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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:11:30 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Elsbeth von Küssaberg + das Gotteli von St. Agnesen + +Author: Karl Friedrich Würtenberger + +Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + + + + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + + + + + +</pre> + +<img src="images/E000.jpg" alt="Elsbeth"><h1>Elsbeth von Küssaberg</h1> +<h1>das Gotteli von St. Agnesen</h1> +<p> +Ein episches Gedicht<br> +aus dem Kletgau<br> +von<br> +K. Fr. Würtenberger.<br> +</p> +<p> +Mit Illustrationen.<br> +</p> +<p> +St. Petersburg.<br> +Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere.<br> +1889.<br> +</p> +<p> +Alle Rechte vorbehalten.<br> +</p> +<p> +Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt.<br> +St.-Petersburg, den 14. December 1888.<br> +</p> +<p> +Meiner herzlieben Heimat<br> +zum freundlichen Andenken.<br> +</p> +<h2>Erstes Kapitel.</h2> +<img src="images/E001.jpg" alt="Klettgau mit Küssaburg"><p> +Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden,<br> +Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut,<br> +Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau’s,<br> +Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut;<br> +Vom Tann’ bekränzt, von Eppich übersponnen —<br> +Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. —<br> +</p> +<p> +Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste,<br> +Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest;<br> +Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe<br> +Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest.<br> +Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen,<br> +Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen.<br> +</p> +<p> +Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen,<br> +Ein hundert Jahre alter Epheukranz,<br> +Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern,<br> +Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz;<br> +Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen,<br> +Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.<br> +</p> +<p> +Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken<br> +Verwehren neidisch des Besuchers Fuß<br> +Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen,<br> +Die weithin winken ihren goldnen Gruß.<br> +Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel<br> +Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.<br> +</p> +<p> +Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben,<br> +Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum<br> +Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen,<br> +Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; —<br> +Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen,<br> +Die beide noch mit festen Mauern prangen.<br> +</p> +<p> +So liegt die Stätte heute stille und verlassen,<br> +Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost.<br> +Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen<br> +Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost<br> +Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen,<br> +Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. —<br> +</p> +<p> +Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen.<br> +Hoch überm Thore prangt das Wappenschild<br> +Der alten Küssaberger steingemeißelt;<br> +Sie führten eines Löwen Haupt als Bild.<br> +In braungetäfelten Gemächern waltet<br> +Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.<br> +</p> +<p> +Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen,<br> +Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn.<br> +Muß immerdar der holden Herrin denken,<br> +So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin;<br> +Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren,<br> +Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.<br> +</p> +<p> +Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte<br> +Und was es war, das mich zum Singen zwang.<br> +Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung<br> +Mein Küssaburg zu weihen im Gesang,<br> +Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen;<br> +Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend<br> +An einem Julitage, wie gewohnt,<br> +Hinunter auf die Rebenhänge blickend,<br> +Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont,<br> +In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten,<br> +Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.<br> +</p> +<p> +So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend,<br> +Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein,<br> +Erhoben sich die Blicke mälig höher,<br> +Weit über waldgekrönte Hügelreihn,<br> +Bis wo, als ob im Duste sie verblauten,<br> +Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.<br> +</p> +<p> +Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke<br> +In selten klarem, wundervollem Glanz;<br> +Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc —<br> +Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz.<br> +Es war, als schmückte den uralten Firnen<br> +Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen.<br> +</p> +<p> +Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura<br> +In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort,<br> +Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe<br> +Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort.<br> +Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen,<br> +War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel” zu schauen.<br> +</p> +<p> +Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus<br> +Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß<br> +Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen,<br> +Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. —<br> +Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde,<br> +Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde!<br> +</p> +<p> +Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks;<br> +In vollen Zügen trank ich Waldesduft,<br> +Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt.<br> +Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft,<br> +Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen,<br> +Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! —<br> +</p> +<p> +Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren,<br> +Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein;<br> +Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen<br> +Wie unsereines hier im Sonnenschein.<br> +Es waren darum gar nicht schlecht berathen,<br> +Die einst dahier sich häuslich niederthaten.<br> +</p> +<p> +Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes?<br> +Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann?<br> +That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte,<br> +Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? —<br> +So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen,<br> +Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. —<br> +</p> +<p> +Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten;<br> +Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick.<br> +Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken,<br> +Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick;<br> +Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben,<br> +Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — —<br> +</p> +<p> +Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen,<br> +In deren Fenstern Laden anstatt Glas,<br> +— Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen,<br> +Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, —<br> +Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden,<br> +Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.<br> +</p> +<p> +Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried,<br> +Wie üblich seines Herren Wohngemach<br> +In sichrer Höhe bergend, von wo weiter<br> +Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach<br> +Zur Laube führte, die den Thurm umspannte,<br> +Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg” wandte.<br> +</p> +<p> +Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle,<br> +Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank,<br> +In welcher fahrendem Gesind zuweilen<br> +Man Obdach bot und Speis’ und Trank.<br> +Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite,<br> +Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.<br> +</p> +<p> +Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen<br> +Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft;<br> +Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel<br> +Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft.<br> +Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen,<br> +Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.<br> +</p> +<p> +Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse;<br> +Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt,<br> +Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten,<br> +War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt,<br> +Der Stall und die Gelasse für die Leute,<br> +Ein Falkenhaus und eines für die Meute.<br> +</p> +<p> +So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen.<br> +Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr,<br> +Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute<br> +Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr;<br> +Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern,<br> +Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — —<br> +</p> +<p> +Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag<br> +Da nahte ihr gemach ein junger Mann,<br> +Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte,<br> +Das langsam fürbas seine Schritte spann.<br> +Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter,<br> +Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.<br> +</p> +<p> +In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein,<br> +Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß<br> +Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte,<br> +Denn heute schien die Sonne gar so heiß;<br> +Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen,<br> +Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen.<br> +</p> +<p> +Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte,<br> +Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt,<br> +Verriethen leicht den adeligen Herren,<br> +Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt.<br> +Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken,<br> +Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken.<br> +</p> +<p> +Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde<br> +Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn,<br> +Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten.<br> +Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn,<br> +Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben,<br> +Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben.<br> +</p> +<p> +Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte<br> +Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt,<br> +Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend,<br> +Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’.<br> +Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen,<br> +Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen.<br> +</p> +<p> +Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben.<br> +Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt<br> +Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren.<br> +Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd;<br> +Dem ersteren, er mußte flink sich rühren,<br> +Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. —<br> +</p> +<p> +Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne<br> +Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt,<br> +War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert.<br> +Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt,<br> +Sah Zehentgarben seine Bauern bringen;<br> +Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte,<br> +Bemerkte man von ungeübter Hand<br> +Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben,<br> +Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand.<br> +Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken,<br> +Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.<br> +</p> +<p> +Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben,<br> +Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft,<br> +Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang<br> +Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft;<br> +Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend,<br> +Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.<br> +</p> +<p> +Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte,<br> +War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch.<br> +An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen,<br> +Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch;<br> +In einer Ecke sah man Füße prangen<br> +Von einem Bette, das jedoch verhangen.<br> +</p> +<p> +Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache<br> +Die andre Seite fast zur Hälfte ein<br> +Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte,<br> +Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein;<br> +Denn „Greif” und „Pfeil”, des Vogtes Lieblingshunde,<br> +Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.<br> +</p> +<p> +Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen,<br> +Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht,<br> +Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen<br> +Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht.<br> +Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen,<br> +In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. —<br> +</p> +<p> +Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen<br> +Und stemmte dann die Hände auf den Tisch,<br> +Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend.<br> +Nun er so da stand, seine Wangen frisch<br> +Geröthet und noch dichten, blonden Haaren,<br> +War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.<br> +</p> +<p> +Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen,<br> +In denen Schalkheit sich mit Güte paart’.<br> +Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte<br> +Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart,<br> +In welchem sich, bei näherem Betrachten,<br> +Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. —<br> +</p> +<p> +Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken,<br> +Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’,<br> +In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde,<br> +Denn wie aus einem Munde klang es laut:<br> +„Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!”<br> +„„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...””<br> +</p> +<p> +Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten,<br> +Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’,<br> +Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte,<br> +Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’<br> +Das Zimmer, ohne weiteres versäumen,<br> +Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen.<br> +</p> +<p> +Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte,<br> +Zog selbst der Junker eine Fensterbank<br> +Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder,<br> +Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank,<br> +Ein Gläslein vom Gesims herunter langte,<br> +Vor dessen Größe heute manchem bangte.<br> +</p> +<p> +Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren,<br> +Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach:<br> +„Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!”<br> +Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach<br> +Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren,<br> +Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren.<br> +</p> +<p> +Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte,<br> +Litt dies der Junker nicht; er meinte fein:<br> +„Laßt mich erzählen, warum ich gekommen,<br> +Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!”<br> +Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen,<br> +War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. —<br> +</p> +<p> +„Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen,” —<br> +Hob frisch der Junker an, „bei Eurem Herrn,<br> +Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen,<br> +Und ich gab wahrlich Euch die Zusag’ gern;<br> +Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt’ halten,<br> +Verdanken wir des Bischofs klugem Walten.”<br> +</p> +<p> +„Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich<br> +Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich;<br> +Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen,<br> +Wo beide Parten scheuen den Vergleich, —<br> +Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen,<br> +Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen.”<br> +</p> +<p> +„Ihr wisset, wie ich denke kommt’s mir auch vom Munde.<br> +Zwar schafft’ ich dadurch mir so manchen Span,<br> +Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre,<br> +Hätt’ ich der Zungen nicht den Lauf gela’n.<br> +Ja, klug ist’s schon zur rechten Zeit zu schweigen,<br> +Möcht’ nur die Unzeit sich im Voraus zeigen!<br> +</p> +<p> +„So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche,<br> +Den im Konzil sie über Huß gefällt.<br> +Es war dem Manne frei Geleit versprochen;<br> +Doch, wie man Oben das Versprechen hält,<br> +Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen;<br> +Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!”<br> +</p> +<p> +„An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln,<br> +So dachte ich in gradem, biedrem Sinn;<br> +Drum konnt’ den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen<br> +Und, offenherzig, wie ich einmal bin,<br> +Bekannt’ ich ehrlich, was ich drüber dachte,<br> +Weil Sigismund sein Wort so wenig achte.”<br> +</p> +<p> +„Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren,<br> +Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl,<br> +Ließ hart er an den Bischof meinetwegen<br> +Und schrie, man hörte es im ganzen Saal.<br> +Der König war gekränkt, nicht abzusehen,<br> +Ob mir der Ohm Verzeihung mocht’ erflehen!”<br> +</p> +<p> +„In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber<br> +Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund:<br> +Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse<br> +Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund’<br> +Gesendet werde, was er noch beschlossen,<br> +Und ob der König mein noch denkt verdrossen.”<br> +</p> +<p> +„So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen,<br> +Wo mich der Rheinfall eine Weil’ gestellt. —<br> +Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen<br> +Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt!<br> +Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten<br> +Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!”<br> +</p> +<p> +„Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte,<br> +Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang.<br> +Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder<br> +Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang.<br> +Den Weg durch’s Kletgau hab’ ich fein gemieden,<br> +Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden.”<br> +</p> +<p> +„Mein Roß und ich — wir haben wacker ausgehalten,<br> +Bis heute früh wir Euer festes Haus<br> +Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten.<br> +Da schien’s mit meines Thierlein’s Kräften aus;<br> +Doch war’s nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten,<br> +Ließ drum beim „Wirth am Berg” zu Küßnach rasten.”<br> +</p> +<p> +„Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh’ gepflogen,<br> +Hätt’ mir geschwant, daß hier heraus der Pfad<br> +Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet.<br> +So gab’s für Mann und Roß ein heißes Bad!<br> +Nun aber — saget mir ganz unumwunden,<br> +Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?”<br> +</p> +<p> +Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser<br> +Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein<br> +Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd:<br> +„Von Herzen heiß’ ich Euch Willkommen mein,<br> +Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen;<br> +Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!”<br> +</p> +<p> +Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander<br> +Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug.<br> +Zum Danke bot der Junker seine Rechte<br> +Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug:<br> +„Ein Mann — ein Wort heißt es in deutschen Landen,<br> +Wird leider allzuwenig nur verstanden!”<br> +</p> +<p> +„Traun!” fuhr er launig fort, „was wir hier bieten können,<br> +Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn.<br> +So lange Ihr auf Küssaberg verweilet,<br> +Wöll’n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! —<br> +Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen,<br> +Den Frieden hier in keiner Weis’ zu brechen.”<br> +</p> +<p> +„Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern,<br> +Als unsereinem, da heißt’s langsam ’than!<br> +Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan,<br> +Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn.<br> +Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben<br> +Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben.”<br> +</p> +<p> +„Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen,<br> +So es der Zufall fügte, daß Ihr stört,<br> +Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen,<br> +Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört;<br> +Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele,<br> +Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!”<br> +</p> +<p> +„Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen,<br> +Wie solche wohl mal junge Herren plagt,<br> +So stehen rings Euch Forst und Felder offen;<br> +Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd.<br> +Erlaubt’s die Zeit, so mag ich Euch begleiten,<br> +War je schon meine Lust, im Tann’ zu reiten.”<br> +</p> +<p> +„Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen,<br> +Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid;<br> +Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust<br> +Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid.<br> +Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen,<br> +Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!”<br> +</p> +<p> +„Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten.<br> +Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht,<br> +Allwo der Bauer seit Urväter Tagen<br> +Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht;<br> +Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen<br> +Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen.”<br> +</p> +<p> +„Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen;<br> +Es sind der Mannen eben nicht zu viel<br> +Hier oben und, besonders jetzt im Sommer,<br> +Nur selten Tage für ein müßig Spiel.<br> +Im Winter freilich, sind wir desto freier,<br> +Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier.”<br> +</p> +<p> +„Doch wozu schwatz’ ich lange!” unterbrach er selbst sich,<br> +„Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach,<br> +Derweil ich plaud’re. Gleich soll Euch dies werden;<br> +Nehmt vorlieb nur mit dem gebot’nen Dach.<br> +Für’s erste, denk’ ich, wird es Euch erquicken,<br> +So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!”<br> +</p> +<p> +Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür’ gegangen,<br> +Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt,<br> +Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen,<br> +Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward:<br> +Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen<br> +Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen.<br> +</p> +<p> +Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte,<br> +Besiegelte ein derber Druck der Hand<br> +Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten<br> +Und warme Freundschaft beider Herzen band.<br> +Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig,<br> +Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig.<br> +</p> +<p> +Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen,<br> +Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn,<br> +In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte.<br> +Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn;<br> +Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen,<br> +Soll, wie er’s wünschte, dem die Herberg frommen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken,<br> +Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild.<br> +Fast bang’ ich, daß, nach so viel langen Jahren,<br> +Erinn’rung treu behielt dein Wesen mild,<br> +Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken<br> +Aus Deinen Augen: laß’ den Muth nicht sinken!<br> +</p> +<p> +So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder.<br> +Ich seh’ im blauen Linnenkleid Dich gehn,<br> +Aus dessen aufgeschlitzten, puff’gen Aermeln,<br> +Das weiße „Pfeitlein” liebt’ hervor zu sehn;<br> +Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen<br> +Und lose um den schlanken Leib geschlungen.<br> +</p> +<p> +Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen,<br> +Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht;<br> +Des Haares goldne Wellen schau ich wieder,<br> +Wie noch es ungern sich zusammenflicht.<br> +Dein fröhlich Lied, ich hör’s im Herzen klingen,<br> +Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen.<br> +</p> +<p> +Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede;<br> +Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß<br> +Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte,<br> +Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß.<br> +Dein lieblich Lächeln, heut’ noch kann ich’s schauen,<br> +Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen!<br> +</p> +<p> +Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen,<br> +Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund.<br> +Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern<br> +Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund’;<br> +Wem Speis’ und Trank gebricht, dem wirst Du spenden;<br> +Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden.<br> +</p> +<p> +In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe<br> +Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod;<br> +Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet,<br> +Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. —<br> +Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume!<br> +Elisabeth, was sag’ ich noch zu Deinem Ruhme? —<br> +</p> +<img src="images/E020.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Zweites Kapitel.</h2> +<img src="images/E021.jpg" alt="Kuonrad und Elsbeth rasten"><p> +Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen.<br> +Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch<br> +Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;<br> +Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,<br> +Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen<br> +Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.<br> +</p> +<p> +Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel<br> +In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.<br> +Erröthend treten frisch dem Tag entgegen<br> +In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;<br> +Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern!<br> +Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?<br> +</p> +<p> +Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge<br> +Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.<br> +Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,<br> +Verfärben mälig sich zu blauem Duft;<br> +Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen<br> +Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — —<br> +</p> +<p> +Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle<br> +Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,<br> +Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein,<br> +Wo still der Kaplan seine Messe sprach,<br> +Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,<br> +Geduldig harrend auf das letzte Amen.<br> +</p> +<p> +Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,<br> +Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn<br> +Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,<br> +Was jeder heute sollte schaffen gehn;<br> +Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,<br> +Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. —<br> +</p> +<p> +Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe<br> +Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,<br> +Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte<br> +Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;<br> +So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen,<br> +Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. —<br> +</p> +<p> +„Erlaubet Vater,” hörte heut’ man Elsbeth sprechen,<br> +„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,<br> +Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder,<br> +Als ich in Küßnach war das letzte Mal;<br> +Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen,<br> +Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.”<br> +</p> +<p> +„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,<br> +Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,<br> +Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;<br> +Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.<br> +Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,<br> +Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.”<br> +</p> +<p> +„Der Kunz,” entgegnete der Vater, milde lächelnd,<br> +„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;<br> +Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,<br> +Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!”<br> +Da, wie gerufen, nahte von der Seite<br> +Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. —<br> +</p> +<p> +Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,<br> +Erzählte er der Tochter von dem Gast<br> +Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,<br> +Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’;<br> +Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,<br> +Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. —<br> +</p> +<p> +„Man möchte Euch den Kunz entführen!” sagte heiter<br> +Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,<br> +Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken,<br> +Der lange schon sein Siechbett hüten muß,<br> +Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen<br> +Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!”<br> +</p> +<p> +Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,<br> +Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’<br> +Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten;<br> +Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,<br> +Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen,<br> +Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!”<br> +</p> +<p> +Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen,<br> +Und fragend schaute sie zum Vater aus.<br> +Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,<br> +Und so erwiederte sie sittsam draus:<br> +„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen,<br> +Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.”<br> +</p> +<p> +„Es ist ein gutes Werk,” sprach noch sie, leis erröthend,<br> +Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil,<br> +Den uns die Armen ja von Gott erstehen,<br> +An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil,<br> +Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben —<br> +Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.”<br> +</p> +<p> +„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,<br> +Nehmt aber vorher guten Imbiß ein;<br> +Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten<br> +Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!”<br> +Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,<br> +Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle.<br> +</p> +<p> +Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen<br> +An einem Tische doch noch Herr und Knecht. —<br> +Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte,<br> +War Haferbrei, der, steif gekocht und recht<br> +Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte,<br> +Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.<br> +</p> +<p> +Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende,<br> +Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.<br> +Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen<br> +Mit einem Häslein von der letzten Jagd;<br> +Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,<br> +Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.<br> +</p> +<p> +Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,<br> +Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,<br> +Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden.<br> +Sie kannte noch kein besser Sonnendach;<br> +Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen,<br> +Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.<br> +</p> +<p> +Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden,<br> +Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,<br> +Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich<br> +Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,<br> +Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte,<br> +Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte.<br> +</p> +<p> +Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder.<br> +Noch blühten Glockenblumen, Thymian,<br> +Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen,<br> +Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian,<br> +Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten<br> +Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.<br> +</p> +<p> +Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten<br> +Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht<br> +Zu schwer geworden; aber stets verneinte<br> +Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.<br> +Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,<br> +Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen.<br> +</p> +<p> +Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,<br> +Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging;<br> +Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten<br> +Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring.<br> +Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,<br> +Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen.<br> +</p> +<p> +Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts;<br> +Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang;<br> +Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig<br> +Und schien dem Junker bald unendlich lang.<br> +Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,<br> +So gut er konnte durch die Halde nieder.<br> +</p> +<p> +Das Körblein aber ward indessen immer schwerer.<br> +Er sprach im Stillen manches derbe Wort,<br> +Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,<br> +Am Gehn ihn hinderten in einem fort.<br> +Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,<br> +In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen?<br> +</p> +<p> +Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,<br> +Zur Rechten sah er einen Rebenhang<br> +Und links, im Schatten alter Wallnußbäume,<br> +Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang.<br> +Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,<br> +Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.<br> +</p> +<p> +Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten:<br> +„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus!<br> +Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden;<br> +Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!”<br> +Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte,<br> +Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.<br> +</p> +<p> +Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger<br> +Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein<br> +Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser<br> +An eines Baches grünem Uferrain,<br> +In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte,<br> +Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte.<br> +</p> +<p> +„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!”<br> +Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand<br> +Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen,<br> +Die an dem Wege durch den Wald sie fand,<br> +Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden,<br> +Der Platz an ihrem Busen sollte finden.<br> +</p> +<p> +Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte<br> +Und lagerte sich hin in’s hohe Gras;<br> +Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,<br> +So daß sein Träger nicht zu nahe saß.<br> +Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden,<br> +Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden.<br> +</p> +<p> +Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:<br> +„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann<br> +Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend<br> +Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.<br> +Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,<br> +Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.<br> +</p> +<p> +So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte<br> +Er jedes Mal auch irgend eine Mähr<br> +Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset,<br> +So daß am liebsten dann ich draußen wär.<br> +Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,<br> +Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!”<br> +</p> +<p> +„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;<br> +Doch fürchte ich des Auges bösen Blick,<br> +Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren<br> +Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.<br> +Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,<br> +Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!”<br> +</p> +<p> +„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.<br> +Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt,<br> +Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen<br> +Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. —<br> +Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,<br> +Daß Eurer ich erst wartete im Freien.”<br> +</p> +<p> +Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen<br> +Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß<br> +Am Busen festzunesteln. Damit fertig<br> +Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus;<br> +Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,<br> +Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen.<br> +</p> +<p> +„Da war ich übel dran,” versetzte jetzt der Junker,<br> +Ihr Träumen unterbrechend, „als allein<br> +Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet!<br> +Mir schwante selber, daß es dort nicht rein;<br> +Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen<br> +Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!”<br> +</p> +<p> +„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden<br> +Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld,<br> +Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer?<br> +Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld,<br> +Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen,<br> +Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,<br> +Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.<br> +Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen:<br> +Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?<br> +Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen,<br> +Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.<br> +</p> +<p> +Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,<br> +Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;<br> +Der Junker kürzte also schnell die Rede<br> +Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz:<br> +„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen,<br> +Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!”<br> +</p> +<p> +„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen;<br> +Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild<br> +Und will es halten, als der Herrin Farbe,<br> +Zum Angedenken holder Dame Bild.<br> +Gewähret daher gerne mir die Bitte;<br> +Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!”<br> +</p> +<p> +Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth<br> +Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.<br> +Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte,<br> +So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar,<br> +Und dankte, glücklich über die paar Blüthen,<br> +Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten.<br> +</p> +<p> +Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte,<br> +Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand<br> +Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen.<br> +Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand;<br> +Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,<br> +Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen.<br> +</p> +<p> +„Bin dieses nicht gewohnt,” klang heiter ihre Antwort,<br> +„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält.<br> +Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen,<br> +Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;<br> +Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen?<br> +Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!”<br> +</p> +<p> +Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,<br> +So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt.<br> +Es glich die Maid der zarten Eppichranke,<br> +Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt<br> +Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden;<br> +Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden.<br> +</p> +<p> +Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,<br> +Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah<br> +Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder<br> +Und was ihm selber da und dort geschah.<br> +Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,<br> +Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. —<br> +</p> +<p> +Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet<br> +Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt<br> +Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen,<br> +Von fremden Sitten und gar feiner Art.<br> +Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen<br> +Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen.<br> +</p> +<p> +Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben<br> +Und lauschte staunend jeder neuen Kund’.<br> +Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen,<br> +Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;<br> +Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,”<br> +Als ob sie selber in des Zelters Bügel.<br> +</p> +<p> +Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen<br> +Ein wälscher Bube fast ihn niederstach,<br> +Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths,<br> +Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach;<br> +Am Arme aber fühlte er ein Drücken,<br> +Als müßte noch ihr seine Rettung glücken.<br> +</p> +<p> +Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens,<br> +Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn;<br> +Nicht, wie die Hörigen einander winkten,<br> +Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.<br> +Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege<br> +Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege.<br> +</p> +<p> +Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben,<br> +Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand.<br> +Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen;<br> +Doch, wie er eben überlegend stand,<br> +Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen,<br> +Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.<br> +</p> +<p> +Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes<br> +Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.<br> +Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker<br> +Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund<br> +Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen<br> +Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. —<br> +</p> +<p> +Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth<br> +Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt;<br> +Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen,<br> +Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,<br> +Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen,<br> +Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen.<br> +</p> +<p> +Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer<br> +Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;<br> +Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,<br> +Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.<br> +Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen,<br> +Daß es viel besser seit den letzten Tagen.<br> +</p> +<p> +„Das Weib ist noch im Felde draußen,” sprach er heiser,<br> +Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;<br> +Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,<br> +So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.<br> +Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,<br> +Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!”<br> +</p> +<p> +Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,<br> +Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein<br> +Und sagte: „in dem Krug das Tränklein,<br> +Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein;<br> +Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,<br> +Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!”<br> +</p> +<p> +Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein<br> +Und wechselte mit jedem einen Kuß;<br> +Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,<br> +Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,<br> +Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,<br> +Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.<br> +</p> +<p> +„Die Herrin blieb sonst länger!” meinte Seppel brummend,<br> +Als er so eilig sie verschwinden sah;<br> +Sie selber mochte ähnlich denken, aber —<br> +Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.<br> +Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;<br> +Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.<br> +</p> +<p> +Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen<br> +Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß<br> +Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.<br> +Dann strampelte das Büblein rasch sich los,<br> +Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;<br> +Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern!<br> +Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;<br> +Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben<br> +Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!<br> +Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen;<br> +Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?”<br> +</p> +<p> +„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!”<br> +Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:<br> +„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd<br> +Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.<br> +In jede Kinderseele bringt man Leben,<br> +Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!”<br> +</p> +<p> +„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,<br> +Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!<br> +Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;<br> +Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.<br> +Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,<br> +Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!”<br> +</p> +<p> +Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth<br> +Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,<br> +So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,<br> +Als sie es küssend an die Brust gepreßt,<br> +Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,<br> +Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.<br> +</p> +<p> +Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet<br> +War sie bemüht ein widerspenstig Paar<br> +Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben,<br> +Das blau umzog das herrlich blonde Haar,<br> +Und als sich ihr die Losen endlich fügen,<br> +Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz,<br> +So voller Unschuld ihm entgegensah,<br> +Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen<br> +Von solchem Schauen wunderbar geschah,<br> +Sich tief erröthend wandte um zu gehen,<br> +und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.<br> +</p> +<p> +Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,<br> +So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht;<br> +Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich<br> +Ein fröhlich lachend Kinderangesicht.<br> +Am Wege aber harrten auch die Alten,<br> +Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten.<br> +</p> +<p> +Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet,<br> +Kam schon von Weitem auf sie zugerannt<br> +Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen;<br> +Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt,<br> +Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden,<br> +Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden.<br> +</p> +<p> +Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken,<br> +Sie fehlten heute für die Kinderschaar;<br> +Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen,<br> +Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war!<br> +Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen,<br> +Und gab für heute es drum nichts zu naschen. —<br> +</p> +<p> +Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig,<br> +Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;<br> +Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;<br> +Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:<br> +„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen,<br> +Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!”<br> +</p> +<p> +„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,<br> +Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein,<br> +Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen,<br> +Wie sie im Sommer blühen hier am Rain;<br> +Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen,<br> +Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!”<br> +</p> +<p> +Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen<br> +Und schilderte, was draußen er geschaut;<br> +Was ihm gefallen in den fremden Ländern<br> +Und wie er da und dort dem Glück vertraut.<br> +Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen;<br> +Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen.<br> +</p> +<p> +Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,<br> +Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,<br> +Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,<br> +Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien,<br> +Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken,<br> +Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken.<br> +</p> +<p> +Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,<br> +An jener Stelle, wo sie erst geruht,<br> +Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:<br> +„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.”<br> +War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen,<br> +Der Junker konnte dafür mehr erzählen.<br> +</p> +<p> +So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam<br> +Zusammen aufwärts durch den grünen Wald,<br> +Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet,<br> +Und wandelten im tiefsten Schatten bald,<br> +Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte,<br> +Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. —<br> +</p> +<p> +Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,<br> +Daß längst verschwunden war des Himmels Blau<br> +Und schwere Wolken über ihnen dräuten,<br> +Die alles hüllten in ein düster Grau.<br> +Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden<br> +Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.<br> +</p> +<p> +Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken<br> +Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß.<br> +Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen<br> +Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos;<br> +Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder,<br> +Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder.<br> +</p> +<p> +Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,<br> +Es rann und schwoll das nasse Element;<br> +Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,<br> +Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt.<br> +Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte<br> +Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte.<br> +</p> +<p> +Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,<br> +Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.<br> +Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich<br> +Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;<br> +Auch betete sie leis den Wettersegen,<br> +Der soll sie schützen und der Sturm sich legen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen,<br> +Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;<br> +Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,<br> +Daß dieses bald vorüber dürfte gehn.<br> +Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,<br> +Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen.<br> +</p> +<p> +Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten,<br> +Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.<br> +Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:<br> +„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut;<br> +Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,<br> +Hat sicher das Gewitter her beschworen.”<br> +</p> +<p> +„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel<br> +Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg<br> +Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet,<br> +Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg.<br> +Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,<br> +So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!”<br> +</p> +<p> +„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren<br> +In seiner ganzen unheilvollen Macht;<br> +Verderben bringt es oft auf viele Jahre,<br> +Als hätte uns die Sonne nie gelacht,<br> +Und, wo wir heute noch im Grünen gehen,<br> +Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!” —<br> +</p> +<p> +Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder<br> +Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum,<br> +Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,<br> +In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;<br> +Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,<br> +Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.<br> +</p> +<p> +Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel,<br> +Und krachend fällt so manches grüne Haupt;<br> +Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige,<br> +Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt.<br> +Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,<br> +Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen.<br> +</p> +<p> +Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet,<br> +Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;<br> +Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,<br> +Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.<br> +So steht sie mitten in dem grausen Rauschen<br> +Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.<br> +</p> +<p> +Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen<br> +Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;<br> +Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen<br> +Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.<br> +Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,<br> +Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset,<br> +Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,<br> +Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes<br> +Empfehlend, deren Fürsprache und Macht<br> +Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden<br> +Und gnädig alles Unheil abzuwenden.<br> +</p> +<p> +Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,<br> +Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;<br> +In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,<br> +Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall.<br> +Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,<br> +Und heller wird es in den Wipfeln oben. —<br> +</p> +<img src="images/E042_043.jpg" alt="Elsbeth mit dem bewusstlosen Kuonrad"> +<p> +Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber,<br> +Geendet wähnte Elsbeth alle Noth.<br> +Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten,<br> +Von seiner Stirne floß es blutigroth,<br> +In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;<br> +Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.<br> +</p> +<p> +Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad<br> +Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut;<br> +Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,<br> +Wie einem der die letzten Züge thut.<br> +Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände,<br> +Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände.<br> +</p> +<p> +Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen,<br> +Mit stummer Freude hat sie es gehört,<br> +Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,<br> +Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört;<br> +Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen,<br> +Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen.<br> +</p> +<p> +Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen,<br> +Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt;<br> +Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen,<br> +Noch immer der Besinnung ganz beraubt;<br> +Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen,<br> +Sah wieder sie die Lippen zitternd regen<br> +</p> +<p> +Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen,<br> +Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.<br> +Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen,<br> +Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft,<br> +Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen<br> +Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen.<br> +</p> +<p> +Er wachte mälig auf und seine braunen Augen<br> +Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick;<br> +Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen<br> +Ihr Trost zu spenden über sein Geschick,<br> +Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,<br> +Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben.<br> +</p> +<p> +Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte,<br> +Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,<br> +Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse,<br> +Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.<br> +Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder<br> +Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder.<br> +</p> +<p> +„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen!<br> +Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern<br> +Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber.<br> +Die Heiligen und Euer guter Stern,<br> +Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,<br> +Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!”<br> +</p> +<p> +Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch<br> +Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,<br> +Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben;<br> +Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach,<br> +Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden,<br> +Die anzuhören Elsbeth will vermeiden.<br> +</p> +<p> +Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten!<br> +Bis dahin müssen wir zu Hause sein;<br> +Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden,<br> +Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein.<br> +Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen<br> +Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!”<br> +</p> +<p> +Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,<br> +Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.<br> +Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden<br> +Und spülte es im nächsten Rinnsal klar,<br> +Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;<br> +Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden.<br> +</p> +<p> +Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten<br> +Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg.<br> +Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen<br> +Vom Regen noch im buschigen Geheg.<br> +Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen,<br> +Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen.<br> +</p> +<p> +Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden<br> +Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor;<br> +Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,<br> +So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.<br> +Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen,<br> +Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke,<br> +Wo schon der Herrin harrend Frida stund;<br> +Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber,<br> +Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund.<br> +Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,<br> +Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten.<br> +</p> +<p> +„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!”<br> +Hob zungenfertig jetzt die Alte an,<br> +„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen;<br> +Doch da hat es am wüstesten gethan!<br> +Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,<br> +Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen?<br> +</p> +<p> +„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.<br> +Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.<br> +Sollt immer in der Kemenate sitzen<br> +Und Litaneien lernen bei dem Herrn!<br> +Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;<br> +Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!”<br> +</p> +<p> +Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte:<br> +„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her,<br> +Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet;<br> +Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!<br> +Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,<br> +Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!”<br> +</p> +<p> +„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,<br> +Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit<br> +Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden,<br> +Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!<br> +Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,<br> +Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer.<br> +Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,<br> +War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen<br> +Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’.<br> +Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,<br> +Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. —<br> +</p> +<p> +Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke<br> +In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar<br> +Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.<br> +Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;<br> +Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde —<br> +Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde!<br> +</p> +<img src="images/E048.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Drittes Kapitel.</h2> +<img src="images/E049.jpg" alt="Elsbeth geht beim Kaplan in die Schule"><p> +Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,<br> +That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;<br> +Denn kaum war eine Woche hingegangen,<br> +Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht<br> +Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen,<br> +Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.<br> +</p> +<p> +Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte,<br> +Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,<br> +So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster<br> +Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.<br> +Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,<br> +War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. —<br> +</p> +<p> +Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen<br> +Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’,<br> +So oft es nöthig, drauf den Wassereimer,<br> +Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht<br> +Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,<br> +Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen.<br> +</p> +<p> +Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,<br> +An dessen sonnenreichem Mauerrand<br> +Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte,<br> +Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand<br> +Und Krautwerk für die Küche und die Kranken,<br> +Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.<br> +</p> +<p> +Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig;<br> +Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch<br> +Die Rosen künstlich sich veredeln lassen.<br> +Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch<br> +Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen,<br> +Die zu erzielen beide sich bemühten.<br> +</p> +<p> +Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche,<br> +Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;<br> +Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,<br> +Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.<br> +Das Essen mußte pünktlich fertig stehen,<br> +Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen.<br> +</p> +<p> +Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,<br> +Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’<br> +Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth<br> +Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu;<br> +Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge<br> +Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge.<br> +</p> +<p> +Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen<br> +Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;<br> +Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,<br> +Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund<br> +Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,<br> +Die fern dem Texte des Erklärers lagen. —<br> +</p> +<p> +Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,<br> +Indess’ die Augen nach der Sonne sahn,<br> +Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben<br> +Im Bogenfenster endlich möchte nahn;<br> +Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen,<br> +Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.<br> +</p> +<p> +Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet,<br> +Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;<br> +Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,<br> +Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,<br> +So ließ sie heute auch die Sonne sinken,<br> +Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.<br> +</p> +<p> +Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.<br> +Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’<br> +Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,<br> +Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’,<br> +Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land” erkoren,<br> +Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren.<br> +</p> +<p> +Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen<br> +Der Berge nennen, so von hier man sah;<br> +Nun aber war sie doch etwas verlegen<br> +Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.<br> +Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze<br> +Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.<br> +</p> +<p> +Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich<br> +Dem Junker zu und sagte, mit der Hand<br> +Hinüber auf die weißen Riesen deutend,<br> +In deren Anblick er versunken stand:<br> +„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;<br> +Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!”<br> +</p> +<p> +„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,<br> +So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’;<br> +Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, —<br> +Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’!<br> +Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,<br> +Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.”<br> +</p> +<p> +Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,<br> +Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,<br> +Der Abendsonne goldne Schimmer flossen<br> +In Purpurfluthen über alles Land,<br> +Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,<br> +Die überm „Randen” sich gelagert hatten.<br> +</p> +<p> +„Schaut dort,” hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,<br> +„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,”<br> +Es ist der „Säntis” mit dem „Hohen Kasten”<br> +Und nebenan, rothgülden angehaucht,<br> +Stellt kühn der „Altmann” sich in ganzer Breite<br> +Den ersten beiden Recken an die Seite.”<br> +</p> +<p> +„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,<br> +Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,<br> +Die nennen „Churfürsten” sich stolz mit Namen<br> +Und spiegeln sich in einem grünen See,<br> +Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,<br> +Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.”<br> +</p> +<p> +„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch” weiße Krone;<br> +Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,<br> +Und rosig überhaucht vom Sonnengolde<br> +Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.<br> +Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen<br> +Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.”<br> +</p> +<p> +„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,<br> +Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,<br> +Ist „Vrenli’s Gärtli,” eine Alp vor Zeiten;<br> +Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt,<br> +Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,<br> +Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.”<br> +</p> +<p> +„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.”<br> +Keck ragt der auf zum blauen Firmament,<br> +Als stützte er allein des Himmels Bogen.<br> +Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,<br> +Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen —<br> +Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.”<br> +</p> +<p> +„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,<br> +Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;<br> +Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen<br> +Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.<br> +Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,<br> +Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!”<br> +</p> +<p> +„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks” Riesenkuppe;<br> +Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;<br> +Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,<br> +Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.<br> +Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen,<br> +Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,<br> +In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,<br> +Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren<br> +Und blinkt dazwischen mancher klare See,<br> +So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,<br> +Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.”<br> +</p> +<p> +„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,”<br> +Das „Sustenhorn” soll dessen Nachbar sein.<br> +Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe<br> +Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;<br> +Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften<br> +Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.”<br> +</p> +<p> +„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten<br> +Empfangen eben ihren letzten Gruß!<br> +Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern<br> +Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;<br> +Bald wird der „Lägernberg” im Dunkel stehen,<br> +Schon jetzt ist Badens „Stein” nicht mehr zu sehen.”<br> +</p> +<p> +„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,<br> +Die geben sich so schnell gefangen nicht;<br> +Denn, während überall schon Nacht sich breitet,<br> +Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.<br> +Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,<br> +Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!”<br> +</p> +<p> +„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,<br> +Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,<br> +Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,<br> +In Himmelslüften badend mir die Stirn’<br> +Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,<br> +Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!” —<br> +</p> +<p> +Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,<br> +Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,<br> +Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten<br> +Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,<br> +Indessen abendwärts, von Gold umflossen,<br> +Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.<br> +</p> +<p> +Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels<br> +Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,<br> +Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte,<br> +Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt?<br> +Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen<br> +Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.<br> +</p> +<p> +„Ich muß mich eilen,” sprach sie, „denn des Abends Schatten<br> +Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;<br> +Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,<br> +Der letzte Schein des Tageslichts verjagt<br> +Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen,<br> +Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!”<br> +</p> +<img src="images/E056_057.jpg" alt="Elsbeth erklärt Kuonrad die Alpengipfel"> +<p> +„Dort jener,” eilte sie sich weiter mit Erklären,<br> +„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,<br> +Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,<br> +Soll der „Sankt Gotthard” sein, von wo ein Pfad,<br> +Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,<br> +In wälsches Land sich steil und schaurig winde.”<br> +</p> +<p> +„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,<br> +Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,<br> +Heißt der „Pilatus;” er hat seinen Namen<br> +Von einer Sage die im Lande geht:<br> +Es soll der Böse dort den Richter plagen,<br> +Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.”<br> +</p> +<p> +„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,<br> +Sind „Finsteraarhorn,” „Schreck-” und „Wetterhorn,”<br> +Dann „Mönch” und „Eiger,” wo im längsten Sommer<br> +Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn<br> +Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer<br> +Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!”<br> +</p> +<p> +„Es ist die „Jungfrau.” Herrschend über all’ die Riesen,<br> +Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;<br> +Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,<br> +Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,<br> +Um vor dem Schlafengehn den alten Recken<br> +Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.”<br> +</p> +<p> +„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,<br> +Die leise ausziehn über unser Haupt,<br> +Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen,<br> +Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.<br> +Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,<br> +In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!” —<br> +</p> +<p> +Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen<br> +Des Wächters Horn in langgezognem Schall,<br> +Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;<br> +Vom „Hungerberge” scholl der Wiederhall<br> +Und mischte sich mit fernem Glockensummen,<br> +Das bald erstarb in mäligem Verstummen.<br> +</p> +<p> +Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler,<br> +Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,<br> +Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,<br> +Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,<br> +Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,<br> +Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.<br> +</p> +<p> +Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,<br> +Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;<br> +Dann war es wieder, als ob leichte Füße<br> +Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,<br> +Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,<br> +Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:<br> +</p> +<p> +„Eine Tanne, schlank und duftig,<br> +Meiner Minne Maienzier<br> +Stelle ich zum Angedenken<br> +Nächtens vor braun Maidlins Thür.”<br> +</p> +<p> +„Rosmarin und rothe Ilgen<br> +Schmücken viel den Maienbaum,<br> +Meine Seele aber zieret,<br> +Süßer Minne holder Traum.”<br> +</p> +<p> +„Gäb ein Schlüsselein die Feine<br> +Mir von Gold, ich schlöß sie ein,<br> +Tief in meines Herzens Schreine<br> +Und verlör das Schlüsselein.”<br> +</p> +<p> +Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,<br> +Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,<br> +Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,<br> +Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.<br> +In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele,<br> +Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:<br> +</p> +<p> +„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne.<br> +Und die feinen Blümlein stehn;<br> +Denke, was die Mutter sagte,<br> +Würd’ den Maienbaum sie sehn?”<br> +</p> +<p> +„Hast den Schlüssel Du verloren,<br> +Ist mir recht; denn wahre Minn’<br> +Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,<br> +Und bleibt doch im Herzen drin’.”<br> +</p> +<p> +„Tief im Walde grünt die Tanne,<br> +Rothe Ilgen duften fein.<br> +B’hüet Dich Gott in stiller Kammer,<br> +Und gedenk’ der Treuen Dein!”<br> +</p> +<p> +„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!” sagte Elsbeth<br> +Zum Junker, als der Sang verklungen war.<br> +„Sie sind sich zugethan in allen Ehren<br> +Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar;<br> +Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen<br> +Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.”<br> +</p> +<p> +„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,” schloß sie freundlich,<br> +„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!”<br> +Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden<br> +Und huschte nun die Wendeltreppe sacht<br> +Hinunter, daß die trocknen Treppensparren<br> +Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. —<br> +</p> +<p> +Herrn Kuonrads „Gute Nacht!” kam ihr nicht mehr zu Ohren,<br> +Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt.<br> +Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,<br> +Wo eben noch die Liebliche geweilt;<br> +Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,<br> +Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.<br> +</p> +<p> +Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele<br> +Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.<br> +Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,<br> +Um die im Stillen unlängst er gefreit,<br> +Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,<br> +Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.<br> +</p> +<p> +Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen,<br> +Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt,<br> +Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten,<br> +Daß bald ihm werde der Erkornen Hand.<br> +Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,<br> +Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen.<br> +</p> +<p> +Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele:<br> +Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht,<br> +Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen,<br> +Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht;<br> +Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,<br> +Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.<br> +</p> +<p> +Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben,<br> +Es trat an dessen Platz ein ander Bild:<br> +Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte,<br> +Nein, lieblich, hold und fein und mild;<br> +Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen<br> +Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen.<br> +</p> +<p> +In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen,<br> +Er konnte tief in ihre Seele schau’n,<br> +Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’<br> +Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n.<br> +Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,<br> +War seines Herzens stürmisches Verlangen.<br> +</p> +<p> +So stand er, sich versenkend in die lieben Züge,<br> +Im Wesen ihm und in Gedanken nah;<br> +Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern,<br> +Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:<br> +In Züchten stiller Minne treu ergeben<br> +Und milde waltend, deutsches Frauenleben.<br> +</p> +<p> +Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein,<br> +So stolz, weil es entstammte wälschem Blut;<br> +Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten,<br> +Und doch verriethen tief verborgne Gluth!<br> +Das tausendmal am gleichen Sommertage<br> +Die Laune wechselte zu seiner Plage.<br> +</p> +<p> +Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,<br> +Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.<br> +Der Oheim mußte längst geworben haben,<br> +Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl?<br> +Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen,<br> +Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen.<br> +</p> +<p> +Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend,<br> +Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt.<br> +Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben,<br> +Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt;<br> +Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden,<br> +Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden.<br> +</p> +<p> +Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,<br> +Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,<br> +Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,<br> +Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.<br> +Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;<br> +Die Herren mochten seiner lang schon warten. —<br> +</p> +<p> +Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,<br> +Verkürzten sich die Knechte auf der Bank<br> +Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;<br> +Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,<br> +Als diese noch, auf allgemein Verlangen,<br> +Ein paar „Gesätzlein,” die hier folgen, sangen.<br> +</p> +<p> +Wir lieben’s den viel rothen Wein,<br> +Denn er geht frisch in’s Blut uns ein.<br> +Gedeihen muß das Leben,<br> +Wenn wir das Kännlein heben!<br> +Gedeihen muß das Leben,<br> +Wenn wir das Kännlein heben!<br> +</p> +<p> +Kommt es auch vor, daß wir einmal<br> +Festsitzen bis zum Morgenstrahl;<br> +Beim Weine uns zu wärmen,<br> +Die ganze Nacht durchschwärmen!<br> +Beim Weine uns zu wärmen,<br> +Die ganze Nacht durchschwärmen!<br> +</p> +<p> +So sind dem Zecher doch nicht hön<br> +Drob unsre lieben Frauen schön,<br> +Dieweil sie selbst gern nippen<br> +Am Wein, mit Rosenlippen!<br> +Dieweil sie selbst gern nippen<br> +Am Wein, mit Rosenlippen!<br> +</p> +<p> +Hallowerwein, Du Edelblut,<br> +Du schmeckst zu allen Zeiten gut;<br> +Nach Dir geht unser Streben,<br> +So lange wir am Leben!<br> +Nach Dir geht unser Streben,<br> +So lange wir am Leben!<br> +</p> +<p> +Und geht es einst auf’s Todtenbett,<br> +So reichet uns, als Seelgerett’,<br> +Von Hallau Saft der Reben,<br> +In’s Jenseits uns zu heben!<br> +Von Hallau Saft der Reben,<br> +In’s Jenseits uns zu heben!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Der schönste Tod, den ich mir weiß,<br> +Das ist: im Wald zu sterben;<br> +Viel schöner, als im Bette heiß,<br> +Aus Lumpen zu verderben!<br> +</p> +<p> +Der beste Wein, so jeder kennt,<br> +Er muß wohl sein gegohren;<br> +Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,<br> +Der d’Hörnlin hat verloren!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut,<br> +Du Edeltrost der Mannen!<br> +Wie schmeckst Du allerorten gut,<br> +Aus Humpen und aus Kannen.<br> +Hat einer von Dir etzlich Stück<br> +Im kühlen Keller vergraben,<br> +So preis’ er’s als sein größtes Glück,<br> +Am Weine sich zu laben!<br> +</p> +<p> +Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost,<br> +Vielschöne Maid im Walde!<br> +Nach Deiner minniglichen Kost<br> +Sehn’ ich mich nur zu balde.<br> +Wer immer Dich sein eigen nennt,<br> +Dem brennt ein Feu’r im Herzen;<br> +Macht, daß er keine Jahrzeit kennt<br> +Und thaut, wie Schnee im Märzen!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Was ist es, dessen sich freuen soll<br> +Am ersten ein guter Zecher,<br> +Wenn ihm die Maid einen Humpen voll<br> +Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!<br> +Ist es das Naß in der Kanne klar,<br> +Hellperlendes Blut der Reben?<br> +Ist es der Maid frisch Lippenpaar,<br> +Nach denen geht sein Streben?<br> +Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn,<br> +Das braucht’s nicht lang zu rathen;<br> +Ein Jeder tröst’ sich Beider gern,<br> +Vom Spielmann bis Prälaten!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Mein Mägdlein trägt ein Camisol<br> +Mit einem Purpursaume;<br> +Nun gute Nacht und schlafet wohl,<br> +Und denket mein im Traume!<br> +</p> +<img src="images/E066.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Viertes Kapitel.</h2> +<img src="images/E067.jpg" alt="Elsbeth und Kuonrad in der Krypta von St. Verena"><p> +Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler,<br> +Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn.<br> +Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich,<br> +Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn;<br> +Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle,<br> +Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale.<br> +</p> +<p> +Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen<br> +Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit,<br> +Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel,<br> +Doch der wich kaum um eine Spanne breit;<br> +Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen,<br> +Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen.<br> +</p> +<p> +Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,<br> +Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust.<br> +Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler,<br> +Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust;<br> +Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,<br> +Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. —<br> +</p> +<p> +Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf<br> +Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß.<br> +Sie feierten die Heilige in Zurzach,<br> +Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß,<br> +Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,<br> +War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.<br> +</p> +<p> +Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden,<br> +Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,<br> +Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten.<br> +Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,<br> +Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,<br> +Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen.<br> +</p> +<p> +Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore.<br> +Dort ließen Haus und Xaver alsgemach<br> +Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder,<br> +Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach:<br> +’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren,<br> +Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!”<br> +</p> +<p> +„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen;<br> +Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!”<br> +Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend,<br> +Denn an der Winde galt es Manneskraft,<br> +„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,<br> +Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!”<br> +</p> +<p> +„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!”<br> +Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht.<br> +Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel<br> +Find’t stets das Beste grade für sich recht;<br> +Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen<br> +Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.”<br> +</p> +<p> +Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,<br> +Da polterte es von der Brücke her,<br> +Schnell traten beide drum zur nächsten Luke,<br> +Von der man übersah des Schlosses Wehr.<br> +’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben,<br> +Wie immer, mußte vor dem Vogte traben.<br> +</p> +<p> +Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,<br> +Des Zelters Zügel in der zarten Hand.<br> +Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen<br> +Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand;<br> +Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen,<br> +Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.<br> +</p> +<p> +Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,<br> +Daß nicht entrolle sich die goldne Flut;<br> +Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend<br> +Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,<br> +Der leicht beschattete die feinen Züge,<br> +Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge.<br> +</p> +<p> +Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.<br> +Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’,<br> +Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,<br> +Bat er den Hausgenossen zum Geleit;<br> +Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten,<br> +Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten.<br> +</p> +<p> +Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel,<br> +Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.<br> +Sein eigensinnig Rößlein wollte traben,<br> +Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;<br> +Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen<br> +Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.<br> +</p> +<p> +Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe<br> +Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand.<br> +Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,<br> +War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand,<br> +Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte,<br> +Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte.<br> +</p> +<p> +Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber<br> +Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg<br> +Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder,<br> +Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.<br> +Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,<br> +Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen.<br> +</p> +<p> +Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen<br> +Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’,<br> +Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,<br> +So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt:<br> +„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen<br> +Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.”<br> +</p> +<p> +So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. —<br> +Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld<br> +Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,<br> +Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;<br> +Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen,<br> +Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen.<br> +</p> +<p> +Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten,<br> +Die links und rechts an breiter Gasse stehn;<br> +Sie lagen wie verödet in dem Nebel<br> +Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn,<br> +Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,<br> +Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.<br> +</p> +<p> +Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln<br> +An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,<br> +Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde;<br> +Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.<br> +’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden,<br> +Wollt er nicht andern den Genuß verleiden.<br> +</p> +<p> +Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster<br> +Und dabei traf sein kalter Henkerblick<br> +Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke;<br> +Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick,<br> +Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,<br> +Schwang selten er es mehr in seinen Händen.<br> +</p> +<p> +In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber.<br> +Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein<br> +Und hüllte Roß und Reiter immer dichter<br> +In seinen frostig-feuchten Mantel ein.<br> +Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,<br> +Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.<br> +</p> +<p> +Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte<br> +Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt,<br> +Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte<br> +Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt,<br> +In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze,<br> +Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze.<br> +</p> +<p> +Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen,<br> +Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt;<br> +Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,<br> +Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt’,<br> +Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,<br> +Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten.<br> +</p> +<p> +Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,<br> +Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;<br> +Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen<br> +Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid,<br> +Das traute „Elsbeth” müsse er vergessen,<br> +Sie „Fräulein” nennen, höfisch und gemessen.<br> +</p> +<p> +Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er<br> +Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;<br> +Denn was er auch der Schönen sagen wollte,<br> +Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer.<br> +Mit vollem Herzen, blöde und verlegen<br> +Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.<br> +</p> +<p> +Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,<br> +Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,<br> +Wo Benno just sich abzusteigen mühte;<br> +Sein Roß hielt jedes mal hier selber an,<br> +Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,<br> +So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.<br> +</p> +<p> +Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann<br> +Vom andern Ufer er herüber pfiff.<br> +Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter<br> +Und hielten dort im großen Wagenschiff,<br> +Das, als gelöst der Ferg’ die nassen Seile,<br> +Stromaufwärts mußte eine gute Weile.<br> +</p> +<p> +Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke,<br> +So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand,<br> +Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen<br> +Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand;<br> +Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen,<br> +Die „Burg,” erbaut von Roma’s Legionen.<br> +</p> +<p> +Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden,<br> +Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;<br> +Ein Ruderschlag bracht’ es dem Ufer nahe,<br> +Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.<br> +Nur Benno stand noch auf der andern Seite<br> +Und maß im Warten sich des Stromes Breite.<br> +</p> +<p> +Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten,<br> +Verließen es der Vogt und seine Schaar.<br> +Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,<br> +Daß jeder Hufschlag funkensprühend war,<br> +Bergan, und als der steile Weg erstiegen,<br> +Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. —<br> +</p> +<p> +Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen,<br> +Im nahen Rheine ging er still zu Grab.<br> +Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd<br> +Die weißen Zinnen Küssabergs herab;<br> +In klarer Herbstluft mocht’ das Auge schwelgen<br> +Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen.<br> +</p> +<p> +Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,<br> +Denn nah dem Flecken war die Straße voll<br> +Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,<br> +Der Heil’gen bringend frommer Andacht Zoll;<br> +Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,<br> +Geschäften wegen sich zur „Messe” fanden.<br> +</p> +<p> +Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,<br> +Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.<br> +Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste<br> +Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,<br> +Und selten hat es einen mal verdrossen,<br> +Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.<br> +</p> +<p> +In langen Reihen standen graue Leinwandzelte<br> +Den Weg entlang, für allerlei Gethier<br> +Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,<br> +Indeß’ das eigentliche Marktrevier<br> +Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,<br> +Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. —<br> +</p> +<p> +In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen,<br> +Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an,<br> +Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger<br> +Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;<br> +Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde.<br> +Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde.<br> +</p> +<p> +Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren,<br> +Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;<br> +Sein Diener schlug die große Kesselpauke,<br> +So oft er unterbrach der Rede Pracht.<br> +Daneben übten Gaukler ihre Lungen<br> +Und überschrieen sich in allen Zungen. —<br> +</p> +<p> +Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,<br> +Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt,<br> +Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte;<br> +Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt,<br> +Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen<br> +Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen.<br> +</p> +<p> +Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen,<br> +Um desto dichter ward die Menschenschaar<br> +Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;<br> +Der Junker wurde dieses auch gewahr<br> +Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,<br> +Bis mehr sich lichten würden ihre Massen.<br> +</p> +<p> +Ein wenig besser war’s dem Vogt ergangen. Er ritt<br> +Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,<br> +Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend,<br> +Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt.<br> +Gab die nicht Raum auf Kunzens „Platz da!” rufen,<br> +So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. —<br> +</p> +<p> +Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome<br> +Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt,<br> +Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte<br> +Und kreischend sich das Volk noch näher drängt’.<br> +Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken,<br> +Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken.<br> +</p> +<p> +Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,<br> +Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth;<br> +Die Schreckensrufe gellten immer lauter<br> +Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,<br> +Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte,<br> +Der Affe aber rings die Menge höhnte.<br> +</p> +<p> +In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,<br> +Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,<br> +Und fand den Weg gerade zu der Stelle,<br> +Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob<br> +Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute;<br> +Gespitzten Ohres das Gedränge schaute.<br> +</p> +<p> +Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.<br> +Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;<br> +Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber,<br> +So daß der Schimmel drob den Kopf verlor<br> +Und voller Angst in jähem Sprunge scheute,<br> +Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.<br> +</p> +<p> +Doch, eh’ des Rößleins Hufe wieder Boden fanden,<br> +War dieses schon von seiner Last befreit<br> +Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,<br> +Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.<br> +Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde<br> +Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.<br> +</p> +<p> +„Um Gottes Willen!” rief der Junker, selbst erschrocken,<br> +Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein.<br> +„Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?<br> +Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: „Nein!...”<br> +Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen<br> +Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen.<br> +</p> +<p> +Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend,<br> +Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,<br> +So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte,<br> +Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei’n;<br> +Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen<br> +Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.<br> +</p> +<img src="images/E078_079.jpg" alt="Kuonrad bewahrt Elsbeth vor einem Sturz"> +<p> +Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe:<br> +Vom Münster her ertönte Glockenklang,<br> +In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,<br> +So daß es klang wie ferner Chorgesang.<br> +Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,<br> +Um in der Mess’ zu sein bei rechten Zeiten. —<br> +</p> +<p> +Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,<br> +Der es mit strengen Blicken untersucht.<br> +Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten<br> +Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht,<br> +Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,<br> +Nun Jochen flink zu binden war beflissen.<br> +</p> +<p> +Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte<br> +Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor,<br> +Die lehnte noch im Arme ihres Retters,<br> +Fuhr aber tief erröthend nun empor;<br> +Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,<br> +Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen<br> +Und hob mit starkem Arm die süße Last<br> +Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,<br> +Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt,<br> +Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke<br> +Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. —<br> +</p> +<p> +Inzwischen hatte auch die Jagd ein End’ genommen,<br> +Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ;<br> +Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken,<br> +So daß er eilig sich zu gehn befliß.<br> +Der Affe aber war und blieb verschwunden<br> +Und Niemand wußte, welchen Weg er funden.<br> +</p> +<p> +Ohn’ weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,<br> +Deß’ Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt,<br> +Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten<br> +Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt’;<br> +Doch, ob im Flecken unten oder oben,<br> +Sie waren überall gut aufgehoben. —<br> +</p> +<p> +Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,<br> +Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn.<br> +Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen,<br> +Vermieden gerne jeden Trug und Schein,<br> +Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,<br> +Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.<br> +</p> +<p> +Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe<br> +Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand.<br> +Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,<br> +Sie waren stets für Seel’ und Leib zur Hand;<br> +Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,<br> +Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. —<br> +</p> +<p> +Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,<br> +Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut,<br> +Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts,<br> +Den jedesmal ein Glöcklein künden thut.<br> +Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen,<br> +Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.<br> +</p> +<p> +In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,<br> +Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt’,<br> +Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten<br> +Schon Meßgesang und Orgelton erschallt’;<br> +Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,<br> +Bis er die Pferde konnt’ zur Herberg bringen.<br> +</p> +<p> +Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten<br> +Die Beiden, sich bekreuz’gend, in den Dom,<br> +Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,<br> +Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;<br> +In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,<br> +Kam er heut frühe schon zum Fest geritten.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,<br> +In welchem sich geweihtes Wasser fand;<br> +Die Finger netzend, reichte draus er höfisch<br> +Auch etlich’ Tröpflein der Begleitrin Hand,<br> +Und Elsbeth nahm’s mit stummem Dank entgegen.<br> +Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. —<br> +</p> +<p> +Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,<br> +Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;<br> +In Wolken wogte zur bemalten Decke<br> +Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch<br> +Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge<br> +Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.<br> +</p> +<p> +Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte,<br> +Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,<br> +Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens<br> +Und auszuschütten da sein volles Herz,<br> +Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,<br> +Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte.<br> +</p> +<p> +In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau<br> +Im Sarg, den frommer Glaube überbaut’;<br> +Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,<br> +Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut.<br> +Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame,<br> +Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme.<br> +</p> +<p> +Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller<br> +Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.<br> +Um was? Nur diese mochte es erlauschen,<br> +Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr;<br> +Doch tief sah man die Betende sich neigen<br> +In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen.<br> +</p> +<p> +Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz,<br> +Als sie sich endlich vom Gebet erhob;<br> +Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen,<br> +In das sich Seligkeit und Wonne wob,<br> +Und unschwer war der Frommen anzusehen,<br> +Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen.<br> +</p> +<p> +Still kehrte sie zurück durch’s Grabkapellenpförtchen,<br> +Wo ihr Begleiter traumverloren stand.<br> +Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin<br> +Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;<br> +Doch, nun den Arm der Holden er wollt’ reichen,<br> +Wußt’ Elsbeth sittig diesem auszuweichen.<br> +</p> +<p> +„’s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!”<br> +Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt,<br> +„Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen,<br> +So mögt ihr mich begleiten nach der Hand;<br> +Hab’ manchen Auftrag für den Markt bekommen,<br> +Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!”<br> +</p> +<p> +Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen,<br> +Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt’,<br> +Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?<br> +Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:<br> +„Gott will ja, daß wir für einander beten,<br> +So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!”<br> +</p> +<p> +Dann bat sie lächelnd: „Laßt uns nach der Herberg gehen<br> +Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht.<br> +Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,<br> +Eh’ es am Nachmittag zur Vesper geht;<br> +Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen,<br> +Für Jedes einen Kram nach Hause bringen.”<br> +</p> +<p> +Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke<br> +In den vom Junker ihr gebot’nen Arm,<br> +Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,<br> +Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm;<br> +Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,<br> +Bis in der „Rosen” sie den Vater finden. —<br> +</p> +<p> +Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;<br> +Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da.<br> +Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,<br> +Als er die Zwei in’s Stüblein treten sah<br> +Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter:<br> +„Da kommen ja die längst vermißten Reiter!”<br> +</p> +<p> +Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,<br> +Erzählte ihnen sein gespräch’ger Mund,<br> +Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich<br> +Am Vrenentage, nach der Vesperstund’<br> +Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden,<br> +Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.<br> +</p> +<p> +„Da hab’ ich,” sprach er lächelnd, „nun versprechen müssen,<br> +Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.<br> +Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen<br> +Auch etlich’ Freunde treffen, lieb und werth,<br> +So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;<br> +Die alte Freundschaft wiederum erneuen!”<br> +</p> +<p> +Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich,<br> +Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;<br> +Sie brachte Wechsel in das stille Leben,<br> +Das auf dem Berge er geführt bis heut’,<br> +Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.<br> +Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen.<br> +</p> +<p> +Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,<br> +Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.<br> +Ihr war, als sollt’ dem Mahl sie ferne bleiben,<br> +Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht;<br> +Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,<br> +Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.<br> +</p> +<p> +Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,<br> +Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat<br> +Und, weil es lang gedauert bis der fertig,<br> +Die Gäste höflich um Verzeihung bat:<br> +Es sei viel Arbeit heut’ in allen Ecken,<br> +Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken.<br> +</p> +<p> +Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,<br> +Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch,<br> +So daß die, schämig drob, die Lider senkte<br> +Und froh war, als die Wirthin schließlich doch<br> +Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;<br> +Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.<br> +</p> +<p> +Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen,<br> +Im Maul der letztern prangte frisches Grün,<br> +Und dazu Wein, von Badens „Goldwand” stammend,<br> +Verlockten bald zu einem Angriff kühn;<br> +Es mochte auch der weite Ritt am Morgen<br> +Für guten Appetit der Dreie sorgen.<br> +</p> +<p> +Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,<br> +Das stets vom Vogt auf’s neue ward geweckt;<br> +Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,<br> +Da es sie freue, wenn’s den Gästen schmeckt.<br> +Die Herren thaten denn auch so; indessen<br> +Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen.<br> +</p> +<p> +Die Redesel’ge wurde endlich müde, oder<br> +Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;<br> +Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:<br> +Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund,<br> +So abzuziehen vorhin sie versehen —<br> +Und nun konnt’ Elsbeth auch an’s Essen gehen.<br> +</p> +<p> +Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische<br> +Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,<br> +Eh’ es hinaus ging in des Marktes Treiben,<br> +Wo heute manches einzukaufen war.<br> +Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,<br> +Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares.<br> +</p> +<p> +Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte;<br> +Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf.<br> +Bald standen sie im dichtesten Gedränge,<br> +Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;<br> +Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,<br> +Schon tief in Jochens Packkörben vergraben.<br> +</p> +<p> +Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl<br> +Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;<br> +Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte,<br> +Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär’;<br> +Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen<br> +Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.<br> +</p> +<p> +Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,<br> +Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.<br> +Ohn’ viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen<br> +Und barg es in sein dürftig Beutelein;<br> +Dann zog’s ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,<br> +Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.<br> +</p> +<p> +Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken,<br> +Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,<br> +Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen<br> +Und drückte ihm dies flink nun in die Hand.<br> +Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen,<br> +Der Junker dafür eins der braunen Herzen.<br> +</p> +<p> +„Allüberall ist Minne, nur in der Höll’ nicht drinne!”<br> +Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel<br> +Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth,<br> +Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel’;<br> +Sie nahm es lachend an, worauf inmitten<br> +Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.<br> +</p> +<p> +Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,<br> +Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.<br> +Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,<br> +Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;<br> +Zum ersten mußte da sie Frida’s denken,<br> +Der sie ein „hornin Noster” wollte schenken.<br> +</p> +<p> +Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle<br> +Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band<br> +Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel’gen,<br> +Wie es die Herrin für sie passend fand;<br> +Noch kam auch manches, deß’ sie erst nicht dachte,<br> +Das, schön zur Schau gestellt, um’s Geld sie brachte.<br> +</p> +<p> +Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden<br> +Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn,<br> +Als auch die Glocken schon sich hören ließen,<br> +Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien;<br> +Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören,<br> +Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. —<br> +</p> +<p> +Wie Viele, zog’s auch unser Dreiblatt in die Kirche,<br> +So freundlich lag im Abendsonnenschein.<br> +Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange<br> +Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;<br> +Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen<br> +Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen.<br> +</p> +<p> +Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende<br> +Und ging’s hinüber in der Propstei Saal,<br> +Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten<br> +Der Gäste, die geladen sind zum Mahl.<br> +Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer<br> +Der Kerzen, an des Vaters Arm in’s Zimmer.<br> +</p> +<p> +Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen,<br> +Und machte gar verlegen sie der Wahn,<br> +Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,<br> +Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;<br> +Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen<br> +Der Vater, und Herr Kuonrad folgt’ den Zweien.<br> +</p> +<p> +Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute,<br> +So daß er grüßend anhielt hier und dort;<br> +Er wechselte auch im Vorübergehen<br> +Mit dem und jenem wohl ein länger Wort.<br> +Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen,<br> +Dem Gutenburger und dem Wielandingen.<br> +</p> +<p> +Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln,<br> +Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah;<br> +Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,<br> +War mit Gemahlin und der Tochter da,<br> +Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,<br> +Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.<br> +</p> +<p> +Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,<br> +Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht;<br> +Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen<br> +Hätt’ einer Königin zur Ehr’ gereicht,<br> +Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.<br> +Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen.<br> +</p> +<p> +Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es<br> +Die Herren zu der wunderschönen Maid;<br> +Es sprachen von der „Küssaberger Blume”<br> +Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.<br> +Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,<br> +Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.<br> +</p> +<p> +Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange<br> +Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.<br> +Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,<br> +Wär’ vor ihm die vielschöne Jungfrau da?<br> +Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen,<br> +Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.<br> +</p> +<p> +Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,<br> +Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück.<br> +Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,<br> +Die schönen Augen Elsbeths voller Glück.<br> +Er mußte wieder sie „traut Else” nennen,<br> +Eh’ will sie heut’ sich nicht mehr von ihm trennen.<br> +</p> +<p> +Der Ohm that’s lächelnd. Dann begleitete er Beide<br> +Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,<br> +Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend;<br> +Der reichte gnädig eine Hand ihr dar<br> +Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,<br> +Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend.<br> +</p> +<p> +Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder<br> +Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;<br> +Der war hier fremd und harrte längst des Freundes,<br> +Daß er ihn vorstell’, wie der Brauch es schrieb.<br> +Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,<br> +Wußt’ bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.<br> +</p> +<p> +Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen,<br> +Zu manchem Gönner ihm verholfen schon.<br> +Wie immer, waren es zuerst die Damen,<br> +Die er gewonnen durch vornehmen Ton,<br> +Und war dies auch natürlich, da die Frauen<br> +Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.<br> +</p> +<p> +Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker<br> +Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein,<br> +Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern,<br> +Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,<br> +In welchem sie ihn fest zu halten wußte,<br> +Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte.<br> +</p> +<p> +That es der Zufall — oder Fräulein Adelgunde?<br> +Die gern den Junker länger hielt in Haft,<br> +Daß sich die Freiin grade gegenüber<br> +Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!<br> +Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,<br> +Für’s Erste stille und gar steif, gemessen.<br> +</p> +<p> +Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,<br> +Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,<br> +In süßem Vino d’Asti, so die Damen,<br> +Schon damals gerne tranken, kam es sacht,<br> +Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen;<br> +Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.<br> +</p> +<p> +Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste<br> +Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,<br> +Erhöhte sich der Gäste munter Wesen<br> +Und waltete gar bald Gemüthlichkeit,<br> +Die machte, daß die Alten wie die Jungen,<br> +Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.<br> +</p> +<p> +Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt<br> +Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor.<br> +Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,<br> +Im zarten Busen quoll es heiß empor;<br> +Doch mochte schwerlich einer dies beachten<br> +Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.<br> +</p> +<p> +Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater<br> +Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein,<br> +Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,<br> +Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;<br> +Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken,<br> +Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. —<br> +</p> +<p> +Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern<br> +Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,<br> +Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde<br> +Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,<br> +So daß im Stillen der sich schier beklagte,<br> +Wenn offen er’s auch nicht zu zeigen wagte:<br> +</p> +<p> +Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,<br> +Für einen Mann, der gute Sitte kennt,<br> +Und sagte ihnen, mit gewählten Worten,<br> +Manch feines, aber höfisch Compliment,<br> +Das, er war sicher, drang’s zu Elsbeths Ohren,<br> +Für sie so gut wie jeden Sinn verloren.<br> +</p> +<p> +Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,<br> +Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,<br> +Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern,<br> +Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn;<br> +Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen,<br> +Wollt’ auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen.<br> +</p> +<p> +Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber<br> +Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;<br> +Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,<br> +Kam ihr die Freiin zuvor oder frug<br> +Just Adelgunde etwas und — befangen,<br> +Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. —<br> +</p> +<p> +O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket,<br> +Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt?<br> +Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen,<br> +Der widerstand noch Niemand in der Welt?<br> +Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,<br> +Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.<br> +</p> +<p> +Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,<br> +Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;<br> +Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele,<br> +Was es bedeutet, wird Dir offenbar,<br> +Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen,<br> +Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. —<br> +</p> +<p> +Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche,<br> +Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,<br> +Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden,<br> +Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang<br> +Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,<br> +Wie immer bleicher worden ihre Wangen.<br> +</p> +<p> +Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,<br> +Blieb eine Weile still, als sänn’ er nach;<br> +Doch that er dies, um besser sehn zu können,<br> +Was aus den Augen seines Lieblings sprach,<br> +Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,<br> +War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.<br> +</p> +<p> +Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: „Junker!<br> +Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort!<br> +Wie wär’s, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet,<br> +Eh’ Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?<br> +Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen,<br> +Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!”<br> +</p> +<p> +Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad<br> +Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,<br> +Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,<br> +Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß,<br> +Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen<br> +Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.<br> +</p> +<p> +Doch bald sprach Benno lächelnd: „Daß Ihr uns vergessen,<br> +Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr;<br> +Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,<br> +Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!”<br> +Der Junker fügte sich dem Urtheil willig<br> +Und that die Buße, wie es recht und billig.<br> +</p> +<p> +Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.<br> +Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand<br> +Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz,<br> +Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand.<br> +Im Nu war all’ das Herzweh da vergangen. —<br> +Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.<br> +</p> +<p> +Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,<br> +Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl;<br> +Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen<br> +Mit Frag’ und Antwort ohne Wahl und Qual;<br> +Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde,<br> +Hascht’ klug auch dieser er das Wort vom Munde!<br> +</p> +<p> +Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln<br> +Für Elsbeth auszuknacken als Dessert;<br> +Derweilen sie dem Vater nun erzählte,<br> +Daß heute schon sie fast verunglückt wär’,<br> +So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke<br> +Beschützte sie im letzten Augenblicke.<br> +</p> +<p> +Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde<br> +Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,<br> +Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte,<br> +Seit jenem Tag, als das Gewitter war;<br> +Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden<br> +Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden.<br> +</p> +<p> +Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen<br> +Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld<br> +Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde,<br> +Ob der an jenem Tag erwies’nen Huld;<br> +Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen<br> +Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.<br> +</p> +<p> +Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede<br> +Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht’,<br> +Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,<br> +So thue er sich selber dies zu Noth;<br> +Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,<br> +Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken.<br> +</p> +<p> +Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden,<br> +Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,<br> +Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,<br> +Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.<br> +Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen,<br> +Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen.<br> +</p> +<p> +So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere<br> +Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn;<br> +Als dies geschehen, ging es hin zur „Rosen,”<br> +Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein.<br> +Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken,<br> +Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. —<br> +</p> +<p> +Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte<br> +Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.<br> +Wie Zauber lag es über Wald und Fluren;<br> +Im Wiesengrüne schimmerte der Thau,<br> +Tief unten floß der Rhein im klaren Bette<br> +Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.<br> +</p> +<p> +Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe,<br> +Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.<br> +Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen<br> +Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;<br> +Der Schloßvogt ritt, dem „Markgräfler” zu Ehren,<br> +Hier nie vorüber, ohne einzukehren.<br> +</p> +<p> +Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte<br> +Da wehrte Benno, und ging’s wieder fort<br> +In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.<br> +Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;<br> +Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,<br> +Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.<br> +</p> +<p> +Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten<br> +Die Herrn allmälig immer schneller hin,<br> +Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein<br> +Bald jede Eile unvonnöthen schien;<br> +Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,<br> +Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. —<br> +</p> +<p> +Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;<br> +Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum.<br> +Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes,<br> +Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;<br> +Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne<br> +Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.<br> +</p> +<p> +In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,<br> +Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.<br> +Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern,<br> +Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht?<br> +Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,<br> +Welch’ wonnig Träumen ihr die Lippen bindet?<br> +</p> +<p> +Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um’s reden.<br> +Er ritt, die Zügel lässig in der Hand,<br> +Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen<br> +In einemfort der Holden zugewandt;<br> +Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,<br> +Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.<br> +</p> +<p> +Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,<br> +Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal<br> +Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte;<br> +Wo er dann rauher ward und dabei schmal<br> +Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,<br> +Die, nah’ dem Schlosse erst, sich wieder lichten.<br> +</p> +<p> +„Erzählet etwas, Fräulein!” meinte nun der Junker,<br> +Als hier die Pferde wechselten den Gang,<br> +Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,<br> +Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang.<br> +„Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,<br> +Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!”<br> +</p> +<p> +„Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen<br> +Euch kaum genügen,” gab Elsbeth zurück,<br> +„Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;<br> +Mein Wissen bildet just kein großes Stück.<br> +Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,<br> +Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red’ zu geben,<br> +Was sie auch immer von ihm fragen sollt’;<br> +Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben<br> +Ihm erst erzählen, eh’ er reden wollt’.<br> +Da ging denn Elsbeth munter an’s Erzählen;<br> +Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen.<br> +</p> +<p> +Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,<br> +Als auch die Rede auf den Vater kam.<br> +„Sein eigen,” meinte Elsbeth, „wär’ hier Alles,<br> +So nicht der Bischof einst das Erbe nahm<br> +Jetzt freilich würd’ selbst dieses nicht mehr nützen,<br> +Es fehlt ein Sohn, der’s weiter möcht’ beschützen.”<br> +</p> +<p> +„So ist der Vater denn der letzte Küssaberger<br> +Und gehet,” fügte traurig sie hinzu,<br> +„Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern,<br> +Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh’;<br> +Doch ist mir oft, als hört’ mein Herz ich sagen,<br> +Man wird uns nennen noch in späten Tagen!”<br> +</p> +<p> +Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne<br> +Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.<br> +Er frug: „Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater<br> +Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? —<br> +Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;<br> +Mich würd’ es schmerzen, wüßt’ ich Euch in Sorgen!”<br> +</p> +<p> +„Habt vielen Dank, Herr!” lautete die Antwort Elsbeths,<br> +„Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt.<br> +Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen<br> +Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;<br> +Wir kennen nicht des Willens frei Genießen,<br> +Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen.”<br> +</p> +<p> +„So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen.<br> +Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht,<br> +Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen<br> +Mein Leben Gott darbringen im Gebet;<br> +Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben<br> +Und sich und mir das Himmelreich erwerben.”<br> +</p> +<p> +„In’s Kloster! Ihr?” rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad<br> +Und riß den Rappen einen Schritt zurück.<br> +„Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern?<br> +Von selbst entsagen allem Erdenglück? —<br> +Könnt Ihr dies thun, so sag’ ich ohne Scheuen,<br> +Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!”<br> +</p> +<p> +„Doch, Euch beliebt zu scherzen!” sprach er dringlich weiter,<br> +„In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.<br> +Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer<br> +Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft;<br> +Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen<br> +Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!”<br> +</p> +<p> +„Und dann — was werden Eure Hör’gen dazu sagen,<br> +So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut’,<br> +Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder,<br> +Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?<br> +Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten,<br> +So feuchte Mauern Euch gefangen halten?”<br> +</p> +<p> +„Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden,<br> +Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;<br> +Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern,<br> +Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;<br> +Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten,<br> +Als guter Geist zu seinen Häupten walten!”<br> +</p> +<p> +„Glaubt einem Freunde — jener Mann ist zu beneiden,<br> +Dem Euer Herze nur ein wenig hold;<br> +Er findet seinen Himmel schon auf Erden,<br> +Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold.<br> +Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,<br> +Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?”<br> +</p> +<p> +Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad<br> +Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand<br> +In seine Rechte, die sie jedoch zitternd<br> +Im nächsten Augenblicke ihm entwand.<br> +’s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen,<br> +Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.<br> +</p> +<p> +In ihrem Herzen freilich rief’s in hellem Jubel:<br> +„Er liebt mich!” und der frische, rothe Mund<br> +Möcht’ freudig es in alle Lüfte jauchzen,<br> +Es künden laut dem ganzen Erdenrund,<br> +Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder:<br> +„Er liebt Dich und Du Sel’ge liebst ihn wieder!”<br> +</p> +<p> +Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;<br> +Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh,<br> +Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert’,<br> +Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee,<br> +Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,<br> +Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. —<br> +</p> +<p> +Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen,<br> +Vereinigt mit den Schwestern im Gebet<br> +In stiller Klause, von der Welt geschieden,<br> +Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht;<br> +Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden<br> +Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.<br> +</p> +<p> +Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet,<br> +Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;<br> +In wenig Wochen war das Kräutlein Minne<br> +Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum.<br> +Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen,<br> +Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.<br> +</p> +<p> +Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,<br> +Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß.<br> +War dessen Quelle die Entsagung, oder<br> +Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß?<br> +Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden,<br> +Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? —<br> +</p> +<p> +In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe.<br> +Des Mondes Licht, es flutete um sie;<br> +In blauer Dämmerferne lag, wie Silber,<br> +Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie,<br> +Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,<br> +Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.<br> +</p> +<p> +Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,<br> +Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.<br> +Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern<br> +Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor.<br> +Doch, eh’ sich Thor und Brücke mochten zeigen,<br> +Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen.<br> +</p> +<p> +Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise<br> +Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand<br> +Und blickte spähend in der Holden Antlitz,<br> +Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.<br> +Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen,<br> +Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen.<br> +</p> +<p> +„Ihr zaudert, Elsbeth?” klang es weich von seinen Lippen,<br> +„Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!<br> +Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,<br> +Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.<br> +Doch, daß wir Beide dieses Tages denken,<br> +Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!”<br> +</p> +<p> +Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein<br> +Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun<br> +Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,<br> +Die warm und weich in seiner Linken ruhn;<br> +Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten<br> +Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.<br> +</p> +<p> +Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,<br> +Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht’,<br> +Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,<br> +Und hatte dran das Schaustück losgemacht.<br> +Es war ein Münzlein, gülden und gar selten,<br> +Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.<br> +</p> +<p> +„Soll ich das Ringlein werth behalten,” sprach sie flüsternd,<br> +„So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück<br> +Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;<br> +Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück.<br> +Des Tages aber will ich bas gedenken<br> +Und billig meine Frage Euch nun schenken!”<br> +</p> +<p> +So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker,<br> +Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm<br> +Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen,<br> +Gedenkend der, von welcher es ihm kam.<br> +Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen<br> +Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. — —<br> +</p> +<p> +Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert,<br> +Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt’,<br> +Daß Hansli halb todt in der Halle liege,<br> +Von seinem Flugversuch, den er gewagt.<br> +Im Busch der Halde habe sie ihn funden,<br> +Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden.<br> +</p> +<p> +Da schien’s, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,<br> +So rasch ging es des Schlosses Brücke zu;<br> +Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen<br> +Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.<br> +Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,<br> +Daß Hansli damit umging mal zu fliegen.<br> +</p> +<p> +Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager<br> +Und ordnete, was für das Knechtlein gut;<br> +Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen.<br> +Die Herrin spendete ihm also Muth<br> +Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer,<br> +Eh’, selber müd, sie suchte ihre Kammer. —<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder<br> +Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:<br> +Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen,<br> +Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht<br> +Und er als Flügel nutzen wollt’ beim Fliegen,<br> +Um Vesperzeit den Bergfried hätt’ erstiegen.<br> +</p> +<p> +„Das Fliegen wär’ gelungen,” sprach Mechtildis weinend,<br> +Wenn er gewartet bis der Vogel Specht<br> +Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche<br> +Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht.<br> +Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen,<br> +Kopfüber, grad hinunter in die Tannen.<br> +</p> +<p> +Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen,<br> +Daß es erbarmen konnte einen Stein;<br> +Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,<br> +Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. —<br> +Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,<br> +Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.<br> +</p> +<img src="images/E108.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Fünftes Kapitel.</h2> +<img src="images/E109.jpg" alt="Jagdzug"><p> +Novembermonat hat die Herrschaft übernommen;<br> +In weiße Decken hüllt er Berg und Thal,<br> +Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume,<br> +Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl.<br> +Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere<br> +Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere.<br> +</p> +<p> +Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen,<br> +Herunter dort aus den Wachholderstrauch,<br> +Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget,<br> +Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;<br> +Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren<br> +Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren.<br> +</p> +<p> +Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise<br> +Und wundert sich, vom Schneemann überrascht,<br> +Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,<br> +An dem es gestern noch so frei genascht.<br> +Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen<br> +Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.<br> +</p> +<p> +Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,<br> +Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum,<br> +Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen,<br> +Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;<br> +Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,<br> +Deß’ zarte Keime es gar köstlich laben.<br> +</p> +<p> +Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren<br> +Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt;<br> +Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle,<br> +Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt,<br> +Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten —<br> +Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten.<br> +</p> +<p> +In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.<br> +Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt,<br> +Nun zieht’s ihn bergwärts zum versteckten Baue,<br> +Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt,<br> +Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen,<br> +Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen.<br> +</p> +<p> +Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch’ und Rehe,<br> +Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück;<br> +Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte<br> +Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück.<br> +An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern<br> +Und fern im Osten fängt es an zu dämmern.<br> +</p> +<p> +Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,<br> +Als trennte nur die Breite einer Hand;<br> +Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten,<br> +In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand.<br> +Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen<br> +Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen.<br> +</p> +<p> +Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne,<br> +Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;<br> +Die wen’gen Strahlen, so sie heut’ begleiten,<br> +Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,<br> +Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,<br> +Indeß’ sie selbst noch tief am Horizonte.<br> +</p> +<p> +Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;<br> +Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,<br> +Der Wolken zart Geweb’ wird mälig dichter,<br> +So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.<br> +Schon ist auch von der Sonn’ nichts mehr zu sehen,<br> +Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.<br> +</p> +<p> +Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber<br> +Ein hell Halali! durch die Morgenluft,<br> +Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte,<br> +Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft;<br> +Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen<br> +Und „Waidmanns Heil!” hört man vom Bergfried johlen. —<br> +</p> +<p> +Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,<br> +Begleitet von des Schlosses Jägertroß,<br> +In’s nahe Matzenthal hinüber ritten,<br> +Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß.<br> +Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute<br> +Der dicke Kunz der Rüden laute Meute.<br> +</p> +<p> +Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn<br> +Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,<br> +Vereinigt wollten sie am Tage pirschen<br> +Und dann probiren, wie der „Neu” behagt,<br> +Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,<br> +Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen.<br> +</p> +<p> +Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens.<br> +Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,<br> +Im Walde einen „Hirzen” zu bestät’gen;<br> +Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,<br> +So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten,<br> +Sie möchten sich für heut’ auf’s Jagen richten.<br> +</p> +<p> +Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen,<br> +Soll man sich treffen, war es abgemacht.<br> +Nun sind die Gäste angelangt und harren<br> +Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,<br> +Des Freundes, während Udo’s Jägersegen<br> +Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.<br> +</p> +<p> +Und nun — ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich’s kaum glauben,<br> +Als auch er Adelgunden da erblickt’,<br> +Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen,<br> +Erröthend ihm und fast vertraulich nickt’<br> +Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen<br> +Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.<br> +</p> +<p> +Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung,<br> +Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg,<br> +Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,<br> +Da Jochens „Hirz” im dichtesten Geheg<br> +Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen,<br> +Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.<br> +</p> +<p> +Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen<br> +Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,<br> +Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen,<br> +Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;<br> +Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen<br> +Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.<br> +</p> +<p> +Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke<br> +Dich tief in’s Nestlein unterm lockern Schnee!<br> +Mit Windeseile nahen sich die Feinde,<br> +Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh;<br> +Gilt’s auch dem „Achtzehnender” heut’, dem Stolzen,<br> +Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!<br> +</p> +<p> +Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen,<br> +Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;<br> +Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!<br> +Wo eben noch die Stille selbst geruht.<br> +Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen,<br> +Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.<br> +</p> +<p> +In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben,<br> +Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht’ fliehn,<br> +Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde,<br> +Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.<br> +Was treibt die Maid solch’ kühnen Ritt zu wagen,<br> +Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?<br> +</p> +<p> +Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte<br> +Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,<br> +Den Pfaden folgen, die zur Seele führen,<br> +Dem würde darauf jetzt die Antwort kund<br> +Und damit auch die große Kunst gelungen,<br> +Von der bis heute manches Lied erklungen. —<br> +</p> +<p> +Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,<br> +Daß Adelgundens Kleid im Winde weht;<br> +Dem Junker mangelt Will’ und Weil’ zum Sprechen,<br> +Doch dafür denkt er an Elisabeth,<br> +Und wie auch jene immer mag beginnen,<br> +Er muß sich jedes Mal auf’s Wort besinnen.<br> +</p> +<p> +So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen,<br> +Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;<br> +Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben<br> +Und fühlt’ im Herzen nun ein seltsam Weh.<br> +Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,<br> +Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.<br> +</p> +<p> +Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten,<br> +So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;<br> +Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken,<br> +Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt.<br> +Die Rosse wissen’s, die den Boden stampfen<br> +Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen.<br> +</p> +<p> +Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige<br> +Und schütteln von sich ab die weiße Last;<br> +Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze,<br> +Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.<br> +„Faß’ Greif! Faß’ Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!”<br> +Gellt’s hallend durch des Waldes weit Reviere.<br> +</p> +<p> +Jetzt ras’t das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,<br> +Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht:<br> +Das mächtige Geweihe tief im Nacken,<br> +Saust er durch’s Holz, daß Zweig und Astwerk bricht.<br> +Kein Ruhen giebt’s; bergauf, bergab geht’s weiter,<br> +Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen,<br> +Da immer ferner hin sich zog die Jagd,<br> +Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,<br> +Zur Küche eilte, um dort mit der Magd,<br> +Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,<br> +Was jene rüsten sollt’ zum Abendessen.<br> +</p> +<p> +Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,<br> +— Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt<br> +Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,<br> +Beständig fast in ihrer Nähe weilt’ —<br> +Und forderte die auf, sie zu begleiten<br> +Im Palas ein paar Betten zu bereiten.<br> +</p> +<p> +Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,<br> +Die dort für werthe Gäste war bereit;<br> +Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet,<br> +Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,<br> +Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen<br> +Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.<br> +</p> +<p> +Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,<br> +So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,<br> +Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten,<br> +Ob deren jedem schön ein Himmel blaut.<br> +— An’s offne Fenster, um sie durchzulüften,<br> +Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften.<br> +</p> +<p> +Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen,<br> +Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück;<br> +Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen,<br> +Schob sie behutsam wiederum zurück.<br> +Bald war gewählt, was passend ihr erschienen<br> +Und zum Beziehn der Betten mußte dienen.<br> +</p> +<p> +Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet,<br> +Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,<br> +Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte,<br> +Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;<br> +Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,<br> +Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. —<br> +</p> +<p> +Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte<br> +Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;<br> +Mechtildis sollte alles fertig finden,<br> +Wenn Abends sie die mußte überziehn.<br> +Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,<br> +Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen.<br> +</p> +<p> +Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,<br> +Vom Froste rosig überhaucht zu schaun;<br> +Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,<br> +Und den Kamin — vergaßen sie beim Bau’n,<br> +Lag man nur erst mal zwischen all’ den Kissen,<br> +Ließ ja der letztere sich leichtlich missen.<br> +</p> +<p> +Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster<br> +Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang<br> +Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.<br> +Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang;<br> +Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite,<br> +Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!<br> +</p> +<p> +Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,<br> +Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick<br> +Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,<br> +Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;<br> +Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,<br> +Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.<br> +</p> +<p> +Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte<br> +Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,<br> +Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;<br> +Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,<br> +Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,<br> +Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.<br> +</p> +<p> +Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen,<br> +Es schimmerte des Frohsinns holder Schein<br> +Um alle, die in ihrer Nähe weilten;<br> +Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein.<br> +Sie fühlte heißer es im Herzen glühen,<br> +Je mehr sich Aug’ und Mund zu schweigen mühen. —<br> +</p> +<p> +Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,<br> +Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz,<br> +Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter<br> +Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts;<br> +Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele<br> +Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle.<br> +</p> +<p> +Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet,<br> +Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;<br> +Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,<br> +Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.<br> +Die Seligkeit der Liebe geht verloren,<br> +Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. —<br> +</p> +<p> +In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen,<br> +Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann<br> +Und war zufrieden in dem stillen Wahne,<br> +Es liebe wieder sie der liebe Mann;<br> +Ein Lächeln von ihm und ihn nah’ zu wissen,<br> +Genügte ihr und ließ sie Alles missen.<br> +</p> +<p> +Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem<br> +Und tief empfundener Glückseligkeit,<br> +Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,<br> +Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit;<br> +Sie waltete, froh im Gefühl der Minne,<br> +Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,<br> +Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt;<br> +Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale,<br> +Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt.<br> +Er mußte, Elsbeth’s wegen, sich bezwingen,<br> +Ihr kalt erscheinen, nur wollt’s nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume,<br> +Und hoffte daß sie ihm begegnen muß;<br> +Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,<br> +Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß,<br> +Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe<br> +Und wußt’ ein trautes Wort er für die Gute.<br> +</p> +<p> +Bald war’s ein stetes Meiden und sich wieder suchen,<br> +Es wußten Beide nicht, wie es geschehn,<br> +Daß sie, die eben in der Halle schieden,<br> +Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn;<br> +Doch hörte Keines man mit Worten sagen,<br> +Was ihre Blicke zu bekennen wagen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen<br> +Dazwischen öfters um den Siegespreis,<br> +Von Tag zu Tage aber ward er müder<br> +Und gönnte jenem, daß es siegte, leis’.<br> +Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,<br> +Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.<br> +</p> +<p> +Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,<br> +Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr;<br> +Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten<br> +Und wie nur Segen blühte um sie her.<br> +Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen,<br> +Dem zu entfliehn ihm mangelt’ das Verlangen.<br> +</p> +<p> +Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder,<br> +Er jeden Morgen ihr „Grüß Gott!” vernahm,<br> +Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,<br> +War’s sicher, daß den Weg er dorthin nahm,<br> +Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine<br> +Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine.<br> +</p> +<p> +In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele<br> +Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt’;<br> +Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,<br> +In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.<br> +Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören,<br> +Er will nur ihr auf immer angehören!<br> +</p> +<p> +Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,<br> +Ihr auszuschütten sein gequältes Herz<br> +Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte;<br> +Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,<br> +In dem er seine Ruh’ geborgen glaubte,<br> +Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.<br> +</p> +<p> +Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben<br> +Die schicklichste Gelegenheit herbei,<br> +Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete,<br> +Denn er fand in des Vogtes Bücherei<br> +Ein Bündlein Schriften, „Parzifal” geheißen,<br> +Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen.<br> +</p> +<p> +Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,<br> +Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’,<br> +Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung<br> +Von ihren vielen Pflichten sich errang.<br> +Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,<br> +Der Lieblichen die Minne zu gestehen.<br> +</p> +<p> +Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad<br> +Ans Lesen jener alten Sage gehn,<br> +Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,<br> +Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,<br> +Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,<br> +Und mußte seinen Plan er drum vertagen. —<br> +</p> +<p> +Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster<br> +Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.<br> +Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich,<br> +Auf ihrer Seele lastete es bang,<br> +Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;<br> +Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.<br> +</p> +<p> +Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,<br> +Zermarterte indessen ihr Gehirn<br> +Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;<br> +Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’<br> +Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,<br> +Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.<br> +</p> +<p> +Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:<br> +„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?”<br> +Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,<br> +So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,<br> +Die längst gewohnte Antwort zu erneuern<br> +Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern.<br> +</p> +<p> +„Das will ich bas vermeinen!” sprach sie, glutroth werdend,<br> +„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,<br> +Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,<br> +Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück<br> +Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,<br> +Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!<br> +</p> +<p> +„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder<br> +Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’<br> +In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;<br> +Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.<br> +Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne<br> +Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!”<br> +</p> +<p> +„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend<br> +Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,<br> +Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel,<br> +Gehörte Hansli, und er rief drei mal, —<br> +Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,<br> +Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!”<br> +</p> +<p> +„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,”<br> +— Nun übergoß die Herrin es mit Glut —<br> +„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,<br> +So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut<br> +Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,<br> +Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!”<br> +</p> +<p> +„Das weiß ich!” fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,<br> +„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.<br> +Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,<br> +Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; —<br> +Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,<br> +Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!”<br> +</p> +<p> +„Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,<br> +Die jeder Zeit der Treue sich befliß<br> +Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden,<br> +Ist sicher Hansli’s Treue Dir gewiß!<br> +Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,<br> +Daß er nach einer anderen verlange?”<br> +</p> +<p> +„Nein, Herrin!” rief da Mechtild, „wär’ dies Liebe,<br> +Die erst der Treue sich versehen muß?<br> +Ist Einer einer zugethan von Herzen,<br> +So sieht sie’s schon am ersten Blick, am Gruß,<br> +Oh er’s auch ehrlich mit der Treue meine,<br> +Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!”<br> +</p> +<p> +„Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,<br> +Da hat der liebe Gott es so gefügt,<br> +Und darum wohl zu bangen unvonnöthen,<br> +Daß etwan eines sich im andern trügt.<br> +Doch käm’ es so, wie Ihr halb prophezeiet,<br> +So wüßt’ ich Eine — die selbst dies verzeihet!”<br> +</p> +<p> +Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen,<br> +Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein’s Kinn,<br> +Und küßte ihr die Wange mit den Worten:<br> +„Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,<br> +Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben;<br> +Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!” —<br> +</p> +<p> +So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein.<br> +Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang<br> +Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,<br> +Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang<br> +Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe<br> +Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe.<br> +</p> +<p> +Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange,<br> +Zum Hofe ging’s auf flinken Füßen fort;<br> +Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,<br> +Das früh’ schon herkam aus dem nächsten Ort,<br> +Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger,<br> +Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger.<br> +</p> +<p> +Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien<br> +Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor,<br> +Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,<br> +Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr<br> +Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,<br> +Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.<br> +</p> +<img src="images/E126_127.jpg" alt="Elsbeth behandelt den wunden Finger eines Kindes"> +<p> +Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher<br> +Und löste langsam und mit leichter Hand<br> +Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,<br> +Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;<br> +Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,<br> +Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt’.<br> +</p> +<p> +„Da sitzt der Wurm im Finger,” sprach sie drauf bedächtig,<br> +„Und darum sind die Schmerzen auch so groß.<br> +Die Heilung zu erreichen, ist’s am besten<br> +Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los.<br> +Verweil’ Dich also etwas mit dem Kinde,<br> +Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde.”<br> +</p> +<p> +Doch eh’ sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle<br> +Und schnitt vom Brod, das für’s Gesind dort war,<br> +In aller Eile ein paar große Stücke;<br> +Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar<br> +Um, während Kind und Mutter daran kauen,<br> +Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen.<br> +</p> +<p> +Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen,<br> +Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.<br> +Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein,<br> +Deß’ Finger mit dem Sälblein sie betupft’;<br> +Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde<br> +Ein leises „Heilo, Segen!” auf die Wunde.<br> +</p> +<p> +Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden<br> +Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,<br> +Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien,<br> +Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt.<br> +Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,<br> +Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. —<br> +</p> +<p> +Sie selber aber ging zu Frida in die Küche<br> +Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit,<br> +Das Essen für die Gäste fertig werde,<br> +Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.<br> +Es war auch noch der Würzwein zu bereiten,<br> +Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten.<br> +</p> +<p> +Dann eilte wieder sie in’s Palas. Hier, im Saale,<br> +Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,<br> +Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte<br> +Nur erst den großen Eichentisch gedeckt.<br> +Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,<br> +Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.<br> +</p> +<p> +Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging<br> +Und Hansli mit der neuen Meldung naht’,<br> +Daß sich ein Spielmann eingefunden habe,<br> +Der für die Nacht um warmes Obdach bat;<br> +So man es wünsche, wolle gern er singen,<br> +Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.<br> +</p> +<p> +„Gewähr’ ihm Herberg, Hansli,” — war der Herrin Antwort,<br> +„Und von dem Heurigen ’nen vollen Krug;<br> +Doch ja nicht mehr!” ergänzte sie mit Lachen,<br> +„Denn Spielleut’ haben immer guten Zug.<br> +Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,<br> +Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!”<br> +</p> +<p> +Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder<br> +Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank<br> +Der Spielmann saß und des Bescheides harrte,<br> +Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank<br> +Dem Knechte folgte in die warme Halle,<br> +Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.<br> +</p> +<p> +„Das fahrende Gesindlein riecht’s wohl schon von Weitem<br> +Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth;<br> +Gleich läßt es links die breite Straßen liegen,<br> +Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht.<br> +Am liebsten, glaub’ ich, haben sie die Gassen,<br> +Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!”<br> +</p> +<p> +„„Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben,<br> +Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild!<br> +Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!””<br> +Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild.<br> +„„Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,<br> +Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.””<br> +</p> +<p> +„Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,<br> +Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein,<br> +Mit denen unsre Herzen sie gewinnen<br> +Und haben immer neue Melodei’n;<br> +Des Letzten Sang summt mir noch heut’ in Ohren,<br> +Doch hab’ die Worte dazu ich verloren!”<br> +</p> +<p> +Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten<br> +Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;<br> +Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel<br> +Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,<br> +Indessen Elsbeth sich der Gläser freute,<br> +Die für die Gäste sie erwählte heute. —<br> +</p> +<p> +Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände<br> +Und achtet weder Mühe noch Beschwer,<br> +Des Mannes Heim behaglich zu gestalten<br> +Und still zu wirken für des Hauses Ehr’;<br> +Was wir im Einzelnen als unnütz hassen,<br> +Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. —<br> +</p> +<p> +Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller;<br> +Auch glättete gar sorglich ihre Hand<br> +Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige<br> +Und ebenmäßig hing der rothe Rand;<br> +Derweilen Mechtildis die Stühle stellte,<br> +Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.<br> +</p> +<p> +Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule,<br> +Denn Benno gab nur selten einmal frei,<br> +Und — während Mechtildis noch heizen sollte,<br> +Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei —<br> +Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte,<br> +Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,<br> +Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;<br> +Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,<br> +Man wartete der Gäste nun zum Mahl;<br> +Leis’ nur, im Frau’ngemach beim Lichtspahnglimmen,<br> +Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.<br> +</p> +<p> +Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle<br> +Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind’<br> +Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte<br> +Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;<br> +Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,<br> +Nur, daß den größten Krug er jenem holte.<br> +</p> +<p> +Schanzunen, Leiche, Schwänk’ und neue Trutzgesätzlein<br> +Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund;<br> +Es würd’ die Kehle doch zu schnelle trocken,<br> +Säh man in einem fort des Kruges Grund.<br> +Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,<br> +Wär’ nicht der Wein, der es hervorgezwungen.<br> +</p> +<p> +Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals<br> +Die Weise „von der Minne süßem Born,”<br> +Als er im Singen unterbrochen wurde<br> +Vom lauten Halali aus Jochens Horn;<br> +Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke<br> +Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. —<br> +</p> +<p> +Ein paar Minuten später war der weite Zwinger<br> +Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,<br> +Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen,<br> +Zu dem die Meute die Begleitung bellt’;<br> +Derweil die Hörigen die Beute brachten,<br> +So heut’ der Vogt und seine Gäste machten.<br> +</p> +<p> +Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke,<br> +Für Alt und Jung beliebte Augenweid’,<br> +Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen<br> +Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid.<br> +Der Achtzehnender freilich war entkommen,<br> +Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.<br> +</p> +<p> +Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen.<br> +Nun lag das schöne Thier dahingestreckt<br> +Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen<br> +Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt<br> +Vom nahgekommenen Geläut der Meute,<br> +Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.<br> +</p> +<p> +Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste,<br> +Von Hansli angeführt, der leuchten muß,<br> +Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth<br> +Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß.<br> +Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder,<br> +Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder.<br> +</p> +<p> +Als einz’gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare<br> +Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,<br> +Das zu den goldnen Locken auf der Stirne<br> +Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand.<br> +Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken<br> +Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.<br> +</p> +<p> +Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte<br> +Die Tochter heute festlich sich geschmückt;<br> +Auf ihren Zügen aber lag’s wie Trauer<br> +Und ihre Seele fühlte sich bedrückt,<br> +Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,<br> +Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle.<br> +</p> +<p> +Da näherten sich Schritte; man hört’ lachen, sprechen<br> +Im Gange draußen, so zum Saale führt.<br> +„Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?”<br> +Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt;<br> +Denn solchen Gastes dacht’ sie nicht beim Decken,<br> +Mocht’ auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.<br> +</p> +<p> +Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,<br> +Gelassen grüßend, während jene lacht’,<br> +Daß, obwohl unerwartet hergekommen,<br> +Sie doch um Herberg bitte für die Nacht;<br> +Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,<br> +Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte.<br> +</p> +<p> +Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen<br> +Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,<br> +Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen<br> +Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.<br> +Ihm war die frohe Laune wieder kommen,<br> +Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen.<br> +</p> +<p> +Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale<br> +Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein;<br> +Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln<br> +und duftete gar fein nach Nägelein,<br> +Die sie zum Trunk als gute Würze mischte,<br> +So daß die Müden er von Grund erfrischte.<br> +</p> +<p> +Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,<br> +So ihnen der entkomm’ne Hirsch gemacht.<br> +Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser<br> +Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht,<br> +Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen,<br> +Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen.<br> +</p> +<p> +Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,<br> +Belegte sie dann für den schönen Gast<br> +Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,<br> +Mit Glas und Teller, wie’s dem Fräulein paßt;<br> +Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,<br> +Daß für die Gäste schon sie aufgetragen.<br> +</p> +<p> +Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände,<br> +Eh’ sie die Gäste hin zum Tische bat,<br> +Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,<br> +Den rings umkränzte köstlicher Salat.<br> +Nun ließen diese sich nicht lange bitten,<br> +Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten.<br> +</p> +<p> +Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,<br> +Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt’.<br> +Den letzten Wegtrost sollt’ er diesem spenden<br> +Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.<br> +Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen,<br> +Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.<br> +</p> +<p> +Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich’s läßt schmecken,<br> +Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;<br> +Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen,<br> +Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;<br> +Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen<br> +Und blieb der Heurige nicht unvergessen.<br> +</p> +<p> +Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte<br> +Als Sauser über Alt und Jung Gewalt;<br> +Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge,<br> +Froh prüfend seinen geistigen Gehalt.<br> +Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben,<br> +Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.<br> +</p> +<p> +Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein<br> +Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.<br> +Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,<br> +Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,<br> +Die sie den werthen Gästen heute wagen,<br> +In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen.<br> +</p> +<p> +Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,<br> +Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß,<br> +Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken<br> +Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.<br> +Ein „Heilo ihnen!” scholl aus aller Munde,<br> +Derweil die Gläser klangen in der Runde;<br> +</p> +<p> +Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann,<br> +Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt,<br> +Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker,<br> +Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt<br> +Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,<br> +Den Dank für’s schöne Sprüchlein zu empfangen.<br> +</p> +<p> +Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,<br> +Und nun verschwand schnell die Befangenheit,<br> +So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,<br> +Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;<br> +Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen,<br> +Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen.<br> +</p> +<p> +Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein<br> +Dem grünen Wald und wackerem Gejaid,<br> +Daß froh die Herren nach dem Glase griffen,<br> +Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;<br> +Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,<br> +Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen.<br> +</p> +<p> +Er und der alte Wasserstelz, sie überboten<br> +Einander oft in spaßigem Latein,<br> +Drin’ wohl bewandert Sankt Huberti Jünger;<br> +Wir andern fabeln lange nicht so — fein.<br> +Bald wurde manches Stücklein aufgetischet<br> +Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. —<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,<br> +Wie dies bei jungen Herren immer geht,<br> +Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen<br> +Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;<br> +Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,<br> +Zu netzen sich die blühend rothen Lippen.<br> +</p> +<p> +In üppig-voller Reife prangte Adelgunde<br> +Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt;<br> +Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,<br> +In schöner Rundung wölbte sich die Brust,<br> +Die Sammetwangen sah man rosig blühen,<br> +Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen.<br> +</p> +<p> +Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet,<br> +Glich einer Blume, der im Kelch der Thau<br> +Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern<br> +Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau.<br> +Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen<br> +Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. —<br> +</p> +<p> +Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, —<br> +Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, —<br> +Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen<br> +Und hielt im Athem sie in Einem fort.<br> +Ging auch die Rede oft an Adelgunden,<br> +Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden.<br> +</p> +<p> +Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten;<br> +Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,<br> +Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,<br> +Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;<br> +Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,<br> +Ihr war’s, als ob die Blicke sich umflorten.<br> +</p> +<p> +Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören,<br> +Als solches Lob; das hätt’ sie ihm geschenkt,<br> +Der ihr heut’ selten mal ein Wörtlein gönnte,<br> +Auf was sie immer auch die Rede lenkt’.<br> +Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,<br> +Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?<br> +</p> +<p> +Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,<br> +Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,<br> +So rückte Adelgunde zu den Herren;<br> +Doch hielt sie dabei Aug’ und Ohren wach,<br> +Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,<br> +Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. —<br> +</p> +<p> +Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,<br> +Nach deren Formel zweimal jedes Jahr<br> +Geurtelt ward von Rheinheims „Kellerrichter;”<br> +„Es lauten diese freilich ganz und gar<br> +Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern<br> +Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern.”<br> +</p> +<p> +„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen<br> +Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,<br> +Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme<br> +Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;<br> +Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,<br> +Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.”<br> +</p> +<p> +„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,<br> +Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß<br> +Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,<br> +Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,<br> +Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte<br> +Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.”<br> +</p> +<p> +„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,”<br> +Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,<br> +„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,<br> +Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:<br> +So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten —<br> +Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.”<br> +</p> +<p> +„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet<br> +Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal<br> +Am Wege etlich meisterlosen Buben,<br> +’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.<br> +„„Giebt’s nichts zu handeln?”” ist des Juden Frage,<br> +Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.”<br> +</p> +<p> +„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,<br> +Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...””<br> +„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,<br> +Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?””<br> +„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,<br> +Die schon den Juden in der Mitte haben.”<br> +</p> +<p> +„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!””„lautet<br> +Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.<br> +Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,<br> +Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;<br> +Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,<br> +Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.”<br> +</p> +<p> +„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten<br> +Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;<br> +Die Buben werden dringlicher im Fragen,<br> +Es regnet Schläge hageldicht herab.<br> +Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,<br> +Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.”<br> +</p> +<p> +„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s,<br> +Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.<br> +Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen<br> +Und ist natürlich nun die Straße leer,<br> +Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen<br> +Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.”<br> +</p> +<p> +„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,<br> +Begleitet er ihn endlich hier herauf.<br> +Daß ich die Argen strenge büßen möge,<br> +Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf<br> +Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken<br> +Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.” —<br> +</p> +<p> +„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen,<br> +Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!<br> +Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,<br> +Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...”<br> +Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig<br> +Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.<br> +</p> +<p> +Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte,<br> +Fuhr desto frischer er zu reden fort:<br> +„Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,<br> +Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort,<br> +Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen,<br> +Von wem und wie die Unbill ihm geschehen.”<br> +</p> +<p> +„Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten<br> +Und spricht: „„Gesehen hab ich nichts; ich fand,<br> +Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen,<br> +Den Juden ganz allein am Wegesrand.<br> +Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen,<br> +Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!””<br> +</p> +<p> +„Jetzt heult der Jud’ erst recht und lamentirt so gräulich,<br> +Daß es noch heut’ in meinen Ohren gellt;<br> +In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,<br> +Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,<br> +Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen,<br> +Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen.”<br> +</p> +<p> +„Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte<br> +Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam.”<br> +— Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild<br> +’ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm<br> +Und artig sie dem Fräulein präsentirte,<br> +Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. —<br> +</p> +<p> +„Natürlich ist’s nun aus; ich heiße Beide schweigen<br> +Und sag’ dem Juden, daß er Jemand nennt,<br> +Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet,<br> +Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;<br> +Da er’s nicht konnte, wies ich ihm die Thüre<br> +Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe.”<br> +</p> +<p> +„Zufrieden seh’ ich, wie sie miteinander gehen;<br> +Da, — sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,<br> +War’s uns, als ob wir kräftig klatschen hörten,<br> +Begleitet von des Juden Weh und Ach!<br> +Und wie ich Else folge, nachzusehen,<br> +Thät der, von neuem heulend, draußen stehen.”<br> +</p> +<p> +„Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen,<br> +Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.<br> +Der Jude dauert’ uns, ich trat zum Fenster<br> +Und ruf’ dem Bauer nach, der, schon im Trab,<br> +Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke,<br> +Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke.”<br> +</p> +<p> +„Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,<br> +Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort?<br> +Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,<br> +Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:<br> +„„Der Jud’ soll Zeugen schaffen, die es sahen,<br> +Daß er von mir die Streiche hab’ empfahen!””<br> +</p> +<p> +„Schier überrascht, will eben ich’s dem Schelm verweisen,<br> +Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht<br> +Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt’ er einen<br> +In Kostnitz oben, der spräch’ sicher Recht.<br> +Nun war’s genug! — Ich konnt’ mich kaum noch halten,<br> +Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!”<br> +</p> +<p> +„Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden,<br> +„Wir haben ja hier oben auch ein Loch,<br> +Drin’ Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;<br> +Thut’s dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!<br> +Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,<br> +Eh’ dort die Ratten Euch am Felle nagen!”<br> +</p> +<p> +„Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen.<br> +Ich übergab die Streitenden dem Knecht<br> +Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,<br> +Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. —<br> +Am nächsten Morgen saßen Beid’ in Frieden<br> +Und waren gute Freunde, als sie schieden...”<br> +</p> +<p> +Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,<br> +Aus aller Munde durch den weiten Saal,<br> +Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte<br> +Und, als der nahgekommen, ihm befahl,<br> +Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,<br> +Da er noch Durst verspür’ nach Rebensegen.<br> +</p> +<p> +In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen<br> +Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,<br> +Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten,<br> +Die er gar launig zu erzählen weiß;<br> +Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,<br> +Der „Neue” immer mehr und mehr zu Ehren.<br> +</p> +<p> +Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,<br> +Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt,<br> +Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte,<br> +Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.<br> +Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen<br> +Den fremden Sänger in den Saal zu holen. —<br> +</p> +<p> +Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer<br> +Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht’.<br> +Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren,<br> +Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;<br> +Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue<br> +Und that, als ob die Einladung ihn freue.<br> +</p> +<img src="images/E146.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Sechstes Kapitel.</h2> +<img src="images/E147.jpg" alt="Auftritt des fahrenden Sängers"><p> +In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen,<br> +Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt<br> +Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,<br> +Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;<br> +Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,<br> +Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!<br> +</p> +<p> +So manches Tränklein aus des Apothekers Küche,<br> +Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,<br> +Verweiltest öfters du bei frohen Menschen<br> +Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;<br> +Denn wo in Freude hell die Augen glänzen,<br> +Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen.<br> +</p> +<p> +Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest,<br> +Mit denen du dich sonst so gern vergnügt,<br> +Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,<br> +Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt.<br> +Versäume nie, mit Frohen dich zu einen,<br> +Doch hab’ auch Thränen, siehst das Leid du weinen. — —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute,<br> +Trat, grüßend, bald der Spielmann in’s Gemach. —<br> +„He, Vöglein federleicht! woher des Weges?<br> +Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?...”<br> +Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen,<br> +Doch war der Fremde darob nicht verlegen.<br> +</p> +<p> +Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,<br> +Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:<br> +„Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,<br> +Ich fragte auch nie sonderlich darnach.<br> +Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen,<br> +Kann ich auch nicht die Alten benedeien!”<br> +</p> +<p> +„So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen,<br> +Von wo ich komm’, doch nicht, wohin ich will;<br> +Da könnt’ der Wind Euch besser Antwort geben!”<br> +Und nun der Spielmann sah, daß alles still<br> +Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,<br> +Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. —<br> +</p> +<p> +„Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt’ flattern,<br> +Sucht’ ich die Atzung auf gar manche Art.<br> +Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel<br> +In seiner Weisheit ’s Hungern nicht erspart,<br> +Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste,<br> +Wie es dem armen Piepmatz grade paßte.”<br> +</p> +<p> +„Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden,<br> +That ich in’s Land hinaus den ersten Flug;<br> +Auf schwankem Zweiglein hab’ ich oft gesessen,<br> +Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.<br> +Am Tag ging’s lustig fort von Baum zu Baume,<br> +Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume.”<br> +</p> +<p> +„Beim ersten Morgengraun stieg ich in’s Blau der Lüfte,<br> +Es grüßte froh die Sonne mein Gesang.<br> +Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern,<br> +Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.<br> +Da nahm ein jähes End’ das Jubilirens,<br> +Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren.”<br> +</p> +<p> +„Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten,<br> +Und lud mich da für Winter lang zu Gast.<br> +Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen,<br> +Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt’;<br> +Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,<br> +So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen.”<br> +</p> +<p> +„Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben,<br> +Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst;<br> +Ich aber lernte gern und ließ mich meistern,<br> +Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst.<br> +Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,<br> +Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore.”<br> +</p> +<p> +„Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten,<br> +Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee,<br> +Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,<br> +Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh.<br> +Des Klosters Futter wollt’ nicht mehr behagen,<br> +Zwar hatt’ ich Ursach’ nicht, mich zu beklagen.”<br> +</p> +<p> +„Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich,<br> +Riß mich dahin; ich konnt’ der Wolken Zug<br> +Ob meinen Häupten stundenlang betrachten<br> +Und sie beneiden um den freien Flug,<br> +Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,<br> +Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen.”<br> +</p> +<p> +„Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,<br> +Der heil’ge Joseph ist mein Schutzpatron,<br> +Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen<br> +Und heimlich aus dem Käfig flog davon.<br> +Im Freien konnt’ ich nun die Glieder dehnen,<br> +Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen.”<br> +</p> +<p> +„Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.<br> +Willkommen! Sag’, wo bliebst Du denn so lang?<br> +So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen<br> +Und jubelnd stimmt’ ich ein in ihren Sang;<br> +Der Dompfaff sang die Mess’ am Morgen frühe,<br> +Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe.”<br> +</p> +<p> +„In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,<br> +Die Bächlein murmelten, es blitzt’ der See;<br> +Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein,<br> +Aus zartgewebtem, duft’gem Blüthenschnee,<br> +Und lustig Lebens gab’s auf allen Zweigen!<br> +Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen.”<br> +</p> +<p> +Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen<br> +Trug mich der Füße unermüdlich Paar;<br> +Allüberall empfing mich lauter Jubel<br> +Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.<br> +Vergessen war das Hungern, war das Frieren,<br> +Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren.”<br> +</p> +<p> +„Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen,<br> +Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast;<br> +Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager,<br> +Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt;<br> +Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen,<br> +Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen.”<br> +</p> +<p> +„Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,<br> +Und ging dies so durch manche Woche hin;<br> +Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden,<br> +Auf das ich lange stolz gewesen bin,<br> +Als ich, es war an einem Sonntag eben,<br> +Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt’ erleben.”<br> +</p> +<p> +„Mit viel Gesellen hatt’ auch ich den Zug genommen<br> +Durch’s Baierland in’s schöne Oesterreich.<br> +Der Atzung gab’s genug auf solcher Reise<br> +Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;<br> +Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,<br> +Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!”<br> +</p> +<p> +„Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein,<br> +Wo man uns Herberg wies im „güldnen Kranz;”<br> +Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,<br> +Drauf fiedelten die andern einen Tanz,<br> +Und, eh’ wir uns recht umsahn, war die Stuben<br> +Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben.”<br> +</p> +<p> +„Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,<br> +Die einen wollten Sang, die andern Tanz;<br> +Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe,<br> +Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, —<br> +Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise,<br> +Ihm doch zu singen eine schöne Weise.”<br> +</p> +<p> +„Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen<br> +Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;<br> +Vom Herzen lösten sich die Melodeien,<br> +Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,<br> +Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;<br> +Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen.”<br> +</p> +<p> +„Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber<br> +Und änderte die Weise und das Lied;<br> +In süßen Tönen fing ich an zu locken,<br> +Wie es die Vöglein draußen thun im Ried,<br> +Den Blick konnt’ ich dabei nicht von ihr wenden,<br> +Da ihre dunklen Augen schier mich blenden.”<br> +</p> +<p> +„Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,<br> +War auch der Zähren letzte Spur davon;<br> +Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,<br> +Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn.<br> +Des Mägdleins Beifall wollt’ ich mir erringen<br> +Und hätt’ ich müssen Tag und Nacht durch singen.”<br> +</p> +<p> +„Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen;<br> +Gar wenig scheerte mich der andern Lob.<br> +Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben,<br> +So oft den schönen Blick sie zu mir hob,<br> +Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,<br> +Hatt’ ich mich tief der Maid in’s Herz gesungen.”<br> +</p> +<p> +„Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten<br> +Und sich die andern drehn in frohem Muth,<br> +Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend,<br> +Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;<br> +Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,<br> +Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne.”<br> +</p> +<p> +„Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,<br> +Die Feine wiegte sich in meinem Arm;<br> +Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,<br> +Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm.<br> +Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,<br> +Errathen hab’ ich’s, ohne viel zu fragen!”<br> +</p> +<p> +„Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen,<br> +Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.<br> +Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,<br> +Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;<br> +Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken<br> +Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!”<br> +</p> +<p> +„Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!<br> +Als spät und doch zu früh das Scheiden kam,<br> +Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen<br> +Und war in Thränen, da sie Abschied nahm;<br> +Dann huschte sie in’s Haus, durch einen Garten.<br> +Ich wußt’ nicht, sollt’ ich gehen oder warten.”<br> +</p> +<p> +„Doch ging es eine Weile, eh’ ich mich konnt’ trennen<br> +Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück.<br> +Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen,<br> +Und langsam suchte ich den Weg zurück,<br> +Verfehlte aber bald die rechte Gasse;<br> +Denn es war dunkel, wie in einem Fasse.”<br> +</p> +<p> +„Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,<br> +So mich zurück zur Herberg führen thät,<br> +Schritt ich die Häuserreihen still vorüber,<br> +Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät;<br> +War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!<br> +Nur ferne Blitze und des Donners Rollen.”<br> +</p> +<p> +„Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen,<br> +Da brach das Wetter los mit aller Macht;<br> +Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen,<br> +So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,<br> +Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,<br> +Ein Heil’genbild in einer Nischen winken.”<br> +</p> +<p> +„In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen,<br> +War doch die Nische selbst noch unter Dach;<br> +Gelassen sucht’ ich ein behaglich Plätzchen<br> +Und sann zufrieden meinem Glücke nach,<br> +Derweil die Blitze grell den Himmel sengten<br> +Und schwere Wolken überm Städtlein drängten.”<br> +</p> +<p> +„Bald träumte ich gar süß von einem sel’gen Leben,<br> +Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.<br> +Mein fahrend Dasein hatt’ ich aufgegeben,<br> +Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;<br> +In welchem thät als Hausfrau lieblich walten,<br> +Das Mägdlein, so ich heut’ im Arm gehalten.”<br> +</p> +<p> +„Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser,<br> +Die Fenster klirrten, da und dort ward’s hell,<br> +Auch eine Wetterglocke hört’ ich läuten;<br> +Die Donnerschläge folgten sich gar schnell.<br> +Mich aber kümmerte kein Blitzezucken,<br> +Durft’ unter gutem Schirme mich ja ducken!”<br> +</p> +<p> +„Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.<br> +Herunter auf des Städtleins Giebelreihn,<br> +Von unheimlichem Knattern arg begleitet;<br> +Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,<br> +Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet,<br> +Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!”<br> +</p> +<p> +„Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,<br> +Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;<br> +Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,<br> +Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,<br> +Indeß am Himmel eine Feuergarbe<br> +Auf Meilen leuchtete in rother Farbe.”<br> +</p> +<p> +„Jetzt lockt’ auch mich der Böse aus dem sichern Winkel!<br> +Ich ließ den guten Heiligen im Stich<br> +Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger,<br> +Zur Löscharbeit fast außer Athem mich;<br> +War freilich unnütz, daß ich also rannte,<br> +Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!” —<br> +</p> +<p> +„„Thu’ einen Schluck, Gesell, und dann bericht’ uns weiter,””<br> +Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz.<br> +Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,<br> +Und leerte ihn, mit einem „Gott vergelts!”<br> +Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,<br> +Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge.<br> +</p> +<p> +„Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,<br> +Fuhr drauf er fort: „So flog ich denn dahin,<br> +Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,<br> +Daß fast der Erste ich beim Feuer bin.<br> +Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen,<br> +Die Flamme leckte schon an allen Wänden.”<br> +</p> +<p> +Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,<br> +Packt meinen Nacken eine grobe Faust<br> +Und hör’ ich schreien: „Heda, greift den Strolchen!”<br> +Indeß ein Schlag auf mich herunter saust,<br> +Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,<br> +Daß mir das Feuer aus den Augen leckte.”<br> +</p> +<p> +„Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!” hörte<br> +Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;<br> +Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung,<br> +Die erst mir wieder ward im Büttelhaus.<br> +Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,<br> +Wie’s schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!”<br> +</p> +<p> +„Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter,<br> +Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;<br> +Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,<br> +Ward ihm vom Herbergsvater eh’ gesagt.<br> +Dir winkt das Dreibein, dacht’ ich, bist verloren,<br> +Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!”<br> +</p> +<p> +„Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter<br> +Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.<br> +Daß ich im Dunkel abends mich verirrte,<br> +Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,<br> +Und auch der Heil’ge mich beschirmet hätte,<br> +Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte.”<br> +</p> +<img src="images/E158_159.jpg" alt="Der fahrende Sänger wird am Brandherd ergriffen"> +<p> +„Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause<br> +Mocht’ nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.<br> +Der Richter jedoch nannt’ es eitel Lügen,<br> +Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;<br> +Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,<br> +Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen.”<br> +</p> +<p> +„So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen,<br> +Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,<br> +Des fremden Vogels Federlein zu rupfen<br> +Und ihn zu rösten bei lebend’gem Leib.<br> +Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,<br> +Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer.”<br> +</p> +<p> +„Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.<br> +Die Teufel steigerten mir Grad für Grad<br> +Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!<br> +Und grinsten höhnisch: „Bist noch gut für’s Rad!”<br> +Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen,<br> +Daß zischend tief in’s Fleisch die Eisen griffen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten,<br> +Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,<br> +Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,<br> +Und was ich wiederholte fort und fort:<br> +Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen,<br> +Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen.”<br> +</p> +<p> +„Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,<br> +Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,<br> +Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen,<br> +Würd’ etwas lockern ich der Zungen Band<br> +Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen<br> +Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen.”<br> +</p> +<p> +„Doch lieber hätt’ ich mir die Zunge abgebissen,<br> +Eh’ ich die Holde meinethalb verrieth.<br> +Ich schwieg also und ließ mich weiter martern,<br> +Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.<br> +Bist hin! dacht’ ich, und hast nur zu errathen,<br> +Ob sie dich hängen werden oder braten!”<br> +</p> +<p> +„Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse,<br> +Da hielten sie mit Foltern endlich ein<br> +Und gaben etwas Ruh’ dem armen Körper,<br> +Sich zu erholen von der schweren Pein;<br> +Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte,<br> +Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte.”<br> +</p> +<p> +„Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche<br> +Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin,<br> +Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend:<br> +Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,<br> +Das mir mein traurig Dasein aufgebunden<br> +So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!”<br> +</p> +<p> +„Doch während solchem Harren heilten meine Wunden;<br> +Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;<br> +Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen,<br> +Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm.<br> +In trautem Plaudern kos’ten wir zusammen,<br> +Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!”<br> +</p> +<p> +„Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer<br> +Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum,<br> +Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos’te.<br> +Entsetzen packte mich im Kerkerraum;<br> +Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände<br> +Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende.”<br> +</p> +<p> +„Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,<br> +Verglichen mit der Folter argem Schmerz,<br> +In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette,<br> +Die Kraft versuchend an dem harten Erz;<br> +Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen,<br> +Als daß ich, wach nun, davon konnt’ genesen.”<br> +</p> +<p> +„So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens<br> +Erschlossen ward die Thüre und parat<br> +Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,<br> +Die mich begleiten mußten vor den Rath.<br> +Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.<br> +Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen.”<br> +</p> +<p> +„Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln<br> +Und sahen finster blickend auf mich her;<br> +Der Wasenmeister mußte rückwärts treten,<br> +Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer.<br> +Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;<br> +Ich mußte ihnen nochmals alles sagen.”<br> +</p> +<p> +„Geduldig gab ich Red’ und Antwort ihren Fragen,<br> +Erzählte alles wahr und unverwandt;<br> +Die Herren aber machten strenge Mienen,<br> +Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.<br> +Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen<br> +Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!”<br> +</p> +<p> +„Nun flogen Red’ und Widerrede hin und wieder,<br> +Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;<br> +Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig,<br> +Da trat ein altes Männlein langsam vor.<br> +Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,<br> +Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig.”<br> +</p> +<p> +„Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,<br> +Die tief versenkt im faltigen Gesicht;<br> +Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,<br> +Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.<br> +Ich aber konnt’ den Blick nicht von ihm trennen,<br> +Mir war, als sollt’ ich diese Augen kennen.”<br> +</p> +<p> +„„Wollt nicht aburteln,”” kam es aus des Männleins Munde,<br> +„„Eh’ Ihr zuvor auch mich gela’n.<br> +In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster<br> +Des Wetters Toben lange Zeit mit an;<br> +Die Erde zitterte in ihren Gründen<br> +Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.””<br> +</p> +<p> +„„Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten<br> +Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht.<br> +Ich fordre also Namens seiner Zeugen,<br> +Ihm zu beweisen, eh’ den Stab man bricht,<br> +Daß er es war, wie uns die Klage kündet,<br> +Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.””<br> +</p> +<p> +„„Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen;<br> +Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,<br> +Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen,<br> +Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.<br> +Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,<br> +Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!””<br> +</p> +<p> +„„So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,<br> +So weit noch Christenglocke tönt im Reich,<br> +So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen,<br> +So weit wir alle vor dem Herre gleich,<br> +So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,<br> +Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.””<br> +</p> +<p> +„„Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,<br> +So ist’s, nach altem Brauche, Richters Pflicht,<br> +Beweise von dem Kläger einzufordern,<br> +Eh’ man ein Urtel dem Verklagten spricht —<br> +Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:<br> +Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!””<br> +</p> +<p> +„„Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem<br> +Die Männer wir besiebnet, daß man hört,<br> +Was jene wissen und ob jeder willig,<br> +Die Aussage mit seinem Eid beschwört;<br> +Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen<br> +Und — trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!””<br> +</p> +<p> +„Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne;<br> +Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.<br> +Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder,<br> +Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr<br> +Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten,<br> +Im Rathe unverkürzt willfahren wollten.”<br> +</p> +<p> +„Doch mocht’ des Alten Wort im Rathe Geltung haben;<br> +Es dauerte nicht lange, ward erklärt<br> +Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte,<br> +Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt,<br> +Und seien jene eidlich zu verhören;<br> +Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören.”<br> +</p> +<p> +„Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß;<br> +Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.<br> +Es waren vier’, die in die Schranken traten,<br> +Doch ihre Namen ich schon lang verlor;<br> +Nur Einen kannt’ ich an den Fäusten wieder,<br> +Die mich beim Brande damals schlugen nieder.”<br> +</p> +<p> +„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte<br> +Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund<br> +Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;<br> +Gott sehe jedem Herzen auf den Grund<br> +Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten<br> +Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!”<br> +</p> +<p> +„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser,<br> +Der auf der Kanzel seine Predigt thut.<br> +Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten<br> +Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,<br> +Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,<br> +Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.”<br> +</p> +<p> +„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber<br> +Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.<br> +Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,<br> +Der ersten einen, mich am Unglücksort,<br> +Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,<br> +Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.”<br> +</p> +<p> +„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette<br> +Und hob die Hand beschwörend hoch empor,<br> +Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,<br> +Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,<br> +Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,<br> +Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.”<br> +</p> +<p> +„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;<br> +Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.<br> +Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen,<br> +Wenn um ihn jeder sein Verderben will.<br> +Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,<br> +Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!”<br> +</p> +<p> +„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel<br> +Zu Allem fähig, habe der Verdacht,<br> +Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,<br> +Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.<br> +Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen —<br> +Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.”<br> +</p> +<p> +„Die andern drei bestätigten des ersten Rede,<br> +Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.<br> +Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;<br> +Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur.<br> +In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben,<br> +Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!”<br> +</p> +<p> +„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!<br> +Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.<br> +Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet,<br> +So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!<br> +Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,<br> +Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.”<br> +</p> +<p> +„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,<br> +Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,<br> +Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;<br> +Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab.<br> +Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,<br> +Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!”<br> +</p> +<p> +„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,<br> +Denn als die Viere ihren Spruch gethan,<br> +Ward lange hin und her im Rath verhandelt, —<br> +Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n.<br> +Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,<br> +Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.”<br> +</p> +<p> +„Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher<br> +Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn,<br> +Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten<br> +Für solchen Strolches Unterhalt entstehn;<br> +Nur sollten vorher sie mich schwören lassen,<br> +Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen.”<br> +</p> +<p> +„Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden,<br> +Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund<br> +Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen<br> +Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund’,<br> +So sollte man auch hier nach Recht verfahren,<br> +Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!”<br> +</p> +<p> +„Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille;<br> +Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob<br> +Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.<br> +Wie Nebel war’s, was meinen Blick umwob,<br> +Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,<br> +Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten.”<br> +</p> +<p> +„Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen,<br> +Hielt aufrecht mich indessen drauß’ im Flur,<br> +Und immer stärker kam mir der Gedanke:<br> +Sie werden los mich geben mit dem Schwur,<br> +Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;<br> +Was ich geschworen hätt’ mit tausend Eiden.”<br> +</p> +<p> +„Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten<br> +Noch manchen Puff, weil’s nicht zum Galgen ging,<br> +An den sie mich so gern gehangen hätten;<br> +Doch achtete ich solches nur gering;<br> +Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,<br> +Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern.”<br> +</p> +<p> +„Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;<br> +Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal<br> +Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden;<br> +Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.<br> +Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,<br> +Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!”<br> +</p> +<p> +„Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen,<br> +Ein Büttel rief den Wasenmeister an,<br> +Mich wiederum dem Rathe vorzuführen;<br> +Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.<br> +Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,<br> +Trat leichtern Sinn’s ich dies Mal vor die Schranken.”<br> +</p> +<p> +„Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber,<br> +Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht<br> +Und feierlichem Ton begann zu lesen;<br> +Doch was er las, verstand ich leider nicht,<br> +Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen<br> +Sei Deliquent das Urtel zu verkünden.”<br> +</p> +<p> +„„Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte<br> +Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,<br> +Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,<br> +Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, —<br> +Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,<br> +Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.””<br> +</p> +<p> +„Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;<br> +Man forderte dafür noch meinen Dank,<br> +Weil mich der Rath so gnädig angesehen,<br> +Daß morgen schon ich würde frei und frank.<br> +Mein leiser Fluch mocht’ ihnen dafür gelten,<br> +Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten.”<br> +</p> +<p> +„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,<br> +Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,<br> +Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;<br> +In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht,<br> +Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,<br> +Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.” —<br> +</p> +<p> +„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;<br> +Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.<br> +Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,<br> +Ob man sich auch von Gott verlassen meint.<br> +So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren;<br> +Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!” —<br> +</p> +<p> +„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,<br> +Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,<br> +Und mir der Freimann guten Morgen wünschte<br> +Inmitten seiner groben Knechte Chor;<br> +Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen<br> +Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.”<br> +</p> +<p> +„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge,<br> +Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick;<br> +Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge<br> +Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick,<br> +Um das ich manchen Tag so schwer gelitten —<br> +Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.”<br> +</p> +<p> +„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte<br> +Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth<br> +Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,<br> +Denn mein Gewissen war ja rein und gut;<br> +Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,<br> +War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.”<br> +</p> +<p> +„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann<br> +Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’,<br> +Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend<br> +Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’<br> +Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:<br> +Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!”<br> +</p> +<p> +„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,<br> +Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,<br> +Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten<br> +Und mir die Menge folgte mit Geschrei.<br> +Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,<br> +Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.”<br> +</p> +<p> +„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder,<br> +Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,<br> +Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,<br> +Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.<br> +Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten,<br> +Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.”<br> +</p> +<p> +„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,<br> +Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.<br> +Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,<br> +Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. —<br> +Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,<br> +Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!”<br> +</p> +<p> +„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,<br> +Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! —<br> +Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen<br> +Und zog dahin im hellen Sonnenschein,<br> +Bis endlich ich den grünen Wald erreichte<br> +Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!”<br> +</p> +<p> +„„Letz’ Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!””<br> +Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in’s Wort,<br> +„„So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,<br> +Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;<br> +Manch einer hätt’ das Mägdlein angegeben,<br> +Eh’ halb so viele Pein er mocht’ erleben!””<br> +</p> +<p> +Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,<br> +So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;<br> +Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal,<br> +Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht<br> +Und ging sie flink daran, mit eignen Händen<br> +Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden.<br> +</p> +<p> +Der Spielmann ließ sich’s schmecken; unterdessen aber<br> +Ward leis am Tische ein Gespräch geführt,<br> +In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte,<br> +Weil deß’ Erzählung sie gar tief gerührt;<br> +Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,<br> +Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute.<br> +</p> +<p> +Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig<br> +Und bat von neuem nun den Vogt um’s Wort;<br> +Doch schien’s, als ob der Zweifel leis ihn kränkte,<br> +Denn also spann er die Erzählung fort:<br> +„Würd’ meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,<br> +So glaubt’ ich selbst manchmal zu fabuliren!”<br> +</p> +<p> +„Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!<br> +Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär,<br> +Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,<br> +Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär.<br> +Doch, mit Vergunst! Glaub’ nicht, Ihr werdet schmählen,<br> +Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen.”<br> +</p> +<p> +„Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen;<br> +Verwichen Leid und Freud’ mit lautem Wort<br> +Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre,<br> +Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.<br> +Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern,<br> +Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern.”<br> +</p> +<p> +„Wie schon erzählt, hatt’ ich den Schritt zum Wald gerichtet;<br> +Dort warf ich mich todmüde in das Gras.<br> +Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,<br> +Ging lange es, eh’ ich des Schlafs genas;<br> +Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:<br> +Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer.”<br> +</p> +<p> +„Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,<br> +Als es mich dünkte, eine zarte Hand<br> +Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen;<br> +Es war so angenehm, was ich empfand,<br> +Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen,<br> +Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen.”<br> +</p> +<p> +„Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger<br> +Mir glätteten das wirr zerzauste Haar,<br> +Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne<br> +Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.<br> +Ich konnt’ mich kaum noch halten vor Entzücken;<br> +Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken.”<br> +</p> +<p> +„So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,<br> +Indeß’ der Schlaf sich mälig ganz verlor,<br> +Als es auf einmal meinen Namen hauchte<br> +Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr;<br> +Wie warmer Odem streift es meine Wangen:<br> +Das war kein Traum, was mich so hold umfangen.”<br> +</p> +<p> +„Nun thät es nichts mehr batten, mußt’ die Augen öffnen.<br> +Und was ersah ich? Meine traute Maid,<br> +Sie knie’te dicht zur Seite mir im Grase;<br> +Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.<br> +Von meines Glückes Uebermaß bezwungen,<br> +Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!”<br> +</p> +<p> +„Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren<br> +Ob ihrer Liebe, die so heldengroß<br> +Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,<br> +Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß,<br> +Um stets auf’s neu’, in seligem Vergessen,<br> +Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen.”<br> +</p> +<p> +„So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse,<br> +Versenkte sich erglühend Blick in Blick;<br> +Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,<br> +Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick.<br> +Wie konnt’ ich süßer lohnen denn die Schmerzen<br> +Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?”<br> +</p> +<p> +„Doch wer vermöcht’ die Seligkeit mir nachzufühlen,<br> +So ich empfand an meines Mägdleins Brust?<br> +Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden<br> +In ihrem Paradiese um die Lust,<br> +Die reine Herzen an einander finden,<br> +Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!”<br> +</p> +<p> +„Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen<br> +Und frug mich ängstlich: „„Joseph, kannst Du gehn?””<br> +Es strich die Hand dabei durch meine Locken,<br> +Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn.<br> +Mir aber kam nun die Erinn’rung wieder,<br> +Und traurig wies ich auf die wunden Glieder.”<br> +</p> +<p> +„Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite<br> +Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras;<br> +’s war bald geöffnet und ich schaute staunend,<br> +Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.<br> +Das letztre füllte sie und ließ mich nippen;<br> +Es war gleich Balsam für die heißen Lippen.”<br> +</p> +<p> +„Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser<br> +Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.<br> +Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,<br> +So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht,<br> +Und wäre Wochen lang gern krank gelegen,<br> +Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen.”<br> +</p> +<p> +„Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein,<br> +Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie’s schmeckt’;<br> +Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,<br> +Daß heute früh sie sich im Wald versteckt,<br> +Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,<br> +Bis mich ihr Blick von Weitem konnt’ erspähen.”<br> +</p> +<p> +„Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte,<br> +Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,<br> +Dem sanften Schlummer gern mich überlassend,<br> +So lange meine Sicherheit dies litt.<br> +Nun aber mahne dringend sie zur Eile,<br> +Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile.”<br> +</p> +<p> +„Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber,<br> +Wie nah’ die Sonne schon dem Niedergehn;<br> +Doch zugleich schaute ich auch reisefertig<br> +Die Traute selber mir zur Seite stehn.<br> +Hei! sprang ich Euch empor und ihr an’s Herze,<br> +Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!”<br> +</p> +<p> +„Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse,<br> +Und machte sich aus meinen Armen frei,<br> +Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;<br> +Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,<br> +Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,<br> +So sei es sicher, daß sie doch mich hingen.”<br> +</p> +<p> +„Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,<br> +Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt’,<br> +Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal<br> +Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt;<br> +Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,<br> +Als sie im Leben fortan nun zu meiden.”<br> +</p> +<p> +„Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,<br> +Bekannte traurig sie in leisem Wort,<br> +Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme,<br> +Und sie mir folgen müßt’ von Ort zu Ort;<br> +Was noch sie flüsterte, mocht’ kaum ich fassen,<br> +Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen.”<br> +</p> +<p> +„In langem Kusse wollte ich’s der Lieben lohnen,<br> +Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht<br> +Und drängte wieder, endlich aufzubrechen,<br> +Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht.<br> +„„Der Vollmond,”” schloß sie, „„kommt zu guten Zeiten,<br> +So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.””<br> +</p> +<p> +„Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,<br> +Schlug um das Bündlein sie ein festes Band<br> +Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend,<br> +Zum Gehen fertig, in der linken Hand;<br> +Derweil sie mit der Rechten mich wollt’ stützen,<br> +Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen.” —<br> +</p> +<p> +„Hätt’ nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte,<br> +Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.<br> +Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,<br> +Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut,<br> +Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken,<br> +Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!” —<br> +</p> +<p> +„Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel,<br> +Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.<br> +Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,<br> +Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht;<br> +Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,<br> +Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte.”<br> +</p> +<p> +„Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen,<br> +Die nun erzählte, wie sie fleht’ und bat<br> +Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein,<br> +So für mich Zeugen forderte vorm Rath,<br> +Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,<br> +Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen.”<br> +</p> +<p> +„Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause<br> +Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;<br> +Doch solcher Bitte wollt’ er nicht willfahren,<br> +Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.<br> +Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert,<br> +Was Abends es am Brunnen hätt’ ergattert.”<br> +</p> +<p> +„Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder<br> +Und beichtete, indem sie ihm gestand,<br> +Daß ich es war, der sie nach Hause führte<br> +Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand;<br> +Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,<br> +Auch ziemlich fern der „güldne Kranz” gelegen.”<br> +</p> +<p> +„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;<br> +Er sah die Schande, die das Kind bedroht,<br> +Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,<br> +Daß einem Fahrenden den Arm es bot.<br> +Mit harten Worten schalt er da die Arme,<br> +So schier verging in bitterschwerem Harme.”<br> +</p> +<p> +„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,<br> +Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,<br> +Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,<br> +Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt.<br> +Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen,<br> +Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.”<br> +</p> +<p> +„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen;<br> +Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,<br> +Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,<br> +Die einsam hauste in dem nächsten Ort,<br> +Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,<br> +Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.”<br> +</p> +<p> +„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,<br> +Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’,<br> +Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;<br> +Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt,<br> +Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,<br> +Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.”<br> +</p> +<p> +„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,<br> +That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,<br> +Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;<br> +Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,<br> +Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,<br> +Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.”<br> +</p> +<p> +„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,<br> +Und man im Rathe ihm zu Willen war;<br> +Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher<br> +Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,<br> +Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,<br> +Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.”<br> +</p> +<p> +„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,<br> +Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n,<br> +Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,<br> +Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n;<br> +Denn während er im Rathhaussaal gesessen,<br> +Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.”<br> +</p> +<p> +„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,<br> +Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.<br> +Ich war vor ihren Augen rein geblieben —<br> +Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;<br> +Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen,<br> +Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden<br> +Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, —<br> +Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,<br> +Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,<br> +Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,<br> +Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.”<br> +</p> +<p> +„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,<br> +Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn<br> +In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,<br> +So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ —<br> +Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen,<br> +Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.”<br> +</p> +<p> +„So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,<br> +Indessen still ich ihren Worten lauscht’;<br> +Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten,<br> +Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.<br> +Es war noch früh, fing eben an zu dämmern;<br> +Im Walde hörten wir die Spechte hämmern.”<br> +</p> +<p> +„In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,<br> +Der schöner war und freundlicher gelacht<br> +Hatt’ mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;<br> +Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,<br> +Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,<br> +Aus denen tausend helle Sonnen schauten!”<br> +</p> +<p> +„Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre<br> +Stromabwärts nun im Morgensonnenschein.<br> +Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;<br> +Wir mußten erst den Wackern munter schrei’n,<br> +Doch endlich schob der grämliche Geselle<br> +Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle.”<br> +</p> +<p> +„In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber<br> +Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, —<br> +Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,<br> +Bis unser Weg den nächsten Forst gewann;<br> +Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde,<br> +Das dicht umfriedet war vom stillen Walde.”<br> +</p> +<p> +„Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,<br> +Wir sanken müde in das weiche Gras<br> +Und mochten weder plaudern mehr noch essen,<br> +Eh’ neuer Kraft der Körper erst genas.<br> +An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,<br> +Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer.”<br> +</p> +<p> +„Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen<br> +Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt;<br> +Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,<br> +Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.<br> +Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen<br> +Das Schläflein, so schier gar kein End’ genommen?”<br> +</p> +<p> +Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort<br> +In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund;<br> +Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle<br> +Im grünen Walde, bis zur Abendstund’<br> +Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,<br> +All meiner Lebetag um mich gewesen.”<br> +</p> +<p> +„Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,<br> +Welch’ Ziel zu wählen für den flücht’gen Fuß.<br> +Nach Spielmanns Brauch ließ ich ’ne Feder fliegen,<br> +So fahrend Volk die Straßen weisen muß,<br> +Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet<br> +War aller Zweifel drüber schnell beendet.”<br> +</p> +<p> +„Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen<br> +Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;<br> +Gar traulich wandelt es sich in der Stille,<br> +Ist man alleine mit dem Mägdlein sein!<br> +Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten;<br> +Indeß’ uns nah der Donau Fluthen rauschten.<br> +</p> +<p> +„So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,<br> +Nur hie und da von einem Baum erschreckt,<br> +Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,<br> +Uns seine Arme lang herangestreckt;<br> +Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,<br> +Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten.”<br> +</p> +<p> +„Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage,<br> +Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;<br> +Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne<br> +Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau.<br> +Nun galts zur Ruh’ ein Plätzlein auszusuchen,<br> +Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen.”<br> +</p> +<p> +„Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden<br> +Mir fast geheilt, auch unser Bündelein<br> +An Speis’ und Trank nichts mehr zu weisen hatte,<br> +Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,<br> +Da eben sich des Abends Schatten senkten,<br> +Die müden Schritte auf die Straße lenkten.”<br> +</p> +<p> +„Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten,<br> +Mußt’ Herberg geben, bis die Nacht vorbei,<br> +Und weil der Sänger überall willkommen,<br> +Gab man uns Obdach und die Zeche frei.<br> +Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen;<br> +Hätt’ nie geglaubt, daß es so schön möcht’ klingen!”<br> +</p> +<p> +„Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter<br> +In’s Land hinein, bis schier der Tag zu End’<br> +Und wir in einem Flecken Herberg fanden,<br> +Der rings umsäumt von grünem Weingeländ’.<br> +Dort mußten wir den wackern Leuten singen,<br> +Und thät uns solches manchen Heller bringen.”<br> +</p> +<p> +„Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,<br> +’s ist dieses hier und dies auch noch das Band<br> +An dem die Traute mein es stets getragen.” —<br> +Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand<br> +Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,<br> +Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.<br> +</p> +<p> +„Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern,<br> +Und liederkundig, wie die Holde war,<br> +Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,<br> +Die mir im Sinn geblieben all’ die Jahr.<br> +Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten<br> +Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!”<br> +</p> +<p> +„Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen<br> +Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;<br> +Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten<br> +Den Frühling selber in der jungen Brust<br> +Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,<br> +Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen.”<br> +</p> +<p> +„Die Tage schwanden uns in eitel Freud’ und Wonne<br> +Gab manchmal auch es einen kleinen Span,<br> +So glich das einem warmen Sommerregen,<br> +Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.<br> +Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen,<br> +Indeß’ die Liebe nur noch zugenommen.” —<br> +</p> +<p> +Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.<br> +Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft<br> +Und weilte eher unterm freien Himmel,<br> +Als daß ich einmal für uns Unterkunft<br> +Bei einem meines Völkleins durfte suchen;<br> +Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen.”<br> +</p> +<p> +„Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,<br> +Und frug ich da, was sie geträumt so lang?<br> +Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig,<br> +Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang<br> +Mit süßem Munde, aber nur ganz leise,<br> +Ein neues Lied zu einer alten Weise.”<br> +</p> +<p> +„Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,<br> +Und wußt’ von jeder eine schöne Mär;<br> +Das kleinste Käferlein selbst war willkommen,<br> +So ihr des Weges kam von ungefähr.<br> +Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,<br> +Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen.”<br> +</p> +<p> +„Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem,<br> +So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;<br> +Eh’ ich mich deß’ versehn, war ich verwandelt,<br> +So daß ich ganz ein andrer worden bin,<br> +Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte,<br> +Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte.”<br> +</p> +<p> +„’s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise<br> +Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft<br> +Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe,<br> +Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;<br> +Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,<br> +Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten.” —<br> +</p> +<p> +„Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten,<br> +Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,<br> +Ein schöner Leben mochte keiner führen<br> +So hoch der Himmel und die Erde breit;<br> +Im Schlosse heut’ zu Gast, im Städtlein morgen,<br> +Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, nun der Lenz dahin, ging’s uns, wie noch gar vielen;<br> +Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein<br> +Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen,<br> +Da zwitschern sollt ein junges Vögelein,<br> +Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte<br> +Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte.”<br> +</p> +<p> +„Je kleiner’s Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel!<br> +War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin;<br> +Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet,<br> +Giebt’s frohe Herzen und zufriednen Sinn.<br> +Weiß heut’ noch nicht, was uns hätt’ fehlen sollen,<br> +Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!”<br> +</p> +<p> +„Doch unser Glück hienied’ ist eitel leichte Waare,<br> +Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind.<br> +Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden;<br> +In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind.<br> +Jung Vöglein forderte der Mutter Leben<br> +Und lächelnd hat sie es auch hingegeben.”<br> +</p> +<p> +„Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!<br> +Nur kurz vermelden, daß es lange ging,<br> +Eh’ ich den harten Schlag verwinden mochte<br> +Und die Betäubung schwand, die mich umfing,<br> +Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten,<br> +Die mich am besten mit begraben sollten!”<br> +</p> +<p> +„Allmälig aber fing es wieder an zu tagen.<br> +Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht,<br> +Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken,<br> +Deß’ Kommen mir so herbes Leid gebracht.<br> +Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen,<br> +Nur es zu pflegen wollt’ mir wenig taugen.”<br> +</p> +<p> +„Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,<br> +Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn<br> +Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen,<br> +So ich für dessen Atzung würde stehn<br> +Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,<br> +Daß Pfleg’ und was sonst nöthig er erhalte.”<br> +</p> +<p> +„Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,<br> +Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,<br> +Selbst nach dem zarten Dinge schau’n zu wollen,<br> +Küßt’ sachte ich des Kindleins feines Haar<br> +Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten,<br> +Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten.”<br> +</p> +<p> +„Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer<br> +Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.<br> +In Gram versunken zog ich meine Straßen,<br> +Jed’ Sinnen der Vergangenheit geweiht;<br> +Sollt’ mal ich wo ein heiter Liedlein singen,<br> +Mußt’ schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!”<br> +</p> +<p> +„Hatt’ aber vordem nur mein Lied der Lieb’ gegolten,<br> +Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust,<br> +Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,<br> +So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;<br> +Ich mußte singen von der Minne Schmerzen,<br> +Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen.”<br> +</p> +<p> +Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen<br> +Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.<br> +Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen<br> +Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,<br> +So wir’s verstehn die Saiten anzuschlagen;<br> +Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!”<br> +</p> +<p> +„Als nach und nach der Herbst in’s Land gezogen,<br> +In falbe Blätter blies der rauhe Wind,<br> +Am Hag die langen Spinneweben wehten,<br> +Gleich Silberfäden, die entflogen sind;<br> +Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,<br> +Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen.”<br> +</p> +<p> +„In jedem Wiegenbett wähnt’ ich mein eigen Täublein<br> +Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;<br> +Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,<br> +So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick,<br> +Das süßer Mutterliebe mußt’ entbehren —<br> +Und ich entschloß mich endlich umzukehren.”<br> +</p> +<p> +„Hatt’ manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,<br> +Mit dem ich hoffen durft’ die Winterzeit<br> +Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;<br> +Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit<br> +Für’s Vögelein, von manchen schönen Sachen,<br> +Ob dem es große Aeuglein sollte machen.”<br> +</p> +<p> +„Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,<br> +Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt;<br> +Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,<br> +So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,<br> +Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen,<br> +Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt’ sagen.”<br> +</p> +<p> +„Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,<br> +Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt<br> +Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend,<br> +Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt.<br> +Trotz allem Kosen wollt’ es nicht mich kennen,<br> +Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen.”<br> +</p> +<p> +„Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.<br> +Es wohl zu warten, kürzte manche Stund’,<br> +Die sonst vergällt gewesen um die Mutter;<br> +War tief im Herzen ja noch weh und wund,<br> +Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen<br> +Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne<br> +Mit Sang und Laute, wie das meine Art,<br> +Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,<br> +Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. —<br> +Eh’ aber noch der erste Schnee gefallen,<br> +Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen.”<br> +</p> +<p> +„Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!<br> +Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr;<br> +Galt mir doch jede Stunde für verloren,<br> +In der ich fern von meinem Kinde war.<br> +In seiner Nähe war mir Glück und Frieden,<br> +Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden.”<br> +</p> +<p> +„Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet<br> +Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt,<br> +Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen,<br> +Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt,<br> +So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen<br> +In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen.”<br> +</p> +<p> +Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater;<br> +Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut<br> +Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;<br> +Fern jedem jugendlichen Uebermuth,<br> +War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen,<br> +Von keinem Leide noch und Weh getroffen.” —<br> +</p> +<p> +„Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren<br> +Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt<br> +Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,<br> +Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.<br> +Auf keiner Kirmeß’ durfte je ich fehlen,<br> +Wenn ich nicht wollte, daß sie all’ mich schmälen.”<br> +</p> +<p> +„So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,<br> +Wir lebten still in ungestörtem Glück;<br> +Nur eines fehlte, ’s war des Mägdleins Mutter.<br> +Aus ihrem Grabe sehnt’ ich sie zurück,<br> +Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,<br> +Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen.”<br> +</p> +<p> +Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen,<br> +Als brächte er es nicht mehr weiter fort.<br> +Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein:<br> +„Daß nicht die Kehl’ am Ende gar verdorrt!” —<br> +Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken<br> +Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken.<br> +</p> +<p> +Sie thaten’s auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten<br> +Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt;<br> +Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben<br> +Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.<br> +Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören,<br> +Schien Wirth und Gäst’ im Lauschen gleich zu stören.<br> +</p> +<p> +„Gesegn’ es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!”<br> +Hob bald der Sänger an mit neuem Muth,<br> +Doch einem leisen Beben in der Stimme —<br> +„Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,<br> +Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;<br> +Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!”<br> +</p> +<p> +„’s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte<br> +Vom blauen Himmel über Wald und Ried;<br> +Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen<br> +Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied.<br> +Ein Jubeln war’s, ein Durcheinanderklingen,<br> +Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!”<br> +</p> +<p> +„Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen.<br> +Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut;<br> +Waldvögelein und er ha’n gleiches Wesen,<br> +Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut:<br> +In linder Lust muß es die Flüglein dehnen,<br> +Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen.”<br> +</p> +<p> +„Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe,<br> +Gings früh am Morgen in den Lenz hinein.<br> +Es sprühte, funkelte in jungen Saaten,<br> +Gleich Adamanten im Juwelenschrein;<br> +Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle,<br> +Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle.”<br> +</p> +<p> +„Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen<br> +Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus,<br> +Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind<br> +Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß,<br> +In welches es auch manches Kräutlein steckte,<br> +Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!”<br> +</p> +<p> +„Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen,<br> +Das weithin hallte über Berg und Thal.<br> +Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,<br> +Als es erlauschen mocht’ der Rufe Zahl;<br> +Dann jedoch wollte mein es täglich warten,<br> +Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten.”<br> +</p> +<p> +„Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder<br> +Durch junges Grün und hellen Vogelsang,<br> +Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme<br> +Herunter schimmerten vom Felsenhang<br> +Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,<br> +Daß ihr Besitzer just im Walde jagte.”<br> +</p> +<p> +„Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert’ fröhlich,<br> +Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach.<br> +Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten,<br> +Von wo zurückzugehn die Maid versprach;<br> +Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,<br> +Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern.”<br> +</p> +<p> +„Ein letztes Mal hatt’ ich dem Kinde noch versprochen,<br> +Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;<br> +Dann küßt’ ich seine überthränten Wangen<br> +Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,<br> +Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,<br> +Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden.”<br> +</p> +<p> +„Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet,<br> +Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein,<br> +Und wurde mir, als hörte ich es rufen:<br> +„Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!”<br> +Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde —<br> +Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!”<br> +</p> +<p> +„Es regnete im selben Sommer mir die Taschen<br> +Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.<br> +War aber auch ein reiches Jahr gewesen.<br> +In Tenn’ und Keller blieb kein Plätzlein leer;<br> +Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen<br> +Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen.”<br> +</p> +<p> +„Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,<br> +Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt;<br> +Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit’ gehangen,<br> +Hatt’ manchen Kram ich für mein Herzkind mit.<br> +Wie niemals aber, freut’ ich mich im Gehen,<br> +In einem fort auf unser Wiedersehen!”<br> +</p> +<p> +„’s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse<br> +Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;<br> +Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße<br> +Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt,<br> +Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,<br> +Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte.”<br> +</p> +<p> +„Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes<br> +Begegnete mir scheu die Pflegerin.<br> +Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,<br> +Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin<br> +Und ging es lange, eh’ ich’s mochte wagen,<br> +Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen.”<br> +</p> +<p> +„Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen,<br> +Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih’<br> +Am selben Tag mein Vögelein sich raubte,<br> +Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;<br> +Doch soll es munter auf der Thierburg weilen<br> +Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen.”<br> +</p> +<p> +„Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr’schem Toben,<br> +Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;<br> +In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen<br> +An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.<br> +Aufschreiend: „denen will ich’s Nachtmahl würzen!”<br> +Wollt’, rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen.”<br> +</p> +<p> +„Da wischte sich die Bäuerin ’s Wasser aus den Augen<br> +Und zog mich neben sich auf eine Bank.<br> +„„Stat Seppel!”” sprach sie, „„magst Dir’s erst beschlafen;<br> +Der auf der Thierburg wüßt’ Dir schlechten Dank<br> +Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen<br> +Und es versuchen, deine Maid zu sehen!””<br> +</p> +<p> +„„Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen,<br> +Hatt’ jedoch bei dem Gange wenig Glück.<br> +Ist Einer wie der Andere dort oben!<br> +Sie wiesen mich am Thore grob zurück,<br> +Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter<br> +Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.””<br> +</p> +<p> +„„Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack’ Dich zur Höllen,<br> +Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib!<br> +Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,<br> +Eh’ es zum Teufel fährt als runzlig Weib!<br> +Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen,<br> +Sonst wär’ es nicht allein im Wald gegangen!””<br> +</p> +<p> +„„Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,<br> +Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog.<br> +Glaub’ freilich nimmer, daß es gern gegangen<br> +Wie einer von den Schergen oben log!<br> +Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde,<br> +Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.””<br> +</p> +<p> +„So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen.<br> +Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz;<br> +Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,<br> +Fand keine Worte meinem Höllenschmerz.<br> +Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,<br> +Der Rache nur gehörte all mein Sinnen.” —<br> +</p> +<p> +„Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte.<br> +In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,<br> +Stand aber viel zu früh vor deren Mauern;<br> +Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh’.<br> +Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge,<br> +Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge.”<br> +</p> +<p> +Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,<br> +Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.<br> +Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen<br> +Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras.<br> +Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern,<br> +Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.”<br> +</p> +<p> +„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,<br> +Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.<br> +Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,<br> +Ich möcht’ für mich behalten solches Lob;<br> +Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,<br> +Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.”<br> +</p> +<p> +„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer<br> +Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.<br> +Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen,<br> +Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht<br> +Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,<br> +Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?”<br> +</p> +<p> +„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,<br> +Als wir vor etlich Monden auf der Jagd<br> +Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!<br> +Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd,<br> +Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,<br> +Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.””<br> +</p> +<p> +„„War Dir ein Fang,”” erzählte ungefragt der Bursche,<br> +„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!<br> +Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,<br> +Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt,<br> +Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen<br> +Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.””<br> +</p> +<p> +„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,<br> +Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.<br> +Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,<br> +Dran Eppich rankt,”” — ich sah es leider schon, —<br> +„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken,<br> +Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.”<br> +</p> +<p> +„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.<br> +Mich aber überlief es heiß und kalt;<br> +Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken<br> +Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. —<br> +Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,<br> +In meines Lebens allerschwerster Stunden!”<br> +</p> +<p> +„Füll’ ihm das Krüglein wieder!” rief Herr Heinz dem Diener.<br> +Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,<br> +Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.<br> +Dann ward es stille, wie vor einem Grab;<br> +Nur im Kamine prasselten die Flammen<br> +Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.<br> +</p> +<p> +Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen:<br> +„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! —<br> +Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,<br> +Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,<br> +Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben,<br> +Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!”<br> +</p> +<p> +„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe<br> +Und starrte schweigend in den grausen Schlund.<br> +Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.<br> +Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund.<br> +Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen,<br> +Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!”<br> +</p> +<p> +„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,<br> +Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;<br> +Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens<br> +Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.<br> +Er selber war es, so mein Kind begraben,<br> +Als sie es später todt gefunden haben.”<br> +</p> +<p> +„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,<br> +Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;<br> +Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,<br> +Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang<br> +Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,<br> +Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.”<br> +</p> +<p> +„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,<br> +Die ächzend von der Windberg’ niedersank,<br> +Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen<br> +In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank<br> +Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;<br> +Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.”<br> +</p> +<p> +„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;<br> +Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.<br> +Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,<br> +Noch bei den Mägden, suchte nach und nach<br> +Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,<br> +Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.”<br> +</p> +<p> +„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!<br> +Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.<br> +Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,<br> +Es lieber sich dem grausen Tod ergab.<br> +Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,<br> +Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich<br> +Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,<br> +Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel —<br> +Alleine in der Welt, ein armer Mann!<br> +Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;<br> +Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.”<br> +</p> +<p> +„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen;<br> +Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,<br> +Sah ich den Weg allmälig sich verengen,<br> +Indessen oben eine Felswand hing.<br> +Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,<br> +Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.”<br> +</p> +<p> +„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe<br> +Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,<br> +Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,<br> +Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;<br> +Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,<br> +Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.”<br> +</p> +<p> +„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,<br> +So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.<br> +Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen<br> +Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt<br> +Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,<br> +Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.”<br> +</p> +<p> +„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,<br> +Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein<br> +Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.<br> +Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,<br> +Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,<br> +Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.”<br> +</p> +<p> +„Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,<br> +So oft ein Stein dem Rande näher kam.<br> +Hei! will ich ihnen ein Memento singen,<br> +Eh’ sie der Teufel sammt und sonders nahm!<br> +Des Sängers Rache sollten dran sie kennen<br> +Und müßt er selber in der Höllen brennen.”<br> +</p> +<p> +„Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!<br> +Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf:<br> +Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,<br> +Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf.<br> +Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,<br> +Den Teufeln nicht die letzte Meß’ zu singen.”<br> +</p> +<p> +„Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber<br> +Und ließ sie nähern sich der Felsenwand.<br> +Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen,<br> +Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.<br> +Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,<br> +Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern.”<br> +</p> +<p> +„Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen<br> +So gaffend standen vor dem schweren Baum,<br> +Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;<br> +Dann sah er um sich in dem engen Raum.<br> +Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen,<br> +Ein einz’ger Felsblock sollt’ sie nieder brechen!”<br> +</p> +<p> +„Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,<br> +Den Satan tödtend unter seiner Last,<br> +Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz<br> +Und — fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt!<br> +Entsetzen packte mich, mußt’ inne halten,<br> +Statt meiner grausen That zu End’ zu walten.”<br> +</p> +<p> +„Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen<br> +Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:<br> +Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,<br> +Als meiner harrte einst des Henkers Strick.<br> +Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte,<br> +Daß ich es um sein liebes Mündel brachte.”<br> +</p> +<p> +„Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden!<br> +Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,<br> +Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,<br> +So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,<br> +Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,<br> +Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte.” —<br> +</p> +<p> +„Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein<br> +Der Bäuerin; das Singen hatt’ ein End’.<br> +Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,<br> +Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd’.<br> +Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;<br> +Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen.”<br> +</p> +<p> +„So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd,<br> +Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.<br> +Er blieb mir fern. Ich hatt’ noch des Gefieders,<br> +Das ich mir vorher erst sollt’ rupfen la’n.<br> +Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.<br> +Für’s Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen.”<br> +</p> +<p> +„Was sollt’ er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget?<br> +Gelähmt die Fittige der bittre Harm?<br> +Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,<br> +Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm!<br> +Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken,<br> +Daß Niemand schauen sollt’ sein letztes Zucken.”<br> +</p> +<p> +„Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,<br> +Mit einer Söldnerschaar in’s Polenreich. —<br> +Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,<br> +Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;<br> +Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,<br> +Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen.”<br> +</p> +<p> +„Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,<br> +Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,<br> +Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt;<br> +Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.<br> +Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,<br> +Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben.”<br> +</p> +<p> +„Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend,<br> +Tags nach dem Treffen über’s Blachfeld gehn,<br> +Da finden sie auch mich und jeder eilte,<br> +Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.<br> +Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,<br> +Verwundert hob ich bald die schweren Lider.”<br> +</p> +<p> +„Da fügte sich’s, daß sie auch jenes Dreibein sahen,<br> +So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,<br> +Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,<br> +Als sie den Galgenvogel dran erkannt!<br> +Ich hör’ noch heut’ ihr höhnisch Lachen klingen,<br> +Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,<br> +Der nackte Vogel änderte den Sinn;<br> +Sein stolzes Wollen bracht’ ihm schlecht Gedeihen,<br> +Was er erstrebt’, deß’ ward ihm kein Gewinn.<br> +Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,<br> +Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen.”<br> +</p> +<p> +„Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen<br> +In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;<br> +Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt<br> +Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.<br> +Dann schlug’s wie Wellen über mir zusammen,<br> +Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen.”<br> +</p> +<p> +„Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer,<br> +Als ich auf einmal hörte, daß man sprach.<br> +Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,<br> +Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.<br> +Der Tod war wiederum vorbeigezogen,<br> +Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen.”<br> +</p> +<p> +„Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken<br> +Die Sonne glänzte und des Himmels Blau,<br> +Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute,<br> +Und in den Ecken Spinneweben grau,<br> +Das war der Ort, an welchem ich erwachte,<br> +Nicht grad das Paradies, wie ich mir’s dachte.”<br> +</p> +<p> +„Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen,<br> +Beim Spiele, doch auch’s Krüglein in der Hand,<br> +Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,<br> +Bei einem Karren, der daneben stand.<br> +Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,<br> +Ließ unschwer mich der erste Blick errathen.”<br> +</p> +<p> +„Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,<br> +Als ich dem Tode nah im Felde lag,<br> +Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,<br> +Hielt’s treulich bei mir aus manch lieben Tag,<br> +Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,<br> +Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte.”<br> +</p> +<p> +„Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen,<br> +Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;<br> +Ihr Treiben aber wollt’ mir nicht gefallen,<br> +Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;<br> +Doch wenn ich warnte, bracht’s mir Spott und Schelte,<br> +Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte.”<br> +</p> +<p> +„So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir<br> +Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war.<br> +Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche<br> +In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;<br> +Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen,<br> +Konnt’ meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen.” —<br> +</p> +<p> +„Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,<br> +Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz<br> +Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.<br> +Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,<br> +In welchem, unauslöschlich tief, gegraben,<br> +Was wir an Freud und Leid genossen haben.”<br> +</p> +<p> +„Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte,<br> +Doch diesmal mit der Laute im Geleit.<br> +Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken<br> +An freudige, wie kummerhafte Zeit,<br> +Und halte sie seitdem in guten Ehren,<br> +Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren.”<br> +</p> +<p> +„In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,<br> +Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,<br> +Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins<br> +Entfremdet war bis auf den bloßen Schein;<br> +Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,<br> +Und eine Zeitlang es mir bas behagte.”<br> +</p> +<p> +„Traun! gab’s des bunten Treibens da gar viel zu schauen,<br> +Vom Morgenläuten bis zum Abend spat.<br> +In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen,<br> +Viel schöne Frau’n in ihrem besten Staat;<br> +Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,<br> +So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen.”<br> +</p> +<p> +„Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen!<br> +Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;<br> +Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,<br> +Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor,<br> +Und Frauenherzen muß der Sänger rühren,<br> +Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren.”<br> +</p> +<p> +„So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere,<br> +Wo blaues Aug’ und blauer Trauben Saft<br> +Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel<br> +Man sich in’s Farbenspiel des See’s vergafft. —<br> +Ich würde heut’ noch dort die Saiten spannen,<br> +Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen.” —<br> +</p> +<p> +„Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen,<br> +Von arger List und bösem Trug gestellt.<br> +Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,<br> +Daß lauten Ton’s sie in den Ohren gellt;<br> +Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,<br> +Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!”<br> +</p> +<p> +„Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim,<br> +Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;<br> +Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,<br> +Verdammten sie’s und zwar zum Feuertod. —<br> +Mein’ aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,<br> +Den sie zu braten sich gewißlich wahren!”<br> +</p> +<p> +„„Ein Unrecht ist’s!”” entschlüpfte es dem Mund des Junkers<br> +So laut, daß sich der Spielmann unterbrach<br> +Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,<br> +Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach;<br> +Herr Heinz doch that, als hätt’ er nichts vernommen,<br> +Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.<br> +</p> +<p> +Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:<br> +„Es ward mir schwül am blauen Bodensee;<br> +Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,<br> +Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.<br> +Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,<br> +Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!”<br> +</p> +<p> +„Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,<br> +Den vollen Humpen und den schönen Frau’n,<br> +Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,<br> +Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau’n,<br> +Bis sich von ungefähr das Steuer drehte<br> +Und mich der Wind in Euer Thal verwehte.” —<br> +</p> +<p> +„Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen,<br> +Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn;<br> +Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten,<br> +Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön,<br> +Um welchen rings sich wald’ge Berge bauen,<br> +Von denen stolze Burgen niederschauen!”<br> +</p> +<p> +„Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen;<br> +Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,<br> +Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet,<br> +Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.<br> +Hier fühle ich mich wohl, hier möcht’ ich weilen,<br> +Wär’ mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!” —<br> +</p> +<p> +„Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo<br> +Und wisset, wo’s die Federlein gela’n.<br> +Ich hoffe, ’s wird einst, nach der letzten Mauser,<br> +Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn;<br> +Ist doch auch’s Vögelein in Gottes Händen,<br> +Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!”<br> +</p> +<img src="images/E214.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Siebentes Kapitel.</h2> +<img src="images/E215.jpg" alt="Aufbruch von Kuonrad und Franz von Edlibach"><p> +Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen,<br> +Erschimmern rings in märchenhafter Pracht<br> +Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet<br> +Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;<br> +Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,<br> +Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.<br> +</p> +<p> +Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft<br> +Und, wenn’s auch kalt macht, ist die Luft doch still<br> +Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,<br> +In dem die Sonne er begrüßen will;<br> +Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,<br> +Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte.<br> +</p> +<p> +Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten<br> +Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,<br> +Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd,<br> +Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.<br> +Ein Meer von Gold ruht auf den schnee’gen Flächen,<br> +Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. —<br> +</p> +<p> +Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten,<br> +Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat,<br> +Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen;<br> +Was diese auch versprochen, eh’ sie spat,<br> +Da müd’ und schläferig die Lider hingen,<br> +Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. — —<br> +</p> +<p> +Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,<br> +Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein,<br> +Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.<br> +Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,<br> +Als jener endlich schwieg und alle zaudern<br> +Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.<br> +</p> +<p> +Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder<br> +Die Oberhand. In froh gelaunter Weis’<br> +Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen<br> +Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis’;<br> +Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,<br> +Denn Kehl’ und Magen fahrender Gesellen.<br> +</p> +<p> +Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand<br> +Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund<br> +Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte,<br> +Ob ihre Liebe auch so festen Grund, —<br> +Als sie es eben von der Maid vernommen,<br> +Die zu dem Spielmann einst in Lieb’ erglommen?<br> +</p> +<p> +Wohl zog’s in dunklen Gluthen da auf Elsbeth’s Wangen,<br> +Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor<br> +Und sprach in mildem Ernste, aber leise,<br> +Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr:<br> +„Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne<br> +Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!”<br> +</p> +<p> +Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,<br> +So hastig stand sie dann vom Tische auf<br> +Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen;<br> +Auch, in der Eil’, die Kanne mit dem Knauf<br> +Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten,<br> +Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.<br> +</p> +<p> +Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen.<br> +Was der natürlich auch gar gerne that<br> +Und sich behaglich übers Essen machte,<br> +So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.<br> +Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,<br> +Ward munter wieder hin und her gesprochen.<br> +</p> +<p> +Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,<br> +Dem’s wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;<br> +Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort,<br> +Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach;<br> +Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen,<br> +So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.<br> +</p> +<p> +Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte,<br> +Denn seine Blicke zog’s mit Allgewalt<br> +Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend,<br> +Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,<br> +Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte,<br> +Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte.<br> +</p> +<p> +Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre<br> +Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort<br> +Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte,<br> +Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.<br> +Verschwieg’ne Liebe ist ja doppelt theuer<br> +Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. —<br> +</p> +<p> +Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische;<br> +Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.<br> +Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen,<br> +Wollt’ er mit Ehr’ bestehn als Schenkgesell;<br> +Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen<br> +Woll’ heute jeder Grund und Boden fehlen.<br> +</p> +<p> +Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:<br> +„Hei, Alter! Sing’ ein Liedlein von der Jagd;<br> +Kennst sicher eines, das recht lustig klinget<br> +Und frohen Waidgesellen bas behagt.<br> +Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen;<br> +Sieh’ nur, wie alle schon die Ohren spitzen!”<br> +</p> +<p> +Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele;<br> +Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand,<br> +Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert,<br> +Bat, eh’ er’s rührte mit gewandter Hand,<br> +Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,<br> +Was für ein Lied der Holden thät behagen.<br> +</p> +<p> +Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,<br> +So einst sein Mägdlein sich ersann und sang.<br> +Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte<br> +Drauf in die Saiten, daß es hell erklang.<br> +Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,<br> +Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt’ klingen:<br> +</p> +<p> +„Am Hage blüht jung Röslein roth;<br> +Deß’ litten Wind und Käfer Noth,<br> +Wollt’s Jeder ha’n zur Fraue;<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Zum Röslein heimlich sprach der Wind:<br> +„„Laß’ um Dich werben, liebes Kind,<br> +Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„„Zieh’ weiter!”” rothes Röslein sprach,<br> +„„Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,<br> +Solch Buhlen ich nicht traue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„Drauf, gülden schön, ein Käfer kam,<br> +Gab jungem Röslein süßen Nam’,<br> +Als seiner holden Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Doch Röslein sprach: „„Dich nehm’ ich nicht<br> +Goldkäferlein! Dein Angesicht<br> +Nur hin nach andern schaue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„Als aber kam ein Junker her,<br> +Da wurde Rösleins Herze schwer;<br> +Von selbst ward’s seine Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth’,<br> +Doch er war bald des Kosens müd’,<br> +Zog wieder fort in’s Blaue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Und wißt Ihr, wer der Junkherr war?<br> +Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr<br> +Ein Röslein sich zur Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,<br> +Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied;<br> +Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen,<br> +Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,<br> +Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen,<br> +Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.<br> +</p> +<p> +Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte<br> +Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,<br> +Nur Augen hatte für des Hauses Herrin,<br> +So heute ihm noch schöner schien, denn je.<br> +Es brauchte wenig und, in Minne trunken,<br> +Wär’ vor der Holden er auf’s Knie gesunken.<br> +</p> +<p> +Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen,<br> +Bis leis’ der letzte Saitenton verklang;<br> +Doch, als der Spielmann, Udo’s Wunsch willfahrend,<br> +Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang,<br> +Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen<br> +Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen.<br> +</p> +<p> +Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,<br> +— Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, —<br> +Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen<br> +Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt<br> +In schöner Harmonie, um zu begleiten<br> +Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.<br> +</p> +<p> +Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,<br> +Als hörte man der Vöglein hellen Sang<br> +Im blühnden Haine draußen und im Tanne,<br> +Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,<br> +Um, fern im Echo, leise zu verhallen,<br> +Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. —<br> +</p> +<p> +Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe ’s Köpflein euch verwirret,<br> +Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund,<br> +Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet,<br> +Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:<br> +Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,<br> +Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? —<br> +</p> +<p> +Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren<br> +Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß;<br> +Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,<br> +Von bittrer Eifersucht gequält und Haß,<br> +Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen<br> +Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.<br> +</p> +<p> +Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen,<br> +Um desto heißer fühlte sie die Qual,<br> +Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers<br> +Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;<br> +Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen,<br> +Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.<br> +</p> +<p> +Da von den Andern jedoch niemand darum wußte,<br> +Floß jenen gar vergnügt der Abend hin<br> +Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche,<br> +Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien,<br> +Das man im Freundeskreise heut’ verbrachte,<br> +Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. —<br> +</p> +<p> +Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf<br> +Den Herren dann gemeldet, daß es tagt’,<br> +Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,<br> +Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,<br> +Die heute, weil der Freund es also wollte,<br> +Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten,<br> +Als Adelgunde sich vom Lager hob.<br> +Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,<br> +Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,<br> +Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte,<br> +Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.<br> +</p> +<p> +Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen,<br> +Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,<br> +Auf’s neu’ dem Unmuth sich zu überlassen,<br> +Daß gestern nicht der Junker immerzu<br> +Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte,<br> +Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte.<br> +</p> +<p> +In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen,<br> +Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,<br> +Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten,<br> +Wie viel auch diese es zu kosten bat;<br> +In dunklem Feuer ihre Blicke glühten,<br> +So oft, die Lippen sich zu reden mühten.”<br> +</p> +<p> +Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich<br> +Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach,<br> +Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten,<br> +In’s eig’ne, prunkentblößte Schlafgemach;<br> +Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue,<br> +Von welchem man den ganzen Gau erschaue.<br> +</p> +<p> +„Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, — ”<br> +Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging<br> +Und Adelgunde zauderte, zu folgen<br> +Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, —<br> +„Den nächsten Augenblick schon sind wir oben,<br> +Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!”<br> +</p> +<p> +Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,<br> +An deren Finger sie das Reiflein trug,<br> +So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,<br> +Als er besorgt um ihre Zukunft frug,<br> +Und das, seit jener Stunde, sie getragen,<br> +Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.<br> +</p> +<p> +Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,<br> +Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’<br> +Versuchte, ob es abzustreifen wäre<br> +Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’,<br> +Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,<br> +Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen.<br> +</p> +<p> +Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,<br> +Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,<br> +Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,<br> +Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,<br> +Bis er, im Banne finsterer Gewalten,<br> +Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.<br> +</p> +<p> +Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends<br> +Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,<br> +Und trat, so unbefangen als nur möglich,<br> +In deren sonnighelles Schlafgemach.<br> +Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,<br> +Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten.<br> +</p> +<p> +Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,<br> +Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,<br> +Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,<br> +Die Statue der Muttergottes stand,<br> +Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,<br> +Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.<br> +</p> +<p> +Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken<br> +Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,<br> +Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,<br> +Besetzten diese Wand der Länge nach,<br> +Indeß die andere das Bettlein säumte,<br> +Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.<br> +</p> +<p> +Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,<br> +Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,<br> +Fast einem Vogelneste zu vergleichen,<br> +Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;<br> +Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,<br> +Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. —<br> +</p> +<p> +Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,<br> +Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;<br> +Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,<br> +Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum,<br> +Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken,<br> +Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.<br> +</p> +<p> +Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,<br> +Versunken in des schönen Anblicks Pracht,<br> +Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange<br> +Hier oben in der Einsamkeit verbracht,<br> +Um, überwältigt von dem hehren Schauen,<br> +An Gottes Werken still sich zu erbauen.<br> +</p> +<p> +Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.<br> +Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’,<br> +Von all den Bergen, Thälern in der Runde,<br> +So weit ihr jene überhaupt bekannt,<br> +Hier Umschau haltend, froher Laune werden,<br> +Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.<br> +</p> +<p> +Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;<br> +Sie maß die Gute bald mit einem Blick<br> +Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,<br> +Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick<br> +Drob war, weil dies, in leid’ger Lust am Necken,<br> +Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.<br> +</p> +<p> +„Gebt’s auf, mir Namen vorzusagen,” sprach sie mürrisch<br> +„Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,<br> +Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde<br> +Es angethan, und nicht der eigne Bann;<br> +Denn sonsten braucht’ ich Euch ja nicht zu fragen,<br> +Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut’ jagen!”<br> +</p> +<p> +Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger<br> +Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand;<br> +Ein römisches Gemäuer, dessen Reste<br> +Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,<br> +Als, müde wohl, er sich auf’s Moos hinstreckte,<br> +Das grün und weich die Mauertrümmer deckte.<br> +</p> +<p> +„Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze<br> +Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;<br> +Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,<br> +Mag’s gehen, daß Eu’r Ohr den Klang erlauscht<br> +Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,<br> +Ich mehr denn eimnal bis hierher hört’ klingen!”<br> +</p> +<p> +„Das glaub’ ich gerne!” rief gereizt die Aufgeregte<br> +In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt,<br> +Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;<br> +Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt,<br> +Und that deshalb, als wäre ihr entgangen,<br> +Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen.<br> +</p> +<p> +Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,<br> +Und ging’s nicht lange, eh’ es Elsbeth däucht’,<br> +Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth<br> +Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht.<br> +Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen<br> +Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.<br> +</p> +<p> +Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,<br> +Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß,<br> +Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden,<br> +Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis,<br> +Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,<br> +Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.<br> +</p> +<p> +Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:<br> +Ob sie den Junker minne und er sie,<br> +Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,<br> +Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh,<br> +Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,<br> +Die Fragerin jedwede Maske fallen.<br> +</p> +<p> +„Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,”<br> +Klang’s giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund,<br> +„Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,<br> +Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?<br> +Euch — eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,<br> +Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!”<br> +</p> +<p> +Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte,<br> +Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich,<br> +Ob solcher Rede keines Wortes mächtig;<br> +Es ballten krampfhaft ihre Hände sich,<br> +Der Höhnenden gebührend zu vergelten,<br> +Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.<br> +</p> +<p> +Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen<br> +Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob,<br> +Bis jene, unter höhnischem Gelächter,<br> +Des Junkers Reiflein in die Höhe hob<br> +Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte,<br> +Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.<br> +</p> +<p> +„Gebt mir das Ringlein her!” bat dringend die Gequälte,<br> +Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.<br> +„Gebt mir den Reif zurück! — Ihr könnt nicht wollen,<br> +Daß ich mein Leben lang im Unglück bin!<br> +Ich dank’s Euch noch in meiner letzten Stunde!<br> +Gebt mir das Ringlein! — Bitte, Adelgunde!”<br> +</p> +<p> +Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester<br> +Und lachte höhnisch: „Sagt ich mir doch gleich,<br> +Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,<br> +Daß solche Fische nicht in Eurem Teich<br> +Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,<br> +Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!”<br> +</p> +<p> +„Denkt, was Ihr wollt!” entgegnete jetzt Elsbeth zürnend,<br> +„Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,<br> +Als Angedenken traut gesprochner Worte,<br> +Von denen keines mir das Herz beschwert;<br> +Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle,<br> +Seit ich durchschaue — Eure schöne Seele!”<br> +</p> +<p> +„Schaut lieber erst in Eure!” spottete die Arge,<br> +„Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! —<br> +Ha, ha! Was gilt’s, ihr hebet an zu beichten<br> +Die volle Wahrheit? — Wie? Ihr saget Nein? —<br> +Seht dieses Ringlein! — Es fliegt von dem Söller,<br> +Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!”<br> +</p> +<p> +In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen,<br> +Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand<br> +Und hielt sie fest, bis Adelgund’, weil stärker,<br> +Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand,<br> +Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,<br> +Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.<br> +</p> +<p> +Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte<br> +Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast,<br> +Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.<br> +Ihr starker Arm hielt Adelgund’ umfaßt,<br> +So daß die keuchend rang sich loszuzwingen,<br> +Was jedoch nicht so leichtlich wollt’ gelingen.<br> +</p> +<p> +In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend,<br> +Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt,<br> +Die jugendschönen Glieder sich umklammernd,<br> +Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,<br> +Der Gegnerin, und koste es das Leben,<br> +Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.<br> +</p> +<p> +Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen<br> +Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft<br> +Gelang die rechte Hand sich zu befreien,<br> +Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.<br> +Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.<br> +Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.<br> +</p> +<p> +Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,<br> +Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.<br> +Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen,<br> +Als just zum Wurf ausholte Adelgund’,<br> +War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen<br> +Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen.<br> +</p> +<p> +Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend<br> +In banger Angst, durchrannte sie im Nu<br> +Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder<br> +Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,<br> +Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,<br> +Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.<br> +</p> +<p> +Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,<br> +Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!<br> +Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,<br> +Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,<br> +Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,<br> +Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. —<br> +</p> +<p> +Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,<br> +Lag locker da, in seiner Masse weich,<br> +Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,<br> +Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,<br> +Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,<br> +Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. —<br> +</p> +<p> +„Um Jesu willen!” keuchte Adelgunde angstvoll,<br> +Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,<br> +„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken,<br> +Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,<br> +Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben<br> +Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!”<br> +</p> +<p> +„Gewährt Verzeihung —” bat sie leise, als ihr Elsbeth<br> +Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran<br> +Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen,<br> +Da ich es war, die hob zu streiten an;<br> +In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,<br> +Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.”<br> +</p> +<p> +In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:<br> +„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’!<br> +Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo<br> +Das Ringlein suchen —” fügte noch sie zu<br> +Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,<br> +Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.<br> +</p> +<p> +Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke<br> +Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,<br> +Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten:<br> +„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,<br> +Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte.<br> +Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.”<br> +</p> +<p> +Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,<br> +Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,<br> +Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger<br> +Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.<br> +In langem Kuß sah man die Lippen pressen<br> +Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. —<br> +</p> +<p> +Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,<br> +Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’,<br> +War Frieden; denn die beiden Schönen hatten<br> +Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,<br> +Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,<br> +Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.<br> +</p> +<p> +Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!”<br> +Das oft im Leben sich verwenden läßt.<br> +Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,<br> +Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’,<br> +Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,<br> +Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.<br> +</p> +<p> +In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich;<br> +Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot,<br> +Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen,<br> +Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,<br> +Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,<br> +Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen,<br> +Was seine Macht zu schenken dir versagt,<br> +Willst nicht du deines Herzens Ruh’ und Friede<br> +Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,<br> +Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,<br> +Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. — —<br> +</p> +<p> +Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas.<br> +Die Herren zechten und der Spielmann sang,<br> +Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.<br> +Stets sicher, daß er Beifall sich errang,<br> +Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge,<br> +Den oft er leerte in gar gutem Zuge.<br> +</p> +<p> +Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,<br> +Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang,<br> +Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,<br> +Das voll und süß von ihren Lippen klang;<br> +Doch war’s ein andrer Text und andre Weise,<br> +Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.<br> +</p> +<p> +Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,<br> +Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang,<br> +Des Hauses Mägde sich versammelt hatten<br> +Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,<br> +Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen,<br> +In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.<br> +</p> +<img src="images/E236_237.jpg" alt="Franz von Edlibach kommt auf der Küssaburg an"> +<p> +Sie kamen nicht dazu. Denn eh’ das Lied zu Ende,<br> +Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih’,<br> +Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander<br> +Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei;<br> +Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine<br> +Im Näherkommen ungewisse Scheine.<br> +</p> +<p> +Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen<br> +Und brach Elsbeth das Singen jählings ab.<br> +Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre<br> +Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,<br> +Dem Zweie folgten, die er mußt’ begleiten,<br> +Wie wohl’s ihm wenig Freud’ schien zu bereiten.<br> +</p> +<p> +Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern<br> +Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt’.<br> +Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,<br> +In den er, frierend wohl, sich eingehüllt;<br> +Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen,<br> +Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.<br> +</p> +<p> +Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,<br> +In tiefem Basse er zum Vogte sprach:<br> +„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,<br> +Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,<br> +Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen,<br> +Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien.<br> +</p> +<p> +Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,<br> +Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,<br> +Und nun empfing er aus des Boten Händen<br> +Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,<br> +Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte,<br> +Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.<br> +</p> +<p> +Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer,<br> +Den Mantel abzulegen und die Wehr’<br> +Und mitzuhalten an der Tafelrunde:<br> +„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!”<br> +Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,<br> +Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.<br> +</p> +<p> +Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,<br> +Indessen Elsbeth für den späten Gast<br> +Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert<br> +Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’,<br> +In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen<br> +Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen.<br> +</p> +<p> +Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel<br> +Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’,<br> +Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:<br> +Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’,<br> +Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge<br> +Der Vogt von lange kannte zur Genüge.<br> +</p> +<p> +So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben<br> +An ihn gerichtet sei; das andre trug,<br> +Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,<br> +In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;<br> +Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,<br> +Noch ehe er das eigene erschlossen.<br> +</p> +<p> +Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,<br> +Lag’s eine Weile schon in seiner Hand,<br> +Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen<br> +Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.<br> +Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken<br> +Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.<br> +</p> +<p> +Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;<br> +Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,<br> +Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten<br> +In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.<br> +Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren?<br> +Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!<br> +</p> +<p> +Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,<br> +Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick<br> +Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,<br> +Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick<br> +Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte,<br> +Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.<br> +</p> +<p> +Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele<br> +Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,<br> +Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,<br> +Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn.<br> +Der Brief erzitterte in seinen Händen;<br> +O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!<br> +</p> +<p> +Was er sich einst ersehnte, nun war’s ihm geworden,<br> +Es lacht’ das Glück ihn an! Doch tief verzagt<br> +Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,<br> +So sah er in Verzweiflung sich gejagt.<br> +Wußt’ nicht, soll er entsagen, unterliegen,<br> +Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?<br> +</p> +<p> +Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,<br> +Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt,<br> +Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;<br> +Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt,<br> +So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen,<br> +Wie oft bracht’s Kummer nur, und bitter Klagen!<br> +</p> +<p> +Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal<br> +Ein silbern Lachen tönte durch’s Gemach,<br> +So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,<br> +Das aber doch ihm nun das Herze brach,<br> +Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,<br> +sich ahnungslos des Augenblickes freute.<br> +</p> +<p> +Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.<br> +Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund<br> +In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen,<br> +Von denen er geträumt so manche Stund’,<br> +Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten,<br> +Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten.<br> +</p> +<p> +Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle<br> +Und, immer noch das Schreiben in der Hand,<br> +Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,<br> +Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:<br> +„Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen;<br> +Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!”<br> +</p> +<p> +Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:<br> +„Der Freund hier ist’s, der auch schon alles weiß;<br> +Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!”<br> +Es überlief ihn dabei kalt und heiß,<br> +So daß er schweigend in sein Schreiben starrte,<br> +Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.<br> +</p> +<p> +Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;<br> +Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,<br> +Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden<br> +Und — schnell entschlossen, kürzte er die Qual,<br> +Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,<br> +Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne.<br> +</p> +<p> +Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische<br> +Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,<br> +Doch ohne aufzublicken: „Es ist billig,<br> +Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut:<br> +Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,<br> +Was mir des Oheims güt’ge Hand geschrieben....”<br> +</p> +<p> +Er las: „Wohledler und viellieber Herr und Neffe!<br> +Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,<br> +Daß mir gelang, den König zu versöhnen,<br> +So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund’;<br> +Erachte auch, wollt’ es nicht ungut nehmen,<br> +Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!”<br> +</p> +<p> +„Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren<br> +Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst;<br> +Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne<br> +Und hoher Herren Gnad’ ist öfter Dunst,<br> +Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,<br> +Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen.”<br> +</p> +<p> +„Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden,” —<br> +Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark<br> +Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,<br> +Als schneide er sich in das eigne Mark, —<br> +„Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert,<br> +Weil Eure Absenz gar so lange dauert.”<br> +</p> +<p> +„Ihr Jawort hab’ ich, für das Weit’re wollet sorgen.<br> +Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;<br> +Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute<br> +Verwirren etwan gern ein Frau’ngehirn;<br> +Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben<br> +Und Euer Zögern könnte viel verderben.”<br> +</p> +<p> +„So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe,<br> +Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.<br> +Mit Gruß, Eu’r Oheim Otto, episcopus. —”<br> +Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,<br> +Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,<br> +Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren.<br> +</p> +<p> +Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge<br> +Und bracht’ ein Wohl aus auf des Junkers Braut.<br> +Hell klangen Krug und Gläslein an einander,<br> +Als jählings ward ein kurzes Klirren laut:<br> +In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,<br> +So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. —<br> +</p> +<p> +Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,<br> +Bis von der Braut im Brief die Rede war,<br> +Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden,<br> +Es trübte sich das schöne Augenpaar,<br> +Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen,<br> +Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen.<br> +</p> +<p> +Indessen bald entschlossen all’ ihr Leid zu hehlen,<br> +Am ersten dem, der trug die Schuld darob,<br> +Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein,<br> +Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,<br> +Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde<br> +Noch minder laut, als das von Adelgunde.<br> +</p> +<p> +„Ihr freut Euch wäger?” hörte Elsbeth diese fragen,<br> +Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,<br> +Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen,<br> +Daß klirrend es in hundert Stücke brach. —<br> +Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden<br> +Und schweigend trug, hat Schweres überwunden.<br> +</p> +<p> +Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte<br> +Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,<br> +Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,<br> +Daß es an Speis’ und Trank gebreche nicht;<br> +Bis Adelgunde spät zur Ruh’ begehrte,<br> +Weil nun der Abend ihr zu lange währte.<br> +</p> +<p> +Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte,<br> +Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar,<br> +Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte,<br> +Obschon es damals just nicht Sitte war,<br> +Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,<br> +Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. —<br> +</p> +<p> +„Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,”<br> +Sprach Adelgund’ auf Elsbeths „gute Nacht!”<br> +„Er soll uns singen und zum Tanze spielen,<br> +Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht.<br> +Was wär’ das Leben, gäb’s nicht hin und wieder,<br> +Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!”<br> +</p> +<p> +Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,<br> +So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß;<br> +Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer<br> +Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los,<br> +Es wachte lang die Stolze in Gedanken,<br> +Eh’, schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. —<br> +</p> +<p> +Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.<br> +Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,<br> +Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,<br> +Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach,<br> +Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen<br> +Zusammenbrach mit überthränten Wangen. —<br> +</p> +<p> +Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute,<br> +Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach,<br> +Der marmorgleichen Züge stummes Wehe<br> +Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,<br> +Und doch verklärt von überird’schem Schimmer:<br> +Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer.<br> +</p> +<p> +Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,<br> +Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust,<br> +Die unverhohlen ihr im Busen glühte,<br> +Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,<br> +Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte,<br> +Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte.<br> +</p> +<p> +Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln<br> +In Blüthenduft und frischer Lenzespracht.<br> +O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele<br> +Ein einz’ger Blick noch wunschlos glücklich macht,<br> +Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen<br> +Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! —<br> +</p> +<p> +Und nun war all’ dies aus, in schwarze Nacht versunken,<br> +Vernichtet ihres Herzens schöner Traum,<br> +Vom Sturm geknickt die duft’ge Frühlingsblüthe<br> +So furchtbar jäh — die Arme faßt es kaum.<br> +Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände<br> +und schluchzte auf, doch hörten’s nur die Wände. —<br> +</p> +<p> +Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,<br> +Die uns am ersten Frühlingstage grüßt,<br> +Ihr früh Erwachen aber — kommt ein Spätfrost —<br> +Dann unversehens mit dem Tode büßt,<br> +Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,<br> +So allzufrüh sich ihr in’s Herzlein stahlen. —<br> +</p> +<p> +In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken<br> +Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,<br> +Indessen durch die grünen Butzenscheiben<br> +Der volle Mond ihr fahl in’s Antlitz schien,<br> +Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet,<br> +Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. — —<br> +</p> +<p> +Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.<br> +Es saß der Spielmann dort am Eichentisch,<br> +Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend,<br> +Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,<br> +Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,<br> +Je länger ’s ging, mit desto mehr Behagen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad war’s allein, der nicht recht froh drein schaute,<br> +Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt’<br> +Mit witz’gem Worte oder muntrem Sprüchlein,<br> +In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt’,<br> +So lang als möglich fröhlich noch zu zechen,<br> +Da Eh’- und Wehstand oft das Krüglein brechen.<br> +</p> +<p> +Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,<br> +Doch däucht’ ihn schal und wässerig der Wein;<br> +Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,<br> +Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.<br> +Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen,<br> +Daß öfters Benno’s Blicke auf ihm ruhten.<br> +</p> +<p> +So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich<br> +An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:<br> +„Wir wöllen heut’ uns schon Behüet Gott! sagen,<br> +Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,<br> +Die Herren ungehindert reiten können,<br> +Indeß wir andern uns noch Ruh’ vergönnen!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich<br> +Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft,<br> +Die ihm der Vogt so überreich gewährte,<br> +Daß schier vergessen drob er seiner Haft;<br> +Auch — Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen,<br> +Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.<br> +</p> +<p> +Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,<br> +War es des Bischofs Bote Edlibach,<br> +Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:<br> +Er habe „ordlich schön verricht sein Sach,<br> +Und ehrlich den Willkummen also trunken,<br> +Daß, statt in’s Bett, daneben er gesunken.”<br> +</p> +<img src="images/E248.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Achtes Kapitel.</h2> +<img src="images/E249.jpg" alt="Ankunft Kuonrads in Schaffhausen"><p> +Der Jahre manches war gekommen und gegangen<br> +Seit jenem Morgen, als mit Edlibach<br> +Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,<br> +— Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, —<br> +Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,<br> +Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. — —<br> +</p> +<p> +Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden<br> +Und wieder grünend prangten Wald und Ried.<br> +In Wald und Fluren sangen Vogelchöre<br> +Den „Willekumm” in nimmermüdem Lied;<br> +Wie Gold begossen lagen Höhn’ und Auen<br> +Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.<br> +</p> +<p> +Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch<br> +Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei,<br> +Verkündete mit schnarrendem Geklapper,<br> +Daß just zu Ostern Frühling worden sei,<br> +Der Lenz mit Festgepräng’ zur Stadt gekommen,<br> +Wenn er auch nicht den Weg durch’s Thor genommen.<br> +</p> +<p> +Vom Thurm zu Allerheil’gen glänzte, weithinschimmernd,<br> +Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;<br> +Die goldnen Federn glitzerten und sprühten,<br> +Als hätt’s auch ihm der Frühling angethan.<br> +Tief unten aber in den „Lächen” zogen,<br> +Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen.<br> +</p> +<p> +Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse<br> +Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;<br> +Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,<br> +Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.<br> +Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen<br> +Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen.<br> +</p> +<p> +Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten<br> +Des trotz’gen Unnoth auf dem Emmersberg;<br> +Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,<br> +War’s anzuschauen wie ein grauer Zwerg,<br> +Der seit Jahrhunderten am Gerberbache<br> +Verdüstert da stand unter steilem Dache. —<br> +</p> +<p> +Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne „Mauchen”<br> +Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,<br> +Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich,<br> +Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,<br> +Als hell vom Münster her die Glocken klangen<br> +Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen.<br> +</p> +<p> +Flink wurden überall die Läden aufgeschoben<br> +Und konnte man gar manches Antlitz schau’n,<br> +Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte.<br> +Es schien, dem letztern wär’ heut wohl zu traun,<br> +Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen<br> +Der Ostermorgen über Land gezogen.<br> +</p> +<p> +Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße<br> +Nach links und rechts, mehr oder minder traut,<br> +Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,<br> +Der nebenan aus seinem Fenster schaut’.<br> +Inzwischen riefen aber, um die Wette,<br> +Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.<br> +</p> +<p> +Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen;<br> +In Festgewändern zogen Frau und Mann,<br> +Gesind’ und Kinder feierlichen Schrittes<br> +Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann<br> +Den Vorzug gaben, oder „Mutter Nesen,”<br> +Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen;<br> +</p> +<p> +Doch bald erschienen wieder einsam all’ die Straßen.<br> +In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt<br> +Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,<br> +So Einzug hielt in seiner besten Wat;<br> +Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter<br> +Die Vöglein zwitscherten und sangen munter.<br> +</p> +<p> +Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen<br> +Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor<br> +Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,<br> +Auf daß sich „nützid” in die Stadt verlor,<br> +Was frommer Burger Andacht konnte stören,<br> +Eh’, Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören.<br> +</p> +<p> +So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,<br> +Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,<br> +In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben,<br> +Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer<br> +Und sahen drauf, daß kein profanes Walten<br> +Im Mauerring der Stadt sich mocht’ entfalten.<br> +</p> +<p> +In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen,<br> +Wie es so frommem Wesen zugehört.<br> +Vor ihrem „großen Gott im Münster” konnten<br> +Die München sammt den Laien ungestört<br> +In Andacht knie’n, wenn sie nicht lieber lauschten<br> +Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten.<br> +</p> +<p> +Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber,<br> +Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,<br> +Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;<br> +Dann aber ging’s im Sturme schier nach Haus,<br> +Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern<br> +Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.<br> +</p> +<p> +Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.<br> +Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,<br> +Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,<br> +Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,<br> +Und wer’s vor Alter oder Brest nicht konnte,<br> +Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. —<br> +</p> +<p> +Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage<br> +Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt,<br> +Mit noch zwei Herrn durch’s Schwabenthor gewandelt,<br> +Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,<br> +Nun gerne einen Gang in’s Freie thaten,<br> +Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.<br> +</p> +<p> +Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,<br> +Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild<br> +An schwerer goldner Kette glänzend sonnte,<br> +Erwiederte im Gehn die Grüße mild,<br> +So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,<br> +Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten.<br> +</p> +<p> +Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,<br> +Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,<br> +Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil’gen,<br> +Sich seiner hohen Würde voll bewußt,<br> +Grüßt’ wohl auch er mit einem leisen Nicken,<br> +Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.<br> +</p> +<p> +Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;<br> +Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,<br> +Fiel tief und faltig über Brust und Schultern,<br> +So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt,<br> +Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,<br> +Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.<br> +</p> +<p> +Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.<br> +Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,<br> +Wenn’s galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,<br> +In Zwing und Bännen weit umher im Land;<br> +Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,<br> +Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.<br> +</p> +<p> +Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;<br> +Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,<br> +Bedurft’ es wenig, um zu Drei’n, wie Christus<br> +Nach Emmaus, vor’s Thor hinauszuziehn,<br> +Bei linder Osterlust und Blättersprießen,<br> +Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen.<br> +</p> +<p> +Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges<br> +Und kürzten im Gespräche sich die Zeit,<br> +So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,<br> +Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;<br> +Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,<br> +Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten.<br> +</p> +<p> +Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,<br> +Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,<br> +Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:<br> +Von altem Adel und mit Leib und Gut<br> +Der Väter Sitten allzeit streng ergeben,<br> +Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben.<br> +</p> +<p> +Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,<br> +Gekleidet nach der Mode neu’stem Schnitt.<br> +Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,<br> +In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt;<br> +Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,<br> +Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen.<br> +</p> +<p> +Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,<br> +Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß,<br> +Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,<br> +Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß;<br> +Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen,<br> +Mit denen sie zum Feste sich behangen.<br> +</p> +<p> +In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,<br> +Blieb dann und wann der Schönen eine stehn,<br> +Um auszuathmen, frische Luft zu trinken<br> +Und weit hin über Berg und Thal zu sehn,<br> +Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte,<br> +Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte.<br> +</p> +<p> +Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein,<br> +Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand,<br> +Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften,<br> +Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,<br> +Erröthend auch und schämig sich erzeigten,<br> +Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten.<br> +</p> +<p> +In schlichterem Gewande gingen ernste Burger<br> +Zur Seite ihrer redesel’gen Frau’n,<br> +Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse<br> +Am Wege sich die Gärten zu beschau’n,<br> +Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,<br> +Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen;<br> +</p> +<p> +Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,<br> +Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath,<br> +Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,<br> +Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.<br> +Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,<br> +Da man im Rath die hellen Farben meidet.<br> +</p> +<p> +In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen<br> +Erwogen beide ernst den Casus sie,<br> +Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser<br> +Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,<br> +Indessen sie, die mitbehaft’ten Bürgen,<br> +Am ersten Loskauf noch genug zu würgen.<br> +</p> +<p> +Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,<br> +Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.<br> +Selbst Roth, den Waffenschmied, litt’s nicht zu Hause;<br> +Er ging mit Meistern von demselben Fach<br> +Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,<br> +Lockt’ ihn auch nicht der Vöglein Musiciren.<br> +</p> +<p> +Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,<br> +Wie viel die Stadt gewänn’ vom Zoll am Rhein<br> +Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht<br> +Mit schlauem Lächeln meinte: „Wenn der mein,<br> +Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,<br> +Am Rathshaus wären neu vergüld’t zu schauen!”<br> +</p> +<p> +Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte<br> +Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,<br> +Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend;<br> +Sie möchten, nun der Frühling war erwacht<br> +Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren,<br> +Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren.<br> +</p> +<p> +Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein „Mauchen,”<br> +Zu denen sich der Burger fremd verhielt,<br> +Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen,<br> +Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt’; —<br> +Die Lust, mit Weib und Kind vor’s Thor zu gehen,<br> +War schon von weitem ihnen anzusehen.<br> +</p> +<p> +Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend,<br> +Das seinen Heimatort im Stiche ließ,<br> +Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln,<br> +Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies’<br> +Belebend oder gruppenweis’ im Grase<br> +Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.<br> +</p> +<p> +Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben,<br> +Was hier sich darbot und dem Blick erschien;<br> +Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen<br> +Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin.<br> +Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden<br> +Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden.<br> +</p> +<p> +Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken,<br> +Von all der Frühlingspracht ringsum im Land;<br> +Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,<br> +Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,<br> +Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,<br> +Eh’, ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte.<br> +</p> +<p> +So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen.<br> +In’s Schau’n versunken standen die drei Herrn<br> +Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,<br> +Den die Schaffhauser auch noch heute gern,<br> +Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen,<br> +Wenn’s gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.<br> +</p> +<p> +Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte<br> +Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß,<br> +Daß auf der Straße etlich Reiter nahten,<br> +Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß,<br> +Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten<br> +Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.<br> +</p> +<p> +Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,<br> +Indessen einer aus dem Sattel sprang<br> +Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte,<br> +Daß weithin es und wohl vernehmlich klang:<br> +„Zur guten Stund’ hab’ ich Euch treffen müssen,<br> +Vieledler Freund! — Laßt Euch denn froh begrüßen!”<br> +</p> +<p> +Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß<br> +Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,<br> +Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:<br> +„Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!”<br> +Dacht’ häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen,<br> +Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!”<br> +</p> +<p> +„Erlaubet jedoch,” dabei wies er auf die Freunde,<br> +„Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn’! —<br> +Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,<br> +Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn’,<br> +Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,<br> +In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!”<br> +</p> +<p> +„Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen<br> +Von Allerheil’gen! — Fromm, wie Keinen mehr<br> +Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern,<br> +Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.<br> +Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen,<br> +Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen.”<br> +</p> +<p> +Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,<br> +Erwies es sich, daß der dem Namen nach<br> +Den beiden längst bekannt war als ein Ritter<br> +Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach<br> +Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben,<br> +Von dessen Richtagen an Höf’ und Huben.<br> +</p> +<p> +So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich,<br> +Indessen Götz, der seine Pflicht gethan,<br> +Es, während jene mit einander sprachen,<br> +Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,<br> +Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken<br> +Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken.<br> +</p> +<p> +„Beim großen Gott im Münster!” fuhr es unwillkürlich<br> +Von seinen Lippen. „Seh’ doch einer her,<br> +Welch’ feine Waare unser Freund begleitet,<br> +Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär’,<br> +So wir Schaffhauser haben zu empfangen<br> +Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!”<br> +</p> +<p> +„Müßt Euch den selber nehmen!” rief erfreut der Ritter,<br> +„Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?”<br> +Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:<br> +„Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß;<br> +Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,<br> +Die gern die Wang’ ihm küssen nach der Reihe.”<br> +</p> +<p> +In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten<br> +Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,<br> +Indessen jene, die er Else nannte,<br> +Von argen Zweifeln schier befangen schien,<br> +Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,<br> +Und man auch küssen thät in fremden Landen.<br> +</p> +<p> +Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend,<br> +Mit Lächeln an den Zelter hin und bat,<br> +So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine,<br> +Bis diese endlich ihm den Willen that,<br> +Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte<br> +Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte.<br> +</p> +<p> +Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren;<br> +Als er auch dieses, wie es heiße, frug,<br> +Gab es die Antwort: „Käth’ werd’ ich gerufen,<br> +Weil solchen Namen einst die Mutter trug!”<br> +Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen,<br> +Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.<br> +</p> +<p> +„Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist —”<br> +Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,<br> +„„Und reisemüde;”” — unterbrach der Schultheiß,<br> +„„Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.<br> +Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,<br> +Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!””<br> +</p> +<p> +Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen<br> +Der Ritter gerne an, indeß im Schritt<br> +Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten<br> +Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt<br> +Auch sicher vor sich ging und nicht mocht’ gleiten,<br> +Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten.<br> +</p> +<p> +„Herr Schultheiß!” ließ da bald ihr Vater sich vernehmen,<br> +„Was mich Euch treffen hieß so unverhofft,<br> +Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen,<br> +Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.<br> +Vermein’ ich doch, ’s dürft Euer Rath mir frommen,<br> +Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!”<br> +</p> +<p> +„Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren.<br> +Gott tröste sie und schenk’ ihr Ruh im Grab!<br> +Die Arme ist zur selben Stund’ verschieden,<br> +In welcher Käthen sie das Leben gab,<br> +Und hinterließ die Sorg’ um ihre Pflege<br> +Dem Mann, der weder Wege kannt’ noch Stege.”<br> +</p> +<p> +„Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,<br> +Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie.<br> +Doch, Gott sei Lob! ’s ging besser, als ich dachte;<br> +Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die,<br> +Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten<br> +Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten.”<br> +</p> +<p> +„So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte,<br> +Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn,<br> +Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte,<br> +Daß mälig mir es für die Mägdlein schien,<br> +Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen;<br> +Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen.”<br> +</p> +<p> +„Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte;<br> +Auch viel zu rüd’ des Hauses Ingesind’,<br> +Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen.<br> +Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,<br> +Wird täglich grämlicher in seinem Wesen<br> +Und hat schon Mühe, nur die Meß’ zu lesen.”<br> +</p> +<p> +„Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,<br> +So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand<br> +Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte,<br> +Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand<br> +Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden<br> +Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!”<br> +</p> +<p> +„All’ dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken,<br> +Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,<br> +Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde,<br> +Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,<br> +Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket,<br> +Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!”<br> +</p> +<p> +„Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen,<br> +Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,<br> +Verhoffend, daß uns hier geholfen werde,<br> +Für meine Küchlein finde sich das Huhn,<br> +Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich,<br> +Die Mägdlein mir erziehen würd’ gebührlich.”<br> +</p> +<p> +„Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,<br> +Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer,<br> +Weßwegen ich’s zur guten Stunde nannte,<br> +Als wir Euch trafen so von Ungefähr.<br> +Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle,<br> +Eh’ einen Horst ich für die Meinen wähle!” —<br> +</p> +<p> +„Will überlegt sein!” nahm der Schultheiß nun die Rede,<br> +„Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!<br> +Für’s Erste will es mir das Beste scheinen,<br> +Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort<br> +Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen<br> +Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen.”<br> +</p> +<p> +„Bis dies geschehen, biet’ ich gern mein Haus zur Herberg’<br> +So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt’s an,<br> +Wie wir an jenem Abend, durchgefroren<br> +Und reisemüd’ — schon manchmal dacht’ ich dran,<br> +Es ohne langes Zögern angenommen,<br> +Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!”<br> +</p> +<p> +„So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,<br> +Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt.<br> +Sie aber ward am Hof erzogen, während<br> +In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt<br> +Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg’ sie gönnten,<br> +Solch’ feiner Schulen sich berühmen könnten.”<br> +</p> +<p> +Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen<br> +Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein<br> +Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,<br> +— Sie schritten im Gespräche hinter drein, —<br> +Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,<br> +Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden.<br> +</p> +<p> +Eh’ jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten,<br> +Sah’n schon am Thor sie sich und eingezwängt<br> +Von lautgeschwätz’gem Volk, das heimwärts strebte.<br> +Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt,<br> +Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker,<br> +Gelangte man auch bald zum „Herrenacker.”<br> +</p> +<p> +Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas<br> +Vom Randenburger, nachdem sie noch fein<br> +Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen<br> +Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein<br> +Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken,<br> +Zum Willekomm’ des werthen Gasts zu trinken.<br> +</p> +<p> +Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten<br> +Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus,<br> +Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.<br> +Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus,<br> +Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen<br> +Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.<br> +</p> +<p> +Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen,<br> +Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm,<br> +Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein<br> +Voll milder Freundlichkeit entgegen kam<br> +Und also herzig die Erstaunten grüßte,<br> +Als ob sie beide längst im Hause wüßte.<br> +</p> +<p> +Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste,<br> +Bei Tische, den Frau Hilda heut’ im Saal<br> +Zu decken gut fand, wo, ohn’ langes Zaudern,<br> +Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl,<br> +Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,<br> +Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. —<br> +</p> +<p> +Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.<br> +Es traten beide bei dem Schultheiß ein,<br> +da just die Nacht begann herauf zu dämmern,<br> +und nun im Saale blinkte Kerzenschein;<br> +doch trafen hier sie schon auch einen dritten,<br> +der längst als guter Hausfreund wohl gelitten.<br> +</p> +<p> +Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,<br> +Der in der Dämm’rung, wie er öfter that,<br> +Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte,<br> +Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat,<br> +Ein Stündlein oder zweie zu verweilen,<br> +Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. —<br> +</p> +<p> +Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale,<br> +Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein,<br> +Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,<br> +Hellroth erglühte, wie Rubinen fein.<br> +Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte,<br> +Weil dabei sich’s gut lauschte und erzählte.<br> +</p> +<p> +Das Letzt’re that denn auch der Ritter heute fleißig.<br> +Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,<br> +Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen.<br> +Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug<br> +Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,<br> +Indessen ihre Freundschaft er gefunden!<br> +</p> +<p> +Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen,<br> +Als, da der Ritter schwieg, er diese bat<br> +Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.<br> +Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath<br> +Und überlegten ernst, auf welche Frauen<br> +In diesem Falle wohl man könnte bauen.<br> +</p> +<p> +Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel<br> +Sie bald beschlichen, ob auch all’ den Frau’n,<br> +So sich der Mägdlein anzunehmen willig,<br> +Die Fähigkeiten völlig zuzutrau’n?<br> +Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,<br> +Ließ eine dies, die andre jenes missen.<br> +</p> +<p> +Nach langem Sinnen war’s der Propst, der endlich anhub:<br> +„Wie mich bedünkt, so handelt sich’s nicht bloß<br> +Um eine Pflegerin für unser Pärlein,<br> +Das missen muß den warmen Mutterschooß;<br> +Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,<br> +Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!”<br> +</p> +<p> +Zum Abt sich wendend fuhr er fort: „Ich kenne eine;<br> +Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat<br> +Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden,<br> +Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,<br> +Daß weit und breit sich keine Schwester finde,<br> +Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!”<br> +</p> +<p> +„Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein,<br> +Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind!<br> +Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend<br> +In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind;<br> +Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren<br> +Mit Kindern, oder hörte besser lehren.”<br> +</p> +<p> +„Wasmaßen nun, hochwürd’ger Herr und liebe Freunde,<br> +Des werthen Gastes Sache anbetrifft,<br> +So meine ichs: man sollte ohne Säumen<br> +Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift<br> +Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen,<br> +Auf daß in Obhut jener Nunn’ sie kämen!”<br> +</p> +<p> +Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche;<br> +Doch weil derselbe noch zu denken schien,<br> +Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte:<br> +Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin<br> +Zu folgen; etwas Besseres zu finden,<br> +Würd’ er nicht trauen sich zu unterwinden.”<br> +</p> +<p> +Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,<br> +Zum Propst gewendet: „Euer Rath ist fein<br> +Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde!<br> +Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein<br> +Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten,<br> +Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten.”<br> +</p> +<p> +Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen.<br> +Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt<br> +Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe;<br> +Es gehe dies nicht immer rund und glatt,<br> +Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,<br> +Vom gnäd’gen Willen ihrer Stadt abhingen.<br> +</p> +<p> +So war es mälig spät geworden und drum machten<br> +Die Freunde bald sich auf die Socken leis<br> +Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch<br> +Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß<br> +Versprechen müssen, in den nächsten Tagen<br> +Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. —<br> +</p> +<p> +Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,<br> +Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach.<br> +Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel<br> +Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,<br> +So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,<br> +In Farbenschein sich in den Saal ergossen.<br> +</p> +<p> +Da war’s der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde,<br> +Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,<br> +— Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,<br> +Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, —<br> +Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,<br> +Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte.<br> +</p> +<p> +Und einmal angefangen, glich’s des Wildbachs Wellen,<br> +Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt,<br> +Vom Regen hochgeschwoll’nen Wasserfluthen,<br> +Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt’;<br> +Als, mit dem Freund alleine, er erzählte,<br> +Was ihm sein Innerstes seit lange quälte.<br> +</p> +<p> +„Es war ein Unglück, Schultheiß,” klangen herb die Worte,<br> +„Als ich zur Frauen mir die Base nahm.<br> +Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen,<br> +Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram.<br> +Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,<br> +War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.<br> +</p> +<p> +„Doch mußt’ es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich<br> +Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück.<br> +Als hernach fein dem Thoren es erblühte,<br> +Erkannt’ ich leider erst des Schicksals Tück’,<br> +Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,<br> +Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!”<br> +</p> +<p> +„So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.<br> +Der Milde bar und holder Frauen Art,<br> +Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen,<br> +Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.<br> +Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich’s meinte,<br> +Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte.”<br> +</p> +<p> +„In gegenseit’gem Quälen, bis auf’s Blut oft kränkend,<br> +— Noch heute überläuft mich drob die Scham! —<br> +Verbitterten wir elend uns das Leben,<br> +Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm,<br> +Um drauß’ im Forst, an gar zu bösen Tagen,<br> +Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen.”<br> +</p> +<p> +„Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs,<br> +Die Fraue zu begüt’gen, ihren Stolz<br> +Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;<br> +Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz<br> +Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,<br> +Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!”<br> +</p> +<p> +„So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben,<br> +Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt,<br> +Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue<br> +Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt,<br> +In’s strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,<br> +Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt’.<br> +</p> +<p> +„Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten,<br> +Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,<br> +Bis endlich, müde und zum Sterben willig,<br> +Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav’,<br> +Der nahe dran, mit seinen eignen Händen,<br> +So jammervolles Dasein sich zu enden!”<br> +</p> +<p> +„Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,<br> +Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.<br> +Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,<br> +Als mir im Arm das zarte Wesen lag<br> +Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute,<br> +Mit klaren Aeuglein frisch in’s Antlitz schaute.”<br> +</p> +<p> +„Glückselig ob dem Anblick, wähnt’ ich hoffnungsfreudig,<br> +Es ziehe Frieden nun in unser Haus.<br> +Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen<br> +Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;<br> +Eh’ schien mir herber noch der Fraue Wesen,<br> +Als all’ die Zeiten vorher es gewesen!”<br> +</p> +<p> +„Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben,<br> +Ließ sie gewähren, fügte mich und mied,<br> +Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,<br> +Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,<br> +Und zwar so jäh, daß ich’s kaum glauben wollte,<br> +Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte.”<br> +</p> +<p> +„Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine,<br> +Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht.<br> +Und doch, beim heil’gen Blut! ich meint’ es ehrlich;<br> +Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht:<br> +Ein’ gute Heimstatt Glück und Frieden finden,<br> +Wo sich in Lieb’ der Menschen Herzen binden!”<br> +</p> +<p> +„Nun aber,” schloß er, „laßt mich um Verzeihung bitten,<br> +Weil ich es wagte treuem Freund so lang<br> +Die Ruh’ zu rauben. Freilich weiß ich selber<br> +Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,<br> +Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle,<br> +Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele.” —<br> +</p> +<p> +Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß<br> +Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war.<br> +Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen.<br> +Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar<br> +Und hätte damals, meinte er, geschworen,<br> +Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren.<br> +</p> +<p> +Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,<br> +Auch wohl so großes Unrecht nicht drin’ fand,<br> +Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte<br> +Und wahre Neigung nicht die Herzen band —<br> +Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden:<br> +Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.<br> +</p> +<p> +Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden<br> +Und auf dem Leuchter brannt’ das Wachslicht tief,<br> +Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben —<br> +Und Letzt’rer leise einem Knechtlein rief,<br> +Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren,<br> +Den müden Herrn in’s Schlafgemach zu führen.<br> +</p> +<p> +Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe.<br> +Seit Jahren schon geheimen Künsten hold,<br> +Wollt’ eine Tinktur er noch schnell erproben,<br> +Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,<br> +Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. —<br> +Heut’ ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. — —<br> +</p> +<p> +Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen.<br> +Er ging in’s Stift, um für die Mägdlein dort<br> +Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;<br> +Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort,<br> +Der besser, als Agnesenkloster passe,<br> +In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.<br> +</p> +<p> +Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen,<br> +Welch’ ein Gewinn für’s Stift es dürfte sein,<br> +Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein<br> +Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;<br> +Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen<br> +Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.<br> +</p> +<p> +Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte,<br> +Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath<br> +Der Herren etzlich gern es sehen würden,<br> +Wenn sie entschließe sich zur guten That;<br> +Auch schon im Voraus drüber einig wären,<br> +Dem Stift das nöth’ge Placet zu gewähren.<br> +</p> +<p> +Auf solches Winken aber gab’s nur eine Antwort.<br> +Und so erklärte sie gar grämlich: sie<br> +Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;<br> +Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie<br> +Es anzufangen und was zu geschehen,<br> +Da sich das Stift solch’ Gästen unversehen.<br> +</p> +<p> +Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe.<br> +Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau,<br> +Sich vorerst mit der Kusterin bereden;<br> +Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau’,<br> +So würden sicherlich sie nichts vermissen,<br> +Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.<br> +</p> +<p> +Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,<br> +Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.<br> +Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene,<br> +Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor<br> +Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen,<br> +Die Dame abberief zum Vespersingen. —<br> +</p> +<p> +Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen<br> +Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst<br> +Nicht allzusehr auf’s Spiel zu setzen. Ist’s doch<br> +Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst,<br> +Sich im Erzählen weise zu beschränken,<br> +Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,<br> +Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam,<br> +Im blassen Angesichte Thränenspuren,<br> +Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram,<br> +Gab’s Frida Anlaß, voller Spott zu fragen,<br> +Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen.<br> +</p> +<p> +Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,<br> +Wie es sich schickte, nach den Gästen frug,<br> +Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,<br> +Gleich einem Funken, der in’s Pulver schlug,<br> +Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute,<br> +Weil selten noch so bös sie jene schaute.<br> +</p> +<p> +„Bei Eurer Mutter selig, tröst’ sie Gott, die Gute!”<br> +Hub lärmend Frida an, „da war der Brauch,<br> +Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;<br> +Es hatte aber dann der Kaplan auch<br> +Nicht leerem Kirchlein eine Meß’ zu lesen,<br> +Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!”<br> +</p> +<p> +„Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,<br> +Drin’ Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;<br> +Hat man genug, geht’s, ohne Abschiedsnehmen,<br> +In aller Still’ bei Nacht und Nebel fort.<br> +Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet,<br> +Da bleiben halt die Männer ungestrählet!”<br> +</p> +<p> +„Ein B’hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet,<br> +Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal<br> +Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! —<br> +Hi, hi! Ich mein’, es sollte seine Wahl,<br> +Will einer nicht um andrer Schulden büßen,<br> +Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!” —<br> +</p> +<p> +„Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer,<br> +Der unverhofftem Glücke plötzlich nah —”<br> +Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,<br> +Denn in den blauen Augen Elsbeths sah<br> +Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte,<br> +Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.<br> +</p> +<p> +Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,<br> +Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug,<br> +Weßwegen denn der Strom so jach versiegte,<br> +Der eben noch gar hohe Wellen schlug;<br> +Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,<br> +Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.<br> +</p> +<p> +Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein<br> +Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß,<br> +So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin<br> +Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß,<br> +Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen,<br> +Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen.<br> +</p> +<p> +Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen,<br> +Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund;<br> +Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb’ zu Grabe,<br> +Versenkte tief sie in der Seele Grund;<br> +Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,<br> +Gelobte sich die Maid mit festem Willen. —<br> +</p> +<p> +Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied<br> +Von Fräulein Adelgunden manches Wort<br> +Von Männertreu’ und Aehnlichem zu hören,<br> +Das kränkend sich in ihre Seele bohrt’,<br> +Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen,<br> +Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.<br> +</p> +<p> +Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand<br> +Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern<br> +Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,<br> +Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;<br> +Vom Weinen müd’, ersehnte sie den Morgen,<br> +Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen.<br> +</p> +<p> +Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.<br> +Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied<br> +Der Herrin Stimme man nur selten hörte,<br> +Wie auch, daß sie die allzulauten mied,<br> +Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;<br> +Zu fragen — mochte Niemand sich erdreisten.<br> +</p> +<p> +Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder,<br> +Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang<br> +„Agnoscat omne saeculum” anstimmte,<br> +Und glockenhelle aus der Brust es klang,<br> +Als ob die Seele, frei von ird’schem Ringen,<br> +Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.<br> +</p> +<p> +Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte<br> +Und, fern aus Süd’, der Frühling näher kam,<br> +In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend,<br> +War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;<br> +Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen<br> +Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen.<br> +</p> +<p> +Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder<br> +Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug,<br> +Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen,<br> +Drin’ sie, wie früher, nach den Armen frug,<br> +Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden,<br> +Bresthaften Hör’gen Speis und Trank zu spenden.<br> +</p> +<p> +War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.<br> +Für jedes hatte sie ein freundlich Wort;<br> +Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen,<br> +Denn eher ließen jene sie nicht fort,<br> +Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,<br> +Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.<br> +</p> +<p> +Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein<br> +Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß,<br> +Es heißt der Platz noch jetzt „des Herren Bänklein,”<br> +Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas<br> +Im Thal des Reiches Straße observirte,<br> +So schon zur Römerzeit im Gau fortführte.<br> +</p> +<p> +Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig<br> +Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun:<br> +Daß dem alleine es nur sei beschieden,<br> +In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,<br> +Der, klüglich wählend, ird’schem Glück entsage,<br> +Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.<br> +</p> +<p> +Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,<br> +Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach<br> +Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte,<br> +Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?<br> +Mußt’ sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen,<br> +Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? —<br> +</p> +<p> +Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte,<br> +Erhoffte Gottergebnen Sinn’s die Maid<br> +Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte,<br> +Nicht endete in bitterm Herzeleid;<br> +Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen,<br> +War nun der Frommen einziges Verlangen.<br> +</p> +<p> +Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.<br> +Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah’,<br> +Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,<br> +Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,<br> +Des Schlosses Thürme hinter sich versinken,<br> +Die letzten Grüße noch zum Abschied winken.<br> +</p> +<p> +Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,<br> +Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,<br> +Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke<br> +Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt;<br> +Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen<br> +Die Scheidende sich an den Vater lehnen.<br> +</p> +<p> +Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte<br> +Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh’<br> +Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte,<br> +Sich nicht zu überlassen solchem Weh’,<br> +Da einer Heimat auf der Spur sie wäre,<br> +Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.<br> +</p> +<p> +Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,<br> +Ging’s dann auf müden Rossen allgemach<br> +Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.<br> +Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach<br> +Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,<br> +Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen.<br> +</p> +<p> +Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize<br> +In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.<br> +Des Vaters Bruder hatte, weil er damals<br> +Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,<br> +Schon vorher dafür Sorge tragen müssen,<br> +Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen.<br> +</p> +<p> +Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen<br> +Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ,<br> +Es ward ihr Seelgerett’, dem Stift zu eigen<br> +Auf ew’ge Zeiten, wie’s im Briefe hieß;<br> +Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,<br> +Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. —<br> +</p> +<p> +Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,<br> +Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,<br> +Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet,<br> +Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;<br> +Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,<br> +War es das Heimweh, was sie leise plagte.<br> +</p> +<p> +Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:<br> +Sie widmete als Nonne nun ihr Thun<br> +Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;<br> +Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn,<br> +Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,<br> +Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen.<br> +</p> +<p> +Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,<br> +Indeß sie selber täglich im Vertrau’n<br> +Der Ob’rin zugenommen, so daß diese<br> +Der Schwester, als der Klügsten von den Frau’n<br> +Im Stifte, das Amt der Kust’rin übertragen,<br> +Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. —<br> +</p> +<p> +Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,<br> +Baut jeder sich noch eine eigne drin’,<br> +Gestaltend sie nach seinem besten Können,<br> +Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn.<br> +Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G’leise<br> +Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.<br> +</p> +<p> +So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer,<br> +In welches selten mal die Sonne schien,<br> +War ihre Welt in der sie, emsig waltend,<br> +Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.<br> +Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden<br> +Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.<br> +</p> +<p> +Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte.<br> +Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht<br> +Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde?<br> +Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,<br> +Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,<br> +Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? —<br> +</p> +<p> +Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,<br> +Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,<br> +Das aber immer, wenn der Burger Kindlein<br> +Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht<br> +Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,<br> +Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen.<br> +</p> +<p> +Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten<br> +Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal<br> +Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,<br> +Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;<br> +Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen<br> +Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.<br> +</p> +<p> +Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,<br> +Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb<br> +Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,<br> +Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,<br> +Sie hold umwob im angebornen Sehnen,<br> +An Kindesherz das eigene zu lehnen.<br> +</p> +<p> +Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,<br> +Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.<br> +Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch<br> +Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,<br> +Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,<br> +Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — —<br> +</p> +<p> +Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,<br> +Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,<br> +Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat<br> +Und diese ihr alsbald von ihrer Noth<br> +Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,<br> +Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.<br> +</p> +<p> +Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen<br> +Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,<br> +Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden,<br> +So wäre sie am Ende auch dabei,<br> +Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,<br> +Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.<br> +</p> +<p> +Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,<br> +Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,<br> +Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,<br> +— Des Ritters Name wurde nicht genannt, —<br> +Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,<br> +Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen.<br> +</p> +<p> +Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein<br> +In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort<br> +Gefunden habe, als ihr armes Kloster;<br> +Er hätte gestern drum in einem fort<br> +Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,<br> +Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.<br> +</p> +<p> +Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten<br> +Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar,<br> +Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin<br> +Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar,<br> +Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster,<br> +Die mehr verstünde, als das Pater noster.<br> +</p> +<p> +Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden<br> +Und zu dem Custosamte auch die Pflicht<br> +Der Pflegerin zu fügen — wär’s zu schätzen.<br> +Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;<br> +Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage<br> +Zu wissen, was die Schwester dazu sage.<br> +</p> +<p> +Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,<br> +Der Schwester ging’s verloren. Hold bethört<br> +Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es<br> +Die Ueberraschte kaum, was sie gehört<br> +Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen<br> +Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen.<br> +</p> +<p> +Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,<br> +Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.<br> +Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,<br> +Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,<br> +Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen,<br> +Der Himmelskönigin den Dank zu bringen.<br> +</p> +<p> +Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten,<br> +Der Sand an jenem Tage langsam nur,<br> +Es wollt’ nicht Abend werden und der Morgen<br> +Fand von durchwachter Nacht die Spur,<br> +Als früh zur Ob’rin, die noch tief im Bette,<br> +Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.<br> +</p> +<p> +Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,<br> +Gab auf Befragen sie der „Mutter” kund,<br> +Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen,<br> +Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und<br> +Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes’ Ehren,<br> +Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren.<br> +</p> +<p> +Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin<br> +Der Schwester Worten, in Gedanken schon<br> +Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater<br> +Vergaben dürfte, als verdienten Lohn<br> +Für Sorg’ und Mühen, die dem Stifte würden,<br> +Solch’ ungewohnte Last sich aufzubürden.<br> +</p> +<p> +Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,<br> +Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust’rin auf<br> +Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,<br> +Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf<br> +Des Tages kämen, Antwort zu verlangen,<br> +Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.<br> +</p> +<p> +Voll freudigen Gehorsam’s neigte sich die Gute;<br> +Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein<br> +Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester<br> +Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,<br> +Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten,<br> +In trauter Ordnung Alles finden sollten. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,<br> +Als laut die Glocke klang am Klosterthor,<br> +So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen,<br> +Ihr letztes Bischen Athem fast verlor<br> +Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,<br> +Wer allso heftig sich zu klingeln traute. —<br> +</p> +<p> +Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester,<br> +Wie ihr die Kusterin heut früh befahl,<br> +Ohn’ lang zu fragen, Einlaß nun gewährte,<br> +Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal<br> +Und da in Gnaden etwas zu verweilen;<br> +Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.<br> +</p> +<p> +Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester<br> +Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur,<br> +Deß’ graue Wände alte Bilder zierten,<br> +Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur,<br> +Und überschritten eines Saales Schwellen,<br> +Der fern lag Refectorium und Zellen.<br> +</p> +<p> +Es war ein öd’ Gemach, doch ließen ein paar Fenster<br> +Die Sonne ein und Duft von frischem Grün,<br> +Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte,<br> +In welchem, lärmend, etlich’ Spatzen kühn<br> +Und übermüthig nah’ den Fenstern jagten,<br> +Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.<br> +</p> +<p> +Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein<br> +Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand<br> +Des Weges badend, laut sich unterhielten,<br> +Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand,<br> +Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,<br> +Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.<br> +</p> +<p> +Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,<br> +Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,<br> +Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,<br> +Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,<br> +Die Frommen sicher dort im Beten störte,<br> +Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte.<br> +</p> +<p> +Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,<br> +Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,<br> +So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,<br> +Daß, weilen die „Frau Mutter” krank und schwach<br> +Sich fühle, es der Kust’rin Amt gebühre,<br> +Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe.<br> +</p> +<p> +Dies sagend huschte sie davon, der Schwester<br> +Es anzumelden, daß die Mägdlein da.<br> +Der Ritter harrte also guter Laune,<br> +Da schon versorgt er seine Kindlein sah;<br> +Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen,<br> +Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.<br> +</p> +<p> +Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,<br> +Ob der verwegnen, unbefugten That,<br> +Vernahmen seine Ohren leise Schritte.<br> +Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht’,<br> +Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,<br> +Geliebten Namen seine Lippen nennen. —<br> +</p> +<p> +War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel?<br> +In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,<br> +Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,<br> +Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,<br> +Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,<br> +Erinnerung an sel’ge Zeiten weckte.<br> +</p> +<p> +Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust’rin,<br> +Als, nahgetreten, sie die Blicke hob<br> +Und in dem Harrenden den Mann erkannte,<br> +Der einst in ihre Träume sich verwob,<br> +Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,<br> +Auf lange hin den süßen Frieden raubte.<br> +</p> +<p> +Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;<br> +Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,<br> +Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,<br> +Nahm jetzt die Reue jählings überhand,<br> +Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,<br> +Der ihre Ruhe konnte untergraben.<br> +</p> +<p> +In einer Sturmflut überquellender Gefühle<br> +Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit,<br> +Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.<br> +Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,<br> +Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen<br> +Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.<br> +</p> +<p> +Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze<br> +Bei der Erinnerung, was sie empfand,<br> +Als ihre Liebe sie betrogen wußte<br> +Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,<br> +Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,<br> +Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.<br> +</p> +<p> +Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke<br> +Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,<br> +Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,<br> +Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,<br> +Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte<br> +Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.<br> +</p> +<p> +Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten<br> +Um all’ das Leid, das er ihr angethan.<br> +Es regte leise sich im Herzen etwas<br> +Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;<br> +Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer<br> +Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! —<br> +</p> +<p> +Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,<br> +Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,<br> +Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte,<br> +Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,<br> +Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,<br> +Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.<br> +</p> +<p> +Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten<br> +Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt<br> +Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?<br> +Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt<br> +Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,<br> +Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!”<br> +</p> +<p> +Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,<br> +Die mit des Wiedersehens Freude rang,<br> +Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder<br> +Der Holden Stimme in den Ohren klang,<br> +In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,<br> +Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte.<br> +</p> +<p> +Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,<br> +Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt,<br> +Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände<br> +Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,<br> +So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte,<br> +Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.<br> +</p> +<p> +Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.<br> +Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach<br> +Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,<br> +Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach<br> +Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,<br> +Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.<br> +</p> +<p> +Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte<br> +Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund.<br> +’s war eigentlich mehr eine Beichte, in der<br> +Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund<br> +Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,<br> +Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend.<br> +</p> +<p> +Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte<br> +Es nicht mehr glatt vom Munde; ’s ward ihm schwer,<br> +Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.<br> +Er drehte drum die Worte hin und her,<br> +In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,<br> +Von ihm zu nehmen solch’ ein Angebinde.<br> +</p> +<p> +Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes<br> +In’s Antlitz ihm so traut und seelengut,<br> +Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte<br> +Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,<br> +Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien,<br> +Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.<br> +</p> +<p> +Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.<br> +Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt’,<br> +Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen?<br> +Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,<br> +Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen:<br> +Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen?<br> +</p> +<p> +Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen,<br> +Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern<br> +Am Morgenhimmel, mälig blasser worden,<br> +Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,<br> +Wenn in des Herzens innersten Verstecken,<br> +Die Kindlein längst Vergang’nes wieder wecken?<br> +</p> +<p> +In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung<br> +Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt<br> +Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte,<br> +Geheftet ruhn, als wären sie gebannt,<br> +Indessen ein Verlangen ihm erwachte,<br> +Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte.<br> +</p> +<p> +Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;<br> +Es wies sein Wort auf jene Tage hin,<br> +Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte,<br> +Eh’ ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn<br> +Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden<br> +Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.<br> +</p> +<p> +„Mir wurde Strafe und ich büßte strenge,” sprach er,<br> +„Für das, was ich in Minneschuld verbrach;<br> +Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, —<br> +Das einzige, was meiner Hoffnung Bach<br> +Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, —<br> +Kann Liebe nicht sich Lieb’ zurück gewinnen?”<br> +</p> +<p> +„Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!<br> +Heut’ sehet Ihr den Mann um jene Schuld<br> +Vergebung bitten in dem festen Glauben,<br> +Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld,<br> +So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,<br> +An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte.” —<br> +</p> +<p> +Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;<br> +Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht.<br> +Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,<br> +Was sie erinnert’ an Gelübd’ und Pflicht,<br> +Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören,<br> +Daß sie nicht floh, statt solcher Red’ zu hören.<br> +</p> +<p> +Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,<br> +Erflehete von Gott die Arme Kraft,<br> +Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,<br> +Die Seele falle in der Sünde Haft, —<br> +Indessen doch, in seligem Berauschen,<br> +Sie’s heimlich zwang — dem lieben Mann zu lauschen.<br> +</p> +<p> +Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken,<br> +In das gewiegt sie seiner Worte Gift,<br> +War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.<br> +Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift,<br> +Der Welt und allem Irdischen gestorben,<br> +Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.<br> +</p> +<p> +Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:<br> +„Es stünd’ mir übel, was ich selbst verlor,<br> +Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,<br> +Gleich einem alten, aberwitz’gen Thor.<br> +Doch schwör’ ich, daß in all’ den Jahren, Tagen,<br> +Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!”<br> +</p> +<p> +„Und so ist’s wahr! An dieses eine Bild zu denken,<br> +Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf’s Qual,<br> +Die Jahre durch mir an der Seele nagte,<br> +Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,<br> +Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen,<br> +Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!”<br> +</p> +<p> +„„O, haltet ein, Herr!”” bebten da der Kust’rin Lippen<br> +So leise, daß es kaum zu hören war,<br> +Indessen schön, wie blitzende Demanten,<br> +Auf ihren Wangen perlten Thränen klar,<br> +Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,<br> +Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.<br> +</p> +<p> +Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen,<br> +Nicht weiter anzuhören, was er sprach;<br> +Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.<br> +Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach<br> +In’s Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,<br> +Die in Versuchung so die Seele brachte.<br> +</p> +<p> +Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte,<br> +Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,<br> +Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen:<br> +„Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? — Sprecht,<br> +Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen,<br> +Daß ihm das Glück erscheint, und er’s will fassen?”<br> +</p> +<p> +„Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort’s vergessend,<br> +Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,<br> +Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,<br> +Dem übervollen Herzen Worte leiht,<br> +Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen,<br> +Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!”<br> +</p> +<p> +„Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte<br> +Zu Euch zurück! — O, Elsbeth, saget an:<br> +Gelang’s Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,<br> +Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? —<br> +Ich kann’s nicht glauben — drum erlaub’ dem Zagen,<br> +Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!” —<br> +</p> +<p> +In Todesängsten bebend, aber hingerissen<br> +Von seiner Worte zärtlicher Gewalt,<br> +Hob die Gequälte da die Sonnenblicke,<br> +Doch nicht zu ihm, deß’ Antlitz freudig strahlt, —<br> +Nein, ’s galt dem Christusbild im güldnen Rahmen,<br> +Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.<br> +</p> +<p> +Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:<br> +„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! —<br> +Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! —<br> +Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. —<br> +Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,<br> +Die ihre Liebe über Alles setzte! —<br> +</p> +<p> +Es war genug. „Herr!” sagte sie, ihn ernst verweisend,<br> +Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht;<br> +Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,<br> +Die ihre Welt an einen Ort getauscht,<br> +Wo das Gedenken an verwehte Träume<br> +Verunheiligt die Gott geweihten Räume!”<br> +</p> +<p> +„Verwehte Träume!” rief er da, ihr näher tretend,<br> +„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,<br> +Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe<br> +Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? —<br> +Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,<br> +Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!”<br> +</p> +<p> +Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,<br> +Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;<br> +Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,<br> +Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:<br> +„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;<br> +Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!”<br> +</p> +<p> +„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,<br> +Wer je erfahren mußt’, was beide werth!<br> +In Gott allein und treuem Pflichterfüllen<br> +Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;<br> +Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen.<br> +Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!”<br> +</p> +<p> +Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;<br> +Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm<br> +Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,<br> +Daß leicht sein Odem sie berührte warm:<br> +Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen,<br> +War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?” —<br> +</p> +<p> +„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen,<br> +Nur einen Tag, ja, nur minutenlang<br> +Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe<br> +Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang,<br> +Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,<br> +Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!”<br> +</p> +<p> +„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,<br> +So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;<br> +Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen,<br> +Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. —<br> +Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,<br> +Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?”<br> +</p> +<p> +„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,<br> +Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,<br> +Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! —<br> +Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!<br> +Mein guter Engel! — meine Königinne,<br> +Der allzeit unterthan ich treu in Minne!”....<br> +</p> +<p> +Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt<br> +Von seines Herzens minneheißem Drang,<br> +Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten,<br> +Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,<br> +Die Zagende allendlich zu gewinnen,<br> +Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.<br> +</p> +<p> +Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden<br> +Bestürmender Gefühle Allgewalt,<br> +Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken,<br> +Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,<br> +Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie’te,<br> +In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. —<br> +</p> +<p> +In sich verloren und voll sel’ger Lust erschauernd,<br> +Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt’,<br> +Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele<br> +Geschäftig sich das Glück der Liebe malt’<br> +In lichten Farben und so lenzeshelle,<br> +Wie’s nur vermag erregten Herzens Welle.<br> +</p> +<p> +Doch rasch versank das Bild. Todtbitt’re Wehmuth füllte<br> +Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,<br> +Welch’ weite Kluft sie von dem Manne trenne,<br> +Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,<br> +Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,<br> +Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren.<br> +</p> +<p> +Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden<br> +Und dem gehören, der ihr Trost gesandt,<br> +Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling,<br> +Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand.<br> +Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,<br> +Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.<br> +</p> +<p> +Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,<br> +Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß,<br> +Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,<br> +Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß,<br> +Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,<br> +Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. —<br> +</p> +<p> +„Herr Ritter!” klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,<br> +„Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,<br> +Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben;<br> +Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,<br> +Würd’ ruchbar werden es der Schwestern Ohren,<br> +Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!”<br> +</p> +<p> +„Euch hier zu sehen, hab’ ich allweg nicht vermuthet,<br> +Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt,<br> +So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen<br> +Mir allso vorzutragen Euch erspart.<br> +Steht darum auf — die aber lasset gehen,<br> +So Anderm zu begegnen sich versehen!”<br> +</p> +<p> +Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,<br> +Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach<br> +Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre,<br> +Da scholl ein silbern Lachen durch’s Gemach<br> +So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte<br> +Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. —<br> +</p> +<p> +Sieh’ dort! In kind’scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend,<br> +Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar,<br> +Die purpurn angehauchten Sammetwangen<br> +Licht überwallt von goldigblondem Haar,<br> +Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,<br> +Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute.<br> +</p> +<p> +Es war des Ritters Paar, das, müd’ des Spielens draußen,<br> +Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat.<br> +Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,<br> +Daß ihretwegen er die Reise that,<br> +Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen,<br> +Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen;<br> +</p> +<p> +Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,<br> +Wie einem der verurtheilt war zum Tod,<br> +Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;<br> +Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,<br> +In welche ihn sein Minnewerben brachte,<br> +Als er an sich, statt an die Seinen dachte.<br> +</p> +<p> +Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen<br> +Und sank, eh’ noch die Kust’rin wehren konnt’,<br> +Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen,<br> +Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt,<br> +Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht’ gelingen,<br> +Durch ihre stumme Sprache zu erringen.<br> +</p> +<p> +„Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen —”<br> +So hörte leise man den Stolzen flehn,<br> +„Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten,<br> +Welch’ schwerer Schuld der Vater sich versehn!<br> +Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen<br> +Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen.” —<br> +</p> +<p> +Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,<br> +Es bot Gewährung deß’, was er begehrt’.<br> +Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,<br> +Das Antlitz einem Engel gleich verklärt,<br> +Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend<br> +Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend.<br> +</p> +<p> +Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen,<br> +Als es die Gruppe hier im Saale war:<br> +In süßem Selbstvergessen knie’te Elsbeth<br> +Froh bei den Schüchternen und strich das Haar<br> +Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen,<br> +Um stets auf’s Neue Gruß und Kuß zu spenden.<br> +</p> +<p> +Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends,<br> +Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,<br> +Und machte Platz ergötzlichem Verwundern,<br> +Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach,<br> +Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern<br> +Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.<br> +</p> +<p> +Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen,<br> +Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt’,<br> +Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,<br> +Auf’s Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,<br> +Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,<br> +Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen.<br> +</p> +<img src="images/E306_307.jpg" alt="Kuonrad und seine Töchter knien vor Elsbeth"> +<p> +Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;<br> +Er stand, die feuchten Blicke unverwandt<br> +Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken,<br> +Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt.<br> +Was er ersehnte sich in manchen Stunden,<br> +Hier war es unverhofft und reich gefunden.<br> +</p> +<p> +Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien’s entflohen;<br> +Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild,<br> +Da Menschenglück und sel’ger Herzensfrieden<br> +Nicht länger sehnender Gedanken Bild.<br> +Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte<br> +Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. —<br> +</p> +<p> +Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte,<br> +Denn, als die Kusterin, an jeder Hand<br> +Der Mägdlein ein’s, sich auch erhoben hatte<br> +Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,<br> +Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,<br> +So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.<br> +</p> +<p> +Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,<br> +Bat er, — nicht darauf achtend, welche Qual<br> +Ihr sein erneutes Werben machte — leise<br> +Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;<br> +Indessen wie demüthig er auch flehte —<br> +Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä’te.<br> +</p> +<p> +„Herr!” war die Antwort „laßt mich dem, dem ich geschworen!<br> +Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt;<br> +Denn, freudig fühlt es meine Seele heute,<br> +Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt,<br> +Was er an Seligkeit nur konnte geben:<br> +Es ist das Glück — für andrer Wohl zu leben!”<br> +</p> +<p> +„Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen,<br> +Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an<br> +In seinem Namen. Ich will für sie sorgen,<br> +Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha’n;<br> +Auch, was ich weiß, ’s ist nicht viel, beiden lehren<br> +Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!” —<br> +</p> +<p> +Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden<br> +Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,<br> +Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte,<br> +Die jetzt so edel ihm entgegen kam;<br> +Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,<br> +Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.<br> +</p> +<p> +Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen,<br> +Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,<br> +Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben,<br> +Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel’gen viel;<br> +Auch wollte sie die Leckermäulchen laben<br> +Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben.<br> +</p> +<p> +Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein,<br> +Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!<br> +Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;<br> +Denn wie aus einem Munde klang ihr „Ja!”<br> +Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:<br> +Ob hier zu bleiben ihnen es behage?<br> +</p> +<p> +Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute<br> +Herrn Kuonrad zu und bat, wie’s schien in Hast,<br> +Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte:<br> +„Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast<br> +Bis morgen; trau’n, sie sollen nichts vermissen,<br> +Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!”<br> +</p> +<p> +„Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen<br> +Und nach zu schau’n, wie es den Holden geht.<br> +Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,<br> +Eu’r Einverständniß vorgesehn! so steht<br> +Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln,<br> +Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln.”<br> +</p> +<p> +Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater<br> +„B’hüet Gott!” zu nehmen, bis zum nächsten Tag,<br> +Indeß’ auch sie zum Abschied sich verneigte.<br> +Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag<br> +Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten,<br> +Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.<br> +</p> +<p> +Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange,<br> +Eh’ sich der Stolze nach und nach besann<br> +Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend,<br> +Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann,<br> +Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,<br> +Wie’s um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen.<br> +</p> +<p> +Daß jedoch in der Kust’rin ihm die Maid begegnet’,<br> +Die seiner Liebe einzig Sehnen war,<br> +Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich<br> +Den Freunden gegenüber, ganz und gar,<br> +Da, sich die Holde wieder zu erringen,<br> +Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. — —<br> +</p> +<p> +Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,<br> +Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ,<br> +War’s, statt der Kusterin, die Ob’rin selber,<br> +Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß,<br> +Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen,<br> +Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen.<br> +</p> +<p> +Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung,<br> +Es thue Noth, die beiden zu erziehn,<br> +Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen,<br> +Des Klosters Armuth und wies darauf hin,<br> +Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen,<br> +Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad merkte sich’s; denn als nun doch die Dame<br> +Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift<br> +Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,<br> +Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift’,<br> +Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,<br> +Als seine Kinder zu St. Agnes seien.<br> +</p> +<p> +Die Ob’rin war’s zufrieden; aber nicht er selber,<br> +Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,<br> +Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte,<br> +Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn<br> +Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen,<br> +Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.<br> +</p> +<p> +Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich<br> +Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,<br> +Mit schwerem Herzen, all’ sein Hoffen bettend<br> +Zu ew’gem Schlummer in der Seele Sarg;<br> +Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben,<br> +In guter Hand zu wissen seine Lieben.<br> +</p> +<p> +So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel<br> +Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert’;<br> +Was sie ersehnt’, in trüben Augenblicken<br> +Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt,<br> +Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,<br> +Der, sich zum Schaden, ihr die Treu’ gebrochen.<br> +</p> +<p> +Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,<br> +Erinn’rung schlummernde Gedanken wach,<br> +Die sie gestorben glaubte, malte Bilder<br> +Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach<br> +Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen<br> +Jed’ ander Denken aus dem Sinn der Reinen.<br> +</p> +<p> +Stets frohen Muthes waltete sie all’ der Pflichten,<br> +Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt;<br> +Gab’s mal zu rügen die oftmals zu Losen,<br> +War bloß der Mund es, der sie schmält’,<br> +Mit mildem Worte wußt’ das Herz zu rühren,<br> +Statt scharf und streng das Regiment zu führen.<br> +</p> +<p> +Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,<br> +Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht,<br> +So auch gediehen unter Elsbeths Pflege<br> +Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth;<br> +In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,<br> +Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.<br> +</p> +<p> +Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen<br> +So manche, die auch Mägdlein eigen nannt’,<br> +Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte,<br> +Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt’,<br> +Und diese baten, jenen doch zu lehren,<br> +Was selbst zu wissen leider sie entbehren.<br> +</p> +<p> +Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern<br> +Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut<br> +Auf solche Weise zunahm, sah sie selber<br> +In all’ den Pfleglingen, die man zur Hut<br> +Ihr anvertraute, einen reichen Garten<br> +Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten.<br> +</p> +<p> +Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe,<br> +Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar<br> +Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,<br> +So daß der Guten bald zu Muthe war,<br> +Als hätte ihr der Himmel schon hienieden<br> +Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. —<br> +</p> +<p> +Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein,<br> +Bis daß im Stift sich eine Schule schuf,<br> +In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,<br> +Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf<br> +Sich widmete, mit Liebe stets beflissen<br> +Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. —<br> +</p> +<p> +Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,<br> +Das „Gotteli von Küssaberg” genannt;<br> +Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,<br> +Der noch im Kletgau überall bekannt,<br> +Das wird dem Leser nun von selber kommen:<br> +Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen!<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,<br> +Kein Krenzlein oder Grabstein weis’t den Ort;<br> +Wär’ auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,<br> +Denn länger lebt im Wort des Liedes fort,<br> +Was sich im Leben treu und ächt erwiesen,<br> +Als was — in Gold auf Marmorstein gepriesen.<br> +</p> +<img src="images/E314.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Anmerkungen.</h2> +<p> +Seite 16. „Heer” — Pfarrherr, Seelsorger.<br> +„ 19. „Pfeitlein” — Hemdlein.<br> +„ 26. „’ring, g’ring,” — leicht, ohne Mühe.<br> +„ 64. „hön” — grollen, böse sein.<br> +„ 65. „Seelgerett’” — für das Heil der Seele nach dem Tode.<br> +„ 68. „Sankt Vrenen Tag” — in Zurzach der 1. September.<br> +„ 68. „kuomli” — angenehm, bequem.<br> +„ 87. „Zindal,” „Palmat,” „Saben” — die ersten beiden Seidenstoffe, das letztere Linnen.<br> +„ 88. „hornin Noster” — zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur (Rosenkranz.)<br> +„ 88. „Hel’gen” — Bilder, Heiligenbilder.<br> +„ 91. „Niftel” — Nichte.<br> +„ 108. „Wannen” — aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum Getreidereinigen.<br> +„ 117. „Kulter,” „Pflumit” — Polster, Bettpfühl, Federkissen.<br> +„ 134. „Nägelein” — Gewürznelken.<br> +„ 175. „batten” — helfen.<br> +„ 198. „stat” — langsam.<br> +„ 213. „wäger” — wahrlich.<br> +„ 214. „Urständ” — Auferstehung.<br> +„ 231. „Göller”— ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück.<br> +„ 250. „Lächen” — Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen.<br> +„ 251. „Mauchen” — früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern, Hintersässen.<br> +</p> +<p> +Seite 252. „Wat” — mittelalterlicher Ausdruck für Anzug.<br> +„ 260. „Richtagen” — Reichthümer.<br> +„ 260. „Huben,” „Hube” — Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart.<br> +„ 266. „Herrenacker” — in Schaffhausen der Hauptplatz.<br> +„ 277. „Schrättlein” — Alpdrücken.<br> +„ 313. „Gotteli” — Verkleinerung von „Gotte,” in Süddeutschland und der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort.<br> +</p> +<img src="images/E316.jpg" alt="Zierde"> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by +Karl Friedrich Würtenberger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + +***** This file should be named 38930-h.htm or 38930-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/ + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38930-h/images/E000.jpg b/38930-h/images/E000.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3848979 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E000.jpg diff --git a/38930-h/images/E001.jpg b/38930-h/images/E001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0ca7c6d --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E001.jpg diff --git a/38930-h/images/E020.jpg b/38930-h/images/E020.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..be8919a --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E020.jpg diff --git a/38930-h/images/E021.jpg b/38930-h/images/E021.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f43f768 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E021.jpg diff --git a/38930-h/images/E042_043.jpg b/38930-h/images/E042_043.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2fb100c --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E042_043.jpg diff --git a/38930-h/images/E048.jpg b/38930-h/images/E048.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6155d6b --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E048.jpg diff --git a/38930-h/images/E049.jpg b/38930-h/images/E049.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..135622a --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E049.jpg diff --git a/38930-h/images/E056_057.jpg b/38930-h/images/E056_057.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..70583da --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E056_057.jpg diff --git a/38930-h/images/E066.jpg b/38930-h/images/E066.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..46121ba --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E066.jpg diff --git a/38930-h/images/E067.jpg b/38930-h/images/E067.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d46558e --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E067.jpg diff --git a/38930-h/images/E078_079.jpg b/38930-h/images/E078_079.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8db768f --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E078_079.jpg diff --git a/38930-h/images/E108.jpg b/38930-h/images/E108.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cd4a828 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E108.jpg diff --git a/38930-h/images/E109.jpg b/38930-h/images/E109.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8881abf --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E109.jpg diff --git a/38930-h/images/E126_127.jpg b/38930-h/images/E126_127.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..04ea4d7 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E126_127.jpg diff --git a/38930-h/images/E146.jpg b/38930-h/images/E146.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c38e3ab --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E146.jpg diff --git a/38930-h/images/E147.jpg b/38930-h/images/E147.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6dda870 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E147.jpg diff --git a/38930-h/images/E158_159.jpg b/38930-h/images/E158_159.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..35dcaf3 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E158_159.jpg diff --git a/38930-h/images/E214.jpg b/38930-h/images/E214.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..23ed40c --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E214.jpg diff --git a/38930-h/images/E215.jpg b/38930-h/images/E215.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8c9882b --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E215.jpg diff --git a/38930-h/images/E236_237.jpg b/38930-h/images/E236_237.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7333b84 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E236_237.jpg diff --git a/38930-h/images/E248.jpg b/38930-h/images/E248.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..684146b --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E248.jpg diff --git a/38930-h/images/E249.jpg b/38930-h/images/E249.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6f89e8c --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E249.jpg diff --git a/38930-h/images/E306_307.jpg b/38930-h/images/E306_307.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5316ad3 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E306_307.jpg diff --git a/38930-h/images/E314.jpg b/38930-h/images/E314.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f234a9b --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E314.jpg diff --git a/38930-h/images/E316.jpg b/38930-h/images/E316.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..70bb793 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E316.jpg |
