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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:11:30 -0700 |
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Russische Staatspapiere. +1889. + + +Alle Rechte vorbehalten. + +Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt. +St.-Petersburg, den 14. December 1888. + + +Meiner herzlieben Heimat +zum freundlichen Andenken. + + +Erstes Kapitel. + +Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden, +Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut, +Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau’s, +Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut; +Vom Tann’ bekränzt, von Eppich übersponnen — +Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. — + +Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste, +Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest; +Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe +Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest. +Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen, +Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen. + +Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen, +Ein hundert Jahre alter Epheukranz, +Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern, +Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz; +Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen, +Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen. + +Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken +Verwehren neidisch des Besuchers Fuß +Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen, +Die weithin winken ihren goldnen Gruß. +Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel +Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel. + +Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben, +Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum +Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen, +Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; — +Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen, +Die beide noch mit festen Mauern prangen. + +So liegt die Stätte heute stille und verlassen, +Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost. +Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen +Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost +Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen, +Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. — + +Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen. +Hoch überm Thore prangt das Wappenschild +Der alten Küssaberger steingemeißelt; +Sie führten eines Löwen Haupt als Bild. +In braungetäfelten Gemächern waltet +Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet. + +Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen, +Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn. +Muß immerdar der holden Herrin denken, +So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin; +Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren, +Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren. + +Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte +Und was es war, das mich zum Singen zwang. +Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung +Mein Küssaburg zu weihen im Gesang, +Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen; +Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. — + + * * * + +Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend +An einem Julitage, wie gewohnt, +Hinunter auf die Rebenhänge blickend, +Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont, +In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten, +Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten. + +So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend, +Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein, +Erhoben sich die Blicke mälig höher, +Weit über waldgekrönte Hügelreihn, +Bis wo, als ob im Duste sie verblauten, +Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten. + +Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke +In selten klarem, wundervollem Glanz; +Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc — +Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz. +Es war, als schmückte den uralten Firnen +Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen. + +Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura +In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort, +Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe +Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort. +Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen, +War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel“ zu schauen. + +Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus +Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß +Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen, +Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. — +Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde, +Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde! + +Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks; +In vollen Zügen trank ich Waldesduft, +Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt. +Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft, +Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen, +Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! — + +Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren, +Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein; +Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen +Wie unsereines hier im Sonnenschein. +Es waren darum gar nicht schlecht berathen, +Die einst dahier sich häuslich niederthaten. + +Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes? +Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann? +That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte, +Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? — +So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen, +Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. — + +Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten; +Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick. +Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken, +Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick; +Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben, +Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — — + +Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen, +In deren Fenstern Laden anstatt Glas, +— Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen, +Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, — +Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden, +Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen. + +Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried, +Wie üblich seines Herren Wohngemach +In sichrer Höhe bergend, von wo weiter +Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach +Zur Laube führte, die den Thurm umspannte, +Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg“ wandte. + +Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle, +Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank, +In welcher fahrendem Gesind zuweilen +Man Obdach bot und Speis’ und Trank. +Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite, +Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite. + +Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen +Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft; +Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel +Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft. +Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen, +Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen. + +Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse; +Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt, +Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten, +War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt, +Der Stall und die Gelasse für die Leute, +Ein Falkenhaus und eines für die Meute. + +So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen. +Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr, +Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute +Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr; +Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern, +Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — — + +Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag +Da nahte ihr gemach ein junger Mann, +Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte, +Das langsam fürbas seine Schritte spann. +Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter, +Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter. + +In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein, +Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß +Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte, +Denn heute schien die Sonne gar so heiß; +Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen, +Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen. + +Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte, +Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt, +Verriethen leicht den adeligen Herren, +Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt. +Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken, +Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken. + +Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde +Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn, +Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten. +Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn, +Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben, +Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben. + +Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte +Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt, +Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend, +Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’. +Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen, +Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen. + +Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben. +Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt +Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren. +Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd; +Dem ersteren, er mußte flink sich rühren, +Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. — + +Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne +Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt, +War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert. +Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt, +Sah Zehentgarben seine Bauern bringen; +Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen. + +Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte, +Bemerkte man von ungeübter Hand +Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben, +Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand. +Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken, +Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken. + +Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben, +Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft, +Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang +Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft; +Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend, +Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend. + +Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte, +War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch. +An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen, +Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch; +In einer Ecke sah man Füße prangen +Von einem Bette, das jedoch verhangen. + +Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache +Die andre Seite fast zur Hälfte ein +Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte, +Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein; +Denn „Greif“ und „Pfeil“, des Vogtes Lieblingshunde, +Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde. + +Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen, +Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht, +Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen +Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht. +Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen, +In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. — + +Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen +Und stemmte dann die Hände auf den Tisch, +Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend. +Nun er so da stand, seine Wangen frisch +Geröthet und noch dichten, blonden Haaren, +War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren. + +Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen, +In denen Schalkheit sich mit Güte paart’. +Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte +Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart, +In welchem sich, bei näherem Betrachten, +Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. — + +Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken, +Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’, +In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde, +Denn wie aus einem Munde klang es laut: +„Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!“ +„„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...““ + +Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten, +Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’, +Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte, +Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’ +Das Zimmer, ohne weiteres versäumen, +Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen. + +Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte, +Zog selbst der Junker eine Fensterbank +Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder, +Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank, +Ein Gläslein vom Gesims herunter langte, +Vor dessen Größe heute manchem bangte. + +Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren, +Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach: +„Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!“ +Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach +Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren, +Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren. + +Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte, +Litt dies der Junker nicht; er meinte fein: +„Laßt mich erzählen, warum ich gekommen, +Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!“ +Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen, +War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. — + +„Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen,“ — +Hob frisch der Junker an, „bei Eurem Herrn, +Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen, +Und ich gab wahrlich Euch die Zusag’ gern; +Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt’ halten, +Verdanken wir des Bischofs klugem Walten.“ + +„Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich +Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich; +Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen, +Wo beide Parten scheuen den Vergleich, — +Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen, +Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen.“ + +„Ihr wisset, wie ich denke kommt’s mir auch vom Munde. +Zwar schafft’ ich dadurch mir so manchen Span, +Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre, +Hätt’ ich der Zungen nicht den Lauf gela’n. +Ja, klug ist’s schon zur rechten Zeit zu schweigen, +Möcht’ nur die Unzeit sich im Voraus zeigen! + +„So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche, +Den im Konzil sie über Huß gefällt. +Es war dem Manne frei Geleit versprochen; +Doch, wie man Oben das Versprechen hält, +Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen; +Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!“ + +„An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln, +So dachte ich in gradem, biedrem Sinn; +Drum konnt’ den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen +Und, offenherzig, wie ich einmal bin, +Bekannt’ ich ehrlich, was ich drüber dachte, +Weil Sigismund sein Wort so wenig achte.“ + +„Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren, +Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl, +Ließ hart er an den Bischof meinetwegen +Und schrie, man hörte es im ganzen Saal. +Der König war gekränkt, nicht abzusehen, +Ob mir der Ohm Verzeihung mocht’ erflehen!“ + +„In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber +Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund: +Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse +Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund’ +Gesendet werde, was er noch beschlossen, +Und ob der König mein noch denkt verdrossen.“ + +„So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen, +Wo mich der Rheinfall eine Weil’ gestellt. — +Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen +Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt! +Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten +Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!“ + +„Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte, +Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang. +Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder +Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang. +Den Weg durch’s Kletgau hab’ ich fein gemieden, +Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden.“ + +„Mein Roß und ich — wir haben wacker ausgehalten, +Bis heute früh wir Euer festes Haus +Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten. +Da schien’s mit meines Thierlein’s Kräften aus; +Doch war’s nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten, +Ließ drum beim „Wirth am Berg“ zu Küßnach rasten.“ + +„Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh’ gepflogen, +Hätt’ mir geschwant, daß hier heraus der Pfad +Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet. +So gab’s für Mann und Roß ein heißes Bad! +Nun aber — saget mir ganz unumwunden, +Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?“ + +Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser +Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein +Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd: +„Von Herzen heiß’ ich Euch Willkommen mein, +Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen; +Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!“ + +Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander +Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug. +Zum Danke bot der Junker seine Rechte +Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug: +„Ein Mann — ein Wort heißt es in deutschen Landen, +Wird leider allzuwenig nur verstanden!“ + +„Traun!“ fuhr er launig fort, „was wir hier bieten können, +Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn. +So lange Ihr auf Küssaberg verweilet, +Wöll’n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! — +Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen, +Den Frieden hier in keiner Weis’ zu brechen.“ + +„Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern, +Als unsereinem, da heißt’s langsam ’than! +Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan, +Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn. +Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben +Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben.“ + +„Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen, +So es der Zufall fügte, daß Ihr stört, +Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen, +Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört; +Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele, +Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!“ + +„Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen, +Wie solche wohl mal junge Herren plagt, +So stehen rings Euch Forst und Felder offen; +Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd. +Erlaubt’s die Zeit, so mag ich Euch begleiten, +War je schon meine Lust, im Tann’ zu reiten.“ + +„Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen, +Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid; +Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust +Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid. +Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen, +Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!“ + +„Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten. +Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht, +Allwo der Bauer seit Urväter Tagen +Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht; +Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen +Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen.“ + +„Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen; +Es sind der Mannen eben nicht zu viel +Hier oben und, besonders jetzt im Sommer, +Nur selten Tage für ein müßig Spiel. +Im Winter freilich, sind wir desto freier, +Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier.“ + +„Doch wozu schwatz’ ich lange!“ unterbrach er selbst sich, +„Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach, +Derweil ich plaud’re. Gleich soll Euch dies werden; +Nehmt vorlieb nur mit dem gebot’nen Dach. +Für’s erste, denk’ ich, wird es Euch erquicken, +So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!“ + +Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür’ gegangen, +Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt, +Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen, +Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward: +Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen +Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen. + +Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte, +Besiegelte ein derber Druck der Hand +Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten +Und warme Freundschaft beider Herzen band. +Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig, +Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig. + +Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen, +Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn, +In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte. +Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn; +Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen, +Soll, wie er’s wünschte, dem die Herberg frommen. + + * * * + +Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken, +Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild. +Fast bang’ ich, daß, nach so viel langen Jahren, +Erinn’rung treu behielt dein Wesen mild, +Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken +Aus Deinen Augen: laß’ den Muth nicht sinken! + +So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder. +Ich seh’ im blauen Linnenkleid Dich gehn, +Aus dessen aufgeschlitzten, puff’gen Aermeln, +Das weiße „Pfeitlein“ liebt’ hervor zu sehn; +Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen +Und lose um den schlanken Leib geschlungen. + +Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen, +Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht; +Des Haares goldne Wellen schau ich wieder, +Wie noch es ungern sich zusammenflicht. +Dein fröhlich Lied, ich hör’s im Herzen klingen, +Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen. + +Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede; +Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß +Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte, +Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß. +Dein lieblich Lächeln, heut’ noch kann ich’s schauen, +Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen! + +Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen, +Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund. +Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern +Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund’; +Wem Speis’ und Trank gebricht, dem wirst Du spenden; +Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden. + +In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe +Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod; +Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet, +Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. — +Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume! +Elisabeth, was sag’ ich noch zu Deinem Ruhme? — + + +Zweites Kapitel. + +Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen. +Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch +Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen; +Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch, +Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen +Der Morgenglocken laute Weckerstimmen. + +Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel +In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt. +Erröthend treten frisch dem Tag entgegen +In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt; +Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern! +Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern? + +Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge +Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft. +Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd, +Verfärben mälig sich zu blauem Duft; +Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen +Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — — + +Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle +Verkündet, daß ein neuer Morgen wach, +Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein, +Wo still der Kaplan seine Messe sprach, +Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen, +Geduldig harrend auf das letzte Amen. + +Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage, +Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn +Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle, +Was jeder heute sollte schaffen gehn; +Denn vorher schickte keiner sich zum Essen, +Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. — + +Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe +Und brachte ihren Gruß dem Vater dar, +Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte +Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar; +So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen, +Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. — + +„Erlaubet Vater,“ hörte heut’ man Elsbeth sprechen, +„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal, +Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder, +Als ich in Küßnach war das letzte Mal; +Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen, +Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.“ + +„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen, +Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei, +Denn es gebricht an Nahrung für den Armen; +Ist diese da, ist bald der Brest vorbei. +Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen, +Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.“ + +„Der Kunz,“ entgegnete der Vater, milde lächelnd, +„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht; +Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen, +Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!“ +Da, wie gerufen, nahte von der Seite +Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. — + +Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte, +Erzählte er der Tochter von dem Gast +Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten, +Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’; +Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen, +Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. — + +„Man möchte Euch den Kunz entführen!“ sagte heiter +Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß, +Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken, +Der lange schon sein Siechbett hüten muß, +Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen +Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!“ + +Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen, +Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’ +Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten; +Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand, +Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen, +Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!“ + +Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen, +Und fragend schaute sie zum Vater aus. +Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden, +Und so erwiederte sie sittsam draus: +„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen, +Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.“ + +„Es ist ein gutes Werk,“ sprach noch sie, leis erröthend, +Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil, +Den uns die Armen ja von Gott erstehen, +An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil, +Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben — +Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.“ + +„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen, +Nehmt aber vorher guten Imbiß ein; +Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten +Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!“ +Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle, +Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle. + +Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen +An einem Tische doch noch Herr und Knecht. — +Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte, +War Haferbrei, der, steif gekocht und recht +Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte, +Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte. + +Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende, +Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd. +Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen +Mit einem Häslein von der letzten Jagd; +Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine, +Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine. + +Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen, +Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach, +Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden. +Sie kannte noch kein besser Sonnendach; +Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen, +Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen. + +Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden, +Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand, +Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich +Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand, +Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte, +Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte. + +Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder. +Noch blühten Glockenblumen, Thymian, +Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen, +Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian, +Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten +Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten. + +Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten +Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht +Zu schwer geworden; aber stets verneinte +Der Junker dies mit freundlichem Gesicht. +Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen, +Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen. + +Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden, +Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging; +Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten +Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring. +Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen, +Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen. + +Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts; +Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang; +Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig +Und schien dem Junker bald unendlich lang. +Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder, +So gut er konnte durch die Halde nieder. + +Das Körblein aber ward indessen immer schwerer. +Er sprach im Stillen manches derbe Wort, +Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen, +Am Gehn ihn hinderten in einem fort. +Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen, +In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen? + +Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige, +Zur Rechten sah er einen Rebenhang +Und links, im Schatten alter Wallnußbäume, +Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang. +Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen, +Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen. + +Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten: +„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus! +Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden; +Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!“ +Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte, +Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte. + +Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger +Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein +Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser +An eines Baches grünem Uferrain, +In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte, +Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte. + +„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!“ +Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand +Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen, +Die an dem Wege durch den Wald sie fand, +Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden, +Der Platz an ihrem Busen sollte finden. + +Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte +Und lagerte sich hin in’s hohe Gras; +Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden, +So daß sein Träger nicht zu nahe saß. +Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden, +Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden. + +Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren: +„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann +Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend +Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann. +Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen, +Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen. + +So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte +Er jedes Mal auch irgend eine Mähr +Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset, +So daß am liebsten dann ich draußen wär. +Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer, +Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!“ + +„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber; +Doch fürchte ich des Auges bösen Blick, +Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren +Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick. +Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen, +Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!“ + +„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen. +Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt, +Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen +Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. — +Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen, +Daß Eurer ich erst wartete im Freien.“ + +Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen +Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß +Am Busen festzunesteln. Damit fertig +Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus; +Vom Thale klang des Baches munter Rauschen, +Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen. + +„Da war ich übel dran,“ versetzte jetzt der Junker, +Ihr Träumen unterbrechend, „als allein +Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet! +Mir schwante selber, daß es dort nicht rein; +Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen +Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!“ + +„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden +Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld, +Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer? +Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld, +Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen, +Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?“ + +Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben, +Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht. +Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen: +Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht? +Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen, +Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen. + +Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen, +Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz; +Der Junker kürzte also schnell die Rede +Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz: +„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen, +Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!“ + +„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen; +Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild +Und will es halten, als der Herrin Farbe, +Zum Angedenken holder Dame Bild. +Gewähret daher gerne mir die Bitte; +Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!“ + +Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth +Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar. +Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte, +So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar, +Und dankte, glücklich über die paar Blüthen, +Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten. + +Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte, +Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand +Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen. +Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand; +Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen, +Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen. + +„Bin dieses nicht gewohnt,“ klang heiter ihre Antwort, +„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält. +Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen, +Denn wenig nur sah ich noch von der Welt; +Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen? +Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!“ + +Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen, +So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt. +Es glich die Maid der zarten Eppichranke, +Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt +Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden; +Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden. + +Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte, +Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah +Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder +Und was ihm selber da und dort geschah. +Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen, +Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. — + +Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet +Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt +Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen, +Von fremden Sitten und gar feiner Art. +Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen +Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen. + +Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben +Und lauschte staunend jeder neuen Kund’. +Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen, +Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund; +Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,“ +Als ob sie selber in des Zelters Bügel. + +Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen +Ein wälscher Bube fast ihn niederstach, +Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths, +Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach; +Am Arme aber fühlte er ein Drücken, +Als müßte noch ihr seine Rettung glücken. + +Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens, +Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn; +Nicht, wie die Hörigen einander winkten, +Als ihre Herrin still sie wandeln sahn. +Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege +Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege. + +Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben, +Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand. +Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen; +Doch, wie er eben überlegend stand, +Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen, +Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen. + +Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes +Zu einem Holzblock hin, der unweit stund. +Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker +Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund +Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen +Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. — + +Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth +Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt; +Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen, +Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt, +Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen, +Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen. + +Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer +Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt; +Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen, +Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt. +Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen, +Daß es viel besser seit den letzten Tagen. + +„Das Weib ist noch im Felde draußen,“ sprach er heiser, +Nach etwas Futter für die Geis zu sehn; +Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten, +So gut es mag mit schwachen Kräften gehn. +Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder, +Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!“ + +Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden, +Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein +Und sagte: „in dem Krug das Tränklein, +Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein; +Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen, +Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!“ + +Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein +Und wechselte mit jedem einen Kuß; +Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln, +Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß, +Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte, +Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte. + +„Die Herrin blieb sonst länger!“ meinte Seppel brummend, +Als er so eilig sie verschwinden sah; +Sie selber mochte ähnlich denken, aber — +Vorm Hüttlein wartete der Junker ja. +Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter; +Es sprang vergnügt von seinem Block herunter. + +Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen +Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß +Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte. +Dann strampelte das Büblein rasch sich los, +Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden; +Es wußte ja, nun würde Brod sich finden. + +Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern! +Mir weigerte der Junge Gruß und Wort; +Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben +Und küßt und liebkost Euch in Einem fort! +Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen; +Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?“ + +„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!“ +Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück: +„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd +Ein uns oft lange schon entschwunden Glück. +In jede Kinderseele bringt man Leben, +Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!“ + +„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig, +Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast! +Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller; +Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt. +Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen, +Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!“ + +Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth +Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest, +So ihr das Büblein vorhin arg verschoben, +Als sie es küssend an die Brust gepreßt, +Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute, +Da selten wohl ein schöner Bild er schaute. + +Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet +War sie bemüht ein widerspenstig Paar +Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben, +Das blau umzog das herrlich blonde Haar, +Und als sich ihr die Losen endlich fügen, +Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen. + +Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz, +So voller Unschuld ihm entgegensah, +Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen +Von solchem Schauen wunderbar geschah, +Sich tief erröthend wandte um zu gehen, +und er nun auch nicht durfte bleiben stehen. + +Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten, +So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht; +Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich +Ein fröhlich lachend Kinderangesicht. +Am Wege aber harrten auch die Alten, +Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten. + +Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet, +Kam schon von Weitem auf sie zugerannt +Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen; +Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt, +Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden, +Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden. + +Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken, +Sie fehlten heute für die Kinderschaar; +Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen, +Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war! +Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen, +Und gab für heute es drum nichts zu naschen. — + +Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig, +Die Kinder zogen heim in muntrem Trab; +Nun bot von neuem seinen Arm der Junker; +Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab: +„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen, +Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!“ + +„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern, +Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein, +Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen, +Wie sie im Sommer blühen hier am Rain; +Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen, +Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!“ + +Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen +Und schilderte, was draußen er geschaut; +Was ihm gefallen in den fremden Ländern +Und wie er da und dort dem Glück vertraut. +Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen; +Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen. + +Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache, +Schritt sie indessen ihm zur Seite hin, +Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend, +Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien, +Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken, +Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken. + +Nur, als sie weiter oben an der Halde waren, +An jener Stelle, wo sie erst geruht, +Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden: +„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.“ +War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen, +Der Junker konnte dafür mehr erzählen. + +So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam +Zusammen aufwärts durch den grünen Wald, +Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet, +Und wandelten im tiefsten Schatten bald, +Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte, +Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. — + +Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet, +Daß längst verschwunden war des Himmels Blau +Und schwere Wolken über ihnen dräuten, +Die alles hüllten in ein düster Grau. +Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden +Am Hungerberge zogen, sturmbeladen. + +Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken +Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß. +Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen +Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos; +Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder, +Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder. + +Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen, +Es rann und schwoll das nasse Element; +Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome, +Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt. +Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte +Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte. + +Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend, +Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht. +Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich +Mit greller Flamme hellte rings die Nacht; +Auch betete sie leis den Wettersegen, +Der soll sie schützen und der Sturm sich legen. + +Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen, +Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn; +Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher, +Daß dieses bald vorüber dürfte gehn. +Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen, +Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen. + +Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten, +Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth. +Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise: +„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut; +Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren, +Hat sicher das Gewitter her beschworen.“ + +„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel +Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg +Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet, +Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg. +Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden, +So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!“ + +„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren +In seiner ganzen unheilvollen Macht; +Verderben bringt es oft auf viele Jahre, +Als hätte uns die Sonne nie gelacht, +Und, wo wir heute noch im Grünen gehen, +Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!“ — + +Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder +Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum, +Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen, +In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum; +Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen, +Der sich im Moos verliert in leisem Zischen. + +Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel, +Und krachend fällt so manches grüne Haupt; +Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige, +Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt. +Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen, +Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen. + +Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet, +Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug; +Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern, +Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug. +So steht sie mitten in dem grausen Rauschen +Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen. + +Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen +Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut; +Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen +Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut. +Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen, +Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen. + +Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset, +Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht, +Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes +Empfehlend, deren Fürsprache und Macht +Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden +Und gnädig alles Unheil abzuwenden. + +Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben, +Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall; +In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft, +Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall. +Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben, +Und heller wird es in den Wipfeln oben. — + +Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber, +Geendet wähnte Elsbeth alle Noth. +Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten, +Von seiner Stirne floß es blutigroth, +In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder; +Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder. + +Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad +Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut; +Nur leise hob die Brust sich auf und nieder, +Wie einem der die letzten Züge thut. +Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände, +Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände. + +Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen, +Mit stummer Freude hat sie es gehört, +Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen, +Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört; +Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen, +Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen. + +Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen, +Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt; +Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen, +Noch immer der Besinnung ganz beraubt; +Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen, +Sah wieder sie die Lippen zitternd regen + +Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen, +Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft. +Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen, +Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft, +Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen +Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen. + +Er wachte mälig auf und seine braunen Augen +Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick; +Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen +Ihr Trost zu spenden über sein Geschick, +Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben, +Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben. + +Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte, +Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand, +Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse, +Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand. +Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder +Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder. + +„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen! +Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern +Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber. +Die Heiligen und Euer guter Stern, +Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen, +Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!“ + +Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch +Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach, +Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben; +Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach, +Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden, +Die anzuhören Elsbeth will vermeiden. + +Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten! +Bis dahin müssen wir zu Hause sein; +Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden, +Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein. +Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen +Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!“ + +Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne, +Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar. +Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden +Und spülte es im nächsten Rinnsal klar, +Dann ward die Wunde gut und fest verbunden; +Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden. + +Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten +Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg. +Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen +Vom Regen noch im buschigen Geheg. +Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen, +Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen. + +Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden +Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor; +Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen, +So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor. +Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen, +Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen. + + * * * + +Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke, +Wo schon der Herrin harrend Frida stund; +Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber, +Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund. +Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten, +Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten. + +„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!“ +Hob zungenfertig jetzt die Alte an, +„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen; +Doch da hat es am wüstesten gethan! +Wird heute nun die Herrin auch noch lachen, +Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen? + +„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert. +Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern. +Sollt immer in der Kemenate sitzen +Und Litaneien lernen bei dem Herrn! +Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen; +Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!“ + +Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte: +„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her, +Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet; +Denn siehst Du nicht? er leidet schwer! +Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder, +Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!“ + +„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen, +Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit +Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden, +Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht! +Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden, +Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!“ + +Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer. +Vom Blutverluste wohl ein wenig matt, +War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen +Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’. +Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen, +Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. — + +Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke +In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar +Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker. +Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war; +Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde — +Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde! + + +Drittes Kapitel. + +Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte, +That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht; +Denn kaum war eine Woche hingegangen, +Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht +Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen, +Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen. + +Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte, +Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel, +So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster +Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel. +Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen, +War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. — + +Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen +Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’, +So oft es nöthig, drauf den Wassereimer, +Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht +Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen, +Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen. + +Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf, +An dessen sonnenreichem Mauerrand +Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte, +Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand +Und Krautwerk für die Küche und die Kranken, +Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken. + +Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig; +Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch +Die Rosen künstlich sich veredeln lassen. +Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch +Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen, +Die zu erzielen beide sich bemühten. + +Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche, +Wo Frida herrschte, bis die Herrin da; +Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen, +Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah. +Das Essen mußte pünktlich fertig stehen, +Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen. + +Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte, +Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’ +Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth +Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu; +Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge +Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge. + +Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen +Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund; +Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders, +Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund +Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen, +Die fern dem Texte des Erklärers lagen. — + +Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen, +Indess’ die Augen nach der Sonne sahn, +Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben +Im Bogenfenster endlich möchte nahn; +Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen, +Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen. + +Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet, +Gleichviel ob einer hoffet oder bangt; +Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen, +Der Jugend langsam, die noch viel verlangt, +So ließ sie heute auch die Sonne sinken, +Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken. + +Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten. +Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’ +Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen, +Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’, +Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land“ erkoren, +Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren. + +Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen +Der Berge nennen, so von hier man sah; +Nun aber war sie doch etwas verlegen +Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah. +Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze +Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze. + +Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich +Dem Junker zu und sagte, mit der Hand +Hinüber auf die weißen Riesen deutend, +In deren Anblick er versunken stand: +„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen; +Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!“ + +„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten, +So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’; +Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, — +Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’! +Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten, +Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.“ + +Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort, +Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand, +Der Abendsonne goldne Schimmer flossen +In Purpurfluthen über alles Land, +Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten, +Die überm „Randen“ sich gelagert hatten. + +„Schaut dort,“ hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären, +„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,“ +Es ist der „Säntis“ mit dem „Hohen Kasten“ +Und nebenan, rothgülden angehaucht, +Stellt kühn der „Altmann“ sich in ganzer Breite +Den ersten beiden Recken an die Seite.“ + +„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken, +Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee, +Die nennen „Churfürsten“ sich stolz mit Namen +Und spiegeln sich in einem grünen See, +Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben, +Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.“ + +„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch“ weiße Krone; +Die steilen Wände stehn getaucht in Blau, +Und rosig überhaucht vom Sonnengolde +Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau. +Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen +Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.“ + +„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel, +Mit starren Felsen ringsum eingefaßt, +Ist „Vrenli’s Gärtli,“ eine Alp vor Zeiten; +Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt, +Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren, +Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.“ + +„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.“ +Keck ragt der auf zum blauen Firmament, +Als stützte er allein des Himmels Bogen. +Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt, +Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen — +Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.“ + +„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter, +Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr; +Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen +Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr. +Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern, +Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!“ + +„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks“ Riesenkuppe; +Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor; +Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen, +Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor. +Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen, +Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.“ + +„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig, +In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee, +Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren +Und blinkt dazwischen mancher klare See, +So, wenn der Frühling die Gestade kränzet, +Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.“ + +„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,“ +Das „Sustenhorn“ soll dessen Nachbar sein. +Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe +Vergüldet sind vom Abendsonnenschein; +Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften +Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.“ + +„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten +Empfangen eben ihren letzten Gruß! +Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern +Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß; +Bald wird der „Lägernberg“ im Dunkel stehen, +Schon jetzt ist Badens „Stein“ nicht mehr zu sehen.“ + +„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne, +Die geben sich so schnell gefangen nicht; +Denn, während überall schon Nacht sich breitet, +Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht. +Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden, +Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!“ + +„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel, +Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn, +Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben, +In Himmelslüften badend mir die Stirn’ +Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern, +Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!“ — + +Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen, +Die, hold verklärt in wundersamem Glanz, +Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten +Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz, +Indessen abendwärts, von Gold umflossen, +Die Sonne wich mit ihren müden Rossen. + +Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels +Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt, +Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte, +Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt? +Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen +Und mußte sich der Junker folgsam zeigen. + +„Ich muß mich eilen,“ sprach sie, „denn des Abends Schatten +Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt; +Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln, +Der letzte Schein des Tageslichts verjagt +Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen, +Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!“ + +„Dort jener,“ eilte sie sich weiter mit Erklären, +„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad, +Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue, +Soll der „Sankt Gotthard“ sein, von wo ein Pfad, +Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde, +In wälsches Land sich steil und schaurig winde.“ + +„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet, +Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht, +Heißt der „Pilatus;“ er hat seinen Namen +Von einer Sage die im Lande geht: +Es soll der Böse dort den Richter plagen, +Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.“ + +„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen, +Sind „Finsteraarhorn,“ „Schreck-“ und „Wetterhorn,“ +Dann „Mönch“ und „Eiger,“ wo im längsten Sommer +Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn +Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer +Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!“ + +„Es ist die „Jungfrau.“ Herrschend über all’ die Riesen, +Ist sie nur selten mal des Schleiers bar; +Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine, +Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar, +Um vor dem Schlafengehn den alten Recken +Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.“ + +„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne, +Die leise ausziehn über unser Haupt, +Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen, +Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt. +Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel, +In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!“ — + +Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen +Des Wächters Horn in langgezognem Schall, +Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend; +Vom „Hungerberge“ scholl der Wiederhall +Und mischte sich mit fernem Glockensummen, +Das bald erstarb in mäligem Verstummen. + +Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler, +Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch, +Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche, +Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch, +Und droben, hoch in ungemeßner Ferne, +Erglänzten schimmernd Millionen Sterne. + +Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel, +Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf; +Dann war es wieder, als ob leichte Füße +Zum Brunnen huschten in behendem Lauf, +Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte, +Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte: + +„Eine Tanne, schlank und duftig, +Meiner Minne Maienzier +Stelle ich zum Angedenken +Nächtens vor braun Maidlins Thür.“ + +„Rosmarin und rothe Ilgen +Schmücken viel den Maienbaum, +Meine Seele aber zieret, +Süßer Minne holder Traum.“ + +„Gäb ein Schlüsselein die Feine +Mir von Gold, ich schlöß sie ein, +Tief in meines Herzens Schreine +Und verlör das Schlüsselein.“ + +Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf, +Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall, +Erst leise, bis der rechte Ton getroffen, +Die Antwort drauf in glockenreinem Schall. +In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele, +Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle: + +„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne. +Und die feinen Blümlein stehn; +Denke, was die Mutter sagte, +Würd’ den Maienbaum sie sehn?“ + +„Hast den Schlüssel Du verloren, +Ist mir recht; denn wahre Minn’ +Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel, +Und bleibt doch im Herzen drin’.“ + +„Tief im Walde grünt die Tanne, +Rothe Ilgen duften fein. +B’hüet Dich Gott in stiller Kammer, +Und gedenk’ der Treuen Dein!“ + +„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!“ sagte Elsbeth +Zum Junker, als der Sang verklungen war. +„Sie sind sich zugethan in allen Ehren +Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar; +Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen +Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.“ + +„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,“ schloß sie freundlich, +„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!“ +Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden +Und huschte nun die Wendeltreppe sacht +Hinunter, daß die trocknen Treppensparren +Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. — + +Herrn Kuonrads „Gute Nacht!“ kam ihr nicht mehr zu Ohren, +Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt. +Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen, +Wo eben noch die Liebliche geweilt; +Er blickte sinnend nach dem Abendsterne, +Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne. + +Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele +Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit. +Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne, +Um die im Stillen unlängst er gefreit, +Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen, +Da sie nur ihn begünstigte vor Allen. + +Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen, +Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt, +Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten, +Daß bald ihm werde der Erkornen Hand. +Da kam der Span mit Sigismund dazwischen, +Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen. + +Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele: +Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht, +Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen, +Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht; +Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten, +Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten. + +Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben, +Es trat an dessen Platz ein ander Bild: +Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte, +Nein, lieblich, hold und fein und mild; +Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen +Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen. + +In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen, +Er konnte tief in ihre Seele schau’n, +Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’ +Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n. +Die Huldgestalt in Minne zu umfangen, +War seines Herzens stürmisches Verlangen. + +So stand er, sich versenkend in die lieben Züge, +Im Wesen ihm und in Gedanken nah; +Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern, +Was hier zum ersten Mal sein Auge sah: +In Züchten stiller Minne treu ergeben +Und milde waltend, deutsches Frauenleben. + +Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein, +So stolz, weil es entstammte wälschem Blut; +Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten, +Und doch verriethen tief verborgne Gluth! +Das tausendmal am gleichen Sommertage +Die Laune wechselte zu seiner Plage. + +Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen, +Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual. +Der Oheim mußte längst geworben haben, +Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl? +Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen, +Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen. + +Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend, +Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt. +Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben, +Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt; +Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden, +Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden. + +Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe, +Die er, im Dunkel tastend, niederstieg, +Um unten noch beim Vogte vorzusprechen, +Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg. +Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten; +Die Herren mochten seiner lang schon warten. — + +Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen, +Verkürzten sich die Knechte auf der Bank +Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern; +Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank, +Als diese noch, auf allgemein Verlangen, +Ein paar „Gesätzlein,“ die hier folgen, sangen. + +Wir lieben’s den viel rothen Wein, +Denn er geht frisch in’s Blut uns ein. +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! +Gedeihen muß das Leben, +Wenn wir das Kännlein heben! + +Kommt es auch vor, daß wir einmal +Festsitzen bis zum Morgenstrahl; +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! +Beim Weine uns zu wärmen, +Die ganze Nacht durchschwärmen! + +So sind dem Zecher doch nicht hön +Drob unsre lieben Frauen schön, +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! +Dieweil sie selbst gern nippen +Am Wein, mit Rosenlippen! + +Hallowerwein, Du Edelblut, +Du schmeckst zu allen Zeiten gut; +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! +Nach Dir geht unser Streben, +So lange wir am Leben! + +Und geht es einst auf’s Todtenbett, +So reichet uns, als Seelgerett’, +Von Hallau Saft der Reben, +In’s Jenseits uns zu heben! +Von Hallau Saft der Reben, +In’s Jenseits uns zu heben! + + ——— + +Der schönste Tod, den ich mir weiß, +Das ist: im Wald zu sterben; +Viel schöner, als im Bette heiß, +Aus Lumpen zu verderben! + +Der beste Wein, so jeder kennt, +Er muß wohl sein gegohren; +Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt, +Der d’Hörnlin hat verloren! + + ——— + +Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut, +Du Edeltrost der Mannen! +Wie schmeckst Du allerorten gut, +Aus Humpen und aus Kannen. +Hat einer von Dir etzlich Stück +Im kühlen Keller vergraben, +So preis’ er’s als sein größtes Glück, +Am Weine sich zu laben! + +Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost, +Vielschöne Maid im Walde! +Nach Deiner minniglichen Kost +Sehn’ ich mich nur zu balde. +Wer immer Dich sein eigen nennt, +Dem brennt ein Feu’r im Herzen; +Macht, daß er keine Jahrzeit kennt +Und thaut, wie Schnee im Märzen! + + ——— + +Was ist es, dessen sich freuen soll +Am ersten ein guter Zecher, +Wenn ihm die Maid einen Humpen voll +Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher! +Ist es das Naß in der Kanne klar, +Hellperlendes Blut der Reben? +Ist es der Maid frisch Lippenpaar, +Nach denen geht sein Streben? +Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn, +Das braucht’s nicht lang zu rathen; +Ein Jeder tröst’ sich Beider gern, +Vom Spielmann bis Prälaten! + + ——— + +Mein Mägdlein trägt ein Camisol +Mit einem Purpursaume; +Nun gute Nacht und schlafet wohl, +Und denket mein im Traume! + + +Viertes Kapitel. + +Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler, +Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn. +Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich, +Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn; +Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle, +Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale. + +Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen +Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit, +Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel, +Doch der wich kaum um eine Spanne breit; +Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen, +Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen. + +Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen, +Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust. +Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler, +Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust; +Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden, +Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. — + +Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf +Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß. +Sie feierten die Heilige in Zurzach, +Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß, +Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten, +War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten. + +Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden, +Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf, +Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten. +Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf, +Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen, +Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen. + +Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore. +Dort ließen Haus und Xaver alsgemach +Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder, +Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach: +’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren, +Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!“ + +„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen; +Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!“ +Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend, +Denn an der Winde galt es Manneskraft, +„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen, +Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!“ + +„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!“ +Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht. +Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel +Find’t stets das Beste grade für sich recht; +Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen +Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.“ + +Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte, +Da polterte es von der Brücke her, +Schnell traten beide drum zur nächsten Luke, +Von der man übersah des Schlosses Wehr. +’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben, +Wie immer, mußte vor dem Vogte traben. + +Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter, +Des Zelters Zügel in der zarten Hand. +Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen +Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand; +Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen, +Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen. + +Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen, +Daß nicht entrolle sich die goldne Flut; +Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend +Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut, +Der leicht beschattete die feinen Züge, +Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge. + +Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker. +Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’, +Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter, +Bat er den Hausgenossen zum Geleit; +Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten, +Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten. + +Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel, +Dicht hinter Benno und dem Junker ritt. +Sein eigensinnig Rößlein wollte traben, +Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt; +Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen +Verhalfen es in rechten Gang zu bringen. + +Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe +Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand. +Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen, +War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand, +Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte, +Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte. + +Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber +Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg +Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder, +Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg. +Der Nebel aber wollte noch nicht weichen, +Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen. + +Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen +Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’, +Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte, +So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt: +„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen +Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.“ + +So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. — +Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld +Den Wein und Hafer auf den Abend sparen, +Wo er empfangen will des Dorfes Schuld; +Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen, +Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen. + +Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten, +Die links und rechts an breiter Gasse stehn; +Sie lagen wie verödet in dem Nebel +Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn, +Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen, +Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen. + +Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln +An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht, +Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde; +Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht. +’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden, +Wollt er nicht andern den Genuß verleiden. + +Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster +Und dabei traf sein kalter Henkerblick +Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke; +Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick, +Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden, +Schwang selten er es mehr in seinen Händen. + +In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber. +Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein +Und hüllte Roß und Reiter immer dichter +In seinen frostig-feuchten Mantel ein. +Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle, +Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle. + +Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte +Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt, +Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte +Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt, +In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze, +Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze. + +Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen, +Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt; +Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen, +Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt’, +Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten, +Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten. + +Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen, +Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid; +Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen +Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid, +Das traute „Elsbeth“ müsse er vergessen, +Sie „Fräulein“ nennen, höfisch und gemessen. + +Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er +Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her; +Denn was er auch der Schönen sagen wollte, +Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer. +Mit vollem Herzen, blöde und verlegen +Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen. + +Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen, +Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn, +Wo Benno just sich abzusteigen mühte; +Sein Roß hielt jedes mal hier selber an, +Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten, +So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten. + +Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann +Vom andern Ufer er herüber pfiff. +Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter +Und hielten dort im großen Wagenschiff, +Das, als gelöst der Ferg’ die nassen Seile, +Stromaufwärts mußte eine gute Weile. + +Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke, +So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand, +Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen +Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand; +Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen, +Die „Burg,“ erbaut von Roma’s Legionen. + +Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden, +Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel; +Ein Ruderschlag bracht’ es dem Ufer nahe, +Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel. +Nur Benno stand noch auf der andern Seite +Und maß im Warten sich des Stromes Breite. + +Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten, +Verließen es der Vogt und seine Schaar. +Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster, +Daß jeder Hufschlag funkensprühend war, +Bergan, und als der steile Weg erstiegen, +Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. — + +Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen, +Im nahen Rheine ging er still zu Grab. +Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd +Die weißen Zinnen Küssabergs herab; +In klarer Herbstluft mocht’ das Auge schwelgen +Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen. + +Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte, +Denn nah dem Flecken war die Straße voll +Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten, +Der Heil’gen bringend frommer Andacht Zoll; +Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen, +Geschäften wegen sich zur „Messe“ fanden. + +Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander, +Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein. +Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste +Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein, +Und selten hat es einen mal verdrossen, +Wenn einen Handel er hier abgeschlossen. + +In langen Reihen standen graue Leinwandzelte +Den Weg entlang, für allerlei Gethier +Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet, +Indeß’ das eigentliche Marktrevier +Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen, +Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. — + +In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen, +Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an, +Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger +Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan; +Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde. +Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde. + +Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren, +Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht; +Sein Diener schlug die große Kesselpauke, +So oft er unterbrach der Rede Pracht. +Daneben übten Gaukler ihre Lungen +Und überschrieen sich in allen Zungen. — + +Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder, +Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt, +Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte; +Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt, +Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen +Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen. + +Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen, +Um desto dichter ward die Menschenschaar +Und Jochen durfte sich vergeblich plagen; +Der Junker wurde dieses auch gewahr +Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen, +Bis mehr sich lichten würden ihre Massen. + +Ein wenig besser war’s dem Vogt ergangen. Er ritt +Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt, +Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend, +Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt. +Gab die nicht Raum auf Kunzens „Platz da!“ rufen, +So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. — + +Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome +Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt, +Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte +Und kreischend sich das Volk noch näher drängt’. +Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken, +Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken. + +Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres, +Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth; +Die Schreckensrufe gellten immer lauter +Und brachten Petz gar bald in solche Wuth, +Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte, +Der Affe aber rings die Menge höhnte. + +In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend, +Das Thier durchs Volk, das auseinander stob, +Und fand den Weg gerade zu der Stelle, +Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob +Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute; +Gespitzten Ohres das Gedränge schaute. + +Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen. +Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor; +Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber, +So daß der Schimmel drob den Kopf verlor +Und voller Angst in jähem Sprunge scheute, +Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute. + +Doch, eh’ des Rößleins Hufe wieder Boden fanden, +War dieses schon von seiner Last befreit +Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen, +Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit. +Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde +Und hielten fest es ohne viel Beschwerde. + +„Um Gottes Willen!“ rief der Junker, selbst erschrocken, +Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein. +„Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden? +Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: „Nein!...“ +Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen +Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen. + +Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend, +Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein, +So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte, +Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei’n; +Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen +Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen. + +Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe: +Vom Münster her ertönte Glockenklang, +In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke, +So daß es klang wie ferner Chorgesang. +Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten, +Um in der Mess’ zu sein bei rechten Zeiten. — + +Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten, +Der es mit strengen Blicken untersucht. +Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten +Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht, +Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen, +Nun Jochen flink zu binden war beflissen. + +Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte +Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor, +Die lehnte noch im Arme ihres Retters, +Fuhr aber tief erröthend nun empor; +Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange, +Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange. + +Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen +Und hob mit starkem Arm die süße Last +Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch, +Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt, +Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke +Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. — + +Inzwischen hatte auch die Jagd ein End’ genommen, +Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ; +Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken, +So daß er eilig sich zu gehn befliß. +Der Affe aber war und blieb verschwunden +Und Niemand wußte, welchen Weg er funden. + +Ohn’ weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken, +Deß’ Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt, +Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten +Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt’; +Doch, ob im Flecken unten oder oben, +Sie waren überall gut aufgehoben. — + +Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder, +Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn. +Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen, +Vermieden gerne jeden Trug und Schein, +Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten, +Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten. + +Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe +Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand. +Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte, +Sie waren stets für Seel’ und Leib zur Hand; +Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen, +Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. — + +Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen, +Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut, +Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts, +Den jedesmal ein Glöcklein künden thut. +Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen, +Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen. + +In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad, +Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt’, +Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten +Schon Meßgesang und Orgelton erschallt’; +Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen, +Bis er die Pferde konnt’ zur Herberg bringen. + +Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten +Die Beiden, sich bekreuz’gend, in den Dom, +Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete, +Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm; +In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten, +Kam er heut frühe schon zum Fest geritten. + +Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken, +In welchem sich geweihtes Wasser fand; +Die Finger netzend, reichte draus er höfisch +Auch etlich’ Tröpflein der Begleitrin Hand, +Und Elsbeth nahm’s mit stummem Dank entgegen. +Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. — + +Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen, +Verklungen auch der Orgel letzter Hauch; +In Wolken wogte zur bemalten Decke +Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch +Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge +Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge. + +Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte, +Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz, +Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens +Und auszuschütten da sein volles Herz, +Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte, +Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte. + +In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau +Im Sarg, den frommer Glaube überbaut’; +Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet, +Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut. +Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame, +Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme. + +Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller +Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor. +Um was? Nur diese mochte es erlauschen, +Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr; +Doch tief sah man die Betende sich neigen +In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen. + +Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz, +Als sie sich endlich vom Gebet erhob; +Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen, +In das sich Seligkeit und Wonne wob, +Und unschwer war der Frommen anzusehen, +Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen. + +Still kehrte sie zurück durch’s Grabkapellenpförtchen, +Wo ihr Begleiter traumverloren stand. +Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin +Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand; +Doch, nun den Arm der Holden er wollt’ reichen, +Wußt’ Elsbeth sittig diesem auszuweichen. + +„’s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!“ +Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt, +„Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen, +So mögt ihr mich begleiten nach der Hand; +Hab’ manchen Auftrag für den Markt bekommen, +Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!“ + +Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen, +Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt’, +Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte? +Sie gab zur Antwort darauf unverzagt: +„Gott will ja, daß wir für einander beten, +So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!“ + +Dann bat sie lächelnd: „Laßt uns nach der Herberg gehen +Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht. +Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen, +Eh’ es am Nachmittag zur Vesper geht; +Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen, +Für Jedes einen Kram nach Hause bringen.“ + +Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke +In den vom Junker ihr gebot’nen Arm, +Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe, +Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm; +Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden, +Bis in der „Rosen“ sie den Vater finden. — + +Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen; +Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da. +Die hellen Augen blinzelten gar freundlich, +Als er die Zwei in’s Stüblein treten sah +Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter: +„Da kommen ja die längst vermißten Reiter!“ + +Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten, +Erzählte ihnen sein gespräch’ger Mund, +Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich +Am Vrenentage, nach der Vesperstund’ +Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden, +Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen. + +„Da hab’ ich,“ sprach er lächelnd, „nun versprechen müssen, +Der Einladung zu folgen, die uns ehrt. +Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen +Auch etlich’ Freunde treffen, lieb und werth, +So sich mit uns in Ehren bas erfreuen; +Die alte Freundschaft wiederum erneuen!“ + +Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich, +Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut; +Sie brachte Wechsel in das stille Leben, +Das auf dem Berge er geführt bis heut’, +Und sah er drum dem Mahle gern entgegen. +Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen. + +Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder, +Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht. +Ihr war, als sollt’ dem Mahl sie ferne bleiben, +Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht; +Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren, +Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren. + +Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin, +Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat +Und, weil es lang gedauert bis der fertig, +Die Gäste höflich um Verzeihung bat: +Es sei viel Arbeit heut’ in allen Ecken, +Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken. + +Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd, +Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch, +So daß die, schämig drob, die Lider senkte +Und froh war, als die Wirthin schließlich doch +Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte; +Dort alles rein und nett in Ordnung brachte. + +Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen, +Im Maul der letztern prangte frisches Grün, +Und dazu Wein, von Badens „Goldwand“ stammend, +Verlockten bald zu einem Angriff kühn; +Es mochte auch der weite Ritt am Morgen +Für guten Appetit der Dreie sorgen. + +Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern, +Das stets vom Vogt auf’s neue ward geweckt; +Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen, +Da es sie freue, wenn’s den Gästen schmeckt. +Die Herren thaten denn auch so; indessen +Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen. + +Die Redesel’ge wurde endlich müde, oder +Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund; +Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand: +Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund, +So abzuziehen vorhin sie versehen — +Und nun konnt’ Elsbeth auch an’s Essen gehen. + +Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische +Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar, +Eh’ es hinaus ging in des Marktes Treiben, +Wo heute manches einzukaufen war. +Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres, +Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares. + +Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte; +Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf. +Bald standen sie im dichtesten Gedränge, +Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf; +Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben, +Schon tief in Jochens Packkörben vergraben. + +Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl +Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her; +Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte, +Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär’; +Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen +Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen. + +Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen, +Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein. +Ohn’ viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen +Und barg es in sein dürftig Beutelein; +Dann zog’s ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen, +Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen. + +Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken, +Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand, +Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen +Und drückte ihm dies flink nun in die Hand. +Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen, +Der Junker dafür eins der braunen Herzen. + +„Allüberall ist Minne, nur in der Höll’ nicht drinne!“ +Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel +Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth, +Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel’; +Sie nahm es lachend an, worauf inmitten +Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten. + +Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe, +Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd. +Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen, +Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt; +Zum ersten mußte da sie Frida’s denken, +Der sie ein „hornin Noster“ wollte schenken. + +Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle +Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band +Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel’gen, +Wie es die Herrin für sie passend fand; +Noch kam auch manches, deß’ sie erst nicht dachte, +Das, schön zur Schau gestellt, um’s Geld sie brachte. + +Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden +Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn, +Als auch die Glocken schon sich hören ließen, +Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien; +Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören, +Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. — + +Wie Viele, zog’s auch unser Dreiblatt in die Kirche, +So freundlich lag im Abendsonnenschein. +Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange +Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein; +Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen +Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen. + +Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende +Und ging’s hinüber in der Propstei Saal, +Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten +Der Gäste, die geladen sind zum Mahl. +Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer +Der Kerzen, an des Vaters Arm in’s Zimmer. + +Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen, +Und machte gar verlegen sie der Wahn, +Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke, +Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn; +Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen +Der Vater, und Herr Kuonrad folgt’ den Zweien. + +Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute, +So daß er grüßend anhielt hier und dort; +Er wechselte auch im Vorübergehen +Mit dem und jenem wohl ein länger Wort. +Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen, +Dem Gutenburger und dem Wielandingen. + +Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln, +Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah; +Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine, +War mit Gemahlin und der Tochter da, +Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme, +Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme. + +Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde, +Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht; +Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen +Hätt’ einer Königin zur Ehr’ gereicht, +Bald ruhten aller Augen mit Gefallen. +Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen. + +Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es +Die Herren zu der wunderschönen Maid; +Es sprachen von der „Küssaberger Blume“ +Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid. +Sie aber, nun den Oheim sie gesehen, +Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen. + +Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange +Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah. +Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt, +Wär’ vor ihm die vielschöne Jungfrau da? +Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen, +Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen. + +Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren, +Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück. +Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte, +Die schönen Augen Elsbeths voller Glück. +Er mußte wieder sie „traut Else“ nennen, +Eh’ will sie heut’ sich nicht mehr von ihm trennen. + +Der Ohm that’s lächelnd. Dann begleitete er Beide +Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war, +Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend; +Der reichte gnädig eine Hand ihr dar +Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend, +Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend. + +Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder +Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb; +Der war hier fremd und harrte längst des Freundes, +Daß er ihn vorstell’, wie der Brauch es schrieb. +Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte, +Wußt’ bald ein jeder, wie der Herr sich nannte. + +Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen, +Zu manchem Gönner ihm verholfen schon. +Wie immer, waren es zuerst die Damen, +Die er gewonnen durch vornehmen Ton, +Und war dies auch natürlich, da die Frauen +Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen. + +Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker +Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein, +Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern, +Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein, +In welchem sie ihn fest zu halten wußte, +Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte. + +That es der Zufall — oder Fräulein Adelgunde? +Die gern den Junker länger hielt in Haft, +Daß sich die Freiin grade gegenüber +Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft! +Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen, +Für’s Erste stille und gar steif, gemessen. + +Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden, +Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht, +In süßem Vino d’Asti, so die Damen, +Schon damals gerne tranken, kam es sacht, +Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen; +Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen. + +Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste +Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit, +Erhöhte sich der Gäste munter Wesen +Und waltete gar bald Gemüthlichkeit, +Die machte, daß die Alten wie die Jungen, +Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen. + +Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt +Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor. +Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen, +Im zarten Busen quoll es heiß empor; +Doch mochte schwerlich einer dies beachten +Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten. + +Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater +Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein, +Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte, +Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein; +Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken, +Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. — + +Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern +Den Junker fest und, schwieg die letztre mal, +Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde +Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl, +So daß im Stillen der sich schier beklagte, +Wenn offen er’s auch nicht zu zeigen wagte: + +Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen, +Für einen Mann, der gute Sitte kennt, +Und sagte ihnen, mit gewählten Worten, +Manch feines, aber höfisch Compliment, +Das, er war sicher, drang’s zu Elsbeths Ohren, +Für sie so gut wie jeden Sinn verloren. + +Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte, +Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn, +Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern, +Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn; +Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen, +Wollt’ auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen. + +Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber +Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug; +Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte, +Kam ihr die Freiin zuvor oder frug +Just Adelgunde etwas und — befangen, +Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. — + +O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket, +Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt? +Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen, +Der widerstand noch Niemand in der Welt? +Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen, +Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen. + +Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben, +Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar; +Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele, +Was es bedeutet, wird Dir offenbar, +Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen, +Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. — + +Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche, +Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang, +Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden, +Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang +Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen, +Wie immer bleicher worden ihre Wangen. + +Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden, +Blieb eine Weile still, als sänn’ er nach; +Doch that er dies, um besser sehn zu können, +Was aus den Augen seines Lieblings sprach, +Und nun er tief in ihrem Blick gelesen, +War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen. + +Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: „Junker! +Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort! +Wie wär’s, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet, +Eh’ Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt? +Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen, +Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!“ + +Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad +Und wandte sich zu Benno mit dem Glas, +Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute, +Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß, +Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen +Mit solchem Herren frech zu unterbrechen. + +Doch bald sprach Benno lächelnd: „Daß Ihr uns vergessen, +Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr; +Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen, +Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!“ +Der Junker fügte sich dem Urtheil willig +Und that die Buße, wie es recht und billig. + +Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth. +Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand +Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz, +Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand. +Im Nu war all’ das Herzweh da vergangen. — +Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen. + +Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen, +Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl; +Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen +Mit Frag’ und Antwort ohne Wahl und Qual; +Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde, +Hascht’ klug auch dieser er das Wort vom Munde! + +Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln +Für Elsbeth auszuknacken als Dessert; +Derweilen sie dem Vater nun erzählte, +Daß heute schon sie fast verunglückt wär’, +So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke +Beschützte sie im letzten Augenblicke. + +Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde +Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar, +Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte, +Seit jenem Tag, als das Gewitter war; +Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden +Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden. + +Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen +Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld +Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde, +Ob der an jenem Tag erwies’nen Huld; +Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen +Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen. + +Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede +Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht’, +Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte, +So thue er sich selber dies zu Noth; +Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken, +Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken. + +Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden, +Doch achteten die Frohen nicht der Zeit, +Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte, +Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit. +Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen, +Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen. + +So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere +Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn; +Als dies geschehen, ging es hin zur „Rosen,“ +Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein. +Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken, +Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. — + +Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte +Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau. +Wie Zauber lag es über Wald und Fluren; +Im Wiesengrüne schimmerte der Thau, +Tief unten floß der Rhein im klaren Bette +Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette. + +Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe, +Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war. +Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen +Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar; +Der Schloßvogt ritt, dem „Markgräfler“ zu Ehren, +Hier nie vorüber, ohne einzukehren. + +Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte +Da wehrte Benno, und ging’s wieder fort +In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen. +Es fiel nur selten mal ein lautes Wort; +Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite, +Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite. + +Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten +Die Herrn allmälig immer schneller hin, +Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein +Bald jede Eile unvonnöthen schien; +Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen, +Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. — + +Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen; +Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum. +Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes, +Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum; +Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne +Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne. + +In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite, +Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht. +Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern, +Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht? +Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet, +Welch’ wonnig Träumen ihr die Lippen bindet? + +Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um’s reden. +Er ritt, die Zügel lässig in der Hand, +Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen +In einemfort der Holden zugewandt; +Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer, +Als strahlte daraus her der Mondenschimmer. + +Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden, +Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal +Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte; +Wo er dann rauher ward und dabei schmal +Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten, +Die, nah’ dem Schlosse erst, sich wieder lichten. + +„Erzählet etwas, Fräulein!“ meinte nun der Junker, +Als hier die Pferde wechselten den Gang, +Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen, +Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang. +„Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten, +Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!“ + +„Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen +Euch kaum genügen,“ gab Elsbeth zurück, +„Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben; +Mein Wissen bildet just kein großes Stück. +Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen, +Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!“ + +Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red’ zu geben, +Was sie auch immer von ihm fragen sollt’; +Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben +Ihm erst erzählen, eh’ er reden wollt’. +Da ging denn Elsbeth munter an’s Erzählen; +Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen. + +Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste, +Als auch die Rede auf den Vater kam. +„Sein eigen,“ meinte Elsbeth, „wär’ hier Alles, +So nicht der Bischof einst das Erbe nahm +Jetzt freilich würd’ selbst dieses nicht mehr nützen, +Es fehlt ein Sohn, der’s weiter möcht’ beschützen.“ + +„So ist der Vater denn der letzte Küssaberger +Und gehet,“ fügte traurig sie hinzu, +„Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern, +Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh’; +Doch ist mir oft, als hört’ mein Herz ich sagen, +Man wird uns nennen noch in späten Tagen!“ + +Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne +Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort. +Er frug: „Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater +Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? — +Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen; +Mich würd’ es schmerzen, wüßt’ ich Euch in Sorgen!“ + +„Habt vielen Dank, Herr!“ lautete die Antwort Elsbeths, +„Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt. +Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen +Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt; +Wir kennen nicht des Willens frei Genießen, +Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen.“ + +„So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen. +Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht, +Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen +Mein Leben Gott darbringen im Gebet; +Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben +Und sich und mir das Himmelreich erwerben.“ + +„In’s Kloster! Ihr?“ rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad +Und riß den Rappen einen Schritt zurück. +„Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern? +Von selbst entsagen allem Erdenglück? — +Könnt Ihr dies thun, so sag’ ich ohne Scheuen, +Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!“ + +„Doch, Euch beliebt zu scherzen!“ sprach er dringlich weiter, +„In enger Zelle ist gar dumpf die Luft. +Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer +Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft; +Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen +Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!“ + +„Und dann — was werden Eure Hör’gen dazu sagen, +So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut’, +Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder, +Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut? +Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten, +So feuchte Mauern Euch gefangen halten?“ + +„Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden, +Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth; +Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern, +Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht; +Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten, +Als guter Geist zu seinen Häupten walten!“ + +„Glaubt einem Freunde — jener Mann ist zu beneiden, +Dem Euer Herze nur ein wenig hold; +Er findet seinen Himmel schon auf Erden, +Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold. +Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen, +Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?“ + +Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad +Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand +In seine Rechte, die sie jedoch zitternd +Im nächsten Augenblicke ihm entwand. +’s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen, +Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen. + +In ihrem Herzen freilich rief’s in hellem Jubel: +„Er liebt mich!“ und der frische, rothe Mund +Möcht’ freudig es in alle Lüfte jauchzen, +Es künden laut dem ganzen Erdenrund, +Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder: +„Er liebt Dich und Du Sel’ge liebst ihn wieder!“ + +Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren; +Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh, +Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert’, +Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee, +Als Elsbeth dachte, was der Vater sage, +Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. — + +Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen, +Vereinigt mit den Schwestern im Gebet +In stiller Klause, von der Welt geschieden, +Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht; +Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden +Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden. + +Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet, +Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum; +In wenig Wochen war das Kräutlein Minne +Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum. +Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen, +Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen. + +Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage, +Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß. +War dessen Quelle die Entsagung, oder +Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß? +Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden, +Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? — + +In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe. +Des Mondes Licht, es flutete um sie; +In blauer Dämmerferne lag, wie Silber, +Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie, +Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen, +Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen. + +Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried, +Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor. +Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern +Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor. +Doch, eh’ sich Thor und Brücke mochten zeigen, +Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen. + +Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise +Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand +Und blickte spähend in der Holden Antlitz, +Ob da die Antwort nicht zu lesen stand. +Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen, +Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen. + +„Ihr zaudert, Elsbeth?“ klang es weich von seinen Lippen, +„Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual! +Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen, +Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl. +Doch, daß wir Beide dieses Tages denken, +Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!“ + +Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein +Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun +Auf einen ihrer schlanken Finger streifte, +Die warm und weich in seiner Linken ruhn; +Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten +Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten. + +Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen, +Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht’, +Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein, +Und hatte dran das Schaustück losgemacht. +Es war ein Münzlein, gülden und gar selten, +Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten. + +„Soll ich das Ringlein werth behalten,“ sprach sie flüsternd, +„So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück +Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen; +Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück. +Des Tages aber will ich bas gedenken +Und billig meine Frage Euch nun schenken!“ + +So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker, +Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm +Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen, +Gedenkend der, von welcher es ihm kam. +Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen +Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. — — + +Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert, +Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt’, +Daß Hansli halb todt in der Halle liege, +Von seinem Flugversuch, den er gewagt. +Im Busch der Halde habe sie ihn funden, +Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden. + +Da schien’s, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte, +So rasch ging es des Schlosses Brücke zu; +Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen +Und war die Herrin dann bei Hans im Nu. +Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen, +Daß Hansli damit umging mal zu fliegen. + +Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager +Und ordnete, was für das Knechtlein gut; +Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen. +Die Herrin spendete ihm also Muth +Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer, +Eh’, selber müd, sie suchte ihre Kammer. — + +Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder +Und lauschte dabei auf der Magd Bericht: +Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen, +Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht +Und er als Flügel nutzen wollt’ beim Fliegen, +Um Vesperzeit den Bergfried hätt’ erstiegen. + +„Das Fliegen wär’ gelungen,“ sprach Mechtildis weinend, +Wenn er gewartet bis der Vogel Specht +Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche +Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht. +Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen, +Kopfüber, grad hinunter in die Tannen. + +Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen, +Daß es erbarmen konnte einen Stein; +Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen, +Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. — +Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden, +Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden. + + +Fünftes Kapitel. + +Novembermonat hat die Herrschaft übernommen; +In weiße Decken hüllt er Berg und Thal, +Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume, +Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl. +Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere +Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere. + +Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen, +Herunter dort aus den Wachholderstrauch, +Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget, +Regiert der Winter auch mit strengem Brauch; +Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren +Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren. + +Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise +Und wundert sich, vom Schneemann überrascht, +Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben, +An dem es gestern noch so frei genascht. +Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen +Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen. + +Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben, +Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum, +Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen, +Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum; +Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben, +Deß’ zarte Keime es gar köstlich laben. + +Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren +Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt; +Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle, +Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt, +Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten — +Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten. + +In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause. +Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt, +Nun zieht’s ihn bergwärts zum versteckten Baue, +Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt, +Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen, +Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen. + +Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch’ und Rehe, +Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück; +Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte +Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück. +An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern +Und fern im Osten fängt es an zu dämmern. + +Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe, +Als trennte nur die Breite einer Hand; +Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten, +In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand. +Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen +Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen. + +Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne, +Als goldner Ball beginnend ihren Lauf; +Die wen’gen Strahlen, so sie heut’ begleiten, +Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf, +Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte, +Indeß’ sie selbst noch tief am Horizonte. + +Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder; +Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt, +Der Wolken zart Geweb’ wird mälig dichter, +So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt. +Schon ist auch von der Sonn’ nichts mehr zu sehen, +Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen. + +Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber +Ein hell Halali! durch die Morgenluft, +Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte, +Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft; +Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen +Und „Waidmanns Heil!“ hört man vom Bergfried johlen. — + +Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse, +Begleitet von des Schlosses Jägertroß, +In’s nahe Matzenthal hinüber ritten, +Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß. +Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute +Der dicke Kunz der Rüden laute Meute. + +Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn +Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd, +Vereinigt wollten sie am Tage pirschen +Und dann probiren, wie der „Neu“ behagt, +Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen, +Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen. + +Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens. +Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch, +Im Walde einen „Hirzen“ zu bestät’gen; +Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch, +So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten, +Sie möchten sich für heut’ auf’s Jagen richten. + +Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen, +Soll man sich treffen, war es abgemacht. +Nun sind die Gäste angelangt und harren +Bei einem Feuer, das sie flink entfacht, +Des Freundes, während Udo’s Jägersegen +Ihm schon von weitem hallte froh entgegen. + +Und nun — ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich’s kaum glauben, +Als auch er Adelgunden da erblickt’, +Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen, +Erröthend ihm und fast vertraulich nickt’ +Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen +Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen. + +Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung, +Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg, +Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte, +Da Jochens „Hirz“ im dichtesten Geheg +Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen, +Wo er sich niederthat nach jedem Aesen. + +Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen +Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand, +Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen, +Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand; +Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen +Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen. + +Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke +Dich tief in’s Nestlein unterm lockern Schnee! +Mit Windeseile nahen sich die Feinde, +Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh; +Gilt’s auch dem „Achtzehnender“ heut’, dem Stolzen, +Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen! + +Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen, +Der Hirsch voran in unentwegtem Muth; +Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda! +Wo eben noch die Stille selbst geruht. +Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen, +Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen. + +In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben, +Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht’ fliehn, +Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde, +Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin. +Was treibt die Maid solch’ kühnen Ritt zu wagen, +Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen? + +Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte +Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund, +Den Pfaden folgen, die zur Seele führen, +Dem würde darauf jetzt die Antwort kund +Und damit auch die große Kunst gelungen, +Von der bis heute manches Lied erklungen. — + +Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen, +Daß Adelgundens Kleid im Winde weht; +Dem Junker mangelt Will’ und Weil’ zum Sprechen, +Doch dafür denkt er an Elisabeth, +Und wie auch jene immer mag beginnen, +Er muß sich jedes Mal auf’s Wort besinnen. + +So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen, +Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee; +Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben +Und fühlt’ im Herzen nun ein seltsam Weh. +Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen, +Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen. + +Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten, +So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt; +Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken, +Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt. +Die Rosse wissen’s, die den Boden stampfen +Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen. + +Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige +Und schütteln von sich ab die weiße Last; +Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze, +Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast. +„Faß’ Greif! Faß’ Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!“ +Gellt’s hallend durch des Waldes weit Reviere. + +Jetzt ras’t das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen, +Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht: +Das mächtige Geweihe tief im Nacken, +Saust er durch’s Holz, daß Zweig und Astwerk bricht. +Kein Ruhen giebt’s; bergauf, bergab geht’s weiter, +Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter. + + * * * + +Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen, +Da immer ferner hin sich zog die Jagd, +Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet, +Zur Küche eilte, um dort mit der Magd, +Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen, +Was jene rüsten sollt’ zum Abendessen. + +Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild, +— Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt +Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel, +Beständig fast in ihrer Nähe weilt’ — +Und forderte die auf, sie zu begleiten +Im Palas ein paar Betten zu bereiten. + +Seit langher stand die Kemenate unbewohnet, +Die dort für werthe Gäste war bereit; +Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet, +Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit, +Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen +Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen. + +Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten, +So in zwei Nischen des Gemachs erbaut, +Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten, +Ob deren jedem schön ein Himmel blaut. +— An’s offne Fenster, um sie durchzulüften, +Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften. + +Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen, +Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück; +Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen, +Schob sie behutsam wiederum zurück. +Bald war gewählt, was passend ihr erschienen +Und zum Beziehn der Betten mußte dienen. + +Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet, +Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau, +Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte, +Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau; +Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen, +Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. — + +Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte +Zu gleichen Theilen auf die Betten hin; +Mechtildis sollte alles fertig finden, +Wenn Abends sie die mußte überziehn. +Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen, +Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen. + +Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger, +Vom Froste rosig überhaucht zu schaun; +Denn eisig zog es durch die offnen Fenster, +Und den Kamin — vergaßen sie beim Bau’n, +Lag man nur erst mal zwischen all’ den Kissen, +Ließ ja der letztere sich leichtlich missen. + +Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster +Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang +Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille. +Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang; +Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite, +Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute! + +Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren, +Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick +Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend, +Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick; +Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen, +Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen. + +Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte +Die Seele ihr, wie Paradieses Lust, +Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste; +Im Sang entstieg der jugendlichen Brust, +Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden, +Die ihrem Innern herrlich nun beschieden. + +Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen, +Es schimmerte des Frohsinns holder Schein +Um alle, die in ihrer Nähe weilten; +Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein. +Sie fühlte heißer es im Herzen glühen, +Je mehr sich Aug’ und Mund zu schweigen mühen. — + +Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen, +Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz, +Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter +Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts; +Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele +Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle. + +Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet, +Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft; +Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert, +Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft. +Die Seligkeit der Liebe geht verloren, +Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. — + +In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen, +Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann +Und war zufrieden in dem stillen Wahne, +Es liebe wieder sie der liebe Mann; +Ein Lächeln von ihm und ihn nah’ zu wissen, +Genügte ihr und ließ sie Alles missen. + +Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem +Und tief empfundener Glückseligkeit, +Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage, +Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit; +Sie waltete, froh im Gefühl der Minne, +Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne. + +Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein, +Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt; +Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale, +Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt. +Er mußte, Elsbeth’s wegen, sich bezwingen, +Ihr kalt erscheinen, nur wollt’s nicht gelingen. + +Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume, +Und hoffte daß sie ihm begegnen muß; +Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten, +Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß, +Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe +Und wußt’ ein trautes Wort er für die Gute. + +Bald war’s ein stetes Meiden und sich wieder suchen, +Es wußten Beide nicht, wie es geschehn, +Daß sie, die eben in der Halle schieden, +Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn; +Doch hörte Keines man mit Worten sagen, +Was ihre Blicke zu bekennen wagen. + +Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen +Dazwischen öfters um den Siegespreis, +Von Tag zu Tage aber ward er müder +Und gönnte jenem, daß es siegte, leis’. +Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen, +Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen. + +Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte, +Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr; +Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten +Und wie nur Segen blühte um sie her. +Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen, +Dem zu entfliehn ihm mangelt’ das Verlangen. + +Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder, +Er jeden Morgen ihr „Grüß Gott!“ vernahm, +Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen, +War’s sicher, daß den Weg er dorthin nahm, +Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine +Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine. + +In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele +Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt’; +Die holde Blume mit dem keuschen Herzen, +In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt. +Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören, +Er will nur ihr auf immer angehören! + +Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen, +Ihr auszuschütten sein gequältes Herz +Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte; +Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz, +In dem er seine Ruh’ geborgen glaubte, +Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte. + +Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben +Die schicklichste Gelegenheit herbei, +Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete, +Denn er fand in des Vogtes Bücherei +Ein Bündlein Schriften, „Parzifal“ geheißen, +Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen. + +Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen, +Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’, +Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung +Von ihren vielen Pflichten sich errang. +Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen, +Der Lieblichen die Minne zu gestehen. + +Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad +Ans Lesen jener alten Sage gehn, +Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute, +Vermochte er an ihrem Blick zu sehn, +Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen, +Und mußte seinen Plan er drum vertagen. — + +Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster +Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang. +Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich, +Auf ihrer Seele lastete es bang, +Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert; +Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert. + +Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel, +Zermarterte indessen ihr Gehirn +Zu rathen, was der lieben Herrin fehle; +Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’ +Und war schon dran sich heimlich auszuschelten, +Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten. + +Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte: +„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?“ +Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel, +So daß Mechtildis schier entfiel der Muth, +Die längst gewohnte Antwort zu erneuern +Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern. + +„Das will ich bas vermeinen!“ sprach sie, glutroth werdend, +„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück, +Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden, +Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück +Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet, +Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet! + +„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder +Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’ +In meinen Zöpfen eingeflochten sehet; +Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut. +Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne +Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!“ + +„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend +Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal, +Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel, +Gehörte Hansli, und er rief drei mal, — +Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben, +Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!“ + +„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,“ +— Nun übergoß die Herrin es mit Glut — +„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten, +So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut +Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen, +Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!“ + +„Das weiß ich!“ fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede, +„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so. +Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen, +Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; — +Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen, +Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!“ + +„Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft, +Die jeder Zeit der Treue sich befliß +Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden, +Ist sicher Hansli’s Treue Dir gewiß! +Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange, +Daß er nach einer anderen verlange?“ + +„Nein, Herrin!“ rief da Mechtild, „wär’ dies Liebe, +Die erst der Treue sich versehen muß? +Ist Einer einer zugethan von Herzen, +So sieht sie’s schon am ersten Blick, am Gruß, +Oh er’s auch ehrlich mit der Treue meine, +Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!“ + +„Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen, +Da hat der liebe Gott es so gefügt, +Und darum wohl zu bangen unvonnöthen, +Daß etwan eines sich im andern trügt. +Doch käm’ es so, wie Ihr halb prophezeiet, +So wüßt’ ich Eine — die selbst dies verzeihet!“ + +Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen, +Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein’s Kinn, +Und küßte ihr die Wange mit den Worten: +„Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn, +Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben; +Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!“ — + +So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein. +Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang +Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild, +Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang +Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe +Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe. + +Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange, +Zum Hofe ging’s auf flinken Füßen fort; +Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen, +Das früh’ schon herkam aus dem nächsten Ort, +Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger, +Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger. + +Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien +Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor, +Wie sie sich mild an seine Mutter wandte, +Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr +Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen, +Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen. + +Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher +Und löste langsam und mit leichter Hand +Dem Zagen, unter kosendem Geplauder, +Vom hochgeschwollnen Finger den Verband; +Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt, +Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt’. + +„Da sitzt der Wurm im Finger,“ sprach sie drauf bedächtig, +„Und darum sind die Schmerzen auch so groß. +Die Heilung zu erreichen, ist’s am besten +Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los. +Verweil’ Dich also etwas mit dem Kinde, +Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde.“ + +Doch eh’ sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle +Und schnitt vom Brod, das für’s Gesind dort war, +In aller Eile ein paar große Stücke; +Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar +Um, während Kind und Mutter daran kauen, +Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen. + +Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen, +Das letztre zum Gebrauche fein gezupft. +Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein, +Deß’ Finger mit dem Sälblein sie betupft’; +Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde +Ein leises „Heilo, Segen!“ auf die Wunde. + +Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden +Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt, +Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien, +Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt. +Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen, +Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. — + +Sie selber aber ging zu Frida in die Küche +Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit, +Das Essen für die Gäste fertig werde, +Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit. +Es war auch noch der Würzwein zu bereiten, +Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten. + +Dann eilte wieder sie in’s Palas. Hier, im Saale, +Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt, +Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte +Nur erst den großen Eichentisch gedeckt. +Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien, +Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen. + +Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging +Und Hansli mit der neuen Meldung naht’, +Daß sich ein Spielmann eingefunden habe, +Der für die Nacht um warmes Obdach bat; +So man es wünsche, wolle gern er singen, +Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen. + +„Gewähr’ ihm Herberg, Hansli,“ — war der Herrin Antwort, +„Und von dem Heurigen ’nen vollen Krug; +Doch ja nicht mehr!“ ergänzte sie mit Lachen, +„Denn Spielleut’ haben immer guten Zug. +Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben, +Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!“ + +Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder +Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank +Der Spielmann saß und des Bescheides harrte, +Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank +Dem Knechte folgte in die warme Halle, +Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle. + +„Das fahrende Gesindlein riecht’s wohl schon von Weitem +Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth; +Gleich läßt es links die breite Straßen liegen, +Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht. +Am liebsten, glaub’ ich, haben sie die Gassen, +Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!“ + +„„Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben, +Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild! +Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!““ +Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild. +„„Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben, +Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.““ + +„Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen, +Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein, +Mit denen unsre Herzen sie gewinnen +Und haben immer neue Melodei’n; +Des Letzten Sang summt mir noch heut’ in Ohren, +Doch hab’ die Worte dazu ich verloren!“ + +Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten +Sich Beide ob des Anblicks, den er bot; +Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel +Mit Blumenmalerei in Blau und Roth, +Indessen Elsbeth sich der Gläser freute, +Die für die Gäste sie erwählte heute. — + +Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände +Und achtet weder Mühe noch Beschwer, +Des Mannes Heim behaglich zu gestalten +Und still zu wirken für des Hauses Ehr’; +Was wir im Einzelnen als unnütz hassen, +Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. — + +Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller; +Auch glättete gar sorglich ihre Hand +Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige +Und ebenmäßig hing der rothe Rand; +Derweilen Mechtildis die Stühle stellte, +Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte. + +Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule, +Denn Benno gab nur selten einmal frei, +Und — während Mechtildis noch heizen sollte, +Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei — +Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte, +Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte. + + * * * + +Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder, +Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal; +Im Schlosse war das Tagewerk vollendet, +Man wartete der Gäste nun zum Mahl; +Leis’ nur, im Frau’ngemach beim Lichtspahnglimmen, +Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen. + +Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle +Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind’ +Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte +Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind; +Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte, +Nur, daß den größten Krug er jenem holte. + +Schanzunen, Leiche, Schwänk’ und neue Trutzgesätzlein +Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund; +Es würd’ die Kehle doch zu schnelle trocken, +Säh man in einem fort des Kruges Grund. +Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen, +Wär’ nicht der Wein, der es hervorgezwungen. + +Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals +Die Weise „von der Minne süßem Born,“ +Als er im Singen unterbrochen wurde +Vom lauten Halali aus Jochens Horn; +Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke +Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. — + +Ein paar Minuten später war der weite Zwinger +Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt, +Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen, +Zu dem die Meute die Begleitung bellt’; +Derweil die Hörigen die Beute brachten, +So heut’ der Vogt und seine Gäste machten. + +Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke, +Für Alt und Jung beliebte Augenweid’, +Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen +Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid. +Der Achtzehnender freilich war entkommen, +Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen. + +Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen. +Nun lag das schöne Thier dahingestreckt +Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen +Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt +Vom nahgekommenen Geläut der Meute, +Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute. + +Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste, +Von Hansli angeführt, der leuchten muß, +Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth +Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß. +Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder, +Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder. + +Als einz’gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare +Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband, +Das zu den goldnen Locken auf der Stirne +Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand. +Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken +Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken. + +Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte +Die Tochter heute festlich sich geschmückt; +Auf ihren Zügen aber lag’s wie Trauer +Und ihre Seele fühlte sich bedrückt, +Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle, +Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle. + +Da näherten sich Schritte; man hört’ lachen, sprechen +Im Gange draußen, so zum Saale führt. +„Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?“ +Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt; +Denn solchen Gastes dacht’ sie nicht beim Decken, +Mocht’ auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken. + +Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen, +Gelassen grüßend, während jene lacht’, +Daß, obwohl unerwartet hergekommen, +Sie doch um Herberg bitte für die Nacht; +Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte, +Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte. + +Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen +Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand, +Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen +Blitzschnell den Weg in seine Augen fand. +Ihm war die frohe Laune wieder kommen, +Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen. + +Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale +Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein; +Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln +und duftete gar fein nach Nägelein, +Die sie zum Trunk als gute Würze mischte, +So daß die Müden er von Grund erfrischte. + +Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger, +So ihnen der entkomm’ne Hirsch gemacht. +Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser +Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht, +Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen, +Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen. + +Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten, +Belegte sie dann für den schönen Gast +Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten, +Mit Glas und Teller, wie’s dem Fräulein paßt; +Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen, +Daß für die Gäste schon sie aufgetragen. + +Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände, +Eh’ sie die Gäste hin zum Tische bat, +Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte, +Den rings umkränzte köstlicher Salat. +Nun ließen diese sich nicht lange bitten, +Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten. + +Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen, +Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt’. +Den letzten Wegtrost sollt’ er diesem spenden +Zu jener Reise, von der Niemand kehrt. +Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen, +Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen. + +Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich’s läßt schmecken, +Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn; +Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen, +Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun; +Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen +Und blieb der Heurige nicht unvergessen. + +Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte +Als Sauser über Alt und Jung Gewalt; +Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge, +Froh prüfend seinen geistigen Gehalt. +Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben, +Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben. + +Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein +Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit. +Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden, +Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit, +Die sie den werthen Gästen heute wagen, +In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen. + +Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen, +Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß, +Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken +Und rastlos wirken zu des Hauses Preis. +Ein „Heilo ihnen!“ scholl aus aller Munde, +Derweil die Gläser klangen in der Runde; + +Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann, +Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt, +Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker, +Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt +Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen, +Den Dank für’s schöne Sprüchlein zu empfangen. + +Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten, +Und nun verschwand schnell die Befangenheit, +So sie, als Adelgunde kam, beschlichen, +Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit; +Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen, +Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen. + +Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein +Dem grünen Wald und wackerem Gejaid, +Daß froh die Herren nach dem Glase griffen, +Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid; +Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen, +Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen. + +Er und der alte Wasserstelz, sie überboten +Einander oft in spaßigem Latein, +Drin’ wohl bewandert Sankt Huberti Jünger; +Wir andern fabeln lange nicht so — fein. +Bald wurde manches Stücklein aufgetischet +Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. — + +Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen, +Wie dies bei jungen Herren immer geht, +Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen +Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht; +Nur ab und zu sah man sie einmal nippen, +Zu netzen sich die blühend rothen Lippen. + +In üppig-voller Reife prangte Adelgunde +Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt; +Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen, +In schöner Rundung wölbte sich die Brust, +Die Sammetwangen sah man rosig blühen, +Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen. + +Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet, +Glich einer Blume, der im Kelch der Thau +Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern +Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau. +Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen +Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. — + +Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, — +Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, — +Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen +Und hielt im Athem sie in Einem fort. +Ging auch die Rede oft an Adelgunden, +Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden. + +Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten; +Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb, +Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen, +Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb; +Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten, +Ihr war’s, als ob die Blicke sich umflorten. + +Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören, +Als solches Lob; das hätt’ sie ihm geschenkt, +Der ihr heut’ selten mal ein Wörtlein gönnte, +Auf was sie immer auch die Rede lenkt’. +Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen, +Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen? + +Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte, +Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach, +So rückte Adelgunde zu den Herren; +Doch hielt sie dabei Aug’ und Ohren wach, +Um Elsbeth und den Junker zu belauschen, +Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. — + +Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung, +Nach deren Formel zweimal jedes Jahr +Geurtelt ward von Rheinheims „Kellerrichter;“ +„Es lauten diese freilich ganz und gar +Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern +Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern.“ + +„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen +Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht, +Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme +Ein längstveraltetes Gesetz verleiht; +Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen, +Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.“ + +„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche, +Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß +Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen, +Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß, +Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte +Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.“ + +„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,“ +Erzählte fort der Vogt und strich den Bart, +„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen, +Der Scherz und Ernst eng miteinander paart: +So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten — +Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.“ + +„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet +Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal +Am Wege etlich meisterlosen Buben, +’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl. +„„Giebt’s nichts zu handeln?““ ist des Juden Frage, +Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.“ + +„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt, +Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...““ +„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden, +Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?““ +„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben, +Die schon den Juden in der Mitte haben.“ + +„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!““„lautet +Die schlaue Antwort aus des Juden Mund. +Die Buben aber, keinen Spaß verstehend, +Sie streichen dafür ihm den Rücken wund; +Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen, +Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.“ + +„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten +Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab; +Die Buben werden dringlicher im Fragen, +Es regnet Schläge hageldicht herab. +Der Jude aber läßt sich nicht erweichen, +Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.“ + +„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s, +Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher. +Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen +Und ist natürlich nun die Straße leer, +Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen +Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.“ + +„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten, +Begleitet er ihn endlich hier herauf. +Daß ich die Argen strenge büßen möge, +Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf +Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken +Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.“ — + +„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen, +Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein! +Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste, +Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...“ +Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig +Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig. + +Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte, +Fuhr desto frischer er zu reden fort: +„Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe, +Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort, +Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen, +Von wem und wie die Unbill ihm geschehen.“ + +„Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten +Und spricht: „„Gesehen hab ich nichts; ich fand, +Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen, +Den Juden ganz allein am Wegesrand. +Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen, +Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!““ + +„Jetzt heult der Jud’ erst recht und lamentirt so gräulich, +Daß es noch heut’ in meinen Ohren gellt; +In seinem Aerger schalt er derb den Bauern, +Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt, +Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen, +Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen.“ + +„Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte +Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam.“ +— Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild +’ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm +Und artig sie dem Fräulein präsentirte, +Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. — + +„Natürlich ist’s nun aus; ich heiße Beide schweigen +Und sag’ dem Juden, daß er Jemand nennt, +Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet, +Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt; +Da er’s nicht konnte, wies ich ihm die Thüre +Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe.“ + +„Zufrieden seh’ ich, wie sie miteinander gehen; +Da, — sie sind kaum noch recht vor dem Gemach, +War’s uns, als ob wir kräftig klatschen hörten, +Begleitet von des Juden Weh und Ach! +Und wie ich Else folge, nachzusehen, +Thät der, von neuem heulend, draußen stehen.“ + +„Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen, +Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab. +Der Jude dauert’ uns, ich trat zum Fenster +Und ruf’ dem Bauer nach, der, schon im Trab, +Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke, +Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke.“ + +„Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte, +Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort? +Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte, +Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort: +„„Der Jud’ soll Zeugen schaffen, die es sahen, +Daß er von mir die Streiche hab’ empfahen!““ + +„Schier überrascht, will eben ich’s dem Schelm verweisen, +Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht +Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt’ er einen +In Kostnitz oben, der spräch’ sicher Recht. +Nun war’s genug! — Ich konnt’ mich kaum noch halten, +Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!“ + +„Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden, +„Wir haben ja hier oben auch ein Loch, +Drin’ Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen; +Thut’s dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch! +Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen, +Eh’ dort die Ratten Euch am Felle nagen!“ + +„Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen. +Ich übergab die Streitenden dem Knecht +Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten, +Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. — +Am nächsten Morgen saßen Beid’ in Frieden +Und waren gute Freunde, als sie schieden...“ + +Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet, +Aus aller Munde durch den weiten Saal, +Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte +Und, als der nahgekommen, ihm befahl, +Nun wieder munter seines Amts zu pflegen, +Da er noch Durst verspür’ nach Rebensegen. + +In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen +Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis, +Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten, +Die er gar launig zu erzählen weiß; +Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren, +Der „Neue“ immer mehr und mehr zu Ehren. + +Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde, +Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt, +Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte, +Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt. +Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen +Den fremden Sänger in den Saal zu holen. — + +Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer +Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht’. +Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren, +Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht; +Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue +Und that, als ob die Einladung ihn freue. + + +Sechstes Kapitel. + +In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen, +Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt +Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend, +Sein Theil zu haben an erlaubter Lust; +Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden, +Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden! + +So manches Tränklein aus des Apothekers Küche, +Blieb unverschrieben ewig deinem Mund, +Verweiltest öfters du bei frohen Menschen +Und lachtest dich mit ihnen recht gesund; +Denn wo in Freude hell die Augen glänzen, +Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen. + +Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest, +Mit denen du dich sonst so gern vergnügt, +Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten, +Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt. +Versäume nie, mit Frohen dich zu einen, +Doch hab’ auch Thränen, siehst das Leid du weinen. — — + + * * * + +In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute, +Trat, grüßend, bald der Spielmann in’s Gemach. — +„He, Vöglein federleicht! woher des Weges? +Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?...“ +Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen, +Doch war der Fremde darob nicht verlegen. + +Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen, +Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach: +„Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen, +Ich fragte auch nie sonderlich darnach. +Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen, +Kann ich auch nicht die Alten benedeien!“ + +„So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen, +Von wo ich komm’, doch nicht, wohin ich will; +Da könnt’ der Wind Euch besser Antwort geben!“ +Und nun der Spielmann sah, daß alles still +Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte, +Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. — + +„Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt’ flattern, +Sucht’ ich die Atzung auf gar manche Art. +Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel +In seiner Weisheit ’s Hungern nicht erspart, +Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste, +Wie es dem armen Piepmatz grade paßte.“ + +„Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden, +That ich in’s Land hinaus den ersten Flug; +Auf schwankem Zweiglein hab’ ich oft gesessen, +Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug. +Am Tag ging’s lustig fort von Baum zu Baume, +Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume.“ + +„Beim ersten Morgengraun stieg ich in’s Blau der Lüfte, +Es grüßte froh die Sonne mein Gesang. +Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern, +Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang. +Da nahm ein jähes End’ das Jubilirens, +Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren.“ + +„Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten, +Und lud mich da für Winter lang zu Gast. +Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen, +Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt’; +Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen, +So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen.“ + +„Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben, +Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst; +Ich aber lernte gern und ließ mich meistern, +Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst. +Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre, +Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore.“ + +„Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten, +Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee, +Die ersten Knospen aus den Stauden brachen, +Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh. +Des Klosters Futter wollt’ nicht mehr behagen, +Zwar hatt’ ich Ursach’ nicht, mich zu beklagen.“ + +„Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich, +Riß mich dahin; ich konnt’ der Wolken Zug +Ob meinen Häupten stundenlang betrachten +Und sie beneiden um den freien Flug, +Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen, +Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen.“ + +„Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage, +Der heil’ge Joseph ist mein Schutzpatron, +Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen +Und heimlich aus dem Käfig flog davon. +Im Freien konnt’ ich nun die Glieder dehnen, +Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen.“ + +„Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen. +Willkommen! Sag’, wo bliebst Du denn so lang? +So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen +Und jubelnd stimmt’ ich ein in ihren Sang; +Der Dompfaff sang die Mess’ am Morgen frühe, +Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe.“ + +„In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger, +Die Bächlein murmelten, es blitzt’ der See; +Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein, +Aus zartgewebtem, duft’gem Blüthenschnee, +Und lustig Lebens gab’s auf allen Zweigen! +Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen.“ + +Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen +Trug mich der Füße unermüdlich Paar; +Allüberall empfing mich lauter Jubel +Von der Gesellen leicht besohlter Schaar. +Vergessen war das Hungern, war das Frieren, +Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren.“ + +„Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen, +Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast; +Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager, +Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt; +Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen, +Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen.“ + +„Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen, +Und ging dies so durch manche Woche hin; +Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden, +Auf das ich lange stolz gewesen bin, +Als ich, es war an einem Sonntag eben, +Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt’ erleben.“ + +„Mit viel Gesellen hatt’ auch ich den Zug genommen +Durch’s Baierland in’s schöne Oesterreich. +Der Atzung gab’s genug auf solcher Reise +Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich; +Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen, +Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!“ + +„Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein, +Wo man uns Herberg wies im „güldnen Kranz;“ +Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen, +Drauf fiedelten die andern einen Tanz, +Und, eh’ wir uns recht umsahn, war die Stuben +Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben.“ + +„Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke, +Die einen wollten Sang, die andern Tanz; +Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe, +Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, — +Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise, +Ihm doch zu singen eine schöne Weise.“ + +„Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen +Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang; +Vom Herzen lösten sich die Melodeien, +Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang, +Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen; +Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen.“ + +„Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber +Und änderte die Weise und das Lied; +In süßen Tönen fing ich an zu locken, +Wie es die Vöglein draußen thun im Ried, +Den Blick konnt’ ich dabei nicht von ihr wenden, +Da ihre dunklen Augen schier mich blenden.“ + +„Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende, +War auch der Zähren letzte Spur davon; +Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen, +Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn. +Des Mägdleins Beifall wollt’ ich mir erringen +Und hätt’ ich müssen Tag und Nacht durch singen.“ + +„Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen; +Gar wenig scheerte mich der andern Lob. +Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben, +So oft den schönen Blick sie zu mir hob, +Und ehe noch mein letztes Lied verklungen, +Hatt’ ich mich tief der Maid in’s Herz gesungen.“ + +„Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten +Und sich die andern drehn in frohem Muth, +Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend, +Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth; +Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne, +Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne.“ + +„Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze, +Die Feine wiegte sich in meinem Arm; +Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen, +Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm. +Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen, +Errathen hab’ ich’s, ohne viel zu fragen!“ + +„Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen, +Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus. +Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme, +Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus; +Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken +Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!“ + +„Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen! +Als spät und doch zu früh das Scheiden kam, +Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen +Und war in Thränen, da sie Abschied nahm; +Dann huschte sie in’s Haus, durch einen Garten. +Ich wußt’ nicht, sollt’ ich gehen oder warten.“ + +„Doch ging es eine Weile, eh’ ich mich konnt’ trennen +Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück. +Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen, +Und langsam suchte ich den Weg zurück, +Verfehlte aber bald die rechte Gasse; +Denn es war dunkel, wie in einem Fasse.“ + +„Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden, +So mich zurück zur Herberg führen thät, +Schritt ich die Häuserreihen still vorüber, +Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät; +War aber in dem Dunkel nichts zu wollen! +Nur ferne Blitze und des Donners Rollen.“ + +„Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen, +Da brach das Wetter los mit aller Macht; +Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen, +So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht, +Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken, +Ein Heil’genbild in einer Nischen winken.“ + +„In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen, +War doch die Nische selbst noch unter Dach; +Gelassen sucht’ ich ein behaglich Plätzchen +Und sann zufrieden meinem Glücke nach, +Derweil die Blitze grell den Himmel sengten +Und schwere Wolken überm Städtlein drängten.“ + +„Bald träumte ich gar süß von einem sel’gen Leben, +Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein. +Mein fahrend Dasein hatt’ ich aufgegeben, +Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein; +In welchem thät als Hausfrau lieblich walten, +Das Mägdlein, so ich heut’ im Arm gehalten.“ + +„Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser, +Die Fenster klirrten, da und dort ward’s hell, +Auch eine Wetterglocke hört’ ich läuten; +Die Donnerschläge folgten sich gar schnell. +Mich aber kümmerte kein Blitzezucken, +Durft’ unter gutem Schirme mich ja ducken!“ + +„Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen. +Herunter auf des Städtleins Giebelreihn, +Von unheimlichem Knattern arg begleitet; +Draus lohte hoch ein rother Feuerschein, +Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet, +Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!“ + +„Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen, +Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn; +Die einen schleppten Leitern, andre Eimer, +Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn, +Indeß am Himmel eine Feuergarbe +Auf Meilen leuchtete in rother Farbe.“ + +„Jetzt lockt’ auch mich der Böse aus dem sichern Winkel! +Ich ließ den guten Heiligen im Stich +Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger, +Zur Löscharbeit fast außer Athem mich; +War freilich unnütz, daß ich also rannte, +Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!“ — + +„„Thu’ einen Schluck, Gesell, und dann bericht’ uns weiter,““ +Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz. +Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten, +Und leerte ihn, mit einem „Gott vergelts!“ +Zum Staunen Aller fast in einem Zuge, +Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge. + +„Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend, +Fuhr drauf er fort: „So flog ich denn dahin, +Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen, +Daß fast der Erste ich beim Feuer bin. +Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen, +Die Flamme leckte schon an allen Wänden.“ + +Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren, +Packt meinen Nacken eine grobe Faust +Und hör’ ich schreien: „Heda, greift den Strolchen!“ +Indeß ein Schlag auf mich herunter saust, +Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte, +Daß mir das Feuer aus den Augen leckte.“ + +„Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!“ hörte +Ich rufen, dann ging mir der Athem aus; +Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung, +Die erst mir wieder ward im Büttelhaus. +Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben, +Wie’s schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!“ + +„Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter, +Der flissentlichen Brandstiftung verklagt; +Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen, +Ward ihm vom Herbergsvater eh’ gesagt. +Dir winkt das Dreibein, dacht’ ich, bist verloren, +Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!“ + +„Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter +Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam. +Daß ich im Dunkel abends mich verirrte, +Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm, +Und auch der Heil’ge mich beschirmet hätte, +Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte.“ + +„Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause +Mocht’ nicht ich sprechen, sonst war alles wahr. +Der Richter jedoch nannt’ es eitel Lügen, +Von weitem schon jedweder Wahrheit bar; +Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen, +Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen.“ + +„So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen, +Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib, +Des fremden Vogels Federlein zu rupfen +Und ihn zu rösten bei lebend’gem Leib. +Mit Zittern trat ich in die Marterkammer, +Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer.“ + +„Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen. +Die Teufel steigerten mir Grad für Grad +Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben! +Und grinsten höhnisch: „Bist noch gut für’s Rad!“ +Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen, +Daß zischend tief in’s Fleisch die Eisen griffen.“ + +„Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten, +Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort, +Als was dem Richter gleich schon ich bekannte, +Und was ich wiederholte fort und fort: +Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen, +Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen.“ + +„Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers, +Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand, +Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen, +Würd’ etwas lockern ich der Zungen Band +Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen +Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen.“ + +„Doch lieber hätt’ ich mir die Zunge abgebissen, +Eh’ ich die Holde meinethalb verrieth. +Ich schwieg also und ließ mich weiter martern, +Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht. +Bist hin! dacht’ ich, und hast nur zu errathen, +Ob sie dich hängen werden oder braten!“ + +„Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse, +Da hielten sie mit Foltern endlich ein +Und gaben etwas Ruh’ dem armen Körper, +Sich zu erholen von der schweren Pein; +Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte, +Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte.“ + +„Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche +Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin, +Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend: +Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin, +Das mir mein traurig Dasein aufgebunden +So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!“ + +„Doch während solchem Harren heilten meine Wunden; +Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm; +Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen, +Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm. +In trautem Plaudern kos’ten wir zusammen, +Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!“ + +„Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer +Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum, +Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos’te. +Entsetzen packte mich im Kerkerraum; +Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände +Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende.“ + +„Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden, +Verglichen mit der Folter argem Schmerz, +In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette, +Die Kraft versuchend an dem harten Erz; +Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen, +Als daß ich, wach nun, davon konnt’ genesen.“ + +„So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens +Erschlossen ward die Thüre und parat +Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen, +Die mich begleiten mußten vor den Rath. +Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen. +Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen.“ + +„Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln +Und sahen finster blickend auf mich her; +Der Wasenmeister mußte rückwärts treten, +Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer. +Dann fing man zu verklagen an, zu fragen; +Ich mußte ihnen nochmals alles sagen.“ + +„Geduldig gab ich Red’ und Antwort ihren Fragen, +Erzählte alles wahr und unverwandt; +Die Herren aber machten strenge Mienen, +Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt. +Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen +Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!“ + +„Nun flogen Red’ und Widerrede hin und wieder, +Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr; +Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig, +Da trat ein altes Männlein langsam vor. +Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig, +Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig.“ + +„Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen, +Die tief versenkt im faltigen Gesicht; +Dann wandte er sich zu den Rathscollegen, +Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht. +Ich aber konnt’ den Blick nicht von ihm trennen, +Mir war, als sollt’ ich diese Augen kennen.“ + +„„Wollt nicht aburteln,““ kam es aus des Männleins Munde, +„„Eh’ Ihr zuvor auch mich gela’n. +In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster +Des Wetters Toben lange Zeit mit an; +Die Erde zitterte in ihren Gründen +Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.““ + +„„Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten +Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht. +Ich fordre also Namens seiner Zeugen, +Ihm zu beweisen, eh’ den Stab man bricht, +Daß er es war, wie uns die Klage kündet, +Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.““ + +„„Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen; +Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch, +Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen, +Es komme Unheil uns durch solchen Gauch. +Drum fordre Zeugen ich zum andern Male, +Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!““ + +„„So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen, +So weit noch Christenglocke tönt im Reich, +So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen, +So weit wir alle vor dem Herre gleich, +So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen, +Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.““ + +„„Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen, +So ist’s, nach altem Brauche, Richters Pflicht, +Beweise von dem Kläger einzufordern, +Eh’ man ein Urtel dem Verklagten spricht — +Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen: +Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!““ + +„„Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem +Die Männer wir besiebnet, daß man hört, +Was jene wissen und ob jeder willig, +Die Aussage mit seinem Eid beschwört; +Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen +Und — trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!““ + +„Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne; +Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer. +Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder, +Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr +Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten, +Im Rathe unverkürzt willfahren wollten.“ + +„Doch mocht’ des Alten Wort im Rathe Geltung haben; +Es dauerte nicht lange, ward erklärt +Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte, +Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt, +Und seien jene eidlich zu verhören; +Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören.“ + +„Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß; +Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor. +Es waren vier’, die in die Schranken traten, +Doch ihre Namen ich schon lang verlor; +Nur Einen kannt’ ich an den Fäusten wieder, +Die mich beim Brande damals schlugen nieder.“ + +„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte +Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund +Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben; +Gott sehe jedem Herzen auf den Grund +Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten +Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!“ + +„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser, +Der auf der Kanzel seine Predigt thut. +Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten +Es oft wie Mitleid für mein junges Blut, +Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke, +Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.“ + +„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber +Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort. +Gar kurz erzählte der, wie er getroffen, +Der ersten einen, mich am Unglücksort, +Und wie er mich als Fremden gleich erkannte, +Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.“ + +„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette +Und hob die Hand beschwörend hoch empor, +Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend, +Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor, +Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte, +Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.“ + +„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen; +Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still. +Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen, +Wenn um ihn jeder sein Verderben will. +Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen, +Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!“ + +„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel +Zu Allem fähig, habe der Verdacht, +Ich sei der Thäter, Jedermann befallen, +Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht. +Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen — +Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.“ + +„Die andern drei bestätigten des ersten Rede, +Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur. +Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe; +Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur. +In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben, +Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!“ + +„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen! +Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind. +Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet, +So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind! +Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen, +Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.“ + +„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte, +Der wieder goldne Lebenshoffnung gab, +Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen; +Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab. +Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen, +Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!“ + +„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden, +Denn als die Viere ihren Spruch gethan, +Ward lange hin und her im Rath verhandelt, — +Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n. +Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig, +Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.“ + +„Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher +Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn, +Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten +Für solchen Strolches Unterhalt entstehn; +Nur sollten vorher sie mich schwören lassen, +Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen.“ + +„Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden, +Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund +Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen +Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund’, +So sollte man auch hier nach Recht verfahren, +Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!“ + +„Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille; +Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob +Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale. +Wie Nebel war’s, was meinen Blick umwob, +Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten, +Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten.“ + +„Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen, +Hielt aufrecht mich indessen drauß’ im Flur, +Und immer stärker kam mir der Gedanke: +Sie werden los mich geben mit dem Schwur, +Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden; +Was ich geschworen hätt’ mit tausend Eiden.“ + +„Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten +Noch manchen Puff, weil’s nicht zum Galgen ging, +An den sie mich so gern gehangen hätten; +Doch achtete ich solches nur gering; +Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern, +Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern.“ + +„Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen; +Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal +Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden; +Es schuf die Ungeduld mir harte Qual. +Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile, +Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!“ + +„Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen, +Ein Büttel rief den Wasenmeister an, +Mich wiederum dem Rathe vorzuführen; +Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran. +Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken, +Trat leichtern Sinn’s ich dies Mal vor die Schranken.“ + +„Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber, +Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht +Und feierlichem Ton begann zu lesen; +Doch was er las, verstand ich leider nicht, +Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen +Sei Deliquent das Urtel zu verkünden.“ + +„„Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte +Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht, +Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen, +Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, — +Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben, +Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.““ + +„Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel; +Man forderte dafür noch meinen Dank, +Weil mich der Rath so gnädig angesehen, +Daß morgen schon ich würde frei und frank. +Mein leiser Fluch mocht’ ihnen dafür gelten, +Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten.“ + +„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden, +Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht, +Die mich von der ersehnten Freiheit trennte; +In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht, +Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe, +Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.“ — + +„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen; +Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint. +Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden, +Ob man sich auch von Gott verlassen meint. +So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren; +Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!“ — + +„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten, +Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr, +Und mir der Freimann guten Morgen wünschte +Inmitten seiner groben Knechte Chor; +Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen +Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.“ + +„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge, +Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick; +Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge +Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick, +Um das ich manchen Tag so schwer gelitten — +Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.“ + +„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte +Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth +Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend, +Denn mein Gewissen war ja rein und gut; +Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten, +War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.“ + +„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann +Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’, +Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend +Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’ +Und fluchend seinen Knechten aufgetragen: +Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!“ + +„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen, +Denn kaum war ich der Fesseln los und frei, +Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten +Und mir die Menge folgte mit Geschrei. +Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen, +Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.“ + +„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder, +Die Knechte hinter mir in wilder Jagd, +Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein, +Wo Abschied nahm von mir die holde Magd. +Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten, +Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.“ + +„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber, +Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu. +Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden, +Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. — +Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden, +Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!“ + +„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften, +Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! — +Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen +Und zog dahin im hellen Sonnenschein, +Bis endlich ich den grünen Wald erreichte +Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!“ + +„„Letz’ Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!““ +Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in’s Wort, +„„So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle, +Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort; +Manch einer hätt’ das Mägdlein angegeben, +Eh’ halb so viele Pein er mocht’ erleben!““ + +Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge, +So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht; +Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal, +Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht +Und ging sie flink daran, mit eignen Händen +Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden. + +Der Spielmann ließ sich’s schmecken; unterdessen aber +Ward leis am Tische ein Gespräch geführt, +In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte, +Weil deß’ Erzählung sie gar tief gerührt; +Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute, +Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute. + +Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig +Und bat von neuem nun den Vogt um’s Wort; +Doch schien’s, als ob der Zweifel leis ihn kränkte, +Denn also spann er die Erzählung fort: +„Würd’ meinen Nacken nicht das Dreibein zieren, +So glaubt’ ich selbst manchmal zu fabuliren!“ + +„Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen! +Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär, +Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen, +Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär. +Doch, mit Vergunst! Glaub’ nicht, Ihr werdet schmählen, +Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen.“ + +„Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen; +Verwichen Leid und Freud’ mit lautem Wort +Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre, +Was sonst wir bergen am geheimsten Ort. +Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern, +Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern.“ + +„Wie schon erzählt, hatt’ ich den Schritt zum Wald gerichtet; +Dort warf ich mich todmüde in das Gras. +Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt, +Ging lange es, eh’ ich des Schlafs genas; +Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer: +Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer.“ + +„Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte, +Als es mich dünkte, eine zarte Hand +Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen; +Es war so angenehm, was ich empfand, +Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen, +Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen.“ + +„Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger +Mir glätteten das wirr zerzauste Haar, +Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne +Den warmen Druck von frischem Lippenpaar. +Ich konnt’ mich kaum noch halten vor Entzücken; +Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken.“ + +„So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden, +Indeß’ der Schlaf sich mälig ganz verlor, +Als es auf einmal meinen Namen hauchte +Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr; +Wie warmer Odem streift es meine Wangen: +Das war kein Traum, was mich so hold umfangen.“ + +„Nun thät es nichts mehr batten, mußt’ die Augen öffnen. +Und was ersah ich? Meine traute Maid, +Sie knie’te dicht zur Seite mir im Grase; +Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid. +Von meines Glückes Uebermaß bezwungen, +Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!“ + +„Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren +Ob ihrer Liebe, die so heldengroß +Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte, +Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß, +Um stets auf’s neu’, in seligem Vergessen, +Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen.“ + +„So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse, +Versenkte sich erglühend Blick in Blick; +Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte, +Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick. +Wie konnt’ ich süßer lohnen denn die Schmerzen +Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?“ + +„Doch wer vermöcht’ die Seligkeit mir nachzufühlen, +So ich empfand an meines Mägdleins Brust? +Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden +In ihrem Paradiese um die Lust, +Die reine Herzen an einander finden, +Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!“ + +„Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen +Und frug mich ängstlich: „„Joseph, kannst Du gehn?““ +Es strich die Hand dabei durch meine Locken, +Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn. +Mir aber kam nun die Erinn’rung wieder, +Und traurig wies ich auf die wunden Glieder.“ + +„Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite +Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras; +’s war bald geöffnet und ich schaute staunend, +Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas. +Das letztre füllte sie und ließ mich nippen; +Es war gleich Balsam für die heißen Lippen.“ + +„Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser +Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht. +Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen, +So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht, +Und wäre Wochen lang gern krank gelegen, +Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen.“ + +„Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein, +Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie’s schmeckt’; +Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern, +Daß heute früh sie sich im Wald versteckt, +Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen, +Bis mich ihr Blick von Weitem konnt’ erspähen.“ + +„Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte, +Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt, +Dem sanften Schlummer gern mich überlassend, +So lange meine Sicherheit dies litt. +Nun aber mahne dringend sie zur Eile, +Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile.“ + +„Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber, +Wie nah’ die Sonne schon dem Niedergehn; +Doch zugleich schaute ich auch reisefertig +Die Traute selber mir zur Seite stehn. +Hei! sprang ich Euch empor und ihr an’s Herze, +Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!“ + +„Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse, +Und machte sich aus meinen Armen frei, +Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken; +Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei, +Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen, +So sei es sicher, daß sie doch mich hingen.“ + +„Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels, +Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt’, +Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal +Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt; +Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden, +Als sie im Leben fortan nun zu meiden.“ + +„Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen, +Bekannte traurig sie in leisem Wort, +Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme, +Und sie mir folgen müßt’ von Ort zu Ort; +Was noch sie flüsterte, mocht’ kaum ich fassen, +Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen.“ + +„In langem Kusse wollte ich’s der Lieben lohnen, +Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht +Und drängte wieder, endlich aufzubrechen, +Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht. +„„Der Vollmond,““ schloß sie, „„kommt zu guten Zeiten, +So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.““ + +„Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend, +Schlug um das Bündlein sie ein festes Band +Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend, +Zum Gehen fertig, in der linken Hand; +Derweil sie mit der Rechten mich wollt’ stützen, +Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen.“ — + +„Hätt’ nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte, +Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut. +Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen, +Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut, +Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken, +Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!“ — + +„Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel, +Als wir uns endlich auf den Weg gemacht. +Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten, +Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht; +Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte, +Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte.“ + +„Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen, +Die nun erzählte, wie sie fleht’ und bat +Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein, +So für mich Zeugen forderte vorm Rath, +Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen, +Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen.“ + +„Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause +Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind; +Doch solcher Bitte wollt’ er nicht willfahren, +Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind. +Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert, +Was Abends es am Brunnen hätt’ ergattert.“ + +„Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder +Und beichtete, indem sie ihm gestand, +Daß ich es war, der sie nach Hause führte +Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand; +Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen, +Auch ziemlich fern der „güldne Kranz“ gelegen.“ + +„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle; +Er sah die Schande, die das Kind bedroht, +Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte, +Daß einem Fahrenden den Arm es bot. +Mit harten Worten schalt er da die Arme, +So schier verging in bitterschwerem Harme.“ + +„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen, +Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt, +Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden, +Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt. +Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen, +Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.“ + +„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen; +Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort, +Zu einer alten, menschenscheuen Muhme, +Die einsam hauste in dem nächsten Ort, +Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen, +Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.“ + +„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte, +Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’, +Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden; +Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt, +Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte, +Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.“ + +„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen, +That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb, +Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten; +Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb, +Und sorgte, daß man so mein Urtel messe, +Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.“ + +„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen, +Und man im Rathe ihm zu Willen war; +Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher +Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr, +Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte, +Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.“ + +„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger, +Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n, +Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen, +Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n; +Denn während er im Rathhaussaal gesessen, +Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.“ + +„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser, +Als es der Ohm vor Rath und Burgern that. +Ich war vor ihren Augen rein geblieben — +Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath; +Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen, +Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.“ + +„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden +Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, — +Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen, +Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt, +Um mir, im Walde wartend, aufzupassen, +Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.“ + +„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt, +Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn +In all dem Unglück und ihr zürnen möchte, +So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ — +Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen, +Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.“ + +„So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade, +Indessen still ich ihren Worten lauscht’; +Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten, +Bis endlich nah die Donau uns gerauscht. +Es war noch früh, fing eben an zu dämmern; +Im Walde hörten wir die Spechte hämmern.“ + +„In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen, +Der schöner war und freundlicher gelacht +Hatt’ mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher; +Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht, +Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten, +Aus denen tausend helle Sonnen schauten!“ + +„Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre +Stromabwärts nun im Morgensonnenschein. +Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen; +Wir mußten erst den Wackern munter schrei’n, +Doch endlich schob der grämliche Geselle +Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle.“ + +„In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber +Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, — +Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer, +Bis unser Weg den nächsten Forst gewann; +Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde, +Das dicht umfriedet war vom stillen Walde.“ + +„Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen, +Wir sanken müde in das weiche Gras +Und mochten weder plaudern mehr noch essen, +Eh’ neuer Kraft der Körper erst genas. +An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer, +Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer.“ + +„Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen +Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt; +Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden, +Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt. +Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen +Das Schläflein, so schier gar kein End’ genommen?“ + +Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort +In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund; +Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle +Im grünen Walde, bis zur Abendstund’ +Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen, +All meiner Lebetag um mich gewesen.“ + +„Als abermals der Mond gekommen, ward berathen, +Welch’ Ziel zu wählen für den flücht’gen Fuß. +Nach Spielmanns Brauch ließ ich ’ne Feder fliegen, +So fahrend Volk die Straßen weisen muß, +Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet +War aller Zweifel drüber schnell beendet.“ + +„Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen +Den Wald dahin, im klaren Mondenschein; +Gar traulich wandelt es sich in der Stille, +Ist man alleine mit dem Mägdlein sein! +Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten; +Indeß’ uns nah der Donau Fluthen rauschten. + +„So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern, +Nur hie und da von einem Baum erschreckt, +Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen, +Uns seine Arme lang herangestreckt; +Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten, +Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten.“ + +„Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage, +Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau; +Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne +Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau. +Nun galts zur Ruh’ ein Plätzlein auszusuchen, +Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen.“ + +„Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden +Mir fast geheilt, auch unser Bündelein +An Speis’ und Trank nichts mehr zu weisen hatte, +Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein, +Da eben sich des Abends Schatten senkten, +Die müden Schritte auf die Straße lenkten.“ + +„Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten, +Mußt’ Herberg geben, bis die Nacht vorbei, +Und weil der Sänger überall willkommen, +Gab man uns Obdach und die Zeche frei. +Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen; +Hätt’ nie geglaubt, daß es so schön möcht’ klingen!“ + +„Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter +In’s Land hinein, bis schier der Tag zu End’ +Und wir in einem Flecken Herberg fanden, +Der rings umsäumt von grünem Weingeländ’. +Dort mußten wir den wackern Leuten singen, +Und thät uns solches manchen Heller bringen.“ + +„Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln, +’s ist dieses hier und dies auch noch das Band +An dem die Traute mein es stets getragen.“ — +Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand +Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen, +Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen. + +„Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern, +Und liederkundig, wie die Holde war, +Erlernte ich von ihr gar manche Weisen, +Die mir im Sinn geblieben all’ die Jahr. +Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten +Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!“ + +„Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen +Ein ganzer Himmel voller Sangeslust; +Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten +Den Frühling selber in der jungen Brust +Und gaben kaum so viel, als wir empfangen, +Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen.“ + +„Die Tage schwanden uns in eitel Freud’ und Wonne +Gab manchmal auch es einen kleinen Span, +So glich das einem warmen Sommerregen, +Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn. +Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen, +Indeß’ die Liebe nur noch zugenommen.“ — + +Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer. +Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft +Und weilte eher unterm freien Himmel, +Als daß ich einmal für uns Unterkunft +Bei einem meines Völkleins durfte suchen; +Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen.“ + +„Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben, +Und frug ich da, was sie geträumt so lang? +Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig, +Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang +Mit süßem Munde, aber nur ganz leise, +Ein neues Lied zu einer alten Weise.“ + +„Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen, +Und wußt’ von jeder eine schöne Mär; +Das kleinste Käferlein selbst war willkommen, +So ihr des Weges kam von ungefähr. +Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen, +Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen.“ + +„Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem, +So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn; +Eh’ ich mich deß’ versehn, war ich verwandelt, +So daß ich ganz ein andrer worden bin, +Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte, +Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte.“ + +„’s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise +Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft +Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe, +Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft; +Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten, +Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten.“ — + +„Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten, +Der Minne nur und ihrem Sang geweiht, +Ein schöner Leben mochte keiner führen +So hoch der Himmel und die Erde breit; +Im Schlosse heut’ zu Gast, im Städtlein morgen, +Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen.“ + +„Doch, nun der Lenz dahin, ging’s uns, wie noch gar vielen; +Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein +Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen, +Da zwitschern sollt ein junges Vögelein, +Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte +Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte.“ + +„Je kleiner’s Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel! +War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin; +Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet, +Giebt’s frohe Herzen und zufriednen Sinn. +Weiß heut’ noch nicht, was uns hätt’ fehlen sollen, +Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!“ + +„Doch unser Glück hienied’ ist eitel leichte Waare, +Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind. +Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden; +In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind. +Jung Vöglein forderte der Mutter Leben +Und lächelnd hat sie es auch hingegeben.“ + +„Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren! +Nur kurz vermelden, daß es lange ging, +Eh’ ich den harten Schlag verwinden mochte +Und die Betäubung schwand, die mich umfing, +Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten, +Die mich am besten mit begraben sollten!“ + +„Allmälig aber fing es wieder an zu tagen. +Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht, +Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken, +Deß’ Kommen mir so herbes Leid gebracht. +Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen, +Nur es zu pflegen wollt’ mir wenig taugen.“ + +„Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute, +Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn +Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen, +So ich für dessen Atzung würde stehn +Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte, +Daß Pfleg’ und was sonst nöthig er erhalte.“ + +„Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte, +Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr, +Selbst nach dem zarten Dinge schau’n zu wollen, +Küßt’ sachte ich des Kindleins feines Haar +Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten, +Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten.“ + +„Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer +Sie waren manchen Tag mein Weggeleit. +In Gram versunken zog ich meine Straßen, +Jed’ Sinnen der Vergangenheit geweiht; +Sollt’ mal ich wo ein heiter Liedlein singen, +Mußt’ schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!“ + +„Hatt’ aber vordem nur mein Lied der Lieb’ gegolten, +Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust, +Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen, +So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust; +Ich mußte singen von der Minne Schmerzen, +Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen.“ + +Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen +Und mancher Knabe klagte mir sein Leid. +Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen +Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid, +So wir’s verstehn die Saiten anzuschlagen; +Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!“ + +„Als nach und nach der Herbst in’s Land gezogen, +In falbe Blätter blies der rauhe Wind, +Am Hag die langen Spinneweben wehten, +Gleich Silberfäden, die entflogen sind; +Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen, +Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen.“ + +„In jedem Wiegenbett wähnt’ ich mein eigen Täublein +Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick; +Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern, +So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick, +Das süßer Mutterliebe mußt’ entbehren — +Und ich entschloß mich endlich umzukehren.“ + +„Hatt’ manchen blanken Heller mir ja schon ersungen, +Mit dem ich hoffen durft’ die Winterzeit +Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben; +Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit +Für’s Vögelein, von manchen schönen Sachen, +Ob dem es große Aeuglein sollte machen.“ + +„Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend, +Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt; +Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte, +So bin ich damals Tag und Nacht geeilt, +Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen, +Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt’ sagen.“ + +„Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen, +Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt +Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend, +Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt. +Trotz allem Kosen wollt’ es nicht mich kennen, +Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen.“ + +„Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde. +Es wohl zu warten, kürzte manche Stund’, +Die sonst vergällt gewesen um die Mutter; +War tief im Herzen ja noch weh und wund, +Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen +Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen.“ + +„Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne +Mit Sang und Laute, wie das meine Art, +Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller, +Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. — +Eh’ aber noch der erste Schnee gefallen, +Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen.“ + +„Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren! +Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr; +Galt mir doch jede Stunde für verloren, +In der ich fern von meinem Kinde war. +In seiner Nähe war mir Glück und Frieden, +Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden.“ + +„Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet +Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt, +Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen, +Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt, +So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen +In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen.“ + +Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater; +Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut +Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden; +Fern jedem jugendlichen Uebermuth, +War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen, +Von keinem Leide noch und Weh getroffen.“ — + +„Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren +Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt +Im ganzen Gaue, als der Liederseppel, +Wie dorten mich ein jedes Kind genannt. +Auf keiner Kirmeß’ durfte je ich fehlen, +Wenn ich nicht wollte, daß sie all’ mich schmälen.“ + +„So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken, +Wir lebten still in ungestörtem Glück; +Nur eines fehlte, ’s war des Mägdleins Mutter. +Aus ihrem Grabe sehnt’ ich sie zurück, +Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen, +Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen.“ + +Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen, +Als brächte er es nicht mehr weiter fort. +Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein: +„Daß nicht die Kehl’ am Ende gar verdorrt!“ — +Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken +Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken. + +Sie thaten’s auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten +Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt; +Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben +Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt. +Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören, +Schien Wirth und Gäst’ im Lauschen gleich zu stören. + +„Gesegn’ es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!“ +Hob bald der Sänger an mit neuem Muth, +Doch einem leisen Beben in der Stimme — +„Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut, +Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren; +Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!“ + +„’s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte +Vom blauen Himmel über Wald und Ried; +Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen +Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied. +Ein Jubeln war’s, ein Durcheinanderklingen, +Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!“ + +„Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen. +Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut; +Waldvögelein und er ha’n gleiches Wesen, +Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut: +In linder Lust muß es die Flüglein dehnen, +Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen.“ + +„Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe, +Gings früh am Morgen in den Lenz hinein. +Es sprühte, funkelte in jungen Saaten, +Gleich Adamanten im Juwelenschrein; +Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle, +Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle.“ + +„Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen +Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus, +Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind +Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß, +In welches es auch manches Kräutlein steckte, +Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!“ + +„Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen, +Das weithin hallte über Berg und Thal. +Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen, +Als es erlauschen mocht’ der Rufe Zahl; +Dann jedoch wollte mein es täglich warten, +Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten.“ + +„Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder +Durch junges Grün und hellen Vogelsang, +Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme +Herunter schimmerten vom Felsenhang +Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte, +Daß ihr Besitzer just im Walde jagte.“ + +„Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert’ fröhlich, +Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach. +Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten, +Von wo zurückzugehn die Maid versprach; +Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern, +Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern.“ + +„Ein letztes Mal hatt’ ich dem Kinde noch versprochen, +Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit; +Dann küßt’ ich seine überthränten Wangen +Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit, +Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden, +Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden.“ + +„Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet, +Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein, +Und wurde mir, als hörte ich es rufen: +„Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!“ +Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde — +Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!“ + +„Es regnete im selben Sommer mir die Taschen +Voll blanker Heller, wie noch nie vorher. +War aber auch ein reiches Jahr gewesen. +In Tenn’ und Keller blieb kein Plätzlein leer; +Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen +Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen.“ + +„Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl, +Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt; +Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit’ gehangen, +Hatt’ manchen Kram ich für mein Herzkind mit. +Wie niemals aber, freut’ ich mich im Gehen, +In einem fort auf unser Wiedersehen!“ + +„’s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse +Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt; +Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße +Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt, +Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte, +Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte.“ + +„Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes +Begegnete mir scheu die Pflegerin. +Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde, +Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin +Und ging es lange, eh’ ich’s mochte wagen, +Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen.“ + +„Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen, +Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih’ +Am selben Tag mein Vögelein sich raubte, +Als ich im Lenz von ihm geschieden sei; +Doch soll es munter auf der Thierburg weilen +Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen.“ + +„Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr’schem Toben, +Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt; +In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen +An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt. +Aufschreiend: „denen will ich’s Nachtmahl würzen!“ +Wollt’, rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen.“ + +„Da wischte sich die Bäuerin ’s Wasser aus den Augen +Und zog mich neben sich auf eine Bank. +„„Stat Seppel!““ sprach sie, „„magst Dir’s erst beschlafen; +Der auf der Thierburg wüßt’ Dir schlechten Dank +Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen +Und es versuchen, deine Maid zu sehen!““ + +„„Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen, +Hatt’ jedoch bei dem Gange wenig Glück. +Ist Einer wie der Andere dort oben! +Sie wiesen mich am Thore grob zurück, +Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter +Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.““ + +„„Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack’ Dich zur Höllen, +Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib! +Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen, +Eh’ es zum Teufel fährt als runzlig Weib! +Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen, +Sonst wär’ es nicht allein im Wald gegangen!““ + +„„Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde, +Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog. +Glaub’ freilich nimmer, daß es gern gegangen +Wie einer von den Schergen oben log! +Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde, +Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.““ + +„So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen. +Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz; +Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern, +Fand keine Worte meinem Höllenschmerz. +Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen, +Der Rache nur gehörte all mein Sinnen.“ — + +„Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte. +In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu, +Stand aber viel zu früh vor deren Mauern; +Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh’. +Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge, +Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge.“ + +Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen, +Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß. +Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen +Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras. +Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern, +Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.“ + +„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen, +Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob. +Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser, +Ich möcht’ für mich behalten solches Lob; +Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten, +Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.“ + +„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer +Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht. +Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen, +Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht +Und fragte nur, um auch etwas zu sagen, +Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?“ + +„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen, +Als wir vor etlich Monden auf der Jagd +Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten! +Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd, +Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden, +Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.““ + +„„War Dir ein Fang,““ erzählte ungefragt der Bursche, +„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt! +Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln, +Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt, +Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen +Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.““ + +„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten, +Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon. +Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme, +Dran Eppich rankt,““ — ich sah es leider schon, — +„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken, +Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.“ + +„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen. +Mich aber überlief es heiß und kalt; +Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken +Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. — +Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden, +In meines Lebens allerschwerster Stunden!“ + +„Füll’ ihm das Krüglein wieder!“ rief Herr Heinz dem Diener. +Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab, +Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken. +Dann ward es stille, wie vor einem Grab; +Nur im Kamine prasselten die Flammen +Hell überm trocknen Eichenholz zusammen. + +Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen: +„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! — +Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte, +Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien, +Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben, +Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!“ + +„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe +Und starrte schweigend in den grausen Schlund. +Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken. +Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund. +Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen, +Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!“ + +„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken, +Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt; +Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens +Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert. +Er selber war es, so mein Kind begraben, +Als sie es später todt gefunden haben.“ + +„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme, +Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang; +Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen, +Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang +Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen, +Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.“ + +„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte, +Die ächzend von der Windberg’ niedersank, +Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen +In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank +Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen; +Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.“ + +„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig; +Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach. +Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig, +Noch bei den Mägden, suchte nach und nach +Mit klugen Worten sie dahin zu bringen, +Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.“ + +„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit! +Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab. +Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben, +Es lieber sich dem grausen Tod ergab. +Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen, +Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.“ + +„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich +Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann, +Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel — +Alleine in der Welt, ein armer Mann! +Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben; +Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.“ + +„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen; +Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging, +Sah ich den Weg allmälig sich verengen, +Indessen oben eine Felswand hing. +Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen, +Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.“ + +„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe +Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt, +Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen, +Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt; +Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen, +Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.“ + +„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten, +So lang das Hinderniß nicht fort geräumt. +Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen +Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt +Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte, +Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.“ + +„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe, +Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein +Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen. +Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein, +Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte, +Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.“ + +„Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken, +So oft ein Stein dem Rande näher kam. +Hei! will ich ihnen ein Memento singen, +Eh’ sie der Teufel sammt und sonders nahm! +Des Sängers Rache sollten dran sie kennen +Und müßt er selber in der Höllen brennen.“ + +„Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen! +Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf: +Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen, +Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf. +Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen, +Den Teufeln nicht die letzte Meß’ zu singen.“ + +„Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber +Und ließ sie nähern sich der Felsenwand. +Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen, +Nun der den Hohlweg so verrammelt fand. +Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern, +Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern.“ + +„Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen +So gaffend standen vor dem schweren Baum, +Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen; +Dann sah er um sich in dem engen Raum. +Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen, +Ein einz’ger Felsblock sollt’ sie nieder brechen!“ + +„Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte, +Den Satan tödtend unter seiner Last, +Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz +Und — fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt! +Entsetzen packte mich, mußt’ inne halten, +Statt meiner grausen That zu End’ zu walten.“ + +„Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen +Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick: +Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet, +Als meiner harrte einst des Henkers Strick. +Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte, +Daß ich es um sein liebes Mündel brachte.“ + +„Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden! +Was ich dem Alten that, das brannte jetzt, +Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele, +So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt, +Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte, +Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte.“ — + +„Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein +Der Bäuerin; das Singen hatt’ ein End’. +Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe, +Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd’. +Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen; +Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen.“ + +„So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd, +Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn. +Er blieb mir fern. Ich hatt’ noch des Gefieders, +Das ich mir vorher erst sollt’ rupfen la’n. +Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen. +Für’s Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen.“ + +„Was sollt’ er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget? +Gelähmt die Fittige der bittre Harm? +Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel, +Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm! +Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken, +Daß Niemand schauen sollt’ sein letztes Zucken.“ + +„Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen, +Mit einer Söldnerschaar in’s Polenreich. — +Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet, +Nur mir blieb ferne der Geselle bleich; +Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen, +Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen.“ + +„Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande, +Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt, +Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt; +Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt. +Statt als ein tapferer Gesell zu sterben, +Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben.“ + +„Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend, +Tags nach dem Treffen über’s Blachfeld gehn, +Da finden sie auch mich und jeder eilte, +Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn. +Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder, +Verwundert hob ich bald die schweren Lider.“ + +„Da fügte sich’s, daß sie auch jenes Dreibein sahen, +So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt, +Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen, +Als sie den Galgenvogel dran erkannt! +Ich hör’ noch heut’ ihr höhnisch Lachen klingen, +Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen.“ + +„Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren, +Der nackte Vogel änderte den Sinn; +Sein stolzes Wollen bracht’ ihm schlecht Gedeihen, +Was er erstrebt’, deß’ ward ihm kein Gewinn. +Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen, +Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen.“ + +„Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen +In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid; +Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt +Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid. +Dann schlug’s wie Wellen über mir zusammen, +Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen.“ + +„Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer, +Als ich auf einmal hörte, daß man sprach. +Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen, +Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach. +Der Tod war wiederum vorbeigezogen, +Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen.“ + +„Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken +Die Sonne glänzte und des Himmels Blau, +Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute, +Und in den Ecken Spinneweben grau, +Das war der Ort, an welchem ich erwachte, +Nicht grad das Paradies, wie ich mir’s dachte.“ + +„Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen, +Beim Spiele, doch auch’s Krüglein in der Hand, +Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen, +Bei einem Karren, der daneben stand. +Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen, +Ließ unschwer mich der erste Blick errathen.“ + +„Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen, +Als ich dem Tode nah im Felde lag, +Und nun ich endlich wieder Leben zeigte, +Hielt’s treulich bei mir aus manch lieben Tag, +Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte, +Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte.“ + +„Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen, +Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum; +Ihr Treiben aber wollt’ mir nicht gefallen, +Fand viel der Haken, die gewaltig krumm; +Doch wenn ich warnte, bracht’s mir Spott und Schelte, +Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte.“ + +„So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir +Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war. +Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche +In einer Mondnacht, wie der Tag so klar; +Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen, +Konnt’ meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen.“ — + +„Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen, +Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz +Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert. +Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz, +In welchem, unauslöschlich tief, gegraben, +Was wir an Freud und Leid genossen haben.“ + +„Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte, +Doch diesmal mit der Laute im Geleit. +Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken +An freudige, wie kummerhafte Zeit, +Und halte sie seitdem in guten Ehren, +Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren.“ + +„In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen, +Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein, +Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins +Entfremdet war bis auf den bloßen Schein; +Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte, +Und eine Zeitlang es mir bas behagte.“ + +„Traun! gab’s des bunten Treibens da gar viel zu schauen, +Vom Morgenläuten bis zum Abend spat. +In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen, +Viel schöne Frau’n in ihrem besten Staat; +Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen, +So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen.“ + +„Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen! +Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr; +Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen, +Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor, +Und Frauenherzen muß der Sänger rühren, +Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren.“ + +„So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere, +Wo blaues Aug’ und blauer Trauben Saft +Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel +Man sich in’s Farbenspiel des See’s vergafft. — +Ich würde heut’ noch dort die Saiten spannen, +Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen.“ — + +„Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen, +Von arger List und bösem Trug gestellt. +Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen, +Daß lauten Ton’s sie in den Ohren gellt; +Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen, +Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!“ + +„Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim, +Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth; +Statt frei Geleite, so man ihm versprochen, +Verdammten sie’s und zwar zum Feuertod. — +Mein’ aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren, +Den sie zu braten sich gewißlich wahren!“ + +„„Ein Unrecht ist’s!““ entschlüpfte es dem Mund des Junkers +So laut, daß sich der Spielmann unterbrach +Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte, +Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach; +Herr Heinz doch that, als hätt’ er nichts vernommen, +Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen. + +Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter: +„Es ward mir schwül am blauen Bodensee; +Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe, +Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh. +Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen, +Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!“ + +„Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben, +Den vollen Humpen und den schönen Frau’n, +Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen, +Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau’n, +Bis sich von ungefähr das Steuer drehte +Und mich der Wind in Euer Thal verwehte.“ — + +„Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen, +Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn; +Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten, +Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön, +Um welchen rings sich wald’ge Berge bauen, +Von denen stolze Burgen niederschauen!“ + +„Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen; +Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz, +Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet, +Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz. +Hier fühle ich mich wohl, hier möcht’ ich weilen, +Wär’ mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!“ — + +„Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo +Und wisset, wo’s die Federlein gela’n. +Ich hoffe, ’s wird einst, nach der letzten Mauser, +Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn; +Ist doch auch’s Vögelein in Gottes Händen, +Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!“ + + +Siebentes Kapitel. + +Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen, +Erschimmern rings in märchenhafter Pracht +Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet +Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht; +Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen, +Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen. + +Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft +Und, wenn’s auch kalt macht, ist die Luft doch still +Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein, +In dem die Sonne er begrüßen will; +Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte, +Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte. + +Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten +Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch, +Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd, +Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch. +Ein Meer von Gold ruht auf den schnee’gen Flächen, +Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. — + +Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten, +Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat, +Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen; +Was diese auch versprochen, eh’ sie spat, +Da müd’ und schläferig die Lider hingen, +Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. — — + +Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle, +Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein, +Ernst angemuthet; dieses wollte lachen. +Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein, +Als jener endlich schwieg und alle zaudern +Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern. + +Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder +Die Oberhand. In froh gelaunter Weis’ +Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen +Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis’; +Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen, +Denn Kehl’ und Magen fahrender Gesellen. + +Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand +Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund +Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte, +Ob ihre Liebe auch so festen Grund, — +Als sie es eben von der Maid vernommen, +Die zu dem Spielmann einst in Lieb’ erglommen? + +Wohl zog’s in dunklen Gluthen da auf Elsbeth’s Wangen, +Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor +Und sprach in mildem Ernste, aber leise, +Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr: +„Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne +Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!“ + +Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell, +So hastig stand sie dann vom Tische auf +Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen; +Auch, in der Eil’, die Kanne mit dem Knauf +Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten, +Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten. + +Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen. +Was der natürlich auch gar gerne that +Und sich behaglich übers Essen machte, +So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat. +Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen, +Ward munter wieder hin und her gesprochen. + +Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad, +Dem’s wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach; +Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort, +Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach; +Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen, +So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen. + +Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte, +Denn seine Blicke zog’s mit Allgewalt +Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend, +Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt, +Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte, +Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte. + +Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre +Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort +Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte, +Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort. +Verschwieg’ne Liebe ist ja doppelt theuer +Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. — + +Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische; +Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell. +Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen, +Wollt’ er mit Ehr’ bestehn als Schenkgesell; +Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen +Woll’ heute jeder Grund und Boden fehlen. + +Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen: +„Hei, Alter! Sing’ ein Liedlein von der Jagd; +Kennst sicher eines, das recht lustig klinget +Und frohen Waidgesellen bas behagt. +Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen; +Sieh’ nur, wie alle schon die Ohren spitzen!“ + +Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele; +Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand, +Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert, +Bat, eh’ er’s rührte mit gewandter Hand, +Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen, +Was für ein Lied der Holden thät behagen. + +Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines, +So einst sein Mägdlein sich ersann und sang. +Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte +Drauf in die Saiten, daß es hell erklang. +Dann hob er, anfangs leise, an zu singen, +Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt’ klingen: + +„Am Hage blüht jung Röslein roth; +Deß’ litten Wind und Käfer Noth, +Wollt’s Jeder ha’n zur Fraue; +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Zum Röslein heimlich sprach der Wind: +„„Laß’ um Dich werben, liebes Kind, +Ein Herr gehrt Dein zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„„Zieh’ weiter!““ rothes Röslein sprach, +„„Verschlossen bleibt Dir mein Gemach, +Solch Buhlen ich nicht traue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„Drauf, gülden schön, ein Käfer kam, +Gab jungem Röslein süßen Nam’, +Als seiner holden Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Doch Röslein sprach: „„Dich nehm’ ich nicht +Goldkäferlein! Dein Angesicht +Nur hin nach andern schaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.““ + +„Als aber kam ein Junker her, +Da wurde Rösleins Herze schwer; +Von selbst ward’s seine Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth’, +Doch er war bald des Kosens müd’, +Zog wieder fort in’s Blaue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +„Und wißt Ihr, wer der Junkherr war? +Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr +Ein Röslein sich zur Fraue. +Es blühn wohl auf der grünen Au +Viel Blümlein, roth und blaue.“ + +Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen, +Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied; +Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen, +Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied, +Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen, +Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen. + +Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte +Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh, +Nur Augen hatte für des Hauses Herrin, +So heute ihm noch schöner schien, denn je. +Es brauchte wenig und, in Minne trunken, +Wär’ vor der Holden er auf’s Knie gesunken. + +Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen, +Bis leis’ der letzte Saitenton verklang; +Doch, als der Spielmann, Udo’s Wunsch willfahrend, +Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang, +Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen +Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen. + +Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme, +— Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, — +Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen +Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt +In schöner Harmonie, um zu begleiten +Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten. + +Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren, +Als hörte man der Vöglein hellen Sang +Im blühnden Haine draußen und im Tanne, +Wenn dort das Halali des Waidmanns klang, +Um, fern im Echo, leise zu verhallen, +Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. — + +Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe ’s Köpflein euch verwirret, +Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund, +Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet, +Und doch nicht plaudern darf davon der Mund: +Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle, +Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? — + +Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren +Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß; +Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde, +Von bittrer Eifersucht gequält und Haß, +Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen +Und blickte finster vor sich hin, verdrossen. + +Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen, +Um desto heißer fühlte sie die Qual, +Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers +Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl; +Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen, +Sie nagten heimlich aber tief im Herzen. + +Da von den Andern jedoch niemand darum wußte, +Floß jenen gar vergnügt der Abend hin +Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche, +Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien, +Das man im Freundeskreise heut’ verbrachte, +Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. — + +Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf +Den Herren dann gemeldet, daß es tagt’, +Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen, +Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd, +Die heute, weil der Freund es also wollte, +Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte. + + * * * + +Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten, +Als Adelgunde sich vom Lager hob. +Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen, +Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob, +Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte, +Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte. + +Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen, +Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh, +Auf’s neu’ dem Unmuth sich zu überlassen, +Daß gestern nicht der Junker immerzu +Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte, +Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte. + +In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen, +Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat, +Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten, +Wie viel auch diese es zu kosten bat; +In dunklem Feuer ihre Blicke glühten, +So oft, die Lippen sich zu reden mühten.“ + +Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich +Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach, +Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten, +In’s eig’ne, prunkentblößte Schlafgemach; +Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue, +Von welchem man den ganzen Gau erschaue. + +„Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, — “ +Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging +Und Adelgunde zauderte, zu folgen +Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, — +„Den nächsten Augenblick schon sind wir oben, +Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!“ + +Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte, +An deren Finger sie das Reiflein trug, +So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte, +Als er besorgt um ihre Zukunft frug, +Und das, seit jener Stunde, sie getragen, +Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen. + +Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen, +Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’ +Versuchte, ob es abzustreifen wäre +Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’, +Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen, +Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen. + +Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen, +Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun, +Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet, +Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn, +Bis er, im Banne finsterer Gewalten, +Sieht seinen Willen sich zur That gestalten. + +Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends +Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach, +Und trat, so unbefangen als nur möglich, +In deren sonnighelles Schlafgemach. +Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten, +Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten. + +Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte, +Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand, +Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich, +Die Statue der Muttergottes stand, +Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten, +Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten. + +Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken +Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach, +Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen, +Besetzten diese Wand der Länge nach, +Indeß die andere das Bettlein säumte, +Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte. + +Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller, +Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand, +Fast einem Vogelneste zu vergleichen, +Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand; +Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte, +Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. — + +Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet, +Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum; +Tief unter sich verschneite, weiße Thäler, +Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum, +Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken, +Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken. + +Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte, +Versunken in des schönen Anblicks Pracht, +Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange +Hier oben in der Einsamkeit verbracht, +Um, überwältigt von dem hehren Schauen, +An Gottes Werken still sich zu erbauen. + +Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen. +Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’, +Von all den Bergen, Thälern in der Runde, +So weit ihr jene überhaupt bekannt, +Hier Umschau haltend, froher Laune werden, +Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden. + +Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen; +Sie maß die Gute bald mit einem Blick +Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten, +Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick +Drob war, weil dies, in leid’ger Lust am Necken, +Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken. + +„Gebt’s auf, mir Namen vorzusagen,“ sprach sie mürrisch +„Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann, +Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde +Es angethan, und nicht der eigne Bann; +Denn sonsten braucht’ ich Euch ja nicht zu fragen, +Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut’ jagen!“ + +Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger +Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand; +Ein römisches Gemäuer, dessen Reste +Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand, +Als, müde wohl, er sich auf’s Moos hinstreckte, +Das grün und weich die Mauertrümmer deckte. + +„Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze +Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht; +Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben, +Mag’s gehen, daß Eu’r Ohr den Klang erlauscht +Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen, +Ich mehr denn eimnal bis hierher hört’ klingen!“ + +„Das glaub’ ich gerne!“ rief gereizt die Aufgeregte +In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt, +Der Stolzen in die dunklen Augen schaute; +Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt, +Und that deshalb, als wäre ihr entgangen, +Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen. + +Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen, +Und ging’s nicht lange, eh’ es Elsbeth däucht’, +Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth +Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht. +Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen +Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen. + +Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen, +Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß, +Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden, +Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis, +Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte, +Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte. + +Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage: +Ob sie den Junker minne und er sie, +Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen, +Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh, +Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen, +Die Fragerin jedwede Maske fallen. + +„Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,“ +Klang’s giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund, +„Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet, +Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund? +Euch — eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden, +Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!“ + +Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte, +Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich, +Ob solcher Rede keines Wortes mächtig; +Es ballten krampfhaft ihre Hände sich, +Der Höhnenden gebührend zu vergelten, +Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten. + +Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen +Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob, +Bis jene, unter höhnischem Gelächter, +Des Junkers Reiflein in die Höhe hob +Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte, +Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte. + +„Gebt mir das Ringlein her!“ bat dringend die Gequälte, +Nach raschem Blick auf ihren Finger hin. +„Gebt mir den Reif zurück! — Ihr könnt nicht wollen, +Daß ich mein Leben lang im Unglück bin! +Ich dank’s Euch noch in meiner letzten Stunde! +Gebt mir das Ringlein! — Bitte, Adelgunde!“ + +Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester +Und lachte höhnisch: „Sagt ich mir doch gleich, +Als ich das Reiflein diesen Morgen funden, +Daß solche Fische nicht in Eurem Teich +Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken, +Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!“ + +„Denkt, was Ihr wollt!“ entgegnete jetzt Elsbeth zürnend, +„Der Ring ist mein und halte ich ihn werth, +Als Angedenken traut gesprochner Worte, +Von denen keines mir das Herz beschwert; +Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle, +Seit ich durchschaue — Eure schöne Seele!“ + +„Schaut lieber erst in Eure!“ spottete die Arge, +„Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! — +Ha, ha! Was gilt’s, ihr hebet an zu beichten +Die volle Wahrheit? — Wie? Ihr saget Nein? — +Seht dieses Ringlein! — Es fliegt von dem Söller, +Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!“ + +In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen, +Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand +Und hielt sie fest, bis Adelgund’, weil stärker, +Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand, +Um nun, begleitet von boshaftem Lachen, +Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen. + +Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte +Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast, +Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten. +Ihr starker Arm hielt Adelgund’ umfaßt, +So daß die keuchend rang sich loszuzwingen, +Was jedoch nicht so leichtlich wollt’ gelingen. + +In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend, +Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt, +Die jugendschönen Glieder sich umklammernd, +Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust, +Der Gegnerin, und koste es das Leben, +Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben. + +Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen +Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft +Gelang die rechte Hand sich zu befreien, +Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft. +Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen. +Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen. + +Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend, +Von beider Stimmen, wie aus einem Mund. +Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen, +Als just zum Wurf ausholte Adelgund’, +War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen +Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen. + +Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend +In banger Angst, durchrannte sie im Nu +Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder +Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu, +Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte, +Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte. + +Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte, +Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand! +Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln, +Vom faltenreichen, blauen Wollgewand, +Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte, +Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. — + +Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen, +Lag locker da, in seiner Masse weich, +Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken, +Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich, +Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte, +Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. — + +„Um Jesu willen!“ keuchte Adelgunde angstvoll, +Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam, +„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken, +Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm, +Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben +Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!“ + +„Gewährt Verzeihung —“ bat sie leise, als ihr Elsbeth +Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran +Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen, +Da ich es war, die hob zu streiten an; +In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte, +Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.“ + +In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde: +„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’! +Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo +Das Ringlein suchen —“ fügte noch sie zu +Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen, +Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen. + +Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke +Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth, +Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten: +„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut, +Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte. +Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.“ + +Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß, +Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand, +Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger +Das Reiflein steckte Adelgundens Hand. +In langem Kuß sah man die Lippen pressen +Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. — + +Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten, +Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’, +War Frieden; denn die beiden Schönen hatten +Sich längst schon miteinander ausgesöhnt, +Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen, +Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen. + +Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!“ +Das oft im Leben sich verwenden läßt. +Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen, +Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’, +Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe, +Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe. + +In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich; +Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot, +Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen, +Verriethen nun der Wangen lieblich Roth, +Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen, +Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen. + + * * * + +Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen, +Was seine Macht zu schenken dir versagt, +Willst nicht du deines Herzens Ruh’ und Friede +Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt, +Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen, +Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. — — + +Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas. +Die Herren zechten und der Spielmann sang, +Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen. +Stets sicher, daß er Beifall sich errang, +Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge, +Den oft er leerte in gar gutem Zuge. + +Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde, +Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang, +Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten, +Das voll und süß von ihren Lippen klang; +Doch war’s ein andrer Text und andre Weise, +Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise. + +Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren, +Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang, +Des Hauses Mägde sich versammelt hatten +Und lautlos horchten, wie die Herrin sang, +Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen, +In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen. + +Sie kamen nicht dazu. Denn eh’ das Lied zu Ende, +Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih’, +Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander +Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei; +Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine +Im Näherkommen ungewisse Scheine. + +Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen +Und brach Elsbeth das Singen jählings ab. +Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre +Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab, +Dem Zweie folgten, die er mußt’ begleiten, +Wie wohl’s ihm wenig Freud’ schien zu bereiten. + +Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern +Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt’. +Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel, +In den er, frierend wohl, sich eingehüllt; +Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen, +Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen. + +Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen, +In tiefem Basse er zum Vogte sprach: +„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten, +Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach, +Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen, +Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien. + +Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben, +Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt, +Und nun empfing er aus des Boten Händen +Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt, +Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte, +Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte. + +Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer, +Den Mantel abzulegen und die Wehr’ +Und mitzuhalten an der Tafelrunde: +„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!“ +Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen, +Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen. + +Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein, +Indessen Elsbeth für den späten Gast +Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert +Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’, +In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen +Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen. + +Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel +Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’, +Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen: +Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’, +Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge +Der Vogt von lange kannte zur Genüge. + +So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben +An ihn gerichtet sei; das andre trug, +Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben, +In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug; +Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen, +Noch ehe er das eigene erschlossen. + +Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen, +Lag’s eine Weile schon in seiner Hand, +Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen +Und flüchtig forschte, was zu lesen stand. +Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken +Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken. + +Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen; +Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier, +Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten +In wirrem Tanze auf des Briefs Papier. +Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren? +Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren! + +Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte, +Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick +Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend, +Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick +Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte, +Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte. + +Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele +Und machte öde, rathlos ihm das Hirn, +Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend, +Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn. +Der Brief erzitterte in seinen Händen; +O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden! + +Was er sich einst ersehnte, nun war’s ihm geworden, +Es lacht’ das Glück ihn an! Doch tief verzagt +Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen, +So sah er in Verzweiflung sich gejagt. +Wußt’ nicht, soll er entsagen, unterliegen, +Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen? + +Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben, +Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt, +Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen; +Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt, +So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen, +Wie oft bracht’s Kummer nur, und bitter Klagen! + +Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal +Ein silbern Lachen tönte durch’s Gemach, +So lieb und traut, wie es nur Eine konnte, +Das aber doch ihm nun das Herze brach, +Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute, +sich ahnungslos des Augenblickes freute. + +Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd. +Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund +In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen, +Von denen er geträumt so manche Stund’, +Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten, +Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten. + +Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle +Und, immer noch das Schreiben in der Hand, +Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar, +Den klaren Blick zum Freunde hingewandt: +„Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen; +Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!“ + +Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke: +„Der Freund hier ist’s, der auch schon alles weiß; +Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!“ +Es überlief ihn dabei kalt und heiß, +So daß er schweigend in sein Schreiben starrte, +Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte. + +Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter; +Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl, +Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden +Und — schnell entschlossen, kürzte er die Qual, +Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne, +Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne. + +Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische +Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut, +Doch ohne aufzublicken: „Es ist billig, +Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut: +Vernehmet denn, so Euch es mag belieben, +Was mir des Oheims güt’ge Hand geschrieben....“ + +Er las: „Wohledler und viellieber Herr und Neffe! +Zu wissen sei Euch und in Treuen kund, +Daß mir gelang, den König zu versöhnen, +So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund’; +Erachte auch, wollt’ es nicht ungut nehmen, +Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!“ + +„Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren +Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst; +Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne +Und hoher Herren Gnad’ ist öfter Dunst, +Den, wenn wir uns am wenigsten versehen, +Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen.“ + +„Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden,“ — +Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark +Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe, +Als schneide er sich in das eigne Mark, — +„Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert, +Weil Eure Absenz gar so lange dauert.“ + +„Ihr Jawort hab’ ich, für das Weit’re wollet sorgen. +Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn; +Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute +Verwirren etwan gern ein Frau’ngehirn; +Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben +Und Euer Zögern könnte viel verderben.“ + +„So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe, +Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt. +Mit Gruß, Eu’r Oheim Otto, episcopus. —“ +Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt, +Den herben Trank in raschem Zug zu leeren, +Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren. + +Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge +Und bracht’ ein Wohl aus auf des Junkers Braut. +Hell klangen Krug und Gläslein an einander, +Als jählings ward ein kurzes Klirren laut: +In kleine Scherben lag das Glas zersprungen, +So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. — + +Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde, +Bis von der Braut im Brief die Rede war, +Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden, +Es trübte sich das schöne Augenpaar, +Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen, +Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen. + +Indessen bald entschlossen all’ ihr Leid zu hehlen, +Am ersten dem, der trug die Schuld darob, +Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein, +Da alles sich zum Wohl der Braut erhob, +Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde +Noch minder laut, als das von Adelgunde. + +„Ihr freut Euch wäger?“ hörte Elsbeth diese fragen, +Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach, +Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen, +Daß klirrend es in hundert Stücke brach. — +Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden +Und schweigend trug, hat Schweres überwunden. + +Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte +Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht, +Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend, +Daß es an Speis’ und Trank gebreche nicht; +Bis Adelgunde spät zur Ruh’ begehrte, +Weil nun der Abend ihr zu lange währte. + +Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte, +Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar, +Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte, +Obschon es damals just nicht Sitte war, +Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen, +Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. — + +„Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,“ +Sprach Adelgund’ auf Elsbeths „gute Nacht!“ +„Er soll uns singen und zum Tanze spielen, +Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht. +Was wär’ das Leben, gäb’s nicht hin und wieder, +Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!“ + +Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen, +So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß; +Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer +Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los, +Es wachte lang die Stolze in Gedanken, +Eh’, schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. — + +Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne. +Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach, +Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes, +Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach, +Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen +Zusammenbrach mit überthränten Wangen. — + +Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute, +Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach, +Der marmorgleichen Züge stummes Wehe +Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach, +Und doch verklärt von überird’schem Schimmer: +Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer. + +Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend, +Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust, +Die unverhohlen ihr im Busen glühte, +Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust, +Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte, +Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte. + +Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln +In Blüthenduft und frischer Lenzespracht. +O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele +Ein einz’ger Blick noch wunschlos glücklich macht, +Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen +Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! — + +Und nun war all’ dies aus, in schwarze Nacht versunken, +Vernichtet ihres Herzens schöner Traum, +Vom Sturm geknickt die duft’ge Frühlingsblüthe +So furchtbar jäh — die Arme faßt es kaum. +Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände +und schluchzte auf, doch hörten’s nur die Wände. — + +Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume, +Die uns am ersten Frühlingstage grüßt, +Ihr früh Erwachen aber — kommt ein Spätfrost — +Dann unversehens mit dem Tode büßt, +Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen, +So allzufrüh sich ihr in’s Herzlein stahlen. — + +In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken +Am Bett und starrte trostlos vor sich hin, +Indessen durch die grünen Butzenscheiben +Der volle Mond ihr fahl in’s Antlitz schien, +Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet, +Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. — — + +Im Palas waren sie noch lange wach geblieben. +Es saß der Spielmann dort am Eichentisch, +Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend, +Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch, +Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen, +Je länger ’s ging, mit desto mehr Behagen. + +Herr Kuonrad war’s allein, der nicht recht froh drein schaute, +Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt’ +Mit witz’gem Worte oder muntrem Sprüchlein, +In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt’, +So lang als möglich fröhlich noch zu zechen, +Da Eh’- und Wehstand oft das Krüglein brechen. + +Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen, +Doch däucht’ ihn schal und wässerig der Wein; +Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken, +Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein. +Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen, +Daß öfters Benno’s Blicke auf ihm ruhten. + +So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich +An Morgen denkend, nun den Vorschlag that: +„Wir wöllen heut’ uns schon Behüet Gott! sagen, +Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht, +Die Herren ungehindert reiten können, +Indeß wir andern uns noch Ruh’ vergönnen!“ + +Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich +Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft, +Die ihm der Vogt so überreich gewährte, +Daß schier vergessen drob er seiner Haft; +Auch — Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen, +Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen. + +Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten, +War es des Bischofs Bote Edlibach, +Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet: +Er habe „ordlich schön verricht sein Sach, +Und ehrlich den Willkummen also trunken, +Daß, statt in’s Bett, daneben er gesunken.“ + + +Achtes Kapitel. + +Der Jahre manches war gekommen und gegangen +Seit jenem Morgen, als mit Edlibach +Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet, +— Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, — +Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen, +Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. — — + +Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden +Und wieder grünend prangten Wald und Ried. +In Wald und Fluren sangen Vogelchöre +Den „Willekumm“ in nimmermüdem Lied; +Wie Gold begossen lagen Höhn’ und Auen +Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen. + +Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch +Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei, +Verkündete mit schnarrendem Geklapper, +Daß just zu Ostern Frühling worden sei, +Der Lenz mit Festgepräng’ zur Stadt gekommen, +Wenn er auch nicht den Weg durch’s Thor genommen. + +Vom Thurm zu Allerheil’gen glänzte, weithinschimmernd, +Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn; +Die goldnen Federn glitzerten und sprühten, +Als hätt’s auch ihm der Frühling angethan. +Tief unten aber in den „Lächen“ zogen, +Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen. + +Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse +Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein; +Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker, +Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn. +Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen +Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen. + +Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten +Des trotz’gen Unnoth auf dem Emmersberg; +Von hohen Treppengiebeln halb verborgen, +War’s anzuschauen wie ein grauer Zwerg, +Der seit Jahrhunderten am Gerberbache +Verdüstert da stand unter steilem Dache. — + +Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne „Mauchen“ +Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor, +Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich, +Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr, +Als hell vom Münster her die Glocken klangen +Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen. + +Flink wurden überall die Läden aufgeschoben +Und konnte man gar manches Antlitz schau’n, +Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte. +Es schien, dem letztern wär’ heut wohl zu traun, +Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen +Der Ostermorgen über Land gezogen. + +Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße +Nach links und rechts, mehr oder minder traut, +Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte, +Der nebenan aus seinem Fenster schaut’. +Inzwischen riefen aber, um die Wette, +Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette. + +Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen; +In Festgewändern zogen Frau und Mann, +Gesind’ und Kinder feierlichen Schrittes +Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann +Den Vorzug gaben, oder „Mutter Nesen,“ +Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen; + +Doch bald erschienen wieder einsam all’ die Straßen. +In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt +Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes, +So Einzug hielt in seiner besten Wat; +Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter +Die Vöglein zwitscherten und sangen munter. + +Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen +Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor +Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe, +Auf daß sich „nützid“ in die Stadt verlor, +Was frommer Burger Andacht konnte stören, +Eh’, Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören. + +So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben, +Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr, +In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben, +Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer +Und sahen drauf, daß kein profanes Walten +Im Mauerring der Stadt sich mocht’ entfalten. + +In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen, +Wie es so frommem Wesen zugehört. +Vor ihrem „großen Gott im Münster“ konnten +Die München sammt den Laien ungestört +In Andacht knie’n, wenn sie nicht lieber lauschten +Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten. + +Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber, +Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus, +Bis Sang und Orgelklang verklungen waren; +Dann aber ging’s im Sturme schier nach Haus, +Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern +Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern. + +Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische. +Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt, +Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore, +Was Winterlang dem Ofen nah gehockt, +Und wer’s vor Alter oder Brest nicht konnte, +Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. — + +Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage +Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt, +Mit noch zwei Herrn durch’s Schwabenthor gewandelt, +Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt, +Nun gerne einen Gang in’s Freie thaten, +Um zu beschauen sich den Stand der Saaten. + +Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel, +Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild +An schwerer goldner Kette glänzend sonnte, +Erwiederte im Gehn die Grüße mild, +So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten, +Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten. + +Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit, +Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust, +Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil’gen, +Sich seiner hohen Würde voll bewußt, +Grüßt’ wohl auch er mit einem leisen Nicken, +Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken. + +Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister; +Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt, +Fiel tief und faltig über Brust und Schultern, +So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt, +Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren, +Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren. + +Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken. +Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand, +Wenn’s galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren, +In Zwing und Bännen weit umher im Land; +Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten, +Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten. + +Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel; +Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien, +Bedurft’ es wenig, um zu Drei’n, wie Christus +Nach Emmaus, vor’s Thor hinauszuziehn, +Bei linder Osterlust und Blättersprießen, +Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen. + +Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges +Und kürzten im Gespräche sich die Zeit, +So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken, +Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit; +Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten, +Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten. + +Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren, +Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut, +Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach: +Von altem Adel und mit Leib und Gut +Der Väter Sitten allzeit streng ergeben, +Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben. + +Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen, +Gekleidet nach der Mode neu’stem Schnitt. +Am Hute prangten Federn, blitzten Steine, +In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt; +Auch waren zierlich ihre Handgewaffen, +Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen. + +Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide, +Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß, +Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause, +Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß; +Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen, +Mit denen sie zum Feste sich behangen. + +In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend, +Blieb dann und wann der Schönen eine stehn, +Um auszuathmen, frische Luft zu trinken +Und weit hin über Berg und Thal zu sehn, +Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte, +Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte. + +Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein, +Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand, +Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften, +Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band, +Erröthend auch und schämig sich erzeigten, +Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten. + +In schlichterem Gewande gingen ernste Burger +Zur Seite ihrer redesel’gen Frau’n, +Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse +Am Wege sich die Gärten zu beschau’n, +Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen, +Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen; + +Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister, +Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath, +Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte, +Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat. +Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet, +Da man im Rath die hellen Farben meidet. + +In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen +Erwogen beide ernst den Casus sie, +Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser +Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh, +Indessen sie, die mitbehaft’ten Bürgen, +Am ersten Loskauf noch genug zu würgen. + +Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher, +Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach. +Selbst Roth, den Waffenschmied, litt’s nicht zu Hause; +Er ging mit Meistern von demselben Fach +Nach Langem wieder vor das Thor spazieren, +Lockt’ ihn auch nicht der Vöglein Musiciren. + +Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen, +Wie viel die Stadt gewänn’ vom Zoll am Rhein +Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht +Mit schlauem Lächeln meinte: „Wenn der mein, +Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen, +Am Rathshaus wären neu vergüld’t zu schauen!“ + +Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte +Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht, +Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend; +Sie möchten, nun der Frühling war erwacht +Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren, +Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren. + +Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein „Mauchen,“ +Zu denen sich der Burger fremd verhielt, +Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen, +Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt’; — +Die Lust, mit Weib und Kind vor’s Thor zu gehen, +War schon von weitem ihnen anzusehen. + +Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend, +Das seinen Heimatort im Stiche ließ, +Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln, +Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies’ +Belebend oder gruppenweis’ im Grase +Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase. + +Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben, +Was hier sich darbot und dem Blick erschien; +Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen +Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin. +Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden +Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden. + +Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken, +Von all der Frühlingspracht ringsum im Land; +Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter, +Bis wo der Burgstall der von Fulach stand, +Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte, +Eh’, ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte. + +So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen. +In’s Schau’n versunken standen die drei Herrn +Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen, +Den die Schaffhauser auch noch heute gern, +Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen, +Wenn’s gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen. + +Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte +Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß, +Daß auf der Straße etlich Reiter nahten, +Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß, +Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten +Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten. + +Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter, +Indessen einer aus dem Sattel sprang +Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte, +Daß weithin es und wohl vernehmlich klang: +„Zur guten Stund’ hab’ ich Euch treffen müssen, +Vieledler Freund! — Laßt Euch denn froh begrüßen!“ + +Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß +Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand, +Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich: +„Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!“ +Dacht’ häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen, +Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!“ + +„Erlaubet jedoch,“ dabei wies er auf die Freunde, +„Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn’! — +Herr Am Staad, unser erster Burgermeister, +Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn’, +Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten, +In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!“ + +„Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen +Von Allerheil’gen! — Fromm, wie Keinen mehr +Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern, +Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr. +Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen, +Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen.“ + +Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte, +Erwies es sich, daß der dem Namen nach +Den beiden längst bekannt war als ein Ritter +Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach +Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben, +Von dessen Richtagen an Höf’ und Huben. + +So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich, +Indessen Götz, der seine Pflicht gethan, +Es, während jene mit einander sprachen, +Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn, +Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken +Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken. + +„Beim großen Gott im Münster!“ fuhr es unwillkürlich +Von seinen Lippen. „Seh’ doch einer her, +Welch’ feine Waare unser Freund begleitet, +Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär’, +So wir Schaffhauser haben zu empfangen +Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!“ + +„Müßt Euch den selber nehmen!“ rief erfreut der Ritter, +„Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?“ +Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich: +„Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß; +Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie, +Die gern die Wang’ ihm küssen nach der Reihe.“ + +In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten +Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin, +Indessen jene, die er Else nannte, +Von argen Zweifeln schier befangen schien, +Ob richtig wohl den Vater sie verstanden, +Und man auch küssen thät in fremden Landen. + +Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend, +Mit Lächeln an den Zelter hin und bat, +So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine, +Bis diese endlich ihm den Willen that, +Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte +Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte. + +Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren; +Als er auch dieses, wie es heiße, frug, +Gab es die Antwort: „Käth’ werd’ ich gerufen, +Weil solchen Namen einst die Mutter trug!“ +Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen, +Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen. + +„Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist —“ +Nahm nun der Ritter wiederum das Wort, +„„Und reisemüde;““ — unterbrach der Schultheiß, +„„Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort. +Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten, +Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!““ + +Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen +Der Ritter gerne an, indeß im Schritt +Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten +Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt +Auch sicher vor sich ging und nicht mocht’ gleiten, +Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten. + +„Herr Schultheiß!“ ließ da bald ihr Vater sich vernehmen, +„Was mich Euch treffen hieß so unverhofft, +Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen, +Ich dachte Eurer diese Zeit her oft. +Vermein’ ich doch, ’s dürft Euer Rath mir frommen, +Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!“ + +„Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren. +Gott tröste sie und schenk’ ihr Ruh im Grab! +Die Arme ist zur selben Stund’ verschieden, +In welcher Käthen sie das Leben gab, +Und hinterließ die Sorg’ um ihre Pflege +Dem Mann, der weder Wege kannt’ noch Stege.“ + +„Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen, +Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie. +Doch, Gott sei Lob! ’s ging besser, als ich dachte; +Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die, +Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten +Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten.“ + +„So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte, +Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn, +Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte, +Daß mälig mir es für die Mägdlein schien, +Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen; +Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen.“ + +„Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte; +Auch viel zu rüd’ des Hauses Ingesind’, +Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen. +Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind, +Wird täglich grämlicher in seinem Wesen +Und hat schon Mühe, nur die Meß’ zu lesen.“ + +„Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue, +So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand +Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte, +Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand +Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden +Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!“ + +„All’ dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken, +Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual, +Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde, +Zu einen sich mit des Verstandes Wahl, +Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket, +Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!“ + +„Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen, +Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun, +Verhoffend, daß uns hier geholfen werde, +Für meine Küchlein finde sich das Huhn, +Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich, +Die Mägdlein mir erziehen würd’ gebührlich.“ + +„Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet, +Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer, +Weßwegen ich’s zur guten Stunde nannte, +Als wir Euch trafen so von Ungefähr. +Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle, +Eh’ einen Horst ich für die Meinen wähle!“ — + +„Will überlegt sein!“ nahm der Schultheiß nun die Rede, +„Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort! +Für’s Erste will es mir das Beste scheinen, +Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort +Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen +Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen.“ + +„Bis dies geschehen, biet’ ich gern mein Haus zur Herberg’ +So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt’s an, +Wie wir an jenem Abend, durchgefroren +Und reisemüd’ — schon manchmal dacht’ ich dran, +Es ohne langes Zögern angenommen, +Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!“ + +„So ich nicht irre, war es Eure eigne Base, +Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt. +Sie aber ward am Hof erzogen, während +In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt +Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg’ sie gönnten, +Solch’ feiner Schulen sich berühmen könnten.“ + +Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen +Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein +Ein wenig an, die Freunde zu erwarten, +— Sie schritten im Gespräche hinter drein, — +Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden, +Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden. + +Eh’ jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten, +Sah’n schon am Thor sie sich und eingezwängt +Von lautgeschwätz’gem Volk, das heimwärts strebte. +Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt, +Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker, +Gelangte man auch bald zum „Herrenacker.“ + +Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas +Vom Randenburger, nachdem sie noch fein +Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen +Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein +Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken, +Zum Willekomm’ des werthen Gasts zu trinken. + +Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten +Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus, +Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten. +Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus, +Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen +Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen. + +Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen, +Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm, +Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein +Voll milder Freundlichkeit entgegen kam +Und also herzig die Erstaunten grüßte, +Als ob sie beide längst im Hause wüßte. + +Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste, +Bei Tische, den Frau Hilda heut’ im Saal +Zu decken gut fand, wo, ohn’ langes Zaudern, +Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl, +Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen, +Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. — + +Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten. +Es traten beide bei dem Schultheiß ein, +da just die Nacht begann herauf zu dämmern, +und nun im Saale blinkte Kerzenschein; +doch trafen hier sie schon auch einen dritten, +der längst als guter Hausfreund wohl gelitten. + +Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich, +Der in der Dämm’rung, wie er öfter that, +Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte, +Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat, +Ein Stündlein oder zweie zu verweilen, +Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. — + +Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale, +Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein, +Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig, +Hellroth erglühte, wie Rubinen fein. +Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte, +Weil dabei sich’s gut lauschte und erzählte. + +Das Letzt’re that denn auch der Ritter heute fleißig. +Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug, +Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen. +Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug +Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden, +Indessen ihre Freundschaft er gefunden! + +Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen, +Als, da der Ritter schwieg, er diese bat +Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken. +Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath +Und überlegten ernst, auf welche Frauen +In diesem Falle wohl man könnte bauen. + +Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel +Sie bald beschlichen, ob auch all’ den Frau’n, +So sich der Mägdlein anzunehmen willig, +Die Fähigkeiten völlig zuzutrau’n? +Frug sich man da auf Ehre und Gewissen, +Ließ eine dies, die andre jenes missen. + +Nach langem Sinnen war’s der Propst, der endlich anhub: +„Wie mich bedünkt, so handelt sich’s nicht bloß +Um eine Pflegerin für unser Pärlein, +Das missen muß den warmen Mutterschooß; +Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen, +Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!“ + +Zum Abt sich wendend fuhr er fort: „Ich kenne eine; +Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat +Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden, +Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt, +Daß weit und breit sich keine Schwester finde, +Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!“ + +„Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein, +Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind! +Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend +In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind; +Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren +Mit Kindern, oder hörte besser lehren.“ + +„Wasmaßen nun, hochwürd’ger Herr und liebe Freunde, +Des werthen Gastes Sache anbetrifft, +So meine ichs: man sollte ohne Säumen +Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift +Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen, +Auf daß in Obhut jener Nunn’ sie kämen!“ + +Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche; +Doch weil derselbe noch zu denken schien, +Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte: +Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin +Zu folgen; etwas Besseres zu finden, +Würd’ er nicht trauen sich zu unterwinden.“ + +Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes, +Zum Propst gewendet: „Euer Rath ist fein +Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde! +Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein +Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten, +Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten.“ + +Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen. +Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt +Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe; +Es gehe dies nicht immer rund und glatt, +Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen, +Vom gnäd’gen Willen ihrer Stadt abhingen. + +So war es mälig spät geworden und drum machten +Die Freunde bald sich auf die Socken leis +Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch +Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß +Versprechen müssen, in den nächsten Tagen +Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. — + +Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben, +Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach. +Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel +Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach, +So wie sie durch die bunten Scheiben flossen, +In Farbenschein sich in den Saal ergossen. + +Da war’s der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde, +Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann, +— Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen, +Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, — +Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte, +Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte. + +Und einmal angefangen, glich’s des Wildbachs Wellen, +Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt, +Vom Regen hochgeschwoll’nen Wasserfluthen, +Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt’; +Als, mit dem Freund alleine, er erzählte, +Was ihm sein Innerstes seit lange quälte. + +„Es war ein Unglück, Schultheiß,“ klangen herb die Worte, +„Als ich zur Frauen mir die Base nahm. +Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen, +Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram. +Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden, +War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden. + +„Doch mußt’ es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich +Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück. +Als hernach fein dem Thoren es erblühte, +Erkannt’ ich leider erst des Schicksals Tück’, +Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte, +Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!“ + +„So reich die Base war, so eisig war ihr Herze. +Der Milde bar und holder Frauen Art, +Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen, +Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart. +Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich’s meinte, +Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte.“ + +„In gegenseit’gem Quälen, bis auf’s Blut oft kränkend, +— Noch heute überläuft mich drob die Scham! — +Verbitterten wir elend uns das Leben, +Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm, +Um drauß’ im Forst, an gar zu bösen Tagen, +Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen.“ + +„Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs, +Die Fraue zu begüt’gen, ihren Stolz +Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten; +Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz +Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen, +Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!“ + +„So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben, +Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt, +Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue +Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt, +In’s strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt, +Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt’. + +„Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten, +Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf, +Bis endlich, müde und zum Sterben willig, +Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav’, +Der nahe dran, mit seinen eignen Händen, +So jammervolles Dasein sich zu enden!“ + +„Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde, +Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag. +Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen, +Als mir im Arm das zarte Wesen lag +Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute, +Mit klaren Aeuglein frisch in’s Antlitz schaute.“ + +„Glückselig ob dem Anblick, wähnt’ ich hoffnungsfreudig, +Es ziehe Frieden nun in unser Haus. +Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen +Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus; +Eh’ schien mir herber noch der Fraue Wesen, +Als all’ die Zeiten vorher es gewesen!“ + +„Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben, +Ließ sie gewähren, fügte mich und mied, +Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen, +Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied, +Und zwar so jäh, daß ich’s kaum glauben wollte, +Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte.“ + +„Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine, +Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht. +Und doch, beim heil’gen Blut! ich meint’ es ehrlich; +Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht: +Ein’ gute Heimstatt Glück und Frieden finden, +Wo sich in Lieb’ der Menschen Herzen binden!“ + +„Nun aber,“ schloß er, „laßt mich um Verzeihung bitten, +Weil ich es wagte treuem Freund so lang +Die Ruh’ zu rauben. Freilich weiß ich selber +Es nicht zu nennen, was mich heute zwang, +Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle, +Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele.“ — + +Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß +Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war. +Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen. +Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar +Und hätte damals, meinte er, geschworen, +Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren. + +Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen, +Auch wohl so großes Unrecht nicht drin’ fand, +Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte +Und wahre Neigung nicht die Herzen band — +Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden: +Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden. + +Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden +Und auf dem Leuchter brannt’ das Wachslicht tief, +Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben — +Und Letzt’rer leise einem Knechtlein rief, +Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren, +Den müden Herrn in’s Schlafgemach zu führen. + +Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe. +Seit Jahren schon geheimen Künsten hold, +Wollt’ eine Tinktur er noch schnell erproben, +Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold, +Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. — +Heut’ ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. — — + +Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen. +Er ging in’s Stift, um für die Mägdlein dort +Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen; +Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort, +Der besser, als Agnesenkloster passe, +In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse. + +Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen, +Welch’ ein Gewinn für’s Stift es dürfte sein, +Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein +Als Lehrerin und Mutter wollte weihn; +Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen +Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen. + +Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte, +Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath +Der Herren etzlich gern es sehen würden, +Wenn sie entschließe sich zur guten That; +Auch schon im Voraus drüber einig wären, +Dem Stift das nöth’ge Placet zu gewähren. + +Auf solches Winken aber gab’s nur eine Antwort. +Und so erklärte sie gar grämlich: sie +Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag; +Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie +Es anzufangen und was zu geschehen, +Da sich das Stift solch’ Gästen unversehen. + +Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe. +Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau, +Sich vorerst mit der Kusterin bereden; +Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau’, +So würden sicherlich sie nichts vermissen, +Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen. + +Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen, +Kam ihm die Oberin jedoch zuvor. +Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene, +Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor +Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen, +Die Dame abberief zum Vespersingen. — + +Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen +Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst +Nicht allzusehr auf’s Spiel zu setzen. Ist’s doch +Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst, +Sich im Erzählen weise zu beschränken, +Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. — + + * * * + +Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten, +Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam, +Im blassen Angesichte Thränenspuren, +Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram, +Gab’s Frida Anlaß, voller Spott zu fragen, +Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen. + +Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern, +Wie es sich schickte, nach den Gästen frug, +Vermehrte dies der Alten schlechte Laune, +Gleich einem Funken, der in’s Pulver schlug, +Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute, +Weil selten noch so bös sie jene schaute. + +„Bei Eurer Mutter selig, tröst’ sie Gott, die Gute!“ +Hub lärmend Frida an, „da war der Brauch, +Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte; +Es hatte aber dann der Kaplan auch +Nicht leerem Kirchlein eine Meß’ zu lesen, +Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!“ + +„Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken, +Drin’ Alt und Jung beim Weine sitzend schmort; +Hat man genug, geht’s, ohne Abschiedsnehmen, +In aller Still’ bei Nacht und Nebel fort. +Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet, +Da bleiben halt die Männer ungestrählet!“ + +„Ein B’hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet, +Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal +Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! — +Hi, hi! Ich mein’, es sollte seine Wahl, +Will einer nicht um andrer Schulden büßen, +Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!“ — + +„Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer, +Der unverhofftem Glücke plötzlich nah —“ +Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne, +Denn in den blauen Augen Elsbeths sah +Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte, +Der allzu Borstigen zu schweigen winkte. + +Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre, +Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug, +Weßwegen denn der Strom so jach versiegte, +Der eben noch gar hohe Wellen schlug; +Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen, +Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen. + +Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein +Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß, +So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin +Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß, +Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen, +Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen. + +Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen, +Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund; +Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb’ zu Grabe, +Versenkte tief sie in der Seele Grund; +Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen, +Gelobte sich die Maid mit festem Willen. — + +Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied +Von Fräulein Adelgunden manches Wort +Von Männertreu’ und Aehnlichem zu hören, +Das kränkend sich in ihre Seele bohrt’, +Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen, +Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen. + +Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand +Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern +Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte, +Der neue Tag sei nicht mehr allzufern; +Vom Weinen müd’, ersehnte sie den Morgen, +Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen. + +Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher. +Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied +Der Herrin Stimme man nur selten hörte, +Wie auch, daß sie die allzulauten mied, +Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten; +Zu fragen — mochte Niemand sich erdreisten. + +Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder, +Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang +„Agnoscat omne saeculum“ anstimmte, +Und glockenhelle aus der Brust es klang, +Als ob die Seele, frei von ird’schem Ringen, +Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen. + +Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte +Und, fern aus Süd’, der Frühling näher kam, +In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend, +War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram; +Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen +Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen. + +Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder +Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug, +Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen, +Drin’ sie, wie früher, nach den Armen frug, +Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden, +Bresthaften Hör’gen Speis und Trank zu spenden. + +War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe. +Für jedes hatte sie ein freundlich Wort; +Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen, +Denn eher ließen jene sie nicht fort, +Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen, +Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen. + +Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein +Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß, +Es heißt der Platz noch jetzt „des Herren Bänklein,“ +Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas +Im Thal des Reiches Straße observirte, +So schon zur Römerzeit im Gau fortführte. + +Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig +Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun: +Daß dem alleine es nur sei beschieden, +In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn, +Der, klüglich wählend, ird’schem Glück entsage, +Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage. + +Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit, +Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach +Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte, +Gleich jenem Glase, das in Scherben brach? +Mußt’ sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen, +Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? — + +Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte, +Erhoffte Gottergebnen Sinn’s die Maid +Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte, +Nicht endete in bitterm Herzeleid; +Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen, +War nun der Frommen einziges Verlangen. + +Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele. +Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah’, +Als eines Tags, vom Vater nur begleitet, +Mit jedem Schritt sie immer ferner sah, +Des Schlosses Thürme hinter sich versinken, +Die letzten Grüße noch zum Abschied winken. + +Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber, +Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt, +Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke +Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt; +Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen +Die Scheidende sich an den Vater lehnen. + +Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte +Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh’ +Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte, +Sich nicht zu überlassen solchem Weh’, +Da einer Heimat auf der Spur sie wäre, +Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere. + +Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten, +Ging’s dann auf müden Rossen allgemach +Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten. +Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach +Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen, +Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen. + +Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize +In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar. +Des Vaters Bruder hatte, weil er damals +Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war, +Schon vorher dafür Sorge tragen müssen, +Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen. + +Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen +Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ, +Es ward ihr Seelgerett’, dem Stift zu eigen +Auf ew’ge Zeiten, wie’s im Briefe hieß; +Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren, +Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. — + +Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches, +Den ihre Seele sehnlich noch gehegt, +Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet, +Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt; +Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte, +War es das Heimweh, was sie leise plagte. + +Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen: +Sie widmete als Nonne nun ihr Thun +Und Denken freudig den gebotnen Pflichten; +Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn, +Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen, +Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen. + +Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden, +Indeß sie selber täglich im Vertrau’n +Der Ob’rin zugenommen, so daß diese +Der Schwester, als der Klügsten von den Frau’n +Im Stifte, das Amt der Kust’rin übertragen, +Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. — + +Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen, +Baut jeder sich noch eine eigne drin’, +Gestaltend sie nach seinem besten Können, +Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn. +Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G’leise +Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise. + +So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer, +In welches selten mal die Sonne schien, +War ihre Welt in der sie, emsig waltend, +Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn. +Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden +Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden. + +Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte. +Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht +Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde? +Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht, +Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte, +Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? — + +Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas, +Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht, +Das aber immer, wenn der Burger Kindlein +Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht +Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen, +Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen. + +Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten +Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal +Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen, +Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl; +Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen +Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen. + +Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen, +Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb +Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen, +Das heimlich noch der keuschen Seele blieb, +Sie hold umwob im angebornen Sehnen, +An Kindesherz das eigene zu lehnen. + +Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung, +Daß mehr er werde, als ein schöner Traum. +Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch +Die Lieblinge und sie bemerktens kaum, +Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte, +Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — — + +Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth, +Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot, +Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat +Und diese ihr alsbald von ihrer Noth +Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause, +Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause. + +Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen +Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei, +Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden, +So wäre sie am Ende auch dabei, +Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen, +Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen. + +Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein, +Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt, +Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich, +— Des Ritters Name wurde nicht genannt, — +Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen, +Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen. + +Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein +In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort +Gefunden habe, als ihr armes Kloster; +Er hätte gestern drum in einem fort +Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen, +Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen. + +Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten +Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar, +Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin +Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar, +Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster, +Die mehr verstünde, als das Pater noster. + +Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden +Und zu dem Custosamte auch die Pflicht +Der Pflegerin zu fügen — wär’s zu schätzen. +Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht; +Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage +Zu wissen, was die Schwester dazu sage. + +Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte, +Der Schwester ging’s verloren. Hold bethört +Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es +Die Ueberraschte kaum, was sie gehört +Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen +Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen. + +Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd, +Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht. +Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle, +Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht, +Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen, +Der Himmelskönigin den Dank zu bringen. + +Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten, +Der Sand an jenem Tage langsam nur, +Es wollt’ nicht Abend werden und der Morgen +Fand von durchwachter Nacht die Spur, +Als früh zur Ob’rin, die noch tief im Bette, +Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette. + +Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes, +Gab auf Befragen sie der „Mutter“ kund, +Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen, +Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und +Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes’ Ehren, +Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren. + +Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin +Der Schwester Worten, in Gedanken schon +Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater +Vergaben dürfte, als verdienten Lohn +Für Sorg’ und Mühen, die dem Stifte würden, +Solch’ ungewohnte Last sich aufzubürden. + +Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie, +Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust’rin auf +Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln, +Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf +Des Tages kämen, Antwort zu verlangen, +Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen. + +Voll freudigen Gehorsam’s neigte sich die Gute; +Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein +Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester +Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein, +Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten, +In trauter Ordnung Alles finden sollten. — + + * * * + +Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen, +Als laut die Glocke klang am Klosterthor, +So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen, +Ihr letztes Bischen Athem fast verlor +Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute, +Wer allso heftig sich zu klingeln traute. — + +Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester, +Wie ihr die Kusterin heut früh befahl, +Ohn’ lang zu fragen, Einlaß nun gewährte, +Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal +Und da in Gnaden etwas zu verweilen; +Sie werde flink den Herrn zu melden eilen. + +Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester +Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur, +Deß’ graue Wände alte Bilder zierten, +Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur, +Und überschritten eines Saales Schwellen, +Der fern lag Refectorium und Zellen. + +Es war ein öd’ Gemach, doch ließen ein paar Fenster +Die Sonne ein und Duft von frischem Grün, +Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte, +In welchem, lärmend, etlich’ Spatzen kühn +Und übermüthig nah’ den Fenstern jagten, +Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten. + +Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein +Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand +Des Weges badend, laut sich unterhielten, +Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand, +Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen, +Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen. + +Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen, +Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang, +Das, wie das silberhelle, frohe Lachen, +Bis in die Zellen zu den Nonnen drang, +Die Frommen sicher dort im Beten störte, +Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte. + +Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens, +Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach, +So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen, +Daß, weilen die „Frau Mutter“ krank und schwach +Sich fühle, es der Kust’rin Amt gebühre, +Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe. + +Dies sagend huschte sie davon, der Schwester +Es anzumelden, daß die Mägdlein da. +Der Ritter harrte also guter Laune, +Da schon versorgt er seine Kindlein sah; +Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen, +Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen. + +Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte, +Ob der verwegnen, unbefugten That, +Vernahmen seine Ohren leise Schritte. +Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht’, +Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen, +Geliebten Namen seine Lippen nennen. — + +War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel? +In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild, +Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter, +Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild, +Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte, +Erinnerung an sel’ge Zeiten weckte. + +Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust’rin, +Als, nahgetreten, sie die Blicke hob +Und in dem Harrenden den Mann erkannte, +Der einst in ihre Träume sich verwob, +Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte, +Auf lange hin den süßen Frieden raubte. + +Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen; +Denn, statt der Freude, die sie drob empfand, +Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte, +Nahm jetzt die Reue jählings überhand, +Im Busen einen Wunsch genährt zu haben, +Der ihre Ruhe konnte untergraben. + +In einer Sturmflut überquellender Gefühle +Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit, +Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden. +Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht, +Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen +Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen. + +Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze +Bei der Erinnerung, was sie empfand, +Als ihre Liebe sie betrogen wußte +Vom selben Manne, der hier vor ihr stand, +Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen, +Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen. + +Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke +Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar, +Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte, +Zu eigen dem, der einst ihr theuer war, +Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte +Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte. + +Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten +Um all’ das Leid, das er ihr angethan. +Es regte leise sich im Herzen etwas +Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an; +Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer +Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! — + +Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte, +Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach, +Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte, +Und was ihr licht aus treuen Augen sprach, +Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte, +Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte. + +Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten +Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt +Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer? +Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt +Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden, +Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!“ + +Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer, +Die mit des Wiedersehens Freude rang, +Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder +Der Holden Stimme in den Ohren klang, +In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte, +Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte. + +Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte, +Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt, +Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände +Im Aermelpaare des Gewands verschränkt, +So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte, +Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte. + +Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken. +Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach +Und ungeziemend Wort verliehn zu haben, +Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach +Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange, +Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange. + +Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte +Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund. +’s war eigentlich mehr eine Beichte, in der +Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund +Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend, +Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend. + +Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte +Es nicht mehr glatt vom Munde; ’s ward ihm schwer, +Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten. +Er drehte drum die Worte hin und her, +In Sorgen drob, ob sie sich willig finde, +Von ihm zu nehmen solch’ ein Angebinde. + +Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes +In’s Antlitz ihm so traut und seelengut, +Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte +Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth, +Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien, +Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen. + +Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen. +Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt’, +Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen? +Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt, +Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen: +Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen? + +Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen, +Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern +Am Morgenhimmel, mälig blasser worden, +Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn, +Wenn in des Herzens innersten Verstecken, +Die Kindlein längst Vergang’nes wieder wecken? + +In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung +Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt +Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte, +Geheftet ruhn, als wären sie gebannt, +Indessen ein Verlangen ihm erwachte, +Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte. + +Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen; +Es wies sein Wort auf jene Tage hin, +Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte, +Eh’ ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn +Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden +Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden. + +„Mir wurde Strafe und ich büßte strenge,“ sprach er, +„Für das, was ich in Minneschuld verbrach; +Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, — +Das einzige, was meiner Hoffnung Bach +Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, — +Kann Liebe nicht sich Lieb’ zurück gewinnen?“ + +„Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen! +Heut’ sehet Ihr den Mann um jene Schuld +Vergebung bitten in dem festen Glauben, +Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld, +So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte, +An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte.“ — + +Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten; +Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht. +Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen, +Was sie erinnert’ an Gelübd’ und Pflicht, +Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören, +Daß sie nicht floh, statt solcher Red’ zu hören. + +Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend, +Erflehete von Gott die Arme Kraft, +Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung, +Die Seele falle in der Sünde Haft, — +Indessen doch, in seligem Berauschen, +Sie’s heimlich zwang — dem lieben Mann zu lauschen. + +Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken, +In das gewiegt sie seiner Worte Gift, +War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden. +Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift, +Der Welt und allem Irdischen gestorben, +Auf einmal frei, von Liebe hold umworben. + +Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte: +„Es stünd’ mir übel, was ich selbst verlor, +Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend, +Gleich einem alten, aberwitz’gen Thor. +Doch schwör’ ich, daß in all’ den Jahren, Tagen, +Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!“ + +„Und so ist’s wahr! An dieses eine Bild zu denken, +Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf’s Qual, +Die Jahre durch mir an der Seele nagte, +Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl, +Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen, +Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!“ + +„„O, haltet ein, Herr!““ bebten da der Kust’rin Lippen +So leise, daß es kaum zu hören war, +Indessen schön, wie blitzende Demanten, +Auf ihren Wangen perlten Thränen klar, +Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten, +Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten. + +Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen, +Nicht weiter anzuhören, was er sprach; +Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille. +Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach +In’s Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte, +Die in Versuchung so die Seele brachte. + +Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte, +Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht, +Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen: +„Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? — Sprecht, +Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen, +Daß ihm das Glück erscheint, und er’s will fassen?“ + +„Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort’s vergessend, +Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht, +Zu Euch, als seinem guten Engel stehend, +Dem übervollen Herzen Worte leiht, +Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen, +Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!“ + +„Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte +Zu Euch zurück! — O, Elsbeth, saget an: +Gelang’s Euch wirklich, Euer Herz zu meistern, +Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? — +Ich kann’s nicht glauben — drum erlaub’ dem Zagen, +Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!“ — + +In Todesängsten bebend, aber hingerissen +Von seiner Worte zärtlicher Gewalt, +Hob die Gequälte da die Sonnenblicke, +Doch nicht zu ihm, deß’ Antlitz freudig strahlt, — +Nein, ’s galt dem Christusbild im güldnen Rahmen, +Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen. + +Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd: +„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! — +Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! — +Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. — +Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte, +Die ihre Liebe über Alles setzte! — + +Es war genug. „Herr!“ sagte sie, ihn ernst verweisend, +Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht; +Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen, +Die ihre Welt an einen Ort getauscht, +Wo das Gedenken an verwehte Träume +Verunheiligt die Gott geweihten Räume!“ + +„Verwehte Träume!“ rief er da, ihr näher tretend, +„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht, +Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe +Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? — +Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden, +Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!“ + +Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz, +Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach; +Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend, +Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach: +„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen; +Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!“ + +„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen, +Wer je erfahren mußt’, was beide werth! +In Gott allein und treuem Pflichterfüllen +Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert; +Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen. +Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!“ + +Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten; +Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm +Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe, +Daß leicht sein Odem sie berührte warm: +Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen, +War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?“ — + +„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen, +Nur einen Tag, ja, nur minutenlang +Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe +Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang, +Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen, +Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!“ + +„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen, +So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt; +Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen, +Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. — +Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben, +Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?“ + +„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet, +Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß, +Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! — +Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das! +Mein guter Engel! — meine Königinne, +Der allzeit unterthan ich treu in Minne!“.... + +Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt +Von seines Herzens minneheißem Drang, +Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten, +Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang, +Die Zagende allendlich zu gewinnen, +Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen. + +Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden +Bestürmender Gefühle Allgewalt, +Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken, +Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt, +Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie’te, +In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. — + +In sich verloren und voll sel’ger Lust erschauernd, +Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt’, +Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele +Geschäftig sich das Glück der Liebe malt’ +In lichten Farben und so lenzeshelle, +Wie’s nur vermag erregten Herzens Welle. + +Doch rasch versank das Bild. Todtbitt’re Wehmuth füllte +Der Armen Herz, nun die Besinnung kam, +Welch’ weite Kluft sie von dem Manne trenne, +Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm, +Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen, +Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren. + +Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden +Und dem gehören, der ihr Trost gesandt, +Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling, +Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand. +Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben, +Aus seinem Hause keine Macht sie treiben. + +Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden, +Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß, +Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten, +Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß, +Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern, +Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. — + +„Herr Ritter!“ klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad, +„Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt, +Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben; +Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont, +Würd’ ruchbar werden es der Schwestern Ohren, +Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!“ + +„Euch hier zu sehen, hab’ ich allweg nicht vermuthet, +Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt, +So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen +Mir allso vorzutragen Euch erspart. +Steht darum auf — die aber lasset gehen, +So Anderm zu begegnen sich versehen!“ + +Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie, +Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach +Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre, +Da scholl ein silbern Lachen durch’s Gemach +So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte +Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. — + +Sieh’ dort! In kind’scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend, +Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar, +Die purpurn angehauchten Sammetwangen +Licht überwallt von goldigblondem Haar, +Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute, +Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute. + +Es war des Ritters Paar, das, müd’ des Spielens draußen, +Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat. +Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen, +Daß ihretwegen er die Reise that, +Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen, +Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen; + +Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen, +Wie einem der verurtheilt war zum Tod, +Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden; +Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth, +In welche ihn sein Minnewerben brachte, +Als er an sich, statt an die Seinen dachte. + +Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen +Und sank, eh’ noch die Kust’rin wehren konnt’, +Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen, +Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt, +Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht’ gelingen, +Durch ihre stumme Sprache zu erringen. + +„Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen —“ +So hörte leise man den Stolzen flehn, +„Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten, +Welch’ schwerer Schuld der Vater sich versehn! +Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen +Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen.“ — + +Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute, +Es bot Gewährung deß’, was er begehrt’. +Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich, +Das Antlitz einem Engel gleich verklärt, +Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend +Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend. + +Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen, +Als es die Gruppe hier im Saale war: +In süßem Selbstvergessen knie’te Elsbeth +Froh bei den Schüchternen und strich das Haar +Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen, +Um stets auf’s Neue Gruß und Kuß zu spenden. + +Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends, +Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach, +Und machte Platz ergötzlichem Verwundern, +Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach, +Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern +Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern. + +Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen, +Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt’, +Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken, +Auf’s Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt, +Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen, +Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen. + +Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben; +Er stand, die feuchten Blicke unverwandt +Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken, +Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt. +Was er ersehnte sich in manchen Stunden, +Hier war es unverhofft und reich gefunden. + +Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien’s entflohen; +Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild, +Da Menschenglück und sel’ger Herzensfrieden +Nicht länger sehnender Gedanken Bild. +Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte +Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. — + +Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte, +Denn, als die Kusterin, an jeder Hand +Der Mägdlein ein’s, sich auch erhoben hatte +Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt, +Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen, +So wollte dies der Eitle noch nicht fassen. + +Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden, +Bat er, — nicht darauf achtend, welche Qual +Ihr sein erneutes Werben machte — leise +Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl; +Indessen wie demüthig er auch flehte — +Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä’te. + +„Herr!“ war die Antwort „laßt mich dem, dem ich geschworen! +Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt; +Denn, freudig fühlt es meine Seele heute, +Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt, +Was er an Seligkeit nur konnte geben: +Es ist das Glück — für andrer Wohl zu leben!“ + +„Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen, +Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an +In seinem Namen. Ich will für sie sorgen, +Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha’n; +Auch, was ich weiß, ’s ist nicht viel, beiden lehren +Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!“ — + +Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden +Kam zu der Reue nun auch noch die Scham, +Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte, +Die jetzt so edel ihm entgegen kam; +Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen, +Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen. + +Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen, +Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel, +Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben, +Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel’gen viel; +Auch wollte sie die Leckermäulchen laben +Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben. + +Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein, +Als wenn man helle Sternlein blitzen sah! +Es blieb kein Zweifel, beide waren willig; +Denn wie aus einem Munde klang ihr „Ja!“ +Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage: +Ob hier zu bleiben ihnen es behage? + +Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute +Herrn Kuonrad zu und bat, wie’s schien in Hast, +Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte: +„Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast +Bis morgen; trau’n, sie sollen nichts vermissen, +Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!“ + +„Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen +Und nach zu schau’n, wie es den Holden geht. +Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben, +Eu’r Einverständniß vorgesehn! so steht +Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln, +Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln.“ + +Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater +„B’hüet Gott!“ zu nehmen, bis zum nächsten Tag, +Indeß’ auch sie zum Abschied sich verneigte. +Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag +Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten, +Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten. + +Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange, +Eh’ sich der Stolze nach und nach besann +Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend, +Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann, +Um nun den Freunden sein vor allen Dingen, +Wie’s um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen. + +Daß jedoch in der Kust’rin ihm die Maid begegnet’, +Die seiner Liebe einzig Sehnen war, +Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich +Den Freunden gegenüber, ganz und gar, +Da, sich die Holde wieder zu erringen, +Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. — — + +Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde, +Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ, +War’s, statt der Kusterin, die Ob’rin selber, +Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß, +Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen, +Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen. + +Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung, +Es thue Noth, die beiden zu erziehn, +Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen, +Des Klosters Armuth und wies darauf hin, +Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen, +Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten. + +Herr Kuonrad merkte sich’s; denn als nun doch die Dame +Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift +Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel, +Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift’, +Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen, +Als seine Kinder zu St. Agnes seien. + +Die Ob’rin war’s zufrieden; aber nicht er selber, +Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn, +Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte, +Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn +Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen, +Als Trauer damit schaffen ihren Seelen. + +Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich +Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg, +Mit schwerem Herzen, all’ sein Hoffen bettend +Zu ew’gem Schlummer in der Seele Sarg; +Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben, +In guter Hand zu wissen seine Lieben. + +So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel +Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert’; +Was sie ersehnt’, in trüben Augenblicken +Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt, +Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen, +Der, sich zum Schaden, ihr die Treu’ gebrochen. + +Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder, +Erinn’rung schlummernde Gedanken wach, +Die sie gestorben glaubte, malte Bilder +Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach +Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen +Jed’ ander Denken aus dem Sinn der Reinen. + +Stets frohen Muthes waltete sie all’ der Pflichten, +Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt; +Gab’s mal zu rügen die oftmals zu Losen, +War bloß der Mund es, der sie schmält’, +Mit mildem Worte wußt’ das Herz zu rühren, +Statt scharf und streng das Regiment zu führen. + +Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet, +Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht, +So auch gediehen unter Elsbeths Pflege +Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth; +In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen, +Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen. + +Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen +So manche, die auch Mägdlein eigen nannt’, +Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte, +Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt’, +Und diese baten, jenen doch zu lehren, +Was selbst zu wissen leider sie entbehren. + +Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern +Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut +Auf solche Weise zunahm, sah sie selber +In all’ den Pfleglingen, die man zur Hut +Ihr anvertraute, einen reichen Garten +Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten. + +Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe, +Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar +Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte, +So daß der Guten bald zu Muthe war, +Als hätte ihr der Himmel schon hienieden +Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. — + +Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein, +Bis daß im Stift sich eine Schule schuf, +In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin, +Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf +Sich widmete, mit Liebe stets beflissen +Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. — + +Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe, +Das „Gotteli von Küssaberg“ genannt; +Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen, +Der noch im Kletgau überall bekannt, +Das wird dem Leser nun von selber kommen: +Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen! + + * * * + +Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken, +Kein Krenzlein oder Grabstein weis’t den Ort; +Wär’ auch ganz ungereimt, darnach zu suchen, +Denn länger lebt im Wort des Liedes fort, +Was sich im Leben treu und ächt erwiesen, +Als was — in Gold auf Marmorstein gepriesen. + +Anmerkungen. +Seite 16. „Heer“ — Pfarrherr, Seelsorger. +„ 19. „Pfeitlein“ — Hemdlein. +„ 26. „’ring, g’ring,“ — leicht, ohne Mühe. +„ 64. „hön“ — grollen, böse sein. +„ 65. „Seelgerett’“ — für das Heil der Seele nach dem Tode. +„ 68. „Sankt Vrenen Tag“ — in Zurzach der 1. September. +„ 68. „kuomli“ — angenehm, bequem. +„ 87. „Zindal,“ „Palmat,“ „Saben“ — die ersten beiden Seidenstoffe, + das letztere Linnen. +„ 88. „hornin Noster“ — zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur + (Rosenkranz.) +„ 88. „Hel’gen“ — Bilder, Heiligenbilder. +„ 91. „Niftel“ — Nichte. +„ 108. „Wannen“ — aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum + Getreidereinigen. +„ 117. „Kulter,“ „Pflumit“ — Polster, Bettpfühl, Federkissen. +„ 134. „Nägelein“ — Gewürznelken. +„ 175. „batten“ — helfen. +„ 198. „stat“ — langsam. +„ 213. „wäger“ — wahrlich. +„ 214. „Urständ“ — Auferstehung. +„ 231. „Göller“— ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück. +„ 250. „Lächen“ — Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen. +„ 251. „Mauchen“ — früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter + Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern, + Hintersässen. + +Seite 252. „Wat“ — mittelalterlicher Ausdruck für Anzug. +„ 260. „Richtagen“ — Reichthümer. +„ 260. „Huben,“ „Hube“ — Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart. +„ 266. „Herrenacker“ — in Schaffhausen der Hauptplatz. +„ 277. „Schrättlein“ — Alpdrücken. +„ 313. „Gotteli“ — Verkleinerung von „Gotte,“ in Süddeutschland und + der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder + ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Elsbeth von Küssaberg, by +Karl Friedrich Würtenberger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ELSBETH VON KÜSSABERG *** + +***** This file should be named 38930-0.txt or 38930-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/9/3/38930/ + +Produced by Stephan Pabst <Stephan.Pabst@gmx.net> + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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