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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/39390-8.txt b/39390-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4ea2c93 --- /dev/null +++ b/39390-8.txt @@ -0,0 +1,1450 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Der Hase + Eine Erzählung + +Author: Melchior Vischer + +Release Date: April 6, 2012 [EBook #39390] +[Last updated: June 18, 2012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + + +Melchior Vischer + +Der Hase +Eine Erzählung + + + + + + + + +1922 + +Jakob Hegner, Hellerau + + + + + + + +Ich bin ein alter Straßenkehrer. Ich arbeite nur drei Stunden täglich; denn +meine Kräfte sind nicht mehr groß. Daher habe ich viel Zeit; ich will also +die Ereignisse meines Lebens niederschreiben. Es mag als Leben eines +Straßenkehrers unwichtig erscheinen; dennoch ist es nicht unwichtig. +Verzeiht, daß ich nur einfach schreibe. Ich kann keine japanisch gedrehten +Sätze formen; auch verstehe ich nichts vom klugen Aufbau der Handlung. Das +alles kann ich nicht. Es wäre hier auch nicht notwendig; es ist ein +Bericht. + +Es war November. Es war ein Wald. Die Bäume standen im rötlichen Schimmer +müder Sonne. Nebel gab es noch nicht; nur eine kleine Moosausdünstung, +feucht und schwer, verriet die unsommerliche Zeit. Tannen und Fichten +rochen nach Harz. Ein Hase, noch jung und neugierig, war seiner Familie +entlaufen. Er hatte sich verirrt, weil Nadelbäume und Moos, Moos und +Nadelbäume wechselten. Der Hase keuchte. Dunkelheit kam und verlöschte +letzte Sonne. Da schleppte sich der Hase noch ein wenig weiter; dann konnte +er aber nicht mehr. Er streckte die Läufe von sich und schlief. Der Morgen +war hell. Als der Hase erwacht war, sah er Wunderbares: der Wald war zu +Ende. Er selbst lag am Saum. Vor ihm eine weite, weite Ebene, grün und grau +und gelb. Und rückwärts lagen die Wolken auf der Erde und schliefen. +Ängstlich drehte sich der Hase um: da war der Wald, der schwarze Wald. +Schnell schaute er wieder auf die Ebene hinaus: sie schien ihm gut, Weib, +Mutter zu sein. Der Wald ist schwarz, der Wald ist böse, der Wald ist ein +Mann. Und seine Blicke hasteten über das große mütterliche Feld. Da stockte +sein Auge, sein linkes Ohr erschrak und schnellte spitz in die Höhe: dort, +dort, dort . . . lag etwas, in der Mitte, breit und wuchtig. Sein Herz +klopfte; er hörte dieses Klopfen, dumpf und schwer. Er war nicht feige, +dennoch überlegte sein kleines Hirn, ob er zurückfliehen sollte in die +Finsternis des Waldes, der hinter ihm lag wie ein drohendes Ungetüm, oder +ob er auf das fremdartige Etwas zugehen sollte. Seine Beine waren flink, +flinker noch seine Neugier. Da sprang er: hin lief der Hase über die +vergrünten Felder. Größer und größer wurde der Block; er unterschied +Linien, Gewölbtes, dann große Löcher, die wie Wasser glänzten. Da hockte er +nieder, überlegte, ließ seine Ohren spielen. Sein Herz war noch immer rege; +es pochte jedoch schon leiser. Die Augen aber schwammen in einem Meer voll +Neugier. Knapp vor ihm waren hohe Stäbe aufgerichtet; dahinter lag +geackerte Erde. Er schlich durch den Zaun, lief über den frisch +aufgeworfenen Humus und stand vor etwas Hohem, das höher, größer und +breiter war als ein Baum. Er legte seine Pfoten vorsichtig an und fühlte +kalten Stein. Da war ein Einschnitt, dunkel gewölbt, er nahm Anlauf, und +mit einem Satz war er drin, in dem unbekannten Bereich. Hier war der Boden +weich und rot; seltsam verwachsene Bäume erschienen ganz unkenntlich; +glatt, glänzend, behangen mit fremdartigen Gräsern. An der Decke war kein +Himmel sichtbar; trotzdem glitzerte alles und schillerte. Er sprang, -- +diesmal wohl aus Angst -- und stieß an einen Gegenstand, der umfiel und +zerbrach. Es klang, als wurden kleine Vögel getötet. In Sehnsucht nach der +mütterlichen Haide suchte er einen Ausweg. Er fand keinen. So drückte er +sich in eine Ecke, hörte auf das Klopfen seines scheuen Herzens und auf das +schnelle Keuchen seiner gehetzten Lunge. Seine Augen suchten unterdessen +und fanden nichts. Lärm und Geschrei war zugleich wie eine Erschütterung +der Erde. Ein Schlag dröhnte durch die Luft, ein fremdes Wesen, nur auf +zwei Füßen gehend, stürzte herein. Keuchen erfüllte alle Luft. Gepolter +folgte: Rufe, Schreie. Ein zweites Wesen, dem ersten ähnlich, nur ein wenig +größer, sprang herein, schrie schrill -- so klang kein Tiereslaut -- +schnellte auf und preßte dem andern die Gurgel. Das eine drängend, das +andre sich sträubend, fielen sie beide hin. Da blitzte es in der Luft: in +den Fängen des größeren Unwesens sah der entsetzte Hase etwas Langes, +Spitzes, wie der Schnabel eines Spechtes. Es sauste nieder, ein Ächzen, ein +Röcheln: die rote Ebene ward röter. Ein schweres Keuchen, das in befreites +Aufatmen ausströmte, war zu hören. Das eine Wesen ließ von dem anderen und +richtete sich empor. Der Hase konnte sich nicht bewegen. Er war gelähmt: +die zwei wilden Augenlichter des Wesens, das kein Tier war, nicht Raubtier, +nicht gutes Tier, das ein Untier war, starrten entsetzt und groß +aufgerissen in die Augen des Hasen. Der Hase zitterte. Gerade das war seine +Rettung. Sein zitternder Blick hatte plötzlich den gewölbten Einschnitt +erhascht: ein Sprung, bebend zwar, aber doch hoch und weit genug, folgte. +Der Hase lief. Der Hase war weg. + +Ich bin nicht immer Straßenkehrer gewesen. Einst war ich reich. Das Leben, +das ich führte, näher zu beschreiben, wäre unnütz; ich träumte Träume aus +Silber und Alabaster. Ich wäre vielleicht auch als Reicher gestorben. Wenn +nicht ein höchst seltsames Ereignis mich aus meinem streng abgezirkelten +Dasein in die Freiheit des Lebens hinausgeworfen hätte. An einem +Novembertage verließ ich mit mehreren Freunden mein Haus; wir gingen, was +wir sonst nie taten, zu Fuß in die nahe Stadt. Bei Einbruch der Dämmerung +waren wir angelangt. In den Straßen war ein Verkehr, der beinahe tosend +war. Die Schaufenster leuchteten wie offene Feuer: so hell. Alle Menschen +eilten. Wir gingen in Gruppen, langsam, wir sprachen von gleichgültigen +Dingen. Nun waren wir auf der Hauptstraße. Wagen und Menschenverkehr war +maßlos laut; hin, her. Manchmal streifte einer der hastenden Fußgänger +meinen Rock. Ich sah niemanden, trotzdem Kopf auf Kopf wechselte. Ein Meer +von Gesichtern. Da sah ich beiseite, ganz ungefähr, zerstreut: mir stockte +der Atem, mein Blut wurde zu Eis, ich konnte nicht weiter. -- Er ging +vorüber. Ein Mann. Seine Augen schauten mich an; seine Augen schienen Glas +zu sein. Er sah ganz gewöhnlich aus; nichts Besonderes war an ihm. Ein +Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der +Menge. Ich besann mich. Meine Augen sahen schärfer. Da war er schon +vorüber. Ich drehte mich um. Verschwunden. Man fragte mich erstaunt: »Warum +gehst du nicht? Wen sahst du?« Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Ich +ging zurück; nichts. Ich ging schneller; nichts. Ich rannte; nichts. Ich +hatte meine Freunde verloren. Ich lief die Straße hinauf; ich lief die +Straße hinab. Langsam, schnell. Ruhelos. Stunden vergingen. Es war Nacht +geworden; späte Nacht. Die Straße war einsam. Nur selten kam ein Mensch. +Das Licht leuchtete nicht mehr; bloß Notlaternen brannten. Noch immer ging +ich auf und ab. Hohl klangen meine Schritte. Eine Frage kam immer und immer +wieder: Wer war dieser Mann? -- Warum sah er dich an? Dann lachte ich +heiser auf: »Du Tor! Ein Namenloser, ein Mann in der Menge! Ein +Gleichgültiger! Zufällig sah er dich an, zufällig sahst du ihn an, zufällig +kreuzten sich eure Blicke; Zufall, nichts weiter!« Ich schlug meine Stirn +und brüllte: »Tor! Tor!« Ich war müde geworden. Ich lehnte mich an eine +Laterne. Mich fröstelte. Nun merkte ich erst, daß ich Hut und Mantel +verloren hatte. Kaum hatte ich das recht erfaßt, als schon wieder die Frage +nach dem Unbekannten durch mein Hirn tobte. »Wer bist du?!« schrie ich auf. +»Herr, ist Ihnen schlecht? darf ich einen Wagen rufen?« hörte ich noch +jemanden fragen und sah mich selbst eine bejahende Gebärde machen. Dann +wußte ich nichts mehr. Nur fern hörte ich, als riefe einer um Hilfe: Wer? +Wer? + +Ich wachte auf. Ich war im Bett. Ich war zu Hause. Mein Leibdiener saß im +Zimmer. Ich rief: »Hast du ihn gesehen? War er da?« »Nein, Herr!« Ich +richtete mich plötzlich auf und starrte dem Diener ins Gesicht: »Du bist ja +alt, Jan, du hast weiße Haare!« »Schon immer, Herr, schon immer,« es schien +mir, als säße der Alte nur ungern hier an meinem Bett. Ich befahl: +»Hinaus!« Er ging. Ich sprang aus dem Bett. Ich riß vom Fenstervorhang die +Quaste ab. Ich klingelte. Jan kam. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Er stand +stramm. Ich hieß ihn gehen. Er ging. Ich kleidete mich an; allein. Ich +tauchte mein Gesicht in kaltes Wasser. Ich fühlte eine Leere im Magen. Ich +nahm trotzdem kein Frühstück. Ich ging ins Bibliothekszimmer; es war +ungeheizt. Ich setzte mich zum Schreibtisch und überlegte. Ich fing an zu +lachen. Denn es war ja doch nur ein ganz gewöhnlicher Mann aus der Menge. +Ein Unbekannter. Ein Fremder, der mich zufällig ansah. Zufällig, zuf +. . .? Ja, wer war dieser Mann? Es gibt keinen Zufall, nein, nein! Warum +sah er mich an? Bin ich ein Hundsfott, daß mich jeder, der an mir zufällig +vorübergeht, ansehen kann? Und warum schaute ich, der sonst niemanden auf +der Straße anzusehen pflegt, in diesem Augenblick gerade auf und ihm in die +Augen?? Ich schlug mit der Faust auf den Tisch: »Ich muß diesen Menschen +finden, ich muß wissen, warum er mich angesehen hat!« Ich klingelte. Ein +Diener erschien. Ich klingelte nochmals. Ein zweiter Diener erschien. Ich +klingelte zum drittenmal. Ein dritter Diener erschien. Und dann gab es +Winke, Befehle, Schimpfworte. + +Die Tage, die nach jenem Erlebnis folgten, waren unendlich und grauenvoll. +Ich ließ Ankündigungen in den Zeitungen erscheinen, Belohnungen aussetzen: +Wer war dieser Mann? Wer ist dieser Mann? Alles blieb stumm. In den Nächten +war ich allein. Kein Weib lag in meinem Bett. Ich entließ alle Mägde. Ich +schickte Diener und Pferdeknechte weg. Ich nahm neue auf. Alle mußten +braune Haare haben. Denn ich glaubte mich zu erinnern, daß der Unbekannte +braune Haare gehabt hatte. Ich konnte nicht schlafen. Denn das ist kein +Schlaf, zu schlafen, um im Schlaf zu wissen, daß man schlafe, daß man +unruhig schlafe. Manchmal sprang ich aus dem Bett und lief, dürftig +bekleidet, in den Park hinaus. Dort oben waren die Sterne. Viele waren da. +Auch dort suchte ich. Immer suche ich. Der Mann! Der Mann! Wer war dieser +Mann? Doch die Sterne antworteten nicht. Stille, helle Sterne. Ich lief zum +Hafen und betrat die Fischerhütten. Ich warf Geld hin. Man ließ mich +schlafen. Ich konnte nicht schlafen. Da lachte ich laut auf, daß es in die +schweigende Nacht hineingellte. Einer, der sucht und nicht findet, kann +nicht schlafen. Auch dann nicht, wenn er gesund wäre wie jenes schnarchende +Fischweib dort, das umlagert ist von ihren Kindern. Denn dann hätte ich die +Läuse und Flöhe töten müssen. Ich töte aber keine Tiere. Nie. In diesen +Hütten blieb ich kaum zwei Stunden. Dann lief ich wieder weg. Hinaus. Der +Hafen war allmächtig und dunkel. Der Hafen war unheimlich. Die Ozeanfahrer +und großen Segelschiffe, die vor Anker lagen, warfen drohende Schatten ans +Land. Überall grinste mir das Gesicht des Namenlosen entgegen. Schaute ich +nach links, so war es da. Schaute ich nach rechts, so war es da. Auch der +Mond, der jetzt aus den Sturmwolken hervorkam, konnte meine Verzweiflung +nicht töten. Es gibt große Sünden. Es gibt strenge Gesetze und harte +Strafen. Nichts aber ist so schrecklich, wie ein Gesicht, das man nicht +kennt, zu sehen. Man weiß nichts von ihm. Man weiß nur, es ist da. Wo es +ist, weiß niemand. Und ich habe es gesehen. Ganz nahe. Nur weiß ich nicht, +wo es ist. Ich will es sehen. Wo bist du? Wo bist du? + +Meine Freunde zweifelten an meinem Verstand. Ich warf sie hinaus. Ich +wollte niemanden sehen. Der Festsaal meines Hauses war traurig und öde +geworden. Die Diener fürchteten mich. Ich war ein strenger Herr. Und oft +recht böse. Manchmal auch grausam. Am Tage höhnte ich Gott; des Nachts +verfluchte ich mich selbst. Das half alles nichts. Meine Tage waren +verflucht. Meine Nächte waren verflucht. Ich selbst verfluchte den +Feierabend, an dem ich jenen Unbekannten auf der Straße gesehen hatte. Ich +hatte viele Leute gedungen, die mir den Aufenthalt jenes Menschen +ausforschen sollten. Es kostete viel. Alles vergebens. Da hielt ich es +nicht mehr aus. Ich faßte einen neuen Entschluß. Ich ging auf Reisen. + +Als ich in Ägypten ankam, sah ich Wolken um die Pyramiden getürmt. Die +Eingeborenen sagten mir, seit tausend Jahren wäre es wieder das erstemal, +daß Wolken um die Pyramiden kreisten. Es käme sicher Unglück über das Land. +Ich hörte zu und schwieg. Dann dachte ich, ob ich hier nicht zufällig ihn +finden würde. In einem Anfall von Wut gegen mich selbst erschlug ich einen +der Kameltreiber. Die anderen drohten. Ich gab Gold. Man grüßte mich. Um +Gold ist natürlich der Tod käuflich. Nur der eigene nicht. Als es regnete, +lachte ich. Meine Kameltreiber beteten. Ich lachte laut, weil ich nicht +beten konnte. Man hat noch nie einen Mohammedaner im Gebet gestört. Ich tat +es. Hier, in der Wüste, fern von Sodom, aber doch nahe Gomorrha, begriff +ich erst die Gewalt des Goldes. Und ich lachte maßlos laut. Dann trieb +meine Knute die Frommen auf. Durch die Wüste. Durch die Wüste! Ich wollte +immer vom ewigen Horizont umgeben sein. Ich wollte im Wüstensand baden, +Sonne trinken und Stürme einatmen. In einer Oase hielten wir Rast. +Wochenlang. In der Nähe hausten ein Löwe, eine Löwin und ein Tiger. War der +Löwe in der Wüste, brach die Löwin mit dem Tiger die eheliche Treue. Der +Löwe merkte nichts, da sich die Löwin allabendlich, bevor er heimkam, in +der Quelle abwusch. Das hatte ich belauscht. Aus Unrast tat ich Böses. Du +schändest die Natur, du beleidigst Gott, wenn du Tiere zu menschlichen +Handlungen verleitest! Eines Tages ließ ich die Quelle mit Steinen +vermauern. Die Löwin kam. Die Löwin stutzte. Sie scharrte; sie wühlte die +Erde auf. Sie ging auf und ab. Immer schneller. Sie suchte. Auch ich +suchte! Ihre Augen funkelten. Ihre Augen wurden glanzlos. Sie keuchte. Sie +war abgehetzt und müde. Sie legte sich hin. Der Tiger kam, sah sie und +sprang gegen die Mauer. Sein Kopf blutete. Er lief zurück, nahm Anlauf und +sprang wieder gegen die Steine. Sie wichen nicht. Zum drittenmal +wiederholte der Tiger seinen Versuch; er war schon recht matt. Mit +ungeheurer Wucht schnellte er gegen die unbarmherzige Steinwand. Mit +zerschmettertem Schädel brach er zusammen und verendete. Liebe und +Verzweiflung in den Augen, hatte die Löwin zugeschaut. Beim drittenmal hob +sie schwach die linke Tatze; diese war kaum zu Boden gesunken, als ihr +Tiger schon tot war. Da trat der Löwe aus dem Gezweig. Erst brüllte er; sie +wollte weichen, vermochte es aber nicht. Dann wurde er plötzlich still. Er +war geduckt zum Sprung. Seine fragenden Augen suchten Antwort; jetzt bei +dem toten Tiger, jetzt bei der zitternden Löwin. Er hob den Kopf; seine +Nüstern bebten und sogen fremde Luft ein. Dann sprang er und zerriß sie. +Hernach legte er sich in die Mitte zwischen Tiger und Löwin und blieb lange +so, den Kopf seinem Weib zugewandt. Bei Anbruch des Morgens lief er still +und langsam in die Wüste hinaus. Er kam nicht mehr zurück. Ich dachte lange +an dieses große Erlebnis. Ich hatte dabei fast meine Unrast vergessen. Bald +hörte ich in der Nacht Geheul; die feigen Wüstenhunde umkreisten die Oase. +Da peitschte ich meine Leute und ließ noch in der Nacht für den Tiger und +die Löwin ein Steingrab errichten. Am Morgen ergriff wieder Unruhe mein +Herz. Ich peitschte abermals die Kameltreiber; wir brachen auf. Durch die +Wüste! Ihr Menschen, ihr Kameltreiber! Ihr Tiere, ihr Kamele! In einem +arabischen Dorf kam ein Jude zu mir. Er grinste. Ich beachtete ihn nicht, +da ich im selben Augenblick gebot, Zelte aufzuschlagen. Er wich nicht. Er +flüsterte mir ins Ohr. Nicht wissend, was er von mir wollte, nickte ich +zustimmend. Er eilte weg. Als er wiederkam, führte er ein Weib mit. Sie war +schön wie ein Tier. Ich schaute auf. Sie sah mir in die Augen, dann senkte +sie langsam ihr Haupt. Ich warf dem Kuppler einen Beutel mit Silberlingen +zu. Der Alte fiel zu Boden und wollte meine Füße küssen. Ich gab ihm einen +Tritt. Da küßte er voller Inbrunst den Beutel. Ich faßte das Weib an der +Hand und ging mit ihr ins Zelt. Ich habe sie nie berührt. Nach Monden +brachen wir auf. Das Weib weinte, als ich weiterzog. Ich sah kaum zurück. +Einen Augenblick überlegte ich, ob ich ihr mein Katzenfell, gefüllt mit +Gold, zuwerfen sollte. Sie folgte mir. Ich ritt an einem Brunnen vorüber. +Sie folgte mir. Da warf ich die Goldkatze in das tiefe Wasser. Dann zogen +wir wieder durch die Wüste. Eine kleine Karawane. Eine Karawane der +Friedlosigkeit und Unrast. Ihr Schluchzen hörte ich noch, als ich nach +Wochen in einem afrikanischen Hafenort ein Kauffahrteischiff bestieg. + +Lange fuhr ich auf dem Meer. Heulte des Nachts der Sturm; ward ich ruhiger. +Nur im Aufruhr der Elemente fand ich Frieden. Aber auch aus dem Wind hörte +ich das Wort: Wer? Ich rannte auf Deck auf und ab. Ich stürzte in die +Kajüte, ergriff meine Koffer, eilte hinauf und schüttete alles in die See. +Dann lachte ich. Es klang tonlos, daß selbst der Sturm betroffen schwieg. +Und weit hinaus auf dem nächtlichen Meer wurde das tonlose Gelächter +gehört. Meine Unrast war groß. Meine Unrast war so groß, daß ich nicht mehr +verzweifeln konnte. Jeder auf dem Schiffe mied mich. Ich war allein mit +meinem Gelächter. In Singapur legten wir an. Alle Fahrgäste stiegen aus. +Sie schienen sehr zu eilen. Der Kapitän sah mich erwartungsvoll an; ich +bemerkte Unruhe in seinem Blick. Diesmal lachte ich nicht, diesmal lächelte +ich bloß. Ich zählte langsam, beinah grausam langsam zehn Golddukaten auf +den Boden des Decks hin. Dann war Schweigen. Ich blieb. Und wieder segelte +das Schiff auf offenem Meer, und wieder war Sturm, und wieder war +Gelächter. Tonloses Gelächter. Jeder Nerv in mir zitterte, jeder gebrochene +Ton des Windes schrie rauh und grundlos: Wo ist der Mann, der mich ansah? +Ich konnte keine Antwort geben. Ich konnte nur lachen. Die Mannschaft +gewöhnte sich an mich. So oft wir in den Hafen einbogen, zahlte ich. Darum +blieb ich auf dem Schiff. Jahre. Ich habe die Weltmeere nach allen +Richtungen durchkreuzt. Ich weiß, das Meer ist groß, weit, ohne Ende. +Größer aber und unendlicher ist meine Unrast. Einmal, in einer stürmischen +Nacht glaubte ich ihn vorn auf Deck zu sehen. Ich vergaß ihn für einen +kurzen Windstoß lang, so gingen mir die Augen über. »Du!« schrie ich, +wilder und jauchzender als der brüllende Orkan und stürzte vor. Es war der +Steuermann. Ich fiel hin. Als ich aufwachte, waren Wochen vergangen. Ich +hatte das gelbe Fieber überstanden. Ich war geschwächt; ich wurde ans Land +gebracht. Während ich in dem kleinen Boot dem Hafen zufuhr, bestürzte mich +mein Schicksal mit jener furchtbaren Frage. »Wer?« schrie ich laut auf; ein +Chinese nickte freundlich. Ich war in Hongkong. + +Ich sprach nicht chinesisch. Ich wurde immer verstanden. Gold ist die +einzige Völkersprache. Ich kaufte mir einen Palast; seine Einsamkeit tat +wohl. Hier lernte ich das Weib der Erde kennen. Ich hatte Sehnsucht, +unbewußte Sehnsucht. Fern ahnte ich, daß meine ewige Frage betäubt würde, +wenn ich ein Weib fände. Die Augen meines chinesischen Dieners strahlten +beim Aussprechen ihres Namens. Ich habe ihn schon vergessen. Er war nicht +alltäglich. Nicht alltäglich war auch der Augenblick und der Ort, an dem +ich sie zuerst sah. Der Diener verneigte sich, der Diener sprach und ging +voraus. Ich folgte. Die Chinesenstadt war abscheulich und märchenhaft. Er +ging voraus. Ich folgte. Da breitete sich ein weites Feld aus. Stoppeln +standen bestimmt und schmerzten nackte Füße. Viele Leute waren da, große +und kleine, junge und alte, gute und böse Chinesen. Sie hatten alle ernste +Gesichter. Jetzt fiel mir erst auf, daß nur Männer hier standen. Kein Weib +war zu sehen. Die Mitte war leer. Da blieb mein Diener stehen; seine mir +zugeneigte Gebärde hieß mich warten. Ich stand und sah geradeaus. Da tönte +ein Gong. Alle reckten die Hälse; in den Kreis trat eine Schar. Ein Greis +führte sie. Alle wollten ihre Hände erheben und Beifall klatschen; sie +ließen sie aber lautlos wieder sinken. Mein Atem ging schwer; ich wußte +nicht, warum. Da hob der Greis die Hand und trat beiseite; wir sahen seine +Begleiter: Jünglinge; sie waren blind. Sie stellten sich auf, in eine +Reihe. Dann standen sie still. Ein Gong schlug. Dann riefen drei Tuben. Und +plötzlich trat ein Weib in den Kreis. Alle erhoben ihre Arme und schrien +laut. Sie war fast nackt, sprang hoch und tanzte. Langsam. Ich schaute ihr +Gesicht; ihren Körper. Sie sah eher europäisch aus, denn asiatisch; ihre +Haut war weiß. Ihr Antlitz glich dem unbeschreiblichen südlichen Wind. +Volle Ruhe herrschte. Kein Laut war zu hören. Nur ein Gesicht war: ihr +Tanz. So tanzte sie, daß jenes graue Stoppelfeld, das sie mit ihren blanken +Füßen küßte, einem samtenen Teppich gleich sah. Wir waren stumm und wußten +es. Wir konnten uns vor Begeisterung nicht bewegen. Wir waren Stein. Da +drang ein Laut aus dem Munde des Greises. Wir schauten auf; wir folgten dem +Blick des Alten. Dieser fiel auf die Jünglinge. In unsern Augen standen +Tränen. Der Bann war gewichen. Wir hoben die Arme zum Himmel empor und +schrien laut: Die Jünglinge waren sehend geworden. So hatte das Weib der +Erde getanzt. Nun weinten sie unbekümmert still und heftig. Mein Diener +klopfte an meine Wade, ich erschrak und hörte: »Herr, laßt uns gehen, der +Tanz ist zu Ende!« Da neigte ich mein Haupt und folgte dem Diener +fassungslos und stumm. Es war ein kurzer Augenblick des Glücks gewesen; ich +hatte schier die rohe Frage vergessen: Wer? Wer? Sie klang jetzt wohl mit +dem gleichen Wort: Es war aber nicht mehr Bedrängnis und Leid, es war +Hoffnung und Ruhe. Tränen standen in den Augen meines Dieners; die Bewegung +seiner Hand schien Erfüllung zu verheißen. Dann stand sie vor mir, das Weib +der Erde. Ich habe sie sehr geliebt. Was ist es nur, daß ich ihren Namen +vergessen habe? + +Nur kurz war die Zeit meiner Ruhe. Eines Tages kam sie nicht mehr. +Vielleicht hatte sie jemand getötet. Vielleicht hatte einer bloß mich +getötet. Finster waren die folgenden Tage. Mein Diener wußte nichts. Ich +ließ sie suchen. Nichts. Niemand brachte mir Nachricht von ihr. Auch für +Gold nicht. Sie blieb verschollen. Ich war allein. Und wieder kam die alte +Frage: Wer? Meine Unrast war mein ewiger Begleiter. Ich bin der Verdammte, +weil ich der Gehetzte bin. Gehetzt bin ich, weil ich nicht weiß warum. Und +auch nicht weiß diese Frage, die Erde ist und Sturm zugleich: Wer? + +Ich zündete meinen Palast an. Er brannte nieder. Als nichts mehr war, +lachte ich auf wie damals. Es klang tonlos. Mein Diener schluchzte und ging +fort. Wieder war ich allein in der Welt mit meinem Gelächter. Hätte ich +geklagt und Asche auf mein Haupt gestreut, es wäre unnütz gewesen. Das +wußte ich. So warf ich Gold unter die Leute und machte die Menschen böser, +als sie waren. Ich wanderte. Ich war ein Bettler. Ich war ein reicher +Bettler. Ich wanderte durch Asien. Ich ging auf ein Schiff. Ich fuhr übers +Meer. Ich landete in Australien. Ich wanderte durch Städte, über Gebirg +hinweg, durch weite Ebenen. Immer ging jemand mir zur Seite. Meine Unrast +und meine Frage: Wer? Des Nachts schlief ich in Einöden, deckte mich mit +meinem Gelächter zu. Alle Tiere, auch die wilden, mieden mich. + +Die Landstraße führte aus dem Wald hervor und war dunkel. Die ganze Nacht +schritt ich durch; gegen Morgen hätte ich gern ein Kruzifix geküßt. Ich +hatte aber keines; nur ein zerrissenes schmutziges Tuch und einen harten +Knotenstock. Ein Widerstand versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das +eichene Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. Da +griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen weiteten +sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflügel ging auf. Ich stützte +mich auf meinen Knotenstock und sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener +stand da. Er fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu +fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch das +Dunkel der Tür; dann schritt ich plötzlich fest ein, warf keinen Blick auf +den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. Hart und bestimmt sprach ich: +»Das ist mein Haus.« Da erkannte mich der Diener an der heftigen Gebärde. +Er streckte die Arme empor, drehte sich um, lief und rief: »Der Herr ist +gekommen, ihr da hört, unser Herr ist gekommen!« Sie eilten alle herbei und +weinten. Da erfaßte mich Ekel. Denn ich, der sie immer geschlagen hatte, +ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich war der Tränen um mich nicht +wert. Mein Auge ward böse. Sie wichen zurück und gehorchten. Ich schritt +ein in mein Schloß. Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstraße, der +Erde und der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung +auf das Bündel meiner Demütigung hernieder; dann war ich in neuen +Gewändern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder war eine irrsinnig leise +Tätigkeit im Hause. In den Gemächern und auf den Gängen war mehr Schatten +als Helle. Alle Tage war das so. Ich saß in dem großen schwarzen Zimmer auf +dem grün gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich träumte +allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen Willen und +eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte nichts +denken. Des Nachts saß ich auch auf diesem Stuhl. Die bösen Mächte schienen +keine Macht zu haben über den, der da im Grünen saß. Eines Morgens weckte +mich eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie fiel +tot zu Boden. Ich war plötzlich ganz wach und ängstlich. Ich hatte noch nie +ein Tier getötet, und mein Blick erstarrte. Es kam ein Bewußtsein über +mich, das nicht schrecklich war und auch nicht gut. Hernach kam mir der +Gedanke, daß dieser Mord die frühe Vorausahnung späterer Morde sein müsse. +Es war mir auf einmal, als stünde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande: +Ich hörte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. Ich sah das +Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wußte nur, es war da, ganz nahe. +Ich hätte jetzt gern geweint. Ich konnte nicht. Ich wollte lachen. Ich +konnte nicht. An diesem Morgen sah ich keine Sonne; nur Nebel drückte sich +an die Scheiben und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz im Herbst so +bang. Warum nur? Ich saß wie gebrochen im Lehnstuhl und sah vor mich hin. +Ich wußte nichts. Ich weiß nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege +getötet zu haben, als Wissen nehmen will, dann weiß ich viel. + +Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. Am zweiten +blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. Dann trat plötzlich +ein Mann mit einer grünen Mütze ins Zimmer. Er nahm aus einem Bündel +Papiere ein Schriftstück und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft, +nicht böse. Er lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch +Zufriedenheit aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte +Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht einmal Kraft zum +Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen +Laut über meine bitteren Lippen. Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des +Nichts hinein. Langsam begriff ich: meine Schulden waren größer als mein +Besitz. Alles Bargeld erschöpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. Das wußte +ich. Ich stand auf und sagte: »Ja!« Dann leiser: »Nehmt, was euer ist.« So +ging ich. + +Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Köhlerhütte. Langsam schritt +ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, Ich hatte alles vergessen. +Mein Hirn war ausgelöscht. Da stand Boleslav vor mir. Schwarz von +Angesicht, den Kittel beschmutzt. Ich hatte ihn früher beschimpft und +geschlagen. Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht. +Boleslav fiel nieder und küßte meine Füße. Ich wies auf die Hütte. Er stand +auf und ging demütig voraus. In der Hütte brannte ein Feuer. Es roch nach +Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln und Wild. Er machte mir ein Lager +zurecht. Nun reichte er mir Fleisch und Obst. Ich schüttelte das Haupt, +warf mich auf die Spreu und schlief ein. Im Schlaf hörte ich eintönige +Laute, als betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich muß +verzweiflungsvoll und unbewußt aus dem Schlaf gelächelt haben. Am Morgen +gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann ergriff ich seine +schmutzigen Hände, küßte sie und weinte. Boleslav schien das nicht fassen +zu können, nahezu entsetzt sprang er auf und rief: »Herr, Herr, was tut +ihr?« Ich wußte kaum, was ich sprach, doch auf einmal fühlte ich nach +langer, langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer wieder +sagte ich: »Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn es sind viele Jahre +vergangen, daß ich nicht mehr geweint habe. Immer wollte ich weinen, aber +nie vermochte ichs. Boleslav, gib mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe +dich geschlagen, tat ich dir weh? Sieh, ich wußte es nicht, sonst hätte ich +es nicht getan: Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flüsterte +geheimnisvoll.« »Weißt du, hätte ich damals weinen können, so hätte ich +dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weißt du, was das +heißt?« Meine Stimme erstickte vor Freiheit: »Jetzt kann ich weinen, +Boleslav, freue dich, weine mit mir!« Boleslav wußte nicht, wie ihm +geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: »Herr, Herr, Herr . . .« +Plötzlich schien ihm etwas einzufallen; er sprang auf und brachte eine +Schüssel mit Wasser herbei. Ich tauchte meine Hände ins Wasser und benetzte +mir Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nähe. Boleslav lief hinaus. +Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke brach über mich herein: +Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! das will ich nicht denken. Denn sonst +käme abermals jene Frage und früge: Wer? Boleslav trat wieder in die Hütte. +Boleslav war ein guter Mensch. Ich blieb. + +Ich half dem Köhler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich spaltete Holz. +Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich molk die Kuh. Ich half ihm +die Pferde bewachen. Geweint habe ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit +verging. Ob es Jahre oder Stunden waren, wußte ich nicht. Boleslav war +nicht mehr unterwürfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas +Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen nicht mehr +befahlen. Rief ich: »Boleslav!« so murrte er mitunter. Ja, er wagte es, +mich bei meinem verfluchten Namen zu rufen. Die Jahreszeiten wechselten. +Meine Haut wurde hart wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der +Pferde schwingen und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurück. +Ich hörte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem Bein vom +Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut schlug ich zurück. Wir wälzten +uns am Boden. Meine Kräfte waren zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich +nichts mehr spürte. Dann warf er mich in ein Erdloch, in dem er früher +Schweine gehalten hatte. Ich weiß nicht, warum mich Boleslav überfallen +hat. Vielleicht hatte er in jenem Augenblick gefühlt, daß ich nicht mehr +Herr sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. Boleslav +hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war allein. Nur Erde um +mich. Heraus konnte ich nicht, denn die Zauntür war aus starken Ästen +gemacht. Doch ich war nicht allein! Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich +sah und sah und sah. Tränen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich +war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und teilte +mein Leid. Kein Mensch weiß, wie beglückend es ist, im Alleinsein, in der +Einsamkeit ein alltägliches Tier zu finden. Ich weiß es. Gute Fliege. Als +mir eines Tages Boleslav Wasser und Obst hereinreichte, rief ich leise: +»Boleslav.« Da ließ er mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der +Hütte ein großes Feuer an. Am Morgen nahm ich Früchte und gedörrtes +Fleisch, hing mir eine tönerne Flasche mit Wasser um, gab Boleslav die Hand +und ging. + +Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei einem Küfer ward +ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend aus der Bibel vor. Tagsüber +half ich seiner Frau, wusch die Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am +Sonntag schrieb ich dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich +meinen Mitmenschen für karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles zu +vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; wenigstens nicht +ungerechter als das der andern. Brannte des Nachts in meiner Kammer die +Unschlittkerze, sah ich in die Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als +Feuer. Nicht mehr traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder +irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte beantwortet sein. +Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat ich auch jede Nacht, statt +ein Gebet zu sagen. Dann löschte ich das Licht aus. Leute rannten. Tore und +Fenster wurden aufgerissen. Glocken läuteten. Dann wirbelte die Trommel +ihre Kriegsweisen. Ich hörte das und lachte, lachte, lachte. Dann schrie +ich laut durch das ganze Haus: »Nein, nein, nein!« Ich rannte zum Markt. +Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber mit meinem Geschrei. Ich lief +zurück. Treppauf in meine Kammer. Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann +hinunter, dann wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen, +als mein Meister mich fragte: »Wann meldest du dich bei deiner Fahne?« Mein +Gelächter war wie Ochsengebrüll; dann ward ich plötzlich still. Ich hörte +mich nur atmen. Wieder rannte ich die Holzstiege empor in meine Kammer. +Oben sank ich auf mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: »Ich will +nicht spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Königs! Hinweg!« +Dann tönte es an meine Ohren, höhnend und dumpf: »Du mußt, du mußt!« Ich +hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten sah ich vor meinen Augen +auftauchen und wieder verschwinden. Ich stürmte aus dem Haus, lief durch +die Stadt in die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um +die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward hell; der Mond +war schon bleich geworden, als ich keuchend wiederum vor dem Hause des +Küfers stand und langsam, sehr langsam die Stiege zu meiner Kammer +emporkletterte. Ich war müde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender +Traum schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein großer mißgestalteter +Käfer, ließ die Karten auf meine Bettdecke fallen, und eine Stimme rief, +ohne zu tönen: »Spiele!« -- »Ich will nicht!« schrie ich auf. -- »Du mußt. +Der König will es!« und die Karte mit dem König ward riesengroß im Raum. -- +»Gelobt sei der König, aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!« +Die Karten schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das +Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses Gelächter. So +würde das Gesetz gewiß lachen, wollte einer, der zu einer Mordtat +vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem Leben entweichen wie ein Deserteur, +noch ehe er die Tat begangen. Da würde das Gesetz lachen, ohne Geräusch. +Auch die äußere Geste würde das Gelächter nicht verraten. Dennoch wüßte +jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. Dazwischen +drangen Befehle: »Spiele! Auf dieser Seite ist der König; auf deiner der +Landsknecht! Hier wird befohlen, dort gehorcht. Gehorche also und spiele +mit!« »Nein, nein!« meine Stimme war ganz leise geworden. -- »Los!« ertönte +es von der Gegenseite. »Hier sind die Karten, du mußt spielen!« -- »Muß +ich?« fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir heraus. »Du +mußt!« Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und die Schritte dröhnten genau +und überraschend kurz. Die Trommel klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie +marschierten vorüber. Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mürbe +und schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurück aufs Bett. Ein +Gedanke wurde übermächtig in mir: War Frieden und alles geordnet, fand ich +ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, wo die Zahl sich +auf den Kopf stellt und der Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins +Wasser; jetzt kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden. +Vielleicht wird er dir als Feind gegenüberstehen. Du kannst ihn +durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. Es wird dir befohlen. Er kann +aber auch dich töten, denn auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder +so, in jedem Fall wirst du von ihm frei. »Reicht mir die Karten! Ich +spiele!« + +Die Erde drehte sich schneller. Stürme und Wolken waren unheimlich. Das +Mondlicht schien sonnig, die Sonne kühl wie der Mond. Bäume und Steine +waren zerfetzt. In der Luft war Rache ohne Grund. Horizonte bluteten, +Gebirge rauchten. Flüsse waren heiß; die Menschen kalt und feindlich. Der +Bruder sagte zum Bruder »Satan!« Und hatten doch beide vorher Milch von +einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen +sehen können, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten Schlachten. Rückwärts +kamen wir noch, als Gehilfen des Arztes; es war hier noch entsetzlicher als +vorn. Ich sah das alles; ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht. +Wochen vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein Anfang. +Städte, Dörfer, Länder wechselten mit Soldatengeschrei, Kugellärm, +Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung und Tod. Ich habe erlebt. +Da saß der alte Mann; bei seiner zerstörten Hütte. Schon vor zwei Jahren +war er hier gesessen, als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir +eingezogen waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. Sein Haus war +tot. Nur er war übrig geblieben, er und seine Kuh. Er saß da und hielt die +Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. Und kamen wieder durchs Dorf. Noch +immer saß er da. Bei seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr +Futter. Ohne Dach, bei gutem und schlechtem Wetter saß er da und bewachte +sie. Nun saß er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer an der selben Stelle. +Wie oft wohl mögen an ihm Freund und Feind vorübergezogen sein? Heute die, +morgen die. Er saß da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen +marschierten an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, die Schlechten +sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; auch nicht seiner Kuh. +Ringsherum war Verwüstung und Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und +ein Tier. Ein Mann und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf +der unzerstörbaren Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fraß. Der +Alte hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand kosend +über das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich gut. Und dauert +der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden hier siegen und still auf +Hoffnung warten. Sie werden den Krieg überleben. Der Mann und die Kuh. Der +Mensch und das Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in +dieser Zeit gesehen. Menschen vieler Völker; Menschen ohne Hoffart, ohne +Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer war ich ruhelos. +Meine Kameraden verspotteten mich. Der Feldscher zog mir allabendlich die +Mütze mit Gewalt ins Gesicht und lachte mit den anderen unbändig. Ich +nicht. Ich verband die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst. +Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. Ruhig waren die +Menschen, als gäbe es keinen Krieg. Bis dann die grausame Nacht kam, die +groß in Vernichtung war. Im Sturmschritt rückten wir an. Wir, die +Blessiertenträger waren mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurück. Das +Dorf war nicht mehr. Nur Trümmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. Von +jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine halbe Wand, dort die +Grundmauern, in der Mitte Schutt und Balken. Steine und Holz, Holz und +Steine in der qualvollsten Unordnung. Und oben der Himmel. Plötzlich wollte +ich aufschreien; der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender +Pfahl. Überall, wo vorher die Häuser gestanden, hier und dort, und dort und +hier saßen Katzen. Sie rührten sich nicht vom Fleck. Es waren schwarze +Katzen, halb verhungert, schwarze Skelette. Nur ihre Augen glommen wie +kleine unlebendige Feuer. Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren +tot und lebten doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich über die +Trümmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie stumme, schwarze +Anklagen gegen alles Menschliche saßen sie hier und starrten: Die letzten +Grundpfeiler des Hauses. Als ich an dem äußersten Schutthaufen vorüberkam, +waren mir die Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen; +dennoch fühlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die irren +Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen zwei Junge. Die Augen +der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig wie die der Mutter. Da warf +ich, mit Mühe schneller keuchend, den Tieren ein Stück Brot zu. Sie rührten +sich nicht. Ich kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche +erzählen und war -- stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich schweigen +mußte. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug die Trommel, der Krieg, der +Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich verband die Verwundeten und schwieg. +Eines Tages, es war im dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit, +gerieten wir in feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich. +Viele hetzten mich. Ich lief über die Felder wie ein Hase. Da spürte ich +Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und blieb liegen. Als +ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, Menschen, Raum. Ich konnte +nicht reden. Langsam faßte ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen +galizischen Dorf. Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schuß durch +den Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich saß vor dem Haus in der +Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. Eine Schwadron +lag hier im Dorf. Die Tiere hatte man in den Höfen und Ställen der +Nachbarhäuser untergebracht. Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Tränke. +Eben wurden mehrere Pferde hingeführt. Da ertönte ein Hornsignal. Eine +Abteilung von Fußtruppen marschierte die Straße herauf. Nun kamen die +Soldaten näher, nun waren sie da, nun waren sie vorüber. Da hörte man einen +Aufschrei, kurz und freudig. Einer der Soldaten, der unter den Letzten +schritt, sprang aus der Reihe, lief zur Tränke, hin zu den Pferden, +umhalste eines und drückte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses +vergaß zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal trat +an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er fragte barsch. Der Soldat +ließ nicht von dem Tier. Tränen strömten über sein schmutziges Gesicht, +seine Stimme aber war frisch: »Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren, +als der Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde; +hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes Wasser. Nun +freuen wir uns beide, daß wir noch leben. Denn unsere Heimat ist weit. Und +dies ist mein Pferd!« Das Tier wieherte glücklich; seinen Schweif schlug es +hin und her. Nun sah ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und +rief: »Boleslav!« Boleslav ließ von dem Pferd ab und blickte nach der +Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache wiedergefunden, +erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte auch er mich. Er fiel nieder, +weinte und sprach: »Herr, Herr, Herr . . .« er konnte nicht weiter. Dann +starrte er plötzlich ins Leere und sagte leise: »Warum erinnert mich in +dieser Stunde auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen?« Dann +rief der Korporal: »Auf!« Boleslav gab mir noch schnell die Hand, umhalste +das Pferd, lange, und trat dann schnell in die Reihe. Schon marschierten +sie. Das Pferd hatte den Kopf den ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt +und blickte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch +lange so, ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht. + +Dann war eines Tages Geschrei. Die Bauern liefen aus ihren Häusern. Die +Husaren schlugen aus Freude die Pferde. Dann bliesen Trompeten. Die Trommel +klang hell. Der Krieg war aus. Ich schnürte das Bündel. Meine Wunde war +geheilt. Ich schenkte den Wirtsleuten mein Bajonett, meinen Lederriemen und +meine Soldatenmütze. Ich setzte mir einen Bauernhut auf, aus Bast +geflochten, und ging. Ich schloß mich auf der Landstraße andern Soldaten +an, die heimzogen. Lange marschierten wir, viele Tage, bis wir zur Bahn +gelangten. Die andern freuten sich. Ich war eher bedrückt. Meine Unruhe +steigerte sich, je näher wir der Stadt kamen. Und dann war auch diese da, +und auch ich war da und stand vor dem Bahnhof. Niemand grüßte mich. Ein +Polizist fuhr mich an. »Hier dürfe man nicht herumlungern«, das war der +Satz, den ich verstand. Ich ging weiter. Durch die nächsten Straßen. Das +war also die Stadt, in der ich vor Jahren jenen furchtbaren Menschen +gesehen hatte. Ich blickte den Vorübergehenden frech ins Gesicht. Es nützte +nichts, er war nicht darunter. Ich fühlte Hunger. Ich hatte kein Geld. Das +letzte, was ich an Essen bei mir gehabt, war aufgezehrt. Daß ich früher +einmal reich gewesen, das fiel mir jetzt nicht einmal mehr ein. Irgend ein +Spürsinn führte mich zum Rathaus. Ich ging hinein und trat ins Zimmer. Man +wies mich in ein zweites. Von dort in ein drittes. Immer so weiter, bis +mich im sechzehnten einer eingehender fragte. Ich sagte, ich sei ein +entlassener Soldat und kein Deserteur und bäte um Arbeit. »So, also den +Feldzug mitgemacht!« ermunterte mich der Mann am Schreibtisch. »Jawohl, an +drei Fronten gekämpft,« antwortete ich. »Bravo! daß ihr noch lebt, beweist, +daß ihr tapfer gekämpft habt!« »Und ich bin auch verwundet gewesen, ja +verwundet,« sagte ich schnell und wies auf meine Narbe. »Das freut mich,« +sprach der Beamte, »das freut uns, wir nehmen Euch in unsere Dienste. Ihr +seid Straßenkehrer am Novemberplatz. Ihr habt sechs Straßen zu kehren. Eure +Nummer ist acht. Hier ist sie. Geht und meldet Euch beim Straßenmeister!« +damit reichte er mir eine Karte. Darauf stand groß die Nummer acht. Ich +dankte und ging. Aus Freude oder auch aus Verwirrtheit hatte Ich meinen +schönen galizischen Hut vergessen. Ich wagte nicht mehr zurückzugehn. Nach +stundenlangem Herumirren erfragte ich endlich das Zimmer des +Straßenmeisters. Ich klopfte und trat ein. Er war nicht da. Ich setzte mich +auf eine Bank und wartete. Einen Hut brauchte ich nicht erst abzulegen, da +ich keinen mehr hatte. Groß und einfach saß ich da. Endlich kam der +Straßenmeister. Ich zeigte meine Karte. Er nahm sie und schrieb etwas +darauf und schickte mich damit in den Nebenraum. Dort gab man mir eine +Lederschürze, eine schwarze Mütze mit Stadtwappen, eine Schaufel, einen +Besen und einen Schubkarren. Dazu drei Kronen als Lohn. Morgen würde ich +sieben bekommen, vier Kronen seien für die Schreibgebühren abgezogen, und +übrigens sei ja schon später Nachmittag. Ich grüßte mit meiner neuen Mütze +etwas umständlich, packte den Wagen, legte Schaufel und Besen darauf. Dann +stieß ich ihn vor mir her, hinaus auf die Straße. Jemand rief mir noch +nach: »Am Novemberplatz, Haus Nummer vier, im Hintergebäude links unten +beim Keller ist Eure Schlafstelle. Dort seid Ihr mit drei andern zusammen!« +»Ja, ja,« sagte ich. Der Novemberplatz war nicht weit. Ich fuhr mit meinem +Schubkarren die sechs Straßen des Gevierts herauf und herunter. Blieb +stehn. In einem Bäckerladen kaufte ich mir ein Laib Brot. Dann kehrte ich. +Fuhr weiter. Und blieb abermals stehn. Und kehrte wieder. Ich kehrte +absichtlich gewissenhaft und dachte nur an dies. So konnte ich mich +wenigstens auf Stunden vor Fragen, vor einer Frage retten, die immer und +immer wieder kam. Es war schon Nacht, da war ich gerade fertig geworden. +Ich spuckte aus, tat Schaufel und Besen in den Karren. Aus der Tasche nahm +ich das Stück Brot, das mir übriggeblieben war und aß es gierig. Dann gab +ich dem Karren einen Stoß, und zog ihn hinter mir nach zum Novemberplatz, +Haus Nummer vier. Ich fuhr durch den Seiteneingang in den Hinterhof, +stellte den Karren an die Mauer und tastete mich in den Keller hinab. +Hinter einer Tür hörte ich Männerstimmen. Ich machte auf. Eine Kerze +brannte hier auf einem Faß. Drei besoffene Kerle gröhlten und sahen auf +mich, der eintrat. »Ich bin der neue Straßenkehrer,« sagte ich, meine +Stimme bewußt erhebend. »Woher kommst du?« »Von der Straße. Ich habe bis +jetzt gekehrt!« »Waaas?« schrien die Männer und sprangen auf. »Bis in die +Nacht? Du kehrst zu gut!« Damit drangen sie alle auf mich ein und prügelten +mich. Dann lag ich in einer Ecke. Sie in den anderen. Bald schliefen wir. + +Die drei Straßenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. Ich kehrte +auch ihre Straßen mit. Von früh bis abends. Sie saßen unterdessen in dem +Loch und tranken. Ich kehrte gern. Ich kehrte gründlich. Ich sah nichts. +Ich hörte nichts. Nur den gewöhnlichen, gleichmäßigen Takt des Kehrens. So +dachte ich an nichts. Kam ich abends nach Hause, prügelten sie mich +manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. Müde +schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten in der größten Unrast der +Straßen stehend, eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe allerdings, die ich in +manchen Augenblicken als lauernd fühlte. Aber was machte das. Ich war +wenigstens nicht mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel. +Und ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig Straßen +kehrte ich täglich. Das tat ich nun schon ein ganzes Jahr. Als ich eines +Tages nach Hause kam, schrien mich die andern an: »Du bist kein +Straßenkehrer! Du bist ein Knecht!« Ich sagte nichts darauf. Mir war alles +gleich. »Jawohl, du bist ein Knecht!« Einer trat dicht an mich heran und +schlug mir die Faust ins Gesicht: »Du machst uns Schande. Ein richtiger +Straßenkehrer muß saufen. Ein richtiger Straßenkehrer säuft!« Plötzlich +hatten mich alle umringt: »Du mußt saufen! Los! Sauf auch!« »Sauf!« schrie +der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen hatte und hielt mir die +Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich +einschlief. »Jetzt ist er erst ein Straßenkehrer,« rief noch eine tiefe +Stimme. Dann hörte ich nichts mehr. + +Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer mehr und mehr von +mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. Ich stritt mit dem Wachmann. Es war +ja Sommer. Ich lachte, wenn eine Magd Milch verschüttete. Ich kehrte wie +wütend und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemüse- oder Obstwagen +vorüber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein Konditorjunge mit +einer schönen großen Torte meinen reinigenden Weg. Ich rief dem +Droschkenkutscher Schimpfworte nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am +Sonntag war es besonders lustig. Da gingen wir vier in eine Schänke und +blieben dort von Mittag bis in die Nacht. »Die Straßenkehrer!« riefen die +Stammgäste. »Kommt uns kehren!« schrien die Dirnen und lachten. Wir soffen, +wir rauften, wir brüllten. Ich spuckte. Ich war roh zu den Weibern. Darum +stieg ich in der Achtung meiner Genossen. »Er ist ein echter Straßenkehrer +geworden,« lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte +Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. Zur +Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; mir war in diesen +Wochen das Herz recht beklommen. Ich hatte auch eine Scheu vor den +Polizisten, die ich doch sonst nie fürchtete. Es war mir immer, als würde +jeden Augenblick aus dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen +wollen. Ich kehrte dann kräftiger und spuckte stärker aus. Ich betrank mich +mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut. + +Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand im Weg. +Klein und zerlumpt. Es war ein Mädchen. Ich stellte den Karren nieder und +trat zu dem Kind. Es weinte heftig. »Warum weinst du?« fragte ich. »Ich +habe soviel Läuse und Flöhe.« »Wäscht dich denn niemand?« »Meine Eltern +sind tot.« »Was machst du, Wo wohnst du?« »Ich bettle auf der Straße.« Da +tröstete ich das Mädchen und legte ihm meine Rechte aufs Haupt. Ich hatte +keine Angst vor Läusen. »Komm mit mir,« sagte ich und nahm sie bei der +Hand, mit der Linken hob ich den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen +recht langsam. Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren, +hieß ich das Mädchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, was meine +Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder herauf und zog das +Mädchen mit mir herunter. In der Ecke, wo ich zu schlafen pflegte, machte +ich ihr ein Lager. Dann legten wir uns schlafen. Sie schlief an meiner +Seite. Ich fürchtete die Flöhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum, +als sie das Mädchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen +erzählte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie überließen dem +Mädchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. Ich goß es in einen +Topf, den ich am Feuer wärmte. Dann entkleidete ich das Kind und wusch es. +Einer schnitt ihr die Haare ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das +er sonst nur zur Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in +einer Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, den er +noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte die zerrissene Bluse, +so gut es ging. Dann fand sich noch ein alter Mantel, den hing ich ihr um. +Einer fragte plötzlich: »Wie heißt du?« »Maria,« antwortete sie scheu. Nun +stand sie da und war rein. »Wir wollen würfeln, wer ihr Vater sein soll!« +sagte einer. »Ja, laßt uns würfeln!« Wir kauerten uns hin und würfelten. +»Eins!« »Drei!« »Sechs!« Ich war noch übrig. Ich warf. »Neun!« »Du sollst +Vater sein! Hüte sie gut.« An diesem Morgen tranken sie nicht. Sie gingen +sogar an die Arbeit und kehrten selbst. Ich war der letzte, der den Raum +verließ. »Vater,« sagte Maria, »du bist wohl schon sehr alt?« »Warum?« +fragte ich. »Deine Haare sind so weiß.« Da griff ich mit den Fingern in +meine Haare und riß. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. Sie waren +weiß. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich hatte weniger zu tun. Nie +mehr blieben meine Genossen daheim und tranken. Sie hielten ihre rohen +Reden und derben Späße zurück. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr +war. Nur am Sonntag gingen wir in die Schänke; als wir heimkamen, schlief +das Mädchen schon. Waren wir angeheitert, so machten wir dennoch keinen +Lärm, um Maria nicht zu wecken. + +Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria würde mir bald das Essen +bringen. Ich kehrte. Mitten im größten Verkehr, mitten in der größten +Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. Da schaute ich auf, zufällig. Ein +Blick war auf mich gerichtet. Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann. +Seine Augen hatten mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie +Glas. Er sah ganz gewöhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein +Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der +Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. Meine Lippen +zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine Hände zitterten. Meine Knie zitterten. +Ich zitterte. Ein Strom drang durch mein Hirn, heiß. Dann ein Gegenstrom, +kalt. Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden war. +Ich wollte vorstürzen. In dem Augenblick, wo er mich ansah, hätte ich es +nicht vermocht. Da wäre ich eher geflohen. Denn etwas Zwingendes, +Treibendes war in seinem Blick. Nun aber kann ich ihm nachstürzen! Er +schaut mich nicht mehr an. Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit. +Kaum konnte ich ihn mehr erkennen. »Du sollst mir nicht entkommen!« schrie, +lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich gewartet. +Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. Mein Leben hast du +gemordet, nur, weil du mich angesehen hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben +für das meine. Dies stürmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich +stolperte und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war +schon ganz unten, beim Eck der Straße. Ich lief ihm nach. Mein Atem +keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke kam näher, sie +war da. Ich lief vorüber. Ich sah ihn nicht mehr. Ich hielt inne. Doch ja, +dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war schon ganz oben, bei der Ecke +der nächsten Straße. Ich lief wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich +stieß sie beiseite. Und lief. Ich hörte schon nicht mehr meine Lungen +keuchen, ich hörte nichts mehr. Ich sah bloß. Ich sah ihn, ihn, ihn. Nun +kam ich etwas näher. Nun war er aber wieder um die Ecke. Doch nein, du +entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich war schon um die Ecke. Da +stand er unweit von mir. So unerregt, so sicher. Ruhig. Und sah mich an. +Ich blieb plötzlich stehen. Ich mußte stehen bleiben. Ich hörte mich wieder +keuchen. Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte +zurücklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte ich auf einmal +sein Gewand; es war grün. Und auf seinem Hut stak eine Feder. Und über +seinem Rücken hing ein Gewehr. Das gewahrte ich alles erst jetzt. Das +schaute ich jetzt. Er stand ruhig und sah mich an. Sein Blick! sein Blick! +Nun wußte ich, wer es war. Es war ein Jäger. Da wandte er sich um und ging +weiter. Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich konnte ihm +wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war kalt. Ich mußte ihm +folgen, das wußte ich. Er ging durch viele Gassen. Ich folgte. Er bog ums +Eck. Ich auch. Er ging schneller. Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch. +Die Straßen wurden einsamer. Noch immer ging er. Ich auch. Die Häuser +hatten aufgehört. Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf +einen Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter. +Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. Wir gingen durch. +Da, als wir aus dem Wald herausgetreten waren, blieb er plötzlich stehn. +Dort unten lag ein Haus. Dahinter waren weite Felder, rückwärts wieder +Wald. Der da vorne schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald +da. Ich schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. Über +dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann eben sein Gewehr +an einen Rechen gehängt, seinen Hut auf einen Nagel, als ich mit Gepolter +im Rahmen der Türe stand. Er sah mich an. Doch ich fürchtete mich nicht +mehr. Er war kleiner als ich. »Was willst du?« fragte er ruhig. »Dich!« +schrie ich und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war stärker. Sein +Blick machte mich wütend und gab mir Stärke. Ich packte fest zu und drängte +ihn durch eine Tür in ein Zimmer. An der Wand hatte ich einen Dolch +erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe wir beide zu Boden gefallen +waren, und mit meinem Gebrüll seinen Wehruf überschreiend, stach ich es ihm +ins Herz. Ich keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand +hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr zu suchen. +Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. Ich richtete mich +empor. Da überlief es mich kalt. Mir stockte der Atem. Mir gerann das Blut. +Meine Augen starrten. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelähmt: Ich +sah in die entsetzten und groß aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hörte +mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. Sein Blick +zitterte. Plötzlich sprang er und war weg. Ich konnte mich wieder bewegen. +Da sah ich, daß ein Fenster offen war. Hin über die vergrünten Felder lief +der Hase. Da wußte ich auf einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom +Boden der Tat wegwendend, drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch +die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg. + +Die Straße, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. Langsam +kam die Dämmerung. Noch immer lief ich. Endlich sah ich Lichter. Ich lief +langsamer. Die ersten Häuser kamen schon, nun Straßen. Ich lief nicht mehr. +Ich blieb stehn. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ein Finger war +blutbespritzt. Ich bückte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und zog ihn +wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom Blut. Ich ging. Es war +schon spät in der Nacht, als ich heimkam. Ich tastete an der Wand. Da +standen vier Karren. Sollte das alles ein Traum gewesen sein? Es war +finster. Dennoch wußte ich, daß ich lächelte, als ich zu den Meinen +eintrat. Sie schnarchten. Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hörte +Maria regelmäßig atmen. Ich wälzte mich auf die linke Seite und schlief +unglücklich. Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. »Ein Schwindel +ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich bei guten Leuten. +Ich glaube, es war der Hausmeister von der grünen Villa in der +Jägerstraße,« sagte ich matt und wunderte mich im Innern über meine Lüge. +»Ja, ja, du wirst alt, Vater,« meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee. +»Was glaubst du, wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht +sah, nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das Essen war +kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm Schaufel und Besen und zog +voller Angst heimwärts.« »Du gutes Kind, du bist so gut, so gut,« sagte +ich. »Also auf!« räusperte sich einer der andern, »kehren wir wieder einmal +den Dreck des Lebens von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so, +Dreck bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir!« »Ja,« sagte ich und +folgte ihnen nach. + +Kein Tag war glücklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich stand und +kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hörten, mitten im Lärm der +Straße, auf ein leises Geräusch. Ein Geräusch, das so leise ist, weil es +vom Tappen kleiner Pfoten kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut. +Ich hörte die Reden Marias nicht. Ich hörte auch nicht die Flüche meiner +Genossen. Nichts hörte ich. Nur eines wußte ich, und immer und immer wieder +eines: Jemand weiß, jemand war Zeuge, jemand war ein Hase. Ein Hase! Ein +Hase! »Hast du nicht den Hasen gesehn?« fragte ich den Kutscher. Der hieb +auf die Pferde ein und lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei. +Frei wie andere. Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief +dem Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht war +auch mein Hase darunter. Ich beugte mich über jedes Tier und sah in die +erstarrten Augen. Mein Hase war da nicht. »Du willst wohl stehlen?« brüllte +mich der Fuhrmann an, der gerade aus der Schänke herauskam und auf den +Kutscherbock stieg. »Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht.« »Weg!« +schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich schaute vor +den Wildläden die hier hängenden Hasen lang und streng an. Ich fand nichts. +Ich streichelte Maria nicht mehr; ich hätte an das Hasenfell denken müssen. +Ich war unruhig. Ich war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte +schlecht. Ich verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord +vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote und bald +tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um vier Uhr früh an der +Ostseite der Stadt und wartete auf die Bauern, die mit Hasen zur Stadt +fuhren. Meinen Hasen fand ich nicht. Tagsüber stand ich auf der Straße und +kehrte schlecht. Fuhr ein Leichenwagen vorüber, hielt ich inne im Kehren +und stand stramm wie ein Soldat. + +Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder der Wald. Sein +Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst mehr vor dem Wald. Denn er +verbarg sich hinter Gezweig und wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch. +Sein kleines Herz pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon +leiser. Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und und fraß +dürre Blätter. Er wagte nicht, sich zu rühren. Vor seinen Augen sah er noch +das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er +suchte etwas; er konnte nichts finden. Denn er wußte nicht, wo er hin +sollte. Jenes Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie +ausgelöscht. Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht mehr, +denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er floh. Er saß nie, +er lief. Er wußte nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. Und die Bäume +waren da und das Moos. Bis er müde war, daß er nicht mehr weiter konnte, +blieb er liegen und schlief ein. So war er, so lebte er und wußte nichts. +Eine Eule hielt er für seine Mutter. Einmal lief er doch hinaus, über +Felder der Landstraße zu. Da, er wollte zurückfliehen, standen viele +Unwesen, nun hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schloß die +Augen und wartete zitternd. Ein lautes Geräusch ertönte, als würden große +Tiere brüllen. Da spürte er, daß ihm nichts mehr weh tat; er tastete mit +den Pfoten, fühlte Erde und sprang und -- lief. Wald. Er war im Wald und +schloß erst jetzt seine Lider. So waren seine Augen in Angst gewesen, daß +die Lider sich nicht geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief +über die weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald +betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, daß sogar +die Giftschlange sich verbarg und von allem Bösen ließ, als sie seine Augen +auf sich gerichtet fühlte. + +Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Straße gewalzt. Viele mußten dabei +helfen. Auch ich. Tag für Tag standen wir draußen und räumten Steine aus +dem Weg. Unterdessen verstaubte in der Stadt das Pflaster. Auch meine +Genossen halfen mit. Um zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl. +Da war gerade Rast, und wir warteten am Straßenrand. Auch heute wieder. Auf +einmal ertönte Geschrei. Alle liefen zusammen und riefen. Ich erhob mich +und schritt langsam dorthin, wo sie mitten auf der Straße standen. Da +teilte sich die Menge. Ich sah einige, die einen Hasen festhielten. In +diesem Augenblick dachte ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich +stürzte vor und schrie wild: »Daß mir niemand den Hasen tötet!« Sie +erschraken, ließen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe am +Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm +nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er verschwunden war. Plötzlich +fiel mir ein: Könnte es nicht mein Hase . . .? »Hasenheiland, wann wirst du +deine Predigt halten?« höhnten mich viele, aus Wut, daß der Hase davon war. + +Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug meine +Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich kehrte schlecht. Monate +vergingen. Maria war weggelaufen. Kaum, daß ich sie vermißt hätte. An +Sonntagen rannte ich in den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster +war, kehrte ich heim. Und Schnee lag überall und war höhnisch. Liefe jetzt +ein Hase übers Feld, es wäre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder die Stadt +kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen viele Monate. +Abermals war der Sommer vorüber. Ich haßte den Herbst. Ich hätte ihn töten +mögen. Ich saß in der Schänke. Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah +es nicht. Ich saß und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das +Glas weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank und +sah nichts. Da schrie mich das Weib an: »Siehst du nicht, daß er dich +verspottet?!« Ich spielte, sah einen, der über mich lachte. Ich griff zum +Glase und trank. Alles war gleichgültig. Nur der Schnaps nicht. Jetzt +packte mich die Dirne, rüttelte und rief: »Du bist ja gar kein Mann, du +bist ein Hase!« Ich schaute auf. Meine Augen schlossen sich und öffneten +sich wieder. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief +hinaus. Ich lief. Bis der Wald kam. + +Lange Zeit war vergangen. Der Wald war weiß gewesen, dann wurde er grün, +nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er lief und verbarg sich, war +stets gehetzt und fürchtete immer etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil +er nie rasten konnte. Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer +wußte er von seinem früheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm Wärme, kein +Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. Kein Tier paarte sich mit +ihm. Alles floh, auch böses Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und +er lief und lief, fürchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte er +eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das eine Unwesen wuchs +riesengroß aus dem Moos, dann das zweite, nun fielen sie beide hin -- und +war ein Tier, ein Reh, das, von den starren Augen des Hasen gescheucht, +verwirrt flüchtete. Der Hase war müde. Er wollte nicht mehr die Augen +öffnen. Er mußte sie öffnen, er mußte laufen, er mußte fliehen. Er starb +nicht. Er lebte und floh. + +Als ich den finstern Wald betrat, wußte ich: Meine Seele war hauslos. Die +Bäume kamen mir entgegen und wichen zurück. Kein Laut war zu hören. Alle +Tiere und Zweige schwiegen. Ich drang durch Gestrüpp und Sträucher. Zum +erstenmal taten mir meine Füße wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut. +Ich hatte Angst, daß draußen die Sonne untergehn könnte. Auch wenn Moos gut +ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, den die +herankommende Nacht umhalsen wird. Ich fürchte Nächte im Walde. Ich wollte +mich jetzt selbst beim Namen rufen, er war aber schon lange vergessen. Ich +hatte Angst, auf einmal, vor mir selbst. Ich wußte aus irgend einem +verwirrten, aber heftigen Grunde, daß ich heute den Herbst töten würde. Der +Wald war groß. Da fing ich plötzlich zu rennen an. Und rannte im Walde. Die +Sträucher und Äste zerkratzten mir Gesicht und Hände. Ganz gleich. Ich +rannte im Walde. Da lief ein Schatten; quer über den Weg. Der Schatten +stand plötzlich still, als hätte ihn der Blitz gerührt. Der Schatten +bewegte sich nicht. Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte +mich nicht rühren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein +Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war gelähmt. Seine +Augen waren groß und starr. Seine Ohren waren steif und spitz. Sein Blick +war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge zitterte. Ich sah mich im großen Auge +des Hasen, und der Hase sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der +Hase sah mich. Lautlos standen wir einander gegenüber. Eine Ewigkeit lag +zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel mir auf einmal +ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge hatte mich der Hase +erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit einem Schrei auf ihn, packte +seinen Hals und -- trotzdem ich als Kind immer geweint hatte, als meine +Mutter das Huhn tötete -- erwürgte ich den Hasen. Seine Augen waren +entsetzlich groß und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals +gekrampft und ließen nicht locker. So trat ich aus dem Wald heraus. Die +Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich ging langsam. Als ich die +Stadt betrat, brannten schon die Laternen. Meine linke Hand hielt den +Hasen. Ich wußte nichts von meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem +Halbschatten: »Guten Abend, Herr Ha . .« Ich hatte etwas gehört. Nein! +nein, das war ja mein Name, den ich schon vor langem vergaß. Nein, es war +nichts. Ich lächelte. Ich wußte schon nichts mehr. Die Laterne war grün. + +Ich war eingetreten. Da saßen die Polizisten. Sie schauten zu Boden. +Plötzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich fest: »Ich bin +ein Mörder.« Eine namenlose Stimme fragte: »Wen haben Sie gemordet?« Ich +hob meine Linke mit ihrer Last hoch und sagte: »Diesen Hasen.« Die +Gesichter der Polizisten erschienen durch den Qualm breiter, voller. Jemand +sprach gütig: »Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur. +Der Hase, den er da in der Linken hält, hat Augenlider wie ein Mensch, und +jener Mensch hier hat keine Lider, nur große starre Augen.« Die sachliche +Stimme fragte wieder: »Wie heißen Sie?« Mir war es, als fiele ich in ein +Meer. Dann sagte ich voller Unmut und heftig: »Wie kann ich das wissen, da +ich doch den Hasen getötet habe!« Dann mußte ich plötzlich eingeschlafen +sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in dem Haus waren +die Wände bleich. + +Eines Tages war der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus und war frei. +Die bleichen Wände lagen hinter mir. Ich bekam wieder meinen Schubkarren, +meine Mütze und meinen Besen. Ich kehrte wieder. + +Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, weiß ich nicht. +Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das +man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben +gelebt, vielleicht war es das Leben eines andern, oder auch das, was +niemand erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich weiß es +nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit allen Menschen und +Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht mehr. Manchmal schaue ich auf und +blicke in die flüchtenden Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell +auf meine schmalen langen Hände sehn und auf meine arabisch geschwungene +Nase. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + +***** This file should be named 39390-8.txt or 39390-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/3/9/39390/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Der Hase + Eine Erzählung + +Author: Melchior Vischer + +Release Date: April 6, 2012 [EBook #39390] +[Last updated: June 18, 2012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1 style="page-break-before:always;"> +<br /> +<br /> +Melchior Vischer<br /> +Der Hase<br /> +Eine Erzählung +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size: 110%"> +1922<br /> +Jakob Hegner, Hellerau +</p> + +<p style="page-break-before: always"> </p> +<p> </p> + +<p>Ich bin ein alter Straßenkehrer. Ich arbeite nur drei Stunden +täglich; denn meine Kräfte sind nicht mehr groß. Daher habe +ich viel Zeit; ich will also die Ereignisse meines Lebens niederschreiben. +Es mag als Leben eines Straßenkehrers unwichtig +erscheinen; dennoch ist es nicht unwichtig. Verzeiht, daß ich +nur einfach schreibe. Ich kann keine japanisch gedrehten Sätze +formen; auch verstehe ich nichts vom klugen Aufbau der Handlung. +Das alles kann ich nicht. Es wäre hier auch nicht notwendig; +es ist ein Bericht. +</p> + +<p>Es war November. Es war ein Wald. Die Bäume standen im rötlichen +Schimmer müder Sonne. Nebel gab es noch nicht; nur +eine kleine Moosausdünstung, feucht und schwer, verriet die +unsommerliche Zeit. Tannen und Fichten rochen nach Harz. +Ein Hase, noch jung und neugierig, war seiner Familie entlaufen. +Er hatte sich verirrt, weil Nadelbäume und Moos, Moos und +Nadelbäume wechselten. Der Hase keuchte. Dunkelheit kam +und verlöschte letzte Sonne. Da schleppte sich der Hase noch +ein wenig weiter; dann konnte er aber nicht mehr. Er streckte +die Läufe von sich und schlief. Der Morgen war hell. Als der +Hase erwacht war, sah er Wunderbares: der Wald war zu Ende. +Er selbst lag am Saum. Vor ihm eine weite, weite Ebene, grün +und grau und gelb. Und rückwärts lagen die Wolken auf der +Erde und schliefen. Ängstlich drehte sich der Hase um: da war +der Wald, der schwarze Wald. Schnell schaute er wieder auf die +Ebene hinaus: sie schien ihm gut, Weib, Mutter zu sein. Der +Wald ist schwarz, der Wald ist böse, der Wald ist ein Mann. Und +seine Blicke hasteten über das große mütterliche Feld. Da +stockte sein Auge, sein linkes Ohr erschrak und schnellte spitz +in die Höhe: dort, dort, dort . . . lag etwas, in der Mitte, breit und +wuchtig. Sein Herz klopfte; er hörte dieses Klopfen, dumpf und +schwer. Er war nicht feige, dennoch überlegte sein kleines +Hirn, ob er zurückfliehen sollte in die Finsternis des Waldes, +der hinter ihm lag wie ein drohendes Ungetüm, oder ob er auf +das fremdartige Etwas zugehen sollte. Seine Beine waren flink, +flinker noch seine Neugier. Da sprang er: hin lief der Hase über +die vergrünten Felder. Größer und größer wurde der Block; er +unterschied Linien, Gewölbtes, dann große Löcher, die wie +Wasser glänzten. Da hockte er nieder, überlegte, ließ seine Ohren +spielen. Sein Herz war noch immer rege; es pochte jedoch +schon leiser. Die Augen aber schwammen in einem Meer voll +Neugier. Knapp vor ihm waren hohe Stäbe aufgerichtet; dahinter +lag geackerte Erde. Er schlich durch den Zaun, lief über +den frisch aufgeworfenen Humus und stand vor etwas Hohem, +das höher, größer und breiter war als ein Baum. Er legte seine +Pfoten vorsichtig an und fühlte kalten Stein. Da war ein Einschnitt, +dunkel gewölbt, er nahm Anlauf, und mit einem Satz +war er drin, in dem unbekannten Bereich. Hier war der Boden +weich und rot; seltsam verwachsene Bäume erschienen ganz +unkenntlich; glatt, glänzend, behangen mit fremdartigen Gräsern. +An der Decke war kein Himmel sichtbar; trotzdem glitzerte +alles und schillerte. Er sprang, — diesmal wohl aus Angst — +und stieß an einen Gegenstand, der umfiel und zerbrach. Es +klang, als wurden kleine Vögel getötet. In Sehnsucht nach der +mütterlichen Haide suchte er einen Ausweg. Er fand keinen. So +drückte er sich in eine Ecke, hörte auf das Klopfen seines scheuen +Herzens und auf das schnelle Keuchen seiner gehetzten +Lunge. Seine Augen suchten unterdessen und fanden nichts. +Lärm und Geschrei war zugleich wie eine Erschütterung der +Erde. Ein Schlag dröhnte durch die Luft, ein fremdes Wesen, nur +auf zwei Füßen gehend, stürzte herein. Keuchen erfüllte alle +Luft. Gepolter folgte: Rufe, Schreie. Ein zweites Wesen, dem +ersten ähnlich, nur ein wenig größer, sprang herein, schrie +schrill — so klang kein Tiereslaut — schnellte auf und preßte dem +andern die Gurgel. Das eine drängend, das andre sich sträubend, +fielen sie beide hin. Da blitzte es in der Luft: in den Fängen +des größeren Unwesens sah der entsetzte Hase etwas Langes, +Spitzes, wie der Schnabel eines Spechtes. Es sauste nieder, ein +Ächzen, ein Röcheln: die rote Ebene ward röter. Ein schweres Keuchen, +das in befreites Aufatmen ausströmte, war zu hören. Das +eine Wesen ließ von dem anderen und richtete sich empor. Der +Hase konnte sich nicht bewegen. Er war gelähmt: die zwei wilden +Augenlichter des Wesens, das kein Tier war, nicht Raubtier, +nicht gutes Tier, das ein Untier war, starrten entsetzt und +groß aufgerissen in die Augen des Hasen. Der Hase zitterte. Gerade +das war seine Rettung. Sein zitternder Blick hatte plötzlich +den gewölbten Einschnitt erhascht: ein Sprung, bebend zwar, +aber doch hoch und weit genug, folgte. Der Hase lief. Der Hase +war weg. +</p> + +<p>Ich bin nicht immer Straßenkehrer gewesen. Einst war ich +reich. Das Leben, das ich führte, näher zu beschreiben, wäre +unnütz; ich träumte Träume aus Silber und Alabaster. Ich wäre +vielleicht auch als Reicher gestorben. Wenn nicht ein höchst +seltsames Ereignis mich aus meinem streng abgezirkelten Dasein +in die Freiheit des Lebens hinausgeworfen hätte. An einem +Novembertage verließ ich mit mehreren Freunden mein Haus; +wir gingen, was wir sonst nie taten, zu Fuß in die nahe Stadt. Bei +Einbruch der Dämmerung waren wir angelangt. In den Straßen +war ein Verkehr, der beinahe tosend war. Die Schaufenster +leuchteten wie offene Feuer: so hell. Alle Menschen eilten. Wir +gingen in Gruppen, langsam, wir sprachen von gleichgültigen +Dingen. Nun waren wir auf der Hauptstraße. Wagen und Menschenverkehr +war maßlos laut; hin, her. Manchmal streifte +einer der hastenden Fußgänger meinen Rock. Ich sah niemanden, +trotzdem Kopf auf Kopf wechselte. Ein Meer von Gesichtern. +Da sah ich beiseite, ganz ungefähr, zerstreut: mir stockte +der Atem, mein Blut wurde zu Eis, ich konnte nicht weiter. — Er +ging vorüber. Ein Mann. Seine Augen schauten mich an; seine +Augen schienen Glas zu sein. Er sah ganz gewöhnlich aus; +nichts Besonderes war an ihm. Ein Gleichgültiger unter Gleichgültigen +des Alltags. Ein Mann der Menge in der Menge. Ich +besann mich. Meine Augen sahen schärfer. Da war er schon +vorüber. Ich drehte mich um. Verschwunden. Man fragte mich +erstaunt: „Warum gehst du nicht? Wen sahst du?“ Ich machte +eine abwehrende Handbewegung. Ich ging zurück; nichts. Ich +ging schneller; nichts. Ich rannte; nichts. Ich hatte meine +Freunde verloren. Ich lief die Straße hinauf; ich lief die +Straße hinab. Langsam, schnell. Ruhelos. Stunden vergingen. +Es war Nacht geworden; späte Nacht. Die Straße war +einsam. Nur selten kam ein Mensch. Das Licht leuchtete nicht +mehr; bloß Notlaternen brannten. Noch immer ging ich auf und +ab. Hohl klangen meine Schritte. Eine Frage kam immer und +immer wieder: Wer war dieser Mann? — Warum sah er dich an? +Dann lachte ich heiser auf: „Du Tor! Ein Namenloser, ein Mann +in der Menge! Ein Gleichgültiger! Zufällig sah er dich an, zufällig +sahst du ihn an, zufällig kreuzten sich eure Blicke; Zufall, +nichts weiter!“ Ich schlug meine Stirn und brüllte: „Tor! Tor!“ +Ich war müde geworden. Ich lehnte mich an eine Laterne. +Mich fröstelte. Nun merkte ich erst, daß ich Hut und Mantel +verloren hatte. Kaum hatte ich das recht erfaßt, als schon wieder +die Frage nach dem Unbekannten durch mein Hirn tobte. +„Wer bist du?!“ schrie ich auf. „Herr, ist Ihnen schlecht? darf ich +einen Wagen rufen?“ hörte ich noch jemanden fragen und sah +mich selbst eine bejahende Gebärde machen. Dann wußte ich +nichts mehr. Nur fern hörte ich, als riefe einer um Hilfe: Wer? +Wer? +</p> + +<p>Ich wachte auf. Ich war im Bett. Ich war zu Hause. Mein Leibdiener +saß im Zimmer. Ich rief: „Hast du ihn gesehen? War er +da?“ „Nein, Herr!“ Ich richtete mich plötzlich auf und starrte +dem Diener ins Gesicht: „Du bist ja alt, Jan, du hast weiße Haare!“ +„Schon immer, Herr, schon immer,“ es schien mir, als säße +der Alte nur ungern hier an meinem Bett. Ich befahl: „Hinaus!“ +Er ging. Ich sprang aus dem Bett. Ich riß vom Fenstervorhang +die Quaste ab. Ich klingelte. Jan kam. Ich gab ihm eine Ohrfeige. +Er stand stramm. Ich hieß ihn gehen. Er ging. Ich kleidete +mich an; allein. Ich tauchte mein Gesicht in kaltes Wasser. Ich +fühlte eine Leere im Magen. Ich nahm trotzdem kein Frühstück. +Ich ging ins Bibliothekszimmer; es war ungeheizt. Ich setzte mich +zum Schreibtisch und überlegte. Ich fing an zu lachen. Denn +es war ja doch nur ein ganz gewöhnlicher Mann aus der Menge. +Ein Unbekannter. Ein Fremder, der mich zufällig ansah. Zufällig, +zuf . . .? Ja, wer war dieser Mann? Es gibt keinen Zufall, nein, +nein! Warum sah er mich an? Bin ich ein Hundsfott, daß mich +jeder, der an mir zufällig vorübergeht, ansehen kann? Und +warum schaute ich, der sonst niemanden auf der Straße anzusehen +pflegt, in diesem Augenblick gerade auf und ihm in die +Augen?? Ich schlug mit der Faust auf den Tisch: „Ich muß diesen +Menschen finden, ich muß wissen, warum er mich angesehen +hat!“ Ich klingelte. Ein Diener erschien. Ich klingelte nochmals. +Ein zweiter Diener erschien. Ich klingelte zum drittenmal. +Ein dritter Diener erschien. Und dann gab es Winke, Befehle, +Schimpfworte. +</p> + +<p>Die Tage, die nach jenem Erlebnis folgten, waren unendlich +und grauenvoll. Ich ließ Ankündigungen in den Zeitungen erscheinen, +Belohnungen aussetzen: Wer war dieser Mann? Wer +ist dieser Mann? Alles blieb stumm. In den Nächten war ich +allein. Kein Weib lag in meinem Bett. Ich entließ alle Mägde. Ich +schickte Diener und Pferdeknechte weg. Ich nahm neue auf. +Alle mußten braune Haare haben. Denn ich glaubte mich zu +erinnern, daß der Unbekannte braune Haare gehabt hatte. Ich +konnte nicht schlafen. Denn das ist kein Schlaf, zu schlafen, um +im Schlaf zu wissen, daß man schlafe, daß man unruhig schlafe. +Manchmal sprang ich aus dem Bett und lief, dürftig bekleidet, +in den Park hinaus. Dort oben waren die Sterne. Viele waren da. +Auch dort suchte ich. Immer suche ich. Der Mann! Der Mann! +Wer war dieser Mann? Doch die Sterne antworteten nicht. +Stille, helle Sterne. Ich lief zum Hafen und betrat die Fischerhütten. +Ich warf Geld hin. Man ließ mich schlafen. Ich konnte +nicht schlafen. Da lachte ich laut auf, daß es in die schweigende +Nacht hineingellte. Einer, der sucht und nicht findet, kann +nicht schlafen. Auch dann nicht, wenn er gesund wäre wie jenes +schnarchende Fischweib dort, das umlagert ist von ihren +Kindern. Denn dann hätte ich die Läuse und Flöhe töten müssen. +Ich töte aber keine Tiere. Nie. In diesen Hütten blieb ich +kaum zwei Stunden. Dann lief ich wieder weg. Hinaus. Der +Hafen war allmächtig und dunkel. Der Hafen war unheimlich. +Die Ozeanfahrer und großen Segelschiffe, die vor Anker lagen, +warfen drohende Schatten ans Land. Überall grinste mir das +Gesicht des Namenlosen entgegen. Schaute ich nach links, so +war es da. Schaute ich nach rechts, so war es da. Auch der Mond, +der jetzt aus den Sturmwolken hervorkam, konnte meine Verzweiflung +nicht töten. Es gibt große Sünden. Es gibt strenge +Gesetze und harte Strafen. Nichts aber ist so schrecklich, wie +ein Gesicht, das man nicht kennt, zu sehen. Man weiß nichts +von ihm. Man weiß nur, es ist da. Wo es ist, weiß niemand. Und +ich habe es gesehen. Ganz nahe. Nur weiß ich nicht, wo es ist. +Ich will es sehen. Wo bist du? Wo bist du? +</p> + +<p>Meine Freunde zweifelten an meinem Verstand. Ich warf sie +hinaus. Ich wollte niemanden sehen. Der Festsaal meines Hauses +war traurig und öde geworden. Die Diener fürchteten mich. +Ich war ein strenger Herr. Und oft recht böse. Manchmal auch +grausam. Am Tage höhnte ich Gott; des Nachts verfluchte ich +mich selbst. Das half alles nichts. Meine Tage waren verflucht. +Meine Nächte waren verflucht. Ich selbst verfluchte den Feierabend, +an dem ich jenen Unbekannten auf der Straße gesehen +hatte. Ich hatte viele Leute gedungen, die mir den Aufenthalt +jenes Menschen ausforschen sollten. Es kostete viel. Alles vergebens. +Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich faßte einen neuen +Entschluß. Ich ging auf Reisen. +</p> + +<p>Als ich in Ägypten ankam, sah ich Wolken um die Pyramiden +getürmt. Die Eingeborenen sagten mir, seit tausend Jahren +wäre es wieder das erstemal, daß Wolken um die Pyramiden +kreisten. Es käme sicher Unglück über das Land. Ich hörte zu +und schwieg. Dann dachte ich, ob ich hier nicht zufällig ihn +finden würde. In einem Anfall von Wut gegen mich selbst erschlug +ich einen der Kameltreiber. Die anderen drohten. Ich +gab Gold. Man grüßte mich. Um Gold ist natürlich der Tod käuflich. +Nur der eigene nicht. Als es regnete, lachte ich. Meine +Kameltreiber beteten. Ich lachte laut, weil ich nicht beten konnte. +Man hat noch nie einen Mohammedaner im Gebet gestört. +Ich tat es. Hier, in der Wüste, fern von Sodom, aber doch nahe +Gomorrha, begriff ich erst die Gewalt des Goldes. Und ich lachte +maßlos laut. Dann trieb meine Knute die Frommen auf. +Durch die Wüste. Durch die Wüste! Ich wollte immer vom ewigen +Horizont umgeben sein. Ich wollte im Wüstensand baden, +Sonne trinken und Stürme einatmen. In einer Oase hielten wir +Rast. Wochenlang. In der Nähe hausten ein Löwe, eine Löwin +und ein Tiger. War der Löwe in der Wüste, brach die Löwin +mit dem Tiger die eheliche Treue. Der Löwe merkte nichts, da +sich die Löwin allabendlich, bevor er heimkam, in der Quelle +abwusch. Das hatte ich belauscht. Aus Unrast tat ich Böses. Du +schändest die Natur, du beleidigst Gott, wenn du Tiere zu +menschlichen Handlungen verleitest! Eines Tages ließ ich die +Quelle mit Steinen vermauern. Die Löwin kam. Die Löwin +stutzte. Sie scharrte; sie wühlte die Erde auf. Sie ging auf und +ab. Immer schneller. Sie suchte. Auch ich suchte! Ihre Augen +funkelten. Ihre Augen wurden glanzlos. Sie keuchte. Sie war abgehetzt +und müde. Sie legte sich hin. Der Tiger kam, sah sie und +sprang gegen die Mauer. Sein Kopf blutete. Er lief zurück, nahm +Anlauf und sprang wieder gegen die Steine. Sie wichen nicht. +Zum drittenmal wiederholte der Tiger seinen Versuch; er war +schon recht matt. Mit ungeheurer Wucht schnellte er gegen die +unbarmherzige Steinwand. Mit zerschmettertem Schädel +brach er zusammen und verendete. Liebe und Verzweiflung in +den Augen, hatte die Löwin zugeschaut. Beim drittenmal hob +sie schwach die linke Tatze; diese war kaum zu Boden gesunken, +als ihr Tiger schon tot war. Da trat der Löwe aus dem Gezweig. +Erst brüllte er; sie wollte weichen, vermochte es aber +nicht. Dann wurde er plötzlich still. Er war geduckt zum +Sprung. Seine fragenden Augen suchten Antwort; jetzt bei dem +toten Tiger, jetzt bei der zitternden Löwin. Er hob den Kopf; +seine Nüstern bebten und sogen fremde Luft ein. Dann sprang +er und zerriß sie. Hernach legte er sich in die Mitte zwischen +Tiger und Löwin und blieb lange so, den Kopf seinem Weib zugewandt. +Bei Anbruch des Morgens lief er still und langsam +in die Wüste hinaus. Er kam nicht mehr zurück. Ich dachte +lange an dieses große Erlebnis. Ich hatte dabei fast meine Unrast +vergessen. Bald hörte ich in der Nacht Geheul; die feigen Wüstenhunde +umkreisten die Oase. Da peitschte ich meine Leute +und ließ noch in der Nacht für den Tiger und die Löwin ein +Steingrab errichten. Am Morgen ergriff wieder Unruhe mein +Herz. Ich peitschte abermals die Kameltreiber; wir brachen +auf. Durch die Wüste! Ihr Menschen, ihr Kameltreiber! Ihr Tiere, +ihr Kamele! In einem arabischen Dorf kam ein Jude zu mir. +Er grinste. Ich beachtete ihn nicht, da ich im selben Augenblick +gebot, Zelte aufzuschlagen. Er wich nicht. Er flüsterte +mir ins Ohr. Nicht wissend, was er von mir wollte, nickte ich +zustimmend. Er eilte weg. Als er wiederkam, führte er ein Weib +mit. Sie war schön wie ein Tier. Ich schaute auf. Sie sah mir in +die Augen, dann senkte sie langsam ihr Haupt. Ich warf dem +Kuppler einen Beutel mit Silberlingen zu. Der Alte fiel zu Boden +und wollte meine Füße küssen. Ich gab ihm einen Tritt. Da +küßte er voller Inbrunst den Beutel. Ich faßte das Weib an der +Hand und ging mit ihr ins Zelt. Ich habe sie nie berührt. Nach +Monden brachen wir auf. Das Weib weinte, als ich weiterzog. +Ich sah kaum zurück. Einen Augenblick überlegte ich, ob ich +ihr mein Katzenfell, gefüllt mit Gold, zuwerfen sollte. Sie folgte +mir. Ich ritt an einem Brunnen vorüber. Sie folgte mir. Da warf +ich die Goldkatze in das tiefe Wasser. Dann zogen wir wieder +durch die Wüste. Eine kleine Karawane. Eine Karawane der +Friedlosigkeit und Unrast. Ihr Schluchzen hörte ich noch, als +ich nach Wochen in einem afrikanischen Hafenort ein Kauffahrteischiff +bestieg. +</p> + +<p>Lange fuhr ich auf dem Meer. Heulte des Nachts der Sturm; +ward ich ruhiger. Nur im Aufruhr der Elemente fand ich Frieden. +Aber auch aus dem Wind hörte ich das Wort: Wer? Ich +rannte auf Deck auf und ab. Ich stürzte in die Kajüte, ergriff +meine Koffer, eilte hinauf und schüttete alles in die See. Dann +lachte ich. Es klang tonlos, daß selbst der Sturm betroffen +schwieg. Und weit hinaus auf dem nächtlichen Meer wurde das +tonlose Gelächter gehört. Meine Unrast war groß. Meine Unrast +war so groß, daß ich nicht mehr verzweifeln konnte. Jeder auf +dem Schiffe mied mich. Ich war allein mit meinem Gelächter. +In Singapur legten wir an. Alle Fahrgäste stiegen aus. Sie schienen +sehr zu eilen. Der Kapitän sah mich erwartungsvoll an; ich +bemerkte Unruhe in seinem Blick. Diesmal lachte ich nicht, +diesmal lächelte ich bloß. Ich zählte langsam, beinah grausam +langsam zehn Golddukaten auf den Boden des Decks hin. Dann +war Schweigen. Ich blieb. Und wieder segelte das Schiff auf +offenem Meer, und wieder war Sturm, und wieder war Gelächter. +Tonloses Gelächter. Jeder Nerv in mir zitterte, jeder gebrochene +Ton des Windes schrie rauh und grundlos: Wo ist der +Mann, der mich ansah? Ich konnte keine Antwort geben. Ich +konnte nur lachen. Die Mannschaft gewöhnte sich an mich. So +oft wir in den Hafen einbogen, zahlte ich. Darum blieb ich auf +dem Schiff. Jahre. Ich habe die Weltmeere nach allen Richtungen +durchkreuzt. Ich weiß, das Meer ist groß, weit, ohne Ende. +Größer aber und unendlicher ist meine Unrast. Einmal, in einer +stürmischen Nacht glaubte ich ihn vorn auf Deck zu sehen. +Ich vergaß ihn für einen kurzen Windstoß lang, so gingen mir +die Augen über. „Du!“ schrie ich, wilder und jauchzender als +der brüllende Orkan und stürzte vor. Es war der Steuermann. +Ich fiel hin. Als ich aufwachte, waren Wochen vergangen. Ich +hatte das gelbe Fieber überstanden. Ich war geschwächt; ich +wurde ans Land gebracht. Während ich in dem kleinen Boot +dem Hafen zufuhr, bestürzte mich mein Schicksal mit jener +furchtbaren Frage. „Wer?“ schrie ich laut auf; ein Chinese nickte +freundlich. Ich war in Hongkong. +</p> + +<p>Ich sprach nicht chinesisch. Ich wurde immer verstanden. Gold +ist die einzige Völkersprache. Ich kaufte mir einen Palast; seine +Einsamkeit tat wohl. Hier lernte ich das Weib der Erde kennen. +Ich hatte Sehnsucht, unbewußte Sehnsucht. Fern ahnte ich, daß +meine ewige Frage betäubt würde, wenn ich ein Weib fände. Die +Augen meines chinesischen Dieners strahlten beim Aussprechen +ihres Namens. Ich habe ihn schon vergessen. Er war nicht +alltäglich. Nicht alltäglich war auch der Augenblick und der +Ort, an dem ich sie zuerst sah. Der Diener verneigte sich, der +Diener sprach und ging voraus. Ich folgte. Die Chinesenstadt +war abscheulich und märchenhaft. Er ging voraus. Ich folgte. +Da breitete sich ein weites Feld aus. Stoppeln standen bestimmt +und schmerzten nackte Füße. Viele Leute waren da, +große und kleine, junge und alte, gute und böse Chinesen. Sie +hatten alle ernste Gesichter. Jetzt fiel mir erst auf, daß nur Männer +hier standen. Kein Weib war zu sehen. Die Mitte war leer. +Da blieb mein Diener stehen; seine mir zugeneigte Gebärde +hieß mich warten. Ich stand und sah geradeaus. Da tönte ein +Gong. Alle reckten die Hälse; in den Kreis trat eine Schar. Ein +Greis führte sie. Alle wollten ihre Hände erheben und Beifall +klatschen; sie ließen sie aber lautlos wieder sinken. Mein Atem +ging schwer; ich wußte nicht, warum. Da hob der Greis die +Hand und trat beiseite; wir sahen seine Begleiter: Jünglinge; +sie waren blind. Sie stellten sich auf, in eine Reihe. Dann standen +sie still. Ein Gong schlug. Dann riefen drei Tuben. Und +plötzlich trat ein Weib in den Kreis. Alle erhoben ihre Arme und +schrien laut. Sie war fast nackt, sprang hoch und tanzte. Langsam. +Ich schaute ihr Gesicht; ihren Körper. Sie sah eher europäisch +aus, denn asiatisch; ihre Haut war weiß. Ihr Antlitz glich +dem unbeschreiblichen südlichen Wind. Volle Ruhe herrschte. +Kein Laut war zu hören. Nur ein Gesicht war: ihr Tanz. So +tanzte sie, daß jenes graue Stoppelfeld, das sie mit ihren blanken +Füßen küßte, einem samtenen Teppich gleich sah. Wir waren +stumm und wußten es. Wir konnten uns vor Begeisterung +nicht bewegen. Wir waren Stein. Da drang ein Laut aus dem +Munde des Greises. Wir schauten auf; wir folgten dem Blick des +Alten. Dieser fiel auf die Jünglinge. In unsern Augen standen +Tränen. Der Bann war gewichen. Wir hoben die Arme zum +Himmel empor und schrien laut: Die Jünglinge waren sehend +geworden. So hatte das Weib der Erde getanzt. Nun weinten sie +unbekümmert still und heftig. Mein Diener klopfte an meine +Wade, ich erschrak und hörte: „Herr, laßt uns gehen, der Tanz +ist zu Ende!“ Da neigte ich mein Haupt und folgte dem Diener +fassungslos und stumm. Es war ein kurzer Augenblick des +Glücks gewesen; ich hatte schier die rohe Frage vergessen: +Wer? Wer? Sie klang jetzt wohl mit dem gleichen Wort: Es war +aber nicht mehr Bedrängnis und Leid, es war Hoffnung und Ruhe. +Tränen standen in den Augen meines Dieners; die Bewegung +seiner Hand schien Erfüllung zu verheißen. Dann stand +sie vor mir, das Weib der Erde. Ich habe sie sehr geliebt. Was +ist es nur, daß ich ihren Namen vergessen habe? +</p> + +<p>Nur kurz war die Zeit meiner Ruhe. Eines Tages kam sie nicht +mehr. Vielleicht hatte sie jemand getötet. Vielleicht hatte einer +bloß mich getötet. Finster waren die folgenden Tage. Mein +Diener wußte nichts. Ich ließ sie suchen. Nichts. Niemand +brachte mir Nachricht von ihr. Auch für Gold nicht. Sie blieb +verschollen. Ich war allein. Und wieder kam die alte Frage: +Wer? Meine Unrast war mein ewiger Begleiter. Ich bin der Verdammte, +weil ich der Gehetzte bin. Gehetzt bin ich, weil ich +nicht weiß warum. Und auch nicht weiß diese Frage, die Erde +ist und Sturm zugleich: Wer? +</p> + +<p>Ich zündete meinen Palast an. Er brannte nieder. Als nichts +mehr war, lachte ich auf wie damals. Es klang tonlos. Mein +Diener schluchzte und ging fort. Wieder war ich allein in der +Welt mit meinem Gelächter. Hätte ich geklagt und Asche auf +mein Haupt gestreut, es wäre unnütz gewesen. Das wußte ich. +So warf ich Gold unter die Leute und machte die Menschen böser, +als sie waren. Ich wanderte. Ich war ein Bettler. Ich war ein +reicher Bettler. Ich wanderte durch Asien. Ich ging auf ein +Schiff. Ich fuhr übers Meer. Ich landete in Australien. Ich +wanderte durch Städte, über Gebirg hinweg, durch weite Ebenen. +Immer ging jemand mir zur Seite. Meine Unrast und meine +Frage: Wer? Des Nachts schlief ich in Einöden, deckte mich +mit meinem Gelächter zu. Alle Tiere, auch die wilden, mieden +mich. +</p> + +<p>Die Landstraße führte aus dem Wald hervor und war dunkel. +Die ganze Nacht schritt ich durch; gegen Morgen hätte ich gern +ein Kruzifix geküßt. Ich hatte aber keines; nur ein zerrissenes +schmutziges Tuch und einen harten Knotenstock. Ein Widerstand +versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das eichene +Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. +Da griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen +weiteten sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflügel +ging auf. Ich stützte mich auf meinen Knotenstock und +sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener stand da. Er +fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu +fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch +das Dunkel der Tür; dann schritt ich plötzlich fest ein, warf +keinen Blick auf den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. +Hart und bestimmt sprach ich: „Das ist mein Haus.“ Da erkannte +mich der Diener an der heftigen Gebärde. Er streckte die +Arme empor, drehte sich um, lief und rief: „Der Herr ist gekommen, +ihr da hört, unser Herr ist gekommen!“ Sie eilten alle herbei +und weinten. Da erfaßte mich Ekel. Denn ich, der sie immer +geschlagen hatte, ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich +war der Tränen um mich nicht wert. Mein Auge ward böse. Sie +wichen zurück und gehorchten. Ich schritt ein in mein Schloß. +Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstraße, der Erde und +der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung +auf das Bündel meiner Demütigung hernieder; dann war ich +in neuen Gewändern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder +war eine irrsinnig leise Tätigkeit im Hause. In den Gemächern +und auf den Gängen war mehr Schatten als Helle. Alle Tage war +das so. Ich saß in dem großen schwarzen Zimmer auf dem grün +gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich träumte +allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen +Willen und eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. +Ich wollte nichts denken. Des Nachts saß ich auch auf diesem +Stuhl. Die bösen Mächte schienen keine Macht zu haben +über den, der da im Grünen saß. Eines Morgens weckte mich +eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie +fiel tot zu Boden. Ich war plötzlich ganz wach und ängstlich. Ich +hatte noch nie ein Tier getötet, und mein Blick erstarrte. Es +kam ein Bewußtsein über mich, das nicht schrecklich war und +auch nicht gut. Hernach kam mir der Gedanke, daß dieser Mord +die frühe Vorausahnung späterer Morde sein müsse. Es war mir +auf einmal, als stünde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande: +Ich hörte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. +Ich sah das Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wußte +nur, es war da, ganz nahe. Ich hätte jetzt gern geweint. Ich konnte +nicht. Ich wollte lachen. Ich konnte nicht. An diesem Morgen +sah ich keine Sonne; nur Nebel drückte sich an die Scheiben +und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz +im Herbst so bang. Warum nur? Ich saß wie gebrochen +im Lehnstuhl und sah vor mich hin. Ich wußte nichts. Ich +weiß nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege getötet zu +haben, als Wissen nehmen will, dann weiß ich viel. +</p> + +<p>Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. +Am zweiten blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. +Dann trat plötzlich ein Mann mit einer grünen Mütze ins Zimmer. +Er nahm aus einem Bündel Papiere ein Schriftstück +und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft, nicht böse. Er +lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch Zufriedenheit +aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte +Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht +einmal Kraft zum Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte +schreien, brachte jedoch keinen Laut über meine bitteren Lippen. +Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des Nichts hinein. +Langsam begriff ich: meine Schulden waren größer als mein +Besitz. Alles Bargeld erschöpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. +Das wußte ich. Ich stand auf und sagte: „Ja!“ Dann leiser: „Nehmt, +was euer ist.“ So ging ich. +</p> + +<p>Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Köhlerhütte. +Langsam schritt ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, +Ich hatte alles vergessen. Mein Hirn war ausgelöscht. Da stand +Boleslav vor mir. Schwarz von Angesicht, den Kittel beschmutzt. +Ich hatte ihn früher beschimpft und geschlagen. +Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht. Boleslav +fiel nieder und küßte meine Füße. Ich wies auf die Hütte. Er +stand auf und ging demütig voraus. In der Hütte brannte ein +Feuer. Es roch nach Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln +und Wild. Er machte mir ein Lager zurecht. Nun reichte er mir +Fleisch und Obst. Ich schüttelte das Haupt, warf mich auf die +Spreu und schlief ein. Im Schlaf hörte ich eintönige Laute, als +betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich muß verzweiflungsvoll +und unbewußt aus dem Schlaf gelächelt haben. +Am Morgen gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann +ergriff ich seine schmutzigen Hände, küßte sie und weinte. Boleslav +schien das nicht fassen zu können, nahezu entsetzt +sprang er auf und rief: „Herr, Herr, was tut ihr?“ Ich wußte +kaum, was ich sprach, doch auf einmal fühlte ich nach langer, +langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer +wieder sagte ich: „Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn +es sind viele Jahre vergangen, daß ich nicht mehr geweint habe. +Immer wollte ich weinen, aber nie vermochte ichs. Boleslav, gib +mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe dich geschlagen, tat ich +dir weh? Sieh, ich wußte es nicht, sonst hätte ich es nicht getan: +Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flüsterte geheimnisvoll.“ +„Weißt du, hätte ich damals weinen können, so hätte ich +dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weißt du, +was das heißt?“ Meine Stimme erstickte vor Freiheit: „Jetzt +kann ich weinen, Boleslav, freue dich, weine mit mir!“ Boleslav +wußte nicht, wie ihm geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: +„Herr, Herr, Herr . . .“ Plötzlich schien ihm etwas einzufallen; +er sprang auf und brachte eine Schüssel mit Wasser herbei. +Ich tauchte meine Hände ins Wasser und benetzte mir +Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nähe. Boleslav lief +hinaus. Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke +brach über mich herein: Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! +das will ich nicht denken. Denn sonst käme abermals jene Frage +und früge: Wer? Boleslav trat wieder in die Hütte. Boleslav +war ein guter Mensch. Ich blieb. +</p> + +<p>Ich half dem Köhler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich +spaltete Holz. Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich +molk die Kuh. Ich half ihm die Pferde bewachen. Geweint habe +ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit verging. Ob es Jahre +oder Stunden waren, wußte ich nicht. Boleslav war nicht mehr +unterwürfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas +Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen +nicht mehr befahlen. Rief ich: „Boleslav!“ so murrte er mitunter. +Ja, er wagte es, mich bei meinem verfluchten Namen zu +rufen. Die Jahreszeiten wechselten. Meine Haut wurde hart +wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der Pferde schwingen +und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurück. +Ich hörte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem +Bein vom Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut +schlug ich zurück. Wir wälzten uns am Boden. Meine Kräfte waren +zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich nichts mehr spürte. Dann +warf er mich in ein Erdloch, in dem er früher Schweine gehalten +hatte. Ich weiß nicht, warum mich Boleslav überfallen hat. Vielleicht +hatte er in jenem Augenblick gefühlt, daß ich nicht mehr Herr +sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. +Boleslav hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war +allein. Nur Erde um mich. Heraus konnte ich nicht, denn die +Zauntür war aus starken Ästen gemacht. Doch ich war nicht allein! +Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich sah und sah und +sah. Tränen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich +war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und +teilte mein Leid. Kein Mensch weiß, wie beglückend es ist, im +Alleinsein, in der Einsamkeit ein alltägliches Tier zu finden. +Ich weiß es. Gute Fliege. Als mir eines Tages Boleslav Wasser +und Obst hereinreichte, rief ich leise: „Boleslav.“ Da ließ er +mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der Hütte ein +großes Feuer an. Am Morgen nahm ich Früchte und gedörrtes +Fleisch, hing mir eine tönerne Flasche mit Wasser um, gab +Boleslav die Hand und ging. +</p> + +<p>Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei +einem Küfer ward ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend +aus der Bibel vor. Tagsüber half ich seiner Frau, wusch die +Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am Sonntag schrieb ich +dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich meinen +Mitmenschen für karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles +zu vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; +wenigstens nicht ungerechter als das der andern. Brannte des +Nachts in meiner Kammer die Unschlittkerze, sah ich in die +Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als Feuer. Nicht mehr +traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder +irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte +beantwortet sein. Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat +ich auch jede Nacht, statt ein Gebet zu sagen. Dann löschte ich +das Licht aus. Leute rannten. Tore und Fenster wurden aufgerissen. +Glocken läuteten. Dann wirbelte die Trommel ihre +Kriegsweisen. Ich hörte das und lachte, lachte, lachte. Dann +schrie ich laut durch das ganze Haus: „Nein, nein, nein!“ Ich +rannte zum Markt. Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber +mit meinem Geschrei. Ich lief zurück. Treppauf in meine Kammer. +Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann hinunter, dann +wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen, +als mein Meister mich fragte: „Wann meldest du dich bei deiner +Fahne?“ Mein Gelächter war wie Ochsengebrüll; dann ward +ich plötzlich still. Ich hörte mich nur atmen. Wieder rannte ich +die Holzstiege empor in meine Kammer. Oben sank ich auf +mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: „Ich will nicht +spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Königs! Hinweg!“ +Dann tönte es an meine Ohren, höhnend und dumpf: „Du +mußt, du mußt!“ Ich hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten +sah ich vor meinen Augen auftauchen und wieder verschwinden. +Ich stürmte aus dem Haus, lief durch die Stadt in +die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um +die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward +hell; der Mond war schon bleich geworden, als ich keuchend +wiederum vor dem Hause des Küfers stand und langsam, sehr +langsam die Stiege zu meiner Kammer emporkletterte. Ich war +müde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender Traum +schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein großer mißgestalteter +Käfer, ließ die Karten auf meine Bettdecke fallen, und +eine Stimme rief, ohne zu tönen: „Spiele!“ — „Ich will nicht!“ +schrie ich auf. — „Du mußt. Der König will es!“ und die Karte mit +dem König ward riesengroß im Raum. — „Gelobt sei der König, +aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!“ Die Karten +schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das +Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses +Gelächter. So würde das Gesetz gewiß lachen, wollte einer, der +zu einer Mordtat vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem +Leben entweichen wie ein Deserteur, noch ehe er die Tat begangen. +Da würde das Gesetz lachen, ohne Geräusch. Auch die +äußere Geste würde das Gelächter nicht verraten. Dennoch +wüßte jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. +Dazwischen drangen Befehle: „Spiele! Auf dieser Seite ist +der König; auf deiner der Landsknecht! Hier wird befohlen, +dort gehorcht. Gehorche also und spiele mit!“ „Nein, nein!“ meine +Stimme war ganz leise geworden. — „Los!“ ertönte es von der +Gegenseite. „Hier sind die Karten, du mußt spielen!“ — „Muß +ich?“ fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir +heraus. „Du mußt!“ Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und +die Schritte dröhnten genau und überraschend kurz. Die Trommel +klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie marschierten vorüber. +Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mürbe und +schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurück aufs Bett. +Ein Gedanke wurde übermächtig in mir: War Frieden und alles +geordnet, fand ich ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, +wo die Zahl sich auf den Kopf stellt und der +Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins Wasser; jetzt +kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden. +Vielleicht wird er dir als Feind gegenüberstehen. Du +kannst ihn durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. +Es wird dir befohlen. Er kann aber auch dich töten, denn +auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder so, in +jedem Fall wirst du von ihm frei. „Reicht mir die Karten! Ich +spiele!“ +</p> + +<p>Die Erde drehte sich schneller. Stürme und Wolken waren unheimlich. +Das Mondlicht schien sonnig, die Sonne kühl wie der +Mond. Bäume und Steine waren zerfetzt. In der Luft war Rache +ohne Grund. Horizonte bluteten, Gebirge rauchten. Flüsse waren +heiß; die Menschen kalt und feindlich. Der Bruder sagte +zum Bruder „Satan!“ Und hatten doch beide vorher Milch von +einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen +sehen können, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten +Schlachten. Rückwärts kamen wir noch, als Gehilfen des +Arztes; es war hier noch entsetzlicher als vorn. Ich sah das alles; +ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht. Wochen +vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein +Anfang. Städte, Dörfer, Länder wechselten mit Soldatengeschrei, +Kugellärm, Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung +und Tod. Ich habe erlebt. Da saß der alte Mann; bei +seiner zerstörten Hütte. Schon vor zwei Jahren war er hier gesessen, +als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir eingezogen +waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. +Sein Haus war tot. Nur er war übrig geblieben, er und seine Kuh. +Er saß da und hielt die Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. +Und kamen wieder durchs Dorf. Noch immer saß er da. Bei +seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr Futter. Ohne +Dach, bei gutem und schlechtem Wetter saß er da und bewachte +sie. Nun saß er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer +an der selben Stelle. Wie oft wohl mögen an ihm Freund +und Feind vorübergezogen sein? Heute die, morgen die. Er +saß da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen marschierten +an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, +die Schlechten sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; +auch nicht seiner Kuh. Ringsherum war Verwüstung und +Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und ein Tier. Ein Mann +und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf der unzerstörbaren +Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fraß. Der Alte +hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand +kosend über das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich +gut. Und dauert der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden +hier siegen und still auf Hoffnung warten. Sie werden den +Krieg überleben. Der Mann und die Kuh. Der Mensch und das +Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in dieser +Zeit gesehen. Menschen vieler Völker; Menschen ohne Hoffart, +ohne Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer +war ich ruhelos. Meine Kameraden verspotteten mich. Der +Feldscher zog mir allabendlich die Mütze mit Gewalt ins Gesicht +und lachte mit den anderen unbändig. Ich nicht. Ich verband +die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst. +Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. +Ruhig waren die Menschen, als gäbe es keinen Krieg. Bis dann +die grausame Nacht kam, die groß in Vernichtung war. Im +Sturmschritt rückten wir an. Wir, die Blessiertenträger waren +mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurück. Das Dorf war +nicht mehr. Nur Trümmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. +Von jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine +halbe Wand, dort die Grundmauern, in der Mitte Schutt und +Balken. Steine und Holz, Holz und Steine in der qualvollsten Unordnung. +Und oben der Himmel. Plötzlich wollte ich aufschreien; +der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender +Pfahl. Überall, wo vorher die Häuser gestanden, hier und dort, +und dort und hier saßen Katzen. Sie rührten sich nicht vom +Fleck. Es waren schwarze Katzen, halb verhungert, schwarze +Skelette. Nur ihre Augen glommen wie kleine unlebendige Feuer. +Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren tot und lebten +doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich über die +Trümmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie +stumme, schwarze Anklagen gegen alles Menschliche saßen sie +hier und starrten: Die letzten Grundpfeiler des Hauses. Als ich +an dem äußersten Schutthaufen vorüberkam, waren mir die +Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen; dennoch +fühlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die +irren Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen +zwei Junge. Die Augen der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig +wie die der Mutter. Da warf ich, mit Mühe schneller keuchend, +den Tieren ein Stück Brot zu. Sie rührten sich nicht. Ich +kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche +erzählen und war — stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich +schweigen mußte. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug +die Trommel, der Krieg, der Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich +verband die Verwundeten und schwieg. Eines Tages, es war im +dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit, gerieten wir in +feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich. Viele +hetzten mich. Ich lief über die Felder wie ein Hase. Da spürte +ich Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und +blieb liegen. Als ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, +Menschen, Raum. Ich konnte nicht reden. Langsam faßte +ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen galizischen Dorf. +Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schuß durch den +Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich saß vor dem +Haus in der Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. +Eine Schwadron lag hier im Dorf. Die Tiere hatte +man in den Höfen und Ställen der Nachbarhäuser untergebracht. +Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Tränke. Eben wurden +mehrere Pferde hingeführt. Da ertönte ein Hornsignal. +Eine Abteilung von Fußtruppen marschierte die Straße herauf. +Nun kamen die Soldaten näher, nun waren sie da, nun waren +sie vorüber. Da hörte man einen Aufschrei, kurz und freudig. +Einer der Soldaten, der unter den Letzten schritt, sprang aus +der Reihe, lief zur Tränke, hin zu den Pferden, umhalste eines +und drückte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses vergaß +zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal +trat an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er +fragte barsch. Der Soldat ließ nicht von dem Tier. Tränen strömten +über sein schmutziges Gesicht, seine Stimme aber war +frisch: „Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren, als der +Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde; +hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes +Wasser. Nun freuen wir uns beide, daß wir noch leben. Denn +unsere Heimat ist weit. Und dies ist mein Pferd!“ Das Tier wieherte +glücklich; seinen Schweif schlug es hin und her. Nun sah +ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und rief: „Boleslav!“ +Boleslav ließ von dem Pferd ab und blickte nach der +Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache +wiedergefunden, erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte +auch er mich. Er fiel nieder, weinte und sprach: „Herr, Herr, +Herr . . .“ er konnte nicht weiter. Dann starrte er plötzlich ins +Leere und sagte leise: „Warum erinnert mich in dieser Stunde +auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen?“ Dann +rief der Korporal: „Auf!“ Boleslav gab mir noch schnell die +Hand, umhalste das Pferd, lange, und trat dann schnell in die +Reihe. Schon marschierten sie. Das Pferd hatte den Kopf den +ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt und blickte ihnen +nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch lange so, +ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht. +</p> + +<p>Dann war eines Tages Geschrei. Die Bauern liefen aus ihren +Häusern. Die Husaren schlugen aus Freude die Pferde. Dann +bliesen Trompeten. Die Trommel klang hell. Der Krieg war aus. +Ich schnürte das Bündel. Meine Wunde war geheilt. Ich schenkte +den Wirtsleuten mein Bajonett, meinen Lederriemen und +meine Soldatenmütze. Ich setzte mir einen Bauernhut auf, aus +Bast geflochten, und ging. Ich schloß mich auf der Landstraße +andern Soldaten an, die heimzogen. Lange marschierten wir, +viele Tage, bis wir zur Bahn gelangten. Die andern freuten sich. +Ich war eher bedrückt. Meine Unruhe steigerte sich, je näher +wir der Stadt kamen. Und dann war auch diese da, und auch +ich war da und stand vor dem Bahnhof. Niemand grüßte mich. +Ein Polizist fuhr mich an. „Hier dürfe man nicht herumlungern“, +das war der Satz, den ich verstand. Ich ging weiter. +Durch die nächsten Straßen. Das war also die Stadt, in der ich +vor Jahren jenen furchtbaren Menschen gesehen hatte. Ich +blickte den Vorübergehenden frech ins Gesicht. Es nützte +nichts, er war nicht darunter. Ich fühlte Hunger. Ich hatte kein +Geld. Das letzte, was ich an Essen bei mir gehabt, war aufgezehrt. +Daß ich früher einmal reich gewesen, das fiel mir jetzt +nicht einmal mehr ein. Irgend ein Spürsinn führte mich zum +Rathaus. Ich ging hinein und trat ins Zimmer. Man wies mich in +ein zweites. Von dort in ein drittes. Immer so weiter, bis mich +im sechzehnten einer eingehender fragte. Ich sagte, ich sei ein +entlassener Soldat und kein Deserteur und bäte um Arbeit. +„So, also den Feldzug mitgemacht!“ ermunterte mich der Mann +am Schreibtisch. „Jawohl, an drei Fronten gekämpft,“ antwortete +ich. „Bravo! daß ihr noch lebt, beweist, daß ihr tapfer gekämpft +habt!“ „Und ich bin auch verwundet gewesen, ja verwundet,“ +sagte ich schnell und wies auf meine Narbe. „Das freut +mich,“ sprach der Beamte, „das freut uns, wir nehmen Euch in +unsere Dienste. Ihr seid Straßenkehrer am Novemberplatz. Ihr +habt sechs Straßen zu kehren. Eure Nummer ist acht. Hier ist +sie. Geht und meldet Euch beim Straßenmeister!“ damit reichte +er mir eine Karte. Darauf stand groß die Nummer acht. Ich +dankte und ging. Aus Freude oder auch aus Verwirrtheit hatte +Ich meinen schönen galizischen Hut vergessen. Ich wagte nicht +mehr zurückzugehn. Nach stundenlangem Herumirren erfragte +ich endlich das Zimmer des Straßenmeisters. Ich klopfte und +trat ein. Er war nicht da. Ich setzte mich auf eine Bank und wartete. +Einen Hut brauchte ich nicht erst abzulegen, da ich keinen +mehr hatte. Groß und einfach saß ich da. Endlich kam der Straßenmeister. +Ich zeigte meine Karte. Er nahm sie und schrieb etwas +darauf und schickte mich damit in den Nebenraum. Dort +gab man mir eine Lederschürze, eine schwarze Mütze mit +Stadtwappen, eine Schaufel, einen Besen und einen Schubkarren. +Dazu drei Kronen als Lohn. Morgen würde ich sieben bekommen, +vier Kronen seien für die Schreibgebühren abgezogen, +und übrigens sei ja schon später Nachmittag. Ich grüßte +mit meiner neuen Mütze etwas umständlich, packte den Wagen, +legte Schaufel und Besen darauf. Dann stieß ich ihn vor +mir her, hinaus auf die Straße. Jemand rief mir noch nach: „Am +Novemberplatz, Haus Nummer vier, im Hintergebäude links +unten beim Keller ist Eure Schlafstelle. Dort seid Ihr mit drei +andern zusammen!“ „Ja, ja,“ sagte ich. Der Novemberplatz war +nicht weit. Ich fuhr mit meinem Schubkarren die sechs Straßen +des Gevierts herauf und herunter. Blieb stehn. In einem +Bäckerladen kaufte ich mir ein Laib Brot. Dann kehrte ich. Fuhr +weiter. Und blieb abermals stehn. Und kehrte wieder. Ich kehrte +absichtlich gewissenhaft und dachte nur an dies. So konnte +ich mich wenigstens auf Stunden vor Fragen, vor einer Frage +retten, die immer und immer wieder kam. Es war schon Nacht, +da war ich gerade fertig geworden. Ich spuckte aus, tat Schaufel +und Besen in den Karren. Aus der Tasche nahm ich das Stück +Brot, das mir übriggeblieben war und aß es gierig. Dann gab ich +dem Karren einen Stoß, und zog ihn hinter mir nach zum Novemberplatz, +Haus Nummer vier. Ich fuhr durch den Seiteneingang +in den Hinterhof, stellte den Karren an die Mauer und +tastete mich in den Keller hinab. Hinter einer Tür hörte ich +Männerstimmen. Ich machte auf. Eine Kerze brannte hier auf +einem Faß. Drei besoffene Kerle gröhlten und sahen auf mich, +der eintrat. „Ich bin der neue Straßenkehrer,“ sagte ich, meine +Stimme bewußt erhebend. „Woher kommst du?“ „Von der Straße. +Ich habe bis jetzt gekehrt!“ „Waaas?“ schrien die Männer +und sprangen auf. „Bis in die Nacht? Du kehrst zu gut!“ Damit +drangen sie alle auf mich ein und prügelten mich. Dann lag ich +in einer Ecke. Sie in den anderen. Bald schliefen wir. +</p> + +<p>Die drei Straßenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. +Ich kehrte auch ihre Straßen mit. Von früh bis abends. Sie +saßen unterdessen in dem Loch und tranken. Ich kehrte gern. +Ich kehrte gründlich. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Nur den +gewöhnlichen, gleichmäßigen Takt des Kehrens. So dachte ich +an nichts. Kam ich abends nach Hause, prügelten sie mich +manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. +Müde schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten +in der größten Unrast der Straßen stehend, eine gewisse Ruhe. +Eine Ruhe allerdings, die ich in manchen Augenblicken als lauernd +fühlte. Aber was machte das. Ich war wenigstens nicht +mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel. Und +ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig +Straßen kehrte ich täglich. Das tat ich nun schon ein ganzes +Jahr. Als ich eines Tages nach Hause kam, schrien mich die +andern an: „Du bist kein Straßenkehrer! Du bist ein Knecht!“ +Ich sagte nichts darauf. Mir war alles gleich. „Jawohl, du bist +ein Knecht!“ Einer trat dicht an mich heran und schlug mir die +Faust ins Gesicht: „Du machst uns Schande. Ein richtiger Straßenkehrer +muß saufen. Ein richtiger Straßenkehrer säuft!“ +Plötzlich hatten mich alle umringt: „Du mußt saufen! Los! Sauf +auch!“ „Sauf!“ schrie der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen +hatte und hielt mir die Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, +mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich einschlief. „Jetzt ist er erst ein +Straßenkehrer,“ rief noch eine tiefe Stimme. Dann hörte ich +nichts mehr. +</p> + +<p>Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer +mehr und mehr von mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. +Ich stritt mit dem Wachmann. Es war ja Sommer. Ich lachte, +wenn eine Magd Milch verschüttete. Ich kehrte wie wütend +und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemüse- oder Obstwagen +vorüber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein +Konditorjunge mit einer schönen großen Torte meinen reinigenden +Weg. Ich rief dem Droschkenkutscher Schimpfworte +nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am Sonntag war es besonders +lustig. Da gingen wir vier in eine Schänke und blieben +dort von Mittag bis in die Nacht. „Die Straßenkehrer!“ riefen die +Stammgäste. „Kommt uns kehren!“ schrien die Dirnen und +lachten. Wir soffen, wir rauften, wir brüllten. Ich spuckte. Ich +war roh zu den Weibern. Darum stieg ich in der Achtung meiner +Genossen. „Er ist ein echter Straßenkehrer geworden,“ +lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte +Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. +Zur Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; +mir war in diesen Wochen das Herz recht beklommen. Ich +hatte auch eine Scheu vor den Polizisten, die ich doch sonst nie +fürchtete. Es war mir immer, als würde jeden Augenblick aus +dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen +wollen. Ich kehrte dann kräftiger und spuckte stärker aus. Ich +betrank mich mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut. +</p> + +<p>Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand +im Weg. Klein und zerlumpt. Es war ein Mädchen. Ich +stellte den Karren nieder und trat zu dem Kind. Es weinte heftig. +„Warum weinst du?“ fragte ich. „Ich habe soviel Läuse und +Flöhe.“ „Wäscht dich denn niemand?“ „Meine Eltern sind tot.“ +„Was machst du, Wo wohnst du?“ „Ich bettle auf der Straße.“ +Da tröstete ich das Mädchen und legte ihm meine Rechte aufs +Haupt. Ich hatte keine Angst vor Läusen. „Komm mit mir,“ +sagte ich und nahm sie bei der Hand, mit der Linken hob ich +den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen recht langsam. +Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren, +hieß ich das Mädchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, +was meine Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder +herauf und zog das Mädchen mit mir herunter. In der Ecke, +wo ich zu schlafen pflegte, machte ich ihr ein Lager. Dann legten +wir uns schlafen. Sie schlief an meiner Seite. Ich fürchtete +die Flöhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum, als sie +das Mädchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen +erzählte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie überließen +dem Mädchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. +Ich goß es in einen Topf, den ich am Feuer wärmte. Dann entkleidete +ich das Kind und wusch es. Einer schnitt ihr die Haare +ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das er sonst nur zur +Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in einer +Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, +den er noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte +die zerrissene Bluse, so gut es ging. Dann fand sich noch ein +alter Mantel, den hing ich ihr um. Einer fragte plötzlich: „Wie +heißt du?“ „Maria,“ antwortete sie scheu. Nun stand sie da und +war rein. „Wir wollen würfeln, wer ihr Vater sein soll!“ sagte +einer. „Ja, laßt uns würfeln!“ Wir kauerten uns hin und würfelten. +„Eins!“ „Drei!“ „Sechs!“ Ich war noch übrig. Ich warf. +„Neun!“ „Du sollst Vater sein! Hüte sie gut.“ An diesem Morgen +tranken sie nicht. Sie gingen sogar an die Arbeit und kehrten +selbst. Ich war der letzte, der den Raum verließ. „Vater,“ sagte +Maria, „du bist wohl schon sehr alt?“ „Warum?“ fragte ich. +„Deine Haare sind so weiß.“ Da griff ich mit den Fingern in meine +Haare und riß. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. +Sie waren weiß. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich +hatte weniger zu tun. Nie mehr blieben meine Genossen daheim +und tranken. Sie hielten ihre rohen Reden und derben +Späße zurück. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr war. +Nur am Sonntag gingen wir in die Schänke; als wir heimkamen, +schlief das Mädchen schon. Waren wir angeheitert, so machten +wir dennoch keinen Lärm, um Maria nicht zu wecken. +</p> + +<p>Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria würde mir +bald das Essen bringen. Ich kehrte. Mitten im größten Verkehr, +mitten in der größten Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. +Da schaute ich auf, zufällig. Ein Blick war auf mich gerichtet. +Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann. Seine Augen hatten +mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie Glas. Er +sah ganz gewöhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein +Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der +Menge in der Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. +Meine Lippen zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine +Hände zitterten. Meine Knie zitterten. Ich zitterte. Ein Strom +drang durch mein Hirn, heiß. Dann ein Gegenstrom, kalt. +Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden +war. Ich wollte vorstürzen. In dem Augenblick, wo er mich +ansah, hätte ich es nicht vermocht. Da wäre ich eher geflohen. +Denn etwas Zwingendes, Treibendes war in seinem Blick. Nun +aber kann ich ihm nachstürzen! Er schaut mich nicht mehr an. +Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit. Kaum konnte ich +ihn mehr erkennen. „Du sollst mir nicht entkommen!“ schrie, +lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich +gewartet. Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. +Mein Leben hast du gemordet, nur, weil du mich angesehen +hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben für das meine. Dies +stürmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich stolperte +und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war +schon ganz unten, beim Eck der Straße. Ich lief ihm nach. Mein +Atem keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke +kam näher, sie war da. Ich lief vorüber. Ich sah ihn nicht mehr. +Ich hielt inne. Doch ja, dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war +schon ganz oben, bei der Ecke der nächsten Straße. Ich lief +wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich stieß sie beiseite. +Und lief. Ich hörte schon nicht mehr meine Lungen keuchen, +ich hörte nichts mehr. Ich sah bloß. Ich sah ihn, ihn, ihn. +Nun kam ich etwas näher. Nun war er aber wieder um die Ecke. +Doch nein, du entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich +war schon um die Ecke. Da stand er unweit von mir. So unerregt, +so sicher. Ruhig. Und sah mich an. Ich blieb plötzlich stehen. +Ich mußte stehen bleiben. Ich hörte mich wieder keuchen. +Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte +zurücklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte +ich auf einmal sein Gewand; es war grün. Und auf seinem Hut +stak eine Feder. Und über seinem Rücken hing ein Gewehr. Das +gewahrte ich alles erst jetzt. Das schaute ich jetzt. Er stand ruhig +und sah mich an. Sein Blick! sein Blick! Nun wußte ich, wer +es war. Es war ein Jäger. Da wandte er sich um und ging weiter. +Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich +konnte ihm wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war +kalt. Ich mußte ihm folgen, das wußte ich. Er ging durch viele +Gassen. Ich folgte. Er bog ums Eck. Ich auch. Er ging schneller. +Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch. Die Straßen wurden einsamer. +Noch immer ging er. Ich auch. Die Häuser hatten aufgehört. +Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf einen +Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter. +Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. +Wir gingen durch. Da, als wir aus dem Wald herausgetreten +waren, blieb er plötzlich stehn. Dort unten lag ein Haus. Dahinter +waren weite Felder, rückwärts wieder Wald. Der da vorne +schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald da. Ich +schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. Über +dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann +eben sein Gewehr an einen Rechen gehängt, seinen Hut auf +einen Nagel, als ich mit Gepolter im Rahmen der Türe stand. Er +sah mich an. Doch ich fürchtete mich nicht mehr. Er war kleiner +als ich. „Was willst du?“ fragte er ruhig. „Dich!“ schrie ich +und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war stärker. Sein +Blick machte mich wütend und gab mir Stärke. Ich packte fest +zu und drängte ihn durch eine Tür in ein Zimmer. An der Wand +hatte ich einen Dolch erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe +wir beide zu Boden gefallen waren, und mit meinem Gebrüll +seinen Wehruf überschreiend, stach ich es ihm ins Herz. Ich +keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand +hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr +zu suchen. Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. +Ich richtete mich empor. Da überlief es mich kalt. Mir stockte +der Atem. Mir gerann das Blut. Meine Augen starrten. Ich konnte +mich nicht bewegen. Ich war gelähmt: Ich sah in die entsetzten +und groß aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hörte +mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. +Sein Blick zitterte. Plötzlich sprang er und war weg. Ich konnte +mich wieder bewegen. Da sah ich, daß ein Fenster offen war. +Hin über die vergrünten Felder lief der Hase. Da wußte ich auf +einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom Boden der Tat wegwendend, +drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch +die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg. +</p> + +<p>Die Straße, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. +Langsam kam die Dämmerung. Noch immer lief ich. Endlich +sah ich Lichter. Ich lief langsamer. Die ersten Häuser +kamen schon, nun Straßen. Ich lief nicht mehr. Ich blieb stehn. +Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ein Finger war blutbespritzt. +Ich bückte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und +zog ihn wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom +Blut. Ich ging. Es war schon spät in der Nacht, als ich heimkam. +Ich tastete an der Wand. Da standen vier Karren. Sollte das alles +ein Traum gewesen sein? Es war finster. Dennoch wußte ich, +daß ich lächelte, als ich zu den Meinen eintrat. Sie schnarchten. +Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hörte Maria regelmäßig +atmen. Ich wälzte mich auf die linke Seite und schlief unglücklich. +Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. „Ein +Schwindel ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich +bei guten Leuten. Ich glaube, es war der Hausmeister von der +grünen Villa in der Jägerstraße,“ sagte ich matt und wunderte +mich im Innern über meine Lüge. „Ja, ja, du wirst alt, Vater,“ +meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee. „Was glaubst du, +wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht sah, +nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das +Essen war kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm +Schaufel und Besen und zog voller Angst heimwärts.“ „Du gutes +Kind, du bist so gut, so gut,“ sagte ich. „Also auf!“ räusperte sich +einer der andern, „kehren wir wieder einmal den Dreck des Lebens +von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so, Dreck +bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir!“ „Ja,“ sagte ich und +folgte ihnen nach. +</p> + +<p>Kein Tag war glücklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich +stand und kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hörten, +mitten im Lärm der Straße, auf ein leises Geräusch. Ein Geräusch, +das so leise ist, weil es vom Tappen kleiner Pfoten +kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut. Ich hörte die Reden +Marias nicht. Ich hörte auch nicht die Flüche meiner Genossen. +Nichts hörte ich. Nur eines wußte ich, und immer und +immer wieder eines: Jemand weiß, jemand war Zeuge, jemand +war ein Hase. Ein Hase! Ein Hase! „Hast du nicht den Hasen gesehn?“ +fragte ich den Kutscher. Der hieb auf die Pferde ein und +lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei. Frei wie andere. +Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief dem +Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht +war auch mein Hase darunter. Ich beugte mich über jedes +Tier und sah in die erstarrten Augen. Mein Hase war da +nicht. „Du willst wohl stehlen?“ brüllte mich der Fuhrmann an, +der gerade aus der Schänke herauskam und auf den Kutscherbock +stieg. „Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht.“ „Weg!“ +schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich +schaute vor den Wildläden die hier hängenden Hasen lang und +streng an. Ich fand nichts. Ich streichelte Maria nicht mehr; ich +hätte an das Hasenfell denken müssen. Ich war unruhig. Ich +war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte schlecht. Ich +verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord +vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote +und bald tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um +vier Uhr früh an der Ostseite der Stadt und wartete auf die +Bauern, die mit Hasen zur Stadt fuhren. Meinen Hasen fand ich +nicht. Tagsüber stand ich auf der Straße und kehrte schlecht. +Fuhr ein Leichenwagen vorüber, hielt ich inne im Kehren und +stand stramm wie ein Soldat. +</p> + +<p>Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder +der Wald. Sein Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst +mehr vor dem Wald. Denn er verbarg sich hinter Gezweig und +wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch. Sein kleines Herz +pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon leiser. +Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und +und fraß dürre Blätter. Er wagte nicht, sich zu rühren. Vor seinen +Augen sah er noch das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt +liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er suchte etwas; er konnte +nichts finden. Denn er wußte nicht, wo er hin sollte. Jenes +Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie ausgelöscht. +Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht +mehr, denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er +floh. Er saß nie, er lief. Er wußte nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. +Und die Bäume waren da und das Moos. Bis er müde war, daß er +nicht mehr weiter konnte, blieb er liegen und schlief ein. So war +er, so lebte er und wußte nichts. Eine Eule hielt er für seine +Mutter. Einmal lief er doch hinaus, über Felder der Landstraße +zu. Da, er wollte zurückfliehen, standen viele Unwesen, nun +hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schloß die Augen +und wartete zitternd. Ein lautes Geräusch ertönte, als würden +große Tiere brüllen. Da spürte er, daß ihm nichts mehr weh tat; +er tastete mit den Pfoten, fühlte Erde und sprang und — lief. +Wald. Er war im Wald und schloß erst jetzt seine Lider. So +waren seine Augen in Angst gewesen, daß die Lider sich nicht +geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief über die +weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald +betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, +daß sogar die Giftschlange sich verbarg und von allem Bösen +ließ, als sie seine Augen auf sich gerichtet fühlte. +</p> + +<p>Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Straße gewalzt. Viele +mußten dabei helfen. Auch ich. Tag für Tag standen wir draußen +und räumten Steine aus dem Weg. Unterdessen verstaubte +in der Stadt das Pflaster. Auch meine Genossen halfen mit. Um +zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl. Da war +gerade Rast, und wir warteten am Straßenrand. Auch heute +wieder. Auf einmal ertönte Geschrei. Alle liefen zusammen und +riefen. Ich erhob mich und schritt langsam dorthin, wo sie mitten +auf der Straße standen. Da teilte sich die Menge. Ich sah einige, +die einen Hasen festhielten. In diesem Augenblick dachte +ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich stürzte vor und +schrie wild: „Daß mir niemand den Hasen tötet!“ Sie erschraken, +ließen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe +am Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich +hatte ihm nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er +verschwunden war. Plötzlich fiel mir ein: Könnte es nicht mein +Hase . . .? „Hasenheiland, wann wirst du deine Predigt halten?“ +höhnten mich viele, aus Wut, daß der Hase davon war. +</p> + +<p>Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug +meine Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich +kehrte schlecht. Monate vergingen. Maria war weggelaufen. +Kaum, daß ich sie vermißt hätte. An Sonntagen rannte ich in +den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster war, kehrte +ich heim. Und Schnee lag überall und war höhnisch. Liefe jetzt +ein Hase übers Feld, es wäre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder +die Stadt kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen +viele Monate. Abermals war der Sommer vorüber. Ich haßte +den Herbst. Ich hätte ihn töten mögen. Ich saß in der Schänke. +Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah es nicht. Ich saß +und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das Glas +weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank +und sah nichts. Da schrie mich das Weib an: „Siehst du nicht, +daß er dich verspottet?!“ Ich spielte, sah einen, der über mich +lachte. Ich griff zum Glase und trank. Alles war gleichgültig. +Nur der Schnaps nicht. Jetzt packte mich die Dirne, rüttelte +und rief: „Du bist ja gar kein Mann, du bist ein Hase!“ Ich schaute +auf. Meine Augen schlossen sich und öffneten sich wieder. +Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief hinaus. +Ich lief. Bis der Wald kam. +</p> + +<p>Lange Zeit war vergangen. Der Wald war weiß gewesen, dann +wurde er grün, nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er +lief und verbarg sich, war stets gehetzt und fürchtete immer +etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil er nie rasten konnte. +Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer wußte +er von seinem früheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm +Wärme, kein Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. +Kein Tier paarte sich mit ihm. Alles floh, auch böses +Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und er lief und +lief, fürchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte +er eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das +eine Unwesen wuchs riesengroß aus dem Moos, dann das +zweite, nun fielen sie beide hin — und war ein Tier, ein Reh, das, +von den starren Augen des Hasen gescheucht, verwirrt flüchtete. +Der Hase war müde. Er wollte nicht mehr die Augen öffnen. +Er mußte sie öffnen, er mußte laufen, er mußte fliehen. Er starb +nicht. Er lebte und floh. +</p> + +<p>Als ich den finstern Wald betrat, wußte ich: Meine Seele war +hauslos. Die Bäume kamen mir entgegen und wichen zurück. +Kein Laut war zu hören. Alle Tiere und Zweige schwiegen. Ich +drang durch Gestrüpp und Sträucher. Zum erstenmal taten mir +meine Füße wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut. Ich hatte +Angst, daß draußen die Sonne untergehn könnte. Auch wenn +Moos gut ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, +den die herankommende Nacht umhalsen wird. Ich fürchte +Nächte im Walde. Ich wollte mich jetzt selbst beim Namen rufen, +er war aber schon lange vergessen. Ich hatte Angst, auf +einmal, vor mir selbst. Ich wußte aus irgend einem verwirrten, +aber heftigen Grunde, daß ich heute den Herbst töten würde. +Der Wald war groß. Da fing ich plötzlich zu rennen an. Und +rannte im Walde. Die Sträucher und Äste zerkratzten mir Gesicht +und Hände. Ganz gleich. Ich rannte im Walde. Da lief ein +Schatten; quer über den Weg. Der Schatten stand plötzlich still, +als hätte ihn der Blitz gerührt. Der Schatten bewegte sich nicht. +Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte mich nicht +rühren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein +Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war +gelähmt. Seine Augen waren groß und starr. Seine Ohren waren +steif und spitz. Sein Blick war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge +zitterte. Ich sah mich im großen Auge des Hasen, und der Hase +sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der Hase sah +mich. Lautlos standen wir einander gegenüber. Eine Ewigkeit +lag zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel +mir auf einmal ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge +hatte mich der Hase erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit +einem Schrei auf ihn, packte seinen Hals und — trotzdem ich als +Kind immer geweint hatte, als meine Mutter das Huhn tötete — +erwürgte ich den Hasen. Seine Augen waren entsetzlich groß +und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals gekrampft +und ließen nicht locker. So trat ich aus dem Wald +heraus. Die Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich +ging langsam. Als ich die Stadt betrat, brannten schon die Laternen. +Meine linke Hand hielt den Hasen. Ich wußte nichts von +meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem Halbschatten: „Guten +Abend, Herr Ha . .“ Ich hatte etwas gehört. Nein! nein, das +war ja mein Name, den ich schon vor langem vergaß. Nein, es +war nichts. Ich lächelte. Ich wußte schon nichts mehr. Die Laterne +war grün. +</p> + +<p>Ich war eingetreten. Da saßen die Polizisten. Sie schauten zu +Boden. Plötzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich +fest: „Ich bin ein Mörder.“ Eine namenlose Stimme fragte: „Wen +haben Sie gemordet?“ Ich hob meine Linke mit ihrer Last hoch +und sagte: „Diesen Hasen.“ Die Gesichter der Polizisten erschienen +durch den Qualm breiter, voller. Jemand sprach gütig: +„Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur. +Der Hase, den er da in der Linken hält, hat Augenlider wie +ein Mensch, und jener Mensch hier hat keine Lider, nur große +starre Augen.“ Die sachliche Stimme fragte wieder: „Wie heißen +Sie?“ Mir war es, als fiele ich in ein Meer. Dann sagte ich +voller Unmut und heftig: „Wie kann ich das wissen, da ich doch +den Hasen getötet habe!“ Dann mußte ich plötzlich eingeschlafen +sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in +dem Haus waren die Wände bleich. +</p> + +<p>Eines Tages war der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus +und war frei. Die bleichen Wände lagen hinter mir. Ich bekam +wieder meinen Schubkarren, meine Mütze und meinen Besen. +Ich kehrte wieder. +</p> + +<p>Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, +weiß ich nicht. Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war +mein Leben nur ein Leben, das man zwischen dem Erleben +lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben gelebt, vielleicht +war es das Leben eines andern, oder auch das, was niemand +erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich weiß es +nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit +allen Menschen und Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht +mehr. Manchmal schaue ich auf und blicke in die flüchtenden +Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell auf meine +schmalen langen Hände sehn und auf meine arabisch geschwungene +Nase. +</p> + + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE *** + +***** This file should be named 39390-h.htm or 39390-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/3/9/39390/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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