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+The Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Rebell
+ Novelle
+
+Author: Manfred Georg
+
+Release Date: March 13, 2012 [EBook #39126]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Die Neue Reihe
+Band 24
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+Manfred Georg
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+Der Rebell
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+Novelle
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+1921
+München
+Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
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+Geschrieben im Winter 1917 für H. S.
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+Als Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich entlassen sich wieder
+in den Fluß seiner Studienjahre schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie
+auch viele andere, mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine
+Erinnerungen schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger
+Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst die Quelle von
+friedlich lebenden Kameraden bewundernd gehörter Abenteuer, kamen ihm wie
+in süßlichrosa gebundene Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und
+Klublokalen hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder verkohlte
+Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser auf durchschrittenem Pfad. So hatte
+er nichts, was ihm wert genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz
+entschlossen verkaufte er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts
+in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein Bankgeschäft ein.
+
+ * *
+
+Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben. Untergeordnete
+Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld. Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte
+er schon einen Listenbogen vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und
+der unregelmäßige Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte
+mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog sogar manchmal
+begütigend den Kopf zur Seite, als suche er dort etwas.
+
+ * *
+
+Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe von Wertpapieren
+zu registrieren hatte, auf seinem Platz. Wenn er abends gegangen war, holte
+sie ein Bote und brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten
+Halle, die von einer breiten Straßenfront helles Licht erhielt, gemessen
+und abgetönt zu. Die Kunden kamen und sprachen leise, mit vornehmen Gesten;
+selbst die erst kürzlich in diese Gesellschaftsklassen Arrivierten dämpften
+Stimme und eckige Gebärde, wenn sich die Prokuristen mit leisem Klingeln
+echt goldenen Armbands verbindlich zu ihnen neigten. Der Schallfänger an
+der Tür verschluckte in seinem Filz andrängendes Geräusch des Fahrdammes.
+Einmal, erinnerte sich Robert, war ein Postbote auf der Schwelle stehen
+geblieben. Da war das Weinen eines Kindes, dünn und spitz,
+hereingeflattert, hatte sich in die vernickelten Deckenbirnen gehängt und
+war dann in trostlosem Trillern über die erstaunten Beamten gestürzt. Alle
+hatten gelauscht. Sogar die Schreibmaschinendamen hatten hilflos schon zum
+Druck gebogene Finger entspannt. Dann war's vorbei. Und schwer strömte die
+Stille weiter über Blätterrascheln und unterdrückten Husten.
+
+ * *
+
+Robert mußte manchmal lachen, wenn er daran dachte, er habe einst
+Vasaristudien getrieben oder als Schüler berühmter Gelehrter heißen Kopfes
+über platonischen Dialogen gesessen. »Canadian Pacific 120 Prozent.« Wie
+wundervoll nichtssagend war ihm dieses Papieres Name. Höchstens daß er
+dabei an Lederstrumpf und Büffel dachte. Seine Erinnerung verwirrte sich
+wieder und er riß sich zusammen. Geriet er in die falsche Zeile, war die
+Mühe einer Stunde vergebens.
+
+ * *
+
+Gleichgültig aß er um zwölf Uhr sein Frühstück. Ohne Sehnsucht dachte er
+dann an Vergangenes. Wie schien ihm alles in flacher Linie zu liegen,
+winzig, nicht des Gedenkens würdig zu sein. Seine literarischen Versuche,
+sein erstes, nicht erfolgloses Auftreten in der Öffentlichkeit, sein heißes
+Werben um Sinn und Erfassung der unsterblichen Meisterwerke, -- Robert
+grinste häßlich über die geläufige Folge dieser Phrasen, die in seinem
+Kopfe automatisch abrollte. Nur ganz fern, weit in der Traumzeit seiner
+Gymnasiastenjahre leuchtete der Freundin Cornelia ernstglatte Kinderstirn
+leicht und weiß auf.
+
+ * *
+
+»South India Railway«. Herrlich schrieb sich das Wort. Er verstand gar
+nichts davon. Unbestimmt wogte Ahnung in ihm von braunen, schwitzenden
+Arbeitern, die in Sonne getaucht für die Besitzer der Aktien frohnten. Dann
+ballte sich Roberts Faust. Aber scheu und ängstlich löste er sie sofort
+wieder, so daß das Blut aus der rissigen Daumennarbe gleichmäßig in die
+Handfläche strömte. Nicht zornig werden. Nicht die Fäuste krampfen. Sonst
+kommt es wieder; kommt das entsetzliche Wirrsal wieder. Die Buchstaben
+»Depositenkasse« spazierten im Halbkreis rund und goldig auf der matten
+Glasscheibe. Hinten in einer Ecke diktierte der Filialvorsteher heiser und
+mürrisch einen Mahnbrief. Die Worte fielen ihm trocken, versengt aus dem
+Mund.
+
+ * *
+
+Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von Messines. Von der Höhe
+entlud er sich schwarz und abfallend auf die Landstraße. Robert hielt
+mitten in seiner Schwadron hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte
+nervös auf das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am Gelenk.
+Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick abmarschiert, kam
+nicht. »Absteigen!« flüsterte Befehl von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner
+glitten zur Erde. Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu
+den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden Peter, der neben
+ihm hockte und Unverständliches murmelte. Die Karabiner, geprüft, knackten
+wie scharf zertretenes Holz. Langsam verlor sich das Schnauben der
+zurückgeführten Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind
+gebetet in verquollenen, verschluckten Seufzern, hüllten sich in die dunkle
+Stille. Da schnitt ein Signal sie entzwei, sie riß und zerkrachte in einem
+kollernden Gebrüll der Aufstürmenden. Sie schrieen vor Angst, Wut und
+Verzweiflung. Robert und Peter bebten Seite an Seite den Hang hinauf,
+willens, den niederzustechen, der nicht in gleicher Richtung rannte wie
+sie. Wie ein Rudel entfesselter Tiere sprangen rings von Grabenscheit und
+Brottasche umflogene Schatten mit ihnen. Da, als ihr Keuchen schon fast
+schaumig um die schartenzerlockerte Kirchhofsmauer brandete, setzten sich
+die dahinter zur Wehr. Peter tat einen seltsam hohen Sprung nach vorn und
+klumpte schief zusammengestoßen auf einen Haufen. Einen anfeuernden
+Feldwebel, dem Schweiß und Blut unter zerbeultem Kuppenhelm über das
+entstellte Gesicht troffen, mit dem Fuß zurückstoßend, beugte sich Robert
+über den Freund. Der schrie, wild, hoch und haltlos, grotesk die Hände auf
+den Unterleib krampfend. Dann riß er sich die Kleider auf. Gräßlich lag die
+von zackigem Geschoß gerissene Wunde bloß. Robert stand, die Hände steif,
+unfähig sich zu bewegen. Flau kroch ihm ein Ekel über Gaumen und Schlund.
+»Hilf mir!« brüllte Peter und sucht entrinnendes Gedärm in den Leib
+zurückzustopfen. Kasernenparaden, Abschiedsjubel heldisch aufgeblasener
+Backfische, die salbungsgeschminkte Miene des Oberlehrers Drews bei
+Erläuterung des dulce et decorum hetzten sich bunt in Roberts schwindelnden
+Sinnen. Er röchelte, als er des fetten Pensionswirtes schmatzenden
+»Endlich« gedachte, da die Depeschen der Kriegserklärung über den
+Kaffeetisch flogen. »Hilf mir!« Peters Heulen brach an den schmerzgepreßten
+Zähnen zusammen. Da mußte Robert grinsen vor Leid. In ihm schwoll
+Tränensturm tobend hoch. Ein schreckliches Lachen floß ihm breit heraus,
+als er die Reiterpistole vom Gurt riß und dem sich in Todeswehen bäumenden
+Freund mitten zwischen die entsetzten Augen schoß. Dann stürzte er um, mit
+dem verzerrten Gesicht tief in eine zertrampelte Kotlache schlagend.
+
+ * *
+
+Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben scharfe Schläge die
+hohe, steife Standuhr in den Saal warf, aufgeregt die Bureaufräulein an
+Robert vorbei, Sehnsucht nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder
+einem friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen in den
+Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz auf den für zwanzig Dienstjahre
+von der Bank gestifteten Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen
+nach. Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl soeben
+gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm durch Schlüsselrasseln seinen
+Unwillen über Roberts Hindämmern vor schon aufgeräumtem Tisch
+demonstrierte, erhob sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ
+ihn nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern.
+
+ * *
+
+Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten Zimmers vor dünnen
+Stullen und verpanschtem Bier, hob er manchmal den Blick. Glaube, ein
+Wunder müsse geschehen, erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen
+die Rauchfahnen der städtischen Fabriken von Ost nach West über die Giebel.
+Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern. Die Geranien,
+verblüht, lösten sich und ließen leise ihre Blätter in die Tiefe segeln.
+Die tanzten eine Weile, wie nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im
+dritten Stock schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig mit
+Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden empor. Robert sah zu,
+wie sie ihm die breit auf den Tisch gespreizten Finger überflutete.
+
+ * *
+
+Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte mechanisch mit dem
+Haken gegen die Seitenlehne. Summte bisweilen. Falsch und eintönig
+irgendeine Wortfolge. Allein, alleine, heute alleine, morgen alleine. Und
+Zorn schwelte langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum? Warum
+nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war und noch immer Krieg
+im Land? Laß die Toten die Toten begraben. Kann ich dafür, daß er fiel?
+Kannst dafür, kannst dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes,
+wohltuendes Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit
+zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden, widerliche
+Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben Zeit wieder hundert Peter
+herum und versiegen in Blut und Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur
+schreien. Nein, nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte
+so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust den Mund. Mitten
+zwischen die Augen. Und hatte doch mit mir Reifen gespielt und Flitschbogen
+geschnitzt. War hoch auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte
+mir Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön ist es auf der
+Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind zu malen, sind zu malen.
+Himmelherrgott, bin ich denn verrückt? Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb
+ein Streichholz an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den
+wenigen Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit zu
+kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß ihm. Gerede, Rethorik,
+Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu denen mit Feuerzungen gesprochen wurde,
+tanzten vor Jubel bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und
+ersoffenen Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und Westpreußen,
+Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo er im Nervenfieber vierzig lange
+Tage auf dem schweißdurchnäßten Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben
+gebangt. Scheu hatte er sich in die Kissen gedrückt, wenn die Nebenmänner
+starben. Bis ihm der schrille Schrei Mutter in allen Sprachen geläufig und
+der einwickelnde Griff der Totengräber eine technische Fertigkeit geworden
+waren. Robert drehte hastig das Licht aus. Schlafen, Ruhen. Wohlig das
+Schmiegen der Kissen auskosten. Nicht denken. Alles ist doch gleichgültig.
+Kann ich's ändern? Morgen male ich wieder Zahlen. Elbinger Stahlwerke. Na,
+wenn schon. Nur schlafen. Hat Limm nicht eine neue Borte um die Mütze
+gehabt? Oh, wie müde, wie müde. Peter, armer Peter. Bochumer Hütten stiegen
+auf 300. Schlafen, ist ja egal --, ah -- wie müde, -- wie müde -- --.
+
+ * *
+
+Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen waren vom kargen
+Gehalt übriggeblieben. Schon saß er wieder in seinem geliebten
+Prinzentheater auf einem hinteren Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche
+Polster unter ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt,
+begierig auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet. Wie fern
+ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer Glaswand. Fest
+eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts Fremdes zu ihm hindurchließ.
+Sein Blick strich schwerfällig in die Runde. Über erhitzte Gesichter
+Ankommender, in behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig
+Verwachsener, über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und volle
+Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm herunterglänzten.
+Wächsern sah das alles aus. Unheimlich, automatisch eingelernt. Und ich
+mußte meinen Freund erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen
+Ehefrau Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger Fräcke. Die
+sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch die Hitze des Saales, und sie
+feuchtete sie mit einem flinken Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam.
+War er allem so fremd geworden? Dieser Frauenmund dünkte ihm etwas unerhört
+Neues, nie Gesehenes. Weiches, verschwimmendes Rot-Dunkel brach in den
+Saal. Schwingend und lautlos barst der Vorhang auseinander. Isolt klagte.
+
+ * *
+
+In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch rauschte die Musik in
+ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem Gebirg gleich schroffte sich
+Erinnerung in seiner Brust auf und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber
+darüber flogen die Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen
+Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen schreitenden
+Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und horchte beglückt auf das Konzert
+in seiner Brust. Plötzlich mußte er unwillkürlich die Augen schließen.
+Jemand hatte ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich
+bereits wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon fühlte er, wie
+in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich zu lächeln, verbindlich zu
+grüßen oder einmal zu pfeifen, wie ein helles Schiff mitten in das
+Geschwader seiner wolkigen Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das
+Fremde vorbei. Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden
+Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über das hinterhältige
+Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf aus und tauchte im Gewühl
+unter. Nur blaß blieb ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die
+Brauen zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf dem
+Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen ziehender Genossen
+plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener den Kopf und hob den Arm zum
+Schutz seiner Wehrlosigkeit. Dann tappte er dunkel zu seinem Platz.
+
+ * *
+
+Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen, weiter ins offene
+Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er daran. Verging nicht vor Süße.
+Manchmal klangen ein paar Worte der Sänger dazwischen wie leise Hornstöße.
+Dann sank er wieder unter in Tönen, wurde hochgehoben und trieb in
+glücklicher Besinnungslosigkeit dahin. Mit einemmal ward es lichter. Ein
+Gedanke, fremd ihm längst geworden, phantastisch, glomm fern in ihm auf und
+wühlte sich rasend näher durch die Klangwogen: Das fremde Mädchen. Wer?
+Wer? O ginge sie nicht fort. Als er ihm hell und lodernd ins Hirn stieß,
+prasselte zu gleicher Zeit um ihn der Beifall der Zuschauer klatschend nach
+vorn gegen die erblindende Bühne.
+
+ * *
+
+Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt. Ein wenig
+kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen hinunter, die Hand auf dem
+Leitsteg. Da stolperte etwas hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete
+einen taumeligen Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand tappte
+schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei Ringe brannten ihm tief
+ins Fleisch. »Verzeihen Sie bitte.« Über das Gedränge und seine
+Fährlichkeiten einige unverbindliche Worte tauschend gelangte er mit der
+Fremden ins Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien,
+sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer Wildkatze
+entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der Pause. Wo? Aber das Bild
+verwischte sich traumhaft.
+
+ * *
+
+Kaum daß er's merkte, war er mit Sonia, wie Brocken ward der Name
+hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten. In der Wärme einer
+Kakaostube ihre Glieder fühlend blickten sie sich einander an. Sein
+verzerrtes, in Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht
+löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle Dämme des Vorspiels,
+trieb ihn, kaum daß er sich wehrte, rasch aus den Positionen der
+Konvention, und schickte sich schon an, die Fahne ihres Lachens
+aufzuziehen, als sie sich plötzlich von seinem ruhigen Spott umstellt sah
+und vor sich eiserne Tore fühlte. Sie fauchte etwas und schob sich leise
+näher. Aber Robert, seine Ruhe um sich schlagend, ergötzte sich an ihrer
+animalischen List. Ließ seine Hand in ihrem Atem wie in einem Bad.
+Plötzlich aber griff er Sonia am Arm, dicht unter die Achsel und riß sie an
+sich. Sie knickte mit einem kurzen Freudenlaut zusammen, so daß der
+Malayenboy an den surrenden Teemaschinen diskret fortsah. Die halb
+geöffneten Augen demütigten sich in Ergebung. In Robert jedoch brachen die
+Sinne, halbverhungerte, struppige Tiere, aus ihren vermorschten Fesseln.
+Die Kontrolluhren seiner Gleichgültigkeit blieben mit einem Ruck stehen.
+Vulkanisch quoll Dampf in ihm auf und legte sich graurot über alles
+Geschehen.
+
+ * *
+
+Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag gestreckt auf die
+Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus. Gewißheit tropften die Sterne.
+Unabänderlichkeit. Die Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer
+wie riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da -- weit hinten
+stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend. Als ob jemand geschlachtet
+würde. Stieg. Und stieg. Robert warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er
+hörte, wie der Schrei sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa
+schrie. Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken
+eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt. Breit wie
+ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt floß ein Kreischen
+heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht, rannte sich steil an den
+Wänden und spie zerrissen sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich
+unter dem Anprall. »Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!« Robert
+flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd im Dunkel. Stumm
+lächelten die Hausgiebel mit den fehlen Bodenluken. Sonia, gestört, fiel im
+Traum, und bog schleifend den Fuß in einer Deckenfalte. Dann erwachte sie,
+sah Robert starr gegen das Fenster gerichtet, und weich mit den Linien des
+Lagers verschmolzen bot sie sich ihm an. Aber er wich in die tiefen
+Schatten der Stube. Nur einen Augenblick sah sie eine zusammengehämmerte
+Faust, von Adern hügelig überflossen. Angst pfiff ihr in der Kehle. Leise
+tappte sie nach der Tür, die Fußsohlen behutsam vorschiebend. Wie Büsche
+auf dunkler Landstraße, hinter denen Wegelagerer hocken, drohten die
+lichtlosen Ecken. Jemand knirschte mit den Zähnen. Wer? Robert? Oder ein
+phantastisches Ungeheuer, das in seinem Versteck riesenhaft sie überwuchs?!
+Jetzt galt es, einen Mondstreif zu passieren. Sonia zauderte. Schon
+erglänzten die Nägel ihrer Zehen. Milch puderte sich um die Knöchel. Dann
+stand sie gereckt in der Helle. Verstand, sich an dem glasigen Feuer ihrer
+Haut entzündend, weckte sie auf. Hoch warf sie die Arme. Dehnte sich satt
+und schlank, sich selber fühlend im Licht, das wie ein Schuppenpanzer sie
+sichernd umschmiegte. Dann sprang sie, aufgescheucht vom dumpfen
+Niederbruch eines Körpers, in einem Satz aus dem Zimmer.
+
+ * *
+
+In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe, von der er nicht
+recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der Briefträger an den Flurtüren der
+niederen Stockwerke, flog schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses
+verzweifelt erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht des
+Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und schwenkte in
+verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang, um auf der anderen Seite des
+Hauses endlos die Stiegen hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte
+Robert im Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde spürend.
+Wer denn überhaupt?! Wer, zum Kuckuck?! Er bekam das Gesicht nicht
+zusammen. Hinter seinen Augen fühlte er Schmerz. Ausgerodet lag ein kleiner
+Platz im Hirn. Winzige rote Feuerkugel, scharf zusammengeballt, kohlte der
+Blick der Fremden und riß mit zündenden Rändern alle Fasern in seinen
+knisternden Kreis. Durch die Stube gegen die Tür stürzend dröhnte Robert
+gegen das Holz. Das Gesicht! Ich habe das Gesicht verloren. Mir ist wie
+jenem Mann, den am Nordpol einer traf, als grunzenden Gesellen, ein halbes
+Schwein, das kaum essen konnte. Der hörte das Wort »light«. Sein vereistes
+Gesicht brach plötzlich von innen zusammen. »Light?« In ihm sagte etwas Ja!
+auf light. Was, was? So wie wenn der Pelz am kalten Abend um die Brust
+einen Ring von Wärme lagert, in dem man in Schlaf fällt. Light? Gesicht! In
+Robert stiegen Schreie wie Notsignale eines Schiffes, verirrt in der
+Wasserwüste. Abgetrieben von der Küste der Erinnerung blieb ihm nichts
+übrig, als zu beten. Zwischen ausgelaufenem Heringskopf vom Abendbrot und
+fettiger Zeitung faltete er die Hände. Den Mund schon öffnend fiel ihm die
+Bibel ein. Ruth! Und mit suchenden Augen raste er in die Kapitel, bis die
+Seiten des Buches ihm über das Haupt aufwuchsen wie zwei riesige weiße
+Flügel, in deren Schlag er mit müde gehetzten Zügen versank.
+
+ * *
+
+Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem Balkon polsterten sich
+Gitterstäbe und Borde mit einem harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen
+rings um das Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer
+die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang der Todesruf derer,
+die in den flockenweichen Abhängen letzter Spannung Grauen erfuhren.
+Hiobsposten wechselten mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier
+wuchs täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug man
+Armut unter nicht geglaubten Phrasen. Robert mußte kleinlichste
+Berechnungen anstellen, wollte er nicht schlankweg verhungern. Er erduldete
+alle Demütigungen der Volksküchen, wo man ob des reinen Kragens, den er
+hatte -- mußte doch Repräsentation in der Bank kärglicher Mahlzeiten
+ungefühlter Ausgleich sein --, von ihm abrückte und sich schweißigem
+Halstuch verband. Eines Tages krochen auf seine linken Finger runde grüne
+Fleckchen mit gelbem hautspaltendem Einkreis. Kälte sengte die Hand. Das
+ausgerenkte Eisenmaul des Ofens bleckte leer und von Frost umwittert.
+Seinen Mantel und Decken über sich werfend, floh er ins Bett. Lag da, bis
+ihn morgenlicher, früher Wind in den Hauskaminen zur Arbeit jagte. Lag da
+und spürte die Öde der getünchten Decke wie Körper. Nur unbestimmtes Gefühl
+einer Hoffnung, die irgendwoher in blumenden Gewändern sich ihm erfüllen
+sollte, keimte leise und heftig. Das Erlebnis jenes fremden Blickes,
+langsam in den steigenden Eisschatten der Kälte und des Hungers erfroren,
+quälte ihn kaum noch mit suchenden Stacheln. Nur ein Warten blühte in ihm.
+Es nicht begreifend, atmete er auf, glaubte er es durch Genuß eines
+ergatterten Wurststücks betäubt. Aber dann überfiel es ihn wieder. Seine
+Träume wurden bunt. In Biedermeiergärten schritt er einher. Mußte
+Spitzwegszenen stellen und Walsersche Gespräche führen. Unerhört farbig
+betupfte Landschaften waren zu durchschreiten. Hinten brach ein Himmel in
+schießenden Strahlen ein. Dahin mußte er rennen. Es erwartete ihn dort wer.
+Die von kugelig dickköpfigen Bäumen bestandene, mit hellem Kiesschotter
+besäte Chaussee begann wie im Film an ihm vorüberzuschwirren. Wo hatte er
+schon einmal in solchem Wirbel gestanden?! Erinnerung schrie in ihm auf!
+Die Wolken schienen in feurigen Bändern zu lodern. Er flog. Musik ritt im
+Winde mit ihm. Gelüfteter, frierender Arm weckte ihn. Süße, ungeahnte, in
+sich spürend, schwangen seine Schritte in den nächsten Stunden. Dann
+wischten Keifen der Portierfrauen, übelschmeckender Kaffee und der
+bedrückte Lärm unwilliger Frühaufsteher das Bild schmutzig. Saß er später
+wieder vor grüngefriestem Tisch und dem Tanz der Zahlen, konnte es
+geschehen, daß er krampfhaft gegen die Brust tastend einen Laut aus sich
+grub, der wie zerrissener Jubel sich hob. So fremd klang er ihm, daß Robert
+selbst freundwillig und beglückt ihm lauschte, bis er sank und wie ein
+Bumerang rückkehrend mit vollem Weh auf ihn niederbrach.
+
+ * *
+
+Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem Marsch zum Bahnhof.
+Längst gewohnt, die abschiednehmenden Blicke Ausziehender ohne Scheu und
+Reue zu ertragen, bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und
+strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert mußte ein Herr im
+Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren, plötzlich im Takt mitlaufen. Das
+linke, auswärts gekrümmte Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten
+Beachtungslosigkeit geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln des
+Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch keiner Ausbruch. Robert sah den
+nickenden Zylinderturm, roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte
+sich der mit den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein
+grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß einen anderen an.
+Machte ihn aufmerksam auf den fetten Faun, der gutes Frühstück im anmutig
+geschwellten Leib Sympathie erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der
+freundliches Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche im
+Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht, denn gestürzter Omnibus an
+nächster Straßenkreuzung versprach Stauung. »Na, mein Lieber, noch was
+Rauchbares vorher?« Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen unter
+den Tornisterriemen. Grimmig, leise, inbrünstig: »Vorher? Vor was?!« Doch
+schon ging er weiter. Kommt kein Blitz? flehte Robert. Mit einem Mal sah er
+Peter. Er erbebte. Peter schritt vor dem Dicken. Weißlich-rot schleppte ihm
+etwas aus dem Koller. Wie bleiche Selcherwürstel. Das Vieh trat immerzu
+darauf und pfiff. Ganz deutlich klang es: »-- und dann die Herren
+Leutnants.« Unverbindlich wippten die Lackschuhe. Wie einen Zweihänder
+fühlte Robert seinen Arm emporgeschleudert, stieß in Wolken und brannte
+nieder damit, Eisen in den apoplektischen, hüpfenden Nackenwulst. Er schloß
+die Augen. In ihm heulte ein Tier. Als er sie wieder öffnete, waren die
+Personen der Szene schon in weite Ferne gerückt. Der Schlag, ungeführt,
+verdonnerte in Ohr und Herz. Über die geballte Hand floß Blut einer
+geplatzten Ader. Sperlinge zwitscherten durch die Stille der Straße.
+
+ * *
+
+Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig mit freundlichen
+weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem Beschauer ein ergötzliches
+Durcheinander bot. In engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige
+Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke. Verwirrt über die
+Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes Mädchen mit leichter
+Verneigung an ihn richtete, stammelte er etwas von »aussuchen«. Sonderbare
+Kunden gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen Titel auf den
+bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert längst verhallte Sprache. Er las
+sie in leisem Rausch wie jemand, den heimischer Marktplatz nach langen
+Jahren mit vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden lag vor
+ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen Goldleisten
+geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche Märchen. Gerade in das vom
+versunkenen Klavier geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens
+vorgetragen. Wann war denn das gewesen? Unendlich lange schien es ihm.
+Hoher Saal verschwamm, riesiger Orgelpfeifen Wand rundete nach hinten das
+Bild. Oder hatte er das alles nur geträumt? Aufblickend und die Gestelle
+abgleitend las er mechanisch: Hauptmann, Eichendorff, Mann, Goethe, Heine,
+Lucka und andere Namen. Merkwürdig, war er gestern nicht in den
+»Gespenstern« gewesen? Warum nur die Erinnerung so schwankte! Nun wußte er
+auch schon nicht mehr, wer die Regine gespielt. Und dann hatte er des
+Nachts geträumt. Wirres Zeug. Von einem Krieg, einem gelben Holzstuhl in
+einer Bank, auf dem er tagelang gesessen, einem Blick, -- den ihm wer
+zugeworfen? -- Cornelia? -- Richtig, er mußte ihr ja noch einen Busch
+Tulpen schicken. »Also, ich nehme diesen Band hier.« »Bitte schön, mein
+Herr. Macht achtzehn Mark bitte.« Das schäbige Portemonnaie mit den zwei
+schmutzigen Markscheinen und der zerknitterten Volksküchenquittung setzte
+Roberts schweifenden Gedanken mit hartem Ruck ein Ziel. Hilflos, die
+Unterlippe vorschiebend, auf der ein schiefes Lächeln verlegen
+irrlichterierte, tauchte er flehend, ihm die Worte zu ersparen, in der
+Verkäuferin korrekt gewordenen Blick. Der umwachte seine Hände, die,
+äußeren Zwang noch nicht empfindend, gierig und krampfhaft das Buch
+umklammerten. Da kamen aus einem Nebenraum zwei Stimmen, sich
+verabschiedend und begleitend, rasch näher. An der Verbeugung des
+grauköpfigen Ladeninhabers lavierte, mit kleinen Stößen der Hüfte die
+beladenen Tische meidend, ein junges Mädchen herein, von mattfarbigem
+Florentiner das Gesicht überschattet. Der Laden hatte plötzlich keine Decke
+mehr. Zwischen den Büchern brachen Fliedersträucher auf. Unaufhörlich
+stürzten italisches Blau und schwellende Flötenrufe durch die offene Decke.
+Robert fühlte, jetzt mußten draußen auf den Häusern die Fahnen hochgehen.
+»Die Fremde ist da! Erlösung! Die Fremde ist da!« brausten Chöre in ihm.
+Frommes Gebet sandte milden Weihrauch empor, der die Augen feucht beizte.
+Zwei Schritte nach vorn, das Buch fiel. Wie sanft abfahrendes Dampfschiff
+entglitt der Raum nach rückwärts. Hinter ihm lag schon die Tür.
+
+ * *
+
+Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen Vertrautheit.
+Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich jedoch nicht vom Wege. In dem
+Handdruck, den sie ihm bot, floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die
+Leere verronnener Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen. In
+gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die Straße hinauf und
+schlug den frühlingskalten Asphalt in halblautem Gleichklang. Gespräch
+sprudelte aus Robert, klar und wild, wie Quelle aus längst versiegtem
+Gestein. Hilde Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu
+löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus mystischer
+Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl lange geahnten Halt gebend,
+freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen. Damals in Sehnsuchtsstarre in
+die Säule des Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille
+erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte. Über von
+sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich von geeigneter
+Umgebung angewandten Zwang, Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu
+tragen, über den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch
+eingehämmerten Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein, ja über die
+instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten Manteltasche flutete in
+Wogen das Vergessen. Hilde Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit
+im Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr. Er ging,
+ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen, seinen Körper so leicht
+und schwingend zu fühlen. Als sie sich trennten, lud Hilde Sintram ihn zu
+Gast.
+
+ * *
+
+Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem Tage Robert über die
+Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter Kressesamen. In seiner Rockärmel
+glattpolierten Aufschlägen sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die
+Sonnenreflexe sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich gewahrend
+senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein Lächeln begann den
+Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste am Waschtisch früh ward neues,
+seltsames Instrument. Die angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe,
+schnappend sonst und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend,
+ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte Wurstpellen. Nur leise,
+fernsten Horizont umfahrend, segelte Gedanke einer Katastrophe auf. Ein
+Klirren in ihm, ein Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden
+Rücksichtslosigkeiten, die sich drängend zum Riesenwall in ihm türmten. In
+den Nächten, wenn der Mond schief gegen das Haus stand und die
+Wasserflaschen unter seiner Berührung verhalten zu singen begannen, brach
+manchmal aus der eisern zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und
+versuchte, die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten die
+fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren Mänteln vermorschtes
+Geschütz und geleimte Brustwehr und stürzten die Mondwandelnden durch
+beherzten Anruf in die Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in
+Regeln fand schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren.
+
+ * *
+
+Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer Seite trostlos
+aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof vor sich hin. Sich
+vorstellend, weit ab, irgendwo in einem fremden Land zu sein, kam er schon
+nur in einen anderen Stadtteil, schlenderte Robert auch hier langsam und
+neugierig stürmisch nah gewünschtem Ziele zu. Spielend schob er es in
+scheinbare Ferne und betrachtete Photographenkästen und kümmerliche
+Rabatten der Vorgärtchen mit Erstaunen. Ein paar alte Bäume schliefen sich
+in den Nachmittag. Zwischen den holprigen Steinen des Dammes trollte ein
+Hund dem Bahndamm zu, kräftigen Pfeifens des Besitzers nicht achtend.
+Plötzlich brach die von niedrigen Häuschen unscharf flankierte,
+kleinstädtische Straße auf einen Platz aus, in dessen Mitte zwischen
+wohlgepflegten Büschen eine Kirche sich kühl dem Spaziergänger
+entgegenwarf. Abwehrend, hinter dichtem Baumbestand lugten einiger
+vornehmer Villen Kalkputznasen rings um das große, ovale Rondell auf den
+Fremden. Auf schmalem Schild zeilte sich ebenmäßig und unverschnörkelt der
+Name Sintram. Schon die Hand zur Glocke erhebend ließ Robert sie plötzlich
+wieder sinken. In der Kirche schwoll ein Choral und drang durch die
+mattglimmenden Scheiben. Hingegeben traurigem Gesang schienen die Worte im
+Munde der Sänger süß sich zu färben. Dann rauschte Orgelton auf, gewaltiger
+Konfession voll:
+
+ Mors stupebit et natura,
+ Cum resurget creatura,
+ Iudicanti responsura.
+
+ Liber scriptus proferetur,
+ In quo totum continetur,
+ Unde mundus iudicetur.
+
+Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend, glaste vor
+ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit über die Knöchel sich hoben, reckte
+er sich. Frei! Frei werden! Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: »--
+traben hin durch helle Lande.« Schon schnaubten ungesattelte Rosse
+apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum! Uniform,
+zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes A auf der
+Achselklappe?! Bange flüsterte Robert: »Laß mich gehen, Peter. Für dich, du
+laß mich weiter!« Ein Lachen schüttelte ihn. Ein fremder Soldat, aus dem
+Schatten unwillig gelöst, strolchte mit einem Mädel davon. Umwendend, die
+Rechte mit allen zuckenden Fingern bis in die Spitzen fühlend, ein
+unerhörtes Kraftwort hell mit seinen gesunden Zähnen zerkrachend, zog er
+kurz zweimal hintereinander. Schwirrend jagte das Läuten vor ihm her. Das
+Haus wich vor ihm in sich zurück. Wärme riß ihn hinein. Riesig schien sich
+wie eine ewige Wand hinter ihm die Türe zu wölben.
+
+ * *
+
+Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und senkten sich von den
+Stühlen vornehm und ruhig der Vater Hildes und vorgestellte Bekannte in
+Verbeugung. Erwartung umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes,
+Feindliches in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe Luft von
+der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in die ihm neue
+Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung hatte, wohlig fallen und
+reihte sich ohne Umstände ins Gespräch. Obwohl er merkte, wie seine Worte
+gleich kantigen Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn
+geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer zu Boden fielen.
+Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger Hingerissenheit halb auf
+ihrem Stuhl und ermutigte ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die
+Schläfen schwarzes und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert,
+ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung
+entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen, ausgeglichenen
+Wellen um die Tanzkunst einer Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu
+lebhaften Anmutsstudien aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen,
+um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser, sachlicher
+Unwissenheit in den behandelten Dingen mußte er sich mit einigem Kopfnicken
+begnügen. Als Hildes Vater zu sprechen begann, schwiegen alle. Leicht
+blauten sich die Adern an der kühn aus kurzen, weißen Haarflocken
+herausspringenden Stirn und die Worte, inhaltlich von einem klugen Sinn
+beflügelt, ohne auf den Kern der Sache Wert zu legen, fielen autoritär und
+Verständnis unbedingt fordernd. Aus seinem Sessel, wie mit ihm verwachsen,
+stieg der elastische Körper, leicht vorgeneigt, überredete die
+Handbewegung, in ihrer gelinden Krümmung Kultur und jahrhundertelange Übung
+einer Kaste undemütig verratend. Vom halblaut tönenden Munde streifte
+Roberts Blick tiefer zu dem adligen, von keiner Greisenfalte zerfurchten
+Halse, dem tadellosen Kragen und gedeckten Seidenschlips bis zu den weichen
+Wildlederstiefeln, deren warmer Glanz von sorgfältiger Behandlung mit
+allerhand kostbaren Fetten zeugte. Robert sah auf seine Schuhe, deren
+linker an der Ballennaht einen gefährlichen Riß aufwies. Aber vor dem
+ersten! War doch sowieso die Wäsche noch nicht bezahlt. Und teuer waren die
+Schuhmacher, teuer! Auch stand kein Ende des Krieges und damit frischer
+Häuteimport bevor. Freilich die Reichen, die Kapitalisten, die zusammen mit
+zünftigen Militärs die Regie des großen Mordens übernommen hatten, sie
+konnten der knappen Tage achselzuckend gedenken. Robert hatte plötzlich das
+Gefühl, als röche er nach Fusel. Säße an bierverschwemmtem Holztische mit
+Zimmerleuten, die eifrig vor Zuhören die schmierigen Daumen drehten,
+während auf der Tribüne des dunstverschlagenen Saales der Abgeordnete
+»Sandmeyer gellende Tiraden über die Erregten peitschte: . . . und nicht
+genug, daß in fremden Ländern seit Jahren Körper unserer liebsten Menschen
+faulen müssen, nein, auch hier, vor den Augen der Bourgeoisie, unseres
+schlimmsten Feindes, krepieren unsere Kinder und Mütter, die der Hunger
+zerfrißt. Sie sitzt freilich in dem behaglichen Gemach, wo der Kamin glüht,
+aber ihr seid gezwungen, durch Dreck und Regen zu latschen mit zerrissenen
+Stiefeln . . .« ». . . also,« schloß Herr Sintram und trocknete die feucht
+gewordene Lippe mit einem blütenweißen Tuch, »also ist meines Dafürhaltens
+der Tanz, so er den, durch Grazie und Sitte bestimmten Rhythmus verliert
+und bacchantisch, sagen wir salomeisch zu werden beginnt, kein Tanz mehr,
+sondern nur eine Ausgeburt, der das Unbeherrschte, niedrige Temperament des
+ihn Exekutierenden verrät und mithin geschmacklos zu nennen ist.« Über die,
+für sein geistiges Niveau beschämende Ideenassoziation im klaren, konnte
+doch Robert es nicht hindern, daß plötzlich sein Mund haßte und sprach,
+hart, lauter als nötig, die Worte an den Eckzähnen zerreibend. »Das glaube
+ich nicht, Herr Sintram. Tanz ist ein Suchen. Aus den gewöhnlichen Lagen
+sind die Glieder gelöst, wollen sich nicht mehr fügen schematischem Bau.
+Neuer Vollendung entgegen streben sie. Musik löst das Hirn der Tänzerin in
+Klänge. Es schwindet die Erde. Wollüstig und süß befällt Rhythmus die
+Glieder. Aufzucken sie. Die Arme schießen in die Weiten. Sterne umleuchten
+schon nah die Fingerspitzen. Neue Gefühle wölben die Brüste. Sanft
+überstreicheln sie Welten von Brausen und lassen sie weich in sausende Luft
+vergehen. Fahne, mähnig, kämmt hoch das Haar, stählern und geschmeidig,
+siegende Wimpel. Nun lüftet der Fuß sich, rascher schlägt er die Flanke,
+will sich vereinen mit den anderen Gliedern, die wild in die neue Freiheit
+hinausjubeln. Ja, das sahen die Schauer noch nicht. Weit gaffen die Augen.
+Strahl um Strahl entschießt sehnsüchtige Begierde. Weißglut in der
+Berührung peitscht sich die Schäumende zu höherer Vollendung. Chaotisch
+stürzt in ihr das Bewußtsein in Trümmer. Hic salta! Wo ist der neue Mensch?
+Gewinne dich ab dem flammenden Kosmos, das du in Brand setzest. Auftreibt
+noch einmal schwer die Erde, will Lende fassen und Hüfte. Aber schamlos
+überrast reißen die Ketten und sie entdonnert kraftlos. Die Blicke biegen
+sich ab, stumpf, entglänzen dann heller nach innen. Nebel steigen. Ruhiger
+türmt sich der Tanz. Krampf sinkt. Über gefundenen Eilanden wiegt sich
+harmonisch der Körper. Schaukeln ungekannt Länder heran. Paradiese
+enttauchen besonnt und leise stampfend besingt ein neues Weltall die
+Befreiung. So --« Das Wort brach Robert am Munde, als die wachsende
+Befremdung rings durch seinen Rock dringend eiskalt ans Herz stieß. Herr
+Sintram, eine sehr höfliche Verachtung im Lächeln und eine Erwiderung für
+überflüssig haltend, machte darauf aufmerksam, daß ein guter und bei dem
+naßkalten Wetter wohl besonders willkommener Tee angerichtet sei. Gab er
+jedoch während des Gesprächs Robert gastlich Gelegenheit, seine Rede durch
+kluge Bemerkungen zu annullieren, blieb der verstummt und fühlte die
+braune, warme Holzverschalung der Wände, Geplauder über Scheurichs
+Plastikenversuche und die tadellose Haltung des Dieners wie
+Herausforderung. Hier war er Feind, den man bei Waffenstillstand höflich
+bewirtet, aber man ahnte in ihm Gehässiges, Bedrohliches. Hilde blieb tief
+über ihre Tasse gebeugt. Einmal, als er ihrem Vater widersprach, ohne
+ehrlich der geäußerten Meinung zu sein, nur um sich aufzustemmen,
+unterstrich sie ihn mit einem: das glaube ich auch. Ihre etwas sich
+kräuselnden Schläfenhaare glühten im Widerschein ihrer Haut. »Hilde -- du
+-- wo bist du?« Ein toller Schmerz, der ihn zersägte, trieb Robert zu
+frühem Aufbruch. Hilde begleitete ihn. Schon schritt er schweigend,
+geschlagen, im Rückzug noch zusammengeschossen, die kurze Steintreppe
+hinab, da fragte sie: »Wir wollen übermorgen reiten, ja? Holen Sie mich ab.
+Um elf Uhr.« Tief, um ihre Hand zu küssen, beugte er sich; aber die hastig
+fortgerissene traf er nicht, so daß er beinahe gestürzt wäre. Die Luft
+kroch ihm kalt zwischen Kragen und Haut. Wie eine alte, verwunschene Burg
+fiel Hilde Sintrams Haus hinter ihm in den schwarzen Abend zurück. Unwillig
+knarrend grinste die Gittertür. Revolten zogen mit flatternden Bannern in
+ihm auf. Scharen von Gedanken, blutrot behelmt, folgten ihnen. Die
+orangenen Vorhänge schwellten sich voll milden Lichts wie zuvor. »Ihr! Ihr!
+Ihr erdrosselt und knebelt. Streicht das Rohe und Wilde ab wie Schmutz.
+staunend, daß es bis zu euch spritzte. O du Gebärde, du Mund, der noch den
+Widerspruch als zu viel stummend in sich steift. Aber ihr schickt
+Besoldete. Unterwürfige Knüppelgarde drischt uns zu Boden! Wen habt ihr
+nicht gekauft? Wen nicht? Bleibt uns als Kamerad der Zuhälter und der
+verbummelte Student, der Dichter ohne Erfolg und die Dirne, ausgepeitschte
+Tiere, vor denen ihr die Müllkästen eurer Herrlichkeiten verrammelt. Die
+anderen bezahlt ihr. Laßt sie zeugen für euch und laßt sie gebären für
+euch, steckt sie in Uniformen und treibt sie gegen brüllende Batterien, die
+armen Köpfe mit Gebeten, mit perfiden Begriffen für eure Sicherheit
+zurechtgeschrotet.« Robert erschrak so, daß seine Beine ihm fast unterm
+Leibe weggebrochen wären. Trieb die Nacht diese Blasen in ihm, die nach
+Kneipendunst stanken. Er schüttelte sich. Ekel vor ihm selbst würgte ihn.
+Gewölk senkte sich. Scharfrandig kantete sich klarer Äther über ihm hinauf.
+Singend und ruhig zog der Gedanke Hilde seine Bahn. »Verzeihe.« Kratzend
+kam die Mauer durch den dünnen, schon abgetragenen Hosenstoff. Müde lehnte
+Robert gegen sie. Er sah zwei schwach zusammengewachsene Brauenbogen in
+ernstem Forschen vor sich. Die Luft mit zitternden Händen formend,
+streichelte er den sich in die heiße Handfläche schmiegenden Wind.
+»Verzeih! Verzeihe!«
+
+ * *
+
+Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun streunten sie
+durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit dem ganzen Körper in die jungen
+Pflanzungen. Verhalten in Wollust fing sie in geschmeidigen Biegungen die
+zurückpeitschenden Zweige auf. Oft sah es, hob sie den Fuß auf, aus, als
+schösse sie damit aus der Erde, und das gleiche Zucken war in den Haken wie
+im Halse. Robert folgte mühsamer, des verletzten Fußes Widerstand in
+hingerissenem Zusammenbeißen überwindend. Manchmal klatschten ihm die
+Büsche über der Stirn zusammen, und es striemte blendend auf, aber wie
+angeseilt trat er fast genau in Hildes Spur. Sie sprach kein Wort. Als ob
+sie flüchte, schien es zuletzt, denn rief er sie an, streckte sie wie in
+ängstlicher Abwehr die Hände vor, und scheu prallte ein Blick an ihm vorbei
+in den Boden. Allmählich wurde das Laufen zur Jagd. Über welliges Terrain
+stürzten sie, strauchelten, verfingen sich in einer Schonung, Heere von
+Brennesseln warfen sich ihnen entgegen, gefällte Baumstämme glotzten
+höhnisch, und ab und zu flog in ihres Atems sommerliches Keuchen scharf und
+schneidend ein Vogelruf und sauste annagelnd wie ein Pfeil durch die Hirne.
+Plötzlich sprang der Wald vor einem glatten, breiten See in sich zurück und
+umlief ihn buhlerisch mit den tastenden Fingern heller Sanddünen. Erst als
+ihre Schuhe in feuchtem Boden versanken, blickte Hilde auf. Die Wasserweite
+rauschte hoch gegen sie und erschlug ihre Augen, so daß sie sich umdrehte
+und dunkel und rot aufflammte vor Roberts staunendem Erstarren. Er blieb
+von ihr fünf Schritte. Eine Zärtlichkeit überwältigte ihn. Ohne Maßen
+schaute er auf Hilde, und die verborgenen Bekenntnisse blühten ihm in die
+Lippen, daß sein Gesicht vor deren Blut die Farbe verlor und klein wurde,
+spitz und demütig. Der See sank und hob sich hinter Hilde. Die fernen
+Küsten unterliefen silbern ihre Achseln. Sie sah den Mann, die Bäume, die
+Luft, die schwang und sie umwirbelte. Breit schlug sie die Arme auseinander
+und nagelte sich rückwärts gegen die Sonne. Von ihren Fingern zuckten die
+Strahlen. Von allen Seiten schoß das Begehren nach Sein in sie. Qualvoll
+reifte gewaltig in ihr eine Welt und stieg vom Schoß zum Herzen. Ihr Mund
+begann zu tönen:
+
+»Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist geboren in der Tiefe
+des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend durch die Stürme der
+Jahrtausende zum Licht?! Ich bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst
+wie die Wolke, heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die
+Angst, die den Henker umsteht.
+
+Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde Fahne umbraust mich mein
+tödliches Haar, liebliches Lied umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm
+zischt mein Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen
+stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand von der Tafel
+des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe am Gelenk. Zackig droht sie
+und verspritzt sich böse in Haut. Aber zwischen Kuß und Schauen stand die
+Furcht. Denn wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab
+ins Leere!
+
+Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir fällt, verdeckt
+es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin Himmel. Wer in mich eingeht, dem
+verrauschen die Stunden, verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz
+meiner Pracht.
+
+Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das Meer und das
+Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche und segne, ich erhebe und
+verfluche. Ich, ja, Göttin, die Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust,
+ja, ich verfluche. Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand komme,
+mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu teilen, niemand komme,
+behaglich zu weilen; niemand flehe, niemand bete. Nur da sei er. Ganz!
+Ganz! Wie ihn die Mutter erschuf.
+
+Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer kommt ohne Reue und
+Last, ohne Blick zur Seite und Fragen. Nur, wen die Sehnsucht gegen mich
+aufbrennen läßt, daß er Eltern und Erde, Erbe und Enkel verlachend vergißt
+und taumelnd und groß, glühend die Schläfe und die Gedanken, sich neben
+mich in den Horizont stellt, nur dem beuge ich meine Lippen entgegen. Denn
+ich bin die Erde, ich bin das Erbe, ich bin das lohende All, der liebende
+Gott, dem nur ein Reiner ins Antlitz sieht. Nur einer, der ganz ist. Ganz,
+wie ihn die Mutter erschuf! Der aber das nicht ist, der wird Schmerz und
+Asche. Schlacke der Zeit stickt ihm die Kehle. Tief stürzt er den Sturz,
+jahrelang, bis er im Abwärtssausen verweht!«
+
+Schlag um Schlag hatten Hildes Worte den Tag, der wie ein
+orgeldurchströmter Dom über ihr und Robert stand, in Stücke gespalten. Vor
+Robert schien sich ein Vorhang zu senken. Eine Weile noch schimmerte das
+Licht von Hildes hellem Kleide hindurch. Dann lagerte er in trüben Wogen
+zwischen ihnen. Auf seinem Tuch aber erglänzten wie Stickereien und
+kindliche Symbole Bücherberge, gestürzte Lafetten, ein Menschengewimmel um
+Rednertribüne, schlanke Tänzerinnen, ein Reiter in einem Saatfeld kam von
+weitem geritten, wurde größer und hielt schäumend an, Peter, seinen Kopf in
+der Hand darbietend, Rauch, von Schüssen durchblitzt, wurde weiße Wolke,
+öffnete sich über fliederumduftetem Teetisch in Hildes Villa -- oh -- -- --
+
+»Ganz, wie ihn die Mutter erschuf!«
+
+Hilde schien weitab auf einem Berg zu stehen. Blinkte etwas. Schoß wie Haß
+vom Boden sich ab. Auf Roberts rechtem Schuh war der Lack von einem Knopf
+gesprungen. Gelb grinste der Entblößte. Rüster beschien er in seiner
+Nachbarschaft. Und armselig der Geste und dem Wink der Armut unterlag
+Robert außen wie innen. Er sah nicht, wie die Muskeln Hildes erwartend sich
+dehnten, sich um ihn zu schließen. Zusammenzufallen, wie eine geflickte
+Pappe fürchtete er jeden Augenblick. Der Gaukler in ihm, geboren aus
+Programmen und Traktätchen, Parteien und Idealen, kümmerlich und
+buntscheckig, ein Scheusal, tanzte sein Menuett der Ohnmacht auf der im
+Keim sich schon ertötenden Tat. Unwürdig! hämmerte ein Wort in ihm.
+Lähmendes Gift troff es bis in die Spitzen der Finger. Und die Barriere der
+Nichtachtung seiner selbst querte sich teuflisch vor ihm auf und wuchs
+schwarz zum Ararat. Unwürdig! Unganz! Zerfressener, was kannst du wagen?
+»Zu dir ja zu sagen!« tönten Chöre unsichtbar über den Wellen. Proletarier!
+Paria! Wachsend Verwachsener! Rühre nicht an den Gottesbezirk!
+
+Steif stand er, schwärzlich, verlegen, ein verbrannter Kreuzespfahl,
+unselig, in der Landschaft.
+
+»Ewig bin ich. Ich warte. Ewig bin ich da. Ich warte auf dich!« Tanzend
+verlor sich Hildes Gesang und spannte sich hinter ihr wie ein Segel über
+den Strand.
+
+Robert wandte sich. Unendlich langsam. Mit jedem Ruck mußte er die ganze
+Welt mitziehen. Aufgellend jagten ihn schließlich Gewitter vom Ort seiner
+Entscheidung.
+
+ * *
+
+In der Nacht formten sich alle lungernd hingebrachten Stunden, Sorgen um
+Brot, Graupen und einfaches Bier, verwirrtes Augensenken vor gewaltigen
+Versen, rätselhafte Erschütterung im Übersturz der Musik und der sicheren
+Haltung des wohlgekleideten Nachbarn in der Elektrischen zu einer Wolke von
+Haß, die undicht kaum das Bündel Blitze in sich halten konnte. Überreizt
+und hell strahlte Bewußtsein auf, Erkennung seines Proletentums, von allen
+ausgenutzt, Brandmarkung der Geste des Rebellen, in der Ohnmacht verachtet,
+im Sieg noch verlächelt. Aber hervortreten wollte er wie ein Gott, Schrei
+von Millionen in der Kehle fühlend. Ging nicht das Beste, was der Gegner
+besaß, seine Frau, zu ihm über? Zweifelte sie nicht schon an der
+Unerschütterlichkeit ihrer Himmel, da sie an seiner Seite nicht die
+beschwörende Bewegung der Distance machte? Wehte nicht schon ihres Haares
+feindliche Fahne ihm zur Seite? Spitz über das Deckbett hinweg stieß der
+Mond seinen Lanzenschaft ihm zwischen die Augen. Pfui! kroch eine Antwort
+auf. Mütterlich drohender Sonnenschirm in einer Landschaft silberner
+Pappeln verwies ihm mürrisch weggestoßenen Arm, den er über eine Brücke zum
+sichern Geleit ergreifen sollte. Hilde vertraute. Gab es mehr als das auf
+der Welt? Nie war ihm seit der Versteifung im Betrieb studentischer
+Fatzkereien anderes als Reserve zuteil geworden. Vertrauen, köstlichstes
+der Betten, matte Sinne darin kühlen zu lassen. Vertrauen, einzige
+Rechtfertigung, aus der Taten entspringen, Vertrauen, für mich! Für mich!
+Dunkle, Junge, Jungfrau, du glaubst? Glaubst, daß ein Wort von mir ehrlich,
+nicht im Atem, fremden zu schlucken gewohnt, verseucht, seelischem
+Aufbruch, klar von Verdrehung des Geistes bis zu den Lippen entrönne! Also
+gibt es doch irgendwo Betrug. Recht für den, der ihn richtet. Neu gebiert
+sich Welt in mir. Göttliche Schwinge des Menschen ruht in deinem
+Kopfneigen, Fremde du, Ruth, Hilde, Ährenleserin! Daß die Knie vom Sturz
+brannten, stürzte Robert auf den Fußboden. Eisen die Hände
+zusammengeschmolzen floß über sie Beten. Aber an den stammelnder werdenden
+Worten schlich sich etwas vorbei und kollerte aus den Zähnen. Meckerte.
+Willig gaben die Wände Hall. Entsetzt stopfte Robert die Zunge vor. Es
+steigt auf. Hi! Hilde, hilf, Hilde, du, zeuge mir Gott! Inniger spannten
+die Schenkel in Beugung frommes Unterworfensein. Hi -- Hi -- hihihihi!
+Hihihi! Unterirdisch barst das Lachen aus Robert. Die Stube wandelte es in
+ein Dröhnen. Große Pauken die Ecken trommelten es zurück. Flatternd das
+Hemd, den Hals aus dem losen Kragen vorgeworfen, riß es Robert in die Höhe.
+Mit einem Male brach es ab und über Krater und Schlacke letzten Versuchs
+stieg es wie Rauchgekräusel, zittrig und unsicher, um erst hinter den
+blutlosen Lippen brüllend aufzutoben: »Sentimentalitäten!« Und mit dem
+Bewußtsein im unerbittlichen, endgültigsten Zweikampf seines Lebens
+untergehen zu müssen, wurde er von dem Gedanken daran niedergehauen. --
+
+In sein Hirn schrieb der immer noch wache Mond vor kurzem gelesene Verse
+eines Bruder-Dichters:
+
+ »Unwürdig zu Füßen dem Weib,
+ Der unerstürmten Belacherin, Lebensverwüsterin,
+ Heute zertrampelt von Launen,
+ Scheinmorgen borgend aus gnädigen Worten
+ -- Liebe ersehn' ich, endlose Liebe.«
+
+ * *
+
+Und plötzlich, wie wenn ohne zu zerfallen von einer Mumie sich die Hülle
+löst, stieg von Robert die Kontur seines Körpers auf und dehnte sich
+schwach in die halbhelle Stube hinein. Allmählich gerinnend setzte sie sich
+auf den Bettrand. Zog die Kleider an. Robert, erst unsicher blinzelnd,
+fühlte, wie unter den flinken Gebärden ihm die Hose am Leibe aufwuchs,
+feste Stiefel sich unter hastig zuschnürenden Händen um die Fußgelenke
+preßten. Dann stand er auf und ging und nahm vom Garderobenhalter seinen
+Mantel, einen einfachen grauen Militärmantel mit der eintönigen
+Unteroffiziersborde. In den Straßen brannten grün und traurig die Laternen.
+Alle Läden waren verhangen. Der Restaurants gardinenverhüllte
+Riesenscheiben ließen nur die verzerrten Gebärden essender Menschen
+phantastisch auf und abschnellen. Der Himmel schien wie ein bleiernes Dach,
+in das quadratische Lichter die Sterne gerissen waren, dicht auf den
+Häusern zu liegen. Die Robert Entgegenkommenden glitten ohne den
+beruhigenden Klang des Auftretens an ihm vorüber. Manche Münder schienen in
+verhalltem Schreck noch aufgerissen. Ein Schlächtergeselle mit einem
+eisernen Kreuz und einem Holzbein lud riesige Blutstücke Fleisches auf
+einen Karren. Als Robert näher kam, sah er, daß es menschliche Rümpfe
+waren, die in den Landesfarben angestrichen und sorglich danach geschichtet
+waren. Unvermittelt rannte er an Peter, der mit Hilde am Arm um die Ecke
+bog. Robert mußte lächeln, als er Peters lackiertes Koppel sah. War der
+Frackmensch in dem auch im Dragonermantel noch nicht verwandelt worden?
+Kokett blitzte der halbschwarze Dolch an der Hüfte des Schreitenden. Hilde
+hielt den Kopf tief in den Pelz ihres Mantels gesenkt, als sie in den
+hellen Festsaal der Riesenbar traten. Weiß die Tische leuchteten wie Inseln
+zwischen den dunkeln Anzügen der Herren. Die kühnen Reiherfedern der Damen
+überwippten hastig schnell vorwärts geworfene Gespräche. Zigeuner,
+schemenhaft mit ihren Gebärden dem steigenden Körperdunst verflossen, zogen
+die Laune der Tafelnden durch ihre Geigen und spritzten sie gleich
+schattenhaften Wolken zu Wänden und Decken. Sekundenlang flirrte das
+Gläserklirren, voll innigen Druckes der neigenden Hand entsprungen, erhaben
+wie göttliche Stimme über dem zufälligen Lärm unkontrollierter Geräusche.
+Robert fühlte tiefen Willen sich in sich senken und ward keck ermuntert
+durch ein flammendes Transparent, das quer und glühend über einen Wandfries
+strich: »Wer hier eintritt, wagt das Alte. Stirb' oder morde, es gilt
+gleich. Schon das Heute ist Verrat. Lebe, Hochverräter!« Peter beugte sich
+vor: »Nun bist in der »Neuen Zeit«. Ein prächtiges Lokal. Zugleich
+Fegefeuer und Paradies.« Traumhaft sicher schritt Hilde zu einem Tisch,
+dessen drei Gäste bei ihrem Nahen in milden Umrissen wie leichter Rauch in
+die vibrierende Luft eingingen. Schweigend aßen die drei. Neu wuchsen stets
+kleine appetitliche Berge auf den Tellern. Weinhauch von links und rechts
+überstürzte die Köpfe. Höher hob Hilde die lebendurchschauerte Stirn, um
+deren Schläfen natürliches zaushaftes Vorbauschen des Haares den Glanz der
+Haut zu kosendem Halbdunkel abschwächte. Von den Nebentischen stieg
+ruckweise Gesang. Hastiger glitten die Kellner unter seinen
+Peitschenhieben. Plötzlich folgten vor Roberts Antlitz alle Gebärden
+blitzschnell und kaleidoskopartig. Peters Gesicht verzog sich in Zuckungen.
+Rasender, wie unter dem Strom gewaltiger Elektrisiermaschinen, zappelten
+ringsum die anderen. Als es wieder abzuebben begann, saß Hilde
+zurückgeworfen im Stuhle, eine staubige Dornkrone im Haar, die Brauen wie
+Siegesbogen zu einem Ruf gewölbt. Robert beugte sich vor. »Diesmal
+entziehen Sie mir Ihre Hand nicht. Es ist ja nicht wirklich und wahr.« Ein
+Strom Sekt schoß klatschend zur Decke. Eine kleine Narbe, weißlich, mit
+einem roten Punkt in der Mitte, zackte über gebräuntes Handgelenk. Wie
+Kristall schäumte hart gewordene Kruste des Schaumweins am Plafond und
+sammelte alles Licht über Hilde. Tauchte sie bis zum Hals in eine Gloriole
+»Nein! Denn es ist nicht wirklich und wahr!« Und schmal und zuckend, bis an
+die warme Haut Bejahung pulsend, legte sie die ringlose, schmucklose Hand
+einer biblischen Jungfrau in die begehrende des Mannes. »Nicht wirklich und
+wahr?« Peter brüllte es, stand mit einem Mal auf dem Tisch, zwischen
+umgestülpten Tellern und zerlaufender Sauce; Reiterstiefel, in Dreck
+gesudelt, Blut vom Ritt an den Sporen. »Bande! Fresser! Sauft ihr Halunken,
+wo uns Bajonette die Eingeweide zerschlitzen, wir Hänge voll Toter
+überqueren, aus Leichen Schanzen erbauen?! Weich picken die Kugeln hinein.
+Tanzt ihr schon über uns in die neue Zeit hinein? Bricht euch nicht der
+Schaum aus den Lefzen, wenn ihr pensionierten Admiralen Zustimmung heult!
+Wartet und seht. Denn die Rache höret nimmer auf.«
+
+Überall standen erschreckt Aufgesprungene. Die Frackhemden knackten in der
+Stille. Peter fiel das Haar vom Kopf. Sein Gesicht wurde grün. Rock und
+Kragen schrumpften zusammen. Lehmgrau kroch über den Mantel. Peter schlug
+ihn zurück. Er war nackt darunter. Verschmutzte Rippen ragten fast bloß.
+Stachen gemein heraus. Grauenhaft aber lag im Bauch ein entsetzliches Loch,
+eitrig umfranst, durch das langsam wie aus einer Wurstmaschine sein
+Eingeweide quoll. »Hier, das wird euch nicht vergessen. In eure Mahlzeiten
+schlage entsetzliche Erinnerung. Die Toten sind da, sind um euch, in euch.
+Sie kommen.« Er pfiff auf den Fingern. Der Ton schwang lange in der
+nachfolgenden Stille. Robert hörte den Wein rings kleine Blasen treiben.
+Dann zerplatzte die große Scheibe, die auf die Straße führte, ein straff
+gespannter Seidenvorhang. Draußen stand lautlos, wie im Sprunge eine Schar
+Krüppel, verschlissene Militärmützen auf struppigen Schädeln. Langsam hoben
+die Gäste die Blicke, starr, des Kommenden bewußt. Wie ein Wetter hing die
+unbewegliche Wolke phantastischen Elends überm Eingang. Da ging aus ihr ein
+Stab hoch, dünn, mit einer roten Kuppe wie ein Streichholz. Schwellend
+knatterte sie auseinander, eine riesige rote Fahne. Unter ihren Schwingen
+brach das Ungeheuere in den Saal. Krücken fielen über weinrote Gesichter,
+im Schreck verklammt stickte an einem hineingestoßenen Armstumpf ein
+gigantischer Fresser; ein blinder Ulan hatte ein Mädchen erwischt und hielt
+sie am Hals. Er quietschte: »Ein süßes Tierchen. Ich hab' ein süßes
+Tierchen.« Chaos von Schreien, Schüssen und Mord dampfte auf. Peter aber
+blies auf einer Kindertrompete: »Wer will unter die Soldaten?« Nach jeder
+Zeile wischte er sich über die Augen. Denn an der Decke der Sekt hing nun
+wie ein Geschwür und tropfte ihm schwarzgalliges Blut über den
+Totenschädel. In das Gemetzel um Robert spielte von weitem ein Ton: Denn es
+ist nicht wirklich und wahr. Da sah er, wie Hilde aufstand und wandelte. Er
+folgte ihr. Wo sie hintrat, klaffte im Tumult eine Gasse auf. Im Schwung
+steif gewordene Schläge, verwundetes Krümmen und gierig greifende Arme
+standen grotesk und unbeweglich, ein schauerlicher Wald erfrorener Flüche
+zu Seiten ihres Weges. Ihre Kinderschultern glitten hindurch. Auf der
+Straße lag im zerbrochenen Scheibenglas ein Sternstreifen, den sie betrat.
+Im flüssigen Glanz stieg sie, die Füße silbern überschüttet, hinan. Leichte
+Luft bauschte ihr Kleid. Robert, die Lichtbahn berührend, fühlte sich
+entkörpert. Doch riß in ihm eine wütende Sehnsucht ihn vorwärts. Höher
+klomm Hilde, sicherer immer den Fuß in die Luft setzend. Eines
+Fabrikschornsteins dicker Kopf summte vorbei. Schon verloren die Häuser
+ihre Etagen und drohten dunkle plumpe Quadrate. Rückblickend sah Robert des
+Pfades Ende in einem kleinen Feuerkreis, überzuckt von spukhaften Strichen,
+verschimmern. Vor ihm aber wuchs Hilde in eine Landschaft hinein, deren
+brauner Sand hell unter den Tritten der Kömmlinge knirschte. Meer rauschte
+an unsichtbare Küsten. Buschige, saftigen Grases behangene Dünen, von
+buntfarbigen Zelten überragt, bauten sich auf. In milden, zart verästeten
+Bäumen schrieen Papageien. Ein Bär trottete heran, schweren Ganges, und
+rollte demütig vor Hilde zur Erde. Sie wandte sich. Aus den Dornenspitzen
+blühten weiße Winden und schlugen ihre Stirn mit lieblichem Mandelduft. Sie
+breitete Robert, ein jung geborenes Lächeln über erlöst entspanntem Kinn,
+die Arme entgegen. Der stieß sich von der Sternenleiter ab. Schwang sich
+ans Gestade des Eilandes und stand dicht vor Hilde. Sie schloß leicht die
+Augen und über ihrer Nasenwurzel pochte erregter das Blut durch ein
+glasblaues Äderchen. Zum erstenmal glaubte Robert sie wirklich zu sehen.
+Als ob alle Träume aus ihm getreten und Körper geworden, war sie das
+einzige Gefäß seiner Sehnsucht. Nun blickte sie ihn an. Die Augen brachen
+auf wie das erste Lächeln eines Weib gewordenen Mädchens. Gingen durch ihn
+hindurch, senkten sich, schmerzlich-süße Sonden, tief in seine Seele und
+tasteten milde über das Harte, Verkrüppelte, das dort steinig und boshaft
+unter dem Gerümpel ausgelebter Tage knollig wuchs. Robert fühlte, wie ein
+Schluchzen in ihm aufging. Rings rieselten Wasserfälle lösender Tränen. In
+den Ohren begannen Glocken zu läuten. Gewaltig wie eine Prozession breitete
+sich das Bewußtsein von Reinheit und Heiligung in ihm aus, überfloß alle
+Widerstände und funkelte so in seinen Augen, daß ein Leuchten auf Hilde
+fiel. Flammender begann die Sonne ihre Strahlen um ihren Kopf zu teilen,
+das Firmament donnerte innig näher, zu harmonischem, überirdischem Schrei
+schmolzen die frei schwingenden Lebensrufe der gefundenen Insel zusammen.
+In erster Gewißheit, würdig zu knien, beugte sich Robert. Da stand, von
+rissigen Flügeln überschattet, haßklingend, stampfend mit kreischenden
+Angeln im dürren Bein, Peter neben ihnen. Alles Licht stürzte in die Tiefe.
+Grünlich schwelte fernes Mondfeuer auf zackigem Gestein. Hilde, erloschenen
+Sieges, lag in zusammengebrochenem Bettel. »Nur die Toten leben,
+vergeßlicher Knabe.« Schwarz brach's aus Peters stockfleckigem Grinsen.
+»Tat, die du geschworen, Tat, die in dir reifte, unser Zerschellen nicht
+müßig zu verlangweilen, wo bleibt sie? Gesinnung war Schwur. Lebe,
+Hochverräter!« Und wieder entblößte er die Wunde, ward kleiner und zerlöste
+sich. Nur der gräßliche Kreis des Bajonettstiches hing wie ein Signal in
+der Luft. Da schwoll in Robert ein Grauen vor dem Unentrinnbaren, daß er
+mit beiden Armen besinnungslos um sich schlagend auf den Boden fiel und
+fiel, fiel, fiel und deutlich verzuckend Hildes suchende Hand, fiel, die
+Bewegung kurz geworfenen Halses, fiel und fiel, Sausen, nur ein endlich
+Aufhören, Ende, und fiel -- fiel -- -- -- -- --
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+works. See paragraph 1.E below.
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+The Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Rebell
+ Novelle
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+Author: Manfred Georg
+
+Release Date: March 13, 2012 [EBook #39126]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+
+<div class="trnote">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1>
+<big style="font-size: 1.3em">Die Neue Reihe</big><br />
+Band 24
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<h1>
+Manfred Georg<br />
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+</div>
+
+<p class="center" style="letter-spacing:1.2em; margin-right:-1.2em; text-transform: uppercase;">
+1921
+</p>
+<p class="center" style="letter-spacing:0.15em; margin-right:-0.15em; text-transform: uppercase;">
+München<br />
+Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
+</p>
+
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:80%;">
+Geschrieben im Winter 1917 für H. S.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 005 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich
+entlassen sich wieder in den Fluß seiner Studienjahre
+schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie auch viele andere,
+mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine Erinnerungen
+schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger
+Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst
+die Quelle von friedlich lebenden Kameraden bewundernd
+gehörter Abenteuer, kamen ihm wie in süßlichrosa gebundene
+Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und Klublokalen
+hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder
+verkohlte Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser
+auf durchschrittenem Pfad. So hatte er nichts, was ihm wert
+genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz entschlossen verkaufte
+er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts
+in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein
+Bankgeschäft ein.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben.
+Untergeordnete Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld.
+Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte er schon einen Listenbogen
+vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und der unregelmäßige
+Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte
+mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog
+sogar manchmal begütigend den Kopf zur Seite, als suche er
+dort etwas.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe
+von Wertpapieren zu registrieren hatte, auf seinem
+Platz. Wenn er abends gegangen war, holte sie ein Bote und
+brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten Halle,
+<!-- page 006 -->
+die von einer breiten Straßenfront helles Licht erhielt, gemessen
+und abgetönt zu. Die Kunden kamen und sprachen
+leise, mit vornehmen Gesten; selbst die erst kürzlich in diese
+Gesellschaftsklassen Arrivierten dämpften Stimme und eckige
+Gebärde, wenn sich die Prokuristen mit leisem Klingeln echt
+goldenen Armbands verbindlich zu ihnen neigten. Der Schallfänger
+an der Tür verschluckte in seinem Filz andrängendes
+Geräusch des Fahrdammes. Einmal, erinnerte sich Robert,
+war ein Postbote auf der Schwelle stehen geblieben. Da war
+das Weinen eines Kindes, dünn und spitz, hereingeflattert,
+hatte sich in die vernickelten Deckenbirnen gehängt und war
+dann in trostlosem Trillern über die erstaunten Beamten gestürzt.
+Alle hatten gelauscht. Sogar die Schreibmaschinendamen
+hatten hilflos schon zum Druck gebogene Finger entspannt.
+Dann war&rsquo;s vorbei. Und schwer strömte die Stille
+weiter über Blätterrascheln und unterdrückten Husten.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Robert mußte manchmal lachen, wenn er daran dachte, er
+habe einst Vasaristudien getrieben oder als Schüler berühmter
+Gelehrter heißen Kopfes über platonischen Dialogen gesessen.
+&bdquo;Canadian <a id="corr-1"></a>Pacific 120 Prozent.&ldquo; Wie wundervoll
+nichtssagend war ihm dieses Papieres Name. Höchstens daß
+er dabei an Lederstrumpf und Büffel dachte. Seine Erinnerung
+verwirrte sich wieder und er riß sich zusammen. Geriet
+er in die falsche Zeile, war die Mühe einer Stunde vergebens.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Gleichgültig aß er um zwölf Uhr sein Frühstück. Ohne
+Sehnsucht dachte er dann an Vergangenes. Wie schien ihm
+alles in flacher Linie zu liegen, winzig, nicht des Gedenkens
+würdig zu sein. Seine literarischen Versuche, sein erstes,
+nicht erfolgloses Auftreten in der Öffentlichkeit, sein heißes
+Werben um Sinn und Erfassung der unsterblichen Meisterwerke,
+&mdash; Robert grinste häßlich über die geläufige Folge
+<!-- page 007 -->
+dieser Phrasen, die in seinem Kopfe automatisch abrollte.
+Nur ganz fern, weit in der Traumzeit seiner Gymnasiastenjahre
+leuchtete der Freundin Cornelia ernstglatte Kinderstirn
+leicht und weiß auf.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">&bdquo;South India Railway&ldquo;. Herrlich schrieb sich das Wort.
+Er verstand gar nichts davon. Unbestimmt wogte Ahnung in
+ihm von braunen, schwitzenden Arbeitern, die in Sonne getaucht
+für die Besitzer der Aktien frohnten. Dann ballte sich
+Roberts Faust. Aber scheu und ängstlich löste er sie sofort
+wieder, so daß das Blut aus der rissigen Daumennarbe gleichmäßig
+in die Handfläche strömte. Nicht zornig werden. Nicht
+die Fäuste krampfen. Sonst kommt es wieder; kommt das
+entsetzliche Wirrsal wieder. Die Buchstaben &bdquo;Depositenkasse&ldquo;
+spazierten im Halbkreis rund und goldig auf der matten
+Glasscheibe. Hinten in einer Ecke diktierte der Filialvorsteher
+heiser und mürrisch einen Mahnbrief. Die Worte
+fielen ihm trocken, versengt aus dem Mund.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von
+Messines. Von der Höhe entlud er sich schwarz und abfallend
+auf die Landstraße. Robert hielt mitten in seiner Schwadron
+hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte nervös auf
+das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am
+Gelenk. Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick
+abmarschiert, kam nicht. &bdquo;Absteigen!&ldquo; flüsterte Befehl
+von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner glitten zur Erde.
+Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu
+den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden
+Peter, der neben ihm hockte und Unverständliches murmelte.
+Die Karabiner, geprüft, knackten wie scharf zertretenes Holz.
+Langsam verlor sich das Schnauben der zurückgeführten
+Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind gebetet
+<!-- page 008 -->
+in verquollenen, verschluckten Seufzern, hüllten sich in
+die dunkle Stille. Da schnitt ein Signal sie entzwei, sie riß
+und zerkrachte in einem kollernden Gebrüll der Aufstürmenden.
+Sie schrieen vor Angst, Wut und Verzweiflung. Robert
+und Peter bebten Seite an Seite den Hang hinauf, willens,
+den niederzustechen, der nicht in gleicher Richtung rannte
+wie sie. Wie ein Rudel entfesselter Tiere sprangen rings von
+Grabenscheit und Brottasche umflogene Schatten mit ihnen.
+Da, als ihr Keuchen schon fast schaumig um die schartenzerlockerte
+Kirchhofsmauer brandete, setzten sich die dahinter
+zur Wehr. Peter tat einen seltsam hohen Sprung nach
+vorn und klumpte schief zusammengestoßen auf einen Haufen.
+Einen anfeuernden Feldwebel, dem Schweiß und Blut
+unter zerbeultem Kuppenhelm über das entstellte Gesicht
+troffen, mit dem Fuß zurückstoßend, beugte sich Robert über
+den Freund. Der schrie, wild, hoch und haltlos, grotesk die
+Hände auf den Unterleib krampfend. Dann riß er sich die
+Kleider auf. Gräßlich lag die von zackigem Geschoß gerissene
+Wunde bloß. Robert stand, die Hände steif, unfähig
+sich zu bewegen. Flau kroch ihm ein Ekel über Gaumen und
+Schlund. &bdquo;Hilf mir!&ldquo; brüllte Peter und sucht entrinnendes
+Gedärm in den Leib zurückzustopfen. Kasernenparaden, Abschiedsjubel
+heldisch aufgeblasener Backfische, die salbungsgeschminkte
+Miene des Oberlehrers Drews bei Erläuterung
+des dulce et decorum hetzten sich bunt in Roberts schwindelnden
+Sinnen. Er röchelte, als er des fetten Pensionswirtes
+schmatzenden &bdquo;Endlich&ldquo; gedachte, da die Depeschen der
+Kriegserklärung über den Kaffeetisch flogen. &bdquo;Hilf mir!&ldquo;
+Peters Heulen brach an den schmerzgepreßten Zähnen zusammen.
+Da mußte Robert grinsen vor Leid. In ihm schwoll
+Tränensturm tobend hoch. Ein schreckliches Lachen floß
+ihm breit heraus, als er die Reiterpistole vom Gurt riß und
+dem sich in Todeswehen bäumenden Freund mitten zwischen
+<!-- page 009 -->
+die entsetzten Augen schoß. Dann stürzte er um, mit dem verzerrten
+Gesicht tief in eine zertrampelte Kotlache schlagend.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben
+scharfe Schläge die hohe, steife Standuhr in den Saal warf,
+aufgeregt die Bureaufräulein an Robert vorbei, Sehnsucht
+nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder einem
+friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen
+in den Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz
+auf den für zwanzig Dienstjahre von der Bank gestifteten
+Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen nach.
+Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl
+soeben gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm
+durch Schlüsselrasseln seinen Unwillen über Roberts Hindämmern
+vor schon aufgeräumtem Tisch demonstrierte, erhob
+sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ ihn
+nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten
+Zimmers vor dünnen Stullen und verpanschtem Bier, hob er
+manchmal den Blick. Glaube, ein Wunder müsse geschehen,
+erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen die Rauchfahnen
+der städtischen Fabriken von Ost nach West über die
+Giebel. Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern.
+Die Geranien, verblüht, lösten sich und ließen leise
+ihre Blätter in die Tiefe segeln. Die tanzten eine Weile, wie
+nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im dritten Stock
+schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig
+mit Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden
+empor. Robert sah zu, wie sie ihm die breit auf den
+Tisch gespreizten Finger überflutete.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+<!-- page 010 -->
+
+<p class="noindent">Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte
+mechanisch mit dem Haken gegen die Seitenlehne. Summte
+bisweilen. Falsch und eintönig irgendeine Wortfolge. Allein,
+alleine, heute alleine, morgen alleine. Und Zorn schwelte
+langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum?
+Warum nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war
+und noch immer Krieg im Land? Laß die Toten die Toten
+begraben. Kann ich dafür, daß er fiel? Kannst dafür, kannst
+dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes, wohltuendes
+Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit
+zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden,
+widerliche Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben
+Zeit wieder hundert Peter herum und versiegen in Blut und
+Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur schreien. Nein,
+nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte
+so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust
+den Mund. Mitten zwischen die Augen. Und hatte doch mit
+mir Reifen gespielt und Flitschbogen geschnitzt. War hoch
+auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte mir
+Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön
+ist es auf der Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind
+zu malen, sind zu malen. Himmelherrgott, bin ich denn verrückt?
+Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb ein Streichholz
+an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den wenigen
+Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit
+zu kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß
+ihm. Gerede, Rethorik, Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu
+denen mit Feuerzungen gesprochen wurde, tanzten vor Jubel
+bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und ersoffenen
+Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und
+Westpreußen, Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo
+er im Nervenfieber vierzig lange Tage auf dem schweißdurchnäßten
+Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben gebangt.
+<!-- page 011 -->
+Scheu hatte er sich in die Kissen gedrückt, wenn die
+Nebenmänner starben. Bis ihm der schrille Schrei Mutter in
+allen Sprachen geläufig und der einwickelnde Griff der Totengräber
+eine technische Fertigkeit geworden waren. Robert
+drehte hastig das Licht aus. Schlafen, Ruhen. Wohlig das
+Schmiegen der Kissen auskosten. Nicht denken. Alles ist
+doch gleichgültig. Kann ich&rsquo;s ändern? Morgen male ich wieder
+Zahlen. Elbinger Stahlwerke. Na, wenn schon. Nur
+schlafen. Hat Limm nicht eine neue Borte um die Mütze
+gehabt? Oh, wie müde, wie müde. Peter, armer Peter.
+Bochumer Hütten stiegen auf 300. Schlafen, ist ja egal &mdash;, ah
+&mdash; wie müde, &mdash; wie müde &mdash; &mdash;.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen
+waren vom kargen Gehalt übriggeblieben. Schon saß er
+wieder in seinem geliebten Prinzentheater auf einem hinteren
+Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche Polster unter
+ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt, begierig
+auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet.
+Wie fern ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer
+Glaswand. Fest eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts
+Fremdes zu ihm hindurchließ. Sein Blick strich schwerfällig
+in die Runde. Über erhitzte Gesichter Ankommender, in
+behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig Verwachsener,
+über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und
+volle Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm
+herunterglänzten. Wächsern sah das alles aus. Unheimlich,
+automatisch eingelernt. Und ich mußte meinen Freund
+erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen Ehefrau
+Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger
+Fräcke. Die sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch
+die Hitze des Saales, und sie feuchtete sie mit einem flinken
+Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam. War er allem so
+<!-- page 012 -->
+fremd geworden? Dieser Frauenmund dünkte ihm etwas
+unerhört Neues, nie Gesehenes. Weiches, verschwimmendes
+Rot-Dunkel brach in den Saal. Schwingend und lautlos barst
+der Vorhang auseinander. Isolt klagte.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch
+rauschte die Musik in ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem
+Gebirg gleich schroffte sich Erinnerung in seiner Brust auf
+und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber darüber flogen die
+Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen
+Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen
+schreitenden Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und
+horchte beglückt auf das Konzert in seiner Brust. Plötzlich
+mußte er unwillkürlich die Augen schließen. Jemand hatte
+ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich bereits
+wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon
+fühlte er, wie in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich
+zu lächeln, verbindlich zu grüßen oder einmal zu pfeifen, wie
+ein helles Schiff mitten in das Geschwader seiner wolkigen
+Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das Fremde vorbei.
+Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden
+Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über
+das hinterhältige Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf
+aus und tauchte im Gewühl unter. Nur blaß blieb
+ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die Brauen
+zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf
+dem Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen
+ziehender Genossen plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener
+den Kopf und hob den Arm zum Schutz seiner Wehrlosigkeit.
+Dann tappte er dunkel zu seinem Platz.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen,
+weiter ins offene Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er
+<!-- page 013 -->
+daran. Verging nicht vor Süße. Manchmal klangen ein paar
+Worte der Sänger dazwischen wie leise Hornstöße. Dann
+sank er wieder unter in Tönen, wurde hochgehoben und trieb
+in glücklicher Besinnungslosigkeit dahin. Mit einemmal
+ward es lichter. Ein Gedanke, fremd ihm längst geworden,
+phantastisch, glomm fern in ihm auf und wühlte sich rasend
+näher durch die Klangwogen: Das fremde Mädchen. Wer?
+Wer? O ginge sie nicht fort. Als er ihm hell und lodernd ins
+Hirn stieß, prasselte zu gleicher Zeit um ihn der Beifall der
+Zuschauer klatschend nach vorn gegen die erblindende Bühne.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt.
+Ein wenig kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen
+hinunter, die Hand auf dem Leitsteg. Da stolperte etwas
+hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete einen taumeligen
+Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand
+tappte schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei
+Ringe brannten ihm tief ins Fleisch. &bdquo;Verzeihen Sie bitte.&ldquo;
+Über das Gedränge und seine Fährlichkeiten einige unverbindliche
+Worte tauschend gelangte er mit der Fremden ins
+Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien,
+sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer
+Wildkatze entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der
+Pause. Wo? Aber das Bild verwischte sich traumhaft.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Kaum daß er&rsquo;s merkte, war er mit Sonia, wie Brocken
+ward der Name hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten.
+In der Wärme einer Kakaostube ihre Glieder
+fühlend blickten sie sich einander an. Sein verzerrtes, in
+Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht
+löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle
+Dämme des Vorspiels, trieb ihn, kaum daß er sich wehrte,
+rasch aus den Positionen der Konvention, und schickte sich
+<!-- page 014 -->
+schon an, die Fahne ihres Lachens aufzuziehen, als sie sich
+plötzlich von seinem ruhigen Spott umstellt sah und vor sich
+eiserne Tore fühlte. Sie fauchte etwas und schob sich leise
+näher. Aber Robert, seine Ruhe um sich schlagend, ergötzte
+sich an ihrer animalischen List. Ließ seine Hand in ihrem
+Atem wie in einem Bad. Plötzlich aber griff er Sonia am
+Arm, dicht unter die Achsel und riß sie an sich. Sie knickte
+mit einem kurzen Freudenlaut zusammen, so daß der Malayenboy
+an den surrenden Teemaschinen diskret fortsah.
+Die halb geöffneten Augen demütigten sich in Ergebung. In
+Robert jedoch brachen die Sinne, halbverhungerte, struppige
+Tiere, aus ihren vermorschten Fesseln. Die Kontrolluhren
+seiner Gleichgültigkeit blieben mit einem Ruck stehen. Vulkanisch
+quoll Dampf in ihm auf und legte sich graurot über
+alles Geschehen.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag
+gestreckt auf die Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus.
+Gewißheit tropften die Sterne. Unabänderlichkeit. Die
+Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer wie
+riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da &mdash;
+weit hinten stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend.
+Als ob jemand geschlachtet würde. Stieg. Und stieg. Robert
+warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er hörte, wie der Schrei
+sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa schrie.
+Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken
+eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt.
+Breit wie ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt
+floß ein Kreischen heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht,
+rannte sich steil an den Wänden und spie zerrissen
+sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich unter dem
+Anprall. &bdquo;Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!&ldquo;
+Robert flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd
+<!-- page 015 -->
+im Dunkel. Stumm lächelten die Hausgiebel mit den fehlen
+Bodenluken. Sonia, gestört, fiel im Traum, und bog schleifend
+den Fuß in einer Deckenfalte. Dann erwachte sie, sah
+Robert starr gegen das Fenster gerichtet, und weich mit den
+Linien des Lagers verschmolzen bot sie sich ihm an. Aber er
+wich in die tiefen Schatten der Stube. Nur einen Augenblick
+sah sie eine zusammengehämmerte Faust, von Adern hügelig
+überflossen. Angst pfiff ihr in der Kehle. Leise tappte sie nach
+der Tür, die Fußsohlen behutsam vorschiebend. Wie Büsche
+auf dunkler Landstraße, hinter denen Wegelagerer hocken,
+drohten die lichtlosen Ecken. Jemand knirschte mit den
+Zähnen. Wer? Robert? Oder ein phantastisches Ungeheuer,
+das in seinem Versteck riesenhaft sie überwuchs?! Jetzt galt
+es, einen Mondstreif zu passieren. Sonia zauderte. Schon erglänzten
+die Nägel ihrer Zehen. Milch puderte sich um die
+Knöchel. Dann stand sie gereckt in der Helle. Verstand, sich
+an dem glasigen Feuer ihrer Haut entzündend, weckte sie
+auf. Hoch warf sie die Arme. Dehnte sich satt und schlank,
+sich selber fühlend im Licht, das wie ein Schuppenpanzer sie
+sichernd umschmiegte. Dann sprang sie, aufgescheucht vom
+dumpfen Niederbruch eines Körpers, in einem Satz aus dem
+Zimmer.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe,
+von der er nicht recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der
+Briefträger an den Flurtüren der niederen Stockwerke, flog
+schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses verzweifelt
+erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht
+des Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und
+schwenkte in verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang,
+um auf der anderen Seite des Hauses endlos die Stiegen
+hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte Robert im
+Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde
+<!-- page 016 -->
+spürend. Wer denn überhaupt?! Wer, zum Kuckuck?! Er
+bekam das Gesicht nicht zusammen. Hinter seinen Augen
+fühlte er Schmerz. Ausgerodet lag ein kleiner Platz im Hirn.
+Winzige rote Feuerkugel, scharf zusammengeballt, kohlte
+der Blick der Fremden und riß mit zündenden Rändern alle
+Fasern in seinen knisternden Kreis. Durch die Stube gegen
+die Tür stürzend dröhnte Robert gegen das Holz. Das Gesicht!
+Ich habe das Gesicht verloren. Mir ist wie jenem
+Mann, den am Nordpol einer traf, als grunzenden Gesellen,
+ein halbes Schwein, das kaum essen konnte. Der hörte das
+Wort &bdquo;light&ldquo;. Sein vereistes Gesicht brach plötzlich von
+innen zusammen. &bdquo;Light?&ldquo; In ihm sagte etwas Ja! auf light.
+Was, was? So wie wenn der Pelz am kalten Abend um die
+Brust einen Ring von Wärme lagert, in dem man in Schlaf
+fällt. Light? Gesicht! In Robert stiegen Schreie wie Notsignale
+eines Schiffes, verirrt in der Wasserwüste. Abgetrieben
+von der Küste der Erinnerung blieb ihm nichts übrig, als
+zu beten. Zwischen ausgelaufenem Heringskopf vom Abendbrot
+und fettiger Zeitung faltete er die Hände. Den Mund
+schon öffnend fiel ihm die Bibel ein. Ruth! Und mit suchenden
+Augen raste er in die Kapitel, bis die Seiten des Buches
+ihm über das Haupt aufwuchsen wie zwei riesige weiße Flügel,
+in deren Schlag er mit müde gehetzten Zügen versank.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem
+Balkon polsterten sich Gitterstäbe und Borde mit einem
+harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen rings um das
+Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer
+die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang
+der Todesruf derer, die in den flockenweichen Abhängen
+letzter Spannung Grauen erfuhren. Hiobsposten wechselten
+mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier wuchs
+täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug
+<!-- page 017 -->
+man Armut unter nicht geglaubten Phrasen. Robert mußte
+kleinlichste Berechnungen anstellen, wollte er nicht schlankweg
+verhungern. Er erduldete alle Demütigungen der Volksküchen,
+wo man ob des reinen Kragens, den er hatte &mdash;
+mußte doch Repräsentation in der Bank kärglicher Mahlzeiten
+ungefühlter Ausgleich sein &mdash;, von ihm abrückte und
+sich schweißigem Halstuch verband. Eines Tages krochen
+auf seine linken Finger runde grüne Fleckchen mit gelbem
+hautspaltendem Einkreis. Kälte sengte die Hand. Das ausgerenkte
+Eisenmaul des Ofens bleckte leer und von Frost
+umwittert. Seinen Mantel und Decken über sich werfend,
+floh er ins Bett. Lag da, bis ihn morgenlicher, früher Wind
+in den Hauskaminen zur Arbeit jagte. Lag da und spürte die
+Öde der getünchten Decke wie Körper. Nur unbestimmtes
+Gefühl einer Hoffnung, die irgendwoher in blumenden Gewändern
+sich ihm erfüllen sollte, keimte leise und heftig.
+Das Erlebnis jenes fremden Blickes, langsam in den steigenden
+Eisschatten der Kälte und des Hungers erfroren, quälte
+ihn kaum noch mit suchenden Stacheln. Nur ein Warten
+blühte in ihm. Es nicht begreifend, atmete er auf, glaubte er
+es durch Genuß eines ergatterten Wurststücks betäubt. Aber
+dann überfiel es ihn wieder. Seine Träume wurden bunt. In
+Biedermeiergärten schritt er einher. Mußte Spitzwegszenen
+stellen und Walsersche Gespräche führen. Unerhört farbig
+betupfte Landschaften waren zu durchschreiten. Hinten
+brach ein Himmel in schießenden Strahlen ein. Dahin mußte
+er rennen. Es erwartete ihn dort wer. Die von kugelig dickköpfigen
+Bäumen bestandene, mit hellem Kiesschotter besäte
+Chaussee begann wie im Film an ihm vorüberzuschwirren.
+Wo hatte er schon einmal in solchem Wirbel gestanden?!
+Erinnerung schrie in ihm auf! Die Wolken schienen in feurigen
+Bändern zu lodern. Er flog. Musik ritt im Winde mit
+ihm. Gelüfteter, frierender Arm weckte ihn. Süße, ungeahnte,
+<!-- page 018 -->
+in sich spürend, schwangen seine Schritte in den nächsten
+Stunden. Dann wischten Keifen der Portierfrauen, übelschmeckender
+Kaffee und der bedrückte Lärm unwilliger
+Frühaufsteher das Bild schmutzig. Saß er später wieder vor
+grüngefriestem Tisch und dem Tanz der Zahlen, konnte es
+geschehen, daß er krampfhaft gegen die Brust tastend einen
+Laut aus sich grub, der wie zerrissener Jubel sich hob. So
+fremd klang er ihm, daß Robert selbst freundwillig und beglückt
+ihm lauschte, bis er sank und wie ein Bumerang rückkehrend
+mit vollem Weh auf ihn niederbrach.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem
+Marsch zum Bahnhof. Längst gewohnt, die abschiednehmenden
+Blicke Ausziehender ohne Scheu und Reue zu ertragen,
+bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und
+strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert
+mußte ein Herr im Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren,
+plötzlich im Takt mitlaufen. Das linke, auswärts gekrümmte
+Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten Beachtungslosigkeit
+geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln
+des Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch
+keiner Ausbruch. Robert sah den nickenden Zylinderturm,
+roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte sich der mit
+den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein
+grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß
+einen anderen an. Machte ihn aufmerksam auf den fetten
+Faun, der gutes Frühstück im anmutig geschwellten Leib Sympathie
+erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der freundliches
+Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche
+im Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht,
+denn gestürzter Omnibus an nächster Straßenkreuzung versprach
+Stauung. &bdquo;Na, mein Lieber, noch was Rauchbares
+vorher?&ldquo; Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen
+<!-- page 019 -->
+unter den Tornisterriemen. Grimmig, leise, inbrünstig:
+&bdquo;Vorher? Vor was?!&ldquo; Doch schon ging er weiter. Kommt
+kein Blitz? flehte Robert. Mit einem Mal sah er Peter. Er erbebte.
+Peter schritt vor dem Dicken. Weißlich-rot schleppte
+ihm etwas aus dem Koller. Wie bleiche Selcherwürstel. Das
+Vieh trat immerzu darauf und pfiff. Ganz deutlich klang es:
+&bdquo;&mdash; und dann die Herren Leutnants.&ldquo; Unverbindlich wippten
+die Lackschuhe. Wie einen Zweihänder fühlte Robert
+seinen Arm emporgeschleudert, stieß in Wolken und brannte
+nieder damit, Eisen in den apoplektischen, hüpfenden Nackenwulst.
+Er schloß die Augen. In ihm heulte ein Tier. Als er sie
+wieder öffnete, waren die Personen der Szene schon in weite
+Ferne gerückt. Der Schlag, ungeführt, verdonnerte in Ohr und
+Herz. Über die geballte Hand floß Blut einer geplatzten
+Ader. Sperlinge zwitscherten durch die Stille der Straße.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig
+mit freundlichen weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem
+Beschauer ein ergötzliches Durcheinander bot. In
+engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige
+Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke.
+Verwirrt über die Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes
+Mädchen mit leichter Verneigung an ihn richtete,
+stammelte er etwas von &bdquo;aussuchen&ldquo;. Sonderbare Kunden
+gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen
+Titel auf den bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert
+längst verhallte Sprache. Er las sie in leisem Rausch wie
+jemand, den heimischer Marktplatz nach langen Jahren mit
+vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden
+lag vor ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen
+Goldleisten geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche
+Märchen. Gerade in das vom versunkenen Klavier
+geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens vorgetragen.
+<!-- page 020 -->
+Wann war denn das gewesen? Unendlich lange schien es ihm.
+Hoher Saal verschwamm, riesiger Orgelpfeifen Wand rundete
+nach hinten das Bild. Oder hatte er das alles nur geträumt?
+Aufblickend und die Gestelle abgleitend las er mechanisch:
+Hauptmann, Eichendorff, Mann, Goethe, Heine, Lucka
+und andere Namen. Merkwürdig, war er gestern nicht in den
+&bdquo;Gespenstern&ldquo; gewesen? Warum nur die Erinnerung so
+schwankte! Nun wußte er auch schon nicht mehr, wer die
+Regine gespielt. Und dann hatte er des Nachts geträumt.
+Wirres Zeug. Von einem Krieg, einem gelben Holzstuhl in
+einer Bank, auf dem er tagelang gesessen, einem Blick, &mdash;
+den ihm wer zugeworfen? &mdash; Cornelia? &mdash; Richtig, er mußte
+ihr ja noch einen Busch Tulpen schicken. &bdquo;Also, ich nehme
+diesen Band hier.&ldquo; &bdquo;Bitte schön, mein Herr. Macht achtzehn
+Mark bitte.&ldquo; Das schäbige Portemonnaie mit den zwei
+schmutzigen Markscheinen und der zerknitterten Volksküchenquittung
+setzte Roberts schweifenden Gedanken mit
+hartem Ruck ein Ziel. Hilflos, die Unterlippe vorschiebend,
+auf der ein schiefes Lächeln verlegen irrlichterierte, tauchte
+er flehend, ihm die Worte zu ersparen, in der Verkäuferin
+korrekt gewordenen Blick. Der umwachte seine Hände, die,
+äußeren Zwang noch nicht empfindend, gierig und krampfhaft
+das Buch umklammerten. Da kamen aus einem Nebenraum
+zwei Stimmen, sich verabschiedend und begleitend,
+rasch näher. An der Verbeugung des grauköpfigen Ladeninhabers
+lavierte, mit kleinen Stößen der Hüfte die beladenen
+Tische meidend, ein junges Mädchen herein, von mattfarbigem
+Florentiner das Gesicht überschattet. Der Laden
+hatte plötzlich keine Decke mehr. Zwischen den Büchern
+brachen Fliedersträucher auf. Unaufhörlich stürzten italisches
+Blau und schwellende Flötenrufe durch die offene
+Decke. Robert fühlte, jetzt mußten draußen auf den Häusern
+die Fahnen hochgehen. &bdquo;Die Fremde ist da! Erlösung!
+<!-- page 021 -->
+Die Fremde ist da!&ldquo; brausten Chöre in ihm. Frommes Gebet
+sandte milden Weihrauch empor, der die Augen feucht beizte.
+Zwei Schritte nach vorn, das Buch fiel. Wie sanft abfahrendes
+Dampfschiff entglitt der Raum nach rückwärts. Hinter
+ihm lag schon die Tür.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen
+Vertrautheit. Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich
+jedoch nicht vom Wege. In dem Handdruck, den sie ihm bot,
+floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die Leere verronnener
+Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen.
+In gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die
+Straße hinauf und schlug den frühlingskalten Asphalt in
+halblautem Gleichklang. Gespräch sprudelte aus Robert, klar
+und wild, wie Quelle aus längst versiegtem Gestein. Hilde
+Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu
+löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus
+mystischer Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl
+lange geahnten Halt gebend, freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen.
+Damals in Sehnsuchtsstarre in die Säule des
+Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille
+erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte.
+Über von sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich
+von geeigneter Umgebung angewandten Zwang,
+Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu tragen, über
+den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch eingehämmerten
+Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein,
+ja über die instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten
+Manteltasche flutete in Wogen das Vergessen. Hilde
+Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit im
+Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr.
+Er ging, ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen,
+<!-- page 022 -->
+seinen Körper so leicht und schwingend zu fühlen. Als sie sich
+trennten, lud Hilde Sintram ihn zu Gast.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem
+Tage Robert über die Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter
+Kressesamen. In seiner Rockärmel glattpolierten Aufschlägen
+sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die Sonnenreflexe
+sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich
+gewahrend senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein
+Lächeln begann den Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste
+am Waschtisch früh ward neues, seltsames Instrument. Die
+angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe, schnappend sonst
+und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend,
+ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte
+Wurstpellen. Nur leise, fernsten Horizont umfahrend, segelte
+Gedanke einer Katastrophe auf. Ein Klirren in ihm, ein
+Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden Rücksichtslosigkeiten,
+die sich drängend zum Riesenwall in ihm
+türmten. In den Nächten, wenn der Mond schief gegen das
+Haus stand und die Wasserflaschen unter seiner Berührung
+verhalten zu singen begannen, brach manchmal aus der eisern
+zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und versuchte,
+die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten
+die fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren
+Mänteln vermorschtes Geschütz und geleimte Brustwehr und
+stürzten die Mondwandelnden durch beherzten Anruf in die
+Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in Regeln fand
+schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer
+Seite trostlos aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof
+vor sich hin. Sich vorstellend, weit ab, irgendwo in einem
+fremden Land zu sein, kam er schon nur in einen anderen
+<!-- page 023 -->
+Stadtteil, schlenderte Robert auch hier langsam und neugierig
+stürmisch nah gewünschtem Ziele zu. Spielend schob
+er es in scheinbare Ferne und betrachtete Photographenkästen
+und kümmerliche Rabatten der Vorgärtchen mit Erstaunen.
+Ein paar alte Bäume schliefen sich in den Nachmittag.
+Zwischen den holprigen Steinen des Dammes trollte
+ein Hund dem Bahndamm zu, kräftigen Pfeifens des Besitzers
+nicht achtend. Plötzlich brach die von niedrigen Häuschen
+unscharf flankierte, kleinstädtische Straße auf einen
+Platz aus, in dessen Mitte zwischen wohlgepflegten Büschen
+eine Kirche sich kühl dem Spaziergänger entgegenwarf. Abwehrend,
+hinter dichtem Baumbestand lugten einiger vornehmer
+Villen Kalkputznasen rings um das große, ovale
+Rondell auf den Fremden. Auf schmalem Schild zeilte sich
+ebenmäßig und unverschnörkelt der Name Sintram. Schon
+die Hand zur Glocke erhebend ließ Robert sie plötzlich wieder
+sinken. In der Kirche schwoll ein Choral und drang durch die
+mattglimmenden Scheiben. Hingegeben traurigem Gesang
+schienen die Worte im Munde der Sänger süß sich zu färben.
+Dann rauschte Orgelton auf, gewaltiger Konfession voll:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Mors stupebit et natura,</p>
+<p class="line">Cum resurget creatura,</p>
+<p class="line"><a id="corr-2"></a>Iudicanti responsura.</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Liber scriptus proferetur,</p>
+<p class="line">In quo totum continetur,</p>
+<p class="line">Unde mundus iudicetur.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend,
+glaste vor ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit
+über die Knöchel sich hoben, reckte er sich. Frei! Frei werden!
+Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: &bdquo;&mdash; traben hin
+durch helle Lande.&ldquo; Schon schnaubten ungesattelte Rosse
+apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum!
+Uniform, zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes
+A auf der Achselklappe?! Bange flüsterte Robert:
+<!-- page 024 -->
+&bdquo;Laß mich gehen, Peter. Für dich, du laß mich weiter!&ldquo;
+Ein Lachen schüttelte ihn. Ein fremder Soldat, aus dem
+Schatten unwillig gelöst, strolchte mit einem Mädel davon.
+Umwendend, die Rechte mit allen zuckenden Fingern bis in
+die Spitzen fühlend, ein unerhörtes Kraftwort hell mit seinen
+gesunden Zähnen zerkrachend, zog er kurz zweimal hintereinander.
+Schwirrend jagte das Läuten vor ihm her. Das Haus
+wich vor ihm in sich zurück. Wärme riß ihn hinein. Riesig
+schien sich wie eine ewige Wand hinter ihm die Türe zu wölben.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und
+senkten sich von den Stühlen vornehm und ruhig der Vater
+Hildes und vorgestellte Bekannte in Verbeugung. Erwartung
+umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes, Feindliches
+in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe
+Luft von der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in
+die ihm neue Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung
+hatte, wohlig fallen und reihte sich ohne Umstände ins Gespräch.
+Obwohl er merkte, wie seine Worte gleich kantigen
+Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn
+geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer
+zu Boden fielen. Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger
+Hingerissenheit halb auf ihrem Stuhl und ermutigte
+ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die Schläfen schwarzes
+und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert,
+ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung
+entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen,
+ausgeglichenen Wellen um die Tanzkunst einer
+Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu lebhaften Anmutsstudien
+aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen,
+um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser,
+sachlicher Unwissenheit in den behandelten Dingen
+mußte er sich mit einigem Kopfnicken begnügen. Als Hildes
+<!-- page 025 -->
+Vater zu sprechen begann, schwiegen alle. Leicht blauten sich
+die Adern an der kühn aus kurzen, weißen Haarflocken herausspringenden
+Stirn und die Worte, inhaltlich von einem
+klugen Sinn beflügelt, ohne auf den Kern der Sache Wert
+zu legen, fielen autoritär und Verständnis unbedingt fordernd.
+Aus seinem Sessel, wie mit ihm verwachsen, stieg der
+elastische Körper, leicht vorgeneigt, überredete die Handbewegung,
+in ihrer gelinden Krümmung Kultur und jahrhundertelange
+Übung einer Kaste undemütig verratend.
+Vom halblaut tönenden Munde streifte Roberts Blick tiefer
+zu dem adligen, von keiner Greisenfalte zerfurchten Halse,
+dem tadellosen Kragen und gedeckten Seidenschlips bis zu
+den weichen Wildlederstiefeln, deren warmer Glanz von sorgfältiger
+Behandlung mit allerhand kostbaren Fetten zeugte.
+Robert sah auf seine Schuhe, deren linker an der Ballennaht
+einen gefährlichen Riß aufwies. Aber vor dem ersten! War
+doch sowieso die Wäsche noch nicht bezahlt. Und teuer
+waren die Schuhmacher, teuer! Auch stand kein Ende des
+Krieges und damit frischer Häuteimport bevor. Freilich die
+Reichen, die Kapitalisten, die zusammen mit zünftigen Militärs
+die Regie des großen Mordens übernommen hatten, sie
+konnten der knappen Tage achselzuckend gedenken. Robert
+hatte plötzlich das Gefühl, als röche er nach Fusel. Säße an
+bierverschwemmtem Holztische mit Zimmerleuten, die eifrig
+vor Zuhören die schmierigen Daumen drehten, während auf
+der Tribüne des dunstverschlagenen Saales der Abgeordnete
+&bdquo;Sandmeyer gellende Tiraden über die Erregten peitschte: .&nbsp;.&nbsp;.
+und nicht genug, daß in fremden Ländern seit Jahren Körper
+unserer liebsten Menschen faulen müssen, nein, auch hier,
+vor den Augen der Bourgeoisie, unseres schlimmsten Feindes,
+krepieren unsere Kinder und Mütter, die der Hunger zerfrißt.
+Sie sitzt freilich in dem behaglichen Gemach, wo der
+Kamin glüht, aber ihr seid gezwungen, durch Dreck und
+<!-- page 026 -->
+Regen zu latschen mit zerrissenen Stiefeln .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. also,&ldquo;
+schloß Herr Sintram und trocknete die feucht gewordene
+Lippe mit einem blütenweißen Tuch, &bdquo;also ist meines Dafürhaltens
+der Tanz, so er den, durch Grazie und Sitte bestimmten
+Rhythmus verliert und bacchantisch, sagen wir salomeisch
+zu werden beginnt, kein Tanz mehr, sondern nur eine
+Ausgeburt, der das Unbeherrschte, niedrige Temperament
+des ihn Exekutierenden verrät und mithin geschmacklos zu
+nennen ist.&ldquo; Über die, für sein geistiges Niveau beschämende
+Ideenassoziation im klaren, konnte doch Robert es nicht hindern,
+daß plötzlich sein Mund haßte und sprach, hart, lauter
+als nötig, die Worte an den Eckzähnen zerreibend. &bdquo;Das
+glaube ich nicht, Herr Sintram. Tanz ist ein Suchen. Aus
+den gewöhnlichen Lagen sind die Glieder gelöst, wollen sich
+nicht mehr fügen schematischem Bau. Neuer Vollendung
+entgegen streben sie. Musik löst das Hirn der Tänzerin in
+Klänge. Es schwindet die Erde. Wollüstig und süß befällt
+Rhythmus die Glieder. Aufzucken sie. Die Arme schießen in
+die Weiten. Sterne umleuchten schon nah die Fingerspitzen.
+Neue Gefühle wölben die Brüste. Sanft überstreicheln sie
+Welten von Brausen und lassen sie weich in sausende Luft
+vergehen. Fahne, mähnig, kämmt hoch das Haar, stählern
+und geschmeidig, siegende Wimpel. Nun lüftet der Fuß sich,
+rascher schlägt er die Flanke, will sich vereinen mit den anderen
+Gliedern, die wild in die neue Freiheit hinausjubeln. Ja,
+das sahen die Schauer noch nicht. Weit gaffen die Augen.
+Strahl um Strahl entschießt sehnsüchtige Begierde. Weißglut
+in der Berührung peitscht sich die Schäumende zu höherer
+Vollendung. Chaotisch stürzt in ihr das Bewußtsein in
+Trümmer. Hic salta! Wo ist der neue Mensch? Gewinne dich
+ab dem flammenden Kosmos, das du in Brand setzest. Auftreibt
+noch einmal schwer die Erde, will Lende fassen und
+Hüfte. Aber schamlos überrast reißen die Ketten und sie entdonnert
+<!-- page 027 -->
+kraftlos. Die Blicke biegen sich ab, stumpf, entglänzen
+dann heller nach innen. Nebel steigen. Ruhiger türmt
+sich der Tanz. Krampf sinkt. Über gefundenen Eilanden
+wiegt sich harmonisch der Körper. Schaukeln ungekannt
+Länder heran. Paradiese enttauchen besonnt und leise stampfend
+besingt ein neues Weltall die Befreiung. So &mdash;&ldquo; Das
+Wort brach Robert am Munde, als die wachsende Befremdung
+rings durch seinen Rock dringend eiskalt ans Herz stieß.
+Herr Sintram, eine sehr höfliche Verachtung im Lächeln und
+eine Erwiderung für überflüssig haltend, machte darauf aufmerksam,
+daß ein guter und bei dem naßkalten Wetter wohl
+besonders willkommener Tee angerichtet sei. Gab er jedoch
+während des Gesprächs Robert gastlich Gelegenheit, seine
+Rede durch kluge Bemerkungen zu annullieren, blieb der
+verstummt und fühlte die braune, warme Holzverschalung
+der Wände, Geplauder über Scheurichs Plastikenversuche
+und die tadellose Haltung des Dieners wie Herausforderung.
+Hier war er Feind, den man bei Waffenstillstand höflich bewirtet,
+aber man ahnte in ihm Gehässiges, Bedrohliches. Hilde
+blieb tief über ihre Tasse gebeugt. Einmal, als er ihrem Vater
+widersprach, ohne ehrlich der geäußerten Meinung zu sein,
+nur um sich aufzustemmen, unterstrich sie ihn mit einem:
+das glaube ich auch. Ihre etwas sich kräuselnden Schläfenhaare
+glühten im Widerschein ihrer Haut. &bdquo;Hilde &mdash; du &mdash;
+wo bist du?&ldquo; Ein toller Schmerz, der ihn zersägte, trieb Robert
+zu frühem Aufbruch. Hilde begleitete ihn. Schon schritt
+er schweigend, geschlagen, im Rückzug noch zusammengeschossen,
+die kurze Steintreppe hinab, da fragte sie: &bdquo;Wir
+wollen übermorgen reiten, ja? Holen Sie mich ab. Um elf
+Uhr.&ldquo; Tief, um ihre Hand zu küssen, beugte er sich; aber die
+hastig fortgerissene traf er nicht, so daß er beinahe gestürzt
+wäre. Die Luft kroch ihm kalt zwischen Kragen und Haut.
+Wie eine alte, verwunschene Burg fiel Hilde Sintrams Haus
+<!-- page 028 -->
+hinter ihm in den schwarzen Abend zurück. Unwillig knarrend
+grinste die Gittertür. Revolten zogen mit flatternden
+Bannern in ihm auf. Scharen von Gedanken, blutrot behelmt,
+folgten ihnen. Die orangenen Vorhänge schwellten
+sich voll milden Lichts wie zuvor. &bdquo;Ihr! Ihr! Ihr erdrosselt
+und knebelt. Streicht das Rohe und Wilde ab wie Schmutz.
+staunend, daß es bis zu euch spritzte. O du Gebärde, du
+Mund, der noch den Widerspruch als zu viel stummend in
+sich steift. Aber ihr schickt Besoldete. Unterwürfige Knüppelgarde
+drischt uns zu Boden! Wen habt ihr nicht gekauft?
+Wen nicht? Bleibt uns als Kamerad der Zuhälter und der
+verbummelte Student, der Dichter ohne Erfolg und die
+Dirne, ausgepeitschte Tiere, vor denen ihr die Müllkästen
+eurer Herrlichkeiten verrammelt. Die anderen bezahlt ihr.
+Laßt sie zeugen für euch und laßt sie gebären für euch, steckt
+sie in Uniformen und treibt sie gegen brüllende Batterien,
+die armen Köpfe mit Gebeten, mit perfiden Begriffen für
+eure Sicherheit zurechtgeschrotet.&ldquo; Robert erschrak so, daß
+seine Beine ihm fast unterm Leibe weggebrochen wären.
+Trieb die Nacht diese Blasen in ihm, die nach Kneipendunst
+stanken. Er schüttelte sich. Ekel vor ihm selbst würgte ihn.
+Gewölk senkte sich. Scharfrandig kantete sich klarer Äther
+über ihm hinauf. Singend und ruhig zog der Gedanke Hilde
+seine Bahn. &bdquo;Verzeihe.&ldquo; Kratzend kam die Mauer durch den
+dünnen, schon abgetragenen Hosenstoff. Müde lehnte Robert
+gegen sie. Er sah zwei schwach zusammengewachsene
+Brauenbogen in ernstem Forschen vor sich. Die Luft mit zitternden
+Händen formend, streichelte er den sich in die heiße
+Handfläche schmiegenden Wind. &bdquo;Verzeih! Verzeihe!&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun
+streunten sie durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit
+dem ganzen Körper in die jungen Pflanzungen. Verhalten in
+<!-- page 029 -->
+Wollust fing sie in geschmeidigen Biegungen die zurückpeitschenden
+Zweige auf. Oft sah es, hob sie den Fuß auf,
+aus, als schösse sie damit aus der Erde, und das gleiche
+Zucken war in den Haken wie im Halse. Robert folgte mühsamer,
+des verletzten Fußes Widerstand in hingerissenem
+Zusammenbeißen überwindend. Manchmal klatschten ihm
+die Büsche über der Stirn zusammen, und es striemte blendend
+auf, aber wie angeseilt trat er fast genau in Hildes Spur.
+Sie sprach kein Wort. Als ob sie flüchte, schien es zuletzt,
+denn rief er sie an, streckte sie wie in ängstlicher Abwehr die
+Hände vor, und scheu prallte ein Blick an ihm vorbei in den
+Boden. Allmählich wurde das Laufen zur Jagd. Über welliges
+Terrain stürzten sie, strauchelten, verfingen sich in einer
+Schonung, Heere von Brennesseln warfen sich ihnen entgegen,
+gefällte Baumstämme glotzten höhnisch, und ab und
+zu flog in ihres Atems sommerliches Keuchen scharf und
+schneidend ein Vogelruf und sauste annagelnd wie ein Pfeil
+durch die Hirne. Plötzlich sprang der Wald vor einem glatten,
+breiten See in sich zurück und umlief ihn buhlerisch mit
+den tastenden Fingern heller Sanddünen. Erst als ihre Schuhe
+in feuchtem Boden versanken, blickte Hilde auf. Die Wasserweite
+rauschte hoch gegen sie und erschlug ihre Augen, so daß
+sie sich umdrehte und dunkel und rot aufflammte vor Roberts
+staunendem Erstarren. Er blieb von ihr fünf Schritte.
+Eine Zärtlichkeit überwältigte ihn. Ohne Maßen schaute er
+auf Hilde, und die verborgenen Bekenntnisse blühten ihm in
+die Lippen, daß sein Gesicht vor deren Blut die Farbe verlor
+und klein wurde, spitz und demütig. Der See sank und hob
+sich hinter Hilde. Die fernen Küsten unterliefen silbern ihre
+Achseln. Sie sah den Mann, die Bäume, die Luft, die schwang
+und sie umwirbelte. Breit schlug sie die Arme auseinander
+und nagelte sich rückwärts gegen die Sonne. Von ihren Fingern
+zuckten die Strahlen. Von allen Seiten schoß das Begehren
+<!-- page 030 -->
+nach Sein in sie. Qualvoll reifte gewaltig in ihr eine Welt und
+stieg vom Schoß zum Herzen. Ihr Mund begann zu tönen:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist
+geboren in der Tiefe des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend
+durch die Stürme der Jahrtausende zum Licht?! Ich
+bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst wie die Wolke,
+heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die
+Angst, die den Henker umsteht.
+</p>
+
+<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde
+Fahne umbraust mich mein tödliches Haar, liebliches Lied
+umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm zischt mein
+Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen
+stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand
+von der Tafel des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe
+am Gelenk. Zackig droht sie und verspritzt sich böse in Haut.
+Aber zwischen Kuß und Schauen stand die Furcht. Denn
+wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab
+ins Leere!
+</p>
+
+<p>Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir
+fällt, verdeckt es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin
+Himmel. Wer in mich eingeht, dem verrauschen die Stunden,
+verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz meiner Pracht.
+</p>
+
+<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das
+Meer und das Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche
+und segne, ich erhebe und verfluche. Ich, ja, Göttin, die
+Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust, ja, ich verfluche.
+Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand
+komme, mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu
+teilen, niemand komme, behaglich zu weilen; niemand flehe,
+niemand bete. Nur da sei er. Ganz! Ganz! Wie ihn die Mutter
+erschuf.
+</p>
+
+<p>Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer
+kommt ohne Reue und Last, ohne Blick zur Seite und Fragen.
+<!-- page 031 -->
+Nur, wen die Sehnsucht gegen mich aufbrennen läßt,
+daß er Eltern und Erde, Erbe und Enkel verlachend vergißt
+und taumelnd und groß, glühend die Schläfe und die Gedanken,
+sich neben mich in den Horizont stellt, nur dem
+beuge ich meine Lippen entgegen. Denn ich bin die Erde, ich
+bin das Erbe, ich bin das lohende All, der liebende Gott, dem
+nur ein Reiner ins Antlitz sieht. Nur einer, der ganz ist.
+Ganz, wie ihn die Mutter erschuf! Der aber das nicht ist,
+der wird Schmerz und Asche. Schlacke der Zeit stickt ihm
+die Kehle. Tief stürzt er den Sturz, jahrelang, bis er im Abwärtssausen
+verweht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Schlag um Schlag hatten Hildes Worte den Tag, der wie
+ein orgeldurchströmter Dom über ihr und Robert stand, in
+Stücke gespalten. Vor Robert schien sich ein Vorhang zu
+senken. Eine Weile noch schimmerte das Licht von Hildes
+hellem Kleide hindurch. Dann lagerte er in trüben Wogen
+zwischen ihnen. Auf seinem Tuch aber erglänzten wie Stickereien
+und kindliche Symbole Bücherberge, gestürzte Lafetten,
+ein Menschengewimmel um Rednertribüne, schlanke
+Tänzerinnen, ein Reiter in einem Saatfeld kam von weitem
+geritten, wurde größer und hielt schäumend an, Peter, seinen
+Kopf in der Hand darbietend, Rauch, von Schüssen durchblitzt,
+wurde weiße Wolke, öffnete sich über fliederumduftetem
+Teetisch in Hildes Villa &mdash; oh &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ganz, wie ihn die Mutter erschuf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Hilde schien weitab auf einem Berg zu stehen. Blinkte
+etwas. Schoß wie Haß vom Boden sich ab. Auf Roberts rechtem
+Schuh war der Lack von einem Knopf gesprungen. Gelb
+grinste der Entblößte. Rüster beschien er in seiner Nachbarschaft.
+Und armselig der Geste und dem Wink der Armut
+unterlag Robert außen wie innen. Er sah nicht, wie die Muskeln
+Hildes erwartend sich dehnten, sich um ihn zu schließen.
+Zusammenzufallen, wie eine geflickte Pappe fürchtete er
+<!-- page 032 -->
+jeden Augenblick. Der Gaukler in ihm, geboren aus Programmen
+und Traktätchen, Parteien und Idealen, kümmerlich und
+buntscheckig, ein Scheusal, tanzte sein Menuett der Ohnmacht
+auf der im Keim sich schon ertötenden Tat. Unwürdig!
+hämmerte ein Wort in ihm. Lähmendes Gift troff es
+bis in die Spitzen der Finger. Und die Barriere der Nichtachtung
+seiner selbst querte sich teuflisch vor ihm auf und
+wuchs schwarz zum Ararat. Unwürdig! Unganz! Zerfressener,
+was kannst du wagen? &bdquo;Zu dir ja zu sagen!&ldquo; tönten
+Chöre unsichtbar über den Wellen. Proletarier! Paria! Wachsend
+Verwachsener! Rühre nicht an den Gottesbezirk!
+</p>
+
+<p>Steif stand er, schwärzlich, verlegen, ein verbrannter Kreuzespfahl,
+unselig, in der Landschaft.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ewig bin ich. Ich warte. Ewig bin ich da. Ich warte auf
+dich!&ldquo; Tanzend verlor sich Hildes Gesang und spannte sich
+hinter ihr wie ein Segel über den Strand.
+</p>
+
+<p>Robert wandte sich. Unendlich langsam. Mit jedem Ruck
+mußte er die ganze Welt mitziehen. Aufgellend jagten ihn
+schließlich Gewitter vom Ort seiner Entscheidung.
+</p>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">In der Nacht formten sich alle lungernd hingebrachten
+Stunden, Sorgen um Brot, Graupen und einfaches Bier, verwirrtes
+Augensenken vor gewaltigen Versen, rätselhafte Erschütterung
+im Übersturz der Musik und der sicheren Haltung
+des wohlgekleideten Nachbarn in der Elektrischen zu
+einer Wolke von Haß, die undicht kaum das Bündel Blitze
+in sich halten konnte. Überreizt und hell strahlte Bewußtsein
+auf, Erkennung seines Proletentums, von allen ausgenutzt,
+Brandmarkung der Geste des Rebellen, in der Ohnmacht
+verachtet, im Sieg noch verlächelt. Aber hervortreten
+wollte er wie ein Gott, Schrei von Millionen in der Kehle
+fühlend. Ging nicht das Beste, was der Gegner besaß, seine
+Frau, zu ihm über? Zweifelte sie nicht schon an der Unerschütterlichkeit
+<!-- page 033 -->
+ihrer Himmel, da sie an seiner Seite nicht
+die beschwörende Bewegung der Distance machte? Wehte
+nicht schon ihres Haares feindliche Fahne ihm zur Seite?
+Spitz über das Deckbett hinweg stieß der Mond seinen
+Lanzenschaft ihm zwischen die Augen. Pfui! kroch eine Antwort
+auf. Mütterlich drohender Sonnenschirm in einer Landschaft
+silberner Pappeln verwies ihm mürrisch weggestoßenen
+Arm, den er über eine Brücke zum sichern Geleit ergreifen
+sollte. Hilde vertraute. Gab es mehr als das auf der Welt?
+Nie war ihm seit der Versteifung im Betrieb studentischer
+Fatzkereien anderes als Reserve zuteil geworden. Vertrauen,
+köstlichstes der Betten, matte Sinne darin kühlen zu lassen.
+Vertrauen, einzige Rechtfertigung, aus der Taten entspringen,
+Vertrauen, für mich! Für mich! Dunkle, Junge, Jungfrau,
+du glaubst? Glaubst, daß ein Wort von mir ehrlich,
+nicht im Atem, fremden zu schlucken gewohnt, verseucht,
+seelischem Aufbruch, klar von Verdrehung des Geistes bis
+zu den Lippen entrönne! Also gibt es doch irgendwo Betrug.
+Recht für den, der ihn richtet. Neu gebiert sich Welt in mir.
+Göttliche Schwinge des Menschen ruht in deinem Kopfneigen,
+Fremde du, Ruth, Hilde, Ährenleserin! Daß die Knie
+vom Sturz brannten, stürzte Robert auf den Fußboden.
+Eisen die Hände zusammengeschmolzen floß über sie Beten.
+Aber an den stammelnder werdenden Worten schlich sich
+etwas vorbei und kollerte aus den Zähnen. Meckerte. Willig
+gaben die Wände Hall. Entsetzt stopfte Robert die Zunge
+vor. Es steigt auf. Hi! Hilde, hilf, Hilde, du, zeuge mir Gott!
+Inniger spannten die Schenkel in Beugung frommes Unterworfensein.
+Hi &mdash; Hi &mdash; hihihihi! Hihihi! Unterirdisch barst
+das Lachen aus Robert. Die Stube wandelte es in ein Dröhnen.
+Große Pauken die Ecken trommelten es zurück. Flatternd
+das Hemd, den Hals aus dem losen Kragen vorgeworfen,
+riß es Robert in die Höhe. Mit einem Male brach es ab
+<!-- page 034 -->
+und über Krater und Schlacke letzten Versuchs stieg es wie
+Rauchgekräusel, zittrig und unsicher, um erst hinter den
+blutlosen Lippen brüllend aufzutoben: &bdquo;Sentimentalitäten!&ldquo;
+Und mit dem Bewußtsein im unerbittlichen, endgültigsten
+Zweikampf seines Lebens untergehen zu müssen, wurde er
+von dem Gedanken daran niedergehauen. &mdash;
+</p>
+
+<p>In sein Hirn schrieb der immer noch wache Mond vor
+kurzem gelesene Verse eines Bruder-Dichters:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">&bdquo;Unwürdig zu Füßen dem Weib,</p>
+<p class="line">Der unerstürmten Belacherin, Lebensverwüsterin,</p>
+<p class="line">Heute zertrampelt von Launen,</p>
+<p class="line">Scheinmorgen borgend aus gnädigen Worten</p>
+<p class="line">&mdash; Liebe ersehn&rsquo; ich, endlose Liebe.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*</p>
+
+<p class="noindent">Und plötzlich, wie wenn ohne zu zerfallen von einer Mumie
+sich die Hülle löst, stieg von Robert die Kontur seines Körpers
+auf und dehnte sich schwach in die halbhelle Stube hinein.
+Allmählich gerinnend setzte sie sich auf den Bettrand.
+Zog die Kleider an. Robert, erst unsicher blinzelnd, fühlte,
+wie unter den flinken Gebärden ihm die Hose am Leibe aufwuchs,
+feste Stiefel sich unter hastig zuschnürenden Händen
+um die Fußgelenke preßten. Dann stand er auf und ging und
+nahm vom Garderobenhalter seinen Mantel, einen einfachen
+grauen Militärmantel mit der eintönigen Unteroffiziersborde.
+In den Straßen brannten grün und traurig die Laternen. Alle
+Läden waren verhangen. Der Restaurants gardinenverhüllte
+Riesenscheiben ließen nur die verzerrten Gebärden essender
+Menschen phantastisch auf und abschnellen. Der Himmel
+schien wie ein bleiernes Dach, in das quadratische Lichter
+die Sterne gerissen waren, dicht auf den Häusern zu liegen.
+Die Robert Entgegenkommenden glitten ohne den beruhigenden
+Klang des Auftretens an ihm vorüber. Manche Münder
+schienen in verhalltem Schreck noch aufgerissen. Ein Schlächtergeselle
+<!-- page 035 -->
+mit einem eisernen Kreuz und einem Holzbein lud
+riesige Blutstücke Fleisches auf einen Karren. Als Robert
+näher kam, sah er, daß es menschliche Rümpfe waren, die
+in den Landesfarben angestrichen und sorglich danach geschichtet
+waren. Unvermittelt rannte er an Peter, der mit
+Hilde am Arm um die Ecke bog. Robert mußte lächeln, als
+er Peters lackiertes Koppel sah. War der Frackmensch in dem
+auch im Dragonermantel noch nicht verwandelt worden?
+Kokett blitzte der halbschwarze Dolch an der Hüfte des
+Schreitenden. Hilde hielt den Kopf tief in den Pelz ihres
+Mantels gesenkt, als sie in den hellen Festsaal der Riesenbar
+traten. Weiß die Tische leuchteten wie Inseln zwischen den
+dunkeln Anzügen der Herren. Die kühnen Reiherfedern der
+Damen überwippten hastig schnell vorwärts geworfene Gespräche.
+Zigeuner, schemenhaft mit ihren Gebärden dem
+steigenden Körperdunst verflossen, zogen die Laune der Tafelnden
+durch ihre Geigen und spritzten sie gleich schattenhaften
+Wolken zu Wänden und Decken. Sekundenlang flirrte
+das Gläserklirren, voll innigen Druckes der neigenden Hand
+entsprungen, erhaben wie göttliche Stimme über dem zufälligen
+Lärm unkontrollierter Geräusche. Robert fühlte tiefen
+Willen sich in sich senken und ward keck ermuntert durch
+ein flammendes Transparent, das quer und glühend über
+einen Wandfries strich: &bdquo;Wer hier eintritt, wagt das Alte.
+Stirb&rsquo; oder morde, es gilt gleich. Schon das Heute ist Verrat.
+Lebe, Hochverräter!&ldquo; Peter beugte sich vor: &bdquo;Nun bist in
+der &bdquo;Neuen Zeit&ldquo;. Ein prächtiges Lokal. Zugleich Fegefeuer
+und Paradies.&ldquo; Traumhaft sicher schritt Hilde zu einem
+Tisch, dessen drei Gäste bei ihrem Nahen in milden Umrissen
+wie leichter Rauch in die vibrierende Luft eingingen.
+Schweigend aßen die drei. Neu wuchsen stets kleine appetitliche
+Berge auf den Tellern. Weinhauch von links und rechts
+überstürzte die Köpfe. Höher hob Hilde die lebendurchschauerte
+<!-- page 036 -->
+Stirn, um deren Schläfen natürliches zaushaftes
+Vorbauschen des Haares den Glanz der Haut zu kosendem
+Halbdunkel abschwächte. Von den Nebentischen stieg ruckweise
+Gesang. Hastiger glitten die Kellner unter seinen
+Peitschenhieben. Plötzlich folgten vor Roberts Antlitz alle
+Gebärden blitzschnell und kaleidoskopartig. Peters Gesicht
+verzog sich in Zuckungen. Rasender, wie unter dem Strom
+gewaltiger Elektrisiermaschinen, zappelten ringsum die anderen.
+Als es wieder abzuebben begann, saß Hilde zurückgeworfen
+im Stuhle, eine staubige Dornkrone im Haar, die
+Brauen wie Siegesbogen zu einem Ruf gewölbt. Robert beugte
+sich vor. &bdquo;Diesmal entziehen Sie mir Ihre Hand nicht. Es ist
+ja nicht wirklich und wahr.&ldquo; Ein Strom Sekt schoß klatschend
+zur Decke. Eine kleine Narbe, weißlich, mit einem
+roten Punkt in der Mitte, zackte über gebräuntes Handgelenk.
+Wie Kristall schäumte hart gewordene Kruste des
+Schaumweins am Plafond und sammelte alles Licht über
+Hilde. Tauchte sie bis zum Hals in eine Gloriole &bdquo;Nein!
+Denn es ist nicht wirklich und wahr!&ldquo; Und schmal und
+zuckend, bis an die warme Haut Bejahung pulsend, legte sie
+die ringlose, schmucklose Hand einer biblischen Jungfrau in
+die begehrende des Mannes. &bdquo;Nicht wirklich und wahr?&ldquo;
+Peter brüllte es, stand mit einem Mal auf dem Tisch, zwischen
+umgestülpten Tellern und zerlaufender Sauce; Reiterstiefel,
+in Dreck gesudelt, Blut vom Ritt an den Sporen.
+&bdquo;Bande! Fresser! Sauft ihr Halunken, wo uns Bajonette die
+Eingeweide zerschlitzen, wir Hänge voll Toter überqueren,
+aus Leichen Schanzen erbauen?! Weich picken die Kugeln
+hinein. Tanzt ihr schon über uns in die neue Zeit hinein?
+Bricht euch nicht der Schaum aus den Lefzen, wenn ihr
+pensionierten Admiralen Zustimmung heult! Wartet und
+seht. Denn die Rache höret nimmer auf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Überall standen erschreckt Aufgesprungene. Die Frackhemden
+<!-- page 037 -->
+knackten in der Stille. Peter fiel das Haar vom Kopf.
+Sein Gesicht wurde grün. Rock und Kragen schrumpften zusammen.
+Lehmgrau kroch über den Mantel. Peter schlug ihn
+zurück. Er war nackt darunter. Verschmutzte Rippen ragten
+fast bloß. Stachen gemein heraus. Grauenhaft aber lag im
+Bauch ein entsetzliches Loch, eitrig umfranst, durch das
+langsam wie aus einer Wurstmaschine sein Eingeweide quoll.
+&bdquo;Hier, das wird euch nicht vergessen. In eure Mahlzeiten
+schlage entsetzliche Erinnerung. Die Toten sind da, sind um
+euch, in euch. Sie kommen.&ldquo; Er pfiff auf den Fingern. Der
+Ton schwang lange in der nachfolgenden Stille. Robert hörte
+den Wein rings kleine Blasen treiben. Dann zerplatzte die
+große Scheibe, die auf die Straße führte, ein straff gespannter
+Seidenvorhang. Draußen stand lautlos, wie im Sprunge eine
+Schar Krüppel, verschlissene Militärmützen auf struppigen
+Schädeln. Langsam hoben die Gäste die Blicke, starr, des
+Kommenden bewußt. Wie ein Wetter hing die unbewegliche
+Wolke phantastischen Elends überm Eingang. Da ging aus
+ihr ein Stab hoch, dünn, mit einer roten Kuppe wie ein
+Streichholz. Schwellend knatterte sie auseinander, eine riesige
+rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <a id="corr-3"></a>Ungeheuere in
+den Saal. Krücken fielen über weinrote Gesichter, im Schreck
+verklammt stickte an einem hineingestoßenen Armstumpf
+ein gigantischer Fresser; ein blinder Ulan hatte ein Mädchen
+erwischt und hielt sie am Hals. Er quietschte: &bdquo;Ein süßes
+Tierchen. Ich hab&rsquo; ein süßes Tierchen.&ldquo; Chaos von Schreien,
+Schüssen und Mord dampfte auf. Peter aber blies auf einer
+Kindertrompete: &bdquo;Wer will unter die Soldaten?&ldquo; Nach
+jeder Zeile wischte er sich über die Augen. Denn an der Decke
+der Sekt hing nun wie ein Geschwür und tropfte ihm schwarzgalliges
+Blut über den Totenschädel. In das Gemetzel um
+Robert spielte von weitem ein Ton: Denn es ist nicht wirklich
+und wahr. Da sah er, wie Hilde aufstand und wandelte.
+<!-- page 038 -->
+Er folgte ihr. Wo sie hintrat, klaffte im Tumult eine Gasse
+auf. Im Schwung steif gewordene Schläge, verwundetes
+Krümmen und gierig greifende Arme standen grotesk und
+unbeweglich, ein schauerlicher Wald erfrorener Flüche zu
+Seiten ihres Weges. Ihre Kinderschultern glitten hindurch.
+Auf der Straße lag im zerbrochenen Scheibenglas ein Sternstreifen,
+den sie betrat. Im flüssigen Glanz stieg sie, die Füße
+silbern überschüttet, hinan. Leichte Luft bauschte ihr Kleid.
+Robert, die Lichtbahn berührend, fühlte sich entkörpert.
+Doch riß in ihm eine wütende Sehnsucht ihn vorwärts.
+Höher klomm Hilde, sicherer immer den Fuß in die Luft
+setzend. Eines Fabrikschornsteins dicker Kopf summte vorbei.
+Schon verloren die Häuser ihre Etagen und drohten
+dunkle plumpe Quadrate. Rückblickend sah Robert des Pfades
+Ende in einem kleinen Feuerkreis, überzuckt von spukhaften
+Strichen, verschimmern. Vor ihm aber wuchs Hilde
+in eine Landschaft hinein, deren brauner Sand hell unter den
+Tritten der Kömmlinge knirschte. Meer rauschte an unsichtbare
+Küsten. Buschige, saftigen Grases behangene Dünen,
+von buntfarbigen Zelten überragt, bauten sich auf. In
+milden, zart verästeten Bäumen schrieen Papageien. Ein Bär
+trottete heran, schweren Ganges, und rollte demütig vor
+Hilde zur Erde. Sie wandte sich. Aus den Dornenspitzen
+blühten weiße Winden und schlugen ihre Stirn mit lieblichem
+Mandelduft. Sie breitete Robert, ein jung geborenes Lächeln
+über erlöst entspanntem Kinn, die Arme entgegen. Der stieß
+sich von der Sternenleiter ab. Schwang sich ans Gestade des
+Eilandes und stand dicht vor Hilde. Sie schloß leicht die
+Augen und über ihrer Nasenwurzel pochte erregter das Blut
+durch ein glasblaues Äderchen. Zum erstenmal glaubte Robert
+sie wirklich zu sehen. Als ob alle Träume aus ihm getreten
+und Körper geworden, war sie das einzige Gefäß seiner
+Sehnsucht. Nun blickte sie ihn an. Die Augen brachen auf
+<!-- page 039 -->
+wie das erste Lächeln eines Weib gewordenen Mädchens.
+Gingen durch ihn hindurch, senkten sich, schmerzlich-süße
+Sonden, tief in seine Seele und tasteten milde über das Harte,
+Verkrüppelte, das dort steinig und boshaft unter dem Gerümpel
+ausgelebter Tage knollig wuchs. Robert fühlte, wie
+ein Schluchzen in ihm aufging. Rings rieselten Wasserfälle
+lösender Tränen. In den Ohren begannen Glocken zu läuten.
+Gewaltig wie eine Prozession breitete sich das Bewußtsein
+von Reinheit und Heiligung in ihm aus, überfloß alle Widerstände
+und funkelte so in seinen Augen, daß ein Leuchten
+auf Hilde fiel. Flammender begann die Sonne ihre Strahlen
+um ihren Kopf zu teilen, das Firmament donnerte innig
+näher, zu harmonischem, überirdischem Schrei schmolzen die
+frei schwingenden Lebensrufe der gefundenen Insel zusammen.
+In erster Gewißheit, würdig zu knien, beugte sich Robert.
+Da stand, von rissigen Flügeln überschattet, haßklingend,
+stampfend mit kreischenden Angeln im dürren
+Bein, Peter neben ihnen. Alles Licht stürzte in die Tiefe.
+Grünlich schwelte fernes Mondfeuer auf zackigem Gestein.
+Hilde, erloschenen Sieges, lag in zusammengebrochenem
+Bettel. &bdquo;Nur die Toten leben, vergeßlicher Knabe.&ldquo; Schwarz
+brach&rsquo;s aus Peters stockfleckigem Grinsen. &bdquo;Tat, die du geschworen,
+Tat, die in dir reifte, unser Zerschellen nicht müßig
+zu verlangweilen, wo bleibt sie? Gesinnung war Schwur.
+Lebe, Hochverräter!&ldquo; Und wieder entblößte er die Wunde,
+ward kleiner und zerlöste sich. Nur der gräßliche Kreis des
+Bajonettstiches hing wie ein Signal in der Luft. Da schwoll
+in Robert ein Grauen vor dem Unentrinnbaren, daß er mit
+beiden Armen besinnungslos um sich schlagend auf den Boden
+fiel und fiel, fiel, fiel und deutlich verzuckend Hildes
+suchende Hand, fiel, die Bewegung kurz geworfenen Halses,
+fiel und fiel, Sausen, nur ein endlich Aufhören, Ende, und
+fiel &mdash; fiel &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="centerpic" style="page-break-before:always">
+<img src="images/reklame.jpg" alt="Reklame" />
+</div>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center" id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p style="text-indent:0">
+Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.
+Lediglich die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... &bdquo;Canadian <span class="underline">Pazific</span> 120 Prozent.&ldquo; Wie wundervoll ...<br />
+... &bdquo;Canadian <a href="#corr-1"><span class="underline">Pacific</span></a> 120 Prozent.&ldquo; Wie wundervoll ...
+</li>
+
+<li>
+Die 3. Zeile des 4. Verses des <i>Dies Irae</i> ist im Original weggelassen, findet sich aber in späteren Ausgaben:<br />
+... <a href="#corr-2"><span class="underline">Iudicanti responsura.</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <span class="underline">Ungeheuer ein</span> ...<br />
+... rote Fahne. Unter ihren Schwingen brach das <a href="#corr-3"><span class="underline">Ungeheuere in</span></a> ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Rebell, by Manfred Georg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER REBELL ***
+
+***** This file should be named 39126-h.htm or 39126-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/1/2/39126/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+will be renamed.
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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