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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:11:56 -0700 |
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diff --git a/39126-h/39126-h.htm b/39126-h/39126-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8271095 --- /dev/null +++ b/39126-h/39126-h.htm @@ -0,0 +1,1896 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Der Rebell</title> +<!-- AUTHOR="Manfred Georg" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } +h1 { letter-spacing:0.15em; margin-right:-0.15em; text-transform:uppercase; font-size:x-large; line-height:2em; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom: 1em; page-break-before: always; } +p { + margin-left: 0; margin-right: 0; + margin-top: 0; margin-bottom: 0; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { } /* indents all over the place */ + +div.poem { + margin-left: 2em; + text-align: left; + text-indent: 0; + margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +p.tb { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0em; } +p.center { text-indent: 0; text-align: center; } +p.first { text-indent: 0; margin-top: 2em; page-break-before:always; } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; } + +span.sperr { letter-spacing:.1em; margin-right:-.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } +span.smaller { font-size:smaller; } +span.hidden { display: none; } +span.underline { text-decoration: underline; } + +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Rebell + Novelle + +Author: Manfred Georg + +Release Date: March 13, 2012 [EBook #39126] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic"> +<img src="images/title.jpg" alt="Titel" /> +</div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1> +<big style="font-size: 1.3em">Die Neue Reihe</big><br /> +Band 24 +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1> +Manfred Georg<br /> +<big style="font-size: 1.3em">Der Rebell</big><br /> +Novelle +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic"> +<img src="images/logo.jpg" alt="Verlagslogo"/> +</div> + +<p class="center" style="letter-spacing:1.2em; margin-right:-1.2em; text-transform: uppercase;"> +1921 +</p> +<p class="center" style="letter-spacing:0.15em; margin-right:-0.15em; text-transform: uppercase;"> +München<br /> +Roland-Verlag Dr. Albert Mundt +</p> + + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size:80%;"> +Geschrieben im Winter 1917 für H. S. +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 005 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich +entlassen sich wieder in den Fluß seiner Studienjahre +schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie auch viele andere, +mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine Erinnerungen +schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger +Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst +die Quelle von friedlich lebenden Kameraden bewundernd +gehörter Abenteuer, kamen ihm wie in süßlichrosa gebundene +Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und Klublokalen +hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder +verkohlte Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser +auf durchschrittenem Pfad. So hatte er nichts, was ihm wert +genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz entschlossen verkaufte +er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts +in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein +Bankgeschäft ein. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben. +Untergeordnete Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld. +Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte er schon einen Listenbogen +vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und der unregelmäßige +Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte +mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog +sogar manchmal begütigend den Kopf zur Seite, als suche er +dort etwas. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe +von Wertpapieren zu registrieren hatte, auf seinem +Platz. Wenn er abends gegangen war, holte sie ein Bote und +brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten Halle, +<!-- page 006 --> +die von einer breiten Straßenfront helles Licht erhielt, gemessen +und abgetönt zu. Die Kunden kamen und sprachen +leise, mit vornehmen Gesten; selbst die erst kürzlich in diese +Gesellschaftsklassen Arrivierten dämpften Stimme und eckige +Gebärde, wenn sich die Prokuristen mit leisem Klingeln echt +goldenen Armbands verbindlich zu ihnen neigten. Der Schallfänger +an der Tür verschluckte in seinem Filz andrängendes +Geräusch des Fahrdammes. Einmal, erinnerte sich Robert, +war ein Postbote auf der Schwelle stehen geblieben. Da war +das Weinen eines Kindes, dünn und spitz, hereingeflattert, +hatte sich in die vernickelten Deckenbirnen gehängt und war +dann in trostlosem Trillern über die erstaunten Beamten gestürzt. +Alle hatten gelauscht. Sogar die Schreibmaschinendamen +hatten hilflos schon zum Druck gebogene Finger entspannt. +Dann war’s vorbei. Und schwer strömte die Stille +weiter über Blätterrascheln und unterdrückten Husten. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Robert mußte manchmal lachen, wenn er daran dachte, er +habe einst Vasaristudien getrieben oder als Schüler berühmter +Gelehrter heißen Kopfes über platonischen Dialogen gesessen. +„Canadian <a id="corr-1"></a>Pacific 120 Prozent.“ Wie wundervoll +nichtssagend war ihm dieses Papieres Name. Höchstens daß +er dabei an Lederstrumpf und Büffel dachte. Seine Erinnerung +verwirrte sich wieder und er riß sich zusammen. Geriet +er in die falsche Zeile, war die Mühe einer Stunde vergebens. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Gleichgültig aß er um zwölf Uhr sein Frühstück. Ohne +Sehnsucht dachte er dann an Vergangenes. Wie schien ihm +alles in flacher Linie zu liegen, winzig, nicht des Gedenkens +würdig zu sein. Seine literarischen Versuche, sein erstes, +nicht erfolgloses Auftreten in der Öffentlichkeit, sein heißes +Werben um Sinn und Erfassung der unsterblichen Meisterwerke, +— Robert grinste häßlich über die geläufige Folge +<!-- page 007 --> +dieser Phrasen, die in seinem Kopfe automatisch abrollte. +Nur ganz fern, weit in der Traumzeit seiner Gymnasiastenjahre +leuchtete der Freundin Cornelia ernstglatte Kinderstirn +leicht und weiß auf. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">„South India Railway“. Herrlich schrieb sich das Wort. +Er verstand gar nichts davon. Unbestimmt wogte Ahnung in +ihm von braunen, schwitzenden Arbeitern, die in Sonne getaucht +für die Besitzer der Aktien frohnten. Dann ballte sich +Roberts Faust. Aber scheu und ängstlich löste er sie sofort +wieder, so daß das Blut aus der rissigen Daumennarbe gleichmäßig +in die Handfläche strömte. Nicht zornig werden. Nicht +die Fäuste krampfen. Sonst kommt es wieder; kommt das +entsetzliche Wirrsal wieder. Die Buchstaben „Depositenkasse“ +spazierten im Halbkreis rund und goldig auf der matten +Glasscheibe. Hinten in einer Ecke diktierte der Filialvorsteher +heiser und mürrisch einen Mahnbrief. Die Worte +fielen ihm trocken, versengt aus dem Mund. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von +Messines. Von der Höhe entlud er sich schwarz und abfallend +auf die Landstraße. Robert hielt mitten in seiner Schwadron +hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte nervös auf +das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am +Gelenk. Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick +abmarschiert, kam nicht. „Absteigen!“ flüsterte Befehl +von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner glitten zur Erde. +Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu +den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden +Peter, der neben ihm hockte und Unverständliches murmelte. +Die Karabiner, geprüft, knackten wie scharf zertretenes Holz. +Langsam verlor sich das Schnauben der zurückgeführten +Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind gebetet +<!-- page 008 --> +in verquollenen, verschluckten Seufzern, hüllten sich in +die dunkle Stille. Da schnitt ein Signal sie entzwei, sie riß +und zerkrachte in einem kollernden Gebrüll der Aufstürmenden. +Sie schrieen vor Angst, Wut und Verzweiflung. Robert +und Peter bebten Seite an Seite den Hang hinauf, willens, +den niederzustechen, der nicht in gleicher Richtung rannte +wie sie. Wie ein Rudel entfesselter Tiere sprangen rings von +Grabenscheit und Brottasche umflogene Schatten mit ihnen. +Da, als ihr Keuchen schon fast schaumig um die schartenzerlockerte +Kirchhofsmauer brandete, setzten sich die dahinter +zur Wehr. Peter tat einen seltsam hohen Sprung nach +vorn und klumpte schief zusammengestoßen auf einen Haufen. +Einen anfeuernden Feldwebel, dem Schweiß und Blut +unter zerbeultem Kuppenhelm über das entstellte Gesicht +troffen, mit dem Fuß zurückstoßend, beugte sich Robert über +den Freund. Der schrie, wild, hoch und haltlos, grotesk die +Hände auf den Unterleib krampfend. Dann riß er sich die +Kleider auf. Gräßlich lag die von zackigem Geschoß gerissene +Wunde bloß. Robert stand, die Hände steif, unfähig +sich zu bewegen. Flau kroch ihm ein Ekel über Gaumen und +Schlund. „Hilf mir!“ brüllte Peter und sucht entrinnendes +Gedärm in den Leib zurückzustopfen. Kasernenparaden, Abschiedsjubel +heldisch aufgeblasener Backfische, die salbungsgeschminkte +Miene des Oberlehrers Drews bei Erläuterung +des dulce et decorum hetzten sich bunt in Roberts schwindelnden +Sinnen. Er röchelte, als er des fetten Pensionswirtes +schmatzenden „Endlich“ gedachte, da die Depeschen der +Kriegserklärung über den Kaffeetisch flogen. „Hilf mir!“ +Peters Heulen brach an den schmerzgepreßten Zähnen zusammen. +Da mußte Robert grinsen vor Leid. In ihm schwoll +Tränensturm tobend hoch. Ein schreckliches Lachen floß +ihm breit heraus, als er die Reiterpistole vom Gurt riß und +dem sich in Todeswehen bäumenden Freund mitten zwischen +<!-- page 009 --> +die entsetzten Augen schoß. Dann stürzte er um, mit dem verzerrten +Gesicht tief in eine zertrampelte Kotlache schlagend. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben +scharfe Schläge die hohe, steife Standuhr in den Saal warf, +aufgeregt die Bureaufräulein an Robert vorbei, Sehnsucht +nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder einem +friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen +in den Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz +auf den für zwanzig Dienstjahre von der Bank gestifteten +Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen nach. +Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl +soeben gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm +durch Schlüsselrasseln seinen Unwillen über Roberts Hindämmern +vor schon aufgeräumtem Tisch demonstrierte, erhob +sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ ihn +nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten +Zimmers vor dünnen Stullen und verpanschtem Bier, hob er +manchmal den Blick. Glaube, ein Wunder müsse geschehen, +erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen die Rauchfahnen +der städtischen Fabriken von Ost nach West über die +Giebel. Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern. +Die Geranien, verblüht, lösten sich und ließen leise +ihre Blätter in die Tiefe segeln. Die tanzten eine Weile, wie +nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im dritten Stock +schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig +mit Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden +empor. Robert sah zu, wie sie ihm die breit auf den +Tisch gespreizten Finger überflutete. +</p> + +<p class="tb">* *</p> +<!-- page 010 --> + +<p class="noindent">Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte +mechanisch mit dem Haken gegen die Seitenlehne. Summte +bisweilen. Falsch und eintönig irgendeine Wortfolge. Allein, +alleine, heute alleine, morgen alleine. Und Zorn schwelte +langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum? +Warum nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war +und noch immer Krieg im Land? Laß die Toten die Toten +begraben. Kann ich dafür, daß er fiel? Kannst dafür, kannst +dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes, wohltuendes +Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit +zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden, +widerliche Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben +Zeit wieder hundert Peter herum und versiegen in Blut und +Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur schreien. Nein, +nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte +so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust +den Mund. Mitten zwischen die Augen. Und hatte doch mit +mir Reifen gespielt und Flitschbogen geschnitzt. War hoch +auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte mir +Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön +ist es auf der Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind +zu malen, sind zu malen. Himmelherrgott, bin ich denn verrückt? +Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb ein Streichholz +an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den wenigen +Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit +zu kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß +ihm. Gerede, Rethorik, Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu +denen mit Feuerzungen gesprochen wurde, tanzten vor Jubel +bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und ersoffenen +Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und +Westpreußen, Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo +er im Nervenfieber vierzig lange Tage auf dem schweißdurchnäßten +Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben gebangt. +<!-- page 011 --> +Scheu hatte er sich in die Kissen gedrückt, wenn die +Nebenmänner starben. Bis ihm der schrille Schrei Mutter in +allen Sprachen geläufig und der einwickelnde Griff der Totengräber +eine technische Fertigkeit geworden waren. Robert +drehte hastig das Licht aus. Schlafen, Ruhen. Wohlig das +Schmiegen der Kissen auskosten. Nicht denken. Alles ist +doch gleichgültig. Kann ich’s ändern? Morgen male ich wieder +Zahlen. Elbinger Stahlwerke. Na, wenn schon. Nur +schlafen. Hat Limm nicht eine neue Borte um die Mütze +gehabt? Oh, wie müde, wie müde. Peter, armer Peter. +Bochumer Hütten stiegen auf 300. Schlafen, ist ja egal —, ah +— wie müde, — wie müde — —. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen +waren vom kargen Gehalt übriggeblieben. Schon saß er +wieder in seinem geliebten Prinzentheater auf einem hinteren +Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche Polster unter +ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt, begierig +auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet. +Wie fern ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer +Glaswand. Fest eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts +Fremdes zu ihm hindurchließ. Sein Blick strich schwerfällig +in die Runde. Über erhitzte Gesichter Ankommender, in +behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig Verwachsener, +über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und +volle Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm +herunterglänzten. Wächsern sah das alles aus. Unheimlich, +automatisch eingelernt. Und ich mußte meinen Freund +erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen Ehefrau +Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger +Fräcke. Die sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch +die Hitze des Saales, und sie feuchtete sie mit einem flinken +Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam. War er allem so +<!-- page 012 --> +fremd geworden? Dieser Frauenmund dünkte ihm etwas +unerhört Neues, nie Gesehenes. Weiches, verschwimmendes +Rot-Dunkel brach in den Saal. Schwingend und lautlos barst +der Vorhang auseinander. Isolt klagte. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch +rauschte die Musik in ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem +Gebirg gleich schroffte sich Erinnerung in seiner Brust auf +und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber darüber flogen die +Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen +Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen +schreitenden Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und +horchte beglückt auf das Konzert in seiner Brust. Plötzlich +mußte er unwillkürlich die Augen schließen. Jemand hatte +ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich bereits +wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon +fühlte er, wie in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich +zu lächeln, verbindlich zu grüßen oder einmal zu pfeifen, wie +ein helles Schiff mitten in das Geschwader seiner wolkigen +Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das Fremde vorbei. +Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden +Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über +das hinterhältige Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf +aus und tauchte im Gewühl unter. Nur blaß blieb +ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die Brauen +zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf +dem Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen +ziehender Genossen plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener +den Kopf und hob den Arm zum Schutz seiner Wehrlosigkeit. +Dann tappte er dunkel zu seinem Platz. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen, +weiter ins offene Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er +<!-- page 013 --> +daran. Verging nicht vor Süße. Manchmal klangen ein paar +Worte der Sänger dazwischen wie leise Hornstöße. Dann +sank er wieder unter in Tönen, wurde hochgehoben und trieb +in glücklicher Besinnungslosigkeit dahin. Mit einemmal +ward es lichter. Ein Gedanke, fremd ihm längst geworden, +phantastisch, glomm fern in ihm auf und wühlte sich rasend +näher durch die Klangwogen: Das fremde Mädchen. Wer? +Wer? O ginge sie nicht fort. Als er ihm hell und lodernd ins +Hirn stieß, prasselte zu gleicher Zeit um ihn der Beifall der +Zuschauer klatschend nach vorn gegen die erblindende Bühne. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt. +Ein wenig kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen +hinunter, die Hand auf dem Leitsteg. Da stolperte etwas +hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete einen taumeligen +Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand +tappte schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei +Ringe brannten ihm tief ins Fleisch. „Verzeihen Sie bitte.“ +Über das Gedränge und seine Fährlichkeiten einige unverbindliche +Worte tauschend gelangte er mit der Fremden ins +Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien, +sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer +Wildkatze entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der +Pause. Wo? Aber das Bild verwischte sich traumhaft. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Kaum daß er’s merkte, war er mit Sonia, wie Brocken +ward der Name hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten. +In der Wärme einer Kakaostube ihre Glieder +fühlend blickten sie sich einander an. Sein verzerrtes, in +Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht +löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle +Dämme des Vorspiels, trieb ihn, kaum daß er sich wehrte, +rasch aus den Positionen der Konvention, und schickte sich +<!-- page 014 --> +schon an, die Fahne ihres Lachens aufzuziehen, als sie sich +plötzlich von seinem ruhigen Spott umstellt sah und vor sich +eiserne Tore fühlte. Sie fauchte etwas und schob sich leise +näher. Aber Robert, seine Ruhe um sich schlagend, ergötzte +sich an ihrer animalischen List. Ließ seine Hand in ihrem +Atem wie in einem Bad. Plötzlich aber griff er Sonia am +Arm, dicht unter die Achsel und riß sie an sich. Sie knickte +mit einem kurzen Freudenlaut zusammen, so daß der Malayenboy +an den surrenden Teemaschinen diskret fortsah. +Die halb geöffneten Augen demütigten sich in Ergebung. In +Robert jedoch brachen die Sinne, halbverhungerte, struppige +Tiere, aus ihren vermorschten Fesseln. Die Kontrolluhren +seiner Gleichgültigkeit blieben mit einem Ruck stehen. Vulkanisch +quoll Dampf in ihm auf und legte sich graurot über +alles Geschehen. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag +gestreckt auf die Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus. +Gewißheit tropften die Sterne. Unabänderlichkeit. Die +Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer wie +riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da — +weit hinten stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend. +Als ob jemand geschlachtet würde. Stieg. Und stieg. Robert +warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er hörte, wie der Schrei +sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa schrie. +Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken +eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt. +Breit wie ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt +floß ein Kreischen heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht, +rannte sich steil an den Wänden und spie zerrissen +sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich unter dem +Anprall. „Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!“ +Robert flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd +<!-- page 015 --> +im Dunkel. Stumm lächelten die Hausgiebel mit den fehlen +Bodenluken. Sonia, gestört, fiel im Traum, und bog schleifend +den Fuß in einer Deckenfalte. Dann erwachte sie, sah +Robert starr gegen das Fenster gerichtet, und weich mit den +Linien des Lagers verschmolzen bot sie sich ihm an. Aber er +wich in die tiefen Schatten der Stube. Nur einen Augenblick +sah sie eine zusammengehämmerte Faust, von Adern hügelig +überflossen. Angst pfiff ihr in der Kehle. Leise tappte sie nach +der Tür, die Fußsohlen behutsam vorschiebend. Wie Büsche +auf dunkler Landstraße, hinter denen Wegelagerer hocken, +drohten die lichtlosen Ecken. Jemand knirschte mit den +Zähnen. Wer? Robert? Oder ein phantastisches Ungeheuer, +das in seinem Versteck riesenhaft sie überwuchs?! Jetzt galt +es, einen Mondstreif zu passieren. Sonia zauderte. Schon erglänzten +die Nägel ihrer Zehen. Milch puderte sich um die +Knöchel. Dann stand sie gereckt in der Helle. Verstand, sich +an dem glasigen Feuer ihrer Haut entzündend, weckte sie +auf. Hoch warf sie die Arme. Dehnte sich satt und schlank, +sich selber fühlend im Licht, das wie ein Schuppenpanzer sie +sichernd umschmiegte. Dann sprang sie, aufgescheucht vom +dumpfen Niederbruch eines Körpers, in einem Satz aus dem +Zimmer. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe, +von der er nicht recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der +Briefträger an den Flurtüren der niederen Stockwerke, flog +schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses verzweifelt +erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht +des Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und +schwenkte in verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang, +um auf der anderen Seite des Hauses endlos die Stiegen +hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte Robert im +Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde +<!-- page 016 --> +spürend. Wer denn überhaupt?! Wer, zum Kuckuck?! Er +bekam das Gesicht nicht zusammen. Hinter seinen Augen +fühlte er Schmerz. Ausgerodet lag ein kleiner Platz im Hirn. +Winzige rote Feuerkugel, scharf zusammengeballt, kohlte +der Blick der Fremden und riß mit zündenden Rändern alle +Fasern in seinen knisternden Kreis. Durch die Stube gegen +die Tür stürzend dröhnte Robert gegen das Holz. Das Gesicht! +Ich habe das Gesicht verloren. Mir ist wie jenem +Mann, den am Nordpol einer traf, als grunzenden Gesellen, +ein halbes Schwein, das kaum essen konnte. Der hörte das +Wort „light“. Sein vereistes Gesicht brach plötzlich von +innen zusammen. „Light?“ In ihm sagte etwas Ja! auf light. +Was, was? So wie wenn der Pelz am kalten Abend um die +Brust einen Ring von Wärme lagert, in dem man in Schlaf +fällt. Light? Gesicht! In Robert stiegen Schreie wie Notsignale +eines Schiffes, verirrt in der Wasserwüste. Abgetrieben +von der Küste der Erinnerung blieb ihm nichts übrig, als +zu beten. Zwischen ausgelaufenem Heringskopf vom Abendbrot +und fettiger Zeitung faltete er die Hände. Den Mund +schon öffnend fiel ihm die Bibel ein. Ruth! Und mit suchenden +Augen raste er in die Kapitel, bis die Seiten des Buches +ihm über das Haupt aufwuchsen wie zwei riesige weiße Flügel, +in deren Schlag er mit müde gehetzten Zügen versank. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem +Balkon polsterten sich Gitterstäbe und Borde mit einem +harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen rings um das +Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer +die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang +der Todesruf derer, die in den flockenweichen Abhängen +letzter Spannung Grauen erfuhren. Hiobsposten wechselten +mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier wuchs +täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug +<!-- page 017 --> +man Armut unter nicht geglaubten Phrasen. Robert mußte +kleinlichste Berechnungen anstellen, wollte er nicht schlankweg +verhungern. Er erduldete alle Demütigungen der Volksküchen, +wo man ob des reinen Kragens, den er hatte — +mußte doch Repräsentation in der Bank kärglicher Mahlzeiten +ungefühlter Ausgleich sein —, von ihm abrückte und +sich schweißigem Halstuch verband. Eines Tages krochen +auf seine linken Finger runde grüne Fleckchen mit gelbem +hautspaltendem Einkreis. Kälte sengte die Hand. Das ausgerenkte +Eisenmaul des Ofens bleckte leer und von Frost +umwittert. Seinen Mantel und Decken über sich werfend, +floh er ins Bett. Lag da, bis ihn morgenlicher, früher Wind +in den Hauskaminen zur Arbeit jagte. Lag da und spürte die +Öde der getünchten Decke wie Körper. Nur unbestimmtes +Gefühl einer Hoffnung, die irgendwoher in blumenden Gewändern +sich ihm erfüllen sollte, keimte leise und heftig. +Das Erlebnis jenes fremden Blickes, langsam in den steigenden +Eisschatten der Kälte und des Hungers erfroren, quälte +ihn kaum noch mit suchenden Stacheln. Nur ein Warten +blühte in ihm. Es nicht begreifend, atmete er auf, glaubte er +es durch Genuß eines ergatterten Wurststücks betäubt. Aber +dann überfiel es ihn wieder. Seine Träume wurden bunt. In +Biedermeiergärten schritt er einher. Mußte Spitzwegszenen +stellen und Walsersche Gespräche führen. Unerhört farbig +betupfte Landschaften waren zu durchschreiten. Hinten +brach ein Himmel in schießenden Strahlen ein. Dahin mußte +er rennen. Es erwartete ihn dort wer. Die von kugelig dickköpfigen +Bäumen bestandene, mit hellem Kiesschotter besäte +Chaussee begann wie im Film an ihm vorüberzuschwirren. +Wo hatte er schon einmal in solchem Wirbel gestanden?! +Erinnerung schrie in ihm auf! Die Wolken schienen in feurigen +Bändern zu lodern. Er flog. Musik ritt im Winde mit +ihm. Gelüfteter, frierender Arm weckte ihn. Süße, ungeahnte, +<!-- page 018 --> +in sich spürend, schwangen seine Schritte in den nächsten +Stunden. Dann wischten Keifen der Portierfrauen, übelschmeckender +Kaffee und der bedrückte Lärm unwilliger +Frühaufsteher das Bild schmutzig. Saß er später wieder vor +grüngefriestem Tisch und dem Tanz der Zahlen, konnte es +geschehen, daß er krampfhaft gegen die Brust tastend einen +Laut aus sich grub, der wie zerrissener Jubel sich hob. So +fremd klang er ihm, daß Robert selbst freundwillig und beglückt +ihm lauschte, bis er sank und wie ein Bumerang rückkehrend +mit vollem Weh auf ihn niederbrach. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem +Marsch zum Bahnhof. Längst gewohnt, die abschiednehmenden +Blicke Ausziehender ohne Scheu und Reue zu ertragen, +bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und +strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert +mußte ein Herr im Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren, +plötzlich im Takt mitlaufen. Das linke, auswärts gekrümmte +Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten Beachtungslosigkeit +geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln +des Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch +keiner Ausbruch. Robert sah den nickenden Zylinderturm, +roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte sich der mit +den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein +grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß +einen anderen an. Machte ihn aufmerksam auf den fetten +Faun, der gutes Frühstück im anmutig geschwellten Leib Sympathie +erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der freundliches +Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche +im Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht, +denn gestürzter Omnibus an nächster Straßenkreuzung versprach +Stauung. „Na, mein Lieber, noch was Rauchbares +vorher?“ Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen +<!-- page 019 --> +unter den Tornisterriemen. Grimmig, leise, inbrünstig: +„Vorher? Vor was?!“ Doch schon ging er weiter. Kommt +kein Blitz? flehte Robert. Mit einem Mal sah er Peter. Er erbebte. +Peter schritt vor dem Dicken. Weißlich-rot schleppte +ihm etwas aus dem Koller. Wie bleiche Selcherwürstel. Das +Vieh trat immerzu darauf und pfiff. Ganz deutlich klang es: +„— und dann die Herren Leutnants.“ Unverbindlich wippten +die Lackschuhe. Wie einen Zweihänder fühlte Robert +seinen Arm emporgeschleudert, stieß in Wolken und brannte +nieder damit, Eisen in den apoplektischen, hüpfenden Nackenwulst. +Er schloß die Augen. In ihm heulte ein Tier. Als er sie +wieder öffnete, waren die Personen der Szene schon in weite +Ferne gerückt. Der Schlag, ungeführt, verdonnerte in Ohr und +Herz. Über die geballte Hand floß Blut einer geplatzten +Ader. Sperlinge zwitscherten durch die Stille der Straße. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig +mit freundlichen weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem +Beschauer ein ergötzliches Durcheinander bot. In +engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige +Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke. +Verwirrt über die Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes +Mädchen mit leichter Verneigung an ihn richtete, +stammelte er etwas von „aussuchen“. Sonderbare Kunden +gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen +Titel auf den bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert +längst verhallte Sprache. Er las sie in leisem Rausch wie +jemand, den heimischer Marktplatz nach langen Jahren mit +vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden +lag vor ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen +Goldleisten geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche +Märchen. Gerade in das vom versunkenen Klavier +geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens vorgetragen. +<!-- page 020 --> +Wann war denn das gewesen? Unendlich lange schien es ihm. +Hoher Saal verschwamm, riesiger Orgelpfeifen Wand rundete +nach hinten das Bild. Oder hatte er das alles nur geträumt? +Aufblickend und die Gestelle abgleitend las er mechanisch: +Hauptmann, Eichendorff, Mann, Goethe, Heine, Lucka +und andere Namen. Merkwürdig, war er gestern nicht in den +„Gespenstern“ gewesen? Warum nur die Erinnerung so +schwankte! Nun wußte er auch schon nicht mehr, wer die +Regine gespielt. Und dann hatte er des Nachts geträumt. +Wirres Zeug. Von einem Krieg, einem gelben Holzstuhl in +einer Bank, auf dem er tagelang gesessen, einem Blick, — +den ihm wer zugeworfen? — Cornelia? — Richtig, er mußte +ihr ja noch einen Busch Tulpen schicken. „Also, ich nehme +diesen Band hier.“ „Bitte schön, mein Herr. Macht achtzehn +Mark bitte.“ Das schäbige Portemonnaie mit den zwei +schmutzigen Markscheinen und der zerknitterten Volksküchenquittung +setzte Roberts schweifenden Gedanken mit +hartem Ruck ein Ziel. Hilflos, die Unterlippe vorschiebend, +auf der ein schiefes Lächeln verlegen irrlichterierte, tauchte +er flehend, ihm die Worte zu ersparen, in der Verkäuferin +korrekt gewordenen Blick. Der umwachte seine Hände, die, +äußeren Zwang noch nicht empfindend, gierig und krampfhaft +das Buch umklammerten. Da kamen aus einem Nebenraum +zwei Stimmen, sich verabschiedend und begleitend, +rasch näher. An der Verbeugung des grauköpfigen Ladeninhabers +lavierte, mit kleinen Stößen der Hüfte die beladenen +Tische meidend, ein junges Mädchen herein, von mattfarbigem +Florentiner das Gesicht überschattet. Der Laden +hatte plötzlich keine Decke mehr. Zwischen den Büchern +brachen Fliedersträucher auf. Unaufhörlich stürzten italisches +Blau und schwellende Flötenrufe durch die offene +Decke. Robert fühlte, jetzt mußten draußen auf den Häusern +die Fahnen hochgehen. „Die Fremde ist da! Erlösung! +<!-- page 021 --> +Die Fremde ist da!“ brausten Chöre in ihm. Frommes Gebet +sandte milden Weihrauch empor, der die Augen feucht beizte. +Zwei Schritte nach vorn, das Buch fiel. Wie sanft abfahrendes +Dampfschiff entglitt der Raum nach rückwärts. Hinter +ihm lag schon die Tür. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen +Vertrautheit. Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich +jedoch nicht vom Wege. In dem Handdruck, den sie ihm bot, +floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die Leere verronnener +Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen. +In gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die +Straße hinauf und schlug den frühlingskalten Asphalt in +halblautem Gleichklang. Gespräch sprudelte aus Robert, klar +und wild, wie Quelle aus längst versiegtem Gestein. Hilde +Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu +löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus +mystischer Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl +lange geahnten Halt gebend, freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen. +Damals in Sehnsuchtsstarre in die Säule des +Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille +erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte. +Über von sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich +von geeigneter Umgebung angewandten Zwang, +Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu tragen, über +den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch eingehämmerten +Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein, +ja über die instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten +Manteltasche flutete in Wogen das Vergessen. Hilde +Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit im +Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr. +Er ging, ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen, +<!-- page 022 --> +seinen Körper so leicht und schwingend zu fühlen. Als sie sich +trennten, lud Hilde Sintram ihn zu Gast. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem +Tage Robert über die Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter +Kressesamen. In seiner Rockärmel glattpolierten Aufschlägen +sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die Sonnenreflexe +sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich +gewahrend senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein +Lächeln begann den Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste +am Waschtisch früh ward neues, seltsames Instrument. Die +angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe, schnappend sonst +und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend, +ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte +Wurstpellen. Nur leise, fernsten Horizont umfahrend, segelte +Gedanke einer Katastrophe auf. Ein Klirren in ihm, ein +Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden Rücksichtslosigkeiten, +die sich drängend zum Riesenwall in ihm +türmten. In den Nächten, wenn der Mond schief gegen das +Haus stand und die Wasserflaschen unter seiner Berührung +verhalten zu singen begannen, brach manchmal aus der eisern +zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und versuchte, +die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten +die fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren +Mänteln vermorschtes Geschütz und geleimte Brustwehr und +stürzten die Mondwandelnden durch beherzten Anruf in die +Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in Regeln fand +schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer +Seite trostlos aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof +vor sich hin. Sich vorstellend, weit ab, irgendwo in einem +fremden Land zu sein, kam er schon nur in einen anderen +<!-- page 023 --> +Stadtteil, schlenderte Robert auch hier langsam und neugierig +stürmisch nah gewünschtem Ziele zu. Spielend schob +er es in scheinbare Ferne und betrachtete Photographenkästen +und kümmerliche Rabatten der Vorgärtchen mit Erstaunen. +Ein paar alte Bäume schliefen sich in den Nachmittag. +Zwischen den holprigen Steinen des Dammes trollte +ein Hund dem Bahndamm zu, kräftigen Pfeifens des Besitzers +nicht achtend. Plötzlich brach die von niedrigen Häuschen +unscharf flankierte, kleinstädtische Straße auf einen +Platz aus, in dessen Mitte zwischen wohlgepflegten Büschen +eine Kirche sich kühl dem Spaziergänger entgegenwarf. Abwehrend, +hinter dichtem Baumbestand lugten einiger vornehmer +Villen Kalkputznasen rings um das große, ovale +Rondell auf den Fremden. Auf schmalem Schild zeilte sich +ebenmäßig und unverschnörkelt der Name Sintram. Schon +die Hand zur Glocke erhebend ließ Robert sie plötzlich wieder +sinken. In der Kirche schwoll ein Choral und drang durch die +mattglimmenden Scheiben. Hingegeben traurigem Gesang +schienen die Worte im Munde der Sänger süß sich zu färben. +Dann rauschte Orgelton auf, gewaltiger Konfession voll: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Mors stupebit et natura,</p> +<p class="line">Cum resurget creatura,</p> +<p class="line"><a id="corr-2"></a>Iudicanti responsura.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Liber scriptus proferetur,</p> +<p class="line">In quo totum continetur,</p> +<p class="line">Unde mundus iudicetur.</p> +</div> + +<p class="noindent">Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend, +glaste vor ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit +über die Knöchel sich hoben, reckte er sich. Frei! Frei werden! +Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: „— traben hin +durch helle Lande.“ Schon schnaubten ungesattelte Rosse +apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum! +Uniform, zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes +A auf der Achselklappe?! Bange flüsterte Robert: +<!-- page 024 --> +„Laß mich gehen, Peter. Für dich, du laß mich weiter!“ +Ein Lachen schüttelte ihn. Ein fremder Soldat, aus dem +Schatten unwillig gelöst, strolchte mit einem Mädel davon. +Umwendend, die Rechte mit allen zuckenden Fingern bis in +die Spitzen fühlend, ein unerhörtes Kraftwort hell mit seinen +gesunden Zähnen zerkrachend, zog er kurz zweimal hintereinander. +Schwirrend jagte das Läuten vor ihm her. Das Haus +wich vor ihm in sich zurück. Wärme riß ihn hinein. Riesig +schien sich wie eine ewige Wand hinter ihm die Türe zu wölben. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und +senkten sich von den Stühlen vornehm und ruhig der Vater +Hildes und vorgestellte Bekannte in Verbeugung. Erwartung +umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes, Feindliches +in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe +Luft von der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in +die ihm neue Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung +hatte, wohlig fallen und reihte sich ohne Umstände ins Gespräch. +Obwohl er merkte, wie seine Worte gleich kantigen +Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn +geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer +zu Boden fielen. Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger +Hingerissenheit halb auf ihrem Stuhl und ermutigte +ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die Schläfen schwarzes +und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert, +ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung +entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen, +ausgeglichenen Wellen um die Tanzkunst einer +Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu lebhaften Anmutsstudien +aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen, +um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser, +sachlicher Unwissenheit in den behandelten Dingen +mußte er sich mit einigem Kopfnicken begnügen. Als Hildes +<!-- page 025 --> +Vater zu sprechen begann, schwiegen alle. Leicht blauten sich +die Adern an der kühn aus kurzen, weißen Haarflocken herausspringenden +Stirn und die Worte, inhaltlich von einem +klugen Sinn beflügelt, ohne auf den Kern der Sache Wert +zu legen, fielen autoritär und Verständnis unbedingt fordernd. +Aus seinem Sessel, wie mit ihm verwachsen, stieg der +elastische Körper, leicht vorgeneigt, überredete die Handbewegung, +in ihrer gelinden Krümmung Kultur und jahrhundertelange +Übung einer Kaste undemütig verratend. +Vom halblaut tönenden Munde streifte Roberts Blick tiefer +zu dem adligen, von keiner Greisenfalte zerfurchten Halse, +dem tadellosen Kragen und gedeckten Seidenschlips bis zu +den weichen Wildlederstiefeln, deren warmer Glanz von sorgfältiger +Behandlung mit allerhand kostbaren Fetten zeugte. +Robert sah auf seine Schuhe, deren linker an der Ballennaht +einen gefährlichen Riß aufwies. Aber vor dem ersten! War +doch sowieso die Wäsche noch nicht bezahlt. Und teuer +waren die Schuhmacher, teuer! Auch stand kein Ende des +Krieges und damit frischer Häuteimport bevor. Freilich die +Reichen, die Kapitalisten, die zusammen mit zünftigen Militärs +die Regie des großen Mordens übernommen hatten, sie +konnten der knappen Tage achselzuckend gedenken. Robert +hatte plötzlich das Gefühl, als röche er nach Fusel. Säße an +bierverschwemmtem Holztische mit Zimmerleuten, die eifrig +vor Zuhören die schmierigen Daumen drehten, während auf +der Tribüne des dunstverschlagenen Saales der Abgeordnete +„Sandmeyer gellende Tiraden über die Erregten peitschte: . . . +und nicht genug, daß in fremden Ländern seit Jahren Körper +unserer liebsten Menschen faulen müssen, nein, auch hier, +vor den Augen der Bourgeoisie, unseres schlimmsten Feindes, +krepieren unsere Kinder und Mütter, die der Hunger zerfrißt. +Sie sitzt freilich in dem behaglichen Gemach, wo der +Kamin glüht, aber ihr seid gezwungen, durch Dreck und +<!-- page 026 --> +Regen zu latschen mit zerrissenen Stiefeln . . .“ „. . . also,“ +schloß Herr Sintram und trocknete die feucht gewordene +Lippe mit einem blütenweißen Tuch, „also ist meines Dafürhaltens +der Tanz, so er den, durch Grazie und Sitte bestimmten +Rhythmus verliert und bacchantisch, sagen wir salomeisch +zu werden beginnt, kein Tanz mehr, sondern nur eine +Ausgeburt, der das Unbeherrschte, niedrige Temperament +des ihn Exekutierenden verrät und mithin geschmacklos zu +nennen ist.“ Über die, für sein geistiges Niveau beschämende +Ideenassoziation im klaren, konnte doch Robert es nicht hindern, +daß plötzlich sein Mund haßte und sprach, hart, lauter +als nötig, die Worte an den Eckzähnen zerreibend. „Das +glaube ich nicht, Herr Sintram. Tanz ist ein Suchen. Aus +den gewöhnlichen Lagen sind die Glieder gelöst, wollen sich +nicht mehr fügen schematischem Bau. Neuer Vollendung +entgegen streben sie. Musik löst das Hirn der Tänzerin in +Klänge. Es schwindet die Erde. Wollüstig und süß befällt +Rhythmus die Glieder. Aufzucken sie. Die Arme schießen in +die Weiten. Sterne umleuchten schon nah die Fingerspitzen. +Neue Gefühle wölben die Brüste. Sanft überstreicheln sie +Welten von Brausen und lassen sie weich in sausende Luft +vergehen. Fahne, mähnig, kämmt hoch das Haar, stählern +und geschmeidig, siegende Wimpel. Nun lüftet der Fuß sich, +rascher schlägt er die Flanke, will sich vereinen mit den anderen +Gliedern, die wild in die neue Freiheit hinausjubeln. Ja, +das sahen die Schauer noch nicht. Weit gaffen die Augen. +Strahl um Strahl entschießt sehnsüchtige Begierde. Weißglut +in der Berührung peitscht sich die Schäumende zu höherer +Vollendung. Chaotisch stürzt in ihr das Bewußtsein in +Trümmer. Hic salta! Wo ist der neue Mensch? Gewinne dich +ab dem flammenden Kosmos, das du in Brand setzest. Auftreibt +noch einmal schwer die Erde, will Lende fassen und +Hüfte. Aber schamlos überrast reißen die Ketten und sie entdonnert +<!-- page 027 --> +kraftlos. Die Blicke biegen sich ab, stumpf, entglänzen +dann heller nach innen. Nebel steigen. Ruhiger türmt +sich der Tanz. Krampf sinkt. Über gefundenen Eilanden +wiegt sich harmonisch der Körper. Schaukeln ungekannt +Länder heran. Paradiese enttauchen besonnt und leise stampfend +besingt ein neues Weltall die Befreiung. So —“ Das +Wort brach Robert am Munde, als die wachsende Befremdung +rings durch seinen Rock dringend eiskalt ans Herz stieß. +Herr Sintram, eine sehr höfliche Verachtung im Lächeln und +eine Erwiderung für überflüssig haltend, machte darauf aufmerksam, +daß ein guter und bei dem naßkalten Wetter wohl +besonders willkommener Tee angerichtet sei. Gab er jedoch +während des Gesprächs Robert gastlich Gelegenheit, seine +Rede durch kluge Bemerkungen zu annullieren, blieb der +verstummt und fühlte die braune, warme Holzverschalung +der Wände, Geplauder über Scheurichs Plastikenversuche +und die tadellose Haltung des Dieners wie Herausforderung. +Hier war er Feind, den man bei Waffenstillstand höflich bewirtet, +aber man ahnte in ihm Gehässiges, Bedrohliches. Hilde +blieb tief über ihre Tasse gebeugt. Einmal, als er ihrem Vater +widersprach, ohne ehrlich der geäußerten Meinung zu sein, +nur um sich aufzustemmen, unterstrich sie ihn mit einem: +das glaube ich auch. Ihre etwas sich kräuselnden Schläfenhaare +glühten im Widerschein ihrer Haut. „Hilde — du — +wo bist du?“ Ein toller Schmerz, der ihn zersägte, trieb Robert +zu frühem Aufbruch. Hilde begleitete ihn. Schon schritt +er schweigend, geschlagen, im Rückzug noch zusammengeschossen, +die kurze Steintreppe hinab, da fragte sie: „Wir +wollen übermorgen reiten, ja? Holen Sie mich ab. Um elf +Uhr.“ Tief, um ihre Hand zu küssen, beugte er sich; aber die +hastig fortgerissene traf er nicht, so daß er beinahe gestürzt +wäre. Die Luft kroch ihm kalt zwischen Kragen und Haut. +Wie eine alte, verwunschene Burg fiel Hilde Sintrams Haus +<!-- page 028 --> +hinter ihm in den schwarzen Abend zurück. Unwillig knarrend +grinste die Gittertür. Revolten zogen mit flatternden +Bannern in ihm auf. Scharen von Gedanken, blutrot behelmt, +folgten ihnen. Die orangenen Vorhänge schwellten +sich voll milden Lichts wie zuvor. „Ihr! Ihr! Ihr erdrosselt +und knebelt. Streicht das Rohe und Wilde ab wie Schmutz. +staunend, daß es bis zu euch spritzte. O du Gebärde, du +Mund, der noch den Widerspruch als zu viel stummend in +sich steift. Aber ihr schickt Besoldete. Unterwürfige Knüppelgarde +drischt uns zu Boden! Wen habt ihr nicht gekauft? +Wen nicht? Bleibt uns als Kamerad der Zuhälter und der +verbummelte Student, der Dichter ohne Erfolg und die +Dirne, ausgepeitschte Tiere, vor denen ihr die Müllkästen +eurer Herrlichkeiten verrammelt. Die anderen bezahlt ihr. +Laßt sie zeugen für euch und laßt sie gebären für euch, steckt +sie in Uniformen und treibt sie gegen brüllende Batterien, +die armen Köpfe mit Gebeten, mit perfiden Begriffen für +eure Sicherheit zurechtgeschrotet.“ Robert erschrak so, daß +seine Beine ihm fast unterm Leibe weggebrochen wären. +Trieb die Nacht diese Blasen in ihm, die nach Kneipendunst +stanken. Er schüttelte sich. Ekel vor ihm selbst würgte ihn. +Gewölk senkte sich. Scharfrandig kantete sich klarer Äther +über ihm hinauf. Singend und ruhig zog der Gedanke Hilde +seine Bahn. „Verzeihe.“ Kratzend kam die Mauer durch den +dünnen, schon abgetragenen Hosenstoff. Müde lehnte Robert +gegen sie. Er sah zwei schwach zusammengewachsene +Brauenbogen in ernstem Forschen vor sich. Die Luft mit zitternden +Händen formend, streichelte er den sich in die heiße +Handfläche schmiegenden Wind. „Verzeih! Verzeihe!“ +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun +streunten sie durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit +dem ganzen Körper in die jungen Pflanzungen. Verhalten in +<!-- page 029 --> +Wollust fing sie in geschmeidigen Biegungen die zurückpeitschenden +Zweige auf. Oft sah es, hob sie den Fuß auf, +aus, als schösse sie damit aus der Erde, und das gleiche +Zucken war in den Haken wie im Halse. Robert folgte mühsamer, +des verletzten Fußes Widerstand in hingerissenem +Zusammenbeißen überwindend. Manchmal klatschten ihm +die Büsche über der Stirn zusammen, und es striemte blendend +auf, aber wie angeseilt trat er fast genau in Hildes Spur. +Sie sprach kein Wort. Als ob sie flüchte, schien es zuletzt, +denn rief er sie an, streckte sie wie in ängstlicher Abwehr die +Hände vor, und scheu prallte ein Blick an ihm vorbei in den +Boden. Allmählich wurde das Laufen zur Jagd. Über welliges +Terrain stürzten sie, strauchelten, verfingen sich in einer +Schonung, Heere von Brennesseln warfen sich ihnen entgegen, +gefällte Baumstämme glotzten höhnisch, und ab und +zu flog in ihres Atems sommerliches Keuchen scharf und +schneidend ein Vogelruf und sauste annagelnd wie ein Pfeil +durch die Hirne. Plötzlich sprang der Wald vor einem glatten, +breiten See in sich zurück und umlief ihn buhlerisch mit +den tastenden Fingern heller Sanddünen. Erst als ihre Schuhe +in feuchtem Boden versanken, blickte Hilde auf. Die Wasserweite +rauschte hoch gegen sie und erschlug ihre Augen, so daß +sie sich umdrehte und dunkel und rot aufflammte vor Roberts +staunendem Erstarren. Er blieb von ihr fünf Schritte. +Eine Zärtlichkeit überwältigte ihn. Ohne Maßen schaute er +auf Hilde, und die verborgenen Bekenntnisse blühten ihm in +die Lippen, daß sein Gesicht vor deren Blut die Farbe verlor +und klein wurde, spitz und demütig. Der See sank und hob +sich hinter Hilde. Die fernen Küsten unterliefen silbern ihre +Achseln. Sie sah den Mann, die Bäume, die Luft, die schwang +und sie umwirbelte. Breit schlug sie die Arme auseinander +und nagelte sich rückwärts gegen die Sonne. Von ihren Fingern +zuckten die Strahlen. Von allen Seiten schoß das Begehren +<!-- page 030 --> +nach Sein in sie. Qualvoll reifte gewaltig in ihr eine Welt und +stieg vom Schoß zum Herzen. Ihr Mund begann zu tönen: +</p> + +<p>„Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist +geboren in der Tiefe des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend +durch die Stürme der Jahrtausende zum Licht?! Ich +bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst wie die Wolke, +heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die +Angst, die den Henker umsteht. +</p> + +<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde +Fahne umbraust mich mein tödliches Haar, liebliches Lied +umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm zischt mein +Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen +stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand +von der Tafel des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe +am Gelenk. Zackig droht sie und verspritzt sich böse in Haut. +Aber zwischen Kuß und Schauen stand die Furcht. Denn +wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab +ins Leere! +</p> + +<p>Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir +fällt, verdeckt es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin +Himmel. Wer in mich eingeht, dem verrauschen die Stunden, +verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz meiner Pracht. +</p> + +<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das +Meer und das Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche +und segne, ich erhebe und verfluche. Ich, ja, Göttin, die +Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust, ja, ich verfluche. +Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand +komme, mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu +teilen, niemand komme, behaglich zu weilen; niemand flehe, +niemand bete. Nur da sei er. Ganz! Ganz! Wie ihn die Mutter +erschuf. +</p> + +<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer +kommt ohne Reue und Last, ohne Blick zur Seite und Fragen. +<!-- page 031 --> +Nur, wen die Sehnsucht gegen mich aufbrennen läßt, +daß er Eltern und Erde, Erbe und Enkel verlachend vergißt +und taumelnd und groß, glühend die Schläfe und die Gedanken, +sich neben mich in den Horizont stellt, nur dem +beuge ich meine Lippen entgegen. Denn ich bin die Erde, ich +bin das Erbe, ich bin das lohende All, der liebende Gott, dem +nur ein Reiner ins Antlitz sieht. Nur einer, der ganz ist. +Ganz, wie ihn die Mutter erschuf! Der aber das nicht ist, +der wird Schmerz und Asche. Schlacke der Zeit stickt ihm +die Kehle. Tief stürzt er den Sturz, jahrelang, bis er im Abwärtssausen +verweht!“ +</p> + +<p>Schlag um Schlag hatten Hildes Worte den Tag, der wie +ein orgeldurchströmter Dom über ihr und Robert stand, in +Stücke gespalten. Vor Robert schien sich ein Vorhang zu +senken. Eine Weile noch schimmerte das Licht von Hildes +hellem Kleide hindurch. Dann lagerte er in trüben Wogen +zwischen ihnen. Auf seinem Tuch aber erglänzten wie Stickereien +und kindliche Symbole Bücherberge, gestürzte Lafetten, +ein Menschengewimmel um Rednertribüne, schlanke +Tänzerinnen, ein Reiter in einem Saatfeld kam von weitem +geritten, wurde größer und hielt schäumend an, Peter, seinen +Kopf in der Hand darbietend, Rauch, von Schüssen durchblitzt, +wurde weiße Wolke, öffnete sich über fliederumduftetem +Teetisch in Hildes Villa — oh — — — +</p> + +<p>„Ganz, wie ihn die Mutter erschuf!“ +</p> + +<p>Hilde schien weitab auf einem Berg zu stehen. Blinkte +etwas. Schoß wie Haß vom Boden sich ab. Auf Roberts rechtem +Schuh war der Lack von einem Knopf gesprungen. Gelb +grinste der Entblößte. Rüster beschien er in seiner Nachbarschaft. +Und armselig der Geste und dem Wink der Armut +unterlag Robert außen wie innen. Er sah nicht, wie die Muskeln +Hildes erwartend sich dehnten, sich um ihn zu schließen. +Zusammenzufallen, wie eine geflickte Pappe fürchtete er +<!-- page 032 --> +jeden Augenblick. Der Gaukler in ihm, geboren aus Programmen +und Traktätchen, Parteien und Idealen, kümmerlich und +buntscheckig, ein Scheusal, tanzte sein Menuett der Ohnmacht +auf der im Keim sich schon ertötenden Tat. Unwürdig! +hämmerte ein Wort in ihm. Lähmendes Gift troff es +bis in die Spitzen der Finger. Und die Barriere der Nichtachtung +seiner selbst querte sich teuflisch vor ihm auf und +wuchs schwarz zum Ararat. Unwürdig! Unganz! Zerfressener, +was kannst du wagen? „Zu dir ja zu sagen!“ tönten +Chöre unsichtbar über den Wellen. Proletarier! Paria! Wachsend +Verwachsener! Rühre nicht an den Gottesbezirk! +</p> + +<p>Steif stand er, schwärzlich, verlegen, ein verbrannter Kreuzespfahl, +unselig, in der Landschaft. +</p> + +<p>„Ewig bin ich. Ich warte. Ewig bin ich da. Ich warte auf +dich!“ Tanzend verlor sich Hildes Gesang und spannte sich +hinter ihr wie ein Segel über den Strand. +</p> + +<p>Robert wandte sich. Unendlich langsam. Mit jedem Ruck +mußte er die ganze Welt mitziehen. Aufgellend jagten ihn +schließlich Gewitter vom Ort seiner Entscheidung. +</p> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">In der Nacht formten sich alle lungernd hingebrachten +Stunden, Sorgen um Brot, Graupen und einfaches Bier, verwirrtes +Augensenken vor gewaltigen Versen, rätselhafte Erschütterung +im Übersturz der Musik und der sicheren Haltung +des wohlgekleideten Nachbarn in der Elektrischen zu +einer Wolke von Haß, die undicht kaum das Bündel Blitze +in sich halten konnte. Überreizt und hell strahlte Bewußtsein +auf, Erkennung seines Proletentums, von allen ausgenutzt, +Brandmarkung der Geste des Rebellen, in der Ohnmacht +verachtet, im Sieg noch verlächelt. Aber hervortreten +wollte er wie ein Gott, Schrei von Millionen in der Kehle +fühlend. Ging nicht das Beste, was der Gegner besaß, seine +Frau, zu ihm über? Zweifelte sie nicht schon an der Unerschütterlichkeit +<!-- page 033 --> +ihrer Himmel, da sie an seiner Seite nicht +die beschwörende Bewegung der Distance machte? Wehte +nicht schon ihres Haares feindliche Fahne ihm zur Seite? +Spitz über das Deckbett hinweg stieß der Mond seinen +Lanzenschaft ihm zwischen die Augen. Pfui! kroch eine Antwort +auf. Mütterlich drohender Sonnenschirm in einer Landschaft +silberner Pappeln verwies ihm mürrisch weggestoßenen +Arm, den er über eine Brücke zum sichern Geleit ergreifen +sollte. Hilde vertraute. Gab es mehr als das auf der Welt? +Nie war ihm seit der Versteifung im Betrieb studentischer +Fatzkereien anderes als Reserve zuteil geworden. Vertrauen, +köstlichstes der Betten, matte Sinne darin kühlen zu lassen. +Vertrauen, einzige Rechtfertigung, aus der Taten entspringen, +Vertrauen, für mich! Für mich! Dunkle, Junge, Jungfrau, +du glaubst? Glaubst, daß ein Wort von mir ehrlich, +nicht im Atem, fremden zu schlucken gewohnt, verseucht, +seelischem Aufbruch, klar von Verdrehung des Geistes bis +zu den Lippen entrönne! Also gibt es doch irgendwo Betrug. +Recht für den, der ihn richtet. Neu gebiert sich Welt in mir. +Göttliche Schwinge des Menschen ruht in deinem Kopfneigen, +Fremde du, Ruth, Hilde, Ährenleserin! Daß die Knie +vom Sturz brannten, stürzte Robert auf den Fußboden. +Eisen die Hände zusammengeschmolzen floß über sie Beten. +Aber an den stammelnder werdenden Worten schlich sich +etwas vorbei und kollerte aus den Zähnen. Meckerte. Willig +gaben die Wände Hall. Entsetzt stopfte Robert die Zunge +vor. Es steigt auf. Hi! Hilde, hilf, Hilde, du, zeuge mir Gott! +Inniger spannten die Schenkel in Beugung frommes Unterworfensein. +Hi — Hi — hihihihi! Hihihi! Unterirdisch barst +das Lachen aus Robert. Die Stube wandelte es in ein Dröhnen. +Große Pauken die Ecken trommelten es zurück. Flatternd +das Hemd, den Hals aus dem losen Kragen vorgeworfen, +riß es Robert in die Höhe. Mit einem Male brach es ab +<!-- page 034 --> +und über Krater und Schlacke letzten Versuchs stieg es wie +Rauchgekräusel, zittrig und unsicher, um erst hinter den +blutlosen Lippen brüllend aufzutoben: „Sentimentalitäten!“ +Und mit dem Bewußtsein im unerbittlichen, endgültigsten +Zweikampf seines Lebens untergehen zu müssen, wurde er +von dem Gedanken daran niedergehauen. — +</p> + +<p>In sein Hirn schrieb der immer noch wache Mond vor +kurzem gelesene Verse eines Bruder-Dichters: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">„Unwürdig zu Füßen dem Weib,</p> +<p class="line">Der unerstürmten Belacherin, Lebensverwüsterin,</p> +<p class="line">Heute zertrampelt von Launen,</p> +<p class="line">Scheinmorgen borgend aus gnädigen Worten</p> +<p class="line">— Liebe ersehn’ ich, endlose Liebe.“</p> +</div> + +<p class="tb">* *</p> + +<p class="noindent">Und plötzlich, wie wenn ohne zu zerfallen von einer Mumie +sich die Hülle löst, stieg von Robert die Kontur seines Körpers +auf und dehnte sich schwach in die halbhelle Stube hinein. +Allmählich gerinnend setzte sie sich auf den Bettrand. +Zog die Kleider an. Robert, erst unsicher blinzelnd, fühlte, +wie unter den flinken Gebärden ihm die Hose am Leibe aufwuchs, +feste Stiefel sich unter hastig zuschnürenden Händen +um die Fußgelenke preßten. Dann stand er auf und ging und +nahm vom Garderobenhalter seinen Mantel, einen einfachen +grauen Militärmantel mit der eintönigen Unteroffiziersborde. +In den Straßen brannten grün und traurig die Laternen. Alle +Läden waren verhangen. Der Restaurants gardinenverhüllte +Riesenscheiben ließen nur die verzerrten Gebärden essender +Menschen phantastisch auf und abschnellen. Der Himmel +schien wie ein bleiernes Dach, in das quadratische Lichter +die Sterne gerissen waren, dicht auf den Häusern zu liegen. +Die Robert Entgegenkommenden glitten ohne den beruhigenden +Klang des Auftretens an ihm vorüber. Manche Münder +schienen in verhalltem Schreck noch aufgerissen. Ein Schlächtergeselle +<!-- page 035 --> +mit einem eisernen Kreuz und einem Holzbein lud +riesige Blutstücke Fleisches auf einen Karren. Als Robert +näher kam, sah er, daß es menschliche Rümpfe waren, die +in den Landesfarben angestrichen und sorglich danach geschichtet +waren. Unvermittelt rannte er an Peter, der mit +Hilde am Arm um die Ecke bog. Robert mußte lächeln, als +er Peters lackiertes Koppel sah. War der Frackmensch in dem +auch im Dragonermantel noch nicht verwandelt worden? +Kokett blitzte der halbschwarze Dolch an der Hüfte des +Schreitenden. Hilde hielt den Kopf tief in den Pelz ihres +Mantels gesenkt, als sie in den hellen Festsaal der Riesenbar +traten. Weiß die Tische leuchteten wie Inseln zwischen den +dunkeln Anzügen der Herren. Die kühnen Reiherfedern der +Damen überwippten hastig schnell vorwärts geworfene Gespräche. +Zigeuner, schemenhaft mit ihren Gebärden dem +steigenden Körperdunst verflossen, zogen die Laune der Tafelnden +durch ihre Geigen und spritzten sie gleich schattenhaften +Wolken zu Wänden und Decken. Sekundenlang flirrte +das Gläserklirren, voll innigen Druckes der neigenden Hand +entsprungen, erhaben wie göttliche Stimme über dem zufälligen +Lärm unkontrollierter Geräusche. Robert fühlte tiefen +Willen sich in sich senken und ward keck ermuntert durch +ein flammendes Transparent, das quer und glühend über +einen Wandfries strich: „Wer hier eintritt, wagt das Alte. +Stirb’ oder morde, es gilt gleich. Schon das Heute ist Verrat. +Lebe, Hochverräter!“ Peter beugte sich vor: „Nun bist in +der „Neuen Zeit“. Ein prächtiges Lokal. Zugleich Fegefeuer +und Paradies.“ Traumhaft sicher schritt Hilde zu einem +Tisch, dessen drei Gäste bei ihrem Nahen in milden Umrissen +wie leichter Rauch in die vibrierende Luft eingingen. +Schweigend aßen die drei. Neu wuchsen stets kleine appetitliche +Berge auf den Tellern. Weinhauch von links und rechts +überstürzte die Köpfe. Höher hob Hilde die lebendurchschauerte +<!-- page 036 --> +Stirn, um deren Schläfen natürliches zaushaftes +Vorbauschen des Haares den Glanz der Haut zu kosendem +Halbdunkel abschwächte. Von den Nebentischen stieg ruckweise +Gesang. Hastiger glitten die Kellner unter seinen +Peitschenhieben. Plötzlich folgten vor Roberts Antlitz alle +Gebärden blitzschnell und kaleidoskopartig. Peters Gesicht +verzog sich in Zuckungen. Rasender, wie unter dem Strom +gewaltiger Elektrisiermaschinen, zappelten ringsum die anderen. +Als es wieder abzuebben begann, saß Hilde zurückgeworfen +im Stuhle, eine staubige Dornkrone im Haar, die +Brauen wie Siegesbogen zu einem Ruf gewölbt. Robert beugte +sich vor. „Diesmal entziehen Sie mir Ihre Hand nicht. Es ist +ja nicht wirklich und wahr.“ Ein Strom Sekt schoß klatschend +zur Decke. Eine kleine Narbe, weißlich, mit einem +roten Punkt in der Mitte, zackte über gebräuntes Handgelenk. +Wie Kristall schäumte hart gewordene Kruste des +Schaumweins am Plafond und sammelte alles Licht über +Hilde. Tauchte sie bis zum Hals in eine Gloriole „Nein! +Denn es ist nicht wirklich und wahr!“ Und schmal und +zuckend, bis an die warme Haut Bejahung pulsend, legte sie +die ringlose, schmucklose Hand einer biblischen Jungfrau in +die begehrende des Mannes. „Nicht wirklich und wahr?“ +Peter brüllte es, stand mit einem Mal auf dem Tisch, zwischen +umgestülpten Tellern und zerlaufender Sauce; Reiterstiefel, +in Dreck gesudelt, Blut vom Ritt an den Sporen. +„Bande! Fresser! Sauft ihr Halunken, wo uns Bajonette die +Eingeweide zerschlitzen, wir Hänge voll Toter überqueren, +aus Leichen Schanzen erbauen?! Weich picken die Kugeln +hinein. Tanzt ihr schon über uns in die neue Zeit hinein? +Bricht euch nicht der Schaum aus den Lefzen, wenn ihr +pensionierten Admiralen Zustimmung heult! Wartet und +seht. Denn die Rache höret nimmer auf.“ +</p> + +<p>Überall standen erschreckt Aufgesprungene. Die Frackhemden +<!-- page 037 --> +knackten in der Stille. Peter fiel das Haar vom Kopf. +Sein Gesicht wurde grün. Rock und Kragen schrumpften zusammen. +Lehmgrau kroch über den Mantel. Peter schlug ihn +zurück. Er war nackt darunter. Verschmutzte Rippen ragten +fast bloß. Stachen gemein heraus. Grauenhaft aber lag im +Bauch ein entsetzliches Loch, eitrig umfranst, durch das +langsam wie aus einer Wurstmaschine sein Eingeweide quoll. +„Hier, das wird euch nicht vergessen. In eure Mahlzeiten +schlage entsetzliche Erinnerung. Die Toten sind da, sind um +euch, in euch. Sie kommen.“ Er pfiff auf den Fingern. Der +Ton schwang lange in der nachfolgenden Stille. Robert hörte +den Wein rings kleine Blasen treiben. Dann zerplatzte die +große Scheibe, die auf die Straße führte, ein straff gespannter +Seidenvorhang. Draußen stand lautlos, wie im Sprunge eine +Schar Krüppel, verschlissene Militärmützen auf struppigen +Schädeln. Langsam hoben die Gäste die Blicke, starr, des +Kommenden bewußt. Wie ein Wetter hing die unbewegliche +Wolke phantastischen Elends überm Eingang. Da ging aus +ihr ein Stab hoch, dünn, mit einer roten Kuppe wie ein +Streichholz. Schwellend knatterte sie auseinander, eine riesige +rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <a id="corr-3"></a>Ungeheuere in +den Saal. Krücken fielen über weinrote Gesichter, im Schreck +verklammt stickte an einem hineingestoßenen Armstumpf +ein gigantischer Fresser; ein blinder Ulan hatte ein Mädchen +erwischt und hielt sie am Hals. Er quietschte: „Ein süßes +Tierchen. Ich hab’ ein süßes Tierchen.“ Chaos von Schreien, +Schüssen und Mord dampfte auf. Peter aber blies auf einer +Kindertrompete: „Wer will unter die Soldaten?“ Nach +jeder Zeile wischte er sich über die Augen. Denn an der Decke +der Sekt hing nun wie ein Geschwür und tropfte ihm schwarzgalliges +Blut über den Totenschädel. In das Gemetzel um +Robert spielte von weitem ein Ton: Denn es ist nicht wirklich +und wahr. Da sah er, wie Hilde aufstand und wandelte. +<!-- page 038 --> +Er folgte ihr. Wo sie hintrat, klaffte im Tumult eine Gasse +auf. Im Schwung steif gewordene Schläge, verwundetes +Krümmen und gierig greifende Arme standen grotesk und +unbeweglich, ein schauerlicher Wald erfrorener Flüche zu +Seiten ihres Weges. Ihre Kinderschultern glitten hindurch. +Auf der Straße lag im zerbrochenen Scheibenglas ein Sternstreifen, +den sie betrat. Im flüssigen Glanz stieg sie, die Füße +silbern überschüttet, hinan. Leichte Luft bauschte ihr Kleid. +Robert, die Lichtbahn berührend, fühlte sich entkörpert. +Doch riß in ihm eine wütende Sehnsucht ihn vorwärts. +Höher klomm Hilde, sicherer immer den Fuß in die Luft +setzend. Eines Fabrikschornsteins dicker Kopf summte vorbei. +Schon verloren die Häuser ihre Etagen und drohten +dunkle plumpe Quadrate. Rückblickend sah Robert des Pfades +Ende in einem kleinen Feuerkreis, überzuckt von spukhaften +Strichen, verschimmern. Vor ihm aber wuchs Hilde +in eine Landschaft hinein, deren brauner Sand hell unter den +Tritten der Kömmlinge knirschte. Meer rauschte an unsichtbare +Küsten. Buschige, saftigen Grases behangene Dünen, +von buntfarbigen Zelten überragt, bauten sich auf. In +milden, zart verästeten Bäumen schrieen Papageien. Ein Bär +trottete heran, schweren Ganges, und rollte demütig vor +Hilde zur Erde. Sie wandte sich. Aus den Dornenspitzen +blühten weiße Winden und schlugen ihre Stirn mit lieblichem +Mandelduft. Sie breitete Robert, ein jung geborenes Lächeln +über erlöst entspanntem Kinn, die Arme entgegen. Der stieß +sich von der Sternenleiter ab. Schwang sich ans Gestade des +Eilandes und stand dicht vor Hilde. Sie schloß leicht die +Augen und über ihrer Nasenwurzel pochte erregter das Blut +durch ein glasblaues Äderchen. Zum erstenmal glaubte Robert +sie wirklich zu sehen. Als ob alle Träume aus ihm getreten +und Körper geworden, war sie das einzige Gefäß seiner +Sehnsucht. Nun blickte sie ihn an. Die Augen brachen auf +<!-- page 039 --> +wie das erste Lächeln eines Weib gewordenen Mädchens. +Gingen durch ihn hindurch, senkten sich, schmerzlich-süße +Sonden, tief in seine Seele und tasteten milde über das Harte, +Verkrüppelte, das dort steinig und boshaft unter dem Gerümpel +ausgelebter Tage knollig wuchs. Robert fühlte, wie +ein Schluchzen in ihm aufging. Rings rieselten Wasserfälle +lösender Tränen. In den Ohren begannen Glocken zu läuten. +Gewaltig wie eine Prozession breitete sich das Bewußtsein +von Reinheit und Heiligung in ihm aus, überfloß alle Widerstände +und funkelte so in seinen Augen, daß ein Leuchten +auf Hilde fiel. Flammender begann die Sonne ihre Strahlen +um ihren Kopf zu teilen, das Firmament donnerte innig +näher, zu harmonischem, überirdischem Schrei schmolzen die +frei schwingenden Lebensrufe der gefundenen Insel zusammen. +In erster Gewißheit, würdig zu knien, beugte sich Robert. +Da stand, von rissigen Flügeln überschattet, haßklingend, +stampfend mit kreischenden Angeln im dürren +Bein, Peter neben ihnen. Alles Licht stürzte in die Tiefe. +Grünlich schwelte fernes Mondfeuer auf zackigem Gestein. +Hilde, erloschenen Sieges, lag in zusammengebrochenem +Bettel. „Nur die Toten leben, vergeßlicher Knabe.“ Schwarz +brach’s aus Peters stockfleckigem Grinsen. „Tat, die du geschworen, +Tat, die in dir reifte, unser Zerschellen nicht müßig +zu verlangweilen, wo bleibt sie? Gesinnung war Schwur. +Lebe, Hochverräter!“ Und wieder entblößte er die Wunde, +ward kleiner und zerlöste sich. Nur der gräßliche Kreis des +Bajonettstiches hing wie ein Signal in der Luft. Da schwoll +in Robert ein Grauen vor dem Unentrinnbaren, daß er mit +beiden Armen besinnungslos um sich schlagend auf den Boden +fiel und fiel, fiel, fiel und deutlich verzuckend Hildes +suchende Hand, fiel, die Bewegung kurz geworfenen Halses, +fiel und fiel, Sausen, nur ein endlich Aufhören, Ende, und +fiel — fiel — — — — — +</p> + + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"> +<img src="images/reklame.jpg" alt="Reklame" /> +</div> + +<div class="trnote"> +<p class="center" id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p> </p> +<p style="text-indent:0"> +Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. +Lediglich die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... „Canadian <span class="underline">Pazific</span> 120 Prozent.“ Wie wundervoll ...<br /> +... „Canadian <a href="#corr-1"><span class="underline">Pacific</span></a> 120 Prozent.“ Wie wundervoll ... +</li> + +<li> +Die 3. Zeile des 4. Verses des <i>Dies Irae</i> ist im Original weggelassen, findet sich aber in späteren Ausgaben:<br /> +... <a href="#corr-2"><span class="underline">Iudicanti responsura.</span></a> ... +</li> + +<li> +... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <span class="underline">Ungeheuer ein</span> ...<br /> +... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <a href="#corr-3"><span class="underline">Ungeheuere in</span></a> ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL *** + +***** This file should be named 39126-h.htm or 39126-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/1/2/39126/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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