> + +<p>»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«</p> + +<p>»Alle Teufel – und habt Ihr lange da oben gesteckt?«</p> + +<p>»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine +Brust.</p> + +<p>»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold +vom andern Tische herüber – »kommt, setzt Euch mit zu <em +class="gesperrt">uns</em> herüber; was hockt Ihr da allein an einem +Tisch?«</p> + +<p>»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und +Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die jetzt +aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und zwei Kinder +– drei + +<span class="pagenum"><a name="Pg_130" id="Pg_130">[S. 130]</a></span> + +sind mir gestorben – und mein Schwager mit <em +class="gesperrt">seiner</em> Familie.«</p> + +<p>»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Recht</em> schlecht,« erwiederte der Mann, noch +einmal tief aufseufzend – »und wie wir's Alle ausgehalten, +begreife ich eigentlich selber noch nicht. Wir waren aber freilich +lauter kerngesunde Menschen, wenn ich auch jetzt ein Bißchen abgemagert +aussehe.«</p> + +<p>Abgemagert aussehe – Du lieber Gott, der Mann glich eher einem +Skelett als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in +sein Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere +Zeit Geist und Körper bei ihm gebrochen.</p> + +<p>»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.</p> + +<p>»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber +arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles +Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser +Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer mehr +in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und weiter wie +das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_131" id="Pg_131">[S. 131]</a></span> + +Kleider bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns +der Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben +haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was wir +uns selber hätten bebauen können – dann wär's gut gewesen.«</p> + +<p>»Aber das <em class="gesperrt">mußten</em> sie Euch ja doch geben, +wenn's einmal ausgemacht war!« rief der Tischler.</p> + +<p>»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber +nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's uns +auch der Agent erklärte – daß das <em class="gesperrt">eigenes</em> +Land sein sollte. Aber hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir +richtig angewiesen – Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und +das mußten wir uns urbar machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage +arbeiteten wir darauf bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine +Hand hatten, und dann bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie +aber die zwei Jahre um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte +Kaffeebäume drauf und wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken +Bäumen, und wenn wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und +dergleichen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_132" id="Pg_132">[S. 132]</a></span> + +ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an +die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an ein +kaltes Klima gewöhnt war, bei <em class="gesperrt">der</em> Hitze da oben +wahrhaftig keine Kleinigkeit!«</p> + +<p>»Das war ja aber schändlich – und litt denn das die +Regierung?«</p> + +<p>»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer +deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte bei +unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein Tractiren +und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten ihn, ob er +uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu schlecht und wir +wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts Unrechtes wollten, +blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und meinte, wir sollten +nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgearbeitet hätten, +was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und +könnten thun und lassen, was wir wollten.«</p> + +<p>»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.</p> + +<p>»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig – »wie sich's +nachher herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig +geworden. + +<span class="pagenum"><a name="Pg_133" id="Pg_133">[S. 133]</a></span> + +Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und +erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam nachher +zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, denn unser +Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, was der Kaffee +gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre sehr leicht möglich, +daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es +ließe sich Nichts weiter dagegen machen, denn er sei ein sehr vornehmer +Herr, und hätte eine Menge Verwandte in Rio – und der Brasilianer +wollte uns auch <em class="gesperrt">noch</em> nicht fort lassen, aber da +wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten konnte, da +ließ er uns eben ziehen.«</p> + +<p>»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen +können?« fragte Spenker kopfschüttelnd – »zehn Jahre waret Ihr dort +oben, nicht wahr?«</p> + +<p>»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann – »aber +verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und +vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das +nicht so rasch.«</p> + +<p>»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert + +<span class="pagenum"><a name="Pg_134" id="Pg_134">[S. 134]</a></span> + +von der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der +Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn +Jahre hier, der Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und +mit Nichts herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen +Lade voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt +zu denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth, +Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der Zeit +doch auch wahrlich Nichts.«</p> + +<p>»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann – »aber die Gegend soll +ja auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch +freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die +Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director +Unterstützung bekommen würden. – Aber 's ist wieder Nichts, und was +wir jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott – ich nicht!«</p> + +<p>»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.</p> + +<p>»Ja – unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein +paar Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten – lieber + +<span class="pagenum"><a name="Pg_135" id="Pg_135">[S. 135]</a></span> + +Gott, schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns +rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch keinen +ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch Nichts zu thun +haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner Colonie kämen, +desto besser.«</p> + +<p>»Aus <em class="gesperrt">seiner</em> Colonie?« rief Berthold in voller +Entrüstung – »na, Gott straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! +Aus <em class="gesperrt">seiner</em> Colonie! Aber heute geht Ihr noch +nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht, und dann +wollen wir doch einmal sehen, ob die Colonisten hier in der Nachbarschaft +nicht so viel zusammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die +zehn Jahre in der Sclaverei gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, +Landsleute!« wandte er sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, +von denen sich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und +an den verschiedenen Tischen vertheilt hatte – »hier sind zwei arme +deutsche Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas +Geraes herunter gekommen – krank dabei und elend, denen der Director +Subsidien verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil + +<span class="pagenum"><a name="Pg_136" id="Pg_136">[S. 136]</a></span> + +sie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel +zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu +machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht +unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis – wer hat +noch ein Bißchen klein Geld bei sich?«</p> + +<p>»Hier ist auch einer – hier auch einer!« rief es von allen +Seiten – »hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« +erwiederte Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze +des Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.</p> + +<p>»Da, nun gebt einmal <em class="gesperrt">Eure</em> Mütze her,« lachte +Berthold den armen Teufel an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum +trauend daneben stand, indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte +– »so, nun lauft heim und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager +– denn für den ist's auch mit, und morgen reden wir weiter, wo wir +ein paar Colonien für Euch herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles +in der Welt, wenn man's nur auf der rechten Seite anfaßt.«</p> + +<p>»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.</p> + +<p>»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_137" id="Pg_137">[S. 137]</a></span> + +ihm die Verlegenheit ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus +– »wenn Ihr wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt +liefert erst Eure Capitalien ab.«</p> + +<p>»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der +Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm +zugemacht.</p> + +<p>Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich +gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute +auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen +gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald +ausgesprochen hatte – denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler +länger als bis morgen früh zu sitzen haben würde – fing an zu singen. +An dem einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«, +»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder +wurden vorgenommen.</p> + +<p>Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte +jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte +Nichts mit ihm zu thun haben.</p> + +<p>Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer +der braunen brasilianischen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_138" id="Pg_138">[S. 138]</a></span> + +Soldaten den Kopf hereinsteckte und in portugiesischer Sprache nach dem +Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der +Thür vorbeigehen wollte, blieb stehen, sah den Burschen an und fragte:</p> + +<p>»Na? Was ist nu wieder los?«</p> + +<p>»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer +trat.</p> + +<p>»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«</p> + +<p>»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat +befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr +gesungen wird.«</p> + +<p>»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.</p> + +<p>»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander, +welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was will +er, Bodenlos? Ist er durstig?«</p> + +<p>»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört +den Herrn Director.«</p> + +<p>»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold +– »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«</p> + +<p>»Alle sollen nach Hause gehen und Singen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_139" id="Pg_139">[S. 139]</a></span> + +aufhören!« schrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei +seinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das gethan +hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der +ganzen Mannschaft stießen draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die +Gäste sahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.</p> + +<p>»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber +ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür +nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die +Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen +faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben +nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre +jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn nicht +Bohlos dazwischen gesprungen wäre.</p> + +<p>»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes +willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich +gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie +wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie <em +class="gesperrt">mir</em> + +<span class="pagenum"><a name="Pg_140" id="Pg_140">[S. 140]</a></span> + +den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus – morgen +wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«</p> + +<p>Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste +folgten seinen Bitten und verließen – aber alle mit bitteren +Flüchen auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten +verstehen sollten – das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei +Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor +des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine +Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz richtige +deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der +Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch den Ort, um +ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.</p> + +<p>Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, +gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen leere +Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.</p> + +<p>»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig – »Sie haben mir +im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_141" id="Pg_141">[S. 141]</a></span> + +Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich habe +übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich +auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn Sie also +Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«</p> + +<p>Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen, +und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um +hinauszugehen.</p> + +<p>»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein +Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den +Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem großen +Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte. +Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, um sich vor +dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn niedertraf. +Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei aus, als die +Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im nächsten +Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.</p> + +<p>Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute +eilten herbei. Bohlos + +<span class="pagenum"><a name="Pg_142" id="Pg_142">[S. 142]</a></span> + +aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen +stand, sagte ruhig:</p> + +<p>»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den +Arm zerbrochen« – und sank dann ohnmächtig zusammen.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_143" id="Pg_143">[S. 143]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC06" id="TOC06"></a>6.<br /> + +Vorbereitungen.</h2> + + +<p>So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche +Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht +viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die älteren +Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das Directions-Haus +stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen Teufeln« jagten.</p> + +<p>Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die +Stimmung gegen ihn <em class="gesperrt">konnte</em> ihm nicht verborgen +bleiben, und er hatte zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten +in sein eigenes Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten +mußten. + +<span class="pagenum"><a name="Pg_144" id="Pg_144">[S. 144]</a></span> + +Die Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das +»Auswanderer-Haus« postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten +am Fluß-Ufer lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner +Hintergebäude angewiesen worden.</p> + +<p>Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke +wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director +erwiederte dieser:</p> + +<p>Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern sogar +offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens +noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend, +der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem +Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der +Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und die +Sache werde dann weiter untersucht werden.<a name="FNanchor_3" +id="FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p>Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen den +braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die sich selbst +am Tag auffallend glichen, wäre es ganz + +<span class="pagenum"><a name="Pg_145" id="Pg_145">[S. 145]</a></span> + +unmöglich für Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu +können – und vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah +weiter Nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon +in Kenntniß gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die +Behörden« fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem +Wiederholungsfalle, die Schankgerechtigkeit entzogen werde.</p> + +<p>Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des +Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung +zeigte, wurde er zum <em class="gesperrt">ersten</em> Mal zu seinem Verhör +geführt und – als er nicht bekennen wollte – wieder in seine +Zelle zurückgebracht.</p> + +<p>Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie +geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte, +saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber +aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken +können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich gesinnt +sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. Außerdem +war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er jene Mißhandlung +erlitten, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_146" id="Pg_146">[S. 146]</a></span> + +und mit aller Höflichkeit und einigen nichtssagenden Redensarten wurde der +junge Mann abgespeist, daß er das Directionsgebäude empört verließ.</p> + +<p>Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten zu +treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath einzuholen. +Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, Niemand konnte +ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise treffen würde, und +es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem aufgeschlagenen Lager +fand.</p> + +<p>Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, +und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor sich +hin.</p> + +<p>»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich, +»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen; +aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, +Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben, denn +das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten kommen, +und wenn es jetzt für unseren jungen Freund + +<span class="pagenum"><a name="Pg_147" id="Pg_147">[S. 147]</a></span> + +auch schlimm genug ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt +zu sein, kann er sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung +erhält. Also Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen +erwischt? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das +später einmal der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! +Aber die alte Geschichte – wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal +der Löffel – so 'was Gutes kommt an mich nicht!«</p> + +<p>»Und können Sie mit hinunter?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern – »das heißt heute nicht +mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine +Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern +Stelle fertig machen kann – mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber +auch wacker dabei unterstützt.«</p> + +<p>»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«</p> + +<p>»Vortrefflich!« lachte der junge Mann – »und außerdem hatte ich +nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich +sein könnte, während ich sogar jetzt das volle + +<span class="pagenum"><a name="Pg_148" id="Pg_148">[S. 148]</a></span> + +Vertrauen des von der Regierung angestellten Beamten besitze.«</p> + +<p>»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« +sagte Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls +brasilianischer Beamter wirst.«</p> + +<p>»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend; +»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen, +und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar +nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«</p> + +<p>»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther – »und nun wieder an die +Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch +genug zu thun.«</p> + +<p>Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber doch +zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu können, +den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.</p> + +<p>»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter +gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen +Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt – Felix war gerade ein Stück +zurückgeblieben.</p> + +<p>»Nichts – gar Nichts,« sagte Könnern leise + +<span class="pagenum"><a name="Pg_149" id="Pg_149">[S. 149]</a></span> + +– »ich habe sie sogar gesucht – ich bin fünf Tage nach ihnen +in der ganzen Nachbarschaft umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur +gefolgt. Dann war diese urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir +weitere Nachricht von den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir +jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück +zugestoßen sein könne. Meine arme, arme Elise!«</p> + +<p>»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd +– »wie wäre das <em class="gesperrt">hier</em> in der Colonie <em +class="gesperrt">möglich</em>?«</p> + +<p>»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach +rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute +Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden +vermöchte, können sie verdorben sein.«</p> + +<p>»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar +keinen Verdacht?«</p> + +<p>»Keinen – der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, +als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine +Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum +Feinde gemacht, daß man glauben + +<span class="pagenum"><a name="Pg_150" id="Pg_150">[S. 150]</a></span> + +könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.«</p> + +<p>»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«</p> + +<p>»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er +im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und +daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«</p> + +<p>»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. +Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, hat +der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt +ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten +Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit +nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«</p> + +<p>»Sie wollen wirklich fort – und dann nach Deutschland?«</p> + +<p>»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und +spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon +der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.</p> + +<p>»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_151" id="Pg_151">[S. 151]</a></span> + +»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen +satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie +einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern – sechs +Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb +und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer +wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich +drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt +habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen +und mein Geld einzucassiren – wobei ich aber dafür sorgen werde, +daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer +heim – heim – es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer +reichen, deutschen Sprache – <em class="gesperrt">heim</em>!«</p> + +<p>Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße +Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in <em +class="gesperrt">seinem</em> Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die +Heimath todt und leer, denn all' <em class="gesperrt">sein</em> Hoffen, +all' <em class="gesperrt">sein</em> Lieben deckten die düsteren Schatten +des brasilianischen Urwaldes – vielleicht schon mit Todesnacht +– arme Elise!</p> + +<p>Noch an demselben Nachmittag erreichten sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_152" id="Pg_152">[S. 152]</a></span> + +die Colonie, in der sich in den Tagen Nichts verändert hatte, das +ausgenommen, daß die Erbitterung gegen den Director fast noch mit jedem +Tage gestiegen war. Herr von Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit +dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube +gar nicht mehr betreten und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo +sie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Director einmal einen +Augenblick zu ihnen heraustrat.</p> + +<p>Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, +gar nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm +anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der +ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron ihn +zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu finden.</p> + +<p>Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört, +<em class="gesperrt">nicht</em>, arbeitete aber dafür sehr fleißig an +verschiedenen Depeschen, die allen möglichen ungünstigen Berichten in +Rio entgegenwirken sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von +Schwartzau keinen Fürsprecher finden würde.</p> + +<p>Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_153" id="Pg_153">[S. 153]</a></span> + +Versuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in +seiner Stube mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach +Rio nehmen sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im +nächsten Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, +aber mit einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.</p> + +<p>»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen gern +leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen +– »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«</p> + +<p>»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß +Könnern allein im Zimmer sei – »Sie haben mich wohl erwartet, und +<em class="gesperrt">ich</em> laufe mir seit beinahe einer Woche im +ganzen Neste die Beine ab und suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und +Ecken.«</p> + +<p>»Mich – und weshalb? – Ich war im Walde draußen.«</p> + +<p>»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber – wollen Sie mir einen +Gefallen thun?«</p> + +<p>»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«</p> + +<p>»Wie lange?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_154" id="Pg_154">[S. 154]</a></span> + +»Ist es so wichtig?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Nun denn, heraus damit!«</p> + +<p>»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«</p> + +<p>»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«</p> + +<p>»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu +umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen +möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«</p> + +<p>»Und wie lange wird es mich aufhalten?«</p> + +<p>»Eine gute Stunde – vielleicht zwei – vielleicht eine +Woche.«</p> + +<p>»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein; +doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe +ich eine Stunde Zeit für Dich – vorausgesetzt aber, daß es wirklich +wichtig ist.«</p> + +<p>Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl, +seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern +seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien +weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun +sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem + +<span class="pagenum"><a name="Pg_155" id="Pg_155">[S. 155]</a></span> + +jungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter.</p> + +<p>»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah +zu seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und +angebunden hatte – »ist es so weit?«</p> + +<p>»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem +machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann die +ganze Geschichte.«</p> + +<p>Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem +Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach +Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis +der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun, +ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein großes Vertrauen +hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und ihm den Platz zu +beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend, +an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimsen wollte, und +zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der Dieb seines eigenen Geldes, den +gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe, und +dann in wilder Flucht in den + +<span class="pagenum"><a name="Pg_156" id="Pg_156">[S. 156]</a></span> + +Wald gesprungen sei. – Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und +Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher +gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.</p> + +<p>»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz +interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber – nimm mir's +nicht übel – was geht <em class="gesperrt">mich</em> das eigentlich +an?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht +im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als +des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? – ich weiß aber jetzt wer +der wirkliche Mörder ist.«</p> + +<p>»Du – Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.</p> + +<p>»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe – »Bux.«</p> + +<p>»Bux? – Wer ist Bux?«</p> + +<p>»Sie kennen Buxen nicht? – den Bauchredner, den Lump?«</p> + +<p>»Und wo ist er jetzt?«</p> + +<p>»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.</p> + +<p>»Und woher glaubst Du das?«</p> + +<p>Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes +Klappmesser und zeigte es Könnern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_157" id="Pg_157">[S. 157]</a></span> + +»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im +Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, als +ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen vorsichtig +erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es +mir abnehmen. – So, und jetzt steigen wir zu meinem Versteck hinauf, +in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze +Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen ist.«</p> + +<p>»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«</p> + +<p>»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich +richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der +Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß <em +class="gesperrt">wie</em>, nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben +irgendwo gerade Etwas ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie +mir nachgekrochen und haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux +den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein +behalten zu können. Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele +bekam er die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im +ersten Schrecken, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_158" id="Pg_158">[S. 158]</a></span> + +als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes wegen abgefaßt +werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche fuhr.«</p> + +<p>»Bux? – Bux? – Ich kann mich auf den Menschen gar nicht +besinnen.«</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias – »der Liedrian, der immer +einen Tressenstreifen um die Mütze trug.«</p> + +<p>»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend – »den hab' ich neulich auf +meinem Ritt in die Colonien getroffen. – Es war ihm Etwas geschehen, +ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt, und +er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«</p> + +<p>»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.</p> + +<p>»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast +an Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern +vorwurfsvoll – »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«</p> + +<p>»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen +von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht unter +Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem +Daumen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_159" id="Pg_159">[S. 159]</a></span> + +zu halten? Und dann, sollt ich's <em class="gesperrt">denen</em> wohl +auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu +müssen? – Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt +haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr +sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, +und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht – der Köhler heute krank +geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr +lange aus, und wenn dem 'was passirte – <em class="gesperrt">das</em> +möcht' ich nicht auf dem Gewissen haben – da noch lieber die Angst, +bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mit <em +class="gesperrt">meinem</em> Gelde auch heraus, das ist sicher, denn +gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher +freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt, +wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben so +erschreckt gewesen wäre, als er selber.«</p> + +<p>»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief +Könnern rasch.</p> + +<p>»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und +augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit + +<span class="pagenum"><a name="Pg_160" id="Pg_160">[S. 160]</a></span> + +Sie sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige +machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, so +wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann +die Beweise unter die Nase reiben, <em class="gesperrt">muß</em> er den +Gefangenen herausgeben, oder – wir stecken ihm das Haus über dem Kopf +an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt +Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«</p> + +<p>Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen +fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit +ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt +würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er +seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie +benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa +Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit +ihnen das Nöthige zu berathen.</p> + +<p>Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen +Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_161" id="Pg_161">[S. 161]</a></span> + +ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien +allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu +folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen +würde, aber – sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede +mehr.</p> + +<p>Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte +das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte, +und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer +Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je +geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten sie +rechnen.</p> + +<p>An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf +Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt +und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die +gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um +Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht +drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen +verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen, +daß wenigstens + +<span class="pagenum"><a name="Pg_162" id="Pg_162">[S. 162]</a></span> + +ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die +Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit +sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen +Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das +abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro.«</p> + +<p>Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, +angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen +fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien an +der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man +nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon vorgekommen, daß +der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht +hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.</p> + +<p>Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem +nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hieher +gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes +Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte +über die Vermessung der Colonie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_163" id="Pg_163">[S. 163]</a></span> + +beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte, +schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den +Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide +junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, +sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine +halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße +hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_164" id="Pg_164">[S. 164]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC07" id="TOC07"></a>7.<br /> + +Bux auf der Flucht.</h2> + + +<p>»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben +führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war heute, +wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum ersten Mal +gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag +es auf seiner Seele. – »Heute hier, morgen da, heute philisterhaft +sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des täglichen Brodes +wegen, und morgen wieder im Sattel – wie wir Beide heute – +als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie man sie nicht +brauchbarer erfinden könnte.«</p> + +<p>»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft + +<span class="pagenum"><a name="Pg_165" id="Pg_165">[S. 165]</a></span> + +auch gleicht unser Leben einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich +combinirten Romane, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und +alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach +Brasilien auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden +wir eben so gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten +Verhältnissen, die nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. +Könnten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare +und interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«</p> + +<p>Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem +Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen. + +»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer <em +class="gesperrt">Gräfin</em> gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die +ich in Santa Clara war, ganz nach ihr zu fragen – oder kennen Sie die +Dame gar nicht?«</p> + +<p>»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern, +»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich +muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit +versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_166" id="Pg_166">[S. 166]</a></span> + +Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, so +scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«</p> + +<p>»In der gräflichen?« lachte Felix.</p> + +<p>»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind +mir auch die Einzelheiten wieder entfallen – ich hatte überhaupt +damals den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die +Verbindung zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen +ist ...«</p> + +<p>»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.</p> + +<p>»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr +Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn +die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt +gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«</p> + +<p>»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? +– Und wo wohnt sie jetzt? – Wo konnte sie hin?«</p> + +<p>»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame +selber aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer +gemiethet und einen Theil ihrer Möbel + +<span class="pagenum"><a name="Pg_167" id="Pg_167">[S. 167]</a></span> + +wie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitschen verkauft.«</p> + +<p>»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich +hin. »Von der <em class="gesperrt">Mutter</em> getrennt, und die Verbindung +mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen +sein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen +Familienroman mit den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen +Mädchen, einer intriguanten Mutter und – einem überflüssigen +Bräutigam. Schade nur, daß der wirkliche <em class="gesperrt">Geliebte</em> +fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß gehört, denn <em +class="gesperrt">die</em> Damen, die in einem Buche immer zuerst die +letzten Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. +– Und da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand +nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag – »dort hat +sich ebenfalls eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt +gewordene Veranlassung zerstreut – die Mutter ist in's Wasser +gesprungen, Vater und Tochter sind verschwunden – verdorben +vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieses Leben, wie wir +– gerade so gut als wir, und jetzt Alles – Alles zerstoben wie +ein Traum! Sonderbare Geschichte + +<span class="pagenum"><a name="Pg_168" id="Pg_168">[S. 168]</a></span> + +das, höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich +nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher <em +class="gesperrt">wacht</em>.«</p> + +<p>Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach +riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos er +in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, und +da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen und Bildern +zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und schweigend neben +einander hin.</p> + +<p>»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern +wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn man +selbst überflüssige Zeit hat, und das – haben wir hier nicht einmal! +Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt +nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das glückliche Gesicht +der jungen allerliebsten Frau – um die ich den Gefangenen, aufrichtig +gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauschte +den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem jetzigen Aufenthalt in dem +ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein Paar +<em class="gesperrt">solcher</em> Arme in + +<span class="pagenum"><a name="Pg_169" id="Pg_169">[S. 169]</a></span> + +Glück und Seligkeit umschlingen würden. – Aber was haben <em +class="gesperrt">wir</em> Beiden, wenn wir zurückkommen? – Quartier +bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein einschläfiges Gastbett, +zweischläfig mit Flöhen versehen – es ist zum Todtschießen!«</p> + +<p>»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte +Könnern.</p> + +<p>»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich +steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst wenn +man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux +– so heißt der Kerl ja wohl – zum letzten Mal gesehen?«</p> + +<p>»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern, +»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«</p> + +<p>»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen – +auf der Jagd?«</p> + +<p>»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende +Antwort – »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«</p> + +<p>»Von dem sind Sie unzertrennlich?«</p> + +<p>»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir +es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß + +<span class="pagenum"><a name="Pg_170" id="Pg_170">[S. 170]</a></span> + +sich jener verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind <em +class="gesperrt">Sie</em> kein Jäger?«</p> + +<p>»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu +Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, +mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos +daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die Jäger +nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für unanständig +– wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den verschiedenen +Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich habe auch nur selten +ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger hetzte ich aber dafür +Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List gegen List, Muskel gegen +Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit Pulver und Blei, dem das arme +Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen vermag.«</p> + +<p>»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch +nicht für so ungleichen Kampf halten?«</p> + +<p>»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. +Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von Durst +und Hitze halb aufgerieben werden + +<span class="pagenum"><a name="Pg_171" id="Pg_171">[S. 171]</a></span> + +und dann nicht einmal einen Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens +einmal seine Fährte zu finden, wo <em class="gesperrt">er</em> seinen +Durst löschte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken saß und +schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Passion +die mir fehlt, und ich überlasse es denen, die wirklich Freude daran +finden.«</p> + +<p>Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem +Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu +berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf +auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast direct +nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang und mußten +sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn an vielen +Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und da führte +auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern schien aber +völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er +die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und sorgfältig +untersucht hatte.</p> + +<p>Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht +hatten. Halbdurchgebrannte + +<span class="pagenum"><a name="Pg_172" id="Pg_172">[S. 172]</a></span> + +Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit +Messer oder Beil abgehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt +worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzustellen.</p> + +<p>Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah, +denn hier hatte – dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten +Colonie wohnten – seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde +zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen Holz +herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und versucht +eine Hütte für ihn zu spannen. – Und an der nächsten Chagra eben +verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an steinig, da er +in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten menschlichen Wohnung +wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit noch war er damals +umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht +brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge – umsonst, wie in den +Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, und es blieb keine +andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen seien und sich verirrt +hätten, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_173" id="Pg_173">[S. 173]</a></span> + +wo sie dann rettungslos in der furchtbaren Wildniß verderben mußten.</p> + +<p>Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte, +alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen +gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid +mitzutheilen – was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst +hoffen, daß er ihn verstehen würde?</p> + +<p>»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich +sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte, +– »ob das <em class="gesperrt">unsere</em> Familie gewesen ist?«</p> + +<p>»Nein – Andere,« sagte Könnern leise – »Bux hat mit seiner +Familie an dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra +geben lassen. – Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne +Zeit!«</p> + +<p>Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich +wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche +niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche der +Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und Militärmacht +in die Colonie zu legen.</p> + +<p>Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont + +<span class="pagenum"><a name="Pg_174" id="Pg_174">[S. 174]</a></span> + +zu, und die Reisenden beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken +fanden sie auch genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie +hatten, und waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in +ihrer Einsamkeit zu sehen.</p> + +<p>Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben +könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht +einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung hatte +früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche Colonie +anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht werden. +– Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und +anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das +Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde +zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem +Centralpunkt zu arbeiten – aber es ging nicht.</p> + +<p>Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den +besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer Producte +zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch die, nie von +einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu bahnlosen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_175" id="Pg_175">[S. 175]</a></span> + +Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist alle ihr +Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der Welt noch in +Verbindung standen.</p> + +<p>Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen +Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu +schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so viel +sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen auch hier +und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch, daß die für +jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden könnte. Dann aber +stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth, und ihre Producte +fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen und günstigen +Absatz.</p> + +<p>Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz, +an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last nicht +weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte dafür, wie +roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein überladenes +Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er nach einer andern +Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_176" id="Pg_176">[S. 176]</a></span> + +nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das Schmiedehandwerk +verstehe – was recht gut sein konnte – und als er hier erfuhr, +daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er den Entschluß +gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und weshalb er hieher +in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort geäußert haben, und +die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich sein Esel wieder so weit +erholt hatte, daß er weiter konnte.</p> + +<p>Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter +dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich +die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht und +brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste +Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut +frühstücken.</p> + +<p>Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu +ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der +That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner +überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier, +denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder +erholt, war nicht im Stande + +<span class="pagenum"><a name="Pg_177" id="Pg_177">[S. 177]</a></span> + +gewesen, seine frühere Last noch einmal aufzunehmen. Der Meinung des Bauers +nach konnte der Bursche indessen kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, +denn die Frau war ebenfalls krank geworden und so schwach, daß sie sich mit +dem Kinde kaum vorwärts schleppte.</p> + +<p>Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert +hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt nicht +mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie die +kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen Schuhe +des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich verschwunden +und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von keinem kleinen +Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt worden. Sie +fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede Fährte hätte +abdrücken <em class="gesperrt">müssen</em>, und die Wanderer, des Gebüsches +wegen, auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine +Spur der Verfolgten irgendwo hinein.</p> + +<p>»Nun, durch die Luft sind sie <em class="gesperrt">nicht</em>,« tröstete +sich aber Könnern, »und jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links +irgendwo abgewandt, um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm + +<span class="pagenum"><a name="Pg_178" id="Pg_178">[S. 178]</a></span> + +so dicht auf den Fersen wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also +ein Stück zurück, Graf Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen +Eselshuf zuerst wieder in Sicht bekommen.«</p> + +<p>Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt +zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte +Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz schmalen +Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte und kaum zu +passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der nägelbeschlagene Schuh +hier wieder sichtbar.</p> + +<p>»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat +sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den +Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer +Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«</p> + +<p>»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange +vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit +einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am +Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette eingehen, +daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und + +<span class="pagenum"><a name="Pg_179" id="Pg_179">[S. 179]</a></span> + +Kinder auch. Hören Sie, Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich +doch nicht ordentlich überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei +überlassen sollen, den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird +jedenfalls eine Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und +Entsetzen zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn +einfangen und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau +dazu kommt – und krank soll sie ohnedies sein – und kleine +Kinder – verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt +einfällt, wo es natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«</p> + +<p>»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber +ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen +widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit +zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist. +Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an Köhler's +junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr nicht einmal +verstattet wird, den <em class="gesperrt">erkrankten</em> Mann zu pflegen. +<em class="gesperrt">Der</em> müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und +ich denke, nachher werden wir auch wohl im + +<span class="pagenum"><a name="Pg_180" id="Pg_180">[S. 180]</a></span> + +Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu sorgen. Meinen Sie +nicht?«</p> + +<p>»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus – »der armen +Frau soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid +zu tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden. +So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich wie ein +Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director überliefern +können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe hier gar Nichts +mehr.«</p> + +<p>»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte +Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.</p> + +<p>»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn +Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen – »das +da unten muß doch eine Chagra sein.«</p> + +<p>»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den +Augen folgend – »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in +das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, als +ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«</p> + +<p>»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« + +<span class="pagenum"><a name="Pg_181" id="Pg_181">[S. 181]</a></span> + +sagte Rottack, »denn wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich +einem steilen, dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«</p> + +<p>Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen +Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg +ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr +beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen +Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als +Könnern plötzlich leise rief:</p> + +<p>»Halt! Ich höre Stimmen!«</p> + +<p>Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt, +unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe +Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte die +Stimme einer Frau.</p> + +<p>»Das ist er!« flüsterte Rottack – »gleich dort hinter der +Palmengruppe muß er stecken.«</p> + +<p>Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren +Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg +erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert +Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane + +<span class="pagenum"><a name="Pg_182" id="Pg_182">[S. 182]</a></span> + +vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu +kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte. +Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.</p> + +<p>Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem – +wie Könnern ganz richtig vermuthet hatte – der unbehagliche Gedanke +gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der Verdacht +auf <em class="gesperrt">ihn</em> fallen sollte, wußte er freilich nicht, +denn hatte er auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die +Frage, wann das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen +würde, und bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht +konnte aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber +erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher, sonst +wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt hatte? +– er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte – sagte +ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur +gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar Wochen +im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit abwarten, +als sich, wie er + +<span class="pagenum"><a name="Pg_183" id="Pg_183">[S. 183]</a></span> + +bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen, ob Jemand hinter ihm her +käme.«</p> + +<p>So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch +nicht ruhen lassen.</p> + +<p>Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die +Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.</p> + +<p>»Aber ich <em class="gesperrt">kann</em> ja nicht mehr, Bux,« sagte die +Unglückliche – »laß mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, +nachher wird's schon wieder gehen.«</p> + +<p>»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem +abscheulichen Fluch – »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich +krähen hören – es <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr weit +sein.«</p> + +<p>»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde, +das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum – »mach' +mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier +umkommen, aber ich kann nicht weiter.«</p> + +<p>»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich, Gott +straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« – er fuhr +erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_184" id="Pg_184">[S. 184]</a></span> + +Pferde im Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.</p> + +<p>Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:</p> + +<p>»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr +geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib +muß auch noch das schwere Kind schleppen – 's ist doch wahrlich +eine Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine +Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal +einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun – Ihr seht aus, als ob +Ihr's nöthig hättet.«</p> + +<p>»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau – »und der mag's +vergelten – Ihr seid doch auch <em class="gesperrt">Menschen</em>, +Ihr werdet mich nicht hier im Walde allein liegen und mit dem Kinde +verhungern lassen.«</p> + +<p>»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann +finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor sich +auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den Mörder +finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor sich +hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. + +<span class="pagenum"><a name="Pg_185" id="Pg_185">[S. 185]</a></span> + +Die scheue, ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der +unechte Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den +letzten Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.</p> + +<p>»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde +– »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen +Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen hättet? +Das glaub' ich! <em class="gesperrt">Ihr</em> könnt's aushalten auf Euren +Pferden oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's +Leben schinden – na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«</p> + +<p>Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder +gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:</p> + +<p>»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«</p> + +<p>»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell +– »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich +niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen +scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den Händen +der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte jetzt einen +Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_186" id="Pg_186">[S. 186]</a></span> + +»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern in +französischer Sprache zu – »die Frau und die Kinder werden ein +Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber +warten, bis wir ihn allein haben?«</p> + +<p>Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux +selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später +herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch +gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die beiden +Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen in Santa +Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren +gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt Rettung +– Flucht!</p> + +<p>»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von +dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes +Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen +Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit <em +class="gesperrt">einem</em> Satz in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen +Hang mehr hinab stürzend, wie laufend.</p> + +<p>Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß +auszuweichen, der ihn + +<span class="pagenum"><a name="Pg_187" id="Pg_187">[S. 187]</a></span> + +noch leicht am Arm streifte, seinen Rock zerschnitt und ihm die Haut +ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, so +daß der Flüchtling, ehe er sich wieder aufraffen konnte, wenigstens zehn +bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm hatte.</p> + +<p>Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende +Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem +Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter mit +einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos um seine +eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte Könnern's Pferd +vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht +vorwärts.</p> + +<p>»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die +Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und auch +die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück, +warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie Nichts zu +befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der Jagd.</p> + +<p>Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen +Tagesmarsch und der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_188" id="Pg_188">[S. 188]</a></span> + +ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern hatte auch, um seinen +Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken, als ihm gut war. +Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und frischen +Kräften, mit denen er jede Öffnung in den Büschen benutzte, während +der Fliehende rücksichtslos mitten hindurch brach und damit seine Kraft +schwächte, sah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, +und suchte ihm deshalb den Weg abzuschneiden.</p> + +<p>Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort +– weiter – aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben +Augenblick, wo sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts +hinüber – vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein +zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang +jetzt hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, +und erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte – denn daß ihm hier ein +Pferd nicht folgen konnte, wußte er –, sah er, daß er verloren war. +Aber er ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch +links schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand + +<span class="pagenum"><a name="Pg_189" id="Pg_189">[S. 189]</a></span> + +und lag – vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten +die Rächer! – Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb +mit seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er +sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen – seine Mütze hatte er +verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte +Stirn – vorwärts – vorwärts – bis seine Kräfte ermatteten +und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.</p> + +<p>Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der +Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem +Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte +es dem Freunde.</p> + +<p>»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.</p> + +<p>»Hier liegt er – er ist sicher – aber was haben Sie +dort?«</p> + +<p>»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich +sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach, da +ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da liegt +die Canaille – ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen, der +hat uns noch eine hübsche Hetze + +<span class="pagenum"><a name="Pg_190" id="Pg_190">[S. 190]</a></span> + +gemacht! – Wenn ich nur meine Hunde hier gehabt hätte!«</p> + +<p>Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht – nur sein schweres, +hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf die +vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.</p> + +<p>»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch +durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen, +und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als ihn +auf ein Pferd zu binden.«</p> + +<p>»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn +Mitleid verdient die Canaille nicht. – Aber dort drüben ist ein Weg, +Könnern, bei Gott – und da hinten liegt das Haus – wir sind +dicht an der Chagra.«</p> + +<p>»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort +Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal +binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«</p> + +<p>»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann – »eben nur geritzt, +nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen – das +ist wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen +bleiben – holla, Freund + +<span class="pagenum"><a name="Pg_191" id="Pg_191">[S. 191]</a></span> + +– steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt wieder wandern.«</p> + +<p>»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern – »trauen Sie +ihm nicht!«</p> + +<p>»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend +und heftig schüttelnd. – »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine +Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück, und +wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«</p> + +<p>Bux regte sich nicht.</p> + +<p>»Willst Du nicht gehorchen? – gut, dann darfst Du Dich auch nicht +beklagen!« – und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil +aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um +die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm +ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der Hand +fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor – +doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in demselben +Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux wollte sich +losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei Minuten später, +während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch um Hülfe + +<span class="pagenum"><a name="Pg_192" id="Pg_192">[S. 192]</a></span> + +brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.</p> + +<p>»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen +Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten Sie +bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus +springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas nützen +können.«</p> + +<p>»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter +und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«</p> + +<p>»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken, +daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser, wir +wissen erst wer hier unten wohnt.«</p> + +<p>»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht +entwischt, dafür will ich schon sorgen.«</p> + +<p>Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch +einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt rasch +darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich entgegenkommen +sah. + +»Habt <em class="gesperrt">Ihr</em> um Hülfe geschrieen?« fragte ihn + +<span class="pagenum"><a name="Pg_193" id="Pg_193">[S. 193]</a></span> + +dieser schon von Weitem in portugiesischer Sprache. »Was ist denn +geschehen? Seid Ihr angefallen?«</p> + +<p>»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern – »wir haben +einen Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war +und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. Könnt +Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«</p> + +<p>»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern +erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte – »ich habe +einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht +verlassen.«</p> + +<p>»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört +haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer +Familie gehabt?«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Wir</em>, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der +Brasilianer; »aber ein Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter +zu uns kam, legte sich und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon +krank, als er mein Haus betrat.«</p> + +<p>»Ein Fremder? – mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie +ihm dabei das Blut in den Adern stockte.</p> + +<p>»Ja, Senhor.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_194" id="Pg_194">[S. 194]</a></span> + +»Ein Mann mit weißen Haaren?«</p> + +<p>»Kennt Ihr ihn?«</p> + +<p>»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus – +»hier also – hier – aber da komm' ich doch noch vielleicht zur +rechten Zeit! – Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir +eine Liebe erzeigen wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt +die Straße hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt +ihm einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«</p> + +<p>»Seid <em class="gesperrt">Ihr</em> ein Verwandter von dem Alten?«</p> + +<p>»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«</p> + +<p>»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt – und nun macht +nur, daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das +Andere will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_195" id="Pg_195">[S. 195]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC08" id="TOC08"></a>8.<br /> + +Gefunden.</h2> + + +<p>Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der +hier ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal +gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in diese +Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen konnte, in +einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich herausgerückt zu +sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land, ihnen gute Colonien +zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein reicher Mann sein. +Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang allein und einsam in der +Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.</p> + +<p>Natürlich hatte er für sich und seine Familie, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_196" id="Pg_196">[S. 196]</a></span> + +wie für ein paar Sclaven, die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige +Hütte gebaut, denn der Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine +Arbeitskräfte in Anspruch. So beschränkt aber der Raum war, den er +bewohnte, so willig theilte er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem +Fremden – war es nun ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, +oder eine wandernde Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten +genug zu sehen bekam. Für die Frau – denn der Mann konnte doch +wenigstens manchmal fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein +in ihrer Wildniß saß – war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, +und was die Küche wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht +und aufgetischt.</p> + +<p>Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem +Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung +zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte +wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die +Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst gesunden +Körper gearbeitet und gezehrt – die furchtbare Zeit der Entdeckung +kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_197" id="Pg_197">[S. 197]</a></span> + +der ungewohnten Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die +ihn bis dahin noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.</p> + +<p>Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der +körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger +Stumpfsinn, der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend +aufloderte.</p> + +<p>Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und +seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war, +so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb, waren aus +seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den gräßlichen +Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für flüchtig +vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn Elise zu +beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld sowohl das eigene +Leid wie die Klagen und Beschwörungen des unglücklichen Vaters, wenn er +sie bat, ihn nicht zu verlassen und der Polizei auszuliefern. Was sie +körperlich dabei dulden mußte, schwand zu einem Nichts zusammen, und ihre +Lage wurde erst dann wirklich gefährlich, als die wilden Phantasien dem +Unglücklichen auf keinem gebahnten Weg mehr Ruhe + +<span class="pagenum"><a name="Pg_198" id="Pg_198">[S. 198]</a></span> + +ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den Verfolgern zu entgehen, die +er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.</p> + +<p>Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß +sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu vergehen +drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne einen Trunk +Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst gegen Morgen +zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers Chagra, der auch +dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen hatte, Hülfe in der +schrecklichsten Noth.</p> + +<p>Jetzt war Alles vorbei – Alles überstanden. Wie sich der Körper +des unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch +wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so schwach +geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber heute zum +ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das Fenster warf, und +sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte, ob sie ihm irgend eine +Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der fleischlosen, bleichen Hand das +Haar von der Stirn und sagte leise:</p> + +<p>»Meine arme, arme Elise!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_199" id="Pg_199">[S. 199]</a></span> + +»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden +Thränen – »kennst Du mich denn?«</p> + +<p>»Soll ich <em class="gesperrt">Dich</em> nicht kennen, meine treue +Gefährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei +dem alten, verlassenen Manne?«</p> + +<p>»Mein guter Vater!«</p> + +<p>»Gottes Segen über Dich – Gottes reichsten Segen, und daß er +die Schuld nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele +liegt!«</p> + +<p>»Vater – <em class="gesperrt">Vater</em>!«</p> + +<p>»Stille, mein Kind – stille – weine nicht; es ist jetzt +Alles gut, und es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit +langen, langen Jahren nicht gewesen ist. Nur <em class="gesperrt">eine</em> +– <em class="gesperrt">eine</em> Sorge liegt mir noch darauf, und das +bist <em class="gesperrt">Du</em>, mein Kind, das ich allein und hülflos in +dem weiten, fremden Lande zurücklasse.«</p> + +<p>»Vater, sprich nicht so – Du wirst noch viele, viele Jahre bei +mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen +Kräften.«</p> + +<p>»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken +folgte – »und auch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_200" id="Pg_200">[S. 200]</a></span> + +daran trage ich die Schuld – auch daran, daß ich Dich fern gehalten +von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, sündhaften Plänen folgend +– auch daran, und <em class="gesperrt">das</em> Gewicht muß ich jetzt +mit mir hinab nehmen – hinab in's Grab!«</p> + +<p>Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und +der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die +dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.</p> + +<p>»Weine nicht, Elise,« sagte er leise – »weine nicht – +wir sehen uns wieder – wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir +abwendet. Hat er seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir +gehalten, so wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande +– nicht so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du +doch Hülfe gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind – +sei stark, Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«</p> + +<p>»Du wirst <em class="gesperrt">nicht</em> sterben, Vater!« schluchzte +das arme Kind und preßte ihre Stirn nur fester an seine Schulter – +»Du wirst leben, mir – mir zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen +kann bis in Dein spätes, spätes Alter hinein!«</p> + +<p>»Du willst mir den Abschied recht schwer + +<span class="pagenum"><a name="Pg_201" id="Pg_201">[S. 201]</a></span> + +machen,« seufzte der alte Mann, »und ich habe doch keine Thränen mehr, die +mir die Brust erleichtern könnten! – Sieh, wie der Sonnenschein so +warm durch's Fenster dringt,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die +nur durch Elisens Schluchzen unterbrochen wurde – »und draußen liegt +in Licht und Glanz die Welt, der schöne Wald. – Grüß' mir den Wald, +mein Lieschen, wenn Du ihn wiedersiehst – die schattigen Bäume und +den murmelnden Bach, und – wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag +der Gedanke Dich versöhnen, daß er im frischen, grünen Walde schläft und +das Rauschen der ewigen Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt +für den reuigen Sünder!«</p> + +<p>»Vater!«</p> + +<p>»Fasse Dich, mein Lieschen – es <em class="gesperrt">muß</em> +sein – und nun noch Eins – rufe mir unseren freundlichen +Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles Liebe und Gute, das er +uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der Welt, was ich ihm bieten +könnte, wie meinen Dank! – Er wird Dich auch nicht gleich verstoßen; +seine Frau ist gut und freundlich – war sie doch gut und freundlich +gegen mich – o, wenn ich <em class="gesperrt">den</em> + +<span class="pagenum"><a name="Pg_202" id="Pg_202">[S. 202]</a></span> + +Trost mit mir hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz +verlassen wäre!«</p> + +<p>Elise richtete sich gewaltsam empor – sie durfte jetzt nicht +zurückdenken – nur <em class="gesperrt">jetzt</em> nicht – oder +das Herz hätte ihr brechen mögen in Jammer und Weh.</p> + +<p>»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise – »nur einen +Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«</p> + +<p>Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte +er traurig.</p> + +<p>»Ich bin gleich – gleich wieder bei Dir, Vater. – Er ist +jedenfalls draußen – ich höre schon seinen Schritt.«</p> + +<p>Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür, +als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.</p> + +<p>Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft +schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie +eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie +abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne +hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«</p> + +<p>»Elise – Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend + +<span class="pagenum"><a name="Pg_203" id="Pg_203">[S. 203]</a></span> + +und sie in seine Arme schließend – »o, nun ist Alles gut – +Alles, und Nichts im Leben soll uns wieder trennen!«</p> + +<p>»Und bist Du's wirklich, Bernard? – Ist es nicht Dein Geist, der +nur gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?« +hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.</p> + +<p>»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt +den Kopf der Thür zu.</p> + +<p>»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm +umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte – »ein Freund, der +nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht +von sich stößt!« + +»Lieschen!«</p> + +<p>»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine +Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.</p> + +<p>Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen, +und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe. +Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm +niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_204" id="Pg_204">[S. 204]</a></span> + +»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise – »Lies–chen, leb' +– wohl – sei glücklich – Gott segne Dich« – und wie +er noch einmal seine Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter +– er war todt. – –</p> + +<p>Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache, +der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte. +Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu +streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest, und als +sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm versicherte, +er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden schlagen, lag er +still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden hier im Wald nicht im +Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren, und baute für die Nacht +seine Pläne zur Flucht.</p> + +<p>Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf +geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand im +nächsten Augenblick vor der Gruppe.</p> + +<p>»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend, +»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! – + +<span class="pagenum"><a name="Pg_205" id="Pg_205">[S. 205]</a></span> + +Wie geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«</p> + +<p>»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten +erwiedert – »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben +im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu +werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«</p> + +<p>»Im Hause – ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und +der Mann liegt im Sterben.«</p> + +<p>»Im Sterben?«</p> + +<p>»Ja – aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo +sind Eure Pferde?«</p> + +<p>»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes +sitzt dort ebenfalls.«</p> + +<p>»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet; +»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich gemacht! +Und was wird nun aus denen?«</p> + +<p>»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die +für sie sorgen werden – besser als der da es gethan. Soll ich hinauf +und die Pferde lieber holen?«</p> + +<p>»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet +Ihr doch nicht gleich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_206" id="Pg_206">[S. 206]</a></span> + +mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein paar von meinen Negerjungen +hinauf, die das viel besser und rascher besorgen. Aber Ihr blutet ja!«</p> + +<p>»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn +fassen wollten.«</p> + +<p>»Natürlich – wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher +auf die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein +Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer – oder +sollen wir Dir Beine machen?«</p> + +<p>»Er versteht kein Portugiesisch.«</p> + +<p>»Oho – noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte +auch nach Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat +Passage bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen +Strick. – So sagt <em class="gesperrt">Ihr</em> ihm einmal auf gut +Deutsch, daß er gutwillig mitgeht, sonst kann ich es ihm doch vielleicht +auf Brasilianisch begreiflich machen.«</p> + +<p>Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen +jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon +herunter.</p> + +<p>Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache +mit scheuem Blick + +<span class="pagenum"><a name="Pg_207" id="Pg_207">[S. 207]</a></span> + +gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen der Deutschen befand, +schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten gefährlich. Jetzt zum +ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe, der er entgegenging, +überkam ihn zugleich die Angst davor.</p> + +<p>»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir +weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch +verschlimmern.«</p> + +<p>»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet +mich nicht den Fremden übergeben – ich – ich will ja Alles +gestehen – ich bin ein armer Teufel – der Böse plagte mich +– der Justus war auch ein schlechter Kerl – er hat mich +verführt – er reizte mich. – Landsmann,« bat er dringender, als +sich Rottack mit Ekel von ihm abwandte, indem er sich auf die Kniee warf +und die gebundenen Hände zu ihm aufhob – »laßt mich laufen – +ich will ein ordentlicher, braver Kerl werden – ich will meine Frau +nicht mehr prügeln und die Kinder – ich will arbeiten, daß mir das +Blut unter den Nägeln vorspritzt – Landsmann, habt Barmherzigkeit +– Barmherzigkeit!« – und er schrie die letzten Worte in +Todesangst gellend heraus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_208" id="Pg_208">[S. 208]</a></span> + +»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert – »Deinetwegen +sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß frei +werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«</p> + +<p>Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer, der +einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem Karren gingen +vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde geschlagen. Drei +von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.</p> + +<p>»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den +Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den kleinen +Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die Kinder +nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf – wo ungefähr sind +Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«</p> + +<p>»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend +– »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit +den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers +übernehmen wollen.«</p> + +<p>»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und +thust was er Dir + +<span class="pagenum"><a name="Pg_209" id="Pg_209">[S. 209]</a></span> + +sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf, wenn er nicht +gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«</p> + +<p>Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und +Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine, +mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und wenige +Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden riesigen +Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und hinabschleppten. +–</p> + +<p>Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen +aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos +schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen, +den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er +eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen +werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht +allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre <em +class="gesperrt">mit</em> den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften +stand, sie zu trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das +er bei sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_210" id="Pg_210">[S. 210]</a></span> + +ihre Kinder unterzubringen – sie ginge jetzt einem bessern Leben +entgegen, als sie an der Seite des Verbrechers geführt – die +Colonisten in Santa Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer +Sorgen für die Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug +es selber, daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur +erst einmal ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen +erwachsenen Menschen weinen sah.</p> + +<p>So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das +schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.</p> + +<p>»Graf Rottack, <em class="gesperrt">Sie</em> als Kinderwärter?« sagte +er lächelnd, indem er vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut +– Sie haben ein schweres, schweres Amt gehabt!«</p> + +<p>»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden +Negerin das Kind übergab – »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh +einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches auf +dem Weg hierher geleistet – und daß die arme Frau da Etwas zu essen +bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. – +Aber was ist + +<span class="pagenum"><a name="Pg_211" id="Pg_211">[S. 211]</a></span> + +denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? – Ihr Gesicht strahlt ja +ordentlich vor Seligkeit!«</p> + +<p>»Rottack – Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend – +»ich habe sie gefunden!«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> – so?« sagte der junge Graf in +komischem Erstaunen; »so viel ich weiß, hatte <em class="gesperrt">ich +sie</em> gesucht, und Sie hatten es nur mit einem <em +class="gesperrt">ihn</em> zu thun.«</p> + +<p>»Elise mein' ich.«</p> + +<p>»Elise? – des alten Meier Tochter?«</p> + +<p>»Sie ist hier – hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist +eben in ihren Armen verschieden.«</p> + +<p>»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie +leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen, +weshalb <em class="gesperrt">Sie</em> darüber so entzückt sind?«</p> + +<p>»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter +im ganzen Walde gesucht hatte?«</p> + +<p>»So? – nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler +wieder zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur +zu kommen, und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den +Diebsfänger, nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende +Kinder + +<span class="pagenum"><a name="Pg_212" id="Pg_212">[S. 212]</a></span> + +durch den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«</p> + +<p>»Lieber, bester Graf!«</p> + +<p>»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte +Geschichte – Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur +darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen Frau +da oben in dem Miniaturparadies – Sie haben ebenfalls jetzt <em +class="gesperrt">gefunden</em>, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich +der, welcher leer ausgeht. <em class="gesperrt">Mein</em> einzig sichtbarer +Vortheil ist auch wohl nur der, daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen +neu kleiden kann und außerdem noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster +zahlen, und für Herrn Bux' Familie sorgen darf! Hol' der Teufel +Brasilien!«</p> + +<p>»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.</p> + +<p>»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht +einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem +todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig +ist. Also darf <em class="gesperrt">ich</em> mit ein paar sehr unangenehm +ausdünstenden Negern wahrscheinlich den Transport allein übernehmen – +wieder ein Vortheil!«</p> + +<p>»Von Herzen gern will <em class="gesperrt">ich</em> das thun,« rief + +<span class="pagenum"><a name="Pg_213" id="Pg_213">[S. 213]</a></span> + +Könnern rasch, »wenn <em class="gesperrt">Sie</em> nur dann meine Stelle +<em class="gesperrt">hier</em> vertreten wollen.«</p> + +<p>»Hm, so? – damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank +der jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; <em +class="gesperrt">das will</em> ich wenigstens haben, und wenn ich's mir +stehlen müßte. Aber wie weit ist's von hier nach Santa Clara – haben +Sie eine Idee?«</p> + +<p>»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha +hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite, +trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«</p> + +<p>»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. – Und +wann kommen Sie nach?«</p> + +<p>»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich +hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die Familie +des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir für die +arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«</p> + +<p>»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack, +indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein Wenig +gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_214" id="Pg_214">[S. 214]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC09" id="TOC09"></a>9.<br /> + +Herr von Pulteleben.</h2> + + +<p>Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die +Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort +begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze +Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor! Jede +Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten zu keiner +Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der Schenke, um +ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft zu machen, und +Herr von Reitschen – regierte indessen ruhig weiter und verübte +unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, jede +Willkür, die ihm irgend beliebte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_215" id="Pg_215">[S. 215]</a></span> + +Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten – und das waren in der +That wenige genug – wurden in jeder Weise begünstigt und konnten +thun und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht +fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in +rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige +deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam +dagegen aufzustehen.</p> + +<p>Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit +dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen +Spaziergänge – bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte +– und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern +rund abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien <em +class="gesperrt">gratis</em> überlassen, der Regierung gegenüber unter dem +Vorwande natürlich daß der Baron eine »Musterwirthschaft« darauf anlegen +und dadurch den Ackerbau in der Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.</p> + +<p>Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte +lebensfähig verwalten können!</p> + +<p>Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben +Nichts – es blieb + +<span class="pagenum"><a name="Pg_216" id="Pg_216">[S. 216]</a></span> + +Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage. +Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in seinem Gefängniß +stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber davongetragen hatte. +So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, schien der Director fest +entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu +rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in Händen hatte, und was etwaige +Klagen oder Beschwerden der Colonisten selber in Rio de Janeiro betraf, +so vertraute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der +brasilianischen Obergerichte, deren Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er +seine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch +besser als mancher Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, +compromittirt hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, +konnten sie selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes +Gebahren aufgebracht zu sehen.</p> + +<p>Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.</p> + +<p>Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen +Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin des + +<span class="pagenum"><a name="Pg_217" id="Pg_217">[S. 217]</a></span> + +festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden Segeln in +einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei, und mit der +ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar nicht mehr +flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in Schlamm und +Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.</p> + +<p>Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art +von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht – im Anfange +zwar noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto +rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der prosaischen +Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne darüber +vergingen.</p> + +<p>Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer +bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft +über Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige <em +class="gesperrt">was</em> er von ihr erhielt, war die Erlaubniß, die +einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß <em class="gesperrt">er</em> +unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich denken.</p> + +<p>Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten, +was ihn aber nicht im + +<span class="pagenum"><a name="Pg_218" id="Pg_218">[S. 218]</a></span> + +Geringsten mehr interessirte, denn er hatte den Arbeitsplatz schon lange +nicht mehr betreten, und er schloß nur <em class="gesperrt">daraus</em>, +das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die aufgestapelten Kisten +mit frischen Cigarren zusehends abnahmen – ohne daß er selber +freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt hätte.</p> + +<p>In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet +bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden +Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. Aber mit +anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich rasch eine eigene +Motivirung dieses Schrittes, die auch manches Wahrscheinliche für sich +hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comtesse den Herrn +von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comtesse wolle aber den Herrn von +Pulteleben nicht haben, und da sie allbekannt stets sehr selbstständig +aufgetreten, so war sie einfach aus dem Hause gezogen, bis es der ihr +nicht zusagende Bräutigam verlassen habe. Sobald der fort war, würde sie +natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren.</p> + +<p>Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, +aber der arme Teufel sah, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_219" id="Pg_219">[S. 219]</a></span> + +wenn er recht darüber nachdachte, selber keinen andern Grund für das +merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht, +weshalb sie früher so freundlich mit ihm gewesen war und selbst die +Verlobung stillschweigend geduldet hatte. – Er ärgerte sich jetzt +noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich nicht wenigstens an jenem +Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, und daran war Niemand weiter +schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der Oskar, mit seinen albernen +Streichen. Über die Tafel hinüber ging das freilich nicht.</p> + +<p>Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß +von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten – und was würden +sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit +der Comtesse hörten? – Er <em class="gesperrt">wollte</em> – +er <em class="gesperrt">mußte</em> fort – aber die Schwiegermutter +– er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und saß heute wieder +in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und überlegte und grübelte, +wie er sich am Besten und Anständigsten aus der Affaire ziehen könne.</p> + +<p>Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch +die Oskar, eben + +<span class="pagenum"><a name="Pg_220" id="Pg_220">[S. 220]</a></span> + +von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem »Donnerwetter, ich +bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte sich nicht, und +Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich sagte +er:</p> + +<p>»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die +Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«</p> + +<p>»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, +gerade nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche +anzuknüpfen.</p> + +<p>»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf, +der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf +diese Quelle zurückführte – »das weiß der Henker! Das Mädel muß +übergeschnappt sein, denn sie nimmt <em class="gesperrt">meinen</em> Besuch +nicht einmal mehr an. Was sagen Sie dazu?«</p> + +<p>Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen +Grafen todtzuschweigen.</p> + +<p>»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas +unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort – +»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's +Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie + +<span class="pagenum"><a name="Pg_221" id="Pg_221">[S. 221]</a></span> + +nur um Gottes willen wieder Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause +jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Ihr seid <em class="gesperrt">Alle</em> +unausstehlich, und das Schlimmste dabei, daß man Euch noch dazu Alle +einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über Euch zu ärgern.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über +die »Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein +mögliches Mißverständniß – wenn <em class="gesperrt">er</em> auch +nicht wußte, durch was es entstanden sein konnte – aufzuklären. +Helene war verändert, seit sie den <em class="gesperrt">Brief</em> gelesen +hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe gestanden und wie weit +er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er nicht, wenn nicht – +er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf und lief in der Stube auf und +ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu berücksichtigen. – Hatten sie +– es lief ihm mit einem unbehaglichen Gefühl über die Seele – +hatten sie vielleicht nach Deutschland geschrieben und von dort aus +Nachricht erhalten, daß <em class="gesperrt">seine</em> Verhältnisse nicht +so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?</p> + +<p>»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt +zugesehen hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_222" id="Pg_222">[S. 222]</a></span> + +Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig – er hatte noch nie +so schnell gedacht. – Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden, +mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt +nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn <em class="gesperrt">so konnte</em> +ihr Verhältniß nicht mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt +mußte nach der einen oder andern Seite hin geschehen.</p> + +<p>»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne – »Sie +erlauben wohl, daß ich mich anziehen kann, ich – muß Ihre Frau Mutter +sprechen.«</p> + +<p>»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar – »aber Sie <em +class="gesperrt">sind</em> ja angezogen.«</p> + +<p>»Ich – habe schon einen Spaziergang gemacht und – möchte +meine Wäsche wechseln.«</p> + +<p>»So – aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich +langsam erhebend – »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, +weshalb ich eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis +morgen früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte +abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem jungen +Mann um.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_223" id="Pg_223">[S. 223]</a></span> + +»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine zwanzig +Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der letzten Zeit +so bedeutend auf mich gezogen, daß ich – daß ich wirklich das wenige +mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«</p> + +<p>»S–o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.</p> + +<p>»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere +recht hübsche Einnahmen <em class="gesperrt">gehabt</em> haben, denn ich +sehe, daß sich die Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«</p> + +<p>»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »<em +class="gesperrt">die</em> besorgt das; ich habe mit Müh' und Noth tausend +Stück für mich gerettet.«</p> + +<p>»Gerettet? – hm!«</p> + +<p>»Also Sie haben Nichts?«</p> + +<p>»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«</p> + +<p>»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das +auch einerlei sein. – Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer +und warf die Thür hinter sich in's Schloß.</p> + +<p>»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter +ihm zu und begann + +<span class="pagenum"><a name="Pg_224" id="Pg_224">[S. 224]</a></span> + +dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen. Selbst den schwarzen +Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über einige Mottenlöcher, +die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und als Dorothea heraufkam, +ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er etwas Wichtiges mit ihr zu +sprechen habe.«</p> + +<p>Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der +Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit +dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein +Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten +Operation unterwerfen wolle.</p> + +<p>Die »Frau Gräfin« – wir müssen sie doch jetzt schon so fort +nennen, da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte – +saß in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff +gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer +wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort einmal +allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene aus, ja, +schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_225" id="Pg_225">[S. 225]</a></span> + +»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«</p> + +<p>»Ja – Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand +und sich verlegen nach einem Stuhl umsehend – »ich – und ich +bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie ....«</p> + +<p>»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die +Gräfin.</p> + +<p>»Sie erlauben – ja, Frau Gräfin – Sie können sich doch +wohl denken,« sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage +hinein, »daß mir der jetzige Zustand – die Vernachlässigung meiner +– Ihrer Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, +und ich habe mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, <em +class="gesperrt">was</em> die Veranlassung dazu gewesen sein könnte. Wenn +– wenn Sie mich nur über Eines beruhigen möchten.«</p> + +<p>»Und das wäre?«</p> + +<p>»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.</p> + +<p>»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen +Blick nach ihrem <i>vis-à-vis</i>. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß +verrathen? Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.</p> + +<p>»Der Brief, den die junge Dame an jenem + +<span class="pagenum"><a name="Pg_226" id="Pg_226">[S. 226]</a></span> + +Abend aus Ihrem Zimmer brachte,« sagte er entschlossen, »denn von jenem +Augenblick an datirt sich die mir so ungünstige Veränderung, und ich kann +in der That jetzt nicht anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig +gesinnte Hand darin Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen +mir wahrscheinlich ein Leichtes sein würde, wenn ich – nur eben wüßte +worauf sie basirten.«</p> + +<p>»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein +vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun +und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter +benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf +ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch +Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache nur +ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser in der +letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen Kräften in +die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den +schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte er +doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf + +<span class="pagenum"><a name="Pg_227" id="Pg_227">[S. 227]</a></span> + +beschränkte, zu einem ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend +frische Summen aus ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das +Rittergut zu erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der +sie sonst verklärte. – »Ich für meine Person setze nicht mehr die +geringste Hoffnung auf die Comtesse, denn – wie groß auch meine +Liebe für sie war und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr +aufzudringen, und jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein +anderer Name geben.«</p> + +<p>»Aber, lieber Pulteleben!«</p> + +<p>»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest +entschlossen, mich – von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich – +doch auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit +nicht gewachsen bin, und Oskar – sich entschieden weigert, mir darin +beizustehen.«</p> + +<p>»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu +beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit <em +class="gesperrt">einem</em> Mal Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein +Wort, daß wir mit dem neuen Tabak ....«</p> + +<p>»Ich bin fest entschlossen, für <em class="gesperrt">meine</em> Rechnung +<em class="gesperrt">keinen</em> Tabak mehr zu kaufen,« sagte der zur +Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf + +<span class="pagenum"><a name="Pg_228" id="Pg_228">[S. 228]</a></span> + +<em class="gesperrt">eigene</em> Rechnung fortführen, so wünsche ich +Ihnen alles Glück und allen Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie +ernstlich, mich von diesem Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu +dispensiren.«</p> + +<p>»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande +gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen, schüchternen +Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu ihrer <em +class="gesperrt">letzten</em> Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt +vollständig von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? +– »und das sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten +Sie jetzt für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, +die von Geschäften gar Nichts verstehen <em class="gesperrt">kann</em>, +verleitet haben, meine ganzen Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu +stecken?«</p> + +<p>»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf <em +class="gesperrt">diese</em> Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.</p> + +<p>»Ist das männlich, ist das selbst nur <em class="gesperrt">ehrlich</em> +gehandelt?« fuhr die Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. – +»Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich +sah, daß ich es mit einem braven, rechtlichen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_229" id="Pg_229">[S. 229]</a></span> + +Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen <em class="gesperrt">ohne</em> +Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige Wolke vor +die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen und mich im +Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten lassen? +<em class="gesperrt">Können</em> Sie das über's Herz bringen, <em +class="gesperrt">dürfen</em> Sie das? Nein, ich sehe, daß Sie den +unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich trage Ihnen auch keinen +Groll deshalb nach, Arno – ich will sogar diesen Augenblick, der +recht, <em class="gesperrt">recht</em> bitter für mich war, das sage ich +Ihnen aufrichtig, vergessen – es soll nicht einmal der Schatten +desselben mehr zwischen uns liegen!«</p> + +<p>»Frau Gräfin!«</p> + +<p>»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen +Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt zu +meiner Tochter Helene – in wenigen Tagen kommt außerdem der schon +längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und – +Sie werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben. +– Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine +Mutter für Sie gesorgt!«</p> + +<p>»Beste Frau Gräfin!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_230" id="Pg_230">[S. 230]</a></span> + +»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin – »wir sprechen heute +Abend weiter darüber. – Guten Morgen, lieber Arno – guten +Morgen!«</p> + +<p>Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand +und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter – hätte sie aber +sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn +nicht so rasch verlassen – wenigstens jetzt noch nicht.</p> + +<p>Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein +und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn kommen +sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich weiß schon: +mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit den +Wechseln, die nie eintreffen! – Nein, Frau Gräfin, <em +class="gesperrt">das</em> zieht nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt +brauche, bin ich wieder angeführt! – »He – Jeremias – +Jeremias! Kommen Sie einmal rasch herauf!«</p> + +<p>»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie +denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«</p> + +<p>»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung +befand, »wollen Sie – wollen Sie zwei Milreis verdienen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_231" id="Pg_231">[S. 231]</a></span> + +»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir +einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«</p> + +<p>»Wo ist Oskar?«</p> + +<p>»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«</p> + +<p>»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. +Wenn Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei +Milreis; für jede Minute, die Sie es <em class="gesperrt">früher</em> +abmachen, lege ich Ihnen hundert Reis auf, für jede, die Sie <em +class="gesperrt">später</em> dorthin kommen, ziehe ich Ihnen hundert ab. +Sind Sie das zufrieden?«</p> + +<p>»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«</p> + +<p>»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«</p> + +<p>»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag, +und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte – »mein Karren +steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin ich +drüben.«</p> + +<p>»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von +Pulteleben, über den Eifer + +<span class="pagenum"><a name="Pg_232" id="Pg_232">[S. 232]</a></span> + +jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine Bursche entwickelte.</p> + +<p>»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«</p> + +<p>»Hier die Stiefel.«</p> + +<p>»Nehmen wir in die Hand.«</p> + +<p>»Den Plaid.«</p> + +<p>»Können wir oben aufschnallen.«</p> + +<p>»Die Hutschachtel.«</p> + +<p>»Schmeißen wir auf den Karren – und die Cigarrenkiste auch.«</p> + +<p>»Die bleibt hier.«</p> + +<p>»Desto besser – geben Sie einmal den Schlafrock her.«</p> + +<p>»Da klingelt noch Etwas darin.«</p> + +<p>»Macht Nichts – werden ein paar Louisd'or sein – können Sie +drüben herauspuddeln – Einer wär' fertig!«</p> + +<p>»Da hängt noch eine Weste – halt, das Handtuch bleibt auch +hier.«</p> + +<p>»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias; +»Jemine, ist das ein Vergnügen! – Sonst noch 'was? – Haarlocken +vielleicht oder getrocknete Blumen?«</p> + +<p>»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«</p> + +<p>Jeremias packte den einen Koffer auf, und die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_233" id="Pg_233">[S. 233]</a></span> + +Dorothea stürzte erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der +oberen Treppe ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem +Spectakel hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei +Kleinigkeiten aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.</p> + +<p>»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt – »ist denn +Feuer oben?«</p> + +<p>»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im +Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.</p> + +<p>Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog; +der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er nach dem +zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür entgegenzog.</p> + +<p>Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage +kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:</p> + +<p>»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn <em +class="gesperrt">auch</em> fort?«</p> + +<p>»Ich – werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der +junge Mann, der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht +einzugestehen; »hier – ist Etwas für Ihre Bemühungen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_234" id="Pg_234">[S. 234]</a></span> + +für mich,« und er drückte ihr dabei fünf Milreis in die Hand.</p> + +<p>»Ach, ich danke auch schön – das war ja gar nicht nöthig – +na, da wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«</p> + +<p>»Guten Morgen, Dorothea!«</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«</p> + +<p>Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben +hinauf wollte.</p> + +<p>»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr +lieb, daß ich Sie noch treffe. – Ich wollte meine Miethe holen. Die +Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«</p> + +<p>»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr +von Pulteleben – »ich habe die Casse nicht mehr – guten Morgen, +Herr Spenker!«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben die Casse nicht mehr?« brummte der +Bäckermeister leise vor sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem +Hause war – »na, da bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. +Das ist eine Staatswirthschaft!«</p> + +<p>»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?« +schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich +vorspannte, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_235" id="Pg_235">[S. 235]</a></span> + +und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst komischen Blick von der +Seite an; »würde ihr doch unendlich leid thun –«</p> + +<p>»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner +Uhr sehend.</p> + +<p>»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im +nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er vor +eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von Pulteleben +konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. –</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_236" id="Pg_236">[S. 236]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC10" id="TOC10"></a>10.<br /> + +Graf Rottack's weitere Beschäftigung.</h2> + + +<p>Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, +der von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu +hielt.</p> + +<p>Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als +das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in +die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung +der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für +unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer hatten, und +was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig zusammengehalten, +die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_237" id="Pg_237">[S. 237]</a></span> + +aus eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.</p> + +<p>Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in +seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im +Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend, ein +paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto weniger +sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem Baron neben +sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, aber allem +Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.</p> + +<p>»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am +hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht +immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder +übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem Maulthier? +Ist der Mann nicht gebunden?«</p> + +<p>»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt +hatte und damit hinaus auf den Zug sah – »das ist der Mensch, der +sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie +die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier +Vorstellungen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_238" id="Pg_238">[S. 238]</a></span> + +im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht glückte.«</p> + +<p>»Und wer ist der Reiter neben ihm?«</p> + +<p>»Der junge Graf Rottack; wie aber <em class="gesperrt">die</em> Beiden +auf solche Art zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«</p> + +<p>»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie +hierher. – Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er +dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus standen +– »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«</p> + +<p>Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von +Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches +Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern +geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken +zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während +der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der +Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.</p> + +<p>Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es +augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder zurück +zu + +<span class="pagenum"><a name="Pg_239" id="Pg_239">[S. 239]</a></span> + +sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden Soldaten ließen ihn, +dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann wieder die Thür – +aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er hatte sie gebeten, +seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.</p> + +<p>Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn +neugierig betrachteten – sonst war Alles leer und öde. Der junge +Mann stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors +führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.</p> + +<p>»Guten Abend, meine Herren!«</p> + +<p>»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener +Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte +– »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie +nur gesteckt?«</p> + +<p>»Draußen im Walde, Baron. – Herr Director, ich weiß nicht ob es +nöthig ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«</p> + +<p>»Graf Rottack?« sagte der Director – »ich hatte das Vergnügen bei +der Frau Gräfin.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine +Lippen zuckte – »bei der Frau Gräfin – doch zur Sache. Ich +bringe + +<span class="pagenum"><a name="Pg_240" id="Pg_240">[S. 240]</a></span> + +Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den armen +Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«</p> + +<p>»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm +überrascht.</p> + +<p>»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein +rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände, welche +dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden haben. Die +Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber auf – das +Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden. Außerdem gestand +er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei ausweichende Art zu +entschuldigen sucht.«</p> + +<p>»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen +anzufassen – »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem +Ermordeten – wie hieß er gleich, Baron?«</p> + +<p>»Justus Kernbeutel.«</p> + +<p>»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«</p> + +<p>Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er +wieder ruhig:</p> + +<p>»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den Mord +gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten Haushälterin + +<span class="pagenum"><a name="Pg_241" id="Pg_241">[S. 241]</a></span> + +des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden Augenblick zu +beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren, sondern daß er sie +auch am Tage der That getragen hat.«</p> + +<p>»Hm – das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint +es,« sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat +– keinesfalls wenigstens allein.«</p> + +<p>»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der +Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden +Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in +welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal da, +um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und mußte +wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«</p> + +<p>»Hm – gut – ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte +der Director, nach seiner Uhr sehend – »doch das werden wir ja +Alles bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den +gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen – heute ist es doch zu +spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie dann, +sich wieder + +<span class="pagenum"><a name="Pg_242" id="Pg_242">[S. 242]</a></span> + +hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«</p> + +<p>»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler, +hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar +erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig war +– wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande +lassen?«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Sie</em> haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« +lächelte der Director, »aber <em class="gesperrt">ich</em> habe ihn nicht +eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie nehmen sich überhaupt der +Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie sogar ganz in Gedanken +bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«</p> + +<p>»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier +so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand +glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind +Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara +ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt <em +class="gesperrt">gleich</em> vorzunehmen und den Unschuldigen seiner +Familie wieder zu geben.«</p> + +<p>Der Baron bog sich zu dem Director über + +<span class="pagenum"><a name="Pg_243" id="Pg_243">[S. 243]</a></span> + +und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, +das ihm nicht gefiel, und er war von je ein Mann des Friedens gewesen.</p> + +<p>»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich +leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden +nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« – er sah wieder nach der Uhr +– »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns +heute keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt +habe, Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«</p> + +<p>Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber – nur +der Tisch war zwischen ihnen – und man sah es ihm an, wie er sich +gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben.</p> + +<p>»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem +Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler <em class="gesperrt">muß</em> +seiner Familie heute wiedergegeben werden.«</p> + +<p>»Von einem <em class="gesperrt">Muß</em>, Herr Graf, kann hier gar +keine Rede sein,« erwiederte ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch +– »ich bitte Sie, <em class="gesperrt">Ihre</em> Worte ein Wenig auf +die Wage zu legen; <em class="gesperrt">mein</em> letztes Wort haben Sie.« +</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_244" id="Pg_244">[S. 244]</a></span> + +»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden Zorn +nicht mehr mäßigen konnte – »dann hören Sie auch meines! Glauben Sie +denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften können +wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu thun +haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das Verhör +nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an der Spitze der +Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie höchsteigenhändig aus dem +Fenster werfe!«</p> + +<p>»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.</p> + +<p>»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.</p> + +<p>»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll +Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche Canaille +alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich nach Ihren +Soldaten um – glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark und Saft +verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer deutschen +Bauern widerstehen? Ist <em class="gesperrt">das</em> der ganze Schutz den +Sie haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie +aufgetreten sind? Hier, meine + +<span class="pagenum"><a name="Pg_245" id="Pg_245">[S. 245]</a></span> + +Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb – hat um drei Viertel das Verhör +nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt. Das Blockhaus, in dem Köhler +sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel über den Haufen geworfen, und fällt +ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, so stürmen wir das Nest hier, und +daß <em class="gesperrt">Sie</em> schneller hinausfliegen als Sie +hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort – also auf +Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter und +unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben gehört +hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.</p> + +<p>Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie +schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des zündenden +Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie brachte, +um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was der Director +beabsichtige und was <em class="gesperrt">er</em> ihm zugeschworen, als +die jungen Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn +Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen +möglichen anderen, zu + +<span class="pagenum"><a name="Pg_246" id="Pg_246">[S. 246]</a></span> + +Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.</p> + +<p>Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in seinem +Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand reißend, +schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und wenn er +selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter: Brach hier im Ort +eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten« allerdings zuerst auf +das Directionsgebäude – und er selber hatte nur geringes Vertrauen +zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich die Wuth, ihr erstes +Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen die übrige Aristokratie +wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort beliebt war, wußte er eben +so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er deshalb den Director – nur +um Blutvergießen zu vermeiden – der Gewalt nachzugeben, eine spätere +Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen bestrafen und besonders den +Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der Director konnte in allen Fällen +auf ihn rechnen – wozu jetzt Alles auf Eine Karte setzen, während +noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn waren.</p> + +<p>Der Director sah aus dem Fenster – unten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_247" id="Pg_247">[S. 247]</a></span> + +wogte und tobte es – mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, +ihre Gewehre und andere Waffen im Arm, sammelten sich dort um den Grafen +Rottack, der mit der Uhr in der Hand zwischen ihnen stand. Der Director +sah nach seiner eigenen Uhr – es fehlten noch fünf Minuten an drei +Viertel. – Die Soldaten im Hause hatten sich vor der drohenden +Bewegung gesammelt, und der Unterofficier steckte jetzt ganz verblüfft den +Kopf in die Thür und fragte, welche Befehle der Herr Director gäbe. Es +war den Blaujacken da unten auch nicht wohl geworden, denn einem einzelnen +hülflosen Colonisten gegenüber hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber +sah es beinahe aus, als ob sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine +Schaar hatte eigentlich schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache +bös abliefe, in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß +hinabzugehen.</p> + +<p>Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.</p> + +<p>»Sie weichen ja nur der Übermacht – der rohen Gewalt,« sagte der +Baron – »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf +machen, und die Regierung wird Ihre Mäßigung + +<span class="pagenum"><a name="Pg_248" id="Pg_248">[S. 248]</a></span> + +lobend anerkennen. – Nachher kommen <em class="gesperrt">wir</em> +wieder oben auf, und wenn <em class="gesperrt">Sie</em> dann Ihren Vortheil +benutzen, kann Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.«</p> + +<p>»Gut – so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich +– es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. – »Nehmt +zwei Mann, Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den +dort sitzenden Deutschen her.«</p> + +<p>»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr +großer Zuversicht – »sie schreien und toben und sind Alle gut +bewaffnet.«</p> + +<p>»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick +– »geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben +oben bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen +heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? – +<em class="gesperrt">Rasch</em>, die Zeit vergeht!«</p> + +<p>»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz +herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den +zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf +Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es + +<span class="pagenum"><a name="Pg_249" id="Pg_249">[S. 249]</a></span> + +bedurfte jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß +sie den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber +befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine +kleine Beschäftigung gehabt.</p> + +<p>Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier +gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben – man traute +den Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus' +Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus +gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den sie +Alle vorher wußten, abzuwarten.</p> + +<p>Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten +belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit ihm +sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber konnte er +nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als die Schaar zum +ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde – und wie +bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn hier +festgehalten!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_250" id="Pg_250">[S. 250]</a></span> + +Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum +Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im +Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich ein +<em class="gesperrt">Verhör</em> nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts +als die Abnahme eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr +um sich her vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf +die Kniee fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um +Gnade und Barmherzigkeit – nur um sein Leben flehte.</p> + +<p>Jeremias mußte auch noch her – er stand schon vor der Thür – +und die einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten +that. Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf +Jeremias aber trocken erwiederte:</p> + +<p>»Das geht Niemanden 'was an. – Wenn <em class="gesperrt">ich</em> +einmal vor Gericht stehe, können Sie wieder danach fragen,« und damit schob +er seine Hände in die Taschen und ging hinaus.</p> + +<p>Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt, +und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_251" id="Pg_251">[S. 251]</a></span> + +wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Diese</em> Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, +aber für Ihr Betragen, dem Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders +verantwortlich machen.«</p> + +<p>»Ich stehe Ihnen in <em class="gesperrt">jeder</em> Hinsicht zu +Diensten, Herr von Reitschen,« sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen +letzten Blick zu und verließ mit Köhler das Haus.</p> + +<p>Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich +eine Frau, ein Kind auf dem Arm.</p> + +<p>»Hans! Hans!« schrie sie – »wo bist Du?«</p> + +<p>»Hier! – Trine – Trine!« und die beiden Gatten lagen sich +in den Armen und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor +Freude und Seligkeit.</p> + +<p>»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein +klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.</p> + +<p>»Und dafür bekomme ich <em class="gesperrt">auch</em> einen Kuß,« lachte +dieser.</p> + +<p>»Zehn – zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an +Rottack's Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_252" id="Pg_252">[S. 252]</a></span> + +Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster – Rottack sah ihn, nahm +seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_253" id="Pg_253">[S. 253]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC11" id="TOC11"></a>11.<br /> + +Abschiednehmen.</h2> + + +<p>Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht +stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede, denn +die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu lassen. Das +Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf Händen, daß er +ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene und unerträgliche Joch +abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch selber nicht die nächsten +Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen gewohnten Geschäften nach. Es +war ordentlich, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, dem Director zu +beweisen, daß sie eben nicht durch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_254" id="Pg_254">[S. 254]</a></span> + +Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was +Recht oder Unrecht sei.</p> + +<p>Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie des +Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte, unterbrachte. +Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt. Das Hinderniß, +welches zwischen ihrer Liebe stand – die Pflicht, für den Vater zu +sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu bestimmt, sie +mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte die Zeit nicht +hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in der Welt und konnte +ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.</p> + +<p>Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen, +während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director +brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er sah, +wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner Waffenmacht, +entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich gar nicht um ihn, +gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit dem Baron über seinen +finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen.</p> + +<p>Da wurde, an demselben Morgen, an welchem + +<span class="pagenum"><a name="Pg_255" id="Pg_255">[S. 255]</a></span> + +die Trauung der jungen Leute festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom +Norden und dann ein anderer vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen +jubelte. <em class="gesperrt">Jetzt</em> wurde ihm Hülfe, jetzt konnte er +die erlittene Schmach fast auf frischer That rächen, und augenblicklich +setzte er sich in ein Boot und ruderte mit vier Soldaten den Strom +hinab.</p> + +<p>Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn +ein anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der +angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die jetzt +an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß sie gegen +die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich ihr <em +class="gesperrt">Recht</em> nicht selber zu holen brauchten; erstaunten +aber doch, als ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, +zurückkehrte, rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. +Was war da vorgefallen?</p> + +<p>In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote +des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte. +Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle +umgekehrt.</p> + +<p>Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete + +<span class="pagenum"><a name="Pg_256" id="Pg_256">[S. 256]</a></span> + +Nachricht er da unten bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht +durch die ganze Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist +abberufen. Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht +klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue +Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf, +behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.</p> + +<p>Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt +zu Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu +sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen, packten +stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu Muthe, als +ob er ebenfalls packen müsse.</p> + +<p>Die Trauung war vorüber – ein recht wehmüthiger Act, da sich für +die arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch +auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde +ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den +letzten Trost gegeben hatte!</p> + +<p>Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren +Trauungszeugen gewesen; Jeremias + +<span class="pagenum"><a name="Pg_257" id="Pg_257">[S. 257]</a></span> + +stolzirte ebenfalls mit einem riesigen Blumenbouquet vorn im Knopfloche +einher, und eigentlich hatte das junge Paar schon am nächsten Morgen die +Colonie auf einem Segelschiff verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit +bequemere Gelegenheit mit einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio +bot, sollte diese benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, +hatte es übernommen, die Passage unten für sie auszumachen.</p> + +<p>Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist +und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben gelandet +sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied erhalten +hätte.</p> + +<p>Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab +eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender +Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die Freunde +in den Armen.</p> + +<p>»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?«</p> + +<p>»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte +eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt +bekommen, aber wie mir so von <em class="gesperrt">allen</em> Seiten +zugeredet + +<span class="pagenum"><a name="Pg_258" id="Pg_258">[S. 258]</a></span> + +wurde, ich mir zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier +vielleicht noch Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht +gleich eine andere passende Persönlichkeit hatte, so – entschloß +ich mich zuletzt, bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist +aber hauptsächlich <em class="gesperrt">der</em> Herr da an meiner +Sinnesänderung schuld.«</p> + +<p>Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der +Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus: +»Günther! <em class="gesperrt">Sie</em> wieder in der Colonie?«</p> + +<p>»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen.</p> + +<p>Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und +angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau. +Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend, küßte +er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:</p> + +<p>»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten +Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.«</p> + +<p>»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter +der Gruppe – »Günther – Mensch, wo kommst <em +class="gesperrt">Du</em> her?« und im nächsten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_259" id="Pg_259">[S. 259]</a></span> + +Augenblick lag er in seinen Armen – aber rasch richtete er sich +wieder empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, +daß nicht Alles so mit ihm sei wie es solle – »was ist geschehen, +Günther?« rief er, ihn auf Armes Länge von sich drückend – »Du siehst +blaß und elend aus – warst Du krank?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Günther leise – »recht krank – aber es geht +wieder besser und ich – will mich hier in der Colonie noch ein Wenig +erholen, ehe ich die Heimreise antrete.«</p> + +<p>Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er +noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd:</p> + +<p>»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias +hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei, und +selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen würden. +Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?«</p> + +<p>»Mein lieber – lieber Günther!«</p> + +<p>»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen – und nun +vorwärts!«</p> + +<p>Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß Sarno +wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die Colonisten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_260" id="Pg_260">[S. 260]</a></span> + +in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher nicht mit +Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche Schaar +<em class="gesperrt">deutscher</em> Colonisten gleichmäßig zufrieden zu +stellen, wäre überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte +ihnen aber erst gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets +rechtlich und gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu +haben, war desto größer.</p> + +<p>Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm +sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den +Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich +aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich ihre +Freude auszudrücken.</p> + +<p>Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und +brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein +Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen +aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt +voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden +geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat – und Jeremias +schien der Nerv dieser ganzen Bewegung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_261" id="Pg_261">[S. 261]</a></span> + +Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche die +Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa Catharina +aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen Bericht über das +Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident fortwährend leidend +sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel anstelle, der nicht allein die +Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen wie Brasilianers, errege, sondern +auch den Bestand der Colonien zu gefährden drohe. Er hatte dabei nicht +unterlassen, Sarno's Wirksamkeit in Santa Clara und die Art und Weise zu +schildern, mit der jetzt auf das Willkürlichste über ihn verfügt werden +sollte.</p> + +<p>Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem +Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen +Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß +zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die Abberufung +Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei. Außerdem +hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der Frau Präsidentin +erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende Zustand des sonst +tüchtigen Präsidenten + +<span class="pagenum"><a name="Pg_262" id="Pg_262">[S. 262]</a></span> + +machte da eine Verbesserung des Geschehenen möglich. Der Präsident selber +wurde pensionirt, Herr von Reitschen aber, der Director von Santa Clara, +einfach seines Dienstes entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge, +seines willkürlichen Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre +auch die Soldaten wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht +nöthig schienen, und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno +und Günther wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director +von Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es dem +Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der andere +Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach Rio de +Janeiro hinauf.</p> + +<p>Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem +Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben und +überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich dem +aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man seinem +Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch die ganze Nacht +die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die + +<span class="pagenum"><a name="Pg_263" id="Pg_263">[S. 263]</a></span> + +nie versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft +auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von +seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese +Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde – +übergab er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach +erfolgter Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor +Tag, auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. +Die Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde +fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der +Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen +verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der +Platz geräumt.</p> + +<p>Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden +gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag +die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und Graf +Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit Könnerns +nach Deutschland zurückzukehren.</p> + +<p>Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen, +es war aber noch Etwas + +<span class="pagenum"><a name="Pg_264" id="Pg_264">[S. 264]</a></span> + +an der Maschine zu repariren und der Dampfer der unterwegs schlechtes +Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise verzögerte sich deshalb +um einige Stunden.</p> + +<p>Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck +schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.</p> + +<p>Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt +wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit dem +Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und nicht +genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als Günther +an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich die Straße +hinunter führte.</p> + +<p>»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem +er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige +Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du siehst +bleich und elend aus und – das Schlimmste – es hat sich ein +Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz +eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland – nach Thüringen + +<span class="pagenum"><a name="Pg_265" id="Pg_265">[S. 265]</a></span> + +zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!«</p> + +<p>Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein +Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur die +frei gehaltene Straße zog sich hindurch.</p> + +<p>»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du +Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?«</p> + +<p>»Als ob es gestern gewesen wäre.«</p> + +<p>»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß +ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen +an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir +hergestrichen und zuletzt weit – weit hinaus in das düstere Meer +verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden +– wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben +konnte – so einsam – so öde schien mir in dem Augenblick die +Welt?«</p> + +<p>»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise.</p> + +<p>»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's +Auge sah – »in jener Nacht starb meine Anna – an jenem Morgen +lag sie kalt und bleich auf ihrem Lager dort + +<span class="pagenum"><a name="Pg_266" id="Pg_266">[S. 266]</a></span> + +– dort, wohin die Schwäne in den Nebel zogen!« – Und was +der starke Mann bis dahin standhaft ertragen, das brach jetzt aus +in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die Brust des Freundes +lehnte.</p> + +<p>Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort – +kein Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den +fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen +Schmerz.</p> + +<p>»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in +seinen Armen empor.</p> + +<p>»So – jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer +seine Brust hob – »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von +Fremden umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust +zurückzubannen, das thut doppelt weh!«</p> + +<p>»Armer, armer Freund! – Und wo erhieltest Du die Nachricht?«</p> + +<p>»Vor wenigen Tagen in Rio – der Dampfer, der mich in die Heimath +führen sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt +– jetzt <em class="gesperrt">kann</em> ich nicht zurück, und ich +begleitete Sarno, um hier noch manche Arbeit zu + +<span class="pagenum"><a name="Pg_267" id="Pg_267">[S. 267]</a></span> + +beenden, die ich – gehofft hatte von Anderen beendet zu sehen. +– Aber nun leb' wohl, Freund – wie ich höre, willst Du Könnern +begleiten – ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen Menschen +zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was ich Dir +eben vertraut – es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch meinen +Gruß und – leb' wohl!«</p> + +<p>»Du willst fort?«</p> + +<p>»Hier steht mein Pferd – Gott mit Dir, mein lieber Freund, und +mögest auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!«</p> + +<p>Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann +riß sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand +zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden.</p> + +<p>Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war +ihm recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und +allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. – Als er +wieder an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen +Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. – Es war +Helene. – Fast unwillkürlich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_268" id="Pg_268">[S. 268]</a></span> + +grüßte der junge Mann im Weitergehen und blieb dann stehn.</p> + +<p>»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von +ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. – Er sah +nach seiner Uhr – es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. – +»Was kümmert's denn mich, wenn sie – ei, ich will aus Brasilien von +keinem Menschen im Bösen scheiden – am Wenigsten von ihr!« und rasch +entschlossen schritt er in das Haus hinein.</p> + +<p>Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem das +»Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein! antwortete +ihm – Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie war ganz +einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als Schmuck und sah +ungewöhnlich bleich aus.</p> + +<p>»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu +verlassen, und – wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu +sagen.«</p> + +<p>»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte +es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte, so +viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das + +<span class="pagenum"><a name="Pg_269" id="Pg_269">[S. 269]</a></span> + +aber machte ihn selber verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den +kaum begonnenen Abschied noch zu kürzen.</p> + +<p>»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen +zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien +zurückkehren werde.«</p> + +<p>»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich +zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich nicht, +daß wir auf <em class="gesperrt">diese</em> Weise von einander scheiden. +– Ich habe einen Verdacht, Sie <em class="gesperrt">wissen</em>, +daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt. – Wenn dem nicht so wäre, +nehmen Sie hier meine Erklärung ....«</p> + +<p>»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht – »ich – +wußte nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie – ihn so lange schon +geführt ....«</p> + +<p>»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten +hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte +gehofft, <em class="gesperrt">Sie</em> wenigstens würden besser von mir +denken; aber – lassen Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst +– »ich habe so wenig Freunde + +<span class="pagenum"><a name="Pg_270" id="Pg_270">[S. 270]</a></span> + +auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir geht, kein +hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr Graf, und +– möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter traurige +Bilder bieten!«</p> + +<p>Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen +ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los +und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen +Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick, +den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr als +Sie vielleicht glauben. – Sehen Sie mir in's Auge – halten Sie +mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es +wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in einer +halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht selbst noch +von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein Geheimniß,« fuhr er +fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm stand – »ich kannte +Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause – ich wußte ....«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_271" id="Pg_271">[S. 271]</a></span> + +»Es <em class="gesperrt">ist</em> nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und +ihre Hand aus der seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.</p> + +<p>Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.</p> + +<p>»Es <em class="gesperrt">ist</em> nicht Ihre Mutter?« wiederholte er +endlich, und die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust.</p> + +<p>»Nein,« hauchte Helene – »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe +Ihnen schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war – es +war mir nur ein – peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen +und zu fühlen, daß Sie – mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, +und wenn Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so – verlassen +Sie mich jetzt!«</p> + +<p>»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und +Gefühlen das Hirn durchzuckte – »nicht so dürfen wir scheiden! +Hier liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen – o, wenn Sie +Vertrauen zu mir hätten – wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen +könnten, wie gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.«</p> + +<p>»Herr Graf,« bat Helene scheu.</p> + +<p>»Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr +Rottack leidenschaftlich + +<span class="pagenum"><a name="Pg_272" id="Pg_272">[S. 272]</a></span> + +fort – »daß es Ihnen peinlich sei, <em class="gesperrt">mich</em> +scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten +Sie Ihr Vertrauen zurück – geben mir nur Andeutungen, die mich noch +verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die +sich Ihnen entgegenstreckt.«</p> + +<p>»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes +beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.</p> + +<p>Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr +treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte er +herzlich:</p> + +<p>»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln +Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg +einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. – +Machen Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden +auf der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!«</p> + +<p>Helene rang mit sich – zu plötzlich, zu überraschend war ihr +das Alles gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um <em +class="gesperrt">überlegen</em> zu können. Noch nie aber hatte sie so das +Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie in diesem Augenblick + +<span class="pagenum"><a name="Pg_273" id="Pg_273">[S. 273]</a></span> + +– noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so herzlich, so +einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich zu dem jungen +Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand, was er ihr +geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und mit leiser, +aber fester Stimme sagte sie:</p> + +<p>»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack – ich <em +class="gesperrt">will</em> Ihnen glauben – ich würde Ihnen auch in +diesem Augenblick vertrauen – wie einem Bruder« – setzte +sie kaum hörbar hinzu – »aber für mich selber ist meine ganze +Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein Licht +darüber geben könnte – bindet ein Schwur.«</p> + +<p>»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt – »aber woher dann – +ich begreife nicht, wie Sie da überhaupt ....«</p> + +<p>Helene stand noch immer zögernd vor ihm – aber wußte er nicht +schon ihr Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die +jeden Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?</p> + +<p>»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es +sich ihr endlich aus der Brust – »hier, dieser Brief kam durch eine +Verwechslung + +<span class="pagenum"><a name="Pg_274" id="Pg_274">[S. 274]</a></span> + +der Couverts in meine Hände« – halb abgewandt reichte sie ihm +denselben.</p> + +<p>»Darf ich ihn lesen?«</p> + +<p>»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den +Händen.</p> + +<p>Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken +verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.</p> + +<p>»Sie weigert sich, ihn zu nennen – ein Schwur bindet ihre +Lippen.«</p> + +<p>»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den +Schwur kenne ich – er heißt Selbstinteresse – aber ich begreife +noch immer nicht – Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« +unterbrach er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf +den Tisch legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, +während er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl +über sein Antlitz zuckte – »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das +Vertrauen, das Sie mir geschenkt – wenn ich es Ihnen auch nur durch +Überraschung abgepreßt. – Aber jetzt fort – Du mein Himmel, +mir schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt das +Hirn durchkreuzen – und doch war ich nie so glücklich, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_275" id="Pg_275">[S. 275]</a></span> + +nie so lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«</p> + +<p>»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich +Rottack's Betragen nicht erklären.</p> + +<p>»Gewiß,« lachte dieser – »unten warten sie ja mit dem Boot auf +mich – aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen +wichtigen Besuch zu machen – und dann komme ich wieder her – in +einer halben Stunde bin ich wieder hier« – Und ohne Abschied sprang +er in jubelndem Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_276" id="Pg_276">[S. 276]</a></span></p> + +<h2><a name="TOC12" id="TOC12"></a>12.<br /> + +Schluß.</h2> + + +<p>Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten +gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit +flüchtigen Sätzen angesprungen kam.</p> + +<p>»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes +eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im +Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«</p> + +<p>»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix – »Sie müssen +noch einen Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges +vergessen!«</p> + +<p>»Vergessen – was?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_277" id="Pg_277">[S. 277]</a></span> + +»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!«</p> + +<p>»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so +förmlich geworden?«</p> + +<p>»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder +Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und direct +dem Hause der Gräfin zu.</p> + +<p>Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.</p> + +<p>»Ist die Frau Gräfin oben?«</p> + +<p>»Ja, in ihrem Zimmer.«</p> + +<p>»Melden Sie mich – rasch, denn ich habe große Eile!«</p> + +<p>»Ja, <em class="gesperrt">ich</em> kann jetzt nicht hinaufgehen.«</p> + +<p>»Dann meld' ich mich selber!« – und in wenigen Sätzen war er +oben. An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief eine +bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten Augenblicke +der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha empor fuhr.</p> + +<p>»Herr Graf!«</p> + +<p>»Frau <em class="gesperrt">Gräfin</em>,« sagte der junge Mann, sich +mit Anstand verbeugend – »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur +in seiner Kürze seine Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen +Frage, um deren Beantwortung ich Sie ersuche.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_278" id="Pg_278">[S. 278]</a></span> + +»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen, +denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.</p> + +<p>»Gut – dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so +förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.«</p> + +<p>»Welchen Namen, Herr Graf?«</p> + +<p>»Den Namen von Helenens Mutter.«</p> + +<p>»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten.</p> + +<p>»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß +Sie einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen +Mädchen gegenüber ging – <em class="gesperrt">wir</em> stehen +anders zusammen. Entweder schreiben Sie mir die volle Adresse <em +class="gesperrt">jetzt</em> in diesem Augenblick auf, oder ich gehe direct +hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und – unterhalte +mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich nicht scherze. +<em class="gesperrt">Noch</em> ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und +wird da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen – wo nicht – +schreiben Sie sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch +bemerken, daß Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine +einfache Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit + +<span class="pagenum"><a name="Pg_279" id="Pg_279">[S. 279]</a></span> + +Angabe der Verhältnisse, <em class="gesperrt">ohne</em> einen Namen zu +nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch das ist Nebensache. <em +class="gesperrt">Wir</em> haben es hier mit dem speciell zu thun, was <em +class="gesperrt">Sie</em> betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie +da auch am Besten kennen.«</p> + +<p>»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen – wenn ich +mir selber alle Hülfsmittel abschneide, wovon – o, wovon soll <em +class="gesperrt">ich</em> denn da leben? Alles verläßt mich – Alles +verläßt mich – auch der undankbare Mensch, der Pulteleben, hat mich +im Stich gelassen!«</p> + +<p>Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte:</p> + +<p>»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da ihm +die <em class="gesperrt">Frau</em> abhanden gekommen, nicht doch wenigstens +die vermuthete Schwiegermutter zu behalten – doch zur Sache. Wollen +Sie meinen Wunsch erfüllen oder nicht? ich <em class="gesperrt">muß</em> +Antwort haben.«</p> + +<p>»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.«</p> + +<p>»Nein – hier ist Papier und Dinte – in fünf Minuten bleibt +Ihnen keine Wahl mehr.«</p> + +<p>»Und <em class="gesperrt">Sie</em> versprechen mir zu schweigen?«</p> + +<p>»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die +Colonie.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_280" id="Pg_280">[S. 280]</a></span> + +Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und +reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber.</p> + +<p>»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert +– das Geheimniß ist nicht für mich.«</p> + +<p>Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr +durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und +ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen – und der +Baron <em class="gesperrt">mußte</em> schon einen Verdacht gefaßt haben +– als durch die Sorge um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert +hatte. <em class="gesperrt">Sie</em> lebte nur in dem Augenblicke, dem sie +abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste Tag?</p> + +<p>»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit +einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf +dabei ansah – »wie war es <em class="gesperrt">möglich</em>, +daß Helene bis vor wenig Tagen keine Ahnung davon haben konnte, <em +class="gesperrt">Sie</em> seien nicht ihre wirkliche Mutter? Ich begreife +das nicht.«</p> + +<p>»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann +in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt + +<span class="pagenum"><a name="Pg_281" id="Pg_281">[S. 281]</a></span> + +mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß +erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....«</p> + +<p>»Vollkommen ohne Nebenabsichten?«</p> + +<p>»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde – »da entschloß sie +sich zu dem Schritt – den wir vorher reiflich überlegt hatten: +sie mir nämlich mitzugeben, und ich – holte sie damals, <em +class="gesperrt">als</em> ihre Mutter, aus der Pension ab.«</p> + +<p>»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich +eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?«</p> + +<p>»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt +uns Pflichten auf, und – in diesem Fall – sie konnte doch nicht +ihren <em class="gesperrt">Ruf</em>, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes +häusliches Glück wäre ja vernichtet worden.«</p> + +<p>»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack +bitter – »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben <em +class="gesperrt">mir</em> einen Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich +mich dafür revanchire – wir tauschen nämlich Papier um Papier. +<em class="gesperrt">Dieses</em> ist Helenen's Geheimniß – <em +class="gesperrt">das</em> hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von +500 Milreis vor der Frau auf den Tisch + +<span class="pagenum"><a name="Pg_282" id="Pg_282">[S. 282]</a></span> + +legte – »ist das <em class="gesperrt">Ihrige</em> – wir sind +quitt, nicht wahr?«</p> + +<p>»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus.</p> + +<p>»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe +darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß gedrückt +und das Haus verlassen.</p> + +<p>Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst +und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder und +stand gleich darauf in Helenens Zimmer.</p> + +<p>Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem +Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden zu +entdecken, und gerade <em class="gesperrt">ihm</em>, der sie die letzte +Zeit so kalt, fast höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein +ihr, nein, auch das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was +<em class="gesperrt">konnte</em> sie thun? Stand sie nicht allein, +rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie sich nicht nach <em +class="gesperrt">einem</em> Herzen, dem sie vertrauend nahen – zu +dem sie um Trost – um Hülfe aufblicken konnte? Und was that <em +class="gesperrt">er</em> jetzt? Wohin hatte er sich gewandt? Würde sie ihn +je wiedersehen, + +<span class="pagenum"><a name="Pg_283" id="Pg_283">[S. 283]</a></span> + +und spottete er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer +Seele losgerungen?</p> + +<p>In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört, +und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er ihr +entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz und Muthwille, +der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen gewichen, und mit +leiser Stimme sagte er:</p> + +<p>»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält +– fürchten Sie nicht, daß <em class="gesperrt">ich</em> Ihr Geheimniß +belauscht hätte – ich kenne den Inhalt nicht.«</p> + +<p>»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem +ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.</p> + +<p>»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig – »erinnern Sie +sich noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit – jener Frau in der +Stadt begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre – vermeintliche +Mutter sah.«</p> + +<p>»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig +in's Herz – »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht +auf – jene Frau.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_284" id="Pg_284">[S. 284]</a></span> + +»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber +seine Stimme mehr und mehr steigerte – »hatte ich nur <em +class="gesperrt">Sie</em> gesehen und hatte Sie geliebt mit einer +Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben würde, wenn Sie sie hätten +ahnen können.«</p> + +<p>»Graf Rottack!«</p> + +<p>»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die +mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in Fesseln +gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da – +da sah ich Ihre Mutter – Ihre Mutter, wie ich damals glauben +mußte – deren ganze Vergangenheit vor mir lag und – ich +<em class="gesperrt">konnte</em> nicht anders glauben, als daß <em +class="gesperrt">Sie</em> den Betrug theilten – daß Sie <em +class="gesperrt">Mitwisserin</em>, Mithandelnde der Täuschung wären.«</p> + +<p>»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille +Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. – Rang und Stand +– Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; +ich stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener +Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen – aber der Betrug +fraß mir in's Herz hinein – der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift + +<span class="pagenum"><a name="Pg_285" id="Pg_285">[S. 285]</a></span> + +und – machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die +Täuschung zu vollenden, selbst das Netz, das – jene Frau nach +dem unglücklichen Pulteleben auswarf, und das – wie es meiner +verblendeten Eifersucht schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« +– rief er leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank +– »ich habe Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir +verzeihen?«</p> + +<p>»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!«</p> + +<p>»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack – +»Helene, ich <em class="gesperrt">habe</em> Sie geliebt, ich habe nie +aufgehört Sie zu lieben, und wie ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber +stand, hätte mir das Herz dabei zerspringen mögen in der Brust. Können +Sie mir verzeihen? Können Sie vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt +– glüht auch in <em class="gesperrt">Ihrem</em> Herzen noch ein +Funken der alten Liebe für <em class="gesperrt">mich</em>? Läugnen Sie +es nicht, Helene – jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige +antworteten, waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten +Mädchens; jene Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen +drangen. – Oh, können Sie nur einen Schatten jener Gefühle +zurückrufen, so werden + +<span class="pagenum"><a name="Pg_286" id="Pg_286">[S. 286]</a></span> + +Sie mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte +umschlang – »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie +Freude oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine +junge Frau uns erwarten – in deren Begleitung machen Sie die Reise +nach Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.«</p> + +<p>»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.</p> + +<p>»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben – daß Sie mir glauben, +wenn ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav – +daß Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu +können. Helene!«</p> + +<p>Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an +seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder und +wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment schien +aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er weinte und +lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen los, zerrte einen +großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand, und fing an hinein zu +werfen, was ihm unter die Hände kam.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_287" id="Pg_287">[S. 287]</a></span> + +»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen lachend +aus – »was machen Sie, was soll das werden?«</p> + +<p>»Abreise – Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner +Beschäftigung stören zu lassen – »wir sind ja in der größten Eile +– unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.«</p> + +<p>»Abreisen?« rief Helene erschreckt – »aber doch nicht jetzt? +– nicht heute?«</p> + +<p>»In einer Viertelstunde.«</p> + +<p>»Das ist ja unmöglich!«</p> + +<p>»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen – Du bist mein, <em +class="gesperrt">ich</em> bin der glücklichste Mensch unter der Sonne, und +das Andere ist alles Kleinigkeit und Nebensache.«</p> + +<p>»Aber wie kann das sein – Rohrlands ...«</p> + +<p>»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten +zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich bin +gleich wieder da!«</p> + +<p>Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später +mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos, +keines Gedankens fähig, stand.</p> + +<p>»Liebe Frau Rohrland – lieber Herr Rohrland + +<span class="pagenum"><a name="Pg_288" id="Pg_288">[S. 288]</a></span> + +– ich habe hier das Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack +vorzustellen. – Liebe Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und +ziehe ein freundliches Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre +eine gezwungene Heirath.«</p> + +<p>»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in +die Arme.</p> + +<p>»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte +Felix – »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir +dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen Helenen +packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau Rohrland?«</p> + +<p>»Ja, von Herzen gern, aber ...«</p> + +<p>»Gar kein Aber – ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem +Karren herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit +ihr an die Landung?«</p> + +<p>»Ja, von Herzen gern – aber diese Hast ...«</p> + +<p>»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten – lieber Rohrland, auf +ein Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte +ihn vor die Thür hinaus.</p> + +<p>»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_289" id="Pg_289">[S. 289]</a></span> + +»In <em class="gesperrt">meiner</em> Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, +ich habe noch Geld von <em class="gesperrt">ihr</em> in Händen, für den +Verkauf ihrer Sachen.«</p> + +<p>»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den +wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«</p> + +<p>»Aber ich begreife gar nicht.«</p> + +<p>»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«</p> + +<p>»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«</p> + +<p>»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann +bei Seite schob – »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren +oben!« rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein +angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an die +Landung hinunter.</p> + +<p>»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm +Könnern entgegen – »wir warten und warten hier.«</p> + +<p>»Lieber Freund,« sagte Rottack – »ach Jeremias, nehmt doch Euern +Karren und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf – +es geht noch ein Passagier mit. – Lieber Freund, ich habe in der +kurzen Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter +gebraucht, und dann <em class="gesperrt">noch</em> nicht fertig wird. So + +<span class="pagenum"><a name="Pg_290" id="Pg_290">[S. 290]</a></span> + +recht, Jeremias, das ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu +bezahlen.«</p> + +<p>»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der +Landung stand – »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts +versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen +doch nicht immer gleich fertig werden.«</p> + +<p>»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt +– und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der +Landung auf und ab gegangen waren.</p> + +<p>»Fort – in den Wald,« sagte Rottack ernst – »ich habe Euch +noch seine besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«</p> + +<p>»Braver Günther,« sagte Könnern – »er hat Elisen die letzten +Stunden nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. +Apropos, Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin +gemacht?«</p> + +<p>»Allerdings.«</p> + +<p>»Wahrhaftig?«</p> + +<p>»Nun, gewiß – und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«</p> + +<p>»Ihrer Tochter?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Pg_291" id="Pg_291">[S. 291]</a></span> + +»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es mit +in ihre Koje nimmt.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht.«</p> + +<p>»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig +in die Stadt hinaufgesehen hatte – »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt +keine nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen. +Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt – daß mir um Gottes willen +Rohrlands das Bild nicht vergessen« – und von Könnern fort, der ihm +kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit den +Weg zurück, den er gekommen.</p> + +<p>Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute +haben könne, denn <em class="gesperrt">so</em> hatte er ihn noch nie +gesehen, und außerdem drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah +auch schon in immer kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr – endlich +ließ sich ein kleiner Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias +an der Spitze rasch zur Landung herunter kamen.</p> + +<p>Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge +Comtesse mit in der + +<span class="pagenum"><a name="Pg_292" id="Pg_292">[S. 292]</a></span> + +Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten die Damen.</p> + +<p>»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein +guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.</p> + +<p>»Ich? Denke gar nicht daran, aber – so viel ich weiß ...«</p> + +<p>»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur +erglühende Braut vor – »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns +noch trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und +bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen +Ihrem mütterlichen Schutz.«</p> + +<p>»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und +nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«</p> + +<p>»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf, +indem er Helene der jungen Frau zuführte – »aber nun in's Boot. Sie +haben lange genug auf uns gewartet – hieher, Jeremias – <em +class="gesperrt">das</em> zum Andenken.«</p> + +<p>»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem +Gesicht.</p> + +<p>»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote +nach, das in den + +<span class="pagenum"><a name="Pg_293" id="Pg_293">[S. 293]</a></span> + +Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit Tüchern und +Hüten.</p> + +<p>»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben, +schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.</p> + +<p class="front" style="margin-top: 3em; font-size:100%;"> +<span class="gesperrt">Ende</span>.</p> + +<p class="front" style="margin-top: 3em; margin-bottom: 5em; font-size:80%;"> +Druck von <span class="gesperrt">G. Pätz</span> in Naumburg.</p> + + + + +<div class="footnotes" style="margin-top: 4em; margin-bottom: 4em;"> + +<div class="footnote"> + +<h2>Fußnoten</h2> + +<p><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> +Eine Art Zuckerrohr.</p> + +<p><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> +Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig +herrscht.</p> + +<p><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> +Authentisch.</p> + +</div></div> + + + + +<div style="padding: 10px; background: rgb(200, 200, 200) none repeat scroll 0% 50%;"> + +<h2>Hinweise zur Transkription</h2> + +<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene +Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch +Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei +Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise +sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der +Zeichensetzung nicht.</p> + + + + +<h2>Liste der Änderungen</h2> + +<table summary="Aenderungen" border="1"> +<thead> +<tr> + <th>Original</th> + <th>Änderung</th> +</tr> +</thead> + +<tbody> +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_023">Seite 23</a></th> +</tr> +<tr> + <td>ein sehr großes Theebret<b>t</b> mit einer Anzahl Tassen</td> + <td>ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_037">Seite 37</a></th> +</tr> +<tr> + <td>ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen</td> + <td>ein leichtes, fast spöttisches L<b>ä</b>cheln um seine Lippen</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_046">Seite 46</a></th> +</tr> +<tr> + <td>als sie den Dienst meiner Mutter verließen</td> + <td>als <b>S</b>ie den Dienst meiner Mutter verließen</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_087">Seite 87</a></th> +</tr> +<tr> + <td>Er hielt unwillürklich mitten im Binden</td> + <td>Er hielt unwill<b>k</b>ürlich mitten im Binden</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_227">Seite 227</a></th> +</tr> +<tr> + <td>hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte</td> + <td>hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son<b>st</b> verklärte</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_247">Seite 247</a></th> +</tr> +<tr> + <td>mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln</td> + <td>mehr als dreihundert Männer i<b>n</b> Hemdsärmeln</td> +</tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#Pg_260">Seite 260</a></th> +</tr> +<tr> + <td>denn ein solche Schaar deutscher Colonisten</td> + <td>denn ein<b>e</b> solche Schaar deutscher Colonisten</td> +</tr> + + +</tbody> +</table> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***</p> +<p>******* This file should be named 39545-h.txt or 39545-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/4/39545">http://www.gutenberg.org/3/9/5/4/39545</a></p> +<p> +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p> +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.</p> + +<p>1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."</li> + +<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works.</li> + +<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work.</li> + +<li>You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works.</li> +</ul> + +<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below.</p> + +<p>1.F.</p> + +<p>1.F.1. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.</p> + +<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3> + +<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life.</p> + +<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and +the Foundation information page at <a +href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p> + +<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation</h3> + +<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws.</p> + +<p>The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at <a +href="http://www.gutenberg.org/contact">www.gutenberg.org/contact</a></p> + +<p>For additional contact information:<br /> + Dr. Gregory B. Newby<br /> + Chief Executive and Director<br /> + gbnewby@pglaf.org</p> + +<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation</h3> + +<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS.</p> + +<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit <a +href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p> + +<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate.</p> + +<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> + +<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: <a +href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p> + +<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works.</h3> + +<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.</p> + +<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition.</p> + +<p>Most people start at our Web site which has the main PG search facility: +<a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p> + +<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> + +</body> +</html> diff --git a/39545-h/images/cover.jpg b/39545-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2e95d63 --- /dev/null +++ b/39545-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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