summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/38930-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:11:30 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:11:30 -0700
commit156b23290c47807385417efc919858355e14406f (patch)
tree74a43565b9e9ccbcb63cf7e8986e8d62120d82e0 /38930-8.txt
initial commit of ebook 38930HEADmain
Diffstat (limited to '38930-8.txt')
-rw-r--r--38930-8.txt8995
1 files changed, 8995 insertions, 0 deletions
diff --git a/38930-8.txt b/38930-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..68a248a
--- /dev/null
+++ b/38930-8.txt
@@ -0,0 +1,8995 @@
+Project Gutenberg's Elsbeth von Küssaberg, by Karl Friedrich Würtenberger
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Elsbeth von Küssaberg
+ das Gotteli von St. Agnesen
+
+Author: Karl Friedrich Würtenberger
+
+Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG ***
+
+
+
+
+Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net>
+
+
+
+
+Elsbeth von Küssaberg
+das Gotteli von St. Agnesen
+
+Ein episches Gedicht
+aus dem Kletgau
+von
+K. Fr. Würtenberger.
+
+Mit Illustrationen.
+
+St. Petersburg.
+Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere.
+1889.
+
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt.
+St.-Petersburg, den 14. December 1888.
+
+
+Meiner herzlieben Heimat
+zum freundlichen Andenken.
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden,
+Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut,
+Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau's,
+Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut;
+Vom Tann' bekränzt, von Eppich übersponnen --
+Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. --
+
+Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste,
+Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest;
+Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe
+Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest.
+Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen,
+Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen.
+
+Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen,
+Ein hundert Jahre alter Epheukranz,
+Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern,
+Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz;
+Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen,
+Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.
+
+Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken
+Verwehren neidisch des Besuchers Fuß
+Den Pfad zu würzig-duft'gen Königskerzen,
+Die weithin winken ihren goldnen Gruß.
+Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel
+Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.
+
+Tiefernstes Schweigen waltet, heil'ge Ruh hier oben,
+Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum
+Ein Mensch betritt, will's ihn gemahnen,
+Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; --
+Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen,
+Die beide noch mit festen Mauern prangen.
+
+So liegt die Stätte heute stille und verlassen,
+Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost.
+Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen
+Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost
+Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen,
+Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. --
+
+Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen.
+Hoch überm Thore prangt das Wappenschild
+Der alten Küssaberger steingemeißelt;
+Sie führten eines Löwen Haupt als Bild.
+In braungetäfelten Gemächern waltet
+Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.
+
+Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen,
+Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn.
+Muß immerdar der holden Herrin denken,
+So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin;
+Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren,
+Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.
+
+Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte
+Und was es war, das mich zum Singen zwang.
+Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung
+Mein Küssaburg zu weihen im Gesang,
+Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen;
+Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. --
+
+ * * *
+
+Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend
+An einem Julitage, wie gewohnt,
+Hinunter auf die Rebenhänge blickend,
+Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont,
+In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten,
+Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.
+
+So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend,
+Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein,
+Erhoben sich die Blicke mälig höher,
+Weit über waldgekrönte Hügelreihn,
+Bis wo, als ob im Duste sie verblauten,
+Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.
+
+Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke
+In selten klarem, wundervollem Glanz;
+Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc --
+Zog schimmernd ihr krystallner, prächt'ger Kranz.
+Es war, als schmückte den uralten Firnen
+Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen.
+
+Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura
+In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort,
+Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe
+Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort.
+Im Osten, wo des Hegau's Höhen blauen,
+War selbst ein Streiflein noch vom "Twiel" zu schauen.
+
+Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus
+Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß
+Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen,
+Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. --
+Die Dörflein rings, die Städtlein, Au'n, Gefilde,
+Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde!
+
+Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks;
+In vollen Zügen trank ich Waldesduft,
+Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt.
+Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft,
+Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen,
+Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! --
+
+Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren,
+Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein;
+Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen
+Wie unsereines hier im Sonnenschein.
+Es waren darum gar nicht schlecht berathen,
+Die einst dahier sich häuslich niederthaten.
+
+Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß' Stammes?
+Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann?
+That's Feuer oder Eisen? War's der Kelte,
+Dem dann der Römer folgt', der Alemann? --
+So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen,
+Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. --
+
+Da kam mir vor, als hört' ich rasseln, wie von Ketten;
+Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick.
+Ich sah die Brücke von der Windberg' schwanken,
+Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick;
+Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben,
+Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. -- --
+
+Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen,
+In deren Fenstern Laden anstatt Glas,
+-- Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen,
+Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, --
+Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden,
+Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.
+
+Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried,
+Wie üblich seines Herren Wohngemach
+In sichrer Höhe bergend, von wo weiter
+Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach
+Zur Laube führte, die den Thurm umspannte,
+Da sich des Wärtels Blick zum "Auslueg" wandte.
+
+Im Erdgeschoß' zunächst dem Thurme lag die Halle,
+Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank,
+In welcher fahrendem Gesind zuweilen
+Man Obdach bot und Speis' und Trank.
+Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite,
+Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.
+
+Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen
+Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft;
+Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel
+Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft.
+Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen,
+Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.
+
+Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse;
+Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt,
+Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten,
+War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt,
+Der Stall und die Gelasse für die Leute,
+Ein Falkenhaus und eines für die Meute.
+
+So sah des Geistes Aug' den alten Schloßbau ragen.
+Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr,
+Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute
+Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr;
+Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern,
+Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! -- --
+
+Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag
+Da nahte ihr gemach ein junger Mann,
+Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte,
+Das langsam fürbas seine Schritte spann.
+Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter,
+Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.
+
+In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein,
+Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß
+Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte,
+Denn heute schien die Sonne gar so heiß;
+Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen,
+Sonst hätt's Freund Bachus übel ihr gerochen.
+
+Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte,
+Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt,
+Verriethen leicht den adeligen Herren,
+Der rasten wollt' nach einem weiten Ritt.
+Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken,
+Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken.
+
+Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde
+Am Thore harrend etlich' Knechte stehn,
+Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten.
+Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn,
+Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben,
+Begehrt' er ihn zu sprechen unverschoben.
+
+Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte
+Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt,
+Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend,
+Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt'.
+Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen,
+Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen.
+
+Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben.
+Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt
+Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren.
+Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd;
+Dem ersteren, er mußte flink sich rühren,
+Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. --
+
+Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne
+Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt,
+War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert.
+Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt,
+Sah Zehentgarben seine Bauern bringen;
+Doch sie zu zählen, wollt' ihm nicht gelingen.
+
+Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte,
+Bemerkte man von ungeübter Hand
+Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben,
+Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand.
+Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken,
+Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.
+
+Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben,
+Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft,
+Wie ihn der Hör'ge und ein guter Jahrgang
+Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft;
+Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend,
+Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.
+
+Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte,
+War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch.
+An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen,
+Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch;
+In einer Ecke sah man Füße prangen
+Von einem Bette, das jedoch verhangen.
+
+Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache
+Die andre Seite fast zur Hälfte ein
+Und mocht' die Eichenbank, so ihn umschränkte,
+Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein;
+Denn "Greif" und "Pfeil", des Vogtes Lieblingshunde,
+Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.
+
+Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen,
+Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht,
+Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen
+Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht.
+Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen,
+In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. --
+
+Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen
+Und stemmte dann die Hände auf den Tisch,
+Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend.
+Nun er so da stand, seine Wangen frisch
+Geröthet und noch dichten, blonden Haaren,
+War's schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.
+
+Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen,
+In denen Schalkheit sich mit Güte paart'.
+Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte
+Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart,
+In welchem sich, bei näherem Betrachten,
+Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. --
+
+Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken,
+Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut',
+In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde,
+Denn wie aus einem Munde klang es laut:
+"Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!"
+""Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...""
+
+Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten,
+Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt',
+Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte,
+Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt'
+Das Zimmer, ohne weiteres versäumen,
+Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen.
+
+Als hinter Kunzen sich die Thür' geschlossen hatte,
+Zog selbst der Junker eine Fensterbank
+Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder,
+Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank,
+Ein Gläslein vom Gesims herunter langte,
+Vor dessen Größe heute manchem bangte.
+
+Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren,
+Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach:
+"Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!"
+Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach
+Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren,
+Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren.
+
+Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte,
+Litt dies der Junker nicht; er meinte fein:
+"Laßt mich erzählen, warum ich gekommen,
+Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!"
+Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen,
+War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. --
+
+"Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen," --
+Hob frisch der Junker an, "bei Eurem Herrn,
+Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen,
+Und ich gab wahrlich Euch die Zusag' gern;
+Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt' halten,
+Verdanken wir des Bischofs klugem Walten."
+
+"Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich
+Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich;
+Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen,
+Wo beide Parten scheuen den Vergleich, --
+Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen,
+Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen."
+
+"Ihr wisset, wie ich denke kommt's mir auch vom Munde.
+Zwar schafft' ich dadurch mir so manchen Span,
+Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre,
+Hätt' ich der Zungen nicht den Lauf gela'n.
+Ja, klug ist's schon zur rechten Zeit zu schweigen,
+Möcht' nur die Unzeit sich im Voraus zeigen!
+
+"So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche,
+Den im Konzil sie über Huß gefällt.
+Es war dem Manne frei Geleit versprochen;
+Doch, wie man Oben das Versprechen hält,
+Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen;
+Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!"
+
+"An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln,
+So dachte ich in gradem, biedrem Sinn;
+Drum konnt' den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen
+Und, offenherzig, wie ich einmal bin,
+Bekannt' ich ehrlich, was ich drüber dachte,
+Weil Sigismund sein Wort so wenig achte."
+
+"Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren,
+Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl,
+Ließ hart er an den Bischof meinetwegen
+Und schrie, man hörte es im ganzen Saal.
+Der König war gekränkt, nicht abzusehen,
+Ob mir der Ohm Verzeihung mocht' erflehen!"
+
+"In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber
+Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund:
+Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse
+Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund'
+Gesendet werde, was er noch beschlossen,
+Und ob der König mein noch denkt verdrossen."
+
+"So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen,
+Wo mich der Rheinfall eine Weil' gestellt. --
+Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen
+Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt!
+Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten
+Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!"
+
+"Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte,
+Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang.
+Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder
+Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang.
+Den Weg durch's Kletgau hab' ich fein gemieden,
+Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden."
+
+"Mein Roß und ich -- wir haben wacker ausgehalten,
+Bis heute früh wir Euer festes Haus
+Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten.
+Da schien's mit meines Thierlein's Kräften aus;
+Doch war's nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten,
+Ließ drum beim "Wirth am Berg" zu Küßnach rasten."
+
+"Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh' gepflogen,
+Hätt' mir geschwant, daß hier heraus der Pfad
+Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet.
+So gab's für Mann und Roß ein heißes Bad!
+Nun aber -- saget mir ganz unumwunden,
+Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?"
+
+Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser
+Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein
+Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd:
+"Von Herzen heiß' ich Euch Willkommen mein,
+Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen;
+Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!"
+
+Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander
+Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug.
+Zum Danke bot der Junker seine Rechte
+Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug:
+"Ein Mann -- ein Wort heißt es in deutschen Landen,
+Wird leider allzuwenig nur verstanden!"
+
+"Traun!" fuhr er launig fort, "was wir hier bieten können,
+Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn.
+So lange Ihr auf Küssaberg verweilet,
+Wöll'n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! --
+Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen,
+Den Frieden hier in keiner Weis' zu brechen."
+
+"Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern,
+Als unsereinem, da heißt's langsam 'than!
+Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan,
+Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn.
+Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben
+Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben."
+
+"Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen,
+So es der Zufall fügte, daß Ihr stört,
+Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen,
+Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört;
+Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele,
+Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!"
+
+"Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen,
+Wie solche wohl mal junge Herren plagt,
+So stehen rings Euch Forst und Felder offen;
+Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd.
+Erlaubt's die Zeit, so mag ich Euch begleiten,
+War je schon meine Lust, im Tann' zu reiten."
+
+"Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen,
+Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid;
+Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust
+Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid.
+Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen,
+Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!"
+
+"Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten.
+Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht,
+Allwo der Bauer seit Urväter Tagen
+Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht;
+Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen
+Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen."
+
+"Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen;
+Es sind der Mannen eben nicht zu viel
+Hier oben und, besonders jetzt im Sommer,
+Nur selten Tage für ein müßig Spiel.
+Im Winter freilich, sind wir desto freier,
+Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier."
+
+"Doch wozu schwatz' ich lange!" unterbrach er selbst sich,
+"Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach,
+Derweil ich plaud're. Gleich soll Euch dies werden;
+Nehmt vorlieb nur mit dem gebot'nen Dach.
+Für's erste, denk' ich, wird es Euch erquicken,
+So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!"
+
+Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür' gegangen,
+Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt,
+Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen,
+Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward:
+Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen
+Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen.
+
+Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte,
+Besiegelte ein derber Druck der Hand
+Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten
+Und warme Freundschaft beider Herzen band.
+Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig,
+Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig.
+
+Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen,
+Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn,
+In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte.
+Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn;
+Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen,
+Soll, wie er's wünschte, dem die Herberg frommen.
+
+ * * *
+
+Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken,
+Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild.
+Fast bang' ich, daß, nach so viel langen Jahren,
+Erinn'rung treu behielt dein Wesen mild,
+Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken
+Aus Deinen Augen: laß' den Muth nicht sinken!
+
+So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder.
+Ich seh' im blauen Linnenkleid Dich gehn,
+Aus dessen aufgeschlitzten, puff'gen Aermeln,
+Das weiße "Pfeitlein" liebt' hervor zu sehn;
+Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen
+Und lose um den schlanken Leib geschlungen.
+
+Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen,
+Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht;
+Des Haares goldne Wellen schau ich wieder,
+Wie noch es ungern sich zusammenflicht.
+Dein fröhlich Lied, ich hör's im Herzen klingen,
+Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen.
+
+Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede;
+Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß
+Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte,
+Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß.
+Dein lieblich Lächeln, heut' noch kann ich's schauen,
+Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen!
+
+Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen,
+Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund.
+Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern
+Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund';
+Wem Speis' und Trank gebricht, dem wirst Du spenden;
+Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden.
+
+In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe
+Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod;
+Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet,
+Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. --
+Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume!
+Elisabeth, was sag' ich noch zu Deinem Ruhme? --
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen.
+Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch
+Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;
+Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,
+Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen
+Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.
+
+Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel
+In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.
+Erröthend treten frisch dem Tag entgegen
+In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;
+Im feuchten Grase, welch' ein Glitzern, Schimmern!
+Ist's nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?
+
+Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge
+Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.
+Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,
+Verfärben mälig sich zu blauem Duft;
+Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen
+Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. -- --
+
+Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle
+Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,
+Und waren Knecht' und Mägde bald im Kirchlein,
+Wo still der Kaplan seine Messe sprach,
+Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,
+Geduldig harrend auf das letzte Amen.
+
+Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,
+Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn
+Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,
+Was jeder heute sollte schaffen gehn;
+Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,
+Eh' nicht das Tagewerk ihm zugemessen. --
+
+Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe
+Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,
+Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte
+Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;
+So war's sein lieber Brauch noch jeden Morgen,
+Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. --
+
+"Erlaubet Vater," hörte heut' man Elsbeth sprechen,
+"Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,
+Nothburga's Joseph lag schwer siech darnieder,
+Als ich in Küßnach war das letzte Mal;
+Sein armes Weib gab keine Ruh' mit Flehen,
+Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen."
+
+"Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,
+Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,
+Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;
+Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.
+Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,
+Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen."
+
+"Der Kunz," entgegnete der Vater, milde lächelnd,
+"Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;
+Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,
+Von mir aus geb' ich ihm den Urlaub nicht!"
+Da, wie gerufen, nahte von der Seite
+Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. --
+
+Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,
+Erzählte er der Tochter von dem Gast
+Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,
+Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt';
+Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,
+Wußt' er doch viel des Neuen mitzutheilen. --
+
+"Man möchte Euch den Kunz entführen!" sagte heiter
+Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,
+Und fuhr dann fort: "Die Els' will einem Kranken,
+Der lange schon sein Siechbett hüten muß,
+Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen
+Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!"
+
+Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,
+Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt'
+Und bat: "Vergönnet mir Euch zu begleiten;
+Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,
+Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen,
+Von langer Weil' verschont, die Stunden kürzen!"
+
+Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen,
+Und fragend schaute sie zum Vater aus.
+Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,
+Und so erwiederte sie sittsam draus:
+"Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen,
+Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen."
+
+"Es ist ein gutes Werk," sprach noch sie, leis erröthend,
+Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil,
+Den uns die Armen ja von Gott erstehen,
+An zeitlichem Gedeihn und ew'gem Heil,
+Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben --
+Ich möcht' Euch solchen Segens nicht berauben."
+
+"Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,
+Nehmt aber vorher guten Imbiß ein;
+Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten
+Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!"
+Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,
+Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle.
+
+Gemächlich folgten auch die andern dorthin -- aßen
+An einem Tische doch noch Herr und Knecht. --
+Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte,
+War Haferbrei, der, steif gekocht und recht
+Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte,
+Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.
+
+Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende,
+Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.
+Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen
+Mit einem Häslein von der letzten Jagd;
+Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,
+Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.
+
+Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,
+Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,
+Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden.
+Sie kannte noch kein besser Sonnendach;
+Denn einen Hut durft' sie nur Festtags tragen,
+Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.
+
+Ohn' viele Worte schritten bald darauf die Beiden,
+Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,
+Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich
+Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,
+Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte,
+Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte.
+
+Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder.
+Noch blühten Glockenblumen, Thymian,
+Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen,
+Goldgelber Ginster, duft'ger Enzian,
+Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten
+Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.
+
+Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten
+Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht
+Zu schwer geworden; aber stets verneinte
+Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.
+Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,
+Ihr Körblein bis an's End' der Welt zu tragen.
+
+Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,
+Und zwar just da, wo's steil zur Tiefe ging;
+Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten
+Und dessen Inhalt; doch das war nicht 'ring.
+Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,
+Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen.
+
+Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts;
+Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang;
+Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig
+Und schien dem Junker bald unendlich lang.
+Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,
+So gut er konnte durch die Halde nieder.
+
+Das Körblein aber ward indessen immer schwerer.
+Er sprach im Stillen manches derbe Wort,
+Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,
+Am Gehn ihn hinderten in einem fort.
+Wie war's dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,
+In höfisch feiner Art den Frau'n zu dienen?
+
+Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,
+Zur Rechten sah er einen Rebenhang
+Und links, im Schatten alter Wallnußbäume,
+Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang.
+Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,
+Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.
+
+Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten:
+"Herr Kuonrad, wartet -- ruht ein wenig aus!
+Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden;
+Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!"
+Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte,
+Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.
+
+Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger
+Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein
+Das Dörflein lag; etlich' zerstreute Häuser
+An eines Baches grünem Uferrain,
+In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte,
+Deß' Strohdach fast bis an die Erde neigte.
+
+"Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!"
+Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand
+Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen,
+Die an dem Wege durch den Wald sie fand,
+Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden,
+Der Platz an ihrem Busen sollte finden.
+
+Müd', wie der Junker war, befolgte er die Worte
+Und lagerte sich hin in's hohe Gras;
+Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,
+So daß sein Träger nicht zu nahe saß.
+Mocht' er's auch heimlich um den Platz beneiden,
+Es half ihm nichts, er mußt' es eben leiden.
+
+Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:
+"Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann
+Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend
+Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.
+Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,
+Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.
+
+So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte
+Er jedes Mal auch irgend eine Mähr
+Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset,
+So daß am liebsten dann ich draußen wär.
+Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,
+Er hätt' es selbst gesehn im Wald am Feuer!"
+
+"Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;
+Doch fürchte ich des Auges bösen Blick,
+Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren
+Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.
+Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,
+Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!"
+
+"Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.
+Die wußte es und ihr hab' ich geglaubt,
+Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen
+Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. --
+Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,
+Daß Eurer ich erst wartete im Freien."
+
+Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen
+Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß
+Am Busen festzunesteln. Damit fertig
+Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus;
+Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,
+Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen.
+
+"Da war ich übel dran," versetzte jetzt der Junker,
+Ihr Träumen unterbrechend, "als allein
+Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet!
+Mir schwante selber, daß es dort nicht rein;
+Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen
+Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!"
+
+"Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden
+Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld,
+Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer?
+Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld,
+Und wär' am Ende es Euch recht gewesen,
+Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?"
+
+Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,
+Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.
+Wie Purpurgluthen lag's auf ihren Wangen:
+Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?
+Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen,
+Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.
+
+Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,
+Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;
+Der Junker kürzte also schnell die Rede
+Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz:
+"Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen,
+Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!"
+
+"Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen;
+Ich acht' es gegen Zauberei als Schild
+Und will es halten, als der Herrin Farbe,
+Zum Angedenken holder Dame Bild.
+Gewähret daher gerne mir die Bitte;
+Die Gabe halt' ich werth nach Rittersitte!"
+
+Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth
+Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.
+Stolz steckte er es an's Barett, das schlichte,
+So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar,
+Und dankte, glücklich über die paar Blüthen,
+Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten.
+
+Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte,
+Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand
+Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen.
+Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand;
+Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,
+Ein zweites Mal sollt' Elsbeth nicht entweichen.
+
+"Bin dieses nicht gewohnt," klang heiter ihre Antwort,
+"Auch ist mir fremd, wie man's am Hofe hält.
+Ihr werdet aber, hoff' ich, mir verzeihen,
+Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;
+Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen?
+Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!"
+
+Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,
+So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt.
+Es glich die Maid der zarten Eppichranke,
+Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt
+Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden;
+Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden.
+
+Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,
+Herr Kuonrad sollt' erzählen, was er sah
+Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder
+Und was ihm selber da und dort geschah.
+Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,
+Durft' länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. --
+
+Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet
+Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt
+Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen,
+Von fremden Sitten und gar feiner Art.
+Nun ließ er's nicht am rechten Ausdruck fehlen
+Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen.
+
+Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben
+Und lauschte staunend jeder neuen Kund'.
+Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen,
+Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;
+Sie folgte ihm zur "Stadt der sieben Hügel,"
+Als ob sie selber in des Zelters Bügel.
+
+Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen
+Ein wälscher Bube fast ihn niederstach,
+Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths,
+Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach;
+Am Arme aber fühlte er ein Drücken,
+Als müßte noch ihr seine Rettung glücken.
+
+Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens,
+Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn;
+Nicht, wie die Hörigen einander winkten,
+Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.
+Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege
+Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege.
+
+Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben,
+Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand.
+Herr Kuonrad wußte nicht, sollt' er ihr folgen;
+Doch, wie er eben überlegend stand,
+Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen,
+Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.
+
+Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes
+Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.
+Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker
+Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund
+Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen
+Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. --
+
+Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth
+Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt;
+Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen,
+Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,
+Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen,
+Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen.
+
+Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer
+Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;
+Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,
+Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.
+Mit wahrer Freude hört' ihn Elsbeth sagen,
+Daß es viel besser seit den letzten Tagen.
+
+"Das Weib ist noch im Felde draußen," sprach er heiser,
+Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;
+Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,
+So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.
+Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,
+Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!"
+
+Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,
+Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein
+Und sagte: "in dem Krug das Tränklein,
+Möcht' jetzt das rechte Mittel für Dich sein;
+Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,
+Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!"
+
+Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein
+Und wechselte mit jedem einen Kuß;
+Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,
+Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,
+Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,
+Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.
+
+"Die Herrin blieb sonst länger!" meinte Seppel brummend,
+Als er so eilig sie verschwinden sah;
+Sie selber mochte ähnlich denken, aber --
+Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.
+Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;
+Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.
+
+Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen
+Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß
+Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.
+Dann strampelte das Büblein rasch sich los,
+Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;
+Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.
+
+Herr Kuonrad aber meinte heiter: "Ihr könnt zaubern!
+Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;
+Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben
+Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!
+Ein solch' Geheimniß acht' ich werth zu kennen;
+Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?"
+
+"Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!"
+Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:
+"Sie geben Lieb' um Liebe, wiederspiegelnd
+Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.
+In jede Kinderseele bringt man Leben,
+Versuchet's nur, Euch mit ihr abzugeben!"
+
+"Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,
+Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!
+Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;
+Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.
+Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,
+Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!"
+
+Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth
+Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,
+So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,
+Als sie es küssend an die Brust gepreßt,
+Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,
+Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.
+
+Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet
+War sie bemüht ein widerspenstig Paar
+Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben,
+Das blau umzog das herrlich blonde Haar,
+Und als sich ihr die Losen endlich fügen,
+Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen.
+
+Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in's schöne Antlitz,
+So voller Unschuld ihm entgegensah,
+Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen
+Von solchem Schauen wunderbar geschah,
+Sich tief erröthend wandte um zu gehen,
+und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.
+
+Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,
+So, wie beim Kommen, ging's im Rückweg nicht;
+Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich
+Ein fröhlich lachend Kinderangesicht.
+Am Wege aber harrten auch die Alten,
+Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten.
+
+Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet,
+Kam schon von Weitem auf sie zugerannt
+Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen;
+Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt,
+Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden,
+Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden.
+
+Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken,
+Sie fehlten heute für die Kinderschaar;
+Zum ersten Male hatt' sie die vergessen,
+Möcht' wissen, welches wohl die Ursach' war!
+Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen,
+Und gab für heute es drum nichts zu naschen. --
+
+Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig,
+Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;
+Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;
+Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:
+"Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen,
+Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!"
+
+"Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,
+Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein,
+Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen,
+Wie sie im Sommer blühen hier am Rain;
+Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen,
+Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!"
+
+Geduldig ging der Junker wieder an's Erzählen
+Und schilderte, was draußen er geschaut;
+Was ihm gefallen in den fremden Ländern
+Und wie er da und dort dem Glück vertraut.
+Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen;
+Doch würd' ein trautes Heim er mehr noch preisen.
+
+Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,
+Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,
+Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,
+Wenn nah' dem Hang ein duftig Blümlein schien,
+Das ihre Hand erreichen konnt' und pflücken,
+Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken.
+
+Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,
+An jener Stelle, wo sie erst geruht,
+Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:
+"Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut."
+War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen,
+Der Junker konnte dafür mehr erzählen.
+
+So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam
+Zusammen aufwärts durch den grünen Wald,
+Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet,
+Und wandelten im tiefsten Schatten bald,
+Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte,
+Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. --
+
+Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,
+Daß längst verschwunden war des Himmels Blau
+Und schwere Wolken über ihnen dräuten,
+Die alles hüllten in ein düster Grau.
+Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden
+Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.
+
+Bald schlossen, eh' sie es geahnt, die Wetterwolken
+Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß.
+Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen
+Sank mancher Waldbaum jäh in's grüne Moos;
+Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder,
+Deß' Donnern hallte laut im Thale wieder.
+
+Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,
+Es rann und schwoll das nasse Element;
+Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,
+Deß' Spuren noch der späte Enkel kennt.
+Fast schien's, als ob der Himmel sich empörte
+Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte.
+
+Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,
+Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.
+Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich
+Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;
+Auch betete sie leis den Wettersegen,
+Der soll sie schützen und der Sturm sich legen.
+
+Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen,
+Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;
+Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,
+Daß dieses bald vorüber dürfte gehn.
+Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,
+Auch wollt' er nicht von seiner Herrin weichen.
+
+Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten,
+Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.
+Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:
+"Hört uns das Bergweiblein, so thut's nicht gut;
+Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,
+Hat sicher das Gewitter her beschworen."
+
+"Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel
+Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg
+Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet,
+Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg.
+Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,
+So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!"
+
+"Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren
+In seiner ganzen unheilvollen Macht;
+Verderben bringt es oft auf viele Jahre,
+Als hätte uns die Sonne nie gelacht,
+Und, wo wir heute noch im Grünen gehen,
+Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!" --
+
+Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder
+Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum,
+Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,
+In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;
+Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,
+Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.
+
+Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel,
+Und krachend fällt so manches grüne Haupt;
+Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch's Gezweige,
+Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt.
+Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,
+Sie müssen blindlings in's Verderben hetzen.
+
+Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet,
+Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;
+Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,
+Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.
+So steht sie mitten in dem grausen Rauschen
+Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.
+
+Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen
+Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;
+Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen
+Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.
+Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,
+Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.
+
+Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset,
+Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,
+Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes
+Empfehlend, deren Fürsprache und Macht
+Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden
+Und gnädig alles Unheil abzuwenden.
+
+Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,
+Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;
+In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,
+Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall.
+Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,
+Und heller wird es in den Wipfeln oben. --
+
+Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber,
+Geendet wähnte Elsbeth alle Noth.
+Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten,
+Von seiner Stirne floß es blutigroth,
+In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;
+Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.
+
+Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad
+Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut;
+Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,
+Wie einem der die letzten Züge thut.
+Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände,
+Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände.
+
+Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen,
+Mit stummer Freude hat sie es gehört,
+Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,
+Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört;
+Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen,
+Es sachte auf des Junkers Stirn' zu legen.
+
+Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen,
+Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt;
+Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen,
+Noch immer der Besinnung ganz beraubt;
+Doch, nun sie's sorglich wollte niederlegen,
+Sah wieder sie die Lippen zitternd regen
+
+Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen,
+Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.
+Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen,
+Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft,
+Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen
+Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen.
+
+Er wachte mälig auf und seine braunen Augen
+Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick;
+Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen
+Ihr Trost zu spenden über sein Geschick,
+Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,
+Mocht' sich der Junker nun vom Fall erheben.
+
+Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte,
+Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,
+Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse,
+Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.
+Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder
+Eh', mühsam nur, sie fand die Sprache wieder.
+
+"Versuchet aufzustehen -- vielleicht könnt Ihr gehen!
+Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern
+Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber.
+Die Heiligen und Euer guter Stern,
+Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,
+Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!"
+
+Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch
+Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,
+Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben;
+Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach,
+Wollt' er sein Dankgefühl in Worte kleiden,
+Die anzuhören Elsbeth will vermeiden.
+
+Sie mahnte also "Kommt, es muß bald Mittag läuten!
+Bis dahin müssen wir zu Hause sein;
+Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden,
+Mein Tüchlein taugt uns, denk' ich, dazu fein.
+Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen
+Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!"
+
+Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,
+Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.
+Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden
+Und spülte es im nächsten Rinnsal klar,
+Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;
+Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden.
+
+Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten
+Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg.
+Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen
+Vom Regen noch im buschigen Geheg.
+Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen,
+Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen.
+
+Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden
+Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor;
+Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,
+So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.
+Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen,
+Ein Kräutlein, das viel Glück bringt -- oder Schmerzen.
+
+ * * *
+
+Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke,
+Wo schon der Herrin harrend Frida stund;
+Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber,
+Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund.
+Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,
+Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten.
+
+"Dacht ich's doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!"
+Hob zungenfertig jetzt die Alte an,
+"Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen;
+Doch da hat es am wüstesten gethan!
+Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,
+Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen?
+
+"Der Pfarr', der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.
+Er sieht's, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.
+Sollt immer in der Kemenate sitzen
+Und Litaneien lernen bei dem Herrn!
+Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;
+Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!"
+
+Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in's Wort und sagte:
+"Sei lieber still und schaff' uns Kunzen her,
+Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet;
+Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!
+Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,
+Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!"
+
+"Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,
+Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit
+Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden,
+Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!
+Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,
+Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!"
+
+Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer.
+Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,
+War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen
+Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt'.
+Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,
+Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. --
+
+Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke
+In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar
+Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.
+Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;
+Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde --
+Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde!
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,
+That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;
+Denn kaum war eine Woche hingegangen,
+Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht
+Und dankte ihr für alle Müh' und Sorgen,
+Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.
+
+Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte,
+Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,
+So nahm er's nun mit jedem Tage ernster
+Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.
+Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,
+War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. --
+
+Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen
+Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht',
+So oft es nöthig, drauf den Wassereimer,
+Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht
+Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,
+Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht' gewinnen.
+
+Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,
+An dessen sonnenreichem Mauerrand
+Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte,
+Drin', neben Ilgen, manche Rose stand
+Und Krautwerk für die Küche und die Kranken,
+Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.
+
+Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig;
+Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch
+Die Rosen künstlich sich veredeln lassen.
+Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch
+Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen,
+Die zu erzielen beide sich bemühten.
+
+Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche,
+Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;
+Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,
+Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.
+Das Essen mußte pünktlich fertig stehen,
+Sonst war's um Vaters gute Laun' geschehen.
+
+Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,
+Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh'
+Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth
+Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu;
+Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge
+Und trieb mit Fragen oftmals sie in's Enge.
+
+Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen
+Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;
+Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,
+Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund
+Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,
+Die fern dem Texte des Erklärers lagen. --
+
+Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,
+Indess' die Augen nach der Sonne sahn,
+Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben
+Im Bogenfenster endlich möchte nahn;
+Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen,
+Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.
+
+Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet,
+Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;
+Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,
+Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,
+So ließ sie heute auch die Sonne sinken,
+Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.
+
+Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.
+Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt'
+Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,
+Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt',
+Der sich den Thurm zum "Lueg ins Land" erkoren,
+Und öfter droben saß, in's Schau'n verloren.
+
+Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen
+Der Berge nennen, so von hier man sah;
+Nun aber war sie doch etwas verlegen
+Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.
+Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze
+Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.
+
+Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich
+Dem Junker zu und sagte, mit der Hand
+Hinüber auf die weißen Riesen deutend,
+In deren Anblick er versunken stand:
+"Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;
+Dort, jene Recken all' sind mir zu eigen!"
+
+"Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,
+So nur die Fürnehmsten davon ich nenn';
+Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, --
+Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn'!
+Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,
+Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten."
+
+Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,
+Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,
+Der Abendsonne goldne Schimmer flossen
+In Purpurfluthen über alles Land,
+Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,
+Die überm "Randen" sich gelagert hatten.
+
+"Schaut dort," hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,
+"Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,"
+Es ist der "Säntis" mit dem "Hohen Kasten"
+Und nebenan, rothgülden angehaucht,
+Stellt kühn der "Altmann" sich in ganzer Breite
+Den ersten beiden Recken an die Seite."
+
+"Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,
+Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,
+Die nennen "Churfürsten" sich stolz mit Namen
+Und spiegeln sich in einem grünen See,
+Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,
+Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben."
+
+"Nun, weiter rechts hin, kommt des "Glärnisch" weiße Krone;
+Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,
+Und rosig überhaucht vom Sonnengolde
+Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.
+Auf seinen Schultern aber sieht man's blitzen
+Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen."
+
+"Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,
+Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,
+Ist "Vrenli's Gärtli," eine Alp vor Zeiten;
+Doch, seit die Menschen von den Fee'n gehaßt,
+Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,
+Auf ewig sind dahin die grünen Fluren."
+
+"Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der "Tödi."
+Keck ragt der auf zum blauen Firmament,
+Als stützte er allein des Himmels Bogen.
+Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,
+Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen --
+Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen."
+
+"Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,
+Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;
+Doch, mein' ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen
+Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.
+Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,
+Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!"
+
+"Gleich weiter folgt des "Urirothstocks" Riesenkuppe;
+Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;
+Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,
+Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.
+Mir schwanet oft, fühl' ich's herüber wehen,
+Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen."
+
+"Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,
+In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,
+Dann, hört' ich sagen, blühen grüne Fluren
+Und blinkt dazwischen mancher klare See,
+So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,
+Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet."
+
+"Die weiße Kuppe besser drüben ist der "Titlis,"
+Das "Sustenhorn" soll dessen Nachbar sein.
+Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe
+Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;
+Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften
+Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften."
+
+"Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten
+Empfangen eben ihren letzten Gruß!
+Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern
+Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;
+Bald wird der "Lägernberg" im Dunkel stehen,
+Schon jetzt ist Badens "Stein" nicht mehr zu sehen."
+
+"Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,
+Die geben sich so schnell gefangen nicht;
+Denn, während überall schon Nacht sich breitet,
+Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.
+Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,
+Von jenen Höh'n zu schau'n auf Gottes Erden!"
+
+"O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,
+Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,
+Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,
+In Himmelslüften badend mir die Stirn'
+Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,
+Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!" --
+
+Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,
+Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,
+Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten
+Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,
+Indessen abendwärts, von Gold umflossen,
+Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.
+
+Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels
+Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,
+Eh' sie den Hausgenossen traulich fragte,
+Ob ihm ein schöner Plätzlein wär' bekannt?
+Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen
+Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.
+
+"Ich muß mich eilen," sprach sie, "denn des Abends Schatten
+Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;
+Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,
+Der letzte Schein des Tageslichts verjagt
+Und, irr' ich nicht, mag's morgen stürmisch wehen,
+Da heut' die Alpen wir so nahe sehen!"
+
+"Dort jener," eilte sie sich weiter mit Erklären,
+"Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,
+Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,
+Soll der "Sankt Gotthard" sein, von wo ein Pfad,
+Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,
+In wälsches Land sich steil und schaurig winde."
+
+"Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,
+Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,
+Heißt der "Pilatus;" er hat seinen Namen
+Von einer Sage die im Lande geht:
+Es soll der Böse dort den Richter plagen,
+Der unsern Heiland einst an's Kreuz geschlagen."
+
+"Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,
+Sind "Finsteraarhorn," "Schreck-" und "Wetterhorn,"
+Dann "Mönch" und "Eiger," wo im längsten Sommer
+Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn
+Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer
+Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!"
+
+"Es ist die "Jungfrau." Herrschend über all' die Riesen,
+Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;
+Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,
+Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,
+Um vor dem Schlafengehn den alten Recken
+Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken."
+
+"Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,
+Die leise ausziehn über unser Haupt,
+Und keinem Freier mocht' es noch gelingen,
+Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.
+Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,
+In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!" --
+
+Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen
+Des Wächters Horn in langgezognem Schall,
+Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;
+Vom "Hungerberge" scholl der Wiederhall
+Und mischte sich mit fernem Glockensummen,
+Das bald erstarb in mäligem Verstummen.
+
+Nun breitete sich Schweigen über Berg' und Thäler,
+Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,
+Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,
+Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,
+Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,
+Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.
+
+Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,
+Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;
+Dann war es wieder, als ob leichte Füße
+Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,
+Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,
+Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:
+
+"Eine Tanne, schlank und duftig,
+Meiner Minne Maienzier
+Stelle ich zum Angedenken
+Nächtens vor braun Maidlins Thür."
+
+"Rosmarin und rothe Ilgen
+Schmücken viel den Maienbaum,
+Meine Seele aber zieret,
+Süßer Minne holder Traum."
+
+"Gäb ein Schlüsselein die Feine
+Mir von Gold, ich schlöß sie ein,
+Tief in meines Herzens Schreine
+Und verlör das Schlüsselein."
+
+Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,
+Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,
+Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,
+Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.
+In tiefem Alt, als käm' er aus der Seele,
+Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:
+
+"Drauß' im Walde laß' die Tanne.
+Und die feinen Blümlein stehn;
+Denke, was die Mutter sagte,
+Würd' den Maienbaum sie sehn?"
+
+"Hast den Schlüssel Du verloren,
+Ist mir recht; denn wahre Minn'
+Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,
+Und bleibt doch im Herzen drin'."
+
+"Tief im Walde grünt die Tanne,
+Rothe Ilgen duften fein.
+B'hüet Dich Gott in stiller Kammer,
+Und gedenk' der Treuen Dein!"
+
+"'s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!" sagte Elsbeth
+Zum Junker, als der Sang verklungen war.
+"Sie sind sich zugethan in allen Ehren
+Und, wie ich meine, ist's ein stattlich Paar;
+Hab' drum der Maid versprochen, anzufragen
+Beim Vater, da die beiden es nicht wagen."
+
+"Doch,nun ist's Zeit für mich, zu gehen," schloß sie freundlich,
+"Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!"
+Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden
+Und huschte nun die Wendeltreppe sacht
+Hinunter, daß die trocknen Treppensparren
+Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. --
+
+Herrn Kuonrads "Gute Nacht!" kam ihr nicht mehr zu Ohren,
+Weil, als er's sprach, sie schon davon geeilt.
+Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,
+Wo eben noch die Liebliche geweilt;
+Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,
+Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.
+
+Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele
+Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.
+Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,
+Um die im Stillen unlängst er gefreit,
+Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,
+Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.
+
+Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen,
+Hatt' sich der Junker an den Ohm gewandt,
+Deß' Wort als Bischof mehr als seins mocht' gelten,
+Daß bald ihm werde der Erkornen Hand.
+Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,
+Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt' entwischen.
+
+Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele:
+Die Stirn' umwallt von dunkler Locken Pracht,
+Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen,
+Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht;
+Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,
+Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.
+
+Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben,
+Es trat an dessen Platz ein ander Bild:
+Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte,
+Nein, lieblich, hold und fein und mild;
+Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen
+Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen.
+
+In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen,
+Er konnte tief in ihre Seele schau'n,
+Die klar und rein sich darin wiederspiegelt'
+Und hin sich gab in kindlichem Vertrau'n.
+Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,
+War seines Herzens stürmisches Verlangen.
+
+So stand er, sich versenkend in die lieben Züge,
+Im Wesen ihm und in Gedanken nah;
+Denn jeden Tag mußt' er auf's Neu' bewundern,
+Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:
+In Züchten stiller Minne treu ergeben
+Und milde waltend, deutsches Frauenleben.
+
+Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein,
+So stolz, weil es entstammte wälschem Blut;
+Deß' Blicke so vernichtend blitzen konnten,
+Und doch verriethen tief verborgne Gluth!
+Das tausendmal am gleichen Sommertage
+Die Laune wechselte zu seiner Plage.
+
+Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,
+Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.
+Der Oheim mußte längst geworben haben,
+Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl?
+Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen,
+Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen.
+
+Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend,
+Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn' gekühlt.
+Von heute wollt' er Elsbeth ferne bleiben,
+Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt;
+Denn nimmermehr wär' Ruhe ihm beschieden,
+Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden.
+
+Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,
+Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,
+Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,
+Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.
+Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;
+Die Herren mochten seiner lang schon warten. --
+
+Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,
+Verkürzten sich die Knechte auf der Bank
+Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;
+Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,
+Als diese noch, auf allgemein Verlangen,
+Ein paar "Gesätzlein," die hier folgen, sangen.
+
+Wir lieben's den viel rothen Wein,
+Denn er geht frisch in's Blut uns ein.
+Gedeihen muß das Leben,
+Wenn wir das Kännlein heben!
+Gedeihen muß das Leben,
+Wenn wir das Kännlein heben!
+
+Kommt es auch vor, daß wir einmal
+Festsitzen bis zum Morgenstrahl;
+Beim Weine uns zu wärmen,
+Die ganze Nacht durchschwärmen!
+Beim Weine uns zu wärmen,
+Die ganze Nacht durchschwärmen!
+
+So sind dem Zecher doch nicht hön
+Drob unsre lieben Frauen schön,
+Dieweil sie selbst gern nippen
+Am Wein, mit Rosenlippen!
+Dieweil sie selbst gern nippen
+Am Wein, mit Rosenlippen!
+
+Hallowerwein, Du Edelblut,
+Du schmeckst zu allen Zeiten gut;
+Nach Dir geht unser Streben,
+So lange wir am Leben!
+Nach Dir geht unser Streben,
+So lange wir am Leben!
+
+Und geht es einst auf's Todtenbett,
+So reichet uns, als Seelgerett',
+Von Hallau Saft der Reben,
+In's Jenseits uns zu heben!
+Von Hallau Saft der Reben,
+In's Jenseits uns zu heben!
+
+ ------
+
+Der schönste Tod, den ich mir weiß,
+Das ist: im Wald zu sterben;
+Viel schöner, als im Bette heiß,
+Aus Lumpen zu verderben!
+
+Der beste Wein, so jeder kennt,
+Er muß wohl sein gegohren;
+Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,
+Der d'Hörnlin hat verloren!
+
+ ------
+
+Gott grüß' Dich, feurig Rebenblut,
+Du Edeltrost der Mannen!
+Wie schmeckst Du allerorten gut,
+Aus Humpen und aus Kannen.
+Hat einer von Dir etzlich Stück
+Im kühlen Keller vergraben,
+So preis' er's als sein größtes Glück,
+Am Weine sich zu laben!
+
+Gott grüß' Dich, feiner Augentrost,
+Vielschöne Maid im Walde!
+Nach Deiner minniglichen Kost
+Sehn' ich mich nur zu balde.
+Wer immer Dich sein eigen nennt,
+Dem brennt ein Feu'r im Herzen;
+Macht, daß er keine Jahrzeit kennt
+Und thaut, wie Schnee im Märzen!
+
+ ------
+
+Was ist es, dessen sich freuen soll
+Am ersten ein guter Zecher,
+Wenn ihm die Maid einen Humpen voll
+Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!
+Ist es das Naß in der Kanne klar,
+Hellperlendes Blut der Reben?
+Ist es der Maid frisch Lippenpaar,
+Nach denen geht sein Streben?
+Ich acht' wohl fein, vieledle Herrn,
+Das braucht's nicht lang zu rathen;
+Ein Jeder tröst' sich Beider gern,
+Vom Spielmann bis Prälaten!
+
+ ------
+
+Mein Mägdlein trägt ein Camisol
+Mit einem Purpursaume;
+Nun gute Nacht und schlafet wohl,
+Und denket mein im Traume!
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler,
+Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn.
+Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich,
+Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn;
+Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle,
+Indeß' noch dichter Nebel lag im Thale.
+
+Das Auf- und Niederschwanken all' der Nebelmassen
+Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit,
+Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel,
+Doch der wich kaum um eine Spanne breit;
+Schien an der Halde er auf's Haupt geschlagen,
+Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen.
+
+Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,
+Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust.
+Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler,
+Bald wieder stockt's von weißem Nebeldust;
+Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,
+Denn Sonn' und Nebel schließen ungern Frieden. --
+
+Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf
+Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß.
+Sie feierten die Heilige in Zurzach,
+Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß,
+Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,
+War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.
+
+Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden,
+Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,
+Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten.
+Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,
+Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,
+Mocht' ihn die Ungeduld am meisten plagen.
+
+Jetzt regte sich's auch in der Windberg' überm Thore.
+Dort ließen Haus und Xaver alsgemach
+Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder,
+Indeß' der Erstere zum Letztern sprach:
+'s ist gar nit koumli, heut in's Thal zu fahren,
+Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!"
+
+"Laß' nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen;
+Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!"
+Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend,
+Denn an der Winde galt es Manneskraft,
+"Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,
+Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!"
+
+"Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!"
+Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht.
+Der aber brummte: "So 'ne Wäldergurgel
+Find't stets das Beste grade für sich recht;
+Wär' ich der Vogt hier, müßten solche Laffen
+Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen."
+
+Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,
+Da polterte es von der Brücke her,
+Schnell traten beide drum zur nächsten Luke,
+Von der man übersah des Schlosses Wehr.
+'s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben,
+Wie immer, mußte vor dem Vogte traben.
+
+Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,
+Des Zelters Zügel in der zarten Hand.
+Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen
+Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand;
+Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen,
+Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.
+
+Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,
+Daß nicht entrolle sich die goldne Flut;
+Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend
+Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,
+Der leicht beschattete die feinen Züge,
+Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge.
+
+Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.
+Die beiden ritten friedlich Seit' an Seit',
+Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,
+Bat er den Hausgenossen zum Geleit;
+Der wär' zwar lieber mit dem Vogt geritten,
+Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten.
+
+Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel,
+Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.
+Sein eigensinnig Rößlein wollte traben,
+Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;
+Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen
+Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.
+
+Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe
+Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand.
+Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,
+War's kaum so hell, daß sie den Weg noch fand,
+Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte,
+Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich's gebührte.
+
+Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber
+Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg
+Ging's rasch in schlankem Trab thalnieder,
+Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.
+Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,
+Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie's erreichen.
+
+Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen
+Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt',
+Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,
+So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt:
+"Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen
+Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen."
+
+So bringt's die Urkund', ist auf Pergament zu lesen. --
+Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld
+Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,
+Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;
+Gar froh, daß heut' der Herr nichts fand zu rügen,
+Mocht' gern der Bauer dem Bescheid sich fügen.
+
+Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten,
+Die links und rechts an breiter Gasse stehn;
+Sie lagen wie verödet in dem Nebel
+Und war kein lebend Wesen nah' zu sehn,
+Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,
+Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.
+
+Bei einem Hause nur verlockt' der Rosse Trappeln
+An's schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,
+Deß' Eigenthümer scheu gemieden wurde;
+Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.
+'s war Meister Jakob, der das Fest mußt' meiden,
+Wollt er nicht andern den Genuß verleiden.
+
+Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster
+Und dabei traf sein kalter Henkerblick
+Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke;
+Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick,
+Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,
+Schwang selten er es mehr in seinen Händen.
+
+In scharfem Ritte ging's am letzten Haus vorüber.
+Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein
+Und hüllte Roß und Reiter immer dichter
+In seinen frostig-feuchten Mantel ein.
+Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,
+Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.
+
+Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte
+Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt,
+Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte
+Um's Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt,
+In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze,
+Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze.
+
+Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen,
+Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt;
+Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,
+Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt',
+Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,
+Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten.
+
+Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,
+Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;
+Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen
+Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid,
+Das traute "Elsbeth" müsse er vergessen,
+Sie "Fräulein" nennen, höfisch und gemessen.
+
+Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er
+Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;
+Denn was er auch der Schönen sagen wollte,
+Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer.
+Mit vollem Herzen, blöde und verlegen
+Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.
+
+Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,
+Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,
+Wo Benno just sich abzusteigen mühte;
+Sein Roß hielt jedes mal hier selber an,
+Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,
+So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.
+
+Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann
+Vom andern Ufer er herüber pfiff.
+Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter
+Und hielten dort im großen Wagenschiff,
+Das, als gelöst der Ferg' die nassen Seile,
+Stromaufwärts mußte eine gute Weile.
+
+Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke,
+So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand,
+Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen
+Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand;
+Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen,
+Die "Burg," erbaut von Roma's Legionen.
+
+Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden,
+Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;
+Ein Ruderschlag bracht' es dem Ufer nahe,
+Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.
+Nur Benno stand noch auf der andern Seite
+Und maß im Warten sich des Stromes Breite.
+
+Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten,
+Verließen es der Vogt und seine Schaar.
+Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,
+Daß jeder Hufschlag funkensprühend war,
+Bergan, und als der steile Weg erstiegen,
+Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. --
+
+Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen,
+Im nahen Rheine ging er still zu Grab.
+Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd
+Die weißen Zinnen Küssabergs herab;
+In klarer Herbstluft mocht' das Auge schwelgen
+Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen.
+
+Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,
+Denn nah dem Flecken war die Straße voll
+Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,
+Der Heil'gen bringend frommer Andacht Zoll;
+Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,
+Geschäften wegen sich zur "Messe" fanden.
+
+Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,
+Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.
+Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste
+Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,
+Und selten hat es einen mal verdrossen,
+Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.
+
+In langen Reihen standen graue Leinwandzelte
+Den Weg entlang, für allerlei Gethier
+Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,
+Indeß' das eigentliche Marktrevier
+Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,
+Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. --
+
+In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen,
+Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an,
+Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger
+Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;
+Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde.
+Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde.
+
+Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren,
+Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;
+Sein Diener schlug die große Kesselpauke,
+So oft er unterbrach der Rede Pracht.
+Daneben übten Gaukler ihre Lungen
+Und überschrieen sich in allen Zungen. --
+
+Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,
+Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt,
+Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte;
+Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt,
+Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen
+Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen.
+
+Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen,
+Um desto dichter ward die Menschenschaar
+Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;
+Der Junker wurde dieses auch gewahr
+Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,
+Bis mehr sich lichten würden ihre Massen.
+
+Ein wenig besser war's dem Vogt ergangen. Er ritt
+Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,
+Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend,
+Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt.
+Gab die nicht Raum auf Kunzens "Platz da!" rufen,
+So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. --
+
+Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome
+Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt,
+Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte
+Und kreischend sich das Volk noch näher drängt'.
+Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken,
+Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken.
+
+Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,
+Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth;
+Die Schreckensrufe gellten immer lauter
+Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,
+Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte,
+Der Affe aber rings die Menge höhnte.
+
+In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,
+Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,
+Und fand den Weg gerade zu der Stelle,
+Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob
+Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute;
+Gespitzten Ohres das Gedränge schaute.
+
+Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.
+Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;
+Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber,
+So daß der Schimmel drob den Kopf verlor
+Und voller Angst in jähem Sprunge scheute,
+Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.
+
+Doch, eh' des Rößleins Hufe wieder Boden fanden,
+War dieses schon von seiner Last befreit
+Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,
+Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.
+Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde
+Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.
+
+"Um Gottes Willen!" rief der Junker, selbst erschrocken,
+Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein.
+"Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?
+Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: "Nein!..."
+Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen
+Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen.
+
+Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend,
+Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,
+So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte,
+Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei'n;
+Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen
+Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.
+
+Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe:
+Vom Münster her ertönte Glockenklang,
+In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,
+So daß es klang wie ferner Chorgesang.
+Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,
+Um in der Mess' zu sein bei rechten Zeiten. --
+
+Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,
+Der es mit strengen Blicken untersucht.
+Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten
+Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht,
+Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,
+Nun Jochen flink zu binden war beflissen.
+
+Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte
+Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor,
+Die lehnte noch im Arme ihres Retters,
+Fuhr aber tief erröthend nun empor;
+Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,
+Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange.
+
+Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen
+Und hob mit starkem Arm die süße Last
+Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,
+Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt,
+Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke
+Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. --
+
+Inzwischen hatte auch die Jagd ein End' genommen,
+Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ;
+Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken,
+So daß er eilig sich zu gehn befliß.
+Der Affe aber war und blieb verschwunden
+Und Niemand wußte, welchen Weg er funden.
+
+Ohn' weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,
+Deß' Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt,
+Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten
+Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt';
+Doch, ob im Flecken unten oder oben,
+Sie waren überall gut aufgehoben. --
+
+Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,
+Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn.
+Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen,
+Vermieden gerne jeden Trug und Schein,
+Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,
+Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.
+
+Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe
+Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand.
+Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,
+Sie waren stets für Seel' und Leib zur Hand;
+Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,
+Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. --
+
+Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,
+Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut,
+Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts,
+Den jedesmal ein Glöcklein künden thut.
+Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen,
+Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.
+
+In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,
+Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt',
+Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten
+Schon Meßgesang und Orgelton erschallt';
+Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,
+Bis er die Pferde konnt' zur Herberg bringen.
+
+Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten
+Die Beiden, sich bekreuz'gend, in den Dom,
+Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,
+Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;
+In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,
+Kam er heut frühe schon zum Fest geritten.
+
+Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,
+In welchem sich geweihtes Wasser fand;
+Die Finger netzend, reichte draus er höfisch
+Auch etlich' Tröpflein der Begleitrin Hand,
+Und Elsbeth nahm's mit stummem Dank entgegen.
+Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. --
+
+Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,
+Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;
+In Wolken wogte zur bemalten Decke
+Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch
+Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge
+Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.
+
+Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte,
+Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,
+Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens
+Und auszuschütten da sein volles Herz,
+Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,
+Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte.
+
+In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau
+Im Sarg, den frommer Glaube überbaut';
+Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,
+Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut.
+Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame,
+Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme.
+
+Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller
+Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.
+Um was? Nur diese mochte es erlauschen,
+Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr;
+Doch tief sah man die Betende sich neigen
+In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen.
+
+Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz,
+Als sie sich endlich vom Gebet erhob;
+Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen,
+In das sich Seligkeit und Wonne wob,
+Und unschwer war der Frommen anzusehen,
+Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen.
+
+Still kehrte sie zurück durch's Grabkapellenpförtchen,
+Wo ihr Begleiter traumverloren stand.
+Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin
+Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;
+Doch, nun den Arm der Holden er wollt' reichen,
+Wußt' Elsbeth sittig diesem auszuweichen.
+
+"'s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!"
+Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt,
+"Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen,
+So mögt ihr mich begleiten nach der Hand;
+Hab' manchen Auftrag für den Markt bekommen,
+Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!"
+
+Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen,
+Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt',
+Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?
+Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:
+"Gott will ja, daß wir für einander beten,
+So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!"
+
+Dann bat sie lächelnd: "Laßt uns nach der Herberg gehen
+Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht.
+Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,
+Eh' es am Nachmittag zur Vesper geht;
+Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen,
+Für Jedes einen Kram nach Hause bringen."
+
+Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke
+In den vom Junker ihr gebot'nen Arm,
+Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,
+Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm;
+Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,
+Bis in der "Rosen" sie den Vater finden. --
+
+Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;
+Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da.
+Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,
+Als er die Zwei in's Stüblein treten sah
+Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter:
+"Da kommen ja die längst vermißten Reiter!"
+
+Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,
+Erzählte ihnen sein gespräch'ger Mund,
+Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich
+Am Vrenentage, nach der Vesperstund'
+Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden,
+Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.
+
+"Da hab' ich," sprach er lächelnd, "nun versprechen müssen,
+Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.
+Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen
+Auch etlich' Freunde treffen, lieb und werth,
+So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;
+Die alte Freundschaft wiederum erneuen!"
+
+Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich,
+Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;
+Sie brachte Wechsel in das stille Leben,
+Das auf dem Berge er geführt bis heut',
+Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.
+Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen.
+
+Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,
+Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.
+Ihr war, als sollt' dem Mahl sie ferne bleiben,
+Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht;
+Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,
+Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.
+
+Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,
+Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat
+Und, weil es lang gedauert bis der fertig,
+Die Gäste höflich um Verzeihung bat:
+Es sei viel Arbeit heut' in allen Ecken,
+Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken.
+
+Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,
+Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch,
+So daß die, schämig drob, die Lider senkte
+Und froh war, als die Wirthin schließlich doch
+Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;
+Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.
+
+Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen,
+Im Maul der letztern prangte frisches Grün,
+Und dazu Wein, von Badens "Goldwand" stammend,
+Verlockten bald zu einem Angriff kühn;
+Es mochte auch der weite Ritt am Morgen
+Für guten Appetit der Dreie sorgen.
+
+Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,
+Das stets vom Vogt auf's neue ward geweckt;
+Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,
+Da es sie freue, wenn's den Gästen schmeckt.
+Die Herren thaten denn auch so; indessen
+Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen.
+
+Die Redesel'ge wurde endlich müde, oder
+Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;
+Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:
+Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund,
+So abzuziehen vorhin sie versehen --
+Und nun konnt' Elsbeth auch an's Essen gehen.
+
+Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische
+Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,
+Eh' es hinaus ging in des Marktes Treiben,
+Wo heute manches einzukaufen war.
+Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,
+Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares.
+
+Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte;
+Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf.
+Bald standen sie im dichtesten Gedränge,
+Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;
+Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,
+Schon tief in Jochens Packkörben vergraben.
+
+Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl
+Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;
+Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte,
+Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär';
+Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen
+Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.
+
+Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,
+Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.
+Ohn' viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen
+Und barg es in sein dürftig Beutelein;
+Dann zog's ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,
+Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.
+
+Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken,
+Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,
+Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen
+Und drückte ihm dies flink nun in die Hand.
+Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen,
+Der Junker dafür eins der braunen Herzen.
+
+"Allüberall ist Minne, nur in der Höll' nicht drinne!"
+Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel
+Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth,
+Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel';
+Sie nahm es lachend an, worauf inmitten
+Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.
+
+Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,
+Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.
+Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,
+Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;
+Zum ersten mußte da sie Frida's denken,
+Der sie ein "hornin Noster" wollte schenken.
+
+Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle
+Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band
+Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel'gen,
+Wie es die Herrin für sie passend fand;
+Noch kam auch manches, deß' sie erst nicht dachte,
+Das, schön zur Schau gestellt, um's Geld sie brachte.
+
+Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden
+Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn,
+Als auch die Glocken schon sich hören ließen,
+Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien;
+Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören,
+Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. --
+
+Wie Viele, zog's auch unser Dreiblatt in die Kirche,
+So freundlich lag im Abendsonnenschein.
+Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange
+Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;
+Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen
+Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen.
+
+Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende
+Und ging's hinüber in der Propstei Saal,
+Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten
+Der Gäste, die geladen sind zum Mahl.
+Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer
+Der Kerzen, an des Vaters Arm in's Zimmer.
+
+Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen,
+Und machte gar verlegen sie der Wahn,
+Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,
+Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;
+Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen
+Der Vater, und Herr Kuonrad folgt' den Zweien.
+
+Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute,
+So daß er grüßend anhielt hier und dort;
+Er wechselte auch im Vorübergehen
+Mit dem und jenem wohl ein länger Wort.
+Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen,
+Dem Gutenburger und dem Wielandingen.
+
+Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln,
+Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah;
+Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,
+War mit Gemahlin und der Tochter da,
+Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,
+Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.
+
+Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,
+Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht;
+Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen
+Hätt' einer Königin zur Ehr' gereicht,
+Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.
+Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen.
+
+Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es
+Die Herren zu der wunderschönen Maid;
+Es sprachen von der "Küssaberger Blume"
+Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.
+Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,
+Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.
+
+Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange
+Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.
+Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,
+Wär' vor ihm die vielschöne Jungfrau da?
+Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen,
+Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.
+
+Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,
+Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück.
+Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,
+Die schönen Augen Elsbeths voller Glück.
+Er mußte wieder sie "traut Else" nennen,
+Eh' will sie heut' sich nicht mehr von ihm trennen.
+
+Der Ohm that's lächelnd. Dann begleitete er Beide
+Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,
+Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend;
+Der reichte gnädig eine Hand ihr dar
+Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,
+Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend.
+
+Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder
+Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;
+Der war hier fremd und harrte längst des Freundes,
+Daß er ihn vorstell', wie der Brauch es schrieb.
+Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,
+Wußt' bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.
+
+Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen,
+Zu manchem Gönner ihm verholfen schon.
+Wie immer, waren es zuerst die Damen,
+Die er gewonnen durch vornehmen Ton,
+Und war dies auch natürlich, da die Frauen
+Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.
+
+Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker
+Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein,
+Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern,
+Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,
+In welchem sie ihn fest zu halten wußte,
+Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte.
+
+That es der Zufall -- oder Fräulein Adelgunde?
+Die gern den Junker länger hielt in Haft,
+Daß sich die Freiin grade gegenüber
+Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!
+Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,
+Für's Erste stille und gar steif, gemessen.
+
+Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,
+Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,
+In süßem Vino d'Asti, so die Damen,
+Schon damals gerne tranken, kam es sacht,
+Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen;
+Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.
+
+Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste
+Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,
+Erhöhte sich der Gäste munter Wesen
+Und waltete gar bald Gemüthlichkeit,
+Die machte, daß die Alten wie die Jungen,
+Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.
+
+Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt
+Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor.
+Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,
+Im zarten Busen quoll es heiß empor;
+Doch mochte schwerlich einer dies beachten
+Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.
+
+Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater
+Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein,
+Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,
+Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;
+Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken,
+Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. --
+
+Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern
+Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,
+Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde
+Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,
+So daß im Stillen der sich schier beklagte,
+Wenn offen er's auch nicht zu zeigen wagte:
+
+Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,
+Für einen Mann, der gute Sitte kennt,
+Und sagte ihnen, mit gewählten Worten,
+Manch feines, aber höfisch Compliment,
+Das, er war sicher, drang's zu Elsbeths Ohren,
+Für sie so gut wie jeden Sinn verloren.
+
+Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,
+Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,
+Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern,
+Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn;
+Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen,
+Wollt' auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen.
+
+Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber
+Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;
+Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,
+Kam ihr die Freiin zuvor oder frug
+Just Adelgunde etwas und -- befangen,
+Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. --
+
+O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket,
+Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt?
+Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen,
+Der widerstand noch Niemand in der Welt?
+Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,
+Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.
+
+Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,
+Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;
+Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele,
+Was es bedeutet, wird Dir offenbar,
+Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen,
+Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. --
+
+Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche,
+Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,
+Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden,
+Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang
+Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,
+Wie immer bleicher worden ihre Wangen.
+
+Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,
+Blieb eine Weile still, als sänn' er nach;
+Doch that er dies, um besser sehn zu können,
+Was aus den Augen seines Lieblings sprach,
+Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,
+War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.
+
+Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: "Junker!
+Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort!
+Wie wär's, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet,
+Eh' Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?
+Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen,
+Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!"
+
+Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad
+Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,
+Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,
+Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß,
+Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen
+Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.
+
+Doch bald sprach Benno lächelnd: "Daß Ihr uns vergessen,
+Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr;
+Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,
+Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!"
+Der Junker fügte sich dem Urtheil willig
+Und that die Buße, wie es recht und billig.
+
+Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.
+Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand
+Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz,
+Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand.
+Im Nu war all' das Herzweh da vergangen. --
+Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.
+
+Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,
+Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl;
+Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen
+Mit Frag' und Antwort ohne Wahl und Qual;
+Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde,
+Hascht' klug auch dieser er das Wort vom Munde!
+
+Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln
+Für Elsbeth auszuknacken als Dessert;
+Derweilen sie dem Vater nun erzählte,
+Daß heute schon sie fast verunglückt wär',
+So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke
+Beschützte sie im letzten Augenblicke.
+
+Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde
+Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,
+Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte,
+Seit jenem Tag, als das Gewitter war;
+Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden
+Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden.
+
+Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen
+Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld
+Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde,
+Ob der an jenem Tag erwies'nen Huld;
+Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen
+Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.
+
+Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede
+Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht',
+Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,
+So thue er sich selber dies zu Noth;
+Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,
+Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken.
+
+Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden,
+Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,
+Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,
+Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.
+Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen,
+Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen.
+
+So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere
+Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn;
+Als dies geschehen, ging es hin zur "Rosen,"
+Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein.
+Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken,
+Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. --
+
+Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte
+Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.
+Wie Zauber lag es über Wald und Fluren;
+Im Wiesengrüne schimmerte der Thau,
+Tief unten floß der Rhein im klaren Bette
+Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.
+
+Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe,
+Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.
+Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen
+Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;
+Der Schloßvogt ritt, dem "Markgräfler" zu Ehren,
+Hier nie vorüber, ohne einzukehren.
+
+Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte
+Da wehrte Benno, und ging's wieder fort
+In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.
+Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;
+Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,
+Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.
+
+Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten
+Die Herrn allmälig immer schneller hin,
+Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein
+Bald jede Eile unvonnöthen schien;
+Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,
+Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. --
+
+Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;
+Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum.
+Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes,
+Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;
+Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne
+Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.
+
+In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,
+Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.
+Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern,
+Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht?
+Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,
+Welch' wonnig Träumen ihr die Lippen bindet?
+
+Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um's reden.
+Er ritt, die Zügel lässig in der Hand,
+Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen
+In einemfort der Holden zugewandt;
+Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,
+Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.
+
+Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,
+Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal
+Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte;
+Wo er dann rauher ward und dabei schmal
+Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,
+Die, nah' dem Schlosse erst, sich wieder lichten.
+
+"Erzählet etwas, Fräulein!" meinte nun der Junker,
+Als hier die Pferde wechselten den Gang,
+Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,
+Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang.
+"Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,
+Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!"
+
+"Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen
+Euch kaum genügen," gab Elsbeth zurück,
+"Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;
+Mein Wissen bildet just kein großes Stück.
+Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,
+Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!"
+
+Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red' zu geben,
+Was sie auch immer von ihm fragen sollt';
+Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben
+Ihm erst erzählen, eh' er reden wollt'.
+Da ging denn Elsbeth munter an's Erzählen;
+Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen.
+
+Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,
+Als auch die Rede auf den Vater kam.
+"Sein eigen," meinte Elsbeth, "wär' hier Alles,
+So nicht der Bischof einst das Erbe nahm
+Jetzt freilich würd' selbst dieses nicht mehr nützen,
+Es fehlt ein Sohn, der's weiter möcht' beschützen."
+
+"So ist der Vater denn der letzte Küssaberger
+Und gehet," fügte traurig sie hinzu,
+"Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern,
+Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh';
+Doch ist mir oft, als hört' mein Herz ich sagen,
+Man wird uns nennen noch in späten Tagen!"
+
+Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne
+Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.
+Er frug: "Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater
+Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? --
+Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;
+Mich würd' es schmerzen, wüßt' ich Euch in Sorgen!"
+
+"Habt vielen Dank, Herr!" lautete die Antwort Elsbeths,
+"Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt.
+Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen
+Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;
+Wir kennen nicht des Willens frei Genießen,
+Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen."
+
+"So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen.
+Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht,
+Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen
+Mein Leben Gott darbringen im Gebet;
+Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben
+Und sich und mir das Himmelreich erwerben."
+
+"In's Kloster! Ihr?" rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad
+Und riß den Rappen einen Schritt zurück.
+"Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern?
+Von selbst entsagen allem Erdenglück? --
+Könnt Ihr dies thun, so sag' ich ohne Scheuen,
+Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!"
+
+"Doch, Euch beliebt zu scherzen!" sprach er dringlich weiter,
+"In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.
+Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer
+Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft;
+Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen
+Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!"
+
+"Und dann -- was werden Eure Hör'gen dazu sagen,
+So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut',
+Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder,
+Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?
+Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten,
+So feuchte Mauern Euch gefangen halten?"
+
+"Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden,
+Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;
+Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern,
+Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;
+Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten,
+Als guter Geist zu seinen Häupten walten!"
+
+"Glaubt einem Freunde -- jener Mann ist zu beneiden,
+Dem Euer Herze nur ein wenig hold;
+Er findet seinen Himmel schon auf Erden,
+Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold.
+Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,
+Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?"
+
+Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad
+Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand
+In seine Rechte, die sie jedoch zitternd
+Im nächsten Augenblicke ihm entwand.
+'s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen,
+Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.
+
+In ihrem Herzen freilich rief's in hellem Jubel:
+"Er liebt mich!" und der frische, rothe Mund
+Möcht' freudig es in alle Lüfte jauchzen,
+Es künden laut dem ganzen Erdenrund,
+Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder:
+"Er liebt Dich und Du Sel'ge liebst ihn wieder!"
+
+Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;
+Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh,
+Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert',
+Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee,
+Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,
+Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. --
+
+Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen,
+Vereinigt mit den Schwestern im Gebet
+In stiller Klause, von der Welt geschieden,
+Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht;
+Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden
+Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.
+
+Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet,
+Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;
+In wenig Wochen war das Kräutlein Minne
+Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum.
+Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen,
+Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.
+
+Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,
+Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß.
+War dessen Quelle die Entsagung, oder
+Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß?
+Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden,
+Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? --
+
+In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe.
+Des Mondes Licht, es flutete um sie;
+In blauer Dämmerferne lag, wie Silber,
+Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie,
+Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,
+Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.
+
+Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,
+Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.
+Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern
+Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor.
+Doch, eh' sich Thor und Brücke mochten zeigen,
+Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen.
+
+Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise
+Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand
+Und blickte spähend in der Holden Antlitz,
+Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.
+Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen,
+Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen.
+
+"Ihr zaudert, Elsbeth?" klang es weich von seinen Lippen,
+"Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!
+Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,
+Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.
+Doch, daß wir Beide dieses Tages denken,
+Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!"
+
+Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein
+Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun
+Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,
+Die warm und weich in seiner Linken ruhn;
+Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten
+Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.
+
+Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,
+Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht',
+Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,
+Und hatte dran das Schaustück losgemacht.
+Es war ein Münzlein, gülden und gar selten,
+Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.
+
+"Soll ich das Ringlein werth behalten," sprach sie flüsternd,
+"So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück
+Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;
+Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück.
+Des Tages aber will ich bas gedenken
+Und billig meine Frage Euch nun schenken!"
+
+So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker,
+Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm
+Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen,
+Gedenkend der, von welcher es ihm kam.
+Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen
+Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. -- --
+
+Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert,
+Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt',
+Daß Hansli halb todt in der Halle liege,
+Von seinem Flugversuch, den er gewagt.
+Im Busch der Halde habe sie ihn funden,
+Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden.
+
+Da schien's, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,
+So rasch ging es des Schlosses Brücke zu;
+Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen
+Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.
+Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,
+Daß Hansli damit umging mal zu fliegen.
+
+Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager
+Und ordnete, was für das Knechtlein gut;
+Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen.
+Die Herrin spendete ihm also Muth
+Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer,
+Eh', selber müd, sie suchte ihre Kammer. --
+
+Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder
+Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:
+Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen,
+Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht
+Und er als Flügel nutzen wollt' beim Fliegen,
+Um Vesperzeit den Bergfried hätt' erstiegen.
+
+"Das Fliegen wär' gelungen," sprach Mechtildis weinend,
+Wenn er gewartet bis der Vogel Specht
+Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche
+Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht.
+Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen,
+Kopfüber, grad hinunter in die Tannen.
+
+Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen,
+Daß es erbarmen konnte einen Stein;
+Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,
+Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. --
+Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,
+Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Novembermonat hat die Herrschaft übernommen;
+In weiße Decken hüllt er Berg und Thal,
+Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume,
+Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl.
+Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere
+Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere.
+
+Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen,
+Herunter dort aus den Wachholderstrauch,
+Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget,
+Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;
+Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren
+Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren.
+
+Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise
+Und wundert sich, vom Schneemann überrascht,
+Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,
+An dem es gestern noch so frei genascht.
+Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen
+Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.
+
+Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,
+Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum,
+Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen,
+Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;
+Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,
+Deß' zarte Keime es gar köstlich laben.
+
+Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren
+Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt;
+Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle,
+Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt,
+Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten --
+Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten.
+
+In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.
+Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt,
+Nun zieht's ihn bergwärts zum versteckten Baue,
+Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt,
+Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen,
+Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen.
+
+Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch' und Rehe,
+Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück;
+Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte
+Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück.
+An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern
+Und fern im Osten fängt es an zu dämmern.
+
+Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,
+Als trennte nur die Breite einer Hand;
+Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten,
+In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand.
+Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen
+Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen.
+
+Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne,
+Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;
+Die wen'gen Strahlen, so sie heut' begleiten,
+Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,
+Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,
+Indeß' sie selbst noch tief am Horizonte.
+
+Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;
+Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,
+Der Wolken zart Geweb' wird mälig dichter,
+So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.
+Schon ist auch von der Sonn' nichts mehr zu sehen,
+Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.
+
+Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber
+Ein hell Halali! durch die Morgenluft,
+Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte,
+Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft;
+Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen
+Und "Waidmanns Heil!" hört man vom Bergfried johlen. --
+
+Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,
+Begleitet von des Schlosses Jägertroß,
+In's nahe Matzenthal hinüber ritten,
+Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß.
+Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute
+Der dicke Kunz der Rüden laute Meute.
+
+Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn
+Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,
+Vereinigt wollten sie am Tage pirschen
+Und dann probiren, wie der "Neu" behagt,
+Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,
+Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen.
+
+Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens.
+Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,
+Im Walde einen "Hirzen" zu bestät'gen;
+Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,
+So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten,
+Sie möchten sich für heut' auf's Jagen richten.
+
+Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen,
+Soll man sich treffen, war es abgemacht.
+Nun sind die Gäste angelangt und harren
+Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,
+Des Freundes, während Udo's Jägersegen
+Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.
+
+Und nun -- ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich's kaum glauben,
+Als auch er Adelgunden da erblickt',
+Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen,
+Erröthend ihm und fast vertraulich nickt'
+Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen
+Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.
+
+Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung,
+Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg,
+Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,
+Da Jochens "Hirz" im dichtesten Geheg
+Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen,
+Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.
+
+Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen
+Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,
+Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen,
+Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;
+Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen
+Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.
+
+Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke
+Dich tief in's Nestlein unterm lockern Schnee!
+Mit Windeseile nahen sich die Feinde,
+Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh;
+Gilt's auch dem "Achtzehnender" heut', dem Stolzen,
+Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!
+
+Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen,
+Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;
+Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!
+Wo eben noch die Stille selbst geruht.
+Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen,
+Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.
+
+In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben,
+Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht' fliehn,
+Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde,
+Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.
+Was treibt die Maid solch' kühnen Ritt zu wagen,
+Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?
+
+Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte
+Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,
+Den Pfaden folgen, die zur Seele führen,
+Dem würde darauf jetzt die Antwort kund
+Und damit auch die große Kunst gelungen,
+Von der bis heute manches Lied erklungen. --
+
+Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,
+Daß Adelgundens Kleid im Winde weht;
+Dem Junker mangelt Will' und Weil' zum Sprechen,
+Doch dafür denkt er an Elisabeth,
+Und wie auch jene immer mag beginnen,
+Er muß sich jedes Mal auf's Wort besinnen.
+
+So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen,
+Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;
+Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben
+Und fühlt' im Herzen nun ein seltsam Weh.
+Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,
+Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.
+
+Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten,
+So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;
+Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken,
+Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt.
+Die Rosse wissen's, die den Boden stampfen
+Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen.
+
+Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige
+Und schütteln von sich ab die weiße Last;
+Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze,
+Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.
+"Faß' Greif! Faß' Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!"
+Gellt's hallend durch des Waldes weit Reviere.
+
+Jetzt ras't das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,
+Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht:
+Das mächtige Geweihe tief im Nacken,
+Saust er durch's Holz, daß Zweig und Astwerk bricht.
+Kein Ruhen giebt's; bergauf, bergab geht's weiter,
+Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter.
+
+ * * *
+
+Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen,
+Da immer ferner hin sich zog die Jagd,
+Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,
+Zur Küche eilte, um dort mit der Magd,
+Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,
+Was jene rüsten sollt' zum Abendessen.
+
+Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,
+-- Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt
+Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,
+Beständig fast in ihrer Nähe weilt' --
+Und forderte die auf, sie zu begleiten
+Im Palas ein paar Betten zu bereiten.
+
+Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,
+Die dort für werthe Gäste war bereit;
+Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet,
+Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,
+Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen
+Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.
+
+Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,
+So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,
+Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten,
+Ob deren jedem schön ein Himmel blaut.
+-- An's offne Fenster, um sie durchzulüften,
+Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften.
+
+Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen,
+Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück;
+Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen,
+Schob sie behutsam wiederum zurück.
+Bald war gewählt, was passend ihr erschienen
+Und zum Beziehn der Betten mußte dienen.
+
+Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet,
+Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,
+Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte,
+Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;
+Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,
+Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. --
+
+Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte
+Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;
+Mechtildis sollte alles fertig finden,
+Wenn Abends sie die mußte überziehn.
+Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,
+Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen.
+
+Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,
+Vom Froste rosig überhaucht zu schaun;
+Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,
+Und den Kamin -- vergaßen sie beim Bau'n,
+Lag man nur erst mal zwischen all' den Kissen,
+Ließ ja der letztere sich leichtlich missen.
+
+Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster
+Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang
+Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.
+Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang;
+Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite,
+Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!
+
+Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,
+Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick
+Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,
+Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;
+Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,
+Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.
+
+Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte
+Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,
+Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;
+Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,
+Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,
+Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.
+
+Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen,
+Es schimmerte des Frohsinns holder Schein
+Um alle, die in ihrer Nähe weilten;
+Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein.
+Sie fühlte heißer es im Herzen glühen,
+Je mehr sich Aug' und Mund zu schweigen mühen. --
+
+Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,
+Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz,
+Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter
+Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts;
+Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele
+Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle.
+
+Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet,
+Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;
+Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,
+Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.
+Die Seligkeit der Liebe geht verloren,
+Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. --
+
+In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen,
+Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann
+Und war zufrieden in dem stillen Wahne,
+Es liebe wieder sie der liebe Mann;
+Ein Lächeln von ihm und ihn nah' zu wissen,
+Genügte ihr und ließ sie Alles missen.
+
+Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem
+Und tief empfundener Glückseligkeit,
+Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,
+Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit;
+Sie waltete, froh im Gefühl der Minne,
+Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.
+
+Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,
+Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt;
+Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale,
+Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt.
+Er mußte, Elsbeth's wegen, sich bezwingen,
+Ihr kalt erscheinen, nur wollt's nicht gelingen.
+
+Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume,
+Und hoffte daß sie ihm begegnen muß;
+Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,
+Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß,
+Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe
+Und wußt' ein trautes Wort er für die Gute.
+
+Bald war's ein stetes Meiden und sich wieder suchen,
+Es wußten Beide nicht, wie es geschehn,
+Daß sie, die eben in der Halle schieden,
+Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn;
+Doch hörte Keines man mit Worten sagen,
+Was ihre Blicke zu bekennen wagen.
+
+Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen
+Dazwischen öfters um den Siegespreis,
+Von Tag zu Tage aber ward er müder
+Und gönnte jenem, daß es siegte, leis'.
+Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,
+Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.
+
+Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,
+Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr;
+Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten
+Und wie nur Segen blühte um sie her.
+Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen,
+Dem zu entfliehn ihm mangelt' das Verlangen.
+
+Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder,
+Er jeden Morgen ihr "Grüß Gott!" vernahm,
+Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,
+War's sicher, daß den Weg er dorthin nahm,
+Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine
+Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine.
+
+In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele
+Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt';
+Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,
+In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.
+Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören,
+Er will nur ihr auf immer angehören!
+
+Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,
+Ihr auszuschütten sein gequältes Herz
+Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte;
+Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,
+In dem er seine Ruh' geborgen glaubte,
+Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.
+
+Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben
+Die schicklichste Gelegenheit herbei,
+Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete,
+Denn er fand in des Vogtes Bücherei
+Ein Bündlein Schriften, "Parzifal" geheißen,
+Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen.
+
+Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,
+Wenn es im Lauf des Tages mal gelang',
+Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung
+Von ihren vielen Pflichten sich errang.
+Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,
+Der Lieblichen die Minne zu gestehen.
+
+Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad
+Ans Lesen jener alten Sage gehn,
+Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,
+Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,
+Da -- lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,
+Und mußte seinen Plan er drum vertagen. --
+
+Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster
+Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.
+Sie konnte heut' nicht singen, war nicht fröhlich,
+Auf ihrer Seele lastete es bang,
+Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;
+Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.
+
+Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,
+Zermarterte indessen ihr Gehirn
+Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;
+Verlegen rieb sie aber bald die Stirn'
+Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,
+Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.
+
+Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:
+"Sag' Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?"
+Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,
+So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,
+Die längst gewohnte Antwort zu erneuern
+Und Hansli's Liebe zu ihr zu betheuern.
+
+"Das will ich bas vermeinen!" sprach sie, glutroth werdend,
+"Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,
+Und sollt' ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,
+Wenn ich mir sage, wie manch' schönes Stück
+Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,
+Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!
+
+"Bald ist's ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder
+Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut'
+In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;
+Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.
+Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne
+Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!"
+
+"Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend
+Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,
+Schier wie ein feurig Rad flog sie durch's Dunkel,
+Gehörte Hansli, und er rief drei mal, --
+Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,
+Mit lauter Stimme -- sie sei mir getrieben!"
+
+"Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,"
+-- Nun übergoß die Herrin es mit Glut --
+"Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,
+So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut
+Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,
+Gilt's Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!"
+
+"Das weiß ich!" fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,
+"Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.
+Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,
+Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; --
+Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,
+Mag man's nun hehlen, oder offen zeigen!"
+
+"Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,
+Die jeder Zeit der Treue sich befliß
+Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden,
+Ist sicher Hansli's Treue Dir gewiß!
+Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,
+Daß er nach einer anderen verlange?"
+
+"Nein, Herrin!" rief da Mechtild, "wär' dies Liebe,
+Die erst der Treue sich versehen muß?
+Ist Einer einer zugethan von Herzen,
+So sieht sie's schon am ersten Blick, am Gruß,
+Oh er's auch ehrlich mit der Treue meine,
+Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!"
+
+"Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,
+Da hat der liebe Gott es so gefügt,
+Und darum wohl zu bangen unvonnöthen,
+Daß etwan eines sich im andern trügt.
+Doch käm' es so, wie Ihr halb prophezeiet,
+So wüßt' ich Eine -- die selbst dies verzeihet!"
+
+Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen,
+Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein's Kinn,
+Und küßte ihr die Wange mit den Worten:
+"Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,
+Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben;
+Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!" --
+
+So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein.
+Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang
+Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,
+Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang
+Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe
+Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe.
+
+Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange,
+Zum Hofe ging's auf flinken Füßen fort;
+Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,
+Das früh' schon herkam aus dem nächsten Ort,
+Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger,
+Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger.
+
+Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien
+Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor,
+Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,
+Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr
+Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,
+Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.
+
+Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher
+Und löste langsam und mit leichter Hand
+Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,
+Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;
+Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,
+Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt'.
+
+"Da sitzt der Wurm im Finger," sprach sie drauf bedächtig,
+"Und darum sind die Schmerzen auch so groß.
+Die Heilung zu erreichen, ist's am besten
+Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los.
+Verweil' Dich also etwas mit dem Kinde,
+Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde."
+
+Doch eh' sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle
+Und schnitt vom Brod, das für's Gesind dort war,
+In aller Eile ein paar große Stücke;
+Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar
+Um, während Kind und Mutter daran kauen,
+Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen.
+
+Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen,
+Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.
+Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein,
+Deß' Finger mit dem Sälblein sie betupft';
+Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde
+Ein leises "Heilo, Segen!" auf die Wunde.
+
+Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden
+Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,
+Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien,
+Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt.
+Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,
+Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. --
+
+Sie selber aber ging zu Frida in die Küche
+Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit,
+Das Essen für die Gäste fertig werde,
+Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.
+Es war auch noch der Würzwein zu bereiten,
+Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten.
+
+Dann eilte wieder sie in's Palas. Hier, im Saale,
+Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,
+Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte
+Nur erst den großen Eichentisch gedeckt.
+Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,
+Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.
+
+Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging
+Und Hansli mit der neuen Meldung naht',
+Daß sich ein Spielmann eingefunden habe,
+Der für die Nacht um warmes Obdach bat;
+So man es wünsche, wolle gern er singen,
+Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.
+
+"Gewähr' ihm Herberg, Hansli," -- war der Herrin Antwort,
+"Und von dem Heurigen 'nen vollen Krug;
+Doch ja nicht mehr!" ergänzte sie mit Lachen,
+"Denn Spielleut' haben immer guten Zug.
+Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,
+Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!"
+
+Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder
+Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank
+Der Spielmann saß und des Bescheides harrte,
+Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank
+Dem Knechte folgte in die warme Halle,
+Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.
+
+"Das fahrende Gesindlein riecht's wohl schon von Weitem
+Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth;
+Gleich läßt es links die breite Straßen liegen,
+Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht.
+Am liebsten, glaub' ich, haben sie die Gassen,
+Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!"
+
+""Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben,
+Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild!
+Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!""
+Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild.
+""Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,
+Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.""
+
+"Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,
+Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein,
+Mit denen unsre Herzen sie gewinnen
+Und haben immer neue Melodei'n;
+Des Letzten Sang summt mir noch heut' in Ohren,
+Doch hab' die Worte dazu ich verloren!"
+
+Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten
+Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;
+Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel
+Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,
+Indessen Elsbeth sich der Gläser freute,
+Die für die Gäste sie erwählte heute. --
+
+Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände
+Und achtet weder Mühe noch Beschwer,
+Des Mannes Heim behaglich zu gestalten
+Und still zu wirken für des Hauses Ehr';
+Was wir im Einzelnen als unnütz hassen,
+Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. --
+
+Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller;
+Auch glättete gar sorglich ihre Hand
+Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige
+Und ebenmäßig hing der rothe Rand;
+Derweilen Mechtildis die Stühle stellte,
+Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.
+
+Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule,
+Denn Benno gab nur selten einmal frei,
+Und -- während Mechtildis noch heizen sollte,
+Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei --
+Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte,
+Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.
+
+ * * *
+
+Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,
+Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;
+Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,
+Man wartete der Gäste nun zum Mahl;
+Leis' nur, im Frau'ngemach beim Lichtspahnglimmen,
+Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.
+
+Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle
+Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind'
+Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte
+Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;
+Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,
+Nur, daß den größten Krug er jenem holte.
+
+Schanzunen, Leiche, Schwänk' und neue Trutzgesätzlein
+Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund;
+Es würd' die Kehle doch zu schnelle trocken,
+Säh man in einem fort des Kruges Grund.
+Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,
+Wär' nicht der Wein, der es hervorgezwungen.
+
+Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals
+Die Weise "von der Minne süßem Born,"
+Als er im Singen unterbrochen wurde
+Vom lauten Halali aus Jochens Horn;
+Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke
+Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. --
+
+Ein paar Minuten später war der weite Zwinger
+Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,
+Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen,
+Zu dem die Meute die Begleitung bellt';
+Derweil die Hörigen die Beute brachten,
+So heut' der Vogt und seine Gäste machten.
+
+Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke,
+Für Alt und Jung beliebte Augenweid',
+Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen
+Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid.
+Der Achtzehnender freilich war entkommen,
+Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.
+
+Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen.
+Nun lag das schöne Thier dahingestreckt
+Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen
+Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt
+Vom nahgekommenen Geläut der Meute,
+Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.
+
+Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste,
+Von Hansli angeführt, der leuchten muß,
+Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth
+Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß.
+Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder,
+Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder.
+
+Als einz'gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare
+Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,
+Das zu den goldnen Locken auf der Stirne
+Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand.
+Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken
+Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.
+
+Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte
+Die Tochter heute festlich sich geschmückt;
+Auf ihren Zügen aber lag's wie Trauer
+Und ihre Seele fühlte sich bedrückt,
+Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,
+Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle.
+
+Da näherten sich Schritte; man hört' lachen, sprechen
+Im Gange draußen, so zum Saale führt.
+"Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?"
+Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt;
+Denn solchen Gastes dacht' sie nicht beim Decken,
+Mocht' auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.
+
+Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,
+Gelassen grüßend, während jene lacht',
+Daß, obwohl unerwartet hergekommen,
+Sie doch um Herberg bitte für die Nacht;
+Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,
+Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte.
+
+Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen
+Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,
+Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen
+Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.
+Ihm war die frohe Laune wieder kommen,
+Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen.
+
+Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale
+Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein;
+Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln
+und duftete gar fein nach Nägelein,
+Die sie zum Trunk als gute Würze mischte,
+So daß die Müden er von Grund erfrischte.
+
+Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,
+So ihnen der entkomm'ne Hirsch gemacht.
+Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser
+Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht,
+Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen,
+Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen.
+
+Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,
+Belegte sie dann für den schönen Gast
+Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,
+Mit Glas und Teller, wie's dem Fräulein paßt;
+Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,
+Daß für die Gäste schon sie aufgetragen.
+
+Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände,
+Eh' sie die Gäste hin zum Tische bat,
+Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,
+Den rings umkränzte köstlicher Salat.
+Nun ließen diese sich nicht lange bitten,
+Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten.
+
+Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,
+Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt'.
+Den letzten Wegtrost sollt' er diesem spenden
+Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.
+Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen,
+Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.
+
+Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich's läßt schmecken,
+Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;
+Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen,
+Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;
+Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen
+Und blieb der Heurige nicht unvergessen.
+
+Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte
+Als Sauser über Alt und Jung Gewalt;
+Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge,
+Froh prüfend seinen geistigen Gehalt.
+Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben,
+Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.
+
+Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein
+Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.
+Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,
+Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,
+Die sie den werthen Gästen heute wagen,
+In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen.
+
+Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,
+Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß,
+Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken
+Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.
+Ein "Heilo ihnen!" scholl aus aller Munde,
+Derweil die Gläser klangen in der Runde;
+
+Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann,
+Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt,
+Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker,
+Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt
+Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,
+Den Dank für's schöne Sprüchlein zu empfangen.
+
+Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,
+Und nun verschwand schnell die Befangenheit,
+So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,
+Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;
+Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen,
+Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen.
+
+Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein
+Dem grünen Wald und wackerem Gejaid,
+Daß froh die Herren nach dem Glase griffen,
+Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;
+Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,
+Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen.
+
+Er und der alte Wasserstelz, sie überboten
+Einander oft in spaßigem Latein,
+Drin' wohl bewandert Sankt Huberti Jünger;
+Wir andern fabeln lange nicht so -- fein.
+Bald wurde manches Stücklein aufgetischet
+Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. --
+
+Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,
+Wie dies bei jungen Herren immer geht,
+Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen
+Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;
+Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,
+Zu netzen sich die blühend rothen Lippen.
+
+In üppig-voller Reife prangte Adelgunde
+Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt;
+Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,
+In schöner Rundung wölbte sich die Brust,
+Die Sammetwangen sah man rosig blühen,
+Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen.
+
+Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet,
+Glich einer Blume, der im Kelch der Thau
+Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern
+Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau.
+Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen
+Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. --
+
+Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, --
+Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, --
+Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen
+Und hielt im Athem sie in Einem fort.
+Ging auch die Rede oft an Adelgunden,
+Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden.
+
+Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten;
+Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,
+Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,
+Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;
+Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,
+Ihr war's, als ob die Blicke sich umflorten.
+
+Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören,
+Als solches Lob; das hätt' sie ihm geschenkt,
+Der ihr heut' selten mal ein Wörtlein gönnte,
+Auf was sie immer auch die Rede lenkt'.
+Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,
+Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?
+
+Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,
+Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,
+So rückte Adelgunde zu den Herren;
+Doch hielt sie dabei Aug' und Ohren wach,
+Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,
+Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. --
+
+Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,
+Nach deren Formel zweimal jedes Jahr
+Geurtelt ward von Rheinheims "Kellerrichter;"
+"Es lauten diese freilich ganz und gar
+Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern
+Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern."
+
+"Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen
+Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,
+Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme
+Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;
+Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,
+Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen."
+
+"Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,
+Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß
+Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,
+Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,
+Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte
+Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte."
+
+"Nur ist's nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,"
+Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,
+"Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,
+Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:
+So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten --
+Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten."
+
+"Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet
+Begegnet jüngst auf seinem Weg durch's Thal
+Am Wege etlich meisterlosen Buben,
+'s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.
+""Giebt's nichts zu handeln?"" ist des Juden Frage,
+Derweil er zu den Chnaben trat am Hage."
+
+""'s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,
+Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...""
+""Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,
+Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?""
+"So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,
+Die schon den Juden in der Mitte haben."
+
+""Hätt' er 'nen Stuhl gehabt, wär' er gesessen!"""lautet
+Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.
+Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,
+Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;
+Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,
+Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen."
+
+"Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten
+Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;
+Die Buben werden dringlicher im Fragen,
+Es regnet Schläge hageldicht herab.
+Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,
+Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen."
+
+"Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt' sich's,
+Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.
+Wie den die Buben sehen, geht's an's Laufen
+Und ist natürlich nun die Straße leer,
+Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen
+Dem Vogte zeigte die erhalt'nen Beulen."
+
+"Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,
+Begleitet er ihn endlich hier herauf.
+Daß ich die Argen strenge büßen möge,
+Erzählte selbst der Jud' mir den Verlauf
+Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken
+Ihn hindere, geziemend sich zu bücken." --
+
+"Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen,
+Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!
+Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,
+Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!..."
+Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig
+Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.
+
+Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte,
+Fuhr desto frischer er zu reden fort:
+"Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,
+Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort,
+Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen,
+Von wem und wie die Unbill ihm geschehen."
+
+"Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten
+Und spricht: ""Gesehen hab ich nichts; ich fand,
+Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen,
+Den Juden ganz allein am Wegesrand.
+Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen,
+Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!""
+
+"Jetzt heult der Jud' erst recht und lamentirt so gräulich,
+Daß es noch heut' in meinen Ohren gellt;
+In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,
+Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,
+Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen,
+Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen."
+
+"Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte
+Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam."
+-- Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild
+'ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm
+Und artig sie dem Fräulein präsentirte,
+Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. --
+
+"Natürlich ist's nun aus; ich heiße Beide schweigen
+Und sag' dem Juden, daß er Jemand nennt,
+Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet,
+Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;
+Da er's nicht konnte, wies ich ihm die Thüre
+Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe."
+
+"Zufrieden seh' ich, wie sie miteinander gehen;
+Da, -- sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,
+War's uns, als ob wir kräftig klatschen hörten,
+Begleitet von des Juden Weh und Ach!
+Und wie ich Else folge, nachzusehen,
+Thät der, von neuem heulend, draußen stehen."
+
+"Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen,
+Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.
+Der Jude dauert' uns, ich trat zum Fenster
+Und ruf' dem Bauer nach, der, schon im Trab,
+Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke,
+Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke."
+
+"Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,
+Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort?
+Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,
+Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:
+""Der Jud' soll Zeugen schaffen, die es sahen,
+Daß er von mir die Streiche hab' empfahen!""
+
+"Schier überrascht, will eben ich's dem Schelm verweisen,
+Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht
+Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt' er einen
+In Kostnitz oben, der spräch' sicher Recht.
+Nun war's genug! -- Ich konnt' mich kaum noch halten,
+Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!"
+
+"Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden,
+"Wir haben ja hier oben auch ein Loch,
+Drin' Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;
+Thut's dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!
+Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,
+Eh' dort die Ratten Euch am Felle nagen!"
+
+"Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen.
+Ich übergab die Streitenden dem Knecht
+Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,
+Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. --
+Am nächsten Morgen saßen Beid' in Frieden
+Und waren gute Freunde, als sie schieden..."
+
+Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,
+Aus aller Munde durch den weiten Saal,
+Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte
+Und, als der nahgekommen, ihm befahl,
+Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,
+Da er noch Durst verspür' nach Rebensegen.
+
+In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen
+Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,
+Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten,
+Die er gar launig zu erzählen weiß;
+Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,
+Der "Neue" immer mehr und mehr zu Ehren.
+
+Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,
+Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt,
+Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte,
+Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.
+Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen
+Den fremden Sänger in den Saal zu holen. --
+
+Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer
+Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht'.
+Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren,
+Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;
+Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue
+Und that, als ob die Einladung ihn freue.
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen,
+Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt
+Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,
+Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;
+Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,
+Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!
+
+So manches Tränklein aus des Apothekers Küche,
+Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,
+Verweiltest öfters du bei frohen Menschen
+Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;
+Denn wo in Freude hell die Augen glänzen,
+Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen.
+
+Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest,
+Mit denen du dich sonst so gern vergnügt,
+Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,
+Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt.
+Versäume nie, mit Frohen dich zu einen,
+Doch hab' auch Thränen, siehst das Leid du weinen. -- --
+
+ * * *
+
+In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute,
+Trat, grüßend, bald der Spielmann in's Gemach. --
+"He, Vöglein federleicht! woher des Weges?
+Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?..."
+Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen,
+Doch war der Fremde darob nicht verlegen.
+
+Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,
+Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:
+"Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,
+Ich fragte auch nie sonderlich darnach.
+Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen,
+Kann ich auch nicht die Alten benedeien!"
+
+"So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen,
+Von wo ich komm', doch nicht, wohin ich will;
+Da könnt' der Wind Euch besser Antwort geben!"
+Und nun der Spielmann sah, daß alles still
+Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,
+Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. --
+
+"Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt' flattern,
+Sucht' ich die Atzung auf gar manche Art.
+Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel
+In seiner Weisheit 's Hungern nicht erspart,
+Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste,
+Wie es dem armen Piepmatz grade paßte."
+
+"Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden,
+That ich in's Land hinaus den ersten Flug;
+Auf schwankem Zweiglein hab' ich oft gesessen,
+Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.
+Am Tag ging's lustig fort von Baum zu Baume,
+Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume."
+
+"Beim ersten Morgengraun stieg ich in's Blau der Lüfte,
+Es grüßte froh die Sonne mein Gesang.
+Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern,
+Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.
+Da nahm ein jähes End' das Jubilirens,
+Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren."
+
+"Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten,
+Und lud mich da für Winter lang zu Gast.
+Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen,
+Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt';
+Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,
+So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen."
+
+"Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben,
+Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst;
+Ich aber lernte gern und ließ mich meistern,
+Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst.
+Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,
+Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore."
+
+"Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten,
+Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee,
+Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,
+Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh.
+Des Klosters Futter wollt' nicht mehr behagen,
+Zwar hatt' ich Ursach' nicht, mich zu beklagen."
+
+"Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich,
+Riß mich dahin; ich konnt' der Wolken Zug
+Ob meinen Häupten stundenlang betrachten
+Und sie beneiden um den freien Flug,
+Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,
+Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen."
+
+"Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,
+Der heil'ge Joseph ist mein Schutzpatron,
+Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen
+Und heimlich aus dem Käfig flog davon.
+Im Freien konnt' ich nun die Glieder dehnen,
+Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen."
+
+"Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.
+Willkommen! Sag', wo bliebst Du denn so lang?
+So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen
+Und jubelnd stimmt' ich ein in ihren Sang;
+Der Dompfaff sang die Mess' am Morgen frühe,
+Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe."
+
+"In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,
+Die Bächlein murmelten, es blitzt' der See;
+Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein,
+Aus zartgewebtem, duft'gem Blüthenschnee,
+Und lustig Lebens gab's auf allen Zweigen!
+Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen."
+
+Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen
+Trug mich der Füße unermüdlich Paar;
+Allüberall empfing mich lauter Jubel
+Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.
+Vergessen war das Hungern, war das Frieren,
+Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren."
+
+"Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen,
+Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast;
+Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager,
+Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt;
+Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen,
+Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen."
+
+"Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,
+Und ging dies so durch manche Woche hin;
+Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden,
+Auf das ich lange stolz gewesen bin,
+Als ich, es war an einem Sonntag eben,
+Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt' erleben."
+
+"Mit viel Gesellen hatt' auch ich den Zug genommen
+Durch's Baierland in's schöne Oesterreich.
+Der Atzung gab's genug auf solcher Reise
+Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;
+Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,
+Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!"
+
+"Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein,
+Wo man uns Herberg wies im "güldnen Kranz;"
+Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,
+Drauf fiedelten die andern einen Tanz,
+Und, eh' wir uns recht umsahn, war die Stuben
+Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben."
+
+"Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,
+Die einen wollten Sang, die andern Tanz;
+Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe,
+Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, --
+Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise,
+Ihm doch zu singen eine schöne Weise."
+
+"Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen
+Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;
+Vom Herzen lösten sich die Melodeien,
+Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,
+Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;
+Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen."
+
+"Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber
+Und änderte die Weise und das Lied;
+In süßen Tönen fing ich an zu locken,
+Wie es die Vöglein draußen thun im Ried,
+Den Blick konnt' ich dabei nicht von ihr wenden,
+Da ihre dunklen Augen schier mich blenden."
+
+"Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,
+War auch der Zähren letzte Spur davon;
+Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,
+Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn.
+Des Mägdleins Beifall wollt' ich mir erringen
+Und hätt' ich müssen Tag und Nacht durch singen."
+
+"Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen;
+Gar wenig scheerte mich der andern Lob.
+Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben,
+So oft den schönen Blick sie zu mir hob,
+Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,
+Hatt' ich mich tief der Maid in's Herz gesungen."
+
+"Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten
+Und sich die andern drehn in frohem Muth,
+Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend,
+Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;
+Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,
+Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne."
+
+"Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,
+Die Feine wiegte sich in meinem Arm;
+Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,
+Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm.
+Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,
+Errathen hab' ich's, ohne viel zu fragen!"
+
+"Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen,
+Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.
+Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,
+Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;
+Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken
+Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!"
+
+"Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!
+Als spät und doch zu früh das Scheiden kam,
+Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen
+Und war in Thränen, da sie Abschied nahm;
+Dann huschte sie in's Haus, durch einen Garten.
+Ich wußt' nicht, sollt' ich gehen oder warten."
+
+"Doch ging es eine Weile, eh' ich mich konnt' trennen
+Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück.
+Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen,
+Und langsam suchte ich den Weg zurück,
+Verfehlte aber bald die rechte Gasse;
+Denn es war dunkel, wie in einem Fasse."
+
+"Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,
+So mich zurück zur Herberg führen thät,
+Schritt ich die Häuserreihen still vorüber,
+Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät;
+War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!
+Nur ferne Blitze und des Donners Rollen."
+
+"Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen,
+Da brach das Wetter los mit aller Macht;
+Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen,
+So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,
+Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,
+Ein Heil'genbild in einer Nischen winken."
+
+"In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen,
+War doch die Nische selbst noch unter Dach;
+Gelassen sucht' ich ein behaglich Plätzchen
+Und sann zufrieden meinem Glücke nach,
+Derweil die Blitze grell den Himmel sengten
+Und schwere Wolken überm Städtlein drängten."
+
+"Bald träumte ich gar süß von einem sel'gen Leben,
+Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.
+Mein fahrend Dasein hatt' ich aufgegeben,
+Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;
+In welchem thät als Hausfrau lieblich walten,
+Das Mägdlein, so ich heut' im Arm gehalten."
+
+"Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser,
+Die Fenster klirrten, da und dort ward's hell,
+Auch eine Wetterglocke hört' ich läuten;
+Die Donnerschläge folgten sich gar schnell.
+Mich aber kümmerte kein Blitzezucken,
+Durft' unter gutem Schirme mich ja ducken!"
+
+"Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.
+Herunter auf des Städtleins Giebelreihn,
+Von unheimlichem Knattern arg begleitet;
+Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,
+Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet,
+Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!"
+
+"Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,
+Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;
+Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,
+Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,
+Indeß am Himmel eine Feuergarbe
+Auf Meilen leuchtete in rother Farbe."
+
+"Jetzt lockt' auch mich der Böse aus dem sichern Winkel!
+Ich ließ den guten Heiligen im Stich
+Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger,
+Zur Löscharbeit fast außer Athem mich;
+War freilich unnütz, daß ich also rannte,
+Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!" --
+
+""Thu' einen Schluck, Gesell, und dann bericht' uns weiter,""
+Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz.
+Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,
+Und leerte ihn, mit einem "Gott vergelts!"
+Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,
+Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge.
+
+"Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,
+Fuhr drauf er fort: "So flog ich denn dahin,
+Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,
+Daß fast der Erste ich beim Feuer bin.
+Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen,
+Die Flamme leckte schon an allen Wänden."
+
+Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,
+Packt meinen Nacken eine grobe Faust
+Und hör' ich schreien: "Heda, greift den Strolchen!"
+Indeß ein Schlag auf mich herunter saust,
+Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,
+Daß mir das Feuer aus den Augen leckte."
+
+"Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!" hörte
+Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;
+Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung,
+Die erst mir wieder ward im Büttelhaus.
+Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,
+Wie's schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!"
+
+"Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter,
+Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;
+Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,
+Ward ihm vom Herbergsvater eh' gesagt.
+Dir winkt das Dreibein, dacht' ich, bist verloren,
+Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!"
+
+"Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter
+Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.
+Daß ich im Dunkel abends mich verirrte,
+Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,
+Und auch der Heil'ge mich beschirmet hätte,
+Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte."
+
+"Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause
+Mocht' nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.
+Der Richter jedoch nannt' es eitel Lügen,
+Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;
+Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,
+Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen."
+
+"So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen,
+Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,
+Des fremden Vogels Federlein zu rupfen
+Und ihn zu rösten bei lebend'gem Leib.
+Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,
+Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer."
+
+"Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.
+Die Teufel steigerten mir Grad für Grad
+Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!
+Und grinsten höhnisch: "Bist noch gut für's Rad!"
+Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen,
+Daß zischend tief in's Fleisch die Eisen griffen."
+
+"Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten,
+Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,
+Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,
+Und was ich wiederholte fort und fort:
+Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen,
+Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen."
+
+"Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,
+Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,
+Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen,
+Würd' etwas lockern ich der Zungen Band
+Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen
+Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen."
+
+"Doch lieber hätt' ich mir die Zunge abgebissen,
+Eh' ich die Holde meinethalb verrieth.
+Ich schwieg also und ließ mich weiter martern,
+Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.
+Bist hin! dacht' ich, und hast nur zu errathen,
+Ob sie dich hängen werden oder braten!"
+
+"Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse,
+Da hielten sie mit Foltern endlich ein
+Und gaben etwas Ruh' dem armen Körper,
+Sich zu erholen von der schweren Pein;
+Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte,
+Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte."
+
+"Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche
+Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin,
+Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend:
+Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,
+Das mir mein traurig Dasein aufgebunden
+So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!"
+
+"Doch während solchem Harren heilten meine Wunden;
+Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;
+Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen,
+Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm.
+In trautem Plaudern kos'ten wir zusammen,
+Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!"
+
+"Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer
+Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum,
+Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos'te.
+Entsetzen packte mich im Kerkerraum;
+Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände
+Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende."
+
+"Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,
+Verglichen mit der Folter argem Schmerz,
+In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette,
+Die Kraft versuchend an dem harten Erz;
+Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen,
+Als daß ich, wach nun, davon konnt' genesen."
+
+"So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens
+Erschlossen ward die Thüre und parat
+Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,
+Die mich begleiten mußten vor den Rath.
+Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.
+Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen."
+
+"Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln
+Und sahen finster blickend auf mich her;
+Der Wasenmeister mußte rückwärts treten,
+Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer.
+Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;
+Ich mußte ihnen nochmals alles sagen."
+
+"Geduldig gab ich Red' und Antwort ihren Fragen,
+Erzählte alles wahr und unverwandt;
+Die Herren aber machten strenge Mienen,
+Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.
+Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen
+Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!"
+
+"Nun flogen Red' und Widerrede hin und wieder,
+Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;
+Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig,
+Da trat ein altes Männlein langsam vor.
+Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,
+Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig."
+
+"Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,
+Die tief versenkt im faltigen Gesicht;
+Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,
+Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.
+Ich aber konnt' den Blick nicht von ihm trennen,
+Mir war, als sollt' ich diese Augen kennen."
+
+""Wollt nicht aburteln,"" kam es aus des Männleins Munde,
+""Eh' Ihr zuvor auch mich gela'n.
+In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster
+Des Wetters Toben lange Zeit mit an;
+Die Erde zitterte in ihren Gründen
+Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.""
+
+""Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten
+Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht.
+Ich fordre also Namens seiner Zeugen,
+Ihm zu beweisen, eh' den Stab man bricht,
+Daß er es war, wie uns die Klage kündet,
+Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.""
+
+""Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen;
+Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,
+Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen,
+Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.
+Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,
+Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!""
+
+""So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,
+So weit noch Christenglocke tönt im Reich,
+So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen,
+So weit wir alle vor dem Herre gleich,
+So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,
+Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.""
+
+""Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,
+So ist's, nach altem Brauche, Richters Pflicht,
+Beweise von dem Kläger einzufordern,
+Eh' man ein Urtel dem Verklagten spricht --
+Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:
+Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!""
+
+""Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem
+Die Männer wir besiebnet, daß man hört,
+Was jene wissen und ob jeder willig,
+Die Aussage mit seinem Eid beschwört;
+Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen
+Und -- trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!""
+
+"Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne;
+Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.
+Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder,
+Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr
+Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten,
+Im Rathe unverkürzt willfahren wollten."
+
+"Doch mocht' des Alten Wort im Rathe Geltung haben;
+Es dauerte nicht lange, ward erklärt
+Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte,
+Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt,
+Und seien jene eidlich zu verhören;
+Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören."
+
+"Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß;
+Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.
+Es waren vier', die in die Schranken traten,
+Doch ihre Namen ich schon lang verlor;
+Nur Einen kannt' ich an den Fäusten wieder,
+Die mich beim Brande damals schlugen nieder."
+
+"Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte
+Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund
+Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;
+Gott sehe jedem Herzen auf den Grund
+Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten
+Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!"
+
+"So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht's nicht besser,
+Der auf der Kanzel seine Predigt thut.
+Mir war dabei, als spräch' aus seinen Worten
+Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,
+Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,
+Fühlt' ich's wie Trost in meinem Mißgeschicke."
+
+"Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber
+Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.
+Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,
+Der ersten einen, mich am Unglücksort,
+Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,
+Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte."
+
+"Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette
+Und hob die Hand beschwörend hoch empor,
+Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,
+Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,
+Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,
+Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte."
+
+"Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;
+Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.
+Vergeblich, dacht' ich, ist des Einen Kämpfen,
+Wenn um ihn jeder sein Verderben will.
+Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,
+Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!"
+
+"Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd' Gesindel
+Zu Allem fähig, habe der Verdacht,
+Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,
+Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.
+Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen --
+Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen."
+
+"Die andern drei bestätigten des ersten Rede,
+Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.
+Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;
+Ich glaub' die Augen zeigten Wassers Spur.
+In allen Gliedern fühlt' ich frisches Leben,
+Hätt' schier den Männern einen Kuß gegeben!"
+
+"Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!
+Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.
+Sein blödes Aug' die Pfade nie erschauet,
+So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!
+Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,
+Daß ich am liebsten in den Tod gegangen."
+
+"Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,
+Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,
+Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;
+Ich hob mich kühnlich über's offne Grab.
+Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,
+Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!"
+
+"Doch, eh's zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,
+Denn als die Viere ihren Spruch gethan,
+Ward lange hin und her im Rath verhandelt, --
+Ob sie den Vogel dürften fliegen la'n.
+Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,
+Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig."
+
+"Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher
+Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn,
+Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten
+Für solchen Strolches Unterhalt entstehn;
+Nur sollten vorher sie mich schwören lassen,
+Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen."
+
+"Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden,
+Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund
+Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen
+Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund',
+So sollte man auch hier nach Recht verfahren,
+Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!"
+
+"Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille;
+Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob
+Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.
+Wie Nebel war's, was meinen Blick umwob,
+Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,
+Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten."
+
+"Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen,
+Hielt aufrecht mich indessen drauß' im Flur,
+Und immer stärker kam mir der Gedanke:
+Sie werden los mich geben mit dem Schwur,
+Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;
+Was ich geschworen hätt' mit tausend Eiden."
+
+"Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten
+Noch manchen Puff, weil's nicht zum Galgen ging,
+An den sie mich so gern gehangen hätten;
+Doch achtete ich solches nur gering;
+Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,
+Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern."
+
+"Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;
+Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal
+Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden;
+Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.
+Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,
+Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!"
+
+"Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen,
+Ein Büttel rief den Wasenmeister an,
+Mich wiederum dem Rathe vorzuführen;
+Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.
+Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,
+Trat leichtern Sinn's ich dies Mal vor die Schranken."
+
+"Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber,
+Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht
+Und feierlichem Ton begann zu lesen;
+Doch was er las, verstand ich leider nicht,
+Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen
+Sei Deliquent das Urtel zu verkünden."
+
+""Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte
+Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,
+Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,
+Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, --
+Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,
+Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.""
+
+"Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;
+Man forderte dafür noch meinen Dank,
+Weil mich der Rath so gnädig angesehen,
+Daß morgen schon ich würde frei und frank.
+Mein leiser Fluch mocht' ihnen dafür gelten,
+Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten."
+
+"Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,
+Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,
+Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;
+In wildem Fieber hab' ich sie durchwacht,
+Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,
+Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte." --
+
+"Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;
+Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.
+Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,
+Ob man sich auch von Gott verlassen meint.
+So sprech' ich jetzo, alt und viel erfahren;
+Doch damals war ich -- noch zu jung an Jahren!" --
+
+"Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,
+Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,
+Und mir der Freimann guten Morgen wünschte
+Inmitten seiner groben Knechte Chor;
+Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen
+Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen."
+
+"Gar stolz hob ich den Kopf, als ob's zum Tanze ginge,
+Als folgt' der Freimann mir, nicht ich, am Strick;
+Doch schlug mir's Herz, es möchte aus der Menge
+Am End' mich treffen jenes Mägdleins Blick,
+Um das ich manchen Tag so schwer gelitten --
+Ging's nur, ich wäre schneller ausgeschritten."
+
+"Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte
+Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth
+Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,
+Denn mein Gewissen war ja rein und gut;
+Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,
+War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten."
+
+"Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann
+Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt',
+Da zuckt' ich kaum, so daß der Henker wüthend
+Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt'
+Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:
+Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!"
+
+"Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,
+Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,
+Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten
+Und mir die Menge folgte mit Geschrei.
+Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,
+Gezeichnet kreuz und quer mit blut'gen Schrammen."
+
+"Auf flinken Füßen ging's die schmalen Gassen nieder,
+Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,
+Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,
+Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.
+Ein Fenster war verhängt und drauß' der Blumengarten,
+Stand welk, als müßte er auf Pflege warten."
+
+"Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,
+Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.
+Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,
+Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. --
+Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,
+Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!"
+
+"Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,
+Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! --
+Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen
+Und zog dahin im hellen Sonnenschein,
+Bis endlich ich den grünen Wald erreichte
+Und müd' in's Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!"
+
+""Letz' Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!""
+Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in's Wort,
+""So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,
+Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;
+Manch einer hätt' das Mägdlein angegeben,
+Eh' halb so viele Pein er mocht' erleben!""
+
+Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,
+So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;
+Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal,
+Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht
+Und ging sie flink daran, mit eignen Händen
+Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden.
+
+Der Spielmann ließ sich's schmecken; unterdessen aber
+Ward leis am Tische ein Gespräch geführt,
+In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte,
+Weil deß' Erzählung sie gar tief gerührt;
+Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,
+Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute.
+
+Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig
+Und bat von neuem nun den Vogt um's Wort;
+Doch schien's, als ob der Zweifel leis ihn kränkte,
+Denn also spann er die Erzählung fort:
+"Würd' meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,
+So glaubt' ich selbst manchmal zu fabuliren!"
+
+"Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!
+Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär,
+Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,
+Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär.
+Doch, mit Vergunst! Glaub' nicht, Ihr werdet schmählen,
+Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen."
+
+"Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen;
+Verwichen Leid und Freud' mit lautem Wort
+Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre,
+Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.
+Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern,
+Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern."
+
+"Wie schon erzählt, hatt' ich den Schritt zum Wald gerichtet;
+Dort warf ich mich todmüde in das Gras.
+Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,
+Ging lange es, eh' ich des Schlafs genas;
+Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:
+Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer."
+
+"Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,
+Als es mich dünkte, eine zarte Hand
+Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen;
+Es war so angenehm, was ich empfand,
+Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen,
+Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen."
+
+"Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger
+Mir glätteten das wirr zerzauste Haar,
+Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne
+Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.
+Ich konnt' mich kaum noch halten vor Entzücken;
+Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken."
+
+"So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,
+Indeß' der Schlaf sich mälig ganz verlor,
+Als es auf einmal meinen Namen hauchte
+Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr;
+Wie warmer Odem streift es meine Wangen:
+Das war kein Traum, was mich so hold umfangen."
+
+"Nun thät es nichts mehr batten, mußt' die Augen öffnen.
+Und was ersah ich? Meine traute Maid,
+Sie knie'te dicht zur Seite mir im Grase;
+Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.
+Von meines Glückes Uebermaß bezwungen,
+Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!"
+
+"Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren
+Ob ihrer Liebe, die so heldengroß
+Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,
+Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß,
+Um stets auf's neu', in seligem Vergessen,
+Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen."
+
+"So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse,
+Versenkte sich erglühend Blick in Blick;
+Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,
+Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick.
+Wie konnt' ich süßer lohnen denn die Schmerzen
+Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?"
+
+"Doch wer vermöcht' die Seligkeit mir nachzufühlen,
+So ich empfand an meines Mägdleins Brust?
+Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden
+In ihrem Paradiese um die Lust,
+Die reine Herzen an einander finden,
+Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!"
+
+"Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen
+Und frug mich ängstlich: ""Joseph, kannst Du gehn?""
+Es strich die Hand dabei durch meine Locken,
+Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn.
+Mir aber kam nun die Erinn'rung wieder,
+Und traurig wies ich auf die wunden Glieder."
+
+"Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite
+Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras;
+'s war bald geöffnet und ich schaute staunend,
+Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.
+Das letztre füllte sie und ließ mich nippen;
+Es war gleich Balsam für die heißen Lippen."
+
+"Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser
+Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.
+Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,
+So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht,
+Und wäre Wochen lang gern krank gelegen,
+Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen."
+
+"Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein,
+Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie's schmeckt';
+Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,
+Daß heute früh sie sich im Wald versteckt,
+Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,
+Bis mich ihr Blick von Weitem konnt' erspähen."
+
+"Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte,
+Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,
+Dem sanften Schlummer gern mich überlassend,
+So lange meine Sicherheit dies litt.
+Nun aber mahne dringend sie zur Eile,
+Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile."
+
+"Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber,
+Wie nah' die Sonne schon dem Niedergehn;
+Doch zugleich schaute ich auch reisefertig
+Die Traute selber mir zur Seite stehn.
+Hei! sprang ich Euch empor und ihr an's Herze,
+Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!"
+
+"Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse,
+Und machte sich aus meinen Armen frei,
+Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;
+Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,
+Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,
+So sei es sicher, daß sie doch mich hingen."
+
+"Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,
+Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt',
+Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal
+Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt;
+Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,
+Als sie im Leben fortan nun zu meiden."
+
+"Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,
+Bekannte traurig sie in leisem Wort,
+Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme,
+Und sie mir folgen müßt' von Ort zu Ort;
+Was noch sie flüsterte, mocht' kaum ich fassen,
+Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen."
+
+"In langem Kusse wollte ich's der Lieben lohnen,
+Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht
+Und drängte wieder, endlich aufzubrechen,
+Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht.
+""Der Vollmond,"" schloß sie, ""kommt zu guten Zeiten,
+So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.""
+
+"Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,
+Schlug um das Bündlein sie ein festes Band
+Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend,
+Zum Gehen fertig, in der linken Hand;
+Derweil sie mit der Rechten mich wollt' stützen,
+Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen." --
+
+"Hätt' nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte,
+Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.
+Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,
+Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut,
+Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken,
+Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!" --
+
+"Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel,
+Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.
+Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,
+Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht;
+Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,
+Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte."
+
+"Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen,
+Die nun erzählte, wie sie fleht' und bat
+Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein,
+So für mich Zeugen forderte vorm Rath,
+Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,
+Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen."
+
+"Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause
+Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;
+Doch solcher Bitte wollt' er nicht willfahren,
+Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.
+Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert,
+Was Abends es am Brunnen hätt' ergattert."
+
+"Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder
+Und beichtete, indem sie ihm gestand,
+Daß ich es war, der sie nach Hause führte
+Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand;
+Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,
+Auch ziemlich fern der "güldne Kranz" gelegen."
+
+"Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;
+Er sah die Schande, die das Kind bedroht,
+Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,
+Daß einem Fahrenden den Arm es bot.
+Mit harten Worten schalt er da die Arme,
+So schier verging in bitterschwerem Harme."
+
+"Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,
+Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,
+Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,
+Wenn mein Prozeß im Rathe würd' geführt.
+Ob mir es nütze, konnt' er nicht versprechen,
+Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen."
+
+"Den Leichtsinn aber sollt' die Arme strenge büßen;
+Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,
+Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,
+Die einsam hauste in dem nächsten Ort,
+Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,
+Bis nach dem Urtel wollt' er nicht sie sehen."
+
+"So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,
+Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt',
+Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;
+Hätt' wohl damit ein Süpplein eingebrockt,
+Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,
+Da seine Sippe sich in Ehren sonnte."
+
+"Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,
+That's freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,
+Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;
+Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,
+Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,
+Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse."
+
+"Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,
+Und man im Rathe ihm zu Willen war;
+Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher
+Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,
+Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,
+Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte."
+
+"Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,
+Als er den Burgern rieth, wie's anzufah'n,
+Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,
+Wenn auch das Leben sie mir mußten la'n;
+Denn während er im Rathhaussaal gesessen,
+Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen."
+
+"Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,
+Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.
+Ich war vor ihren Augen rein geblieben --
+Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;
+Sie dachte seufzend meiner all' die Wochen,
+Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen."
+
+"Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden
+Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, --
+Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,
+Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,
+Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,
+Daß ich im Elende nicht ganz verlassen."
+
+"Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,
+Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn
+In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,
+So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn' --
+Und leis' bekannte sie mir so im Gehen,
+Sie hätte auch sich dessen vorgesehen."
+
+"So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,
+Indessen still ich ihren Worten lauscht';
+Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten,
+Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.
+Es war noch früh, fing eben an zu dämmern;
+Im Walde hörten wir die Spechte hämmern."
+
+"In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,
+Der schöner war und freundlicher gelacht
+Hatt' mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;
+Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,
+Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,
+Aus denen tausend helle Sonnen schauten!"
+
+"Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre
+Stromabwärts nun im Morgensonnenschein.
+Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;
+Wir mußten erst den Wackern munter schrei'n,
+Doch endlich schob der grämliche Geselle
+Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle."
+
+"In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber
+Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, --
+Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,
+Bis unser Weg den nächsten Forst gewann;
+Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde,
+Das dicht umfriedet war vom stillen Walde."
+
+"Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,
+Wir sanken müde in das weiche Gras
+Und mochten weder plaudern mehr noch essen,
+Eh' neuer Kraft der Körper erst genas.
+An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,
+Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer."
+
+"Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen
+Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt;
+Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,
+Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.
+Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen
+Das Schläflein, so schier gar kein End' genommen?"
+
+Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort
+In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund;
+Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle
+Im grünen Walde, bis zur Abendstund'
+Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,
+All meiner Lebetag um mich gewesen."
+
+"Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,
+Welch' Ziel zu wählen für den flücht'gen Fuß.
+Nach Spielmanns Brauch ließ ich 'ne Feder fliegen,
+So fahrend Volk die Straßen weisen muß,
+Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet
+War aller Zweifel drüber schnell beendet."
+
+"Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen
+Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;
+Gar traulich wandelt es sich in der Stille,
+Ist man alleine mit dem Mägdlein sein!
+Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten;
+Indeß' uns nah der Donau Fluthen rauschten.
+
+"So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,
+Nur hie und da von einem Baum erschreckt,
+Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,
+Uns seine Arme lang herangestreckt;
+Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,
+Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten."
+
+"Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage,
+Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;
+Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne
+Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau.
+Nun galts zur Ruh' ein Plätzlein auszusuchen,
+Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen."
+
+"Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden
+Mir fast geheilt, auch unser Bündelein
+An Speis' und Trank nichts mehr zu weisen hatte,
+Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,
+Da eben sich des Abends Schatten senkten,
+Die müden Schritte auf die Straße lenkten."
+
+"Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten,
+Mußt' Herberg geben, bis die Nacht vorbei,
+Und weil der Sänger überall willkommen,
+Gab man uns Obdach und die Zeche frei.
+Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen;
+Hätt' nie geglaubt, daß es so schön möcht' klingen!"
+
+"Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter
+In's Land hinein, bis schier der Tag zu End'
+Und wir in einem Flecken Herberg fanden,
+Der rings umsäumt von grünem Weingeländ'.
+Dort mußten wir den wackern Leuten singen,
+Und thät uns solches manchen Heller bringen."
+
+"Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,
+'s ist dieses hier und dies auch noch das Band
+An dem die Traute mein es stets getragen." --
+Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand
+Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,
+Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.
+
+"Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern,
+Und liederkundig, wie die Holde war,
+Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,
+Die mir im Sinn geblieben all' die Jahr.
+Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten
+Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!"
+
+"Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen
+Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;
+Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten
+Den Frühling selber in der jungen Brust
+Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,
+Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen."
+
+"Die Tage schwanden uns in eitel Freud' und Wonne
+Gab manchmal auch es einen kleinen Span,
+So glich das einem warmen Sommerregen,
+Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.
+Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen,
+Indeß' die Liebe nur noch zugenommen." --
+
+Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.
+Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft
+Und weilte eher unterm freien Himmel,
+Als daß ich einmal für uns Unterkunft
+Bei einem meines Völkleins durfte suchen;
+Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen."
+
+"Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,
+Und frug ich da, was sie geträumt so lang?
+Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig,
+Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang
+Mit süßem Munde, aber nur ganz leise,
+Ein neues Lied zu einer alten Weise."
+
+"Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,
+Und wußt' von jeder eine schöne Mär;
+Das kleinste Käferlein selbst war willkommen,
+So ihr des Weges kam von ungefähr.
+Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,
+Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen."
+
+"Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem,
+So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;
+Eh' ich mich deß' versehn, war ich verwandelt,
+So daß ich ganz ein andrer worden bin,
+Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte,
+Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte."
+
+"'s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise
+Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft
+Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe,
+Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;
+Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,
+Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten." --
+
+"Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten,
+Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,
+Ein schöner Leben mochte keiner führen
+So hoch der Himmel und die Erde breit;
+Im Schlosse heut' zu Gast, im Städtlein morgen,
+Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen."
+
+"Doch, nun der Lenz dahin, ging's uns, wie noch gar vielen;
+Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein
+Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen,
+Da zwitschern sollt ein junges Vögelein,
+Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte
+Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte."
+
+"Je kleiner's Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel!
+War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin;
+Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet,
+Giebt's frohe Herzen und zufriednen Sinn.
+Weiß heut' noch nicht, was uns hätt' fehlen sollen,
+Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!"
+
+"Doch unser Glück hienied' ist eitel leichte Waare,
+Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind.
+Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden;
+In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind.
+Jung Vöglein forderte der Mutter Leben
+Und lächelnd hat sie es auch hingegeben."
+
+"Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!
+Nur kurz vermelden, daß es lange ging,
+Eh' ich den harten Schlag verwinden mochte
+Und die Betäubung schwand, die mich umfing,
+Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten,
+Die mich am besten mit begraben sollten!"
+
+"Allmälig aber fing es wieder an zu tagen.
+Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht,
+Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken,
+Deß' Kommen mir so herbes Leid gebracht.
+Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen,
+Nur es zu pflegen wollt' mir wenig taugen."
+
+"Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,
+Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn
+Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen,
+So ich für dessen Atzung würde stehn
+Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,
+Daß Pfleg' und was sonst nöthig er erhalte."
+
+"Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,
+Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,
+Selbst nach dem zarten Dinge schau'n zu wollen,
+Küßt' sachte ich des Kindleins feines Haar
+Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten,
+Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten."
+
+"Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer
+Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.
+In Gram versunken zog ich meine Straßen,
+Jed' Sinnen der Vergangenheit geweiht;
+Sollt' mal ich wo ein heiter Liedlein singen,
+Mußt' schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!"
+
+"Hatt' aber vordem nur mein Lied der Lieb' gegolten,
+Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust,
+Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,
+So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;
+Ich mußte singen von der Minne Schmerzen,
+Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen."
+
+Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen
+Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.
+Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen
+Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,
+So wir's verstehn die Saiten anzuschlagen;
+Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!"
+
+"Als nach und nach der Herbst in's Land gezogen,
+In falbe Blätter blies der rauhe Wind,
+Am Hag die langen Spinneweben wehten,
+Gleich Silberfäden, die entflogen sind;
+Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,
+Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen."
+
+"In jedem Wiegenbett wähnt' ich mein eigen Täublein
+Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;
+Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,
+So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick,
+Das süßer Mutterliebe mußt' entbehren --
+Und ich entschloß mich endlich umzukehren."
+
+"Hatt' manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,
+Mit dem ich hoffen durft' die Winterzeit
+Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;
+Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit
+Für's Vögelein, von manchen schönen Sachen,
+Ob dem es große Aeuglein sollte machen."
+
+"Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,
+Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt;
+Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,
+So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,
+Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen,
+Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt' sagen."
+
+"Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,
+Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt
+Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend,
+Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt.
+Trotz allem Kosen wollt' es nicht mich kennen,
+Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen."
+
+"Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.
+Es wohl zu warten, kürzte manche Stund',
+Die sonst vergällt gewesen um die Mutter;
+War tief im Herzen ja noch weh und wund,
+Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen
+Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen."
+
+"Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne
+Mit Sang und Laute, wie das meine Art,
+Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,
+Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. --
+Eh' aber noch der erste Schnee gefallen,
+Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen."
+
+"Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!
+Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr;
+Galt mir doch jede Stunde für verloren,
+In der ich fern von meinem Kinde war.
+In seiner Nähe war mir Glück und Frieden,
+Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden."
+
+"Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet
+Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt,
+Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen,
+Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt,
+So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen
+In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen."
+
+Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater;
+Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut
+Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;
+Fern jedem jugendlichen Uebermuth,
+War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen,
+Von keinem Leide noch und Weh getroffen." --
+
+"Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren
+Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt
+Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,
+Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.
+Auf keiner Kirmeß' durfte je ich fehlen,
+Wenn ich nicht wollte, daß sie all' mich schmälen."
+
+"So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,
+Wir lebten still in ungestörtem Glück;
+Nur eines fehlte, 's war des Mägdleins Mutter.
+Aus ihrem Grabe sehnt' ich sie zurück,
+Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,
+Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen."
+
+Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen,
+Als brächte er es nicht mehr weiter fort.
+Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein:
+"Daß nicht die Kehl' am Ende gar verdorrt!" --
+Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken
+Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken.
+
+Sie thaten's auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten
+Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt;
+Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben
+Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.
+Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören,
+Schien Wirth und Gäst' im Lauschen gleich zu stören.
+
+"Gesegn' es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!"
+Hob bald der Sänger an mit neuem Muth,
+Doch einem leisen Beben in der Stimme --
+"Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,
+Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;
+Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!"
+
+"'s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte
+Vom blauen Himmel über Wald und Ried;
+Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen
+Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied.
+Ein Jubeln war's, ein Durcheinanderklingen,
+Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!"
+
+"Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen.
+Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut;
+Waldvögelein und er ha'n gleiches Wesen,
+Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut:
+In linder Lust muß es die Flüglein dehnen,
+Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen."
+
+"Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe,
+Gings früh am Morgen in den Lenz hinein.
+Es sprühte, funkelte in jungen Saaten,
+Gleich Adamanten im Juwelenschrein;
+Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle,
+Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle."
+
+"Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen
+Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus,
+Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind
+Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß,
+In welches es auch manches Kräutlein steckte,
+Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!"
+
+"Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen,
+Das weithin hallte über Berg und Thal.
+Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,
+Als es erlauschen mocht' der Rufe Zahl;
+Dann jedoch wollte mein es täglich warten,
+Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten."
+
+"Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder
+Durch junges Grün und hellen Vogelsang,
+Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme
+Herunter schimmerten vom Felsenhang
+Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,
+Daß ihr Besitzer just im Walde jagte."
+
+"Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert' fröhlich,
+Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach.
+Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten,
+Von wo zurückzugehn die Maid versprach;
+Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,
+Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern."
+
+"Ein letztes Mal hatt' ich dem Kinde noch versprochen,
+Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;
+Dann küßt' ich seine überthränten Wangen
+Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,
+Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,
+Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden."
+
+"Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet,
+Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein,
+Und wurde mir, als hörte ich es rufen:
+"Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!"
+Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde --
+Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!"
+
+"Es regnete im selben Sommer mir die Taschen
+Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.
+War aber auch ein reiches Jahr gewesen.
+In Tenn' und Keller blieb kein Plätzlein leer;
+Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen
+Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen."
+
+"Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,
+Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt;
+Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit' gehangen,
+Hatt' manchen Kram ich für mein Herzkind mit.
+Wie niemals aber, freut' ich mich im Gehen,
+In einem fort auf unser Wiedersehen!"
+
+"'s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse
+Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;
+Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße
+Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt,
+Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,
+Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte."
+
+"Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes
+Begegnete mir scheu die Pflegerin.
+Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,
+Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin
+Und ging es lange, eh' ich's mochte wagen,
+Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen."
+
+"Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen,
+Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih'
+Am selben Tag mein Vögelein sich raubte,
+Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;
+Doch soll es munter auf der Thierburg weilen
+Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen."
+
+"Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr'schem Toben,
+Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;
+In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen
+An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.
+Aufschreiend: "denen will ich's Nachtmahl würzen!"
+Wollt', rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen."
+
+"Da wischte sich die Bäuerin 's Wasser aus den Augen
+Und zog mich neben sich auf eine Bank.
+""Stat Seppel!"" sprach sie, ""magst Dir's erst beschlafen;
+Der auf der Thierburg wüßt' Dir schlechten Dank
+Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen
+Und es versuchen, deine Maid zu sehen!""
+
+""Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen,
+Hatt' jedoch bei dem Gange wenig Glück.
+Ist Einer wie der Andere dort oben!
+Sie wiesen mich am Thore grob zurück,
+Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter
+Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.""
+
+""Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack' Dich zur Höllen,
+Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib!
+Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,
+Eh' es zum Teufel fährt als runzlig Weib!
+Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen,
+Sonst wär' es nicht allein im Wald gegangen!""
+
+""Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,
+Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog.
+Glaub' freilich nimmer, daß es gern gegangen
+Wie einer von den Schergen oben log!
+Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde,
+Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.""
+
+"So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen.
+Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz;
+Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,
+Fand keine Worte meinem Höllenschmerz.
+Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,
+Der Rache nur gehörte all mein Sinnen." --
+
+"Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte.
+In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,
+Stand aber viel zu früh vor deren Mauern;
+Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh'.
+Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge,
+Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge."
+
+Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,
+Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.
+Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen
+Und, wie ich hinsah, regte sich's im Gras.
+Ein Bursche war's, der schien, wie ich, zu lauern,
+Daß sie erwachten hinter ihren Mauern."
+
+"Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,
+Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.
+Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,
+Ich möcht' für mich behalten solches Lob;
+Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,
+Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten."
+
+"Dann lehnte er sich mir zur Seite an's Geländer
+Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.
+Mir brannt' die Zunge, nach dem Kind zu fragen,
+Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht
+Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,
+Ob in die Kluft er einen Sprung würd' wagen?"
+
+"Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,
+Als wir vor etlich Monden auf der Jagd
+Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!
+Noch heute seh' ich, wie die holde Magd,
+Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,
+Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.""
+
+""War Dir ein Fang,"" erzählte ungefragt der Bursche,
+""Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!
+Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,
+Eh' unsrem Alten es zuletzt gelingt,
+Die Widerstrebende auf's Roß zu setzen
+Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.""
+
+""Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,
+Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.
+Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,
+Dran Eppich rankt,"" -- ich sah es leider schon, --
+""Dort sprang's hinunter, ohne viel zu denken,
+Daß sich die Felsen dort am gähsten senken."
+
+"Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.
+Mich aber überlief es heiß und kalt;
+Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken
+Und wär' gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. --
+Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,
+In meines Lebens allerschwerster Stunden!"
+
+"Füll' ihm das Krüglein wieder!" rief Herr Heinz dem Diener.
+Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,
+Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.
+Dann ward es stille, wie vor einem Grab;
+Nur im Kamine prasselten die Flammen
+Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.
+
+Bald jedoch klang's erschütternd von des Sängers Lippen:
+"Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! --
+Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,
+Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,
+Und noch bis heute fällt's mir schwer zu glauben,
+Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!"
+
+"In's Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe
+Und starrte schweigend in den grausen Schlund.
+Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.
+Dort unten lag's zerschmettert auf dem Grund.
+Glaubt, edle Herren! es mocht' wenig fehlen,
+Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!"
+
+"Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,
+Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;
+Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens
+Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.
+Er selber war es, so mein Kind begraben,
+Als sie es später todt gefunden haben."
+
+"Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,
+Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;
+Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,
+Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang
+Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,
+Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen."
+
+"Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,
+Die ächzend von der Windberg' niedersank,
+Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen
+In's Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank
+Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;
+Selbst mitzuhalten, spürt' ich kein Verlangen."
+
+"Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;
+Wollt' wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.
+Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,
+Noch bei den Mägden, suchte nach und nach
+Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,
+Daß sie von selber an's Erzählen gingen."
+
+"Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!
+Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.
+Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,
+Es lieber sich dem grausen Tod ergab.
+Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,
+Um nun, bis an mein End', dafür zu weinen."
+
+"Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich
+Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,
+Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel --
+Alleine in der Welt, ein armer Mann!
+Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;
+Doch erst mußt' ich den Burgherrn noch verderben."
+
+"Der Zufall half mir, daß ich gleich an's Werk mocht' gehen;
+Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,
+Sah ich den Weg allmälig sich verengen,
+Indessen oben eine Felswand hing.
+Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,
+Mein Kind zu rächen, sollt' der Hohlweg taugen."
+
+"In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe
+Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,
+Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,
+Deß' knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;
+Hei! ging's nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,
+Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen."
+
+"Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,
+So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.
+Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen
+Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt
+Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,
+Von wo er wuchtig niederdonnern sollte."
+
+"Dann warf ich mich in's Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,
+Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein
+Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.
+Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,
+Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,
+Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte."
+
+"Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,
+So oft ein Stein dem Rande näher kam.
+Hei! will ich ihnen ein Memento singen,
+Eh' sie der Teufel sammt und sonders nahm!
+Des Sängers Rache sollten dran sie kennen
+Und müßt er selber in der Höllen brennen."
+
+"Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!
+Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf:
+Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,
+Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf.
+Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,
+Den Teufeln nicht die letzte Meß' zu singen."
+
+"Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber
+Und ließ sie nähern sich der Felsenwand.
+Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen,
+Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.
+Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,
+Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern."
+
+"Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen
+So gaffend standen vor dem schweren Baum,
+Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;
+Dann sah er um sich in dem engen Raum.
+Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen,
+Ein einz'ger Felsblock sollt' sie nieder brechen!"
+
+"Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,
+Den Satan tödtend unter seiner Last,
+Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz
+Und -- fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt!
+Entsetzen packte mich, mußt' inne halten,
+Statt meiner grausen That zu End' zu walten."
+
+"Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen
+Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:
+Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,
+Als meiner harrte einst des Henkers Strick.
+Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte,
+Daß ich es um sein liebes Mündel brachte."
+
+"Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden!
+Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,
+Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,
+So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,
+Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,
+Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte." --
+
+"Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein
+Der Bäuerin; das Singen hatt' ein End'.
+Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,
+Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd'.
+Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;
+Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen."
+
+"So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd,
+Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.
+Er blieb mir fern. Ich hatt' noch des Gefieders,
+Das ich mir vorher erst sollt' rupfen la'n.
+Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.
+Für's Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen."
+
+"Was sollt' er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget?
+Gelähmt die Fittige der bittre Harm?
+Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,
+Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm!
+Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken,
+Daß Niemand schauen sollt' sein letztes Zucken."
+
+"Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,
+Mit einer Söldnerschaar in's Polenreich. --
+Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,
+Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;
+Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,
+Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen."
+
+"Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,
+Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,
+Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt;
+Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.
+Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,
+Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben."
+
+"Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend,
+Tags nach dem Treffen über's Blachfeld gehn,
+Da finden sie auch mich und jeder eilte,
+Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.
+Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,
+Verwundert hob ich bald die schweren Lider."
+
+"Da fügte sich's, daß sie auch jenes Dreibein sahen,
+So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,
+Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,
+Als sie den Galgenvogel dran erkannt!
+Ich hör' noch heut' ihr höhnisch Lachen klingen,
+Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen."
+
+"Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,
+Der nackte Vogel änderte den Sinn;
+Sein stolzes Wollen bracht' ihm schlecht Gedeihen,
+Was er erstrebt', deß' ward ihm kein Gewinn.
+Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,
+Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen."
+
+"Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen
+In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;
+Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt
+Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.
+Dann schlug's wie Wellen über mir zusammen,
+Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen."
+
+"Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer,
+Als ich auf einmal hörte, daß man sprach.
+Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,
+Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.
+Der Tod war wiederum vorbeigezogen,
+Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen."
+
+"Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken
+Die Sonne glänzte und des Himmels Blau,
+Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute,
+Und in den Ecken Spinneweben grau,
+Das war der Ort, an welchem ich erwachte,
+Nicht grad das Paradies, wie ich mir's dachte."
+
+"Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen,
+Beim Spiele, doch auch's Krüglein in der Hand,
+Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,
+Bei einem Karren, der daneben stand.
+Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,
+Ließ unschwer mich der erste Blick errathen."
+
+"Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,
+Als ich dem Tode nah im Felde lag,
+Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,
+Hielt's treulich bei mir aus manch lieben Tag,
+Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,
+Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte."
+
+"Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen,
+Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;
+Ihr Treiben aber wollt' mir nicht gefallen,
+Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;
+Doch wenn ich warnte, bracht's mir Spott und Schelte,
+Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte."
+
+"So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir
+Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war.
+Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche
+In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;
+Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen,
+Konnt' meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen." --
+
+"Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,
+Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz
+Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.
+Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,
+In welchem, unauslöschlich tief, gegraben,
+Was wir an Freud und Leid genossen haben."
+
+"Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte,
+Doch diesmal mit der Laute im Geleit.
+Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken
+An freudige, wie kummerhafte Zeit,
+Und halte sie seitdem in guten Ehren,
+Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren."
+
+"In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,
+Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,
+Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins
+Entfremdet war bis auf den bloßen Schein;
+Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,
+Und eine Zeitlang es mir bas behagte."
+
+"Traun! gab's des bunten Treibens da gar viel zu schauen,
+Vom Morgenläuten bis zum Abend spat.
+In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen,
+Viel schöne Frau'n in ihrem besten Staat;
+Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,
+So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen."
+
+"Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen!
+Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;
+Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,
+Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor,
+Und Frauenherzen muß der Sänger rühren,
+Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren."
+
+"So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere,
+Wo blaues Aug' und blauer Trauben Saft
+Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel
+Man sich in's Farbenspiel des See's vergafft. --
+Ich würde heut' noch dort die Saiten spannen,
+Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen." --
+
+"Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen,
+Von arger List und bösem Trug gestellt.
+Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,
+Daß lauten Ton's sie in den Ohren gellt;
+Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,
+Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!"
+
+"Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim,
+Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;
+Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,
+Verdammten sie's und zwar zum Feuertod. --
+Mein' aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,
+Den sie zu braten sich gewißlich wahren!"
+
+""Ein Unrecht ist's!"" entschlüpfte es dem Mund des Junkers
+So laut, daß sich der Spielmann unterbrach
+Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,
+Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach;
+Herr Heinz doch that, als hätt' er nichts vernommen,
+Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.
+
+Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:
+"Es ward mir schwül am blauen Bodensee;
+Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,
+Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.
+Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,
+Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!"
+
+"Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,
+Den vollen Humpen und den schönen Frau'n,
+Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,
+Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau'n,
+Bis sich von ungefähr das Steuer drehte
+Und mich der Wind in Euer Thal verwehte." --
+
+"Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen,
+Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn;
+Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten,
+Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön,
+Um welchen rings sich wald'ge Berge bauen,
+Von denen stolze Burgen niederschauen!"
+
+"Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen;
+Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,
+Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet,
+Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.
+Hier fühle ich mich wohl, hier möcht' ich weilen,
+Wär' mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!" --
+
+"Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo
+Und wisset, wo's die Federlein gela'n.
+Ich hoffe, 's wird einst, nach der letzten Mauser,
+Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn;
+Ist doch auch's Vögelein in Gottes Händen,
+Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!"
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen,
+Erschimmern rings in märchenhafter Pracht
+Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet
+Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;
+Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,
+Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.
+
+Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft
+Und, wenn's auch kalt macht, ist die Luft doch still
+Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,
+In dem die Sonne er begrüßen will;
+Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,
+Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte.
+
+Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten
+Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,
+Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd,
+Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.
+Ein Meer von Gold ruht auf den schnee'gen Flächen,
+Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. --
+
+Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten,
+Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat,
+Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen;
+Was diese auch versprochen, eh' sie spat,
+Da müd' und schläferig die Lider hingen,
+Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. -- --
+
+Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,
+Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein,
+Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.
+Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,
+Als jener endlich schwieg und alle zaudern
+Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.
+
+Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder
+Die Oberhand. In froh gelaunter Weis'
+Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen
+Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis';
+Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,
+Denn Kehl' und Magen fahrender Gesellen.
+
+Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand
+Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund
+Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte,
+Ob ihre Liebe auch so festen Grund, --
+Als sie es eben von der Maid vernommen,
+Die zu dem Spielmann einst in Lieb' erglommen?
+
+Wohl zog's in dunklen Gluthen da auf Elsbeth's Wangen,
+Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor
+Und sprach in mildem Ernste, aber leise,
+Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr:
+"Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne
+Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!"
+
+Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,
+So hastig stand sie dann vom Tische auf
+Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen;
+Auch, in der Eil', die Kanne mit dem Knauf
+Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten,
+Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.
+
+Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen.
+Was der natürlich auch gar gerne that
+Und sich behaglich übers Essen machte,
+So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.
+Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,
+Ward munter wieder hin und her gesprochen.
+
+Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,
+Dem's wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;
+Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort,
+Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach;
+Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen,
+So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.
+
+Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte,
+Denn seine Blicke zog's mit Allgewalt
+Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend,
+Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,
+Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte,
+Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte.
+
+Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre
+Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort
+Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte,
+Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.
+Verschwieg'ne Liebe ist ja doppelt theuer
+Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. --
+
+Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische;
+Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.
+Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen,
+Wollt' er mit Ehr' bestehn als Schenkgesell;
+Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen
+Woll' heute jeder Grund und Boden fehlen.
+
+Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:
+"Hei, Alter! Sing' ein Liedlein von der Jagd;
+Kennst sicher eines, das recht lustig klinget
+Und frohen Waidgesellen bas behagt.
+Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen;
+Sieh' nur, wie alle schon die Ohren spitzen!"
+
+Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele;
+Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand,
+Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert,
+Bat, eh' er's rührte mit gewandter Hand,
+Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,
+Was für ein Lied der Holden thät behagen.
+
+Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,
+So einst sein Mägdlein sich ersann und sang.
+Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte
+Drauf in die Saiten, daß es hell erklang.
+Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,
+Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt' klingen:
+
+"Am Hage blüht jung Röslein roth;
+Deß' litten Wind und Käfer Noth,
+Wollt's Jeder ha'n zur Fraue;
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue."
+
+"Zum Röslein heimlich sprach der Wind:
+""Laß' um Dich werben, liebes Kind,
+Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue.""
+
+""Zieh' weiter!"" rothes Röslein sprach,
+""Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,
+Solch Buhlen ich nicht traue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue.""
+
+"Drauf, gülden schön, ein Käfer kam,
+Gab jungem Röslein süßen Nam',
+Als seiner holden Fraue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue."
+
+"Doch Röslein sprach: ""Dich nehm' ich nicht
+Goldkäferlein! Dein Angesicht
+Nur hin nach andern schaue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue.""
+
+"Als aber kam ein Junker her,
+Da wurde Rösleins Herze schwer;
+Von selbst ward's seine Fraue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue."
+
+"Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth',
+Doch er war bald des Kosens müd',
+Zog wieder fort in's Blaue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue."
+
+"Und wißt Ihr, wer der Junkherr war?
+Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr
+Ein Röslein sich zur Fraue.
+Es blühn wohl auf der grünen Au
+Viel Blümlein, roth und blaue."
+
+Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,
+Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied;
+Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen,
+Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,
+Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen,
+Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.
+
+Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte
+Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,
+Nur Augen hatte für des Hauses Herrin,
+So heute ihm noch schöner schien, denn je.
+Es brauchte wenig und, in Minne trunken,
+Wär' vor der Holden er auf's Knie gesunken.
+
+Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen,
+Bis leis' der letzte Saitenton verklang;
+Doch, als der Spielmann, Udo's Wunsch willfahrend,
+Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang,
+Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen
+Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen.
+
+Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,
+-- Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, --
+Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen
+Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt
+In schöner Harmonie, um zu begleiten
+Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.
+
+Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,
+Als hörte man der Vöglein hellen Sang
+Im blühnden Haine draußen und im Tanne,
+Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,
+Um, fern im Echo, leise zu verhallen,
+Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. --
+
+Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe 's Köpflein euch verwirret,
+Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund,
+Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet,
+Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:
+Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,
+Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? --
+
+Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren
+Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß;
+Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,
+Von bittrer Eifersucht gequält und Haß,
+Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen
+Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.
+
+Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen,
+Um desto heißer fühlte sie die Qual,
+Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers
+Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;
+Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen,
+Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.
+
+Da von den Andern jedoch niemand darum wußte,
+Floß jenen gar vergnügt der Abend hin
+Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche,
+Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien,
+Das man im Freundeskreise heut' verbrachte,
+Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. --
+
+Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf
+Den Herren dann gemeldet, daß es tagt',
+Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,
+Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,
+Die heute, weil der Freund es also wollte,
+Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.
+
+ * * *
+
+Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten,
+Als Adelgunde sich vom Lager hob.
+Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,
+Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,
+Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte,
+Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.
+
+Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen,
+Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,
+Auf's neu' dem Unmuth sich zu überlassen,
+Daß gestern nicht der Junker immerzu
+Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte,
+Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte.
+
+In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen,
+Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,
+Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten,
+Wie viel auch diese es zu kosten bat;
+In dunklem Feuer ihre Blicke glühten,
+So oft, die Lippen sich zu reden mühten."
+
+Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich
+Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach,
+Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten,
+In's eig'ne, prunkentblößte Schlafgemach;
+Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue,
+Von welchem man den ganzen Gau erschaue.
+
+"Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, -- "
+Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging
+Und Adelgunde zauderte, zu folgen
+Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, --
+"Den nächsten Augenblick schon sind wir oben,
+Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!"
+
+Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,
+An deren Finger sie das Reiflein trug,
+So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,
+Als er besorgt um ihre Zukunft frug,
+Und das, seit jener Stunde, sie getragen,
+Ohn' daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.
+
+Nun lag's, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,
+Die, als sie's fühlte, voller Bosheit sacht'
+Versuchte, ob es abzustreifen wäre
+Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht',
+Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,
+Eh' oben sie zum Licht des Tages kämen.
+
+Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,
+Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,
+Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,
+Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,
+Bis er, im Banne finsterer Gewalten,
+Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.
+
+Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends
+Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,
+Und trat, so unbefangen als nur möglich,
+In deren sonnighelles Schlafgemach.
+Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,
+Gab's Zeugniß für der Herrin emsig walten.
+
+Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,
+Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,
+Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,
+Die Statue der Muttergottes stand,
+Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,
+Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.
+
+Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken
+Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,
+Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,
+Besetzten diese Wand der Länge nach,
+Indeß die andere das Bettlein säumte,
+Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.
+
+Drauß', vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,
+Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,
+Fast einem Vogelneste zu vergleichen,
+Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;
+Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,
+Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. --
+
+Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,
+Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;
+Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,
+Die Wälder rings ein einz'ger Weihnachtsbaum,
+Und fern im Süd', ein Anblick zum Entzücken,
+Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.
+
+Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,
+Versunken in des schönen Anblicks Pracht,
+Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange
+Hier oben in der Einsamkeit verbracht,
+Um, überwältigt von dem hehren Schauen,
+An Gottes Werken still sich zu erbauen.
+
+Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.
+Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt',
+Von all den Bergen, Thälern in der Runde,
+So weit ihr jene überhaupt bekannt,
+Hier Umschau haltend, froher Laune werden,
+Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.
+
+Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;
+Sie maß die Gute bald mit einem Blick
+Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,
+Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick
+Drob war, weil dies, in leid'ger Lust am Necken,
+Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.
+
+"Gebt's auf, mir Namen vorzusagen," sprach sie mürrisch
+"Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,
+Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde
+Es angethan, und nicht der eigne Bann;
+Denn sonsten braucht' ich Euch ja nicht zu fragen,
+Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut' jagen!"
+
+Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger
+Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand;
+Ein römisches Gemäuer, dessen Reste
+Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,
+Als, müde wohl, er sich auf's Moos hinstreckte,
+Das grün und weich die Mauertrümmer deckte.
+
+"Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze
+Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;
+Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,
+Mag's gehen, daß Eu'r Ohr den Klang erlauscht
+Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,
+Ich mehr denn eimnal bis hierher hört' klingen!"
+
+"Das glaub' ich gerne!" rief gereizt die Aufgeregte
+In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt,
+Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;
+Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt,
+Und that deshalb, als wäre ihr entgangen,
+Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen.
+
+Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,
+Und ging's nicht lange, eh' es Elsbeth däucht',
+Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth
+Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht.
+Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen
+Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.
+
+Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,
+Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß,
+Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden,
+Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis,
+Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,
+Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.
+
+Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:
+Ob sie den Junker minne und er sie,
+Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,
+Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh,
+Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,
+Die Fragerin jedwede Maske fallen.
+
+"Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,"
+Klang's giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund,
+"Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,
+Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?
+Euch -- eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,
+Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!"
+
+Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte,
+Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich,
+Ob solcher Rede keines Wortes mächtig;
+Es ballten krampfhaft ihre Hände sich,
+Der Höhnenden gebührend zu vergelten,
+Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.
+
+Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen
+Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob,
+Bis jene, unter höhnischem Gelächter,
+Des Junkers Reiflein in die Höhe hob
+Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte,
+Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.
+
+"Gebt mir das Ringlein her!" bat dringend die Gequälte,
+Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.
+"Gebt mir den Reif zurück! -- Ihr könnt nicht wollen,
+Daß ich mein Leben lang im Unglück bin!
+Ich dank's Euch noch in meiner letzten Stunde!
+Gebt mir das Ringlein! -- Bitte, Adelgunde!"
+
+Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester
+Und lachte höhnisch: "Sagt ich mir doch gleich,
+Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,
+Daß solche Fische nicht in Eurem Teich
+Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,
+Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!"
+
+"Denkt, was Ihr wollt!" entgegnete jetzt Elsbeth zürnend,
+"Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,
+Als Angedenken traut gesprochner Worte,
+Von denen keines mir das Herz beschwert;
+Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle,
+Seit ich durchschaue -- Eure schöne Seele!"
+
+"Schaut lieber erst in Eure!" spottete die Arge,
+"Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! --
+Ha, ha! Was gilt's, ihr hebet an zu beichten
+Die volle Wahrheit? -- Wie? Ihr saget Nein? --
+Seht dieses Ringlein! -- Es fliegt von dem Söller,
+Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!"
+
+In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen,
+Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand
+Und hielt sie fest, bis Adelgund', weil stärker,
+Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand,
+Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,
+Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.
+
+Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte
+Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast,
+Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.
+Ihr starker Arm hielt Adelgund' umfaßt,
+So daß die keuchend rang sich loszuzwingen,
+Was jedoch nicht so leichtlich wollt' gelingen.
+
+In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend,
+Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt,
+Die jugendschönen Glieder sich umklammernd,
+Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,
+Der Gegnerin, und koste es das Leben,
+Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.
+
+Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen
+Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft
+Gelang die rechte Hand sich zu befreien,
+Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.
+Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.
+Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.
+
+Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,
+Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.
+Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen,
+Als just zum Wurf ausholte Adelgund',
+War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen
+Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen.
+
+Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend
+In banger Angst, durchrannte sie im Nu
+Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder
+Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,
+Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,
+Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.
+
+Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,
+Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!
+Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,
+Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,
+Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,
+Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. --
+
+Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,
+Lag locker da, in seiner Masse weich,
+Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,
+Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,
+Deß' Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,
+Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. --
+
+"Um Jesu willen!" keuchte Adelgunde angstvoll,
+Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,
+"Vergebet mir! -- Ich will dem Herrgott danken,
+Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,
+Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben
+Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!"
+
+"Gewährt Verzeihung --" bat sie leise, als ihr Elsbeth
+Nicht sogleich Antwort gab, "wär' übler dran
+Denn Ihr, hätt' Euch ein Ungemach betroffen,
+Da ich es war, die hob zu streiten an;
+In kind'scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,
+Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte."
+
+In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:
+"Gott wolle Euch verzeih'n, wie ich dies thu'!
+Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo
+Das Ringlein suchen --" fügte noch sie zu
+Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,
+Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.
+
+Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke
+Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,
+Ihr Adelgund' das Kleinod mit den Worten:
+"Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,
+Was, ging's verloren, selber mich auch schmerzte.
+Hier nehmt den Ring! -- Verzeihet, daß ich scherzte."
+
+Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,
+Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,
+Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger
+Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.
+In langem Kuß sah man die Lippen pressen
+Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. --
+
+Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,
+Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt',
+War Frieden; denn die beiden Schönen hatten
+Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,
+Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,
+Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.
+
+Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: "Essen und Vergessen!"
+Das oft im Leben sich verwenden läßt.
+Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,
+Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt',
+Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,
+Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.
+
+In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich;
+Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot,
+Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen,
+Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,
+Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,
+Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.
+
+ * * *
+
+Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen,
+Was seine Macht zu schenken dir versagt,
+Willst nicht du deines Herzens Ruh' und Friede
+Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,
+Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,
+Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. -- --
+
+Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas.
+Die Herren zechten und der Spielmann sang,
+Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.
+Stets sicher, daß er Beifall sich errang,
+Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge,
+Den oft er leerte in gar gutem Zuge.
+
+Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,
+Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang,
+Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,
+Das voll und süß von ihren Lippen klang;
+Doch war's ein andrer Text und andre Weise,
+Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.
+
+Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,
+Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang,
+Des Hauses Mägde sich versammelt hatten
+Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,
+Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen,
+In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.
+
+Sie kamen nicht dazu. Denn eh' das Lied zu Ende,
+Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih',
+Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander
+Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei;
+Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine
+Im Näherkommen ungewisse Scheine.
+
+Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen
+Und brach Elsbeth das Singen jählings ab.
+Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre
+Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,
+Dem Zweie folgten, die er mußt' begleiten,
+Wie wohl's ihm wenig Freud' schien zu bereiten.
+
+Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern
+Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt'.
+Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,
+In den er, frierend wohl, sich eingehüllt;
+Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen,
+Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.
+
+Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,
+In tiefem Basse er zum Vogte sprach:
+"Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,
+Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,
+Dem Ihr, so hoff' ich, werdet drob verzeihen,
+Daß noch so spät er Euch in's Haus mußt' schneien.
+
+Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,
+Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,
+Und nun empfing er aus des Boten Händen
+Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,
+Deß' Siegel Krummstab und die Inful zeigte,
+Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.
+
+Doch, eh' er's öffnete, bat er den Ueberbringer,
+Den Mantel abzulegen und die Wehr'
+Und mitzuhalten an der Tafelrunde:
+"'s wär mir und hier den Freunden große Ehr'!"
+Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,
+Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.
+
+Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,
+Indessen Elsbeth für den späten Gast
+Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert
+Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt',
+In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen
+Als sie's, credenzend, hieß den Herrn willkommen.
+
+Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel
+Und sahn dem Vogte zu, dem's endlich glückt',
+Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:
+Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt',
+Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge
+Der Vogt von lange kannte zur Genüge.
+
+So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben
+An ihn gerichtet sei; das andre trug,
+Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,
+In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;
+Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,
+Noch ehe er das eigene erschlossen.
+
+Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,
+Lag's eine Weile schon in seiner Hand,
+Eh' er begann das Siegel zu erbrechen
+Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.
+Nach kurzem Blick drauf aber ließ er's sinken
+Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.
+
+Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;
+Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,
+Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten
+In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.
+Dies eine Wort -- will ihn die Hölle narren?
+Es bannt' den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!
+
+Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,
+Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick
+Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,
+Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick
+Nun war, wie besser er's nicht wünschen konnte,
+Eh' sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.
+
+Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele
+Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,
+Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,
+Mit dunklem Rothe färbte Wang' und Stirn.
+Der Brief erzitterte in seinen Händen;
+O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!
+
+Was er sich einst ersehnte, nun war's ihm geworden,
+Es lacht' das Glück ihn an! Doch tief verzagt
+Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,
+So sah er in Verzweiflung sich gejagt.
+Wußt' nicht, soll er entsagen, unterliegen,
+Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?
+
+Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,
+Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt,
+Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;
+Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt,
+So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen,
+Wie oft bracht's Kummer nur, und bitter Klagen!
+
+Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal
+Ein silbern Lachen tönte durch's Gemach,
+So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,
+Das aber doch ihm nun das Herze brach,
+Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,
+sich ahnungslos des Augenblickes freute.
+
+Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.
+Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund
+In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen,
+Von denen er geträumt so manche Stund',
+Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten,
+Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten.
+
+Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle
+Und, immer noch das Schreiben in der Hand,
+Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,
+Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:
+"Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen;
+Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!"
+
+Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:
+"Der Freund hier ist's, der auch schon alles weiß;
+Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!"
+Es überlief ihn dabei kalt und heiß,
+So daß er schweigend in sein Schreiben starrte,
+Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.
+
+Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;
+Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,
+Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden
+Und -- schnell entschlossen, kürzte er die Qual,
+Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,
+Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne.
+
+Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische
+Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,
+Doch ohne aufzublicken: "Es ist billig,
+Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut:
+Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,
+Was mir des Oheims güt'ge Hand geschrieben...."
+
+Er las: "Wohledler und viellieber Herr und Neffe!
+Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,
+Daß mir gelang, den König zu versöhnen,
+So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund';
+Erachte auch, wollt' es nicht ungut nehmen,
+Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!"
+
+"Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren
+Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst;
+Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne
+Und hoher Herren Gnad' ist öfter Dunst,
+Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,
+Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen."
+
+"Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden," --
+Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark
+Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,
+Als schneide er sich in das eigne Mark, --
+"Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert,
+Weil Eure Absenz gar so lange dauert."
+
+"Ihr Jawort hab' ich, für das Weit're wollet sorgen.
+Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;
+Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute
+Verwirren etwan gern ein Frau'ngehirn;
+Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben
+Und Euer Zögern könnte viel verderben."
+
+"So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe,
+Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.
+Mit Gruß, Eu'r Oheim Otto, episcopus. --"
+Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,
+Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,
+Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren.
+
+Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge
+Und bracht' ein Wohl aus auf des Junkers Braut.
+Hell klangen Krug und Gläslein an einander,
+Als jählings ward ein kurzes Klirren laut:
+In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,
+So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. --
+
+Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,
+Bis von der Braut im Brief die Rede war,
+Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden,
+Es trübte sich das schöne Augenpaar,
+Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen,
+Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen.
+
+Indessen bald entschlossen all' ihr Leid zu hehlen,
+Am ersten dem, der trug die Schuld darob,
+Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein,
+Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,
+Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde
+Noch minder laut, als das von Adelgunde.
+
+"Ihr freut Euch wäger?" hörte Elsbeth diese fragen,
+Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,
+Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen,
+Daß klirrend es in hundert Stücke brach. --
+Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden
+Und schweigend trug, hat Schweres überwunden.
+
+Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte
+Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,
+Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,
+Daß es an Speis' und Trank gebreche nicht;
+Bis Adelgunde spät zur Ruh' begehrte,
+Weil nun der Abend ihr zu lange währte.
+
+Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte,
+Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar,
+Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte,
+Obschon es damals just nicht Sitte war,
+Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,
+Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. --
+
+"Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,"
+Sprach Adelgund' auf Elsbeths "gute Nacht!"
+"Er soll uns singen und zum Tanze spielen,
+Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht.
+Was wär' das Leben, gäb's nicht hin und wieder,
+Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!"
+
+Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,
+So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß;
+Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer
+Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los,
+Es wachte lang die Stolze in Gedanken,
+Eh', schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. --
+
+Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.
+Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,
+Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,
+Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach,
+Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen
+Zusammenbrach mit überthränten Wangen. --
+
+Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute,
+Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach,
+Der marmorgleichen Züge stummes Wehe
+Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,
+Und doch verklärt von überird'schem Schimmer:
+Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer.
+
+Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,
+Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust,
+Die unverhohlen ihr im Busen glühte,
+Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,
+Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte,
+Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte.
+
+Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln
+In Blüthenduft und frischer Lenzespracht.
+O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele
+Ein einz'ger Blick noch wunschlos glücklich macht,
+Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen
+Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! --
+
+Und nun war all' dies aus, in schwarze Nacht versunken,
+Vernichtet ihres Herzens schöner Traum,
+Vom Sturm geknickt die duft'ge Frühlingsblüthe
+So furchtbar jäh -- die Arme faßt es kaum.
+Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände
+und schluchzte auf, doch hörten's nur die Wände. --
+
+Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,
+Die uns am ersten Frühlingstage grüßt,
+Ihr früh Erwachen aber -- kommt ein Spätfrost --
+Dann unversehens mit dem Tode büßt,
+Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,
+So allzufrüh sich ihr in's Herzlein stahlen. --
+
+In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken
+Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,
+Indessen durch die grünen Butzenscheiben
+Der volle Mond ihr fahl in's Antlitz schien,
+Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet,
+Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. -- --
+
+Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.
+Es saß der Spielmann dort am Eichentisch,
+Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend,
+Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,
+Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,
+Je länger 's ging, mit desto mehr Behagen.
+
+Herr Kuonrad war's allein, der nicht recht froh drein schaute,
+Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt'
+Mit witz'gem Worte oder muntrem Sprüchlein,
+In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt',
+So lang als möglich fröhlich noch zu zechen,
+Da Eh'- und Wehstand oft das Krüglein brechen.
+
+Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,
+Doch däucht' ihn schal und wässerig der Wein;
+Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,
+Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.
+Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen,
+Daß öfters Benno's Blicke auf ihm ruhten.
+
+So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich
+An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:
+"Wir wöllen heut' uns schon Behüet Gott! sagen,
+Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,
+Die Herren ungehindert reiten können,
+Indeß wir andern uns noch Ruh' vergönnen!"
+
+Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich
+Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft,
+Die ihm der Vogt so überreich gewährte,
+Daß schier vergessen drob er seiner Haft;
+Auch -- Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen,
+Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.
+
+Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,
+War es des Bischofs Bote Edlibach,
+Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:
+Er habe "ordlich schön verricht sein Sach,
+Und ehrlich den Willkummen also trunken,
+Daß, statt in's Bett, daneben er gesunken."
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Der Jahre manches war gekommen und gegangen
+Seit jenem Morgen, als mit Edlibach
+Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,
+-- Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, --
+Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,
+Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. -- --
+
+Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden
+Und wieder grünend prangten Wald und Ried.
+In Wald und Fluren sangen Vogelchöre
+Den "Willekumm" in nimmermüdem Lied;
+Wie Gold begossen lagen Höhn' und Auen
+Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.
+
+Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch
+Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei,
+Verkündete mit schnarrendem Geklapper,
+Daß just zu Ostern Frühling worden sei,
+Der Lenz mit Festgepräng' zur Stadt gekommen,
+Wenn er auch nicht den Weg durch's Thor genommen.
+
+Vom Thurm zu Allerheil'gen glänzte, weithinschimmernd,
+Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;
+Die goldnen Federn glitzerten und sprühten,
+Als hätt's auch ihm der Frühling angethan.
+Tief unten aber in den "Lächen" zogen,
+Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen.
+
+Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse
+Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;
+Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,
+Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.
+Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen
+Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen.
+
+Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten
+Des trotz'gen Unnoth auf dem Emmersberg;
+Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,
+War's anzuschauen wie ein grauer Zwerg,
+Der seit Jahrhunderten am Gerberbache
+Verdüstert da stand unter steilem Dache. --
+
+Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne "Mauchen"
+Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,
+Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich,
+Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,
+Als hell vom Münster her die Glocken klangen
+Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen.
+
+Flink wurden überall die Läden aufgeschoben
+Und konnte man gar manches Antlitz schau'n,
+Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte.
+Es schien, dem letztern wär' heut wohl zu traun,
+Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen
+Der Ostermorgen über Land gezogen.
+
+Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße
+Nach links und rechts, mehr oder minder traut,
+Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,
+Der nebenan aus seinem Fenster schaut'.
+Inzwischen riefen aber, um die Wette,
+Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.
+
+Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen;
+In Festgewändern zogen Frau und Mann,
+Gesind' und Kinder feierlichen Schrittes
+Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann
+Den Vorzug gaben, oder "Mutter Nesen,"
+Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen;
+
+Doch bald erschienen wieder einsam all' die Straßen.
+In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt
+Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,
+So Einzug hielt in seiner besten Wat;
+Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter
+Die Vöglein zwitscherten und sangen munter.
+
+Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen
+Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor
+Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,
+Auf daß sich "nützid" in die Stadt verlor,
+Was frommer Burger Andacht konnte stören,
+Eh', Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören.
+
+So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,
+Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,
+In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben,
+Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer
+Und sahen drauf, daß kein profanes Walten
+Im Mauerring der Stadt sich mocht' entfalten.
+
+In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen,
+Wie es so frommem Wesen zugehört.
+Vor ihrem "großen Gott im Münster" konnten
+Die München sammt den Laien ungestört
+In Andacht knie'n, wenn sie nicht lieber lauschten
+Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten.
+
+Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber,
+Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,
+Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;
+Dann aber ging's im Sturme schier nach Haus,
+Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern
+Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.
+
+Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.
+Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,
+Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,
+Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,
+Und wer's vor Alter oder Brest nicht konnte,
+Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. --
+
+Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage
+Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt,
+Mit noch zwei Herrn durch's Schwabenthor gewandelt,
+Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,
+Nun gerne einen Gang in's Freie thaten,
+Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.
+
+Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,
+Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild
+An schwerer goldner Kette glänzend sonnte,
+Erwiederte im Gehn die Grüße mild,
+So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,
+Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten.
+
+Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,
+Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,
+Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil'gen,
+Sich seiner hohen Würde voll bewußt,
+Grüßt' wohl auch er mit einem leisen Nicken,
+Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.
+
+Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;
+Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,
+Fiel tief und faltig über Brust und Schultern,
+So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt,
+Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,
+Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.
+
+Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.
+Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,
+Wenn's galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,
+In Zwing und Bännen weit umher im Land;
+Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,
+Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.
+
+Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;
+Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,
+Bedurft' es wenig, um zu Drei'n, wie Christus
+Nach Emmaus, vor's Thor hinauszuziehn,
+Bei linder Osterlust und Blättersprießen,
+Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen.
+
+Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges
+Und kürzten im Gespräche sich die Zeit,
+So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,
+Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;
+Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,
+Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten.
+
+Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,
+Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,
+Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:
+Von altem Adel und mit Leib und Gut
+Der Väter Sitten allzeit streng ergeben,
+Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben.
+
+Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,
+Gekleidet nach der Mode neu'stem Schnitt.
+Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,
+In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt;
+Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,
+Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen.
+
+Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,
+Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß,
+Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,
+Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß;
+Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen,
+Mit denen sie zum Feste sich behangen.
+
+In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,
+Blieb dann und wann der Schönen eine stehn,
+Um auszuathmen, frische Luft zu trinken
+Und weit hin über Berg und Thal zu sehn,
+Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte,
+Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte.
+
+Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein,
+Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand,
+Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften,
+Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,
+Erröthend auch und schämig sich erzeigten,
+Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten.
+
+In schlichterem Gewande gingen ernste Burger
+Zur Seite ihrer redesel'gen Frau'n,
+Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse
+Am Wege sich die Gärten zu beschau'n,
+Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,
+Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen;
+
+Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,
+Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath,
+Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,
+Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.
+Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,
+Da man im Rath die hellen Farben meidet.
+
+In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen
+Erwogen beide ernst den Casus sie,
+Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser
+Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,
+Indessen sie, die mitbehaft'ten Bürgen,
+Am ersten Loskauf noch genug zu würgen.
+
+Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,
+Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.
+Selbst Roth, den Waffenschmied, litt's nicht zu Hause;
+Er ging mit Meistern von demselben Fach
+Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,
+Lockt' ihn auch nicht der Vöglein Musiciren.
+
+Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,
+Wie viel die Stadt gewänn' vom Zoll am Rhein
+Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht
+Mit schlauem Lächeln meinte: "Wenn der mein,
+Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,
+Am Rathshaus wären neu vergüld't zu schauen!"
+
+Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte
+Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,
+Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend;
+Sie möchten, nun der Frühling war erwacht
+Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren,
+Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren.
+
+Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein "Mauchen,"
+Zu denen sich der Burger fremd verhielt,
+Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen,
+Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt'; --
+Die Lust, mit Weib und Kind vor's Thor zu gehen,
+War schon von weitem ihnen anzusehen.
+
+Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend,
+Das seinen Heimatort im Stiche ließ,
+Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln,
+Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies'
+Belebend oder gruppenweis' im Grase
+Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.
+
+Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben,
+Was hier sich darbot und dem Blick erschien;
+Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen
+Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin.
+Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden
+Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden.
+
+Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken,
+Von all der Frühlingspracht ringsum im Land;
+Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,
+Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,
+Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,
+Eh', ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte.
+
+So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen.
+In's Schau'n versunken standen die drei Herrn
+Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,
+Den die Schaffhauser auch noch heute gern,
+Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen,
+Wenn's gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.
+
+Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte
+Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß,
+Daß auf der Straße etlich Reiter nahten,
+Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß,
+Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten
+Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.
+
+Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,
+Indessen einer aus dem Sattel sprang
+Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte,
+Daß weithin es und wohl vernehmlich klang:
+"Zur guten Stund' hab' ich Euch treffen müssen,
+Vieledler Freund! -- Laßt Euch denn froh begrüßen!"
+
+Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß
+Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,
+Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:
+"Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!"
+Dacht' häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen,
+Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!"
+
+"Erlaubet jedoch," dabei wies er auf die Freunde,
+"Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn'! --
+Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,
+Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn',
+Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,
+In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!"
+
+"Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen
+Von Allerheil'gen! -- Fromm, wie Keinen mehr
+Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern,
+Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.
+Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen,
+Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen."
+
+Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,
+Erwies es sich, daß der dem Namen nach
+Den beiden längst bekannt war als ein Ritter
+Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach
+Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben,
+Von dessen Richtagen an Höf' und Huben.
+
+So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich,
+Indessen Götz, der seine Pflicht gethan,
+Es, während jene mit einander sprachen,
+Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,
+Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken
+Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken.
+
+"Beim großen Gott im Münster!" fuhr es unwillkürlich
+Von seinen Lippen. "Seh' doch einer her,
+Welch' feine Waare unser Freund begleitet,
+Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär',
+So wir Schaffhauser haben zu empfangen
+Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!"
+
+"Müßt Euch den selber nehmen!" rief erfreut der Ritter,
+"Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?"
+Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:
+"Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß;
+Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,
+Die gern die Wang' ihm küssen nach der Reihe."
+
+In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten
+Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,
+Indessen jene, die er Else nannte,
+Von argen Zweifeln schier befangen schien,
+Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,
+Und man auch küssen thät in fremden Landen.
+
+Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend,
+Mit Lächeln an den Zelter hin und bat,
+So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine,
+Bis diese endlich ihm den Willen that,
+Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte
+Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte.
+
+Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren;
+Als er auch dieses, wie es heiße, frug,
+Gab es die Antwort: "Käth' werd' ich gerufen,
+Weil solchen Namen einst die Mutter trug!"
+Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen,
+Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.
+
+"Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist --"
+Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,
+""Und reisemüde;"" -- unterbrach der Schultheiß,
+""Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.
+Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,
+Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!""
+
+Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen
+Der Ritter gerne an, indeß im Schritt
+Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten
+Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt
+Auch sicher vor sich ging und nicht mocht' gleiten,
+Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten.
+
+"Herr Schultheiß!" ließ da bald ihr Vater sich vernehmen,
+"Was mich Euch treffen hieß so unverhofft,
+Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen,
+Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.
+Vermein' ich doch, 's dürft Euer Rath mir frommen,
+Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!"
+
+"Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren.
+Gott tröste sie und schenk' ihr Ruh im Grab!
+Die Arme ist zur selben Stund' verschieden,
+In welcher Käthen sie das Leben gab,
+Und hinterließ die Sorg' um ihre Pflege
+Dem Mann, der weder Wege kannt' noch Stege."
+
+"Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,
+Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie.
+Doch, Gott sei Lob! 's ging besser, als ich dachte;
+Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die,
+Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten
+Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten."
+
+"So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte,
+Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn,
+Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte,
+Daß mälig mir es für die Mägdlein schien,
+Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen;
+Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen."
+
+"Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte;
+Auch viel zu rüd' des Hauses Ingesind',
+Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen.
+Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,
+Wird täglich grämlicher in seinem Wesen
+Und hat schon Mühe, nur die Meß' zu lesen."
+
+"Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,
+So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand
+Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte,
+Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand
+Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden
+Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!"
+
+"All' dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken,
+Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,
+Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde,
+Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,
+Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket,
+Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!"
+
+"Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen,
+Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,
+Verhoffend, daß uns hier geholfen werde,
+Für meine Küchlein finde sich das Huhn,
+Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich,
+Die Mägdlein mir erziehen würd' gebührlich."
+
+"Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,
+Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer,
+Weßwegen ich's zur guten Stunde nannte,
+Als wir Euch trafen so von Ungefähr.
+Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle,
+Eh' einen Horst ich für die Meinen wähle!" --
+
+"Will überlegt sein!" nahm der Schultheiß nun die Rede,
+"Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!
+Für's Erste will es mir das Beste scheinen,
+Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort
+Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen
+Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen."
+
+"Bis dies geschehen, biet' ich gern mein Haus zur Herberg'
+So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt's an,
+Wie wir an jenem Abend, durchgefroren
+Und reisemüd' -- schon manchmal dacht' ich dran,
+Es ohne langes Zögern angenommen,
+Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!"
+
+"So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,
+Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt.
+Sie aber ward am Hof erzogen, während
+In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt
+Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg' sie gönnten,
+Solch' feiner Schulen sich berühmen könnten."
+
+Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen
+Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein
+Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,
+-- Sie schritten im Gespräche hinter drein, --
+Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,
+Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden.
+
+Eh' jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten,
+Sah'n schon am Thor sie sich und eingezwängt
+Von lautgeschwätz'gem Volk, das heimwärts strebte.
+Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt,
+Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker,
+Gelangte man auch bald zum "Herrenacker."
+
+Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas
+Vom Randenburger, nachdem sie noch fein
+Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen
+Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein
+Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken,
+Zum Willekomm' des werthen Gasts zu trinken.
+
+Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten
+Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus,
+Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.
+Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus,
+Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen
+Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.
+
+Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen,
+Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm,
+Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein
+Voll milder Freundlichkeit entgegen kam
+Und also herzig die Erstaunten grüßte,
+Als ob sie beide längst im Hause wüßte.
+
+Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste,
+Bei Tische, den Frau Hilda heut' im Saal
+Zu decken gut fand, wo, ohn' langes Zaudern,
+Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl,
+Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,
+Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. --
+
+Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.
+Es traten beide bei dem Schultheiß ein,
+da just die Nacht begann herauf zu dämmern,
+und nun im Saale blinkte Kerzenschein;
+doch trafen hier sie schon auch einen dritten,
+der längst als guter Hausfreund wohl gelitten.
+
+Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,
+Der in der Dämm'rung, wie er öfter that,
+Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte,
+Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat,
+Ein Stündlein oder zweie zu verweilen,
+Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. --
+
+Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale,
+Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein,
+Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,
+Hellroth erglühte, wie Rubinen fein.
+Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte,
+Weil dabei sich's gut lauschte und erzählte.
+
+Das Letzt're that denn auch der Ritter heute fleißig.
+Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,
+Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen.
+Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug
+Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,
+Indessen ihre Freundschaft er gefunden!
+
+Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen,
+Als, da der Ritter schwieg, er diese bat
+Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.
+Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath
+Und überlegten ernst, auf welche Frauen
+In diesem Falle wohl man könnte bauen.
+
+Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel
+Sie bald beschlichen, ob auch all' den Frau'n,
+So sich der Mägdlein anzunehmen willig,
+Die Fähigkeiten völlig zuzutrau'n?
+Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,
+Ließ eine dies, die andre jenes missen.
+
+Nach langem Sinnen war's der Propst, der endlich anhub:
+"Wie mich bedünkt, so handelt sich's nicht bloß
+Um eine Pflegerin für unser Pärlein,
+Das missen muß den warmen Mutterschooß;
+Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,
+Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!"
+
+Zum Abt sich wendend fuhr er fort: "Ich kenne eine;
+Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat
+Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden,
+Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,
+Daß weit und breit sich keine Schwester finde,
+Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!"
+
+"Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein,
+Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind!
+Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend
+In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind;
+Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren
+Mit Kindern, oder hörte besser lehren."
+
+"Wasmaßen nun, hochwürd'ger Herr und liebe Freunde,
+Des werthen Gastes Sache anbetrifft,
+So meine ichs: man sollte ohne Säumen
+Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift
+Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen,
+Auf daß in Obhut jener Nunn' sie kämen!"
+
+Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche;
+Doch weil derselbe noch zu denken schien,
+Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte:
+Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin
+Zu folgen; etwas Besseres zu finden,
+Würd' er nicht trauen sich zu unterwinden."
+
+Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,
+Zum Propst gewendet: "Euer Rath ist fein
+Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde!
+Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein
+Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten,
+Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten."
+
+Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen.
+Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt
+Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe;
+Es gehe dies nicht immer rund und glatt,
+Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,
+Vom gnäd'gen Willen ihrer Stadt abhingen.
+
+So war es mälig spät geworden und drum machten
+Die Freunde bald sich auf die Socken leis
+Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch
+Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß
+Versprechen müssen, in den nächsten Tagen
+Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. --
+
+Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,
+Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach.
+Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel
+Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,
+So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,
+In Farbenschein sich in den Saal ergossen.
+
+Da war's der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde,
+Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,
+-- Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,
+Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, --
+Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,
+Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte.
+
+Und einmal angefangen, glich's des Wildbachs Wellen,
+Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt,
+Vom Regen hochgeschwoll'nen Wasserfluthen,
+Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt';
+Als, mit dem Freund alleine, er erzählte,
+Was ihm sein Innerstes seit lange quälte.
+
+"Es war ein Unglück, Schultheiß," klangen herb die Worte,
+"Als ich zur Frauen mir die Base nahm.
+Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen,
+Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram.
+Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,
+War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.
+
+"Doch mußt' es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich
+Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück.
+Als hernach fein dem Thoren es erblühte,
+Erkannt' ich leider erst des Schicksals Tück',
+Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,
+Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!"
+
+"So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.
+Der Milde bar und holder Frauen Art,
+Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen,
+Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.
+Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich's meinte,
+Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte."
+
+"In gegenseit'gem Quälen, bis auf's Blut oft kränkend,
+-- Noch heute überläuft mich drob die Scham! --
+Verbitterten wir elend uns das Leben,
+Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm,
+Um drauß' im Forst, an gar zu bösen Tagen,
+Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen."
+
+"Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs,
+Die Fraue zu begüt'gen, ihren Stolz
+Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;
+Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz
+Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,
+Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!"
+
+"So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben,
+Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt,
+Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue
+Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt,
+In's strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,
+Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt'.
+
+"Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten,
+Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,
+Bis endlich, müde und zum Sterben willig,
+Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav',
+Der nahe dran, mit seinen eignen Händen,
+So jammervolles Dasein sich zu enden!"
+
+"Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,
+Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.
+Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,
+Als mir im Arm das zarte Wesen lag
+Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute,
+Mit klaren Aeuglein frisch in's Antlitz schaute."
+
+"Glückselig ob dem Anblick, wähnt' ich hoffnungsfreudig,
+Es ziehe Frieden nun in unser Haus.
+Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen
+Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;
+Eh' schien mir herber noch der Fraue Wesen,
+Als all' die Zeiten vorher es gewesen!"
+
+"Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben,
+Ließ sie gewähren, fügte mich und mied,
+Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,
+Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,
+Und zwar so jäh, daß ich's kaum glauben wollte,
+Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte."
+
+"Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine,
+Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht.
+Und doch, beim heil'gen Blut! ich meint' es ehrlich;
+Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht:
+Ein' gute Heimstatt Glück und Frieden finden,
+Wo sich in Lieb' der Menschen Herzen binden!"
+
+"Nun aber," schloß er, "laßt mich um Verzeihung bitten,
+Weil ich es wagte treuem Freund so lang
+Die Ruh' zu rauben. Freilich weiß ich selber
+Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,
+Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle,
+Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele." --
+
+Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß
+Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war.
+Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen.
+Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar
+Und hätte damals, meinte er, geschworen,
+Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren.
+
+Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,
+Auch wohl so großes Unrecht nicht drin' fand,
+Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte
+Und wahre Neigung nicht die Herzen band --
+Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden:
+Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.
+
+Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden
+Und auf dem Leuchter brannt' das Wachslicht tief,
+Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben --
+Und Letzt'rer leise einem Knechtlein rief,
+Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren,
+Den müden Herrn in's Schlafgemach zu führen.
+
+Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe.
+Seit Jahren schon geheimen Künsten hold,
+Wollt' eine Tinktur er noch schnell erproben,
+Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,
+Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. --
+Heut' ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. -- --
+
+Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen.
+Er ging in's Stift, um für die Mägdlein dort
+Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;
+Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort,
+Der besser, als Agnesenkloster passe,
+In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.
+
+Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen,
+Welch' ein Gewinn für's Stift es dürfte sein,
+Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein
+Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;
+Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen
+Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.
+
+Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte,
+Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath
+Der Herren etzlich gern es sehen würden,
+Wenn sie entschließe sich zur guten That;
+Auch schon im Voraus drüber einig wären,
+Dem Stift das nöth'ge Placet zu gewähren.
+
+Auf solches Winken aber gab's nur eine Antwort.
+Und so erklärte sie gar grämlich: sie
+Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;
+Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie
+Es anzufangen und was zu geschehen,
+Da sich das Stift solch' Gästen unversehen.
+
+Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe.
+Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau,
+Sich vorerst mit der Kusterin bereden;
+Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau',
+So würden sicherlich sie nichts vermissen,
+Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.
+
+Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,
+Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.
+Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene,
+Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor
+Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen,
+Die Dame abberief zum Vespersingen. --
+
+Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen
+Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst
+Nicht allzusehr auf's Spiel zu setzen. Ist's doch
+Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst,
+Sich im Erzählen weise zu beschränken,
+Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. --
+
+ * * *
+
+Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,
+Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam,
+Im blassen Angesichte Thränenspuren,
+Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram,
+Gab's Frida Anlaß, voller Spott zu fragen,
+Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen.
+
+Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,
+Wie es sich schickte, nach den Gästen frug,
+Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,
+Gleich einem Funken, der in's Pulver schlug,
+Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute,
+Weil selten noch so bös sie jene schaute.
+
+"Bei Eurer Mutter selig, tröst' sie Gott, die Gute!"
+Hub lärmend Frida an, "da war der Brauch,
+Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;
+Es hatte aber dann der Kaplan auch
+Nicht leerem Kirchlein eine Meß' zu lesen,
+Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!"
+
+"Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,
+Drin' Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;
+Hat man genug, geht's, ohne Abschiedsnehmen,
+In aller Still' bei Nacht und Nebel fort.
+Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet,
+Da bleiben halt die Männer ungestrählet!"
+
+"Ein B'hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet,
+Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal
+Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! --
+Hi, hi! Ich mein', es sollte seine Wahl,
+Will einer nicht um andrer Schulden büßen,
+Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!" --
+
+"Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer,
+Der unverhofftem Glücke plötzlich nah --"
+Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,
+Denn in den blauen Augen Elsbeths sah
+Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte,
+Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.
+
+Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,
+Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug,
+Weßwegen denn der Strom so jach versiegte,
+Der eben noch gar hohe Wellen schlug;
+Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,
+Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.
+
+Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein
+Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß,
+So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin
+Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß,
+Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen,
+Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen.
+
+Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen,
+Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund;
+Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb' zu Grabe,
+Versenkte tief sie in der Seele Grund;
+Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,
+Gelobte sich die Maid mit festem Willen. --
+
+Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied
+Von Fräulein Adelgunden manches Wort
+Von Männertreu' und Aehnlichem zu hören,
+Das kränkend sich in ihre Seele bohrt',
+Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen,
+Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.
+
+Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand
+Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern
+Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,
+Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;
+Vom Weinen müd', ersehnte sie den Morgen,
+Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen.
+
+Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.
+Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied
+Der Herrin Stimme man nur selten hörte,
+Wie auch, daß sie die allzulauten mied,
+Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;
+Zu fragen -- mochte Niemand sich erdreisten.
+
+Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder,
+Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang
+"Agnoscat omne saeculum" anstimmte,
+Und glockenhelle aus der Brust es klang,
+Als ob die Seele, frei von ird'schem Ringen,
+Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.
+
+Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte
+Und, fern aus Süd', der Frühling näher kam,
+In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend,
+War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;
+Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen
+Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen.
+
+Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder
+Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug,
+Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen,
+Drin' sie, wie früher, nach den Armen frug,
+Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden,
+Bresthaften Hör'gen Speis und Trank zu spenden.
+
+War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.
+Für jedes hatte sie ein freundlich Wort;
+Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen,
+Denn eher ließen jene sie nicht fort,
+Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,
+Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.
+
+Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein
+Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß,
+Es heißt der Platz noch jetzt "des Herren Bänklein,"
+Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas
+Im Thal des Reiches Straße observirte,
+So schon zur Römerzeit im Gau fortführte.
+
+Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig
+Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun:
+Daß dem alleine es nur sei beschieden,
+In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,
+Der, klüglich wählend, ird'schem Glück entsage,
+Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.
+
+Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,
+Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach
+Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte,
+Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?
+Mußt' sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen,
+Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? --
+
+Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte,
+Erhoffte Gottergebnen Sinn's die Maid
+Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte,
+Nicht endete in bitterm Herzeleid;
+Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen,
+War nun der Frommen einziges Verlangen.
+
+Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.
+Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah',
+Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,
+Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,
+Des Schlosses Thürme hinter sich versinken,
+Die letzten Grüße noch zum Abschied winken.
+
+Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,
+Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,
+Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke
+Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt;
+Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen
+Die Scheidende sich an den Vater lehnen.
+
+Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte
+Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh'
+Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte,
+Sich nicht zu überlassen solchem Weh',
+Da einer Heimat auf der Spur sie wäre,
+Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.
+
+Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,
+Ging's dann auf müden Rossen allgemach
+Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.
+Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach
+Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,
+Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen.
+
+Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize
+In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.
+Des Vaters Bruder hatte, weil er damals
+Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,
+Schon vorher dafür Sorge tragen müssen,
+Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen.
+
+Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen
+Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ,
+Es ward ihr Seelgerett', dem Stift zu eigen
+Auf ew'ge Zeiten, wie's im Briefe hieß;
+Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,
+Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. --
+
+Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,
+Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,
+Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet,
+Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;
+Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,
+War es das Heimweh, was sie leise plagte.
+
+Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:
+Sie widmete als Nonne nun ihr Thun
+Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;
+Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn,
+Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,
+Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen.
+
+Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,
+Indeß sie selber täglich im Vertrau'n
+Der Ob'rin zugenommen, so daß diese
+Der Schwester, als der Klügsten von den Frau'n
+Im Stifte, das Amt der Kust'rin übertragen,
+Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. --
+
+Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,
+Baut jeder sich noch eine eigne drin',
+Gestaltend sie nach seinem besten Können,
+Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn.
+Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G'leise
+Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.
+
+So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer,
+In welches selten mal die Sonne schien,
+War ihre Welt in der sie, emsig waltend,
+Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.
+Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden
+Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.
+
+Und doch -- ein wunschlos Glück war's nicht, was ihr erblühte.
+Wer dürft' auch rühmen, daß ihm dies gelacht
+Nur eines Tages kurz gemess'ne Stunde?
+Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,
+Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,
+Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? --
+
+Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,
+Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,
+Das aber immer, wenn der Burger Kindlein
+Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht
+Durch's Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,
+Von neuem nahm der Kust'rin Sinn gefangen.
+
+Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten
+Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal
+Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,
+Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;
+Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen
+Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.
+
+Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,
+Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb
+Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,
+Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,
+Sie hold umwob im angebornen Sehnen,
+An Kindesherz das eigene zu lehnen.
+
+Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,
+Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.
+Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch
+Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,
+Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,
+Durch's enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. -- --
+
+Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,
+Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,
+Schon früh am Morgen bei der Ob'rin eintrat
+Und diese ihr alsbald von ihrer Noth
+Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,
+Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.
+
+Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen
+Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,
+Bei sich im Haus solch' junges Blut zu dulden,
+So wäre sie am Ende auch dabei,
+Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,
+Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.
+
+Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,
+Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,
+Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,
+-- Des Ritters Name wurde nicht genannt, --
+Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,
+Drin' gute Ordnung sie nicht länger missen.
+
+Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein
+In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort
+Gefunden habe, als ihr armes Kloster;
+Er hätte gestern drum in einem fort
+Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,
+Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.
+
+Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten
+Und wär' zu alt. Zum andern aber klar,
+Daß von den Schwestern allen nur der Kust'rin
+Man anvertrauen könnt' das Mägdleinpaar,
+Weil sie der wen'gen eine sei im Kloster,
+Die mehr verstünde, als das Pater noster.
+
+Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden
+Und zu dem Custosamte auch die Pflicht
+Der Pflegerin zu fügen -- wär's zu schätzen.
+Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;
+Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage
+Zu wissen, was die Schwester dazu sage.
+
+Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,
+Der Schwester ging's verloren. Hold bethört
+Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es
+Die Ueberraschte kaum, was sie gehört
+Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen
+Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen.
+
+Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,
+Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.
+Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,
+Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,
+Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen,
+Der Himmelskönigin den Dank zu bringen.
+
+Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten,
+Der Sand an jenem Tage langsam nur,
+Es wollt' nicht Abend werden und der Morgen
+Fand von durchwachter Nacht die Spur,
+Als früh zur Ob'rin, die noch tief im Bette,
+Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.
+
+Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,
+Gab auf Befragen sie der "Mutter" kund,
+Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen,
+Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und
+Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes' Ehren,
+Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren.
+
+Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin
+Der Schwester Worten, in Gedanken schon
+Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater
+Vergaben dürfte, als verdienten Lohn
+Für Sorg' und Mühen, die dem Stifte würden,
+Solch' ungewohnte Last sich aufzubürden.
+
+Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,
+Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust'rin auf
+Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,
+Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf
+Des Tages kämen, Antwort zu verlangen,
+Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.
+
+Voll freudigen Gehorsam's neigte sich die Gute;
+Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein
+Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester
+Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,
+Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten,
+In trauter Ordnung Alles finden sollten. --
+
+ * * *
+
+Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,
+Als laut die Glocke klang am Klosterthor,
+So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen,
+Ihr letztes Bischen Athem fast verlor
+Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,
+Wer allso heftig sich zu klingeln traute. --
+
+Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester,
+Wie ihr die Kusterin heut früh befahl,
+Ohn' lang zu fragen, Einlaß nun gewährte,
+Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal
+Und da in Gnaden etwas zu verweilen;
+Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.
+
+Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester
+Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur,
+Deß' graue Wände alte Bilder zierten,
+Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur,
+Und überschritten eines Saales Schwellen,
+Der fern lag Refectorium und Zellen.
+
+Es war ein öd' Gemach, doch ließen ein paar Fenster
+Die Sonne ein und Duft von frischem Grün,
+Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte,
+In welchem, lärmend, etlich' Spatzen kühn
+Und übermüthig nah' den Fenstern jagten,
+Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.
+
+Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein
+Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand
+Des Weges badend, laut sich unterhielten,
+Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand,
+Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,
+Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.
+
+Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,
+Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,
+Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,
+Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,
+Die Frommen sicher dort im Beten störte,
+Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte.
+
+Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,
+Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,
+So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,
+Daß, weilen die "Frau Mutter" krank und schwach
+Sich fühle, es der Kust'rin Amt gebühre,
+Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe.
+
+Dies sagend huschte sie davon, der Schwester
+Es anzumelden, daß die Mägdlein da.
+Der Ritter harrte also guter Laune,
+Da schon versorgt er seine Kindlein sah;
+Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen,
+Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.
+
+Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,
+Ob der verwegnen, unbefugten That,
+Vernahmen seine Ohren leise Schritte.
+Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht',
+Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,
+Geliebten Namen seine Lippen nennen. --
+
+War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel?
+In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,
+Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,
+Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,
+Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,
+Erinnerung an sel'ge Zeiten weckte.
+
+Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust'rin,
+Als, nahgetreten, sie die Blicke hob
+Und in dem Harrenden den Mann erkannte,
+Der einst in ihre Träume sich verwob,
+Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,
+Auf lange hin den süßen Frieden raubte.
+
+Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;
+Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,
+Daß nah' dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,
+Nahm jetzt die Reue jählings überhand,
+Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,
+Der ihre Ruhe konnte untergraben.
+
+In einer Sturmflut überquellender Gefühle
+Gedachte sie voll Wehmuth all' der Zeit,
+Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.
+Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,
+Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen
+Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.
+
+Nun zog auf's neue ihr ein schneidend Weh durch's Herze
+Bei der Erinnerung, was sie empfand,
+Als ihre Liebe sie betrogen wußte
+Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,
+Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,
+Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.
+
+Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke
+Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,
+Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,
+Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,
+Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte
+Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.
+
+Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten
+Um all' das Leid, das er ihr angethan.
+Es regte leise sich im Herzen etwas
+Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;
+Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer
+Mag zwar erblassen -- ganz erlischt er nimmer! --
+
+Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,
+Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,
+Ward zur Verräth'rin dessen, was sie fühlte,
+Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,
+Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,
+Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.
+
+Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten
+Und seinem Mund entfuhr's: "Ach, Elsbeth, kennt
+Von eh'dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?
+Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt
+Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,
+Obgleich ich's meiden mußte, kaum gefunden!"
+
+Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,
+Die mit des Wiedersehens Freude rang,
+Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder
+Der Holden Stimme in den Ohren klang,
+In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,
+Als ob auf Küssaburg er heut' noch büßte.
+
+Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,
+Versah's die Kust'rin; fromm den Blick gesenkt,
+Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände
+Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,
+So daß der Stürm'sche sich besinnen mußte,
+Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.
+
+Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.
+Es wollt' ihn reuen, seiner Freude jach
+Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,
+Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach
+Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,
+Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.
+
+Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte
+Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund.
+'s war eigentlich mehr eine Beichte, in der
+Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund
+Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,
+Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend.
+
+Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte
+Es nicht mehr glatt vom Munde; 's ward ihm schwer,
+Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.
+Er drehte drum die Worte hin und her,
+In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,
+Von ihm zu nehmen solch' ein Angebinde.
+
+Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes
+In's Antlitz ihm so traut und seelengut,
+Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte
+Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,
+Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien,
+Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.
+
+Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.
+Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt',
+Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen?
+Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,
+Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen:
+Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen?
+
+Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen,
+Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern
+Am Morgenhimmel, mälig blasser worden,
+Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,
+Wenn in des Herzens innersten Verstecken,
+Die Kindlein längst Vergang'nes wieder wecken?
+
+In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung
+Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt
+Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte,
+Geheftet ruhn, als wären sie gebannt,
+Indessen ein Verlangen ihm erwachte,
+Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte.
+
+Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;
+Es wies sein Wort auf jene Tage hin,
+Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte,
+Eh' ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn
+Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden
+Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.
+
+"Mir wurde Strafe und ich büßte strenge," sprach er,
+"Für das, was ich in Minneschuld verbrach;
+Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, --
+Das einzige, was meiner Hoffnung Bach
+Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, --
+Kann Liebe nicht sich Lieb' zurück gewinnen?"
+
+"Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!
+Heut' sehet Ihr den Mann um jene Schuld
+Vergebung bitten in dem festen Glauben,
+Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld,
+So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,
+An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte." --
+
+Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;
+Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht.
+Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,
+Was sie erinnert' an Gelübd' und Pflicht,
+Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören,
+Daß sie nicht floh, statt solcher Red' zu hören.
+
+Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,
+Erflehete von Gott die Arme Kraft,
+Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,
+Die Seele falle in der Sünde Haft, --
+Indessen doch, in seligem Berauschen,
+Sie's heimlich zwang -- dem lieben Mann zu lauschen.
+
+Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken,
+In das gewiegt sie seiner Worte Gift,
+War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.
+Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift,
+Der Welt und allem Irdischen gestorben,
+Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.
+
+Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:
+"Es stünd' mir übel, was ich selbst verlor,
+Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,
+Gleich einem alten, aberwitz'gen Thor.
+Doch schwör' ich, daß in all' den Jahren, Tagen,
+Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!"
+
+"Und so ist's wahr! An dieses eine Bild zu denken,
+Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf's Qual,
+Die Jahre durch mir an der Seele nagte,
+Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,
+Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen,
+Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!"
+
+""O, haltet ein, Herr!"" bebten da der Kust'rin Lippen
+So leise, daß es kaum zu hören war,
+Indessen schön, wie blitzende Demanten,
+Auf ihren Wangen perlten Thränen klar,
+Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,
+Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.
+
+Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen,
+Nicht weiter anzuhören, was er sprach;
+Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.
+Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach
+In's Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,
+Die in Versuchung so die Seele brachte.
+
+Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte,
+Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,
+Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen:
+"Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? -- Sprecht,
+Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen,
+Daß ihm das Glück erscheint, und er's will fassen?"
+
+"Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort's vergessend,
+Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,
+Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,
+Dem übervollen Herzen Worte leiht,
+Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen,
+Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!"
+
+"Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte
+Zu Euch zurück! -- O, Elsbeth, saget an:
+Gelang's Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,
+Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? --
+Ich kann's nicht glauben -- drum erlaub' dem Zagen,
+Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!" --
+
+In Todesängsten bebend, aber hingerissen
+Von seiner Worte zärtlicher Gewalt,
+Hob die Gequälte da die Sonnenblicke,
+Doch nicht zu ihm, deß' Antlitz freudig strahlt, --
+Nein, 's galt dem Christusbild im güldnen Rahmen,
+Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.
+
+Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:
+"Du schweigst, Elisabeth? -- O, sag' nicht nein! --
+Laß' Dir das Herz von meiner Liebe rühren! --
+Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei'n. --
+Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,
+Die ihre Liebe über Alles setzte! --
+
+Es war genug. "Herr!" sagte sie, ihn ernst verweisend,
+Schon allzulange hab' ich Euch gelauscht;
+Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,
+Die ihre Welt an einen Ort getauscht,
+Wo das Gedenken an verwehte Träume
+Verunheiligt die Gott geweihten Räume!"
+
+"Verwehte Träume!" rief er da, ihr näher tretend,
+"Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,
+Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe
+Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? --
+Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,
+Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!"
+
+Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,
+Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;
+Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,
+Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:
+"Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;
+Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!"
+
+"Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,
+Wer je erfahren mußt', was beide werth!
+In Gott allein und treuem Pflichterfüllen
+Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;
+Noch mehr zu wollen -- ich fühl' kein Verlangen.
+Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!"
+
+Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;
+Er legte sacht' die Hand auf ihren Arm
+Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,
+Daß leicht sein Odem sie berührte warm:
+Sprach auch das Herz so, Elsbeth? -- Sag' mir offen,
+War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?" --
+
+"Dem meinen ging es anders! Konnt' es nimmer zwingen,
+Nur einen Tag, ja, nur minutenlang
+Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe
+Lag nie im Banne leid'ger Pflichten Zwang,
+Und -- Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,
+Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!"
+
+"Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,
+So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;
+Und sie ist's, die vereint mit Glauben, Hoffen,
+Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. --
+Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,
+Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?"
+
+"O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,
+Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,
+Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! --
+Komm', sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!
+Mein guter Engel! -- meine Königinne,
+Der allzeit unterthan ich treu in Minne!"....
+
+Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt
+Von seines Herzens minneheißem Drang,
+Auf's Knie gesunken vor der arg Erschreckten,
+Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,
+Die Zagende allendlich zu gewinnen,
+Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.
+
+Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden
+Bestürmender Gefühle Allgewalt,
+Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken,
+Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,
+Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie'te,
+In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. --
+
+In sich verloren und voll sel'ger Lust erschauernd,
+Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt',
+Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele
+Geschäftig sich das Glück der Liebe malt'
+In lichten Farben und so lenzeshelle,
+Wie's nur vermag erregten Herzens Welle.
+
+Doch rasch versank das Bild. Todtbitt're Wehmuth füllte
+Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,
+Welch' weite Kluft sie von dem Manne trenne,
+Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,
+Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,
+Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren.
+
+Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden
+Und dem gehören, der ihr Trost gesandt,
+Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling,
+Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand.
+Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,
+Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.
+
+Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,
+Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß,
+Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,
+Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß,
+Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,
+Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. --
+
+"Herr Ritter!" klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,
+"Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,
+Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben;
+Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,
+Würd' ruchbar werden es der Schwestern Ohren,
+Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!"
+
+"Euch hier zu sehen, hab' ich allweg nicht vermuthet,
+Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt,
+So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen
+Mir allso vorzutragen Euch erspart.
+Steht darum auf -- die aber lasset gehen,
+So Anderm zu begegnen sich versehen!"
+
+Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,
+Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach
+Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre,
+Da scholl ein silbern Lachen durch's Gemach
+So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte
+Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. --
+
+Sieh' dort! In kind'scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend,
+Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar,
+Die purpurn angehauchten Sammetwangen
+Licht überwallt von goldigblondem Haar,
+Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,
+Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute.
+
+Es war des Ritters Paar, das, müd' des Spielens draußen,
+Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat.
+Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,
+Daß ihretwegen er die Reise that,
+Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen,
+Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen;
+
+Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,
+Wie einem der verurtheilt war zum Tod,
+Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;
+Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,
+In welche ihn sein Minnewerben brachte,
+Als er an sich, statt an die Seinen dachte.
+
+Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen
+Und sank, eh' noch die Kust'rin wehren konnt',
+Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen,
+Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt,
+Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht' gelingen,
+Durch ihre stumme Sprache zu erringen.
+
+"Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen --"
+So hörte leise man den Stolzen flehn,
+"Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten,
+Welch' schwerer Schuld der Vater sich versehn!
+Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen
+Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen." --
+
+Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,
+Es bot Gewährung deß', was er begehrt'.
+Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,
+Das Antlitz einem Engel gleich verklärt,
+Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend
+Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend.
+
+Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen,
+Als es die Gruppe hier im Saale war:
+In süßem Selbstvergessen knie'te Elsbeth
+Froh bei den Schüchternen und strich das Haar
+Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen,
+Um stets auf's Neue Gruß und Kuß zu spenden.
+
+Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends,
+Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,
+Und machte Platz ergötzlichem Verwundern,
+Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach,
+Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern
+Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.
+
+Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen,
+Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt',
+Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,
+Auf's Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,
+Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,
+Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen.
+
+Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;
+Er stand, die feuchten Blicke unverwandt
+Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken,
+Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt.
+Was er ersehnte sich in manchen Stunden,
+Hier war es unverhofft und reich gefunden.
+
+Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien's entflohen;
+Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild,
+Da Menschenglück und sel'ger Herzensfrieden
+Nicht länger sehnender Gedanken Bild.
+Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte
+Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. --
+
+Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte,
+Denn, als die Kusterin, an jeder Hand
+Der Mägdlein ein's, sich auch erhoben hatte
+Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,
+Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,
+So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.
+
+Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,
+Bat er, -- nicht darauf achtend, welche Qual
+Ihr sein erneutes Werben machte -- leise
+Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;
+Indessen wie demüthig er auch flehte --
+Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä'te.
+
+"Herr!" war die Antwort "laßt mich dem, dem ich geschworen!
+Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt;
+Denn, freudig fühlt es meine Seele heute,
+Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt,
+Was er an Seligkeit nur konnte geben:
+Es ist das Glück -- für andrer Wohl zu leben!"
+
+"Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen,
+Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an
+In seinem Namen. Ich will für sie sorgen,
+Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha'n;
+Auch, was ich weiß, 's ist nicht viel, beiden lehren
+Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!" --
+
+Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden
+Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,
+Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte,
+Die jetzt so edel ihm entgegen kam;
+Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,
+Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.
+
+Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen,
+Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,
+Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben,
+Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel'gen viel;
+Auch wollte sie die Leckermäulchen laben
+Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben.
+
+Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein,
+Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!
+Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;
+Denn wie aus einem Munde klang ihr "Ja!"
+Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:
+Ob hier zu bleiben ihnen es behage?
+
+Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute
+Herrn Kuonrad zu und bat, wie's schien in Hast,
+Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte:
+"Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast
+Bis morgen; trau'n, sie sollen nichts vermissen,
+Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!"
+
+"Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen
+Und nach zu schau'n, wie es den Holden geht.
+Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,
+Eu'r Einverständniß vorgesehn! so steht
+Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln,
+Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln."
+
+Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater
+"B'hüet Gott!" zu nehmen, bis zum nächsten Tag,
+Indeß' auch sie zum Abschied sich verneigte.
+Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag
+Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten,
+Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.
+
+Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange,
+Eh' sich der Stolze nach und nach besann
+Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend,
+Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann,
+Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,
+Wie's um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen.
+
+Daß jedoch in der Kust'rin ihm die Maid begegnet',
+Die seiner Liebe einzig Sehnen war,
+Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich
+Den Freunden gegenüber, ganz und gar,
+Da, sich die Holde wieder zu erringen,
+Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. -- --
+
+Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,
+Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ,
+War's, statt der Kusterin, die Ob'rin selber,
+Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß,
+Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen,
+Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen.
+
+Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung,
+Es thue Noth, die beiden zu erziehn,
+Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen,
+Des Klosters Armuth und wies darauf hin,
+Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen,
+Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten.
+
+Herr Kuonrad merkte sich's; denn als nun doch die Dame
+Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift
+Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,
+Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift',
+Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,
+Als seine Kinder zu St. Agnes seien.
+
+Die Ob'rin war's zufrieden; aber nicht er selber,
+Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,
+Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte,
+Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn
+Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen,
+Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.
+
+Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich
+Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,
+Mit schwerem Herzen, all' sein Hoffen bettend
+Zu ew'gem Schlummer in der Seele Sarg;
+Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben,
+In guter Hand zu wissen seine Lieben.
+
+So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel
+Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert';
+Was sie ersehnt', in trüben Augenblicken
+Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt,
+Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,
+Der, sich zum Schaden, ihr die Treu' gebrochen.
+
+Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,
+Erinn'rung schlummernde Gedanken wach,
+Die sie gestorben glaubte, malte Bilder
+Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach
+Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen
+Jed' ander Denken aus dem Sinn der Reinen.
+
+Stets frohen Muthes waltete sie all' der Pflichten,
+Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt;
+Gab's mal zu rügen die oftmals zu Losen,
+War bloß der Mund es, der sie schmält',
+Mit mildem Worte wußt' das Herz zu rühren,
+Statt scharf und streng das Regiment zu führen.
+
+Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,
+Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht,
+So auch gediehen unter Elsbeths Pflege
+Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth;
+In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,
+Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.
+
+Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen
+So manche, die auch Mägdlein eigen nannt',
+Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte,
+Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt',
+Und diese baten, jenen doch zu lehren,
+Was selbst zu wissen leider sie entbehren.
+
+Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern
+Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut
+Auf solche Weise zunahm, sah sie selber
+In all' den Pfleglingen, die man zur Hut
+Ihr anvertraute, einen reichen Garten
+Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten.
+
+Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe,
+Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar
+Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,
+So daß der Guten bald zu Muthe war,
+Als hätte ihr der Himmel schon hienieden
+Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. --
+
+Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein,
+Bis daß im Stift sich eine Schule schuf,
+In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,
+Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf
+Sich widmete, mit Liebe stets beflissen
+Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. --
+
+Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,
+Das "Gotteli von Küssaberg" genannt;
+Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,
+Der noch im Kletgau überall bekannt,
+Das wird dem Leser nun von selber kommen:
+Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen!
+
+ * * *
+
+Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,
+Kein Krenzlein oder Grabstein weis't den Ort;
+Wär' auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,
+Denn länger lebt im Wort des Liedes fort,
+Was sich im Leben treu und ächt erwiesen,
+Als was -- in Gold auf Marmorstein gepriesen.
+
+Anmerkungen.
+Seite 16. "Heer" -- Pfarrherr, Seelsorger.
+" 19. "Pfeitlein" -- Hemdlein.
+" 26. "'ring, g'ring," -- leicht, ohne Mühe.
+" 64. "hön" -- grollen, böse sein.
+" 65. "Seelgerett'" -- für das Heil der Seele nach dem Tode.
+" 68. "Sankt Vrenen Tag" -- in Zurzach der 1. September.
+" 68. "kuomli" -- angenehm, bequem.
+" 87. "Zindal," "Palmat," "Saben" -- die ersten beiden Seidenstoffe,
+ das letztere Linnen.
+" 88. "hornin Noster" -- zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur
+ (Rosenkranz.)
+" 88. "Hel'gen" -- Bilder, Heiligenbilder.
+" 91. "Niftel" -- Nichte.
+" 108. "Wannen" -- aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum
+ Getreidereinigen.
+" 117. "Kulter," "Pflumit" -- Polster, Bettpfühl, Federkissen.
+" 134. "Nägelein" -- Gewürznelken.
+" 175. "batten" -- helfen.
+" 198. "stat" -- langsam.
+" 213. "wäger" -- wahrlich.
+" 214. "Urständ" -- Auferstehung.
+" 231. "Göller"-- ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück.
+" 250. "Lächen" -- Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen.
+" 251. "Mauchen" -- früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter
+ Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern,
+ Hintersässen.
+
+Seite 252. "Wat" -- mittelalterlicher Ausdruck für Anzug.
+" 260. "Richtagen" -- Reichthümer.
+" 260. "Huben," "Hube" -- Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart.
+" 266. "Herrenacker" -- in Schaffhausen der Hauptplatz.
+" 277. "Schrättlein" -- Alpdrücken.
+" 313. "Gotteli" -- Verkleinerung von "Gotte," in Süddeutschland und
+ der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder
+ ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by
+Karl Friedrich Würtenberger
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG ***
+
+***** This file should be named 38930-8.txt or 38930-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/
+
+Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net>
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.