diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:12:38 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:12:38 -0700 |
| commit | f64935bca8b2ac9f5af87a09a36289807151b87c (patch) | |
| tree | c5166b150a150ab4a9023318a25ff372eb038e36 /39390-8.txt | |
Diffstat (limited to '39390-8.txt')
| -rw-r--r-- | 39390-8.txt | 1450 |
1 files changed, 1450 insertions, 0 deletions
diff --git a/39390-8.txt b/39390-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4ea2c93 --- /dev/null +++ b/39390-8.txt @@ -0,0 +1,1450 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Der Hase + Eine Erzählung + +Author: Melchior Vischer + +Release Date: April 6, 2012 [EBook #39390] +[Last updated: June 18, 2012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + +Melchior Vischer + +Der Hase +Eine Erzählung + + + + + + + + +1922 + +Jakob Hegner, Hellerau + + + + + + + +Ich bin ein alter Straßenkehrer. Ich arbeite nur drei Stunden täglich; denn +meine Kräfte sind nicht mehr groß. Daher habe ich viel Zeit; ich will also +die Ereignisse meines Lebens niederschreiben. Es mag als Leben eines +Straßenkehrers unwichtig erscheinen; dennoch ist es nicht unwichtig. +Verzeiht, daß ich nur einfach schreibe. Ich kann keine japanisch gedrehten +Sätze formen; auch verstehe ich nichts vom klugen Aufbau der Handlung. Das +alles kann ich nicht. Es wäre hier auch nicht notwendig; es ist ein +Bericht. + +Es war November. Es war ein Wald. Die Bäume standen im rötlichen Schimmer +müder Sonne. Nebel gab es noch nicht; nur eine kleine Moosausdünstung, +feucht und schwer, verriet die unsommerliche Zeit. Tannen und Fichten +rochen nach Harz. Ein Hase, noch jung und neugierig, war seiner Familie +entlaufen. Er hatte sich verirrt, weil Nadelbäume und Moos, Moos und +Nadelbäume wechselten. Der Hase keuchte. Dunkelheit kam und verlöschte +letzte Sonne. Da schleppte sich der Hase noch ein wenig weiter; dann konnte +er aber nicht mehr. Er streckte die Läufe von sich und schlief. Der Morgen +war hell. Als der Hase erwacht war, sah er Wunderbares: der Wald war zu +Ende. Er selbst lag am Saum. Vor ihm eine weite, weite Ebene, grün und grau +und gelb. Und rückwärts lagen die Wolken auf der Erde und schliefen. +Ängstlich drehte sich der Hase um: da war der Wald, der schwarze Wald. +Schnell schaute er wieder auf die Ebene hinaus: sie schien ihm gut, Weib, +Mutter zu sein. Der Wald ist schwarz, der Wald ist böse, der Wald ist ein +Mann. Und seine Blicke hasteten über das große mütterliche Feld. Da stockte +sein Auge, sein linkes Ohr erschrak und schnellte spitz in die Höhe: dort, +dort, dort . . . lag etwas, in der Mitte, breit und wuchtig. Sein Herz +klopfte; er hörte dieses Klopfen, dumpf und schwer. Er war nicht feige, +dennoch überlegte sein kleines Hirn, ob er zurückfliehen sollte in die +Finsternis des Waldes, der hinter ihm lag wie ein drohendes Ungetüm, oder +ob er auf das fremdartige Etwas zugehen sollte. Seine Beine waren flink, +flinker noch seine Neugier. Da sprang er: hin lief der Hase über die +vergrünten Felder. Größer und größer wurde der Block; er unterschied +Linien, Gewölbtes, dann große Löcher, die wie Wasser glänzten. Da hockte er +nieder, überlegte, ließ seine Ohren spielen. Sein Herz war noch immer rege; +es pochte jedoch schon leiser. Die Augen aber schwammen in einem Meer voll +Neugier. Knapp vor ihm waren hohe Stäbe aufgerichtet; dahinter lag +geackerte Erde. Er schlich durch den Zaun, lief über den frisch +aufgeworfenen Humus und stand vor etwas Hohem, das höher, größer und +breiter war als ein Baum. Er legte seine Pfoten vorsichtig an und fühlte +kalten Stein. Da war ein Einschnitt, dunkel gewölbt, er nahm Anlauf, und +mit einem Satz war er drin, in dem unbekannten Bereich. Hier war der Boden +weich und rot; seltsam verwachsene Bäume erschienen ganz unkenntlich; +glatt, glänzend, behangen mit fremdartigen Gräsern. An der Decke war kein +Himmel sichtbar; trotzdem glitzerte alles und schillerte. Er sprang, -- +diesmal wohl aus Angst -- und stieß an einen Gegenstand, der umfiel und +zerbrach. Es klang, als wurden kleine Vögel getötet. In Sehnsucht nach der +mütterlichen Haide suchte er einen Ausweg. Er fand keinen. So drückte er +sich in eine Ecke, hörte auf das Klopfen seines scheuen Herzens und auf das +schnelle Keuchen seiner gehetzten Lunge. Seine Augen suchten unterdessen +und fanden nichts. Lärm und Geschrei war zugleich wie eine Erschütterung +der Erde. Ein Schlag dröhnte durch die Luft, ein fremdes Wesen, nur auf +zwei Füßen gehend, stürzte herein. Keuchen erfüllte alle Luft. Gepolter +folgte: Rufe, Schreie. Ein zweites Wesen, dem ersten ähnlich, nur ein wenig +größer, sprang herein, schrie schrill -- so klang kein Tiereslaut -- +schnellte auf und preßte dem andern die Gurgel. Das eine drängend, das +andre sich sträubend, fielen sie beide hin. Da blitzte es in der Luft: in +den Fängen des größeren Unwesens sah der entsetzte Hase etwas Langes, +Spitzes, wie der Schnabel eines Spechtes. Es sauste nieder, ein Ächzen, ein +Röcheln: die rote Ebene ward röter. Ein schweres Keuchen, das in befreites +Aufatmen ausströmte, war zu hören. Das eine Wesen ließ von dem anderen und +richtete sich empor. Der Hase konnte sich nicht bewegen. Er war gelähmt: +die zwei wilden Augenlichter des Wesens, das kein Tier war, nicht Raubtier, +nicht gutes Tier, das ein Untier war, starrten entsetzt und groß +aufgerissen in die Augen des Hasen. Der Hase zitterte. Gerade das war seine +Rettung. Sein zitternder Blick hatte plötzlich den gewölbten Einschnitt +erhascht: ein Sprung, bebend zwar, aber doch hoch und weit genug, folgte. +Der Hase lief. Der Hase war weg. + +Ich bin nicht immer Straßenkehrer gewesen. Einst war ich reich. Das Leben, +das ich führte, näher zu beschreiben, wäre unnütz; ich träumte Träume aus +Silber und Alabaster. Ich wäre vielleicht auch als Reicher gestorben. Wenn +nicht ein höchst seltsames Ereignis mich aus meinem streng abgezirkelten +Dasein in die Freiheit des Lebens hinausgeworfen hätte. An einem +Novembertage verließ ich mit mehreren Freunden mein Haus; wir gingen, was +wir sonst nie taten, zu Fuß in die nahe Stadt. Bei Einbruch der Dämmerung +waren wir angelangt. In den Straßen war ein Verkehr, der beinahe tosend +war. Die Schaufenster leuchteten wie offene Feuer: so hell. Alle Menschen +eilten. Wir gingen in Gruppen, langsam, wir sprachen von gleichgültigen +Dingen. Nun waren wir auf der Hauptstraße. Wagen und Menschenverkehr war +maßlos laut; hin, her. Manchmal streifte einer der hastenden Fußgänger +meinen Rock. Ich sah niemanden, trotzdem Kopf auf Kopf wechselte. Ein Meer +von Gesichtern. Da sah ich beiseite, ganz ungefähr, zerstreut: mir stockte +der Atem, mein Blut wurde zu Eis, ich konnte nicht weiter. -- Er ging +vorüber. Ein Mann. Seine Augen schauten mich an; seine Augen schienen Glas +zu sein. Er sah ganz gewöhnlich aus; nichts Besonderes war an ihm. Ein +Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der +Menge. Ich besann mich. Meine Augen sahen schärfer. Da war er schon +vorüber. Ich drehte mich um. Verschwunden. Man fragte mich erstaunt: »Warum +gehst du nicht? Wen sahst du?« Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Ich +ging zurück; nichts. Ich ging schneller; nichts. Ich rannte; nichts. Ich +hatte meine Freunde verloren. Ich lief die Straße hinauf; ich lief die +Straße hinab. Langsam, schnell. Ruhelos. Stunden vergingen. Es war Nacht +geworden; späte Nacht. Die Straße war einsam. Nur selten kam ein Mensch. +Das Licht leuchtete nicht mehr; bloß Notlaternen brannten. Noch immer ging +ich auf und ab. Hohl klangen meine Schritte. Eine Frage kam immer und immer +wieder: Wer war dieser Mann? -- Warum sah er dich an? Dann lachte ich +heiser auf: »Du Tor! Ein Namenloser, ein Mann in der Menge! Ein +Gleichgültiger! Zufällig sah er dich an, zufällig sahst du ihn an, zufällig +kreuzten sich eure Blicke; Zufall, nichts weiter!« Ich schlug meine Stirn +und brüllte: »Tor! Tor!« Ich war müde geworden. Ich lehnte mich an eine +Laterne. Mich fröstelte. Nun merkte ich erst, daß ich Hut und Mantel +verloren hatte. Kaum hatte ich das recht erfaßt, als schon wieder die Frage +nach dem Unbekannten durch mein Hirn tobte. »Wer bist du?!« schrie ich auf. +»Herr, ist Ihnen schlecht? darf ich einen Wagen rufen?« hörte ich noch +jemanden fragen und sah mich selbst eine bejahende Gebärde machen. Dann +wußte ich nichts mehr. Nur fern hörte ich, als riefe einer um Hilfe: Wer? +Wer? + +Ich wachte auf. Ich war im Bett. Ich war zu Hause. Mein Leibdiener saß im +Zimmer. Ich rief: »Hast du ihn gesehen? War er da?« »Nein, Herr!« Ich +richtete mich plötzlich auf und starrte dem Diener ins Gesicht: »Du bist ja +alt, Jan, du hast weiße Haare!« »Schon immer, Herr, schon immer,« es schien +mir, als säße der Alte nur ungern hier an meinem Bett. Ich befahl: +»Hinaus!« Er ging. Ich sprang aus dem Bett. Ich riß vom Fenstervorhang die +Quaste ab. Ich klingelte. Jan kam. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Er stand +stramm. Ich hieß ihn gehen. Er ging. Ich kleidete mich an; allein. Ich +tauchte mein Gesicht in kaltes Wasser. Ich fühlte eine Leere im Magen. Ich +nahm trotzdem kein Frühstück. Ich ging ins Bibliothekszimmer; es war +ungeheizt. Ich setzte mich zum Schreibtisch und überlegte. Ich fing an zu +lachen. Denn es war ja doch nur ein ganz gewöhnlicher Mann aus der Menge. +Ein Unbekannter. Ein Fremder, der mich zufällig ansah. Zufällig, zuf +. . .? Ja, wer war dieser Mann? Es gibt keinen Zufall, nein, nein! Warum +sah er mich an? Bin ich ein Hundsfott, daß mich jeder, der an mir zufällig +vorübergeht, ansehen kann? Und warum schaute ich, der sonst niemanden auf +der Straße anzusehen pflegt, in diesem Augenblick gerade auf und ihm in die +Augen?? Ich schlug mit der Faust auf den Tisch: »Ich muß diesen Menschen +finden, ich muß wissen, warum er mich angesehen hat!« Ich klingelte. Ein +Diener erschien. Ich klingelte nochmals. Ein zweiter Diener erschien. Ich +klingelte zum drittenmal. Ein dritter Diener erschien. Und dann gab es +Winke, Befehle, Schimpfworte. + +Die Tage, die nach jenem Erlebnis folgten, waren unendlich und grauenvoll. +Ich ließ Ankündigungen in den Zeitungen erscheinen, Belohnungen aussetzen: +Wer war dieser Mann? Wer ist dieser Mann? Alles blieb stumm. In den Nächten +war ich allein. Kein Weib lag in meinem Bett. Ich entließ alle Mägde. Ich +schickte Diener und Pferdeknechte weg. Ich nahm neue auf. Alle mußten +braune Haare haben. Denn ich glaubte mich zu erinnern, daß der Unbekannte +braune Haare gehabt hatte. Ich konnte nicht schlafen. Denn das ist kein +Schlaf, zu schlafen, um im Schlaf zu wissen, daß man schlafe, daß man +unruhig schlafe. Manchmal sprang ich aus dem Bett und lief, dürftig +bekleidet, in den Park hinaus. Dort oben waren die Sterne. Viele waren da. +Auch dort suchte ich. Immer suche ich. Der Mann! Der Mann! Wer war dieser +Mann? Doch die Sterne antworteten nicht. Stille, helle Sterne. Ich lief zum +Hafen und betrat die Fischerhütten. Ich warf Geld hin. Man ließ mich +schlafen. Ich konnte nicht schlafen. Da lachte ich laut auf, daß es in die +schweigende Nacht hineingellte. Einer, der sucht und nicht findet, kann +nicht schlafen. Auch dann nicht, wenn er gesund wäre wie jenes schnarchende +Fischweib dort, das umlagert ist von ihren Kindern. Denn dann hätte ich die +Läuse und Flöhe töten müssen. Ich töte aber keine Tiere. Nie. In diesen +Hütten blieb ich kaum zwei Stunden. Dann lief ich wieder weg. Hinaus. Der +Hafen war allmächtig und dunkel. Der Hafen war unheimlich. Die Ozeanfahrer +und großen Segelschiffe, die vor Anker lagen, warfen drohende Schatten ans +Land. Überall grinste mir das Gesicht des Namenlosen entgegen. Schaute ich +nach links, so war es da. Schaute ich nach rechts, so war es da. Auch der +Mond, der jetzt aus den Sturmwolken hervorkam, konnte meine Verzweiflung +nicht töten. Es gibt große Sünden. Es gibt strenge Gesetze und harte +Strafen. Nichts aber ist so schrecklich, wie ein Gesicht, das man nicht +kennt, zu sehen. Man weiß nichts von ihm. Man weiß nur, es ist da. Wo es +ist, weiß niemand. Und ich habe es gesehen. Ganz nahe. Nur weiß ich nicht, +wo es ist. Ich will es sehen. Wo bist du? Wo bist du? + +Meine Freunde zweifelten an meinem Verstand. Ich warf sie hinaus. Ich +wollte niemanden sehen. Der Festsaal meines Hauses war traurig und öde +geworden. Die Diener fürchteten mich. Ich war ein strenger Herr. Und oft +recht böse. Manchmal auch grausam. Am Tage höhnte ich Gott; des Nachts +verfluchte ich mich selbst. Das half alles nichts. Meine Tage waren +verflucht. Meine Nächte waren verflucht. Ich selbst verfluchte den +Feierabend, an dem ich jenen Unbekannten auf der Straße gesehen hatte. Ich +hatte viele Leute gedungen, die mir den Aufenthalt jenes Menschen +ausforschen sollten. Es kostete viel. Alles vergebens. Da hielt ich es +nicht mehr aus. Ich faßte einen neuen Entschluß. Ich ging auf Reisen. + +Als ich in Ägypten ankam, sah ich Wolken um die Pyramiden getürmt. Die +Eingeborenen sagten mir, seit tausend Jahren wäre es wieder das erstemal, +daß Wolken um die Pyramiden kreisten. Es käme sicher Unglück über das Land. +Ich hörte zu und schwieg. Dann dachte ich, ob ich hier nicht zufällig ihn +finden würde. In einem Anfall von Wut gegen mich selbst erschlug ich einen +der Kameltreiber. Die anderen drohten. Ich gab Gold. Man grüßte mich. Um +Gold ist natürlich der Tod käuflich. Nur der eigene nicht. Als es regnete, +lachte ich. Meine Kameltreiber beteten. Ich lachte laut, weil ich nicht +beten konnte. Man hat noch nie einen Mohammedaner im Gebet gestört. Ich tat +es. Hier, in der Wüste, fern von Sodom, aber doch nahe Gomorrha, begriff +ich erst die Gewalt des Goldes. Und ich lachte maßlos laut. Dann trieb +meine Knute die Frommen auf. Durch die Wüste. Durch die Wüste! Ich wollte +immer vom ewigen Horizont umgeben sein. Ich wollte im Wüstensand baden, +Sonne trinken und Stürme einatmen. In einer Oase hielten wir Rast. +Wochenlang. In der Nähe hausten ein Löwe, eine Löwin und ein Tiger. War der +Löwe in der Wüste, brach die Löwin mit dem Tiger die eheliche Treue. Der +Löwe merkte nichts, da sich die Löwin allabendlich, bevor er heimkam, in +der Quelle abwusch. Das hatte ich belauscht. Aus Unrast tat ich Böses. Du +schändest die Natur, du beleidigst Gott, wenn du Tiere zu menschlichen +Handlungen verleitest! Eines Tages ließ ich die Quelle mit Steinen +vermauern. Die Löwin kam. Die Löwin stutzte. Sie scharrte; sie wühlte die +Erde auf. Sie ging auf und ab. Immer schneller. Sie suchte. Auch ich +suchte! Ihre Augen funkelten. Ihre Augen wurden glanzlos. Sie keuchte. Sie +war abgehetzt und müde. Sie legte sich hin. Der Tiger kam, sah sie und +sprang gegen die Mauer. Sein Kopf blutete. Er lief zurück, nahm Anlauf und +sprang wieder gegen die Steine. Sie wichen nicht. Zum drittenmal +wiederholte der Tiger seinen Versuch; er war schon recht matt. Mit +ungeheurer Wucht schnellte er gegen die unbarmherzige Steinwand. Mit +zerschmettertem Schädel brach er zusammen und verendete. Liebe und +Verzweiflung in den Augen, hatte die Löwin zugeschaut. Beim drittenmal hob +sie schwach die linke Tatze; diese war kaum zu Boden gesunken, als ihr +Tiger schon tot war. Da trat der Löwe aus dem Gezweig. Erst brüllte er; sie +wollte weichen, vermochte es aber nicht. Dann wurde er plötzlich still. Er +war geduckt zum Sprung. Seine fragenden Augen suchten Antwort; jetzt bei +dem toten Tiger, jetzt bei der zitternden Löwin. Er hob den Kopf; seine +Nüstern bebten und sogen fremde Luft ein. Dann sprang er und zerriß sie. +Hernach legte er sich in die Mitte zwischen Tiger und Löwin und blieb lange +so, den Kopf seinem Weib zugewandt. Bei Anbruch des Morgens lief er still +und langsam in die Wüste hinaus. Er kam nicht mehr zurück. Ich dachte lange +an dieses große Erlebnis. Ich hatte dabei fast meine Unrast vergessen. Bald +hörte ich in der Nacht Geheul; die feigen Wüstenhunde umkreisten die Oase. +Da peitschte ich meine Leute und ließ noch in der Nacht für den Tiger und +die Löwin ein Steingrab errichten. Am Morgen ergriff wieder Unruhe mein +Herz. Ich peitschte abermals die Kameltreiber; wir brachen auf. Durch die +Wüste! Ihr Menschen, ihr Kameltreiber! Ihr Tiere, ihr Kamele! In einem +arabischen Dorf kam ein Jude zu mir. Er grinste. Ich beachtete ihn nicht, +da ich im selben Augenblick gebot, Zelte aufzuschlagen. Er wich nicht. Er +flüsterte mir ins Ohr. Nicht wissend, was er von mir wollte, nickte ich +zustimmend. Er eilte weg. Als er wiederkam, führte er ein Weib mit. Sie war +schön wie ein Tier. Ich schaute auf. Sie sah mir in die Augen, dann senkte +sie langsam ihr Haupt. Ich warf dem Kuppler einen Beutel mit Silberlingen +zu. Der Alte fiel zu Boden und wollte meine Füße küssen. Ich gab ihm einen +Tritt. Da küßte er voller Inbrunst den Beutel. Ich faßte das Weib an der +Hand und ging mit ihr ins Zelt. Ich habe sie nie berührt. Nach Monden +brachen wir auf. Das Weib weinte, als ich weiterzog. Ich sah kaum zurück. +Einen Augenblick überlegte ich, ob ich ihr mein Katzenfell, gefüllt mit +Gold, zuwerfen sollte. Sie folgte mir. Ich ritt an einem Brunnen vorüber. +Sie folgte mir. Da warf ich die Goldkatze in das tiefe Wasser. Dann zogen +wir wieder durch die Wüste. Eine kleine Karawane. Eine Karawane der +Friedlosigkeit und Unrast. Ihr Schluchzen hörte ich noch, als ich nach +Wochen in einem afrikanischen Hafenort ein Kauffahrteischiff bestieg. + +Lange fuhr ich auf dem Meer. Heulte des Nachts der Sturm; ward ich ruhiger. +Nur im Aufruhr der Elemente fand ich Frieden. Aber auch aus dem Wind hörte +ich das Wort: Wer? Ich rannte auf Deck auf und ab. Ich stürzte in die +Kajüte, ergriff meine Koffer, eilte hinauf und schüttete alles in die See. +Dann lachte ich. Es klang tonlos, daß selbst der Sturm betroffen schwieg. +Und weit hinaus auf dem nächtlichen Meer wurde das tonlose Gelächter +gehört. Meine Unrast war groß. Meine Unrast war so groß, daß ich nicht mehr +verzweifeln konnte. Jeder auf dem Schiffe mied mich. Ich war allein mit +meinem Gelächter. In Singapur legten wir an. Alle Fahrgäste stiegen aus. +Sie schienen sehr zu eilen. Der Kapitän sah mich erwartungsvoll an; ich +bemerkte Unruhe in seinem Blick. Diesmal lachte ich nicht, diesmal lächelte +ich bloß. Ich zählte langsam, beinah grausam langsam zehn Golddukaten auf +den Boden des Decks hin. Dann war Schweigen. Ich blieb. Und wieder segelte +das Schiff auf offenem Meer, und wieder war Sturm, und wieder war +Gelächter. Tonloses Gelächter. Jeder Nerv in mir zitterte, jeder gebrochene +Ton des Windes schrie rauh und grundlos: Wo ist der Mann, der mich ansah? +Ich konnte keine Antwort geben. Ich konnte nur lachen. Die Mannschaft +gewöhnte sich an mich. So oft wir in den Hafen einbogen, zahlte ich. Darum +blieb ich auf dem Schiff. Jahre. Ich habe die Weltmeere nach allen +Richtungen durchkreuzt. Ich weiß, das Meer ist groß, weit, ohne Ende. +Größer aber und unendlicher ist meine Unrast. Einmal, in einer stürmischen +Nacht glaubte ich ihn vorn auf Deck zu sehen. Ich vergaß ihn für einen +kurzen Windstoß lang, so gingen mir die Augen über. »Du!« schrie ich, +wilder und jauchzender als der brüllende Orkan und stürzte vor. Es war der +Steuermann. Ich fiel hin. Als ich aufwachte, waren Wochen vergangen. Ich +hatte das gelbe Fieber überstanden. Ich war geschwächt; ich wurde ans Land +gebracht. Während ich in dem kleinen Boot dem Hafen zufuhr, bestürzte mich +mein Schicksal mit jener furchtbaren Frage. »Wer?« schrie ich laut auf; ein +Chinese nickte freundlich. Ich war in Hongkong. + +Ich sprach nicht chinesisch. Ich wurde immer verstanden. Gold ist die +einzige Völkersprache. Ich kaufte mir einen Palast; seine Einsamkeit tat +wohl. Hier lernte ich das Weib der Erde kennen. Ich hatte Sehnsucht, +unbewußte Sehnsucht. Fern ahnte ich, daß meine ewige Frage betäubt würde, +wenn ich ein Weib fände. Die Augen meines chinesischen Dieners strahlten +beim Aussprechen ihres Namens. Ich habe ihn schon vergessen. Er war nicht +alltäglich. Nicht alltäglich war auch der Augenblick und der Ort, an dem +ich sie zuerst sah. Der Diener verneigte sich, der Diener sprach und ging +voraus. Ich folgte. Die Chinesenstadt war abscheulich und märchenhaft. Er +ging voraus. Ich folgte. Da breitete sich ein weites Feld aus. Stoppeln +standen bestimmt und schmerzten nackte Füße. Viele Leute waren da, große +und kleine, junge und alte, gute und böse Chinesen. Sie hatten alle ernste +Gesichter. Jetzt fiel mir erst auf, daß nur Männer hier standen. Kein Weib +war zu sehen. Die Mitte war leer. Da blieb mein Diener stehen; seine mir +zugeneigte Gebärde hieß mich warten. Ich stand und sah geradeaus. Da tönte +ein Gong. Alle reckten die Hälse; in den Kreis trat eine Schar. Ein Greis +führte sie. Alle wollten ihre Hände erheben und Beifall klatschen; sie +ließen sie aber lautlos wieder sinken. Mein Atem ging schwer; ich wußte +nicht, warum. Da hob der Greis die Hand und trat beiseite; wir sahen seine +Begleiter: Jünglinge; sie waren blind. Sie stellten sich auf, in eine +Reihe. Dann standen sie still. Ein Gong schlug. Dann riefen drei Tuben. Und +plötzlich trat ein Weib in den Kreis. Alle erhoben ihre Arme und schrien +laut. Sie war fast nackt, sprang hoch und tanzte. Langsam. Ich schaute ihr +Gesicht; ihren Körper. Sie sah eher europäisch aus, denn asiatisch; ihre +Haut war weiß. Ihr Antlitz glich dem unbeschreiblichen südlichen Wind. +Volle Ruhe herrschte. Kein Laut war zu hören. Nur ein Gesicht war: ihr +Tanz. So tanzte sie, daß jenes graue Stoppelfeld, das sie mit ihren blanken +Füßen küßte, einem samtenen Teppich gleich sah. Wir waren stumm und wußten +es. Wir konnten uns vor Begeisterung nicht bewegen. Wir waren Stein. Da +drang ein Laut aus dem Munde des Greises. Wir schauten auf; wir folgten dem +Blick des Alten. Dieser fiel auf die Jünglinge. In unsern Augen standen +Tränen. Der Bann war gewichen. Wir hoben die Arme zum Himmel empor und +schrien laut: Die Jünglinge waren sehend geworden. So hatte das Weib der +Erde getanzt. Nun weinten sie unbekümmert still und heftig. Mein Diener +klopfte an meine Wade, ich erschrak und hörte: »Herr, laßt uns gehen, der +Tanz ist zu Ende!« Da neigte ich mein Haupt und folgte dem Diener +fassungslos und stumm. Es war ein kurzer Augenblick des Glücks gewesen; ich +hatte schier die rohe Frage vergessen: Wer? Wer? Sie klang jetzt wohl mit +dem gleichen Wort: Es war aber nicht mehr Bedrängnis und Leid, es war +Hoffnung und Ruhe. Tränen standen in den Augen meines Dieners; die Bewegung +seiner Hand schien Erfüllung zu verheißen. Dann stand sie vor mir, das Weib +der Erde. Ich habe sie sehr geliebt. Was ist es nur, daß ich ihren Namen +vergessen habe? + +Nur kurz war die Zeit meiner Ruhe. Eines Tages kam sie nicht mehr. +Vielleicht hatte sie jemand getötet. Vielleicht hatte einer bloß mich +getötet. Finster waren die folgenden Tage. Mein Diener wußte nichts. Ich +ließ sie suchen. Nichts. Niemand brachte mir Nachricht von ihr. Auch für +Gold nicht. Sie blieb verschollen. Ich war allein. Und wieder kam die alte +Frage: Wer? Meine Unrast war mein ewiger Begleiter. Ich bin der Verdammte, +weil ich der Gehetzte bin. Gehetzt bin ich, weil ich nicht weiß warum. Und +auch nicht weiß diese Frage, die Erde ist und Sturm zugleich: Wer? + +Ich zündete meinen Palast an. Er brannte nieder. Als nichts mehr war, +lachte ich auf wie damals. Es klang tonlos. Mein Diener schluchzte und ging +fort. Wieder war ich allein in der Welt mit meinem Gelächter. Hätte ich +geklagt und Asche auf mein Haupt gestreut, es wäre unnütz gewesen. Das +wußte ich. So warf ich Gold unter die Leute und machte die Menschen böser, +als sie waren. Ich wanderte. Ich war ein Bettler. Ich war ein reicher +Bettler. Ich wanderte durch Asien. Ich ging auf ein Schiff. Ich fuhr übers +Meer. Ich landete in Australien. Ich wanderte durch Städte, über Gebirg +hinweg, durch weite Ebenen. Immer ging jemand mir zur Seite. Meine Unrast +und meine Frage: Wer? Des Nachts schlief ich in Einöden, deckte mich mit +meinem Gelächter zu. Alle Tiere, auch die wilden, mieden mich. + +Die Landstraße führte aus dem Wald hervor und war dunkel. Die ganze Nacht +schritt ich durch; gegen Morgen hätte ich gern ein Kruzifix geküßt. Ich +hatte aber keines; nur ein zerrissenes schmutziges Tuch und einen harten +Knotenstock. Ein Widerstand versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das +eichene Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. Da +griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen weiteten +sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflügel ging auf. Ich stützte +mich auf meinen Knotenstock und sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener +stand da. Er fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu +fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch das +Dunkel der Tür; dann schritt ich plötzlich fest ein, warf keinen Blick auf +den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. Hart und bestimmt sprach ich: +»Das ist mein Haus.« Da erkannte mich der Diener an der heftigen Gebärde. +Er streckte die Arme empor, drehte sich um, lief und rief: »Der Herr ist +gekommen, ihr da hört, unser Herr ist gekommen!« Sie eilten alle herbei und +weinten. Da erfaßte mich Ekel. Denn ich, der sie immer geschlagen hatte, +ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich war der Tränen um mich nicht +wert. Mein Auge ward böse. Sie wichen zurück und gehorchten. Ich schritt +ein in mein Schloß. Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstraße, der +Erde und der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung +auf das Bündel meiner Demütigung hernieder; dann war ich in neuen +Gewändern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder war eine irrsinnig leise +Tätigkeit im Hause. In den Gemächern und auf den Gängen war mehr Schatten +als Helle. Alle Tage war das so. Ich saß in dem großen schwarzen Zimmer auf +dem grün gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich träumte +allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen Willen und +eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte nichts +denken. Des Nachts saß ich auch auf diesem Stuhl. Die bösen Mächte schienen +keine Macht zu haben über den, der da im Grünen saß. Eines Morgens weckte +mich eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie fiel +tot zu Boden. Ich war plötzlich ganz wach und ängstlich. Ich hatte noch nie +ein Tier getötet, und mein Blick erstarrte. Es kam ein Bewußtsein über +mich, das nicht schrecklich war und auch nicht gut. Hernach kam mir der +Gedanke, daß dieser Mord die frühe Vorausahnung späterer Morde sein müsse. +Es war mir auf einmal, als stünde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande: +Ich hörte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. Ich sah das +Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wußte nur, es war da, ganz nahe. +Ich hätte jetzt gern geweint. Ich konnte nicht. Ich wollte lachen. Ich +konnte nicht. An diesem Morgen sah ich keine Sonne; nur Nebel drückte sich +an die Scheiben und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz im Herbst so +bang. Warum nur? Ich saß wie gebrochen im Lehnstuhl und sah vor mich hin. +Ich wußte nichts. Ich weiß nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege +getötet zu haben, als Wissen nehmen will, dann weiß ich viel. + +Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. Am zweiten +blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. Dann trat plötzlich +ein Mann mit einer grünen Mütze ins Zimmer. Er nahm aus einem Bündel +Papiere ein Schriftstück und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft, +nicht böse. Er lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch +Zufriedenheit aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte +Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht einmal Kraft zum +Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen +Laut über meine bitteren Lippen. Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des +Nichts hinein. Langsam begriff ich: meine Schulden waren größer als mein +Besitz. Alles Bargeld erschöpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. Das wußte +ich. Ich stand auf und sagte: »Ja!« Dann leiser: »Nehmt, was euer ist.« So +ging ich. + +Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Köhlerhütte. Langsam schritt +ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, Ich hatte alles vergessen. +Mein Hirn war ausgelöscht. Da stand Boleslav vor mir. Schwarz von +Angesicht, den Kittel beschmutzt. Ich hatte ihn früher beschimpft und +geschlagen. Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht. +Boleslav fiel nieder und küßte meine Füße. Ich wies auf die Hütte. Er stand +auf und ging demütig voraus. In der Hütte brannte ein Feuer. Es roch nach +Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln und Wild. Er machte mir ein Lager +zurecht. Nun reichte er mir Fleisch und Obst. Ich schüttelte das Haupt, +warf mich auf die Spreu und schlief ein. Im Schlaf hörte ich eintönige +Laute, als betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich muß +verzweiflungsvoll und unbewußt aus dem Schlaf gelächelt haben. Am Morgen +gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann ergriff ich seine +schmutzigen Hände, küßte sie und weinte. Boleslav schien das nicht fassen +zu können, nahezu entsetzt sprang er auf und rief: »Herr, Herr, was tut +ihr?« Ich wußte kaum, was ich sprach, doch auf einmal fühlte ich nach +langer, langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer wieder +sagte ich: »Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn es sind viele Jahre +vergangen, daß ich nicht mehr geweint habe. Immer wollte ich weinen, aber +nie vermochte ichs. Boleslav, gib mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe +dich geschlagen, tat ich dir weh? Sieh, ich wußte es nicht, sonst hätte ich +es nicht getan: Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flüsterte +geheimnisvoll.« »Weißt du, hätte ich damals weinen können, so hätte ich +dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weißt du, was das +heißt?« Meine Stimme erstickte vor Freiheit: »Jetzt kann ich weinen, +Boleslav, freue dich, weine mit mir!« Boleslav wußte nicht, wie ihm +geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: »Herr, Herr, Herr . . .« +Plötzlich schien ihm etwas einzufallen; er sprang auf und brachte eine +Schüssel mit Wasser herbei. Ich tauchte meine Hände ins Wasser und benetzte +mir Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nähe. Boleslav lief hinaus. +Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke brach über mich herein: +Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! das will ich nicht denken. Denn sonst +käme abermals jene Frage und früge: Wer? Boleslav trat wieder in die Hütte. +Boleslav war ein guter Mensch. Ich blieb. + +Ich half dem Köhler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich spaltete Holz. +Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich molk die Kuh. Ich half ihm +die Pferde bewachen. Geweint habe ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit +verging. Ob es Jahre oder Stunden waren, wußte ich nicht. Boleslav war +nicht mehr unterwürfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas +Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen nicht mehr +befahlen. Rief ich: »Boleslav!« so murrte er mitunter. Ja, er wagte es, +mich bei meinem verfluchten Namen zu rufen. Die Jahreszeiten wechselten. +Meine Haut wurde hart wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der +Pferde schwingen und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurück. +Ich hörte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem Bein vom +Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut schlug ich zurück. Wir wälzten +uns am Boden. Meine Kräfte waren zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich +nichts mehr spürte. Dann warf er mich in ein Erdloch, in dem er früher +Schweine gehalten hatte. Ich weiß nicht, warum mich Boleslav überfallen +hat. Vielleicht hatte er in jenem Augenblick gefühlt, daß ich nicht mehr +Herr sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. Boleslav +hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war allein. Nur Erde um +mich. Heraus konnte ich nicht, denn die Zauntür war aus starken Ästen +gemacht. Doch ich war nicht allein! Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich +sah und sah und sah. Tränen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich +war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und teilte +mein Leid. Kein Mensch weiß, wie beglückend es ist, im Alleinsein, in der +Einsamkeit ein alltägliches Tier zu finden. Ich weiß es. Gute Fliege. Als +mir eines Tages Boleslav Wasser und Obst hereinreichte, rief ich leise: +»Boleslav.« Da ließ er mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der +Hütte ein großes Feuer an. Am Morgen nahm ich Früchte und gedörrtes +Fleisch, hing mir eine tönerne Flasche mit Wasser um, gab Boleslav die Hand +und ging. + +Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei einem Küfer ward +ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend aus der Bibel vor. Tagsüber +half ich seiner Frau, wusch die Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am +Sonntag schrieb ich dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich +meinen Mitmenschen für karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles zu +vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; wenigstens nicht +ungerechter als das der andern. Brannte des Nachts in meiner Kammer die +Unschlittkerze, sah ich in die Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als +Feuer. Nicht mehr traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder +irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte beantwortet sein. +Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat ich auch jede Nacht, statt +ein Gebet zu sagen. Dann löschte ich das Licht aus. Leute rannten. Tore und +Fenster wurden aufgerissen. Glocken läuteten. Dann wirbelte die Trommel +ihre Kriegsweisen. Ich hörte das und lachte, lachte, lachte. Dann schrie +ich laut durch das ganze Haus: »Nein, nein, nein!« Ich rannte zum Markt. +Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber mit meinem Geschrei. Ich lief +zurück. Treppauf in meine Kammer. Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann +hinunter, dann wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen, +als mein Meister mich fragte: »Wann meldest du dich bei deiner Fahne?« Mein +Gelächter war wie Ochsengebrüll; dann ward ich plötzlich still. Ich hörte +mich nur atmen. Wieder rannte ich die Holzstiege empor in meine Kammer. +Oben sank ich auf mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: »Ich will +nicht spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Königs! Hinweg!« +Dann tönte es an meine Ohren, höhnend und dumpf: »Du mußt, du mußt!« Ich +hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten sah ich vor meinen Augen +auftauchen und wieder verschwinden. Ich stürmte aus dem Haus, lief durch +die Stadt in die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um +die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward hell; der Mond +war schon bleich geworden, als ich keuchend wiederum vor dem Hause des +Küfers stand und langsam, sehr langsam die Stiege zu meiner Kammer +emporkletterte. Ich war müde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender +Traum schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein großer mißgestalteter +Käfer, ließ die Karten auf meine Bettdecke fallen, und eine Stimme rief, +ohne zu tönen: »Spiele!« -- »Ich will nicht!« schrie ich auf. -- »Du mußt. +Der König will es!« und die Karte mit dem König ward riesengroß im Raum. -- +»Gelobt sei der König, aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!« +Die Karten schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das +Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses Gelächter. So +würde das Gesetz gewiß lachen, wollte einer, der zu einer Mordtat +vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem Leben entweichen wie ein Deserteur, +noch ehe er die Tat begangen. Da würde das Gesetz lachen, ohne Geräusch. +Auch die äußere Geste würde das Gelächter nicht verraten. Dennoch wüßte +jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. Dazwischen +drangen Befehle: »Spiele! Auf dieser Seite ist der König; auf deiner der +Landsknecht! Hier wird befohlen, dort gehorcht. Gehorche also und spiele +mit!« »Nein, nein!« meine Stimme war ganz leise geworden. -- »Los!« ertönte +es von der Gegenseite. »Hier sind die Karten, du mußt spielen!« -- »Muß +ich?« fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir heraus. »Du +mußt!« Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und die Schritte dröhnten genau +und überraschend kurz. Die Trommel klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie +marschierten vorüber. Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mürbe +und schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurück aufs Bett. Ein +Gedanke wurde übermächtig in mir: War Frieden und alles geordnet, fand ich +ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, wo die Zahl sich +auf den Kopf stellt und der Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins +Wasser; jetzt kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden. +Vielleicht wird er dir als Feind gegenüberstehen. Du kannst ihn +durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. Es wird dir befohlen. Er kann +aber auch dich töten, denn auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder +so, in jedem Fall wirst du von ihm frei. »Reicht mir die Karten! Ich +spiele!« + +Die Erde drehte sich schneller. Stürme und Wolken waren unheimlich. Das +Mondlicht schien sonnig, die Sonne kühl wie der Mond. Bäume und Steine +waren zerfetzt. In der Luft war Rache ohne Grund. Horizonte bluteten, +Gebirge rauchten. Flüsse waren heiß; die Menschen kalt und feindlich. Der +Bruder sagte zum Bruder »Satan!« Und hatten doch beide vorher Milch von +einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen +sehen können, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten Schlachten. Rückwärts +kamen wir noch, als Gehilfen des Arztes; es war hier noch entsetzlicher als +vorn. Ich sah das alles; ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht. +Wochen vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein Anfang. +Städte, Dörfer, Länder wechselten mit Soldatengeschrei, Kugellärm, +Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung und Tod. Ich habe erlebt. +Da saß der alte Mann; bei seiner zerstörten Hütte. Schon vor zwei Jahren +war er hier gesessen, als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir +eingezogen waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. Sein Haus war +tot. Nur er war übrig geblieben, er und seine Kuh. Er saß da und hielt die +Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. Und kamen wieder durchs Dorf. Noch +immer saß er da. Bei seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr +Futter. Ohne Dach, bei gutem und schlechtem Wetter saß er da und bewachte +sie. Nun saß er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer an der selben Stelle. +Wie oft wohl mögen an ihm Freund und Feind vorübergezogen sein? Heute die, +morgen die. Er saß da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen +marschierten an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, die Schlechten +sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; auch nicht seiner Kuh. +Ringsherum war Verwüstung und Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und +ein Tier. Ein Mann und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf +der unzerstörbaren Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fraß. Der +Alte hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand kosend +über das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich gut. Und dauert +der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden hier siegen und still auf +Hoffnung warten. Sie werden den Krieg überleben. Der Mann und die Kuh. Der +Mensch und das Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in +dieser Zeit gesehen. Menschen vieler Völker; Menschen ohne Hoffart, ohne +Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer war ich ruhelos. +Meine Kameraden verspotteten mich. Der Feldscher zog mir allabendlich die +Mütze mit Gewalt ins Gesicht und lachte mit den anderen unbändig. Ich +nicht. Ich verband die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst. +Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. Ruhig waren die +Menschen, als gäbe es keinen Krieg. Bis dann die grausame Nacht kam, die +groß in Vernichtung war. Im Sturmschritt rückten wir an. Wir, die +Blessiertenträger waren mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurück. Das +Dorf war nicht mehr. Nur Trümmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. Von +jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine halbe Wand, dort die +Grundmauern, in der Mitte Schutt und Balken. Steine und Holz, Holz und +Steine in der qualvollsten Unordnung. Und oben der Himmel. Plötzlich wollte +ich aufschreien; der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender +Pfahl. Überall, wo vorher die Häuser gestanden, hier und dort, und dort und +hier saßen Katzen. Sie rührten sich nicht vom Fleck. Es waren schwarze +Katzen, halb verhungert, schwarze Skelette. Nur ihre Augen glommen wie +kleine unlebendige Feuer. Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren +tot und lebten doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich über die +Trümmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie stumme, schwarze +Anklagen gegen alles Menschliche saßen sie hier und starrten: Die letzten +Grundpfeiler des Hauses. Als ich an dem äußersten Schutthaufen vorüberkam, +waren mir die Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen; +dennoch fühlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die irren +Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen zwei Junge. Die Augen +der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig wie die der Mutter. Da warf +ich, mit Mühe schneller keuchend, den Tieren ein Stück Brot zu. Sie rührten +sich nicht. Ich kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche +erzählen und war -- stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich schweigen +mußte. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug die Trommel, der Krieg, der +Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich verband die Verwundeten und schwieg. +Eines Tages, es war im dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit, +gerieten wir in feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich. +Viele hetzten mich. Ich lief über die Felder wie ein Hase. Da spürte ich +Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und blieb liegen. Als +ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, Menschen, Raum. Ich konnte +nicht reden. Langsam faßte ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen +galizischen Dorf. Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schuß durch +den Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich saß vor dem Haus in der +Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. Eine Schwadron +lag hier im Dorf. Die Tiere hatte man in den Höfen und Ställen der +Nachbarhäuser untergebracht. Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Tränke. +Eben wurden mehrere Pferde hingeführt. Da ertönte ein Hornsignal. Eine +Abteilung von Fußtruppen marschierte die Straße herauf. Nun kamen die +Soldaten näher, nun waren sie da, nun waren sie vorüber. Da hörte man einen +Aufschrei, kurz und freudig. Einer der Soldaten, der unter den Letzten +schritt, sprang aus der Reihe, lief zur Tränke, hin zu den Pferden, +umhalste eines und drückte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses +vergaß zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal trat +an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er fragte barsch. Der Soldat +ließ nicht von dem Tier. Tränen strömten über sein schmutziges Gesicht, +seine Stimme aber war frisch: »Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren, +als der Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde; +hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes Wasser. Nun +freuen wir uns beide, daß wir noch leben. Denn unsere Heimat ist weit. Und +dies ist mein Pferd!« Das Tier wieherte glücklich; seinen Schweif schlug es +hin und her. Nun sah ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und +rief: »Boleslav!« Boleslav ließ von dem Pferd ab und blickte nach der +Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache wiedergefunden, +erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte auch er mich. Er fiel nieder, +weinte und sprach: »Herr, Herr, Herr . . .« er konnte nicht weiter. Dann +starrte er plötzlich ins Leere und sagte leise: »Warum erinnert mich in +dieser Stunde auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen?« Dann +rief der Korporal: »Auf!« Boleslav gab mir noch schnell die Hand, umhalste +das Pferd, lange, und trat dann schnell in die Reihe. Schon marschierten +sie. Das Pferd hatte den Kopf den ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt +und blickte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch +lange so, ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht. + +Dann war eines Tages Geschrei. Die Bauern liefen aus ihren Häusern. Die +Husaren schlugen aus Freude die Pferde. Dann bliesen Trompeten. Die Trommel +klang hell. Der Krieg war aus. Ich schnürte das Bündel. Meine Wunde war +geheilt. Ich schenkte den Wirtsleuten mein Bajonett, meinen Lederriemen und +meine Soldatenmütze. Ich setzte mir einen Bauernhut auf, aus Bast +geflochten, und ging. Ich schloß mich auf der Landstraße andern Soldaten +an, die heimzogen. Lange marschierten wir, viele Tage, bis wir zur Bahn +gelangten. Die andern freuten sich. Ich war eher bedrückt. Meine Unruhe +steigerte sich, je näher wir der Stadt kamen. Und dann war auch diese da, +und auch ich war da und stand vor dem Bahnhof. Niemand grüßte mich. Ein +Polizist fuhr mich an. »Hier dürfe man nicht herumlungern«, das war der +Satz, den ich verstand. Ich ging weiter. Durch die nächsten Straßen. Das +war also die Stadt, in der ich vor Jahren jenen furchtbaren Menschen +gesehen hatte. Ich blickte den Vorübergehenden frech ins Gesicht. Es nützte +nichts, er war nicht darunter. Ich fühlte Hunger. Ich hatte kein Geld. Das +letzte, was ich an Essen bei mir gehabt, war aufgezehrt. Daß ich früher +einmal reich gewesen, das fiel mir jetzt nicht einmal mehr ein. Irgend ein +Spürsinn führte mich zum Rathaus. Ich ging hinein und trat ins Zimmer. Man +wies mich in ein zweites. Von dort in ein drittes. Immer so weiter, bis +mich im sechzehnten einer eingehender fragte. Ich sagte, ich sei ein +entlassener Soldat und kein Deserteur und bäte um Arbeit. »So, also den +Feldzug mitgemacht!« ermunterte mich der Mann am Schreibtisch. »Jawohl, an +drei Fronten gekämpft,« antwortete ich. »Bravo! daß ihr noch lebt, beweist, +daß ihr tapfer gekämpft habt!« »Und ich bin auch verwundet gewesen, ja +verwundet,« sagte ich schnell und wies auf meine Narbe. »Das freut mich,« +sprach der Beamte, »das freut uns, wir nehmen Euch in unsere Dienste. Ihr +seid Straßenkehrer am Novemberplatz. Ihr habt sechs Straßen zu kehren. Eure +Nummer ist acht. Hier ist sie. Geht und meldet Euch beim Straßenmeister!« +damit reichte er mir eine Karte. Darauf stand groß die Nummer acht. Ich +dankte und ging. Aus Freude oder auch aus Verwirrtheit hatte Ich meinen +schönen galizischen Hut vergessen. Ich wagte nicht mehr zurückzugehn. Nach +stundenlangem Herumirren erfragte ich endlich das Zimmer des +Straßenmeisters. Ich klopfte und trat ein. Er war nicht da. Ich setzte mich +auf eine Bank und wartete. Einen Hut brauchte ich nicht erst abzulegen, da +ich keinen mehr hatte. Groß und einfach saß ich da. Endlich kam der +Straßenmeister. Ich zeigte meine Karte. Er nahm sie und schrieb etwas +darauf und schickte mich damit in den Nebenraum. Dort gab man mir eine +Lederschürze, eine schwarze Mütze mit Stadtwappen, eine Schaufel, einen +Besen und einen Schubkarren. Dazu drei Kronen als Lohn. Morgen würde ich +sieben bekommen, vier Kronen seien für die Schreibgebühren abgezogen, und +übrigens sei ja schon später Nachmittag. Ich grüßte mit meiner neuen Mütze +etwas umständlich, packte den Wagen, legte Schaufel und Besen darauf. Dann +stieß ich ihn vor mir her, hinaus auf die Straße. Jemand rief mir noch +nach: »Am Novemberplatz, Haus Nummer vier, im Hintergebäude links unten +beim Keller ist Eure Schlafstelle. Dort seid Ihr mit drei andern zusammen!« +»Ja, ja,« sagte ich. Der Novemberplatz war nicht weit. Ich fuhr mit meinem +Schubkarren die sechs Straßen des Gevierts herauf und herunter. Blieb +stehn. In einem Bäckerladen kaufte ich mir ein Laib Brot. Dann kehrte ich. +Fuhr weiter. Und blieb abermals stehn. Und kehrte wieder. Ich kehrte +absichtlich gewissenhaft und dachte nur an dies. So konnte ich mich +wenigstens auf Stunden vor Fragen, vor einer Frage retten, die immer und +immer wieder kam. Es war schon Nacht, da war ich gerade fertig geworden. +Ich spuckte aus, tat Schaufel und Besen in den Karren. Aus der Tasche nahm +ich das Stück Brot, das mir übriggeblieben war und aß es gierig. Dann gab +ich dem Karren einen Stoß, und zog ihn hinter mir nach zum Novemberplatz, +Haus Nummer vier. Ich fuhr durch den Seiteneingang in den Hinterhof, +stellte den Karren an die Mauer und tastete mich in den Keller hinab. +Hinter einer Tür hörte ich Männerstimmen. Ich machte auf. Eine Kerze +brannte hier auf einem Faß. Drei besoffene Kerle gröhlten und sahen auf +mich, der eintrat. »Ich bin der neue Straßenkehrer,« sagte ich, meine +Stimme bewußt erhebend. »Woher kommst du?« »Von der Straße. Ich habe bis +jetzt gekehrt!« »Waaas?« schrien die Männer und sprangen auf. »Bis in die +Nacht? Du kehrst zu gut!« Damit drangen sie alle auf mich ein und prügelten +mich. Dann lag ich in einer Ecke. Sie in den anderen. Bald schliefen wir. + +Die drei Straßenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. Ich kehrte +auch ihre Straßen mit. Von früh bis abends. Sie saßen unterdessen in dem +Loch und tranken. Ich kehrte gern. Ich kehrte gründlich. Ich sah nichts. +Ich hörte nichts. Nur den gewöhnlichen, gleichmäßigen Takt des Kehrens. So +dachte ich an nichts. Kam ich abends nach Hause, prügelten sie mich +manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. Müde +schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten in der größten Unrast der +Straßen stehend, eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe allerdings, die ich in +manchen Augenblicken als lauernd fühlte. Aber was machte das. Ich war +wenigstens nicht mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel. +Und ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig Straßen +kehrte ich täglich. Das tat ich nun schon ein ganzes Jahr. Als ich eines +Tages nach Hause kam, schrien mich die andern an: »Du bist kein +Straßenkehrer! Du bist ein Knecht!« Ich sagte nichts darauf. Mir war alles +gleich. »Jawohl, du bist ein Knecht!« Einer trat dicht an mich heran und +schlug mir die Faust ins Gesicht: »Du machst uns Schande. Ein richtiger +Straßenkehrer muß saufen. Ein richtiger Straßenkehrer säuft!« Plötzlich +hatten mich alle umringt: »Du mußt saufen! Los! Sauf auch!« »Sauf!« schrie +der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen hatte und hielt mir die +Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich +einschlief. »Jetzt ist er erst ein Straßenkehrer,« rief noch eine tiefe +Stimme. Dann hörte ich nichts mehr. + +Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer mehr und mehr von +mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. Ich stritt mit dem Wachmann. Es war +ja Sommer. Ich lachte, wenn eine Magd Milch verschüttete. Ich kehrte wie +wütend und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemüse- oder Obstwagen +vorüber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein Konditorjunge mit +einer schönen großen Torte meinen reinigenden Weg. Ich rief dem +Droschkenkutscher Schimpfworte nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am +Sonntag war es besonders lustig. Da gingen wir vier in eine Schänke und +blieben dort von Mittag bis in die Nacht. »Die Straßenkehrer!« riefen die +Stammgäste. »Kommt uns kehren!« schrien die Dirnen und lachten. Wir soffen, +wir rauften, wir brüllten. Ich spuckte. Ich war roh zu den Weibern. Darum +stieg ich in der Achtung meiner Genossen. »Er ist ein echter Straßenkehrer +geworden,« lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte +Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. Zur +Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; mir war in diesen +Wochen das Herz recht beklommen. Ich hatte auch eine Scheu vor den +Polizisten, die ich doch sonst nie fürchtete. Es war mir immer, als würde +jeden Augenblick aus dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen +wollen. Ich kehrte dann kräftiger und spuckte stärker aus. Ich betrank mich +mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut. + +Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand im Weg. +Klein und zerlumpt. Es war ein Mädchen. Ich stellte den Karren nieder und +trat zu dem Kind. Es weinte heftig. »Warum weinst du?« fragte ich. »Ich +habe soviel Läuse und Flöhe.« »Wäscht dich denn niemand?« »Meine Eltern +sind tot.« »Was machst du, Wo wohnst du?« »Ich bettle auf der Straße.« Da +tröstete ich das Mädchen und legte ihm meine Rechte aufs Haupt. Ich hatte +keine Angst vor Läusen. »Komm mit mir,« sagte ich und nahm sie bei der +Hand, mit der Linken hob ich den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen +recht langsam. Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren, +hieß ich das Mädchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, was meine +Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder herauf und zog das +Mädchen mit mir herunter. In der Ecke, wo ich zu schlafen pflegte, machte +ich ihr ein Lager. Dann legten wir uns schlafen. Sie schlief an meiner +Seite. Ich fürchtete die Flöhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum, +als sie das Mädchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen +erzählte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie überließen dem +Mädchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. Ich goß es in einen +Topf, den ich am Feuer wärmte. Dann entkleidete ich das Kind und wusch es. +Einer schnitt ihr die Haare ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das +er sonst nur zur Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in +einer Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, den er +noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte die zerrissene Bluse, +so gut es ging. Dann fand sich noch ein alter Mantel, den hing ich ihr um. +Einer fragte plötzlich: »Wie heißt du?« »Maria,« antwortete sie scheu. Nun +stand sie da und war rein. »Wir wollen würfeln, wer ihr Vater sein soll!« +sagte einer. »Ja, laßt uns würfeln!« Wir kauerten uns hin und würfelten. +»Eins!« »Drei!« »Sechs!« Ich war noch übrig. Ich warf. »Neun!« »Du sollst +Vater sein! Hüte sie gut.« An diesem Morgen tranken sie nicht. Sie gingen +sogar an die Arbeit und kehrten selbst. Ich war der letzte, der den Raum +verließ. »Vater,« sagte Maria, »du bist wohl schon sehr alt?« »Warum?« +fragte ich. »Deine Haare sind so weiß.« Da griff ich mit den Fingern in +meine Haare und riß. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. Sie waren +weiß. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich hatte weniger zu tun. Nie +mehr blieben meine Genossen daheim und tranken. Sie hielten ihre rohen +Reden und derben Späße zurück. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr +war. Nur am Sonntag gingen wir in die Schänke; als wir heimkamen, schlief +das Mädchen schon. Waren wir angeheitert, so machten wir dennoch keinen +Lärm, um Maria nicht zu wecken. + +Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria würde mir bald das Essen +bringen. Ich kehrte. Mitten im größten Verkehr, mitten in der größten +Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. Da schaute ich auf, zufällig. Ein +Blick war auf mich gerichtet. Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann. +Seine Augen hatten mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie +Glas. Er sah ganz gewöhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein +Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der +Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. Meine Lippen +zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine Hände zitterten. Meine Knie zitterten. +Ich zitterte. Ein Strom drang durch mein Hirn, heiß. Dann ein Gegenstrom, +kalt. Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden war. +Ich wollte vorstürzen. In dem Augenblick, wo er mich ansah, hätte ich es +nicht vermocht. Da wäre ich eher geflohen. Denn etwas Zwingendes, +Treibendes war in seinem Blick. Nun aber kann ich ihm nachstürzen! Er +schaut mich nicht mehr an. Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit. +Kaum konnte ich ihn mehr erkennen. »Du sollst mir nicht entkommen!« schrie, +lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich gewartet. +Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. Mein Leben hast du +gemordet, nur, weil du mich angesehen hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben +für das meine. Dies stürmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich +stolperte und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war +schon ganz unten, beim Eck der Straße. Ich lief ihm nach. Mein Atem +keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke kam näher, sie +war da. Ich lief vorüber. Ich sah ihn nicht mehr. Ich hielt inne. Doch ja, +dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war schon ganz oben, bei der Ecke +der nächsten Straße. Ich lief wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich +stieß sie beiseite. Und lief. Ich hörte schon nicht mehr meine Lungen +keuchen, ich hörte nichts mehr. Ich sah bloß. Ich sah ihn, ihn, ihn. Nun +kam ich etwas näher. Nun war er aber wieder um die Ecke. Doch nein, du +entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich war schon um die Ecke. Da +stand er unweit von mir. So unerregt, so sicher. Ruhig. Und sah mich an. +Ich blieb plötzlich stehen. Ich mußte stehen bleiben. Ich hörte mich wieder +keuchen. Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte +zurücklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte ich auf einmal +sein Gewand; es war grün. Und auf seinem Hut stak eine Feder. Und über +seinem Rücken hing ein Gewehr. Das gewahrte ich alles erst jetzt. Das +schaute ich jetzt. Er stand ruhig und sah mich an. Sein Blick! sein Blick! +Nun wußte ich, wer es war. Es war ein Jäger. Da wandte er sich um und ging +weiter. Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich konnte ihm +wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war kalt. Ich mußte ihm +folgen, das wußte ich. Er ging durch viele Gassen. Ich folgte. Er bog ums +Eck. Ich auch. Er ging schneller. Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch. +Die Straßen wurden einsamer. Noch immer ging er. Ich auch. Die Häuser +hatten aufgehört. Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf +einen Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter. +Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. Wir gingen durch. +Da, als wir aus dem Wald herausgetreten waren, blieb er plötzlich stehn. +Dort unten lag ein Haus. Dahinter waren weite Felder, rückwärts wieder +Wald. Der da vorne schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald +da. Ich schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. Über +dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann eben sein Gewehr +an einen Rechen gehängt, seinen Hut auf einen Nagel, als ich mit Gepolter +im Rahmen der Türe stand. Er sah mich an. Doch ich fürchtete mich nicht +mehr. Er war kleiner als ich. »Was willst du?« fragte er ruhig. »Dich!« +schrie ich und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war stärker. Sein +Blick machte mich wütend und gab mir Stärke. Ich packte fest zu und drängte +ihn durch eine Tür in ein Zimmer. An der Wand hatte ich einen Dolch +erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe wir beide zu Boden gefallen +waren, und mit meinem Gebrüll seinen Wehruf überschreiend, stach ich es ihm +ins Herz. Ich keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand +hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr zu suchen. +Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. Ich richtete mich +empor. Da überlief es mich kalt. Mir stockte der Atem. Mir gerann das Blut. +Meine Augen starrten. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelähmt: Ich +sah in die entsetzten und groß aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hörte +mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. Sein Blick +zitterte. Plötzlich sprang er und war weg. Ich konnte mich wieder bewegen. +Da sah ich, daß ein Fenster offen war. Hin über die vergrünten Felder lief +der Hase. Da wußte ich auf einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom +Boden der Tat wegwendend, drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch +die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg. + +Die Straße, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. Langsam +kam die Dämmerung. Noch immer lief ich. Endlich sah ich Lichter. Ich lief +langsamer. Die ersten Häuser kamen schon, nun Straßen. Ich lief nicht mehr. +Ich blieb stehn. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ein Finger war +blutbespritzt. Ich bückte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und zog ihn +wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom Blut. Ich ging. Es war +schon spät in der Nacht, als ich heimkam. Ich tastete an der Wand. Da +standen vier Karren. Sollte das alles ein Traum gewesen sein? Es war +finster. Dennoch wußte ich, daß ich lächelte, als ich zu den Meinen +eintrat. Sie schnarchten. Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hörte +Maria regelmäßig atmen. Ich wälzte mich auf die linke Seite und schlief +unglücklich. Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. »Ein Schwindel +ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich bei guten Leuten. +Ich glaube, es war der Hausmeister von der grünen Villa in der +Jägerstraße,« sagte ich matt und wunderte mich im Innern über meine Lüge. +»Ja, ja, du wirst alt, Vater,« meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee. +»Was glaubst du, wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht +sah, nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das Essen war +kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm Schaufel und Besen und zog +voller Angst heimwärts.« »Du gutes Kind, du bist so gut, so gut,« sagte +ich. »Also auf!« räusperte sich einer der andern, »kehren wir wieder einmal +den Dreck des Lebens von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so, +Dreck bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir!« »Ja,« sagte ich und +folgte ihnen nach. + +Kein Tag war glücklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich stand und +kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hörten, mitten im Lärm der +Straße, auf ein leises Geräusch. Ein Geräusch, das so leise ist, weil es +vom Tappen kleiner Pfoten kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut. +Ich hörte die Reden Marias nicht. Ich hörte auch nicht die Flüche meiner +Genossen. Nichts hörte ich. Nur eines wußte ich, und immer und immer wieder +eines: Jemand weiß, jemand war Zeuge, jemand war ein Hase. Ein Hase! Ein +Hase! »Hast du nicht den Hasen gesehn?« fragte ich den Kutscher. Der hieb +auf die Pferde ein und lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei. +Frei wie andere. Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief +dem Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht war +auch mein Hase darunter. Ich beugte mich über jedes Tier und sah in die +erstarrten Augen. Mein Hase war da nicht. »Du willst wohl stehlen?« brüllte +mich der Fuhrmann an, der gerade aus der Schänke herauskam und auf den +Kutscherbock stieg. »Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht.« »Weg!« +schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich schaute vor +den Wildläden die hier hängenden Hasen lang und streng an. Ich fand nichts. +Ich streichelte Maria nicht mehr; ich hätte an das Hasenfell denken müssen. +Ich war unruhig. Ich war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte +schlecht. Ich verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord +vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote und bald +tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um vier Uhr früh an der +Ostseite der Stadt und wartete auf die Bauern, die mit Hasen zur Stadt +fuhren. Meinen Hasen fand ich nicht. Tagsüber stand ich auf der Straße und +kehrte schlecht. Fuhr ein Leichenwagen vorüber, hielt ich inne im Kehren +und stand stramm wie ein Soldat. + +Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder der Wald. Sein +Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst mehr vor dem Wald. Denn er +verbarg sich hinter Gezweig und wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch. +Sein kleines Herz pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon +leiser. Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und und fraß +dürre Blätter. Er wagte nicht, sich zu rühren. Vor seinen Augen sah er noch +das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er +suchte etwas; er konnte nichts finden. Denn er wußte nicht, wo er hin +sollte. Jenes Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie +ausgelöscht. Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht mehr, +denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er floh. Er saß nie, +er lief. Er wußte nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. Und die Bäume +waren da und das Moos. Bis er müde war, daß er nicht mehr weiter konnte, +blieb er liegen und schlief ein. So war er, so lebte er und wußte nichts. +Eine Eule hielt er für seine Mutter. Einmal lief er doch hinaus, über +Felder der Landstraße zu. Da, er wollte zurückfliehen, standen viele +Unwesen, nun hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schloß die +Augen und wartete zitternd. Ein lautes Geräusch ertönte, als würden große +Tiere brüllen. Da spürte er, daß ihm nichts mehr weh tat; er tastete mit +den Pfoten, fühlte Erde und sprang und -- lief. Wald. Er war im Wald und +schloß erst jetzt seine Lider. So waren seine Augen in Angst gewesen, daß +die Lider sich nicht geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief +über die weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald +betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, daß sogar +die Giftschlange sich verbarg und von allem Bösen ließ, als sie seine Augen +auf sich gerichtet fühlte. + +Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Straße gewalzt. Viele mußten dabei +helfen. Auch ich. Tag für Tag standen wir draußen und räumten Steine aus +dem Weg. Unterdessen verstaubte in der Stadt das Pflaster. Auch meine +Genossen halfen mit. Um zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl. +Da war gerade Rast, und wir warteten am Straßenrand. Auch heute wieder. Auf +einmal ertönte Geschrei. Alle liefen zusammen und riefen. Ich erhob mich +und schritt langsam dorthin, wo sie mitten auf der Straße standen. Da +teilte sich die Menge. Ich sah einige, die einen Hasen festhielten. In +diesem Augenblick dachte ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich +stürzte vor und schrie wild: »Daß mir niemand den Hasen tötet!« Sie +erschraken, ließen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe am +Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm +nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er verschwunden war. Plötzlich +fiel mir ein: Könnte es nicht mein Hase . . .? »Hasenheiland, wann wirst du +deine Predigt halten?« höhnten mich viele, aus Wut, daß der Hase davon war. + +Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug meine +Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich kehrte schlecht. Monate +vergingen. Maria war weggelaufen. Kaum, daß ich sie vermißt hätte. An +Sonntagen rannte ich in den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster +war, kehrte ich heim. Und Schnee lag überall und war höhnisch. Liefe jetzt +ein Hase übers Feld, es wäre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder die Stadt +kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen viele Monate. +Abermals war der Sommer vorüber. Ich haßte den Herbst. Ich hätte ihn töten +mögen. Ich saß in der Schänke. Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah +es nicht. Ich saß und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das +Glas weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank und +sah nichts. Da schrie mich das Weib an: »Siehst du nicht, daß er dich +verspottet?!« Ich spielte, sah einen, der über mich lachte. Ich griff zum +Glase und trank. Alles war gleichgültig. Nur der Schnaps nicht. Jetzt +packte mich die Dirne, rüttelte und rief: »Du bist ja gar kein Mann, du +bist ein Hase!« Ich schaute auf. Meine Augen schlossen sich und öffneten +sich wieder. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief +hinaus. Ich lief. Bis der Wald kam. + +Lange Zeit war vergangen. Der Wald war weiß gewesen, dann wurde er grün, +nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er lief und verbarg sich, war +stets gehetzt und fürchtete immer etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil +er nie rasten konnte. Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer +wußte er von seinem früheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm Wärme, kein +Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. Kein Tier paarte sich mit +ihm. Alles floh, auch böses Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und +er lief und lief, fürchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte er +eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das eine Unwesen wuchs +riesengroß aus dem Moos, dann das zweite, nun fielen sie beide hin -- und +war ein Tier, ein Reh, das, von den starren Augen des Hasen gescheucht, +verwirrt flüchtete. Der Hase war müde. Er wollte nicht mehr die Augen +öffnen. Er mußte sie öffnen, er mußte laufen, er mußte fliehen. Er starb +nicht. Er lebte und floh. + +Als ich den finstern Wald betrat, wußte ich: Meine Seele war hauslos. Die +Bäume kamen mir entgegen und wichen zurück. Kein Laut war zu hören. Alle +Tiere und Zweige schwiegen. Ich drang durch Gestrüpp und Sträucher. Zum +erstenmal taten mir meine Füße wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut. +Ich hatte Angst, daß draußen die Sonne untergehn könnte. Auch wenn Moos gut +ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, den die +herankommende Nacht umhalsen wird. Ich fürchte Nächte im Walde. Ich wollte +mich jetzt selbst beim Namen rufen, er war aber schon lange vergessen. Ich +hatte Angst, auf einmal, vor mir selbst. Ich wußte aus irgend einem +verwirrten, aber heftigen Grunde, daß ich heute den Herbst töten würde. Der +Wald war groß. Da fing ich plötzlich zu rennen an. Und rannte im Walde. Die +Sträucher und Äste zerkratzten mir Gesicht und Hände. Ganz gleich. Ich +rannte im Walde. Da lief ein Schatten; quer über den Weg. Der Schatten +stand plötzlich still, als hätte ihn der Blitz gerührt. Der Schatten +bewegte sich nicht. Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte +mich nicht rühren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein +Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war gelähmt. Seine +Augen waren groß und starr. Seine Ohren waren steif und spitz. Sein Blick +war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge zitterte. Ich sah mich im großen Auge +des Hasen, und der Hase sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der +Hase sah mich. Lautlos standen wir einander gegenüber. Eine Ewigkeit lag +zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel mir auf einmal +ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge hatte mich der Hase +erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit einem Schrei auf ihn, packte +seinen Hals und -- trotzdem ich als Kind immer geweint hatte, als meine +Mutter das Huhn tötete -- erwürgte ich den Hasen. Seine Augen waren +entsetzlich groß und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals +gekrampft und ließen nicht locker. So trat ich aus dem Wald heraus. Die +Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich ging langsam. Als ich die +Stadt betrat, brannten schon die Laternen. Meine linke Hand hielt den +Hasen. Ich wußte nichts von meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem +Halbschatten: »Guten Abend, Herr Ha . .« Ich hatte etwas gehört. Nein! +nein, das war ja mein Name, den ich schon vor langem vergaß. Nein, es war +nichts. Ich lächelte. Ich wußte schon nichts mehr. Die Laterne war grün. + +Ich war eingetreten. Da saßen die Polizisten. Sie schauten zu Boden. +Plötzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich fest: »Ich bin +ein Mörder.« Eine namenlose Stimme fragte: »Wen haben Sie gemordet?« Ich +hob meine Linke mit ihrer Last hoch und sagte: »Diesen Hasen.« Die +Gesichter der Polizisten erschienen durch den Qualm breiter, voller. Jemand +sprach gütig: »Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur. +Der Hase, den er da in der Linken hält, hat Augenlider wie ein Mensch, und +jener Mensch hier hat keine Lider, nur große starre Augen.« Die sachliche +Stimme fragte wieder: »Wie heißen Sie?« Mir war es, als fiele ich in ein +Meer. Dann sagte ich voller Unmut und heftig: »Wie kann ich das wissen, da +ich doch den Hasen getötet habe!« Dann mußte ich plötzlich eingeschlafen +sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in dem Haus waren +die Wände bleich. + +Eines Tages war der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus und war frei. +Die bleichen Wände lagen hinter mir. Ich bekam wieder meinen Schubkarren, +meine Mütze und meinen Besen. Ich kehrte wieder. + +Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, weiß ich nicht. +Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das +man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben +gelebt, vielleicht war es das Leben eines andern, oder auch das, was +niemand erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich weiß es +nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit allen Menschen und +Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht mehr. Manchmal schaue ich auf und +blicke in die flüchtenden Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell +auf meine schmalen langen Hände sehn und auf meine arabisch geschwungene +Nase. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + +***** This file should be named 39390-8.txt or 39390-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/3/9/39390/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
