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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Elsbeth von Küssaberg + das Gotteli von St. Agnesen + +Author: Karl Friedrich Würtenberger + +Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + + + + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + + + + +Elsbeth von Küssaberg +das Gotteli von St. Agnesen + +Ein episches Gedicht +aus dem Kletgau +von +K. Fr. Würtenberger. + +Mit Illustrationen. + +St. Petersburg. +Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere. +1889. + + +Alle Rechte vorbehalten. + +Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt. +St.-Petersburg, den 14. December 1888. + + +Meiner herzlieben Heimat +zum freundlichen Andenken. + + +Erstes Kapitel. + +Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden, +Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut, +Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau’s, +Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut; +Vom Tann’ bekränzt, von Eppich übersponnen — +Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. — + +Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste, +Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest; +Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe +Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest. +Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen, +Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen. + +Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen, +Ein hundert Jahre alter Epheukranz, +Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern, +Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz; +Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen, +Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen. + +Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken +Verwehren neidisch des Besuchers Fuß +Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen, +Die weithin winken ihren goldnen Gruß. +Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel +Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel. + +Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben, +Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum +Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen, +Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; — +Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen, +Die beide noch mit festen Mauern prangen. + +So liegt die Stätte heute stille und verlassen, +Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost. +Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen +Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost +Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen, +Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. — + +Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen. +Hoch überm Thore prangt das Wappenschild +Der alten Küssaberger steingemeißelt; +Sie führten eines Löwen Haupt als Bild. +In braungetäfelten Gemächern waltet +Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet. + +Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen, +Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn. +Muß immerdar der holden Herrin denken, +So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin; +Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren, +Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren. + +Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte +Und was es war, das mich zum Singen zwang. +Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung +Mein Küssaburg zu weihen im Gesang, +Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen; +Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. — + + * * * + +Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend +An einem Julitage, wie gewohnt, +Hinunter auf die Rebenhänge blickend, +Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont, +In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten, +Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten. + +So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend, +Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein, +Erhoben sich die Blicke mälig höher, +Weit über waldgekrönte Hügelreihn, +Bis wo, als ob im Duste sie verblauten, +Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten. + +Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke +In selten klarem, wundervollem Glanz; +Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc — +Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz. +Es war, als schmückte den uralten Firnen +Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen. + +Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura +In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort, +Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe +Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort. +Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen, +War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel“ zu schauen. + +Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus +Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß +Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen, +Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. — +Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde, +Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde! + +Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks; +In vollen Zügen trank ich Waldesduft, +Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt. +Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft, +Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen, +Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! — + +Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren, +Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein; +Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen +Wie unsereines hier im Sonnenschein. +Es waren darum gar nicht schlecht berathen, +Die einst dahier sich häuslich niederthaten. + +Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes? +Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann? +That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte, +Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? — +So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen, +Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. — + +Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten; +Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick. +Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken, +Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick; +Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben, +Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — — + +Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen, +In deren Fenstern Laden anstatt Glas, +— Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen, +Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, — +Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden, +Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen. + +Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried, +Wie üblich seines Herren Wohngemach +In sichrer Höhe bergend, von wo weiter +Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach +Zur Laube führte, die den Thurm umspannte, +Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg“ wandte. + +Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle, +Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank, +In welcher fahrendem Gesind zuweilen +Man Obdach bot und Speis’ und Trank. +Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite, +Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite. + +Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen +Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft; +Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel +Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft. +Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen, +Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen. + +Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse; +Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt, +Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten, +War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt, +Der Stall und die Gelasse für die Leute, +Ein Falkenhaus und eines für die Meute. + +So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen. +Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr, +Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute +Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr; +Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern, +Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — — + +Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag +Da nahte ihr gemach ein junger Mann, +Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte, +Das langsam fürbas seine Schritte spann. +Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter, +Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter. + +In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein, +Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß +Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte, +Denn heute schien die Sonne gar so heiß; +Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen, +Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen. + +Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte, +Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt, +Verriethen leicht den adeligen Herren, +Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt. +Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken, +Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken. + +Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde +Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn, +Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten. +Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn, +Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben, +Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben. + +Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte +Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt, +Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend, +Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’. +Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen, +Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen. + +Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben. +Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt +Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren. +Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd; +Dem ersteren, er mußte flink sich rühren, +Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. — + +Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne +Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt, +War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert. +Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt, +Sah Zehentgarben seine Bauern bringen; +Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen. + +Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte, +Bemerkte man von ungeübter Hand +Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben, +Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand. +Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken, +Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken. + +Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben, +Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft, +Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang +Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft; +Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend, +Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend. + +Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte, +War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch. +An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen, +Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch; +In einer Ecke sah man Füße prangen +Von einem Bette, das jedoch verhangen. + +Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache +Die andre Seite fast zur Hälfte ein +Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte, +Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein; +Denn „Greif“ und „Pfeil“, des Vogtes Lieblingshunde, +Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde. + +Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen, +Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht, +Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen +Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht. +Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen, +In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. — + +Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen +Und stemmte dann die Hände auf den Tisch, +Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend. +Nun er so da stand, seine Wangen frisch +Geröthet und noch dichten, blonden Haaren, +War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren. + +Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen, +In denen Schalkheit sich mit Güte paart’. +Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte +Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart, +In welchem sich, bei näherem Betrachten, +Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. — + +Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken, +Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’, +In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde, +Denn wie aus einem Munde klang es laut: +„Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!“ +„„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...““ + +Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten, +Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’, +Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte, +Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’ +Das Zimmer, ohne weiteres versäumen, +Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen. + +Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte, +Zog selbst der Junker eine Fensterbank +Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder, +Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank, +Ein Gläslein vom Gesims herunter langte, +Vor dessen Größe heute manchem bangte. + +Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren, +Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach: +„Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!“ +Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach +Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren, +Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren. + +Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte, +Litt dies der Junker nicht; er meinte fein: +„Laßt mich erzählen, warum ich gekommen, +Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!“ +Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen, +War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. — + +„Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen,“ — +Hob frisch der Junker an, „bei Eurem Herrn, +Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen, +Und ich gab wahrlich Euch die Zusag’ gern; +Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt’ halten, +Verdanken wir des Bischofs klugem Walten.“ + +„Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich +Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich; +Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen, +Wo beide Parten scheuen den Vergleich, — +Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen, +Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen.“ + +„Ihr wisset, wie ich denke kommt’s mir auch vom Munde. +Zwar schafft’ ich dadurch mir so manchen Span, +Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre, +Hätt’ ich der Zungen nicht den Lauf gela’n. +Ja, klug ist’s schon zur rechten Zeit zu schweigen, +Möcht’ nur die Unzeit sich im Voraus zeigen! + +„So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche, +Den im Konzil sie über Huß gefällt. +Es war dem Manne frei Geleit versprochen; +Doch, wie man Oben das Versprechen hält, +Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen; +Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!“ + +„An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln, +So dachte ich in gradem, biedrem Sinn; +Drum konnt’ den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen +Und, offenherzig, wie ich einmal bin, +Bekannt’ ich ehrlich, was ich drüber dachte, +Weil Sigismund sein Wort so wenig achte.“ + +„Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren, +Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl, +Ließ hart er an den Bischof meinetwegen +Und schrie, man hörte es im ganzen Saal. +Der König war gekränkt, nicht abzusehen, +Ob mir der Ohm Verzeihung mocht’ erflehen!“ + +„In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber +Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund: +Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse +Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund’ +Gesendet werde, was er noch beschlossen, +Und ob der König mein noch denkt verdrossen.“ + +„So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen, +Wo mich der Rheinfall eine Weil’ gestellt. — +Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen +Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt! +Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten +Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!“ + +„Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte, +Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang. +Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder +Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang. +Den Weg durch’s Kletgau hab’ ich fein gemieden, +Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden.“ + +„Mein Roß und ich — wir haben wacker ausgehalten, +Bis heute früh wir Euer festes Haus +Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten. +Da schien’s mit meines Thierlein’s Kräften aus; +Doch war’s nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten, +Ließ drum beim „Wirth am Berg“ zu Küßnach rasten.“ + +„Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh’ gepflogen, +Hätt’ mir geschwant, daß hier heraus der Pfad +Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet. +So gab’s für Mann und Roß ein heißes Bad! +Nun aber — saget mir ganz unumwunden, +Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?“ + +Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser +Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein +Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd: +„Von Herzen heiß’ ich Euch Willkommen mein, +Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen; +Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!“ + +Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander +Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug. +Zum Danke bot der Junker seine Rechte +Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug: +„Ein Mann — ein Wort heißt es in deutschen Landen, +Wird leider allzuwenig nur verstanden!“ + +„Traun!“ fuhr er launig fort, „was wir hier bieten können, +Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn. +So lange Ihr auf Küssaberg verweilet, +Wöll’n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! — +Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen, +Den Frieden hier in keiner Weis’ zu brechen.“ + +„Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern, +Als unsereinem, da heißt’s langsam ’than! +Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan, +Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn. +Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben +Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben.“ + +„Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen, +So es der Zufall fügte, daß Ihr stört, +Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen, +Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört; +Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele, +Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!“ + +„Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen, +Wie solche wohl mal junge Herren plagt, +So stehen rings Euch Forst und Felder offen; +Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd. +Erlaubt’s die Zeit, so mag ich Euch begleiten, +War je schon meine Lust, im Tann’ zu reiten.“ + +„Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen, +Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid; +Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust +Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid. +Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen, +Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!“ + +„Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten. +Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht, +Allwo der Bauer seit Urväter Tagen +Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht; +Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen +Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen.“ + +„Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen; +Es sind der Mannen eben nicht zu viel +Hier oben und, besonders jetzt im Sommer, +Nur selten Tage für ein müßig Spiel. +Im Winter freilich, sind wir desto freier, +Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier.“ + +„Doch wozu schwatz’ ich lange!“ unterbrach er selbst sich, +„Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach, +Derweil ich plaud’re. Gleich soll Euch dies werden; +Nehmt vorlieb nur mit dem gebot’nen Dach. +Für’s erste, denk’ ich, wird es Euch erquicken, +So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!“ + +Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür’ gegangen, +Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt, +Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen, +Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward: +Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen +Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen. + +Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte, +Besiegelte ein derber Druck der Hand +Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten +Und warme Freundschaft beider Herzen band. +Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig, +Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig. + +Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen, +Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn, +In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte. +Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn; +Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen, +Soll, wie er’s wünschte, dem die Herberg frommen. + + * * * + +Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken, +Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild. +Fast bang’ ich, daß, nach so viel langen Jahren, +Erinn’rung treu behielt dein Wesen mild, +Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken +Aus Deinen Augen: laß’ den Muth nicht sinken! + +So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder. +Ich seh’ im blauen Linnenkleid Dich gehn, +Aus dessen aufgeschlitzten, puff’gen Aermeln, +Das weiße „Pfeitlein“ liebt’ hervor zu sehn; +Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen +Und lose um den schlanken Leib geschlungen. + +Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen, +Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht; +Des Haares goldne Wellen schau ich wieder, +Wie noch es ungern sich zusammenflicht. +Dein fröhlich Lied, ich hör’s im Herzen klingen, +Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen. + +Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede; +Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß +Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte, +Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß. +Dein lieblich Lächeln, heut’ noch kann ich’s schauen, +Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen! + +Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen, +Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund. +Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern +Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund’; +Wem Speis’ und Trank gebricht, dem wirst Du spenden; +Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden. + +In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe +Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod; +Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet, +Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. — +Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume! +Elisabeth, was sag’ ich noch zu Deinem Ruhme? — + + +Zweites Kapitel. + +Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen. +Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch +Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen; +Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch, +Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen +Der Morgenglocken laute Weckerstimmen. + +Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel +In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt. +Erröthend treten frisch dem Tag entgegen +In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt; +Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern! +Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern? + +Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge +Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft. +Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd, +Verfärben mälig sich zu blauem Duft; +Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen +Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — — + +Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle +Verkündet, daß ein neuer Morgen wach, +Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein, +Wo still der Kaplan seine Messe sprach, +Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen, +Geduldig harrend auf das letzte Amen. + +Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage, +Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn +Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle, +Was jeder heute sollte schaffen gehn; +Denn vorher schickte keiner sich zum Essen, +Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. — + +Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe +Und brachte ihren Gruß dem Vater dar, +Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte +Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar; +So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen, +Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. — + +„Erlaubet Vater,“ hörte heut’ man Elsbeth sprechen, +„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal, +Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder, +Als ich in Küßnach war das letzte Mal; +Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen, +Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.“ + +„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen, +Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei, +Denn es gebricht an Nahrung für den Armen; +Ist diese da, ist bald der Brest vorbei. +Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen, +Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.“ + +„Der Kunz,“ entgegnete der Vater, milde lächelnd, +„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht; +Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen, +Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!“ +Da, wie gerufen, nahte von der Seite +Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. — + +Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte, +Erzählte er der Tochter von dem Gast +Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten, +Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’; +Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen, +Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. — + +„Man möchte Euch den Kunz entführen!“ sagte heiter +Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß, +Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken, +Der lange schon sein Siechbett hüten muß, +Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen +Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!“ + +Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen, +Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’ +Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten; +Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand, +Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen, +Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!“ + +Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen, +Und fragend schaute sie zum Vater aus. +Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden, +Und so erwiederte sie sittsam draus: +„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen, +Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.“ + +„Es ist ein gutes Werk,“ sprach noch sie, leis erröthend, +Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil, +Den uns die Armen ja von Gott erstehen, +An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil, +Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben — +Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.“ + +„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen, +Nehmt aber vorher guten Imbiß ein; +Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten +Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!“ +Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle, +Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle. + +Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen +An einem Tische doch noch Herr und Knecht. — +Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte, +War Haferbrei, der, steif gekocht und recht +Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte, +Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte. + +Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende, +Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd. +Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen +Mit einem Häslein von der letzten Jagd; +Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine, +Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine. + +Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen, +Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach, +Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden. +Sie kannte noch kein besser Sonnendach; +Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen, +Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen. + +Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden, +Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand, +Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich +Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand, +Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte, +Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte. + +Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder. +Noch blühten Glockenblumen, Thymian, +Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen, +Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian, +Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten +Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten. + +Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten +Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht +Zu schwer geworden; aber stets verneinte +Der Junker dies mit freundlichem Gesicht. +Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen, +Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen. + +Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden, +Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging; +Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten +Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring. +Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen, +Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen. + +Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts; +Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang; +Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig +Und schien dem Junker bald unendlich lang. +Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder, +So gut er konnte durch die Halde nieder. + +Das Körblein aber ward indessen immer schwerer. +Er sprach im Stillen manches derbe Wort, +Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen, +Am Gehn ihn hinderten in einem fort. +Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen, +In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen? + +Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige, +Zur Rechten sah er einen Rebenhang +Und links, im Schatten alter Wallnußbäume, +Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang. +Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen, +Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen. + +Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten: +„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus! +Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden; +Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!“ +Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte, +Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte. + +Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger +Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein +Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser +An eines Baches grünem Uferrain, +In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte, +Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte. + +„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!“ +Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand +Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen, +Die an dem Wege durch den Wald sie fand, +Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden, +Der Platz an ihrem Busen sollte finden. + +Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte +Und lagerte sich hin in’s hohe Gras; +Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden, +So daß sein Träger nicht zu nahe saß. +Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden, +Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden. + +Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren: +„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann +Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend +Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann. +Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen, +Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen. + +So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte +Er jedes Mal auch irgend eine Mähr +Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset, +So daß am liebsten dann ich draußen wär. +Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer, +Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!“ + +„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber; +Doch fürchte ich des Auges bösen Blick, +Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren +Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick. +Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen, +Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!“ + +„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen. +Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt, +Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen +Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. — +Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen, +Daß Eurer ich erst wartete im Freien.“ + +Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen +Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß +Am Busen festzunesteln. Damit fertig +Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus; +Vom Thale klang des Baches munter Rauschen, +Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen. + +„Da war ich übel dran,“ versetzte jetzt der Junker, +Ihr Träumen unterbrechend, „als allein +Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet! +Mir schwante selber, daß es dort nicht rein; +Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen +Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!“ + +„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden +Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld, +Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer? +Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld, +Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen, +Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?“ + +Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben, +Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht. +Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen: +Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht? +Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen, +Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen. + +Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen, +Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz; +Der Junker kürzte also schnell die Rede +Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz: +„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen, +Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!“ + +„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen; +Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild +Und will es halten, als der Herrin Farbe, +Zum Angedenken holder Dame Bild. +Gewähret daher gerne mir die Bitte; +Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!“ + +Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth +Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar. +Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte, +So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar, +Und dankte, glücklich über die paar Blüthen, +Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten. + +Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte, +Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand +Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen. +Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand; +Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen, +Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen. + +„Bin dieses nicht gewohnt,“ klang heiter ihre Antwort, +„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält. +Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen, +Denn wenig nur sah ich noch von der Welt; +Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen? +Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!“ + +Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen, +So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt. +Es glich die Maid der zarten Eppichranke, +Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt +Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden; +Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden. + +Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte, +Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah +Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder +Und was ihm selber da und dort geschah. +Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen, +Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. — + +Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet +Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt +Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen, +Von fremden Sitten und gar feiner Art. +Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen +Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen. + +Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben +Und lauschte staunend jeder neuen Kund’. +Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen, +Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund; +Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,“ +Als ob sie selber in des Zelters Bügel. + +Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen +Ein wälscher Bube fast ihn niederstach, +Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths, +Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach; +Am Arme aber fühlte er ein Drücken, +Als müßte noch ihr seine Rettung glücken. + +Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens, +Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn; +Nicht, wie die Hörigen einander winkten, +Als ihre Herrin still sie wandeln sahn. +Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege +Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege. + +Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben, +Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand. +Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen; +Doch, wie er eben überlegend stand, +Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen, +Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen. + +Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes +Zu einem Holzblock hin, der unweit stund. +Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker +Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund +Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen +Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. — + +Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth +Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt; +Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen, +Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt, +Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen, +Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen. + +Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer +Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt; +Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen, +Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt. +Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen, +Daß es viel besser seit den letzten Tagen. + +„Das Weib ist noch im Felde draußen,“ sprach er heiser, +Nach etwas Futter für die Geis zu sehn; +Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten, +So gut es mag mit schwachen Kräften gehn. +Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder, +Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!“ + +Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden, +Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein +Und sagte: „in dem Krug das Tränklein, +Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein; +Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen, +Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!“ + +Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein +Und wechselte mit jedem einen Kuß; +Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln, +Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß, +Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte, +Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte. + +„Die Herrin blieb sonst länger!“ meinte Seppel brummend, +Als er so eilig sie verschwinden sah; +Sie selber mochte ähnlich denken, aber — +Vorm Hüttlein wartete der Junker ja. +Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter; +Es sprang vergnügt von seinem Block herunter. + +Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen +Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß +Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte. +Dann strampelte das Büblein rasch sich los, +Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden; +Es wußte ja, nun würde Brod sich finden. + +Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern! +Mir weigerte der Junge Gruß und Wort; +Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben +Und küßt und liebkost Euch in Einem fort! +Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen; +Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?“ + +„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!“ +Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück: +„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd +Ein uns oft lange schon entschwunden Glück. +In jede Kinderseele bringt man Leben, +Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!“ + +„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig, +Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast! +Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller; +Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt. +Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen, +Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!“ + +Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth +Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest, +So ihr das Büblein vorhin arg verschoben, +Als sie es küssend an die Brust gepreßt, +Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute, +Da selten wohl ein schöner Bild er schaute. + +Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet +War sie bemüht ein widerspenstig Paar +Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben, +Das blau umzog das herrlich blonde Haar, +Und als sich ihr die Losen endlich fügen, +Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen. + +Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz, +So voller Unschuld ihm entgegensah, +Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen +Von solchem Schauen wunderbar geschah, +Sich tief erröthend wandte um zu gehen, +und er nun auch nicht durfte bleiben stehen. + +Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten, +So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht; +Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich +Ein fröhlich lachend Kinderangesicht. +Am Wege aber harrten auch die Alten, +Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten. + +Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet, +Kam schon von Weitem auf sie zugerannt +Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen; +Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt, +Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden, +Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden. + +Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken, +Sie fehlten heute für die Kinderschaar; +Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen, +Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war! +Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen, +Und gab für heute es drum nichts zu naschen. — + +Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig, +Die Kinder zogen heim in muntrem Trab; +Nun bot von neuem seinen Arm der Junker; +Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab: +„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen, +Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!“ + +„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern, +Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein, +Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen, +Wie sie im Sommer blühen hier am Rain; +Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen, +Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!“ + +Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen +Und schilderte, was draußen er geschaut; +Was ihm gefallen in den fremden Ländern +Und wie er da und dort dem Glück vertraut. +Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen; +Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen. + +Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache, +Schritt sie indessen ihm zur Seite hin, +Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend, +Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien, +Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken, +Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken. + +Nur, als sie weiter oben an der Halde waren, +An jener Stelle, wo sie erst geruht, +Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden: +„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.“ +War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen, +Der Junker konnte dafür mehr erzählen. + +So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam +Zusammen aufwärts durch den grünen Wald, +Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet, +Und wandelten im tiefsten Schatten bald, +Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte, +Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. — + +Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet, +Daß längst verschwunden war des Himmels Blau +Und schwere Wolken über ihnen dräuten, +Die alles hüllten in ein düster Grau. +Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden +Am Hungerberge zogen, sturmbeladen. + +Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken +Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß. +Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen +Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos; +Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder, +Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder. + +Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen, +Es rann und schwoll das nasse Element; +Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome, +Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt. +Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte +Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte. + +Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend, +Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht. +Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich +Mit greller Flamme hellte rings die Nacht; +Auch betete sie leis den Wettersegen, +Der soll sie schützen und der Sturm sich legen. + +Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen, +Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn; +Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher, +Daß dieses bald vorüber dürfte gehn. +Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen, +Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen. + +Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten, +Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth. +Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise: +„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut; +Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren, +Hat sicher das Gewitter her beschworen.“ + +„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel +Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg +Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet, +Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg. +Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden, +So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!“ + +„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren +In seiner ganzen unheilvollen Macht; +Verderben bringt es oft auf viele Jahre, +Als hätte uns die Sonne nie gelacht, +Und, wo wir heute noch im Grünen gehen, +Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!“ — + +Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder +Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum, +Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen, +In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum; +Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen, +Der sich im Moos verliert in leisem Zischen. + +Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel, +Und krachend fällt so manches grüne Haupt; +Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige, +Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt. +Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen, +Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen. + +Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet, +Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug; +Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern, +Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug. +So steht sie mitten in dem grausen Rauschen +Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen. + +Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen +Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut; +Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen +Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut. +Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen, +Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen. + +Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset, +Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht, +Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes +Empfehlend, deren Fürsprache und Macht +Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden +Und gnädig alles Unheil abzuwenden. + +Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben, +Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall; +In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft, +Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall. +Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben, +Und heller wird es in den Wipfeln oben. — + +Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber, +Geendet wähnte Elsbeth alle Noth. +Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten, +Von seiner Stirne floß es blutigroth, +In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder; +Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder. + +Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad +Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut; +Nur leise hob die Brust sich auf und nieder, +Wie einem der die letzten Züge thut. +Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände, +Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände. + +Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen, +Mit stummer Freude hat sie es gehört, +Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen, +Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört; +Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen, +Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen. + +Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen, +Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt; +Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen, +Noch immer der Besinnung ganz beraubt; +Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen, +Sah wieder sie die Lippen zitternd regen + +Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen, +Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft. +Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen, +Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft, +Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen +Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen. + +Er wachte mälig auf und seine braunen Augen +Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick; +Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen +Ihr Trost zu spenden über sein Geschick, +Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben, +Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben. + +Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte, +Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand, +Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse, +Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand. +Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder +Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder. + +„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen! +Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern +Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber. +Die Heiligen und Euer guter Stern, +Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen, +Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!“ + +Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch +Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach, +Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben; +Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach, +Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden, +Die anzuhören Elsbeth will vermeiden. + +Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten! +Bis dahin müssen wir zu Hause sein; +Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden, +Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein. +Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen +Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!“ + +Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne, +Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar. +Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden +Und spülte es im nächsten Rinnsal klar, +Dann ward die Wunde gut und fest verbunden; +Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden. + +Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten +Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg. +Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen +Vom Regen noch im buschigen Geheg. +Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen, +Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen. + +Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden +Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor; +Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen, +So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor. +Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen, +Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen. + + * * * + +Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke, +Wo schon der Herrin harrend Frida stund; +Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber, +Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund. +Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten, +Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten. + +„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!“ +Hob zungenfertig jetzt die Alte an, +„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen; +Doch da hat es am wüstesten gethan! +Wird heute nun die Herrin auch noch lachen, +Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen? + +„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert. +Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern. +Sollt immer in der Kemenate sitzen +Und Litaneien lernen bei dem Herrn! +Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen; +Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!“ + +Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte: +„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her, +Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet; +Denn siehst Du nicht? er leidet schwer! +Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder, +Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!“ + +„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen, +Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit +Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden, +Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht! +Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden, +Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!“ + +Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer. +Vom Blutverluste wohl ein wenig matt, +War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen +Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’. +Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen, +Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. — + +Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke +In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar +Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker. +Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war; +Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde — +Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde! + + +Drittes Kapitel. + +Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte, +That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht; +Denn kaum war eine Woche hingegangen, +Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht +Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen, +Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen. + +Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte, +Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel, +So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster +Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel. +Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen, +War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. — + +Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen +Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’, +So oft es nöthig, drauf den Wassereimer, +Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht +Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen, +Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen. + +Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf, +An dessen sonnenreichem Mauerrand +Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte, +Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand +Und Krautwerk für die Küche und die Kranken, +Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken. + +Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig; +Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch +Die Rosen künstlich sich veredeln lassen. +Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch +Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen, +Die zu erzielen beide sich bemühten. + +Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche, +Wo Frida herrschte, bis die Herrin da; +Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen, +Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah. +Das Essen mußte pünktlich fertig stehen, +Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen. + +Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte, +Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’ +Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth +Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu; +Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge +Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge. + +Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen +Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund; +Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders, +Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund +Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen, +Die fern dem Texte des Erklärers lagen. — + +Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen, +Indess’ die Augen nach der Sonne sahn, +Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben +Im Bogenfenster endlich möchte nahn; +Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen, +Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen. + +Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet, +Gleichviel ob einer hoffet oder bangt; +Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen, +Der Jugend langsam, die noch viel verlangt, +So ließ sie heute auch die Sonne sinken, +Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken. + +Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten. +Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’ +Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen, +Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’, +Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land“ erkoren, +Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren. + +Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen +Der Berge nennen, so von hier man sah; +Nun aber war sie doch etwas verlegen +Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah. +Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze +Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze. + +Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich +Dem Junker zu und sagte, mit der Hand +Hinüber auf die weißen Riesen deutend, +In deren Anblick er versunken stand: +„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen; +Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!“ + +„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten, +So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’; +Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, — +Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’! +Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten, +Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.“ + +Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort, +Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand, +Der Abendsonne goldne Schimmer flossen +In Purpurfluthen über alles Land, +Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten, +Die überm „Randen“ sich gelagert hatten. + +„Schaut dort,“ hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären, +„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,“ +Es ist der „Säntis“ mit dem „Hohen Kasten“ +Und nebenan, rothgülden angehaucht, +Stellt kühn der „Altmann“ sich in ganzer Breite +Den ersten beiden Recken an die Seite.“ + +„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken, +Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee, +Die nennen „Churfürsten“ sich stolz mit Namen +Und spiegeln sich in einem grünen See, +Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben, +Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.“ + +„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch“ weiße Krone; +Die steilen Wände stehn getaucht in Blau, +Und rosig überhaucht vom Sonnengolde +Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau. +Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen +Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.“ + +„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel, +Mit starren Felsen ringsum eingefaßt, +Ist „Vrenli’s Gärtli,“ eine Alp vor Zeiten; +Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt, +Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren, +Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.“ + +„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.“ +Keck ragt der auf zum blauen Firmament, +Als stützte er allein des Himmels Bogen. +Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt, +Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen — +Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.“ + +„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter, +Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr; +Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen +Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr. +Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern, +Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!“ + +„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks“ Riesenkuppe; +Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor; +Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen, +Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor. +Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen, +Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.“ + +„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig, +In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee, +Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren +Und blinkt dazwischen mancher klare See, +So, wenn der Frühling die Gestade kränzet, +Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.“ + +„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,“ +Das „Sustenhorn“ soll dessen Nachbar sein. +Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe +Vergüldet sind vom Abendsonnenschein; +Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften +Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.“ + +„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten +Empfangen eben ihren letzten Gruß! +Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern +Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß; +Bald wird der „Lägernberg“ im Dunkel stehen, +Schon jetzt ist Badens „Stein“ nicht mehr zu sehen.“ + +„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne, +Die geben sich so schnell gefangen nicht; +Denn, während überall schon Nacht sich breitet, +Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht. +Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden, +Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!“ + +„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel, +Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn, +Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben, +In Himmelslüften badend mir die Stirn’ +Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern, +Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!“ — + +Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen, +Die, hold verklärt in wundersamem Glanz, +Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten +Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz, +Indessen abendwärts, von Gold umflossen, +Die Sonne wich mit ihren müden Rossen. + +Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels +Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt, +Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte, +Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt? +Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen +Und mußte sich der Junker folgsam zeigen. + +„Ich muß mich eilen,“ sprach sie, „denn des Abends Schatten +Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt; +Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln, +Der letzte Schein des Tageslichts verjagt +Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen, +Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!“ + +„Dort jener,“ eilte sie sich weiter mit Erklären, +„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad, +Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue, +Soll der „Sankt Gotthard“ sein, von wo ein Pfad, +Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde, +In wälsches Land sich steil und schaurig winde.“ + +„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet, +Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht, +Heißt der „Pilatus;“ er hat seinen Namen +Von einer Sage die im Lande geht: +Es soll der Böse dort den Richter plagen, +Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.“ + +„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen, +Sind „Finsteraarhorn,“ „Schreck-“ und „Wetterhorn,“ +Dann „Mönch“ und „Eiger,“ wo im längsten Sommer +Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn +Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer +Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!“ + +„Es ist die „Jungfrau.“ Herrschend über all’ die Riesen, +Ist sie nur selten mal des Schleiers bar; +Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine, +Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar, +Um vor dem Schlafengehn den alten Recken +Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.“ + +„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne, +Die leise ausziehn über unser Haupt, +Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen, +Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt. +Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel, +In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!“ — + +Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen +Des Wächters Horn in langgezognem Schall, +Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend; +Vom „Hungerberge“ scholl der Wiederhall +Und mischte sich mit fernem Glockensummen, +Das bald erstarb in mäligem Verstummen. + +Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler, +Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch, +Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche, +Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch, +Und droben, hoch in ungemeßner Ferne, +Erglänzten schimmernd Millionen Sterne. + +Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel, +Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf; +Dann war es wieder, als ob leichte Füße +Zum Brunnen huschten in behendem Lauf, +Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte, +Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte: + +„Eine Tanne, schlank und duftig, +Meiner Minne Maienzier +Stelle ich zum Angedenken +Nächtens vor braun Maidlins Thür.“ + +„Rosmarin und rothe Ilgen +Schmücken viel den Maienbaum, +Meine Seele aber zieret, +Süßer Minne holder Traum.“ + +„Gäb ein Schlüsselein die Feine +Mir von Gold, ich schlöß sie ein, +Tief in meines Herzens Schreine +Und verlör das Schlüsselein.“ + +Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf, +Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall, +Erst leise, bis der rechte Ton getroffen, +Die Antwort drauf in glockenreinem Schall. +In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele, +Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle: + +„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne. +Und die feinen Blümlein stehn; +Denke, was die Mutter sagte, +Würd’ den Maienbaum sie sehn?“ + +„Hast den Schlüssel Du verloren, +Ist mir recht; denn wahre Minn’ +Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel, +Und bleibt doch im Herzen drin’.“ + +„Tief im Walde grünt die Tanne, +Rothe Ilgen duften fein. +B’hüet Dich Gott in stiller Kammer, +Und gedenk’ der Treuen Dein!“ + +„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!“ sagte Elsbeth +Zum Junker, als der Sang verklungen war. +„Sie sind sich zugethan in allen Ehren +Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar; +Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen +Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.“ + +„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,“ schloß sie freundlich, +„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!“ +Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden +Und huschte nun die Wendeltreppe sacht +Hinunter, daß die trocknen Treppensparren +Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. — + +Herrn Kuonrads „Gute Nacht!“ kam ihr nicht mehr zu Ohren, +Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt. +Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen, +Wo eben noch die Liebliche geweilt; +Er blickte sinnend nach dem Abendsterne, +Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne. + +Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele +Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit. +Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne, +Um die im Stillen unlängst er gefreit, +Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen, +Da sie nur ihn begünstigte vor Allen. + +Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen, +Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt, +Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten, +Daß bald ihm werde der Erkornen Hand. +Da kam der Span mit Sigismund dazwischen, +Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen. + +Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele: +Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht, +Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen, +Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht; +Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten, +Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten. + +Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben, +Es trat an dessen Platz ein ander Bild: +Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte, +Nein, lieblich, hold und fein und mild; +Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen +Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen. + +In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen, +Er konnte tief in ihre Seele schau’n, +Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’ +Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n. +Die Huldgestalt in Minne zu umfangen, +War seines Herzens stürmisches Verlangen. + +So stand er, sich versenkend in die lieben Züge, +Im Wesen ihm und in Gedanken nah; +Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern, +Was hier zum ersten Mal sein Auge sah: +In Züchten stiller Minne treu ergeben +Und milde waltend, deutsches Frauenleben. + +Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein, +So stolz, weil es entstammte wälschem Blut; +Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten, +Und doch verriethen tief verborgne Gluth! +Das tausendmal am gleichen Sommertage +Die Laune wechselte zu seiner Plage. + +Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen, +Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual. +Der Oheim mußte längst geworben haben, +Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl? +Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen, +Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen. + +Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend, +Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt. +Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben, +Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt; +Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden, +Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden. + +Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe, +Die er, im Dunkel tastend, niederstieg, +Um unten noch beim Vogte vorzusprechen, +Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg. +Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten; +Die Herren mochten seiner lang schon warten. — + +Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen, +Verkürzten sich die Knechte auf der Bank +Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern; +Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank, +Als diese noch, auf allgemein Verlangen, +Ein paar „Gesätzlein,“ die hier folgen, sangen. + +Wir lieben’s den viel rothen Wein, +Denn er geht frisch in’s Blut uns ein. +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! + +Kommt es auch vor, daß wir einmal +Festsitzen bis zum Morgenstrahl; +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! + +So sind dem Zecher doch nicht hön +Drob unsre lieben Frauen schön, +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! + +Hallowerwein, Du Edelblut, +Du schmeckst zu allen Zeiten gut; +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! + +Und geht es einst auf’s Todtenbett, +So reichet uns, als Seelgerett’, +Von Hallau Saft der Reben, +In’s Jenseits uns zu heben! +Von Hallau Saft der Reben, +In’s Jenseits uns zu heben! + + ——— + +Der schönste Tod, den ich mir weiß, +Das ist: im Wald zu sterben; +Viel schöner, als im Bette heiß, +Aus Lumpen zu verderben! + +Der beste Wein, so jeder kennt, +Er muß wohl sein gegohren; +Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt, +Der d’Hörnlin hat verloren! + + ——— + +Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut, +Du Edeltrost der Mannen! +Wie schmeckst Du allerorten gut, +Aus Humpen und aus Kannen. +Hat einer von Dir etzlich Stück +Im kühlen Keller vergraben, +So preis’ er’s als sein größtes Glück, +Am Weine sich zu laben! + +Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost, +Vielschöne Maid im Walde! +Nach Deiner minniglichen Kost +Sehn’ ich mich nur zu balde. +Wer immer Dich sein eigen nennt, +Dem brennt ein Feu’r im Herzen; +Macht, daß er keine Jahrzeit kennt +Und thaut, wie Schnee im Märzen! + + ——— + +Was ist es, dessen sich freuen soll +Am ersten ein guter Zecher, +Wenn ihm die Maid einen Humpen voll +Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher! +Ist es das Naß in der Kanne klar, +Hellperlendes Blut der Reben? +Ist es der Maid frisch Lippenpaar, +Nach denen geht sein Streben? +Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn, +Das braucht’s nicht lang zu rathen; +Ein Jeder tröst’ sich Beider gern, +Vom Spielmann bis Prälaten! + + ——— + +Mein Mägdlein trägt ein Camisol +Mit einem Purpursaume; +Nun gute Nacht und schlafet wohl, +Und denket mein im Traume! + + +Viertes Kapitel. + +Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler, +Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn. +Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich, +Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn; +Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle, +Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale. + +Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen +Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit, +Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel, +Doch der wich kaum um eine Spanne breit; +Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen, +Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen. + +Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen, +Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust. +Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler, +Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust; +Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden, +Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. — + +Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf +Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß. +Sie feierten die Heilige in Zurzach, +Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß, +Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten, +War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten. + +Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden, +Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf, +Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten. +Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf, +Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen, +Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen. + +Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore. +Dort ließen Haus und Xaver alsgemach +Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder, +Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach: +’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren, +Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!“ + +„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen; +Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!“ +Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend, +Denn an der Winde galt es Manneskraft, +„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen, +Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!“ + +„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!“ +Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht. +Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel +Find’t stets das Beste grade für sich recht; +Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen +Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.“ + +Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte, +Da polterte es von der Brücke her, +Schnell traten beide drum zur nächsten Luke, +Von der man übersah des Schlosses Wehr. +’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben, +Wie immer, mußte vor dem Vogte traben. + +Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter, +Des Zelters Zügel in der zarten Hand. +Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen +Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand; +Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen, +Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen. + +Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen, +Daß nicht entrolle sich die goldne Flut; +Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend +Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut, +Der leicht beschattete die feinen Züge, +Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge. + +Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker. +Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’, +Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter, +Bat er den Hausgenossen zum Geleit; +Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten, +Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten. + +Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel, +Dicht hinter Benno und dem Junker ritt. +Sein eigensinnig Rößlein wollte traben, +Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt; +Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen +Verhalfen es in rechten Gang zu bringen. + +Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe +Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand. +Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen, +War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand, +Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte, +Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte. + +Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber +Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg +Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder, +Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg. +Der Nebel aber wollte noch nicht weichen, +Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen. + +Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen +Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’, +Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte, +So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt: +„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen +Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.“ + +So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. — +Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld +Den Wein und Hafer auf den Abend sparen, +Wo er empfangen will des Dorfes Schuld; +Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen, +Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen. + +Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten, +Die links und rechts an breiter Gasse stehn; +Sie lagen wie verödet in dem Nebel +Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn, +Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen, +Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen. + +Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln +An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht, +Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde; +Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht. +’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden, +Wollt er nicht andern den Genuß verleiden. + +Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster +Und dabei traf sein kalter Henkerblick +Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke; +Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick, +Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden, +Schwang selten er es mehr in seinen Händen. + +In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber. +Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein +Und hüllte Roß und Reiter immer dichter +In seinen frostig-feuchten Mantel ein. +Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle, +Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle. + +Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte +Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt, +Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte +Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt, +In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze, +Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze. + +Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen, +Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt; +Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen, +Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt’, +Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten, +Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten. + +Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen, +Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid; +Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen +Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid, +Das traute „Elsbeth“ müsse er vergessen, +Sie „Fräulein“ nennen, höfisch und gemessen. + +Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er +Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her; +Denn was er auch der Schönen sagen wollte, +Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer. +Mit vollem Herzen, blöde und verlegen +Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen. + +Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen, +Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn, +Wo Benno just sich abzusteigen mühte; +Sein Roß hielt jedes mal hier selber an, +Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten, +So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten. + +Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann +Vom andern Ufer er herüber pfiff. +Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter +Und hielten dort im großen Wagenschiff, +Das, als gelöst der Ferg’ die nassen Seile, +Stromaufwärts mußte eine gute Weile. + +Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke, +So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand, +Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen +Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand; +Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen, +Die „Burg,“ erbaut von Roma’s Legionen. + +Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden, +Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel; +Ein Ruderschlag bracht’ es dem Ufer nahe, +Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel. +Nur Benno stand noch auf der andern Seite +Und maß im Warten sich des Stromes Breite. + +Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten, +Verließen es der Vogt und seine Schaar. +Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster, +Daß jeder Hufschlag funkensprühend war, +Bergan, und als der steile Weg erstiegen, +Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. — + +Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen, +Im nahen Rheine ging er still zu Grab. +Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd +Die weißen Zinnen Küssabergs herab; +In klarer Herbstluft mocht’ das Auge schwelgen +Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen. + +Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte, +Denn nah dem Flecken war die Straße voll +Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten, +Der Heil’gen bringend frommer Andacht Zoll; +Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen, +Geschäften wegen sich zur „Messe“ fanden. + +Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander, +Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein. +Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste +Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein, +Und selten hat es einen mal verdrossen, +Wenn einen Handel er hier abgeschlossen. + +In langen Reihen standen graue Leinwandzelte +Den Weg entlang, für allerlei Gethier +Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet, +Indeß’ das eigentliche Marktrevier +Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen, +Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. — + +In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen, +Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an, +Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger +Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan; +Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde. +Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde. + +Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren, +Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht; +Sein Diener schlug die große Kesselpauke, +So oft er unterbrach der Rede Pracht. +Daneben übten Gaukler ihre Lungen +Und überschrieen sich in allen Zungen. — + +Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder, +Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt, +Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte; +Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt, +Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen +Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen. + +Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen, +Um desto dichter ward die Menschenschaar +Und Jochen durfte sich vergeblich plagen; +Der Junker wurde dieses auch gewahr +Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen, +Bis mehr sich lichten würden ihre Massen. + +Ein wenig besser war’s dem Vogt ergangen. Er ritt +Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt, +Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend, +Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt. +Gab die nicht Raum auf Kunzens „Platz da!“ rufen, +So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. — + +Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome +Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt, +Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte +Und kreischend sich das Volk noch näher drängt’. +Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken, +Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken. + +Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres, +Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth; +Die Schreckensrufe gellten immer lauter +Und brachten Petz gar bald in solche Wuth, +Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte, +Der Affe aber rings die Menge höhnte. + +In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend, +Das Thier durchs Volk, das auseinander stob, +Und fand den Weg gerade zu der Stelle, +Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob +Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute; +Gespitzten Ohres das Gedränge schaute. + +Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen. +Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor; +Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber, +So daß der Schimmel drob den Kopf verlor +Und voller Angst in jähem Sprunge scheute, +Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute. + +Doch, eh’ des Rößleins Hufe wieder Boden fanden, +War dieses schon von seiner Last befreit +Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen, +Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit. +Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde +Und hielten fest es ohne viel Beschwerde. + +„Um Gottes Willen!“ rief der Junker, selbst erschrocken, +Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein. +„Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden? +Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: „Nein!...“ +Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen +Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen. + +Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend, +Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein, +So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte, +Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei’n; +Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen +Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen. + +Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe: +Vom Münster her ertönte Glockenklang, +In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke, +So daß es klang wie ferner Chorgesang. +Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten, +Um in der Mess’ zu sein bei rechten Zeiten. — + +Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten, +Der es mit strengen Blicken untersucht. +Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten +Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht, +Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen, +Nun Jochen flink zu binden war beflissen. + +Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte +Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor, +Die lehnte noch im Arme ihres Retters, +Fuhr aber tief erröthend nun empor; +Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange, +Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange. + +Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen +Und hob mit starkem Arm die süße Last +Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch, +Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt, +Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke +Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. — + +Inzwischen hatte auch die Jagd ein End’ genommen, +Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ; +Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken, +So daß er eilig sich zu gehn befliß. +Der Affe aber war und blieb verschwunden +Und Niemand wußte, welchen Weg er funden. + +Ohn’ weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken, +Deß’ Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt, +Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten +Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt’; +Doch, ob im Flecken unten oder oben, +Sie waren überall gut aufgehoben. — + +Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder, +Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn. +Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen, +Vermieden gerne jeden Trug und Schein, +Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten, +Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten. + +Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe +Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand. +Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte, +Sie waren stets für Seel’ und Leib zur Hand; +Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen, +Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. — + +Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen, +Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut, +Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts, +Den jedesmal ein Glöcklein künden thut. +Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen, +Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen. + +In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad, +Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt’, +Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten +Schon Meßgesang und Orgelton erschallt’; +Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen, +Bis er die Pferde konnt’ zur Herberg bringen. + +Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten +Die Beiden, sich bekreuz’gend, in den Dom, +Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete, +Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm; +In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten, +Kam er heut frühe schon zum Fest geritten. + +Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken, +In welchem sich geweihtes Wasser fand; +Die Finger netzend, reichte draus er höfisch +Auch etlich’ Tröpflein der Begleitrin Hand, +Und Elsbeth nahm’s mit stummem Dank entgegen. +Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. — + +Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen, +Verklungen auch der Orgel letzter Hauch; +In Wolken wogte zur bemalten Decke +Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch +Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge +Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge. + +Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte, +Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz, +Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens +Und auszuschütten da sein volles Herz, +Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte, +Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte. + +In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau +Im Sarg, den frommer Glaube überbaut’; +Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet, +Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut. +Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame, +Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme. + +Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller +Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor. +Um was? Nur diese mochte es erlauschen, +Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr; +Doch tief sah man die Betende sich neigen +In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen. + +Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz, +Als sie sich endlich vom Gebet erhob; +Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen, +In das sich Seligkeit und Wonne wob, +Und unschwer war der Frommen anzusehen, +Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen. + +Still kehrte sie zurück durch’s Grabkapellenpförtchen, +Wo ihr Begleiter traumverloren stand. +Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin +Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand; +Doch, nun den Arm der Holden er wollt’ reichen, +Wußt’ Elsbeth sittig diesem auszuweichen. + +„’s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!“ +Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt, +„Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen, +So mögt ihr mich begleiten nach der Hand; +Hab’ manchen Auftrag für den Markt bekommen, +Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!“ + +Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen, +Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt’, +Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte? +Sie gab zur Antwort darauf unverzagt: +„Gott will ja, daß wir für einander beten, +So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!“ + +Dann bat sie lächelnd: „Laßt uns nach der Herberg gehen +Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht. +Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen, +Eh’ es am Nachmittag zur Vesper geht; +Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen, +Für Jedes einen Kram nach Hause bringen.“ + +Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke +In den vom Junker ihr gebot’nen Arm, +Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe, +Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm; +Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden, +Bis in der „Rosen“ sie den Vater finden. — + +Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen; +Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da. +Die hellen Augen blinzelten gar freundlich, +Als er die Zwei in’s Stüblein treten sah +Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter: +„Da kommen ja die längst vermißten Reiter!“ + +Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten, +Erzählte ihnen sein gespräch’ger Mund, +Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich +Am Vrenentage, nach der Vesperstund’ +Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden, +Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen. + +„Da hab’ ich,“ sprach er lächelnd, „nun versprechen müssen, +Der Einladung zu folgen, die uns ehrt. +Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen +Auch etlich’ Freunde treffen, lieb und werth, +So sich mit uns in Ehren bas erfreuen; +Die alte Freundschaft wiederum erneuen!“ + +Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich, +Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut; +Sie brachte Wechsel in das stille Leben, +Das auf dem Berge er geführt bis heut’, +Und sah er drum dem Mahle gern entgegen. +Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen. + +Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder, +Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht. +Ihr war, als sollt’ dem Mahl sie ferne bleiben, +Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht; +Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren, +Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren. + +Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin, +Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat +Und, weil es lang gedauert bis der fertig, +Die Gäste höflich um Verzeihung bat: +Es sei viel Arbeit heut’ in allen Ecken, +Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken. + +Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd, +Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch, +So daß die, schämig drob, die Lider senkte +Und froh war, als die Wirthin schließlich doch +Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte; +Dort alles rein und nett in Ordnung brachte. + +Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen, +Im Maul der letztern prangte frisches Grün, +Und dazu Wein, von Badens „Goldwand“ stammend, +Verlockten bald zu einem Angriff kühn; +Es mochte auch der weite Ritt am Morgen +Für guten Appetit der Dreie sorgen. + +Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern, +Das stets vom Vogt auf’s neue ward geweckt; +Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen, +Da es sie freue, wenn’s den Gästen schmeckt. +Die Herren thaten denn auch so; indessen +Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen. + +Die Redesel’ge wurde endlich müde, oder +Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund; +Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand: +Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund, +So abzuziehen vorhin sie versehen — +Und nun konnt’ Elsbeth auch an’s Essen gehen. + +Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische +Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar, +Eh’ es hinaus ging in des Marktes Treiben, +Wo heute manches einzukaufen war. +Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres, +Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares. + +Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte; +Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf. +Bald standen sie im dichtesten Gedränge, +Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf; +Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben, +Schon tief in Jochens Packkörben vergraben. + +Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl +Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her; +Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte, +Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär’; +Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen +Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen. + +Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen, +Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein. +Ohn’ viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen +Und barg es in sein dürftig Beutelein; +Dann zog’s ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen, +Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen. + +Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken, +Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand, +Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen +Und drückte ihm dies flink nun in die Hand. +Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen, +Der Junker dafür eins der braunen Herzen. + +„Allüberall ist Minne, nur in der Höll’ nicht drinne!“ +Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel +Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth, +Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel’; +Sie nahm es lachend an, worauf inmitten +Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten. + +Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe, +Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd. +Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen, +Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt; +Zum ersten mußte da sie Frida’s denken, +Der sie ein „hornin Noster“ wollte schenken. + +Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle +Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band +Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel’gen, +Wie es die Herrin für sie passend fand; +Noch kam auch manches, deß’ sie erst nicht dachte, +Das, schön zur Schau gestellt, um’s Geld sie brachte. + +Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden +Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn, +Als auch die Glocken schon sich hören ließen, +Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien; +Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören, +Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. — + +Wie Viele, zog’s auch unser Dreiblatt in die Kirche, +So freundlich lag im Abendsonnenschein. +Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange +Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein; +Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen +Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen. + +Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende +Und ging’s hinüber in der Propstei Saal, +Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten +Der Gäste, die geladen sind zum Mahl. +Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer +Der Kerzen, an des Vaters Arm in’s Zimmer. + +Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen, +Und machte gar verlegen sie der Wahn, +Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke, +Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn; +Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen +Der Vater, und Herr Kuonrad folgt’ den Zweien. + +Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute, +So daß er grüßend anhielt hier und dort; +Er wechselte auch im Vorübergehen +Mit dem und jenem wohl ein länger Wort. +Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen, +Dem Gutenburger und dem Wielandingen. + +Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln, +Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah; +Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine, +War mit Gemahlin und der Tochter da, +Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme, +Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme. + +Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde, +Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht; +Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen +Hätt’ einer Königin zur Ehr’ gereicht, +Bald ruhten aller Augen mit Gefallen. +Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen. + +Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es +Die Herren zu der wunderschönen Maid; +Es sprachen von der „Küssaberger Blume“ +Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid. +Sie aber, nun den Oheim sie gesehen, +Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen. + +Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange +Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah. +Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt, +Wär’ vor ihm die vielschöne Jungfrau da? +Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen, +Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen. + +Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren, +Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück. +Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte, +Die schönen Augen Elsbeths voller Glück. +Er mußte wieder sie „traut Else“ nennen, +Eh’ will sie heut’ sich nicht mehr von ihm trennen. + +Der Ohm that’s lächelnd. Dann begleitete er Beide +Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war, +Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend; +Der reichte gnädig eine Hand ihr dar +Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend, +Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend. + +Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder +Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb; +Der war hier fremd und harrte längst des Freundes, +Daß er ihn vorstell’, wie der Brauch es schrieb. +Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte, +Wußt’ bald ein jeder, wie der Herr sich nannte. + +Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen, +Zu manchem Gönner ihm verholfen schon. +Wie immer, waren es zuerst die Damen, +Die er gewonnen durch vornehmen Ton, +Und war dies auch natürlich, da die Frauen +Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen. + +Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker +Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein, +Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern, +Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein, +In welchem sie ihn fest zu halten wußte, +Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte. + +That es der Zufall — oder Fräulein Adelgunde? +Die gern den Junker länger hielt in Haft, +Daß sich die Freiin grade gegenüber +Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft! +Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen, +Für’s Erste stille und gar steif, gemessen. + +Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden, +Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht, +In süßem Vino d’Asti, so die Damen, +Schon damals gerne tranken, kam es sacht, +Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen; +Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen. + +Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste +Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit, +Erhöhte sich der Gäste munter Wesen +Und waltete gar bald Gemüthlichkeit, +Die machte, daß die Alten wie die Jungen, +Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen. + +Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt +Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor. +Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen, +Im zarten Busen quoll es heiß empor; +Doch mochte schwerlich einer dies beachten +Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten. + +Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater +Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein, +Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte, +Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein; +Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken, +Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. — + +Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern +Den Junker fest und, schwieg die letztre mal, +Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde +Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl, +So daß im Stillen der sich schier beklagte, +Wenn offen er’s auch nicht zu zeigen wagte: + +Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen, +Für einen Mann, der gute Sitte kennt, +Und sagte ihnen, mit gewählten Worten, +Manch feines, aber höfisch Compliment, +Das, er war sicher, drang’s zu Elsbeths Ohren, +Für sie so gut wie jeden Sinn verloren. + +Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte, +Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn, +Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern, +Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn; +Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen, +Wollt’ auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen. + +Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber +Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug; +Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte, +Kam ihr die Freiin zuvor oder frug +Just Adelgunde etwas und — befangen, +Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. — + +O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket, +Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt? +Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen, +Der widerstand noch Niemand in der Welt? +Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen, +Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen. + +Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben, +Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar; +Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele, +Was es bedeutet, wird Dir offenbar, +Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen, +Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. — + +Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche, +Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang, +Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden, +Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang +Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen, +Wie immer bleicher worden ihre Wangen. + +Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden, +Blieb eine Weile still, als sänn’ er nach; +Doch that er dies, um besser sehn zu können, +Was aus den Augen seines Lieblings sprach, +Und nun er tief in ihrem Blick gelesen, +War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen. + +Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: „Junker! +Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort! +Wie wär’s, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet, +Eh’ Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt? +Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen, +Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!“ + +Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad +Und wandte sich zu Benno mit dem Glas, +Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute, +Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß, +Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen +Mit solchem Herren frech zu unterbrechen. + +Doch bald sprach Benno lächelnd: „Daß Ihr uns vergessen, +Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr; +Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen, +Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!“ +Der Junker fügte sich dem Urtheil willig +Und that die Buße, wie es recht und billig. + +Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth. +Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand +Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz, +Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand. +Im Nu war all’ das Herzweh da vergangen. — +Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen. + +Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen, +Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl; +Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen +Mit Frag’ und Antwort ohne Wahl und Qual; +Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde, +Hascht’ klug auch dieser er das Wort vom Munde! + +Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln +Für Elsbeth auszuknacken als Dessert; +Derweilen sie dem Vater nun erzählte, +Daß heute schon sie fast verunglückt wär’, +So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke +Beschützte sie im letzten Augenblicke. + +Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde +Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar, +Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte, +Seit jenem Tag, als das Gewitter war; +Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden +Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden. + +Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen +Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld +Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde, +Ob der an jenem Tag erwies’nen Huld; +Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen +Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen. + +Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede +Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht’, +Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte, +So thue er sich selber dies zu Noth; +Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken, +Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken. + +Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden, +Doch achteten die Frohen nicht der Zeit, +Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte, +Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit. +Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen, +Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen. + +So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere +Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn; +Als dies geschehen, ging es hin zur „Rosen,“ +Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein. +Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken, +Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. — + +Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte +Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau. +Wie Zauber lag es über Wald und Fluren; +Im Wiesengrüne schimmerte der Thau, +Tief unten floß der Rhein im klaren Bette +Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette. + +Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe, +Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war. +Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen +Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar; +Der Schloßvogt ritt, dem „Markgräfler“ zu Ehren, +Hier nie vorüber, ohne einzukehren. + +Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte +Da wehrte Benno, und ging’s wieder fort +In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen. +Es fiel nur selten mal ein lautes Wort; +Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite, +Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite. + +Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten +Die Herrn allmälig immer schneller hin, +Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein +Bald jede Eile unvonnöthen schien; +Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen, +Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. — + +Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen; +Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum. +Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes, +Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum; +Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne +Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne. + +In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite, +Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht. +Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern, +Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht? +Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet, +Welch’ wonnig Träumen ihr die Lippen bindet? + +Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um’s reden. +Er ritt, die Zügel lässig in der Hand, +Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen +In einemfort der Holden zugewandt; +Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer, +Als strahlte daraus her der Mondenschimmer. + +Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden, +Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal +Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte; +Wo er dann rauher ward und dabei schmal +Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten, +Die, nah’ dem Schlosse erst, sich wieder lichten. + +„Erzählet etwas, Fräulein!“ meinte nun der Junker, +Als hier die Pferde wechselten den Gang, +Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen, +Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang. +„Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten, +Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!“ + +„Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen +Euch kaum genügen,“ gab Elsbeth zurück, +„Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben; +Mein Wissen bildet just kein großes Stück. +Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen, +Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!“ + +Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red’ zu geben, +Was sie auch immer von ihm fragen sollt’; +Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben +Ihm erst erzählen, eh’ er reden wollt’. +Da ging denn Elsbeth munter an’s Erzählen; +Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen. + +Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste, +Als auch die Rede auf den Vater kam. +„Sein eigen,“ meinte Elsbeth, „wär’ hier Alles, +So nicht der Bischof einst das Erbe nahm +Jetzt freilich würd’ selbst dieses nicht mehr nützen, +Es fehlt ein Sohn, der’s weiter möcht’ beschützen.“ + +„So ist der Vater denn der letzte Küssaberger +Und gehet,“ fügte traurig sie hinzu, +„Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern, +Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh’; +Doch ist mir oft, als hört’ mein Herz ich sagen, +Man wird uns nennen noch in späten Tagen!“ + +Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne +Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort. +Er frug: „Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater +Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? — +Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen; +Mich würd’ es schmerzen, wüßt’ ich Euch in Sorgen!“ + +„Habt vielen Dank, Herr!“ lautete die Antwort Elsbeths, +„Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt. +Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen +Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt; +Wir kennen nicht des Willens frei Genießen, +Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen.“ + +„So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen. +Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht, +Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen +Mein Leben Gott darbringen im Gebet; +Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben +Und sich und mir das Himmelreich erwerben.“ + +„In’s Kloster! Ihr?“ rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad +Und riß den Rappen einen Schritt zurück. +„Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern? +Von selbst entsagen allem Erdenglück? — +Könnt Ihr dies thun, so sag’ ich ohne Scheuen, +Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!“ + +„Doch, Euch beliebt zu scherzen!“ sprach er dringlich weiter, +„In enger Zelle ist gar dumpf die Luft. +Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer +Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft; +Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen +Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!“ + +„Und dann — was werden Eure Hör’gen dazu sagen, +So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut’, +Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder, +Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut? +Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten, +So feuchte Mauern Euch gefangen halten?“ + +„Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden, +Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth; +Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern, +Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht; +Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten, +Als guter Geist zu seinen Häupten walten!“ + +„Glaubt einem Freunde — jener Mann ist zu beneiden, +Dem Euer Herze nur ein wenig hold; +Er findet seinen Himmel schon auf Erden, +Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold. +Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen, +Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?“ + +Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad +Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand +In seine Rechte, die sie jedoch zitternd +Im nächsten Augenblicke ihm entwand. +’s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen, +Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen. + +In ihrem Herzen freilich rief’s in hellem Jubel: +„Er liebt mich!“ und der frische, rothe Mund +Möcht’ freudig es in alle Lüfte jauchzen, +Es künden laut dem ganzen Erdenrund, +Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder: +„Er liebt Dich und Du Sel’ge liebst ihn wieder!“ + +Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren; +Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh, +Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert’, +Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee, +Als Elsbeth dachte, was der Vater sage, +Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. — + +Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen, +Vereinigt mit den Schwestern im Gebet +In stiller Klause, von der Welt geschieden, +Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht; +Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden +Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden. + +Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet, +Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum; +In wenig Wochen war das Kräutlein Minne +Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum. +Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen, +Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen. + +Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage, +Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß. +War dessen Quelle die Entsagung, oder +Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß? +Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden, +Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? — + +In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe. +Des Mondes Licht, es flutete um sie; +In blauer Dämmerferne lag, wie Silber, +Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie, +Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen, +Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen. + +Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried, +Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor. +Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern +Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor. +Doch, eh’ sich Thor und Brücke mochten zeigen, +Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen. + +Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise +Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand +Und blickte spähend in der Holden Antlitz, +Ob da die Antwort nicht zu lesen stand. +Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen, +Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen. + +„Ihr zaudert, Elsbeth?“ klang es weich von seinen Lippen, +„Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual! +Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen, +Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl. +Doch, daß wir Beide dieses Tages denken, +Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!“ + +Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein +Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun +Auf einen ihrer schlanken Finger streifte, +Die warm und weich in seiner Linken ruhn; +Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten +Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten. + +Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen, +Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht’, +Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein, +Und hatte dran das Schaustück losgemacht. +Es war ein Münzlein, gülden und gar selten, +Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten. + +„Soll ich das Ringlein werth behalten,“ sprach sie flüsternd, +„So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück +Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen; +Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück. +Des Tages aber will ich bas gedenken +Und billig meine Frage Euch nun schenken!“ + +So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker, +Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm +Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen, +Gedenkend der, von welcher es ihm kam. +Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen +Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. — — + +Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert, +Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt’, +Daß Hansli halb todt in der Halle liege, +Von seinem Flugversuch, den er gewagt. +Im Busch der Halde habe sie ihn funden, +Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden. + +Da schien’s, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte, +So rasch ging es des Schlosses Brücke zu; +Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen +Und war die Herrin dann bei Hans im Nu. +Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen, +Daß Hansli damit umging mal zu fliegen. + +Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager +Und ordnete, was für das Knechtlein gut; +Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen. +Die Herrin spendete ihm also Muth +Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer, +Eh’, selber müd, sie suchte ihre Kammer. — + +Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder +Und lauschte dabei auf der Magd Bericht: +Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen, +Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht +Und er als Flügel nutzen wollt’ beim Fliegen, +Um Vesperzeit den Bergfried hätt’ erstiegen. + +„Das Fliegen wär’ gelungen,“ sprach Mechtildis weinend, +Wenn er gewartet bis der Vogel Specht +Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche +Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht. +Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen, +Kopfüber, grad hinunter in die Tannen. + +Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen, +Daß es erbarmen konnte einen Stein; +Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen, +Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. — +Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden, +Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden. + + +Fünftes Kapitel. + +Novembermonat hat die Herrschaft übernommen; +In weiße Decken hüllt er Berg und Thal, +Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume, +Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl. +Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere +Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere. + +Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen, +Herunter dort aus den Wachholderstrauch, +Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget, +Regiert der Winter auch mit strengem Brauch; +Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren +Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren. + +Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise +Und wundert sich, vom Schneemann überrascht, +Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben, +An dem es gestern noch so frei genascht. +Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen +Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen. + +Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben, +Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum, +Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen, +Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum; +Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben, +Deß’ zarte Keime es gar köstlich laben. + +Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren +Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt; +Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle, +Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt, +Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten — +Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten. + +In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause. +Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt, +Nun zieht’s ihn bergwärts zum versteckten Baue, +Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt, +Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen, +Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen. + +Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch’ und Rehe, +Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück; +Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte +Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück. +An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern +Und fern im Osten fängt es an zu dämmern. + +Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe, +Als trennte nur die Breite einer Hand; +Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten, +In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand. +Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen +Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen. + +Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne, +Als goldner Ball beginnend ihren Lauf; +Die wen’gen Strahlen, so sie heut’ begleiten, +Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf, +Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte, +Indeß’ sie selbst noch tief am Horizonte. + +Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder; +Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt, +Der Wolken zart Geweb’ wird mälig dichter, +So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt. +Schon ist auch von der Sonn’ nichts mehr zu sehen, +Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen. + +Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber +Ein hell Halali! durch die Morgenluft, +Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte, +Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft; +Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen +Und „Waidmanns Heil!“ hört man vom Bergfried johlen. — + +Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse, +Begleitet von des Schlosses Jägertroß, +In’s nahe Matzenthal hinüber ritten, +Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß. +Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute +Der dicke Kunz der Rüden laute Meute. + +Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn +Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd, +Vereinigt wollten sie am Tage pirschen +Und dann probiren, wie der „Neu“ behagt, +Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen, +Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen. + +Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens. +Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch, +Im Walde einen „Hirzen“ zu bestät’gen; +Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch, +So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten, +Sie möchten sich für heut’ auf’s Jagen richten. + +Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen, +Soll man sich treffen, war es abgemacht. +Nun sind die Gäste angelangt und harren +Bei einem Feuer, das sie flink entfacht, +Des Freundes, während Udo’s Jägersegen +Ihm schon von weitem hallte froh entgegen. + +Und nun — ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich’s kaum glauben, +Als auch er Adelgunden da erblickt’, +Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen, +Erröthend ihm und fast vertraulich nickt’ +Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen +Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen. + +Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung, +Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg, +Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte, +Da Jochens „Hirz“ im dichtesten Geheg +Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen, +Wo er sich niederthat nach jedem Aesen. + +Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen +Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand, +Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen, +Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand; +Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen +Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen. + +Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke +Dich tief in’s Nestlein unterm lockern Schnee! +Mit Windeseile nahen sich die Feinde, +Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh; +Gilt’s auch dem „Achtzehnender“ heut’, dem Stolzen, +Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen! + +Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen, +Der Hirsch voran in unentwegtem Muth; +Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda! +Wo eben noch die Stille selbst geruht. +Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen, +Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen. + +In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben, +Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht’ fliehn, +Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde, +Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin. +Was treibt die Maid solch’ kühnen Ritt zu wagen, +Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen? + +Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte +Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund, +Den Pfaden folgen, die zur Seele führen, +Dem würde darauf jetzt die Antwort kund +Und damit auch die große Kunst gelungen, +Von der bis heute manches Lied erklungen. — + +Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen, +Daß Adelgundens Kleid im Winde weht; +Dem Junker mangelt Will’ und Weil’ zum Sprechen, +Doch dafür denkt er an Elisabeth, +Und wie auch jene immer mag beginnen, +Er muß sich jedes Mal auf’s Wort besinnen. + +So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen, +Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee; +Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben +Und fühlt’ im Herzen nun ein seltsam Weh. +Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen, +Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen. + +Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten, +So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt; +Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken, +Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt. +Die Rosse wissen’s, die den Boden stampfen +Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen. + +Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige +Und schütteln von sich ab die weiße Last; +Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze, +Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast. +„Faß’ Greif! Faß’ Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!“ +Gellt’s hallend durch des Waldes weit Reviere. + +Jetzt ras’t das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen, +Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht: +Das mächtige Geweihe tief im Nacken, +Saust er durch’s Holz, daß Zweig und Astwerk bricht. +Kein Ruhen giebt’s; bergauf, bergab geht’s weiter, +Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter. + + * * * + +Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen, +Da immer ferner hin sich zog die Jagd, +Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet, +Zur Küche eilte, um dort mit der Magd, +Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen, +Was jene rüsten sollt’ zum Abendessen. + +Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild, +— Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt +Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel, +Beständig fast in ihrer Nähe weilt’ — +Und forderte die auf, sie zu begleiten +Im Palas ein paar Betten zu bereiten. + +Seit langher stand die Kemenate unbewohnet, +Die dort für werthe Gäste war bereit; +Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet, +Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit, +Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen +Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen. + +Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten, +So in zwei Nischen des Gemachs erbaut, +Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten, +Ob deren jedem schön ein Himmel blaut. +— An’s offne Fenster, um sie durchzulüften, +Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften. + +Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen, +Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück; +Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen, +Schob sie behutsam wiederum zurück. +Bald war gewählt, was passend ihr erschienen +Und zum Beziehn der Betten mußte dienen. + +Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet, +Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau, +Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte, +Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau; +Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen, +Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. — + +Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte +Zu gleichen Theilen auf die Betten hin; +Mechtildis sollte alles fertig finden, +Wenn Abends sie die mußte überziehn. +Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen, +Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen. + +Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger, +Vom Froste rosig überhaucht zu schaun; +Denn eisig zog es durch die offnen Fenster, +Und den Kamin — vergaßen sie beim Bau’n, +Lag man nur erst mal zwischen all’ den Kissen, +Ließ ja der letztere sich leichtlich missen. + +Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster +Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang +Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille. +Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang; +Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite, +Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute! + +Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren, +Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick +Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend, +Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick; +Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen, +Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen. + +Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte +Die Seele ihr, wie Paradieses Lust, +Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste; +Im Sang entstieg der jugendlichen Brust, +Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden, +Die ihrem Innern herrlich nun beschieden. + +Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen, +Es schimmerte des Frohsinns holder Schein +Um alle, die in ihrer Nähe weilten; +Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein. +Sie fühlte heißer es im Herzen glühen, +Je mehr sich Aug’ und Mund zu schweigen mühen. — + +Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen, +Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz, +Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter +Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts; +Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele +Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle. + +Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet, +Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft; +Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert, +Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft. +Die Seligkeit der Liebe geht verloren, +Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. — + +In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen, +Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann +Und war zufrieden in dem stillen Wahne, +Es liebe wieder sie der liebe Mann; +Ein Lächeln von ihm und ihn nah’ zu wissen, +Genügte ihr und ließ sie Alles missen. + +Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem +Und tief empfundener Glückseligkeit, +Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage, +Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit; +Sie waltete, froh im Gefühl der Minne, +Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne. + +Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein, +Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt; +Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale, +Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt. +Er mußte, Elsbeth’s wegen, sich bezwingen, +Ihr kalt erscheinen, nur wollt’s nicht gelingen. + +Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume, +Und hoffte daß sie ihm begegnen muß; +Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten, +Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß, +Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe +Und wußt’ ein trautes Wort er für die Gute. + +Bald war’s ein stetes Meiden und sich wieder suchen, +Es wußten Beide nicht, wie es geschehn, +Daß sie, die eben in der Halle schieden, +Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn; +Doch hörte Keines man mit Worten sagen, +Was ihre Blicke zu bekennen wagen. + +Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen +Dazwischen öfters um den Siegespreis, +Von Tag zu Tage aber ward er müder +Und gönnte jenem, daß es siegte, leis’. +Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen, +Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen. + +Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte, +Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr; +Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten +Und wie nur Segen blühte um sie her. +Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen, +Dem zu entfliehn ihm mangelt’ das Verlangen. + +Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder, +Er jeden Morgen ihr „Grüß Gott!“ vernahm, +Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen, +War’s sicher, daß den Weg er dorthin nahm, +Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine +Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine. + +In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele +Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt’; +Die holde Blume mit dem keuschen Herzen, +In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt. +Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören, +Er will nur ihr auf immer angehören! + +Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen, +Ihr auszuschütten sein gequältes Herz +Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte; +Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz, +In dem er seine Ruh’ geborgen glaubte, +Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte. + +Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben +Die schicklichste Gelegenheit herbei, +Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete, +Denn er fand in des Vogtes Bücherei +Ein Bündlein Schriften, „Parzifal“ geheißen, +Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen. + +Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen, +Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’, +Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung +Von ihren vielen Pflichten sich errang. +Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen, +Der Lieblichen die Minne zu gestehen. + +Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad +Ans Lesen jener alten Sage gehn, +Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute, +Vermochte er an ihrem Blick zu sehn, +Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen, +Und mußte seinen Plan er drum vertagen. — + +Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster +Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang. +Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich, +Auf ihrer Seele lastete es bang, +Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert; +Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert. + +Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel, +Zermarterte indessen ihr Gehirn +Zu rathen, was der lieben Herrin fehle; +Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’ +Und war schon dran sich heimlich auszuschelten, +Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten. + +Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte: +„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?“ +Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel, +So daß Mechtildis schier entfiel der Muth, +Die längst gewohnte Antwort zu erneuern +Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern. + +„Das will ich bas vermeinen!“ sprach sie, glutroth werdend, +„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück, +Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden, +Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück +Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet, +Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet! + +„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder +Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’ +In meinen Zöpfen eingeflochten sehet; +Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut. +Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne +Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!“ + +„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend +Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal, +Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel, +Gehörte Hansli, und er rief drei mal, — +Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben, +Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!“ + +„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,“ +— Nun übergoß die Herrin es mit Glut — +„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten, +So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut +Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen, +Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!“ + +„Das weiß ich!“ fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede, +„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so. +Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen, +Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; — +Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen, +Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!“ + +„Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft, +Die jeder Zeit der Treue sich befliß +Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden, +Ist sicher Hansli’s Treue Dir gewiß! +Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange, +Daß er nach einer anderen verlange?“ + +„Nein, Herrin!“ rief da Mechtild, „wär’ dies Liebe, +Die erst der Treue sich versehen muß? +Ist Einer einer zugethan von Herzen, +So sieht sie’s schon am ersten Blick, am Gruß, +Oh er’s auch ehrlich mit der Treue meine, +Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!“ + +„Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen, +Da hat der liebe Gott es so gefügt, +Und darum wohl zu bangen unvonnöthen, +Daß etwan eines sich im andern trügt. +Doch käm’ es so, wie Ihr halb prophezeiet, +So wüßt’ ich Eine — die selbst dies verzeihet!“ + +Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen, +Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein’s Kinn, +Und küßte ihr die Wange mit den Worten: +„Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn, +Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben; +Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!“ — + +So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein. +Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang +Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild, +Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang +Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe +Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe. + +Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange, +Zum Hofe ging’s auf flinken Füßen fort; +Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen, +Das früh’ schon herkam aus dem nächsten Ort, +Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger, +Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger. + +Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien +Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor, +Wie sie sich mild an seine Mutter wandte, +Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr +Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen, +Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen. + +Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher +Und löste langsam und mit leichter Hand +Dem Zagen, unter kosendem Geplauder, +Vom hochgeschwollnen Finger den Verband; +Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt, +Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt’. + +„Da sitzt der Wurm im Finger,“ sprach sie drauf bedächtig, +„Und darum sind die Schmerzen auch so groß. +Die Heilung zu erreichen, ist’s am besten +Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los. +Verweil’ Dich also etwas mit dem Kinde, +Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde.“ + +Doch eh’ sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle +Und schnitt vom Brod, das für’s Gesind dort war, +In aller Eile ein paar große Stücke; +Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar +Um, während Kind und Mutter daran kauen, +Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen. + +Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen, +Das letztre zum Gebrauche fein gezupft. +Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein, +Deß’ Finger mit dem Sälblein sie betupft’; +Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde +Ein leises „Heilo, Segen!“ auf die Wunde. + +Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden +Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt, +Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien, +Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt. +Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen, +Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. — + +Sie selber aber ging zu Frida in die Küche +Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit, +Das Essen für die Gäste fertig werde, +Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit. +Es war auch noch der Würzwein zu bereiten, +Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten. + +Dann eilte wieder sie in’s Palas. Hier, im Saale, +Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt, +Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte +Nur erst den großen Eichentisch gedeckt. +Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien, +Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen. + +Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging +Und Hansli mit der neuen Meldung naht’, +Daß sich ein Spielmann eingefunden habe, +Der für die Nacht um warmes Obdach bat; +So man es wünsche, wolle gern er singen, +Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen. + +„Gewähr’ ihm Herberg, Hansli,“ — war der Herrin Antwort, +„Und von dem Heurigen ’nen vollen Krug; +Doch ja nicht mehr!“ ergänzte sie mit Lachen, +„Denn Spielleut’ haben immer guten Zug. +Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben, +Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!“ + +Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder +Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank +Der Spielmann saß und des Bescheides harrte, +Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank +Dem Knechte folgte in die warme Halle, +Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle. + +„Das fahrende Gesindlein riecht’s wohl schon von Weitem +Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth; +Gleich läßt es links die breite Straßen liegen, +Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht. +Am liebsten, glaub’ ich, haben sie die Gassen, +Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!“ + +„„Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben, +Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild! +Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!““ +Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild. +„„Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben, +Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.““ + +„Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen, +Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein, +Mit denen unsre Herzen sie gewinnen +Und haben immer neue Melodei’n; +Des Letzten Sang summt mir noch heut’ in Ohren, +Doch hab’ die Worte dazu ich verloren!“ + +Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten +Sich Beide ob des Anblicks, den er bot; +Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel +Mit Blumenmalerei in Blau und Roth, +Indessen Elsbeth sich der Gläser freute, +Die für die Gäste sie erwählte heute. — + +Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände +Und achtet weder Mühe noch Beschwer, +Des Mannes Heim behaglich zu gestalten +Und still zu wirken für des Hauses Ehr’; +Was wir im Einzelnen als unnütz hassen, +Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. — + +Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller; +Auch glättete gar sorglich ihre Hand +Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige +Und ebenmäßig hing der rothe Rand; +Derweilen Mechtildis die Stühle stellte, +Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte. + +Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule, +Denn Benno gab nur selten einmal frei, +Und — während Mechtildis noch heizen sollte, +Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei — +Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte, +Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte. + + * * * + +Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder, +Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal; +Im Schlosse war das Tagewerk vollendet, +Man wartete der Gäste nun zum Mahl; +Leis’ nur, im Frau’ngemach beim Lichtspahnglimmen, +Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen. + +Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle +Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind’ +Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte +Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind; +Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte, +Nur, daß den größten Krug er jenem holte. + +Schanzunen, Leiche, Schwänk’ und neue Trutzgesätzlein +Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund; +Es würd’ die Kehle doch zu schnelle trocken, +Säh man in einem fort des Kruges Grund. +Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen, +Wär’ nicht der Wein, der es hervorgezwungen. + +Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals +Die Weise „von der Minne süßem Born,“ +Als er im Singen unterbrochen wurde +Vom lauten Halali aus Jochens Horn; +Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke +Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. — + +Ein paar Minuten später war der weite Zwinger +Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt, +Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen, +Zu dem die Meute die Begleitung bellt’; +Derweil die Hörigen die Beute brachten, +So heut’ der Vogt und seine Gäste machten. + +Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke, +Für Alt und Jung beliebte Augenweid’, +Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen +Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid. +Der Achtzehnender freilich war entkommen, +Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen. + +Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen. +Nun lag das schöne Thier dahingestreckt +Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen +Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt +Vom nahgekommenen Geläut der Meute, +Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute. + +Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste, +Von Hansli angeführt, der leuchten muß, +Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth +Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß. +Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder, +Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder. + +Als einz’gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare +Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband, +Das zu den goldnen Locken auf der Stirne +Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand. +Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken +Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken. + +Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte +Die Tochter heute festlich sich geschmückt; +Auf ihren Zügen aber lag’s wie Trauer +Und ihre Seele fühlte sich bedrückt, +Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle, +Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle. + +Da näherten sich Schritte; man hört’ lachen, sprechen +Im Gange draußen, so zum Saale führt. +„Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?“ +Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt; +Denn solchen Gastes dacht’ sie nicht beim Decken, +Mocht’ auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken. + +Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen, +Gelassen grüßend, während jene lacht’, +Daß, obwohl unerwartet hergekommen, +Sie doch um Herberg bitte für die Nacht; +Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte, +Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte. + +Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen +Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand, +Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen +Blitzschnell den Weg in seine Augen fand. +Ihm war die frohe Laune wieder kommen, +Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen. + +Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale +Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein; +Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln +und duftete gar fein nach Nägelein, +Die sie zum Trunk als gute Würze mischte, +So daß die Müden er von Grund erfrischte. + +Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger, +So ihnen der entkomm’ne Hirsch gemacht. +Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser +Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht, +Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen, +Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen. + +Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten, +Belegte sie dann für den schönen Gast +Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten, +Mit Glas und Teller, wie’s dem Fräulein paßt; +Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen, +Daß für die Gäste schon sie aufgetragen. + +Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände, +Eh’ sie die Gäste hin zum Tische bat, +Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte, +Den rings umkränzte köstlicher Salat. +Nun ließen diese sich nicht lange bitten, +Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten. + +Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen, +Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt’. +Den letzten Wegtrost sollt’ er diesem spenden +Zu jener Reise, von der Niemand kehrt. +Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen, +Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen. + +Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich’s läßt schmecken, +Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn; +Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen, +Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun; +Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen +Und blieb der Heurige nicht unvergessen. + +Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte +Als Sauser über Alt und Jung Gewalt; +Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge, +Froh prüfend seinen geistigen Gehalt. +Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben, +Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben. + +Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein +Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit. +Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden, +Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit, +Die sie den werthen Gästen heute wagen, +In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen. + +Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen, +Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß, +Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken +Und rastlos wirken zu des Hauses Preis. +Ein „Heilo ihnen!“ scholl aus aller Munde, +Derweil die Gläser klangen in der Runde; + +Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann, +Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt, +Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker, +Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt +Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen, +Den Dank für’s schöne Sprüchlein zu empfangen. + +Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten, +Und nun verschwand schnell die Befangenheit, +So sie, als Adelgunde kam, beschlichen, +Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit; +Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen, +Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen. + +Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein +Dem grünen Wald und wackerem Gejaid, +Daß froh die Herren nach dem Glase griffen, +Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid; +Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen, +Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen. + +Er und der alte Wasserstelz, sie überboten +Einander oft in spaßigem Latein, +Drin’ wohl bewandert Sankt Huberti Jünger; +Wir andern fabeln lange nicht so — fein. +Bald wurde manches Stücklein aufgetischet +Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. — + +Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen, +Wie dies bei jungen Herren immer geht, +Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen +Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht; +Nur ab und zu sah man sie einmal nippen, +Zu netzen sich die blühend rothen Lippen. + +In üppig-voller Reife prangte Adelgunde +Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt; +Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen, +In schöner Rundung wölbte sich die Brust, +Die Sammetwangen sah man rosig blühen, +Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen. + +Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet, +Glich einer Blume, der im Kelch der Thau +Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern +Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau. +Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen +Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. — + +Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, — +Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, — +Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen +Und hielt im Athem sie in Einem fort. +Ging auch die Rede oft an Adelgunden, +Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden. + +Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten; +Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb, +Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen, +Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb; +Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten, +Ihr war’s, als ob die Blicke sich umflorten. + +Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören, +Als solches Lob; das hätt’ sie ihm geschenkt, +Der ihr heut’ selten mal ein Wörtlein gönnte, +Auf was sie immer auch die Rede lenkt’. +Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen, +Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen? + +Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte, +Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach, +So rückte Adelgunde zu den Herren; +Doch hielt sie dabei Aug’ und Ohren wach, +Um Elsbeth und den Junker zu belauschen, +Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. — + +Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung, +Nach deren Formel zweimal jedes Jahr +Geurtelt ward von Rheinheims „Kellerrichter;“ +„Es lauten diese freilich ganz und gar +Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern +Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern.“ + +„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen +Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht, +Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme +Ein längstveraltetes Gesetz verleiht; +Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen, +Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.“ + +„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche, +Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß +Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen, +Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß, +Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte +Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.“ + +„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,“ +Erzählte fort der Vogt und strich den Bart, +„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen, +Der Scherz und Ernst eng miteinander paart: +So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten — +Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.“ + +„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet +Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal +Am Wege etlich meisterlosen Buben, +’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl. +„„Giebt’s nichts zu handeln?““ ist des Juden Frage, +Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.“ + +„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt, +Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...““ +„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden, +Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?““ +„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben, +Die schon den Juden in der Mitte haben.“ + +„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!““„lautet +Die schlaue Antwort aus des Juden Mund. +Die Buben aber, keinen Spaß verstehend, +Sie streichen dafür ihm den Rücken wund; +Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen, +Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.“ + +„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten +Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab; +Die Buben werden dringlicher im Fragen, +Es regnet Schläge hageldicht herab. +Der Jude aber läßt sich nicht erweichen, +Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.“ + +„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s, +Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher. +Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen +Und ist natürlich nun die Straße leer, +Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen +Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.“ + +„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten, +Begleitet er ihn endlich hier herauf. +Daß ich die Argen strenge büßen möge, +Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf +Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken +Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.“ — + +„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen, +Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein! +Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste, +Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...“ +Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig +Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig. + +Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte, +Fuhr desto frischer er zu reden fort: +„Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe, +Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort, +Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen, +Von wem und wie die Unbill ihm geschehen.“ + +„Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten +Und spricht: „„Gesehen hab ich nichts; ich fand, +Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen, +Den Juden ganz allein am Wegesrand. +Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen, +Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!““ + +„Jetzt heult der Jud’ erst recht und lamentirt so gräulich, +Daß es noch heut’ in meinen Ohren gellt; +In seinem Aerger schalt er derb den Bauern, +Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt, +Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen, +Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen.“ + +„Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte +Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam.“ +— Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild +’ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm +Und artig sie dem Fräulein präsentirte, +Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. — + +„Natürlich ist’s nun aus; ich heiße Beide schweigen +Und sag’ dem Juden, daß er Jemand nennt, +Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet, +Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt; +Da er’s nicht konnte, wies ich ihm die Thüre +Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe.“ + +„Zufrieden seh’ ich, wie sie miteinander gehen; +Da, — sie sind kaum noch recht vor dem Gemach, +War’s uns, als ob wir kräftig klatschen hörten, +Begleitet von des Juden Weh und Ach! +Und wie ich Else folge, nachzusehen, +Thät der, von neuem heulend, draußen stehen.“ + +„Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen, +Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab. +Der Jude dauert’ uns, ich trat zum Fenster +Und ruf’ dem Bauer nach, der, schon im Trab, +Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke, +Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke.“ + +„Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte, +Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort? +Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte, +Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort: +„„Der Jud’ soll Zeugen schaffen, die es sahen, +Daß er von mir die Streiche hab’ empfahen!““ + +„Schier überrascht, will eben ich’s dem Schelm verweisen, +Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht +Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt’ er einen +In Kostnitz oben, der spräch’ sicher Recht. +Nun war’s genug! — Ich konnt’ mich kaum noch halten, +Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!“ + +„Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden, +„Wir haben ja hier oben auch ein Loch, +Drin’ Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen; +Thut’s dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch! +Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen, +Eh’ dort die Ratten Euch am Felle nagen!“ + +„Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen. +Ich übergab die Streitenden dem Knecht +Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten, +Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. — +Am nächsten Morgen saßen Beid’ in Frieden +Und waren gute Freunde, als sie schieden...“ + +Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet, +Aus aller Munde durch den weiten Saal, +Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte +Und, als der nahgekommen, ihm befahl, +Nun wieder munter seines Amts zu pflegen, +Da er noch Durst verspür’ nach Rebensegen. + +In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen +Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis, +Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten, +Die er gar launig zu erzählen weiß; +Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren, +Der „Neue“ immer mehr und mehr zu Ehren. + +Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde, +Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt, +Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte, +Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt. +Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen +Den fremden Sänger in den Saal zu holen. — + +Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer +Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht’. +Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren, +Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht; +Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue +Und that, als ob die Einladung ihn freue. + + +Sechstes Kapitel. + +In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen, +Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt +Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend, +Sein Theil zu haben an erlaubter Lust; +Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden, +Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden! + +So manches Tränklein aus des Apothekers Küche, +Blieb unverschrieben ewig deinem Mund, +Verweiltest öfters du bei frohen Menschen +Und lachtest dich mit ihnen recht gesund; +Denn wo in Freude hell die Augen glänzen, +Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen. + +Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest, +Mit denen du dich sonst so gern vergnügt, +Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten, +Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt. +Versäume nie, mit Frohen dich zu einen, +Doch hab’ auch Thränen, siehst das Leid du weinen. — — + + * * * + +In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute, +Trat, grüßend, bald der Spielmann in’s Gemach. — +„He, Vöglein federleicht! woher des Weges? +Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?...“ +Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen, +Doch war der Fremde darob nicht verlegen. + +Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen, +Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach: +„Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen, +Ich fragte auch nie sonderlich darnach. +Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen, +Kann ich auch nicht die Alten benedeien!“ + +„So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen, +Von wo ich komm’, doch nicht, wohin ich will; +Da könnt’ der Wind Euch besser Antwort geben!“ +Und nun der Spielmann sah, daß alles still +Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte, +Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. — + +„Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt’ flattern, +Sucht’ ich die Atzung auf gar manche Art. +Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel +In seiner Weisheit ’s Hungern nicht erspart, +Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste, +Wie es dem armen Piepmatz grade paßte.“ + +„Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden, +That ich in’s Land hinaus den ersten Flug; +Auf schwankem Zweiglein hab’ ich oft gesessen, +Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug. +Am Tag ging’s lustig fort von Baum zu Baume, +Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume.“ + +„Beim ersten Morgengraun stieg ich in’s Blau der Lüfte, +Es grüßte froh die Sonne mein Gesang. +Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern, +Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang. +Da nahm ein jähes End’ das Jubilirens, +Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren.“ + +„Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten, +Und lud mich da für Winter lang zu Gast. +Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen, +Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt’; +Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen, +So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen.“ + +„Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben, +Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst; +Ich aber lernte gern und ließ mich meistern, +Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst. +Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre, +Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore.“ + +„Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten, +Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee, +Die ersten Knospen aus den Stauden brachen, +Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh. +Des Klosters Futter wollt’ nicht mehr behagen, +Zwar hatt’ ich Ursach’ nicht, mich zu beklagen.“ + +„Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich, +Riß mich dahin; ich konnt’ der Wolken Zug +Ob meinen Häupten stundenlang betrachten +Und sie beneiden um den freien Flug, +Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen, +Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen.“ + +„Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage, +Der heil’ge Joseph ist mein Schutzpatron, +Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen +Und heimlich aus dem Käfig flog davon. +Im Freien konnt’ ich nun die Glieder dehnen, +Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen.“ + +„Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen. +Willkommen! Sag’, wo bliebst Du denn so lang? +So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen +Und jubelnd stimmt’ ich ein in ihren Sang; +Der Dompfaff sang die Mess’ am Morgen frühe, +Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe.“ + +„In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger, +Die Bächlein murmelten, es blitzt’ der See; +Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein, +Aus zartgewebtem, duft’gem Blüthenschnee, +Und lustig Lebens gab’s auf allen Zweigen! +Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen.“ + +Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen +Trug mich der Füße unermüdlich Paar; +Allüberall empfing mich lauter Jubel +Von der Gesellen leicht besohlter Schaar. +Vergessen war das Hungern, war das Frieren, +Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren.“ + +„Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen, +Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast; +Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager, +Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt; +Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen, +Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen.“ + +„Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen, +Und ging dies so durch manche Woche hin; +Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden, +Auf das ich lange stolz gewesen bin, +Als ich, es war an einem Sonntag eben, +Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt’ erleben.“ + +„Mit viel Gesellen hatt’ auch ich den Zug genommen +Durch’s Baierland in’s schöne Oesterreich. +Der Atzung gab’s genug auf solcher Reise +Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich; +Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen, +Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!“ + +„Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein, +Wo man uns Herberg wies im „güldnen Kranz;“ +Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen, +Drauf fiedelten die andern einen Tanz, +Und, eh’ wir uns recht umsahn, war die Stuben +Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben.“ + +„Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke, +Die einen wollten Sang, die andern Tanz; +Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe, +Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, — +Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise, +Ihm doch zu singen eine schöne Weise.“ + +„Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen +Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang; +Vom Herzen lösten sich die Melodeien, +Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang, +Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen; +Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen.“ + +„Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber +Und änderte die Weise und das Lied; +In süßen Tönen fing ich an zu locken, +Wie es die Vöglein draußen thun im Ried, +Den Blick konnt’ ich dabei nicht von ihr wenden, +Da ihre dunklen Augen schier mich blenden.“ + +„Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende, +War auch der Zähren letzte Spur davon; +Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen, +Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn. +Des Mägdleins Beifall wollt’ ich mir erringen +Und hätt’ ich müssen Tag und Nacht durch singen.“ + +„Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen; +Gar wenig scheerte mich der andern Lob. +Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben, +So oft den schönen Blick sie zu mir hob, +Und ehe noch mein letztes Lied verklungen, +Hatt’ ich mich tief der Maid in’s Herz gesungen.“ + +„Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten +Und sich die andern drehn in frohem Muth, +Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend, +Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth; +Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne, +Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne.“ + +„Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze, +Die Feine wiegte sich in meinem Arm; +Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen, +Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm. +Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen, +Errathen hab’ ich’s, ohne viel zu fragen!“ + +„Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen, +Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus. +Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme, +Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus; +Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken +Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!“ + +„Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen! +Als spät und doch zu früh das Scheiden kam, +Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen +Und war in Thränen, da sie Abschied nahm; +Dann huschte sie in’s Haus, durch einen Garten. +Ich wußt’ nicht, sollt’ ich gehen oder warten.“ + +„Doch ging es eine Weile, eh’ ich mich konnt’ trennen +Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück. +Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen, +Und langsam suchte ich den Weg zurück, +Verfehlte aber bald die rechte Gasse; +Denn es war dunkel, wie in einem Fasse.“ + +„Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden, +So mich zurück zur Herberg führen thät, +Schritt ich die Häuserreihen still vorüber, +Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät; +War aber in dem Dunkel nichts zu wollen! +Nur ferne Blitze und des Donners Rollen.“ + +„Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen, +Da brach das Wetter los mit aller Macht; +Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen, +So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht, +Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken, +Ein Heil’genbild in einer Nischen winken.“ + +„In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen, +War doch die Nische selbst noch unter Dach; +Gelassen sucht’ ich ein behaglich Plätzchen +Und sann zufrieden meinem Glücke nach, +Derweil die Blitze grell den Himmel sengten +Und schwere Wolken überm Städtlein drängten.“ + +„Bald träumte ich gar süß von einem sel’gen Leben, +Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein. +Mein fahrend Dasein hatt’ ich aufgegeben, +Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein; +In welchem thät als Hausfrau lieblich walten, +Das Mägdlein, so ich heut’ im Arm gehalten.“ + +„Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser, +Die Fenster klirrten, da und dort ward’s hell, +Auch eine Wetterglocke hört’ ich läuten; +Die Donnerschläge folgten sich gar schnell. +Mich aber kümmerte kein Blitzezucken, +Durft’ unter gutem Schirme mich ja ducken!“ + +„Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen. +Herunter auf des Städtleins Giebelreihn, +Von unheimlichem Knattern arg begleitet; +Draus lohte hoch ein rother Feuerschein, +Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet, +Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!“ + +„Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen, +Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn; +Die einen schleppten Leitern, andre Eimer, +Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn, +Indeß am Himmel eine Feuergarbe +Auf Meilen leuchtete in rother Farbe.“ + +„Jetzt lockt’ auch mich der Böse aus dem sichern Winkel! +Ich ließ den guten Heiligen im Stich +Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger, +Zur Löscharbeit fast außer Athem mich; +War freilich unnütz, daß ich also rannte, +Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!“ — + +„„Thu’ einen Schluck, Gesell, und dann bericht’ uns weiter,““ +Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz. +Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten, +Und leerte ihn, mit einem „Gott vergelts!“ +Zum Staunen Aller fast in einem Zuge, +Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge. + +„Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend, +Fuhr drauf er fort: „So flog ich denn dahin, +Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen, +Daß fast der Erste ich beim Feuer bin. +Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen, +Die Flamme leckte schon an allen Wänden.“ + +Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren, +Packt meinen Nacken eine grobe Faust +Und hör’ ich schreien: „Heda, greift den Strolchen!“ +Indeß ein Schlag auf mich herunter saust, +Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte, +Daß mir das Feuer aus den Augen leckte.“ + +„Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!“ hörte +Ich rufen, dann ging mir der Athem aus; +Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung, +Die erst mir wieder ward im Büttelhaus. +Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben, +Wie’s schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!“ + +„Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter, +Der flissentlichen Brandstiftung verklagt; +Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen, +Ward ihm vom Herbergsvater eh’ gesagt. +Dir winkt das Dreibein, dacht’ ich, bist verloren, +Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!“ + +„Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter +Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam. +Daß ich im Dunkel abends mich verirrte, +Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm, +Und auch der Heil’ge mich beschirmet hätte, +Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte.“ + +„Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause +Mocht’ nicht ich sprechen, sonst war alles wahr. +Der Richter jedoch nannt’ es eitel Lügen, +Von weitem schon jedweder Wahrheit bar; +Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen, +Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen.“ + +„So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen, +Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib, +Des fremden Vogels Federlein zu rupfen +Und ihn zu rösten bei lebend’gem Leib. +Mit Zittern trat ich in die Marterkammer, +Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer.“ + +„Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen. +Die Teufel steigerten mir Grad für Grad +Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben! +Und grinsten höhnisch: „Bist noch gut für’s Rad!“ +Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen, +Daß zischend tief in’s Fleisch die Eisen griffen.“ + +„Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten, +Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort, +Als was dem Richter gleich schon ich bekannte, +Und was ich wiederholte fort und fort: +Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen, +Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen.“ + +„Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers, +Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand, +Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen, +Würd’ etwas lockern ich der Zungen Band +Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen +Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen.“ + +„Doch lieber hätt’ ich mir die Zunge abgebissen, +Eh’ ich die Holde meinethalb verrieth. +Ich schwieg also und ließ mich weiter martern, +Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht. +Bist hin! dacht’ ich, und hast nur zu errathen, +Ob sie dich hängen werden oder braten!“ + +„Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse, +Da hielten sie mit Foltern endlich ein +Und gaben etwas Ruh’ dem armen Körper, +Sich zu erholen von der schweren Pein; +Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte, +Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte.“ + +„Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche +Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin, +Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend: +Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin, +Das mir mein traurig Dasein aufgebunden +So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!“ + +„Doch während solchem Harren heilten meine Wunden; +Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm; +Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen, +Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm. +In trautem Plaudern kos’ten wir zusammen, +Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!“ + +„Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer +Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum, +Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos’te. +Entsetzen packte mich im Kerkerraum; +Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände +Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende.“ + +„Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden, +Verglichen mit der Folter argem Schmerz, +In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette, +Die Kraft versuchend an dem harten Erz; +Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen, +Als daß ich, wach nun, davon konnt’ genesen.“ + +„So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens +Erschlossen ward die Thüre und parat +Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen, +Die mich begleiten mußten vor den Rath. +Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen. +Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen.“ + +„Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln +Und sahen finster blickend auf mich her; +Der Wasenmeister mußte rückwärts treten, +Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer. +Dann fing man zu verklagen an, zu fragen; +Ich mußte ihnen nochmals alles sagen.“ + +„Geduldig gab ich Red’ und Antwort ihren Fragen, +Erzählte alles wahr und unverwandt; +Die Herren aber machten strenge Mienen, +Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt. +Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen +Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!“ + +„Nun flogen Red’ und Widerrede hin und wieder, +Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr; +Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig, +Da trat ein altes Männlein langsam vor. +Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig, +Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig.“ + +„Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen, +Die tief versenkt im faltigen Gesicht; +Dann wandte er sich zu den Rathscollegen, +Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht. +Ich aber konnt’ den Blick nicht von ihm trennen, +Mir war, als sollt’ ich diese Augen kennen.“ + +„„Wollt nicht aburteln,““ kam es aus des Männleins Munde, +„„Eh’ Ihr zuvor auch mich gela’n. +In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster +Des Wetters Toben lange Zeit mit an; +Die Erde zitterte in ihren Gründen +Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.““ + +„„Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten +Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht. +Ich fordre also Namens seiner Zeugen, +Ihm zu beweisen, eh’ den Stab man bricht, +Daß er es war, wie uns die Klage kündet, +Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.““ + +„„Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen; +Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch, +Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen, +Es komme Unheil uns durch solchen Gauch. +Drum fordre Zeugen ich zum andern Male, +Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!““ + +„„So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen, +So weit noch Christenglocke tönt im Reich, +So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen, +So weit wir alle vor dem Herre gleich, +So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen, +Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.““ + +„„Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen, +So ist’s, nach altem Brauche, Richters Pflicht, +Beweise von dem Kläger einzufordern, +Eh’ man ein Urtel dem Verklagten spricht — +Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen: +Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!““ + +„„Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem +Die Männer wir besiebnet, daß man hört, +Was jene wissen und ob jeder willig, +Die Aussage mit seinem Eid beschwört; +Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen +Und — trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!““ + +„Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne; +Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer. +Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder, +Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr +Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten, +Im Rathe unverkürzt willfahren wollten.“ + +„Doch mocht’ des Alten Wort im Rathe Geltung haben; +Es dauerte nicht lange, ward erklärt +Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte, +Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt, +Und seien jene eidlich zu verhören; +Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören.“ + +„Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß; +Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor. +Es waren vier’, die in die Schranken traten, +Doch ihre Namen ich schon lang verlor; +Nur Einen kannt’ ich an den Fäusten wieder, +Die mich beim Brande damals schlugen nieder.“ + +„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte +Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund +Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben; +Gott sehe jedem Herzen auf den Grund +Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten +Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!“ + +„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser, +Der auf der Kanzel seine Predigt thut. +Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten +Es oft wie Mitleid für mein junges Blut, +Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke, +Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.“ + +„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber +Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort. +Gar kurz erzählte der, wie er getroffen, +Der ersten einen, mich am Unglücksort, +Und wie er mich als Fremden gleich erkannte, +Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.“ + +„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette +Und hob die Hand beschwörend hoch empor, +Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend, +Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor, +Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte, +Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.“ + +„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen; +Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still. +Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen, +Wenn um ihn jeder sein Verderben will. +Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen, +Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!“ + +„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel +Zu Allem fähig, habe der Verdacht, +Ich sei der Thäter, Jedermann befallen, +Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht. +Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen — +Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.“ + +„Die andern drei bestätigten des ersten Rede, +Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur. +Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe; +Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur. +In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben, +Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!“ + +„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen! +Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind. +Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet, +So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind! +Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen, +Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.“ + +„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte, +Der wieder goldne Lebenshoffnung gab, +Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen; +Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab. +Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen, +Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!“ + +„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden, +Denn als die Viere ihren Spruch gethan, +Ward lange hin und her im Rath verhandelt, — +Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n. +Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig, +Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.“ + +„Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher +Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn, +Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten +Für solchen Strolches Unterhalt entstehn; +Nur sollten vorher sie mich schwören lassen, +Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen.“ + +„Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden, +Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund +Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen +Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund’, +So sollte man auch hier nach Recht verfahren, +Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!“ + +„Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille; +Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob +Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale. +Wie Nebel war’s, was meinen Blick umwob, +Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten, +Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten.“ + +„Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen, +Hielt aufrecht mich indessen drauß’ im Flur, +Und immer stärker kam mir der Gedanke: +Sie werden los mich geben mit dem Schwur, +Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden; +Was ich geschworen hätt’ mit tausend Eiden.“ + +„Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten +Noch manchen Puff, weil’s nicht zum Galgen ging, +An den sie mich so gern gehangen hätten; +Doch achtete ich solches nur gering; +Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern, +Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern.“ + +„Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen; +Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal +Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden; +Es schuf die Ungeduld mir harte Qual. +Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile, +Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!“ + +„Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen, +Ein Büttel rief den Wasenmeister an, +Mich wiederum dem Rathe vorzuführen; +Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran. +Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken, +Trat leichtern Sinn’s ich dies Mal vor die Schranken.“ + +„Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber, +Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht +Und feierlichem Ton begann zu lesen; +Doch was er las, verstand ich leider nicht, +Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen +Sei Deliquent das Urtel zu verkünden.“ + +„„Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte +Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht, +Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen, +Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, — +Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben, +Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.““ + +„Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel; +Man forderte dafür noch meinen Dank, +Weil mich der Rath so gnädig angesehen, +Daß morgen schon ich würde frei und frank. +Mein leiser Fluch mocht’ ihnen dafür gelten, +Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten.“ + +„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden, +Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht, +Die mich von der ersehnten Freiheit trennte; +In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht, +Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe, +Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.“ — + +„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen; +Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint. +Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden, +Ob man sich auch von Gott verlassen meint. +So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren; +Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!“ — + +„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten, +Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr, +Und mir der Freimann guten Morgen wünschte +Inmitten seiner groben Knechte Chor; +Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen +Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.“ + +„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge, +Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick; +Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge +Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick, +Um das ich manchen Tag so schwer gelitten — +Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.“ + +„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte +Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth +Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend, +Denn mein Gewissen war ja rein und gut; +Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten, +War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.“ + +„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann +Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’, +Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend +Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’ +Und fluchend seinen Knechten aufgetragen: +Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!“ + +„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen, +Denn kaum war ich der Fesseln los und frei, +Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten +Und mir die Menge folgte mit Geschrei. +Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen, +Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.“ + +„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder, +Die Knechte hinter mir in wilder Jagd, +Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein, +Wo Abschied nahm von mir die holde Magd. +Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten, +Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.“ + +„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber, +Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu. +Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden, +Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. — +Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden, +Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!“ + +„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften, +Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! — +Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen +Und zog dahin im hellen Sonnenschein, +Bis endlich ich den grünen Wald erreichte +Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!“ + +„„Letz’ Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!““ +Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in’s Wort, +„„So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle, +Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort; +Manch einer hätt’ das Mägdlein angegeben, +Eh’ halb so viele Pein er mocht’ erleben!““ + +Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge, +So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht; +Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal, +Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht +Und ging sie flink daran, mit eignen Händen +Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden. + +Der Spielmann ließ sich’s schmecken; unterdessen aber +Ward leis am Tische ein Gespräch geführt, +In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte, +Weil deß’ Erzählung sie gar tief gerührt; +Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute, +Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute. + +Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig +Und bat von neuem nun den Vogt um’s Wort; +Doch schien’s, als ob der Zweifel leis ihn kränkte, +Denn also spann er die Erzählung fort: +„Würd’ meinen Nacken nicht das Dreibein zieren, +So glaubt’ ich selbst manchmal zu fabuliren!“ + +„Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen! +Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär, +Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen, +Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär. +Doch, mit Vergunst! Glaub’ nicht, Ihr werdet schmählen, +Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen.“ + +„Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen; +Verwichen Leid und Freud’ mit lautem Wort +Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre, +Was sonst wir bergen am geheimsten Ort. +Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern, +Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern.“ + +„Wie schon erzählt, hatt’ ich den Schritt zum Wald gerichtet; +Dort warf ich mich todmüde in das Gras. +Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt, +Ging lange es, eh’ ich des Schlafs genas; +Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer: +Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer.“ + +„Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte, +Als es mich dünkte, eine zarte Hand +Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen; +Es war so angenehm, was ich empfand, +Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen, +Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen.“ + +„Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger +Mir glätteten das wirr zerzauste Haar, +Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne +Den warmen Druck von frischem Lippenpaar. +Ich konnt’ mich kaum noch halten vor Entzücken; +Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken.“ + +„So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden, +Indeß’ der Schlaf sich mälig ganz verlor, +Als es auf einmal meinen Namen hauchte +Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr; +Wie warmer Odem streift es meine Wangen: +Das war kein Traum, was mich so hold umfangen.“ + +„Nun thät es nichts mehr batten, mußt’ die Augen öffnen. +Und was ersah ich? Meine traute Maid, +Sie knie’te dicht zur Seite mir im Grase; +Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid. +Von meines Glückes Uebermaß bezwungen, +Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!“ + +„Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren +Ob ihrer Liebe, die so heldengroß +Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte, +Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß, +Um stets auf’s neu’, in seligem Vergessen, +Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen.“ + +„So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse, +Versenkte sich erglühend Blick in Blick; +Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte, +Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick. +Wie konnt’ ich süßer lohnen denn die Schmerzen +Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?“ + +„Doch wer vermöcht’ die Seligkeit mir nachzufühlen, +So ich empfand an meines Mägdleins Brust? +Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden +In ihrem Paradiese um die Lust, +Die reine Herzen an einander finden, +Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!“ + +„Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen +Und frug mich ängstlich: „„Joseph, kannst Du gehn?““ +Es strich die Hand dabei durch meine Locken, +Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn. +Mir aber kam nun die Erinn’rung wieder, +Und traurig wies ich auf die wunden Glieder.“ + +„Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite +Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras; +’s war bald geöffnet und ich schaute staunend, +Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas. +Das letztre füllte sie und ließ mich nippen; +Es war gleich Balsam für die heißen Lippen.“ + +„Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser +Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht. +Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen, +So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht, +Und wäre Wochen lang gern krank gelegen, +Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen.“ + +„Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein, +Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie’s schmeckt’; +Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern, +Daß heute früh sie sich im Wald versteckt, +Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen, +Bis mich ihr Blick von Weitem konnt’ erspähen.“ + +„Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte, +Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt, +Dem sanften Schlummer gern mich überlassend, +So lange meine Sicherheit dies litt. +Nun aber mahne dringend sie zur Eile, +Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile.“ + +„Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber, +Wie nah’ die Sonne schon dem Niedergehn; +Doch zugleich schaute ich auch reisefertig +Die Traute selber mir zur Seite stehn. +Hei! sprang ich Euch empor und ihr an’s Herze, +Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!“ + +„Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse, +Und machte sich aus meinen Armen frei, +Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken; +Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei, +Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen, +So sei es sicher, daß sie doch mich hingen.“ + +„Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels, +Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt’, +Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal +Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt; +Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden, +Als sie im Leben fortan nun zu meiden.“ + +„Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen, +Bekannte traurig sie in leisem Wort, +Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme, +Und sie mir folgen müßt’ von Ort zu Ort; +Was noch sie flüsterte, mocht’ kaum ich fassen, +Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen.“ + +„In langem Kusse wollte ich’s der Lieben lohnen, +Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht +Und drängte wieder, endlich aufzubrechen, +Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht. +„„Der Vollmond,““ schloß sie, „„kommt zu guten Zeiten, +So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.““ + +„Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend, +Schlug um das Bündlein sie ein festes Band +Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend, +Zum Gehen fertig, in der linken Hand; +Derweil sie mit der Rechten mich wollt’ stützen, +Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen.“ — + +„Hätt’ nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte, +Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut. +Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen, +Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut, +Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken, +Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!“ — + +„Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel, +Als wir uns endlich auf den Weg gemacht. +Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten, +Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht; +Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte, +Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte.“ + +„Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen, +Die nun erzählte, wie sie fleht’ und bat +Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein, +So für mich Zeugen forderte vorm Rath, +Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen, +Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen.“ + +„Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause +Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind; +Doch solcher Bitte wollt’ er nicht willfahren, +Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind. +Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert, +Was Abends es am Brunnen hätt’ ergattert.“ + +„Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder +Und beichtete, indem sie ihm gestand, +Daß ich es war, der sie nach Hause führte +Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand; +Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen, +Auch ziemlich fern der „güldne Kranz“ gelegen.“ + +„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle; +Er sah die Schande, die das Kind bedroht, +Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte, +Daß einem Fahrenden den Arm es bot. +Mit harten Worten schalt er da die Arme, +So schier verging in bitterschwerem Harme.“ + +„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen, +Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt, +Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden, +Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt. +Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen, +Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.“ + +„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen; +Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort, +Zu einer alten, menschenscheuen Muhme, +Die einsam hauste in dem nächsten Ort, +Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen, +Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.“ + +„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte, +Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’, +Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden; +Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt, +Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte, +Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.“ + +„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen, +That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb, +Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten; +Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb, +Und sorgte, daß man so mein Urtel messe, +Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.“ + +„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen, +Und man im Rathe ihm zu Willen war; +Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher +Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr, +Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte, +Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.“ + +„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger, +Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n, +Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen, +Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n; +Denn während er im Rathhaussaal gesessen, +Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.“ + +„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser, +Als es der Ohm vor Rath und Burgern that. +Ich war vor ihren Augen rein geblieben — +Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath; +Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen, +Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.“ + +„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden +Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, — +Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen, +Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt, +Um mir, im Walde wartend, aufzupassen, +Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.“ + +„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt, +Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn +In all dem Unglück und ihr zürnen möchte, +So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ — +Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen, +Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.“ + +„So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade, +Indessen still ich ihren Worten lauscht’; +Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten, +Bis endlich nah die Donau uns gerauscht. +Es war noch früh, fing eben an zu dämmern; +Im Walde hörten wir die Spechte hämmern.“ + +„In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen, +Der schöner war und freundlicher gelacht +Hatt’ mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher; +Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht, +Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten, +Aus denen tausend helle Sonnen schauten!“ + +„Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre +Stromabwärts nun im Morgensonnenschein. +Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen; +Wir mußten erst den Wackern munter schrei’n, +Doch endlich schob der grämliche Geselle +Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle.“ + +„In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber +Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, — +Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer, +Bis unser Weg den nächsten Forst gewann; +Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde, +Das dicht umfriedet war vom stillen Walde.“ + +„Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen, +Wir sanken müde in das weiche Gras +Und mochten weder plaudern mehr noch essen, +Eh’ neuer Kraft der Körper erst genas. +An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer, +Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer.“ + +„Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen +Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt; +Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden, +Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt. +Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen +Das Schläflein, so schier gar kein End’ genommen?“ + +Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort +In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund; +Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle +Im grünen Walde, bis zur Abendstund’ +Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen, +All meiner Lebetag um mich gewesen.“ + +„Als abermals der Mond gekommen, ward berathen, +Welch’ Ziel zu wählen für den flücht’gen Fuß. +Nach Spielmanns Brauch ließ ich ’ne Feder fliegen, +So fahrend Volk die Straßen weisen muß, +Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet +War aller Zweifel drüber schnell beendet.“ + +„Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen +Den Wald dahin, im klaren Mondenschein; +Gar traulich wandelt es sich in der Stille, +Ist man alleine mit dem Mägdlein sein! +Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten; +Indeß’ uns nah der Donau Fluthen rauschten. + +„So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern, +Nur hie und da von einem Baum erschreckt, +Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen, +Uns seine Arme lang herangestreckt; +Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten, +Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten.“ + +„Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage, +Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau; +Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne +Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau. +Nun galts zur Ruh’ ein Plätzlein auszusuchen, +Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen.“ + +„Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden +Mir fast geheilt, auch unser Bündelein +An Speis’ und Trank nichts mehr zu weisen hatte, +Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein, +Da eben sich des Abends Schatten senkten, +Die müden Schritte auf die Straße lenkten.“ + +„Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten, +Mußt’ Herberg geben, bis die Nacht vorbei, +Und weil der Sänger überall willkommen, +Gab man uns Obdach und die Zeche frei. +Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen; +Hätt’ nie geglaubt, daß es so schön möcht’ klingen!“ + +„Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter +In’s Land hinein, bis schier der Tag zu End’ +Und wir in einem Flecken Herberg fanden, +Der rings umsäumt von grünem Weingeländ’. +Dort mußten wir den wackern Leuten singen, +Und thät uns solches manchen Heller bringen.“ + +„Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln, +’s ist dieses hier und dies auch noch das Band +An dem die Traute mein es stets getragen.“ — +Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand +Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen, +Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen. + +„Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern, +Und liederkundig, wie die Holde war, +Erlernte ich von ihr gar manche Weisen, +Die mir im Sinn geblieben all’ die Jahr. +Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten +Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!“ + +„Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen +Ein ganzer Himmel voller Sangeslust; +Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten +Den Frühling selber in der jungen Brust +Und gaben kaum so viel, als wir empfangen, +Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen.“ + +„Die Tage schwanden uns in eitel Freud’ und Wonne +Gab manchmal auch es einen kleinen Span, +So glich das einem warmen Sommerregen, +Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn. +Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen, +Indeß’ die Liebe nur noch zugenommen.“ — + +Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer. +Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft +Und weilte eher unterm freien Himmel, +Als daß ich einmal für uns Unterkunft +Bei einem meines Völkleins durfte suchen; +Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen.“ + +„Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben, +Und frug ich da, was sie geträumt so lang? +Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig, +Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang +Mit süßem Munde, aber nur ganz leise, +Ein neues Lied zu einer alten Weise.“ + +„Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen, +Und wußt’ von jeder eine schöne Mär; +Das kleinste Käferlein selbst war willkommen, +So ihr des Weges kam von ungefähr. +Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen, +Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen.“ + +„Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem, +So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn; +Eh’ ich mich deß’ versehn, war ich verwandelt, +So daß ich ganz ein andrer worden bin, +Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte, +Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte.“ + +„’s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise +Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft +Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe, +Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft; +Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten, +Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten.“ — + +„Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten, +Der Minne nur und ihrem Sang geweiht, +Ein schöner Leben mochte keiner führen +So hoch der Himmel und die Erde breit; +Im Schlosse heut’ zu Gast, im Städtlein morgen, +Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen.“ + +„Doch, nun der Lenz dahin, ging’s uns, wie noch gar vielen; +Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein +Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen, +Da zwitschern sollt ein junges Vögelein, +Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte +Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte.“ + +„Je kleiner’s Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel! +War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin; +Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet, +Giebt’s frohe Herzen und zufriednen Sinn. +Weiß heut’ noch nicht, was uns hätt’ fehlen sollen, +Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!“ + +„Doch unser Glück hienied’ ist eitel leichte Waare, +Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind. +Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden; +In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind. +Jung Vöglein forderte der Mutter Leben +Und lächelnd hat sie es auch hingegeben.“ + +„Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren! +Nur kurz vermelden, daß es lange ging, +Eh’ ich den harten Schlag verwinden mochte +Und die Betäubung schwand, die mich umfing, +Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten, +Die mich am besten mit begraben sollten!“ + +„Allmälig aber fing es wieder an zu tagen. +Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht, +Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken, +Deß’ Kommen mir so herbes Leid gebracht. +Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen, +Nur es zu pflegen wollt’ mir wenig taugen.“ + +„Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute, +Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn +Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen, +So ich für dessen Atzung würde stehn +Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte, +Daß Pfleg’ und was sonst nöthig er erhalte.“ + +„Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte, +Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr, +Selbst nach dem zarten Dinge schau’n zu wollen, +Küßt’ sachte ich des Kindleins feines Haar +Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten, +Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten.“ + +„Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer +Sie waren manchen Tag mein Weggeleit. +In Gram versunken zog ich meine Straßen, +Jed’ Sinnen der Vergangenheit geweiht; +Sollt’ mal ich wo ein heiter Liedlein singen, +Mußt’ schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!“ + +„Hatt’ aber vordem nur mein Lied der Lieb’ gegolten, +Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust, +Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen, +So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust; +Ich mußte singen von der Minne Schmerzen, +Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen.“ + +Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen +Und mancher Knabe klagte mir sein Leid. +Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen +Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid, +So wir’s verstehn die Saiten anzuschlagen; +Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!“ + +„Als nach und nach der Herbst in’s Land gezogen, +In falbe Blätter blies der rauhe Wind, +Am Hag die langen Spinneweben wehten, +Gleich Silberfäden, die entflogen sind; +Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen, +Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen.“ + +„In jedem Wiegenbett wähnt’ ich mein eigen Täublein +Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick; +Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern, +So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick, +Das süßer Mutterliebe mußt’ entbehren — +Und ich entschloß mich endlich umzukehren.“ + +„Hatt’ manchen blanken Heller mir ja schon ersungen, +Mit dem ich hoffen durft’ die Winterzeit +Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben; +Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit +Für’s Vögelein, von manchen schönen Sachen, +Ob dem es große Aeuglein sollte machen.“ + +„Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend, +Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt; +Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte, +So bin ich damals Tag und Nacht geeilt, +Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen, +Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt’ sagen.“ + +„Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen, +Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt +Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend, +Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt. +Trotz allem Kosen wollt’ es nicht mich kennen, +Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen.“ + +„Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde. +Es wohl zu warten, kürzte manche Stund’, +Die sonst vergällt gewesen um die Mutter; +War tief im Herzen ja noch weh und wund, +Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen +Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen.“ + +„Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne +Mit Sang und Laute, wie das meine Art, +Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller, +Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. — +Eh’ aber noch der erste Schnee gefallen, +Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen.“ + +„Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren! +Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr; +Galt mir doch jede Stunde für verloren, +In der ich fern von meinem Kinde war. +In seiner Nähe war mir Glück und Frieden, +Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden.“ + +„Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet +Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt, +Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen, +Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt, +So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen +In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen.“ + +Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater; +Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut +Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden; +Fern jedem jugendlichen Uebermuth, +War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen, +Von keinem Leide noch und Weh getroffen.“ — + +„Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren +Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt +Im ganzen Gaue, als der Liederseppel, +Wie dorten mich ein jedes Kind genannt. +Auf keiner Kirmeß’ durfte je ich fehlen, +Wenn ich nicht wollte, daß sie all’ mich schmälen.“ + +„So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken, +Wir lebten still in ungestörtem Glück; +Nur eines fehlte, ’s war des Mägdleins Mutter. +Aus ihrem Grabe sehnt’ ich sie zurück, +Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen, +Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen.“ + +Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen, +Als brächte er es nicht mehr weiter fort. +Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein: +„Daß nicht die Kehl’ am Ende gar verdorrt!“ — +Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken +Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken. + +Sie thaten’s auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten +Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt; +Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben +Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt. +Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören, +Schien Wirth und Gäst’ im Lauschen gleich zu stören. + +„Gesegn’ es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!“ +Hob bald der Sänger an mit neuem Muth, +Doch einem leisen Beben in der Stimme — +„Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut, +Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren; +Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!“ + +„’s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte +Vom blauen Himmel über Wald und Ried; +Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen +Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied. +Ein Jubeln war’s, ein Durcheinanderklingen, +Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!“ + +„Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen. +Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut; +Waldvögelein und er ha’n gleiches Wesen, +Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut: +In linder Lust muß es die Flüglein dehnen, +Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen.“ + +„Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe, +Gings früh am Morgen in den Lenz hinein. +Es sprühte, funkelte in jungen Saaten, +Gleich Adamanten im Juwelenschrein; +Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle, +Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle.“ + +„Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen +Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus, +Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind +Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß, +In welches es auch manches Kräutlein steckte, +Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!“ + +„Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen, +Das weithin hallte über Berg und Thal. +Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen, +Als es erlauschen mocht’ der Rufe Zahl; +Dann jedoch wollte mein es täglich warten, +Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten.“ + +„Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder +Durch junges Grün und hellen Vogelsang, +Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme +Herunter schimmerten vom Felsenhang +Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte, +Daß ihr Besitzer just im Walde jagte.“ + +„Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert’ fröhlich, +Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach. +Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten, +Von wo zurückzugehn die Maid versprach; +Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern, +Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern.“ + +„Ein letztes Mal hatt’ ich dem Kinde noch versprochen, +Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit; +Dann küßt’ ich seine überthränten Wangen +Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit, +Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden, +Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden.“ + +„Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet, +Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein, +Und wurde mir, als hörte ich es rufen: +„Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!“ +Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde — +Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!“ + +„Es regnete im selben Sommer mir die Taschen +Voll blanker Heller, wie noch nie vorher. +War aber auch ein reiches Jahr gewesen. +In Tenn’ und Keller blieb kein Plätzlein leer; +Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen +Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen.“ + +„Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl, +Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt; +Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit’ gehangen, +Hatt’ manchen Kram ich für mein Herzkind mit. +Wie niemals aber, freut’ ich mich im Gehen, +In einem fort auf unser Wiedersehen!“ + +„’s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse +Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt; +Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße +Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt, +Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte, +Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte.“ + +„Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes +Begegnete mir scheu die Pflegerin. +Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde, +Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin +Und ging es lange, eh’ ich’s mochte wagen, +Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen.“ + +„Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen, +Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih’ +Am selben Tag mein Vögelein sich raubte, +Als ich im Lenz von ihm geschieden sei; +Doch soll es munter auf der Thierburg weilen +Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen.“ + +„Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr’schem Toben, +Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt; +In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen +An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt. +Aufschreiend: „denen will ich’s Nachtmahl würzen!“ +Wollt’, rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen.“ + +„Da wischte sich die Bäuerin ’s Wasser aus den Augen +Und zog mich neben sich auf eine Bank. +„„Stat Seppel!““ sprach sie, „„magst Dir’s erst beschlafen; +Der auf der Thierburg wüßt’ Dir schlechten Dank +Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen +Und es versuchen, deine Maid zu sehen!““ + +„„Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen, +Hatt’ jedoch bei dem Gange wenig Glück. +Ist Einer wie der Andere dort oben! +Sie wiesen mich am Thore grob zurück, +Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter +Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.““ + +„„Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack’ Dich zur Höllen, +Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib! +Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen, +Eh’ es zum Teufel fährt als runzlig Weib! +Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen, +Sonst wär’ es nicht allein im Wald gegangen!““ + +„„Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde, +Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog. +Glaub’ freilich nimmer, daß es gern gegangen +Wie einer von den Schergen oben log! +Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde, +Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.““ + +„So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen. +Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz; +Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern, +Fand keine Worte meinem Höllenschmerz. +Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen, +Der Rache nur gehörte all mein Sinnen.“ — + +„Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte. +In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu, +Stand aber viel zu früh vor deren Mauern; +Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh’. +Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge, +Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge.“ + +Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen, +Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß. +Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen +Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras. +Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern, +Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.“ + +„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen, +Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob. +Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser, +Ich möcht’ für mich behalten solches Lob; +Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten, +Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.“ + +„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer +Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht. +Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen, +Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht +Und fragte nur, um auch etwas zu sagen, +Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?“ + +„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen, +Als wir vor etlich Monden auf der Jagd +Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten! +Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd, +Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden, +Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.““ + +„„War Dir ein Fang,““ erzählte ungefragt der Bursche, +„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt! +Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln, +Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt, +Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen +Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.““ + +„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten, +Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon. +Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme, +Dran Eppich rankt,““ — ich sah es leider schon, — +„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken, +Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.“ + +„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen. +Mich aber überlief es heiß und kalt; +Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken +Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. — +Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden, +In meines Lebens allerschwerster Stunden!“ + +„Füll’ ihm das Krüglein wieder!“ rief Herr Heinz dem Diener. +Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab, +Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken. +Dann ward es stille, wie vor einem Grab; +Nur im Kamine prasselten die Flammen +Hell überm trocknen Eichenholz zusammen. + +Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen: +„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! — +Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte, +Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien, +Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben, +Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!“ + +„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe +Und starrte schweigend in den grausen Schlund. +Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken. +Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund. +Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen, +Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!“ + +„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken, +Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt; +Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens +Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert. +Er selber war es, so mein Kind begraben, +Als sie es später todt gefunden haben.“ + +„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme, +Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang; +Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen, +Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang +Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen, +Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.“ + +„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte, +Die ächzend von der Windberg’ niedersank, +Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen +In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank +Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen; +Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.“ + +„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig; +Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach. +Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig, +Noch bei den Mägden, suchte nach und nach +Mit klugen Worten sie dahin zu bringen, +Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.“ + +„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit! +Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab. +Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben, +Es lieber sich dem grausen Tod ergab. +Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen, +Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.“ + +„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich +Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann, +Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel — +Alleine in der Welt, ein armer Mann! +Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben; +Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.“ + +„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen; +Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging, +Sah ich den Weg allmälig sich verengen, +Indessen oben eine Felswand hing. +Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen, +Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.“ + +„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe +Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt, +Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen, +Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt; +Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen, +Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.“ + +„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten, +So lang das Hinderniß nicht fort geräumt. +Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen +Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt +Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte, +Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.“ + +„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe, +Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein +Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen. +Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein, +Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte, +Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.“ + +„Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken, +So oft ein Stein dem Rande näher kam. +Hei! will ich ihnen ein Memento singen, +Eh’ sie der Teufel sammt und sonders nahm! +Des Sängers Rache sollten dran sie kennen +Und müßt er selber in der Höllen brennen.“ + +„Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen! +Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf: +Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen, +Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf. +Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen, +Den Teufeln nicht die letzte Meß’ zu singen.“ + +„Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber +Und ließ sie nähern sich der Felsenwand. +Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen, +Nun der den Hohlweg so verrammelt fand. +Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern, +Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern.“ + +„Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen +So gaffend standen vor dem schweren Baum, +Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen; +Dann sah er um sich in dem engen Raum. +Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen, +Ein einz’ger Felsblock sollt’ sie nieder brechen!“ + +„Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte, +Den Satan tödtend unter seiner Last, +Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz +Und — fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt! +Entsetzen packte mich, mußt’ inne halten, +Statt meiner grausen That zu End’ zu walten.“ + +„Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen +Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick: +Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet, +Als meiner harrte einst des Henkers Strick. +Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte, +Daß ich es um sein liebes Mündel brachte.“ + +„Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden! +Was ich dem Alten that, das brannte jetzt, +Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele, +So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt, +Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte, +Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte.“ — + +„Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein +Der Bäuerin; das Singen hatt’ ein End’. +Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe, +Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd’. +Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen; +Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen.“ + +„So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd, +Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn. +Er blieb mir fern. Ich hatt’ noch des Gefieders, +Das ich mir vorher erst sollt’ rupfen la’n. +Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen. +Für’s Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen.“ + +„Was sollt’ er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget? +Gelähmt die Fittige der bittre Harm? +Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel, +Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm! +Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken, +Daß Niemand schauen sollt’ sein letztes Zucken.“ + +„Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen, +Mit einer Söldnerschaar in’s Polenreich. — +Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet, +Nur mir blieb ferne der Geselle bleich; +Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen, +Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen.“ + +„Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande, +Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt, +Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt; +Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt. +Statt als ein tapferer Gesell zu sterben, +Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben.“ + +„Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend, +Tags nach dem Treffen über’s Blachfeld gehn, +Da finden sie auch mich und jeder eilte, +Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn. +Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder, +Verwundert hob ich bald die schweren Lider.“ + +„Da fügte sich’s, daß sie auch jenes Dreibein sahen, +So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt, +Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen, +Als sie den Galgenvogel dran erkannt! +Ich hör’ noch heut’ ihr höhnisch Lachen klingen, +Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen.“ + +„Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren, +Der nackte Vogel änderte den Sinn; +Sein stolzes Wollen bracht’ ihm schlecht Gedeihen, +Was er erstrebt’, deß’ ward ihm kein Gewinn. +Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen, +Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen.“ + +„Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen +In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid; +Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt +Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid. +Dann schlug’s wie Wellen über mir zusammen, +Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen.“ + +„Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer, +Als ich auf einmal hörte, daß man sprach. +Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen, +Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach. +Der Tod war wiederum vorbeigezogen, +Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen.“ + +„Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken +Die Sonne glänzte und des Himmels Blau, +Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute, +Und in den Ecken Spinneweben grau, +Das war der Ort, an welchem ich erwachte, +Nicht grad das Paradies, wie ich mir’s dachte.“ + +„Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen, +Beim Spiele, doch auch’s Krüglein in der Hand, +Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen, +Bei einem Karren, der daneben stand. +Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen, +Ließ unschwer mich der erste Blick errathen.“ + +„Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen, +Als ich dem Tode nah im Felde lag, +Und nun ich endlich wieder Leben zeigte, +Hielt’s treulich bei mir aus manch lieben Tag, +Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte, +Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte.“ + +„Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen, +Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum; +Ihr Treiben aber wollt’ mir nicht gefallen, +Fand viel der Haken, die gewaltig krumm; +Doch wenn ich warnte, bracht’s mir Spott und Schelte, +Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte.“ + +„So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir +Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war. +Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche +In einer Mondnacht, wie der Tag so klar; +Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen, +Konnt’ meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen.“ — + +„Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen, +Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz +Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert. +Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz, +In welchem, unauslöschlich tief, gegraben, +Was wir an Freud und Leid genossen haben.“ + +„Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte, +Doch diesmal mit der Laute im Geleit. +Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken +An freudige, wie kummerhafte Zeit, +Und halte sie seitdem in guten Ehren, +Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren.“ + +„In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen, +Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein, +Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins +Entfremdet war bis auf den bloßen Schein; +Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte, +Und eine Zeitlang es mir bas behagte.“ + +„Traun! gab’s des bunten Treibens da gar viel zu schauen, +Vom Morgenläuten bis zum Abend spat. +In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen, +Viel schöne Frau’n in ihrem besten Staat; +Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen, +So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen.“ + +„Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen! +Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr; +Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen, +Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor, +Und Frauenherzen muß der Sänger rühren, +Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren.“ + +„So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere, +Wo blaues Aug’ und blauer Trauben Saft +Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel +Man sich in’s Farbenspiel des See’s vergafft. — +Ich würde heut’ noch dort die Saiten spannen, +Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen.“ — + +„Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen, +Von arger List und bösem Trug gestellt. +Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen, +Daß lauten Ton’s sie in den Ohren gellt; +Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen, +Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!“ + +„Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim, +Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth; +Statt frei Geleite, so man ihm versprochen, +Verdammten sie’s und zwar zum Feuertod. — +Mein’ aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren, +Den sie zu braten sich gewißlich wahren!“ + +„„Ein Unrecht ist’s!““ entschlüpfte es dem Mund des Junkers +So laut, daß sich der Spielmann unterbrach +Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte, +Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach; +Herr Heinz doch that, als hätt’ er nichts vernommen, +Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen. + +Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter: +„Es ward mir schwül am blauen Bodensee; +Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe, +Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh. +Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen, +Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!“ + +„Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben, +Den vollen Humpen und den schönen Frau’n, +Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen, +Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau’n, +Bis sich von ungefähr das Steuer drehte +Und mich der Wind in Euer Thal verwehte.“ — + +„Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen, +Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn; +Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten, +Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön, +Um welchen rings sich wald’ge Berge bauen, +Von denen stolze Burgen niederschauen!“ + +„Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen; +Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz, +Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet, +Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz. +Hier fühle ich mich wohl, hier möcht’ ich weilen, +Wär’ mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!“ — + +„Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo +Und wisset, wo’s die Federlein gela’n. +Ich hoffe, ’s wird einst, nach der letzten Mauser, +Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn; +Ist doch auch’s Vögelein in Gottes Händen, +Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!“ + + +Siebentes Kapitel. + +Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen, +Erschimmern rings in märchenhafter Pracht +Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet +Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht; +Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen, +Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen. + +Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft +Und, wenn’s auch kalt macht, ist die Luft doch still +Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein, +In dem die Sonne er begrüßen will; +Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte, +Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte. + +Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten +Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch, +Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd, +Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch. +Ein Meer von Gold ruht auf den schnee’gen Flächen, +Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. — + +Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten, +Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat, +Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen; +Was diese auch versprochen, eh’ sie spat, +Da müd’ und schläferig die Lider hingen, +Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. — — + +Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle, +Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein, +Ernst angemuthet; dieses wollte lachen. +Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein, +Als jener endlich schwieg und alle zaudern +Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern. + +Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder +Die Oberhand. In froh gelaunter Weis’ +Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen +Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis’; +Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen, +Denn Kehl’ und Magen fahrender Gesellen. + +Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand +Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund +Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte, +Ob ihre Liebe auch so festen Grund, — +Als sie es eben von der Maid vernommen, +Die zu dem Spielmann einst in Lieb’ erglommen? + +Wohl zog’s in dunklen Gluthen da auf Elsbeth’s Wangen, +Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor +Und sprach in mildem Ernste, aber leise, +Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr: +„Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne +Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!“ + +Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell, +So hastig stand sie dann vom Tische auf +Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen; +Auch, in der Eil’, die Kanne mit dem Knauf +Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten, +Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten. + +Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen. +Was der natürlich auch gar gerne that +Und sich behaglich übers Essen machte, +So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat. +Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen, +Ward munter wieder hin und her gesprochen. + +Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad, +Dem’s wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach; +Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort, +Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach; +Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen, +So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen. + +Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte, +Denn seine Blicke zog’s mit Allgewalt +Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend, +Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt, +Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte, +Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte. + +Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre +Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort +Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte, +Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort. +Verschwieg’ne Liebe ist ja doppelt theuer +Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. — + +Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische; +Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell. +Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen, +Wollt’ er mit Ehr’ bestehn als Schenkgesell; +Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen +Woll’ heute jeder Grund und Boden fehlen. + +Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen: +„Hei, Alter! Sing’ ein Liedlein von der Jagd; +Kennst sicher eines, das recht lustig klinget +Und frohen Waidgesellen bas behagt. +Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen; +Sieh’ nur, wie alle schon die Ohren spitzen!“ + +Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele; +Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand, +Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert, +Bat, eh’ er’s rührte mit gewandter Hand, +Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen, +Was für ein Lied der Holden thät behagen. + +Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines, +So einst sein Mägdlein sich ersann und sang. +Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte +Drauf in die Saiten, daß es hell erklang. +Dann hob er, anfangs leise, an zu singen, +Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt’ klingen: + +„Am Hage blüht jung Röslein roth; +Deß’ litten Wind und Käfer Noth, +Wollt’s Jeder ha’n zur Fraue; +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Zum Röslein heimlich sprach der Wind: +„„Laß’ um Dich werben, liebes Kind, +Ein Herr gehrt Dein zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„„Zieh’ weiter!““ rothes Röslein sprach, +„„Verschlossen bleibt Dir mein Gemach, +Solch Buhlen ich nicht traue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„Drauf, gülden schön, ein Käfer kam, +Gab jungem Röslein süßen Nam’, +Als seiner holden Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Doch Röslein sprach: „„Dich nehm’ ich nicht +Goldkäferlein! Dein Angesicht +Nur hin nach andern schaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„Als aber kam ein Junker her, +Da wurde Rösleins Herze schwer; +Von selbst ward’s seine Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth’, +Doch er war bald des Kosens müd’, +Zog wieder fort in’s Blaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Und wißt Ihr, wer der Junkherr war? +Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr +Ein Röslein sich zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen, +Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied; +Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen, +Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied, +Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen, +Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen. + +Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte +Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh, +Nur Augen hatte für des Hauses Herrin, +So heute ihm noch schöner schien, denn je. +Es brauchte wenig und, in Minne trunken, +Wär’ vor der Holden er auf’s Knie gesunken. + +Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen, +Bis leis’ der letzte Saitenton verklang; +Doch, als der Spielmann, Udo’s Wunsch willfahrend, +Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang, +Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen +Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen. + +Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme, +— Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, — +Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen +Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt +In schöner Harmonie, um zu begleiten +Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten. + +Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren, +Als hörte man der Vöglein hellen Sang +Im blühnden Haine draußen und im Tanne, +Wenn dort das Halali des Waidmanns klang, +Um, fern im Echo, leise zu verhallen, +Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. — + +Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe ’s Köpflein euch verwirret, +Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund, +Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet, +Und doch nicht plaudern darf davon der Mund: +Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle, +Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? — + +Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren +Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß; +Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde, +Von bittrer Eifersucht gequält und Haß, +Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen +Und blickte finster vor sich hin, verdrossen. + +Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen, +Um desto heißer fühlte sie die Qual, +Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers +Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl; +Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen, +Sie nagten heimlich aber tief im Herzen. + +Da von den Andern jedoch niemand darum wußte, +Floß jenen gar vergnügt der Abend hin +Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche, +Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien, +Das man im Freundeskreise heut’ verbrachte, +Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. — + +Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf +Den Herren dann gemeldet, daß es tagt’, +Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen, +Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd, +Die heute, weil der Freund es also wollte, +Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte. + + * * * + +Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten, +Als Adelgunde sich vom Lager hob. +Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen, +Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob, +Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte, +Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte. + +Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen, +Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh, +Auf’s neu’ dem Unmuth sich zu überlassen, +Daß gestern nicht der Junker immerzu +Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte, +Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte. + +In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen, +Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat, +Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten, +Wie viel auch diese es zu kosten bat; +In dunklem Feuer ihre Blicke glühten, +So oft, die Lippen sich zu reden mühten.“ + +Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich +Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach, +Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten, +In’s eig’ne, prunkentblößte Schlafgemach; +Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue, +Von welchem man den ganzen Gau erschaue. + +„Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, — “ +Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging +Und Adelgunde zauderte, zu folgen +Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, — +„Den nächsten Augenblick schon sind wir oben, +Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!“ + +Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte, +An deren Finger sie das Reiflein trug, +So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte, +Als er besorgt um ihre Zukunft frug, +Und das, seit jener Stunde, sie getragen, +Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen. + +Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen, +Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’ +Versuchte, ob es abzustreifen wäre +Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’, +Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen, +Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen. + +Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen, +Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun, +Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet, +Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn, +Bis er, im Banne finsterer Gewalten, +Sieht seinen Willen sich zur That gestalten. + +Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends +Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach, +Und trat, so unbefangen als nur möglich, +In deren sonnighelles Schlafgemach. +Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten, +Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten. + +Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte, +Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand, +Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich, +Die Statue der Muttergottes stand, +Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten, +Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten. + +Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken +Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach, +Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen, +Besetzten diese Wand der Länge nach, +Indeß die andere das Bettlein säumte, +Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte. + +Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller, +Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand, +Fast einem Vogelneste zu vergleichen, +Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand; +Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte, +Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. — + +Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet, +Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum; +Tief unter sich verschneite, weiße Thäler, +Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum, +Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken, +Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken. + +Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte, +Versunken in des schönen Anblicks Pracht, +Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange +Hier oben in der Einsamkeit verbracht, +Um, überwältigt von dem hehren Schauen, +An Gottes Werken still sich zu erbauen. + +Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen. +Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’, +Von all den Bergen, Thälern in der Runde, +So weit ihr jene überhaupt bekannt, +Hier Umschau haltend, froher Laune werden, +Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden. + +Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen; +Sie maß die Gute bald mit einem Blick +Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten, +Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick +Drob war, weil dies, in leid’ger Lust am Necken, +Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken. + +„Gebt’s auf, mir Namen vorzusagen,“ sprach sie mürrisch +„Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann, +Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde +Es angethan, und nicht der eigne Bann; +Denn sonsten braucht’ ich Euch ja nicht zu fragen, +Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut’ jagen!“ + +Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger +Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand; +Ein römisches Gemäuer, dessen Reste +Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand, +Als, müde wohl, er sich auf’s Moos hinstreckte, +Das grün und weich die Mauertrümmer deckte. + +„Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze +Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht; +Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben, +Mag’s gehen, daß Eu’r Ohr den Klang erlauscht +Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen, +Ich mehr denn eimnal bis hierher hört’ klingen!“ + +„Das glaub’ ich gerne!“ rief gereizt die Aufgeregte +In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt, +Der Stolzen in die dunklen Augen schaute; +Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt, +Und that deshalb, als wäre ihr entgangen, +Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen. + +Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen, +Und ging’s nicht lange, eh’ es Elsbeth däucht’, +Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth +Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht. +Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen +Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen. + +Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen, +Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß, +Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden, +Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis, +Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte, +Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte. + +Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage: +Ob sie den Junker minne und er sie, +Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen, +Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh, +Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen, +Die Fragerin jedwede Maske fallen. + +„Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,“ +Klang’s giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund, +„Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet, +Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund? +Euch — eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden, +Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!“ + +Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte, +Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich, +Ob solcher Rede keines Wortes mächtig; +Es ballten krampfhaft ihre Hände sich, +Der Höhnenden gebührend zu vergelten, +Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten. + +Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen +Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob, +Bis jene, unter höhnischem Gelächter, +Des Junkers Reiflein in die Höhe hob +Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte, +Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte. + +„Gebt mir das Ringlein her!“ bat dringend die Gequälte, +Nach raschem Blick auf ihren Finger hin. +„Gebt mir den Reif zurück! — Ihr könnt nicht wollen, +Daß ich mein Leben lang im Unglück bin! +Ich dank’s Euch noch in meiner letzten Stunde! +Gebt mir das Ringlein! — Bitte, Adelgunde!“ + +Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester +Und lachte höhnisch: „Sagt ich mir doch gleich, +Als ich das Reiflein diesen Morgen funden, +Daß solche Fische nicht in Eurem Teich +Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken, +Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!“ + +„Denkt, was Ihr wollt!“ entgegnete jetzt Elsbeth zürnend, +„Der Ring ist mein und halte ich ihn werth, +Als Angedenken traut gesprochner Worte, +Von denen keines mir das Herz beschwert; +Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle, +Seit ich durchschaue — Eure schöne Seele!“ + +„Schaut lieber erst in Eure!“ spottete die Arge, +„Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! — +Ha, ha! Was gilt’s, ihr hebet an zu beichten +Die volle Wahrheit? — Wie? Ihr saget Nein? — +Seht dieses Ringlein! — Es fliegt von dem Söller, +Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!“ + +In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen, +Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand +Und hielt sie fest, bis Adelgund’, weil stärker, +Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand, +Um nun, begleitet von boshaftem Lachen, +Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen. + +Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte +Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast, +Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten. +Ihr starker Arm hielt Adelgund’ umfaßt, +So daß die keuchend rang sich loszuzwingen, +Was jedoch nicht so leichtlich wollt’ gelingen. + +In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend, +Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt, +Die jugendschönen Glieder sich umklammernd, +Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust, +Der Gegnerin, und koste es das Leben, +Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben. + +Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen +Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft +Gelang die rechte Hand sich zu befreien, +Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft. +Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen. +Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen. + +Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend, +Von beider Stimmen, wie aus einem Mund. +Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen, +Als just zum Wurf ausholte Adelgund’, +War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen +Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen. + +Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend +In banger Angst, durchrannte sie im Nu +Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder +Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu, +Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte, +Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte. + +Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte, +Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand! +Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln, +Vom faltenreichen, blauen Wollgewand, +Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte, +Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. — + +Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen, +Lag locker da, in seiner Masse weich, +Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken, +Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich, +Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte, +Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. — + +„Um Jesu willen!“ keuchte Adelgunde angstvoll, +Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam, +„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken, +Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm, +Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben +Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!“ + +„Gewährt Verzeihung —“ bat sie leise, als ihr Elsbeth +Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran +Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen, +Da ich es war, die hob zu streiten an; +In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte, +Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.“ + +In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde: +„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’! +Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo +Das Ringlein suchen —“ fügte noch sie zu +Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen, +Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen. + +Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke +Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth, +Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten: +„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut, +Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte. +Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.“ + +Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß, +Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand, +Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger +Das Reiflein steckte Adelgundens Hand. +In langem Kuß sah man die Lippen pressen +Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. — + +Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten, +Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’, +War Frieden; denn die beiden Schönen hatten +Sich längst schon miteinander ausgesöhnt, +Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen, +Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen. + +Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!“ +Das oft im Leben sich verwenden läßt. +Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen, +Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’, +Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe, +Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe. + +In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich; +Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot, +Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen, +Verriethen nun der Wangen lieblich Roth, +Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen, +Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen. + + * * * + +Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen, +Was seine Macht zu schenken dir versagt, +Willst nicht du deines Herzens Ruh’ und Friede +Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt, +Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen, +Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. — — + +Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas. +Die Herren zechten und der Spielmann sang, +Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen. +Stets sicher, daß er Beifall sich errang, +Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge, +Den oft er leerte in gar gutem Zuge. + +Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde, +Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang, +Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten, +Das voll und süß von ihren Lippen klang; +Doch war’s ein andrer Text und andre Weise, +Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise. + +Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren, +Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang, +Des Hauses Mägde sich versammelt hatten +Und lautlos horchten, wie die Herrin sang, +Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen, +In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen. + +Sie kamen nicht dazu. Denn eh’ das Lied zu Ende, +Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih’, +Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander +Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei; +Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine +Im Näherkommen ungewisse Scheine. + +Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen +Und brach Elsbeth das Singen jählings ab. +Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre +Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab, +Dem Zweie folgten, die er mußt’ begleiten, +Wie wohl’s ihm wenig Freud’ schien zu bereiten. + +Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern +Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt’. +Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel, +In den er, frierend wohl, sich eingehüllt; +Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen, +Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen. + +Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen, +In tiefem Basse er zum Vogte sprach: +„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten, +Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach, +Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen, +Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien. + +Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben, +Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt, +Und nun empfing er aus des Boten Händen +Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt, +Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte, +Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte. + +Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer, +Den Mantel abzulegen und die Wehr’ +Und mitzuhalten an der Tafelrunde: +„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!“ +Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen, +Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen. + +Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein, +Indessen Elsbeth für den späten Gast +Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert +Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’, +In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen +Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen. + +Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel +Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’, +Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen: +Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’, +Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge +Der Vogt von lange kannte zur Genüge. + +So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben +An ihn gerichtet sei; das andre trug, +Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben, +In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug; +Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen, +Noch ehe er das eigene erschlossen. + +Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen, +Lag’s eine Weile schon in seiner Hand, +Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen +Und flüchtig forschte, was zu lesen stand. +Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken +Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken. + +Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen; +Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier, +Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten +In wirrem Tanze auf des Briefs Papier. +Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren? +Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren! + +Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte, +Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick +Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend, +Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick +Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte, +Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte. + +Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele +Und machte öde, rathlos ihm das Hirn, +Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend, +Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn. +Der Brief erzitterte in seinen Händen; +O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden! + +Was er sich einst ersehnte, nun war’s ihm geworden, +Es lacht’ das Glück ihn an! Doch tief verzagt +Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen, +So sah er in Verzweiflung sich gejagt. +Wußt’ nicht, soll er entsagen, unterliegen, +Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen? + +Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben, +Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt, +Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen; +Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt, +So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen, +Wie oft bracht’s Kummer nur, und bitter Klagen! + +Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal +Ein silbern Lachen tönte durch’s Gemach, +So lieb und traut, wie es nur Eine konnte, +Das aber doch ihm nun das Herze brach, +Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute, +sich ahnungslos des Augenblickes freute. + +Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd. +Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund +In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen, +Von denen er geträumt so manche Stund’, +Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten, +Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten. + +Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle +Und, immer noch das Schreiben in der Hand, +Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar, +Den klaren Blick zum Freunde hingewandt: +„Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen; +Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!“ + +Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke: +„Der Freund hier ist’s, der auch schon alles weiß; +Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!“ +Es überlief ihn dabei kalt und heiß, +So daß er schweigend in sein Schreiben starrte, +Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte. + +Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter; +Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl, +Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden +Und — schnell entschlossen, kürzte er die Qual, +Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne, +Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne. + +Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische +Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut, +Doch ohne aufzublicken: „Es ist billig, +Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut: +Vernehmet denn, so Euch es mag belieben, +Was mir des Oheims güt’ge Hand geschrieben....“ + +Er las: „Wohledler und viellieber Herr und Neffe! +Zu wissen sei Euch und in Treuen kund, +Daß mir gelang, den König zu versöhnen, +So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund’; +Erachte auch, wollt’ es nicht ungut nehmen, +Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!“ + +„Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren +Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst; +Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne +Und hoher Herren Gnad’ ist öfter Dunst, +Den, wenn wir uns am wenigsten versehen, +Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen.“ + +„Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden,“ — +Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark +Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe, +Als schneide er sich in das eigne Mark, — +„Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert, +Weil Eure Absenz gar so lange dauert.“ + +„Ihr Jawort hab’ ich, für das Weit’re wollet sorgen. +Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn; +Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute +Verwirren etwan gern ein Frau’ngehirn; +Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben +Und Euer Zögern könnte viel verderben.“ + +„So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe, +Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt. +Mit Gruß, Eu’r Oheim Otto, episcopus. —“ +Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt, +Den herben Trank in raschem Zug zu leeren, +Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren. + +Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge +Und bracht’ ein Wohl aus auf des Junkers Braut. +Hell klangen Krug und Gläslein an einander, +Als jählings ward ein kurzes Klirren laut: +In kleine Scherben lag das Glas zersprungen, +So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. — + +Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde, +Bis von der Braut im Brief die Rede war, +Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden, +Es trübte sich das schöne Augenpaar, +Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen, +Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen. + +Indessen bald entschlossen all’ ihr Leid zu hehlen, +Am ersten dem, der trug die Schuld darob, +Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein, +Da alles sich zum Wohl der Braut erhob, +Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde +Noch minder laut, als das von Adelgunde. + +„Ihr freut Euch wäger?“ hörte Elsbeth diese fragen, +Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach, +Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen, +Daß klirrend es in hundert Stücke brach. — +Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden +Und schweigend trug, hat Schweres überwunden. + +Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte +Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht, +Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend, +Daß es an Speis’ und Trank gebreche nicht; +Bis Adelgunde spät zur Ruh’ begehrte, +Weil nun der Abend ihr zu lange währte. + +Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte, +Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar, +Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte, +Obschon es damals just nicht Sitte war, +Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen, +Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. — + +„Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,“ +Sprach Adelgund’ auf Elsbeths „gute Nacht!“ +„Er soll uns singen und zum Tanze spielen, +Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht. +Was wär’ das Leben, gäb’s nicht hin und wieder, +Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!“ + +Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen, +So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß; +Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer +Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los, +Es wachte lang die Stolze in Gedanken, +Eh’, schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. — + +Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne. +Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach, +Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes, +Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach, +Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen +Zusammenbrach mit überthränten Wangen. — + +Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute, +Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach, +Der marmorgleichen Züge stummes Wehe +Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach, +Und doch verklärt von überird’schem Schimmer: +Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer. + +Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend, +Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust, +Die unverhohlen ihr im Busen glühte, +Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust, +Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte, +Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte. + +Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln +In Blüthenduft und frischer Lenzespracht. +O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele +Ein einz’ger Blick noch wunschlos glücklich macht, +Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen +Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! — + +Und nun war all’ dies aus, in schwarze Nacht versunken, +Vernichtet ihres Herzens schöner Traum, +Vom Sturm geknickt die duft’ge Frühlingsblüthe +So furchtbar jäh — die Arme faßt es kaum. +Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände +und schluchzte auf, doch hörten’s nur die Wände. — + +Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume, +Die uns am ersten Frühlingstage grüßt, +Ihr früh Erwachen aber — kommt ein Spätfrost — +Dann unversehens mit dem Tode büßt, +Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen, +So allzufrüh sich ihr in’s Herzlein stahlen. — + +In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken +Am Bett und starrte trostlos vor sich hin, +Indessen durch die grünen Butzenscheiben +Der volle Mond ihr fahl in’s Antlitz schien, +Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet, +Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. — — + +Im Palas waren sie noch lange wach geblieben. +Es saß der Spielmann dort am Eichentisch, +Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend, +Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch, +Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen, +Je länger ’s ging, mit desto mehr Behagen. + +Herr Kuonrad war’s allein, der nicht recht froh drein schaute, +Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt’ +Mit witz’gem Worte oder muntrem Sprüchlein, +In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt’, +So lang als möglich fröhlich noch zu zechen, +Da Eh’- und Wehstand oft das Krüglein brechen. + +Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen, +Doch däucht’ ihn schal und wässerig der Wein; +Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken, +Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein. +Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen, +Daß öfters Benno’s Blicke auf ihm ruhten. + +So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich +An Morgen denkend, nun den Vorschlag that: +„Wir wöllen heut’ uns schon Behüet Gott! sagen, +Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht, +Die Herren ungehindert reiten können, +Indeß wir andern uns noch Ruh’ vergönnen!“ + +Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich +Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft, +Die ihm der Vogt so überreich gewährte, +Daß schier vergessen drob er seiner Haft; +Auch — Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen, +Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen. + +Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten, +War es des Bischofs Bote Edlibach, +Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet: +Er habe „ordlich schön verricht sein Sach, +Und ehrlich den Willkummen also trunken, +Daß, statt in’s Bett, daneben er gesunken.“ + + +Achtes Kapitel. + +Der Jahre manches war gekommen und gegangen +Seit jenem Morgen, als mit Edlibach +Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet, +— Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, — +Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen, +Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. — — + +Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden +Und wieder grünend prangten Wald und Ried. +In Wald und Fluren sangen Vogelchöre +Den „Willekumm“ in nimmermüdem Lied; +Wie Gold begossen lagen Höhn’ und Auen +Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen. + +Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch +Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei, +Verkündete mit schnarrendem Geklapper, +Daß just zu Ostern Frühling worden sei, +Der Lenz mit Festgepräng’ zur Stadt gekommen, +Wenn er auch nicht den Weg durch’s Thor genommen. + +Vom Thurm zu Allerheil’gen glänzte, weithinschimmernd, +Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn; +Die goldnen Federn glitzerten und sprühten, +Als hätt’s auch ihm der Frühling angethan. +Tief unten aber in den „Lächen“ zogen, +Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen. + +Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse +Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein; +Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker, +Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn. +Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen +Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen. + +Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten +Des trotz’gen Unnoth auf dem Emmersberg; +Von hohen Treppengiebeln halb verborgen, +War’s anzuschauen wie ein grauer Zwerg, +Der seit Jahrhunderten am Gerberbache +Verdüstert da stand unter steilem Dache. — + +Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne „Mauchen“ +Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor, +Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich, +Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr, +Als hell vom Münster her die Glocken klangen +Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen. + +Flink wurden überall die Läden aufgeschoben +Und konnte man gar manches Antlitz schau’n, +Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte. +Es schien, dem letztern wär’ heut wohl zu traun, +Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen +Der Ostermorgen über Land gezogen. + +Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße +Nach links und rechts, mehr oder minder traut, +Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte, +Der nebenan aus seinem Fenster schaut’. +Inzwischen riefen aber, um die Wette, +Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette. + +Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen; +In Festgewändern zogen Frau und Mann, +Gesind’ und Kinder feierlichen Schrittes +Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann +Den Vorzug gaben, oder „Mutter Nesen,“ +Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen; + +Doch bald erschienen wieder einsam all’ die Straßen. +In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt +Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes, +So Einzug hielt in seiner besten Wat; +Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter +Die Vöglein zwitscherten und sangen munter. + +Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen +Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor +Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe, +Auf daß sich „nützid“ in die Stadt verlor, +Was frommer Burger Andacht konnte stören, +Eh’, Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören. + +So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben, +Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr, +In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben, +Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer +Und sahen drauf, daß kein profanes Walten +Im Mauerring der Stadt sich mocht’ entfalten. + +In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen, +Wie es so frommem Wesen zugehört. +Vor ihrem „großen Gott im Münster“ konnten +Die München sammt den Laien ungestört +In Andacht knie’n, wenn sie nicht lieber lauschten +Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten. + +Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber, +Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus, +Bis Sang und Orgelklang verklungen waren; +Dann aber ging’s im Sturme schier nach Haus, +Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern +Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern. + +Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische. +Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt, +Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore, +Was Winterlang dem Ofen nah gehockt, +Und wer’s vor Alter oder Brest nicht konnte, +Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. — + +Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage +Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt, +Mit noch zwei Herrn durch’s Schwabenthor gewandelt, +Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt, +Nun gerne einen Gang in’s Freie thaten, +Um zu beschauen sich den Stand der Saaten. + +Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel, +Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild +An schwerer goldner Kette glänzend sonnte, +Erwiederte im Gehn die Grüße mild, +So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten, +Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten. + +Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit, +Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust, +Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil’gen, +Sich seiner hohen Würde voll bewußt, +Grüßt’ wohl auch er mit einem leisen Nicken, +Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken. + +Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister; +Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt, +Fiel tief und faltig über Brust und Schultern, +So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt, +Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren, +Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren. + +Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken. +Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand, +Wenn’s galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren, +In Zwing und Bännen weit umher im Land; +Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten, +Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten. + +Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel; +Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien, +Bedurft’ es wenig, um zu Drei’n, wie Christus +Nach Emmaus, vor’s Thor hinauszuziehn, +Bei linder Osterlust und Blättersprießen, +Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen. + +Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges +Und kürzten im Gespräche sich die Zeit, +So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken, +Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit; +Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten, +Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten. + +Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren, +Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut, +Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach: +Von altem Adel und mit Leib und Gut +Der Väter Sitten allzeit streng ergeben, +Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben. + +Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen, +Gekleidet nach der Mode neu’stem Schnitt. +Am Hute prangten Federn, blitzten Steine, +In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt; +Auch waren zierlich ihre Handgewaffen, +Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen. + +Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide, +Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß, +Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause, +Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß; +Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen, +Mit denen sie zum Feste sich behangen. + +In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend, +Blieb dann und wann der Schönen eine stehn, +Um auszuathmen, frische Luft zu trinken +Und weit hin über Berg und Thal zu sehn, +Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte, +Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte. + +Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein, +Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand, +Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften, +Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band, +Erröthend auch und schämig sich erzeigten, +Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten. + +In schlichterem Gewande gingen ernste Burger +Zur Seite ihrer redesel’gen Frau’n, +Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse +Am Wege sich die Gärten zu beschau’n, +Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen, +Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen; + +Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister, +Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath, +Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte, +Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat. +Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet, +Da man im Rath die hellen Farben meidet. + +In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen +Erwogen beide ernst den Casus sie, +Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser +Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh, +Indessen sie, die mitbehaft’ten Bürgen, +Am ersten Loskauf noch genug zu würgen. + +Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher, +Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach. +Selbst Roth, den Waffenschmied, litt’s nicht zu Hause; +Er ging mit Meistern von demselben Fach +Nach Langem wieder vor das Thor spazieren, +Lockt’ ihn auch nicht der Vöglein Musiciren. + +Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen, +Wie viel die Stadt gewänn’ vom Zoll am Rhein +Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht +Mit schlauem Lächeln meinte: „Wenn der mein, +Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen, +Am Rathshaus wären neu vergüld’t zu schauen!“ + +Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte +Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht, +Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend; +Sie möchten, nun der Frühling war erwacht +Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren, +Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren. + +Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein „Mauchen,“ +Zu denen sich der Burger fremd verhielt, +Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen, +Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt’; — +Die Lust, mit Weib und Kind vor’s Thor zu gehen, +War schon von weitem ihnen anzusehen. + +Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend, +Das seinen Heimatort im Stiche ließ, +Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln, +Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies’ +Belebend oder gruppenweis’ im Grase +Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase. + +Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben, +Was hier sich darbot und dem Blick erschien; +Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen +Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin. +Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden +Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden. + +Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken, +Von all der Frühlingspracht ringsum im Land; +Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter, +Bis wo der Burgstall der von Fulach stand, +Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte, +Eh’, ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte. + +So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen. +In’s Schau’n versunken standen die drei Herrn +Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen, +Den die Schaffhauser auch noch heute gern, +Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen, +Wenn’s gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen. + +Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte +Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß, +Daß auf der Straße etlich Reiter nahten, +Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß, +Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten +Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten. + +Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter, +Indessen einer aus dem Sattel sprang +Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte, +Daß weithin es und wohl vernehmlich klang: +„Zur guten Stund’ hab’ ich Euch treffen müssen, +Vieledler Freund! — Laßt Euch denn froh begrüßen!“ + +Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß +Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand, +Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich: +„Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!“ +Dacht’ häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen, +Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!“ + +„Erlaubet jedoch,“ dabei wies er auf die Freunde, +„Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn’! — +Herr Am Staad, unser erster Burgermeister, +Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn’, +Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten, +In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!“ + +„Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen +Von Allerheil’gen! — Fromm, wie Keinen mehr +Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern, +Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr. +Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen, +Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen.“ + +Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte, +Erwies es sich, daß der dem Namen nach +Den beiden längst bekannt war als ein Ritter +Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach +Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben, +Von dessen Richtagen an Höf’ und Huben. + +So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich, +Indessen Götz, der seine Pflicht gethan, +Es, während jene mit einander sprachen, +Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn, +Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken +Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken. + +„Beim großen Gott im Münster!“ fuhr es unwillkürlich +Von seinen Lippen. „Seh’ doch einer her, +Welch’ feine Waare unser Freund begleitet, +Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär’, +So wir Schaffhauser haben zu empfangen +Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!“ + +„Müßt Euch den selber nehmen!“ rief erfreut der Ritter, +„Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?“ +Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich: +„Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß; +Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie, +Die gern die Wang’ ihm küssen nach der Reihe.“ + +In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten +Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin, +Indessen jene, die er Else nannte, +Von argen Zweifeln schier befangen schien, +Ob richtig wohl den Vater sie verstanden, +Und man auch küssen thät in fremden Landen. + +Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend, +Mit Lächeln an den Zelter hin und bat, +So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine, +Bis diese endlich ihm den Willen that, +Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte +Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte. + +Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren; +Als er auch dieses, wie es heiße, frug, +Gab es die Antwort: „Käth’ werd’ ich gerufen, +Weil solchen Namen einst die Mutter trug!“ +Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen, +Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen. + +„Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist —“ +Nahm nun der Ritter wiederum das Wort, +„„Und reisemüde;““ — unterbrach der Schultheiß, +„„Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort. +Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten, +Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!““ + +Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen +Der Ritter gerne an, indeß im Schritt +Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten +Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt +Auch sicher vor sich ging und nicht mocht’ gleiten, +Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten. + +„Herr Schultheiß!“ ließ da bald ihr Vater sich vernehmen, +„Was mich Euch treffen hieß so unverhofft, +Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen, +Ich dachte Eurer diese Zeit her oft. +Vermein’ ich doch, ’s dürft Euer Rath mir frommen, +Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!“ + +„Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren. +Gott tröste sie und schenk’ ihr Ruh im Grab! +Die Arme ist zur selben Stund’ verschieden, +In welcher Käthen sie das Leben gab, +Und hinterließ die Sorg’ um ihre Pflege +Dem Mann, der weder Wege kannt’ noch Stege.“ + +„Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen, +Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie. +Doch, Gott sei Lob! ’s ging besser, als ich dachte; +Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die, +Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten +Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten.“ + +„So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte, +Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn, +Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte, +Daß mälig mir es für die Mägdlein schien, +Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen; +Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen.“ + +„Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte; +Auch viel zu rüd’ des Hauses Ingesind’, +Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen. +Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind, +Wird täglich grämlicher in seinem Wesen +Und hat schon Mühe, nur die Meß’ zu lesen.“ + +„Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue, +So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand +Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte, +Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand +Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden +Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!“ + +„All’ dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken, +Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual, +Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde, +Zu einen sich mit des Verstandes Wahl, +Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket, +Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!“ + +„Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen, +Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun, +Verhoffend, daß uns hier geholfen werde, +Für meine Küchlein finde sich das Huhn, +Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich, +Die Mägdlein mir erziehen würd’ gebührlich.“ + +„Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet, +Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer, +Weßwegen ich’s zur guten Stunde nannte, +Als wir Euch trafen so von Ungefähr. +Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle, +Eh’ einen Horst ich für die Meinen wähle!“ — + +„Will überlegt sein!“ nahm der Schultheiß nun die Rede, +„Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort! +Für’s Erste will es mir das Beste scheinen, +Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort +Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen +Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen.“ + +„Bis dies geschehen, biet’ ich gern mein Haus zur Herberg’ +So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt’s an, +Wie wir an jenem Abend, durchgefroren +Und reisemüd’ — schon manchmal dacht’ ich dran, +Es ohne langes Zögern angenommen, +Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!“ + +„So ich nicht irre, war es Eure eigne Base, +Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt. +Sie aber ward am Hof erzogen, während +In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt +Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg’ sie gönnten, +Solch’ feiner Schulen sich berühmen könnten.“ + +Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen +Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein +Ein wenig an, die Freunde zu erwarten, +— Sie schritten im Gespräche hinter drein, — +Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden, +Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden. + +Eh’ jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten, +Sah’n schon am Thor sie sich und eingezwängt +Von lautgeschwätz’gem Volk, das heimwärts strebte. +Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt, +Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker, +Gelangte man auch bald zum „Herrenacker.“ + +Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas +Vom Randenburger, nachdem sie noch fein +Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen +Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein +Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken, +Zum Willekomm’ des werthen Gasts zu trinken. + +Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten +Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus, +Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten. +Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus, +Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen +Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen. + +Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen, +Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm, +Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein +Voll milder Freundlichkeit entgegen kam +Und also herzig die Erstaunten grüßte, +Als ob sie beide längst im Hause wüßte. + +Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste, +Bei Tische, den Frau Hilda heut’ im Saal +Zu decken gut fand, wo, ohn’ langes Zaudern, +Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl, +Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen, +Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. — + +Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten. +Es traten beide bei dem Schultheiß ein, +da just die Nacht begann herauf zu dämmern, +und nun im Saale blinkte Kerzenschein; +doch trafen hier sie schon auch einen dritten, +der längst als guter Hausfreund wohl gelitten. + +Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich, +Der in der Dämm’rung, wie er öfter that, +Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte, +Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat, +Ein Stündlein oder zweie zu verweilen, +Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. — + +Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale, +Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein, +Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig, +Hellroth erglühte, wie Rubinen fein. +Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte, +Weil dabei sich’s gut lauschte und erzählte. + +Das Letzt’re that denn auch der Ritter heute fleißig. +Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug, +Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen. +Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug +Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden, +Indessen ihre Freundschaft er gefunden! + +Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen, +Als, da der Ritter schwieg, er diese bat +Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken. +Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath +Und überlegten ernst, auf welche Frauen +In diesem Falle wohl man könnte bauen. + +Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel +Sie bald beschlichen, ob auch all’ den Frau’n, +So sich der Mägdlein anzunehmen willig, +Die Fähigkeiten völlig zuzutrau’n? +Frug sich man da auf Ehre und Gewissen, +Ließ eine dies, die andre jenes missen. + +Nach langem Sinnen war’s der Propst, der endlich anhub: +„Wie mich bedünkt, so handelt sich’s nicht bloß +Um eine Pflegerin für unser Pärlein, +Das missen muß den warmen Mutterschooß; +Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen, +Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!“ + +Zum Abt sich wendend fuhr er fort: „Ich kenne eine; +Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat +Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden, +Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt, +Daß weit und breit sich keine Schwester finde, +Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!“ + +„Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein, +Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind! +Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend +In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind; +Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren +Mit Kindern, oder hörte besser lehren.“ + +„Wasmaßen nun, hochwürd’ger Herr und liebe Freunde, +Des werthen Gastes Sache anbetrifft, +So meine ichs: man sollte ohne Säumen +Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift +Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen, +Auf daß in Obhut jener Nunn’ sie kämen!“ + +Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche; +Doch weil derselbe noch zu denken schien, +Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte: +Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin +Zu folgen; etwas Besseres zu finden, +Würd’ er nicht trauen sich zu unterwinden.“ + +Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes, +Zum Propst gewendet: „Euer Rath ist fein +Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde! +Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein +Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten, +Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten.“ + +Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen. +Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt +Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe; +Es gehe dies nicht immer rund und glatt, +Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen, +Vom gnäd’gen Willen ihrer Stadt abhingen. + +So war es mälig spät geworden und drum machten +Die Freunde bald sich auf die Socken leis +Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch +Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß +Versprechen müssen, in den nächsten Tagen +Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. — + +Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben, +Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach. +Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel +Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach, +So wie sie durch die bunten Scheiben flossen, +In Farbenschein sich in den Saal ergossen. + +Da war’s der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde, +Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann, +— Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen, +Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, — +Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte, +Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte. + +Und einmal angefangen, glich’s des Wildbachs Wellen, +Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt, +Vom Regen hochgeschwoll’nen Wasserfluthen, +Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt’; +Als, mit dem Freund alleine, er erzählte, +Was ihm sein Innerstes seit lange quälte. + +„Es war ein Unglück, Schultheiß,“ klangen herb die Worte, +„Als ich zur Frauen mir die Base nahm. +Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen, +Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram. +Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden, +War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden. + +„Doch mußt’ es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich +Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück. +Als hernach fein dem Thoren es erblühte, +Erkannt’ ich leider erst des Schicksals Tück’, +Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte, +Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!“ + +„So reich die Base war, so eisig war ihr Herze. +Der Milde bar und holder Frauen Art, +Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen, +Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart. +Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich’s meinte, +Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte.“ + +„In gegenseit’gem Quälen, bis auf’s Blut oft kränkend, +— Noch heute überläuft mich drob die Scham! — +Verbitterten wir elend uns das Leben, +Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm, +Um drauß’ im Forst, an gar zu bösen Tagen, +Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen.“ + +„Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs, +Die Fraue zu begüt’gen, ihren Stolz +Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten; +Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz +Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen, +Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!“ + +„So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben, +Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt, +Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue +Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt, +In’s strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt, +Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt’. + +„Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten, +Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf, +Bis endlich, müde und zum Sterben willig, +Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav’, +Der nahe dran, mit seinen eignen Händen, +So jammervolles Dasein sich zu enden!“ + +„Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde, +Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag. +Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen, +Als mir im Arm das zarte Wesen lag +Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute, +Mit klaren Aeuglein frisch in’s Antlitz schaute.“ + +„Glückselig ob dem Anblick, wähnt’ ich hoffnungsfreudig, +Es ziehe Frieden nun in unser Haus. +Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen +Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus; +Eh’ schien mir herber noch der Fraue Wesen, +Als all’ die Zeiten vorher es gewesen!“ + +„Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben, +Ließ sie gewähren, fügte mich und mied, +Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen, +Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied, +Und zwar so jäh, daß ich’s kaum glauben wollte, +Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte.“ + +„Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine, +Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht. +Und doch, beim heil’gen Blut! ich meint’ es ehrlich; +Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht: +Ein’ gute Heimstatt Glück und Frieden finden, +Wo sich in Lieb’ der Menschen Herzen binden!“ + +„Nun aber,“ schloß er, „laßt mich um Verzeihung bitten, +Weil ich es wagte treuem Freund so lang +Die Ruh’ zu rauben. Freilich weiß ich selber +Es nicht zu nennen, was mich heute zwang, +Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle, +Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele.“ — + +Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß +Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war. +Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen. +Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar +Und hätte damals, meinte er, geschworen, +Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren. + +Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen, +Auch wohl so großes Unrecht nicht drin’ fand, +Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte +Und wahre Neigung nicht die Herzen band — +Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden: +Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden. + +Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden +Und auf dem Leuchter brannt’ das Wachslicht tief, +Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben — +Und Letzt’rer leise einem Knechtlein rief, +Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren, +Den müden Herrn in’s Schlafgemach zu führen. + +Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe. +Seit Jahren schon geheimen Künsten hold, +Wollt’ eine Tinktur er noch schnell erproben, +Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold, +Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. — +Heut’ ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. — — + +Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen. +Er ging in’s Stift, um für die Mägdlein dort +Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen; +Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort, +Der besser, als Agnesenkloster passe, +In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse. + +Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen, +Welch’ ein Gewinn für’s Stift es dürfte sein, +Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein +Als Lehrerin und Mutter wollte weihn; +Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen +Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen. + +Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte, +Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath +Der Herren etzlich gern es sehen würden, +Wenn sie entschließe sich zur guten That; +Auch schon im Voraus drüber einig wären, +Dem Stift das nöth’ge Placet zu gewähren. + +Auf solches Winken aber gab’s nur eine Antwort. +Und so erklärte sie gar grämlich: sie +Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag; +Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie +Es anzufangen und was zu geschehen, +Da sich das Stift solch’ Gästen unversehen. + +Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe. +Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau, +Sich vorerst mit der Kusterin bereden; +Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau’, +So würden sicherlich sie nichts vermissen, +Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen. + +Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen, +Kam ihm die Oberin jedoch zuvor. +Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene, +Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor +Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen, +Die Dame abberief zum Vespersingen. — + +Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen +Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst +Nicht allzusehr auf’s Spiel zu setzen. Ist’s doch +Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst, +Sich im Erzählen weise zu beschränken, +Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. — + + * * * + +Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten, +Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam, +Im blassen Angesichte Thränenspuren, +Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram, +Gab’s Frida Anlaß, voller Spott zu fragen, +Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen. + +Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern, +Wie es sich schickte, nach den Gästen frug, +Vermehrte dies der Alten schlechte Laune, +Gleich einem Funken, der in’s Pulver schlug, +Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute, +Weil selten noch so bös sie jene schaute. + +„Bei Eurer Mutter selig, tröst’ sie Gott, die Gute!“ +Hub lärmend Frida an, „da war der Brauch, +Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte; +Es hatte aber dann der Kaplan auch +Nicht leerem Kirchlein eine Meß’ zu lesen, +Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!“ + +„Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken, +Drin’ Alt und Jung beim Weine sitzend schmort; +Hat man genug, geht’s, ohne Abschiedsnehmen, +In aller Still’ bei Nacht und Nebel fort. +Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet, +Da bleiben halt die Männer ungestrählet!“ + +„Ein B’hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet, +Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal +Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! — +Hi, hi! Ich mein’, es sollte seine Wahl, +Will einer nicht um andrer Schulden büßen, +Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!“ — + +„Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer, +Der unverhofftem Glücke plötzlich nah —“ +Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne, +Denn in den blauen Augen Elsbeths sah +Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte, +Der allzu Borstigen zu schweigen winkte. + +Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre, +Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug, +Weßwegen denn der Strom so jach versiegte, +Der eben noch gar hohe Wellen schlug; +Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen, +Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen. + +Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein +Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß, +So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin +Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß, +Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen, +Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen. + +Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen, +Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund; +Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb’ zu Grabe, +Versenkte tief sie in der Seele Grund; +Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen, +Gelobte sich die Maid mit festem Willen. — + +Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied +Von Fräulein Adelgunden manches Wort +Von Männertreu’ und Aehnlichem zu hören, +Das kränkend sich in ihre Seele bohrt’, +Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen, +Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen. + +Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand +Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern +Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte, +Der neue Tag sei nicht mehr allzufern; +Vom Weinen müd’, ersehnte sie den Morgen, +Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen. + +Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher. +Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied +Der Herrin Stimme man nur selten hörte, +Wie auch, daß sie die allzulauten mied, +Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten; +Zu fragen — mochte Niemand sich erdreisten. + +Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder, +Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang +„Agnoscat omne saeculum“ anstimmte, +Und glockenhelle aus der Brust es klang, +Als ob die Seele, frei von ird’schem Ringen, +Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen. + +Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte +Und, fern aus Süd’, der Frühling näher kam, +In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend, +War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram; +Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen +Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen. + +Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder +Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug, +Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen, +Drin’ sie, wie früher, nach den Armen frug, +Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden, +Bresthaften Hör’gen Speis und Trank zu spenden. + +War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe. +Für jedes hatte sie ein freundlich Wort; +Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen, +Denn eher ließen jene sie nicht fort, +Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen, +Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen. + +Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein +Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß, +Es heißt der Platz noch jetzt „des Herren Bänklein,“ +Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas +Im Thal des Reiches Straße observirte, +So schon zur Römerzeit im Gau fortführte. + +Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig +Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun: +Daß dem alleine es nur sei beschieden, +In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn, +Der, klüglich wählend, ird’schem Glück entsage, +Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage. + +Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit, +Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach +Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte, +Gleich jenem Glase, das in Scherben brach? +Mußt’ sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen, +Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? — + +Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte, +Erhoffte Gottergebnen Sinn’s die Maid +Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte, +Nicht endete in bitterm Herzeleid; +Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen, +War nun der Frommen einziges Verlangen. + +Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele. +Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah’, +Als eines Tags, vom Vater nur begleitet, +Mit jedem Schritt sie immer ferner sah, +Des Schlosses Thürme hinter sich versinken, +Die letzten Grüße noch zum Abschied winken. + +Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber, +Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt, +Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke +Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt; +Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen +Die Scheidende sich an den Vater lehnen. + +Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte +Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh’ +Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte, +Sich nicht zu überlassen solchem Weh’, +Da einer Heimat auf der Spur sie wäre, +Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere. + +Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten, +Ging’s dann auf müden Rossen allgemach +Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten. +Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach +Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen, +Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen. + +Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize +In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar. +Des Vaters Bruder hatte, weil er damals +Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war, +Schon vorher dafür Sorge tragen müssen, +Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen. + +Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen +Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ, +Es ward ihr Seelgerett’, dem Stift zu eigen +Auf ew’ge Zeiten, wie’s im Briefe hieß; +Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren, +Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. — + +Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches, +Den ihre Seele sehnlich noch gehegt, +Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet, +Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt; +Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte, +War es das Heimweh, was sie leise plagte. + +Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen: +Sie widmete als Nonne nun ihr Thun +Und Denken freudig den gebotnen Pflichten; +Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn, +Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen, +Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen. + +Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden, +Indeß sie selber täglich im Vertrau’n +Der Ob’rin zugenommen, so daß diese +Der Schwester, als der Klügsten von den Frau’n +Im Stifte, das Amt der Kust’rin übertragen, +Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. — + +Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen, +Baut jeder sich noch eine eigne drin’, +Gestaltend sie nach seinem besten Können, +Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn. +Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G’leise +Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise. + +So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer, +In welches selten mal die Sonne schien, +War ihre Welt in der sie, emsig waltend, +Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn. +Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden +Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden. + +Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte. +Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht +Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde? +Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht, +Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte, +Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? — + +Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas, +Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht, +Das aber immer, wenn der Burger Kindlein +Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht +Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen, +Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen. + +Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten +Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal +Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen, +Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl; +Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen +Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen. + +Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen, +Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb +Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen, +Das heimlich noch der keuschen Seele blieb, +Sie hold umwob im angebornen Sehnen, +An Kindesherz das eigene zu lehnen. + +Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung, +Daß mehr er werde, als ein schöner Traum. +Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch +Die Lieblinge und sie bemerktens kaum, +Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte, +Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — — + +Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth, +Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot, +Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat +Und diese ihr alsbald von ihrer Noth +Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause, +Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause. + +Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen +Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei, +Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden, +So wäre sie am Ende auch dabei, +Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen, +Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen. + +Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein, +Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt, +Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich, +— Des Ritters Name wurde nicht genannt, — +Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen, +Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen. + +Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein +In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort +Gefunden habe, als ihr armes Kloster; +Er hätte gestern drum in einem fort +Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen, +Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen. + +Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten +Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar, +Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin +Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar, +Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster, +Die mehr verstünde, als das Pater noster. + +Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden +Und zu dem Custosamte auch die Pflicht +Der Pflegerin zu fügen — wär’s zu schätzen. +Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht; +Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage +Zu wissen, was die Schwester dazu sage. + +Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte, +Der Schwester ging’s verloren. Hold bethört +Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es +Die Ueberraschte kaum, was sie gehört +Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen +Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen. + +Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd, +Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht. +Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle, +Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht, +Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen, +Der Himmelskönigin den Dank zu bringen. + +Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten, +Der Sand an jenem Tage langsam nur, +Es wollt’ nicht Abend werden und der Morgen +Fand von durchwachter Nacht die Spur, +Als früh zur Ob’rin, die noch tief im Bette, +Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette. + +Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes, +Gab auf Befragen sie der „Mutter“ kund, +Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen, +Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und +Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes’ Ehren, +Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren. + +Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin +Der Schwester Worten, in Gedanken schon +Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater +Vergaben dürfte, als verdienten Lohn +Für Sorg’ und Mühen, die dem Stifte würden, +Solch’ ungewohnte Last sich aufzubürden. + +Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie, +Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust’rin auf +Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln, +Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf +Des Tages kämen, Antwort zu verlangen, +Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen. + +Voll freudigen Gehorsam’s neigte sich die Gute; +Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein +Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester +Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein, +Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten, +In trauter Ordnung Alles finden sollten. — + + * * * + +Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen, +Als laut die Glocke klang am Klosterthor, +So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen, +Ihr letztes Bischen Athem fast verlor +Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute, +Wer allso heftig sich zu klingeln traute. — + +Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester, +Wie ihr die Kusterin heut früh befahl, +Ohn’ lang zu fragen, Einlaß nun gewährte, +Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal +Und da in Gnaden etwas zu verweilen; +Sie werde flink den Herrn zu melden eilen. + +Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester +Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur, +Deß’ graue Wände alte Bilder zierten, +Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur, +Und überschritten eines Saales Schwellen, +Der fern lag Refectorium und Zellen. + +Es war ein öd’ Gemach, doch ließen ein paar Fenster +Die Sonne ein und Duft von frischem Grün, +Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte, +In welchem, lärmend, etlich’ Spatzen kühn +Und übermüthig nah’ den Fenstern jagten, +Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten. + +Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein +Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand +Des Weges badend, laut sich unterhielten, +Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand, +Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen, +Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen. + +Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen, +Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang, +Das, wie das silberhelle, frohe Lachen, +Bis in die Zellen zu den Nonnen drang, +Die Frommen sicher dort im Beten störte, +Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte. + +Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens, +Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach, +So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen, +Daß, weilen die „Frau Mutter“ krank und schwach +Sich fühle, es der Kust’rin Amt gebühre, +Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe. + +Dies sagend huschte sie davon, der Schwester +Es anzumelden, daß die Mägdlein da. +Der Ritter harrte also guter Laune, +Da schon versorgt er seine Kindlein sah; +Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen, +Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen. + +Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte, +Ob der verwegnen, unbefugten That, +Vernahmen seine Ohren leise Schritte. +Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht’, +Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen, +Geliebten Namen seine Lippen nennen. — + +War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel? +In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild, +Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter, +Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild, +Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte, +Erinnerung an sel’ge Zeiten weckte. + +Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust’rin, +Als, nahgetreten, sie die Blicke hob +Und in dem Harrenden den Mann erkannte, +Der einst in ihre Träume sich verwob, +Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte, +Auf lange hin den süßen Frieden raubte. + +Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen; +Denn, statt der Freude, die sie drob empfand, +Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte, +Nahm jetzt die Reue jählings überhand, +Im Busen einen Wunsch genährt zu haben, +Der ihre Ruhe konnte untergraben. + +In einer Sturmflut überquellender Gefühle +Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit, +Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden. +Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht, +Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen +Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen. + +Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze +Bei der Erinnerung, was sie empfand, +Als ihre Liebe sie betrogen wußte +Vom selben Manne, der hier vor ihr stand, +Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen, +Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen. + +Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke +Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar, +Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte, +Zu eigen dem, der einst ihr theuer war, +Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte +Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte. + +Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten +Um all’ das Leid, das er ihr angethan. +Es regte leise sich im Herzen etwas +Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an; +Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer +Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! — + +Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte, +Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach, +Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte, +Und was ihr licht aus treuen Augen sprach, +Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte, +Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte. + +Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten +Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt +Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer? +Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt +Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden, +Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!“ + +Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer, +Die mit des Wiedersehens Freude rang, +Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder +Der Holden Stimme in den Ohren klang, +In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte, +Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte. + +Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte, +Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt, +Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände +Im Aermelpaare des Gewands verschränkt, +So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte, +Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte. + +Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken. +Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach +Und ungeziemend Wort verliehn zu haben, +Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach +Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange, +Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange. + +Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte +Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund. +’s war eigentlich mehr eine Beichte, in der +Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund +Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend, +Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend. + +Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte +Es nicht mehr glatt vom Munde; ’s ward ihm schwer, +Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten. +Er drehte drum die Worte hin und her, +In Sorgen drob, ob sie sich willig finde, +Von ihm zu nehmen solch’ ein Angebinde. + +Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes +In’s Antlitz ihm so traut und seelengut, +Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte +Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth, +Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien, +Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen. + +Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen. +Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt’, +Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen? +Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt, +Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen: +Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen? + +Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen, +Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern +Am Morgenhimmel, mälig blasser worden, +Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn, +Wenn in des Herzens innersten Verstecken, +Die Kindlein längst Vergang’nes wieder wecken? + +In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung +Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt +Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte, +Geheftet ruhn, als wären sie gebannt, +Indessen ein Verlangen ihm erwachte, +Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte. + +Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen; +Es wies sein Wort auf jene Tage hin, +Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte, +Eh’ ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn +Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden +Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden. + +„Mir wurde Strafe und ich büßte strenge,“ sprach er, +„Für das, was ich in Minneschuld verbrach; +Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, — +Das einzige, was meiner Hoffnung Bach +Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, — +Kann Liebe nicht sich Lieb’ zurück gewinnen?“ + +„Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen! +Heut’ sehet Ihr den Mann um jene Schuld +Vergebung bitten in dem festen Glauben, +Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld, +So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte, +An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte.“ — + +Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten; +Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht. +Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen, +Was sie erinnert’ an Gelübd’ und Pflicht, +Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören, +Daß sie nicht floh, statt solcher Red’ zu hören. + +Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend, +Erflehete von Gott die Arme Kraft, +Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung, +Die Seele falle in der Sünde Haft, — +Indessen doch, in seligem Berauschen, +Sie’s heimlich zwang — dem lieben Mann zu lauschen. + +Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken, +In das gewiegt sie seiner Worte Gift, +War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden. +Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift, +Der Welt und allem Irdischen gestorben, +Auf einmal frei, von Liebe hold umworben. + +Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte: +„Es stünd’ mir übel, was ich selbst verlor, +Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend, +Gleich einem alten, aberwitz’gen Thor. +Doch schwör’ ich, daß in all’ den Jahren, Tagen, +Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!“ + +„Und so ist’s wahr! An dieses eine Bild zu denken, +Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf’s Qual, +Die Jahre durch mir an der Seele nagte, +Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl, +Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen, +Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!“ + +„„O, haltet ein, Herr!““ bebten da der Kust’rin Lippen +So leise, daß es kaum zu hören war, +Indessen schön, wie blitzende Demanten, +Auf ihren Wangen perlten Thränen klar, +Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten, +Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten. + +Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen, +Nicht weiter anzuhören, was er sprach; +Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille. +Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach +In’s Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte, +Die in Versuchung so die Seele brachte. + +Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte, +Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht, +Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen: +„Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? — Sprecht, +Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen, +Daß ihm das Glück erscheint, und er’s will fassen?“ + +„Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort’s vergessend, +Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht, +Zu Euch, als seinem guten Engel stehend, +Dem übervollen Herzen Worte leiht, +Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen, +Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!“ + +„Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte +Zu Euch zurück! — O, Elsbeth, saget an: +Gelang’s Euch wirklich, Euer Herz zu meistern, +Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? — +Ich kann’s nicht glauben — drum erlaub’ dem Zagen, +Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!“ — + +In Todesängsten bebend, aber hingerissen +Von seiner Worte zärtlicher Gewalt, +Hob die Gequälte da die Sonnenblicke, +Doch nicht zu ihm, deß’ Antlitz freudig strahlt, — +Nein, ’s galt dem Christusbild im güldnen Rahmen, +Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen. + +Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd: +„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! — +Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! — +Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. — +Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte, +Die ihre Liebe über Alles setzte! — + +Es war genug. „Herr!“ sagte sie, ihn ernst verweisend, +Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht; +Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen, +Die ihre Welt an einen Ort getauscht, +Wo das Gedenken an verwehte Träume +Verunheiligt die Gott geweihten Räume!“ + +„Verwehte Träume!“ rief er da, ihr näher tretend, +„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht, +Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe +Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? — +Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden, +Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!“ + +Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz, +Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach; +Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend, +Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach: +„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen; +Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!“ + +„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen, +Wer je erfahren mußt’, was beide werth! +In Gott allein und treuem Pflichterfüllen +Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert; +Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen. +Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!“ + +Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten; +Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm +Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe, +Daß leicht sein Odem sie berührte warm: +Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen, +War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?“ — + +„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen, +Nur einen Tag, ja, nur minutenlang +Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe +Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang, +Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen, +Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!“ + +„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen, +So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt; +Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen, +Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. — +Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben, +Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?“ + +„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet, +Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß, +Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! — +Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das! +Mein guter Engel! — meine Königinne, +Der allzeit unterthan ich treu in Minne!“.... + +Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt +Von seines Herzens minneheißem Drang, +Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten, +Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang, +Die Zagende allendlich zu gewinnen, +Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen. + +Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden +Bestürmender Gefühle Allgewalt, +Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken, +Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt, +Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie’te, +In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. — + +In sich verloren und voll sel’ger Lust erschauernd, +Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt’, +Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele +Geschäftig sich das Glück der Liebe malt’ +In lichten Farben und so lenzeshelle, +Wie’s nur vermag erregten Herzens Welle. + +Doch rasch versank das Bild. Todtbitt’re Wehmuth füllte +Der Armen Herz, nun die Besinnung kam, +Welch’ weite Kluft sie von dem Manne trenne, +Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm, +Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen, +Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren. + +Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden +Und dem gehören, der ihr Trost gesandt, +Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling, +Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand. +Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben, +Aus seinem Hause keine Macht sie treiben. + +Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden, +Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß, +Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten, +Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß, +Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern, +Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. — + +„Herr Ritter!“ klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad, +„Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt, +Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben; +Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont, +Würd’ ruchbar werden es der Schwestern Ohren, +Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!“ + +„Euch hier zu sehen, hab’ ich allweg nicht vermuthet, +Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt, +So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen +Mir allso vorzutragen Euch erspart. +Steht darum auf — die aber lasset gehen, +So Anderm zu begegnen sich versehen!“ + +Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie, +Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach +Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre, +Da scholl ein silbern Lachen durch’s Gemach +So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte +Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. — + +Sieh’ dort! In kind’scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend, +Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar, +Die purpurn angehauchten Sammetwangen +Licht überwallt von goldigblondem Haar, +Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute, +Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute. + +Es war des Ritters Paar, das, müd’ des Spielens draußen, +Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat. +Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen, +Daß ihretwegen er die Reise that, +Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen, +Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen; + +Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen, +Wie einem der verurtheilt war zum Tod, +Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden; +Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth, +In welche ihn sein Minnewerben brachte, +Als er an sich, statt an die Seinen dachte. + +Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen +Und sank, eh’ noch die Kust’rin wehren konnt’, +Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen, +Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt, +Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht’ gelingen, +Durch ihre stumme Sprache zu erringen. + +„Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen —“ +So hörte leise man den Stolzen flehn, +„Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten, +Welch’ schwerer Schuld der Vater sich versehn! +Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen +Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen.“ — + +Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute, +Es bot Gewährung deß’, was er begehrt’. +Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich, +Das Antlitz einem Engel gleich verklärt, +Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend +Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend. + +Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen, +Als es die Gruppe hier im Saale war: +In süßem Selbstvergessen knie’te Elsbeth +Froh bei den Schüchternen und strich das Haar +Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen, +Um stets auf’s Neue Gruß und Kuß zu spenden. + +Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends, +Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach, +Und machte Platz ergötzlichem Verwundern, +Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach, +Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern +Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern. + +Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen, +Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt’, +Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken, +Auf’s Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt, +Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen, +Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen. + +Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben; +Er stand, die feuchten Blicke unverwandt +Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken, +Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt. +Was er ersehnte sich in manchen Stunden, +Hier war es unverhofft und reich gefunden. + +Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien’s entflohen; +Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild, +Da Menschenglück und sel’ger Herzensfrieden +Nicht länger sehnender Gedanken Bild. +Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte +Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. — + +Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte, +Denn, als die Kusterin, an jeder Hand +Der Mägdlein ein’s, sich auch erhoben hatte +Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt, +Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen, +So wollte dies der Eitle noch nicht fassen. + +Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden, +Bat er, — nicht darauf achtend, welche Qual +Ihr sein erneutes Werben machte — leise +Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl; +Indessen wie demüthig er auch flehte — +Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä’te. + +„Herr!“ war die Antwort „laßt mich dem, dem ich geschworen! +Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt; +Denn, freudig fühlt es meine Seele heute, +Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt, +Was er an Seligkeit nur konnte geben: +Es ist das Glück — für andrer Wohl zu leben!“ + +„Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen, +Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an +In seinem Namen. Ich will für sie sorgen, +Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha’n; +Auch, was ich weiß, ’s ist nicht viel, beiden lehren +Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!“ — + +Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden +Kam zu der Reue nun auch noch die Scham, +Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte, +Die jetzt so edel ihm entgegen kam; +Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen, +Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen. + +Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen, +Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel, +Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben, +Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel’gen viel; +Auch wollte sie die Leckermäulchen laben +Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben. + +Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein, +Als wenn man helle Sternlein blitzen sah! +Es blieb kein Zweifel, beide waren willig; +Denn wie aus einem Munde klang ihr „Ja!“ +Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage: +Ob hier zu bleiben ihnen es behage? + +Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute +Herrn Kuonrad zu und bat, wie’s schien in Hast, +Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte: +„Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast +Bis morgen; trau’n, sie sollen nichts vermissen, +Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!“ + +„Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen +Und nach zu schau’n, wie es den Holden geht. +Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben, +Eu’r Einverständniß vorgesehn! so steht +Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln, +Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln.“ + +Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater +„B’hüet Gott!“ zu nehmen, bis zum nächsten Tag, +Indeß’ auch sie zum Abschied sich verneigte. +Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag +Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten, +Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten. + +Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange, +Eh’ sich der Stolze nach und nach besann +Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend, +Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann, +Um nun den Freunden sein vor allen Dingen, +Wie’s um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen. + +Daß jedoch in der Kust’rin ihm die Maid begegnet’, +Die seiner Liebe einzig Sehnen war, +Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich +Den Freunden gegenüber, ganz und gar, +Da, sich die Holde wieder zu erringen, +Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. — — + +Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde, +Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ, +War’s, statt der Kusterin, die Ob’rin selber, +Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß, +Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen, +Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen. + +Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung, +Es thue Noth, die beiden zu erziehn, +Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen, +Des Klosters Armuth und wies darauf hin, +Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen, +Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten. + +Herr Kuonrad merkte sich’s; denn als nun doch die Dame +Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift +Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel, +Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift’, +Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen, +Als seine Kinder zu St. Agnes seien. + +Die Ob’rin war’s zufrieden; aber nicht er selber, +Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn, +Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte, +Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn +Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen, +Als Trauer damit schaffen ihren Seelen. + +Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich +Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg, +Mit schwerem Herzen, all’ sein Hoffen bettend +Zu ew’gem Schlummer in der Seele Sarg; +Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben, +In guter Hand zu wissen seine Lieben. + +So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel +Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert’; +Was sie ersehnt’, in trüben Augenblicken +Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt, +Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen, +Der, sich zum Schaden, ihr die Treu’ gebrochen. + +Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder, +Erinn’rung schlummernde Gedanken wach, +Die sie gestorben glaubte, malte Bilder +Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach +Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen +Jed’ ander Denken aus dem Sinn der Reinen. + +Stets frohen Muthes waltete sie all’ der Pflichten, +Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt; +Gab’s mal zu rügen die oftmals zu Losen, +War bloß der Mund es, der sie schmält’, +Mit mildem Worte wußt’ das Herz zu rühren, +Statt scharf und streng das Regiment zu führen. + +Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet, +Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht, +So auch gediehen unter Elsbeths Pflege +Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth; +In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen, +Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen. + +Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen +So manche, die auch Mägdlein eigen nannt’, +Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte, +Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt’, +Und diese baten, jenen doch zu lehren, +Was selbst zu wissen leider sie entbehren. + +Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern +Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut +Auf solche Weise zunahm, sah sie selber +In all’ den Pfleglingen, die man zur Hut +Ihr anvertraute, einen reichen Garten +Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten. + +Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe, +Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar +Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte, +So daß der Guten bald zu Muthe war, +Als hätte ihr der Himmel schon hienieden +Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. — + +Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein, +Bis daß im Stift sich eine Schule schuf, +In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin, +Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf +Sich widmete, mit Liebe stets beflissen +Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. — + +Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe, +Das „Gotteli von Küssaberg“ genannt; +Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen, +Der noch im Kletgau überall bekannt, +Das wird dem Leser nun von selber kommen: +Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen! + + * * * + +Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken, +Kein Krenzlein oder Grabstein weis’t den Ort; +Wär’ auch ganz ungereimt, darnach zu suchen, +Denn länger lebt im Wort des Liedes fort, +Was sich im Leben treu und ächt erwiesen, +Als was — in Gold auf Marmorstein gepriesen. + +Anmerkungen. +Seite 16. „Heer“ — Pfarrherr, Seelsorger. +„ 19. „Pfeitlein“ — Hemdlein. +„ 26. „’ring, g’ring,“ — leicht, ohne Mühe. +„ 64. „hön“ — grollen, böse sein. +„ 65. „Seelgerett’“ — für das Heil der Seele nach dem Tode. +„ 68. „Sankt Vrenen Tag“ — in Zurzach der 1. September. +„ 68. „kuomli“ — angenehm, bequem. +„ 87. „Zindal,“ „Palmat,“ „Saben“ — die ersten beiden Seidenstoffe, + das letztere Linnen. +„ 88. „hornin Noster“ — zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur + (Rosenkranz.) +„ 88. „Hel’gen“ — Bilder, Heiligenbilder. +„ 91. „Niftel“ — Nichte. +„ 108. „Wannen“ — aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum + Getreidereinigen. +„ 117. „Kulter,“ „Pflumit“ — Polster, Bettpfühl, Federkissen. +„ 134. „Nägelein“ — Gewürznelken. +„ 175. „batten“ — helfen. +„ 198. „stat“ — langsam. +„ 213. „wäger“ — wahrlich. +„ 214. „Urständ“ — Auferstehung. +„ 231. „Göller“— ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück. +„ 250. „Lächen“ — Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen. +„ 251. „Mauchen“ — früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter + Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern, + Hintersässen. + +Seite 252. „Wat“ — mittelalterlicher Ausdruck für Anzug. +„ 260. „Richtagen“ — Reichthümer. +„ 260. „Huben,“ „Hube“ — Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart. +„ 266. „Herrenacker“ — in Schaffhausen der Hauptplatz. +„ 277. „Schrättlein“ — Alpdrücken. +„ 313. „Gotteli“ — Verkleinerung von „Gotte,“ in Süddeutschland und + der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder + ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by +Karl Friedrich Würtenberger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + +***** This file should be named 38930-0.txt or 38930-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/ + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Elsbeth von Küssaberg + das Gotteli von St. Agnesen + +Author: Karl Friedrich Würtenberger + +Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + + + + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + + + + +Elsbeth von Küssaberg +das Gotteli von St. Agnesen + +Ein episches Gedicht +aus dem Kletgau +von +K. Fr. Würtenberger. + +Mit Illustrationen. + +St. Petersburg. +Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere. +1889. + + +Alle Rechte vorbehalten. + +Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt. +St.-Petersburg, den 14. December 1888. + + +Meiner herzlieben Heimat +zum freundlichen Andenken. + + +Erstes Kapitel. + +Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden, +Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut, +Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau's, +Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut; +Vom Tann' bekränzt, von Eppich übersponnen -- +Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. -- + +Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste, +Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest; +Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe +Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest. +Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen, +Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen. + +Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen, +Ein hundert Jahre alter Epheukranz, +Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern, +Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz; +Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen, +Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen. + +Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken +Verwehren neidisch des Besuchers Fuß +Den Pfad zu würzig-duft'gen Königskerzen, +Die weithin winken ihren goldnen Gruß. +Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel +Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel. + +Tiefernstes Schweigen waltet, heil'ge Ruh hier oben, +Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum +Ein Mensch betritt, will's ihn gemahnen, +Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; -- +Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen, +Die beide noch mit festen Mauern prangen. + +So liegt die Stätte heute stille und verlassen, +Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost. +Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen +Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost +Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen, +Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. -- + +Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen. +Hoch überm Thore prangt das Wappenschild +Der alten Küssaberger steingemeißelt; +Sie führten eines Löwen Haupt als Bild. +In braungetäfelten Gemächern waltet +Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet. + +Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen, +Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn. +Muß immerdar der holden Herrin denken, +So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin; +Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren, +Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren. + +Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte +Und was es war, das mich zum Singen zwang. +Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung +Mein Küssaburg zu weihen im Gesang, +Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen; +Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. -- + + * * * + +Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend +An einem Julitage, wie gewohnt, +Hinunter auf die Rebenhänge blickend, +Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont, +In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten, +Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten. + +So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend, +Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein, +Erhoben sich die Blicke mälig höher, +Weit über waldgekrönte Hügelreihn, +Bis wo, als ob im Duste sie verblauten, +Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten. + +Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke +In selten klarem, wundervollem Glanz; +Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc -- +Zog schimmernd ihr krystallner, prächt'ger Kranz. +Es war, als schmückte den uralten Firnen +Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen. + +Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura +In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort, +Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe +Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort. +Im Osten, wo des Hegau's Höhen blauen, +War selbst ein Streiflein noch vom "Twiel" zu schauen. + +Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus +Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß +Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen, +Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. -- +Die Dörflein rings, die Städtlein, Au'n, Gefilde, +Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde! + +Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks; +In vollen Zügen trank ich Waldesduft, +Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt. +Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft, +Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen, +Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! -- + +Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren, +Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein; +Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen +Wie unsereines hier im Sonnenschein. +Es waren darum gar nicht schlecht berathen, +Die einst dahier sich häuslich niederthaten. + +Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß' Stammes? +Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann? +That's Feuer oder Eisen? War's der Kelte, +Dem dann der Römer folgt', der Alemann? -- +So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen, +Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. -- + +Da kam mir vor, als hört' ich rasseln, wie von Ketten; +Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick. +Ich sah die Brücke von der Windberg' schwanken, +Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick; +Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben, +Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. -- -- + +Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen, +In deren Fenstern Laden anstatt Glas, +-- Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen, +Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, -- +Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden, +Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen. + +Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried, +Wie üblich seines Herren Wohngemach +In sichrer Höhe bergend, von wo weiter +Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach +Zur Laube führte, die den Thurm umspannte, +Da sich des Wärtels Blick zum "Auslueg" wandte. + +Im Erdgeschoß' zunächst dem Thurme lag die Halle, +Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank, +In welcher fahrendem Gesind zuweilen +Man Obdach bot und Speis' und Trank. +Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite, +Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite. + +Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen +Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft; +Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel +Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft. +Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen, +Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen. + +Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse; +Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt, +Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten, +War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt, +Der Stall und die Gelasse für die Leute, +Ein Falkenhaus und eines für die Meute. + +So sah des Geistes Aug' den alten Schloßbau ragen. +Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr, +Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute +Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr; +Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern, +Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! -- -- + +Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag +Da nahte ihr gemach ein junger Mann, +Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte, +Das langsam fürbas seine Schritte spann. +Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter, +Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter. + +In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein, +Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß +Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte, +Denn heute schien die Sonne gar so heiß; +Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen, +Sonst hätt's Freund Bachus übel ihr gerochen. + +Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte, +Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt, +Verriethen leicht den adeligen Herren, +Der rasten wollt' nach einem weiten Ritt. +Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken, +Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken. + +Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde +Am Thore harrend etlich' Knechte stehn, +Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten. +Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn, +Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben, +Begehrt' er ihn zu sprechen unverschoben. + +Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte +Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt, +Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend, +Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt'. +Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen, +Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen. + +Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben. +Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt +Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren. +Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd; +Dem ersteren, er mußte flink sich rühren, +Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. -- + +Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne +Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt, +War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert. +Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt, +Sah Zehentgarben seine Bauern bringen; +Doch sie zu zählen, wollt' ihm nicht gelingen. + +Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte, +Bemerkte man von ungeübter Hand +Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben, +Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand. +Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken, +Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken. + +Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben, +Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft, +Wie ihn der Hör'ge und ein guter Jahrgang +Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft; +Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend, +Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend. + +Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte, +War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch. +An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen, +Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch; +In einer Ecke sah man Füße prangen +Von einem Bette, das jedoch verhangen. + +Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache +Die andre Seite fast zur Hälfte ein +Und mocht' die Eichenbank, so ihn umschränkte, +Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein; +Denn "Greif" und "Pfeil", des Vogtes Lieblingshunde, +Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde. + +Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen, +Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht, +Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen +Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht. +Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen, +In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. -- + +Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen +Und stemmte dann die Hände auf den Tisch, +Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend. +Nun er so da stand, seine Wangen frisch +Geröthet und noch dichten, blonden Haaren, +War's schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren. + +Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen, +In denen Schalkheit sich mit Güte paart'. +Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte +Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart, +In welchem sich, bei näherem Betrachten, +Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. -- + +Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken, +Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut', +In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde, +Denn wie aus einem Munde klang es laut: +"Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!" +""Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!..."" + +Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten, +Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt', +Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte, +Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt' +Das Zimmer, ohne weiteres versäumen, +Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen. + +Als hinter Kunzen sich die Thür' geschlossen hatte, +Zog selbst der Junker eine Fensterbank +Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder, +Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank, +Ein Gläslein vom Gesims herunter langte, +Vor dessen Größe heute manchem bangte. + +Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren, +Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach: +"Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!" +Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach +Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren, +Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren. + +Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte, +Litt dies der Junker nicht; er meinte fein: +"Laßt mich erzählen, warum ich gekommen, +Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!" +Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen, +War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. -- + +"Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen," -- +Hob frisch der Junker an, "bei Eurem Herrn, +Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen, +Und ich gab wahrlich Euch die Zusag' gern; +Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt' halten, +Verdanken wir des Bischofs klugem Walten." + +"Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich +Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich; +Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen, +Wo beide Parten scheuen den Vergleich, -- +Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen, +Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen." + +"Ihr wisset, wie ich denke kommt's mir auch vom Munde. +Zwar schafft' ich dadurch mir so manchen Span, +Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre, +Hätt' ich der Zungen nicht den Lauf gela'n. +Ja, klug ist's schon zur rechten Zeit zu schweigen, +Möcht' nur die Unzeit sich im Voraus zeigen! + +"So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche, +Den im Konzil sie über Huß gefällt. +Es war dem Manne frei Geleit versprochen; +Doch, wie man Oben das Versprechen hält, +Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen; +Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!" + +"An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln, +So dachte ich in gradem, biedrem Sinn; +Drum konnt' den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen +Und, offenherzig, wie ich einmal bin, +Bekannt' ich ehrlich, was ich drüber dachte, +Weil Sigismund sein Wort so wenig achte." + +"Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren, +Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl, +Ließ hart er an den Bischof meinetwegen +Und schrie, man hörte es im ganzen Saal. +Der König war gekränkt, nicht abzusehen, +Ob mir der Ohm Verzeihung mocht' erflehen!" + +"In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber +Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund: +Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse +Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund' +Gesendet werde, was er noch beschlossen, +Und ob der König mein noch denkt verdrossen." + +"So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen, +Wo mich der Rheinfall eine Weil' gestellt. -- +Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen +Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt! +Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten +Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!" + +"Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte, +Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang. +Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder +Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang. +Den Weg durch's Kletgau hab' ich fein gemieden, +Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden." + +"Mein Roß und ich -- wir haben wacker ausgehalten, +Bis heute früh wir Euer festes Haus +Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten. +Da schien's mit meines Thierlein's Kräften aus; +Doch war's nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten, +Ließ drum beim "Wirth am Berg" zu Küßnach rasten." + +"Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh' gepflogen, +Hätt' mir geschwant, daß hier heraus der Pfad +Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet. +So gab's für Mann und Roß ein heißes Bad! +Nun aber -- saget mir ganz unumwunden, +Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?" + +Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser +Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein +Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd: +"Von Herzen heiß' ich Euch Willkommen mein, +Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen; +Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!" + +Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander +Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug. +Zum Danke bot der Junker seine Rechte +Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug: +"Ein Mann -- ein Wort heißt es in deutschen Landen, +Wird leider allzuwenig nur verstanden!" + +"Traun!" fuhr er launig fort, "was wir hier bieten können, +Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn. +So lange Ihr auf Küssaberg verweilet, +Wöll'n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! -- +Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen, +Den Frieden hier in keiner Weis' zu brechen." + +"Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern, +Als unsereinem, da heißt's langsam 'than! +Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan, +Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn. +Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben +Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben." + +"Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen, +So es der Zufall fügte, daß Ihr stört, +Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen, +Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört; +Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele, +Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!" + +"Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen, +Wie solche wohl mal junge Herren plagt, +So stehen rings Euch Forst und Felder offen; +Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd. +Erlaubt's die Zeit, so mag ich Euch begleiten, +War je schon meine Lust, im Tann' zu reiten." + +"Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen, +Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid; +Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust +Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid. +Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen, +Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!" + +"Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten. +Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht, +Allwo der Bauer seit Urväter Tagen +Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht; +Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen +Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen." + +"Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen; +Es sind der Mannen eben nicht zu viel +Hier oben und, besonders jetzt im Sommer, +Nur selten Tage für ein müßig Spiel. +Im Winter freilich, sind wir desto freier, +Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier." + +"Doch wozu schwatz' ich lange!" unterbrach er selbst sich, +"Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach, +Derweil ich plaud're. Gleich soll Euch dies werden; +Nehmt vorlieb nur mit dem gebot'nen Dach. +Für's erste, denk' ich, wird es Euch erquicken, +So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!" + +Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür' gegangen, +Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt, +Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen, +Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward: +Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen +Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen. + +Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte, +Besiegelte ein derber Druck der Hand +Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten +Und warme Freundschaft beider Herzen band. +Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig, +Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig. + +Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen, +Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn, +In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte. +Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn; +Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen, +Soll, wie er's wünschte, dem die Herberg frommen. + + * * * + +Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken, +Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild. +Fast bang' ich, daß, nach so viel langen Jahren, +Erinn'rung treu behielt dein Wesen mild, +Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken +Aus Deinen Augen: laß' den Muth nicht sinken! + +So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder. +Ich seh' im blauen Linnenkleid Dich gehn, +Aus dessen aufgeschlitzten, puff'gen Aermeln, +Das weiße "Pfeitlein" liebt' hervor zu sehn; +Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen +Und lose um den schlanken Leib geschlungen. + +Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen, +Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht; +Des Haares goldne Wellen schau ich wieder, +Wie noch es ungern sich zusammenflicht. +Dein fröhlich Lied, ich hör's im Herzen klingen, +Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen. + +Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede; +Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß +Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte, +Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß. +Dein lieblich Lächeln, heut' noch kann ich's schauen, +Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen! + +Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen, +Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund. +Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern +Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund'; +Wem Speis' und Trank gebricht, dem wirst Du spenden; +Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden. + +In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe +Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod; +Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet, +Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. -- +Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume! +Elisabeth, was sag' ich noch zu Deinem Ruhme? -- + + +Zweites Kapitel. + +Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen. +Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch +Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen; +Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch, +Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen +Der Morgenglocken laute Weckerstimmen. + +Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel +In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt. +Erröthend treten frisch dem Tag entgegen +In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt; +Im feuchten Grase, welch' ein Glitzern, Schimmern! +Ist's nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern? + +Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge +Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft. +Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd, +Verfärben mälig sich zu blauem Duft; +Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen +Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. -- -- + +Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle +Verkündet, daß ein neuer Morgen wach, +Und waren Knecht' und Mägde bald im Kirchlein, +Wo still der Kaplan seine Messe sprach, +Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen, +Geduldig harrend auf das letzte Amen. + +Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage, +Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn +Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle, +Was jeder heute sollte schaffen gehn; +Denn vorher schickte keiner sich zum Essen, +Eh' nicht das Tagewerk ihm zugemessen. -- + +Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe +Und brachte ihren Gruß dem Vater dar, +Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte +Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar; +So war's sein lieber Brauch noch jeden Morgen, +Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. -- + +"Erlaubet Vater," hörte heut' man Elsbeth sprechen, +"Daß ich hinunter gehen darf zu Thal, +Nothburga's Joseph lag schwer siech darnieder, +Als ich in Küßnach war das letzte Mal; +Sein armes Weib gab keine Ruh' mit Flehen, +Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen." + +"Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen, +Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei, +Denn es gebricht an Nahrung für den Armen; +Ist diese da, ist bald der Brest vorbei. +Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen, +Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen." + +"Der Kunz," entgegnete der Vater, milde lächelnd, +"Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht; +Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen, +Von mir aus geb' ich ihm den Urlaub nicht!" +Da, wie gerufen, nahte von der Seite +Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. -- + +Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte, +Erzählte er der Tochter von dem Gast +Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten, +Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt'; +Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen, +Wußt' er doch viel des Neuen mitzutheilen. -- + +"Man möchte Euch den Kunz entführen!" sagte heiter +Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß, +Und fuhr dann fort: "Die Els' will einem Kranken, +Der lange schon sein Siechbett hüten muß, +Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen +Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!" + +Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen, +Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt' +Und bat: "Vergönnet mir Euch zu begleiten; +Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand, +Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen, +Von langer Weil' verschont, die Stunden kürzen!" + +Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen, +Und fragend schaute sie zum Vater aus. +Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden, +Und so erwiederte sie sittsam draus: +"Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen, +Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen." + +"Es ist ein gutes Werk," sprach noch sie, leis erröthend, +Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil, +Den uns die Armen ja von Gott erstehen, +An zeitlichem Gedeihn und ew'gem Heil, +Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben -- +Ich möcht' Euch solchen Segens nicht berauben." + +"Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen, +Nehmt aber vorher guten Imbiß ein; +Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten +Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!" +Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle, +Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle. + +Gemächlich folgten auch die andern dorthin -- aßen +An einem Tische doch noch Herr und Knecht. -- +Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte, +War Haferbrei, der, steif gekocht und recht +Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte, +Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte. + +Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende, +Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd. +Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen +Mit einem Häslein von der letzten Jagd; +Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine, +Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine. + +Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen, +Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach, +Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden. +Sie kannte noch kein besser Sonnendach; +Denn einen Hut durft' sie nur Festtags tragen, +Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen. + +Ohn' viele Worte schritten bald darauf die Beiden, +Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand, +Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich +Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand, +Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte, +Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte. + +Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder. +Noch blühten Glockenblumen, Thymian, +Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen, +Goldgelber Ginster, duft'ger Enzian, +Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten +Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten. + +Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten +Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht +Zu schwer geworden; aber stets verneinte +Der Junker dies mit freundlichem Gesicht. +Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen, +Ihr Körblein bis an's End' der Welt zu tragen. + +Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden, +Und zwar just da, wo's steil zur Tiefe ging; +Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten +Und dessen Inhalt; doch das war nicht 'ring. +Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen, +Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen. + +Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts; +Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang; +Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig +Und schien dem Junker bald unendlich lang. +Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder, +So gut er konnte durch die Halde nieder. + +Das Körblein aber ward indessen immer schwerer. +Er sprach im Stillen manches derbe Wort, +Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen, +Am Gehn ihn hinderten in einem fort. +Wie war's dem Herrn sonst doch so leicht erschienen, +In höfisch feiner Art den Frau'n zu dienen? + +Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige, +Zur Rechten sah er einen Rebenhang +Und links, im Schatten alter Wallnußbäume, +Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang. +Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen, +Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen. + +Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten: +"Herr Kuonrad, wartet -- ruht ein wenig aus! +Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden; +Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!" +Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte, +Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte. + +Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger +Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein +Das Dörflein lag; etlich' zerstreute Häuser +An eines Baches grünem Uferrain, +In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte, +Deß' Strohdach fast bis an die Erde neigte. + +"Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!" +Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand +Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen, +Die an dem Wege durch den Wald sie fand, +Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden, +Der Platz an ihrem Busen sollte finden. + +Müd', wie der Junker war, befolgte er die Worte +Und lagerte sich hin in's hohe Gras; +Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden, +So daß sein Träger nicht zu nahe saß. +Mocht' er's auch heimlich um den Platz beneiden, +Es half ihm nichts, er mußt' es eben leiden. + +Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren: +"Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann +Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend +Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann. +Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen, +Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen. + +So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte +Er jedes Mal auch irgend eine Mähr +Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset, +So daß am liebsten dann ich draußen wär. +Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer, +Er hätt' es selbst gesehn im Wald am Feuer!" + +"Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber; +Doch fürchte ich des Auges bösen Blick, +Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren +Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick. +Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen, +Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!" + +"Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen. +Die wußte es und ihr hab' ich geglaubt, +Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen +Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. -- +Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen, +Daß Eurer ich erst wartete im Freien." + +Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen +Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß +Am Busen festzunesteln. Damit fertig +Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus; +Vom Thale klang des Baches munter Rauschen, +Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen. + +"Da war ich übel dran," versetzte jetzt der Junker, +Ihr Träumen unterbrechend, "als allein +Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet! +Mir schwante selber, daß es dort nicht rein; +Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen +Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!" + +"Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden +Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld, +Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer? +Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld, +Und wär' am Ende es Euch recht gewesen, +Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?" + +Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben, +Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht. +Wie Purpurgluthen lag's auf ihren Wangen: +Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht? +Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen, +Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen. + +Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen, +Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz; +Der Junker kürzte also schnell die Rede +Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz: +"Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen, +Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!" + +"Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen; +Ich acht' es gegen Zauberei als Schild +Und will es halten, als der Herrin Farbe, +Zum Angedenken holder Dame Bild. +Gewähret daher gerne mir die Bitte; +Die Gabe halt' ich werth nach Rittersitte!" + +Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth +Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar. +Stolz steckte er es an's Barett, das schlichte, +So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar, +Und dankte, glücklich über die paar Blüthen, +Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten. + +Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte, +Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand +Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen. +Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand; +Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen, +Ein zweites Mal sollt' Elsbeth nicht entweichen. + +"Bin dieses nicht gewohnt," klang heiter ihre Antwort, +"Auch ist mir fremd, wie man's am Hofe hält. +Ihr werdet aber, hoff' ich, mir verzeihen, +Denn wenig nur sah ich noch von der Welt; +Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen? +Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!" + +Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen, +So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt. +Es glich die Maid der zarten Eppichranke, +Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt +Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden; +Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden. + +Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte, +Herr Kuonrad sollt' erzählen, was er sah +Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder +Und was ihm selber da und dort geschah. +Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen, +Durft' länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. -- + +Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet +Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt +Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen, +Von fremden Sitten und gar feiner Art. +Nun ließ er's nicht am rechten Ausdruck fehlen +Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen. + +Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben +Und lauschte staunend jeder neuen Kund'. +Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen, +Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund; +Sie folgte ihm zur "Stadt der sieben Hügel," +Als ob sie selber in des Zelters Bügel. + +Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen +Ein wälscher Bube fast ihn niederstach, +Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths, +Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach; +Am Arme aber fühlte er ein Drücken, +Als müßte noch ihr seine Rettung glücken. + +Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens, +Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn; +Nicht, wie die Hörigen einander winkten, +Als ihre Herrin still sie wandeln sahn. +Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege +Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege. + +Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben, +Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand. +Herr Kuonrad wußte nicht, sollt' er ihr folgen; +Doch, wie er eben überlegend stand, +Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen, +Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen. + +Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes +Zu einem Holzblock hin, der unweit stund. +Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker +Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund +Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen +Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. -- + +Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth +Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt; +Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen, +Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt, +Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen, +Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen. + +Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer +Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt; +Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen, +Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt. +Mit wahrer Freude hört' ihn Elsbeth sagen, +Daß es viel besser seit den letzten Tagen. + +"Das Weib ist noch im Felde draußen," sprach er heiser, +Nach etwas Futter für die Geis zu sehn; +Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten, +So gut es mag mit schwachen Kräften gehn. +Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder, +Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!" + +Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden, +Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein +Und sagte: "in dem Krug das Tränklein, +Möcht' jetzt das rechte Mittel für Dich sein; +Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen, +Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!" + +Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein +Und wechselte mit jedem einen Kuß; +Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln, +Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß, +Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte, +Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte. + +"Die Herrin blieb sonst länger!" meinte Seppel brummend, +Als er so eilig sie verschwinden sah; +Sie selber mochte ähnlich denken, aber -- +Vorm Hüttlein wartete der Junker ja. +Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter; +Es sprang vergnügt von seinem Block herunter. + +Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen +Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß +Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte. +Dann strampelte das Büblein rasch sich los, +Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden; +Es wußte ja, nun würde Brod sich finden. + +Herr Kuonrad aber meinte heiter: "Ihr könnt zaubern! +Mir weigerte der Junge Gruß und Wort; +Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben +Und küßt und liebkost Euch in Einem fort! +Ein solch' Geheimniß acht' ich werth zu kennen; +Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?" + +"Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!" +Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück: +"Sie geben Lieb' um Liebe, wiederspiegelnd +Ein uns oft lange schon entschwunden Glück. +In jede Kinderseele bringt man Leben, +Versuchet's nur, Euch mit ihr abzugeben!" + +"Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig, +Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast! +Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller; +Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt. +Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen, +Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!" + +Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth +Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest, +So ihr das Büblein vorhin arg verschoben, +Als sie es küssend an die Brust gepreßt, +Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute, +Da selten wohl ein schöner Bild er schaute. + +Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet +War sie bemüht ein widerspenstig Paar +Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben, +Das blau umzog das herrlich blonde Haar, +Und als sich ihr die Losen endlich fügen, +Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen. + +Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in's schöne Antlitz, +So voller Unschuld ihm entgegensah, +Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen +Von solchem Schauen wunderbar geschah, +Sich tief erröthend wandte um zu gehen, +und er nun auch nicht durfte bleiben stehen. + +Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten, +So, wie beim Kommen, ging's im Rückweg nicht; +Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich +Ein fröhlich lachend Kinderangesicht. +Am Wege aber harrten auch die Alten, +Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten. + +Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet, +Kam schon von Weitem auf sie zugerannt +Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen; +Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt, +Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden, +Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden. + +Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken, +Sie fehlten heute für die Kinderschaar; +Zum ersten Male hatt' sie die vergessen, +Möcht' wissen, welches wohl die Ursach' war! +Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen, +Und gab für heute es drum nichts zu naschen. -- + +Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig, +Die Kinder zogen heim in muntrem Trab; +Nun bot von neuem seinen Arm der Junker; +Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab: +"Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen, +Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!" + +"Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern, +Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein, +Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen, +Wie sie im Sommer blühen hier am Rain; +Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen, +Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!" + +Geduldig ging der Junker wieder an's Erzählen +Und schilderte, was draußen er geschaut; +Was ihm gefallen in den fremden Ländern +Und wie er da und dort dem Glück vertraut. +Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen; +Doch würd' ein trautes Heim er mehr noch preisen. + +Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache, +Schritt sie indessen ihm zur Seite hin, +Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend, +Wenn nah' dem Hang ein duftig Blümlein schien, +Das ihre Hand erreichen konnt' und pflücken, +Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken. + +Nur, als sie weiter oben an der Halde waren, +An jener Stelle, wo sie erst geruht, +Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden: +"Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut." +War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen, +Der Junker konnte dafür mehr erzählen. + +So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam +Zusammen aufwärts durch den grünen Wald, +Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet, +Und wandelten im tiefsten Schatten bald, +Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte, +Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. -- + +Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet, +Daß längst verschwunden war des Himmels Blau +Und schwere Wolken über ihnen dräuten, +Die alles hüllten in ein düster Grau. +Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden +Am Hungerberge zogen, sturmbeladen. + +Bald schlossen, eh' sie es geahnt, die Wetterwolken +Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß. +Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen +Sank mancher Waldbaum jäh in's grüne Moos; +Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder, +Deß' Donnern hallte laut im Thale wieder. + +Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen, +Es rann und schwoll das nasse Element; +Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome, +Deß' Spuren noch der späte Enkel kennt. +Fast schien's, als ob der Himmel sich empörte +Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte. + +Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend, +Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht. +Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich +Mit greller Flamme hellte rings die Nacht; +Auch betete sie leis den Wettersegen, +Der soll sie schützen und der Sturm sich legen. + +Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen, +Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn; +Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher, +Daß dieses bald vorüber dürfte gehn. +Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen, +Auch wollt' er nicht von seiner Herrin weichen. + +Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten, +Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth. +Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise: +"Hört uns das Bergweiblein, so thut's nicht gut; +Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren, +Hat sicher das Gewitter her beschworen." + +"Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel +Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg +Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet, +Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg. +Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden, +So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!" + +"Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren +In seiner ganzen unheilvollen Macht; +Verderben bringt es oft auf viele Jahre, +Als hätte uns die Sonne nie gelacht, +Und, wo wir heute noch im Grünen gehen, +Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!" -- + +Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder +Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum, +Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen, +In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum; +Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen, +Der sich im Moos verliert in leisem Zischen. + +Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel, +Und krachend fällt so manches grüne Haupt; +Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch's Gezweige, +Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt. +Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen, +Sie müssen blindlings in's Verderben hetzen. + +Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet, +Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug; +Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern, +Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug. +So steht sie mitten in dem grausen Rauschen +Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen. + +Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen +Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut; +Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen +Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut. +Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen, +Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen. + +Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset, +Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht, +Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes +Empfehlend, deren Fürsprache und Macht +Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden +Und gnädig alles Unheil abzuwenden. + +Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben, +Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall; +In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft, +Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall. +Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben, +Und heller wird es in den Wipfeln oben. -- + +Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber, +Geendet wähnte Elsbeth alle Noth. +Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten, +Von seiner Stirne floß es blutigroth, +In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder; +Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder. + +Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad +Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut; +Nur leise hob die Brust sich auf und nieder, +Wie einem der die letzten Züge thut. +Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände, +Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände. + +Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen, +Mit stummer Freude hat sie es gehört, +Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen, +Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört; +Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen, +Es sachte auf des Junkers Stirn' zu legen. + +Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen, +Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt; +Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen, +Noch immer der Besinnung ganz beraubt; +Doch, nun sie's sorglich wollte niederlegen, +Sah wieder sie die Lippen zitternd regen + +Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen, +Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft. +Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen, +Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft, +Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen +Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen. + +Er wachte mälig auf und seine braunen Augen +Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick; +Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen +Ihr Trost zu spenden über sein Geschick, +Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben, +Mocht' sich der Junker nun vom Fall erheben. + +Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte, +Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand, +Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse, +Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand. +Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder +Eh', mühsam nur, sie fand die Sprache wieder. + +"Versuchet aufzustehen -- vielleicht könnt Ihr gehen! +Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern +Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber. +Die Heiligen und Euer guter Stern, +Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen, +Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!" + +Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch +Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach, +Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben; +Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach, +Wollt' er sein Dankgefühl in Worte kleiden, +Die anzuhören Elsbeth will vermeiden. + +Sie mahnte also "Kommt, es muß bald Mittag läuten! +Bis dahin müssen wir zu Hause sein; +Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden, +Mein Tüchlein taugt uns, denk' ich, dazu fein. +Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen +Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!" + +Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne, +Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar. +Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden +Und spülte es im nächsten Rinnsal klar, +Dann ward die Wunde gut und fest verbunden; +Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden. + +Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten +Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg. +Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen +Vom Regen noch im buschigen Geheg. +Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen, +Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen. + +Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden +Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor; +Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen, +So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor. +Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen, +Ein Kräutlein, das viel Glück bringt -- oder Schmerzen. + + * * * + +Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke, +Wo schon der Herrin harrend Frida stund; +Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber, +Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund. +Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten, +Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten. + +"Dacht ich's doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!" +Hob zungenfertig jetzt die Alte an, +"Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen; +Doch da hat es am wüstesten gethan! +Wird heute nun die Herrin auch noch lachen, +Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen? + +"Der Pfarr', der Neiding! hat das Wetter hergezaubert. +Er sieht's, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern. +Sollt immer in der Kemenate sitzen +Und Litaneien lernen bei dem Herrn! +Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen; +Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!" + +Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in's Wort und sagte: +"Sei lieber still und schaff' uns Kunzen her, +Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet; +Denn siehst Du nicht? er leidet schwer! +Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder, +Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!" + +"Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen, +Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit +Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden, +Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht! +Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden, +Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!" + +Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer. +Vom Blutverluste wohl ein wenig matt, +War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen +Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt'. +Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen, +Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. -- + +Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke +In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar +Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker. +Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war; +Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde -- +Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde! + + +Drittes Kapitel. + +Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte, +That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht; +Denn kaum war eine Woche hingegangen, +Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht +Und dankte ihr für alle Müh' und Sorgen, +Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen. + +Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte, +Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel, +So nahm er's nun mit jedem Tage ernster +Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel. +Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen, +War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. -- + +Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen +Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht', +So oft es nöthig, drauf den Wassereimer, +Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht +Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen, +Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht' gewinnen. + +Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf, +An dessen sonnenreichem Mauerrand +Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte, +Drin', neben Ilgen, manche Rose stand +Und Krautwerk für die Küche und die Kranken, +Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken. + +Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig; +Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch +Die Rosen künstlich sich veredeln lassen. +Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch +Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen, +Die zu erzielen beide sich bemühten. + +Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche, +Wo Frida herrschte, bis die Herrin da; +Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen, +Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah. +Das Essen mußte pünktlich fertig stehen, +Sonst war's um Vaters gute Laun' geschehen. + +Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte, +Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh' +Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth +Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu; +Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge +Und trieb mit Fragen oftmals sie in's Enge. + +Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen +Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund; +Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders, +Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund +Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen, +Die fern dem Texte des Erklärers lagen. -- + +Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen, +Indess' die Augen nach der Sonne sahn, +Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben +Im Bogenfenster endlich möchte nahn; +Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen, +Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen. + +Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet, +Gleichviel ob einer hoffet oder bangt; +Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen, +Der Jugend langsam, die noch viel verlangt, +So ließ sie heute auch die Sonne sinken, +Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken. + +Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten. +Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt' +Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen, +Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt', +Der sich den Thurm zum "Lueg ins Land" erkoren, +Und öfter droben saß, in's Schau'n verloren. + +Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen +Der Berge nennen, so von hier man sah; +Nun aber war sie doch etwas verlegen +Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah. +Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze +Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze. + +Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich +Dem Junker zu und sagte, mit der Hand +Hinüber auf die weißen Riesen deutend, +In deren Anblick er versunken stand: +"Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen; +Dort, jene Recken all' sind mir zu eigen!" + +"Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten, +So nur die Fürnehmsten davon ich nenn'; +Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, -- +Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn'! +Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten, +Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten." + +Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort, +Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand, +Der Abendsonne goldne Schimmer flossen +In Purpurfluthen über alles Land, +Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten, +Die überm "Randen" sich gelagert hatten. + +"Schaut dort," hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären, +"Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht," +Es ist der "Säntis" mit dem "Hohen Kasten" +Und nebenan, rothgülden angehaucht, +Stellt kühn der "Altmann" sich in ganzer Breite +Den ersten beiden Recken an die Seite." + +"Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken, +Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee, +Die nennen "Churfürsten" sich stolz mit Namen +Und spiegeln sich in einem grünen See, +Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben, +Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben." + +"Nun, weiter rechts hin, kommt des "Glärnisch" weiße Krone; +Die steilen Wände stehn getaucht in Blau, +Und rosig überhaucht vom Sonnengolde +Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau. +Auf seinen Schultern aber sieht man's blitzen +Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen." + +"Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel, +Mit starren Felsen ringsum eingefaßt, +Ist "Vrenli's Gärtli," eine Alp vor Zeiten; +Doch, seit die Menschen von den Fee'n gehaßt, +Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren, +Auf ewig sind dahin die grünen Fluren." + +"Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der "Tödi." +Keck ragt der auf zum blauen Firmament, +Als stützte er allein des Himmels Bogen. +Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt, +Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen -- +Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen." + +"Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter, +Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr; +Doch, mein' ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen +Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr. +Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern, +Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!" + +"Gleich weiter folgt des "Urirothstocks" Riesenkuppe; +Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor; +Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen, +Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor. +Mir schwanet oft, fühl' ich's herüber wehen, +Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen." + +"Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig, +In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee, +Dann, hört' ich sagen, blühen grüne Fluren +Und blinkt dazwischen mancher klare See, +So, wenn der Frühling die Gestade kränzet, +Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet." + +"Die weiße Kuppe besser drüben ist der "Titlis," +Das "Sustenhorn" soll dessen Nachbar sein. +Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe +Vergüldet sind vom Abendsonnenschein; +Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften +Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften." + +"Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten +Empfangen eben ihren letzten Gruß! +Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern +Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß; +Bald wird der "Lägernberg" im Dunkel stehen, +Schon jetzt ist Badens "Stein" nicht mehr zu sehen." + +"Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne, +Die geben sich so schnell gefangen nicht; +Denn, während überall schon Nacht sich breitet, +Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht. +Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden, +Von jenen Höh'n zu schau'n auf Gottes Erden!" + +"O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel, +Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn, +Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben, +In Himmelslüften badend mir die Stirn' +Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern, +Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!" -- + +Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen, +Die, hold verklärt in wundersamem Glanz, +Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten +Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz, +Indessen abendwärts, von Gold umflossen, +Die Sonne wich mit ihren müden Rossen. + +Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels +Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt, +Eh' sie den Hausgenossen traulich fragte, +Ob ihm ein schöner Plätzlein wär' bekannt? +Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen +Und mußte sich der Junker folgsam zeigen. + +"Ich muß mich eilen," sprach sie, "denn des Abends Schatten +Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt; +Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln, +Der letzte Schein des Tageslichts verjagt +Und, irr' ich nicht, mag's morgen stürmisch wehen, +Da heut' die Alpen wir so nahe sehen!" + +"Dort jener," eilte sie sich weiter mit Erklären, +"Die breiten Spitzen, sie verglühen grad, +Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue, +Soll der "Sankt Gotthard" sein, von wo ein Pfad, +Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde, +In wälsches Land sich steil und schaurig winde." + +"Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet, +Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht, +Heißt der "Pilatus;" er hat seinen Namen +Von einer Sage die im Lande geht: +Es soll der Böse dort den Richter plagen, +Der unsern Heiland einst an's Kreuz geschlagen." + +"Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen, +Sind "Finsteraarhorn," "Schreck-" und "Wetterhorn," +Dann "Mönch" und "Eiger," wo im längsten Sommer +Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn +Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer +Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!" + +"Es ist die "Jungfrau." Herrschend über all' die Riesen, +Ist sie nur selten mal des Schleiers bar; +Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine, +Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar, +Um vor dem Schlafengehn den alten Recken +Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken." + +"Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne, +Die leise ausziehn über unser Haupt, +Und keinem Freier mocht' es noch gelingen, +Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt. +Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel, +In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!" -- + +Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen +Des Wächters Horn in langgezognem Schall, +Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend; +Vom "Hungerberge" scholl der Wiederhall +Und mischte sich mit fernem Glockensummen, +Das bald erstarb in mäligem Verstummen. + +Nun breitete sich Schweigen über Berg' und Thäler, +Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch, +Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche, +Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch, +Und droben, hoch in ungemeßner Ferne, +Erglänzten schimmernd Millionen Sterne. + +Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel, +Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf; +Dann war es wieder, als ob leichte Füße +Zum Brunnen huschten in behendem Lauf, +Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte, +Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte: + +"Eine Tanne, schlank und duftig, +Meiner Minne Maienzier +Stelle ich zum Angedenken +Nächtens vor braun Maidlins Thür." + +"Rosmarin und rothe Ilgen +Schmücken viel den Maienbaum, +Meine Seele aber zieret, +Süßer Minne holder Traum." + +"Gäb ein Schlüsselein die Feine +Mir von Gold, ich schlöß sie ein, +Tief in meines Herzens Schreine +Und verlör das Schlüsselein." + +Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf, +Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall, +Erst leise, bis der rechte Ton getroffen, +Die Antwort drauf in glockenreinem Schall. +In tiefem Alt, als käm' er aus der Seele, +Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle: + +"Drauß' im Walde laß' die Tanne. +Und die feinen Blümlein stehn; +Denke, was die Mutter sagte, +Würd' den Maienbaum sie sehn?" + +"Hast den Schlüssel Du verloren, +Ist mir recht; denn wahre Minn' +Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel, +Und bleibt doch im Herzen drin'." + +"Tief im Walde grünt die Tanne, +Rothe Ilgen duften fein. +B'hüet Dich Gott in stiller Kammer, +Und gedenk' der Treuen Dein!" + +"'s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!" sagte Elsbeth +Zum Junker, als der Sang verklungen war. +"Sie sind sich zugethan in allen Ehren +Und, wie ich meine, ist's ein stattlich Paar; +Hab' drum der Maid versprochen, anzufragen +Beim Vater, da die beiden es nicht wagen." + +"Doch,nun ist's Zeit für mich, zu gehen," schloß sie freundlich, +"Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!" +Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden +Und huschte nun die Wendeltreppe sacht +Hinunter, daß die trocknen Treppensparren +Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. -- + +Herrn Kuonrads "Gute Nacht!" kam ihr nicht mehr zu Ohren, +Weil, als er's sprach, sie schon davon geeilt. +Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen, +Wo eben noch die Liebliche geweilt; +Er blickte sinnend nach dem Abendsterne, +Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne. + +Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele +Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit. +Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne, +Um die im Stillen unlängst er gefreit, +Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen, +Da sie nur ihn begünstigte vor Allen. + +Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen, +Hatt' sich der Junker an den Ohm gewandt, +Deß' Wort als Bischof mehr als seins mocht' gelten, +Daß bald ihm werde der Erkornen Hand. +Da kam der Span mit Sigismund dazwischen, +Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt' entwischen. + +Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele: +Die Stirn' umwallt von dunkler Locken Pracht, +Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen, +Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht; +Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten, +Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten. + +Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben, +Es trat an dessen Platz ein ander Bild: +Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte, +Nein, lieblich, hold und fein und mild; +Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen +Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen. + +In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen, +Er konnte tief in ihre Seele schau'n, +Die klar und rein sich darin wiederspiegelt' +Und hin sich gab in kindlichem Vertrau'n. +Die Huldgestalt in Minne zu umfangen, +War seines Herzens stürmisches Verlangen. + +So stand er, sich versenkend in die lieben Züge, +Im Wesen ihm und in Gedanken nah; +Denn jeden Tag mußt' er auf's Neu' bewundern, +Was hier zum ersten Mal sein Auge sah: +In Züchten stiller Minne treu ergeben +Und milde waltend, deutsches Frauenleben. + +Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein, +So stolz, weil es entstammte wälschem Blut; +Deß' Blicke so vernichtend blitzen konnten, +Und doch verriethen tief verborgne Gluth! +Das tausendmal am gleichen Sommertage +Die Laune wechselte zu seiner Plage. + +Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen, +Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual. +Der Oheim mußte längst geworben haben, +Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl? +Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen, +Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen. + +Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend, +Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn' gekühlt. +Von heute wollt' er Elsbeth ferne bleiben, +Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt; +Denn nimmermehr wär' Ruhe ihm beschieden, +Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden. + +Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe, +Die er, im Dunkel tastend, niederstieg, +Um unten noch beim Vogte vorzusprechen, +Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg. +Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten; +Die Herren mochten seiner lang schon warten. -- + +Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen, +Verkürzten sich die Knechte auf der Bank +Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern; +Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank, +Als diese noch, auf allgemein Verlangen, +Ein paar "Gesätzlein," die hier folgen, sangen. + +Wir lieben's den viel rothen Wein, +Denn er geht frisch in's Blut uns ein. +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! + +Kommt es auch vor, daß wir einmal +Festsitzen bis zum Morgenstrahl; +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! + +So sind dem Zecher doch nicht hön +Drob unsre lieben Frauen schön, +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! + +Hallowerwein, Du Edelblut, +Du schmeckst zu allen Zeiten gut; +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! + +Und geht es einst auf's Todtenbett, +So reichet uns, als Seelgerett', +Von Hallau Saft der Reben, +In's Jenseits uns zu heben! +Von Hallau Saft der Reben, +In's Jenseits uns zu heben! + + ------ + +Der schönste Tod, den ich mir weiß, +Das ist: im Wald zu sterben; +Viel schöner, als im Bette heiß, +Aus Lumpen zu verderben! + +Der beste Wein, so jeder kennt, +Er muß wohl sein gegohren; +Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt, +Der d'Hörnlin hat verloren! + + ------ + +Gott grüß' Dich, feurig Rebenblut, +Du Edeltrost der Mannen! +Wie schmeckst Du allerorten gut, +Aus Humpen und aus Kannen. +Hat einer von Dir etzlich Stück +Im kühlen Keller vergraben, +So preis' er's als sein größtes Glück, +Am Weine sich zu laben! + +Gott grüß' Dich, feiner Augentrost, +Vielschöne Maid im Walde! +Nach Deiner minniglichen Kost +Sehn' ich mich nur zu balde. +Wer immer Dich sein eigen nennt, +Dem brennt ein Feu'r im Herzen; +Macht, daß er keine Jahrzeit kennt +Und thaut, wie Schnee im Märzen! + + ------ + +Was ist es, dessen sich freuen soll +Am ersten ein guter Zecher, +Wenn ihm die Maid einen Humpen voll +Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher! +Ist es das Naß in der Kanne klar, +Hellperlendes Blut der Reben? +Ist es der Maid frisch Lippenpaar, +Nach denen geht sein Streben? +Ich acht' wohl fein, vieledle Herrn, +Das braucht's nicht lang zu rathen; +Ein Jeder tröst' sich Beider gern, +Vom Spielmann bis Prälaten! + + ------ + +Mein Mägdlein trägt ein Camisol +Mit einem Purpursaume; +Nun gute Nacht und schlafet wohl, +Und denket mein im Traume! + + +Viertes Kapitel. + +Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler, +Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn. +Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich, +Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn; +Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle, +Indeß' noch dichter Nebel lag im Thale. + +Das Auf- und Niederschwanken all' der Nebelmassen +Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit, +Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel, +Doch der wich kaum um eine Spanne breit; +Schien an der Halde er auf's Haupt geschlagen, +Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen. + +Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen, +Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust. +Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler, +Bald wieder stockt's von weißem Nebeldust; +Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden, +Denn Sonn' und Nebel schließen ungern Frieden. -- + +Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf +Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß. +Sie feierten die Heilige in Zurzach, +Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß, +Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten, +War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten. + +Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden, +Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf, +Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten. +Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf, +Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen, +Mocht' ihn die Ungeduld am meisten plagen. + +Jetzt regte sich's auch in der Windberg' überm Thore. +Dort ließen Haus und Xaver alsgemach +Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder, +Indeß' der Erstere zum Letztern sprach: +'s ist gar nit koumli, heut in's Thal zu fahren, +Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!" + +"Laß' nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen; +Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!" +Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend, +Denn an der Winde galt es Manneskraft, +"Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen, +Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!" + +"Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!" +Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht. +Der aber brummte: "So 'ne Wäldergurgel +Find't stets das Beste grade für sich recht; +Wär' ich der Vogt hier, müßten solche Laffen +Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen." + +Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte, +Da polterte es von der Brücke her, +Schnell traten beide drum zur nächsten Luke, +Von der man übersah des Schlosses Wehr. +'s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben, +Wie immer, mußte vor dem Vogte traben. + +Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter, +Des Zelters Zügel in der zarten Hand. +Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen +Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand; +Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen, +Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen. + +Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen, +Daß nicht entrolle sich die goldne Flut; +Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend +Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut, +Der leicht beschattete die feinen Züge, +Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge. + +Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker. +Die beiden ritten friedlich Seit' an Seit', +Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter, +Bat er den Hausgenossen zum Geleit; +Der wär' zwar lieber mit dem Vogt geritten, +Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten. + +Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel, +Dicht hinter Benno und dem Junker ritt. +Sein eigensinnig Rößlein wollte traben, +Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt; +Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen +Verhalfen es in rechten Gang zu bringen. + +Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe +Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand. +Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen, +War's kaum so hell, daß sie den Weg noch fand, +Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte, +Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich's gebührte. + +Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber +Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg +Ging's rasch in schlankem Trab thalnieder, +Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg. +Der Nebel aber wollte noch nicht weichen, +Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie's erreichen. + +Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen +Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt', +Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte, +So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt: +"Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen +Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen." + +So bringt's die Urkund', ist auf Pergament zu lesen. -- +Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld +Den Wein und Hafer auf den Abend sparen, +Wo er empfangen will des Dorfes Schuld; +Gar froh, daß heut' der Herr nichts fand zu rügen, +Mocht' gern der Bauer dem Bescheid sich fügen. + +Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten, +Die links und rechts an breiter Gasse stehn; +Sie lagen wie verödet in dem Nebel +Und war kein lebend Wesen nah' zu sehn, +Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen, +Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen. + +Bei einem Hause nur verlockt' der Rosse Trappeln +An's schmale Fensterlein ein bleich Gesicht, +Deß' Eigenthümer scheu gemieden wurde; +Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht. +'s war Meister Jakob, der das Fest mußt' meiden, +Wollt er nicht andern den Genuß verleiden. + +Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster +Und dabei traf sein kalter Henkerblick +Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke; +Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick, +Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden, +Schwang selten er es mehr in seinen Händen. + +In scharfem Ritte ging's am letzten Haus vorüber. +Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein +Und hüllte Roß und Reiter immer dichter +In seinen frostig-feuchten Mantel ein. +Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle, +Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle. + +Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte +Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt, +Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte +Um's Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt, +In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze, +Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze. + +Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen, +Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt; +Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen, +Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt', +Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten, +Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten. + +Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen, +Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid; +Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen +Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid, +Das traute "Elsbeth" müsse er vergessen, +Sie "Fräulein" nennen, höfisch und gemessen. + +Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er +Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her; +Denn was er auch der Schönen sagen wollte, +Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer. +Mit vollem Herzen, blöde und verlegen +Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen. + +Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen, +Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn, +Wo Benno just sich abzusteigen mühte; +Sein Roß hielt jedes mal hier selber an, +Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten, +So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten. + +Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann +Vom andern Ufer er herüber pfiff. +Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter +Und hielten dort im großen Wagenschiff, +Das, als gelöst der Ferg' die nassen Seile, +Stromaufwärts mußte eine gute Weile. + +Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke, +So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand, +Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen +Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand; +Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen, +Die "Burg," erbaut von Roma's Legionen. + +Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden, +Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel; +Ein Ruderschlag bracht' es dem Ufer nahe, +Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel. +Nur Benno stand noch auf der andern Seite +Und maß im Warten sich des Stromes Breite. + +Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten, +Verließen es der Vogt und seine Schaar. +Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster, +Daß jeder Hufschlag funkensprühend war, +Bergan, und als der steile Weg erstiegen, +Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. -- + +Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen, +Im nahen Rheine ging er still zu Grab. +Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd +Die weißen Zinnen Küssabergs herab; +In klarer Herbstluft mocht' das Auge schwelgen +Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen. + +Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte, +Denn nah dem Flecken war die Straße voll +Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten, +Der Heil'gen bringend frommer Andacht Zoll; +Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen, +Geschäften wegen sich zur "Messe" fanden. + +Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander, +Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein. +Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste +Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein, +Und selten hat es einen mal verdrossen, +Wenn einen Handel er hier abgeschlossen. + +In langen Reihen standen graue Leinwandzelte +Den Weg entlang, für allerlei Gethier +Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet, +Indeß' das eigentliche Marktrevier +Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen, +Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. -- + +In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen, +Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an, +Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger +Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan; +Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde. +Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde. + +Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren, +Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht; +Sein Diener schlug die große Kesselpauke, +So oft er unterbrach der Rede Pracht. +Daneben übten Gaukler ihre Lungen +Und überschrieen sich in allen Zungen. -- + +Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder, +Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt, +Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte; +Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt, +Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen +Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen. + +Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen, +Um desto dichter ward die Menschenschaar +Und Jochen durfte sich vergeblich plagen; +Der Junker wurde dieses auch gewahr +Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen, +Bis mehr sich lichten würden ihre Massen. + +Ein wenig besser war's dem Vogt ergangen. Er ritt +Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt, +Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend, +Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt. +Gab die nicht Raum auf Kunzens "Platz da!" rufen, +So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. -- + +Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome +Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt, +Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte +Und kreischend sich das Volk noch näher drängt'. +Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken, +Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken. + +Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres, +Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth; +Die Schreckensrufe gellten immer lauter +Und brachten Petz gar bald in solche Wuth, +Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte, +Der Affe aber rings die Menge höhnte. + +In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend, +Das Thier durchs Volk, das auseinander stob, +Und fand den Weg gerade zu der Stelle, +Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob +Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute; +Gespitzten Ohres das Gedränge schaute. + +Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen. +Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor; +Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber, +So daß der Schimmel drob den Kopf verlor +Und voller Angst in jähem Sprunge scheute, +Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute. + +Doch, eh' des Rößleins Hufe wieder Boden fanden, +War dieses schon von seiner Last befreit +Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen, +Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit. +Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde +Und hielten fest es ohne viel Beschwerde. + +"Um Gottes Willen!" rief der Junker, selbst erschrocken, +Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein. +"Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden? +Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: "Nein!..." +Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen +Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen. + +Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend, +Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein, +So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte, +Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei'n; +Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen +Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen. + +Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe: +Vom Münster her ertönte Glockenklang, +In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke, +So daß es klang wie ferner Chorgesang. +Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten, +Um in der Mess' zu sein bei rechten Zeiten. -- + +Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten, +Der es mit strengen Blicken untersucht. +Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten +Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht, +Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen, +Nun Jochen flink zu binden war beflissen. + +Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte +Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor, +Die lehnte noch im Arme ihres Retters, +Fuhr aber tief erröthend nun empor; +Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange, +Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange. + +Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen +Und hob mit starkem Arm die süße Last +Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch, +Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt, +Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke +Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. -- + +Inzwischen hatte auch die Jagd ein End' genommen, +Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ; +Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken, +So daß er eilig sich zu gehn befliß. +Der Affe aber war und blieb verschwunden +Und Niemand wußte, welchen Weg er funden. + +Ohn' weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken, +Deß' Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt, +Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten +Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt'; +Doch, ob im Flecken unten oder oben, +Sie waren überall gut aufgehoben. -- + +Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder, +Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn. +Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen, +Vermieden gerne jeden Trug und Schein, +Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten, +Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten. + +Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe +Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand. +Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte, +Sie waren stets für Seel' und Leib zur Hand; +Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen, +Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. -- + +Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen, +Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut, +Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts, +Den jedesmal ein Glöcklein künden thut. +Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen, +Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen. + +In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad, +Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt', +Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten +Schon Meßgesang und Orgelton erschallt'; +Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen, +Bis er die Pferde konnt' zur Herberg bringen. + +Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten +Die Beiden, sich bekreuz'gend, in den Dom, +Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete, +Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm; +In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten, +Kam er heut frühe schon zum Fest geritten. + +Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken, +In welchem sich geweihtes Wasser fand; +Die Finger netzend, reichte draus er höfisch +Auch etlich' Tröpflein der Begleitrin Hand, +Und Elsbeth nahm's mit stummem Dank entgegen. +Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. -- + +Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen, +Verklungen auch der Orgel letzter Hauch; +In Wolken wogte zur bemalten Decke +Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch +Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge +Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge. + +Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte, +Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz, +Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens +Und auszuschütten da sein volles Herz, +Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte, +Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte. + +In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau +Im Sarg, den frommer Glaube überbaut'; +Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet, +Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut. +Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame, +Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme. + +Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller +Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor. +Um was? Nur diese mochte es erlauschen, +Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr; +Doch tief sah man die Betende sich neigen +In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen. + +Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz, +Als sie sich endlich vom Gebet erhob; +Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen, +In das sich Seligkeit und Wonne wob, +Und unschwer war der Frommen anzusehen, +Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen. + +Still kehrte sie zurück durch's Grabkapellenpförtchen, +Wo ihr Begleiter traumverloren stand. +Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin +Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand; +Doch, nun den Arm der Holden er wollt' reichen, +Wußt' Elsbeth sittig diesem auszuweichen. + +"'s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!" +Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt, +"Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen, +So mögt ihr mich begleiten nach der Hand; +Hab' manchen Auftrag für den Markt bekommen, +Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!" + +Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen, +Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt', +Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte? +Sie gab zur Antwort darauf unverzagt: +"Gott will ja, daß wir für einander beten, +So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!" + +Dann bat sie lächelnd: "Laßt uns nach der Herberg gehen +Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht. +Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen, +Eh' es am Nachmittag zur Vesper geht; +Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen, +Für Jedes einen Kram nach Hause bringen." + +Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke +In den vom Junker ihr gebot'nen Arm, +Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe, +Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm; +Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden, +Bis in der "Rosen" sie den Vater finden. -- + +Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen; +Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da. +Die hellen Augen blinzelten gar freundlich, +Als er die Zwei in's Stüblein treten sah +Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter: +"Da kommen ja die längst vermißten Reiter!" + +Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten, +Erzählte ihnen sein gespräch'ger Mund, +Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich +Am Vrenentage, nach der Vesperstund' +Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden, +Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen. + +"Da hab' ich," sprach er lächelnd, "nun versprechen müssen, +Der Einladung zu folgen, die uns ehrt. +Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen +Auch etlich' Freunde treffen, lieb und werth, +So sich mit uns in Ehren bas erfreuen; +Die alte Freundschaft wiederum erneuen!" + +Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich, +Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut; +Sie brachte Wechsel in das stille Leben, +Das auf dem Berge er geführt bis heut', +Und sah er drum dem Mahle gern entgegen. +Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen. + +Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder, +Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht. +Ihr war, als sollt' dem Mahl sie ferne bleiben, +Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht; +Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren, +Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren. + +Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin, +Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat +Und, weil es lang gedauert bis der fertig, +Die Gäste höflich um Verzeihung bat: +Es sei viel Arbeit heut' in allen Ecken, +Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken. + +Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd, +Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch, +So daß die, schämig drob, die Lider senkte +Und froh war, als die Wirthin schließlich doch +Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte; +Dort alles rein und nett in Ordnung brachte. + +Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen, +Im Maul der letztern prangte frisches Grün, +Und dazu Wein, von Badens "Goldwand" stammend, +Verlockten bald zu einem Angriff kühn; +Es mochte auch der weite Ritt am Morgen +Für guten Appetit der Dreie sorgen. + +Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern, +Das stets vom Vogt auf's neue ward geweckt; +Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen, +Da es sie freue, wenn's den Gästen schmeckt. +Die Herren thaten denn auch so; indessen +Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen. + +Die Redesel'ge wurde endlich müde, oder +Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund; +Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand: +Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund, +So abzuziehen vorhin sie versehen -- +Und nun konnt' Elsbeth auch an's Essen gehen. + +Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische +Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar, +Eh' es hinaus ging in des Marktes Treiben, +Wo heute manches einzukaufen war. +Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres, +Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares. + +Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte; +Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf. +Bald standen sie im dichtesten Gedränge, +Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf; +Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben, +Schon tief in Jochens Packkörben vergraben. + +Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl +Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her; +Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte, +Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär'; +Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen +Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen. + +Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen, +Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein. +Ohn' viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen +Und barg es in sein dürftig Beutelein; +Dann zog's ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen, +Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen. + +Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken, +Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand, +Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen +Und drückte ihm dies flink nun in die Hand. +Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen, +Der Junker dafür eins der braunen Herzen. + +"Allüberall ist Minne, nur in der Höll' nicht drinne!" +Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel +Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth, +Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel'; +Sie nahm es lachend an, worauf inmitten +Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten. + +Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe, +Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd. +Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen, +Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt; +Zum ersten mußte da sie Frida's denken, +Der sie ein "hornin Noster" wollte schenken. + +Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle +Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band +Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel'gen, +Wie es die Herrin für sie passend fand; +Noch kam auch manches, deß' sie erst nicht dachte, +Das, schön zur Schau gestellt, um's Geld sie brachte. + +Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden +Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn, +Als auch die Glocken schon sich hören ließen, +Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien; +Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören, +Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. -- + +Wie Viele, zog's auch unser Dreiblatt in die Kirche, +So freundlich lag im Abendsonnenschein. +Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange +Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein; +Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen +Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen. + +Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende +Und ging's hinüber in der Propstei Saal, +Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten +Der Gäste, die geladen sind zum Mahl. +Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer +Der Kerzen, an des Vaters Arm in's Zimmer. + +Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen, +Und machte gar verlegen sie der Wahn, +Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke, +Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn; +Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen +Der Vater, und Herr Kuonrad folgt' den Zweien. + +Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute, +So daß er grüßend anhielt hier und dort; +Er wechselte auch im Vorübergehen +Mit dem und jenem wohl ein länger Wort. +Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen, +Dem Gutenburger und dem Wielandingen. + +Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln, +Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah; +Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine, +War mit Gemahlin und der Tochter da, +Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme, +Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme. + +Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde, +Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht; +Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen +Hätt' einer Königin zur Ehr' gereicht, +Bald ruhten aller Augen mit Gefallen. +Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen. + +Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es +Die Herren zu der wunderschönen Maid; +Es sprachen von der "Küssaberger Blume" +Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid. +Sie aber, nun den Oheim sie gesehen, +Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen. + +Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange +Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah. +Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt, +Wär' vor ihm die vielschöne Jungfrau da? +Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen, +Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen. + +Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren, +Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück. +Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte, +Die schönen Augen Elsbeths voller Glück. +Er mußte wieder sie "traut Else" nennen, +Eh' will sie heut' sich nicht mehr von ihm trennen. + +Der Ohm that's lächelnd. Dann begleitete er Beide +Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war, +Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend; +Der reichte gnädig eine Hand ihr dar +Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend, +Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend. + +Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder +Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb; +Der war hier fremd und harrte längst des Freundes, +Daß er ihn vorstell', wie der Brauch es schrieb. +Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte, +Wußt' bald ein jeder, wie der Herr sich nannte. + +Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen, +Zu manchem Gönner ihm verholfen schon. +Wie immer, waren es zuerst die Damen, +Die er gewonnen durch vornehmen Ton, +Und war dies auch natürlich, da die Frauen +Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen. + +Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker +Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein, +Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern, +Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein, +In welchem sie ihn fest zu halten wußte, +Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte. + +That es der Zufall -- oder Fräulein Adelgunde? +Die gern den Junker länger hielt in Haft, +Daß sich die Freiin grade gegenüber +Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft! +Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen, +Für's Erste stille und gar steif, gemessen. + +Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden, +Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht, +In süßem Vino d'Asti, so die Damen, +Schon damals gerne tranken, kam es sacht, +Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen; +Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen. + +Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste +Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit, +Erhöhte sich der Gäste munter Wesen +Und waltete gar bald Gemüthlichkeit, +Die machte, daß die Alten wie die Jungen, +Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen. + +Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt +Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor. +Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen, +Im zarten Busen quoll es heiß empor; +Doch mochte schwerlich einer dies beachten +Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten. + +Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater +Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein, +Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte, +Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein; +Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken, +Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. -- + +Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern +Den Junker fest und, schwieg die letztre mal, +Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde +Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl, +So daß im Stillen der sich schier beklagte, +Wenn offen er's auch nicht zu zeigen wagte: + +Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen, +Für einen Mann, der gute Sitte kennt, +Und sagte ihnen, mit gewählten Worten, +Manch feines, aber höfisch Compliment, +Das, er war sicher, drang's zu Elsbeths Ohren, +Für sie so gut wie jeden Sinn verloren. + +Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte, +Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn, +Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern, +Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn; +Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen, +Wollt' auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen. + +Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber +Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug; +Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte, +Kam ihr die Freiin zuvor oder frug +Just Adelgunde etwas und -- befangen, +Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. -- + +O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket, +Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt? +Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen, +Der widerstand noch Niemand in der Welt? +Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen, +Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen. + +Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben, +Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar; +Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele, +Was es bedeutet, wird Dir offenbar, +Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen, +Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. -- + +Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche, +Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang, +Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden, +Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang +Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen, +Wie immer bleicher worden ihre Wangen. + +Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden, +Blieb eine Weile still, als sänn' er nach; +Doch that er dies, um besser sehn zu können, +Was aus den Augen seines Lieblings sprach, +Und nun er tief in ihrem Blick gelesen, +War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen. + +Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: "Junker! +Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort! +Wie wär's, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet, +Eh' Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt? +Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen, +Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!" + +Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad +Und wandte sich zu Benno mit dem Glas, +Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute, +Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß, +Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen +Mit solchem Herren frech zu unterbrechen. + +Doch bald sprach Benno lächelnd: "Daß Ihr uns vergessen, +Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr; +Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen, +Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!" +Der Junker fügte sich dem Urtheil willig +Und that die Buße, wie es recht und billig. + +Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth. +Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand +Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz, +Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand. +Im Nu war all' das Herzweh da vergangen. -- +Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen. + +Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen, +Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl; +Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen +Mit Frag' und Antwort ohne Wahl und Qual; +Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde, +Hascht' klug auch dieser er das Wort vom Munde! + +Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln +Für Elsbeth auszuknacken als Dessert; +Derweilen sie dem Vater nun erzählte, +Daß heute schon sie fast verunglückt wär', +So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke +Beschützte sie im letzten Augenblicke. + +Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde +Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar, +Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte, +Seit jenem Tag, als das Gewitter war; +Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden +Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden. + +Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen +Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld +Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde, +Ob der an jenem Tag erwies'nen Huld; +Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen +Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen. + +Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede +Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht', +Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte, +So thue er sich selber dies zu Noth; +Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken, +Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken. + +Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden, +Doch achteten die Frohen nicht der Zeit, +Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte, +Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit. +Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen, +Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen. + +So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere +Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn; +Als dies geschehen, ging es hin zur "Rosen," +Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein. +Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken, +Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. -- + +Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte +Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau. +Wie Zauber lag es über Wald und Fluren; +Im Wiesengrüne schimmerte der Thau, +Tief unten floß der Rhein im klaren Bette +Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette. + +Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe, +Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war. +Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen +Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar; +Der Schloßvogt ritt, dem "Markgräfler" zu Ehren, +Hier nie vorüber, ohne einzukehren. + +Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte +Da wehrte Benno, und ging's wieder fort +In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen. +Es fiel nur selten mal ein lautes Wort; +Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite, +Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite. + +Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten +Die Herrn allmälig immer schneller hin, +Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein +Bald jede Eile unvonnöthen schien; +Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen, +Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. -- + +Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen; +Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum. +Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes, +Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum; +Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne +Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne. + +In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite, +Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht. +Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern, +Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht? +Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet, +Welch' wonnig Träumen ihr die Lippen bindet? + +Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um's reden. +Er ritt, die Zügel lässig in der Hand, +Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen +In einemfort der Holden zugewandt; +Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer, +Als strahlte daraus her der Mondenschimmer. + +Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden, +Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal +Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte; +Wo er dann rauher ward und dabei schmal +Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten, +Die, nah' dem Schlosse erst, sich wieder lichten. + +"Erzählet etwas, Fräulein!" meinte nun der Junker, +Als hier die Pferde wechselten den Gang, +Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen, +Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang. +"Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten, +Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!" + +"Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen +Euch kaum genügen," gab Elsbeth zurück, +"Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben; +Mein Wissen bildet just kein großes Stück. +Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen, +Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!" + +Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red' zu geben, +Was sie auch immer von ihm fragen sollt'; +Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben +Ihm erst erzählen, eh' er reden wollt'. +Da ging denn Elsbeth munter an's Erzählen; +Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen. + +Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste, +Als auch die Rede auf den Vater kam. +"Sein eigen," meinte Elsbeth, "wär' hier Alles, +So nicht der Bischof einst das Erbe nahm +Jetzt freilich würd' selbst dieses nicht mehr nützen, +Es fehlt ein Sohn, der's weiter möcht' beschützen." + +"So ist der Vater denn der letzte Küssaberger +Und gehet," fügte traurig sie hinzu, +"Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern, +Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh'; +Doch ist mir oft, als hört' mein Herz ich sagen, +Man wird uns nennen noch in späten Tagen!" + +Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne +Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort. +Er frug: "Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater +Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? -- +Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen; +Mich würd' es schmerzen, wüßt' ich Euch in Sorgen!" + +"Habt vielen Dank, Herr!" lautete die Antwort Elsbeths, +"Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt. +Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen +Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt; +Wir kennen nicht des Willens frei Genießen, +Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen." + +"So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen. +Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht, +Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen +Mein Leben Gott darbringen im Gebet; +Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben +Und sich und mir das Himmelreich erwerben." + +"In's Kloster! Ihr?" rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad +Und riß den Rappen einen Schritt zurück. +"Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern? +Von selbst entsagen allem Erdenglück? -- +Könnt Ihr dies thun, so sag' ich ohne Scheuen, +Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!" + +"Doch, Euch beliebt zu scherzen!" sprach er dringlich weiter, +"In enger Zelle ist gar dumpf die Luft. +Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer +Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft; +Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen +Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!" + +"Und dann -- was werden Eure Hör'gen dazu sagen, +So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut', +Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder, +Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut? +Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten, +So feuchte Mauern Euch gefangen halten?" + +"Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden, +Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth; +Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern, +Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht; +Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten, +Als guter Geist zu seinen Häupten walten!" + +"Glaubt einem Freunde -- jener Mann ist zu beneiden, +Dem Euer Herze nur ein wenig hold; +Er findet seinen Himmel schon auf Erden, +Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold. +Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen, +Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?" + +Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad +Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand +In seine Rechte, die sie jedoch zitternd +Im nächsten Augenblicke ihm entwand. +'s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen, +Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen. + +In ihrem Herzen freilich rief's in hellem Jubel: +"Er liebt mich!" und der frische, rothe Mund +Möcht' freudig es in alle Lüfte jauchzen, +Es künden laut dem ganzen Erdenrund, +Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder: +"Er liebt Dich und Du Sel'ge liebst ihn wieder!" + +Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren; +Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh, +Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert', +Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee, +Als Elsbeth dachte, was der Vater sage, +Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. -- + +Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen, +Vereinigt mit den Schwestern im Gebet +In stiller Klause, von der Welt geschieden, +Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht; +Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden +Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden. + +Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet, +Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum; +In wenig Wochen war das Kräutlein Minne +Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum. +Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen, +Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen. + +Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage, +Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß. +War dessen Quelle die Entsagung, oder +Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß? +Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden, +Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? -- + +In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe. +Des Mondes Licht, es flutete um sie; +In blauer Dämmerferne lag, wie Silber, +Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie, +Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen, +Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen. + +Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried, +Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor. +Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern +Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor. +Doch, eh' sich Thor und Brücke mochten zeigen, +Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen. + +Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise +Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand +Und blickte spähend in der Holden Antlitz, +Ob da die Antwort nicht zu lesen stand. +Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen, +Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen. + +"Ihr zaudert, Elsbeth?" klang es weich von seinen Lippen, +"Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual! +Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen, +Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl. +Doch, daß wir Beide dieses Tages denken, +Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!" + +Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein +Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun +Auf einen ihrer schlanken Finger streifte, +Die warm und weich in seiner Linken ruhn; +Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten +Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten. + +Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen, +Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht', +Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein, +Und hatte dran das Schaustück losgemacht. +Es war ein Münzlein, gülden und gar selten, +Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten. + +"Soll ich das Ringlein werth behalten," sprach sie flüsternd, +"So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück +Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen; +Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück. +Des Tages aber will ich bas gedenken +Und billig meine Frage Euch nun schenken!" + +So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker, +Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm +Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen, +Gedenkend der, von welcher es ihm kam. +Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen +Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. -- -- + +Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert, +Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt', +Daß Hansli halb todt in der Halle liege, +Von seinem Flugversuch, den er gewagt. +Im Busch der Halde habe sie ihn funden, +Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden. + +Da schien's, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte, +So rasch ging es des Schlosses Brücke zu; +Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen +Und war die Herrin dann bei Hans im Nu. +Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen, +Daß Hansli damit umging mal zu fliegen. + +Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager +Und ordnete, was für das Knechtlein gut; +Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen. +Die Herrin spendete ihm also Muth +Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer, +Eh', selber müd, sie suchte ihre Kammer. -- + +Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder +Und lauschte dabei auf der Magd Bericht: +Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen, +Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht +Und er als Flügel nutzen wollt' beim Fliegen, +Um Vesperzeit den Bergfried hätt' erstiegen. + +"Das Fliegen wär' gelungen," sprach Mechtildis weinend, +Wenn er gewartet bis der Vogel Specht +Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche +Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht. +Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen, +Kopfüber, grad hinunter in die Tannen. + +Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen, +Daß es erbarmen konnte einen Stein; +Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen, +Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. -- +Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden, +Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden. + + +Fünftes Kapitel. + +Novembermonat hat die Herrschaft übernommen; +In weiße Decken hüllt er Berg und Thal, +Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume, +Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl. +Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere +Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere. + +Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen, +Herunter dort aus den Wachholderstrauch, +Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget, +Regiert der Winter auch mit strengem Brauch; +Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren +Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren. + +Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise +Und wundert sich, vom Schneemann überrascht, +Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben, +An dem es gestern noch so frei genascht. +Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen +Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen. + +Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben, +Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum, +Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen, +Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum; +Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben, +Deß' zarte Keime es gar köstlich laben. + +Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren +Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt; +Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle, +Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt, +Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten -- +Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten. + +In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause. +Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt, +Nun zieht's ihn bergwärts zum versteckten Baue, +Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt, +Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen, +Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen. + +Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch' und Rehe, +Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück; +Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte +Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück. +An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern +Und fern im Osten fängt es an zu dämmern. + +Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe, +Als trennte nur die Breite einer Hand; +Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten, +In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand. +Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen +Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen. + +Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne, +Als goldner Ball beginnend ihren Lauf; +Die wen'gen Strahlen, so sie heut' begleiten, +Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf, +Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte, +Indeß' sie selbst noch tief am Horizonte. + +Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder; +Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt, +Der Wolken zart Geweb' wird mälig dichter, +So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt. +Schon ist auch von der Sonn' nichts mehr zu sehen, +Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen. + +Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber +Ein hell Halali! durch die Morgenluft, +Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte, +Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft; +Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen +Und "Waidmanns Heil!" hört man vom Bergfried johlen. -- + +Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse, +Begleitet von des Schlosses Jägertroß, +In's nahe Matzenthal hinüber ritten, +Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß. +Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute +Der dicke Kunz der Rüden laute Meute. + +Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn +Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd, +Vereinigt wollten sie am Tage pirschen +Und dann probiren, wie der "Neu" behagt, +Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen, +Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen. + +Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens. +Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch, +Im Walde einen "Hirzen" zu bestät'gen; +Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch, +So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten, +Sie möchten sich für heut' auf's Jagen richten. + +Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen, +Soll man sich treffen, war es abgemacht. +Nun sind die Gäste angelangt und harren +Bei einem Feuer, das sie flink entfacht, +Des Freundes, während Udo's Jägersegen +Ihm schon von weitem hallte froh entgegen. + +Und nun -- ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich's kaum glauben, +Als auch er Adelgunden da erblickt', +Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen, +Erröthend ihm und fast vertraulich nickt' +Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen +Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen. + +Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung, +Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg, +Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte, +Da Jochens "Hirz" im dichtesten Geheg +Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen, +Wo er sich niederthat nach jedem Aesen. + +Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen +Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand, +Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen, +Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand; +Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen +Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen. + +Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke +Dich tief in's Nestlein unterm lockern Schnee! +Mit Windeseile nahen sich die Feinde, +Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh; +Gilt's auch dem "Achtzehnender" heut', dem Stolzen, +Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen! + +Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen, +Der Hirsch voran in unentwegtem Muth; +Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda! +Wo eben noch die Stille selbst geruht. +Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen, +Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen. + +In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben, +Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht' fliehn, +Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde, +Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin. +Was treibt die Maid solch' kühnen Ritt zu wagen, +Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen? + +Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte +Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund, +Den Pfaden folgen, die zur Seele führen, +Dem würde darauf jetzt die Antwort kund +Und damit auch die große Kunst gelungen, +Von der bis heute manches Lied erklungen. -- + +Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen, +Daß Adelgundens Kleid im Winde weht; +Dem Junker mangelt Will' und Weil' zum Sprechen, +Doch dafür denkt er an Elisabeth, +Und wie auch jene immer mag beginnen, +Er muß sich jedes Mal auf's Wort besinnen. + +So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen, +Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee; +Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben +Und fühlt' im Herzen nun ein seltsam Weh. +Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen, +Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen. + +Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten, +So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt; +Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken, +Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt. +Die Rosse wissen's, die den Boden stampfen +Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen. + +Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige +Und schütteln von sich ab die weiße Last; +Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze, +Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast. +"Faß' Greif! Faß' Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!" +Gellt's hallend durch des Waldes weit Reviere. + +Jetzt ras't das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen, +Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht: +Das mächtige Geweihe tief im Nacken, +Saust er durch's Holz, daß Zweig und Astwerk bricht. +Kein Ruhen giebt's; bergauf, bergab geht's weiter, +Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter. + + * * * + +Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen, +Da immer ferner hin sich zog die Jagd, +Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet, +Zur Küche eilte, um dort mit der Magd, +Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen, +Was jene rüsten sollt' zum Abendessen. + +Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild, +-- Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt +Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel, +Beständig fast in ihrer Nähe weilt' -- +Und forderte die auf, sie zu begleiten +Im Palas ein paar Betten zu bereiten. + +Seit langher stand die Kemenate unbewohnet, +Die dort für werthe Gäste war bereit; +Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet, +Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit, +Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen +Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen. + +Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten, +So in zwei Nischen des Gemachs erbaut, +Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten, +Ob deren jedem schön ein Himmel blaut. +-- An's offne Fenster, um sie durchzulüften, +Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften. + +Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen, +Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück; +Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen, +Schob sie behutsam wiederum zurück. +Bald war gewählt, was passend ihr erschienen +Und zum Beziehn der Betten mußte dienen. + +Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet, +Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau, +Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte, +Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau; +Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen, +Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. -- + +Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte +Zu gleichen Theilen auf die Betten hin; +Mechtildis sollte alles fertig finden, +Wenn Abends sie die mußte überziehn. +Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen, +Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen. + +Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger, +Vom Froste rosig überhaucht zu schaun; +Denn eisig zog es durch die offnen Fenster, +Und den Kamin -- vergaßen sie beim Bau'n, +Lag man nur erst mal zwischen all' den Kissen, +Ließ ja der letztere sich leichtlich missen. + +Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster +Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang +Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille. +Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang; +Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite, +Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute! + +Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren, +Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick +Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend, +Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick; +Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen, +Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen. + +Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte +Die Seele ihr, wie Paradieses Lust, +Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste; +Im Sang entstieg der jugendlichen Brust, +Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden, +Die ihrem Innern herrlich nun beschieden. + +Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen, +Es schimmerte des Frohsinns holder Schein +Um alle, die in ihrer Nähe weilten; +Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein. +Sie fühlte heißer es im Herzen glühen, +Je mehr sich Aug' und Mund zu schweigen mühen. -- + +Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen, +Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz, +Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter +Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts; +Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele +Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle. + +Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet, +Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft; +Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert, +Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft. +Die Seligkeit der Liebe geht verloren, +Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. -- + +In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen, +Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann +Und war zufrieden in dem stillen Wahne, +Es liebe wieder sie der liebe Mann; +Ein Lächeln von ihm und ihn nah' zu wissen, +Genügte ihr und ließ sie Alles missen. + +Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem +Und tief empfundener Glückseligkeit, +Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage, +Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit; +Sie waltete, froh im Gefühl der Minne, +Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne. + +Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein, +Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt; +Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale, +Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt. +Er mußte, Elsbeth's wegen, sich bezwingen, +Ihr kalt erscheinen, nur wollt's nicht gelingen. + +Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume, +Und hoffte daß sie ihm begegnen muß; +Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten, +Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß, +Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe +Und wußt' ein trautes Wort er für die Gute. + +Bald war's ein stetes Meiden und sich wieder suchen, +Es wußten Beide nicht, wie es geschehn, +Daß sie, die eben in der Halle schieden, +Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn; +Doch hörte Keines man mit Worten sagen, +Was ihre Blicke zu bekennen wagen. + +Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen +Dazwischen öfters um den Siegespreis, +Von Tag zu Tage aber ward er müder +Und gönnte jenem, daß es siegte, leis'. +Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen, +Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen. + +Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte, +Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr; +Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten +Und wie nur Segen blühte um sie her. +Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen, +Dem zu entfliehn ihm mangelt' das Verlangen. + +Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder, +Er jeden Morgen ihr "Grüß Gott!" vernahm, +Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen, +War's sicher, daß den Weg er dorthin nahm, +Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine +Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine. + +In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele +Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt'; +Die holde Blume mit dem keuschen Herzen, +In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt. +Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören, +Er will nur ihr auf immer angehören! + +Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen, +Ihr auszuschütten sein gequältes Herz +Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte; +Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz, +In dem er seine Ruh' geborgen glaubte, +Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte. + +Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben +Die schicklichste Gelegenheit herbei, +Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete, +Denn er fand in des Vogtes Bücherei +Ein Bündlein Schriften, "Parzifal" geheißen, +Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen. + +Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen, +Wenn es im Lauf des Tages mal gelang', +Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung +Von ihren vielen Pflichten sich errang. +Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen, +Der Lieblichen die Minne zu gestehen. + +Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad +Ans Lesen jener alten Sage gehn, +Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute, +Vermochte er an ihrem Blick zu sehn, +Da -- lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen, +Und mußte seinen Plan er drum vertagen. -- + +Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster +Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang. +Sie konnte heut' nicht singen, war nicht fröhlich, +Auf ihrer Seele lastete es bang, +Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert; +Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert. + +Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel, +Zermarterte indessen ihr Gehirn +Zu rathen, was der lieben Herrin fehle; +Verlegen rieb sie aber bald die Stirn' +Und war schon dran sich heimlich auszuschelten, +Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten. + +Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte: +"Sag' Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?" +Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel, +So daß Mechtildis schier entfiel der Muth, +Die längst gewohnte Antwort zu erneuern +Und Hansli's Liebe zu ihr zu betheuern. + +"Das will ich bas vermeinen!" sprach sie, glutroth werdend, +"Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück, +Und sollt' ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden, +Wenn ich mir sage, wie manch' schönes Stück +Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet, +Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet! + +"Bald ist's ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder +Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut' +In meinen Zöpfen eingeflochten sehet; +Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut. +Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne +Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!" + +"Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend +Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal, +Schier wie ein feurig Rad flog sie durch's Dunkel, +Gehörte Hansli, und er rief drei mal, -- +Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben, +Mit lauter Stimme -- sie sei mir getrieben!" + +"Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen," +-- Nun übergoß die Herrin es mit Glut -- +"Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten, +So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut +Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen, +Gilt's Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!" + +"Das weiß ich!" fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede, +"Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so. +Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen, +Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; -- +Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen, +Mag man's nun hehlen, oder offen zeigen!" + +"Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft, +Die jeder Zeit der Treue sich befliß +Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden, +Ist sicher Hansli's Treue Dir gewiß! +Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange, +Daß er nach einer anderen verlange?" + +"Nein, Herrin!" rief da Mechtild, "wär' dies Liebe, +Die erst der Treue sich versehen muß? +Ist Einer einer zugethan von Herzen, +So sieht sie's schon am ersten Blick, am Gruß, +Oh er's auch ehrlich mit der Treue meine, +Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!" + +"Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen, +Da hat der liebe Gott es so gefügt, +Und darum wohl zu bangen unvonnöthen, +Daß etwan eines sich im andern trügt. +Doch käm' es so, wie Ihr halb prophezeiet, +So wüßt' ich Eine -- die selbst dies verzeihet!" + +Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen, +Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein's Kinn, +Und küßte ihr die Wange mit den Worten: +"Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn, +Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben; +Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!" -- + +So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein. +Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang +Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild, +Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang +Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe +Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe. + +Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange, +Zum Hofe ging's auf flinken Füßen fort; +Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen, +Das früh' schon herkam aus dem nächsten Ort, +Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger, +Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger. + +Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien +Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor, +Wie sie sich mild an seine Mutter wandte, +Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr +Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen, +Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen. + +Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher +Und löste langsam und mit leichter Hand +Dem Zagen, unter kosendem Geplauder, +Vom hochgeschwollnen Finger den Verband; +Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt, +Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt'. + +"Da sitzt der Wurm im Finger," sprach sie drauf bedächtig, +"Und darum sind die Schmerzen auch so groß. +Die Heilung zu erreichen, ist's am besten +Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los. +Verweil' Dich also etwas mit dem Kinde, +Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde." + +Doch eh' sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle +Und schnitt vom Brod, das für's Gesind dort war, +In aller Eile ein paar große Stücke; +Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar +Um, während Kind und Mutter daran kauen, +Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen. + +Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen, +Das letztre zum Gebrauche fein gezupft. +Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein, +Deß' Finger mit dem Sälblein sie betupft'; +Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde +Ein leises "Heilo, Segen!" auf die Wunde. + +Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden +Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt, +Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien, +Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt. +Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen, +Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. -- + +Sie selber aber ging zu Frida in die Küche +Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit, +Das Essen für die Gäste fertig werde, +Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit. +Es war auch noch der Würzwein zu bereiten, +Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten. + +Dann eilte wieder sie in's Palas. Hier, im Saale, +Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt, +Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte +Nur erst den großen Eichentisch gedeckt. +Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien, +Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen. + +Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging +Und Hansli mit der neuen Meldung naht', +Daß sich ein Spielmann eingefunden habe, +Der für die Nacht um warmes Obdach bat; +So man es wünsche, wolle gern er singen, +Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen. + +"Gewähr' ihm Herberg, Hansli," -- war der Herrin Antwort, +"Und von dem Heurigen 'nen vollen Krug; +Doch ja nicht mehr!" ergänzte sie mit Lachen, +"Denn Spielleut' haben immer guten Zug. +Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben, +Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!" + +Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder +Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank +Der Spielmann saß und des Bescheides harrte, +Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank +Dem Knechte folgte in die warme Halle, +Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle. + +"Das fahrende Gesindlein riecht's wohl schon von Weitem +Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth; +Gleich läßt es links die breite Straßen liegen, +Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht. +Am liebsten, glaub' ich, haben sie die Gassen, +Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!" + +""Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben, +Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild! +Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!"" +Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild. +""Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben, +Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben."" + +"Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen, +Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein, +Mit denen unsre Herzen sie gewinnen +Und haben immer neue Melodei'n; +Des Letzten Sang summt mir noch heut' in Ohren, +Doch hab' die Worte dazu ich verloren!" + +Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten +Sich Beide ob des Anblicks, den er bot; +Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel +Mit Blumenmalerei in Blau und Roth, +Indessen Elsbeth sich der Gläser freute, +Die für die Gäste sie erwählte heute. -- + +Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände +Und achtet weder Mühe noch Beschwer, +Des Mannes Heim behaglich zu gestalten +Und still zu wirken für des Hauses Ehr'; +Was wir im Einzelnen als unnütz hassen, +Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. -- + +Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller; +Auch glättete gar sorglich ihre Hand +Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige +Und ebenmäßig hing der rothe Rand; +Derweilen Mechtildis die Stühle stellte, +Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte. + +Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule, +Denn Benno gab nur selten einmal frei, +Und -- während Mechtildis noch heizen sollte, +Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei -- +Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte, +Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte. + + * * * + +Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder, +Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal; +Im Schlosse war das Tagewerk vollendet, +Man wartete der Gäste nun zum Mahl; +Leis' nur, im Frau'ngemach beim Lichtspahnglimmen, +Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen. + +Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle +Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind' +Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte +Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind; +Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte, +Nur, daß den größten Krug er jenem holte. + +Schanzunen, Leiche, Schwänk' und neue Trutzgesätzlein +Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund; +Es würd' die Kehle doch zu schnelle trocken, +Säh man in einem fort des Kruges Grund. +Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen, +Wär' nicht der Wein, der es hervorgezwungen. + +Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals +Die Weise "von der Minne süßem Born," +Als er im Singen unterbrochen wurde +Vom lauten Halali aus Jochens Horn; +Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke +Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. -- + +Ein paar Minuten später war der weite Zwinger +Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt, +Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen, +Zu dem die Meute die Begleitung bellt'; +Derweil die Hörigen die Beute brachten, +So heut' der Vogt und seine Gäste machten. + +Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke, +Für Alt und Jung beliebte Augenweid', +Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen +Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid. +Der Achtzehnender freilich war entkommen, +Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen. + +Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen. +Nun lag das schöne Thier dahingestreckt +Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen +Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt +Vom nahgekommenen Geläut der Meute, +Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute. + +Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste, +Von Hansli angeführt, der leuchten muß, +Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth +Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß. +Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder, +Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder. + +Als einz'gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare +Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband, +Das zu den goldnen Locken auf der Stirne +Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand. +Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken +Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken. + +Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte +Die Tochter heute festlich sich geschmückt; +Auf ihren Zügen aber lag's wie Trauer +Und ihre Seele fühlte sich bedrückt, +Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle, +Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle. + +Da näherten sich Schritte; man hört' lachen, sprechen +Im Gange draußen, so zum Saale führt. +"Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?" +Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt; +Denn solchen Gastes dacht' sie nicht beim Decken, +Mocht' auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken. + +Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen, +Gelassen grüßend, während jene lacht', +Daß, obwohl unerwartet hergekommen, +Sie doch um Herberg bitte für die Nacht; +Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte, +Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte. + +Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen +Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand, +Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen +Blitzschnell den Weg in seine Augen fand. +Ihm war die frohe Laune wieder kommen, +Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen. + +Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale +Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein; +Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln +und duftete gar fein nach Nägelein, +Die sie zum Trunk als gute Würze mischte, +So daß die Müden er von Grund erfrischte. + +Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger, +So ihnen der entkomm'ne Hirsch gemacht. +Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser +Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht, +Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen, +Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen. + +Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten, +Belegte sie dann für den schönen Gast +Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten, +Mit Glas und Teller, wie's dem Fräulein paßt; +Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen, +Daß für die Gäste schon sie aufgetragen. + +Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände, +Eh' sie die Gäste hin zum Tische bat, +Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte, +Den rings umkränzte köstlicher Salat. +Nun ließen diese sich nicht lange bitten, +Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten. + +Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen, +Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt'. +Den letzten Wegtrost sollt' er diesem spenden +Zu jener Reise, von der Niemand kehrt. +Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen, +Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen. + +Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich's läßt schmecken, +Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn; +Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen, +Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun; +Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen +Und blieb der Heurige nicht unvergessen. + +Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte +Als Sauser über Alt und Jung Gewalt; +Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge, +Froh prüfend seinen geistigen Gehalt. +Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben, +Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben. + +Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein +Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit. +Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden, +Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit, +Die sie den werthen Gästen heute wagen, +In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen. + +Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen, +Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß, +Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken +Und rastlos wirken zu des Hauses Preis. +Ein "Heilo ihnen!" scholl aus aller Munde, +Derweil die Gläser klangen in der Runde; + +Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann, +Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt, +Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker, +Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt +Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen, +Den Dank für's schöne Sprüchlein zu empfangen. + +Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten, +Und nun verschwand schnell die Befangenheit, +So sie, als Adelgunde kam, beschlichen, +Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit; +Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen, +Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen. + +Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein +Dem grünen Wald und wackerem Gejaid, +Daß froh die Herren nach dem Glase griffen, +Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid; +Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen, +Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen. + +Er und der alte Wasserstelz, sie überboten +Einander oft in spaßigem Latein, +Drin' wohl bewandert Sankt Huberti Jünger; +Wir andern fabeln lange nicht so -- fein. +Bald wurde manches Stücklein aufgetischet +Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. -- + +Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen, +Wie dies bei jungen Herren immer geht, +Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen +Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht; +Nur ab und zu sah man sie einmal nippen, +Zu netzen sich die blühend rothen Lippen. + +In üppig-voller Reife prangte Adelgunde +Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt; +Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen, +In schöner Rundung wölbte sich die Brust, +Die Sammetwangen sah man rosig blühen, +Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen. + +Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet, +Glich einer Blume, der im Kelch der Thau +Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern +Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau. +Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen +Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. -- + +Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, -- +Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, -- +Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen +Und hielt im Athem sie in Einem fort. +Ging auch die Rede oft an Adelgunden, +Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden. + +Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten; +Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb, +Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen, +Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb; +Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten, +Ihr war's, als ob die Blicke sich umflorten. + +Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören, +Als solches Lob; das hätt' sie ihm geschenkt, +Der ihr heut' selten mal ein Wörtlein gönnte, +Auf was sie immer auch die Rede lenkt'. +Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen, +Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen? + +Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte, +Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach, +So rückte Adelgunde zu den Herren; +Doch hielt sie dabei Aug' und Ohren wach, +Um Elsbeth und den Junker zu belauschen, +Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. -- + +Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung, +Nach deren Formel zweimal jedes Jahr +Geurtelt ward von Rheinheims "Kellerrichter;" +"Es lauten diese freilich ganz und gar +Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern +Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern." + +"Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen +Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht, +Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme +Ein längstveraltetes Gesetz verleiht; +Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen, +Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen." + +"Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche, +Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß +Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen, +Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß, +Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte +Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte." + +"Nur ist's nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren," +Erzählte fort der Vogt und strich den Bart, +"Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen, +Der Scherz und Ernst eng miteinander paart: +So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten -- +Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten." + +"Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet +Begegnet jüngst auf seinem Weg durch's Thal +Am Wege etlich meisterlosen Buben, +'s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl. +""Giebt's nichts zu handeln?"" ist des Juden Frage, +Derweil er zu den Chnaben trat am Hage." + +""'s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt, +Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!..."" +""Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden, +Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?"" +"So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben, +Die schon den Juden in der Mitte haben." + +""Hätt' er 'nen Stuhl gehabt, wär' er gesessen!"""lautet +Die schlaue Antwort aus des Juden Mund. +Die Buben aber, keinen Spaß verstehend, +Sie streichen dafür ihm den Rücken wund; +Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen, +Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen." + +"Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten +Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab; +Die Buben werden dringlicher im Fragen, +Es regnet Schläge hageldicht herab. +Der Jude aber läßt sich nicht erweichen, +Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen." + +"Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt' sich's, +Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher. +Wie den die Buben sehen, geht's an's Laufen +Und ist natürlich nun die Straße leer, +Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen +Dem Vogte zeigte die erhalt'nen Beulen." + +"Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten, +Begleitet er ihn endlich hier herauf. +Daß ich die Argen strenge büßen möge, +Erzählte selbst der Jud' mir den Verlauf +Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken +Ihn hindere, geziemend sich zu bücken." -- + +"Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen, +Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein! +Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste, +Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!..." +Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig +Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig. + +Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte, +Fuhr desto frischer er zu reden fort: +"Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe, +Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort, +Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen, +Von wem und wie die Unbill ihm geschehen." + +"Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten +Und spricht: ""Gesehen hab ich nichts; ich fand, +Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen, +Den Juden ganz allein am Wegesrand. +Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen, +Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!"" + +"Jetzt heult der Jud' erst recht und lamentirt so gräulich, +Daß es noch heut' in meinen Ohren gellt; +In seinem Aerger schalt er derb den Bauern, +Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt, +Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen, +Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen." + +"Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte +Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam." +-- Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild +'ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm +Und artig sie dem Fräulein präsentirte, +Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. -- + +"Natürlich ist's nun aus; ich heiße Beide schweigen +Und sag' dem Juden, daß er Jemand nennt, +Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet, +Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt; +Da er's nicht konnte, wies ich ihm die Thüre +Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe." + +"Zufrieden seh' ich, wie sie miteinander gehen; +Da, -- sie sind kaum noch recht vor dem Gemach, +War's uns, als ob wir kräftig klatschen hörten, +Begleitet von des Juden Weh und Ach! +Und wie ich Else folge, nachzusehen, +Thät der, von neuem heulend, draußen stehen." + +"Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen, +Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab. +Der Jude dauert' uns, ich trat zum Fenster +Und ruf' dem Bauer nach, der, schon im Trab, +Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke, +Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke." + +"Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte, +Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort? +Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte, +Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort: +""Der Jud' soll Zeugen schaffen, die es sahen, +Daß er von mir die Streiche hab' empfahen!"" + +"Schier überrascht, will eben ich's dem Schelm verweisen, +Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht +Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt' er einen +In Kostnitz oben, der spräch' sicher Recht. +Nun war's genug! -- Ich konnt' mich kaum noch halten, +Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!" + +"Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden, +"Wir haben ja hier oben auch ein Loch, +Drin' Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen; +Thut's dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch! +Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen, +Eh' dort die Ratten Euch am Felle nagen!" + +"Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen. +Ich übergab die Streitenden dem Knecht +Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten, +Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. -- +Am nächsten Morgen saßen Beid' in Frieden +Und waren gute Freunde, als sie schieden..." + +Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet, +Aus aller Munde durch den weiten Saal, +Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte +Und, als der nahgekommen, ihm befahl, +Nun wieder munter seines Amts zu pflegen, +Da er noch Durst verspür' nach Rebensegen. + +In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen +Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis, +Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten, +Die er gar launig zu erzählen weiß; +Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren, +Der "Neue" immer mehr und mehr zu Ehren. + +Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde, +Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt, +Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte, +Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt. +Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen +Den fremden Sänger in den Saal zu holen. -- + +Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer +Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht'. +Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren, +Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht; +Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue +Und that, als ob die Einladung ihn freue. + + +Sechstes Kapitel. + +In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen, +Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt +Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend, +Sein Theil zu haben an erlaubter Lust; +Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden, +Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden! + +So manches Tränklein aus des Apothekers Küche, +Blieb unverschrieben ewig deinem Mund, +Verweiltest öfters du bei frohen Menschen +Und lachtest dich mit ihnen recht gesund; +Denn wo in Freude hell die Augen glänzen, +Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen. + +Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest, +Mit denen du dich sonst so gern vergnügt, +Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten, +Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt. +Versäume nie, mit Frohen dich zu einen, +Doch hab' auch Thränen, siehst das Leid du weinen. -- -- + + * * * + +In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute, +Trat, grüßend, bald der Spielmann in's Gemach. -- +"He, Vöglein federleicht! woher des Weges? +Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?..." +Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen, +Doch war der Fremde darob nicht verlegen. + +Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen, +Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach: +"Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen, +Ich fragte auch nie sonderlich darnach. +Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen, +Kann ich auch nicht die Alten benedeien!" + +"So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen, +Von wo ich komm', doch nicht, wohin ich will; +Da könnt' der Wind Euch besser Antwort geben!" +Und nun der Spielmann sah, daß alles still +Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte, +Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. -- + +"Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt' flattern, +Sucht' ich die Atzung auf gar manche Art. +Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel +In seiner Weisheit 's Hungern nicht erspart, +Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste, +Wie es dem armen Piepmatz grade paßte." + +"Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden, +That ich in's Land hinaus den ersten Flug; +Auf schwankem Zweiglein hab' ich oft gesessen, +Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug. +Am Tag ging's lustig fort von Baum zu Baume, +Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume." + +"Beim ersten Morgengraun stieg ich in's Blau der Lüfte, +Es grüßte froh die Sonne mein Gesang. +Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern, +Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang. +Da nahm ein jähes End' das Jubilirens, +Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren." + +"Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten, +Und lud mich da für Winter lang zu Gast. +Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen, +Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt'; +Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen, +So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen." + +"Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben, +Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst; +Ich aber lernte gern und ließ mich meistern, +Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst. +Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre, +Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore." + +"Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten, +Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee, +Die ersten Knospen aus den Stauden brachen, +Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh. +Des Klosters Futter wollt' nicht mehr behagen, +Zwar hatt' ich Ursach' nicht, mich zu beklagen." + +"Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich, +Riß mich dahin; ich konnt' der Wolken Zug +Ob meinen Häupten stundenlang betrachten +Und sie beneiden um den freien Flug, +Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen, +Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen." + +"Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage, +Der heil'ge Joseph ist mein Schutzpatron, +Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen +Und heimlich aus dem Käfig flog davon. +Im Freien konnt' ich nun die Glieder dehnen, +Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen." + +"Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen. +Willkommen! Sag', wo bliebst Du denn so lang? +So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen +Und jubelnd stimmt' ich ein in ihren Sang; +Der Dompfaff sang die Mess' am Morgen frühe, +Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe." + +"In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger, +Die Bächlein murmelten, es blitzt' der See; +Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein, +Aus zartgewebtem, duft'gem Blüthenschnee, +Und lustig Lebens gab's auf allen Zweigen! +Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen." + +Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen +Trug mich der Füße unermüdlich Paar; +Allüberall empfing mich lauter Jubel +Von der Gesellen leicht besohlter Schaar. +Vergessen war das Hungern, war das Frieren, +Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren." + +"Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen, +Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast; +Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager, +Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt; +Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen, +Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen." + +"Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen, +Und ging dies so durch manche Woche hin; +Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden, +Auf das ich lange stolz gewesen bin, +Als ich, es war an einem Sonntag eben, +Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt' erleben." + +"Mit viel Gesellen hatt' auch ich den Zug genommen +Durch's Baierland in's schöne Oesterreich. +Der Atzung gab's genug auf solcher Reise +Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich; +Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen, +Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!" + +"Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein, +Wo man uns Herberg wies im "güldnen Kranz;" +Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen, +Drauf fiedelten die andern einen Tanz, +Und, eh' wir uns recht umsahn, war die Stuben +Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben." + +"Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke, +Die einen wollten Sang, die andern Tanz; +Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe, +Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, -- +Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise, +Ihm doch zu singen eine schöne Weise." + +"Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen +Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang; +Vom Herzen lösten sich die Melodeien, +Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang, +Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen; +Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen." + +"Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber +Und änderte die Weise und das Lied; +In süßen Tönen fing ich an zu locken, +Wie es die Vöglein draußen thun im Ried, +Den Blick konnt' ich dabei nicht von ihr wenden, +Da ihre dunklen Augen schier mich blenden." + +"Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende, +War auch der Zähren letzte Spur davon; +Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen, +Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn. +Des Mägdleins Beifall wollt' ich mir erringen +Und hätt' ich müssen Tag und Nacht durch singen." + +"Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen; +Gar wenig scheerte mich der andern Lob. +Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben, +So oft den schönen Blick sie zu mir hob, +Und ehe noch mein letztes Lied verklungen, +Hatt' ich mich tief der Maid in's Herz gesungen." + +"Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten +Und sich die andern drehn in frohem Muth, +Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend, +Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth; +Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne, +Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne." + +"Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze, +Die Feine wiegte sich in meinem Arm; +Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen, +Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm. +Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen, +Errathen hab' ich's, ohne viel zu fragen!" + +"Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen, +Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus. +Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme, +Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus; +Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken +Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!" + +"Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen! +Als spät und doch zu früh das Scheiden kam, +Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen +Und war in Thränen, da sie Abschied nahm; +Dann huschte sie in's Haus, durch einen Garten. +Ich wußt' nicht, sollt' ich gehen oder warten." + +"Doch ging es eine Weile, eh' ich mich konnt' trennen +Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück. +Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen, +Und langsam suchte ich den Weg zurück, +Verfehlte aber bald die rechte Gasse; +Denn es war dunkel, wie in einem Fasse." + +"Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden, +So mich zurück zur Herberg führen thät, +Schritt ich die Häuserreihen still vorüber, +Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät; +War aber in dem Dunkel nichts zu wollen! +Nur ferne Blitze und des Donners Rollen." + +"Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen, +Da brach das Wetter los mit aller Macht; +Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen, +So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht, +Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken, +Ein Heil'genbild in einer Nischen winken." + +"In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen, +War doch die Nische selbst noch unter Dach; +Gelassen sucht' ich ein behaglich Plätzchen +Und sann zufrieden meinem Glücke nach, +Derweil die Blitze grell den Himmel sengten +Und schwere Wolken überm Städtlein drängten." + +"Bald träumte ich gar süß von einem sel'gen Leben, +Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein. +Mein fahrend Dasein hatt' ich aufgegeben, +Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein; +In welchem thät als Hausfrau lieblich walten, +Das Mägdlein, so ich heut' im Arm gehalten." + +"Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser, +Die Fenster klirrten, da und dort ward's hell, +Auch eine Wetterglocke hört' ich läuten; +Die Donnerschläge folgten sich gar schnell. +Mich aber kümmerte kein Blitzezucken, +Durft' unter gutem Schirme mich ja ducken!" + +"Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen. +Herunter auf des Städtleins Giebelreihn, +Von unheimlichem Knattern arg begleitet; +Draus lohte hoch ein rother Feuerschein, +Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet, +Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!" + +"Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen, +Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn; +Die einen schleppten Leitern, andre Eimer, +Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn, +Indeß am Himmel eine Feuergarbe +Auf Meilen leuchtete in rother Farbe." + +"Jetzt lockt' auch mich der Böse aus dem sichern Winkel! +Ich ließ den guten Heiligen im Stich +Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger, +Zur Löscharbeit fast außer Athem mich; +War freilich unnütz, daß ich also rannte, +Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!" -- + +""Thu' einen Schluck, Gesell, und dann bericht' uns weiter,"" +Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz. +Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten, +Und leerte ihn, mit einem "Gott vergelts!" +Zum Staunen Aller fast in einem Zuge, +Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge. + +"Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend, +Fuhr drauf er fort: "So flog ich denn dahin, +Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen, +Daß fast der Erste ich beim Feuer bin. +Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen, +Die Flamme leckte schon an allen Wänden." + +Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren, +Packt meinen Nacken eine grobe Faust +Und hör' ich schreien: "Heda, greift den Strolchen!" +Indeß ein Schlag auf mich herunter saust, +Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte, +Daß mir das Feuer aus den Augen leckte." + +"Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!" hörte +Ich rufen, dann ging mir der Athem aus; +Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung, +Die erst mir wieder ward im Büttelhaus. +Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben, +Wie's schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!" + +"Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter, +Der flissentlichen Brandstiftung verklagt; +Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen, +Ward ihm vom Herbergsvater eh' gesagt. +Dir winkt das Dreibein, dacht' ich, bist verloren, +Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!" + +"Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter +Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam. +Daß ich im Dunkel abends mich verirrte, +Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm, +Und auch der Heil'ge mich beschirmet hätte, +Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte." + +"Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause +Mocht' nicht ich sprechen, sonst war alles wahr. +Der Richter jedoch nannt' es eitel Lügen, +Von weitem schon jedweder Wahrheit bar; +Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen, +Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen." + +"So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen, +Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib, +Des fremden Vogels Federlein zu rupfen +Und ihn zu rösten bei lebend'gem Leib. +Mit Zittern trat ich in die Marterkammer, +Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer." + +"Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen. +Die Teufel steigerten mir Grad für Grad +Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben! +Und grinsten höhnisch: "Bist noch gut für's Rad!" +Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen, +Daß zischend tief in's Fleisch die Eisen griffen." + +"Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten, +Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort, +Als was dem Richter gleich schon ich bekannte, +Und was ich wiederholte fort und fort: +Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen, +Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen." + +"Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers, +Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand, +Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen, +Würd' etwas lockern ich der Zungen Band +Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen +Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen." + +"Doch lieber hätt' ich mir die Zunge abgebissen, +Eh' ich die Holde meinethalb verrieth. +Ich schwieg also und ließ mich weiter martern, +Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht. +Bist hin! dacht' ich, und hast nur zu errathen, +Ob sie dich hängen werden oder braten!" + +"Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse, +Da hielten sie mit Foltern endlich ein +Und gaben etwas Ruh' dem armen Körper, +Sich zu erholen von der schweren Pein; +Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte, +Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte." + +"Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche +Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin, +Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend: +Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin, +Das mir mein traurig Dasein aufgebunden +So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!" + +"Doch während solchem Harren heilten meine Wunden; +Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm; +Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen, +Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm. +In trautem Plaudern kos'ten wir zusammen, +Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!" + +"Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer +Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum, +Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos'te. +Entsetzen packte mich im Kerkerraum; +Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände +Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende." + +"Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden, +Verglichen mit der Folter argem Schmerz, +In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette, +Die Kraft versuchend an dem harten Erz; +Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen, +Als daß ich, wach nun, davon konnt' genesen." + +"So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens +Erschlossen ward die Thüre und parat +Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen, +Die mich begleiten mußten vor den Rath. +Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen. +Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen." + +"Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln +Und sahen finster blickend auf mich her; +Der Wasenmeister mußte rückwärts treten, +Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer. +Dann fing man zu verklagen an, zu fragen; +Ich mußte ihnen nochmals alles sagen." + +"Geduldig gab ich Red' und Antwort ihren Fragen, +Erzählte alles wahr und unverwandt; +Die Herren aber machten strenge Mienen, +Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt. +Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen +Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!" + +"Nun flogen Red' und Widerrede hin und wieder, +Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr; +Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig, +Da trat ein altes Männlein langsam vor. +Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig, +Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig." + +"Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen, +Die tief versenkt im faltigen Gesicht; +Dann wandte er sich zu den Rathscollegen, +Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht. +Ich aber konnt' den Blick nicht von ihm trennen, +Mir war, als sollt' ich diese Augen kennen." + +""Wollt nicht aburteln,"" kam es aus des Männleins Munde, +""Eh' Ihr zuvor auch mich gela'n. +In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster +Des Wetters Toben lange Zeit mit an; +Die Erde zitterte in ihren Gründen +Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden."" + +""Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten +Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht. +Ich fordre also Namens seiner Zeugen, +Ihm zu beweisen, eh' den Stab man bricht, +Daß er es war, wie uns die Klage kündet, +Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet."" + +""Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen; +Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch, +Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen, +Es komme Unheil uns durch solchen Gauch. +Drum fordre Zeugen ich zum andern Male, +Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!"" + +""So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen, +So weit noch Christenglocke tönt im Reich, +So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen, +So weit wir alle vor dem Herre gleich, +So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen, +Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen."" + +""Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen, +So ist's, nach altem Brauche, Richters Pflicht, +Beweise von dem Kläger einzufordern, +Eh' man ein Urtel dem Verklagten spricht -- +Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen: +Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!"" + +""Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem +Die Männer wir besiebnet, daß man hört, +Was jene wissen und ob jeder willig, +Die Aussage mit seinem Eid beschwört; +Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen +Und -- trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!"" + +"Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne; +Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer. +Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder, +Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr +Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten, +Im Rathe unverkürzt willfahren wollten." + +"Doch mocht' des Alten Wort im Rathe Geltung haben; +Es dauerte nicht lange, ward erklärt +Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte, +Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt, +Und seien jene eidlich zu verhören; +Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören." + +"Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß; +Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor. +Es waren vier', die in die Schranken traten, +Doch ihre Namen ich schon lang verlor; +Nur Einen kannt' ich an den Fäusten wieder, +Die mich beim Brande damals schlugen nieder." + +"Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte +Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund +Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben; +Gott sehe jedem Herzen auf den Grund +Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten +Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!" + +"So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht's nicht besser, +Der auf der Kanzel seine Predigt thut. +Mir war dabei, als spräch' aus seinen Worten +Es oft wie Mitleid für mein junges Blut, +Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke, +Fühlt' ich's wie Trost in meinem Mißgeschicke." + +"Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber +Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort. +Gar kurz erzählte der, wie er getroffen, +Der ersten einen, mich am Unglücksort, +Und wie er mich als Fremden gleich erkannte, +Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte." + +"Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette +Und hob die Hand beschwörend hoch empor, +Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend, +Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor, +Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte, +Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte." + +"Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen; +Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still. +Vergeblich, dacht' ich, ist des Einen Kämpfen, +Wenn um ihn jeder sein Verderben will. +Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen, +Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!" + +"Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd' Gesindel +Zu Allem fähig, habe der Verdacht, +Ich sei der Thäter, Jedermann befallen, +Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht. +Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen -- +Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen." + +"Die andern drei bestätigten des ersten Rede, +Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur. +Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe; +Ich glaub' die Augen zeigten Wassers Spur. +In allen Gliedern fühlt' ich frisches Leben, +Hätt' schier den Männern einen Kuß gegeben!" + +"Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen! +Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind. +Sein blödes Aug' die Pfade nie erschauet, +So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind! +Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen, +Daß ich am liebsten in den Tod gegangen." + +"Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte, +Der wieder goldne Lebenshoffnung gab, +Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen; +Ich hob mich kühnlich über's offne Grab. +Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen, +Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!" + +"Doch, eh's zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden, +Denn als die Viere ihren Spruch gethan, +Ward lange hin und her im Rath verhandelt, -- +Ob sie den Vogel dürften fliegen la'n. +Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig, +Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig." + +"Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher +Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn, +Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten +Für solchen Strolches Unterhalt entstehn; +Nur sollten vorher sie mich schwören lassen, +Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen." + +"Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden, +Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund +Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen +Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund', +So sollte man auch hier nach Recht verfahren, +Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!" + +"Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille; +Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob +Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale. +Wie Nebel war's, was meinen Blick umwob, +Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten, +Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten." + +"Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen, +Hielt aufrecht mich indessen drauß' im Flur, +Und immer stärker kam mir der Gedanke: +Sie werden los mich geben mit dem Schwur, +Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden; +Was ich geschworen hätt' mit tausend Eiden." + +"Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten +Noch manchen Puff, weil's nicht zum Galgen ging, +An den sie mich so gern gehangen hätten; +Doch achtete ich solches nur gering; +Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern, +Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern." + +"Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen; +Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal +Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden; +Es schuf die Ungeduld mir harte Qual. +Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile, +Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!" + +"Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen, +Ein Büttel rief den Wasenmeister an, +Mich wiederum dem Rathe vorzuführen; +Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran. +Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken, +Trat leichtern Sinn's ich dies Mal vor die Schranken." + +"Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber, +Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht +Und feierlichem Ton begann zu lesen; +Doch was er las, verstand ich leider nicht, +Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen +Sei Deliquent das Urtel zu verkünden." + +""Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte +Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht, +Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen, +Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, -- +Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben, +Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben."" + +"Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel; +Man forderte dafür noch meinen Dank, +Weil mich der Rath so gnädig angesehen, +Daß morgen schon ich würde frei und frank. +Mein leiser Fluch mocht' ihnen dafür gelten, +Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten." + +"Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden, +Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht, +Die mich von der ersehnten Freiheit trennte; +In wildem Fieber hab' ich sie durchwacht, +Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe, +Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte." -- + +"Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen; +Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint. +Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden, +Ob man sich auch von Gott verlassen meint. +So sprech' ich jetzo, alt und viel erfahren; +Doch damals war ich -- noch zu jung an Jahren!" -- + +"Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten, +Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr, +Und mir der Freimann guten Morgen wünschte +Inmitten seiner groben Knechte Chor; +Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen +Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen." + +"Gar stolz hob ich den Kopf, als ob's zum Tanze ginge, +Als folgt' der Freimann mir, nicht ich, am Strick; +Doch schlug mir's Herz, es möchte aus der Menge +Am End' mich treffen jenes Mägdleins Blick, +Um das ich manchen Tag so schwer gelitten -- +Ging's nur, ich wäre schneller ausgeschritten." + +"Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte +Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth +Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend, +Denn mein Gewissen war ja rein und gut; +Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten, +War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten." + +"Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann +Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt', +Da zuckt' ich kaum, so daß der Henker wüthend +Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt' +Und fluchend seinen Knechten aufgetragen: +Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!" + +"Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen, +Denn kaum war ich der Fesseln los und frei, +Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten +Und mir die Menge folgte mit Geschrei. +Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen, +Gezeichnet kreuz und quer mit blut'gen Schrammen." + +"Auf flinken Füßen ging's die schmalen Gassen nieder, +Die Knechte hinter mir in wilder Jagd, +Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein, +Wo Abschied nahm von mir die holde Magd. +Ein Fenster war verhängt und drauß' der Blumengarten, +Stand welk, als müßte er auf Pflege warten." + +"Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber, +Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu. +Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden, +Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. -- +Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden, +Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!" + +"Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften, +Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! -- +Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen +Und zog dahin im hellen Sonnenschein, +Bis endlich ich den grünen Wald erreichte +Und müd' in's Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!" + +""Letz' Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!"" +Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in's Wort, +""So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle, +Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort; +Manch einer hätt' das Mägdlein angegeben, +Eh' halb so viele Pein er mocht' erleben!"" + +Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge, +So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht; +Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal, +Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht +Und ging sie flink daran, mit eignen Händen +Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden. + +Der Spielmann ließ sich's schmecken; unterdessen aber +Ward leis am Tische ein Gespräch geführt, +In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte, +Weil deß' Erzählung sie gar tief gerührt; +Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute, +Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute. + +Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig +Und bat von neuem nun den Vogt um's Wort; +Doch schien's, als ob der Zweifel leis ihn kränkte, +Denn also spann er die Erzählung fort: +"Würd' meinen Nacken nicht das Dreibein zieren, +So glaubt' ich selbst manchmal zu fabuliren!" + +"Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen! +Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär, +Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen, +Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär. +Doch, mit Vergunst! Glaub' nicht, Ihr werdet schmählen, +Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen." + +"Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen; +Verwichen Leid und Freud' mit lautem Wort +Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre, +Was sonst wir bergen am geheimsten Ort. +Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern, +Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern." + +"Wie schon erzählt, hatt' ich den Schritt zum Wald gerichtet; +Dort warf ich mich todmüde in das Gras. +Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt, +Ging lange es, eh' ich des Schlafs genas; +Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer: +Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer." + +"Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte, +Als es mich dünkte, eine zarte Hand +Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen; +Es war so angenehm, was ich empfand, +Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen, +Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen." + +"Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger +Mir glätteten das wirr zerzauste Haar, +Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne +Den warmen Druck von frischem Lippenpaar. +Ich konnt' mich kaum noch halten vor Entzücken; +Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken." + +"So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden, +Indeß' der Schlaf sich mälig ganz verlor, +Als es auf einmal meinen Namen hauchte +Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr; +Wie warmer Odem streift es meine Wangen: +Das war kein Traum, was mich so hold umfangen." + +"Nun thät es nichts mehr batten, mußt' die Augen öffnen. +Und was ersah ich? Meine traute Maid, +Sie knie'te dicht zur Seite mir im Grase; +Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid. +Von meines Glückes Uebermaß bezwungen, +Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!" + +"Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren +Ob ihrer Liebe, die so heldengroß +Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte, +Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß, +Um stets auf's neu', in seligem Vergessen, +Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen." + +"So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse, +Versenkte sich erglühend Blick in Blick; +Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte, +Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick. +Wie konnt' ich süßer lohnen denn die Schmerzen +Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?" + +"Doch wer vermöcht' die Seligkeit mir nachzufühlen, +So ich empfand an meines Mägdleins Brust? +Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden +In ihrem Paradiese um die Lust, +Die reine Herzen an einander finden, +Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!" + +"Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen +Und frug mich ängstlich: ""Joseph, kannst Du gehn?"" +Es strich die Hand dabei durch meine Locken, +Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn. +Mir aber kam nun die Erinn'rung wieder, +Und traurig wies ich auf die wunden Glieder." + +"Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite +Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras; +'s war bald geöffnet und ich schaute staunend, +Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas. +Das letztre füllte sie und ließ mich nippen; +Es war gleich Balsam für die heißen Lippen." + +"Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser +Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht. +Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen, +So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht, +Und wäre Wochen lang gern krank gelegen, +Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen." + +"Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein, +Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie's schmeckt'; +Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern, +Daß heute früh sie sich im Wald versteckt, +Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen, +Bis mich ihr Blick von Weitem konnt' erspähen." + +"Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte, +Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt, +Dem sanften Schlummer gern mich überlassend, +So lange meine Sicherheit dies litt. +Nun aber mahne dringend sie zur Eile, +Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile." + +"Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber, +Wie nah' die Sonne schon dem Niedergehn; +Doch zugleich schaute ich auch reisefertig +Die Traute selber mir zur Seite stehn. +Hei! sprang ich Euch empor und ihr an's Herze, +Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!" + +"Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse, +Und machte sich aus meinen Armen frei, +Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken; +Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei, +Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen, +So sei es sicher, daß sie doch mich hingen." + +"Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels, +Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt', +Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal +Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt; +Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden, +Als sie im Leben fortan nun zu meiden." + +"Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen, +Bekannte traurig sie in leisem Wort, +Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme, +Und sie mir folgen müßt' von Ort zu Ort; +Was noch sie flüsterte, mocht' kaum ich fassen, +Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen." + +"In langem Kusse wollte ich's der Lieben lohnen, +Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht +Und drängte wieder, endlich aufzubrechen, +Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht. +""Der Vollmond,"" schloß sie, ""kommt zu guten Zeiten, +So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten."" + +"Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend, +Schlug um das Bündlein sie ein festes Band +Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend, +Zum Gehen fertig, in der linken Hand; +Derweil sie mit der Rechten mich wollt' stützen, +Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen." -- + +"Hätt' nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte, +Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut. +Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen, +Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut, +Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken, +Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!" -- + +"Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel, +Als wir uns endlich auf den Weg gemacht. +Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten, +Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht; +Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte, +Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte." + +"Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen, +Die nun erzählte, wie sie fleht' und bat +Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein, +So für mich Zeugen forderte vorm Rath, +Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen, +Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen." + +"Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause +Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind; +Doch solcher Bitte wollt' er nicht willfahren, +Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind. +Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert, +Was Abends es am Brunnen hätt' ergattert." + +"Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder +Und beichtete, indem sie ihm gestand, +Daß ich es war, der sie nach Hause führte +Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand; +Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen, +Auch ziemlich fern der "güldne Kranz" gelegen." + +"Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle; +Er sah die Schande, die das Kind bedroht, +Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte, +Daß einem Fahrenden den Arm es bot. +Mit harten Worten schalt er da die Arme, +So schier verging in bitterschwerem Harme." + +"Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen, +Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt, +Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden, +Wenn mein Prozeß im Rathe würd' geführt. +Ob mir es nütze, konnt' er nicht versprechen, +Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen." + +"Den Leichtsinn aber sollt' die Arme strenge büßen; +Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort, +Zu einer alten, menschenscheuen Muhme, +Die einsam hauste in dem nächsten Ort, +Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen, +Bis nach dem Urtel wollt' er nicht sie sehen." + +"So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte, +Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt', +Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden; +Hätt' wohl damit ein Süpplein eingebrockt, +Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte, +Da seine Sippe sich in Ehren sonnte." + +"Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen, +That's freilich nicht dem alten Herrn zu lieb, +Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten; +Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb, +Und sorgte, daß man so mein Urtel messe, +Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse." + +"Erzählte schon, wie es der Alte angefangen, +Und man im Rathe ihm zu Willen war; +Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher +Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr, +Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte, +Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte." + +"Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger, +Als er den Burgern rieth, wie's anzufah'n, +Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen, +Wenn auch das Leben sie mir mußten la'n; +Denn während er im Rathhaussaal gesessen, +Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen." + +"Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser, +Als es der Ohm vor Rath und Burgern that. +Ich war vor ihren Augen rein geblieben -- +Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath; +Sie dachte seufzend meiner all' die Wochen, +Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen." + +"Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden +Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, -- +Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen, +Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt, +Um mir, im Walde wartend, aufzupassen, +Daß ich im Elende nicht ganz verlassen." + +"Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt, +Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn +In all dem Unglück und ihr zürnen möchte, +So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn' -- +Und leis' bekannte sie mir so im Gehen, +Sie hätte auch sich dessen vorgesehen." + +"So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade, +Indessen still ich ihren Worten lauscht'; +Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten, +Bis endlich nah die Donau uns gerauscht. +Es war noch früh, fing eben an zu dämmern; +Im Walde hörten wir die Spechte hämmern." + +"In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen, +Der schöner war und freundlicher gelacht +Hatt' mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher; +Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht, +Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten, +Aus denen tausend helle Sonnen schauten!" + +"Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre +Stromabwärts nun im Morgensonnenschein. +Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen; +Wir mußten erst den Wackern munter schrei'n, +Doch endlich schob der grämliche Geselle +Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle." + +"In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber +Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, -- +Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer, +Bis unser Weg den nächsten Forst gewann; +Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde, +Das dicht umfriedet war vom stillen Walde." + +"Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen, +Wir sanken müde in das weiche Gras +Und mochten weder plaudern mehr noch essen, +Eh' neuer Kraft der Körper erst genas. +An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer, +Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer." + +"Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen +Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt; +Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden, +Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt. +Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen +Das Schläflein, so schier gar kein End' genommen?" + +Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort +In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund; +Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle +Im grünen Walde, bis zur Abendstund' +Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen, +All meiner Lebetag um mich gewesen." + +"Als abermals der Mond gekommen, ward berathen, +Welch' Ziel zu wählen für den flücht'gen Fuß. +Nach Spielmanns Brauch ließ ich 'ne Feder fliegen, +So fahrend Volk die Straßen weisen muß, +Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet +War aller Zweifel drüber schnell beendet." + +"Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen +Den Wald dahin, im klaren Mondenschein; +Gar traulich wandelt es sich in der Stille, +Ist man alleine mit dem Mägdlein sein! +Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten; +Indeß' uns nah der Donau Fluthen rauschten. + +"So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern, +Nur hie und da von einem Baum erschreckt, +Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen, +Uns seine Arme lang herangestreckt; +Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten, +Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten." + +"Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage, +Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau; +Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne +Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau. +Nun galts zur Ruh' ein Plätzlein auszusuchen, +Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen." + +"Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden +Mir fast geheilt, auch unser Bündelein +An Speis' und Trank nichts mehr zu weisen hatte, +Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein, +Da eben sich des Abends Schatten senkten, +Die müden Schritte auf die Straße lenkten." + +"Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten, +Mußt' Herberg geben, bis die Nacht vorbei, +Und weil der Sänger überall willkommen, +Gab man uns Obdach und die Zeche frei. +Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen; +Hätt' nie geglaubt, daß es so schön möcht' klingen!" + +"Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter +In's Land hinein, bis schier der Tag zu End' +Und wir in einem Flecken Herberg fanden, +Der rings umsäumt von grünem Weingeländ'. +Dort mußten wir den wackern Leuten singen, +Und thät uns solches manchen Heller bringen." + +"Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln, +'s ist dieses hier und dies auch noch das Band +An dem die Traute mein es stets getragen." -- +Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand +Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen, +Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen. + +"Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern, +Und liederkundig, wie die Holde war, +Erlernte ich von ihr gar manche Weisen, +Die mir im Sinn geblieben all' die Jahr. +Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten +Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!" + +"Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen +Ein ganzer Himmel voller Sangeslust; +Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten +Den Frühling selber in der jungen Brust +Und gaben kaum so viel, als wir empfangen, +Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen." + +"Die Tage schwanden uns in eitel Freud' und Wonne +Gab manchmal auch es einen kleinen Span, +So glich das einem warmen Sommerregen, +Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn. +Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen, +Indeß' die Liebe nur noch zugenommen." -- + +Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer. +Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft +Und weilte eher unterm freien Himmel, +Als daß ich einmal für uns Unterkunft +Bei einem meines Völkleins durfte suchen; +Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen." + +"Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben, +Und frug ich da, was sie geträumt so lang? +Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig, +Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang +Mit süßem Munde, aber nur ganz leise, +Ein neues Lied zu einer alten Weise." + +"Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen, +Und wußt' von jeder eine schöne Mär; +Das kleinste Käferlein selbst war willkommen, +So ihr des Weges kam von ungefähr. +Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen, +Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen." + +"Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem, +So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn; +Eh' ich mich deß' versehn, war ich verwandelt, +So daß ich ganz ein andrer worden bin, +Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte, +Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte." + +"'s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise +Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft +Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe, +Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft; +Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten, +Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten." -- + +"Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten, +Der Minne nur und ihrem Sang geweiht, +Ein schöner Leben mochte keiner führen +So hoch der Himmel und die Erde breit; +Im Schlosse heut' zu Gast, im Städtlein morgen, +Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen." + +"Doch, nun der Lenz dahin, ging's uns, wie noch gar vielen; +Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein +Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen, +Da zwitschern sollt ein junges Vögelein, +Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte +Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte." + +"Je kleiner's Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel! +War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin; +Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet, +Giebt's frohe Herzen und zufriednen Sinn. +Weiß heut' noch nicht, was uns hätt' fehlen sollen, +Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!" + +"Doch unser Glück hienied' ist eitel leichte Waare, +Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind. +Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden; +In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind. +Jung Vöglein forderte der Mutter Leben +Und lächelnd hat sie es auch hingegeben." + +"Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren! +Nur kurz vermelden, daß es lange ging, +Eh' ich den harten Schlag verwinden mochte +Und die Betäubung schwand, die mich umfing, +Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten, +Die mich am besten mit begraben sollten!" + +"Allmälig aber fing es wieder an zu tagen. +Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht, +Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken, +Deß' Kommen mir so herbes Leid gebracht. +Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen, +Nur es zu pflegen wollt' mir wenig taugen." + +"Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute, +Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn +Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen, +So ich für dessen Atzung würde stehn +Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte, +Daß Pfleg' und was sonst nöthig er erhalte." + +"Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte, +Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr, +Selbst nach dem zarten Dinge schau'n zu wollen, +Küßt' sachte ich des Kindleins feines Haar +Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten, +Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten." + +"Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer +Sie waren manchen Tag mein Weggeleit. +In Gram versunken zog ich meine Straßen, +Jed' Sinnen der Vergangenheit geweiht; +Sollt' mal ich wo ein heiter Liedlein singen, +Mußt' schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!" + +"Hatt' aber vordem nur mein Lied der Lieb' gegolten, +Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust, +Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen, +So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust; +Ich mußte singen von der Minne Schmerzen, +Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen." + +Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen +Und mancher Knabe klagte mir sein Leid. +Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen +Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid, +So wir's verstehn die Saiten anzuschlagen; +Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!" + +"Als nach und nach der Herbst in's Land gezogen, +In falbe Blätter blies der rauhe Wind, +Am Hag die langen Spinneweben wehten, +Gleich Silberfäden, die entflogen sind; +Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen, +Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen." + +"In jedem Wiegenbett wähnt' ich mein eigen Täublein +Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick; +Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern, +So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick, +Das süßer Mutterliebe mußt' entbehren -- +Und ich entschloß mich endlich umzukehren." + +"Hatt' manchen blanken Heller mir ja schon ersungen, +Mit dem ich hoffen durft' die Winterzeit +Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben; +Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit +Für's Vögelein, von manchen schönen Sachen, +Ob dem es große Aeuglein sollte machen." + +"Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend, +Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt; +Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte, +So bin ich damals Tag und Nacht geeilt, +Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen, +Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt' sagen." + +"Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen, +Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt +Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend, +Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt. +Trotz allem Kosen wollt' es nicht mich kennen, +Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen." + +"Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde. +Es wohl zu warten, kürzte manche Stund', +Die sonst vergällt gewesen um die Mutter; +War tief im Herzen ja noch weh und wund, +Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen +Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen." + +"Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne +Mit Sang und Laute, wie das meine Art, +Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller, +Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. -- +Eh' aber noch der erste Schnee gefallen, +Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen." + +"Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren! +Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr; +Galt mir doch jede Stunde für verloren, +In der ich fern von meinem Kinde war. +In seiner Nähe war mir Glück und Frieden, +Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden." + +"Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet +Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt, +Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen, +Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt, +So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen +In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen." + +Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater; +Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut +Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden; +Fern jedem jugendlichen Uebermuth, +War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen, +Von keinem Leide noch und Weh getroffen." -- + +"Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren +Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt +Im ganzen Gaue, als der Liederseppel, +Wie dorten mich ein jedes Kind genannt. +Auf keiner Kirmeß' durfte je ich fehlen, +Wenn ich nicht wollte, daß sie all' mich schmälen." + +"So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken, +Wir lebten still in ungestörtem Glück; +Nur eines fehlte, 's war des Mägdleins Mutter. +Aus ihrem Grabe sehnt' ich sie zurück, +Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen, +Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen." + +Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen, +Als brächte er es nicht mehr weiter fort. +Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein: +"Daß nicht die Kehl' am Ende gar verdorrt!" -- +Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken +Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken. + +Sie thaten's auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten +Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt; +Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben +Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt. +Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören, +Schien Wirth und Gäst' im Lauschen gleich zu stören. + +"Gesegn' es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!" +Hob bald der Sänger an mit neuem Muth, +Doch einem leisen Beben in der Stimme -- +"Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut, +Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren; +Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!" + +"'s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte +Vom blauen Himmel über Wald und Ried; +Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen +Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied. +Ein Jubeln war's, ein Durcheinanderklingen, +Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!" + +"Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen. +Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut; +Waldvögelein und er ha'n gleiches Wesen, +Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut: +In linder Lust muß es die Flüglein dehnen, +Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen." + +"Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe, +Gings früh am Morgen in den Lenz hinein. +Es sprühte, funkelte in jungen Saaten, +Gleich Adamanten im Juwelenschrein; +Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle, +Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle." + +"Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen +Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus, +Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind +Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß, +In welches es auch manches Kräutlein steckte, +Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!" + +"Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen, +Das weithin hallte über Berg und Thal. +Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen, +Als es erlauschen mocht' der Rufe Zahl; +Dann jedoch wollte mein es täglich warten, +Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten." + +"Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder +Durch junges Grün und hellen Vogelsang, +Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme +Herunter schimmerten vom Felsenhang +Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte, +Daß ihr Besitzer just im Walde jagte." + +"Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert' fröhlich, +Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach. +Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten, +Von wo zurückzugehn die Maid versprach; +Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern, +Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern." + +"Ein letztes Mal hatt' ich dem Kinde noch versprochen, +Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit; +Dann küßt' ich seine überthränten Wangen +Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit, +Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden, +Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden." + +"Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet, +Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein, +Und wurde mir, als hörte ich es rufen: +"Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!" +Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde -- +Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!" + +"Es regnete im selben Sommer mir die Taschen +Voll blanker Heller, wie noch nie vorher. +War aber auch ein reiches Jahr gewesen. +In Tenn' und Keller blieb kein Plätzlein leer; +Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen +Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen." + +"Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl, +Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt; +Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit' gehangen, +Hatt' manchen Kram ich für mein Herzkind mit. +Wie niemals aber, freut' ich mich im Gehen, +In einem fort auf unser Wiedersehen!" + +"'s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse +Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt; +Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße +Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt, +Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte, +Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte." + +"Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes +Begegnete mir scheu die Pflegerin. +Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde, +Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin +Und ging es lange, eh' ich's mochte wagen, +Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen." + +"Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen, +Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih' +Am selben Tag mein Vögelein sich raubte, +Als ich im Lenz von ihm geschieden sei; +Doch soll es munter auf der Thierburg weilen +Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen." + +"Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr'schem Toben, +Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt; +In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen +An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt. +Aufschreiend: "denen will ich's Nachtmahl würzen!" +Wollt', rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen." + +"Da wischte sich die Bäuerin 's Wasser aus den Augen +Und zog mich neben sich auf eine Bank. +""Stat Seppel!"" sprach sie, ""magst Dir's erst beschlafen; +Der auf der Thierburg wüßt' Dir schlechten Dank +Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen +Und es versuchen, deine Maid zu sehen!"" + +""Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen, +Hatt' jedoch bei dem Gange wenig Glück. +Ist Einer wie der Andere dort oben! +Sie wiesen mich am Thore grob zurück, +Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter +Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter."" + +""Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack' Dich zur Höllen, +Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib! +Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen, +Eh' es zum Teufel fährt als runzlig Weib! +Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen, +Sonst wär' es nicht allein im Wald gegangen!"" + +""Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde, +Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog. +Glaub' freilich nimmer, daß es gern gegangen +Wie einer von den Schergen oben log! +Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde, +Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde."" + +"So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen. +Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz; +Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern, +Fand keine Worte meinem Höllenschmerz. +Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen, +Der Rache nur gehörte all mein Sinnen." -- + +"Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte. +In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu, +Stand aber viel zu früh vor deren Mauern; +Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh'. +Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge, +Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge." + +Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen, +Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß. +Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen +Und, wie ich hinsah, regte sich's im Gras. +Ein Bursche war's, der schien, wie ich, zu lauern, +Daß sie erwachten hinter ihren Mauern." + +"Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen, +Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob. +Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser, +Ich möcht' für mich behalten solches Lob; +Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten, +Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten." + +"Dann lehnte er sich mir zur Seite an's Geländer +Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht. +Mir brannt' die Zunge, nach dem Kind zu fragen, +Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht +Und fragte nur, um auch etwas zu sagen, +Ob in die Kluft er einen Sprung würd' wagen?" + +"Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen, +Als wir vor etlich Monden auf der Jagd +Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten! +Noch heute seh' ich, wie die holde Magd, +Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden, +Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden."" + +""War Dir ein Fang,"" erzählte ungefragt der Bursche, +""Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt! +Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln, +Eh' unsrem Alten es zuletzt gelingt, +Die Widerstrebende auf's Roß zu setzen +Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen."" + +""Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten, +Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon. +Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme, +Dran Eppich rankt,"" -- ich sah es leider schon, -- +""Dort sprang's hinunter, ohne viel zu denken, +Daß sich die Felsen dort am gähsten senken." + +"Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen. +Mich aber überlief es heiß und kalt; +Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken +Und wär' gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. -- +Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden, +In meines Lebens allerschwerster Stunden!" + +"Füll' ihm das Krüglein wieder!" rief Herr Heinz dem Diener. +Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab, +Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken. +Dann ward es stille, wie vor einem Grab; +Nur im Kamine prasselten die Flammen +Hell überm trocknen Eichenholz zusammen. + +Bald jedoch klang's erschütternd von des Sängers Lippen: +"Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! -- +Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte, +Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien, +Und noch bis heute fällt's mir schwer zu glauben, +Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!" + +"In's Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe +Und starrte schweigend in den grausen Schlund. +Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken. +Dort unten lag's zerschmettert auf dem Grund. +Glaubt, edle Herren! es mocht' wenig fehlen, +Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!" + +"Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken, +Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt; +Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens +Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert. +Er selber war es, so mein Kind begraben, +Als sie es später todt gefunden haben." + +"Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme, +Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang; +Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen, +Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang +Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen, +Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen." + +"Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte, +Die ächzend von der Windberg' niedersank, +Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen +In's Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank +Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen; +Selbst mitzuhalten, spürt' ich kein Verlangen." + +"Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig; +Wollt' wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach. +Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig, +Noch bei den Mägden, suchte nach und nach +Mit klugen Worten sie dahin zu bringen, +Daß sie von selber an's Erzählen gingen." + +"Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit! +Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab. +Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben, +Es lieber sich dem grausen Tod ergab. +Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen, +Um nun, bis an mein End', dafür zu weinen." + +"Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich +Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann, +Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel -- +Alleine in der Welt, ein armer Mann! +Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben; +Doch erst mußt' ich den Burgherrn noch verderben." + +"Der Zufall half mir, daß ich gleich an's Werk mocht' gehen; +Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging, +Sah ich den Weg allmälig sich verengen, +Indessen oben eine Felswand hing. +Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen, +Mein Kind zu rächen, sollt' der Hohlweg taugen." + +"In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe +Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt, +Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen, +Deß' knorrig Wurzelwerk den Boden deckt; +Hei! ging's nun dran mit Wälzen und mit Wiegen, +Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen." + +"Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten, +So lang das Hinderniß nicht fort geräumt. +Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen +Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt +Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte, +Von wo er wuchtig niederdonnern sollte." + +"Dann warf ich mich in's Moos; doch pflog ich keiner Ruhe, +Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein +Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen. +Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein, +Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte, +Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte." + +"Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken, +So oft ein Stein dem Rande näher kam. +Hei! will ich ihnen ein Memento singen, +Eh' sie der Teufel sammt und sonders nahm! +Des Sängers Rache sollten dran sie kennen +Und müßt er selber in der Höllen brennen." + +"Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen! +Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf: +Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen, +Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf. +Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen, +Den Teufeln nicht die letzte Meß' zu singen." + +"Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber +Und ließ sie nähern sich der Felsenwand. +Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen, +Nun der den Hohlweg so verrammelt fand. +Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern, +Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern." + +"Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen +So gaffend standen vor dem schweren Baum, +Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen; +Dann sah er um sich in dem engen Raum. +Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen, +Ein einz'ger Felsblock sollt' sie nieder brechen!" + +"Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte, +Den Satan tödtend unter seiner Last, +Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz +Und -- fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt! +Entsetzen packte mich, mußt' inne halten, +Statt meiner grausen That zu End' zu walten." + +"Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen +Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick: +Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet, +Als meiner harrte einst des Henkers Strick. +Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte, +Daß ich es um sein liebes Mündel brachte." + +"Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden! +Was ich dem Alten that, das brannte jetzt, +Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele, +So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt, +Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte, +Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte." -- + +"Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein +Der Bäuerin; das Singen hatt' ein End'. +Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe, +Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd'. +Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen; +Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen." + +"So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd, +Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn. +Er blieb mir fern. Ich hatt' noch des Gefieders, +Das ich mir vorher erst sollt' rupfen la'n. +Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen. +Für's Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen." + +"Was sollt' er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget? +Gelähmt die Fittige der bittre Harm? +Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel, +Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm! +Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken, +Daß Niemand schauen sollt' sein letztes Zucken." + +"Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen, +Mit einer Söldnerschaar in's Polenreich. -- +Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet, +Nur mir blieb ferne der Geselle bleich; +Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen, +Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen." + +"Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande, +Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt, +Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt; +Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt. +Statt als ein tapferer Gesell zu sterben, +Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben." + +"Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend, +Tags nach dem Treffen über's Blachfeld gehn, +Da finden sie auch mich und jeder eilte, +Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn. +Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder, +Verwundert hob ich bald die schweren Lider." + +"Da fügte sich's, daß sie auch jenes Dreibein sahen, +So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt, +Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen, +Als sie den Galgenvogel dran erkannt! +Ich hör' noch heut' ihr höhnisch Lachen klingen, +Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen." + +"Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren, +Der nackte Vogel änderte den Sinn; +Sein stolzes Wollen bracht' ihm schlecht Gedeihen, +Was er erstrebt', deß' ward ihm kein Gewinn. +Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen, +Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen." + +"Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen +In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid; +Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt +Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid. +Dann schlug's wie Wellen über mir zusammen, +Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen." + +"Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer, +Als ich auf einmal hörte, daß man sprach. +Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen, +Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach. +Der Tod war wiederum vorbeigezogen, +Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen." + +"Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken +Die Sonne glänzte und des Himmels Blau, +Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute, +Und in den Ecken Spinneweben grau, +Das war der Ort, an welchem ich erwachte, +Nicht grad das Paradies, wie ich mir's dachte." + +"Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen, +Beim Spiele, doch auch's Krüglein in der Hand, +Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen, +Bei einem Karren, der daneben stand. +Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen, +Ließ unschwer mich der erste Blick errathen." + +"Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen, +Als ich dem Tode nah im Felde lag, +Und nun ich endlich wieder Leben zeigte, +Hielt's treulich bei mir aus manch lieben Tag, +Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte, +Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte." + +"Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen, +Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum; +Ihr Treiben aber wollt' mir nicht gefallen, +Fand viel der Haken, die gewaltig krumm; +Doch wenn ich warnte, bracht's mir Spott und Schelte, +Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte." + +"So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir +Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war. +Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche +In einer Mondnacht, wie der Tag so klar; +Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen, +Konnt' meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen." -- + +"Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen, +Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz +Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert. +Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz, +In welchem, unauslöschlich tief, gegraben, +Was wir an Freud und Leid genossen haben." + +"Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte, +Doch diesmal mit der Laute im Geleit. +Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken +An freudige, wie kummerhafte Zeit, +Und halte sie seitdem in guten Ehren, +Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren." + +"In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen, +Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein, +Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins +Entfremdet war bis auf den bloßen Schein; +Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte, +Und eine Zeitlang es mir bas behagte." + +"Traun! gab's des bunten Treibens da gar viel zu schauen, +Vom Morgenläuten bis zum Abend spat. +In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen, +Viel schöne Frau'n in ihrem besten Staat; +Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen, +So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen." + +"Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen! +Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr; +Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen, +Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor, +Und Frauenherzen muß der Sänger rühren, +Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren." + +"So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere, +Wo blaues Aug' und blauer Trauben Saft +Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel +Man sich in's Farbenspiel des See's vergafft. -- +Ich würde heut' noch dort die Saiten spannen, +Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen." -- + +"Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen, +Von arger List und bösem Trug gestellt. +Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen, +Daß lauten Ton's sie in den Ohren gellt; +Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen, +Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!" + +"Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim, +Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth; +Statt frei Geleite, so man ihm versprochen, +Verdammten sie's und zwar zum Feuertod. -- +Mein' aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren, +Den sie zu braten sich gewißlich wahren!" + +""Ein Unrecht ist's!"" entschlüpfte es dem Mund des Junkers +So laut, daß sich der Spielmann unterbrach +Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte, +Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach; +Herr Heinz doch that, als hätt' er nichts vernommen, +Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen. + +Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter: +"Es ward mir schwül am blauen Bodensee; +Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe, +Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh. +Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen, +Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!" + +"Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben, +Den vollen Humpen und den schönen Frau'n, +Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen, +Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau'n, +Bis sich von ungefähr das Steuer drehte +Und mich der Wind in Euer Thal verwehte." -- + +"Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen, +Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn; +Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten, +Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön, +Um welchen rings sich wald'ge Berge bauen, +Von denen stolze Burgen niederschauen!" + +"Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen; +Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz, +Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet, +Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz. +Hier fühle ich mich wohl, hier möcht' ich weilen, +Wär' mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!" -- + +"Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo +Und wisset, wo's die Federlein gela'n. +Ich hoffe, 's wird einst, nach der letzten Mauser, +Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn; +Ist doch auch's Vögelein in Gottes Händen, +Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!" + + +Siebentes Kapitel. + +Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen, +Erschimmern rings in märchenhafter Pracht +Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet +Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht; +Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen, +Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen. + +Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft +Und, wenn's auch kalt macht, ist die Luft doch still +Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein, +In dem die Sonne er begrüßen will; +Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte, +Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte. + +Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten +Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch, +Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd, +Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch. +Ein Meer von Gold ruht auf den schnee'gen Flächen, +Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. -- + +Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten, +Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat, +Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen; +Was diese auch versprochen, eh' sie spat, +Da müd' und schläferig die Lider hingen, +Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. -- -- + +Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle, +Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein, +Ernst angemuthet; dieses wollte lachen. +Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein, +Als jener endlich schwieg und alle zaudern +Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern. + +Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder +Die Oberhand. In froh gelaunter Weis' +Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen +Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis'; +Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen, +Denn Kehl' und Magen fahrender Gesellen. + +Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand +Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund +Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte, +Ob ihre Liebe auch so festen Grund, -- +Als sie es eben von der Maid vernommen, +Die zu dem Spielmann einst in Lieb' erglommen? + +Wohl zog's in dunklen Gluthen da auf Elsbeth's Wangen, +Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor +Und sprach in mildem Ernste, aber leise, +Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr: +"Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne +Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!" + +Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell, +So hastig stand sie dann vom Tische auf +Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen; +Auch, in der Eil', die Kanne mit dem Knauf +Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten, +Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten. + +Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen. +Was der natürlich auch gar gerne that +Und sich behaglich übers Essen machte, +So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat. +Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen, +Ward munter wieder hin und her gesprochen. + +Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad, +Dem's wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach; +Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort, +Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach; +Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen, +So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen. + +Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte, +Denn seine Blicke zog's mit Allgewalt +Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend, +Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt, +Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte, +Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte. + +Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre +Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort +Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte, +Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort. +Verschwieg'ne Liebe ist ja doppelt theuer +Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. -- + +Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische; +Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell. +Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen, +Wollt' er mit Ehr' bestehn als Schenkgesell; +Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen +Woll' heute jeder Grund und Boden fehlen. + +Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen: +"Hei, Alter! Sing' ein Liedlein von der Jagd; +Kennst sicher eines, das recht lustig klinget +Und frohen Waidgesellen bas behagt. +Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen; +Sieh' nur, wie alle schon die Ohren spitzen!" + +Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele; +Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand, +Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert, +Bat, eh' er's rührte mit gewandter Hand, +Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen, +Was für ein Lied der Holden thät behagen. + +Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines, +So einst sein Mägdlein sich ersann und sang. +Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte +Drauf in die Saiten, daß es hell erklang. +Dann hob er, anfangs leise, an zu singen, +Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt' klingen: + +"Am Hage blüht jung Röslein roth; +Deß' litten Wind und Käfer Noth, +Wollt's Jeder ha'n zur Fraue; +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue." + +"Zum Röslein heimlich sprach der Wind: +""Laß' um Dich werben, liebes Kind, +Ein Herr gehrt Dein zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue."" + +""Zieh' weiter!"" rothes Röslein sprach, +""Verschlossen bleibt Dir mein Gemach, +Solch Buhlen ich nicht traue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue."" + +"Drauf, gülden schön, ein Käfer kam, +Gab jungem Röslein süßen Nam', +Als seiner holden Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue." + +"Doch Röslein sprach: ""Dich nehm' ich nicht +Goldkäferlein! Dein Angesicht +Nur hin nach andern schaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue."" + +"Als aber kam ein Junker her, +Da wurde Rösleins Herze schwer; +Von selbst ward's seine Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue." + +"Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth', +Doch er war bald des Kosens müd', +Zog wieder fort in's Blaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue." + +"Und wißt Ihr, wer der Junkherr war? +Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr +Ein Röslein sich zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue." + +Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen, +Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied; +Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen, +Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied, +Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen, +Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen. + +Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte +Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh, +Nur Augen hatte für des Hauses Herrin, +So heute ihm noch schöner schien, denn je. +Es brauchte wenig und, in Minne trunken, +Wär' vor der Holden er auf's Knie gesunken. + +Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen, +Bis leis' der letzte Saitenton verklang; +Doch, als der Spielmann, Udo's Wunsch willfahrend, +Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang, +Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen +Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen. + +Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme, +-- Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, -- +Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen +Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt +In schöner Harmonie, um zu begleiten +Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten. + +Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren, +Als hörte man der Vöglein hellen Sang +Im blühnden Haine draußen und im Tanne, +Wenn dort das Halali des Waidmanns klang, +Um, fern im Echo, leise zu verhallen, +Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. -- + +Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe 's Köpflein euch verwirret, +Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund, +Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet, +Und doch nicht plaudern darf davon der Mund: +Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle, +Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? -- + +Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren +Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß; +Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde, +Von bittrer Eifersucht gequält und Haß, +Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen +Und blickte finster vor sich hin, verdrossen. + +Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen, +Um desto heißer fühlte sie die Qual, +Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers +Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl; +Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen, +Sie nagten heimlich aber tief im Herzen. + +Da von den Andern jedoch niemand darum wußte, +Floß jenen gar vergnügt der Abend hin +Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche, +Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien, +Das man im Freundeskreise heut' verbrachte, +Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. -- + +Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf +Den Herren dann gemeldet, daß es tagt', +Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen, +Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd, +Die heute, weil der Freund es also wollte, +Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte. + + * * * + +Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten, +Als Adelgunde sich vom Lager hob. +Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen, +Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob, +Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte, +Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte. + +Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen, +Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh, +Auf's neu' dem Unmuth sich zu überlassen, +Daß gestern nicht der Junker immerzu +Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte, +Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte. + +In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen, +Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat, +Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten, +Wie viel auch diese es zu kosten bat; +In dunklem Feuer ihre Blicke glühten, +So oft, die Lippen sich zu reden mühten." + +Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich +Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach, +Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten, +In's eig'ne, prunkentblößte Schlafgemach; +Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue, +Von welchem man den ganzen Gau erschaue. + +"Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, -- " +Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging +Und Adelgunde zauderte, zu folgen +Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, -- +"Den nächsten Augenblick schon sind wir oben, +Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!" + +Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte, +An deren Finger sie das Reiflein trug, +So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte, +Als er besorgt um ihre Zukunft frug, +Und das, seit jener Stunde, sie getragen, +Ohn' daß es Jemand einfiel, drob zu fragen. + +Nun lag's, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen, +Die, als sie's fühlte, voller Bosheit sacht' +Versuchte, ob es abzustreifen wäre +Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht', +Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen, +Eh' oben sie zum Licht des Tages kämen. + +Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen, +Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun, +Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet, +Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn, +Bis er, im Banne finsterer Gewalten, +Sieht seinen Willen sich zur That gestalten. + +Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends +Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach, +Und trat, so unbefangen als nur möglich, +In deren sonnighelles Schlafgemach. +Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten, +Gab's Zeugniß für der Herrin emsig walten. + +Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte, +Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand, +Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich, +Die Statue der Muttergottes stand, +Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten, +Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten. + +Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken +Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach, +Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen, +Besetzten diese Wand der Länge nach, +Indeß die andere das Bettlein säumte, +Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte. + +Drauß', vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller, +Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand, +Fast einem Vogelneste zu vergleichen, +Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand; +Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte, +Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. -- + +Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet, +Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum; +Tief unter sich verschneite, weiße Thäler, +Die Wälder rings ein einz'ger Weihnachtsbaum, +Und fern im Süd', ein Anblick zum Entzücken, +Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken. + +Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte, +Versunken in des schönen Anblicks Pracht, +Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange +Hier oben in der Einsamkeit verbracht, +Um, überwältigt von dem hehren Schauen, +An Gottes Werken still sich zu erbauen. + +Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen. +Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt', +Von all den Bergen, Thälern in der Runde, +So weit ihr jene überhaupt bekannt, +Hier Umschau haltend, froher Laune werden, +Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden. + +Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen; +Sie maß die Gute bald mit einem Blick +Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten, +Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick +Drob war, weil dies, in leid'ger Lust am Necken, +Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken. + +"Gebt's auf, mir Namen vorzusagen," sprach sie mürrisch +"Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann, +Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde +Es angethan, und nicht der eigne Bann; +Denn sonsten braucht' ich Euch ja nicht zu fragen, +Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut' jagen!" + +Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger +Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand; +Ein römisches Gemäuer, dessen Reste +Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand, +Als, müde wohl, er sich auf's Moos hinstreckte, +Das grün und weich die Mauertrümmer deckte. + +"Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze +Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht; +Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben, +Mag's gehen, daß Eu'r Ohr den Klang erlauscht +Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen, +Ich mehr denn eimnal bis hierher hört' klingen!" + +"Das glaub' ich gerne!" rief gereizt die Aufgeregte +In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt, +Der Stolzen in die dunklen Augen schaute; +Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt, +Und that deshalb, als wäre ihr entgangen, +Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen. + +Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen, +Und ging's nicht lange, eh' es Elsbeth däucht', +Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth +Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht. +Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen +Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen. + +Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen, +Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß, +Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden, +Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis, +Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte, +Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte. + +Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage: +Ob sie den Junker minne und er sie, +Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen, +Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh, +Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen, +Die Fragerin jedwede Maske fallen. + +"Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet," +Klang's giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund, +"Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet, +Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund? +Euch -- eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden, +Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!" + +Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte, +Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich, +Ob solcher Rede keines Wortes mächtig; +Es ballten krampfhaft ihre Hände sich, +Der Höhnenden gebührend zu vergelten, +Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten. + +Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen +Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob, +Bis jene, unter höhnischem Gelächter, +Des Junkers Reiflein in die Höhe hob +Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte, +Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte. + +"Gebt mir das Ringlein her!" bat dringend die Gequälte, +Nach raschem Blick auf ihren Finger hin. +"Gebt mir den Reif zurück! -- Ihr könnt nicht wollen, +Daß ich mein Leben lang im Unglück bin! +Ich dank's Euch noch in meiner letzten Stunde! +Gebt mir das Ringlein! -- Bitte, Adelgunde!" + +Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester +Und lachte höhnisch: "Sagt ich mir doch gleich, +Als ich das Reiflein diesen Morgen funden, +Daß solche Fische nicht in Eurem Teich +Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken, +Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!" + +"Denkt, was Ihr wollt!" entgegnete jetzt Elsbeth zürnend, +"Der Ring ist mein und halte ich ihn werth, +Als Angedenken traut gesprochner Worte, +Von denen keines mir das Herz beschwert; +Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle, +Seit ich durchschaue -- Eure schöne Seele!" + +"Schaut lieber erst in Eure!" spottete die Arge, +"Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! -- +Ha, ha! Was gilt's, ihr hebet an zu beichten +Die volle Wahrheit? -- Wie? Ihr saget Nein? -- +Seht dieses Ringlein! -- Es fliegt von dem Söller, +Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!" + +In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen, +Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand +Und hielt sie fest, bis Adelgund', weil stärker, +Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand, +Um nun, begleitet von boshaftem Lachen, +Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen. + +Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte +Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast, +Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten. +Ihr starker Arm hielt Adelgund' umfaßt, +So daß die keuchend rang sich loszuzwingen, +Was jedoch nicht so leichtlich wollt' gelingen. + +In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend, +Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt, +Die jugendschönen Glieder sich umklammernd, +Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust, +Der Gegnerin, und koste es das Leben, +Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben. + +Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen +Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft +Gelang die rechte Hand sich zu befreien, +Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft. +Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen. +Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen. + +Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend, +Von beider Stimmen, wie aus einem Mund. +Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen, +Als just zum Wurf ausholte Adelgund', +War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen +Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen. + +Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend +In banger Angst, durchrannte sie im Nu +Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder +Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu, +Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte, +Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte. + +Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte, +Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand! +Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln, +Vom faltenreichen, blauen Wollgewand, +Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte, +Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. -- + +Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen, +Lag locker da, in seiner Masse weich, +Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken, +Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich, +Deß' Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte, +Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. -- + +"Um Jesu willen!" keuchte Adelgunde angstvoll, +Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam, +"Vergebet mir! -- Ich will dem Herrgott danken, +Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm, +Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben +Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!" + +"Gewährt Verzeihung --" bat sie leise, als ihr Elsbeth +Nicht sogleich Antwort gab, "wär' übler dran +Denn Ihr, hätt' Euch ein Ungemach betroffen, +Da ich es war, die hob zu streiten an; +In kind'scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte, +Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte." + +In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde: +"Gott wolle Euch verzeih'n, wie ich dies thu'! +Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo +Das Ringlein suchen --" fügte noch sie zu +Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen, +Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen. + +Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke +Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth, +Ihr Adelgund' das Kleinod mit den Worten: +"Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut, +Was, ging's verloren, selber mich auch schmerzte. +Hier nehmt den Ring! -- Verzeihet, daß ich scherzte." + +Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß, +Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand, +Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger +Das Reiflein steckte Adelgundens Hand. +In langem Kuß sah man die Lippen pressen +Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. -- + +Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten, +Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt', +War Frieden; denn die beiden Schönen hatten +Sich längst schon miteinander ausgesöhnt, +Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen, +Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen. + +Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: "Essen und Vergessen!" +Das oft im Leben sich verwenden läßt. +Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen, +Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt', +Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe, +Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe. + +In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich; +Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot, +Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen, +Verriethen nun der Wangen lieblich Roth, +Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen, +Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen. + + * * * + +Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen, +Was seine Macht zu schenken dir versagt, +Willst nicht du deines Herzens Ruh' und Friede +Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt, +Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen, +Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. -- -- + +Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas. +Die Herren zechten und der Spielmann sang, +Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen. +Stets sicher, daß er Beifall sich errang, +Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge, +Den oft er leerte in gar gutem Zuge. + +Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde, +Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang, +Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten, +Das voll und süß von ihren Lippen klang; +Doch war's ein andrer Text und andre Weise, +Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise. + +Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren, +Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang, +Des Hauses Mägde sich versammelt hatten +Und lautlos horchten, wie die Herrin sang, +Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen, +In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen. + +Sie kamen nicht dazu. Denn eh' das Lied zu Ende, +Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih', +Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander +Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei; +Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine +Im Näherkommen ungewisse Scheine. + +Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen +Und brach Elsbeth das Singen jählings ab. +Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre +Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab, +Dem Zweie folgten, die er mußt' begleiten, +Wie wohl's ihm wenig Freud' schien zu bereiten. + +Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern +Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt'. +Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel, +In den er, frierend wohl, sich eingehüllt; +Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen, +Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen. + +Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen, +In tiefem Basse er zum Vogte sprach: +"Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten, +Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach, +Dem Ihr, so hoff' ich, werdet drob verzeihen, +Daß noch so spät er Euch in's Haus mußt' schneien. + +Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben, +Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt, +Und nun empfing er aus des Boten Händen +Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt, +Deß' Siegel Krummstab und die Inful zeigte, +Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte. + +Doch, eh' er's öffnete, bat er den Ueberbringer, +Den Mantel abzulegen und die Wehr' +Und mitzuhalten an der Tafelrunde: +"'s wär mir und hier den Freunden große Ehr'!" +Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen, +Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen. + +Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein, +Indessen Elsbeth für den späten Gast +Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert +Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt', +In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen +Als sie's, credenzend, hieß den Herrn willkommen. + +Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel +Und sahn dem Vogte zu, dem's endlich glückt', +Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen: +Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt', +Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge +Der Vogt von lange kannte zur Genüge. + +So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben +An ihn gerichtet sei; das andre trug, +Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben, +In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug; +Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen, +Noch ehe er das eigene erschlossen. + +Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen, +Lag's eine Weile schon in seiner Hand, +Eh' er begann das Siegel zu erbrechen +Und flüchtig forschte, was zu lesen stand. +Nach kurzem Blick drauf aber ließ er's sinken +Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken. + +Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen; +Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier, +Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten +In wirrem Tanze auf des Briefs Papier. +Dies eine Wort -- will ihn die Hölle narren? +Es bannt' den Blick ihm, macht sein Herz erstarren! + +Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte, +Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick +Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend, +Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick +Nun war, wie besser er's nicht wünschen konnte, +Eh' sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte. + +Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele +Und machte öde, rathlos ihm das Hirn, +Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend, +Mit dunklem Rothe färbte Wang' und Stirn. +Der Brief erzitterte in seinen Händen; +O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden! + +Was er sich einst ersehnte, nun war's ihm geworden, +Es lacht' das Glück ihn an! Doch tief verzagt +Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen, +So sah er in Verzweiflung sich gejagt. +Wußt' nicht, soll er entsagen, unterliegen, +Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen? + +Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben, +Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt, +Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen; +Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt, +So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen, +Wie oft bracht's Kummer nur, und bitter Klagen! + +Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal +Ein silbern Lachen tönte durch's Gemach, +So lieb und traut, wie es nur Eine konnte, +Das aber doch ihm nun das Herze brach, +Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute, +sich ahnungslos des Augenblickes freute. + +Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd. +Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund +In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen, +Von denen er geträumt so manche Stund', +Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten, +Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten. + +Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle +Und, immer noch das Schreiben in der Hand, +Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar, +Den klaren Blick zum Freunde hingewandt: +"Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen; +Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!" + +Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke: +"Der Freund hier ist's, der auch schon alles weiß; +Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!" +Es überlief ihn dabei kalt und heiß, +So daß er schweigend in sein Schreiben starrte, +Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte. + +Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter; +Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl, +Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden +Und -- schnell entschlossen, kürzte er die Qual, +Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne, +Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne. + +Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische +Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut, +Doch ohne aufzublicken: "Es ist billig, +Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut: +Vernehmet denn, so Euch es mag belieben, +Was mir des Oheims güt'ge Hand geschrieben...." + +Er las: "Wohledler und viellieber Herr und Neffe! +Zu wissen sei Euch und in Treuen kund, +Daß mir gelang, den König zu versöhnen, +So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund'; +Erachte auch, wollt' es nicht ungut nehmen, +Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!" + +"Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren +Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst; +Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne +Und hoher Herren Gnad' ist öfter Dunst, +Den, wenn wir uns am wenigsten versehen, +Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen." + +"Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden," -- +Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark +Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe, +Als schneide er sich in das eigne Mark, -- +"Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert, +Weil Eure Absenz gar so lange dauert." + +"Ihr Jawort hab' ich, für das Weit're wollet sorgen. +Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn; +Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute +Verwirren etwan gern ein Frau'ngehirn; +Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben +Und Euer Zögern könnte viel verderben." + +"So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe, +Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt. +Mit Gruß, Eu'r Oheim Otto, episcopus. --" +Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt, +Den herben Trank in raschem Zug zu leeren, +Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren. + +Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge +Und bracht' ein Wohl aus auf des Junkers Braut. +Hell klangen Krug und Gläslein an einander, +Als jählings ward ein kurzes Klirren laut: +In kleine Scherben lag das Glas zersprungen, +So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. -- + +Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde, +Bis von der Braut im Brief die Rede war, +Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden, +Es trübte sich das schöne Augenpaar, +Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen, +Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen. + +Indessen bald entschlossen all' ihr Leid zu hehlen, +Am ersten dem, der trug die Schuld darob, +Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein, +Da alles sich zum Wohl der Braut erhob, +Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde +Noch minder laut, als das von Adelgunde. + +"Ihr freut Euch wäger?" hörte Elsbeth diese fragen, +Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach, +Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen, +Daß klirrend es in hundert Stücke brach. -- +Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden +Und schweigend trug, hat Schweres überwunden. + +Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte +Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht, +Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend, +Daß es an Speis' und Trank gebreche nicht; +Bis Adelgunde spät zur Ruh' begehrte, +Weil nun der Abend ihr zu lange währte. + +Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte, +Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar, +Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte, +Obschon es damals just nicht Sitte war, +Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen, +Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. -- + +"Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber," +Sprach Adelgund' auf Elsbeths "gute Nacht!" +"Er soll uns singen und zum Tanze spielen, +Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht. +Was wär' das Leben, gäb's nicht hin und wieder, +Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!" + +Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen, +So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß; +Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer +Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los, +Es wachte lang die Stolze in Gedanken, +Eh', schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. -- + +Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne. +Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach, +Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes, +Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach, +Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen +Zusammenbrach mit überthränten Wangen. -- + +Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute, +Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach, +Der marmorgleichen Züge stummes Wehe +Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach, +Und doch verklärt von überird'schem Schimmer: +Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer. + +Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend, +Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust, +Die unverhohlen ihr im Busen glühte, +Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust, +Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte, +Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte. + +Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln +In Blüthenduft und frischer Lenzespracht. +O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele +Ein einz'ger Blick noch wunschlos glücklich macht, +Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen +Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! -- + +Und nun war all' dies aus, in schwarze Nacht versunken, +Vernichtet ihres Herzens schöner Traum, +Vom Sturm geknickt die duft'ge Frühlingsblüthe +So furchtbar jäh -- die Arme faßt es kaum. +Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände +und schluchzte auf, doch hörten's nur die Wände. -- + +Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume, +Die uns am ersten Frühlingstage grüßt, +Ihr früh Erwachen aber -- kommt ein Spätfrost -- +Dann unversehens mit dem Tode büßt, +Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen, +So allzufrüh sich ihr in's Herzlein stahlen. -- + +In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken +Am Bett und starrte trostlos vor sich hin, +Indessen durch die grünen Butzenscheiben +Der volle Mond ihr fahl in's Antlitz schien, +Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet, +Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. -- -- + +Im Palas waren sie noch lange wach geblieben. +Es saß der Spielmann dort am Eichentisch, +Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend, +Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch, +Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen, +Je länger 's ging, mit desto mehr Behagen. + +Herr Kuonrad war's allein, der nicht recht froh drein schaute, +Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt' +Mit witz'gem Worte oder muntrem Sprüchlein, +In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt', +So lang als möglich fröhlich noch zu zechen, +Da Eh'- und Wehstand oft das Krüglein brechen. + +Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen, +Doch däucht' ihn schal und wässerig der Wein; +Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken, +Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein. +Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen, +Daß öfters Benno's Blicke auf ihm ruhten. + +So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich +An Morgen denkend, nun den Vorschlag that: +"Wir wöllen heut' uns schon Behüet Gott! sagen, +Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht, +Die Herren ungehindert reiten können, +Indeß wir andern uns noch Ruh' vergönnen!" + +Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich +Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft, +Die ihm der Vogt so überreich gewährte, +Daß schier vergessen drob er seiner Haft; +Auch -- Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen, +Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen. + +Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten, +War es des Bischofs Bote Edlibach, +Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet: +Er habe "ordlich schön verricht sein Sach, +Und ehrlich den Willkummen also trunken, +Daß, statt in's Bett, daneben er gesunken." + + +Achtes Kapitel. + +Der Jahre manches war gekommen und gegangen +Seit jenem Morgen, als mit Edlibach +Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet, +-- Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, -- +Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen, +Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. -- -- + +Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden +Und wieder grünend prangten Wald und Ried. +In Wald und Fluren sangen Vogelchöre +Den "Willekumm" in nimmermüdem Lied; +Wie Gold begossen lagen Höhn' und Auen +Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen. + +Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch +Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei, +Verkündete mit schnarrendem Geklapper, +Daß just zu Ostern Frühling worden sei, +Der Lenz mit Festgepräng' zur Stadt gekommen, +Wenn er auch nicht den Weg durch's Thor genommen. + +Vom Thurm zu Allerheil'gen glänzte, weithinschimmernd, +Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn; +Die goldnen Federn glitzerten und sprühten, +Als hätt's auch ihm der Frühling angethan. +Tief unten aber in den "Lächen" zogen, +Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen. + +Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse +Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein; +Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker, +Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn. +Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen +Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen. + +Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten +Des trotz'gen Unnoth auf dem Emmersberg; +Von hohen Treppengiebeln halb verborgen, +War's anzuschauen wie ein grauer Zwerg, +Der seit Jahrhunderten am Gerberbache +Verdüstert da stand unter steilem Dache. -- + +Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne "Mauchen" +Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor, +Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich, +Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr, +Als hell vom Münster her die Glocken klangen +Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen. + +Flink wurden überall die Läden aufgeschoben +Und konnte man gar manches Antlitz schau'n, +Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte. +Es schien, dem letztern wär' heut wohl zu traun, +Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen +Der Ostermorgen über Land gezogen. + +Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße +Nach links und rechts, mehr oder minder traut, +Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte, +Der nebenan aus seinem Fenster schaut'. +Inzwischen riefen aber, um die Wette, +Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette. + +Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen; +In Festgewändern zogen Frau und Mann, +Gesind' und Kinder feierlichen Schrittes +Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann +Den Vorzug gaben, oder "Mutter Nesen," +Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen; + +Doch bald erschienen wieder einsam all' die Straßen. +In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt +Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes, +So Einzug hielt in seiner besten Wat; +Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter +Die Vöglein zwitscherten und sangen munter. + +Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen +Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor +Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe, +Auf daß sich "nützid" in die Stadt verlor, +Was frommer Burger Andacht konnte stören, +Eh', Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören. + +So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben, +Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr, +In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben, +Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer +Und sahen drauf, daß kein profanes Walten +Im Mauerring der Stadt sich mocht' entfalten. + +In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen, +Wie es so frommem Wesen zugehört. +Vor ihrem "großen Gott im Münster" konnten +Die München sammt den Laien ungestört +In Andacht knie'n, wenn sie nicht lieber lauschten +Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten. + +Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber, +Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus, +Bis Sang und Orgelklang verklungen waren; +Dann aber ging's im Sturme schier nach Haus, +Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern +Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern. + +Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische. +Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt, +Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore, +Was Winterlang dem Ofen nah gehockt, +Und wer's vor Alter oder Brest nicht konnte, +Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. -- + +Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage +Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt, +Mit noch zwei Herrn durch's Schwabenthor gewandelt, +Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt, +Nun gerne einen Gang in's Freie thaten, +Um zu beschauen sich den Stand der Saaten. + +Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel, +Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild +An schwerer goldner Kette glänzend sonnte, +Erwiederte im Gehn die Grüße mild, +So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten, +Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten. + +Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit, +Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust, +Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil'gen, +Sich seiner hohen Würde voll bewußt, +Grüßt' wohl auch er mit einem leisen Nicken, +Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken. + +Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister; +Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt, +Fiel tief und faltig über Brust und Schultern, +So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt, +Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren, +Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren. + +Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken. +Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand, +Wenn's galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren, +In Zwing und Bännen weit umher im Land; +Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten, +Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten. + +Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel; +Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien, +Bedurft' es wenig, um zu Drei'n, wie Christus +Nach Emmaus, vor's Thor hinauszuziehn, +Bei linder Osterlust und Blättersprießen, +Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen. + +Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges +Und kürzten im Gespräche sich die Zeit, +So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken, +Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit; +Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten, +Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten. + +Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren, +Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut, +Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach: +Von altem Adel und mit Leib und Gut +Der Väter Sitten allzeit streng ergeben, +Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben. + +Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen, +Gekleidet nach der Mode neu'stem Schnitt. +Am Hute prangten Federn, blitzten Steine, +In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt; +Auch waren zierlich ihre Handgewaffen, +Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen. + +Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide, +Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß, +Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause, +Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß; +Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen, +Mit denen sie zum Feste sich behangen. + +In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend, +Blieb dann und wann der Schönen eine stehn, +Um auszuathmen, frische Luft zu trinken +Und weit hin über Berg und Thal zu sehn, +Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte, +Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte. + +Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein, +Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand, +Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften, +Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band, +Erröthend auch und schämig sich erzeigten, +Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten. + +In schlichterem Gewande gingen ernste Burger +Zur Seite ihrer redesel'gen Frau'n, +Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse +Am Wege sich die Gärten zu beschau'n, +Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen, +Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen; + +Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister, +Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath, +Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte, +Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat. +Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet, +Da man im Rath die hellen Farben meidet. + +In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen +Erwogen beide ernst den Casus sie, +Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser +Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh, +Indessen sie, die mitbehaft'ten Bürgen, +Am ersten Loskauf noch genug zu würgen. + +Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher, +Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach. +Selbst Roth, den Waffenschmied, litt's nicht zu Hause; +Er ging mit Meistern von demselben Fach +Nach Langem wieder vor das Thor spazieren, +Lockt' ihn auch nicht der Vöglein Musiciren. + +Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen, +Wie viel die Stadt gewänn' vom Zoll am Rhein +Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht +Mit schlauem Lächeln meinte: "Wenn der mein, +Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen, +Am Rathshaus wären neu vergüld't zu schauen!" + +Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte +Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht, +Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend; +Sie möchten, nun der Frühling war erwacht +Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren, +Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren. + +Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein "Mauchen," +Zu denen sich der Burger fremd verhielt, +Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen, +Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt'; -- +Die Lust, mit Weib und Kind vor's Thor zu gehen, +War schon von weitem ihnen anzusehen. + +Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend, +Das seinen Heimatort im Stiche ließ, +Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln, +Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies' +Belebend oder gruppenweis' im Grase +Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase. + +Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben, +Was hier sich darbot und dem Blick erschien; +Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen +Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin. +Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden +Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden. + +Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken, +Von all der Frühlingspracht ringsum im Land; +Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter, +Bis wo der Burgstall der von Fulach stand, +Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte, +Eh', ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte. + +So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen. +In's Schau'n versunken standen die drei Herrn +Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen, +Den die Schaffhauser auch noch heute gern, +Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen, +Wenn's gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen. + +Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte +Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß, +Daß auf der Straße etlich Reiter nahten, +Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß, +Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten +Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten. + +Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter, +Indessen einer aus dem Sattel sprang +Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte, +Daß weithin es und wohl vernehmlich klang: +"Zur guten Stund' hab' ich Euch treffen müssen, +Vieledler Freund! -- Laßt Euch denn froh begrüßen!" + +Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß +Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand, +Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich: +"Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!" +Dacht' häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen, +Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!" + +"Erlaubet jedoch," dabei wies er auf die Freunde, +"Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn'! -- +Herr Am Staad, unser erster Burgermeister, +Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn', +Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten, +In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!" + +"Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen +Von Allerheil'gen! -- Fromm, wie Keinen mehr +Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern, +Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr. +Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen, +Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen." + +Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte, +Erwies es sich, daß der dem Namen nach +Den beiden längst bekannt war als ein Ritter +Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach +Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben, +Von dessen Richtagen an Höf' und Huben. + +So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich, +Indessen Götz, der seine Pflicht gethan, +Es, während jene mit einander sprachen, +Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn, +Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken +Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken. + +"Beim großen Gott im Münster!" fuhr es unwillkürlich +Von seinen Lippen. "Seh' doch einer her, +Welch' feine Waare unser Freund begleitet, +Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär', +So wir Schaffhauser haben zu empfangen +Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!" + +"Müßt Euch den selber nehmen!" rief erfreut der Ritter, +"Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?" +Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich: +"Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß; +Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie, +Die gern die Wang' ihm küssen nach der Reihe." + +In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten +Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin, +Indessen jene, die er Else nannte, +Von argen Zweifeln schier befangen schien, +Ob richtig wohl den Vater sie verstanden, +Und man auch küssen thät in fremden Landen. + +Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend, +Mit Lächeln an den Zelter hin und bat, +So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine, +Bis diese endlich ihm den Willen that, +Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte +Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte. + +Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren; +Als er auch dieses, wie es heiße, frug, +Gab es die Antwort: "Käth' werd' ich gerufen, +Weil solchen Namen einst die Mutter trug!" +Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen, +Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen. + +"Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist --" +Nahm nun der Ritter wiederum das Wort, +""Und reisemüde;"" -- unterbrach der Schultheiß, +""Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort. +Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten, +Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!"" + +Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen +Der Ritter gerne an, indeß im Schritt +Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten +Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt +Auch sicher vor sich ging und nicht mocht' gleiten, +Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten. + +"Herr Schultheiß!" ließ da bald ihr Vater sich vernehmen, +"Was mich Euch treffen hieß so unverhofft, +Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen, +Ich dachte Eurer diese Zeit her oft. +Vermein' ich doch, 's dürft Euer Rath mir frommen, +Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!" + +"Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren. +Gott tröste sie und schenk' ihr Ruh im Grab! +Die Arme ist zur selben Stund' verschieden, +In welcher Käthen sie das Leben gab, +Und hinterließ die Sorg' um ihre Pflege +Dem Mann, der weder Wege kannt' noch Stege." + +"Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen, +Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie. +Doch, Gott sei Lob! 's ging besser, als ich dachte; +Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die, +Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten +Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten." + +"So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte, +Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn, +Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte, +Daß mälig mir es für die Mägdlein schien, +Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen; +Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen." + +"Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte; +Auch viel zu rüd' des Hauses Ingesind', +Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen. +Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind, +Wird täglich grämlicher in seinem Wesen +Und hat schon Mühe, nur die Meß' zu lesen." + +"Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue, +So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand +Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte, +Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand +Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden +Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!" + +"All' dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken, +Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual, +Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde, +Zu einen sich mit des Verstandes Wahl, +Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket, +Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!" + +"Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen, +Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun, +Verhoffend, daß uns hier geholfen werde, +Für meine Küchlein finde sich das Huhn, +Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich, +Die Mägdlein mir erziehen würd' gebührlich." + +"Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet, +Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer, +Weßwegen ich's zur guten Stunde nannte, +Als wir Euch trafen so von Ungefähr. +Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle, +Eh' einen Horst ich für die Meinen wähle!" -- + +"Will überlegt sein!" nahm der Schultheiß nun die Rede, +"Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort! +Für's Erste will es mir das Beste scheinen, +Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort +Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen +Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen." + +"Bis dies geschehen, biet' ich gern mein Haus zur Herberg' +So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt's an, +Wie wir an jenem Abend, durchgefroren +Und reisemüd' -- schon manchmal dacht' ich dran, +Es ohne langes Zögern angenommen, +Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!" + +"So ich nicht irre, war es Eure eigne Base, +Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt. +Sie aber ward am Hof erzogen, während +In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt +Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg' sie gönnten, +Solch' feiner Schulen sich berühmen könnten." + +Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen +Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein +Ein wenig an, die Freunde zu erwarten, +-- Sie schritten im Gespräche hinter drein, -- +Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden, +Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden. + +Eh' jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten, +Sah'n schon am Thor sie sich und eingezwängt +Von lautgeschwätz'gem Volk, das heimwärts strebte. +Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt, +Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker, +Gelangte man auch bald zum "Herrenacker." + +Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas +Vom Randenburger, nachdem sie noch fein +Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen +Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein +Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken, +Zum Willekomm' des werthen Gasts zu trinken. + +Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten +Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus, +Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten. +Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus, +Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen +Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen. + +Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen, +Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm, +Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein +Voll milder Freundlichkeit entgegen kam +Und also herzig die Erstaunten grüßte, +Als ob sie beide längst im Hause wüßte. + +Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste, +Bei Tische, den Frau Hilda heut' im Saal +Zu decken gut fand, wo, ohn' langes Zaudern, +Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl, +Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen, +Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. -- + +Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten. +Es traten beide bei dem Schultheiß ein, +da just die Nacht begann herauf zu dämmern, +und nun im Saale blinkte Kerzenschein; +doch trafen hier sie schon auch einen dritten, +der längst als guter Hausfreund wohl gelitten. + +Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich, +Der in der Dämm'rung, wie er öfter that, +Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte, +Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat, +Ein Stündlein oder zweie zu verweilen, +Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. -- + +Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale, +Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein, +Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig, +Hellroth erglühte, wie Rubinen fein. +Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte, +Weil dabei sich's gut lauschte und erzählte. + +Das Letzt're that denn auch der Ritter heute fleißig. +Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug, +Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen. +Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug +Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden, +Indessen ihre Freundschaft er gefunden! + +Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen, +Als, da der Ritter schwieg, er diese bat +Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken. +Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath +Und überlegten ernst, auf welche Frauen +In diesem Falle wohl man könnte bauen. + +Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel +Sie bald beschlichen, ob auch all' den Frau'n, +So sich der Mägdlein anzunehmen willig, +Die Fähigkeiten völlig zuzutrau'n? +Frug sich man da auf Ehre und Gewissen, +Ließ eine dies, die andre jenes missen. + +Nach langem Sinnen war's der Propst, der endlich anhub: +"Wie mich bedünkt, so handelt sich's nicht bloß +Um eine Pflegerin für unser Pärlein, +Das missen muß den warmen Mutterschooß; +Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen, +Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!" + +Zum Abt sich wendend fuhr er fort: "Ich kenne eine; +Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat +Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden, +Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt, +Daß weit und breit sich keine Schwester finde, +Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!" + +"Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein, +Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind! +Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend +In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind; +Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren +Mit Kindern, oder hörte besser lehren." + +"Wasmaßen nun, hochwürd'ger Herr und liebe Freunde, +Des werthen Gastes Sache anbetrifft, +So meine ichs: man sollte ohne Säumen +Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift +Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen, +Auf daß in Obhut jener Nunn' sie kämen!" + +Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche; +Doch weil derselbe noch zu denken schien, +Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte: +Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin +Zu folgen; etwas Besseres zu finden, +Würd' er nicht trauen sich zu unterwinden." + +Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes, +Zum Propst gewendet: "Euer Rath ist fein +Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde! +Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein +Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten, +Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten." + +Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen. +Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt +Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe; +Es gehe dies nicht immer rund und glatt, +Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen, +Vom gnäd'gen Willen ihrer Stadt abhingen. + +So war es mälig spät geworden und drum machten +Die Freunde bald sich auf die Socken leis +Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch +Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß +Versprechen müssen, in den nächsten Tagen +Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. -- + +Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben, +Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach. +Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel +Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach, +So wie sie durch die bunten Scheiben flossen, +In Farbenschein sich in den Saal ergossen. + +Da war's der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde, +Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann, +-- Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen, +Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, -- +Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte, +Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte. + +Und einmal angefangen, glich's des Wildbachs Wellen, +Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt, +Vom Regen hochgeschwoll'nen Wasserfluthen, +Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt'; +Als, mit dem Freund alleine, er erzählte, +Was ihm sein Innerstes seit lange quälte. + +"Es war ein Unglück, Schultheiß," klangen herb die Worte, +"Als ich zur Frauen mir die Base nahm. +Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen, +Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram. +Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden, +War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden. + +"Doch mußt' es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich +Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück. +Als hernach fein dem Thoren es erblühte, +Erkannt' ich leider erst des Schicksals Tück', +Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte, +Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!" + +"So reich die Base war, so eisig war ihr Herze. +Der Milde bar und holder Frauen Art, +Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen, +Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart. +Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich's meinte, +Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte." + +"In gegenseit'gem Quälen, bis auf's Blut oft kränkend, +-- Noch heute überläuft mich drob die Scham! -- +Verbitterten wir elend uns das Leben, +Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm, +Um drauß' im Forst, an gar zu bösen Tagen, +Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen." + +"Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs, +Die Fraue zu begüt'gen, ihren Stolz +Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten; +Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz +Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen, +Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!" + +"So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben, +Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt, +Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue +Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt, +In's strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt, +Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt'. + +"Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten, +Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf, +Bis endlich, müde und zum Sterben willig, +Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav', +Der nahe dran, mit seinen eignen Händen, +So jammervolles Dasein sich zu enden!" + +"Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde, +Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag. +Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen, +Als mir im Arm das zarte Wesen lag +Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute, +Mit klaren Aeuglein frisch in's Antlitz schaute." + +"Glückselig ob dem Anblick, wähnt' ich hoffnungsfreudig, +Es ziehe Frieden nun in unser Haus. +Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen +Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus; +Eh' schien mir herber noch der Fraue Wesen, +Als all' die Zeiten vorher es gewesen!" + +"Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben, +Ließ sie gewähren, fügte mich und mied, +Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen, +Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied, +Und zwar so jäh, daß ich's kaum glauben wollte, +Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte." + +"Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine, +Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht. +Und doch, beim heil'gen Blut! ich meint' es ehrlich; +Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht: +Ein' gute Heimstatt Glück und Frieden finden, +Wo sich in Lieb' der Menschen Herzen binden!" + +"Nun aber," schloß er, "laßt mich um Verzeihung bitten, +Weil ich es wagte treuem Freund so lang +Die Ruh' zu rauben. Freilich weiß ich selber +Es nicht zu nennen, was mich heute zwang, +Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle, +Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele." -- + +Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß +Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war. +Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen. +Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar +Und hätte damals, meinte er, geschworen, +Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren. + +Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen, +Auch wohl so großes Unrecht nicht drin' fand, +Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte +Und wahre Neigung nicht die Herzen band -- +Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden: +Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden. + +Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden +Und auf dem Leuchter brannt' das Wachslicht tief, +Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben -- +Und Letzt'rer leise einem Knechtlein rief, +Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren, +Den müden Herrn in's Schlafgemach zu führen. + +Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe. +Seit Jahren schon geheimen Künsten hold, +Wollt' eine Tinktur er noch schnell erproben, +Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold, +Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. -- +Heut' ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. -- -- + +Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen. +Er ging in's Stift, um für die Mägdlein dort +Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen; +Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort, +Der besser, als Agnesenkloster passe, +In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse. + +Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen, +Welch' ein Gewinn für's Stift es dürfte sein, +Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein +Als Lehrerin und Mutter wollte weihn; +Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen +Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen. + +Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte, +Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath +Der Herren etzlich gern es sehen würden, +Wenn sie entschließe sich zur guten That; +Auch schon im Voraus drüber einig wären, +Dem Stift das nöth'ge Placet zu gewähren. + +Auf solches Winken aber gab's nur eine Antwort. +Und so erklärte sie gar grämlich: sie +Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag; +Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie +Es anzufangen und was zu geschehen, +Da sich das Stift solch' Gästen unversehen. + +Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe. +Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau, +Sich vorerst mit der Kusterin bereden; +Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau', +So würden sicherlich sie nichts vermissen, +Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen. + +Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen, +Kam ihm die Oberin jedoch zuvor. +Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene, +Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor +Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen, +Die Dame abberief zum Vespersingen. -- + +Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen +Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst +Nicht allzusehr auf's Spiel zu setzen. Ist's doch +Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst, +Sich im Erzählen weise zu beschränken, +Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. -- + + * * * + +Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten, +Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam, +Im blassen Angesichte Thränenspuren, +Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram, +Gab's Frida Anlaß, voller Spott zu fragen, +Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen. + +Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern, +Wie es sich schickte, nach den Gästen frug, +Vermehrte dies der Alten schlechte Laune, +Gleich einem Funken, der in's Pulver schlug, +Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute, +Weil selten noch so bös sie jene schaute. + +"Bei Eurer Mutter selig, tröst' sie Gott, die Gute!" +Hub lärmend Frida an, "da war der Brauch, +Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte; +Es hatte aber dann der Kaplan auch +Nicht leerem Kirchlein eine Meß' zu lesen, +Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!" + +"Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken, +Drin' Alt und Jung beim Weine sitzend schmort; +Hat man genug, geht's, ohne Abschiedsnehmen, +In aller Still' bei Nacht und Nebel fort. +Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet, +Da bleiben halt die Männer ungestrählet!" + +"Ein B'hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet, +Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal +Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! -- +Hi, hi! Ich mein', es sollte seine Wahl, +Will einer nicht um andrer Schulden büßen, +Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!" -- + +"Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer, +Der unverhofftem Glücke plötzlich nah --" +Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne, +Denn in den blauen Augen Elsbeths sah +Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte, +Der allzu Borstigen zu schweigen winkte. + +Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre, +Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug, +Weßwegen denn der Strom so jach versiegte, +Der eben noch gar hohe Wellen schlug; +Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen, +Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen. + +Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein +Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß, +So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin +Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß, +Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen, +Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen. + +Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen, +Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund; +Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb' zu Grabe, +Versenkte tief sie in der Seele Grund; +Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen, +Gelobte sich die Maid mit festem Willen. -- + +Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied +Von Fräulein Adelgunden manches Wort +Von Männertreu' und Aehnlichem zu hören, +Das kränkend sich in ihre Seele bohrt', +Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen, +Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen. + +Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand +Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern +Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte, +Der neue Tag sei nicht mehr allzufern; +Vom Weinen müd', ersehnte sie den Morgen, +Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen. + +Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher. +Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied +Der Herrin Stimme man nur selten hörte, +Wie auch, daß sie die allzulauten mied, +Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten; +Zu fragen -- mochte Niemand sich erdreisten. + +Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder, +Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang +"Agnoscat omne saeculum" anstimmte, +Und glockenhelle aus der Brust es klang, +Als ob die Seele, frei von ird'schem Ringen, +Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen. + +Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte +Und, fern aus Süd', der Frühling näher kam, +In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend, +War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram; +Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen +Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen. + +Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder +Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug, +Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen, +Drin' sie, wie früher, nach den Armen frug, +Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden, +Bresthaften Hör'gen Speis und Trank zu spenden. + +War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe. +Für jedes hatte sie ein freundlich Wort; +Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen, +Denn eher ließen jene sie nicht fort, +Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen, +Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen. + +Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein +Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß, +Es heißt der Platz noch jetzt "des Herren Bänklein," +Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas +Im Thal des Reiches Straße observirte, +So schon zur Römerzeit im Gau fortführte. + +Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig +Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun: +Daß dem alleine es nur sei beschieden, +In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn, +Der, klüglich wählend, ird'schem Glück entsage, +Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage. + +Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit, +Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach +Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte, +Gleich jenem Glase, das in Scherben brach? +Mußt' sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen, +Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? -- + +Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte, +Erhoffte Gottergebnen Sinn's die Maid +Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte, +Nicht endete in bitterm Herzeleid; +Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen, +War nun der Frommen einziges Verlangen. + +Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele. +Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah', +Als eines Tags, vom Vater nur begleitet, +Mit jedem Schritt sie immer ferner sah, +Des Schlosses Thürme hinter sich versinken, +Die letzten Grüße noch zum Abschied winken. + +Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber, +Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt, +Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke +Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt; +Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen +Die Scheidende sich an den Vater lehnen. + +Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte +Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh' +Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte, +Sich nicht zu überlassen solchem Weh', +Da einer Heimat auf der Spur sie wäre, +Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere. + +Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten, +Ging's dann auf müden Rossen allgemach +Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten. +Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach +Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen, +Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen. + +Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize +In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar. +Des Vaters Bruder hatte, weil er damals +Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war, +Schon vorher dafür Sorge tragen müssen, +Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen. + +Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen +Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ, +Es ward ihr Seelgerett', dem Stift zu eigen +Auf ew'ge Zeiten, wie's im Briefe hieß; +Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren, +Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. -- + +Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches, +Den ihre Seele sehnlich noch gehegt, +Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet, +Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt; +Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte, +War es das Heimweh, was sie leise plagte. + +Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen: +Sie widmete als Nonne nun ihr Thun +Und Denken freudig den gebotnen Pflichten; +Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn, +Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen, +Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen. + +Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden, +Indeß sie selber täglich im Vertrau'n +Der Ob'rin zugenommen, so daß diese +Der Schwester, als der Klügsten von den Frau'n +Im Stifte, das Amt der Kust'rin übertragen, +Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. -- + +Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen, +Baut jeder sich noch eine eigne drin', +Gestaltend sie nach seinem besten Können, +Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn. +Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G'leise +Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise. + +So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer, +In welches selten mal die Sonne schien, +War ihre Welt in der sie, emsig waltend, +Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn. +Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden +Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden. + +Und doch -- ein wunschlos Glück war's nicht, was ihr erblühte. +Wer dürft' auch rühmen, daß ihm dies gelacht +Nur eines Tages kurz gemess'ne Stunde? +Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht, +Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte, +Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? -- + +Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas, +Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht, +Das aber immer, wenn der Burger Kindlein +Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht +Durch's Gitter luegten, wo die Nonnen sangen, +Von neuem nahm der Kust'rin Sinn gefangen. + +Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten +Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal +Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen, +Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl; +Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen +Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen. + +Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen, +Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb +Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen, +Das heimlich noch der keuschen Seele blieb, +Sie hold umwob im angebornen Sehnen, +An Kindesherz das eigene zu lehnen. + +Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung, +Daß mehr er werde, als ein schöner Traum. +Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch +Die Lieblinge und sie bemerktens kaum, +Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte, +Durch's enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. -- -- + +Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth, +Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot, +Schon früh am Morgen bei der Ob'rin eintrat +Und diese ihr alsbald von ihrer Noth +Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause, +Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause. + +Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen +Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei, +Bei sich im Haus solch' junges Blut zu dulden, +So wäre sie am Ende auch dabei, +Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen, +Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen. + +Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein, +Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt, +Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich, +-- Des Ritters Name wurde nicht genannt, -- +Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen, +Drin' gute Ordnung sie nicht länger missen. + +Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein +In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort +Gefunden habe, als ihr armes Kloster; +Er hätte gestern drum in einem fort +Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen, +Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen. + +Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten +Und wär' zu alt. Zum andern aber klar, +Daß von den Schwestern allen nur der Kust'rin +Man anvertrauen könnt' das Mägdleinpaar, +Weil sie der wen'gen eine sei im Kloster, +Die mehr verstünde, als das Pater noster. + +Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden +Und zu dem Custosamte auch die Pflicht +Der Pflegerin zu fügen -- wär's zu schätzen. +Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht; +Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage +Zu wissen, was die Schwester dazu sage. + +Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte, +Der Schwester ging's verloren. Hold bethört +Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es +Die Ueberraschte kaum, was sie gehört +Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen +Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen. + +Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd, +Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht. +Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle, +Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht, +Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen, +Der Himmelskönigin den Dank zu bringen. + +Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten, +Der Sand an jenem Tage langsam nur, +Es wollt' nicht Abend werden und der Morgen +Fand von durchwachter Nacht die Spur, +Als früh zur Ob'rin, die noch tief im Bette, +Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette. + +Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes, +Gab auf Befragen sie der "Mutter" kund, +Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen, +Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und +Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes' Ehren, +Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren. + +Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin +Der Schwester Worten, in Gedanken schon +Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater +Vergaben dürfte, als verdienten Lohn +Für Sorg' und Mühen, die dem Stifte würden, +Solch' ungewohnte Last sich aufzubürden. + +Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie, +Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust'rin auf +Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln, +Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf +Des Tages kämen, Antwort zu verlangen, +Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen. + +Voll freudigen Gehorsam's neigte sich die Gute; +Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein +Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester +Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein, +Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten, +In trauter Ordnung Alles finden sollten. -- + + * * * + +Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen, +Als laut die Glocke klang am Klosterthor, +So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen, +Ihr letztes Bischen Athem fast verlor +Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute, +Wer allso heftig sich zu klingeln traute. -- + +Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester, +Wie ihr die Kusterin heut früh befahl, +Ohn' lang zu fragen, Einlaß nun gewährte, +Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal +Und da in Gnaden etwas zu verweilen; +Sie werde flink den Herrn zu melden eilen. + +Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester +Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur, +Deß' graue Wände alte Bilder zierten, +Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur, +Und überschritten eines Saales Schwellen, +Der fern lag Refectorium und Zellen. + +Es war ein öd' Gemach, doch ließen ein paar Fenster +Die Sonne ein und Duft von frischem Grün, +Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte, +In welchem, lärmend, etlich' Spatzen kühn +Und übermüthig nah' den Fenstern jagten, +Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten. + +Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein +Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand +Des Weges badend, laut sich unterhielten, +Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand, +Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen, +Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen. + +Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen, +Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang, +Das, wie das silberhelle, frohe Lachen, +Bis in die Zellen zu den Nonnen drang, +Die Frommen sicher dort im Beten störte, +Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte. + +Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens, +Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach, +So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen, +Daß, weilen die "Frau Mutter" krank und schwach +Sich fühle, es der Kust'rin Amt gebühre, +Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe. + +Dies sagend huschte sie davon, der Schwester +Es anzumelden, daß die Mägdlein da. +Der Ritter harrte also guter Laune, +Da schon versorgt er seine Kindlein sah; +Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen, +Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen. + +Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte, +Ob der verwegnen, unbefugten That, +Vernahmen seine Ohren leise Schritte. +Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht', +Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen, +Geliebten Namen seine Lippen nennen. -- + +War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel? +In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild, +Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter, +Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild, +Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte, +Erinnerung an sel'ge Zeiten weckte. + +Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust'rin, +Als, nahgetreten, sie die Blicke hob +Und in dem Harrenden den Mann erkannte, +Der einst in ihre Träume sich verwob, +Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte, +Auf lange hin den süßen Frieden raubte. + +Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen; +Denn, statt der Freude, die sie drob empfand, +Daß nah' dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte, +Nahm jetzt die Reue jählings überhand, +Im Busen einen Wunsch genährt zu haben, +Der ihre Ruhe konnte untergraben. + +In einer Sturmflut überquellender Gefühle +Gedachte sie voll Wehmuth all' der Zeit, +Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden. +Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht, +Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen +Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen. + +Nun zog auf's neue ihr ein schneidend Weh durch's Herze +Bei der Erinnerung, was sie empfand, +Als ihre Liebe sie betrogen wußte +Vom selben Manne, der hier vor ihr stand, +Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen, +Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen. + +Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke +Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar, +Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte, +Zu eigen dem, der einst ihr theuer war, +Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte +Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte. + +Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten +Um all' das Leid, das er ihr angethan. +Es regte leise sich im Herzen etwas +Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an; +Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer +Mag zwar erblassen -- ganz erlischt er nimmer! -- + +Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte, +Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach, +Ward zur Verräth'rin dessen, was sie fühlte, +Und was ihr licht aus treuen Augen sprach, +Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte, +Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte. + +Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten +Und seinem Mund entfuhr's: "Ach, Elsbeth, kennt +Von eh'dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer? +Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt +Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden, +Obgleich ich's meiden mußte, kaum gefunden!" + +Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer, +Die mit des Wiedersehens Freude rang, +Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder +Der Holden Stimme in den Ohren klang, +In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte, +Als ob auf Küssaburg er heut' noch büßte. + +Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte, +Versah's die Kust'rin; fromm den Blick gesenkt, +Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände +Im Aermelpaare des Gewands verschränkt, +So daß der Stürm'sche sich besinnen mußte, +Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte. + +Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken. +Es wollt' ihn reuen, seiner Freude jach +Und ungeziemend Wort verliehn zu haben, +Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach +Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange, +Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange. + +Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte +Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund. +'s war eigentlich mehr eine Beichte, in der +Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund +Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend, +Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend. + +Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte +Es nicht mehr glatt vom Munde; 's ward ihm schwer, +Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten. +Er drehte drum die Worte hin und her, +In Sorgen drob, ob sie sich willig finde, +Von ihm zu nehmen solch' ein Angebinde. + +Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes +In's Antlitz ihm so traut und seelengut, +Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte +Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth, +Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien, +Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen. + +Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen. +Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt', +Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen? +Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt, +Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen: +Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen? + +Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen, +Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern +Am Morgenhimmel, mälig blasser worden, +Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn, +Wenn in des Herzens innersten Verstecken, +Die Kindlein längst Vergang'nes wieder wecken? + +In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung +Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt +Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte, +Geheftet ruhn, als wären sie gebannt, +Indessen ein Verlangen ihm erwachte, +Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte. + +Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen; +Es wies sein Wort auf jene Tage hin, +Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte, +Eh' ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn +Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden +Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden. + +"Mir wurde Strafe und ich büßte strenge," sprach er, +"Für das, was ich in Minneschuld verbrach; +Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, -- +Das einzige, was meiner Hoffnung Bach +Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, -- +Kann Liebe nicht sich Lieb' zurück gewinnen?" + +"Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen! +Heut' sehet Ihr den Mann um jene Schuld +Vergebung bitten in dem festen Glauben, +Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld, +So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte, +An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte." -- + +Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten; +Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht. +Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen, +Was sie erinnert' an Gelübd' und Pflicht, +Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören, +Daß sie nicht floh, statt solcher Red' zu hören. + +Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend, +Erflehete von Gott die Arme Kraft, +Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung, +Die Seele falle in der Sünde Haft, -- +Indessen doch, in seligem Berauschen, +Sie's heimlich zwang -- dem lieben Mann zu lauschen. + +Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken, +In das gewiegt sie seiner Worte Gift, +War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden. +Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift, +Der Welt und allem Irdischen gestorben, +Auf einmal frei, von Liebe hold umworben. + +Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte: +"Es stünd' mir übel, was ich selbst verlor, +Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend, +Gleich einem alten, aberwitz'gen Thor. +Doch schwör' ich, daß in all' den Jahren, Tagen, +Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!" + +"Und so ist's wahr! An dieses eine Bild zu denken, +Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf's Qual, +Die Jahre durch mir an der Seele nagte, +Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl, +Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen, +Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!" + +""O, haltet ein, Herr!"" bebten da der Kust'rin Lippen +So leise, daß es kaum zu hören war, +Indessen schön, wie blitzende Demanten, +Auf ihren Wangen perlten Thränen klar, +Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten, +Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten. + +Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen, +Nicht weiter anzuhören, was er sprach; +Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille. +Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach +In's Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte, +Die in Versuchung so die Seele brachte. + +Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte, +Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht, +Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen: +"Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? -- Sprecht, +Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen, +Daß ihm das Glück erscheint, und er's will fassen?" + +"Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort's vergessend, +Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht, +Zu Euch, als seinem guten Engel stehend, +Dem übervollen Herzen Worte leiht, +Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen, +Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!" + +"Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte +Zu Euch zurück! -- O, Elsbeth, saget an: +Gelang's Euch wirklich, Euer Herz zu meistern, +Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? -- +Ich kann's nicht glauben -- drum erlaub' dem Zagen, +Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!" -- + +In Todesängsten bebend, aber hingerissen +Von seiner Worte zärtlicher Gewalt, +Hob die Gequälte da die Sonnenblicke, +Doch nicht zu ihm, deß' Antlitz freudig strahlt, -- +Nein, 's galt dem Christusbild im güldnen Rahmen, +Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen. + +Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd: +"Du schweigst, Elisabeth? -- O, sag' nicht nein! -- +Laß' Dir das Herz von meiner Liebe rühren! -- +Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei'n. -- +Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte, +Die ihre Liebe über Alles setzte! -- + +Es war genug. "Herr!" sagte sie, ihn ernst verweisend, +Schon allzulange hab' ich Euch gelauscht; +Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen, +Die ihre Welt an einen Ort getauscht, +Wo das Gedenken an verwehte Träume +Verunheiligt die Gott geweihten Räume!" + +"Verwehte Träume!" rief er da, ihr näher tretend, +"Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht, +Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe +Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? -- +Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden, +Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!" + +Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz, +Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach; +Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend, +Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach: +"Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen; +Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!" + +"Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen, +Wer je erfahren mußt', was beide werth! +In Gott allein und treuem Pflichterfüllen +Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert; +Noch mehr zu wollen -- ich fühl' kein Verlangen. +Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!" + +Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten; +Er legte sacht' die Hand auf ihren Arm +Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe, +Daß leicht sein Odem sie berührte warm: +Sprach auch das Herz so, Elsbeth? -- Sag' mir offen, +War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?" -- + +"Dem meinen ging es anders! Konnt' es nimmer zwingen, +Nur einen Tag, ja, nur minutenlang +Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe +Lag nie im Banne leid'ger Pflichten Zwang, +Und -- Dir die Wahrheit vollends zu gestehen, +Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!" + +"Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen, +So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt; +Und sie ist's, die vereint mit Glauben, Hoffen, +Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. -- +Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben, +Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?" + +"O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet, +Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß, +Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! -- +Komm', sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das! +Mein guter Engel! -- meine Königinne, +Der allzeit unterthan ich treu in Minne!".... + +Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt +Von seines Herzens minneheißem Drang, +Auf's Knie gesunken vor der arg Erschreckten, +Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang, +Die Zagende allendlich zu gewinnen, +Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen. + +Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden +Bestürmender Gefühle Allgewalt, +Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken, +Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt, +Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie'te, +In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. -- + +In sich verloren und voll sel'ger Lust erschauernd, +Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt', +Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele +Geschäftig sich das Glück der Liebe malt' +In lichten Farben und so lenzeshelle, +Wie's nur vermag erregten Herzens Welle. + +Doch rasch versank das Bild. Todtbitt're Wehmuth füllte +Der Armen Herz, nun die Besinnung kam, +Welch' weite Kluft sie von dem Manne trenne, +Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm, +Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen, +Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren. + +Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden +Und dem gehören, der ihr Trost gesandt, +Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling, +Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand. +Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben, +Aus seinem Hause keine Macht sie treiben. + +Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden, +Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß, +Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten, +Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß, +Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern, +Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. -- + +"Herr Ritter!" klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad, +"Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt, +Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben; +Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont, +Würd' ruchbar werden es der Schwestern Ohren, +Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!" + +"Euch hier zu sehen, hab' ich allweg nicht vermuthet, +Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt, +So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen +Mir allso vorzutragen Euch erspart. +Steht darum auf -- die aber lasset gehen, +So Anderm zu begegnen sich versehen!" + +Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie, +Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach +Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre, +Da scholl ein silbern Lachen durch's Gemach +So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte +Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. -- + +Sieh' dort! In kind'scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend, +Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar, +Die purpurn angehauchten Sammetwangen +Licht überwallt von goldigblondem Haar, +Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute, +Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute. + +Es war des Ritters Paar, das, müd' des Spielens draußen, +Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat. +Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen, +Daß ihretwegen er die Reise that, +Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen, +Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen; + +Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen, +Wie einem der verurtheilt war zum Tod, +Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden; +Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth, +In welche ihn sein Minnewerben brachte, +Als er an sich, statt an die Seinen dachte. + +Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen +Und sank, eh' noch die Kust'rin wehren konnt', +Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen, +Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt, +Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht' gelingen, +Durch ihre stumme Sprache zu erringen. + +"Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen --" +So hörte leise man den Stolzen flehn, +"Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten, +Welch' schwerer Schuld der Vater sich versehn! +Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen +Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen." -- + +Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute, +Es bot Gewährung deß', was er begehrt'. +Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich, +Das Antlitz einem Engel gleich verklärt, +Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend +Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend. + +Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen, +Als es die Gruppe hier im Saale war: +In süßem Selbstvergessen knie'te Elsbeth +Froh bei den Schüchternen und strich das Haar +Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen, +Um stets auf's Neue Gruß und Kuß zu spenden. + +Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends, +Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach, +Und machte Platz ergötzlichem Verwundern, +Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach, +Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern +Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern. + +Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen, +Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt', +Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken, +Auf's Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt, +Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen, +Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen. + +Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben; +Er stand, die feuchten Blicke unverwandt +Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken, +Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt. +Was er ersehnte sich in manchen Stunden, +Hier war es unverhofft und reich gefunden. + +Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien's entflohen; +Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild, +Da Menschenglück und sel'ger Herzensfrieden +Nicht länger sehnender Gedanken Bild. +Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte +Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. -- + +Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte, +Denn, als die Kusterin, an jeder Hand +Der Mägdlein ein's, sich auch erhoben hatte +Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt, +Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen, +So wollte dies der Eitle noch nicht fassen. + +Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden, +Bat er, -- nicht darauf achtend, welche Qual +Ihr sein erneutes Werben machte -- leise +Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl; +Indessen wie demüthig er auch flehte -- +Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä'te. + +"Herr!" war die Antwort "laßt mich dem, dem ich geschworen! +Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt; +Denn, freudig fühlt es meine Seele heute, +Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt, +Was er an Seligkeit nur konnte geben: +Es ist das Glück -- für andrer Wohl zu leben!" + +"Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen, +Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an +In seinem Namen. Ich will für sie sorgen, +Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha'n; +Auch, was ich weiß, 's ist nicht viel, beiden lehren +Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!" -- + +Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden +Kam zu der Reue nun auch noch die Scham, +Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte, +Die jetzt so edel ihm entgegen kam; +Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen, +Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen. + +Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen, +Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel, +Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben, +Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel'gen viel; +Auch wollte sie die Leckermäulchen laben +Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben. + +Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein, +Als wenn man helle Sternlein blitzen sah! +Es blieb kein Zweifel, beide waren willig; +Denn wie aus einem Munde klang ihr "Ja!" +Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage: +Ob hier zu bleiben ihnen es behage? + +Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute +Herrn Kuonrad zu und bat, wie's schien in Hast, +Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte: +"Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast +Bis morgen; trau'n, sie sollen nichts vermissen, +Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!" + +"Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen +Und nach zu schau'n, wie es den Holden geht. +Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben, +Eu'r Einverständniß vorgesehn! so steht +Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln, +Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln." + +Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater +"B'hüet Gott!" zu nehmen, bis zum nächsten Tag, +Indeß' auch sie zum Abschied sich verneigte. +Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag +Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten, +Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten. + +Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange, +Eh' sich der Stolze nach und nach besann +Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend, +Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann, +Um nun den Freunden sein vor allen Dingen, +Wie's um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen. + +Daß jedoch in der Kust'rin ihm die Maid begegnet', +Die seiner Liebe einzig Sehnen war, +Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich +Den Freunden gegenüber, ganz und gar, +Da, sich die Holde wieder zu erringen, +Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. -- -- + +Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde, +Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ, +War's, statt der Kusterin, die Ob'rin selber, +Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß, +Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen, +Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen. + +Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung, +Es thue Noth, die beiden zu erziehn, +Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen, +Des Klosters Armuth und wies darauf hin, +Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen, +Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten. + +Herr Kuonrad merkte sich's; denn als nun doch die Dame +Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift +Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel, +Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift', +Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen, +Als seine Kinder zu St. Agnes seien. + +Die Ob'rin war's zufrieden; aber nicht er selber, +Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn, +Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte, +Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn +Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen, +Als Trauer damit schaffen ihren Seelen. + +Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich +Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg, +Mit schwerem Herzen, all' sein Hoffen bettend +Zu ew'gem Schlummer in der Seele Sarg; +Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben, +In guter Hand zu wissen seine Lieben. + +So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel +Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert'; +Was sie ersehnt', in trüben Augenblicken +Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt, +Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen, +Der, sich zum Schaden, ihr die Treu' gebrochen. + +Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder, +Erinn'rung schlummernde Gedanken wach, +Die sie gestorben glaubte, malte Bilder +Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach +Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen +Jed' ander Denken aus dem Sinn der Reinen. + +Stets frohen Muthes waltete sie all' der Pflichten, +Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt; +Gab's mal zu rügen die oftmals zu Losen, +War bloß der Mund es, der sie schmält', +Mit mildem Worte wußt' das Herz zu rühren, +Statt scharf und streng das Regiment zu führen. + +Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet, +Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht, +So auch gediehen unter Elsbeths Pflege +Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth; +In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen, +Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen. + +Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen +So manche, die auch Mägdlein eigen nannt', +Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte, +Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt', +Und diese baten, jenen doch zu lehren, +Was selbst zu wissen leider sie entbehren. + +Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern +Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut +Auf solche Weise zunahm, sah sie selber +In all' den Pfleglingen, die man zur Hut +Ihr anvertraute, einen reichen Garten +Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten. + +Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe, +Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar +Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte, +So daß der Guten bald zu Muthe war, +Als hätte ihr der Himmel schon hienieden +Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. -- + +Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein, +Bis daß im Stift sich eine Schule schuf, +In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin, +Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf +Sich widmete, mit Liebe stets beflissen +Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. -- + +Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe, +Das "Gotteli von Küssaberg" genannt; +Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen, +Der noch im Kletgau überall bekannt, +Das wird dem Leser nun von selber kommen: +Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen! + + * * * + +Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken, +Kein Krenzlein oder Grabstein weis't den Ort; +Wär' auch ganz ungereimt, darnach zu suchen, +Denn länger lebt im Wort des Liedes fort, +Was sich im Leben treu und ächt erwiesen, +Als was -- in Gold auf Marmorstein gepriesen. + +Anmerkungen. +Seite 16. "Heer" -- Pfarrherr, Seelsorger. +" 19. "Pfeitlein" -- Hemdlein. +" 26. "'ring, g'ring," -- leicht, ohne Mühe. +" 64. "hön" -- grollen, böse sein. +" 65. "Seelgerett'" -- für das Heil der Seele nach dem Tode. +" 68. "Sankt Vrenen Tag" -- in Zurzach der 1. September. +" 68. "kuomli" -- angenehm, bequem. +" 87. "Zindal," "Palmat," "Saben" -- die ersten beiden Seidenstoffe, + das letztere Linnen. +" 88. "hornin Noster" -- zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur + (Rosenkranz.) +" 88. "Hel'gen" -- Bilder, Heiligenbilder. +" 91. "Niftel" -- Nichte. +" 108. "Wannen" -- aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum + Getreidereinigen. +" 117. "Kulter," "Pflumit" -- Polster, Bettpfühl, Federkissen. +" 134. "Nägelein" -- Gewürznelken. +" 175. "batten" -- helfen. +" 198. "stat" -- langsam. +" 213. "wäger" -- wahrlich. +" 214. "Urständ" -- Auferstehung. +" 231. "Göller"-- ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück. +" 250. "Lächen" -- Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen. +" 251. "Mauchen" -- früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter + Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern, + Hintersässen. + +Seite 252. "Wat" -- mittelalterlicher Ausdruck für Anzug. +" 260. "Richtagen" -- Reichthümer. +" 260. "Huben," "Hube" -- Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart. +" 266. "Herrenacker" -- in Schaffhausen der Hauptplatz. +" 277. "Schrättlein" -- Alpdrücken. +" 313. "Gotteli" -- Verkleinerung von "Gotte," in Süddeutschland und + der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder + ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by +Karl Friedrich Würtenberger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + +***** This file should be named 38930-8.txt or 38930-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/ + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38930-8.zip b/38930-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..431cd1d --- /dev/null +++ b/38930-8.zip diff --git a/38930-h.zip b/38930-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c1cd2f3 --- /dev/null +++ b/38930-h.zip diff --git a/38930-h/38930-h.htm b/38930-h/38930-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c00f462 --- /dev/null +++ b/38930-h/38930-h.htm @@ -0,0 +1,10256 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1"> +<title>The Project Gutenberg eBook of Elsbeth von Küssaberg, by Karl Friedrich Würtenberger</title> +</head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Elsbeth von Küssaberg, by Karl Friedrich Würtenberger + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Elsbeth von Küssaberg + das Gotteli von St. Agnesen + +Author: Karl Friedrich Würtenberger + +Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + + + + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + + + + + +</pre> + +<img src="images/E000.jpg" alt="Elsbeth"><h1>Elsbeth von Küssaberg</h1> +<h1>das Gotteli von St. Agnesen</h1> +<p> +Ein episches Gedicht<br> +aus dem Kletgau<br> +von<br> +K. Fr. Würtenberger.<br> +</p> +<p> +Mit Illustrationen.<br> +</p> +<p> +St. Petersburg.<br> +Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere.<br> +1889.<br> +</p> +<p> +Alle Rechte vorbehalten.<br> +</p> +<p> +Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt.<br> +St.-Petersburg, den 14. December 1888.<br> +</p> +<p> +Meiner herzlieben Heimat<br> +zum freundlichen Andenken.<br> +</p> +<h2>Erstes Kapitel.</h2> +<img src="images/E001.jpg" alt="Klettgau mit Küssaburg"><p> +Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden,<br> +Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut,<br> +Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau’s,<br> +Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut;<br> +Vom Tann’ bekränzt, von Eppich übersponnen —<br> +Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. —<br> +</p> +<p> +Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste,<br> +Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest;<br> +Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe<br> +Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest.<br> +Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen,<br> +Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen.<br> +</p> +<p> +Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen,<br> +Ein hundert Jahre alter Epheukranz,<br> +Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern,<br> +Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz;<br> +Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen,<br> +Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.<br> +</p> +<p> +Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken<br> +Verwehren neidisch des Besuchers Fuß<br> +Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen,<br> +Die weithin winken ihren goldnen Gruß.<br> +Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel<br> +Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.<br> +</p> +<p> +Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben,<br> +Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum<br> +Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen,<br> +Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; —<br> +Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen,<br> +Die beide noch mit festen Mauern prangen.<br> +</p> +<p> +So liegt die Stätte heute stille und verlassen,<br> +Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost.<br> +Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen<br> +Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost<br> +Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen,<br> +Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. —<br> +</p> +<p> +Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen.<br> +Hoch überm Thore prangt das Wappenschild<br> +Der alten Küssaberger steingemeißelt;<br> +Sie führten eines Löwen Haupt als Bild.<br> +In braungetäfelten Gemächern waltet<br> +Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.<br> +</p> +<p> +Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen,<br> +Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn.<br> +Muß immerdar der holden Herrin denken,<br> +So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin;<br> +Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren,<br> +Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.<br> +</p> +<p> +Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte<br> +Und was es war, das mich zum Singen zwang.<br> +Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung<br> +Mein Küssaburg zu weihen im Gesang,<br> +Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen;<br> +Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend<br> +An einem Julitage, wie gewohnt,<br> +Hinunter auf die Rebenhänge blickend,<br> +Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont,<br> +In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten,<br> +Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.<br> +</p> +<p> +So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend,<br> +Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein,<br> +Erhoben sich die Blicke mälig höher,<br> +Weit über waldgekrönte Hügelreihn,<br> +Bis wo, als ob im Duste sie verblauten,<br> +Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.<br> +</p> +<p> +Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke<br> +In selten klarem, wundervollem Glanz;<br> +Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc —<br> +Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz.<br> +Es war, als schmückte den uralten Firnen<br> +Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen.<br> +</p> +<p> +Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura<br> +In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort,<br> +Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe<br> +Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort.<br> +Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen,<br> +War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel” zu schauen.<br> +</p> +<p> +Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus<br> +Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß<br> +Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen,<br> +Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. —<br> +Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde,<br> +Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde!<br> +</p> +<p> +Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks;<br> +In vollen Zügen trank ich Waldesduft,<br> +Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt.<br> +Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft,<br> +Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen,<br> +Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! —<br> +</p> +<p> +Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren,<br> +Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein;<br> +Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen<br> +Wie unsereines hier im Sonnenschein.<br> +Es waren darum gar nicht schlecht berathen,<br> +Die einst dahier sich häuslich niederthaten.<br> +</p> +<p> +Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes?<br> +Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann?<br> +That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte,<br> +Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? —<br> +So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen,<br> +Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. —<br> +</p> +<p> +Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten;<br> +Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick.<br> +Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken,<br> +Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick;<br> +Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben,<br> +Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — —<br> +</p> +<p> +Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen,<br> +In deren Fenstern Laden anstatt Glas,<br> +— Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen,<br> +Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, —<br> +Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden,<br> +Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.<br> +</p> +<p> +Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried,<br> +Wie üblich seines Herren Wohngemach<br> +In sichrer Höhe bergend, von wo weiter<br> +Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach<br> +Zur Laube führte, die den Thurm umspannte,<br> +Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg” wandte.<br> +</p> +<p> +Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle,<br> +Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank,<br> +In welcher fahrendem Gesind zuweilen<br> +Man Obdach bot und Speis’ und Trank.<br> +Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite,<br> +Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.<br> +</p> +<p> +Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen<br> +Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft;<br> +Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel<br> +Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft.<br> +Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen,<br> +Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.<br> +</p> +<p> +Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse;<br> +Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt,<br> +Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten,<br> +War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt,<br> +Der Stall und die Gelasse für die Leute,<br> +Ein Falkenhaus und eines für die Meute.<br> +</p> +<p> +So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen.<br> +Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr,<br> +Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute<br> +Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr;<br> +Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern,<br> +Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — —<br> +</p> +<p> +Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag<br> +Da nahte ihr gemach ein junger Mann,<br> +Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte,<br> +Das langsam fürbas seine Schritte spann.<br> +Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter,<br> +Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.<br> +</p> +<p> +In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein,<br> +Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß<br> +Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte,<br> +Denn heute schien die Sonne gar so heiß;<br> +Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen,<br> +Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen.<br> +</p> +<p> +Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte,<br> +Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt,<br> +Verriethen leicht den adeligen Herren,<br> +Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt.<br> +Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken,<br> +Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken.<br> +</p> +<p> +Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde<br> +Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn,<br> +Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten.<br> +Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn,<br> +Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben,<br> +Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben.<br> +</p> +<p> +Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte<br> +Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt,<br> +Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend,<br> +Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’.<br> +Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen,<br> +Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen.<br> +</p> +<p> +Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben.<br> +Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt<br> +Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren.<br> +Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd;<br> +Dem ersteren, er mußte flink sich rühren,<br> +Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. —<br> +</p> +<p> +Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne<br> +Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt,<br> +War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert.<br> +Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt,<br> +Sah Zehentgarben seine Bauern bringen;<br> +Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte,<br> +Bemerkte man von ungeübter Hand<br> +Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben,<br> +Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand.<br> +Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken,<br> +Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.<br> +</p> +<p> +Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben,<br> +Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft,<br> +Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang<br> +Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft;<br> +Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend,<br> +Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.<br> +</p> +<p> +Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte,<br> +War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch.<br> +An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen,<br> +Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch;<br> +In einer Ecke sah man Füße prangen<br> +Von einem Bette, das jedoch verhangen.<br> +</p> +<p> +Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache<br> +Die andre Seite fast zur Hälfte ein<br> +Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte,<br> +Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein;<br> +Denn „Greif” und „Pfeil”, des Vogtes Lieblingshunde,<br> +Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.<br> +</p> +<p> +Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen,<br> +Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht,<br> +Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen<br> +Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht.<br> +Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen,<br> +In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. —<br> +</p> +<p> +Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen<br> +Und stemmte dann die Hände auf den Tisch,<br> +Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend.<br> +Nun er so da stand, seine Wangen frisch<br> +Geröthet und noch dichten, blonden Haaren,<br> +War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.<br> +</p> +<p> +Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen,<br> +In denen Schalkheit sich mit Güte paart’.<br> +Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte<br> +Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart,<br> +In welchem sich, bei näherem Betrachten,<br> +Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. —<br> +</p> +<p> +Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken,<br> +Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’,<br> +In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde,<br> +Denn wie aus einem Munde klang es laut:<br> +„Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!”<br> +„„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...””<br> +</p> +<p> +Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten,<br> +Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’,<br> +Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte,<br> +Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’<br> +Das Zimmer, ohne weiteres versäumen,<br> +Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen.<br> +</p> +<p> +Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte,<br> +Zog selbst der Junker eine Fensterbank<br> +Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder,<br> +Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank,<br> +Ein Gläslein vom Gesims herunter langte,<br> +Vor dessen Größe heute manchem bangte.<br> +</p> +<p> +Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren,<br> +Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach:<br> +„Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!”<br> +Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach<br> +Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren,<br> +Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren.<br> +</p> +<p> +Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte,<br> +Litt dies der Junker nicht; er meinte fein:<br> +„Laßt mich erzählen, warum ich gekommen,<br> +Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!”<br> +Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen,<br> +War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. —<br> +</p> +<p> +„Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen,” —<br> +Hob frisch der Junker an, „bei Eurem Herrn,<br> +Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen,<br> +Und ich gab wahrlich Euch die Zusag’ gern;<br> +Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt’ halten,<br> +Verdanken wir des Bischofs klugem Walten.”<br> +</p> +<p> +„Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich<br> +Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich;<br> +Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen,<br> +Wo beide Parten scheuen den Vergleich, —<br> +Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen,<br> +Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen.”<br> +</p> +<p> +„Ihr wisset, wie ich denke kommt’s mir auch vom Munde.<br> +Zwar schafft’ ich dadurch mir so manchen Span,<br> +Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre,<br> +Hätt’ ich der Zungen nicht den Lauf gela’n.<br> +Ja, klug ist’s schon zur rechten Zeit zu schweigen,<br> +Möcht’ nur die Unzeit sich im Voraus zeigen!<br> +</p> +<p> +„So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche,<br> +Den im Konzil sie über Huß gefällt.<br> +Es war dem Manne frei Geleit versprochen;<br> +Doch, wie man Oben das Versprechen hält,<br> +Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen;<br> +Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!”<br> +</p> +<p> +„An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln,<br> +So dachte ich in gradem, biedrem Sinn;<br> +Drum konnt’ den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen<br> +Und, offenherzig, wie ich einmal bin,<br> +Bekannt’ ich ehrlich, was ich drüber dachte,<br> +Weil Sigismund sein Wort so wenig achte.”<br> +</p> +<p> +„Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren,<br> +Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl,<br> +Ließ hart er an den Bischof meinetwegen<br> +Und schrie, man hörte es im ganzen Saal.<br> +Der König war gekränkt, nicht abzusehen,<br> +Ob mir der Ohm Verzeihung mocht’ erflehen!”<br> +</p> +<p> +„In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber<br> +Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund:<br> +Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse<br> +Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund’<br> +Gesendet werde, was er noch beschlossen,<br> +Und ob der König mein noch denkt verdrossen.”<br> +</p> +<p> +„So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen,<br> +Wo mich der Rheinfall eine Weil’ gestellt. —<br> +Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen<br> +Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt!<br> +Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten<br> +Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!”<br> +</p> +<p> +„Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte,<br> +Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang.<br> +Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder<br> +Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang.<br> +Den Weg durch’s Kletgau hab’ ich fein gemieden,<br> +Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden.”<br> +</p> +<p> +„Mein Roß und ich — wir haben wacker ausgehalten,<br> +Bis heute früh wir Euer festes Haus<br> +Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten.<br> +Da schien’s mit meines Thierlein’s Kräften aus;<br> +Doch war’s nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten,<br> +Ließ drum beim „Wirth am Berg” zu Küßnach rasten.”<br> +</p> +<p> +„Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh’ gepflogen,<br> +Hätt’ mir geschwant, daß hier heraus der Pfad<br> +Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet.<br> +So gab’s für Mann und Roß ein heißes Bad!<br> +Nun aber — saget mir ganz unumwunden,<br> +Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?”<br> +</p> +<p> +Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser<br> +Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein<br> +Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd:<br> +„Von Herzen heiß’ ich Euch Willkommen mein,<br> +Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen;<br> +Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!”<br> +</p> +<p> +Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander<br> +Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug.<br> +Zum Danke bot der Junker seine Rechte<br> +Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug:<br> +„Ein Mann — ein Wort heißt es in deutschen Landen,<br> +Wird leider allzuwenig nur verstanden!”<br> +</p> +<p> +„Traun!” fuhr er launig fort, „was wir hier bieten können,<br> +Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn.<br> +So lange Ihr auf Küssaberg verweilet,<br> +Wöll’n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! —<br> +Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen,<br> +Den Frieden hier in keiner Weis’ zu brechen.”<br> +</p> +<p> +„Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern,<br> +Als unsereinem, da heißt’s langsam ’than!<br> +Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan,<br> +Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn.<br> +Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben<br> +Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben.”<br> +</p> +<p> +„Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen,<br> +So es der Zufall fügte, daß Ihr stört,<br> +Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen,<br> +Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört;<br> +Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele,<br> +Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!”<br> +</p> +<p> +„Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen,<br> +Wie solche wohl mal junge Herren plagt,<br> +So stehen rings Euch Forst und Felder offen;<br> +Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd.<br> +Erlaubt’s die Zeit, so mag ich Euch begleiten,<br> +War je schon meine Lust, im Tann’ zu reiten.”<br> +</p> +<p> +„Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen,<br> +Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid;<br> +Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust<br> +Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid.<br> +Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen,<br> +Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!”<br> +</p> +<p> +„Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten.<br> +Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht,<br> +Allwo der Bauer seit Urväter Tagen<br> +Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht;<br> +Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen<br> +Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen.”<br> +</p> +<p> +„Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen;<br> +Es sind der Mannen eben nicht zu viel<br> +Hier oben und, besonders jetzt im Sommer,<br> +Nur selten Tage für ein müßig Spiel.<br> +Im Winter freilich, sind wir desto freier,<br> +Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier.”<br> +</p> +<p> +„Doch wozu schwatz’ ich lange!” unterbrach er selbst sich,<br> +„Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach,<br> +Derweil ich plaud’re. Gleich soll Euch dies werden;<br> +Nehmt vorlieb nur mit dem gebot’nen Dach.<br> +Für’s erste, denk’ ich, wird es Euch erquicken,<br> +So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!”<br> +</p> +<p> +Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür’ gegangen,<br> +Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt,<br> +Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen,<br> +Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward:<br> +Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen<br> +Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen.<br> +</p> +<p> +Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte,<br> +Besiegelte ein derber Druck der Hand<br> +Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten<br> +Und warme Freundschaft beider Herzen band.<br> +Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig,<br> +Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig.<br> +</p> +<p> +Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen,<br> +Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn,<br> +In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte.<br> +Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn;<br> +Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen,<br> +Soll, wie er’s wünschte, dem die Herberg frommen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken,<br> +Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild.<br> +Fast bang’ ich, daß, nach so viel langen Jahren,<br> +Erinn’rung treu behielt dein Wesen mild,<br> +Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken<br> +Aus Deinen Augen: laß’ den Muth nicht sinken!<br> +</p> +<p> +So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder.<br> +Ich seh’ im blauen Linnenkleid Dich gehn,<br> +Aus dessen aufgeschlitzten, puff’gen Aermeln,<br> +Das weiße „Pfeitlein” liebt’ hervor zu sehn;<br> +Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen<br> +Und lose um den schlanken Leib geschlungen.<br> +</p> +<p> +Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen,<br> +Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht;<br> +Des Haares goldne Wellen schau ich wieder,<br> +Wie noch es ungern sich zusammenflicht.<br> +Dein fröhlich Lied, ich hör’s im Herzen klingen,<br> +Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen.<br> +</p> +<p> +Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede;<br> +Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß<br> +Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte,<br> +Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß.<br> +Dein lieblich Lächeln, heut’ noch kann ich’s schauen,<br> +Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen!<br> +</p> +<p> +Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen,<br> +Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund.<br> +Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern<br> +Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund’;<br> +Wem Speis’ und Trank gebricht, dem wirst Du spenden;<br> +Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden.<br> +</p> +<p> +In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe<br> +Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod;<br> +Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet,<br> +Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. —<br> +Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume!<br> +Elisabeth, was sag’ ich noch zu Deinem Ruhme? —<br> +</p> +<img src="images/E020.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Zweites Kapitel.</h2> +<img src="images/E021.jpg" alt="Kuonrad und Elsbeth rasten"><p> +Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen.<br> +Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch<br> +Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;<br> +Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,<br> +Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen<br> +Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.<br> +</p> +<p> +Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel<br> +In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.<br> +Erröthend treten frisch dem Tag entgegen<br> +In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;<br> +Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern!<br> +Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?<br> +</p> +<p> +Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge<br> +Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.<br> +Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,<br> +Verfärben mälig sich zu blauem Duft;<br> +Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen<br> +Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — —<br> +</p> +<p> +Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle<br> +Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,<br> +Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein,<br> +Wo still der Kaplan seine Messe sprach,<br> +Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,<br> +Geduldig harrend auf das letzte Amen.<br> +</p> +<p> +Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,<br> +Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn<br> +Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,<br> +Was jeder heute sollte schaffen gehn;<br> +Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,<br> +Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. —<br> +</p> +<p> +Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe<br> +Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,<br> +Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte<br> +Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;<br> +So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen,<br> +Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. —<br> +</p> +<p> +„Erlaubet Vater,” hörte heut’ man Elsbeth sprechen,<br> +„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,<br> +Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder,<br> +Als ich in Küßnach war das letzte Mal;<br> +Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen,<br> +Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.”<br> +</p> +<p> +„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,<br> +Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,<br> +Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;<br> +Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.<br> +Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,<br> +Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.”<br> +</p> +<p> +„Der Kunz,” entgegnete der Vater, milde lächelnd,<br> +„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;<br> +Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,<br> +Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!”<br> +Da, wie gerufen, nahte von der Seite<br> +Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. —<br> +</p> +<p> +Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,<br> +Erzählte er der Tochter von dem Gast<br> +Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,<br> +Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’;<br> +Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,<br> +Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. —<br> +</p> +<p> +„Man möchte Euch den Kunz entführen!” sagte heiter<br> +Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,<br> +Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken,<br> +Der lange schon sein Siechbett hüten muß,<br> +Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen<br> +Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!”<br> +</p> +<p> +Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,<br> +Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’<br> +Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten;<br> +Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,<br> +Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen,<br> +Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!”<br> +</p> +<p> +Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen,<br> +Und fragend schaute sie zum Vater aus.<br> +Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,<br> +Und so erwiederte sie sittsam draus:<br> +„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen,<br> +Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.”<br> +</p> +<p> +„Es ist ein gutes Werk,” sprach noch sie, leis erröthend,<br> +Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil,<br> +Den uns die Armen ja von Gott erstehen,<br> +An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil,<br> +Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben —<br> +Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.”<br> +</p> +<p> +„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,<br> +Nehmt aber vorher guten Imbiß ein;<br> +Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten<br> +Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!”<br> +Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,<br> +Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle.<br> +</p> +<p> +Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen<br> +An einem Tische doch noch Herr und Knecht. —<br> +Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte,<br> +War Haferbrei, der, steif gekocht und recht<br> +Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte,<br> +Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.<br> +</p> +<p> +Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende,<br> +Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.<br> +Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen<br> +Mit einem Häslein von der letzten Jagd;<br> +Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,<br> +Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.<br> +</p> +<p> +Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,<br> +Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,<br> +Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden.<br> +Sie kannte noch kein besser Sonnendach;<br> +Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen,<br> +Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.<br> +</p> +<p> +Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden,<br> +Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,<br> +Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich<br> +Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,<br> +Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte,<br> +Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte.<br> +</p> +<p> +Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder.<br> +Noch blühten Glockenblumen, Thymian,<br> +Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen,<br> +Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian,<br> +Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten<br> +Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.<br> +</p> +<p> +Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten<br> +Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht<br> +Zu schwer geworden; aber stets verneinte<br> +Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.<br> +Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,<br> +Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen.<br> +</p> +<p> +Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,<br> +Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging;<br> +Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten<br> +Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring.<br> +Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,<br> +Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen.<br> +</p> +<p> +Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts;<br> +Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang;<br> +Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig<br> +Und schien dem Junker bald unendlich lang.<br> +Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,<br> +So gut er konnte durch die Halde nieder.<br> +</p> +<p> +Das Körblein aber ward indessen immer schwerer.<br> +Er sprach im Stillen manches derbe Wort,<br> +Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,<br> +Am Gehn ihn hinderten in einem fort.<br> +Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,<br> +In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen?<br> +</p> +<p> +Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,<br> +Zur Rechten sah er einen Rebenhang<br> +Und links, im Schatten alter Wallnußbäume,<br> +Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang.<br> +Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,<br> +Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.<br> +</p> +<p> +Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten:<br> +„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus!<br> +Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden;<br> +Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!”<br> +Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte,<br> +Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.<br> +</p> +<p> +Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger<br> +Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein<br> +Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser<br> +An eines Baches grünem Uferrain,<br> +In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte,<br> +Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte.<br> +</p> +<p> +„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!”<br> +Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand<br> +Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen,<br> +Die an dem Wege durch den Wald sie fand,<br> +Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden,<br> +Der Platz an ihrem Busen sollte finden.<br> +</p> +<p> +Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte<br> +Und lagerte sich hin in’s hohe Gras;<br> +Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,<br> +So daß sein Träger nicht zu nahe saß.<br> +Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden,<br> +Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden.<br> +</p> +<p> +Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:<br> +„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann<br> +Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend<br> +Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.<br> +Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,<br> +Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.<br> +</p> +<p> +So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte<br> +Er jedes Mal auch irgend eine Mähr<br> +Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset,<br> +So daß am liebsten dann ich draußen wär.<br> +Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,<br> +Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!”<br> +</p> +<p> +„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;<br> +Doch fürchte ich des Auges bösen Blick,<br> +Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren<br> +Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.<br> +Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,<br> +Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!”<br> +</p> +<p> +„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.<br> +Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt,<br> +Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen<br> +Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. —<br> +Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,<br> +Daß Eurer ich erst wartete im Freien.”<br> +</p> +<p> +Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen<br> +Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß<br> +Am Busen festzunesteln. Damit fertig<br> +Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus;<br> +Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,<br> +Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen.<br> +</p> +<p> +„Da war ich übel dran,” versetzte jetzt der Junker,<br> +Ihr Träumen unterbrechend, „als allein<br> +Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet!<br> +Mir schwante selber, daß es dort nicht rein;<br> +Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen<br> +Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!”<br> +</p> +<p> +„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden<br> +Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld,<br> +Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer?<br> +Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld,<br> +Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen,<br> +Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,<br> +Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.<br> +Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen:<br> +Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?<br> +Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen,<br> +Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.<br> +</p> +<p> +Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,<br> +Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;<br> +Der Junker kürzte also schnell die Rede<br> +Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz:<br> +„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen,<br> +Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!”<br> +</p> +<p> +„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen;<br> +Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild<br> +Und will es halten, als der Herrin Farbe,<br> +Zum Angedenken holder Dame Bild.<br> +Gewähret daher gerne mir die Bitte;<br> +Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!”<br> +</p> +<p> +Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth<br> +Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.<br> +Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte,<br> +So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar,<br> +Und dankte, glücklich über die paar Blüthen,<br> +Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten.<br> +</p> +<p> +Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte,<br> +Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand<br> +Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen.<br> +Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand;<br> +Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,<br> +Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen.<br> +</p> +<p> +„Bin dieses nicht gewohnt,” klang heiter ihre Antwort,<br> +„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält.<br> +Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen,<br> +Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;<br> +Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen?<br> +Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!”<br> +</p> +<p> +Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,<br> +So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt.<br> +Es glich die Maid der zarten Eppichranke,<br> +Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt<br> +Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden;<br> +Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden.<br> +</p> +<p> +Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,<br> +Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah<br> +Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder<br> +Und was ihm selber da und dort geschah.<br> +Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,<br> +Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. —<br> +</p> +<p> +Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet<br> +Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt<br> +Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen,<br> +Von fremden Sitten und gar feiner Art.<br> +Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen<br> +Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen.<br> +</p> +<p> +Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben<br> +Und lauschte staunend jeder neuen Kund’.<br> +Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen,<br> +Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;<br> +Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,”<br> +Als ob sie selber in des Zelters Bügel.<br> +</p> +<p> +Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen<br> +Ein wälscher Bube fast ihn niederstach,<br> +Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths,<br> +Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach;<br> +Am Arme aber fühlte er ein Drücken,<br> +Als müßte noch ihr seine Rettung glücken.<br> +</p> +<p> +Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens,<br> +Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn;<br> +Nicht, wie die Hörigen einander winkten,<br> +Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.<br> +Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege<br> +Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege.<br> +</p> +<p> +Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben,<br> +Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand.<br> +Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen;<br> +Doch, wie er eben überlegend stand,<br> +Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen,<br> +Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.<br> +</p> +<p> +Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes<br> +Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.<br> +Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker<br> +Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund<br> +Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen<br> +Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. —<br> +</p> +<p> +Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth<br> +Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt;<br> +Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen,<br> +Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,<br> +Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen,<br> +Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen.<br> +</p> +<p> +Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer<br> +Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;<br> +Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,<br> +Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.<br> +Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen,<br> +Daß es viel besser seit den letzten Tagen.<br> +</p> +<p> +„Das Weib ist noch im Felde draußen,” sprach er heiser,<br> +Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;<br> +Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,<br> +So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.<br> +Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,<br> +Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!”<br> +</p> +<p> +Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,<br> +Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein<br> +Und sagte: „in dem Krug das Tränklein,<br> +Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein;<br> +Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,<br> +Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!”<br> +</p> +<p> +Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein<br> +Und wechselte mit jedem einen Kuß;<br> +Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,<br> +Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,<br> +Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,<br> +Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.<br> +</p> +<p> +„Die Herrin blieb sonst länger!” meinte Seppel brummend,<br> +Als er so eilig sie verschwinden sah;<br> +Sie selber mochte ähnlich denken, aber —<br> +Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.<br> +Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;<br> +Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.<br> +</p> +<p> +Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen<br> +Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß<br> +Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.<br> +Dann strampelte das Büblein rasch sich los,<br> +Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;<br> +Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern!<br> +Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;<br> +Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben<br> +Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!<br> +Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen;<br> +Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?”<br> +</p> +<p> +„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!”<br> +Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:<br> +„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd<br> +Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.<br> +In jede Kinderseele bringt man Leben,<br> +Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!”<br> +</p> +<p> +„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,<br> +Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!<br> +Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;<br> +Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.<br> +Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,<br> +Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!”<br> +</p> +<p> +Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth<br> +Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,<br> +So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,<br> +Als sie es küssend an die Brust gepreßt,<br> +Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,<br> +Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.<br> +</p> +<p> +Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet<br> +War sie bemüht ein widerspenstig Paar<br> +Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben,<br> +Das blau umzog das herrlich blonde Haar,<br> +Und als sich ihr die Losen endlich fügen,<br> +Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz,<br> +So voller Unschuld ihm entgegensah,<br> +Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen<br> +Von solchem Schauen wunderbar geschah,<br> +Sich tief erröthend wandte um zu gehen,<br> +und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.<br> +</p> +<p> +Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,<br> +So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht;<br> +Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich<br> +Ein fröhlich lachend Kinderangesicht.<br> +Am Wege aber harrten auch die Alten,<br> +Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten.<br> +</p> +<p> +Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet,<br> +Kam schon von Weitem auf sie zugerannt<br> +Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen;<br> +Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt,<br> +Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden,<br> +Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden.<br> +</p> +<p> +Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken,<br> +Sie fehlten heute für die Kinderschaar;<br> +Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen,<br> +Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war!<br> +Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen,<br> +Und gab für heute es drum nichts zu naschen. —<br> +</p> +<p> +Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig,<br> +Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;<br> +Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;<br> +Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:<br> +„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen,<br> +Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!”<br> +</p> +<p> +„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,<br> +Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein,<br> +Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen,<br> +Wie sie im Sommer blühen hier am Rain;<br> +Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen,<br> +Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!”<br> +</p> +<p> +Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen<br> +Und schilderte, was draußen er geschaut;<br> +Was ihm gefallen in den fremden Ländern<br> +Und wie er da und dort dem Glück vertraut.<br> +Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen;<br> +Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen.<br> +</p> +<p> +Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,<br> +Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,<br> +Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,<br> +Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien,<br> +Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken,<br> +Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken.<br> +</p> +<p> +Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,<br> +An jener Stelle, wo sie erst geruht,<br> +Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:<br> +„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.”<br> +War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen,<br> +Der Junker konnte dafür mehr erzählen.<br> +</p> +<p> +So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam<br> +Zusammen aufwärts durch den grünen Wald,<br> +Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet,<br> +Und wandelten im tiefsten Schatten bald,<br> +Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte,<br> +Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. —<br> +</p> +<p> +Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,<br> +Daß längst verschwunden war des Himmels Blau<br> +Und schwere Wolken über ihnen dräuten,<br> +Die alles hüllten in ein düster Grau.<br> +Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden<br> +Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.<br> +</p> +<p> +Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken<br> +Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß.<br> +Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen<br> +Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos;<br> +Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder,<br> +Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder.<br> +</p> +<p> +Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,<br> +Es rann und schwoll das nasse Element;<br> +Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,<br> +Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt.<br> +Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte<br> +Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte.<br> +</p> +<p> +Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,<br> +Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.<br> +Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich<br> +Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;<br> +Auch betete sie leis den Wettersegen,<br> +Der soll sie schützen und der Sturm sich legen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen,<br> +Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;<br> +Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,<br> +Daß dieses bald vorüber dürfte gehn.<br> +Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,<br> +Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen.<br> +</p> +<p> +Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten,<br> +Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.<br> +Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:<br> +„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut;<br> +Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,<br> +Hat sicher das Gewitter her beschworen.”<br> +</p> +<p> +„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel<br> +Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg<br> +Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet,<br> +Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg.<br> +Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,<br> +So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!”<br> +</p> +<p> +„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren<br> +In seiner ganzen unheilvollen Macht;<br> +Verderben bringt es oft auf viele Jahre,<br> +Als hätte uns die Sonne nie gelacht,<br> +Und, wo wir heute noch im Grünen gehen,<br> +Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!” —<br> +</p> +<p> +Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder<br> +Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum,<br> +Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,<br> +In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;<br> +Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,<br> +Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.<br> +</p> +<p> +Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel,<br> +Und krachend fällt so manches grüne Haupt;<br> +Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige,<br> +Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt.<br> +Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,<br> +Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen.<br> +</p> +<p> +Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet,<br> +Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;<br> +Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,<br> +Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.<br> +So steht sie mitten in dem grausen Rauschen<br> +Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.<br> +</p> +<p> +Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen<br> +Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;<br> +Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen<br> +Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.<br> +Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,<br> +Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset,<br> +Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,<br> +Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes<br> +Empfehlend, deren Fürsprache und Macht<br> +Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden<br> +Und gnädig alles Unheil abzuwenden.<br> +</p> +<p> +Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,<br> +Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;<br> +In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,<br> +Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall.<br> +Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,<br> +Und heller wird es in den Wipfeln oben. —<br> +</p> +<img src="images/E042_043.jpg" alt="Elsbeth mit dem bewusstlosen Kuonrad"> +<p> +Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber,<br> +Geendet wähnte Elsbeth alle Noth.<br> +Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten,<br> +Von seiner Stirne floß es blutigroth,<br> +In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;<br> +Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.<br> +</p> +<p> +Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad<br> +Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut;<br> +Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,<br> +Wie einem der die letzten Züge thut.<br> +Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände,<br> +Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände.<br> +</p> +<p> +Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen,<br> +Mit stummer Freude hat sie es gehört,<br> +Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,<br> +Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört;<br> +Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen,<br> +Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen.<br> +</p> +<p> +Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen,<br> +Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt;<br> +Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen,<br> +Noch immer der Besinnung ganz beraubt;<br> +Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen,<br> +Sah wieder sie die Lippen zitternd regen<br> +</p> +<p> +Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen,<br> +Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.<br> +Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen,<br> +Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft,<br> +Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen<br> +Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen.<br> +</p> +<p> +Er wachte mälig auf und seine braunen Augen<br> +Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick;<br> +Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen<br> +Ihr Trost zu spenden über sein Geschick,<br> +Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,<br> +Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben.<br> +</p> +<p> +Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte,<br> +Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,<br> +Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse,<br> +Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.<br> +Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder<br> +Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder.<br> +</p> +<p> +„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen!<br> +Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern<br> +Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber.<br> +Die Heiligen und Euer guter Stern,<br> +Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,<br> +Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!”<br> +</p> +<p> +Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch<br> +Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,<br> +Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben;<br> +Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach,<br> +Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden,<br> +Die anzuhören Elsbeth will vermeiden.<br> +</p> +<p> +Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten!<br> +Bis dahin müssen wir zu Hause sein;<br> +Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden,<br> +Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein.<br> +Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen<br> +Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!”<br> +</p> +<p> +Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,<br> +Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.<br> +Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden<br> +Und spülte es im nächsten Rinnsal klar,<br> +Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;<br> +Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden.<br> +</p> +<p> +Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten<br> +Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg.<br> +Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen<br> +Vom Regen noch im buschigen Geheg.<br> +Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen,<br> +Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen.<br> +</p> +<p> +Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden<br> +Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor;<br> +Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,<br> +So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.<br> +Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen,<br> +Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke,<br> +Wo schon der Herrin harrend Frida stund;<br> +Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber,<br> +Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund.<br> +Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,<br> +Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten.<br> +</p> +<p> +„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!”<br> +Hob zungenfertig jetzt die Alte an,<br> +„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen;<br> +Doch da hat es am wüstesten gethan!<br> +Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,<br> +Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen?<br> +</p> +<p> +„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.<br> +Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.<br> +Sollt immer in der Kemenate sitzen<br> +Und Litaneien lernen bei dem Herrn!<br> +Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;<br> +Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!”<br> +</p> +<p> +Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte:<br> +„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her,<br> +Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet;<br> +Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!<br> +Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,<br> +Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!”<br> +</p> +<p> +„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,<br> +Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit<br> +Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden,<br> +Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!<br> +Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,<br> +Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer.<br> +Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,<br> +War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen<br> +Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’.<br> +Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,<br> +Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. —<br> +</p> +<p> +Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke<br> +In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar<br> +Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.<br> +Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;<br> +Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde —<br> +Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde!<br> +</p> +<img src="images/E048.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Drittes Kapitel.</h2> +<img src="images/E049.jpg" alt="Elsbeth geht beim Kaplan in die Schule"><p> +Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,<br> +That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;<br> +Denn kaum war eine Woche hingegangen,<br> +Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht<br> +Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen,<br> +Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.<br> +</p> +<p> +Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte,<br> +Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,<br> +So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster<br> +Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.<br> +Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,<br> +War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. —<br> +</p> +<p> +Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen<br> +Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’,<br> +So oft es nöthig, drauf den Wassereimer,<br> +Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht<br> +Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,<br> +Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen.<br> +</p> +<p> +Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,<br> +An dessen sonnenreichem Mauerrand<br> +Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte,<br> +Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand<br> +Und Krautwerk für die Küche und die Kranken,<br> +Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.<br> +</p> +<p> +Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig;<br> +Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch<br> +Die Rosen künstlich sich veredeln lassen.<br> +Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch<br> +Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen,<br> +Die zu erzielen beide sich bemühten.<br> +</p> +<p> +Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche,<br> +Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;<br> +Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,<br> +Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.<br> +Das Essen mußte pünktlich fertig stehen,<br> +Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen.<br> +</p> +<p> +Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,<br> +Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’<br> +Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth<br> +Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu;<br> +Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge<br> +Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge.<br> +</p> +<p> +Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen<br> +Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;<br> +Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,<br> +Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund<br> +Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,<br> +Die fern dem Texte des Erklärers lagen. —<br> +</p> +<p> +Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,<br> +Indess’ die Augen nach der Sonne sahn,<br> +Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben<br> +Im Bogenfenster endlich möchte nahn;<br> +Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen,<br> +Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.<br> +</p> +<p> +Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet,<br> +Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;<br> +Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,<br> +Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,<br> +So ließ sie heute auch die Sonne sinken,<br> +Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.<br> +</p> +<p> +Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.<br> +Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’<br> +Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,<br> +Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’,<br> +Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land” erkoren,<br> +Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren.<br> +</p> +<p> +Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen<br> +Der Berge nennen, so von hier man sah;<br> +Nun aber war sie doch etwas verlegen<br> +Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.<br> +Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze<br> +Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.<br> +</p> +<p> +Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich<br> +Dem Junker zu und sagte, mit der Hand<br> +Hinüber auf die weißen Riesen deutend,<br> +In deren Anblick er versunken stand:<br> +„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;<br> +Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!”<br> +</p> +<p> +„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,<br> +So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’;<br> +Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, —<br> +Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’!<br> +Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,<br> +Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.”<br> +</p> +<p> +Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,<br> +Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,<br> +Der Abendsonne goldne Schimmer flossen<br> +In Purpurfluthen über alles Land,<br> +Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,<br> +Die überm „Randen” sich gelagert hatten.<br> +</p> +<p> +„Schaut dort,” hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,<br> +„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,”<br> +Es ist der „Säntis” mit dem „Hohen Kasten”<br> +Und nebenan, rothgülden angehaucht,<br> +Stellt kühn der „Altmann” sich in ganzer Breite<br> +Den ersten beiden Recken an die Seite.”<br> +</p> +<p> +„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,<br> +Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,<br> +Die nennen „Churfürsten” sich stolz mit Namen<br> +Und spiegeln sich in einem grünen See,<br> +Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,<br> +Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.”<br> +</p> +<p> +„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch” weiße Krone;<br> +Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,<br> +Und rosig überhaucht vom Sonnengolde<br> +Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.<br> +Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen<br> +Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.”<br> +</p> +<p> +„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,<br> +Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,<br> +Ist „Vrenli’s Gärtli,” eine Alp vor Zeiten;<br> +Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt,<br> +Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,<br> +Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.”<br> +</p> +<p> +„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.”<br> +Keck ragt der auf zum blauen Firmament,<br> +Als stützte er allein des Himmels Bogen.<br> +Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,<br> +Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen —<br> +Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.”<br> +</p> +<p> +„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,<br> +Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;<br> +Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen<br> +Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.<br> +Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,<br> +Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!”<br> +</p> +<p> +„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks” Riesenkuppe;<br> +Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;<br> +Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,<br> +Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.<br> +Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen,<br> +Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,<br> +In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,<br> +Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren<br> +Und blinkt dazwischen mancher klare See,<br> +So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,<br> +Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.”<br> +</p> +<p> +„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,”<br> +Das „Sustenhorn” soll dessen Nachbar sein.<br> +Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe<br> +Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;<br> +Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften<br> +Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.”<br> +</p> +<p> +„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten<br> +Empfangen eben ihren letzten Gruß!<br> +Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern<br> +Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;<br> +Bald wird der „Lägernberg” im Dunkel stehen,<br> +Schon jetzt ist Badens „Stein” nicht mehr zu sehen.”<br> +</p> +<p> +„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,<br> +Die geben sich so schnell gefangen nicht;<br> +Denn, während überall schon Nacht sich breitet,<br> +Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.<br> +Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,<br> +Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!”<br> +</p> +<p> +„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,<br> +Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,<br> +Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,<br> +In Himmelslüften badend mir die Stirn’<br> +Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,<br> +Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!” —<br> +</p> +<p> +Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,<br> +Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,<br> +Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten<br> +Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,<br> +Indessen abendwärts, von Gold umflossen,<br> +Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.<br> +</p> +<p> +Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels<br> +Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,<br> +Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte,<br> +Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt?<br> +Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen<br> +Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.<br> +</p> +<p> +„Ich muß mich eilen,” sprach sie, „denn des Abends Schatten<br> +Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;<br> +Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,<br> +Der letzte Schein des Tageslichts verjagt<br> +Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen,<br> +Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!”<br> +</p> +<img src="images/E056_057.jpg" alt="Elsbeth erklärt Kuonrad die Alpengipfel"> +<p> +„Dort jener,” eilte sie sich weiter mit Erklären,<br> +„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,<br> +Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,<br> +Soll der „Sankt Gotthard” sein, von wo ein Pfad,<br> +Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,<br> +In wälsches Land sich steil und schaurig winde.”<br> +</p> +<p> +„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,<br> +Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,<br> +Heißt der „Pilatus;” er hat seinen Namen<br> +Von einer Sage die im Lande geht:<br> +Es soll der Böse dort den Richter plagen,<br> +Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.”<br> +</p> +<p> +„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,<br> +Sind „Finsteraarhorn,” „Schreck-” und „Wetterhorn,”<br> +Dann „Mönch” und „Eiger,” wo im längsten Sommer<br> +Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn<br> +Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer<br> +Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!”<br> +</p> +<p> +„Es ist die „Jungfrau.” Herrschend über all’ die Riesen,<br> +Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;<br> +Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,<br> +Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,<br> +Um vor dem Schlafengehn den alten Recken<br> +Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.”<br> +</p> +<p> +„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,<br> +Die leise ausziehn über unser Haupt,<br> +Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen,<br> +Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.<br> +Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,<br> +In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!” —<br> +</p> +<p> +Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen<br> +Des Wächters Horn in langgezognem Schall,<br> +Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;<br> +Vom „Hungerberge” scholl der Wiederhall<br> +Und mischte sich mit fernem Glockensummen,<br> +Das bald erstarb in mäligem Verstummen.<br> +</p> +<p> +Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler,<br> +Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,<br> +Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,<br> +Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,<br> +Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,<br> +Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.<br> +</p> +<p> +Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,<br> +Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;<br> +Dann war es wieder, als ob leichte Füße<br> +Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,<br> +Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,<br> +Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:<br> +</p> +<p> +„Eine Tanne, schlank und duftig,<br> +Meiner Minne Maienzier<br> +Stelle ich zum Angedenken<br> +Nächtens vor braun Maidlins Thür.”<br> +</p> +<p> +„Rosmarin und rothe Ilgen<br> +Schmücken viel den Maienbaum,<br> +Meine Seele aber zieret,<br> +Süßer Minne holder Traum.”<br> +</p> +<p> +„Gäb ein Schlüsselein die Feine<br> +Mir von Gold, ich schlöß sie ein,<br> +Tief in meines Herzens Schreine<br> +Und verlör das Schlüsselein.”<br> +</p> +<p> +Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,<br> +Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,<br> +Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,<br> +Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.<br> +In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele,<br> +Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:<br> +</p> +<p> +„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne.<br> +Und die feinen Blümlein stehn;<br> +Denke, was die Mutter sagte,<br> +Würd’ den Maienbaum sie sehn?”<br> +</p> +<p> +„Hast den Schlüssel Du verloren,<br> +Ist mir recht; denn wahre Minn’<br> +Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,<br> +Und bleibt doch im Herzen drin’.”<br> +</p> +<p> +„Tief im Walde grünt die Tanne,<br> +Rothe Ilgen duften fein.<br> +B’hüet Dich Gott in stiller Kammer,<br> +Und gedenk’ der Treuen Dein!”<br> +</p> +<p> +„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!” sagte Elsbeth<br> +Zum Junker, als der Sang verklungen war.<br> +„Sie sind sich zugethan in allen Ehren<br> +Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar;<br> +Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen<br> +Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.”<br> +</p> +<p> +„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,” schloß sie freundlich,<br> +„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!”<br> +Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden<br> +Und huschte nun die Wendeltreppe sacht<br> +Hinunter, daß die trocknen Treppensparren<br> +Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. —<br> +</p> +<p> +Herrn Kuonrads „Gute Nacht!” kam ihr nicht mehr zu Ohren,<br> +Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt.<br> +Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,<br> +Wo eben noch die Liebliche geweilt;<br> +Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,<br> +Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.<br> +</p> +<p> +Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele<br> +Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.<br> +Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,<br> +Um die im Stillen unlängst er gefreit,<br> +Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,<br> +Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.<br> +</p> +<p> +Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen,<br> +Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt,<br> +Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten,<br> +Daß bald ihm werde der Erkornen Hand.<br> +Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,<br> +Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen.<br> +</p> +<p> +Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele:<br> +Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht,<br> +Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen,<br> +Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht;<br> +Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,<br> +Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.<br> +</p> +<p> +Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben,<br> +Es trat an dessen Platz ein ander Bild:<br> +Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte,<br> +Nein, lieblich, hold und fein und mild;<br> +Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen<br> +Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen.<br> +</p> +<p> +In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen,<br> +Er konnte tief in ihre Seele schau’n,<br> +Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’<br> +Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n.<br> +Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,<br> +War seines Herzens stürmisches Verlangen.<br> +</p> +<p> +So stand er, sich versenkend in die lieben Züge,<br> +Im Wesen ihm und in Gedanken nah;<br> +Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern,<br> +Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:<br> +In Züchten stiller Minne treu ergeben<br> +Und milde waltend, deutsches Frauenleben.<br> +</p> +<p> +Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein,<br> +So stolz, weil es entstammte wälschem Blut;<br> +Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten,<br> +Und doch verriethen tief verborgne Gluth!<br> +Das tausendmal am gleichen Sommertage<br> +Die Laune wechselte zu seiner Plage.<br> +</p> +<p> +Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,<br> +Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.<br> +Der Oheim mußte längst geworben haben,<br> +Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl?<br> +Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen,<br> +Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen.<br> +</p> +<p> +Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend,<br> +Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt.<br> +Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben,<br> +Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt;<br> +Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden,<br> +Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden.<br> +</p> +<p> +Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,<br> +Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,<br> +Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,<br> +Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.<br> +Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;<br> +Die Herren mochten seiner lang schon warten. —<br> +</p> +<p> +Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,<br> +Verkürzten sich die Knechte auf der Bank<br> +Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;<br> +Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,<br> +Als diese noch, auf allgemein Verlangen,<br> +Ein paar „Gesätzlein,” die hier folgen, sangen.<br> +</p> +<p> +Wir lieben’s den viel rothen Wein,<br> +Denn er geht frisch in’s Blut uns ein.<br> +Gedeihen muß das Leben,<br> +Wenn wir das Kännlein heben!<br> +Gedeihen muß das Leben,<br> +Wenn wir das Kännlein heben!<br> +</p> +<p> +Kommt es auch vor, daß wir einmal<br> +Festsitzen bis zum Morgenstrahl;<br> +Beim Weine uns zu wärmen,<br> +Die ganze Nacht durchschwärmen!<br> +Beim Weine uns zu wärmen,<br> +Die ganze Nacht durchschwärmen!<br> +</p> +<p> +So sind dem Zecher doch nicht hön<br> +Drob unsre lieben Frauen schön,<br> +Dieweil sie selbst gern nippen<br> +Am Wein, mit Rosenlippen!<br> +Dieweil sie selbst gern nippen<br> +Am Wein, mit Rosenlippen!<br> +</p> +<p> +Hallowerwein, Du Edelblut,<br> +Du schmeckst zu allen Zeiten gut;<br> +Nach Dir geht unser Streben,<br> +So lange wir am Leben!<br> +Nach Dir geht unser Streben,<br> +So lange wir am Leben!<br> +</p> +<p> +Und geht es einst auf’s Todtenbett,<br> +So reichet uns, als Seelgerett’,<br> +Von Hallau Saft der Reben,<br> +In’s Jenseits uns zu heben!<br> +Von Hallau Saft der Reben,<br> +In’s Jenseits uns zu heben!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Der schönste Tod, den ich mir weiß,<br> +Das ist: im Wald zu sterben;<br> +Viel schöner, als im Bette heiß,<br> +Aus Lumpen zu verderben!<br> +</p> +<p> +Der beste Wein, so jeder kennt,<br> +Er muß wohl sein gegohren;<br> +Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,<br> +Der d’Hörnlin hat verloren!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut,<br> +Du Edeltrost der Mannen!<br> +Wie schmeckst Du allerorten gut,<br> +Aus Humpen und aus Kannen.<br> +Hat einer von Dir etzlich Stück<br> +Im kühlen Keller vergraben,<br> +So preis’ er’s als sein größtes Glück,<br> +Am Weine sich zu laben!<br> +</p> +<p> +Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost,<br> +Vielschöne Maid im Walde!<br> +Nach Deiner minniglichen Kost<br> +Sehn’ ich mich nur zu balde.<br> +Wer immer Dich sein eigen nennt,<br> +Dem brennt ein Feu’r im Herzen;<br> +Macht, daß er keine Jahrzeit kennt<br> +Und thaut, wie Schnee im Märzen!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Was ist es, dessen sich freuen soll<br> +Am ersten ein guter Zecher,<br> +Wenn ihm die Maid einen Humpen voll<br> +Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!<br> +Ist es das Naß in der Kanne klar,<br> +Hellperlendes Blut der Reben?<br> +Ist es der Maid frisch Lippenpaar,<br> +Nach denen geht sein Streben?<br> +Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn,<br> +Das braucht’s nicht lang zu rathen;<br> +Ein Jeder tröst’ sich Beider gern,<br> +Vom Spielmann bis Prälaten!<br> +</p> +<p> + ———<br> +</p> +<p> +Mein Mägdlein trägt ein Camisol<br> +Mit einem Purpursaume;<br> +Nun gute Nacht und schlafet wohl,<br> +Und denket mein im Traume!<br> +</p> +<img src="images/E066.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Viertes Kapitel.</h2> +<img src="images/E067.jpg" alt="Elsbeth und Kuonrad in der Krypta von St. Verena"><p> +Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler,<br> +Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn.<br> +Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich,<br> +Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn;<br> +Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle,<br> +Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale.<br> +</p> +<p> +Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen<br> +Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit,<br> +Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel,<br> +Doch der wich kaum um eine Spanne breit;<br> +Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen,<br> +Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen.<br> +</p> +<p> +Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,<br> +Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust.<br> +Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler,<br> +Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust;<br> +Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,<br> +Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. —<br> +</p> +<p> +Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf<br> +Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß.<br> +Sie feierten die Heilige in Zurzach,<br> +Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß,<br> +Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,<br> +War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.<br> +</p> +<p> +Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden,<br> +Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,<br> +Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten.<br> +Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,<br> +Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,<br> +Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen.<br> +</p> +<p> +Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore.<br> +Dort ließen Haus und Xaver alsgemach<br> +Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder,<br> +Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach:<br> +’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren,<br> +Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!”<br> +</p> +<p> +„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen;<br> +Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!”<br> +Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend,<br> +Denn an der Winde galt es Manneskraft,<br> +„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,<br> +Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!”<br> +</p> +<p> +„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!”<br> +Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht.<br> +Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel<br> +Find’t stets das Beste grade für sich recht;<br> +Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen<br> +Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.”<br> +</p> +<p> +Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,<br> +Da polterte es von der Brücke her,<br> +Schnell traten beide drum zur nächsten Luke,<br> +Von der man übersah des Schlosses Wehr.<br> +’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben,<br> +Wie immer, mußte vor dem Vogte traben.<br> +</p> +<p> +Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,<br> +Des Zelters Zügel in der zarten Hand.<br> +Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen<br> +Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand;<br> +Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen,<br> +Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.<br> +</p> +<p> +Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,<br> +Daß nicht entrolle sich die goldne Flut;<br> +Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend<br> +Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,<br> +Der leicht beschattete die feinen Züge,<br> +Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge.<br> +</p> +<p> +Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.<br> +Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’,<br> +Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,<br> +Bat er den Hausgenossen zum Geleit;<br> +Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten,<br> +Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten.<br> +</p> +<p> +Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel,<br> +Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.<br> +Sein eigensinnig Rößlein wollte traben,<br> +Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;<br> +Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen<br> +Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.<br> +</p> +<p> +Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe<br> +Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand.<br> +Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,<br> +War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand,<br> +Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte,<br> +Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte.<br> +</p> +<p> +Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber<br> +Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg<br> +Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder,<br> +Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.<br> +Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,<br> +Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen.<br> +</p> +<p> +Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen<br> +Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’,<br> +Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,<br> +So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt:<br> +„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen<br> +Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.”<br> +</p> +<p> +So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. —<br> +Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld<br> +Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,<br> +Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;<br> +Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen,<br> +Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen.<br> +</p> +<p> +Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten,<br> +Die links und rechts an breiter Gasse stehn;<br> +Sie lagen wie verödet in dem Nebel<br> +Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn,<br> +Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,<br> +Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.<br> +</p> +<p> +Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln<br> +An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,<br> +Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde;<br> +Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.<br> +’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden,<br> +Wollt er nicht andern den Genuß verleiden.<br> +</p> +<p> +Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster<br> +Und dabei traf sein kalter Henkerblick<br> +Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke;<br> +Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick,<br> +Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,<br> +Schwang selten er es mehr in seinen Händen.<br> +</p> +<p> +In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber.<br> +Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein<br> +Und hüllte Roß und Reiter immer dichter<br> +In seinen frostig-feuchten Mantel ein.<br> +Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,<br> +Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.<br> +</p> +<p> +Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte<br> +Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt,<br> +Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte<br> +Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt,<br> +In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze,<br> +Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze.<br> +</p> +<p> +Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen,<br> +Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt;<br> +Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,<br> +Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt’,<br> +Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,<br> +Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten.<br> +</p> +<p> +Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,<br> +Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;<br> +Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen<br> +Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid,<br> +Das traute „Elsbeth” müsse er vergessen,<br> +Sie „Fräulein” nennen, höfisch und gemessen.<br> +</p> +<p> +Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er<br> +Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;<br> +Denn was er auch der Schönen sagen wollte,<br> +Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer.<br> +Mit vollem Herzen, blöde und verlegen<br> +Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.<br> +</p> +<p> +Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,<br> +Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,<br> +Wo Benno just sich abzusteigen mühte;<br> +Sein Roß hielt jedes mal hier selber an,<br> +Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,<br> +So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.<br> +</p> +<p> +Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann<br> +Vom andern Ufer er herüber pfiff.<br> +Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter<br> +Und hielten dort im großen Wagenschiff,<br> +Das, als gelöst der Ferg’ die nassen Seile,<br> +Stromaufwärts mußte eine gute Weile.<br> +</p> +<p> +Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke,<br> +So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand,<br> +Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen<br> +Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand;<br> +Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen,<br> +Die „Burg,” erbaut von Roma’s Legionen.<br> +</p> +<p> +Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden,<br> +Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;<br> +Ein Ruderschlag bracht’ es dem Ufer nahe,<br> +Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.<br> +Nur Benno stand noch auf der andern Seite<br> +Und maß im Warten sich des Stromes Breite.<br> +</p> +<p> +Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten,<br> +Verließen es der Vogt und seine Schaar.<br> +Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,<br> +Daß jeder Hufschlag funkensprühend war,<br> +Bergan, und als der steile Weg erstiegen,<br> +Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. —<br> +</p> +<p> +Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen,<br> +Im nahen Rheine ging er still zu Grab.<br> +Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd<br> +Die weißen Zinnen Küssabergs herab;<br> +In klarer Herbstluft mocht’ das Auge schwelgen<br> +Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen.<br> +</p> +<p> +Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,<br> +Denn nah dem Flecken war die Straße voll<br> +Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,<br> +Der Heil’gen bringend frommer Andacht Zoll;<br> +Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,<br> +Geschäften wegen sich zur „Messe” fanden.<br> +</p> +<p> +Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,<br> +Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.<br> +Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste<br> +Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,<br> +Und selten hat es einen mal verdrossen,<br> +Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.<br> +</p> +<p> +In langen Reihen standen graue Leinwandzelte<br> +Den Weg entlang, für allerlei Gethier<br> +Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,<br> +Indeß’ das eigentliche Marktrevier<br> +Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,<br> +Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. —<br> +</p> +<p> +In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen,<br> +Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an,<br> +Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger<br> +Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;<br> +Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde.<br> +Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde.<br> +</p> +<p> +Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren,<br> +Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;<br> +Sein Diener schlug die große Kesselpauke,<br> +So oft er unterbrach der Rede Pracht.<br> +Daneben übten Gaukler ihre Lungen<br> +Und überschrieen sich in allen Zungen. —<br> +</p> +<p> +Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,<br> +Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt,<br> +Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte;<br> +Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt,<br> +Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen<br> +Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen.<br> +</p> +<p> +Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen,<br> +Um desto dichter ward die Menschenschaar<br> +Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;<br> +Der Junker wurde dieses auch gewahr<br> +Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,<br> +Bis mehr sich lichten würden ihre Massen.<br> +</p> +<p> +Ein wenig besser war’s dem Vogt ergangen. Er ritt<br> +Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,<br> +Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend,<br> +Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt.<br> +Gab die nicht Raum auf Kunzens „Platz da!” rufen,<br> +So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. —<br> +</p> +<p> +Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome<br> +Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt,<br> +Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte<br> +Und kreischend sich das Volk noch näher drängt’.<br> +Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken,<br> +Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken.<br> +</p> +<p> +Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,<br> +Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth;<br> +Die Schreckensrufe gellten immer lauter<br> +Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,<br> +Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte,<br> +Der Affe aber rings die Menge höhnte.<br> +</p> +<p> +In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,<br> +Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,<br> +Und fand den Weg gerade zu der Stelle,<br> +Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob<br> +Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute;<br> +Gespitzten Ohres das Gedränge schaute.<br> +</p> +<p> +Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.<br> +Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;<br> +Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber,<br> +So daß der Schimmel drob den Kopf verlor<br> +Und voller Angst in jähem Sprunge scheute,<br> +Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.<br> +</p> +<p> +Doch, eh’ des Rößleins Hufe wieder Boden fanden,<br> +War dieses schon von seiner Last befreit<br> +Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,<br> +Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.<br> +Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde<br> +Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.<br> +</p> +<p> +„Um Gottes Willen!” rief der Junker, selbst erschrocken,<br> +Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein.<br> +„Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?<br> +Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: „Nein!...”<br> +Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen<br> +Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen.<br> +</p> +<p> +Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend,<br> +Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,<br> +So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte,<br> +Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei’n;<br> +Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen<br> +Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.<br> +</p> +<img src="images/E078_079.jpg" alt="Kuonrad bewahrt Elsbeth vor einem Sturz"> +<p> +Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe:<br> +Vom Münster her ertönte Glockenklang,<br> +In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,<br> +So daß es klang wie ferner Chorgesang.<br> +Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,<br> +Um in der Mess’ zu sein bei rechten Zeiten. —<br> +</p> +<p> +Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,<br> +Der es mit strengen Blicken untersucht.<br> +Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten<br> +Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht,<br> +Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,<br> +Nun Jochen flink zu binden war beflissen.<br> +</p> +<p> +Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte<br> +Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor,<br> +Die lehnte noch im Arme ihres Retters,<br> +Fuhr aber tief erröthend nun empor;<br> +Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,<br> +Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen<br> +Und hob mit starkem Arm die süße Last<br> +Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,<br> +Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt,<br> +Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke<br> +Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. —<br> +</p> +<p> +Inzwischen hatte auch die Jagd ein End’ genommen,<br> +Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ;<br> +Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken,<br> +So daß er eilig sich zu gehn befliß.<br> +Der Affe aber war und blieb verschwunden<br> +Und Niemand wußte, welchen Weg er funden.<br> +</p> +<p> +Ohn’ weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,<br> +Deß’ Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt,<br> +Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten<br> +Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt’;<br> +Doch, ob im Flecken unten oder oben,<br> +Sie waren überall gut aufgehoben. —<br> +</p> +<p> +Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,<br> +Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn.<br> +Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen,<br> +Vermieden gerne jeden Trug und Schein,<br> +Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,<br> +Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.<br> +</p> +<p> +Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe<br> +Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand.<br> +Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,<br> +Sie waren stets für Seel’ und Leib zur Hand;<br> +Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,<br> +Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. —<br> +</p> +<p> +Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,<br> +Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut,<br> +Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts,<br> +Den jedesmal ein Glöcklein künden thut.<br> +Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen,<br> +Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.<br> +</p> +<p> +In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,<br> +Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt’,<br> +Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten<br> +Schon Meßgesang und Orgelton erschallt’;<br> +Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,<br> +Bis er die Pferde konnt’ zur Herberg bringen.<br> +</p> +<p> +Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten<br> +Die Beiden, sich bekreuz’gend, in den Dom,<br> +Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,<br> +Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;<br> +In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,<br> +Kam er heut frühe schon zum Fest geritten.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,<br> +In welchem sich geweihtes Wasser fand;<br> +Die Finger netzend, reichte draus er höfisch<br> +Auch etlich’ Tröpflein der Begleitrin Hand,<br> +Und Elsbeth nahm’s mit stummem Dank entgegen.<br> +Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. —<br> +</p> +<p> +Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,<br> +Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;<br> +In Wolken wogte zur bemalten Decke<br> +Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch<br> +Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge<br> +Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.<br> +</p> +<p> +Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte,<br> +Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,<br> +Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens<br> +Und auszuschütten da sein volles Herz,<br> +Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,<br> +Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte.<br> +</p> +<p> +In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau<br> +Im Sarg, den frommer Glaube überbaut’;<br> +Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,<br> +Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut.<br> +Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame,<br> +Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme.<br> +</p> +<p> +Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller<br> +Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.<br> +Um was? Nur diese mochte es erlauschen,<br> +Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr;<br> +Doch tief sah man die Betende sich neigen<br> +In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen.<br> +</p> +<p> +Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz,<br> +Als sie sich endlich vom Gebet erhob;<br> +Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen,<br> +In das sich Seligkeit und Wonne wob,<br> +Und unschwer war der Frommen anzusehen,<br> +Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen.<br> +</p> +<p> +Still kehrte sie zurück durch’s Grabkapellenpförtchen,<br> +Wo ihr Begleiter traumverloren stand.<br> +Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin<br> +Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;<br> +Doch, nun den Arm der Holden er wollt’ reichen,<br> +Wußt’ Elsbeth sittig diesem auszuweichen.<br> +</p> +<p> +„’s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!”<br> +Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt,<br> +„Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen,<br> +So mögt ihr mich begleiten nach der Hand;<br> +Hab’ manchen Auftrag für den Markt bekommen,<br> +Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!”<br> +</p> +<p> +Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen,<br> +Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt’,<br> +Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?<br> +Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:<br> +„Gott will ja, daß wir für einander beten,<br> +So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!”<br> +</p> +<p> +Dann bat sie lächelnd: „Laßt uns nach der Herberg gehen<br> +Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht.<br> +Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,<br> +Eh’ es am Nachmittag zur Vesper geht;<br> +Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen,<br> +Für Jedes einen Kram nach Hause bringen.”<br> +</p> +<p> +Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke<br> +In den vom Junker ihr gebot’nen Arm,<br> +Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,<br> +Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm;<br> +Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,<br> +Bis in der „Rosen” sie den Vater finden. —<br> +</p> +<p> +Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;<br> +Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da.<br> +Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,<br> +Als er die Zwei in’s Stüblein treten sah<br> +Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter:<br> +„Da kommen ja die längst vermißten Reiter!”<br> +</p> +<p> +Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,<br> +Erzählte ihnen sein gespräch’ger Mund,<br> +Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich<br> +Am Vrenentage, nach der Vesperstund’<br> +Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden,<br> +Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.<br> +</p> +<p> +„Da hab’ ich,” sprach er lächelnd, „nun versprechen müssen,<br> +Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.<br> +Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen<br> +Auch etlich’ Freunde treffen, lieb und werth,<br> +So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;<br> +Die alte Freundschaft wiederum erneuen!”<br> +</p> +<p> +Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich,<br> +Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;<br> +Sie brachte Wechsel in das stille Leben,<br> +Das auf dem Berge er geführt bis heut’,<br> +Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.<br> +Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen.<br> +</p> +<p> +Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,<br> +Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.<br> +Ihr war, als sollt’ dem Mahl sie ferne bleiben,<br> +Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht;<br> +Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,<br> +Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.<br> +</p> +<p> +Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,<br> +Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat<br> +Und, weil es lang gedauert bis der fertig,<br> +Die Gäste höflich um Verzeihung bat:<br> +Es sei viel Arbeit heut’ in allen Ecken,<br> +Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken.<br> +</p> +<p> +Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,<br> +Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch,<br> +So daß die, schämig drob, die Lider senkte<br> +Und froh war, als die Wirthin schließlich doch<br> +Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;<br> +Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.<br> +</p> +<p> +Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen,<br> +Im Maul der letztern prangte frisches Grün,<br> +Und dazu Wein, von Badens „Goldwand” stammend,<br> +Verlockten bald zu einem Angriff kühn;<br> +Es mochte auch der weite Ritt am Morgen<br> +Für guten Appetit der Dreie sorgen.<br> +</p> +<p> +Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,<br> +Das stets vom Vogt auf’s neue ward geweckt;<br> +Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,<br> +Da es sie freue, wenn’s den Gästen schmeckt.<br> +Die Herren thaten denn auch so; indessen<br> +Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen.<br> +</p> +<p> +Die Redesel’ge wurde endlich müde, oder<br> +Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;<br> +Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:<br> +Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund,<br> +So abzuziehen vorhin sie versehen —<br> +Und nun konnt’ Elsbeth auch an’s Essen gehen.<br> +</p> +<p> +Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische<br> +Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,<br> +Eh’ es hinaus ging in des Marktes Treiben,<br> +Wo heute manches einzukaufen war.<br> +Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,<br> +Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares.<br> +</p> +<p> +Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte;<br> +Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf.<br> +Bald standen sie im dichtesten Gedränge,<br> +Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;<br> +Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,<br> +Schon tief in Jochens Packkörben vergraben.<br> +</p> +<p> +Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl<br> +Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;<br> +Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte,<br> +Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär’;<br> +Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen<br> +Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.<br> +</p> +<p> +Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,<br> +Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.<br> +Ohn’ viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen<br> +Und barg es in sein dürftig Beutelein;<br> +Dann zog’s ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,<br> +Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.<br> +</p> +<p> +Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken,<br> +Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,<br> +Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen<br> +Und drückte ihm dies flink nun in die Hand.<br> +Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen,<br> +Der Junker dafür eins der braunen Herzen.<br> +</p> +<p> +„Allüberall ist Minne, nur in der Höll’ nicht drinne!”<br> +Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel<br> +Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth,<br> +Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel’;<br> +Sie nahm es lachend an, worauf inmitten<br> +Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.<br> +</p> +<p> +Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,<br> +Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.<br> +Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,<br> +Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;<br> +Zum ersten mußte da sie Frida’s denken,<br> +Der sie ein „hornin Noster” wollte schenken.<br> +</p> +<p> +Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle<br> +Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band<br> +Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel’gen,<br> +Wie es die Herrin für sie passend fand;<br> +Noch kam auch manches, deß’ sie erst nicht dachte,<br> +Das, schön zur Schau gestellt, um’s Geld sie brachte.<br> +</p> +<p> +Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden<br> +Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn,<br> +Als auch die Glocken schon sich hören ließen,<br> +Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien;<br> +Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören,<br> +Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. —<br> +</p> +<p> +Wie Viele, zog’s auch unser Dreiblatt in die Kirche,<br> +So freundlich lag im Abendsonnenschein.<br> +Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange<br> +Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;<br> +Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen<br> +Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen.<br> +</p> +<p> +Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende<br> +Und ging’s hinüber in der Propstei Saal,<br> +Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten<br> +Der Gäste, die geladen sind zum Mahl.<br> +Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer<br> +Der Kerzen, an des Vaters Arm in’s Zimmer.<br> +</p> +<p> +Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen,<br> +Und machte gar verlegen sie der Wahn,<br> +Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,<br> +Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;<br> +Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen<br> +Der Vater, und Herr Kuonrad folgt’ den Zweien.<br> +</p> +<p> +Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute,<br> +So daß er grüßend anhielt hier und dort;<br> +Er wechselte auch im Vorübergehen<br> +Mit dem und jenem wohl ein länger Wort.<br> +Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen,<br> +Dem Gutenburger und dem Wielandingen.<br> +</p> +<p> +Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln,<br> +Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah;<br> +Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,<br> +War mit Gemahlin und der Tochter da,<br> +Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,<br> +Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.<br> +</p> +<p> +Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,<br> +Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht;<br> +Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen<br> +Hätt’ einer Königin zur Ehr’ gereicht,<br> +Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.<br> +Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen.<br> +</p> +<p> +Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es<br> +Die Herren zu der wunderschönen Maid;<br> +Es sprachen von der „Küssaberger Blume”<br> +Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.<br> +Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,<br> +Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.<br> +</p> +<p> +Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange<br> +Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.<br> +Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,<br> +Wär’ vor ihm die vielschöne Jungfrau da?<br> +Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen,<br> +Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.<br> +</p> +<p> +Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,<br> +Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück.<br> +Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,<br> +Die schönen Augen Elsbeths voller Glück.<br> +Er mußte wieder sie „traut Else” nennen,<br> +Eh’ will sie heut’ sich nicht mehr von ihm trennen.<br> +</p> +<p> +Der Ohm that’s lächelnd. Dann begleitete er Beide<br> +Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,<br> +Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend;<br> +Der reichte gnädig eine Hand ihr dar<br> +Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,<br> +Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend.<br> +</p> +<p> +Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder<br> +Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;<br> +Der war hier fremd und harrte längst des Freundes,<br> +Daß er ihn vorstell’, wie der Brauch es schrieb.<br> +Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,<br> +Wußt’ bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.<br> +</p> +<p> +Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen,<br> +Zu manchem Gönner ihm verholfen schon.<br> +Wie immer, waren es zuerst die Damen,<br> +Die er gewonnen durch vornehmen Ton,<br> +Und war dies auch natürlich, da die Frauen<br> +Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.<br> +</p> +<p> +Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker<br> +Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein,<br> +Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern,<br> +Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,<br> +In welchem sie ihn fest zu halten wußte,<br> +Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte.<br> +</p> +<p> +That es der Zufall — oder Fräulein Adelgunde?<br> +Die gern den Junker länger hielt in Haft,<br> +Daß sich die Freiin grade gegenüber<br> +Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!<br> +Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,<br> +Für’s Erste stille und gar steif, gemessen.<br> +</p> +<p> +Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,<br> +Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,<br> +In süßem Vino d’Asti, so die Damen,<br> +Schon damals gerne tranken, kam es sacht,<br> +Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen;<br> +Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.<br> +</p> +<p> +Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste<br> +Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,<br> +Erhöhte sich der Gäste munter Wesen<br> +Und waltete gar bald Gemüthlichkeit,<br> +Die machte, daß die Alten wie die Jungen,<br> +Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.<br> +</p> +<p> +Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt<br> +Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor.<br> +Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,<br> +Im zarten Busen quoll es heiß empor;<br> +Doch mochte schwerlich einer dies beachten<br> +Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.<br> +</p> +<p> +Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater<br> +Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein,<br> +Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,<br> +Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;<br> +Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken,<br> +Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. —<br> +</p> +<p> +Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern<br> +Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,<br> +Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde<br> +Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,<br> +So daß im Stillen der sich schier beklagte,<br> +Wenn offen er’s auch nicht zu zeigen wagte:<br> +</p> +<p> +Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,<br> +Für einen Mann, der gute Sitte kennt,<br> +Und sagte ihnen, mit gewählten Worten,<br> +Manch feines, aber höfisch Compliment,<br> +Das, er war sicher, drang’s zu Elsbeths Ohren,<br> +Für sie so gut wie jeden Sinn verloren.<br> +</p> +<p> +Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,<br> +Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,<br> +Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern,<br> +Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn;<br> +Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen,<br> +Wollt’ auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen.<br> +</p> +<p> +Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber<br> +Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;<br> +Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,<br> +Kam ihr die Freiin zuvor oder frug<br> +Just Adelgunde etwas und — befangen,<br> +Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. —<br> +</p> +<p> +O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket,<br> +Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt?<br> +Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen,<br> +Der widerstand noch Niemand in der Welt?<br> +Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,<br> +Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.<br> +</p> +<p> +Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,<br> +Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;<br> +Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele,<br> +Was es bedeutet, wird Dir offenbar,<br> +Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen,<br> +Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. —<br> +</p> +<p> +Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche,<br> +Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,<br> +Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden,<br> +Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang<br> +Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,<br> +Wie immer bleicher worden ihre Wangen.<br> +</p> +<p> +Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,<br> +Blieb eine Weile still, als sänn’ er nach;<br> +Doch that er dies, um besser sehn zu können,<br> +Was aus den Augen seines Lieblings sprach,<br> +Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,<br> +War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.<br> +</p> +<p> +Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: „Junker!<br> +Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort!<br> +Wie wär’s, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet,<br> +Eh’ Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?<br> +Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen,<br> +Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!”<br> +</p> +<p> +Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad<br> +Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,<br> +Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,<br> +Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß,<br> +Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen<br> +Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.<br> +</p> +<p> +Doch bald sprach Benno lächelnd: „Daß Ihr uns vergessen,<br> +Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr;<br> +Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,<br> +Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!”<br> +Der Junker fügte sich dem Urtheil willig<br> +Und that die Buße, wie es recht und billig.<br> +</p> +<p> +Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.<br> +Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand<br> +Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz,<br> +Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand.<br> +Im Nu war all’ das Herzweh da vergangen. —<br> +Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.<br> +</p> +<p> +Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,<br> +Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl;<br> +Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen<br> +Mit Frag’ und Antwort ohne Wahl und Qual;<br> +Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde,<br> +Hascht’ klug auch dieser er das Wort vom Munde!<br> +</p> +<p> +Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln<br> +Für Elsbeth auszuknacken als Dessert;<br> +Derweilen sie dem Vater nun erzählte,<br> +Daß heute schon sie fast verunglückt wär’,<br> +So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke<br> +Beschützte sie im letzten Augenblicke.<br> +</p> +<p> +Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde<br> +Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,<br> +Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte,<br> +Seit jenem Tag, als das Gewitter war;<br> +Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden<br> +Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden.<br> +</p> +<p> +Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen<br> +Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld<br> +Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde,<br> +Ob der an jenem Tag erwies’nen Huld;<br> +Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen<br> +Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.<br> +</p> +<p> +Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede<br> +Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht’,<br> +Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,<br> +So thue er sich selber dies zu Noth;<br> +Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,<br> +Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken.<br> +</p> +<p> +Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden,<br> +Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,<br> +Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,<br> +Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.<br> +Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen,<br> +Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen.<br> +</p> +<p> +So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere<br> +Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn;<br> +Als dies geschehen, ging es hin zur „Rosen,”<br> +Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein.<br> +Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken,<br> +Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. —<br> +</p> +<p> +Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte<br> +Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.<br> +Wie Zauber lag es über Wald und Fluren;<br> +Im Wiesengrüne schimmerte der Thau,<br> +Tief unten floß der Rhein im klaren Bette<br> +Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.<br> +</p> +<p> +Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe,<br> +Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.<br> +Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen<br> +Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;<br> +Der Schloßvogt ritt, dem „Markgräfler” zu Ehren,<br> +Hier nie vorüber, ohne einzukehren.<br> +</p> +<p> +Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte<br> +Da wehrte Benno, und ging’s wieder fort<br> +In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.<br> +Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;<br> +Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,<br> +Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.<br> +</p> +<p> +Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten<br> +Die Herrn allmälig immer schneller hin,<br> +Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein<br> +Bald jede Eile unvonnöthen schien;<br> +Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,<br> +Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. —<br> +</p> +<p> +Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;<br> +Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum.<br> +Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes,<br> +Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;<br> +Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne<br> +Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.<br> +</p> +<p> +In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,<br> +Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.<br> +Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern,<br> +Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht?<br> +Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,<br> +Welch’ wonnig Träumen ihr die Lippen bindet?<br> +</p> +<p> +Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um’s reden.<br> +Er ritt, die Zügel lässig in der Hand,<br> +Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen<br> +In einemfort der Holden zugewandt;<br> +Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,<br> +Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.<br> +</p> +<p> +Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,<br> +Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal<br> +Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte;<br> +Wo er dann rauher ward und dabei schmal<br> +Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,<br> +Die, nah’ dem Schlosse erst, sich wieder lichten.<br> +</p> +<p> +„Erzählet etwas, Fräulein!” meinte nun der Junker,<br> +Als hier die Pferde wechselten den Gang,<br> +Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,<br> +Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang.<br> +„Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,<br> +Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!”<br> +</p> +<p> +„Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen<br> +Euch kaum genügen,” gab Elsbeth zurück,<br> +„Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;<br> +Mein Wissen bildet just kein großes Stück.<br> +Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,<br> +Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red’ zu geben,<br> +Was sie auch immer von ihm fragen sollt’;<br> +Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben<br> +Ihm erst erzählen, eh’ er reden wollt’.<br> +Da ging denn Elsbeth munter an’s Erzählen;<br> +Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen.<br> +</p> +<p> +Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,<br> +Als auch die Rede auf den Vater kam.<br> +„Sein eigen,” meinte Elsbeth, „wär’ hier Alles,<br> +So nicht der Bischof einst das Erbe nahm<br> +Jetzt freilich würd’ selbst dieses nicht mehr nützen,<br> +Es fehlt ein Sohn, der’s weiter möcht’ beschützen.”<br> +</p> +<p> +„So ist der Vater denn der letzte Küssaberger<br> +Und gehet,” fügte traurig sie hinzu,<br> +„Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern,<br> +Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh’;<br> +Doch ist mir oft, als hört’ mein Herz ich sagen,<br> +Man wird uns nennen noch in späten Tagen!”<br> +</p> +<p> +Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne<br> +Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.<br> +Er frug: „Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater<br> +Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? —<br> +Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;<br> +Mich würd’ es schmerzen, wüßt’ ich Euch in Sorgen!”<br> +</p> +<p> +„Habt vielen Dank, Herr!” lautete die Antwort Elsbeths,<br> +„Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt.<br> +Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen<br> +Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;<br> +Wir kennen nicht des Willens frei Genießen,<br> +Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen.”<br> +</p> +<p> +„So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen.<br> +Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht,<br> +Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen<br> +Mein Leben Gott darbringen im Gebet;<br> +Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben<br> +Und sich und mir das Himmelreich erwerben.”<br> +</p> +<p> +„In’s Kloster! Ihr?” rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad<br> +Und riß den Rappen einen Schritt zurück.<br> +„Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern?<br> +Von selbst entsagen allem Erdenglück? —<br> +Könnt Ihr dies thun, so sag’ ich ohne Scheuen,<br> +Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!”<br> +</p> +<p> +„Doch, Euch beliebt zu scherzen!” sprach er dringlich weiter,<br> +„In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.<br> +Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer<br> +Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft;<br> +Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen<br> +Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!”<br> +</p> +<p> +„Und dann — was werden Eure Hör’gen dazu sagen,<br> +So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut’,<br> +Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder,<br> +Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?<br> +Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten,<br> +So feuchte Mauern Euch gefangen halten?”<br> +</p> +<p> +„Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden,<br> +Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;<br> +Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern,<br> +Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;<br> +Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten,<br> +Als guter Geist zu seinen Häupten walten!”<br> +</p> +<p> +„Glaubt einem Freunde — jener Mann ist zu beneiden,<br> +Dem Euer Herze nur ein wenig hold;<br> +Er findet seinen Himmel schon auf Erden,<br> +Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold.<br> +Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,<br> +Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?”<br> +</p> +<p> +Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad<br> +Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand<br> +In seine Rechte, die sie jedoch zitternd<br> +Im nächsten Augenblicke ihm entwand.<br> +’s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen,<br> +Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.<br> +</p> +<p> +In ihrem Herzen freilich rief’s in hellem Jubel:<br> +„Er liebt mich!” und der frische, rothe Mund<br> +Möcht’ freudig es in alle Lüfte jauchzen,<br> +Es künden laut dem ganzen Erdenrund,<br> +Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder:<br> +„Er liebt Dich und Du Sel’ge liebst ihn wieder!”<br> +</p> +<p> +Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;<br> +Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh,<br> +Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert’,<br> +Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee,<br> +Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,<br> +Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. —<br> +</p> +<p> +Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen,<br> +Vereinigt mit den Schwestern im Gebet<br> +In stiller Klause, von der Welt geschieden,<br> +Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht;<br> +Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden<br> +Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.<br> +</p> +<p> +Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet,<br> +Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;<br> +In wenig Wochen war das Kräutlein Minne<br> +Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum.<br> +Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen,<br> +Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.<br> +</p> +<p> +Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,<br> +Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß.<br> +War dessen Quelle die Entsagung, oder<br> +Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß?<br> +Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden,<br> +Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? —<br> +</p> +<p> +In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe.<br> +Des Mondes Licht, es flutete um sie;<br> +In blauer Dämmerferne lag, wie Silber,<br> +Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie,<br> +Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,<br> +Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.<br> +</p> +<p> +Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,<br> +Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.<br> +Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern<br> +Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor.<br> +Doch, eh’ sich Thor und Brücke mochten zeigen,<br> +Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen.<br> +</p> +<p> +Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise<br> +Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand<br> +Und blickte spähend in der Holden Antlitz,<br> +Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.<br> +Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen,<br> +Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen.<br> +</p> +<p> +„Ihr zaudert, Elsbeth?” klang es weich von seinen Lippen,<br> +„Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!<br> +Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,<br> +Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.<br> +Doch, daß wir Beide dieses Tages denken,<br> +Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!”<br> +</p> +<p> +Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein<br> +Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun<br> +Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,<br> +Die warm und weich in seiner Linken ruhn;<br> +Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten<br> +Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.<br> +</p> +<p> +Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,<br> +Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht’,<br> +Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,<br> +Und hatte dran das Schaustück losgemacht.<br> +Es war ein Münzlein, gülden und gar selten,<br> +Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.<br> +</p> +<p> +„Soll ich das Ringlein werth behalten,” sprach sie flüsternd,<br> +„So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück<br> +Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;<br> +Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück.<br> +Des Tages aber will ich bas gedenken<br> +Und billig meine Frage Euch nun schenken!”<br> +</p> +<p> +So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker,<br> +Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm<br> +Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen,<br> +Gedenkend der, von welcher es ihm kam.<br> +Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen<br> +Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. — —<br> +</p> +<p> +Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert,<br> +Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt’,<br> +Daß Hansli halb todt in der Halle liege,<br> +Von seinem Flugversuch, den er gewagt.<br> +Im Busch der Halde habe sie ihn funden,<br> +Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden.<br> +</p> +<p> +Da schien’s, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,<br> +So rasch ging es des Schlosses Brücke zu;<br> +Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen<br> +Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.<br> +Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,<br> +Daß Hansli damit umging mal zu fliegen.<br> +</p> +<p> +Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager<br> +Und ordnete, was für das Knechtlein gut;<br> +Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen.<br> +Die Herrin spendete ihm also Muth<br> +Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer,<br> +Eh’, selber müd, sie suchte ihre Kammer. —<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder<br> +Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:<br> +Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen,<br> +Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht<br> +Und er als Flügel nutzen wollt’ beim Fliegen,<br> +Um Vesperzeit den Bergfried hätt’ erstiegen.<br> +</p> +<p> +„Das Fliegen wär’ gelungen,” sprach Mechtildis weinend,<br> +Wenn er gewartet bis der Vogel Specht<br> +Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche<br> +Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht.<br> +Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen,<br> +Kopfüber, grad hinunter in die Tannen.<br> +</p> +<p> +Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen,<br> +Daß es erbarmen konnte einen Stein;<br> +Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,<br> +Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. —<br> +Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,<br> +Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.<br> +</p> +<img src="images/E108.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Fünftes Kapitel.</h2> +<img src="images/E109.jpg" alt="Jagdzug"><p> +Novembermonat hat die Herrschaft übernommen;<br> +In weiße Decken hüllt er Berg und Thal,<br> +Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume,<br> +Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl.<br> +Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere<br> +Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere.<br> +</p> +<p> +Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen,<br> +Herunter dort aus den Wachholderstrauch,<br> +Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget,<br> +Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;<br> +Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren<br> +Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren.<br> +</p> +<p> +Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise<br> +Und wundert sich, vom Schneemann überrascht,<br> +Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,<br> +An dem es gestern noch so frei genascht.<br> +Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen<br> +Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.<br> +</p> +<p> +Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,<br> +Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum,<br> +Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen,<br> +Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;<br> +Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,<br> +Deß’ zarte Keime es gar köstlich laben.<br> +</p> +<p> +Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren<br> +Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt;<br> +Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle,<br> +Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt,<br> +Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten —<br> +Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten.<br> +</p> +<p> +In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.<br> +Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt,<br> +Nun zieht’s ihn bergwärts zum versteckten Baue,<br> +Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt,<br> +Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen,<br> +Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen.<br> +</p> +<p> +Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch’ und Rehe,<br> +Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück;<br> +Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte<br> +Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück.<br> +An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern<br> +Und fern im Osten fängt es an zu dämmern.<br> +</p> +<p> +Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,<br> +Als trennte nur die Breite einer Hand;<br> +Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten,<br> +In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand.<br> +Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen<br> +Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen.<br> +</p> +<p> +Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne,<br> +Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;<br> +Die wen’gen Strahlen, so sie heut’ begleiten,<br> +Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,<br> +Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,<br> +Indeß’ sie selbst noch tief am Horizonte.<br> +</p> +<p> +Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;<br> +Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,<br> +Der Wolken zart Geweb’ wird mälig dichter,<br> +So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.<br> +Schon ist auch von der Sonn’ nichts mehr zu sehen,<br> +Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.<br> +</p> +<p> +Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber<br> +Ein hell Halali! durch die Morgenluft,<br> +Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte,<br> +Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft;<br> +Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen<br> +Und „Waidmanns Heil!” hört man vom Bergfried johlen. —<br> +</p> +<p> +Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,<br> +Begleitet von des Schlosses Jägertroß,<br> +In’s nahe Matzenthal hinüber ritten,<br> +Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß.<br> +Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute<br> +Der dicke Kunz der Rüden laute Meute.<br> +</p> +<p> +Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn<br> +Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,<br> +Vereinigt wollten sie am Tage pirschen<br> +Und dann probiren, wie der „Neu” behagt,<br> +Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,<br> +Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen.<br> +</p> +<p> +Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens.<br> +Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,<br> +Im Walde einen „Hirzen” zu bestät’gen;<br> +Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,<br> +So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten,<br> +Sie möchten sich für heut’ auf’s Jagen richten.<br> +</p> +<p> +Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen,<br> +Soll man sich treffen, war es abgemacht.<br> +Nun sind die Gäste angelangt und harren<br> +Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,<br> +Des Freundes, während Udo’s Jägersegen<br> +Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.<br> +</p> +<p> +Und nun — ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich’s kaum glauben,<br> +Als auch er Adelgunden da erblickt’,<br> +Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen,<br> +Erröthend ihm und fast vertraulich nickt’<br> +Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen<br> +Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.<br> +</p> +<p> +Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung,<br> +Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg,<br> +Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,<br> +Da Jochens „Hirz” im dichtesten Geheg<br> +Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen,<br> +Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.<br> +</p> +<p> +Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen<br> +Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,<br> +Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen,<br> +Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;<br> +Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen<br> +Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.<br> +</p> +<p> +Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke<br> +Dich tief in’s Nestlein unterm lockern Schnee!<br> +Mit Windeseile nahen sich die Feinde,<br> +Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh;<br> +Gilt’s auch dem „Achtzehnender” heut’, dem Stolzen,<br> +Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!<br> +</p> +<p> +Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen,<br> +Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;<br> +Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!<br> +Wo eben noch die Stille selbst geruht.<br> +Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen,<br> +Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.<br> +</p> +<p> +In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben,<br> +Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht’ fliehn,<br> +Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde,<br> +Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.<br> +Was treibt die Maid solch’ kühnen Ritt zu wagen,<br> +Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?<br> +</p> +<p> +Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte<br> +Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,<br> +Den Pfaden folgen, die zur Seele führen,<br> +Dem würde darauf jetzt die Antwort kund<br> +Und damit auch die große Kunst gelungen,<br> +Von der bis heute manches Lied erklungen. —<br> +</p> +<p> +Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,<br> +Daß Adelgundens Kleid im Winde weht;<br> +Dem Junker mangelt Will’ und Weil’ zum Sprechen,<br> +Doch dafür denkt er an Elisabeth,<br> +Und wie auch jene immer mag beginnen,<br> +Er muß sich jedes Mal auf’s Wort besinnen.<br> +</p> +<p> +So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen,<br> +Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;<br> +Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben<br> +Und fühlt’ im Herzen nun ein seltsam Weh.<br> +Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,<br> +Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.<br> +</p> +<p> +Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten,<br> +So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;<br> +Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken,<br> +Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt.<br> +Die Rosse wissen’s, die den Boden stampfen<br> +Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen.<br> +</p> +<p> +Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige<br> +Und schütteln von sich ab die weiße Last;<br> +Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze,<br> +Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.<br> +„Faß’ Greif! Faß’ Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!”<br> +Gellt’s hallend durch des Waldes weit Reviere.<br> +</p> +<p> +Jetzt ras’t das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,<br> +Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht:<br> +Das mächtige Geweihe tief im Nacken,<br> +Saust er durch’s Holz, daß Zweig und Astwerk bricht.<br> +Kein Ruhen giebt’s; bergauf, bergab geht’s weiter,<br> +Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen,<br> +Da immer ferner hin sich zog die Jagd,<br> +Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,<br> +Zur Küche eilte, um dort mit der Magd,<br> +Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,<br> +Was jene rüsten sollt’ zum Abendessen.<br> +</p> +<p> +Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,<br> +— Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt<br> +Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,<br> +Beständig fast in ihrer Nähe weilt’ —<br> +Und forderte die auf, sie zu begleiten<br> +Im Palas ein paar Betten zu bereiten.<br> +</p> +<p> +Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,<br> +Die dort für werthe Gäste war bereit;<br> +Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet,<br> +Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,<br> +Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen<br> +Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.<br> +</p> +<p> +Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,<br> +So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,<br> +Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten,<br> +Ob deren jedem schön ein Himmel blaut.<br> +— An’s offne Fenster, um sie durchzulüften,<br> +Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften.<br> +</p> +<p> +Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen,<br> +Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück;<br> +Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen,<br> +Schob sie behutsam wiederum zurück.<br> +Bald war gewählt, was passend ihr erschienen<br> +Und zum Beziehn der Betten mußte dienen.<br> +</p> +<p> +Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet,<br> +Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,<br> +Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte,<br> +Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;<br> +Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,<br> +Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. —<br> +</p> +<p> +Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte<br> +Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;<br> +Mechtildis sollte alles fertig finden,<br> +Wenn Abends sie die mußte überziehn.<br> +Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,<br> +Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen.<br> +</p> +<p> +Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,<br> +Vom Froste rosig überhaucht zu schaun;<br> +Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,<br> +Und den Kamin — vergaßen sie beim Bau’n,<br> +Lag man nur erst mal zwischen all’ den Kissen,<br> +Ließ ja der letztere sich leichtlich missen.<br> +</p> +<p> +Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster<br> +Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang<br> +Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.<br> +Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang;<br> +Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite,<br> +Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!<br> +</p> +<p> +Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,<br> +Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick<br> +Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,<br> +Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;<br> +Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,<br> +Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.<br> +</p> +<p> +Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte<br> +Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,<br> +Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;<br> +Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,<br> +Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,<br> +Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.<br> +</p> +<p> +Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen,<br> +Es schimmerte des Frohsinns holder Schein<br> +Um alle, die in ihrer Nähe weilten;<br> +Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein.<br> +Sie fühlte heißer es im Herzen glühen,<br> +Je mehr sich Aug’ und Mund zu schweigen mühen. —<br> +</p> +<p> +Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,<br> +Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz,<br> +Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter<br> +Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts;<br> +Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele<br> +Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle.<br> +</p> +<p> +Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet,<br> +Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;<br> +Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,<br> +Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.<br> +Die Seligkeit der Liebe geht verloren,<br> +Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. —<br> +</p> +<p> +In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen,<br> +Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann<br> +Und war zufrieden in dem stillen Wahne,<br> +Es liebe wieder sie der liebe Mann;<br> +Ein Lächeln von ihm und ihn nah’ zu wissen,<br> +Genügte ihr und ließ sie Alles missen.<br> +</p> +<p> +Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem<br> +Und tief empfundener Glückseligkeit,<br> +Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,<br> +Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit;<br> +Sie waltete, froh im Gefühl der Minne,<br> +Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,<br> +Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt;<br> +Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale,<br> +Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt.<br> +Er mußte, Elsbeth’s wegen, sich bezwingen,<br> +Ihr kalt erscheinen, nur wollt’s nicht gelingen.<br> +</p> +<p> +Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume,<br> +Und hoffte daß sie ihm begegnen muß;<br> +Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,<br> +Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß,<br> +Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe<br> +Und wußt’ ein trautes Wort er für die Gute.<br> +</p> +<p> +Bald war’s ein stetes Meiden und sich wieder suchen,<br> +Es wußten Beide nicht, wie es geschehn,<br> +Daß sie, die eben in der Halle schieden,<br> +Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn;<br> +Doch hörte Keines man mit Worten sagen,<br> +Was ihre Blicke zu bekennen wagen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen<br> +Dazwischen öfters um den Siegespreis,<br> +Von Tag zu Tage aber ward er müder<br> +Und gönnte jenem, daß es siegte, leis’.<br> +Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,<br> +Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.<br> +</p> +<p> +Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,<br> +Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr;<br> +Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten<br> +Und wie nur Segen blühte um sie her.<br> +Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen,<br> +Dem zu entfliehn ihm mangelt’ das Verlangen.<br> +</p> +<p> +Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder,<br> +Er jeden Morgen ihr „Grüß Gott!” vernahm,<br> +Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,<br> +War’s sicher, daß den Weg er dorthin nahm,<br> +Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine<br> +Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine.<br> +</p> +<p> +In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele<br> +Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt’;<br> +Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,<br> +In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.<br> +Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören,<br> +Er will nur ihr auf immer angehören!<br> +</p> +<p> +Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,<br> +Ihr auszuschütten sein gequältes Herz<br> +Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte;<br> +Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,<br> +In dem er seine Ruh’ geborgen glaubte,<br> +Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.<br> +</p> +<p> +Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben<br> +Die schicklichste Gelegenheit herbei,<br> +Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete,<br> +Denn er fand in des Vogtes Bücherei<br> +Ein Bündlein Schriften, „Parzifal” geheißen,<br> +Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen.<br> +</p> +<p> +Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,<br> +Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’,<br> +Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung<br> +Von ihren vielen Pflichten sich errang.<br> +Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,<br> +Der Lieblichen die Minne zu gestehen.<br> +</p> +<p> +Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad<br> +Ans Lesen jener alten Sage gehn,<br> +Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,<br> +Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,<br> +Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,<br> +Und mußte seinen Plan er drum vertagen. —<br> +</p> +<p> +Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster<br> +Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.<br> +Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich,<br> +Auf ihrer Seele lastete es bang,<br> +Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;<br> +Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.<br> +</p> +<p> +Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,<br> +Zermarterte indessen ihr Gehirn<br> +Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;<br> +Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’<br> +Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,<br> +Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.<br> +</p> +<p> +Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:<br> +„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?”<br> +Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,<br> +So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,<br> +Die längst gewohnte Antwort zu erneuern<br> +Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern.<br> +</p> +<p> +„Das will ich bas vermeinen!” sprach sie, glutroth werdend,<br> +„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,<br> +Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,<br> +Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück<br> +Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,<br> +Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!<br> +</p> +<p> +„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder<br> +Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’<br> +In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;<br> +Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.<br> +Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne<br> +Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!”<br> +</p> +<p> +„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend<br> +Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,<br> +Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel,<br> +Gehörte Hansli, und er rief drei mal, —<br> +Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,<br> +Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!”<br> +</p> +<p> +„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,”<br> +— Nun übergoß die Herrin es mit Glut —<br> +„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,<br> +So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut<br> +Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,<br> +Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!”<br> +</p> +<p> +„Das weiß ich!” fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,<br> +„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.<br> +Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,<br> +Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; —<br> +Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,<br> +Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!”<br> +</p> +<p> +„Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,<br> +Die jeder Zeit der Treue sich befliß<br> +Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden,<br> +Ist sicher Hansli’s Treue Dir gewiß!<br> +Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,<br> +Daß er nach einer anderen verlange?”<br> +</p> +<p> +„Nein, Herrin!” rief da Mechtild, „wär’ dies Liebe,<br> +Die erst der Treue sich versehen muß?<br> +Ist Einer einer zugethan von Herzen,<br> +So sieht sie’s schon am ersten Blick, am Gruß,<br> +Oh er’s auch ehrlich mit der Treue meine,<br> +Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!”<br> +</p> +<p> +„Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,<br> +Da hat der liebe Gott es so gefügt,<br> +Und darum wohl zu bangen unvonnöthen,<br> +Daß etwan eines sich im andern trügt.<br> +Doch käm’ es so, wie Ihr halb prophezeiet,<br> +So wüßt’ ich Eine — die selbst dies verzeihet!”<br> +</p> +<p> +Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen,<br> +Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein’s Kinn,<br> +Und küßte ihr die Wange mit den Worten:<br> +„Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,<br> +Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben;<br> +Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!” —<br> +</p> +<p> +So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein.<br> +Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang<br> +Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,<br> +Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang<br> +Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe<br> +Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe.<br> +</p> +<p> +Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange,<br> +Zum Hofe ging’s auf flinken Füßen fort;<br> +Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,<br> +Das früh’ schon herkam aus dem nächsten Ort,<br> +Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger,<br> +Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger.<br> +</p> +<p> +Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien<br> +Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor,<br> +Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,<br> +Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr<br> +Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,<br> +Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.<br> +</p> +<img src="images/E126_127.jpg" alt="Elsbeth behandelt den wunden Finger eines Kindes"> +<p> +Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher<br> +Und löste langsam und mit leichter Hand<br> +Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,<br> +Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;<br> +Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,<br> +Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt’.<br> +</p> +<p> +„Da sitzt der Wurm im Finger,” sprach sie drauf bedächtig,<br> +„Und darum sind die Schmerzen auch so groß.<br> +Die Heilung zu erreichen, ist’s am besten<br> +Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los.<br> +Verweil’ Dich also etwas mit dem Kinde,<br> +Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde.”<br> +</p> +<p> +Doch eh’ sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle<br> +Und schnitt vom Brod, das für’s Gesind dort war,<br> +In aller Eile ein paar große Stücke;<br> +Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar<br> +Um, während Kind und Mutter daran kauen,<br> +Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen.<br> +</p> +<p> +Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen,<br> +Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.<br> +Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein,<br> +Deß’ Finger mit dem Sälblein sie betupft’;<br> +Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde<br> +Ein leises „Heilo, Segen!” auf die Wunde.<br> +</p> +<p> +Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden<br> +Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,<br> +Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien,<br> +Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt.<br> +Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,<br> +Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. —<br> +</p> +<p> +Sie selber aber ging zu Frida in die Küche<br> +Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit,<br> +Das Essen für die Gäste fertig werde,<br> +Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.<br> +Es war auch noch der Würzwein zu bereiten,<br> +Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten.<br> +</p> +<p> +Dann eilte wieder sie in’s Palas. Hier, im Saale,<br> +Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,<br> +Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte<br> +Nur erst den großen Eichentisch gedeckt.<br> +Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,<br> +Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.<br> +</p> +<p> +Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging<br> +Und Hansli mit der neuen Meldung naht’,<br> +Daß sich ein Spielmann eingefunden habe,<br> +Der für die Nacht um warmes Obdach bat;<br> +So man es wünsche, wolle gern er singen,<br> +Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.<br> +</p> +<p> +„Gewähr’ ihm Herberg, Hansli,” — war der Herrin Antwort,<br> +„Und von dem Heurigen ’nen vollen Krug;<br> +Doch ja nicht mehr!” ergänzte sie mit Lachen,<br> +„Denn Spielleut’ haben immer guten Zug.<br> +Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,<br> +Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!”<br> +</p> +<p> +Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder<br> +Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank<br> +Der Spielmann saß und des Bescheides harrte,<br> +Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank<br> +Dem Knechte folgte in die warme Halle,<br> +Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.<br> +</p> +<p> +„Das fahrende Gesindlein riecht’s wohl schon von Weitem<br> +Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth;<br> +Gleich läßt es links die breite Straßen liegen,<br> +Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht.<br> +Am liebsten, glaub’ ich, haben sie die Gassen,<br> +Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!”<br> +</p> +<p> +„„Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben,<br> +Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild!<br> +Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!””<br> +Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild.<br> +„„Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,<br> +Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.””<br> +</p> +<p> +„Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,<br> +Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein,<br> +Mit denen unsre Herzen sie gewinnen<br> +Und haben immer neue Melodei’n;<br> +Des Letzten Sang summt mir noch heut’ in Ohren,<br> +Doch hab’ die Worte dazu ich verloren!”<br> +</p> +<p> +Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten<br> +Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;<br> +Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel<br> +Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,<br> +Indessen Elsbeth sich der Gläser freute,<br> +Die für die Gäste sie erwählte heute. —<br> +</p> +<p> +Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände<br> +Und achtet weder Mühe noch Beschwer,<br> +Des Mannes Heim behaglich zu gestalten<br> +Und still zu wirken für des Hauses Ehr’;<br> +Was wir im Einzelnen als unnütz hassen,<br> +Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. —<br> +</p> +<p> +Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller;<br> +Auch glättete gar sorglich ihre Hand<br> +Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige<br> +Und ebenmäßig hing der rothe Rand;<br> +Derweilen Mechtildis die Stühle stellte,<br> +Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.<br> +</p> +<p> +Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule,<br> +Denn Benno gab nur selten einmal frei,<br> +Und — während Mechtildis noch heizen sollte,<br> +Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei —<br> +Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte,<br> +Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,<br> +Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;<br> +Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,<br> +Man wartete der Gäste nun zum Mahl;<br> +Leis’ nur, im Frau’ngemach beim Lichtspahnglimmen,<br> +Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.<br> +</p> +<p> +Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle<br> +Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind’<br> +Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte<br> +Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;<br> +Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,<br> +Nur, daß den größten Krug er jenem holte.<br> +</p> +<p> +Schanzunen, Leiche, Schwänk’ und neue Trutzgesätzlein<br> +Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund;<br> +Es würd’ die Kehle doch zu schnelle trocken,<br> +Säh man in einem fort des Kruges Grund.<br> +Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,<br> +Wär’ nicht der Wein, der es hervorgezwungen.<br> +</p> +<p> +Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals<br> +Die Weise „von der Minne süßem Born,”<br> +Als er im Singen unterbrochen wurde<br> +Vom lauten Halali aus Jochens Horn;<br> +Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke<br> +Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. —<br> +</p> +<p> +Ein paar Minuten später war der weite Zwinger<br> +Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,<br> +Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen,<br> +Zu dem die Meute die Begleitung bellt’;<br> +Derweil die Hörigen die Beute brachten,<br> +So heut’ der Vogt und seine Gäste machten.<br> +</p> +<p> +Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke,<br> +Für Alt und Jung beliebte Augenweid’,<br> +Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen<br> +Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid.<br> +Der Achtzehnender freilich war entkommen,<br> +Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.<br> +</p> +<p> +Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen.<br> +Nun lag das schöne Thier dahingestreckt<br> +Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen<br> +Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt<br> +Vom nahgekommenen Geläut der Meute,<br> +Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.<br> +</p> +<p> +Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste,<br> +Von Hansli angeführt, der leuchten muß,<br> +Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth<br> +Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß.<br> +Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder,<br> +Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder.<br> +</p> +<p> +Als einz’gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare<br> +Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,<br> +Das zu den goldnen Locken auf der Stirne<br> +Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand.<br> +Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken<br> +Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.<br> +</p> +<p> +Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte<br> +Die Tochter heute festlich sich geschmückt;<br> +Auf ihren Zügen aber lag’s wie Trauer<br> +Und ihre Seele fühlte sich bedrückt,<br> +Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,<br> +Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle.<br> +</p> +<p> +Da näherten sich Schritte; man hört’ lachen, sprechen<br> +Im Gange draußen, so zum Saale führt.<br> +„Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?”<br> +Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt;<br> +Denn solchen Gastes dacht’ sie nicht beim Decken,<br> +Mocht’ auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.<br> +</p> +<p> +Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,<br> +Gelassen grüßend, während jene lacht’,<br> +Daß, obwohl unerwartet hergekommen,<br> +Sie doch um Herberg bitte für die Nacht;<br> +Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,<br> +Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte.<br> +</p> +<p> +Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen<br> +Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,<br> +Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen<br> +Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.<br> +Ihm war die frohe Laune wieder kommen,<br> +Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen.<br> +</p> +<p> +Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale<br> +Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein;<br> +Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln<br> +und duftete gar fein nach Nägelein,<br> +Die sie zum Trunk als gute Würze mischte,<br> +So daß die Müden er von Grund erfrischte.<br> +</p> +<p> +Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,<br> +So ihnen der entkomm’ne Hirsch gemacht.<br> +Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser<br> +Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht,<br> +Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen,<br> +Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen.<br> +</p> +<p> +Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,<br> +Belegte sie dann für den schönen Gast<br> +Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,<br> +Mit Glas und Teller, wie’s dem Fräulein paßt;<br> +Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,<br> +Daß für die Gäste schon sie aufgetragen.<br> +</p> +<p> +Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände,<br> +Eh’ sie die Gäste hin zum Tische bat,<br> +Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,<br> +Den rings umkränzte köstlicher Salat.<br> +Nun ließen diese sich nicht lange bitten,<br> +Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten.<br> +</p> +<p> +Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,<br> +Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt’.<br> +Den letzten Wegtrost sollt’ er diesem spenden<br> +Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.<br> +Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen,<br> +Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.<br> +</p> +<p> +Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich’s läßt schmecken,<br> +Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;<br> +Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen,<br> +Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;<br> +Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen<br> +Und blieb der Heurige nicht unvergessen.<br> +</p> +<p> +Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte<br> +Als Sauser über Alt und Jung Gewalt;<br> +Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge,<br> +Froh prüfend seinen geistigen Gehalt.<br> +Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben,<br> +Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.<br> +</p> +<p> +Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein<br> +Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.<br> +Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,<br> +Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,<br> +Die sie den werthen Gästen heute wagen,<br> +In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen.<br> +</p> +<p> +Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,<br> +Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß,<br> +Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken<br> +Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.<br> +Ein „Heilo ihnen!” scholl aus aller Munde,<br> +Derweil die Gläser klangen in der Runde;<br> +</p> +<p> +Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann,<br> +Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt,<br> +Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker,<br> +Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt<br> +Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,<br> +Den Dank für’s schöne Sprüchlein zu empfangen.<br> +</p> +<p> +Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,<br> +Und nun verschwand schnell die Befangenheit,<br> +So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,<br> +Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;<br> +Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen,<br> +Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen.<br> +</p> +<p> +Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein<br> +Dem grünen Wald und wackerem Gejaid,<br> +Daß froh die Herren nach dem Glase griffen,<br> +Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;<br> +Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,<br> +Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen.<br> +</p> +<p> +Er und der alte Wasserstelz, sie überboten<br> +Einander oft in spaßigem Latein,<br> +Drin’ wohl bewandert Sankt Huberti Jünger;<br> +Wir andern fabeln lange nicht so — fein.<br> +Bald wurde manches Stücklein aufgetischet<br> +Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. —<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,<br> +Wie dies bei jungen Herren immer geht,<br> +Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen<br> +Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;<br> +Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,<br> +Zu netzen sich die blühend rothen Lippen.<br> +</p> +<p> +In üppig-voller Reife prangte Adelgunde<br> +Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt;<br> +Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,<br> +In schöner Rundung wölbte sich die Brust,<br> +Die Sammetwangen sah man rosig blühen,<br> +Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen.<br> +</p> +<p> +Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet,<br> +Glich einer Blume, der im Kelch der Thau<br> +Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern<br> +Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau.<br> +Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen<br> +Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. —<br> +</p> +<p> +Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, —<br> +Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, —<br> +Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen<br> +Und hielt im Athem sie in Einem fort.<br> +Ging auch die Rede oft an Adelgunden,<br> +Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden.<br> +</p> +<p> +Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten;<br> +Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,<br> +Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,<br> +Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;<br> +Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,<br> +Ihr war’s, als ob die Blicke sich umflorten.<br> +</p> +<p> +Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören,<br> +Als solches Lob; das hätt’ sie ihm geschenkt,<br> +Der ihr heut’ selten mal ein Wörtlein gönnte,<br> +Auf was sie immer auch die Rede lenkt’.<br> +Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,<br> +Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?<br> +</p> +<p> +Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,<br> +Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,<br> +So rückte Adelgunde zu den Herren;<br> +Doch hielt sie dabei Aug’ und Ohren wach,<br> +Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,<br> +Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. —<br> +</p> +<p> +Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,<br> +Nach deren Formel zweimal jedes Jahr<br> +Geurtelt ward von Rheinheims „Kellerrichter;”<br> +„Es lauten diese freilich ganz und gar<br> +Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern<br> +Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern.”<br> +</p> +<p> +„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen<br> +Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,<br> +Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme<br> +Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;<br> +Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,<br> +Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.”<br> +</p> +<p> +„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,<br> +Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß<br> +Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,<br> +Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,<br> +Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte<br> +Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.”<br> +</p> +<p> +„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,”<br> +Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,<br> +„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,<br> +Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:<br> +So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten —<br> +Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.”<br> +</p> +<p> +„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet<br> +Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal<br> +Am Wege etlich meisterlosen Buben,<br> +’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.<br> +„„Giebt’s nichts zu handeln?”” ist des Juden Frage,<br> +Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.”<br> +</p> +<p> +„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,<br> +Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...””<br> +„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,<br> +Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?””<br> +„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,<br> +Die schon den Juden in der Mitte haben.”<br> +</p> +<p> +„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!””„lautet<br> +Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.<br> +Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,<br> +Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;<br> +Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,<br> +Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.”<br> +</p> +<p> +„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten<br> +Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;<br> +Die Buben werden dringlicher im Fragen,<br> +Es regnet Schläge hageldicht herab.<br> +Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,<br> +Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.”<br> +</p> +<p> +„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s,<br> +Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.<br> +Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen<br> +Und ist natürlich nun die Straße leer,<br> +Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen<br> +Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.”<br> +</p> +<p> +„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,<br> +Begleitet er ihn endlich hier herauf.<br> +Daß ich die Argen strenge büßen möge,<br> +Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf<br> +Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken<br> +Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.” —<br> +</p> +<p> +„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen,<br> +Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!<br> +Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,<br> +Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...”<br> +Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig<br> +Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.<br> +</p> +<p> +Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte,<br> +Fuhr desto frischer er zu reden fort:<br> +„Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,<br> +Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort,<br> +Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen,<br> +Von wem und wie die Unbill ihm geschehen.”<br> +</p> +<p> +„Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten<br> +Und spricht: „„Gesehen hab ich nichts; ich fand,<br> +Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen,<br> +Den Juden ganz allein am Wegesrand.<br> +Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen,<br> +Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!””<br> +</p> +<p> +„Jetzt heult der Jud’ erst recht und lamentirt so gräulich,<br> +Daß es noch heut’ in meinen Ohren gellt;<br> +In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,<br> +Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,<br> +Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen,<br> +Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen.”<br> +</p> +<p> +„Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte<br> +Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam.”<br> +— Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild<br> +’ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm<br> +Und artig sie dem Fräulein präsentirte,<br> +Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. —<br> +</p> +<p> +„Natürlich ist’s nun aus; ich heiße Beide schweigen<br> +Und sag’ dem Juden, daß er Jemand nennt,<br> +Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet,<br> +Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;<br> +Da er’s nicht konnte, wies ich ihm die Thüre<br> +Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe.”<br> +</p> +<p> +„Zufrieden seh’ ich, wie sie miteinander gehen;<br> +Da, — sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,<br> +War’s uns, als ob wir kräftig klatschen hörten,<br> +Begleitet von des Juden Weh und Ach!<br> +Und wie ich Else folge, nachzusehen,<br> +Thät der, von neuem heulend, draußen stehen.”<br> +</p> +<p> +„Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen,<br> +Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.<br> +Der Jude dauert’ uns, ich trat zum Fenster<br> +Und ruf’ dem Bauer nach, der, schon im Trab,<br> +Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke,<br> +Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke.”<br> +</p> +<p> +„Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,<br> +Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort?<br> +Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,<br> +Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:<br> +„„Der Jud’ soll Zeugen schaffen, die es sahen,<br> +Daß er von mir die Streiche hab’ empfahen!””<br> +</p> +<p> +„Schier überrascht, will eben ich’s dem Schelm verweisen,<br> +Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht<br> +Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt’ er einen<br> +In Kostnitz oben, der spräch’ sicher Recht.<br> +Nun war’s genug! — Ich konnt’ mich kaum noch halten,<br> +Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!”<br> +</p> +<p> +„Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden,<br> +„Wir haben ja hier oben auch ein Loch,<br> +Drin’ Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;<br> +Thut’s dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!<br> +Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,<br> +Eh’ dort die Ratten Euch am Felle nagen!”<br> +</p> +<p> +„Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen.<br> +Ich übergab die Streitenden dem Knecht<br> +Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,<br> +Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. —<br> +Am nächsten Morgen saßen Beid’ in Frieden<br> +Und waren gute Freunde, als sie schieden...”<br> +</p> +<p> +Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,<br> +Aus aller Munde durch den weiten Saal,<br> +Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte<br> +Und, als der nahgekommen, ihm befahl,<br> +Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,<br> +Da er noch Durst verspür’ nach Rebensegen.<br> +</p> +<p> +In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen<br> +Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,<br> +Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten,<br> +Die er gar launig zu erzählen weiß;<br> +Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,<br> +Der „Neue” immer mehr und mehr zu Ehren.<br> +</p> +<p> +Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,<br> +Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt,<br> +Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte,<br> +Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.<br> +Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen<br> +Den fremden Sänger in den Saal zu holen. —<br> +</p> +<p> +Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer<br> +Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht’.<br> +Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren,<br> +Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;<br> +Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue<br> +Und that, als ob die Einladung ihn freue.<br> +</p> +<img src="images/E146.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Sechstes Kapitel.</h2> +<img src="images/E147.jpg" alt="Auftritt des fahrenden Sängers"><p> +In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen,<br> +Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt<br> +Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,<br> +Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;<br> +Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,<br> +Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!<br> +</p> +<p> +So manches Tränklein aus des Apothekers Küche,<br> +Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,<br> +Verweiltest öfters du bei frohen Menschen<br> +Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;<br> +Denn wo in Freude hell die Augen glänzen,<br> +Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen.<br> +</p> +<p> +Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest,<br> +Mit denen du dich sonst so gern vergnügt,<br> +Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,<br> +Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt.<br> +Versäume nie, mit Frohen dich zu einen,<br> +Doch hab’ auch Thränen, siehst das Leid du weinen. — —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute,<br> +Trat, grüßend, bald der Spielmann in’s Gemach. —<br> +„He, Vöglein federleicht! woher des Weges?<br> +Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?...”<br> +Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen,<br> +Doch war der Fremde darob nicht verlegen.<br> +</p> +<p> +Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,<br> +Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:<br> +„Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,<br> +Ich fragte auch nie sonderlich darnach.<br> +Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen,<br> +Kann ich auch nicht die Alten benedeien!”<br> +</p> +<p> +„So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen,<br> +Von wo ich komm’, doch nicht, wohin ich will;<br> +Da könnt’ der Wind Euch besser Antwort geben!”<br> +Und nun der Spielmann sah, daß alles still<br> +Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,<br> +Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. —<br> +</p> +<p> +„Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt’ flattern,<br> +Sucht’ ich die Atzung auf gar manche Art.<br> +Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel<br> +In seiner Weisheit ’s Hungern nicht erspart,<br> +Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste,<br> +Wie es dem armen Piepmatz grade paßte.”<br> +</p> +<p> +„Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden,<br> +That ich in’s Land hinaus den ersten Flug;<br> +Auf schwankem Zweiglein hab’ ich oft gesessen,<br> +Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.<br> +Am Tag ging’s lustig fort von Baum zu Baume,<br> +Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume.”<br> +</p> +<p> +„Beim ersten Morgengraun stieg ich in’s Blau der Lüfte,<br> +Es grüßte froh die Sonne mein Gesang.<br> +Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern,<br> +Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.<br> +Da nahm ein jähes End’ das Jubilirens,<br> +Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren.”<br> +</p> +<p> +„Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten,<br> +Und lud mich da für Winter lang zu Gast.<br> +Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen,<br> +Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt’;<br> +Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,<br> +So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen.”<br> +</p> +<p> +„Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben,<br> +Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst;<br> +Ich aber lernte gern und ließ mich meistern,<br> +Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst.<br> +Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,<br> +Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore.”<br> +</p> +<p> +„Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten,<br> +Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee,<br> +Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,<br> +Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh.<br> +Des Klosters Futter wollt’ nicht mehr behagen,<br> +Zwar hatt’ ich Ursach’ nicht, mich zu beklagen.”<br> +</p> +<p> +„Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich,<br> +Riß mich dahin; ich konnt’ der Wolken Zug<br> +Ob meinen Häupten stundenlang betrachten<br> +Und sie beneiden um den freien Flug,<br> +Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,<br> +Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen.”<br> +</p> +<p> +„Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,<br> +Der heil’ge Joseph ist mein Schutzpatron,<br> +Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen<br> +Und heimlich aus dem Käfig flog davon.<br> +Im Freien konnt’ ich nun die Glieder dehnen,<br> +Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen.”<br> +</p> +<p> +„Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.<br> +Willkommen! Sag’, wo bliebst Du denn so lang?<br> +So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen<br> +Und jubelnd stimmt’ ich ein in ihren Sang;<br> +Der Dompfaff sang die Mess’ am Morgen frühe,<br> +Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe.”<br> +</p> +<p> +„In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,<br> +Die Bächlein murmelten, es blitzt’ der See;<br> +Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein,<br> +Aus zartgewebtem, duft’gem Blüthenschnee,<br> +Und lustig Lebens gab’s auf allen Zweigen!<br> +Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen.”<br> +</p> +<p> +Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen<br> +Trug mich der Füße unermüdlich Paar;<br> +Allüberall empfing mich lauter Jubel<br> +Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.<br> +Vergessen war das Hungern, war das Frieren,<br> +Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren.”<br> +</p> +<p> +„Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen,<br> +Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast;<br> +Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager,<br> +Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt;<br> +Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen,<br> +Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen.”<br> +</p> +<p> +„Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,<br> +Und ging dies so durch manche Woche hin;<br> +Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden,<br> +Auf das ich lange stolz gewesen bin,<br> +Als ich, es war an einem Sonntag eben,<br> +Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt’ erleben.”<br> +</p> +<p> +„Mit viel Gesellen hatt’ auch ich den Zug genommen<br> +Durch’s Baierland in’s schöne Oesterreich.<br> +Der Atzung gab’s genug auf solcher Reise<br> +Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;<br> +Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,<br> +Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!”<br> +</p> +<p> +„Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein,<br> +Wo man uns Herberg wies im „güldnen Kranz;”<br> +Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,<br> +Drauf fiedelten die andern einen Tanz,<br> +Und, eh’ wir uns recht umsahn, war die Stuben<br> +Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben.”<br> +</p> +<p> +„Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,<br> +Die einen wollten Sang, die andern Tanz;<br> +Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe,<br> +Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, —<br> +Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise,<br> +Ihm doch zu singen eine schöne Weise.”<br> +</p> +<p> +„Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen<br> +Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;<br> +Vom Herzen lösten sich die Melodeien,<br> +Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,<br> +Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;<br> +Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen.”<br> +</p> +<p> +„Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber<br> +Und änderte die Weise und das Lied;<br> +In süßen Tönen fing ich an zu locken,<br> +Wie es die Vöglein draußen thun im Ried,<br> +Den Blick konnt’ ich dabei nicht von ihr wenden,<br> +Da ihre dunklen Augen schier mich blenden.”<br> +</p> +<p> +„Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,<br> +War auch der Zähren letzte Spur davon;<br> +Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,<br> +Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn.<br> +Des Mägdleins Beifall wollt’ ich mir erringen<br> +Und hätt’ ich müssen Tag und Nacht durch singen.”<br> +</p> +<p> +„Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen;<br> +Gar wenig scheerte mich der andern Lob.<br> +Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben,<br> +So oft den schönen Blick sie zu mir hob,<br> +Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,<br> +Hatt’ ich mich tief der Maid in’s Herz gesungen.”<br> +</p> +<p> +„Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten<br> +Und sich die andern drehn in frohem Muth,<br> +Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend,<br> +Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;<br> +Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,<br> +Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne.”<br> +</p> +<p> +„Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,<br> +Die Feine wiegte sich in meinem Arm;<br> +Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,<br> +Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm.<br> +Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,<br> +Errathen hab’ ich’s, ohne viel zu fragen!”<br> +</p> +<p> +„Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen,<br> +Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.<br> +Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,<br> +Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;<br> +Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken<br> +Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!”<br> +</p> +<p> +„Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!<br> +Als spät und doch zu früh das Scheiden kam,<br> +Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen<br> +Und war in Thränen, da sie Abschied nahm;<br> +Dann huschte sie in’s Haus, durch einen Garten.<br> +Ich wußt’ nicht, sollt’ ich gehen oder warten.”<br> +</p> +<p> +„Doch ging es eine Weile, eh’ ich mich konnt’ trennen<br> +Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück.<br> +Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen,<br> +Und langsam suchte ich den Weg zurück,<br> +Verfehlte aber bald die rechte Gasse;<br> +Denn es war dunkel, wie in einem Fasse.”<br> +</p> +<p> +„Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,<br> +So mich zurück zur Herberg führen thät,<br> +Schritt ich die Häuserreihen still vorüber,<br> +Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät;<br> +War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!<br> +Nur ferne Blitze und des Donners Rollen.”<br> +</p> +<p> +„Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen,<br> +Da brach das Wetter los mit aller Macht;<br> +Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen,<br> +So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,<br> +Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,<br> +Ein Heil’genbild in einer Nischen winken.”<br> +</p> +<p> +„In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen,<br> +War doch die Nische selbst noch unter Dach;<br> +Gelassen sucht’ ich ein behaglich Plätzchen<br> +Und sann zufrieden meinem Glücke nach,<br> +Derweil die Blitze grell den Himmel sengten<br> +Und schwere Wolken überm Städtlein drängten.”<br> +</p> +<p> +„Bald träumte ich gar süß von einem sel’gen Leben,<br> +Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.<br> +Mein fahrend Dasein hatt’ ich aufgegeben,<br> +Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;<br> +In welchem thät als Hausfrau lieblich walten,<br> +Das Mägdlein, so ich heut’ im Arm gehalten.”<br> +</p> +<p> +„Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser,<br> +Die Fenster klirrten, da und dort ward’s hell,<br> +Auch eine Wetterglocke hört’ ich läuten;<br> +Die Donnerschläge folgten sich gar schnell.<br> +Mich aber kümmerte kein Blitzezucken,<br> +Durft’ unter gutem Schirme mich ja ducken!”<br> +</p> +<p> +„Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.<br> +Herunter auf des Städtleins Giebelreihn,<br> +Von unheimlichem Knattern arg begleitet;<br> +Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,<br> +Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet,<br> +Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!”<br> +</p> +<p> +„Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,<br> +Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;<br> +Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,<br> +Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,<br> +Indeß am Himmel eine Feuergarbe<br> +Auf Meilen leuchtete in rother Farbe.”<br> +</p> +<p> +„Jetzt lockt’ auch mich der Böse aus dem sichern Winkel!<br> +Ich ließ den guten Heiligen im Stich<br> +Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger,<br> +Zur Löscharbeit fast außer Athem mich;<br> +War freilich unnütz, daß ich also rannte,<br> +Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!” —<br> +</p> +<p> +„„Thu’ einen Schluck, Gesell, und dann bericht’ uns weiter,””<br> +Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz.<br> +Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,<br> +Und leerte ihn, mit einem „Gott vergelts!”<br> +Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,<br> +Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge.<br> +</p> +<p> +„Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,<br> +Fuhr drauf er fort: „So flog ich denn dahin,<br> +Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,<br> +Daß fast der Erste ich beim Feuer bin.<br> +Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen,<br> +Die Flamme leckte schon an allen Wänden.”<br> +</p> +<p> +Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,<br> +Packt meinen Nacken eine grobe Faust<br> +Und hör’ ich schreien: „Heda, greift den Strolchen!”<br> +Indeß ein Schlag auf mich herunter saust,<br> +Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,<br> +Daß mir das Feuer aus den Augen leckte.”<br> +</p> +<p> +„Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!” hörte<br> +Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;<br> +Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung,<br> +Die erst mir wieder ward im Büttelhaus.<br> +Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,<br> +Wie’s schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!”<br> +</p> +<p> +„Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter,<br> +Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;<br> +Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,<br> +Ward ihm vom Herbergsvater eh’ gesagt.<br> +Dir winkt das Dreibein, dacht’ ich, bist verloren,<br> +Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!”<br> +</p> +<p> +„Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter<br> +Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.<br> +Daß ich im Dunkel abends mich verirrte,<br> +Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,<br> +Und auch der Heil’ge mich beschirmet hätte,<br> +Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte.”<br> +</p> +<img src="images/E158_159.jpg" alt="Der fahrende Sänger wird am Brandherd ergriffen"> +<p> +„Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause<br> +Mocht’ nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.<br> +Der Richter jedoch nannt’ es eitel Lügen,<br> +Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;<br> +Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,<br> +Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen.”<br> +</p> +<p> +„So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen,<br> +Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,<br> +Des fremden Vogels Federlein zu rupfen<br> +Und ihn zu rösten bei lebend’gem Leib.<br> +Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,<br> +Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer.”<br> +</p> +<p> +„Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.<br> +Die Teufel steigerten mir Grad für Grad<br> +Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!<br> +Und grinsten höhnisch: „Bist noch gut für’s Rad!”<br> +Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen,<br> +Daß zischend tief in’s Fleisch die Eisen griffen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten,<br> +Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,<br> +Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,<br> +Und was ich wiederholte fort und fort:<br> +Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen,<br> +Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen.”<br> +</p> +<p> +„Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,<br> +Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,<br> +Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen,<br> +Würd’ etwas lockern ich der Zungen Band<br> +Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen<br> +Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen.”<br> +</p> +<p> +„Doch lieber hätt’ ich mir die Zunge abgebissen,<br> +Eh’ ich die Holde meinethalb verrieth.<br> +Ich schwieg also und ließ mich weiter martern,<br> +Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.<br> +Bist hin! dacht’ ich, und hast nur zu errathen,<br> +Ob sie dich hängen werden oder braten!”<br> +</p> +<p> +„Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse,<br> +Da hielten sie mit Foltern endlich ein<br> +Und gaben etwas Ruh’ dem armen Körper,<br> +Sich zu erholen von der schweren Pein;<br> +Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte,<br> +Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte.”<br> +</p> +<p> +„Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche<br> +Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin,<br> +Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend:<br> +Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,<br> +Das mir mein traurig Dasein aufgebunden<br> +So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!”<br> +</p> +<p> +„Doch während solchem Harren heilten meine Wunden;<br> +Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;<br> +Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen,<br> +Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm.<br> +In trautem Plaudern kos’ten wir zusammen,<br> +Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!”<br> +</p> +<p> +„Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer<br> +Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum,<br> +Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos’te.<br> +Entsetzen packte mich im Kerkerraum;<br> +Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände<br> +Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende.”<br> +</p> +<p> +„Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,<br> +Verglichen mit der Folter argem Schmerz,<br> +In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette,<br> +Die Kraft versuchend an dem harten Erz;<br> +Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen,<br> +Als daß ich, wach nun, davon konnt’ genesen.”<br> +</p> +<p> +„So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens<br> +Erschlossen ward die Thüre und parat<br> +Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,<br> +Die mich begleiten mußten vor den Rath.<br> +Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.<br> +Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen.”<br> +</p> +<p> +„Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln<br> +Und sahen finster blickend auf mich her;<br> +Der Wasenmeister mußte rückwärts treten,<br> +Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer.<br> +Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;<br> +Ich mußte ihnen nochmals alles sagen.”<br> +</p> +<p> +„Geduldig gab ich Red’ und Antwort ihren Fragen,<br> +Erzählte alles wahr und unverwandt;<br> +Die Herren aber machten strenge Mienen,<br> +Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.<br> +Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen<br> +Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!”<br> +</p> +<p> +„Nun flogen Red’ und Widerrede hin und wieder,<br> +Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;<br> +Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig,<br> +Da trat ein altes Männlein langsam vor.<br> +Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,<br> +Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig.”<br> +</p> +<p> +„Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,<br> +Die tief versenkt im faltigen Gesicht;<br> +Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,<br> +Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.<br> +Ich aber konnt’ den Blick nicht von ihm trennen,<br> +Mir war, als sollt’ ich diese Augen kennen.”<br> +</p> +<p> +„„Wollt nicht aburteln,”” kam es aus des Männleins Munde,<br> +„„Eh’ Ihr zuvor auch mich gela’n.<br> +In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster<br> +Des Wetters Toben lange Zeit mit an;<br> +Die Erde zitterte in ihren Gründen<br> +Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.””<br> +</p> +<p> +„„Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten<br> +Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht.<br> +Ich fordre also Namens seiner Zeugen,<br> +Ihm zu beweisen, eh’ den Stab man bricht,<br> +Daß er es war, wie uns die Klage kündet,<br> +Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.””<br> +</p> +<p> +„„Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen;<br> +Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,<br> +Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen,<br> +Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.<br> +Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,<br> +Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!””<br> +</p> +<p> +„„So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,<br> +So weit noch Christenglocke tönt im Reich,<br> +So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen,<br> +So weit wir alle vor dem Herre gleich,<br> +So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,<br> +Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.””<br> +</p> +<p> +„„Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,<br> +So ist’s, nach altem Brauche, Richters Pflicht,<br> +Beweise von dem Kläger einzufordern,<br> +Eh’ man ein Urtel dem Verklagten spricht —<br> +Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:<br> +Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!””<br> +</p> +<p> +„„Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem<br> +Die Männer wir besiebnet, daß man hört,<br> +Was jene wissen und ob jeder willig,<br> +Die Aussage mit seinem Eid beschwört;<br> +Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen<br> +Und — trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!””<br> +</p> +<p> +„Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne;<br> +Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.<br> +Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder,<br> +Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr<br> +Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten,<br> +Im Rathe unverkürzt willfahren wollten.”<br> +</p> +<p> +„Doch mocht’ des Alten Wort im Rathe Geltung haben;<br> +Es dauerte nicht lange, ward erklärt<br> +Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte,<br> +Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt,<br> +Und seien jene eidlich zu verhören;<br> +Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören.”<br> +</p> +<p> +„Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß;<br> +Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.<br> +Es waren vier’, die in die Schranken traten,<br> +Doch ihre Namen ich schon lang verlor;<br> +Nur Einen kannt’ ich an den Fäusten wieder,<br> +Die mich beim Brande damals schlugen nieder.”<br> +</p> +<p> +„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte<br> +Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund<br> +Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;<br> +Gott sehe jedem Herzen auf den Grund<br> +Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten<br> +Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!”<br> +</p> +<p> +„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser,<br> +Der auf der Kanzel seine Predigt thut.<br> +Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten<br> +Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,<br> +Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,<br> +Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.”<br> +</p> +<p> +„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber<br> +Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.<br> +Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,<br> +Der ersten einen, mich am Unglücksort,<br> +Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,<br> +Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.”<br> +</p> +<p> +„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette<br> +Und hob die Hand beschwörend hoch empor,<br> +Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,<br> +Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,<br> +Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,<br> +Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.”<br> +</p> +<p> +„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;<br> +Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.<br> +Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen,<br> +Wenn um ihn jeder sein Verderben will.<br> +Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,<br> +Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!”<br> +</p> +<p> +„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel<br> +Zu Allem fähig, habe der Verdacht,<br> +Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,<br> +Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.<br> +Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen —<br> +Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.”<br> +</p> +<p> +„Die andern drei bestätigten des ersten Rede,<br> +Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.<br> +Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;<br> +Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur.<br> +In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben,<br> +Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!”<br> +</p> +<p> +„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!<br> +Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.<br> +Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet,<br> +So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!<br> +Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,<br> +Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.”<br> +</p> +<p> +„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,<br> +Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,<br> +Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;<br> +Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab.<br> +Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,<br> +Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!”<br> +</p> +<p> +„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,<br> +Denn als die Viere ihren Spruch gethan,<br> +Ward lange hin und her im Rath verhandelt, —<br> +Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n.<br> +Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,<br> +Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.”<br> +</p> +<p> +„Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher<br> +Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn,<br> +Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten<br> +Für solchen Strolches Unterhalt entstehn;<br> +Nur sollten vorher sie mich schwören lassen,<br> +Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen.”<br> +</p> +<p> +„Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden,<br> +Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund<br> +Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen<br> +Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund’,<br> +So sollte man auch hier nach Recht verfahren,<br> +Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!”<br> +</p> +<p> +„Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille;<br> +Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob<br> +Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.<br> +Wie Nebel war’s, was meinen Blick umwob,<br> +Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,<br> +Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten.”<br> +</p> +<p> +„Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen,<br> +Hielt aufrecht mich indessen drauß’ im Flur,<br> +Und immer stärker kam mir der Gedanke:<br> +Sie werden los mich geben mit dem Schwur,<br> +Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;<br> +Was ich geschworen hätt’ mit tausend Eiden.”<br> +</p> +<p> +„Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten<br> +Noch manchen Puff, weil’s nicht zum Galgen ging,<br> +An den sie mich so gern gehangen hätten;<br> +Doch achtete ich solches nur gering;<br> +Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,<br> +Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern.”<br> +</p> +<p> +„Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;<br> +Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal<br> +Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden;<br> +Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.<br> +Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,<br> +Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!”<br> +</p> +<p> +„Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen,<br> +Ein Büttel rief den Wasenmeister an,<br> +Mich wiederum dem Rathe vorzuführen;<br> +Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.<br> +Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,<br> +Trat leichtern Sinn’s ich dies Mal vor die Schranken.”<br> +</p> +<p> +„Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber,<br> +Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht<br> +Und feierlichem Ton begann zu lesen;<br> +Doch was er las, verstand ich leider nicht,<br> +Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen<br> +Sei Deliquent das Urtel zu verkünden.”<br> +</p> +<p> +„„Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte<br> +Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,<br> +Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,<br> +Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, —<br> +Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,<br> +Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.””<br> +</p> +<p> +„Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;<br> +Man forderte dafür noch meinen Dank,<br> +Weil mich der Rath so gnädig angesehen,<br> +Daß morgen schon ich würde frei und frank.<br> +Mein leiser Fluch mocht’ ihnen dafür gelten,<br> +Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten.”<br> +</p> +<p> +„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,<br> +Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,<br> +Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;<br> +In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht,<br> +Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,<br> +Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.” —<br> +</p> +<p> +„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;<br> +Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.<br> +Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,<br> +Ob man sich auch von Gott verlassen meint.<br> +So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren;<br> +Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!” —<br> +</p> +<p> +„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,<br> +Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,<br> +Und mir der Freimann guten Morgen wünschte<br> +Inmitten seiner groben Knechte Chor;<br> +Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen<br> +Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.”<br> +</p> +<p> +„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge,<br> +Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick;<br> +Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge<br> +Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick,<br> +Um das ich manchen Tag so schwer gelitten —<br> +Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.”<br> +</p> +<p> +„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte<br> +Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth<br> +Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,<br> +Denn mein Gewissen war ja rein und gut;<br> +Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,<br> +War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.”<br> +</p> +<p> +„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann<br> +Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’,<br> +Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend<br> +Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’<br> +Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:<br> +Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!”<br> +</p> +<p> +„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,<br> +Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,<br> +Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten<br> +Und mir die Menge folgte mit Geschrei.<br> +Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,<br> +Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.”<br> +</p> +<p> +„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder,<br> +Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,<br> +Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,<br> +Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.<br> +Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten,<br> +Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.”<br> +</p> +<p> +„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,<br> +Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.<br> +Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,<br> +Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. —<br> +Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,<br> +Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!”<br> +</p> +<p> +„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,<br> +Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! —<br> +Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen<br> +Und zog dahin im hellen Sonnenschein,<br> +Bis endlich ich den grünen Wald erreichte<br> +Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!”<br> +</p> +<p> +„„Letz’ Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!””<br> +Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in’s Wort,<br> +„„So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,<br> +Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;<br> +Manch einer hätt’ das Mägdlein angegeben,<br> +Eh’ halb so viele Pein er mocht’ erleben!””<br> +</p> +<p> +Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,<br> +So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;<br> +Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal,<br> +Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht<br> +Und ging sie flink daran, mit eignen Händen<br> +Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden.<br> +</p> +<p> +Der Spielmann ließ sich’s schmecken; unterdessen aber<br> +Ward leis am Tische ein Gespräch geführt,<br> +In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte,<br> +Weil deß’ Erzählung sie gar tief gerührt;<br> +Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,<br> +Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute.<br> +</p> +<p> +Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig<br> +Und bat von neuem nun den Vogt um’s Wort;<br> +Doch schien’s, als ob der Zweifel leis ihn kränkte,<br> +Denn also spann er die Erzählung fort:<br> +„Würd’ meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,<br> +So glaubt’ ich selbst manchmal zu fabuliren!”<br> +</p> +<p> +„Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!<br> +Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär,<br> +Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,<br> +Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär.<br> +Doch, mit Vergunst! Glaub’ nicht, Ihr werdet schmählen,<br> +Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen.”<br> +</p> +<p> +„Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen;<br> +Verwichen Leid und Freud’ mit lautem Wort<br> +Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre,<br> +Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.<br> +Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern,<br> +Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern.”<br> +</p> +<p> +„Wie schon erzählt, hatt’ ich den Schritt zum Wald gerichtet;<br> +Dort warf ich mich todmüde in das Gras.<br> +Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,<br> +Ging lange es, eh’ ich des Schlafs genas;<br> +Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:<br> +Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer.”<br> +</p> +<p> +„Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,<br> +Als es mich dünkte, eine zarte Hand<br> +Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen;<br> +Es war so angenehm, was ich empfand,<br> +Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen,<br> +Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen.”<br> +</p> +<p> +„Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger<br> +Mir glätteten das wirr zerzauste Haar,<br> +Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne<br> +Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.<br> +Ich konnt’ mich kaum noch halten vor Entzücken;<br> +Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken.”<br> +</p> +<p> +„So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,<br> +Indeß’ der Schlaf sich mälig ganz verlor,<br> +Als es auf einmal meinen Namen hauchte<br> +Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr;<br> +Wie warmer Odem streift es meine Wangen:<br> +Das war kein Traum, was mich so hold umfangen.”<br> +</p> +<p> +„Nun thät es nichts mehr batten, mußt’ die Augen öffnen.<br> +Und was ersah ich? Meine traute Maid,<br> +Sie knie’te dicht zur Seite mir im Grase;<br> +Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.<br> +Von meines Glückes Uebermaß bezwungen,<br> +Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!”<br> +</p> +<p> +„Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren<br> +Ob ihrer Liebe, die so heldengroß<br> +Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,<br> +Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß,<br> +Um stets auf’s neu’, in seligem Vergessen,<br> +Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen.”<br> +</p> +<p> +„So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse,<br> +Versenkte sich erglühend Blick in Blick;<br> +Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,<br> +Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick.<br> +Wie konnt’ ich süßer lohnen denn die Schmerzen<br> +Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?”<br> +</p> +<p> +„Doch wer vermöcht’ die Seligkeit mir nachzufühlen,<br> +So ich empfand an meines Mägdleins Brust?<br> +Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden<br> +In ihrem Paradiese um die Lust,<br> +Die reine Herzen an einander finden,<br> +Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!”<br> +</p> +<p> +„Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen<br> +Und frug mich ängstlich: „„Joseph, kannst Du gehn?””<br> +Es strich die Hand dabei durch meine Locken,<br> +Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn.<br> +Mir aber kam nun die Erinn’rung wieder,<br> +Und traurig wies ich auf die wunden Glieder.”<br> +</p> +<p> +„Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite<br> +Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras;<br> +’s war bald geöffnet und ich schaute staunend,<br> +Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.<br> +Das letztre füllte sie und ließ mich nippen;<br> +Es war gleich Balsam für die heißen Lippen.”<br> +</p> +<p> +„Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser<br> +Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.<br> +Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,<br> +So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht,<br> +Und wäre Wochen lang gern krank gelegen,<br> +Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen.”<br> +</p> +<p> +„Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein,<br> +Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie’s schmeckt’;<br> +Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,<br> +Daß heute früh sie sich im Wald versteckt,<br> +Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,<br> +Bis mich ihr Blick von Weitem konnt’ erspähen.”<br> +</p> +<p> +„Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte,<br> +Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,<br> +Dem sanften Schlummer gern mich überlassend,<br> +So lange meine Sicherheit dies litt.<br> +Nun aber mahne dringend sie zur Eile,<br> +Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile.”<br> +</p> +<p> +„Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber,<br> +Wie nah’ die Sonne schon dem Niedergehn;<br> +Doch zugleich schaute ich auch reisefertig<br> +Die Traute selber mir zur Seite stehn.<br> +Hei! sprang ich Euch empor und ihr an’s Herze,<br> +Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!”<br> +</p> +<p> +„Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse,<br> +Und machte sich aus meinen Armen frei,<br> +Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;<br> +Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,<br> +Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,<br> +So sei es sicher, daß sie doch mich hingen.”<br> +</p> +<p> +„Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,<br> +Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt’,<br> +Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal<br> +Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt;<br> +Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,<br> +Als sie im Leben fortan nun zu meiden.”<br> +</p> +<p> +„Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,<br> +Bekannte traurig sie in leisem Wort,<br> +Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme,<br> +Und sie mir folgen müßt’ von Ort zu Ort;<br> +Was noch sie flüsterte, mocht’ kaum ich fassen,<br> +Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen.”<br> +</p> +<p> +„In langem Kusse wollte ich’s der Lieben lohnen,<br> +Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht<br> +Und drängte wieder, endlich aufzubrechen,<br> +Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht.<br> +„„Der Vollmond,”” schloß sie, „„kommt zu guten Zeiten,<br> +So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.””<br> +</p> +<p> +„Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,<br> +Schlug um das Bündlein sie ein festes Band<br> +Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend,<br> +Zum Gehen fertig, in der linken Hand;<br> +Derweil sie mit der Rechten mich wollt’ stützen,<br> +Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen.” —<br> +</p> +<p> +„Hätt’ nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte,<br> +Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.<br> +Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,<br> +Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut,<br> +Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken,<br> +Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!” —<br> +</p> +<p> +„Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel,<br> +Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.<br> +Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,<br> +Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht;<br> +Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,<br> +Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte.”<br> +</p> +<p> +„Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen,<br> +Die nun erzählte, wie sie fleht’ und bat<br> +Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein,<br> +So für mich Zeugen forderte vorm Rath,<br> +Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,<br> +Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen.”<br> +</p> +<p> +„Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause<br> +Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;<br> +Doch solcher Bitte wollt’ er nicht willfahren,<br> +Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.<br> +Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert,<br> +Was Abends es am Brunnen hätt’ ergattert.”<br> +</p> +<p> +„Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder<br> +Und beichtete, indem sie ihm gestand,<br> +Daß ich es war, der sie nach Hause führte<br> +Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand;<br> +Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,<br> +Auch ziemlich fern der „güldne Kranz” gelegen.”<br> +</p> +<p> +„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;<br> +Er sah die Schande, die das Kind bedroht,<br> +Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,<br> +Daß einem Fahrenden den Arm es bot.<br> +Mit harten Worten schalt er da die Arme,<br> +So schier verging in bitterschwerem Harme.”<br> +</p> +<p> +„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,<br> +Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,<br> +Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,<br> +Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt.<br> +Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen,<br> +Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.”<br> +</p> +<p> +„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen;<br> +Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,<br> +Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,<br> +Die einsam hauste in dem nächsten Ort,<br> +Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,<br> +Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.”<br> +</p> +<p> +„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,<br> +Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’,<br> +Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;<br> +Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt,<br> +Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,<br> +Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.”<br> +</p> +<p> +„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,<br> +That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,<br> +Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;<br> +Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,<br> +Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,<br> +Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.”<br> +</p> +<p> +„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,<br> +Und man im Rathe ihm zu Willen war;<br> +Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher<br> +Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,<br> +Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,<br> +Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.”<br> +</p> +<p> +„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,<br> +Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n,<br> +Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,<br> +Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n;<br> +Denn während er im Rathhaussaal gesessen,<br> +Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.”<br> +</p> +<p> +„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,<br> +Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.<br> +Ich war vor ihren Augen rein geblieben —<br> +Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;<br> +Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen,<br> +Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden<br> +Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, —<br> +Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,<br> +Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,<br> +Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,<br> +Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.”<br> +</p> +<p> +„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,<br> +Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn<br> +In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,<br> +So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ —<br> +Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen,<br> +Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.”<br> +</p> +<p> +„So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,<br> +Indessen still ich ihren Worten lauscht’;<br> +Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten,<br> +Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.<br> +Es war noch früh, fing eben an zu dämmern;<br> +Im Walde hörten wir die Spechte hämmern.”<br> +</p> +<p> +„In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,<br> +Der schöner war und freundlicher gelacht<br> +Hatt’ mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;<br> +Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,<br> +Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,<br> +Aus denen tausend helle Sonnen schauten!”<br> +</p> +<p> +„Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre<br> +Stromabwärts nun im Morgensonnenschein.<br> +Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;<br> +Wir mußten erst den Wackern munter schrei’n,<br> +Doch endlich schob der grämliche Geselle<br> +Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle.”<br> +</p> +<p> +„In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber<br> +Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, —<br> +Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,<br> +Bis unser Weg den nächsten Forst gewann;<br> +Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde,<br> +Das dicht umfriedet war vom stillen Walde.”<br> +</p> +<p> +„Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,<br> +Wir sanken müde in das weiche Gras<br> +Und mochten weder plaudern mehr noch essen,<br> +Eh’ neuer Kraft der Körper erst genas.<br> +An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,<br> +Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer.”<br> +</p> +<p> +„Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen<br> +Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt;<br> +Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,<br> +Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.<br> +Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen<br> +Das Schläflein, so schier gar kein End’ genommen?”<br> +</p> +<p> +Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort<br> +In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund;<br> +Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle<br> +Im grünen Walde, bis zur Abendstund’<br> +Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,<br> +All meiner Lebetag um mich gewesen.”<br> +</p> +<p> +„Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,<br> +Welch’ Ziel zu wählen für den flücht’gen Fuß.<br> +Nach Spielmanns Brauch ließ ich ’ne Feder fliegen,<br> +So fahrend Volk die Straßen weisen muß,<br> +Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet<br> +War aller Zweifel drüber schnell beendet.”<br> +</p> +<p> +„Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen<br> +Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;<br> +Gar traulich wandelt es sich in der Stille,<br> +Ist man alleine mit dem Mägdlein sein!<br> +Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten;<br> +Indeß’ uns nah der Donau Fluthen rauschten.<br> +</p> +<p> +„So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,<br> +Nur hie und da von einem Baum erschreckt,<br> +Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,<br> +Uns seine Arme lang herangestreckt;<br> +Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,<br> +Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten.”<br> +</p> +<p> +„Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage,<br> +Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;<br> +Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne<br> +Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau.<br> +Nun galts zur Ruh’ ein Plätzlein auszusuchen,<br> +Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen.”<br> +</p> +<p> +„Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden<br> +Mir fast geheilt, auch unser Bündelein<br> +An Speis’ und Trank nichts mehr zu weisen hatte,<br> +Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,<br> +Da eben sich des Abends Schatten senkten,<br> +Die müden Schritte auf die Straße lenkten.”<br> +</p> +<p> +„Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten,<br> +Mußt’ Herberg geben, bis die Nacht vorbei,<br> +Und weil der Sänger überall willkommen,<br> +Gab man uns Obdach und die Zeche frei.<br> +Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen;<br> +Hätt’ nie geglaubt, daß es so schön möcht’ klingen!”<br> +</p> +<p> +„Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter<br> +In’s Land hinein, bis schier der Tag zu End’<br> +Und wir in einem Flecken Herberg fanden,<br> +Der rings umsäumt von grünem Weingeländ’.<br> +Dort mußten wir den wackern Leuten singen,<br> +Und thät uns solches manchen Heller bringen.”<br> +</p> +<p> +„Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,<br> +’s ist dieses hier und dies auch noch das Band<br> +An dem die Traute mein es stets getragen.” —<br> +Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand<br> +Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,<br> +Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.<br> +</p> +<p> +„Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern,<br> +Und liederkundig, wie die Holde war,<br> +Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,<br> +Die mir im Sinn geblieben all’ die Jahr.<br> +Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten<br> +Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!”<br> +</p> +<p> +„Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen<br> +Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;<br> +Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten<br> +Den Frühling selber in der jungen Brust<br> +Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,<br> +Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen.”<br> +</p> +<p> +„Die Tage schwanden uns in eitel Freud’ und Wonne<br> +Gab manchmal auch es einen kleinen Span,<br> +So glich das einem warmen Sommerregen,<br> +Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.<br> +Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen,<br> +Indeß’ die Liebe nur noch zugenommen.” —<br> +</p> +<p> +Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.<br> +Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft<br> +Und weilte eher unterm freien Himmel,<br> +Als daß ich einmal für uns Unterkunft<br> +Bei einem meines Völkleins durfte suchen;<br> +Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen.”<br> +</p> +<p> +„Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,<br> +Und frug ich da, was sie geträumt so lang?<br> +Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig,<br> +Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang<br> +Mit süßem Munde, aber nur ganz leise,<br> +Ein neues Lied zu einer alten Weise.”<br> +</p> +<p> +„Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,<br> +Und wußt’ von jeder eine schöne Mär;<br> +Das kleinste Käferlein selbst war willkommen,<br> +So ihr des Weges kam von ungefähr.<br> +Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,<br> +Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen.”<br> +</p> +<p> +„Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem,<br> +So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;<br> +Eh’ ich mich deß’ versehn, war ich verwandelt,<br> +So daß ich ganz ein andrer worden bin,<br> +Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte,<br> +Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte.”<br> +</p> +<p> +„’s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise<br> +Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft<br> +Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe,<br> +Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;<br> +Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,<br> +Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten.” —<br> +</p> +<p> +„Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten,<br> +Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,<br> +Ein schöner Leben mochte keiner führen<br> +So hoch der Himmel und die Erde breit;<br> +Im Schlosse heut’ zu Gast, im Städtlein morgen,<br> +Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, nun der Lenz dahin, ging’s uns, wie noch gar vielen;<br> +Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein<br> +Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen,<br> +Da zwitschern sollt ein junges Vögelein,<br> +Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte<br> +Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte.”<br> +</p> +<p> +„Je kleiner’s Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel!<br> +War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin;<br> +Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet,<br> +Giebt’s frohe Herzen und zufriednen Sinn.<br> +Weiß heut’ noch nicht, was uns hätt’ fehlen sollen,<br> +Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!”<br> +</p> +<p> +„Doch unser Glück hienied’ ist eitel leichte Waare,<br> +Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind.<br> +Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden;<br> +In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind.<br> +Jung Vöglein forderte der Mutter Leben<br> +Und lächelnd hat sie es auch hingegeben.”<br> +</p> +<p> +„Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!<br> +Nur kurz vermelden, daß es lange ging,<br> +Eh’ ich den harten Schlag verwinden mochte<br> +Und die Betäubung schwand, die mich umfing,<br> +Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten,<br> +Die mich am besten mit begraben sollten!”<br> +</p> +<p> +„Allmälig aber fing es wieder an zu tagen.<br> +Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht,<br> +Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken,<br> +Deß’ Kommen mir so herbes Leid gebracht.<br> +Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen,<br> +Nur es zu pflegen wollt’ mir wenig taugen.”<br> +</p> +<p> +„Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,<br> +Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn<br> +Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen,<br> +So ich für dessen Atzung würde stehn<br> +Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,<br> +Daß Pfleg’ und was sonst nöthig er erhalte.”<br> +</p> +<p> +„Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,<br> +Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,<br> +Selbst nach dem zarten Dinge schau’n zu wollen,<br> +Küßt’ sachte ich des Kindleins feines Haar<br> +Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten,<br> +Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten.”<br> +</p> +<p> +„Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer<br> +Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.<br> +In Gram versunken zog ich meine Straßen,<br> +Jed’ Sinnen der Vergangenheit geweiht;<br> +Sollt’ mal ich wo ein heiter Liedlein singen,<br> +Mußt’ schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!”<br> +</p> +<p> +„Hatt’ aber vordem nur mein Lied der Lieb’ gegolten,<br> +Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust,<br> +Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,<br> +So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;<br> +Ich mußte singen von der Minne Schmerzen,<br> +Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen.”<br> +</p> +<p> +Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen<br> +Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.<br> +Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen<br> +Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,<br> +So wir’s verstehn die Saiten anzuschlagen;<br> +Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!”<br> +</p> +<p> +„Als nach und nach der Herbst in’s Land gezogen,<br> +In falbe Blätter blies der rauhe Wind,<br> +Am Hag die langen Spinneweben wehten,<br> +Gleich Silberfäden, die entflogen sind;<br> +Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,<br> +Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen.”<br> +</p> +<p> +„In jedem Wiegenbett wähnt’ ich mein eigen Täublein<br> +Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;<br> +Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,<br> +So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick,<br> +Das süßer Mutterliebe mußt’ entbehren —<br> +Und ich entschloß mich endlich umzukehren.”<br> +</p> +<p> +„Hatt’ manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,<br> +Mit dem ich hoffen durft’ die Winterzeit<br> +Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;<br> +Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit<br> +Für’s Vögelein, von manchen schönen Sachen,<br> +Ob dem es große Aeuglein sollte machen.”<br> +</p> +<p> +„Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,<br> +Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt;<br> +Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,<br> +So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,<br> +Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen,<br> +Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt’ sagen.”<br> +</p> +<p> +„Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,<br> +Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt<br> +Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend,<br> +Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt.<br> +Trotz allem Kosen wollt’ es nicht mich kennen,<br> +Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen.”<br> +</p> +<p> +„Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.<br> +Es wohl zu warten, kürzte manche Stund’,<br> +Die sonst vergällt gewesen um die Mutter;<br> +War tief im Herzen ja noch weh und wund,<br> +Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen<br> +Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne<br> +Mit Sang und Laute, wie das meine Art,<br> +Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,<br> +Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. —<br> +Eh’ aber noch der erste Schnee gefallen,<br> +Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen.”<br> +</p> +<p> +„Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!<br> +Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr;<br> +Galt mir doch jede Stunde für verloren,<br> +In der ich fern von meinem Kinde war.<br> +In seiner Nähe war mir Glück und Frieden,<br> +Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden.”<br> +</p> +<p> +„Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet<br> +Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt,<br> +Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen,<br> +Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt,<br> +So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen<br> +In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen.”<br> +</p> +<p> +Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater;<br> +Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut<br> +Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;<br> +Fern jedem jugendlichen Uebermuth,<br> +War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen,<br> +Von keinem Leide noch und Weh getroffen.” —<br> +</p> +<p> +„Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren<br> +Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt<br> +Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,<br> +Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.<br> +Auf keiner Kirmeß’ durfte je ich fehlen,<br> +Wenn ich nicht wollte, daß sie all’ mich schmälen.”<br> +</p> +<p> +„So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,<br> +Wir lebten still in ungestörtem Glück;<br> +Nur eines fehlte, ’s war des Mägdleins Mutter.<br> +Aus ihrem Grabe sehnt’ ich sie zurück,<br> +Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,<br> +Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen.”<br> +</p> +<p> +Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen,<br> +Als brächte er es nicht mehr weiter fort.<br> +Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein:<br> +„Daß nicht die Kehl’ am Ende gar verdorrt!” —<br> +Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken<br> +Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken.<br> +</p> +<p> +Sie thaten’s auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten<br> +Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt;<br> +Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben<br> +Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.<br> +Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören,<br> +Schien Wirth und Gäst’ im Lauschen gleich zu stören.<br> +</p> +<p> +„Gesegn’ es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!”<br> +Hob bald der Sänger an mit neuem Muth,<br> +Doch einem leisen Beben in der Stimme —<br> +„Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,<br> +Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;<br> +Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!”<br> +</p> +<p> +„’s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte<br> +Vom blauen Himmel über Wald und Ried;<br> +Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen<br> +Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied.<br> +Ein Jubeln war’s, ein Durcheinanderklingen,<br> +Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!”<br> +</p> +<p> +„Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen.<br> +Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut;<br> +Waldvögelein und er ha’n gleiches Wesen,<br> +Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut:<br> +In linder Lust muß es die Flüglein dehnen,<br> +Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen.”<br> +</p> +<p> +„Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe,<br> +Gings früh am Morgen in den Lenz hinein.<br> +Es sprühte, funkelte in jungen Saaten,<br> +Gleich Adamanten im Juwelenschrein;<br> +Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle,<br> +Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle.”<br> +</p> +<p> +„Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen<br> +Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus,<br> +Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind<br> +Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß,<br> +In welches es auch manches Kräutlein steckte,<br> +Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!”<br> +</p> +<p> +„Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen,<br> +Das weithin hallte über Berg und Thal.<br> +Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,<br> +Als es erlauschen mocht’ der Rufe Zahl;<br> +Dann jedoch wollte mein es täglich warten,<br> +Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten.”<br> +</p> +<p> +„Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder<br> +Durch junges Grün und hellen Vogelsang,<br> +Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme<br> +Herunter schimmerten vom Felsenhang<br> +Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,<br> +Daß ihr Besitzer just im Walde jagte.”<br> +</p> +<p> +„Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert’ fröhlich,<br> +Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach.<br> +Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten,<br> +Von wo zurückzugehn die Maid versprach;<br> +Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,<br> +Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern.”<br> +</p> +<p> +„Ein letztes Mal hatt’ ich dem Kinde noch versprochen,<br> +Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;<br> +Dann küßt’ ich seine überthränten Wangen<br> +Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,<br> +Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,<br> +Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden.”<br> +</p> +<p> +„Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet,<br> +Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein,<br> +Und wurde mir, als hörte ich es rufen:<br> +„Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!”<br> +Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde —<br> +Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!”<br> +</p> +<p> +„Es regnete im selben Sommer mir die Taschen<br> +Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.<br> +War aber auch ein reiches Jahr gewesen.<br> +In Tenn’ und Keller blieb kein Plätzlein leer;<br> +Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen<br> +Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen.”<br> +</p> +<p> +„Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,<br> +Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt;<br> +Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit’ gehangen,<br> +Hatt’ manchen Kram ich für mein Herzkind mit.<br> +Wie niemals aber, freut’ ich mich im Gehen,<br> +In einem fort auf unser Wiedersehen!”<br> +</p> +<p> +„’s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse<br> +Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;<br> +Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße<br> +Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt,<br> +Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,<br> +Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte.”<br> +</p> +<p> +„Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes<br> +Begegnete mir scheu die Pflegerin.<br> +Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,<br> +Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin<br> +Und ging es lange, eh’ ich’s mochte wagen,<br> +Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen.”<br> +</p> +<p> +„Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen,<br> +Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih’<br> +Am selben Tag mein Vögelein sich raubte,<br> +Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;<br> +Doch soll es munter auf der Thierburg weilen<br> +Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen.”<br> +</p> +<p> +„Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr’schem Toben,<br> +Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;<br> +In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen<br> +An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.<br> +Aufschreiend: „denen will ich’s Nachtmahl würzen!”<br> +Wollt’, rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen.”<br> +</p> +<p> +„Da wischte sich die Bäuerin ’s Wasser aus den Augen<br> +Und zog mich neben sich auf eine Bank.<br> +„„Stat Seppel!”” sprach sie, „„magst Dir’s erst beschlafen;<br> +Der auf der Thierburg wüßt’ Dir schlechten Dank<br> +Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen<br> +Und es versuchen, deine Maid zu sehen!””<br> +</p> +<p> +„„Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen,<br> +Hatt’ jedoch bei dem Gange wenig Glück.<br> +Ist Einer wie der Andere dort oben!<br> +Sie wiesen mich am Thore grob zurück,<br> +Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter<br> +Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.””<br> +</p> +<p> +„„Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack’ Dich zur Höllen,<br> +Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib!<br> +Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,<br> +Eh’ es zum Teufel fährt als runzlig Weib!<br> +Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen,<br> +Sonst wär’ es nicht allein im Wald gegangen!””<br> +</p> +<p> +„„Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,<br> +Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog.<br> +Glaub’ freilich nimmer, daß es gern gegangen<br> +Wie einer von den Schergen oben log!<br> +Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde,<br> +Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.””<br> +</p> +<p> +„So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen.<br> +Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz;<br> +Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,<br> +Fand keine Worte meinem Höllenschmerz.<br> +Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,<br> +Der Rache nur gehörte all mein Sinnen.” —<br> +</p> +<p> +„Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte.<br> +In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,<br> +Stand aber viel zu früh vor deren Mauern;<br> +Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh’.<br> +Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge,<br> +Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge.”<br> +</p> +<p> +Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,<br> +Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.<br> +Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen<br> +Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras.<br> +Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern,<br> +Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.”<br> +</p> +<p> +„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,<br> +Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.<br> +Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,<br> +Ich möcht’ für mich behalten solches Lob;<br> +Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,<br> +Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.”<br> +</p> +<p> +„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer<br> +Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.<br> +Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen,<br> +Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht<br> +Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,<br> +Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?”<br> +</p> +<p> +„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,<br> +Als wir vor etlich Monden auf der Jagd<br> +Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!<br> +Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd,<br> +Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,<br> +Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.””<br> +</p> +<p> +„„War Dir ein Fang,”” erzählte ungefragt der Bursche,<br> +„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!<br> +Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,<br> +Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt,<br> +Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen<br> +Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.””<br> +</p> +<p> +„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,<br> +Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.<br> +Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,<br> +Dran Eppich rankt,”” — ich sah es leider schon, —<br> +„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken,<br> +Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.”<br> +</p> +<p> +„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.<br> +Mich aber überlief es heiß und kalt;<br> +Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken<br> +Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. —<br> +Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,<br> +In meines Lebens allerschwerster Stunden!”<br> +</p> +<p> +„Füll’ ihm das Krüglein wieder!” rief Herr Heinz dem Diener.<br> +Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,<br> +Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.<br> +Dann ward es stille, wie vor einem Grab;<br> +Nur im Kamine prasselten die Flammen<br> +Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.<br> +</p> +<p> +Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen:<br> +„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! —<br> +Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,<br> +Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,<br> +Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben,<br> +Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!”<br> +</p> +<p> +„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe<br> +Und starrte schweigend in den grausen Schlund.<br> +Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.<br> +Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund.<br> +Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen,<br> +Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!”<br> +</p> +<p> +„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,<br> +Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;<br> +Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens<br> +Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.<br> +Er selber war es, so mein Kind begraben,<br> +Als sie es später todt gefunden haben.”<br> +</p> +<p> +„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,<br> +Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;<br> +Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,<br> +Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang<br> +Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,<br> +Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.”<br> +</p> +<p> +„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,<br> +Die ächzend von der Windberg’ niedersank,<br> +Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen<br> +In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank<br> +Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;<br> +Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.”<br> +</p> +<p> +„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;<br> +Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.<br> +Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,<br> +Noch bei den Mägden, suchte nach und nach<br> +Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,<br> +Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.”<br> +</p> +<p> +„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!<br> +Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.<br> +Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,<br> +Es lieber sich dem grausen Tod ergab.<br> +Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,<br> +Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.”<br> +</p> +<p> +„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich<br> +Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,<br> +Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel —<br> +Alleine in der Welt, ein armer Mann!<br> +Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;<br> +Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.”<br> +</p> +<p> +„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen;<br> +Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,<br> +Sah ich den Weg allmälig sich verengen,<br> +Indessen oben eine Felswand hing.<br> +Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,<br> +Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.”<br> +</p> +<p> +„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe<br> +Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,<br> +Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,<br> +Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;<br> +Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,<br> +Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.”<br> +</p> +<p> +„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,<br> +So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.<br> +Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen<br> +Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt<br> +Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,<br> +Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.”<br> +</p> +<p> +„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,<br> +Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein<br> +Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.<br> +Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,<br> +Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,<br> +Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.”<br> +</p> +<p> +„Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,<br> +So oft ein Stein dem Rande näher kam.<br> +Hei! will ich ihnen ein Memento singen,<br> +Eh’ sie der Teufel sammt und sonders nahm!<br> +Des Sängers Rache sollten dran sie kennen<br> +Und müßt er selber in der Höllen brennen.”<br> +</p> +<p> +„Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!<br> +Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf:<br> +Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,<br> +Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf.<br> +Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,<br> +Den Teufeln nicht die letzte Meß’ zu singen.”<br> +</p> +<p> +„Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber<br> +Und ließ sie nähern sich der Felsenwand.<br> +Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen,<br> +Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.<br> +Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,<br> +Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern.”<br> +</p> +<p> +„Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen<br> +So gaffend standen vor dem schweren Baum,<br> +Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;<br> +Dann sah er um sich in dem engen Raum.<br> +Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen,<br> +Ein einz’ger Felsblock sollt’ sie nieder brechen!”<br> +</p> +<p> +„Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,<br> +Den Satan tödtend unter seiner Last,<br> +Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz<br> +Und — fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt!<br> +Entsetzen packte mich, mußt’ inne halten,<br> +Statt meiner grausen That zu End’ zu walten.”<br> +</p> +<p> +„Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen<br> +Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:<br> +Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,<br> +Als meiner harrte einst des Henkers Strick.<br> +Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte,<br> +Daß ich es um sein liebes Mündel brachte.”<br> +</p> +<p> +„Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden!<br> +Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,<br> +Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,<br> +So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,<br> +Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,<br> +Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte.” —<br> +</p> +<p> +„Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein<br> +Der Bäuerin; das Singen hatt’ ein End’.<br> +Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,<br> +Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd’.<br> +Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;<br> +Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen.”<br> +</p> +<p> +„So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd,<br> +Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.<br> +Er blieb mir fern. Ich hatt’ noch des Gefieders,<br> +Das ich mir vorher erst sollt’ rupfen la’n.<br> +Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.<br> +Für’s Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen.”<br> +</p> +<p> +„Was sollt’ er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget?<br> +Gelähmt die Fittige der bittre Harm?<br> +Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,<br> +Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm!<br> +Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken,<br> +Daß Niemand schauen sollt’ sein letztes Zucken.”<br> +</p> +<p> +„Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,<br> +Mit einer Söldnerschaar in’s Polenreich. —<br> +Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,<br> +Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;<br> +Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,<br> +Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen.”<br> +</p> +<p> +„Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,<br> +Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,<br> +Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt;<br> +Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.<br> +Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,<br> +Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben.”<br> +</p> +<p> +„Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend,<br> +Tags nach dem Treffen über’s Blachfeld gehn,<br> +Da finden sie auch mich und jeder eilte,<br> +Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.<br> +Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,<br> +Verwundert hob ich bald die schweren Lider.”<br> +</p> +<p> +„Da fügte sich’s, daß sie auch jenes Dreibein sahen,<br> +So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,<br> +Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,<br> +Als sie den Galgenvogel dran erkannt!<br> +Ich hör’ noch heut’ ihr höhnisch Lachen klingen,<br> +Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen.”<br> +</p> +<p> +„Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,<br> +Der nackte Vogel änderte den Sinn;<br> +Sein stolzes Wollen bracht’ ihm schlecht Gedeihen,<br> +Was er erstrebt’, deß’ ward ihm kein Gewinn.<br> +Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,<br> +Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen.”<br> +</p> +<p> +„Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen<br> +In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;<br> +Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt<br> +Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.<br> +Dann schlug’s wie Wellen über mir zusammen,<br> +Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen.”<br> +</p> +<p> +„Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer,<br> +Als ich auf einmal hörte, daß man sprach.<br> +Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,<br> +Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.<br> +Der Tod war wiederum vorbeigezogen,<br> +Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen.”<br> +</p> +<p> +„Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken<br> +Die Sonne glänzte und des Himmels Blau,<br> +Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute,<br> +Und in den Ecken Spinneweben grau,<br> +Das war der Ort, an welchem ich erwachte,<br> +Nicht grad das Paradies, wie ich mir’s dachte.”<br> +</p> +<p> +„Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen,<br> +Beim Spiele, doch auch’s Krüglein in der Hand,<br> +Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,<br> +Bei einem Karren, der daneben stand.<br> +Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,<br> +Ließ unschwer mich der erste Blick errathen.”<br> +</p> +<p> +„Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,<br> +Als ich dem Tode nah im Felde lag,<br> +Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,<br> +Hielt’s treulich bei mir aus manch lieben Tag,<br> +Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,<br> +Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte.”<br> +</p> +<p> +„Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen,<br> +Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;<br> +Ihr Treiben aber wollt’ mir nicht gefallen,<br> +Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;<br> +Doch wenn ich warnte, bracht’s mir Spott und Schelte,<br> +Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte.”<br> +</p> +<p> +„So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir<br> +Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war.<br> +Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche<br> +In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;<br> +Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen,<br> +Konnt’ meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen.” —<br> +</p> +<p> +„Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,<br> +Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz<br> +Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.<br> +Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,<br> +In welchem, unauslöschlich tief, gegraben,<br> +Was wir an Freud und Leid genossen haben.”<br> +</p> +<p> +„Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte,<br> +Doch diesmal mit der Laute im Geleit.<br> +Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken<br> +An freudige, wie kummerhafte Zeit,<br> +Und halte sie seitdem in guten Ehren,<br> +Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren.”<br> +</p> +<p> +„In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,<br> +Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,<br> +Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins<br> +Entfremdet war bis auf den bloßen Schein;<br> +Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,<br> +Und eine Zeitlang es mir bas behagte.”<br> +</p> +<p> +„Traun! gab’s des bunten Treibens da gar viel zu schauen,<br> +Vom Morgenläuten bis zum Abend spat.<br> +In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen,<br> +Viel schöne Frau’n in ihrem besten Staat;<br> +Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,<br> +So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen.”<br> +</p> +<p> +„Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen!<br> +Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;<br> +Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,<br> +Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor,<br> +Und Frauenherzen muß der Sänger rühren,<br> +Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren.”<br> +</p> +<p> +„So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere,<br> +Wo blaues Aug’ und blauer Trauben Saft<br> +Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel<br> +Man sich in’s Farbenspiel des See’s vergafft. —<br> +Ich würde heut’ noch dort die Saiten spannen,<br> +Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen.” —<br> +</p> +<p> +„Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen,<br> +Von arger List und bösem Trug gestellt.<br> +Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,<br> +Daß lauten Ton’s sie in den Ohren gellt;<br> +Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,<br> +Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!”<br> +</p> +<p> +„Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim,<br> +Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;<br> +Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,<br> +Verdammten sie’s und zwar zum Feuertod. —<br> +Mein’ aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,<br> +Den sie zu braten sich gewißlich wahren!”<br> +</p> +<p> +„„Ein Unrecht ist’s!”” entschlüpfte es dem Mund des Junkers<br> +So laut, daß sich der Spielmann unterbrach<br> +Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,<br> +Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach;<br> +Herr Heinz doch that, als hätt’ er nichts vernommen,<br> +Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.<br> +</p> +<p> +Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:<br> +„Es ward mir schwül am blauen Bodensee;<br> +Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,<br> +Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.<br> +Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,<br> +Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!”<br> +</p> +<p> +„Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,<br> +Den vollen Humpen und den schönen Frau’n,<br> +Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,<br> +Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau’n,<br> +Bis sich von ungefähr das Steuer drehte<br> +Und mich der Wind in Euer Thal verwehte.” —<br> +</p> +<p> +„Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen,<br> +Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn;<br> +Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten,<br> +Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön,<br> +Um welchen rings sich wald’ge Berge bauen,<br> +Von denen stolze Burgen niederschauen!”<br> +</p> +<p> +„Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen;<br> +Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,<br> +Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet,<br> +Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.<br> +Hier fühle ich mich wohl, hier möcht’ ich weilen,<br> +Wär’ mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!” —<br> +</p> +<p> +„Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo<br> +Und wisset, wo’s die Federlein gela’n.<br> +Ich hoffe, ’s wird einst, nach der letzten Mauser,<br> +Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn;<br> +Ist doch auch’s Vögelein in Gottes Händen,<br> +Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!”<br> +</p> +<img src="images/E214.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Siebentes Kapitel.</h2> +<img src="images/E215.jpg" alt="Aufbruch von Kuonrad und Franz von Edlibach"><p> +Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen,<br> +Erschimmern rings in märchenhafter Pracht<br> +Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet<br> +Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;<br> +Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,<br> +Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.<br> +</p> +<p> +Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft<br> +Und, wenn’s auch kalt macht, ist die Luft doch still<br> +Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,<br> +In dem die Sonne er begrüßen will;<br> +Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,<br> +Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte.<br> +</p> +<p> +Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten<br> +Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,<br> +Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd,<br> +Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.<br> +Ein Meer von Gold ruht auf den schnee’gen Flächen,<br> +Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. —<br> +</p> +<p> +Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten,<br> +Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat,<br> +Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen;<br> +Was diese auch versprochen, eh’ sie spat,<br> +Da müd’ und schläferig die Lider hingen,<br> +Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. — —<br> +</p> +<p> +Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,<br> +Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein,<br> +Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.<br> +Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,<br> +Als jener endlich schwieg und alle zaudern<br> +Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.<br> +</p> +<p> +Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder<br> +Die Oberhand. In froh gelaunter Weis’<br> +Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen<br> +Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis’;<br> +Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,<br> +Denn Kehl’ und Magen fahrender Gesellen.<br> +</p> +<p> +Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand<br> +Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund<br> +Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte,<br> +Ob ihre Liebe auch so festen Grund, —<br> +Als sie es eben von der Maid vernommen,<br> +Die zu dem Spielmann einst in Lieb’ erglommen?<br> +</p> +<p> +Wohl zog’s in dunklen Gluthen da auf Elsbeth’s Wangen,<br> +Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor<br> +Und sprach in mildem Ernste, aber leise,<br> +Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr:<br> +„Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne<br> +Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!”<br> +</p> +<p> +Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,<br> +So hastig stand sie dann vom Tische auf<br> +Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen;<br> +Auch, in der Eil’, die Kanne mit dem Knauf<br> +Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten,<br> +Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.<br> +</p> +<p> +Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen.<br> +Was der natürlich auch gar gerne that<br> +Und sich behaglich übers Essen machte,<br> +So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.<br> +Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,<br> +Ward munter wieder hin und her gesprochen.<br> +</p> +<p> +Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,<br> +Dem’s wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;<br> +Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort,<br> +Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach;<br> +Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen,<br> +So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.<br> +</p> +<p> +Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte,<br> +Denn seine Blicke zog’s mit Allgewalt<br> +Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend,<br> +Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,<br> +Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte,<br> +Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte.<br> +</p> +<p> +Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre<br> +Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort<br> +Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte,<br> +Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.<br> +Verschwieg’ne Liebe ist ja doppelt theuer<br> +Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. —<br> +</p> +<p> +Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische;<br> +Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.<br> +Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen,<br> +Wollt’ er mit Ehr’ bestehn als Schenkgesell;<br> +Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen<br> +Woll’ heute jeder Grund und Boden fehlen.<br> +</p> +<p> +Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:<br> +„Hei, Alter! Sing’ ein Liedlein von der Jagd;<br> +Kennst sicher eines, das recht lustig klinget<br> +Und frohen Waidgesellen bas behagt.<br> +Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen;<br> +Sieh’ nur, wie alle schon die Ohren spitzen!”<br> +</p> +<p> +Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele;<br> +Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand,<br> +Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert,<br> +Bat, eh’ er’s rührte mit gewandter Hand,<br> +Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,<br> +Was für ein Lied der Holden thät behagen.<br> +</p> +<p> +Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,<br> +So einst sein Mägdlein sich ersann und sang.<br> +Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte<br> +Drauf in die Saiten, daß es hell erklang.<br> +Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,<br> +Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt’ klingen:<br> +</p> +<p> +„Am Hage blüht jung Röslein roth;<br> +Deß’ litten Wind und Käfer Noth,<br> +Wollt’s Jeder ha’n zur Fraue;<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Zum Röslein heimlich sprach der Wind:<br> +„„Laß’ um Dich werben, liebes Kind,<br> +Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„„Zieh’ weiter!”” rothes Röslein sprach,<br> +„„Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,<br> +Solch Buhlen ich nicht traue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„Drauf, gülden schön, ein Käfer kam,<br> +Gab jungem Röslein süßen Nam’,<br> +Als seiner holden Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Doch Röslein sprach: „„Dich nehm’ ich nicht<br> +Goldkäferlein! Dein Angesicht<br> +Nur hin nach andern schaue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.””<br> +</p> +<p> +„Als aber kam ein Junker her,<br> +Da wurde Rösleins Herze schwer;<br> +Von selbst ward’s seine Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth’,<br> +Doch er war bald des Kosens müd’,<br> +Zog wieder fort in’s Blaue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +„Und wißt Ihr, wer der Junkherr war?<br> +Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr<br> +Ein Röslein sich zur Fraue.<br> +Es blühn wohl auf der grünen Au<br> +Viel Blümlein, roth und blaue.”<br> +</p> +<p> +Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,<br> +Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied;<br> +Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen,<br> +Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,<br> +Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen,<br> +Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.<br> +</p> +<p> +Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte<br> +Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,<br> +Nur Augen hatte für des Hauses Herrin,<br> +So heute ihm noch schöner schien, denn je.<br> +Es brauchte wenig und, in Minne trunken,<br> +Wär’ vor der Holden er auf’s Knie gesunken.<br> +</p> +<p> +Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen,<br> +Bis leis’ der letzte Saitenton verklang;<br> +Doch, als der Spielmann, Udo’s Wunsch willfahrend,<br> +Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang,<br> +Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen<br> +Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen.<br> +</p> +<p> +Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,<br> +— Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, —<br> +Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen<br> +Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt<br> +In schöner Harmonie, um zu begleiten<br> +Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.<br> +</p> +<p> +Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,<br> +Als hörte man der Vöglein hellen Sang<br> +Im blühnden Haine draußen und im Tanne,<br> +Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,<br> +Um, fern im Echo, leise zu verhallen,<br> +Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. —<br> +</p> +<p> +Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe ’s Köpflein euch verwirret,<br> +Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund,<br> +Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet,<br> +Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:<br> +Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,<br> +Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? —<br> +</p> +<p> +Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren<br> +Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß;<br> +Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,<br> +Von bittrer Eifersucht gequält und Haß,<br> +Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen<br> +Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.<br> +</p> +<p> +Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen,<br> +Um desto heißer fühlte sie die Qual,<br> +Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers<br> +Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;<br> +Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen,<br> +Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.<br> +</p> +<p> +Da von den Andern jedoch niemand darum wußte,<br> +Floß jenen gar vergnügt der Abend hin<br> +Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche,<br> +Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien,<br> +Das man im Freundeskreise heut’ verbrachte,<br> +Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. —<br> +</p> +<p> +Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf<br> +Den Herren dann gemeldet, daß es tagt’,<br> +Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,<br> +Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,<br> +Die heute, weil der Freund es also wollte,<br> +Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten,<br> +Als Adelgunde sich vom Lager hob.<br> +Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,<br> +Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,<br> +Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte,<br> +Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.<br> +</p> +<p> +Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen,<br> +Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,<br> +Auf’s neu’ dem Unmuth sich zu überlassen,<br> +Daß gestern nicht der Junker immerzu<br> +Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte,<br> +Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte.<br> +</p> +<p> +In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen,<br> +Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,<br> +Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten,<br> +Wie viel auch diese es zu kosten bat;<br> +In dunklem Feuer ihre Blicke glühten,<br> +So oft, die Lippen sich zu reden mühten.”<br> +</p> +<p> +Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich<br> +Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach,<br> +Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten,<br> +In’s eig’ne, prunkentblößte Schlafgemach;<br> +Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue,<br> +Von welchem man den ganzen Gau erschaue.<br> +</p> +<p> +„Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, — ”<br> +Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging<br> +Und Adelgunde zauderte, zu folgen<br> +Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, —<br> +„Den nächsten Augenblick schon sind wir oben,<br> +Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!”<br> +</p> +<p> +Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,<br> +An deren Finger sie das Reiflein trug,<br> +So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,<br> +Als er besorgt um ihre Zukunft frug,<br> +Und das, seit jener Stunde, sie getragen,<br> +Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.<br> +</p> +<p> +Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,<br> +Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’<br> +Versuchte, ob es abzustreifen wäre<br> +Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’,<br> +Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,<br> +Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen.<br> +</p> +<p> +Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,<br> +Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,<br> +Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,<br> +Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,<br> +Bis er, im Banne finsterer Gewalten,<br> +Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.<br> +</p> +<p> +Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends<br> +Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,<br> +Und trat, so unbefangen als nur möglich,<br> +In deren sonnighelles Schlafgemach.<br> +Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,<br> +Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten.<br> +</p> +<p> +Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,<br> +Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,<br> +Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,<br> +Die Statue der Muttergottes stand,<br> +Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,<br> +Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.<br> +</p> +<p> +Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken<br> +Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,<br> +Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,<br> +Besetzten diese Wand der Länge nach,<br> +Indeß die andere das Bettlein säumte,<br> +Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.<br> +</p> +<p> +Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,<br> +Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,<br> +Fast einem Vogelneste zu vergleichen,<br> +Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;<br> +Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,<br> +Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. —<br> +</p> +<p> +Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,<br> +Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;<br> +Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,<br> +Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum,<br> +Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken,<br> +Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.<br> +</p> +<p> +Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,<br> +Versunken in des schönen Anblicks Pracht,<br> +Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange<br> +Hier oben in der Einsamkeit verbracht,<br> +Um, überwältigt von dem hehren Schauen,<br> +An Gottes Werken still sich zu erbauen.<br> +</p> +<p> +Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.<br> +Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’,<br> +Von all den Bergen, Thälern in der Runde,<br> +So weit ihr jene überhaupt bekannt,<br> +Hier Umschau haltend, froher Laune werden,<br> +Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.<br> +</p> +<p> +Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;<br> +Sie maß die Gute bald mit einem Blick<br> +Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,<br> +Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick<br> +Drob war, weil dies, in leid’ger Lust am Necken,<br> +Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.<br> +</p> +<p> +„Gebt’s auf, mir Namen vorzusagen,” sprach sie mürrisch<br> +„Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,<br> +Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde<br> +Es angethan, und nicht der eigne Bann;<br> +Denn sonsten braucht’ ich Euch ja nicht zu fragen,<br> +Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut’ jagen!”<br> +</p> +<p> +Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger<br> +Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand;<br> +Ein römisches Gemäuer, dessen Reste<br> +Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,<br> +Als, müde wohl, er sich auf’s Moos hinstreckte,<br> +Das grün und weich die Mauertrümmer deckte.<br> +</p> +<p> +„Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze<br> +Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;<br> +Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,<br> +Mag’s gehen, daß Eu’r Ohr den Klang erlauscht<br> +Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,<br> +Ich mehr denn eimnal bis hierher hört’ klingen!”<br> +</p> +<p> +„Das glaub’ ich gerne!” rief gereizt die Aufgeregte<br> +In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt,<br> +Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;<br> +Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt,<br> +Und that deshalb, als wäre ihr entgangen,<br> +Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen.<br> +</p> +<p> +Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,<br> +Und ging’s nicht lange, eh’ es Elsbeth däucht’,<br> +Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth<br> +Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht.<br> +Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen<br> +Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.<br> +</p> +<p> +Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,<br> +Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß,<br> +Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden,<br> +Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis,<br> +Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,<br> +Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.<br> +</p> +<p> +Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:<br> +Ob sie den Junker minne und er sie,<br> +Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,<br> +Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh,<br> +Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,<br> +Die Fragerin jedwede Maske fallen.<br> +</p> +<p> +„Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,”<br> +Klang’s giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund,<br> +„Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,<br> +Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?<br> +Euch — eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,<br> +Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!”<br> +</p> +<p> +Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte,<br> +Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich,<br> +Ob solcher Rede keines Wortes mächtig;<br> +Es ballten krampfhaft ihre Hände sich,<br> +Der Höhnenden gebührend zu vergelten,<br> +Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.<br> +</p> +<p> +Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen<br> +Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob,<br> +Bis jene, unter höhnischem Gelächter,<br> +Des Junkers Reiflein in die Höhe hob<br> +Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte,<br> +Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.<br> +</p> +<p> +„Gebt mir das Ringlein her!” bat dringend die Gequälte,<br> +Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.<br> +„Gebt mir den Reif zurück! — Ihr könnt nicht wollen,<br> +Daß ich mein Leben lang im Unglück bin!<br> +Ich dank’s Euch noch in meiner letzten Stunde!<br> +Gebt mir das Ringlein! — Bitte, Adelgunde!”<br> +</p> +<p> +Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester<br> +Und lachte höhnisch: „Sagt ich mir doch gleich,<br> +Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,<br> +Daß solche Fische nicht in Eurem Teich<br> +Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,<br> +Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!”<br> +</p> +<p> +„Denkt, was Ihr wollt!” entgegnete jetzt Elsbeth zürnend,<br> +„Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,<br> +Als Angedenken traut gesprochner Worte,<br> +Von denen keines mir das Herz beschwert;<br> +Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle,<br> +Seit ich durchschaue — Eure schöne Seele!”<br> +</p> +<p> +„Schaut lieber erst in Eure!” spottete die Arge,<br> +„Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! —<br> +Ha, ha! Was gilt’s, ihr hebet an zu beichten<br> +Die volle Wahrheit? — Wie? Ihr saget Nein? —<br> +Seht dieses Ringlein! — Es fliegt von dem Söller,<br> +Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!”<br> +</p> +<p> +In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen,<br> +Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand<br> +Und hielt sie fest, bis Adelgund’, weil stärker,<br> +Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand,<br> +Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,<br> +Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.<br> +</p> +<p> +Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte<br> +Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast,<br> +Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.<br> +Ihr starker Arm hielt Adelgund’ umfaßt,<br> +So daß die keuchend rang sich loszuzwingen,<br> +Was jedoch nicht so leichtlich wollt’ gelingen.<br> +</p> +<p> +In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend,<br> +Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt,<br> +Die jugendschönen Glieder sich umklammernd,<br> +Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,<br> +Der Gegnerin, und koste es das Leben,<br> +Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.<br> +</p> +<p> +Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen<br> +Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft<br> +Gelang die rechte Hand sich zu befreien,<br> +Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.<br> +Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.<br> +Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.<br> +</p> +<p> +Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,<br> +Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.<br> +Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen,<br> +Als just zum Wurf ausholte Adelgund’,<br> +War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen<br> +Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen.<br> +</p> +<p> +Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend<br> +In banger Angst, durchrannte sie im Nu<br> +Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder<br> +Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,<br> +Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,<br> +Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.<br> +</p> +<p> +Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,<br> +Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!<br> +Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,<br> +Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,<br> +Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,<br> +Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. —<br> +</p> +<p> +Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,<br> +Lag locker da, in seiner Masse weich,<br> +Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,<br> +Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,<br> +Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,<br> +Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. —<br> +</p> +<p> +„Um Jesu willen!” keuchte Adelgunde angstvoll,<br> +Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,<br> +„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken,<br> +Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,<br> +Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben<br> +Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!”<br> +</p> +<p> +„Gewährt Verzeihung —” bat sie leise, als ihr Elsbeth<br> +Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran<br> +Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen,<br> +Da ich es war, die hob zu streiten an;<br> +In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,<br> +Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.”<br> +</p> +<p> +In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:<br> +„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’!<br> +Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo<br> +Das Ringlein suchen —” fügte noch sie zu<br> +Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,<br> +Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.<br> +</p> +<p> +Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke<br> +Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,<br> +Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten:<br> +„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,<br> +Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte.<br> +Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.”<br> +</p> +<p> +Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,<br> +Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,<br> +Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger<br> +Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.<br> +In langem Kuß sah man die Lippen pressen<br> +Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. —<br> +</p> +<p> +Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,<br> +Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’,<br> +War Frieden; denn die beiden Schönen hatten<br> +Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,<br> +Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,<br> +Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.<br> +</p> +<p> +Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!”<br> +Das oft im Leben sich verwenden läßt.<br> +Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,<br> +Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’,<br> +Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,<br> +Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.<br> +</p> +<p> +In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich;<br> +Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot,<br> +Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen,<br> +Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,<br> +Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,<br> +Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen,<br> +Was seine Macht zu schenken dir versagt,<br> +Willst nicht du deines Herzens Ruh’ und Friede<br> +Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,<br> +Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,<br> +Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. — —<br> +</p> +<p> +Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas.<br> +Die Herren zechten und der Spielmann sang,<br> +Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.<br> +Stets sicher, daß er Beifall sich errang,<br> +Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge,<br> +Den oft er leerte in gar gutem Zuge.<br> +</p> +<p> +Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,<br> +Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang,<br> +Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,<br> +Das voll und süß von ihren Lippen klang;<br> +Doch war’s ein andrer Text und andre Weise,<br> +Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.<br> +</p> +<p> +Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,<br> +Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang,<br> +Des Hauses Mägde sich versammelt hatten<br> +Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,<br> +Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen,<br> +In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.<br> +</p> +<img src="images/E236_237.jpg" alt="Franz von Edlibach kommt auf der Küssaburg an"> +<p> +Sie kamen nicht dazu. Denn eh’ das Lied zu Ende,<br> +Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih’,<br> +Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander<br> +Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei;<br> +Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine<br> +Im Näherkommen ungewisse Scheine.<br> +</p> +<p> +Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen<br> +Und brach Elsbeth das Singen jählings ab.<br> +Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre<br> +Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,<br> +Dem Zweie folgten, die er mußt’ begleiten,<br> +Wie wohl’s ihm wenig Freud’ schien zu bereiten.<br> +</p> +<p> +Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern<br> +Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt’.<br> +Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,<br> +In den er, frierend wohl, sich eingehüllt;<br> +Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen,<br> +Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.<br> +</p> +<p> +Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,<br> +In tiefem Basse er zum Vogte sprach:<br> +„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,<br> +Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,<br> +Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen,<br> +Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien.<br> +</p> +<p> +Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,<br> +Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,<br> +Und nun empfing er aus des Boten Händen<br> +Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,<br> +Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte,<br> +Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.<br> +</p> +<p> +Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer,<br> +Den Mantel abzulegen und die Wehr’<br> +Und mitzuhalten an der Tafelrunde:<br> +„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!”<br> +Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,<br> +Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.<br> +</p> +<p> +Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,<br> +Indessen Elsbeth für den späten Gast<br> +Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert<br> +Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’,<br> +In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen<br> +Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen.<br> +</p> +<p> +Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel<br> +Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’,<br> +Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:<br> +Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’,<br> +Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge<br> +Der Vogt von lange kannte zur Genüge.<br> +</p> +<p> +So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben<br> +An ihn gerichtet sei; das andre trug,<br> +Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,<br> +In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;<br> +Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,<br> +Noch ehe er das eigene erschlossen.<br> +</p> +<p> +Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,<br> +Lag’s eine Weile schon in seiner Hand,<br> +Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen<br> +Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.<br> +Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken<br> +Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.<br> +</p> +<p> +Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;<br> +Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,<br> +Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten<br> +In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.<br> +Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren?<br> +Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!<br> +</p> +<p> +Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,<br> +Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick<br> +Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,<br> +Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick<br> +Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte,<br> +Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.<br> +</p> +<p> +Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele<br> +Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,<br> +Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,<br> +Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn.<br> +Der Brief erzitterte in seinen Händen;<br> +O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!<br> +</p> +<p> +Was er sich einst ersehnte, nun war’s ihm geworden,<br> +Es lacht’ das Glück ihn an! Doch tief verzagt<br> +Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,<br> +So sah er in Verzweiflung sich gejagt.<br> +Wußt’ nicht, soll er entsagen, unterliegen,<br> +Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?<br> +</p> +<p> +Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,<br> +Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt,<br> +Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;<br> +Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt,<br> +So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen,<br> +Wie oft bracht’s Kummer nur, und bitter Klagen!<br> +</p> +<p> +Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal<br> +Ein silbern Lachen tönte durch’s Gemach,<br> +So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,<br> +Das aber doch ihm nun das Herze brach,<br> +Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,<br> +sich ahnungslos des Augenblickes freute.<br> +</p> +<p> +Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.<br> +Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund<br> +In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen,<br> +Von denen er geträumt so manche Stund’,<br> +Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten,<br> +Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten.<br> +</p> +<p> +Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle<br> +Und, immer noch das Schreiben in der Hand,<br> +Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,<br> +Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:<br> +„Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen;<br> +Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!”<br> +</p> +<p> +Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:<br> +„Der Freund hier ist’s, der auch schon alles weiß;<br> +Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!”<br> +Es überlief ihn dabei kalt und heiß,<br> +So daß er schweigend in sein Schreiben starrte,<br> +Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.<br> +</p> +<p> +Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;<br> +Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,<br> +Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden<br> +Und — schnell entschlossen, kürzte er die Qual,<br> +Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,<br> +Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne.<br> +</p> +<p> +Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische<br> +Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,<br> +Doch ohne aufzublicken: „Es ist billig,<br> +Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut:<br> +Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,<br> +Was mir des Oheims güt’ge Hand geschrieben....”<br> +</p> +<p> +Er las: „Wohledler und viellieber Herr und Neffe!<br> +Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,<br> +Daß mir gelang, den König zu versöhnen,<br> +So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund’;<br> +Erachte auch, wollt’ es nicht ungut nehmen,<br> +Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!”<br> +</p> +<p> +„Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren<br> +Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst;<br> +Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne<br> +Und hoher Herren Gnad’ ist öfter Dunst,<br> +Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,<br> +Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen.”<br> +</p> +<p> +„Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden,” —<br> +Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark<br> +Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,<br> +Als schneide er sich in das eigne Mark, —<br> +„Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert,<br> +Weil Eure Absenz gar so lange dauert.”<br> +</p> +<p> +„Ihr Jawort hab’ ich, für das Weit’re wollet sorgen.<br> +Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;<br> +Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute<br> +Verwirren etwan gern ein Frau’ngehirn;<br> +Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben<br> +Und Euer Zögern könnte viel verderben.”<br> +</p> +<p> +„So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe,<br> +Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.<br> +Mit Gruß, Eu’r Oheim Otto, episcopus. —”<br> +Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,<br> +Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,<br> +Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren.<br> +</p> +<p> +Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge<br> +Und bracht’ ein Wohl aus auf des Junkers Braut.<br> +Hell klangen Krug und Gläslein an einander,<br> +Als jählings ward ein kurzes Klirren laut:<br> +In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,<br> +So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. —<br> +</p> +<p> +Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,<br> +Bis von der Braut im Brief die Rede war,<br> +Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden,<br> +Es trübte sich das schöne Augenpaar,<br> +Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen,<br> +Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen.<br> +</p> +<p> +Indessen bald entschlossen all’ ihr Leid zu hehlen,<br> +Am ersten dem, der trug die Schuld darob,<br> +Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein,<br> +Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,<br> +Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde<br> +Noch minder laut, als das von Adelgunde.<br> +</p> +<p> +„Ihr freut Euch wäger?” hörte Elsbeth diese fragen,<br> +Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,<br> +Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen,<br> +Daß klirrend es in hundert Stücke brach. —<br> +Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden<br> +Und schweigend trug, hat Schweres überwunden.<br> +</p> +<p> +Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte<br> +Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,<br> +Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,<br> +Daß es an Speis’ und Trank gebreche nicht;<br> +Bis Adelgunde spät zur Ruh’ begehrte,<br> +Weil nun der Abend ihr zu lange währte.<br> +</p> +<p> +Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte,<br> +Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar,<br> +Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte,<br> +Obschon es damals just nicht Sitte war,<br> +Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,<br> +Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. —<br> +</p> +<p> +„Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,”<br> +Sprach Adelgund’ auf Elsbeths „gute Nacht!”<br> +„Er soll uns singen und zum Tanze spielen,<br> +Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht.<br> +Was wär’ das Leben, gäb’s nicht hin und wieder,<br> +Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!”<br> +</p> +<p> +Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,<br> +So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß;<br> +Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer<br> +Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los,<br> +Es wachte lang die Stolze in Gedanken,<br> +Eh’, schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. —<br> +</p> +<p> +Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.<br> +Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,<br> +Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,<br> +Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach,<br> +Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen<br> +Zusammenbrach mit überthränten Wangen. —<br> +</p> +<p> +Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute,<br> +Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach,<br> +Der marmorgleichen Züge stummes Wehe<br> +Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,<br> +Und doch verklärt von überird’schem Schimmer:<br> +Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer.<br> +</p> +<p> +Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,<br> +Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust,<br> +Die unverhohlen ihr im Busen glühte,<br> +Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,<br> +Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte,<br> +Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte.<br> +</p> +<p> +Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln<br> +In Blüthenduft und frischer Lenzespracht.<br> +O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele<br> +Ein einz’ger Blick noch wunschlos glücklich macht,<br> +Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen<br> +Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! —<br> +</p> +<p> +Und nun war all’ dies aus, in schwarze Nacht versunken,<br> +Vernichtet ihres Herzens schöner Traum,<br> +Vom Sturm geknickt die duft’ge Frühlingsblüthe<br> +So furchtbar jäh — die Arme faßt es kaum.<br> +Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände<br> +und schluchzte auf, doch hörten’s nur die Wände. —<br> +</p> +<p> +Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,<br> +Die uns am ersten Frühlingstage grüßt,<br> +Ihr früh Erwachen aber — kommt ein Spätfrost —<br> +Dann unversehens mit dem Tode büßt,<br> +Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,<br> +So allzufrüh sich ihr in’s Herzlein stahlen. —<br> +</p> +<p> +In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken<br> +Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,<br> +Indessen durch die grünen Butzenscheiben<br> +Der volle Mond ihr fahl in’s Antlitz schien,<br> +Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet,<br> +Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. — —<br> +</p> +<p> +Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.<br> +Es saß der Spielmann dort am Eichentisch,<br> +Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend,<br> +Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,<br> +Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,<br> +Je länger ’s ging, mit desto mehr Behagen.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad war’s allein, der nicht recht froh drein schaute,<br> +Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt’<br> +Mit witz’gem Worte oder muntrem Sprüchlein,<br> +In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt’,<br> +So lang als möglich fröhlich noch zu zechen,<br> +Da Eh’- und Wehstand oft das Krüglein brechen.<br> +</p> +<p> +Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,<br> +Doch däucht’ ihn schal und wässerig der Wein;<br> +Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,<br> +Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.<br> +Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen,<br> +Daß öfters Benno’s Blicke auf ihm ruhten.<br> +</p> +<p> +So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich<br> +An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:<br> +„Wir wöllen heut’ uns schon Behüet Gott! sagen,<br> +Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,<br> +Die Herren ungehindert reiten können,<br> +Indeß wir andern uns noch Ruh’ vergönnen!”<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich<br> +Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft,<br> +Die ihm der Vogt so überreich gewährte,<br> +Daß schier vergessen drob er seiner Haft;<br> +Auch — Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen,<br> +Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.<br> +</p> +<p> +Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,<br> +War es des Bischofs Bote Edlibach,<br> +Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:<br> +Er habe „ordlich schön verricht sein Sach,<br> +Und ehrlich den Willkummen also trunken,<br> +Daß, statt in’s Bett, daneben er gesunken.”<br> +</p> +<img src="images/E248.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Achtes Kapitel.</h2> +<img src="images/E249.jpg" alt="Ankunft Kuonrads in Schaffhausen"><p> +Der Jahre manches war gekommen und gegangen<br> +Seit jenem Morgen, als mit Edlibach<br> +Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,<br> +— Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, —<br> +Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,<br> +Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. — —<br> +</p> +<p> +Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden<br> +Und wieder grünend prangten Wald und Ried.<br> +In Wald und Fluren sangen Vogelchöre<br> +Den „Willekumm” in nimmermüdem Lied;<br> +Wie Gold begossen lagen Höhn’ und Auen<br> +Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.<br> +</p> +<p> +Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch<br> +Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei,<br> +Verkündete mit schnarrendem Geklapper,<br> +Daß just zu Ostern Frühling worden sei,<br> +Der Lenz mit Festgepräng’ zur Stadt gekommen,<br> +Wenn er auch nicht den Weg durch’s Thor genommen.<br> +</p> +<p> +Vom Thurm zu Allerheil’gen glänzte, weithinschimmernd,<br> +Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;<br> +Die goldnen Federn glitzerten und sprühten,<br> +Als hätt’s auch ihm der Frühling angethan.<br> +Tief unten aber in den „Lächen” zogen,<br> +Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen.<br> +</p> +<p> +Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse<br> +Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;<br> +Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,<br> +Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.<br> +Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen<br> +Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen.<br> +</p> +<p> +Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten<br> +Des trotz’gen Unnoth auf dem Emmersberg;<br> +Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,<br> +War’s anzuschauen wie ein grauer Zwerg,<br> +Der seit Jahrhunderten am Gerberbache<br> +Verdüstert da stand unter steilem Dache. —<br> +</p> +<p> +Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne „Mauchen”<br> +Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,<br> +Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich,<br> +Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,<br> +Als hell vom Münster her die Glocken klangen<br> +Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen.<br> +</p> +<p> +Flink wurden überall die Läden aufgeschoben<br> +Und konnte man gar manches Antlitz schau’n,<br> +Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte.<br> +Es schien, dem letztern wär’ heut wohl zu traun,<br> +Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen<br> +Der Ostermorgen über Land gezogen.<br> +</p> +<p> +Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße<br> +Nach links und rechts, mehr oder minder traut,<br> +Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,<br> +Der nebenan aus seinem Fenster schaut’.<br> +Inzwischen riefen aber, um die Wette,<br> +Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.<br> +</p> +<p> +Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen;<br> +In Festgewändern zogen Frau und Mann,<br> +Gesind’ und Kinder feierlichen Schrittes<br> +Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann<br> +Den Vorzug gaben, oder „Mutter Nesen,”<br> +Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen;<br> +</p> +<p> +Doch bald erschienen wieder einsam all’ die Straßen.<br> +In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt<br> +Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,<br> +So Einzug hielt in seiner besten Wat;<br> +Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter<br> +Die Vöglein zwitscherten und sangen munter.<br> +</p> +<p> +Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen<br> +Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor<br> +Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,<br> +Auf daß sich „nützid” in die Stadt verlor,<br> +Was frommer Burger Andacht konnte stören,<br> +Eh’, Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören.<br> +</p> +<p> +So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,<br> +Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,<br> +In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben,<br> +Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer<br> +Und sahen drauf, daß kein profanes Walten<br> +Im Mauerring der Stadt sich mocht’ entfalten.<br> +</p> +<p> +In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen,<br> +Wie es so frommem Wesen zugehört.<br> +Vor ihrem „großen Gott im Münster” konnten<br> +Die München sammt den Laien ungestört<br> +In Andacht knie’n, wenn sie nicht lieber lauschten<br> +Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten.<br> +</p> +<p> +Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber,<br> +Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,<br> +Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;<br> +Dann aber ging’s im Sturme schier nach Haus,<br> +Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern<br> +Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.<br> +</p> +<p> +Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.<br> +Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,<br> +Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,<br> +Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,<br> +Und wer’s vor Alter oder Brest nicht konnte,<br> +Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. —<br> +</p> +<p> +Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage<br> +Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt,<br> +Mit noch zwei Herrn durch’s Schwabenthor gewandelt,<br> +Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,<br> +Nun gerne einen Gang in’s Freie thaten,<br> +Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.<br> +</p> +<p> +Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,<br> +Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild<br> +An schwerer goldner Kette glänzend sonnte,<br> +Erwiederte im Gehn die Grüße mild,<br> +So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,<br> +Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten.<br> +</p> +<p> +Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,<br> +Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,<br> +Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil’gen,<br> +Sich seiner hohen Würde voll bewußt,<br> +Grüßt’ wohl auch er mit einem leisen Nicken,<br> +Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.<br> +</p> +<p> +Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;<br> +Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,<br> +Fiel tief und faltig über Brust und Schultern,<br> +So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt,<br> +Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,<br> +Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.<br> +</p> +<p> +Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.<br> +Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,<br> +Wenn’s galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,<br> +In Zwing und Bännen weit umher im Land;<br> +Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,<br> +Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.<br> +</p> +<p> +Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;<br> +Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,<br> +Bedurft’ es wenig, um zu Drei’n, wie Christus<br> +Nach Emmaus, vor’s Thor hinauszuziehn,<br> +Bei linder Osterlust und Blättersprießen,<br> +Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen.<br> +</p> +<p> +Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges<br> +Und kürzten im Gespräche sich die Zeit,<br> +So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,<br> +Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;<br> +Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,<br> +Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten.<br> +</p> +<p> +Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,<br> +Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,<br> +Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:<br> +Von altem Adel und mit Leib und Gut<br> +Der Väter Sitten allzeit streng ergeben,<br> +Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben.<br> +</p> +<p> +Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,<br> +Gekleidet nach der Mode neu’stem Schnitt.<br> +Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,<br> +In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt;<br> +Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,<br> +Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen.<br> +</p> +<p> +Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,<br> +Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß,<br> +Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,<br> +Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß;<br> +Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen,<br> +Mit denen sie zum Feste sich behangen.<br> +</p> +<p> +In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,<br> +Blieb dann und wann der Schönen eine stehn,<br> +Um auszuathmen, frische Luft zu trinken<br> +Und weit hin über Berg und Thal zu sehn,<br> +Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte,<br> +Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte.<br> +</p> +<p> +Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein,<br> +Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand,<br> +Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften,<br> +Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,<br> +Erröthend auch und schämig sich erzeigten,<br> +Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten.<br> +</p> +<p> +In schlichterem Gewande gingen ernste Burger<br> +Zur Seite ihrer redesel’gen Frau’n,<br> +Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse<br> +Am Wege sich die Gärten zu beschau’n,<br> +Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,<br> +Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen;<br> +</p> +<p> +Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,<br> +Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath,<br> +Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,<br> +Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.<br> +Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,<br> +Da man im Rath die hellen Farben meidet.<br> +</p> +<p> +In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen<br> +Erwogen beide ernst den Casus sie,<br> +Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser<br> +Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,<br> +Indessen sie, die mitbehaft’ten Bürgen,<br> +Am ersten Loskauf noch genug zu würgen.<br> +</p> +<p> +Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,<br> +Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.<br> +Selbst Roth, den Waffenschmied, litt’s nicht zu Hause;<br> +Er ging mit Meistern von demselben Fach<br> +Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,<br> +Lockt’ ihn auch nicht der Vöglein Musiciren.<br> +</p> +<p> +Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,<br> +Wie viel die Stadt gewänn’ vom Zoll am Rhein<br> +Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht<br> +Mit schlauem Lächeln meinte: „Wenn der mein,<br> +Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,<br> +Am Rathshaus wären neu vergüld’t zu schauen!”<br> +</p> +<p> +Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte<br> +Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,<br> +Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend;<br> +Sie möchten, nun der Frühling war erwacht<br> +Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren,<br> +Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren.<br> +</p> +<p> +Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein „Mauchen,”<br> +Zu denen sich der Burger fremd verhielt,<br> +Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen,<br> +Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt’; —<br> +Die Lust, mit Weib und Kind vor’s Thor zu gehen,<br> +War schon von weitem ihnen anzusehen.<br> +</p> +<p> +Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend,<br> +Das seinen Heimatort im Stiche ließ,<br> +Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln,<br> +Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies’<br> +Belebend oder gruppenweis’ im Grase<br> +Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.<br> +</p> +<p> +Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben,<br> +Was hier sich darbot und dem Blick erschien;<br> +Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen<br> +Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin.<br> +Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden<br> +Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden.<br> +</p> +<p> +Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken,<br> +Von all der Frühlingspracht ringsum im Land;<br> +Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,<br> +Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,<br> +Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,<br> +Eh’, ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte.<br> +</p> +<p> +So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen.<br> +In’s Schau’n versunken standen die drei Herrn<br> +Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,<br> +Den die Schaffhauser auch noch heute gern,<br> +Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen,<br> +Wenn’s gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.<br> +</p> +<p> +Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte<br> +Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß,<br> +Daß auf der Straße etlich Reiter nahten,<br> +Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß,<br> +Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten<br> +Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.<br> +</p> +<p> +Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,<br> +Indessen einer aus dem Sattel sprang<br> +Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte,<br> +Daß weithin es und wohl vernehmlich klang:<br> +„Zur guten Stund’ hab’ ich Euch treffen müssen,<br> +Vieledler Freund! — Laßt Euch denn froh begrüßen!”<br> +</p> +<p> +Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß<br> +Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,<br> +Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:<br> +„Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!”<br> +Dacht’ häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen,<br> +Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!”<br> +</p> +<p> +„Erlaubet jedoch,” dabei wies er auf die Freunde,<br> +„Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn’! —<br> +Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,<br> +Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn’,<br> +Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,<br> +In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!”<br> +</p> +<p> +„Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen<br> +Von Allerheil’gen! — Fromm, wie Keinen mehr<br> +Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern,<br> +Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.<br> +Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen,<br> +Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen.”<br> +</p> +<p> +Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,<br> +Erwies es sich, daß der dem Namen nach<br> +Den beiden längst bekannt war als ein Ritter<br> +Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach<br> +Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben,<br> +Von dessen Richtagen an Höf’ und Huben.<br> +</p> +<p> +So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich,<br> +Indessen Götz, der seine Pflicht gethan,<br> +Es, während jene mit einander sprachen,<br> +Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,<br> +Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken<br> +Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken.<br> +</p> +<p> +„Beim großen Gott im Münster!” fuhr es unwillkürlich<br> +Von seinen Lippen. „Seh’ doch einer her,<br> +Welch’ feine Waare unser Freund begleitet,<br> +Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär’,<br> +So wir Schaffhauser haben zu empfangen<br> +Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!”<br> +</p> +<p> +„Müßt Euch den selber nehmen!” rief erfreut der Ritter,<br> +„Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?”<br> +Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:<br> +„Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß;<br> +Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,<br> +Die gern die Wang’ ihm küssen nach der Reihe.”<br> +</p> +<p> +In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten<br> +Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,<br> +Indessen jene, die er Else nannte,<br> +Von argen Zweifeln schier befangen schien,<br> +Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,<br> +Und man auch küssen thät in fremden Landen.<br> +</p> +<p> +Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend,<br> +Mit Lächeln an den Zelter hin und bat,<br> +So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine,<br> +Bis diese endlich ihm den Willen that,<br> +Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte<br> +Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte.<br> +</p> +<p> +Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren;<br> +Als er auch dieses, wie es heiße, frug,<br> +Gab es die Antwort: „Käth’ werd’ ich gerufen,<br> +Weil solchen Namen einst die Mutter trug!”<br> +Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen,<br> +Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.<br> +</p> +<p> +„Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist —”<br> +Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,<br> +„„Und reisemüde;”” — unterbrach der Schultheiß,<br> +„„Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.<br> +Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,<br> +Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!””<br> +</p> +<p> +Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen<br> +Der Ritter gerne an, indeß im Schritt<br> +Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten<br> +Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt<br> +Auch sicher vor sich ging und nicht mocht’ gleiten,<br> +Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten.<br> +</p> +<p> +„Herr Schultheiß!” ließ da bald ihr Vater sich vernehmen,<br> +„Was mich Euch treffen hieß so unverhofft,<br> +Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen,<br> +Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.<br> +Vermein’ ich doch, ’s dürft Euer Rath mir frommen,<br> +Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!”<br> +</p> +<p> +„Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren.<br> +Gott tröste sie und schenk’ ihr Ruh im Grab!<br> +Die Arme ist zur selben Stund’ verschieden,<br> +In welcher Käthen sie das Leben gab,<br> +Und hinterließ die Sorg’ um ihre Pflege<br> +Dem Mann, der weder Wege kannt’ noch Stege.”<br> +</p> +<p> +„Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,<br> +Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie.<br> +Doch, Gott sei Lob! ’s ging besser, als ich dachte;<br> +Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die,<br> +Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten<br> +Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten.”<br> +</p> +<p> +„So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte,<br> +Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn,<br> +Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte,<br> +Daß mälig mir es für die Mägdlein schien,<br> +Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen;<br> +Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen.”<br> +</p> +<p> +„Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte;<br> +Auch viel zu rüd’ des Hauses Ingesind’,<br> +Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen.<br> +Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,<br> +Wird täglich grämlicher in seinem Wesen<br> +Und hat schon Mühe, nur die Meß’ zu lesen.”<br> +</p> +<p> +„Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,<br> +So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand<br> +Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte,<br> +Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand<br> +Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden<br> +Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!”<br> +</p> +<p> +„All’ dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken,<br> +Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,<br> +Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde,<br> +Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,<br> +Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket,<br> +Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!”<br> +</p> +<p> +„Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen,<br> +Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,<br> +Verhoffend, daß uns hier geholfen werde,<br> +Für meine Küchlein finde sich das Huhn,<br> +Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich,<br> +Die Mägdlein mir erziehen würd’ gebührlich.”<br> +</p> +<p> +„Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,<br> +Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer,<br> +Weßwegen ich’s zur guten Stunde nannte,<br> +Als wir Euch trafen so von Ungefähr.<br> +Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle,<br> +Eh’ einen Horst ich für die Meinen wähle!” —<br> +</p> +<p> +„Will überlegt sein!” nahm der Schultheiß nun die Rede,<br> +„Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!<br> +Für’s Erste will es mir das Beste scheinen,<br> +Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort<br> +Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen<br> +Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen.”<br> +</p> +<p> +„Bis dies geschehen, biet’ ich gern mein Haus zur Herberg’<br> +So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt’s an,<br> +Wie wir an jenem Abend, durchgefroren<br> +Und reisemüd’ — schon manchmal dacht’ ich dran,<br> +Es ohne langes Zögern angenommen,<br> +Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!”<br> +</p> +<p> +„So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,<br> +Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt.<br> +Sie aber ward am Hof erzogen, während<br> +In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt<br> +Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg’ sie gönnten,<br> +Solch’ feiner Schulen sich berühmen könnten.”<br> +</p> +<p> +Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen<br> +Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein<br> +Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,<br> +— Sie schritten im Gespräche hinter drein, —<br> +Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,<br> +Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden.<br> +</p> +<p> +Eh’ jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten,<br> +Sah’n schon am Thor sie sich und eingezwängt<br> +Von lautgeschwätz’gem Volk, das heimwärts strebte.<br> +Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt,<br> +Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker,<br> +Gelangte man auch bald zum „Herrenacker.”<br> +</p> +<p> +Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas<br> +Vom Randenburger, nachdem sie noch fein<br> +Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen<br> +Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein<br> +Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken,<br> +Zum Willekomm’ des werthen Gasts zu trinken.<br> +</p> +<p> +Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten<br> +Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus,<br> +Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.<br> +Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus,<br> +Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen<br> +Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.<br> +</p> +<p> +Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen,<br> +Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm,<br> +Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein<br> +Voll milder Freundlichkeit entgegen kam<br> +Und also herzig die Erstaunten grüßte,<br> +Als ob sie beide längst im Hause wüßte.<br> +</p> +<p> +Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste,<br> +Bei Tische, den Frau Hilda heut’ im Saal<br> +Zu decken gut fand, wo, ohn’ langes Zaudern,<br> +Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl,<br> +Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,<br> +Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. —<br> +</p> +<p> +Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.<br> +Es traten beide bei dem Schultheiß ein,<br> +da just die Nacht begann herauf zu dämmern,<br> +und nun im Saale blinkte Kerzenschein;<br> +doch trafen hier sie schon auch einen dritten,<br> +der längst als guter Hausfreund wohl gelitten.<br> +</p> +<p> +Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,<br> +Der in der Dämm’rung, wie er öfter that,<br> +Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte,<br> +Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat,<br> +Ein Stündlein oder zweie zu verweilen,<br> +Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. —<br> +</p> +<p> +Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale,<br> +Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein,<br> +Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,<br> +Hellroth erglühte, wie Rubinen fein.<br> +Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte,<br> +Weil dabei sich’s gut lauschte und erzählte.<br> +</p> +<p> +Das Letzt’re that denn auch der Ritter heute fleißig.<br> +Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,<br> +Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen.<br> +Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug<br> +Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,<br> +Indessen ihre Freundschaft er gefunden!<br> +</p> +<p> +Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen,<br> +Als, da der Ritter schwieg, er diese bat<br> +Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.<br> +Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath<br> +Und überlegten ernst, auf welche Frauen<br> +In diesem Falle wohl man könnte bauen.<br> +</p> +<p> +Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel<br> +Sie bald beschlichen, ob auch all’ den Frau’n,<br> +So sich der Mägdlein anzunehmen willig,<br> +Die Fähigkeiten völlig zuzutrau’n?<br> +Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,<br> +Ließ eine dies, die andre jenes missen.<br> +</p> +<p> +Nach langem Sinnen war’s der Propst, der endlich anhub:<br> +„Wie mich bedünkt, so handelt sich’s nicht bloß<br> +Um eine Pflegerin für unser Pärlein,<br> +Das missen muß den warmen Mutterschooß;<br> +Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,<br> +Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!”<br> +</p> +<p> +Zum Abt sich wendend fuhr er fort: „Ich kenne eine;<br> +Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat<br> +Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden,<br> +Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,<br> +Daß weit und breit sich keine Schwester finde,<br> +Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!”<br> +</p> +<p> +„Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein,<br> +Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind!<br> +Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend<br> +In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind;<br> +Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren<br> +Mit Kindern, oder hörte besser lehren.”<br> +</p> +<p> +„Wasmaßen nun, hochwürd’ger Herr und liebe Freunde,<br> +Des werthen Gastes Sache anbetrifft,<br> +So meine ichs: man sollte ohne Säumen<br> +Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift<br> +Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen,<br> +Auf daß in Obhut jener Nunn’ sie kämen!”<br> +</p> +<p> +Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche;<br> +Doch weil derselbe noch zu denken schien,<br> +Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte:<br> +Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin<br> +Zu folgen; etwas Besseres zu finden,<br> +Würd’ er nicht trauen sich zu unterwinden.”<br> +</p> +<p> +Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,<br> +Zum Propst gewendet: „Euer Rath ist fein<br> +Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde!<br> +Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein<br> +Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten,<br> +Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten.”<br> +</p> +<p> +Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen.<br> +Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt<br> +Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe;<br> +Es gehe dies nicht immer rund und glatt,<br> +Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,<br> +Vom gnäd’gen Willen ihrer Stadt abhingen.<br> +</p> +<p> +So war es mälig spät geworden und drum machten<br> +Die Freunde bald sich auf die Socken leis<br> +Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch<br> +Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß<br> +Versprechen müssen, in den nächsten Tagen<br> +Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. —<br> +</p> +<p> +Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,<br> +Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach.<br> +Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel<br> +Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,<br> +So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,<br> +In Farbenschein sich in den Saal ergossen.<br> +</p> +<p> +Da war’s der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde,<br> +Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,<br> +— Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,<br> +Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, —<br> +Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,<br> +Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte.<br> +</p> +<p> +Und einmal angefangen, glich’s des Wildbachs Wellen,<br> +Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt,<br> +Vom Regen hochgeschwoll’nen Wasserfluthen,<br> +Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt’;<br> +Als, mit dem Freund alleine, er erzählte,<br> +Was ihm sein Innerstes seit lange quälte.<br> +</p> +<p> +„Es war ein Unglück, Schultheiß,” klangen herb die Worte,<br> +„Als ich zur Frauen mir die Base nahm.<br> +Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen,<br> +Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram.<br> +Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,<br> +War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.<br> +</p> +<p> +„Doch mußt’ es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich<br> +Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück.<br> +Als hernach fein dem Thoren es erblühte,<br> +Erkannt’ ich leider erst des Schicksals Tück’,<br> +Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,<br> +Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!”<br> +</p> +<p> +„So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.<br> +Der Milde bar und holder Frauen Art,<br> +Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen,<br> +Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.<br> +Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich’s meinte,<br> +Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte.”<br> +</p> +<p> +„In gegenseit’gem Quälen, bis auf’s Blut oft kränkend,<br> +— Noch heute überläuft mich drob die Scham! —<br> +Verbitterten wir elend uns das Leben,<br> +Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm,<br> +Um drauß’ im Forst, an gar zu bösen Tagen,<br> +Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen.”<br> +</p> +<p> +„Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs,<br> +Die Fraue zu begüt’gen, ihren Stolz<br> +Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;<br> +Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz<br> +Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,<br> +Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!”<br> +</p> +<p> +„So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben,<br> +Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt,<br> +Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue<br> +Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt,<br> +In’s strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,<br> +Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt’.<br> +</p> +<p> +„Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten,<br> +Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,<br> +Bis endlich, müde und zum Sterben willig,<br> +Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav’,<br> +Der nahe dran, mit seinen eignen Händen,<br> +So jammervolles Dasein sich zu enden!”<br> +</p> +<p> +„Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,<br> +Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.<br> +Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,<br> +Als mir im Arm das zarte Wesen lag<br> +Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute,<br> +Mit klaren Aeuglein frisch in’s Antlitz schaute.”<br> +</p> +<p> +„Glückselig ob dem Anblick, wähnt’ ich hoffnungsfreudig,<br> +Es ziehe Frieden nun in unser Haus.<br> +Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen<br> +Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;<br> +Eh’ schien mir herber noch der Fraue Wesen,<br> +Als all’ die Zeiten vorher es gewesen!”<br> +</p> +<p> +„Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben,<br> +Ließ sie gewähren, fügte mich und mied,<br> +Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,<br> +Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,<br> +Und zwar so jäh, daß ich’s kaum glauben wollte,<br> +Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte.”<br> +</p> +<p> +„Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine,<br> +Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht.<br> +Und doch, beim heil’gen Blut! ich meint’ es ehrlich;<br> +Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht:<br> +Ein’ gute Heimstatt Glück und Frieden finden,<br> +Wo sich in Lieb’ der Menschen Herzen binden!”<br> +</p> +<p> +„Nun aber,” schloß er, „laßt mich um Verzeihung bitten,<br> +Weil ich es wagte treuem Freund so lang<br> +Die Ruh’ zu rauben. Freilich weiß ich selber<br> +Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,<br> +Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle,<br> +Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele.” —<br> +</p> +<p> +Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß<br> +Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war.<br> +Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen.<br> +Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar<br> +Und hätte damals, meinte er, geschworen,<br> +Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren.<br> +</p> +<p> +Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,<br> +Auch wohl so großes Unrecht nicht drin’ fand,<br> +Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte<br> +Und wahre Neigung nicht die Herzen band —<br> +Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden:<br> +Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.<br> +</p> +<p> +Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden<br> +Und auf dem Leuchter brannt’ das Wachslicht tief,<br> +Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben —<br> +Und Letzt’rer leise einem Knechtlein rief,<br> +Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren,<br> +Den müden Herrn in’s Schlafgemach zu führen.<br> +</p> +<p> +Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe.<br> +Seit Jahren schon geheimen Künsten hold,<br> +Wollt’ eine Tinktur er noch schnell erproben,<br> +Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,<br> +Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. —<br> +Heut’ ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. — —<br> +</p> +<p> +Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen.<br> +Er ging in’s Stift, um für die Mägdlein dort<br> +Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;<br> +Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort,<br> +Der besser, als Agnesenkloster passe,<br> +In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.<br> +</p> +<p> +Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen,<br> +Welch’ ein Gewinn für’s Stift es dürfte sein,<br> +Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein<br> +Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;<br> +Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen<br> +Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.<br> +</p> +<p> +Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte,<br> +Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath<br> +Der Herren etzlich gern es sehen würden,<br> +Wenn sie entschließe sich zur guten That;<br> +Auch schon im Voraus drüber einig wären,<br> +Dem Stift das nöth’ge Placet zu gewähren.<br> +</p> +<p> +Auf solches Winken aber gab’s nur eine Antwort.<br> +Und so erklärte sie gar grämlich: sie<br> +Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;<br> +Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie<br> +Es anzufangen und was zu geschehen,<br> +Da sich das Stift solch’ Gästen unversehen.<br> +</p> +<p> +Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe.<br> +Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau,<br> +Sich vorerst mit der Kusterin bereden;<br> +Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau’,<br> +So würden sicherlich sie nichts vermissen,<br> +Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.<br> +</p> +<p> +Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,<br> +Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.<br> +Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene,<br> +Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor<br> +Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen,<br> +Die Dame abberief zum Vespersingen. —<br> +</p> +<p> +Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen<br> +Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst<br> +Nicht allzusehr auf’s Spiel zu setzen. Ist’s doch<br> +Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst,<br> +Sich im Erzählen weise zu beschränken,<br> +Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,<br> +Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam,<br> +Im blassen Angesichte Thränenspuren,<br> +Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram,<br> +Gab’s Frida Anlaß, voller Spott zu fragen,<br> +Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen.<br> +</p> +<p> +Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,<br> +Wie es sich schickte, nach den Gästen frug,<br> +Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,<br> +Gleich einem Funken, der in’s Pulver schlug,<br> +Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute,<br> +Weil selten noch so bös sie jene schaute.<br> +</p> +<p> +„Bei Eurer Mutter selig, tröst’ sie Gott, die Gute!”<br> +Hub lärmend Frida an, „da war der Brauch,<br> +Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;<br> +Es hatte aber dann der Kaplan auch<br> +Nicht leerem Kirchlein eine Meß’ zu lesen,<br> +Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!”<br> +</p> +<p> +„Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,<br> +Drin’ Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;<br> +Hat man genug, geht’s, ohne Abschiedsnehmen,<br> +In aller Still’ bei Nacht und Nebel fort.<br> +Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet,<br> +Da bleiben halt die Männer ungestrählet!”<br> +</p> +<p> +„Ein B’hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet,<br> +Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal<br> +Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! —<br> +Hi, hi! Ich mein’, es sollte seine Wahl,<br> +Will einer nicht um andrer Schulden büßen,<br> +Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!” —<br> +</p> +<p> +„Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer,<br> +Der unverhofftem Glücke plötzlich nah —”<br> +Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,<br> +Denn in den blauen Augen Elsbeths sah<br> +Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte,<br> +Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.<br> +</p> +<p> +Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,<br> +Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug,<br> +Weßwegen denn der Strom so jach versiegte,<br> +Der eben noch gar hohe Wellen schlug;<br> +Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,<br> +Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.<br> +</p> +<p> +Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein<br> +Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß,<br> +So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin<br> +Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß,<br> +Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen,<br> +Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen.<br> +</p> +<p> +Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen,<br> +Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund;<br> +Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb’ zu Grabe,<br> +Versenkte tief sie in der Seele Grund;<br> +Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,<br> +Gelobte sich die Maid mit festem Willen. —<br> +</p> +<p> +Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied<br> +Von Fräulein Adelgunden manches Wort<br> +Von Männertreu’ und Aehnlichem zu hören,<br> +Das kränkend sich in ihre Seele bohrt’,<br> +Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen,<br> +Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.<br> +</p> +<p> +Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand<br> +Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern<br> +Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,<br> +Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;<br> +Vom Weinen müd’, ersehnte sie den Morgen,<br> +Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen.<br> +</p> +<p> +Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.<br> +Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied<br> +Der Herrin Stimme man nur selten hörte,<br> +Wie auch, daß sie die allzulauten mied,<br> +Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;<br> +Zu fragen — mochte Niemand sich erdreisten.<br> +</p> +<p> +Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder,<br> +Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang<br> +„Agnoscat omne saeculum” anstimmte,<br> +Und glockenhelle aus der Brust es klang,<br> +Als ob die Seele, frei von ird’schem Ringen,<br> +Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.<br> +</p> +<p> +Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte<br> +Und, fern aus Süd’, der Frühling näher kam,<br> +In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend,<br> +War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;<br> +Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen<br> +Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen.<br> +</p> +<p> +Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder<br> +Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug,<br> +Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen,<br> +Drin’ sie, wie früher, nach den Armen frug,<br> +Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden,<br> +Bresthaften Hör’gen Speis und Trank zu spenden.<br> +</p> +<p> +War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.<br> +Für jedes hatte sie ein freundlich Wort;<br> +Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen,<br> +Denn eher ließen jene sie nicht fort,<br> +Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,<br> +Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.<br> +</p> +<p> +Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein<br> +Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß,<br> +Es heißt der Platz noch jetzt „des Herren Bänklein,”<br> +Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas<br> +Im Thal des Reiches Straße observirte,<br> +So schon zur Römerzeit im Gau fortführte.<br> +</p> +<p> +Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig<br> +Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun:<br> +Daß dem alleine es nur sei beschieden,<br> +In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,<br> +Der, klüglich wählend, ird’schem Glück entsage,<br> +Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.<br> +</p> +<p> +Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,<br> +Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach<br> +Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte,<br> +Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?<br> +Mußt’ sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen,<br> +Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? —<br> +</p> +<p> +Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte,<br> +Erhoffte Gottergebnen Sinn’s die Maid<br> +Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte,<br> +Nicht endete in bitterm Herzeleid;<br> +Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen,<br> +War nun der Frommen einziges Verlangen.<br> +</p> +<p> +Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.<br> +Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah’,<br> +Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,<br> +Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,<br> +Des Schlosses Thürme hinter sich versinken,<br> +Die letzten Grüße noch zum Abschied winken.<br> +</p> +<p> +Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,<br> +Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,<br> +Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke<br> +Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt;<br> +Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen<br> +Die Scheidende sich an den Vater lehnen.<br> +</p> +<p> +Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte<br> +Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh’<br> +Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte,<br> +Sich nicht zu überlassen solchem Weh’,<br> +Da einer Heimat auf der Spur sie wäre,<br> +Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.<br> +</p> +<p> +Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,<br> +Ging’s dann auf müden Rossen allgemach<br> +Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.<br> +Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach<br> +Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,<br> +Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen.<br> +</p> +<p> +Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize<br> +In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.<br> +Des Vaters Bruder hatte, weil er damals<br> +Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,<br> +Schon vorher dafür Sorge tragen müssen,<br> +Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen.<br> +</p> +<p> +Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen<br> +Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ,<br> +Es ward ihr Seelgerett’, dem Stift zu eigen<br> +Auf ew’ge Zeiten, wie’s im Briefe hieß;<br> +Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,<br> +Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. —<br> +</p> +<p> +Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,<br> +Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,<br> +Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet,<br> +Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;<br> +Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,<br> +War es das Heimweh, was sie leise plagte.<br> +</p> +<p> +Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:<br> +Sie widmete als Nonne nun ihr Thun<br> +Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;<br> +Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn,<br> +Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,<br> +Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen.<br> +</p> +<p> +Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,<br> +Indeß sie selber täglich im Vertrau’n<br> +Der Ob’rin zugenommen, so daß diese<br> +Der Schwester, als der Klügsten von den Frau’n<br> +Im Stifte, das Amt der Kust’rin übertragen,<br> +Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. —<br> +</p> +<p> +Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,<br> +Baut jeder sich noch eine eigne drin’,<br> +Gestaltend sie nach seinem besten Können,<br> +Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn.<br> +Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G’leise<br> +Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.<br> +</p> +<p> +So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer,<br> +In welches selten mal die Sonne schien,<br> +War ihre Welt in der sie, emsig waltend,<br> +Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.<br> +Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden<br> +Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.<br> +</p> +<p> +Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte.<br> +Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht<br> +Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde?<br> +Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,<br> +Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,<br> +Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? —<br> +</p> +<p> +Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,<br> +Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,<br> +Das aber immer, wenn der Burger Kindlein<br> +Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht<br> +Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,<br> +Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen.<br> +</p> +<p> +Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten<br> +Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal<br> +Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,<br> +Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;<br> +Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen<br> +Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.<br> +</p> +<p> +Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,<br> +Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb<br> +Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,<br> +Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,<br> +Sie hold umwob im angebornen Sehnen,<br> +An Kindesherz das eigene zu lehnen.<br> +</p> +<p> +Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,<br> +Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.<br> +Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch<br> +Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,<br> +Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,<br> +Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — —<br> +</p> +<p> +Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,<br> +Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,<br> +Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat<br> +Und diese ihr alsbald von ihrer Noth<br> +Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,<br> +Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.<br> +</p> +<p> +Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen<br> +Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,<br> +Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden,<br> +So wäre sie am Ende auch dabei,<br> +Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,<br> +Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.<br> +</p> +<p> +Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,<br> +Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,<br> +Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,<br> +— Des Ritters Name wurde nicht genannt, —<br> +Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,<br> +Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen.<br> +</p> +<p> +Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein<br> +In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort<br> +Gefunden habe, als ihr armes Kloster;<br> +Er hätte gestern drum in einem fort<br> +Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,<br> +Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.<br> +</p> +<p> +Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten<br> +Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar,<br> +Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin<br> +Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar,<br> +Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster,<br> +Die mehr verstünde, als das Pater noster.<br> +</p> +<p> +Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden<br> +Und zu dem Custosamte auch die Pflicht<br> +Der Pflegerin zu fügen — wär’s zu schätzen.<br> +Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;<br> +Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage<br> +Zu wissen, was die Schwester dazu sage.<br> +</p> +<p> +Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,<br> +Der Schwester ging’s verloren. Hold bethört<br> +Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es<br> +Die Ueberraschte kaum, was sie gehört<br> +Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen<br> +Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen.<br> +</p> +<p> +Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,<br> +Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.<br> +Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,<br> +Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,<br> +Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen,<br> +Der Himmelskönigin den Dank zu bringen.<br> +</p> +<p> +Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten,<br> +Der Sand an jenem Tage langsam nur,<br> +Es wollt’ nicht Abend werden und der Morgen<br> +Fand von durchwachter Nacht die Spur,<br> +Als früh zur Ob’rin, die noch tief im Bette,<br> +Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.<br> +</p> +<p> +Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,<br> +Gab auf Befragen sie der „Mutter” kund,<br> +Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen,<br> +Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und<br> +Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes’ Ehren,<br> +Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren.<br> +</p> +<p> +Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin<br> +Der Schwester Worten, in Gedanken schon<br> +Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater<br> +Vergaben dürfte, als verdienten Lohn<br> +Für Sorg’ und Mühen, die dem Stifte würden,<br> +Solch’ ungewohnte Last sich aufzubürden.<br> +</p> +<p> +Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,<br> +Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust’rin auf<br> +Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,<br> +Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf<br> +Des Tages kämen, Antwort zu verlangen,<br> +Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.<br> +</p> +<p> +Voll freudigen Gehorsam’s neigte sich die Gute;<br> +Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein<br> +Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester<br> +Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,<br> +Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten,<br> +In trauter Ordnung Alles finden sollten. —<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,<br> +Als laut die Glocke klang am Klosterthor,<br> +So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen,<br> +Ihr letztes Bischen Athem fast verlor<br> +Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,<br> +Wer allso heftig sich zu klingeln traute. —<br> +</p> +<p> +Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester,<br> +Wie ihr die Kusterin heut früh befahl,<br> +Ohn’ lang zu fragen, Einlaß nun gewährte,<br> +Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal<br> +Und da in Gnaden etwas zu verweilen;<br> +Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.<br> +</p> +<p> +Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester<br> +Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur,<br> +Deß’ graue Wände alte Bilder zierten,<br> +Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur,<br> +Und überschritten eines Saales Schwellen,<br> +Der fern lag Refectorium und Zellen.<br> +</p> +<p> +Es war ein öd’ Gemach, doch ließen ein paar Fenster<br> +Die Sonne ein und Duft von frischem Grün,<br> +Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte,<br> +In welchem, lärmend, etlich’ Spatzen kühn<br> +Und übermüthig nah’ den Fenstern jagten,<br> +Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.<br> +</p> +<p> +Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein<br> +Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand<br> +Des Weges badend, laut sich unterhielten,<br> +Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand,<br> +Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,<br> +Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.<br> +</p> +<p> +Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,<br> +Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,<br> +Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,<br> +Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,<br> +Die Frommen sicher dort im Beten störte,<br> +Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte.<br> +</p> +<p> +Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,<br> +Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,<br> +So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,<br> +Daß, weilen die „Frau Mutter” krank und schwach<br> +Sich fühle, es der Kust’rin Amt gebühre,<br> +Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe.<br> +</p> +<p> +Dies sagend huschte sie davon, der Schwester<br> +Es anzumelden, daß die Mägdlein da.<br> +Der Ritter harrte also guter Laune,<br> +Da schon versorgt er seine Kindlein sah;<br> +Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen,<br> +Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.<br> +</p> +<p> +Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,<br> +Ob der verwegnen, unbefugten That,<br> +Vernahmen seine Ohren leise Schritte.<br> +Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht’,<br> +Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,<br> +Geliebten Namen seine Lippen nennen. —<br> +</p> +<p> +War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel?<br> +In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,<br> +Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,<br> +Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,<br> +Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,<br> +Erinnerung an sel’ge Zeiten weckte.<br> +</p> +<p> +Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust’rin,<br> +Als, nahgetreten, sie die Blicke hob<br> +Und in dem Harrenden den Mann erkannte,<br> +Der einst in ihre Träume sich verwob,<br> +Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,<br> +Auf lange hin den süßen Frieden raubte.<br> +</p> +<p> +Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;<br> +Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,<br> +Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,<br> +Nahm jetzt die Reue jählings überhand,<br> +Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,<br> +Der ihre Ruhe konnte untergraben.<br> +</p> +<p> +In einer Sturmflut überquellender Gefühle<br> +Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit,<br> +Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.<br> +Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,<br> +Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen<br> +Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.<br> +</p> +<p> +Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze<br> +Bei der Erinnerung, was sie empfand,<br> +Als ihre Liebe sie betrogen wußte<br> +Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,<br> +Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,<br> +Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.<br> +</p> +<p> +Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke<br> +Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,<br> +Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,<br> +Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,<br> +Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte<br> +Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.<br> +</p> +<p> +Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten<br> +Um all’ das Leid, das er ihr angethan.<br> +Es regte leise sich im Herzen etwas<br> +Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;<br> +Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer<br> +Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! —<br> +</p> +<p> +Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,<br> +Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,<br> +Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte,<br> +Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,<br> +Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,<br> +Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.<br> +</p> +<p> +Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten<br> +Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt<br> +Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?<br> +Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt<br> +Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,<br> +Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!”<br> +</p> +<p> +Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,<br> +Die mit des Wiedersehens Freude rang,<br> +Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder<br> +Der Holden Stimme in den Ohren klang,<br> +In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,<br> +Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte.<br> +</p> +<p> +Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,<br> +Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt,<br> +Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände<br> +Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,<br> +So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte,<br> +Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.<br> +</p> +<p> +Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.<br> +Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach<br> +Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,<br> +Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach<br> +Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,<br> +Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.<br> +</p> +<p> +Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte<br> +Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund.<br> +’s war eigentlich mehr eine Beichte, in der<br> +Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund<br> +Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,<br> +Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend.<br> +</p> +<p> +Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte<br> +Es nicht mehr glatt vom Munde; ’s ward ihm schwer,<br> +Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.<br> +Er drehte drum die Worte hin und her,<br> +In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,<br> +Von ihm zu nehmen solch’ ein Angebinde.<br> +</p> +<p> +Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes<br> +In’s Antlitz ihm so traut und seelengut,<br> +Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte<br> +Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,<br> +Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien,<br> +Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.<br> +</p> +<p> +Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.<br> +Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt’,<br> +Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen?<br> +Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,<br> +Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen:<br> +Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen?<br> +</p> +<p> +Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen,<br> +Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern<br> +Am Morgenhimmel, mälig blasser worden,<br> +Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,<br> +Wenn in des Herzens innersten Verstecken,<br> +Die Kindlein längst Vergang’nes wieder wecken?<br> +</p> +<p> +In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung<br> +Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt<br> +Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte,<br> +Geheftet ruhn, als wären sie gebannt,<br> +Indessen ein Verlangen ihm erwachte,<br> +Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte.<br> +</p> +<p> +Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;<br> +Es wies sein Wort auf jene Tage hin,<br> +Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte,<br> +Eh’ ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn<br> +Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden<br> +Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.<br> +</p> +<p> +„Mir wurde Strafe und ich büßte strenge,” sprach er,<br> +„Für das, was ich in Minneschuld verbrach;<br> +Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, —<br> +Das einzige, was meiner Hoffnung Bach<br> +Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, —<br> +Kann Liebe nicht sich Lieb’ zurück gewinnen?”<br> +</p> +<p> +„Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!<br> +Heut’ sehet Ihr den Mann um jene Schuld<br> +Vergebung bitten in dem festen Glauben,<br> +Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld,<br> +So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,<br> +An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte.” —<br> +</p> +<p> +Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;<br> +Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht.<br> +Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,<br> +Was sie erinnert’ an Gelübd’ und Pflicht,<br> +Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören,<br> +Daß sie nicht floh, statt solcher Red’ zu hören.<br> +</p> +<p> +Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,<br> +Erflehete von Gott die Arme Kraft,<br> +Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,<br> +Die Seele falle in der Sünde Haft, —<br> +Indessen doch, in seligem Berauschen,<br> +Sie’s heimlich zwang — dem lieben Mann zu lauschen.<br> +</p> +<p> +Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken,<br> +In das gewiegt sie seiner Worte Gift,<br> +War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.<br> +Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift,<br> +Der Welt und allem Irdischen gestorben,<br> +Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.<br> +</p> +<p> +Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:<br> +„Es stünd’ mir übel, was ich selbst verlor,<br> +Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,<br> +Gleich einem alten, aberwitz’gen Thor.<br> +Doch schwör’ ich, daß in all’ den Jahren, Tagen,<br> +Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!”<br> +</p> +<p> +„Und so ist’s wahr! An dieses eine Bild zu denken,<br> +Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf’s Qual,<br> +Die Jahre durch mir an der Seele nagte,<br> +Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,<br> +Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen,<br> +Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!”<br> +</p> +<p> +„„O, haltet ein, Herr!”” bebten da der Kust’rin Lippen<br> +So leise, daß es kaum zu hören war,<br> +Indessen schön, wie blitzende Demanten,<br> +Auf ihren Wangen perlten Thränen klar,<br> +Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,<br> +Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.<br> +</p> +<p> +Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen,<br> +Nicht weiter anzuhören, was er sprach;<br> +Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.<br> +Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach<br> +In’s Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,<br> +Die in Versuchung so die Seele brachte.<br> +</p> +<p> +Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte,<br> +Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,<br> +Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen:<br> +„Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? — Sprecht,<br> +Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen,<br> +Daß ihm das Glück erscheint, und er’s will fassen?”<br> +</p> +<p> +„Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort’s vergessend,<br> +Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,<br> +Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,<br> +Dem übervollen Herzen Worte leiht,<br> +Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen,<br> +Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!”<br> +</p> +<p> +„Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte<br> +Zu Euch zurück! — O, Elsbeth, saget an:<br> +Gelang’s Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,<br> +Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? —<br> +Ich kann’s nicht glauben — drum erlaub’ dem Zagen,<br> +Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!” —<br> +</p> +<p> +In Todesängsten bebend, aber hingerissen<br> +Von seiner Worte zärtlicher Gewalt,<br> +Hob die Gequälte da die Sonnenblicke,<br> +Doch nicht zu ihm, deß’ Antlitz freudig strahlt, —<br> +Nein, ’s galt dem Christusbild im güldnen Rahmen,<br> +Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.<br> +</p> +<p> +Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:<br> +„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! —<br> +Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! —<br> +Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. —<br> +Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,<br> +Die ihre Liebe über Alles setzte! —<br> +</p> +<p> +Es war genug. „Herr!” sagte sie, ihn ernst verweisend,<br> +Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht;<br> +Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,<br> +Die ihre Welt an einen Ort getauscht,<br> +Wo das Gedenken an verwehte Träume<br> +Verunheiligt die Gott geweihten Räume!”<br> +</p> +<p> +„Verwehte Träume!” rief er da, ihr näher tretend,<br> +„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,<br> +Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe<br> +Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? —<br> +Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,<br> +Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!”<br> +</p> +<p> +Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,<br> +Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;<br> +Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,<br> +Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:<br> +„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;<br> +Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!”<br> +</p> +<p> +„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,<br> +Wer je erfahren mußt’, was beide werth!<br> +In Gott allein und treuem Pflichterfüllen<br> +Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;<br> +Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen.<br> +Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!”<br> +</p> +<p> +Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;<br> +Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm<br> +Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,<br> +Daß leicht sein Odem sie berührte warm:<br> +Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen,<br> +War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?” —<br> +</p> +<p> +„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen,<br> +Nur einen Tag, ja, nur minutenlang<br> +Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe<br> +Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang,<br> +Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,<br> +Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!”<br> +</p> +<p> +„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,<br> +So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;<br> +Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen,<br> +Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. —<br> +Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,<br> +Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?”<br> +</p> +<p> +„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,<br> +Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,<br> +Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! —<br> +Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!<br> +Mein guter Engel! — meine Königinne,<br> +Der allzeit unterthan ich treu in Minne!”....<br> +</p> +<p> +Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt<br> +Von seines Herzens minneheißem Drang,<br> +Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten,<br> +Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,<br> +Die Zagende allendlich zu gewinnen,<br> +Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.<br> +</p> +<p> +Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden<br> +Bestürmender Gefühle Allgewalt,<br> +Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken,<br> +Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,<br> +Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie’te,<br> +In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. —<br> +</p> +<p> +In sich verloren und voll sel’ger Lust erschauernd,<br> +Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt’,<br> +Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele<br> +Geschäftig sich das Glück der Liebe malt’<br> +In lichten Farben und so lenzeshelle,<br> +Wie’s nur vermag erregten Herzens Welle.<br> +</p> +<p> +Doch rasch versank das Bild. Todtbitt’re Wehmuth füllte<br> +Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,<br> +Welch’ weite Kluft sie von dem Manne trenne,<br> +Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,<br> +Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,<br> +Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren.<br> +</p> +<p> +Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden<br> +Und dem gehören, der ihr Trost gesandt,<br> +Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling,<br> +Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand.<br> +Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,<br> +Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.<br> +</p> +<p> +Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,<br> +Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß,<br> +Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,<br> +Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß,<br> +Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,<br> +Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. —<br> +</p> +<p> +„Herr Ritter!” klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,<br> +„Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,<br> +Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben;<br> +Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,<br> +Würd’ ruchbar werden es der Schwestern Ohren,<br> +Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!”<br> +</p> +<p> +„Euch hier zu sehen, hab’ ich allweg nicht vermuthet,<br> +Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt,<br> +So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen<br> +Mir allso vorzutragen Euch erspart.<br> +Steht darum auf — die aber lasset gehen,<br> +So Anderm zu begegnen sich versehen!”<br> +</p> +<p> +Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,<br> +Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach<br> +Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre,<br> +Da scholl ein silbern Lachen durch’s Gemach<br> +So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte<br> +Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. —<br> +</p> +<p> +Sieh’ dort! In kind’scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend,<br> +Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar,<br> +Die purpurn angehauchten Sammetwangen<br> +Licht überwallt von goldigblondem Haar,<br> +Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,<br> +Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute.<br> +</p> +<p> +Es war des Ritters Paar, das, müd’ des Spielens draußen,<br> +Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat.<br> +Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,<br> +Daß ihretwegen er die Reise that,<br> +Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen,<br> +Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen;<br> +</p> +<p> +Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,<br> +Wie einem der verurtheilt war zum Tod,<br> +Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;<br> +Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,<br> +In welche ihn sein Minnewerben brachte,<br> +Als er an sich, statt an die Seinen dachte.<br> +</p> +<p> +Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen<br> +Und sank, eh’ noch die Kust’rin wehren konnt’,<br> +Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen,<br> +Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt,<br> +Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht’ gelingen,<br> +Durch ihre stumme Sprache zu erringen.<br> +</p> +<p> +„Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen —”<br> +So hörte leise man den Stolzen flehn,<br> +„Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten,<br> +Welch’ schwerer Schuld der Vater sich versehn!<br> +Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen<br> +Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen.” —<br> +</p> +<p> +Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,<br> +Es bot Gewährung deß’, was er begehrt’.<br> +Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,<br> +Das Antlitz einem Engel gleich verklärt,<br> +Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend<br> +Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend.<br> +</p> +<p> +Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen,<br> +Als es die Gruppe hier im Saale war:<br> +In süßem Selbstvergessen knie’te Elsbeth<br> +Froh bei den Schüchternen und strich das Haar<br> +Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen,<br> +Um stets auf’s Neue Gruß und Kuß zu spenden.<br> +</p> +<p> +Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends,<br> +Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,<br> +Und machte Platz ergötzlichem Verwundern,<br> +Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach,<br> +Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern<br> +Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.<br> +</p> +<p> +Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen,<br> +Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt’,<br> +Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,<br> +Auf’s Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,<br> +Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,<br> +Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen.<br> +</p> +<img src="images/E306_307.jpg" alt="Kuonrad und seine Töchter knien vor Elsbeth"> +<p> +Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;<br> +Er stand, die feuchten Blicke unverwandt<br> +Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken,<br> +Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt.<br> +Was er ersehnte sich in manchen Stunden,<br> +Hier war es unverhofft und reich gefunden.<br> +</p> +<p> +Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien’s entflohen;<br> +Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild,<br> +Da Menschenglück und sel’ger Herzensfrieden<br> +Nicht länger sehnender Gedanken Bild.<br> +Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte<br> +Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. —<br> +</p> +<p> +Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte,<br> +Denn, als die Kusterin, an jeder Hand<br> +Der Mägdlein ein’s, sich auch erhoben hatte<br> +Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,<br> +Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,<br> +So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.<br> +</p> +<p> +Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,<br> +Bat er, — nicht darauf achtend, welche Qual<br> +Ihr sein erneutes Werben machte — leise<br> +Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;<br> +Indessen wie demüthig er auch flehte —<br> +Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä’te.<br> +</p> +<p> +„Herr!” war die Antwort „laßt mich dem, dem ich geschworen!<br> +Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt;<br> +Denn, freudig fühlt es meine Seele heute,<br> +Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt,<br> +Was er an Seligkeit nur konnte geben:<br> +Es ist das Glück — für andrer Wohl zu leben!”<br> +</p> +<p> +„Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen,<br> +Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an<br> +In seinem Namen. Ich will für sie sorgen,<br> +Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha’n;<br> +Auch, was ich weiß, ’s ist nicht viel, beiden lehren<br> +Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!” —<br> +</p> +<p> +Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden<br> +Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,<br> +Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte,<br> +Die jetzt so edel ihm entgegen kam;<br> +Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,<br> +Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.<br> +</p> +<p> +Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen,<br> +Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,<br> +Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben,<br> +Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel’gen viel;<br> +Auch wollte sie die Leckermäulchen laben<br> +Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben.<br> +</p> +<p> +Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein,<br> +Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!<br> +Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;<br> +Denn wie aus einem Munde klang ihr „Ja!”<br> +Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:<br> +Ob hier zu bleiben ihnen es behage?<br> +</p> +<p> +Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute<br> +Herrn Kuonrad zu und bat, wie’s schien in Hast,<br> +Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte:<br> +„Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast<br> +Bis morgen; trau’n, sie sollen nichts vermissen,<br> +Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!”<br> +</p> +<p> +„Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen<br> +Und nach zu schau’n, wie es den Holden geht.<br> +Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,<br> +Eu’r Einverständniß vorgesehn! so steht<br> +Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln,<br> +Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln.”<br> +</p> +<p> +Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater<br> +„B’hüet Gott!” zu nehmen, bis zum nächsten Tag,<br> +Indeß’ auch sie zum Abschied sich verneigte.<br> +Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag<br> +Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten,<br> +Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.<br> +</p> +<p> +Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange,<br> +Eh’ sich der Stolze nach und nach besann<br> +Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend,<br> +Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann,<br> +Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,<br> +Wie’s um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen.<br> +</p> +<p> +Daß jedoch in der Kust’rin ihm die Maid begegnet’,<br> +Die seiner Liebe einzig Sehnen war,<br> +Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich<br> +Den Freunden gegenüber, ganz und gar,<br> +Da, sich die Holde wieder zu erringen,<br> +Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. — —<br> +</p> +<p> +Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,<br> +Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ,<br> +War’s, statt der Kusterin, die Ob’rin selber,<br> +Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß,<br> +Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen,<br> +Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen.<br> +</p> +<p> +Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung,<br> +Es thue Noth, die beiden zu erziehn,<br> +Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen,<br> +Des Klosters Armuth und wies darauf hin,<br> +Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen,<br> +Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten.<br> +</p> +<p> +Herr Kuonrad merkte sich’s; denn als nun doch die Dame<br> +Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift<br> +Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,<br> +Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift’,<br> +Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,<br> +Als seine Kinder zu St. Agnes seien.<br> +</p> +<p> +Die Ob’rin war’s zufrieden; aber nicht er selber,<br> +Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,<br> +Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte,<br> +Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn<br> +Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen,<br> +Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.<br> +</p> +<p> +Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich<br> +Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,<br> +Mit schwerem Herzen, all’ sein Hoffen bettend<br> +Zu ew’gem Schlummer in der Seele Sarg;<br> +Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben,<br> +In guter Hand zu wissen seine Lieben.<br> +</p> +<p> +So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel<br> +Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert’;<br> +Was sie ersehnt’, in trüben Augenblicken<br> +Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt,<br> +Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,<br> +Der, sich zum Schaden, ihr die Treu’ gebrochen.<br> +</p> +<p> +Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,<br> +Erinn’rung schlummernde Gedanken wach,<br> +Die sie gestorben glaubte, malte Bilder<br> +Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach<br> +Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen<br> +Jed’ ander Denken aus dem Sinn der Reinen.<br> +</p> +<p> +Stets frohen Muthes waltete sie all’ der Pflichten,<br> +Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt;<br> +Gab’s mal zu rügen die oftmals zu Losen,<br> +War bloß der Mund es, der sie schmält’,<br> +Mit mildem Worte wußt’ das Herz zu rühren,<br> +Statt scharf und streng das Regiment zu führen.<br> +</p> +<p> +Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,<br> +Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht,<br> +So auch gediehen unter Elsbeths Pflege<br> +Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth;<br> +In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,<br> +Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.<br> +</p> +<p> +Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen<br> +So manche, die auch Mägdlein eigen nannt’,<br> +Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte,<br> +Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt’,<br> +Und diese baten, jenen doch zu lehren,<br> +Was selbst zu wissen leider sie entbehren.<br> +</p> +<p> +Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern<br> +Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut<br> +Auf solche Weise zunahm, sah sie selber<br> +In all’ den Pfleglingen, die man zur Hut<br> +Ihr anvertraute, einen reichen Garten<br> +Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten.<br> +</p> +<p> +Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe,<br> +Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar<br> +Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,<br> +So daß der Guten bald zu Muthe war,<br> +Als hätte ihr der Himmel schon hienieden<br> +Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. —<br> +</p> +<p> +Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein,<br> +Bis daß im Stift sich eine Schule schuf,<br> +In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,<br> +Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf<br> +Sich widmete, mit Liebe stets beflissen<br> +Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. —<br> +</p> +<p> +Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,<br> +Das „Gotteli von Küssaberg” genannt;<br> +Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,<br> +Der noch im Kletgau überall bekannt,<br> +Das wird dem Leser nun von selber kommen:<br> +Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen!<br> +</p> +<p> + * * *<br> +</p> +<p> +Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,<br> +Kein Krenzlein oder Grabstein weis’t den Ort;<br> +Wär’ auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,<br> +Denn länger lebt im Wort des Liedes fort,<br> +Was sich im Leben treu und ächt erwiesen,<br> +Als was — in Gold auf Marmorstein gepriesen.<br> +</p> +<img src="images/E314.jpg" alt="Zierde"> +<br><br><br> +<h2>Anmerkungen.</h2> +<p> +Seite 16. „Heer” — Pfarrherr, Seelsorger.<br> +„ 19. „Pfeitlein” — Hemdlein.<br> +„ 26. „’ring, g’ring,” — leicht, ohne Mühe.<br> +„ 64. „hön” — grollen, böse sein.<br> +„ 65. „Seelgerett’” — für das Heil der Seele nach dem Tode.<br> +„ 68. „Sankt Vrenen Tag” — in Zurzach der 1. September.<br> +„ 68. „kuomli” — angenehm, bequem.<br> +„ 87. „Zindal,” „Palmat,” „Saben” — die ersten beiden Seidenstoffe, das letztere Linnen.<br> +„ 88. „hornin Noster” — zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur (Rosenkranz.)<br> +„ 88. „Hel’gen” — Bilder, Heiligenbilder.<br> +„ 91. „Niftel” — Nichte.<br> +„ 108. „Wannen” — aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum Getreidereinigen.<br> +„ 117. „Kulter,” „Pflumit” — Polster, Bettpfühl, Federkissen.<br> +„ 134. „Nägelein” — Gewürznelken.<br> +„ 175. „batten” — helfen.<br> +„ 198. „stat” — langsam.<br> +„ 213. „wäger” — wahrlich.<br> +„ 214. „Urständ” — Auferstehung.<br> +„ 231. „Göller”— ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück.<br> +„ 250. „Lächen” — Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen.<br> +„ 251. „Mauchen” — früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern, Hintersässen.<br> +</p> +<p> +Seite 252. „Wat” — mittelalterlicher Ausdruck für Anzug.<br> +„ 260. „Richtagen” — Reichthümer.<br> +„ 260. „Huben,” „Hube” — Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart.<br> +„ 266. „Herrenacker” — in Schaffhausen der Hauptplatz.<br> +„ 277. „Schrättlein” — Alpdrücken.<br> +„ 313. „Gotteli” — Verkleinerung von „Gotte,” in Süddeutschland und der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort.<br> +</p> +<img src="images/E316.jpg" alt="Zierde"> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by +Karl Friedrich Würtenberger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + +***** This file should be named 38930-h.htm or 38930-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/ + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38930-h/images/E000.jpg b/38930-h/images/E000.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3848979 --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E000.jpg diff --git a/38930-h/images/E001.jpg b/38930-h/images/E001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0ca7c6d --- /dev/null +++ b/38930-h/images/E001.jpg diff --git a/38930-h/images/E020.jpg b/38930-h/images/E020.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..be8919a --- /dev/null +++ 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