summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/38518-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '38518-8.txt')
-rw-r--r--38518-8.txt3756
1 files changed, 3756 insertions, 0 deletions
diff --git a/38518-8.txt b/38518-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..a8ffaa1
--- /dev/null
+++ b/38518-8.txt
@@ -0,0 +1,3756 @@
+Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Republik des Südkreuzes
+ Novellen
+
+Author: Waleri Brjussow
+
+Translator: Hans von Guenther
+
+Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+Valerius Brjussoff
+
+Die Republik des
+Südkreuzes
+
+Novellen
+
+
+
+
+
+
+München 1908
+Verlegt bei Hans von Weber
+
+
+
+Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus
+dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt.
+Den künstlerischen Schmuck zeichnete
+Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar
+Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden
+auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes
+Leder gebunden und handschriftlich numeriert.
+
+
+
+
+Die Republik des Südkreuzes
+Die Schwestern
+Im unterirdischen Kerker
+Die letzten Märtyrer
+Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
+Im Spiegel
+Das Köpfchen aus Marmor
+
+
+
+
+
+
+
+
+Die Republik des Südkreuzes
+
+
+
+Artikel der Spezialnummer des »Nordeuropäischen Abendblattes«
+
+
+
+In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener
+entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte.
+Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar
+phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die
+Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu
+leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die
+sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, _alle von einer
+psychischen Störung betroffen wurden_. Darum also halten wir es für
+nützlich und zeitgemäß, die Summe aller _glaubwürdigen_ Nachrichten, die
+uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen.
+
+Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus
+300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular,
+das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat
+Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen
+Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch
+auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er
+erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu
+erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen
+Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte
+der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb
+des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten,
+erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten
+wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften
+aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen
+akkreditiert.
+
+Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am
+Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo
+alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die
+Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels emporgerichtet. Die
+Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der
+Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in
+der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller
+Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das
+Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität
+beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der
+Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige
+Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene
+Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs
+Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die
+Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte
+beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den
+Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde.
+
+Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die
+Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die
+auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und
+Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen
+Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer
+geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller
+offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene
+Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf
+ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm
+Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes
+anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die
+durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im
+Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase
+bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das
+Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher
+war das angeregte Leben in den Hafenstädten und Fabrikzentren. Um einen
+Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten
+Jahren etwa _sieben Zehntel_ allen Metalles, das auf der Erde zutage
+gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung
+gelangten.
+
+Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von
+Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger
+galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der
+Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der
+Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen
+Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung
+standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische
+noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken,
+Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl
+der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der
+Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller
+Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller
+ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten
+Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit
+keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20
+Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste
+gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche
+lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu
+verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner
+Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik,
+die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings
+das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.
+
+Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der
+Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der
+Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre
+Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates dieser
+Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie
+empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften
+Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in
+den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach
+Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr
+vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung
+zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze
+Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die
+internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze
+Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst
+von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war,
+wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke
+der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im
+Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.
+
+Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des
+ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender
+Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten
+normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und
+demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller
+Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer
+Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur
+gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war
+unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten
+Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet,
+aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur
+untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet
+war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der
+Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich
+weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Alle Fabriken
+waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem
+Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in
+leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der
+wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in
+der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt
+auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen
+politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die
+Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von
+den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.
+
+Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die
+ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die
+Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist
+es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten
+Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein
+gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente
+hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier
+erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt
+überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und
+Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des
+Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von
+der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu
+bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der
+Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des
+Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der
+Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen.
+Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch
+Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden
+Rates.
+
+In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes
+und ihrer Hauptstadt. Aufgabe eines künftigen Historikers dürfte es sein,
+zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung
+jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt
+führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.
+
+ * * *
+
+Die ersten Fälle einer Erkrankung am »Widerspruche« wurden schon vor etwa
+20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen
+zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und
+Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung
+und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden
+internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man
+vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der
+Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen
+Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich
+selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz
+anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist
+mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten
+Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der
+Erkrankte sagt anstatt »Ja« -- »Nein«; an Stellen von freundschaftlichen
+Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils
+beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in
+Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts;
+gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er
+sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der
+Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische
+Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der
+individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen
+sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch
+die Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird
+gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in
+äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben
+durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen
+aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen
+Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende;
+Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.
+
+In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren
+Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit
+war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der
+überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein
+Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den
+folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl
+der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2
+Prozent der _ganzen Bevölkerung_, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als
+am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen
+Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald
+zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der
+Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich,
+ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung
+der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller
+Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr
+sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch,
+daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine
+Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann,
+und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit
+von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August
+_alle_, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer
+psychischen Störung ergriffen waren.
+
+Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen
+verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen:
+Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten
+Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie
+voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine
+nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein
+Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu
+regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein
+Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder
+herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur
+von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher
+Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch
+fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine
+lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu
+witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die
+Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am
+»Widerspruch« erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel
+verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die
+Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im
+Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern
+die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die
+ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in
+dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und
+überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500
+Menschen wurden getötet oder verwundet.
+
+Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft
+stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In
+einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde
+beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern,
+sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu eröffnen, sowie
+Häuser zur Isolierung der am »Widerspruch« Erkrankten zu gründen, eine
+Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und
+Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken
+und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von
+Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche
+in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch
+beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen
+Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die
+Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden
+gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und
+Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere »Gesellschaft zum Kampf mit
+der Epidemie« begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich
+aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese
+und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde
+die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in
+gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen
+und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die
+ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen
+unerhörten Nöten ergriffen.
+
+Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus
+der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der
+gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen
+Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann
+die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne »die
+allerlustigste Stadt der Südhemisphäre« besuchten, Artisten aller
+Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter
+Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch
+die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine
+überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers,
+die Besitzer von Theatern und Restaurants, die Herausgeber von Zeitungen
+und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung
+heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht
+ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der
+Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese
+Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden
+dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern
+in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu
+fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen
+konnten.
+
+Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen
+Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld
+gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges
+brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht
+ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie
+aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu
+fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik
+arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den
+Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt;
+die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen,
+obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr
+des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas
+und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der
+Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren
+die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen
+Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische
+Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat
+berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der
+regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt
+auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten
+Einwohnerschaft.
+
+In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile,
+durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm
+erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im
+Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die
+diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab
+ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen
+Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv
+aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace
+Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der
+Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 1/2 Monaten kämpfte er
+unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es,
+sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der
+Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen
+Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend
+dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu
+erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen
+nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen
+Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die
+Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen
+der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die
+Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese
+kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich
+und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen
+Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen
+Port.
+
+Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk
+der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab
+Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung am
+ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und
+gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß
+ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung
+mit der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie« und verteilte unter
+deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte,
+Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend
+einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte
+man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig
+ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand
+erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter
+dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in
+feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten
+zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in
+die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu
+bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die
+Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder
+Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte,
+der vom »Widerspruch« befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder
+der »Gesellschaft« zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken,
+beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus;
+die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr
+vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach
+dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.
+
+In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher
+Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr
+Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper
+von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene
+und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem
+Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung
+im großen dramatischen Theater mehrere Male in den Zuschauerraum. Der
+Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser
+Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit,
+die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden
+Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der
+»Widerspruchsvollen« noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet.
+Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im »Feuerwerktheater«. Die
+dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz
+zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier,
+welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht
+weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile
+alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.
+
+Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die
+bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit
+fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die
+Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben,
+simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den
+offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die
+verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in
+die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und
+nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den
+Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich
+Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze
+Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in
+offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern
+oder den Miliztruppen plötzlich am »Widerspruch« Erkrankte auftauchten und
+ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der
+Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren
+Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber
+genötigt, die Straßenräuber und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen.
+So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue
+die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.
+
+Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft
+fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die
+Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der
+Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte
+städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch.
+In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den
+Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu
+finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch
+ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu
+tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer,
+sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren
+Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der
+Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation,
+wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient.
+Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er,
+alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe
+kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen
+einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.
+
+Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig
+Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand
+auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache
+ein am »Widerspruch« erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der
+Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das
+Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die
+Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie
+wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er
+brachte die Leichen und die verstümmelten halblebendigen Körper zurück.
+Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß
+eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren
+bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt
+verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem
+Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im
+Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei
+Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die
+Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das
+Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil
+sie sich _fürchteten_, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei.
+Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die
+alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen
+fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in
+Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft,
+zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen
+Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich
+geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war
+von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch
+verband sie nur noch der Telegraphendraht.
+
+Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da
+es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon
+eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen
+geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in
+die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen
+müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der
+Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen
+könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren
+Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem
+tat es leid, das seine zu verlassen, keinem kam es eigentümlich vor,
+fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber,
+die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr
+Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den
+leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten,
+in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.
+
+Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch
+seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die
+Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung
+entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen,
+Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz
+gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise
+versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken,
+Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare
+Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden
+und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen,
+geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber
+bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen
+Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die
+schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt
+werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In
+diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und
+von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und
+furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte.
+Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten;
+Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar
+Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten,
+aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden
+Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang
+geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen. Man machte hoffnungslose
+Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern,
+Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß
+den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die
+Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie
+sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp,
+es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten
+des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein
+gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er
+schlug vor, _alle_ Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die
+Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in
+jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste
+Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte.
+Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle
+Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie
+Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im
+Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern
+gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in
+eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus
+seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf
+mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte
+von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting
+selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania
+contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins
+Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.
+
+Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche
+die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen
+in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische
+Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten
+in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung und keine Beheizung
+außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in
+absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er
+hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf
+allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten
+Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich
+die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km
+lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen.
+Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle
+Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man
+nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren
+Orgien der verzweifelten Menschen.
+
+Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen
+Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer
+dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden
+Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten.
+Jeder Begriff von Recht verschwand, -- nur die Kraft wurde anerkannt. Für
+die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die
+allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf,
+gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die
+unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße,
+boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste
+Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die
+Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf
+achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles
+wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr
+kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal
+überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt,
+andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab,
+gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor
+Scham und Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich
+oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden
+hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten
+Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.
+
+Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich
+nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er
+für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins
+Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant
+und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um
+Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in
+der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch
+kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele
+wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen
+Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers
+starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr
+wenig Fälle der Erkrankung am »Widerspruch« vorkamen. Divile verstand es,
+die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum
+letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist
+zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir
+unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde
+in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen
+Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile
+berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus
+begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven
+abzuschlagen. »Worauf ich hoffe,« schreibt Divile, »weiß ich nicht. Vor dem
+Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich
+mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich
+werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.« Dies sind die letzten Worte
+Diviles. Welch edle Worte!
+
+Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff
+einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden.
+Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine
+einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem
+21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der
+Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze
+erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen,
+beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln
+und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf
+Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit
+die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die
+Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer
+Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten
+dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten
+tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen
+der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die
+Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den
+Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich
+die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren
+hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der
+Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname
+wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein
+Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener
+Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben.
+Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen,
+dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut -- oder
+die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der
+erregten Einbildung noch unerträglicher.
+
+In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem
+noch einige tausende lebender menschenähnlicher Wesen im Gestanke von
+hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon
+keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der
+Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste
+Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander
+aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor
+Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen
+Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.
+
+ * * *
+
+Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig
+dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute.
+Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen,
+entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art -- alles
+weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der
+elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt
+unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege
+gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf
+Erkrankungsfälle am »Widerspruch« gelenkt, die in anderen Städten der
+Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls
+epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die
+den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer
+Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf
+allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des
+Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen
+Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu
+bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der
+Hauptstadt.
+
+Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das
+Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis
+zu so unerhörter Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war
+die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller
+Länder (darunter auch unser »Nord-Europäisches Abendblatt«) entsandten in
+die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den
+Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein
+Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten
+bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen
+verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen
+Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern
+formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber
+die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil
+dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des
+Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt
+nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an
+alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet.
+Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der
+Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene
+Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische
+Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die
+Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum
+des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 1/2 Monate
+lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.
+
+In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf
+seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei
+Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und
+Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in
+absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen,
+daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie
+sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der
+elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt
+abliegt, wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem
+Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute
+gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich
+allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht
+über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für
+Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch
+künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend
+antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit
+glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich,
+es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der
+Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen
+Renovierung beginnen.
+
+Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert.
+Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt.
+Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt
+an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen
+gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische
+Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen
+nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften
+Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft
+vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man
+Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli
+erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte,
+enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im
+Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden,
+das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor
+(der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für
+unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace
+Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse
+in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den
+furchtbaren Funden, die man auf den Straßen und im Innern der Häuser
+gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen
+Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt
+geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des
+Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen,
+die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich --
+benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im
+Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen
+Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten
+Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller
+Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos
+erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen
+versteckt.
+
+Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige
+Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei
+Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000
+Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern
+beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um
+die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten
+oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige
+Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt
+hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die
+schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines
+Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert
+ist.
+
+Das »Nord-Europäische Abendblatt« hat seinerseits einen neuen
+Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in
+genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen,
+die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht
+werden sollten.
+
+
+
+
+Die Schwestern
+
+
+
+Ein unaufgeklärter Fall
+
+
+
+
+
+1.
+
+
+Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald
+schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der
+Erinnerung klänge.
+
+Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah
+die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen.
+
+Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen
+Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener
+Teekessel.
+
+Lydia wagte es, zu sprechen:
+
+-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.
+
+Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf.
+
+Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein
+Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen
+Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern
+steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß
+die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit
+den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das
+ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards.
+Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.
+
+Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll
+an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei
+verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten
+sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen
+letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den
+letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen
+würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon
+zu spät? Zu spät? Zu spät?
+
+Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie
+nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende
+Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.
+
+Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden
+Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit
+dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne
+leblosen Feldes.
+
+Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen
+in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese
+drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen
+wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich
+zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.
+
+Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der
+Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das
+die Dienerschaft bewohnte.
+
+Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.
+
+Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in
+ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann
+verstummte auch dies.
+
+Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.
+
+Draußen hob der Sturm an.
+
+ * * *
+
+Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer
+wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung
+klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich,
+gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich.
+Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf
+dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und,
+der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.
+
+Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind
+bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.
+
+Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht
+auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee
+silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe.
+
+Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte
+Antwort zu sagen:
+
+-- Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der
+Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug
+ist bequemer. Und vielleicht überlege ich's mir und fahre überhaupt nicht.
+
+Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas
+tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch
+leise wehrte er ab.
+
+-- Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge
+man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste
+erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe
+schreiben.
+
+Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch
+er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er
+hatte keine Worte.
+
+Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras
+begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei,
+verschwand in der Türe seines Kabinetts.
+
+Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.
+
+Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr
+dunkelhimbeerfarbenes Tuch.
+
+Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe
+hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm
+schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an
+ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie
+erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.
+
+Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die
+kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm.
+
+Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der
+die Pferde bestellte.
+
+
+
+2.
+
+
+Nikolai saß an seinem Schreibtisch.
+
+Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen
+auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon
+vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem
+grünmetallenen Lampenschirm.
+
+Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das
+Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich
+dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es
+lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den
+vorgemerkten Wegen eilen konnten.
+
+Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte
+und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch
+furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem
+sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit
+anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist
+er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden
+zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er
+begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen
+und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß
+er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er
+wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war.
+
+Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht
+von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie
+sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
+fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten
+herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen
+vermag.
+
+Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den
+ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schüchternes Mädchen, ein
+schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er
+sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich,
+die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen
+Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast
+kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte
+jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du
+bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur
+unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
+
+Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo
+sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt
+auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so
+daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie
+auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen,
+die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war
+ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem
+unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein
+grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu
+zerschmelzen.
+
+Doch sei dies nicht Lydia, -- o würde in seinen Händen der entblößte,
+völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte,
+welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf
+einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das
+Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr
+war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als
+die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem
+ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich
+aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und
+das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in
+seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
+
+Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der
+sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie
+verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu
+einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen
+an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im
+andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die
+beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern
+kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine
+Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung.
+Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .
+
+Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank,
+jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in
+dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu
+sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben
+wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß
+mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten
+Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines
+Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr
+zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und
+da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre
+Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse,
+welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in
+Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie
+fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde
+in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
+eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene
+Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit
+entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein
+Schatten . . .
+
+Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie
+Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über
+ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von
+Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er
+hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will
+das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen
+Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste,
+bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des
+teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon
+ist er kraftlos, ihm zu folgen.
+
+Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen
+Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich,
+daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine
+Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben?
+Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.
+
+Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts
+ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.
+
+
+
+3.
+
+
+Vor Nikolai stand Kett.
+
+Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett
+wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und
+reichte ihr seine Hände.
+
+-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.
+
+Sie schüttelte verneinend den Kopf.
+
+Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen
+und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte:
+
+-- Küsse mich. O beug dich über mich.
+
+Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:
+
+-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir
+sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine
+solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich
+-- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr
+völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer
+Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie
+auf der Wage abgewogen!
+
+Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte.
+
+-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich
+bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in
+deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.
+
+Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.
+
+-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre
+beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein
+wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der
+Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas
+ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas
+bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du
+fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!
+
+Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum
+Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung
+erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest,
+obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.
+
+-- Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben
+verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare
+kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich
+begehre auch nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst
+zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann
+die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure
+Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß
+ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.
+
+Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:
+
+-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich
+träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den
+sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, -- über
+Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine
+Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen:
+sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe
+mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner
+anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die
+verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen
+Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener
+Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den
+ich will. Leb wohl!
+
+Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er
+nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine
+Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart
+und kalt zu sprechen:
+
+-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den
+wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine
+Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner
+Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen
+Ehegatten.
+
+Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß
+er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut
+und Spott:
+
+-- Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: ich
+experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren,
+alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich
+habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das
+Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen.
+Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete.
+Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger
+anstelltest, als du tatsächlich warst.
+
+Sie begann zu lachen.
+
+So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon
+viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor
+Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um
+dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die
+wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.
+
+Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der
+Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und
+berührte ihre Hände.
+
+-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es
+ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch
+dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder
+dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!
+
+Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher
+Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:
+
+-- O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr,
+daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her,
+dir meine Liebe beweisen.
+
+Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an
+ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie
+den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige
+Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.
+
+Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum
+einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben,
+seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe
+-- und erwachte.
+
+Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem
+grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war
+es still.
+
+War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?
+
+Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.
+
+
+
+4.
+
+
+Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung
+zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu
+denken. »Dann, dann,« sprach er zu sich, »dann will ich alle Fragen
+entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.«
+Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm
+kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.
+
+Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich
+ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die
+geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus
+diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum
+Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende
+Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und
+trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.
+
+Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen
+Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte
+ihre Hände auf seine Schultern:
+
+-- Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.
+
+Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht
+zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein
+schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen
+um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
+
+Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:
+
+-- Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen
+Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht
+nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich
+zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten
+kannst.
+
+Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen
+nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:
+
+-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen
+Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich
+stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch
+tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran,
+daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich
+lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich
+nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem
+Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte
+sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein
+Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest
+du jetzt noch von mir?
+
+Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände.
+Antwortete voller Trauer:
+
+-- Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles
+nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören,
+jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen,
+weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch
+du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal,
+meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere
+Schwester. Wiege mich ein mit zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein
+Herz, -- es hat so nötig die Berührung zarter Finger.
+
+Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien,
+die Kleine, die Hilflose.
+
+-- Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete
+ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden
+Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir
+kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm
+alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch
+heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den
+anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und
+vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß
+selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte
+der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte
+ich dir geben?
+
+Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten
+Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne
+früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:
+
+-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres
+künftigen Kindes.
+
+Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam
+zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war
+furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und
+groß.
+
+-- Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen,
+daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an
+seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn
+geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der
+mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus
+seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und
+seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte
+zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und
+alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!
+
+Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais
+Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit
+sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit
+wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:
+
+-- Es ist Lüge, es ist Lüge.
+
+Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem
+Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und
+hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.
+
+»Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?« dachte
+Nikolai.
+
+Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:
+
+-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst
+begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.
+
+Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das
+Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu
+füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine
+ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem
+Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen,
+und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn
+kreisen.
+
+Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur
+Wirklichkeit zurück.
+
+Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.
+
+Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich
+ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur
+einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen
+müsse.
+
+Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich
+gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch
+irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er
+wieder in den Abgrund seiner Gesichter.
+
+
+
+5.
+
+
+Die Türe bewegte sich zum dritten Male.
+
+»Jetzt werde ich Mara sehen«, dachte Nikolai.
+
+Mara kam herein.
+
+Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie
+sagte:
+
+-- Ich kam, um dich zu holen.
+
+Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem
+Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er
+ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das
+Aussehen aller Gegenstände verändere.
+
+Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.
+
+-- Sieh hin, sagte Mara.
+
+Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot.
+Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in
+ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze
+Zimmer.
+
+Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer
+Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines
+Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah,
+zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er
+erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.
+
+Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man
+vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu
+hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
+
+-- Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war
+ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorübergehen lassen.
+Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu
+spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich
+schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf
+des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der
+ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu
+verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der
+letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue
+erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere
+Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in
+diesen Stunden werden wir allein sein!
+
+Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den
+Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und
+sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie
+alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man
+ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn
+richten, verurteilen . . .
+
+Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm
+der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser
+wahnsinnigen Nacht sein könnte.
+
+Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die
+Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr
+nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden
+Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.
+
+Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.
+
+-- Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich
+will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und
+dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod
+wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.
+
+Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und
+ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:
+
+-- Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine
+Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was
+ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich
+peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte,
+deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und
+ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder
+Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche
+elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und
+Engeln.
+
+Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von
+etwas Vergangenem sprach.
+
+Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich
+in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu
+verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die
+beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der
+Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er
+immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der
+Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich
+loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.
+
+Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so
+unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und
+ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und
+ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern
+nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:
+
+-- Nicht nötig, nicht nötig.
+
+Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und
+Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen.
+Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die
+brennenden Kerzen wie Funken.
+
+Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen
+der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit
+des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten
+dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals
+dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem
+gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber
+verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und
+wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom
+Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.
+
+Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden.
+Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche.
+Langsam veränderte sich die Welt.
+
+
+
+6.
+
+
+Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den
+ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier
+Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht
+erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge
+mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein
+unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder
+Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in
+Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in
+kleiner Schrift auf der vierten Seite in der »Provinzialchronik«. Übrigens
+konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen
+politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.
+
+
+
+
+Im unterirdischen Kerker
+
+
+
+Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts
+
+
+
+
+
+1.
+
+
+Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich
+unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß
+er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte.
+Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem
+ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und
+nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger
+kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den
+Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch
+kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und
+die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die
+wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
+
+Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier
+selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein,
+Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem
+Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie
+befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens
+mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu
+rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In
+diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche
+Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als
+der Tod.
+
+Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte,
+wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken
+ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht
+verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die
+Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand
+geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an,
+alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und
+Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr
+sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia
+barfuß blieb.
+
+Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit
+dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige
+Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur
+ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und
+damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden
+könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln
+angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und
+dann verschlossen.
+
+Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen
+befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen
+liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen
+Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem
+bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt
+wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt
+teilgenommen hatte.
+
+
+
+2.
+
+
+Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war
+von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und
+übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute
+erwartete sie ihr Hinscheiden.
+
+Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten,
+besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den
+Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia,
+kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf,
+wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.
+
+-- Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, der an dem der
+Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, daß
+ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!
+
+-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza,
+-- und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.
+
+-- Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus
+seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen,
+während wir hungern.
+
+Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der
+frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe,
+bemitleidete Julien:
+
+-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde
+zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!
+
+Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über
+zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit
+schrecklicher Stimme:
+
+-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben,
+zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und
+Armen sich freuen können. Freut euch.
+
+Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht
+völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.
+
+
+
+3.
+
+
+Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie
+bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein
+Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach
+dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte
+Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.
+
+Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren
+zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger.
+Sie begannen, wie das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen.
+Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber
+ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten
+Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß.
+
+Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie
+sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht
+freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die
+Türken verstanden kein Italienisch.
+
+Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte
+seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und
+wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte
+keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.
+
+Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich
+trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom
+Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er
+sie.
+
+So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst
+dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht
+einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu
+können.
+
+
+
+4.
+
+
+So vergingen die Tage im Kerker.
+
+Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die
+verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie
+gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham
+nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters
+Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß
+sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die
+Leute gewöhnlich verbergen.
+
+Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur
+mit Mühe bis zum andern strecken konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen
+zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen
+erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo
+und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage -- um Brot und
+Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft
+nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem
+damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch
+brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen
+begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war
+Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben
+sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange
+Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber
+gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in
+ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.
+
+Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage,
+und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet
+wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle
+Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen,
+ohne zu weinen, ohne zu klagen.
+
+Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige
+Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere
+wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen
+zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es
+anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper
+presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest
+auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die
+Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf
+die Stimme der Vanozza.
+
+Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die
+Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr
+heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.
+
+Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.
+
+-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser.
+
+Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und
+ebenso seine bleichen Wangen.
+
+Sie sagte:
+
+-- Ich danke dir.
+
+An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.
+
+
+
+5.
+
+
+Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre
+Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr
+miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in
+Unterhaltungen.
+
+Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von
+den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus
+kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit
+künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und
+Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit
+Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von
+Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von
+Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und
+dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten,
+Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen
+Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen
+Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen
+Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des
+gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern
+des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer
+Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und
+Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.
+
+Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt,
+von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen,
+von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen
+Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln,
+der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme
+auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern,
+wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die
+Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den
+Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den
+Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter
+den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des
+Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu
+sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die
+unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar
+sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von
+den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer
+Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den
+singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.
+
+Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und
+Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.
+
+Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber
+bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.
+
+
+
+6.
+
+
+Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor
+einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute
+vor fremden Augen verbergen.
+
+Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder
+zu, obgleich sie, geschwächt durch Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht
+mehr zu den ausnehmenden Schönheiten gerechnet werden konnte. Der Türke
+setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und wollte sie umfangen, wie
+er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte
+ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit
+seiner Kette das Hirn.
+
+Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der
+langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken
+stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie
+schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken.
+Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und
+ließen den Marco in einer Blutlache zurück.
+
+Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.
+
+Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine
+Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf.
+
+Marco öffnete die Augen und sagte:
+
+-- Ich bin im Paradies.
+
+Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen
+konnte und sagte ihm:
+
+-- Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.
+
+Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch
+aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue
+Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten
+die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache,
+oder wurden sie abgelöst -- dies blieb für den Kerker ein Rätsel.
+
+
+
+7.
+
+
+Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften.
+Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.
+
+Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre Schmerzen nicht länger
+verbeißen konnte. Die alte Vanozza erfaßte die Sachlage und hieß sie
+näherrücken.
+
+Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.
+
+-- Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, -- es wäre ein prächtiger Halunke
+geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu
+werden.
+
+Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.
+
+-- Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.
+
+Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den
+kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend
+wohin fort.
+
+
+
+8.
+
+
+Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:
+
+-- Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste,
+den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines
+Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin
+deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre
+ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust
+gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung,
+die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der
+Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und
+wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon
+unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein
+Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch
+nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich
+ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch
+der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub
+mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden
+kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache
+der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke
+vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen
+wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für
+dich emporzusenden.
+
+Jedoch Marco entgegnete ihr:
+
+-- Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei's im Traum
+oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du
+ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner
+Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche
+Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde
+zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der
+Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine
+glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der
+taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle,
+nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist
+meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller
+Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der
+kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht
+mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.
+
+Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:
+
+-- Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?
+
+Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:
+
+-- Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich
+dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den
+kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.
+
+Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die
+beiden auf den Knien voreinander lagen.
+
+
+
+9.
+
+
+Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig
+ertragen, die Ungläubigen in einem Lande zu wissen, in dem sonst der
+Stellvertreter Christi sich beständig aufhielt. Alfons, der Herzog von
+Calabrien und Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken
+aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein
+gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ kirchliche Geräte einschmelzen und
+zu Münzen umprägen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe.
+Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.
+
+Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der
+Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans
+Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß.
+Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner
+die wohledle Stadt Otranto ein.
+
+Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro,
+der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den
+Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem
+Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und
+unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe
+und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke
+Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und
+kleideten sie in leichtes feines Linnen.
+
+Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am
+Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere
+Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als
+ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und
+als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und
+schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr
+sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.
+
+Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich
+langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene,
+jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine
+Erscheinung ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer
+Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte sich, bei ihnen nicht
+einmal im Gedanken zu verweilen.
+
+
+
+10.
+
+
+Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und
+wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König
+Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen
+Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr
+Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über.
+Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den
+Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte
+es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre
+Hand bewarben.
+
+Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude
+errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in
+einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco.
+Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und
+eine rote phrygische Mütze.
+
+Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es
+Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte
+sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und
+erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß
+ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie
+Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte.
+
+Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung,
+frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren
+ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein
+goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide
+zierte ihren Hals, und auf die Stirne fiel ihr ein Diamantschmuck herab.
+Sie saß in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit.
+
+Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor
+einer edlen Signora gewiß tun mußte.
+
+Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie
+ihn:
+
+-- Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt?
+
+Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen
+und entgegnete:
+
+-- Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen
+Waren aus Otranto nach Neapel.
+
+-- Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.
+
+-- Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen
+Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie
+in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker.
+
+Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:
+
+-- Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du
+einen selbständigen Handel beginnen kannst.
+
+Marco senkte den Kopf.
+
+-- Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung
+kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem
+Namen zu benennen.
+
+Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um
+die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war,
+sagte Julia zu der Monna Lucrezia:
+
+-- Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater
+teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt
+überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine
+Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in
+Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen.
+
+
+
+
+Die letzten Märtyrer
+
+
+
+Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief
+
+
+
+Diesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund Alexander Athanatos nach
+seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene
+fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er
+verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und
+vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. Erst nach dem
+tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen
+zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser
+Erzählung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen
+Briefes.
+
+Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte
+eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen
+geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhänger heute die »Welt-Revolution«
+nennen, vor sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen
+anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natürlich nur
+einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwürdigen Tage
+des Aufstandes geschah, sind dafür aber für einige Fakten die einzigen
+Quellen, aus der künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das
+Bewußtsein dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, seine Worte
+mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, ungeachtet eines gewissen
+blütenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu
+bleiben.
+
+Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine
+Dankbarkeit auszudrücken und meine Freude darüber, daß es auf der Erde noch
+einen Ort gäbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo
+man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt zu einer
+Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären Regierung neigen.
+
+
+
+1.
+
+
+Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig
+unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen dunkle Gerüchte, es wäre
+zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten
+unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen.
+Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte
+beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem
+Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine
+Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von
+Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte
+nicht.
+
+Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus.
+
+Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die
+auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein
+Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam
+es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe.
+Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen.
+
+Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. Ich zögerte an der
+Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war.
+Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener
+Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in
+panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten
+werden.
+
+Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des
+Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen
+Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses
+Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen.
+Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen
+roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich.
+
+Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich
+widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die
+Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die
+Regierung alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung
+ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und
+eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen,
+daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.
+
+Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel
+der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben
+jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der
+dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das
+Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der
+Leute. Neues Kreischen übertönte den Lärm und betäubte, fast wie ein
+körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite
+Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . .
+
+Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen,
+auf alle Volksansammlungen zu schießen.
+
+Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden
+Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die
+durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute
+zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden
+mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue
+hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der
+Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man
+verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard
+hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht.
+
+Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären.
+
+Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren
+organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen,
+trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene
+Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die
+Menge beruhigte sich.
+
+Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich und
+unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel
+der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich
+stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den
+allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu
+mir zu fliegen.
+
+Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens
+nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im
+ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt:
+überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über.
+Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, -- alle die der
+gestürzten »uns allen gleich verächtlichen« Regierung anhingen. Daß über
+diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei.
+
+Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende
+hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes.
+
+Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. Ich dachte, die
+Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren,
+der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen
+Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem
+Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich
+plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer.
+Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend.
+
+Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber
+mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand
+das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines
+jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum
+Heiligtume gemacht hatte.
+
+Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der
+allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche,
+da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wünschten, eine
+Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die
+sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in
+der Art von jenem, dem ich beiwohnte.
+
+Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven.
+
+Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmählich an den
+Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen erinnernd, tastete ich mich bis
+zum Eingang unseres Domes durch.
+
+Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.
+
+Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein.
+
+
+
+2.
+
+
+Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt.
+
+Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen Hölle drängten
+die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel
+veranlaßte alle, zu flüstern. Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes
+in all dem leisen Gespräch.
+
+Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und
+Lycius und alle und alle. Man begrüßte sich mit mir. Ich fragte Adamant:
+
+-- Was denkst du von all diesem?
+
+Er antwortete mir:
+
+-- Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener
+neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende
+währte. Dies ist die Ära neuen Lebens, welche unsere Epoche mit den Zeiten
+des russisch-japanischen Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im
+Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den
+zwei Welten werden von diesen gigantischen Mühlsteinen zu Staub zermalmt
+werden.
+
+Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch
+riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten sich ins Unendliche. Die Symbole
+unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der
+Finsternis.
+
+Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen.
+
+Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen.
+
+Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich
+neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene,
+selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine
+Brust und sagte:
+
+-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit zu leben.
+Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor.
+Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann
+nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele
+neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen
+verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir,
+Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und
+ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will
+lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer
+Brüderlichkeit!
+
+Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich
+suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln,
+unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre
+übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie
+aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz
+gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hörte mich nicht.
+
+Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die
+Köpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius.
+
+Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter
+vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken
+fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng.
+So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine
+Stimme drang in die Seele wie Wein.
+
+-- Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der Tag der Freude.
+Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins,
+und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch
+unbewußt, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man
+in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Für uns aber ist
+jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der
+Ewigkeit. Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem
+Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung unsere Körper
+geißelten und wie der Schmerz die Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte.
+Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit
+öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum blendenden
+Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brüder! Der Augenblick
+letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und
+noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr
+letzten Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe
+Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern!
+
+Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des Theodosius sowohl wie
+in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden
+alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte
+heroische Ausrufe.
+
+Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel.
+Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den dumpfen Raum, strömte zwischen uns
+hin, verflocht uns alle mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein
+vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres großen Poeten rissen sich
+unwillkürlich von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt
+im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines großen Orchesters,
+Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das ewige Rätsel, preisend schöpferische
+Leidenschaft.
+
+
+
+3.
+
+
+Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der
+Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum
+erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war
+Vorsitzender.
+
+Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war
+hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle
+Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon
+verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche
+Regierungsgebäude -- das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur --
+nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten
+betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes.
+
+Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich
+zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.
+
+Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein
+Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der
+Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt,
+die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte
+das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.
+
+Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:
+
+-- Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen
+wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden
+hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die
+Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch
+die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir
+ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.
+
+Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier
+mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle
+sich langsam in Asche verwandelte. Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein
+Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.
+
+Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der
+zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine
+Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das
+Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem
+gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.
+
+Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt
+waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei
+Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig.
+In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.
+
+Dieses sprach Theodosius:
+
+-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache.
+Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung
+verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von
+vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure
+Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der
+Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns
+zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer
+Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer
+Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme
+jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch
+zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende
+Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der
+Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten
+Stengel und Blüten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere
+Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf
+den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen
+entgegennähmet.
+
+Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und
+Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte
+Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein
+biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein
+Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums,
+inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt
+werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.
+
+Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:
+
+-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche
+zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren
+eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der
+großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen
+Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von
+unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit
+gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil
+abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In
+uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu
+gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal
+zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu
+schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir
+sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden
+wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige,
+das ist das Schwert in unseren Händen!
+
+Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:
+
+-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die
+Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure
+Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den
+Marmor des Altertums zerschlägt!
+
+Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:
+
+-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen
+Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch
+in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr
+durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist
+alles.
+
+-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.
+
+-- Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und
+euch alle werden die Trümmer begraben.
+
+Der Abgesandte entfernte sich.
+
+-- Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste
+Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit
+unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt!
+
+-- Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon
+Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder
+nicht, -- ist ihnen unwichtig.
+
+Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend
+hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen.
+
+-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergießen, nicht _fremdes_.
+Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die
+purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen
+Flügel des Zornes und der Rache.
+
+
+
+4.
+
+
+Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden
+Wintertages.
+
+Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch
+eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.
+
+Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.
+
+Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so
+feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so
+verzückend.
+
+Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie
+mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch
+geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend,
+nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor
+der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel.
+
+Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein
+jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch
+die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.
+
+Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel
+anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr
+angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den
+Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden
+hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.
+
+Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz.
+Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war
+trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet.
+Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der
+Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im
+Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, -- Hero. Und schon
+entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem
+Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.
+
+Da ertönte die Stimme des Theodosius.
+
+-- Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.
+
+Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem
+Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen
+Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er
+sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie
+Ganymed, licht wie Balder.
+
+Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde
+vorgezogen.
+
+Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.
+
+Und Theodosius verkündete uns:
+
+-- Es ist vollbracht.
+
+Er erhob den Kelch und segnete uns.
+
+Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft,
+seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im
+plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen,
+die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen,
+waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit
+tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen,
+alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher
+Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter
+sind.
+
+O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des
+Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache,
+vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem
+Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.
+
+Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten
+Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward
+den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die
+rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen
+Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang
+von der Straße her bis zu uns.
+
+Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der
+Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln
+durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht
+ertragen, das sich hier ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die
+angegebene Zeit nicht ein.
+
+Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand
+gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma
+wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim
+Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht
+geringer.
+
+Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel,
+während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme;
+einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen.
+
+Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie
+Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen.
+Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung
+lösen.
+
+Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden,
+wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als
+würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir
+die Wahrheit unseres Glaubens.
+
+Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten,
+drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im
+letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende
+Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter
+Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon
+starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der
+Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.
+
+Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz
+verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden
+war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter
+Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer
+Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den
+Schwestern.
+
+Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein
+das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den
+tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den
+unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:
+
+-- In deine Hände befehle ich meinen Geist!
+
+
+
+
+Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
+
+
+
+Memoiren eines Psychopathen
+
+
+
+Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich
+wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich
+gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte
+Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere
+Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin
+auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach
+Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man
+gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die
+den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der
+Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm
+Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche
+Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu
+dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die
+Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur
+eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.
+
+Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das
+Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und
+nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert
+ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß
+zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel
+annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich
+von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und
+Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die
+gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht,
+von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des
+gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch
+dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht
+Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse
+werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind
+Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht,
+und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der
+Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine
+Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig
+deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben
+hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend
+eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den
+letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend
+etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.
+
+Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im
+Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt
+auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß
+überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng
+gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von
+diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon
+seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte,
+in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich
+erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich
+mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich
+mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen
+Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung
+plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor
+mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene
+Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher
+Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals
+mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts
+den Traum.
+
+Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der
+Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fähigkeit, es künstlich
+hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als
+der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit
+süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren
+Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet,
+beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen
+und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene
+Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich,
+welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es
+nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich
+plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem
+Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des
+Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger
+Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen,
+die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich
+Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke,
+um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche
+auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden
+über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da
+erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.
+
+Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der
+Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals
+um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem
+Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich
+den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel:
+nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum
+zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die
+Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller
+Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich
+begann sich mein nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und
+Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu
+übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses
+Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen
+Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu
+gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit
+durchleben.
+
+Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war
+irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer
+zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern.
+Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate:
+Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der
+Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen,
+glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die
+Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen
+Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich
+wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten,
+öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es
+Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden
+sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte
+ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen
+ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner
+Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche,
+Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht
+einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder
+auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs
+war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf
+ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach
+meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit
+Verrenkungen führten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich
+meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.
+
+Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es
+war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich
+für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt
+zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich
+hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau
+wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens
+würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung
+würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich
+in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in
+allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören
+werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen
+Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann
+zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.
+
+Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark
+das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der
+Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich
+in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch
+das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine
+Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele
+eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht
+anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten
+mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der
+Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres
+Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und
+Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen
+regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts,
+inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich
+gewöhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In
+der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu
+freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.
+
+Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach
+anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit
+betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der
+Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen
+Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen
+Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig
+mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir
+anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine
+Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr
+Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte
+sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war
+bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte
+ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das
+Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht
+entfliehen.
+
+Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große
+religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite
+Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort
+auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis
+vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen
+würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie
+zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten
+Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt.
+Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei
+dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein
+mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde
+müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram sie
+zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die
+früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte
+mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten
+widersprachen.
+
+Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich
+meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab,
+irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen,
+verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um
+mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des
+Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich
+durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und
+Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume
+erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent
+und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und
+unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung,
+aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die
+alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von
+außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten
+Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die
+Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und
+alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber.
+Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in
+denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war,
+und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und
+Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.
+
+Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume
+zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes
+Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den
+mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß
+ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich
+alles ausführen könne, wonach ich verlangte und daß es doch nur ein Traum
+bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da
+konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen.
+Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich
+zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewöhnt war,
+die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter
+Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich
+selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.
+
+»Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schläft jetzt
+und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.«
+
+Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es
+kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen,
+sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal
+ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: »dies alles
+ist in meiner Gewalt.« Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel
+funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch
+ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer.
+Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett
+heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so
+mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett
+herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie
+sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten
+konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem
+Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das
+Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu
+küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.
+
+Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes
+Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und
+doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie
+wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, lieben
+und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte,
+preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien
+konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner
+Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich
+fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich
+mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer
+Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen
+Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer
+nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und
+Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das
+klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in
+ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die
+Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte
+ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die
+Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle
+durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu
+atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen.
+Ein wenig später war sie schon unbeweglich.
+
+Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort
+zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle
+Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers
+plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf
+meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging
+nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir
+auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit
+Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des
+Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen
+kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.
+
+Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im
+Traume geschah.
+
+
+
+
+Im Spiegel
+
+
+
+Aus dem Archiv eines Psychiaters
+
+
+
+Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte
+und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe
+blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und
+den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen
+Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor
+Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann
+ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig
+verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich
+gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in
+einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue
+erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich
+diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen
+abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch
+zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren.
+Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche
+getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an
+und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.
+
+Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel
+herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte
+mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide,
+und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle
+Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben
+mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum
+daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In _dieser_
+Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind,
+da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen
+kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht
+völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine
+dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte,
+was _ich_ nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig
+meinem Verstande verborgen war.
+
+Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm
+eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei
+Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in
+verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die
+alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In
+meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen
+mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg
+sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die
+verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der
+viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle,
+kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere
+Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren,
+vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem
+Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen,
+die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen.
+Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis
+dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in
+dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.
+
+Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich
+haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu
+vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum
+vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte,
+daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen
+gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen
+bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast
+freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren
+kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit
+neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es
+auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über
+mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den
+Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an,
+versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem
+Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte,
+daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter
+einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.
+
+Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf
+irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in
+Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der
+Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der
+geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und
+schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah,
+schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen
+Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht
+zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es
+in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich
+sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner
+Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir,
+wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris
+spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein
+Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine
+Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß
+mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das
+Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.
+
+Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser
+Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit
+meinem Manne im Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr
+lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich
+kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im
+selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir
+entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere
+Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den
+meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der
+Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend,
+hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu
+besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan
+zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu
+sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der
+Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein
+verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf
+und ging hinaus.
+
+Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese
+Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu
+verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war
+ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für
+mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer
+Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich
+ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich
+mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb
+immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und
+siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin,
+noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren
+Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen,
+und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes.
+Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu
+fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu
+verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich
+dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher
+zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte
+ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und
+mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend
+einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber
+das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so
+erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage
+gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns
+zu enden.
+
+Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit
+jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer
+und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die
+Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir
+täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen
+Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein
+Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte,
+mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden
+Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege
+mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren
+geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere
+Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern.
+Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze
+Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und
+wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu
+enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu
+sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.
+
+Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens.
+Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die
+Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie
+gewöhnlich betrat ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde.
+Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte
+mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf,
+rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich
+anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die
+Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin
+in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von
+uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas.
+Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen
+mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an
+anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß
+ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm
+mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und
+Willenslosigkeit.
+
+Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor
+dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen
+her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat
+einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre
+Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden
+Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich
+schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage,
+trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen
+meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun
+endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich
+hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten
+würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den
+anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem
+Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.
+
+Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten,
+erstarb ich förmlich vor Abscheu. Aber _sie_ faßte mich gewaltig an den
+Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als
+wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren
+Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr
+gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke
+berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die
+ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse.
+Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist,
+und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das
+ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und
+lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung
+erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr
+triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz
+erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur
+Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des
+Nichtseins.
+
+Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn
+auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen
+voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen,
+fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten
+nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu
+atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel
+herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in
+die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich
+denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein
+des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende
+Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen,
+zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte
+den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und
+wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
+
+Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich
+wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis
+meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen.
+Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor
+mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte
+sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie
+sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre
+Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte.
+Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht
+antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte
+Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den
+Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das
+Nichtsein.
+
+Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die
+Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine
+Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen
+Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen
+in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu
+schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die
+Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese
+Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr
+nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig
+mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich
+mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte.
+Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche
+Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten
+wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
+
+Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der
+Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle
+Süßigkeit des Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte,
+reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses
+Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue
+Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand
+tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur
+eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald
+spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit
+meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten
+Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich
+führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor
+meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu
+denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte
+sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich
+nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!
+
+In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich,
+mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu
+beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder
+zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und
+schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des
+Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich,
+meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du
+dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_
+führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann
+einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine
+Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den
+Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln
+bemerkte, war es schon zu spät. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem
+Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel,
+wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie mir
+gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen
+Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener
+Fächer.
+
+Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich
+an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir
+gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger
+Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber
+hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses
+von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch
+ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war
+mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses
+ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die
+mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war
+mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in
+einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte
+die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte
+und was mich erschreckte.
+
+Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir
+Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer
+süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß
+sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum
+Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen
+erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den
+Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe
+erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle
+des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht
+meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit
+eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit
+einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur
+Wirklichkeit befreien wollen.
+
+Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr,
+meiner Gegnerin, zurief: »komm her!« Ich hypnotiserte und magnetisierte sie
+mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so
+wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das
+Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt.
+Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: »komm!
+. . .« Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind,
+öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte
+sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie
+zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte
+ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
+
+Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte
+und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren
+wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre
+Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein
+Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie
+vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich
+ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche
+die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel
+taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich
+unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom
+unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem
+Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft
+und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau
+nieder vor Ermattung.
+
+Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß
+man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für
+immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
+
+Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem
+Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange für
+krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles,
+was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren
+Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem
+ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes
+Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier
+bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon
+ausführen muß.
+
+Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin.
+Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen
+ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches
+Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die
+dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild.
+In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die
+mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer
+im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben.
+Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die
+letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal,
+das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen,
+um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine
+Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle
+Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar
+und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich
+muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .
+
+
+
+
+Das Köpfchen aus Marmor
+
+
+
+Erzählung eines Landstreichers
+
+
+
+Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich
+intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen
+Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem
+Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann
+aber erzählte er mir doch sein Leben.
+
+-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer
+ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine
+ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte
+ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine
+Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage.
+An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in
+meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den
+ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu
+Nina steht.
+
+Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß.
+Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber
+wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so
+besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus
+ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles
+alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so
+phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer,
+schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.
+
+Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so
+ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der
+so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie,
+dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich
+einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie
+selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles,
+lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo
+zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: »Ich weiß, du, mein Glück,
+wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch
+gelebt.« O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und
+ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.
+
+Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir
+lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine
+romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr
+schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich
+dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach
+dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche
+von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied.
+Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre
+Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich
+vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe,
+begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als
+wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen
+Menschen, so zu vergessen.
+
+Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich
+Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren
+Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im
+Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb;
+mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott
+verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich
+trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich
+verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich
+bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren
+beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in
+den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die
+Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer,
+das Schicksal würde sich ändern, ich würde wieder reich werden. Meine neuen
+Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.
+
+So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe
+herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich
+ruft mich ein Koch an: »Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?« »Das
+bin ich,« antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht
+machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung
+und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab
+mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer
+Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will
+meinen Augen nicht trauen: es war Nina!
+
+Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort
+begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und
+frage: »Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen
+ist?« »Das,« antwortet sie, »ist eine sehr teuere Sache, die vor
+fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.« Nannte mir auch den
+Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies
+Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze
+diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett
+entstanden. »Sagen Sie mal,« fragte mich die Gnädige, »gefällt Ihnen das
+Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,« sagt
+sie, »sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .« und schwatzt!
+und schwatzt!
+
+Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war
+ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie
+mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts
+diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren
+schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase
+und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das
+schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder
+ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die
+andere -- in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf
+gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele
+nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht
+bezweifeln.
+
+Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze
+Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines
+Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte
+und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen
+zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so
+wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest.
+O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen.
+Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang,
+in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich
+erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war
+ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem
+zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken
+befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der
+Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.
+
+Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu
+sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie
+stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch
+es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem
+Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer,
+knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer
+aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich
+glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich
+mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes
+Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt
+hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im
+Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern
+schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe
+des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich
+dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus,
+gnädiger Herr!
+
+-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.
+
+-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine
+Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina
+denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis?
+
+Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen
+verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch:
+
+-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur
+mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte
+dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
+
+***** This file should be named 38518-8.txt or 38518-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/8/5/1/38518/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.