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+Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Republik des Südkreuzes
+ Novellen
+
+Author: Waleri Brjussow
+
+Translator: Hans von Guenther
+
+Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
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+Valerius Brjussoff
+
+Die Republik des
+Südkreuzes
+
+Novellen
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+München 1908
+Verlegt bei Hans von Weber
+
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+
+Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus
+dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt.
+Den künstlerischen Schmuck zeichnete
+Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar
+Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden
+auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes
+Leder gebunden und handschriftlich numeriert.
+
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+
+Die Republik des Südkreuzes
+Die Schwestern
+Im unterirdischen Kerker
+Die letzten Märtyrer
+Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
+Im Spiegel
+Das Köpfchen aus Marmor
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+Die Republik des Südkreuzes
+
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+Artikel der Spezialnummer des »Nordeuropäischen Abendblattes«
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+In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener
+entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte.
+Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar
+phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die
+Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu
+leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die
+sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, _alle von einer
+psychischen Störung betroffen wurden_. Darum also halten wir es für
+nützlich und zeitgemäß, die Summe aller _glaubwürdigen_ Nachrichten, die
+uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen.
+
+Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus
+300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular,
+das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat
+Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen
+Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch
+auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er
+erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu
+erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen
+Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte
+der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb
+des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten,
+erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten
+wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften
+aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen
+akkreditiert.
+
+Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am
+Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo
+alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die
+Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels emporgerichtet. Die
+Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der
+Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in
+der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller
+Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das
+Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität
+beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der
+Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige
+Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene
+Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs
+Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die
+Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte
+beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den
+Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde.
+
+Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die
+Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die
+auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und
+Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen
+Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer
+geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller
+offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene
+Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf
+ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm
+Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes
+anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die
+durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im
+Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase
+bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das
+Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher
+war das angeregte Leben in den Hafenstädten und Fabrikzentren. Um einen
+Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten
+Jahren etwa _sieben Zehntel_ allen Metalles, das auf der Erde zutage
+gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung
+gelangten.
+
+Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von
+Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger
+galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der
+Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der
+Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen
+Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung
+standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische
+noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken,
+Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl
+der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der
+Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller
+Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller
+ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten
+Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit
+keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20
+Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste
+gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche
+lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu
+verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner
+Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik,
+die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings
+das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.
+
+Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der
+Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der
+Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre
+Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates dieser
+Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie
+empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften
+Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in
+den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach
+Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr
+vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung
+zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze
+Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die
+internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze
+Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst
+von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war,
+wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke
+der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im
+Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.
+
+Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des
+ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender
+Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten
+normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und
+demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller
+Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer
+Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur
+gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war
+unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten
+Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet,
+aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur
+untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet
+war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der
+Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich
+weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Alle Fabriken
+waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem
+Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in
+leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der
+wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in
+der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt
+auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen
+politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die
+Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von
+den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.
+
+Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die
+ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die
+Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist
+es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten
+Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein
+gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente
+hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier
+erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt
+überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und
+Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des
+Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von
+der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu
+bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der
+Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des
+Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der
+Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen.
+Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch
+Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden
+Rates.
+
+In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes
+und ihrer Hauptstadt. Aufgabe eines künftigen Historikers dürfte es sein,
+zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung
+jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt
+führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.
+
+ * * *
+
+Die ersten Fälle einer Erkrankung am »Widerspruche« wurden schon vor etwa
+20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen
+zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und
+Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung
+und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden
+internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man
+vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der
+Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen
+Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich
+selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz
+anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist
+mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten
+Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der
+Erkrankte sagt anstatt »Ja« -- »Nein«; an Stellen von freundschaftlichen
+Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils
+beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in
+Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts;
+gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er
+sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der
+Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische
+Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der
+individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen
+sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch
+die Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird
+gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in
+äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben
+durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen
+aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen
+Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende;
+Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.
+
+In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren
+Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit
+war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der
+überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein
+Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den
+folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl
+der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2
+Prozent der _ganzen Bevölkerung_, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als
+am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen
+Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald
+zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der
+Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich,
+ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung
+der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller
+Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr
+sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch,
+daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine
+Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann,
+und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit
+von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August
+_alle_, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer
+psychischen Störung ergriffen waren.
+
+Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen
+verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen:
+Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten
+Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie
+voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine
+nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein
+Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu
+regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein
+Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder
+herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur
+von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher
+Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch
+fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine
+lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu
+witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die
+Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am
+»Widerspruch« erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel
+verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die
+Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im
+Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern
+die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die
+ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in
+dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und
+überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500
+Menschen wurden getötet oder verwundet.
+
+Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft
+stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In
+einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde
+beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern,
+sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu eröffnen, sowie
+Häuser zur Isolierung der am »Widerspruch« Erkrankten zu gründen, eine
+Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und
+Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken
+und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von
+Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche
+in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch
+beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen
+Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die
+Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden
+gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und
+Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere »Gesellschaft zum Kampf mit
+der Epidemie« begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich
+aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese
+und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde
+die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in
+gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen
+und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die
+ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen
+unerhörten Nöten ergriffen.
+
+Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus
+der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der
+gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen
+Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann
+die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne »die
+allerlustigste Stadt der Südhemisphäre« besuchten, Artisten aller
+Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter
+Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch
+die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine
+überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers,
+die Besitzer von Theatern und Restaurants, die Herausgeber von Zeitungen
+und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung
+heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht
+ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der
+Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese
+Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden
+dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern
+in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu
+fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen
+konnten.
+
+Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen
+Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld
+gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges
+brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht
+ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie
+aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu
+fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik
+arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den
+Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt;
+die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen,
+obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr
+des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas
+und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der
+Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren
+die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen
+Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische
+Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat
+berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der
+regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt
+auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten
+Einwohnerschaft.
+
+In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile,
+durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm
+erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im
+Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die
+diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab
+ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen
+Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv
+aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace
+Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der
+Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 1/2 Monaten kämpfte er
+unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es,
+sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der
+Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen
+Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend
+dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu
+erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen
+nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen
+Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die
+Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen
+der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die
+Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese
+kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich
+und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen
+Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen
+Port.
+
+Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk
+der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab
+Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung am
+ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und
+gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß
+ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung
+mit der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie« und verteilte unter
+deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte,
+Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend
+einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte
+man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig
+ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand
+erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter
+dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in
+feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten
+zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in
+die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu
+bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die
+Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder
+Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte,
+der vom »Widerspruch« befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder
+der »Gesellschaft« zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken,
+beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus;
+die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr
+vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach
+dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.
+
+In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher
+Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr
+Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper
+von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene
+und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem
+Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung
+im großen dramatischen Theater mehrere Male in den Zuschauerraum. Der
+Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser
+Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit,
+die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden
+Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der
+»Widerspruchsvollen« noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet.
+Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im »Feuerwerktheater«. Die
+dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz
+zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier,
+welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht
+weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile
+alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.
+
+Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die
+bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit
+fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die
+Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben,
+simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den
+offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die
+verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in
+die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und
+nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den
+Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich
+Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze
+Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in
+offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern
+oder den Miliztruppen plötzlich am »Widerspruch« Erkrankte auftauchten und
+ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der
+Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren
+Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber
+genötigt, die Straßenräuber und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen.
+So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue
+die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.
+
+Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft
+fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die
+Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der
+Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte
+städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch.
+In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den
+Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu
+finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch
+ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu
+tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer,
+sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren
+Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der
+Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation,
+wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient.
+Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er,
+alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe
+kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen
+einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.
+
+Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig
+Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand
+auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache
+ein am »Widerspruch« erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der
+Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das
+Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die
+Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie
+wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er
+brachte die Leichen und die verstümmelten halblebendigen Körper zurück.
+Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß
+eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren
+bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt
+verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem
+Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im
+Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei
+Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die
+Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das
+Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil
+sie sich _fürchteten_, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei.
+Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die
+alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen
+fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in
+Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft,
+zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen
+Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich
+geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war
+von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch
+verband sie nur noch der Telegraphendraht.
+
+Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da
+es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon
+eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen
+geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in
+die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen
+müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der
+Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen
+könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren
+Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem
+tat es leid, das seine zu verlassen, keinem kam es eigentümlich vor,
+fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber,
+die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr
+Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den
+leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten,
+in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.
+
+Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch
+seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die
+Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung
+entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen,
+Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz
+gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise
+versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken,
+Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare
+Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden
+und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen,
+geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber
+bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen
+Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die
+schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt
+werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In
+diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und
+von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und
+furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte.
+Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten;
+Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar
+Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten,
+aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden
+Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang
+geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen. Man machte hoffnungslose
+Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern,
+Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß
+den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die
+Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie
+sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp,
+es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten
+des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein
+gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er
+schlug vor, _alle_ Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die
+Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in
+jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste
+Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte.
+Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle
+Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie
+Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im
+Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern
+gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in
+eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus
+seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf
+mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte
+von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting
+selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania
+contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins
+Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.
+
+Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche
+die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen
+in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische
+Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten
+in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung und keine Beheizung
+außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in
+absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er
+hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf
+allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten
+Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich
+die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km
+lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen.
+Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle
+Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man
+nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren
+Orgien der verzweifelten Menschen.
+
+Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen
+Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer
+dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden
+Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten.
+Jeder Begriff von Recht verschwand, -- nur die Kraft wurde anerkannt. Für
+die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die
+allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf,
+gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die
+unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße,
+boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste
+Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die
+Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf
+achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles
+wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr
+kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal
+überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt,
+andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab,
+gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor
+Scham und Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich
+oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden
+hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten
+Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.
+
+Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich
+nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er
+für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins
+Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant
+und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um
+Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in
+der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch
+kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele
+wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen
+Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers
+starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr
+wenig Fälle der Erkrankung am »Widerspruch« vorkamen. Divile verstand es,
+die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum
+letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist
+zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir
+unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde
+in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen
+Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile
+berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus
+begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven
+abzuschlagen. »Worauf ich hoffe,« schreibt Divile, »weiß ich nicht. Vor dem
+Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich
+mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich
+werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.« Dies sind die letzten Worte
+Diviles. Welch edle Worte!
+
+Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff
+einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden.
+Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine
+einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem
+21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der
+Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze
+erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen,
+beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln
+und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf
+Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit
+die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die
+Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer
+Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten
+dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten
+tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen
+der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die
+Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den
+Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich
+die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren
+hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der
+Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname
+wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein
+Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener
+Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben.
+Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen,
+dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut -- oder
+die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der
+erregten Einbildung noch unerträglicher.
+
+In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem
+noch einige tausende lebender menschenähnlicher Wesen im Gestanke von
+hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon
+keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der
+Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste
+Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander
+aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor
+Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen
+Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.
+
+ * * *
+
+Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig
+dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute.
+Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen,
+entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art -- alles
+weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der
+elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt
+unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege
+gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf
+Erkrankungsfälle am »Widerspruch« gelenkt, die in anderen Städten der
+Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls
+epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die
+den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer
+Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf
+allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des
+Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen
+Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu
+bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der
+Hauptstadt.
+
+Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das
+Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis
+zu so unerhörter Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war
+die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller
+Länder (darunter auch unser »Nord-Europäisches Abendblatt«) entsandten in
+die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den
+Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein
+Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten
+bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen
+verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen
+Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern
+formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber
+die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil
+dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des
+Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt
+nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an
+alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet.
+Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der
+Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene
+Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische
+Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die
+Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum
+des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 1/2 Monate
+lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.
+
+In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf
+seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei
+Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und
+Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in
+absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen,
+daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie
+sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der
+elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt
+abliegt, wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem
+Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute
+gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich
+allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht
+über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für
+Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch
+künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend
+antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit
+glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich,
+es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der
+Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen
+Renovierung beginnen.
+
+Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert.
+Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt.
+Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt
+an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen
+gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische
+Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen
+nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften
+Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft
+vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man
+Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli
+erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte,
+enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im
+Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden,
+das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor
+(der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für
+unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace
+Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse
+in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den
+furchtbaren Funden, die man auf den Straßen und im Innern der Häuser
+gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen
+Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt
+geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des
+Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen,
+die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich --
+benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im
+Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen
+Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten
+Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller
+Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos
+erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen
+versteckt.
+
+Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige
+Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei
+Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000
+Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern
+beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um
+die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten
+oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige
+Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt
+hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die
+schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines
+Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert
+ist.
+
+Das »Nord-Europäische Abendblatt« hat seinerseits einen neuen
+Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in
+genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen,
+die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht
+werden sollten.
+
+
+
+
+Die Schwestern
+
+
+
+Ein unaufgeklärter Fall
+
+
+
+
+
+1.
+
+
+Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald
+schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der
+Erinnerung klänge.
+
+Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah
+die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen.
+
+Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen
+Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener
+Teekessel.
+
+Lydia wagte es, zu sprechen:
+
+-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.
+
+Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf.
+
+Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein
+Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen
+Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern
+steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß
+die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit
+den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das
+ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards.
+Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.
+
+Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll
+an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei
+verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten
+sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen
+letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den
+letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen
+würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon
+zu spät? Zu spät? Zu spät?
+
+Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie
+nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende
+Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.
+
+Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden
+Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit
+dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne
+leblosen Feldes.
+
+Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen
+in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese
+drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen
+wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich
+zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.
+
+Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der
+Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das
+die Dienerschaft bewohnte.
+
+Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.
+
+Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in
+ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann
+verstummte auch dies.
+
+Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.
+
+Draußen hob der Sturm an.
+
+ * * *
+
+Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer
+wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung
+klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich,
+gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich.
+Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf
+dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und,
+der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.
+
+Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind
+bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.
+
+Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht
+auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee
+silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe.
+
+Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte
+Antwort zu sagen:
+
+-- Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der
+Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug
+ist bequemer. Und vielleicht überlege ich's mir und fahre überhaupt nicht.
+
+Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas
+tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch
+leise wehrte er ab.
+
+-- Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge
+man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste
+erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe
+schreiben.
+
+Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch
+er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er
+hatte keine Worte.
+
+Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras
+begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei,
+verschwand in der Türe seines Kabinetts.
+
+Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.
+
+Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr
+dunkelhimbeerfarbenes Tuch.
+
+Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe
+hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm
+schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an
+ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie
+erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.
+
+Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die
+kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm.
+
+Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der
+die Pferde bestellte.
+
+
+
+2.
+
+
+Nikolai saß an seinem Schreibtisch.
+
+Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen
+auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon
+vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem
+grünmetallenen Lampenschirm.
+
+Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das
+Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich
+dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es
+lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den
+vorgemerkten Wegen eilen konnten.
+
+Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte
+und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch
+furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem
+sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit
+anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist
+er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden
+zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er
+begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen
+und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß
+er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er
+wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war.
+
+Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht
+von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie
+sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
+fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten
+herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen
+vermag.
+
+Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den
+ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schüchternes Mädchen, ein
+schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er
+sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich,
+die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen
+Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast
+kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte
+jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du
+bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur
+unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
+
+Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo
+sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt
+auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so
+daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie
+auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen,
+die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war
+ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem
+unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein
+grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu
+zerschmelzen.
+
+Doch sei dies nicht Lydia, -- o würde in seinen Händen der entblößte,
+völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte,
+welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf
+einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das
+Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr
+war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als
+die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem
+ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich
+aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und
+das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in
+seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
+
+Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der
+sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie
+verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu
+einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen
+an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im
+andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die
+beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern
+kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine
+Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung.
+Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .
+
+Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank,
+jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in
+dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu
+sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben
+wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß
+mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten
+Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines
+Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr
+zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und
+da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre
+Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse,
+welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in
+Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie
+fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde
+in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
+eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene
+Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit
+entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein
+Schatten . . .
+
+Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie
+Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über
+ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von
+Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er
+hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will
+das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen
+Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste,
+bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des
+teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon
+ist er kraftlos, ihm zu folgen.
+
+Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen
+Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich,
+daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine
+Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben?
+Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.
+
+Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts
+ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.
+
+
+
+3.
+
+
+Vor Nikolai stand Kett.
+
+Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett
+wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und
+reichte ihr seine Hände.
+
+-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.
+
+Sie schüttelte verneinend den Kopf.
+
+Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen
+und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte:
+
+-- Küsse mich. O beug dich über mich.
+
+Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:
+
+-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir
+sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine
+solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich
+-- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr
+völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer
+Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie
+auf der Wage abgewogen!
+
+Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte.
+
+-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich
+bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in
+deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.
+
+Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.
+
+-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre
+beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein
+wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der
+Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas
+ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas
+bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du
+fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!
+
+Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum
+Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung
+erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest,
+obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.
+
+-- Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben
+verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare
+kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich
+begehre auch nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst
+zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann
+die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure
+Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß
+ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.
+
+Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:
+
+-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich
+träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den
+sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, -- über
+Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine
+Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen:
+sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe
+mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner
+anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die
+verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen
+Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener
+Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den
+ich will. Leb wohl!
+
+Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er
+nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine
+Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart
+und kalt zu sprechen:
+
+-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den
+wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine
+Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner
+Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen
+Ehegatten.
+
+Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß
+er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut
+und Spott:
+
+-- Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: ich
+experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren,
+alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich
+habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das
+Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen.
+Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete.
+Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger
+anstelltest, als du tatsächlich warst.
+
+Sie begann zu lachen.
+
+So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon
+viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor
+Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um
+dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die
+wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.
+
+Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der
+Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und
+berührte ihre Hände.
+
+-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es
+ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch
+dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder
+dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!
+
+Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher
+Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:
+
+-- O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr,
+daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her,
+dir meine Liebe beweisen.
+
+Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an
+ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie
+den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige
+Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.
+
+Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum
+einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben,
+seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe
+-- und erwachte.
+
+Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem
+grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war
+es still.
+
+War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?
+
+Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.
+
+
+
+4.
+
+
+Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung
+zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu
+denken. »Dann, dann,« sprach er zu sich, »dann will ich alle Fragen
+entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.«
+Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm
+kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.
+
+Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich
+ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die
+geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus
+diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum
+Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende
+Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und
+trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.
+
+Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen
+Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte
+ihre Hände auf seine Schultern:
+
+-- Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.
+
+Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht
+zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein
+schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen
+um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
+
+Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:
+
+-- Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen
+Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht
+nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich
+zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten
+kannst.
+
+Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen
+nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:
+
+-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen
+Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich
+stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch
+tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran,
+daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich
+lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich
+nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem
+Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte
+sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein
+Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest
+du jetzt noch von mir?
+
+Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände.
+Antwortete voller Trauer:
+
+-- Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles
+nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören,
+jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen,
+weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch
+du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal,
+meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere
+Schwester. Wiege mich ein mit zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein
+Herz, -- es hat so nötig die Berührung zarter Finger.
+
+Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien,
+die Kleine, die Hilflose.
+
+-- Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete
+ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden
+Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir
+kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm
+alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch
+heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den
+anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und
+vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß
+selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte
+der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte
+ich dir geben?
+
+Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten
+Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne
+früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:
+
+-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres
+künftigen Kindes.
+
+Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam
+zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war
+furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und
+groß.
+
+-- Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen,
+daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an
+seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn
+geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der
+mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus
+seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und
+seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte
+zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und
+alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!
+
+Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais
+Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit
+sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit
+wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:
+
+-- Es ist Lüge, es ist Lüge.
+
+Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem
+Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und
+hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.
+
+»Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?« dachte
+Nikolai.
+
+Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:
+
+-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst
+begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.
+
+Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das
+Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu
+füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine
+ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem
+Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen,
+und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn
+kreisen.
+
+Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur
+Wirklichkeit zurück.
+
+Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.
+
+Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich
+ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur
+einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen
+müsse.
+
+Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich
+gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch
+irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er
+wieder in den Abgrund seiner Gesichter.
+
+
+
+5.
+
+
+Die Türe bewegte sich zum dritten Male.
+
+»Jetzt werde ich Mara sehen«, dachte Nikolai.
+
+Mara kam herein.
+
+Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie
+sagte:
+
+-- Ich kam, um dich zu holen.
+
+Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem
+Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er
+ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das
+Aussehen aller Gegenstände verändere.
+
+Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.
+
+-- Sieh hin, sagte Mara.
+
+Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot.
+Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in
+ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze
+Zimmer.
+
+Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer
+Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines
+Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah,
+zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er
+erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.
+
+Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man
+vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu
+hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
+
+-- Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war
+ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorübergehen lassen.
+Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu
+spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich
+schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf
+des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der
+ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu
+verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der
+letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue
+erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere
+Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in
+diesen Stunden werden wir allein sein!
+
+Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den
+Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und
+sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie
+alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man
+ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn
+richten, verurteilen . . .
+
+Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm
+der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser
+wahnsinnigen Nacht sein könnte.
+
+Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die
+Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr
+nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden
+Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.
+
+Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.
+
+-- Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich
+will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und
+dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod
+wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.
+
+Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und
+ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:
+
+-- Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine
+Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was
+ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich
+peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte,
+deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und
+ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder
+Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche
+elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und
+Engeln.
+
+Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von
+etwas Vergangenem sprach.
+
+Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich
+in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu
+verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die
+beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der
+Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er
+immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der
+Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich
+loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.
+
+Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so
+unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und
+ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und
+ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern
+nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:
+
+-- Nicht nötig, nicht nötig.
+
+Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und
+Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen.
+Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die
+brennenden Kerzen wie Funken.
+
+Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen
+der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit
+des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten
+dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals
+dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem
+gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber
+verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und
+wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom
+Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.
+
+Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden.
+Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche.
+Langsam veränderte sich die Welt.
+
+
+
+6.
+
+
+Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den
+ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier
+Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht
+erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge
+mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein
+unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder
+Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in
+Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in
+kleiner Schrift auf der vierten Seite in der »Provinzialchronik«. Übrigens
+konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen
+politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.
+
+
+
+
+Im unterirdischen Kerker
+
+
+
+Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts
+
+
+
+
+
+1.
+
+
+Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich
+unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß
+er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte.
+Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem
+ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und
+nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger
+kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den
+Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch
+kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und
+die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die
+wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
+
+Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier
+selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein,
+Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem
+Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie
+befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens
+mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu
+rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In
+diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche
+Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als
+der Tod.
+
+Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte,
+wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken
+ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht
+verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die
+Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand
+geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an,
+alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und
+Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr
+sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia
+barfuß blieb.
+
+Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit
+dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige
+Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur
+ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und
+damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden
+könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln
+angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und
+dann verschlossen.
+
+Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen
+befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen
+liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen
+Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem
+bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt
+wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt
+teilgenommen hatte.
+
+
+
+2.
+
+
+Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war
+von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und
+übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute
+erwartete sie ihr Hinscheiden.
+
+Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten,
+besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den
+Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia,
+kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf,
+wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.
+
+-- Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, der an dem der
+Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, daß
+ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!
+
+-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza,
+-- und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.
+
+-- Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus
+seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen,
+während wir hungern.
+
+Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der
+frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe,
+bemitleidete Julien:
+
+-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde
+zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!
+
+Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über
+zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit
+schrecklicher Stimme:
+
+-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben,
+zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und
+Armen sich freuen können. Freut euch.
+
+Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht
+völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.
+
+
+
+3.
+
+
+Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie
+bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein
+Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach
+dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte
+Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.
+
+Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren
+zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger.
+Sie begannen, wie das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen.
+Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber
+ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten
+Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß.
+
+Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie
+sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht
+freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die
+Türken verstanden kein Italienisch.
+
+Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte
+seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und
+wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte
+keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.
+
+Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich
+trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom
+Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er
+sie.
+
+So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst
+dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht
+einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu
+können.
+
+
+
+4.
+
+
+So vergingen die Tage im Kerker.
+
+Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die
+verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie
+gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham
+nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters
+Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß
+sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die
+Leute gewöhnlich verbergen.
+
+Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur
+mit Mühe bis zum andern strecken konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen
+zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen
+erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo
+und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage -- um Brot und
+Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft
+nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem
+damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch
+brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen
+begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war
+Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben
+sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange
+Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber
+gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in
+ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.
+
+Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage,
+und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet
+wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle
+Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen,
+ohne zu weinen, ohne zu klagen.
+
+Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige
+Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere
+wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen
+zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es
+anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper
+presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest
+auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die
+Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf
+die Stimme der Vanozza.
+
+Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die
+Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr
+heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.
+
+Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.
+
+-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser.
+
+Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und
+ebenso seine bleichen Wangen.
+
+Sie sagte:
+
+-- Ich danke dir.
+
+An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.
+
+
+
+5.
+
+
+Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre
+Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr
+miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in
+Unterhaltungen.
+
+Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von
+den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus
+kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit
+künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und
+Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit
+Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von
+Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von
+Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und
+dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten,
+Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen
+Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen
+Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen
+Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des
+gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern
+des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer
+Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und
+Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.
+
+Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt,
+von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen,
+von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen
+Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln,
+der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme
+auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern,
+wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die
+Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den
+Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den
+Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter
+den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des
+Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu
+sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die
+unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar
+sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von
+den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer
+Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den
+singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.
+
+Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und
+Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.
+
+Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber
+bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.
+
+
+
+6.
+
+
+Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor
+einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute
+vor fremden Augen verbergen.
+
+Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder
+zu, obgleich sie, geschwächt durch Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht
+mehr zu den ausnehmenden Schönheiten gerechnet werden konnte. Der Türke
+setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und wollte sie umfangen, wie
+er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte
+ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit
+seiner Kette das Hirn.
+
+Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der
+langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken
+stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie
+schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken.
+Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und
+ließen den Marco in einer Blutlache zurück.
+
+Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.
+
+Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine
+Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf.
+
+Marco öffnete die Augen und sagte:
+
+-- Ich bin im Paradies.
+
+Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen
+konnte und sagte ihm:
+
+-- Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.
+
+Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch
+aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue
+Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten
+die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache,
+oder wurden sie abgelöst -- dies blieb für den Kerker ein Rätsel.
+
+
+
+7.
+
+
+Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften.
+Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.
+
+Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre Schmerzen nicht länger
+verbeißen konnte. Die alte Vanozza erfaßte die Sachlage und hieß sie
+näherrücken.
+
+Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.
+
+-- Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, -- es wäre ein prächtiger Halunke
+geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu
+werden.
+
+Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.
+
+-- Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.
+
+Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den
+kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend
+wohin fort.
+
+
+
+8.
+
+
+Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:
+
+-- Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste,
+den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines
+Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin
+deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre
+ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust
+gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung,
+die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der
+Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und
+wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon
+unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein
+Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch
+nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich
+ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch
+der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub
+mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden
+kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache
+der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke
+vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen
+wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für
+dich emporzusenden.
+
+Jedoch Marco entgegnete ihr:
+
+-- Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei's im Traum
+oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du
+ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner
+Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche
+Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde
+zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der
+Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine
+glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der
+taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle,
+nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist
+meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller
+Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der
+kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht
+mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.
+
+Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:
+
+-- Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?
+
+Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:
+
+-- Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich
+dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den
+kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.
+
+Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die
+beiden auf den Knien voreinander lagen.
+
+
+
+9.
+
+
+Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig
+ertragen, die Ungläubigen in einem Lande zu wissen, in dem sonst der
+Stellvertreter Christi sich beständig aufhielt. Alfons, der Herzog von
+Calabrien und Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken
+aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein
+gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ kirchliche Geräte einschmelzen und
+zu Münzen umprägen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe.
+Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.
+
+Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der
+Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans
+Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß.
+Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner
+die wohledle Stadt Otranto ein.
+
+Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro,
+der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den
+Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem
+Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und
+unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe
+und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke
+Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und
+kleideten sie in leichtes feines Linnen.
+
+Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am
+Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere
+Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als
+ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und
+als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und
+schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr
+sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.
+
+Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich
+langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene,
+jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine
+Erscheinung ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer
+Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte sich, bei ihnen nicht
+einmal im Gedanken zu verweilen.
+
+
+
+10.
+
+
+Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und
+wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König
+Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen
+Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr
+Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über.
+Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den
+Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte
+es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre
+Hand bewarben.
+
+Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude
+errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in
+einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco.
+Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und
+eine rote phrygische Mütze.
+
+Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es
+Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte
+sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und
+erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß
+ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie
+Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte.
+
+Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung,
+frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren
+ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein
+goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide
+zierte ihren Hals, und auf die Stirne fiel ihr ein Diamantschmuck herab.
+Sie saß in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit.
+
+Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor
+einer edlen Signora gewiß tun mußte.
+
+Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie
+ihn:
+
+-- Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt?
+
+Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen
+und entgegnete:
+
+-- Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen
+Waren aus Otranto nach Neapel.
+
+-- Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.
+
+-- Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen
+Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie
+in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker.
+
+Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:
+
+-- Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du
+einen selbständigen Handel beginnen kannst.
+
+Marco senkte den Kopf.
+
+-- Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung
+kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem
+Namen zu benennen.
+
+Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um
+die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war,
+sagte Julia zu der Monna Lucrezia:
+
+-- Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater
+teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt
+überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine
+Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in
+Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen.
+
+
+
+
+Die letzten Märtyrer
+
+
+
+Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief
+
+
+
+Diesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund Alexander Athanatos nach
+seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene
+fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er
+verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und
+vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. Erst nach dem
+tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen
+zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser
+Erzählung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen
+Briefes.
+
+Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte
+eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen
+geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhänger heute die »Welt-Revolution«
+nennen, vor sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen
+anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natürlich nur
+einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwürdigen Tage
+des Aufstandes geschah, sind dafür aber für einige Fakten die einzigen
+Quellen, aus der künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das
+Bewußtsein dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, seine Worte
+mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, ungeachtet eines gewissen
+blütenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu
+bleiben.
+
+Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine
+Dankbarkeit auszudrücken und meine Freude darüber, daß es auf der Erde noch
+einen Ort gäbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo
+man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt zu einer
+Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären Regierung neigen.
+
+
+
+1.
+
+
+Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig
+unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen dunkle Gerüchte, es wäre
+zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten
+unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen.
+Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte
+beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem
+Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine
+Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von
+Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte
+nicht.
+
+Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus.
+
+Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die
+auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein
+Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam
+es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe.
+Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen.
+
+Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. Ich zögerte an der
+Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war.
+Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener
+Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in
+panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten
+werden.
+
+Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des
+Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen
+Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses
+Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen.
+Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen
+roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich.
+
+Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich
+widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die
+Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die
+Regierung alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung
+ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und
+eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen,
+daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.
+
+Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel
+der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben
+jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der
+dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das
+Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der
+Leute. Neues Kreischen übertönte den Lärm und betäubte, fast wie ein
+körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite
+Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . .
+
+Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen,
+auf alle Volksansammlungen zu schießen.
+
+Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden
+Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die
+durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute
+zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden
+mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue
+hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der
+Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man
+verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard
+hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht.
+
+Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären.
+
+Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren
+organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen,
+trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene
+Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die
+Menge beruhigte sich.
+
+Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich und
+unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel
+der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich
+stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den
+allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu
+mir zu fliegen.
+
+Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens
+nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im
+ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt:
+überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über.
+Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, -- alle die der
+gestürzten »uns allen gleich verächtlichen« Regierung anhingen. Daß über
+diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei.
+
+Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende
+hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes.
+
+Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. Ich dachte, die
+Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren,
+der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen
+Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem
+Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich
+plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer.
+Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend.
+
+Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber
+mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand
+das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines
+jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum
+Heiligtume gemacht hatte.
+
+Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der
+allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche,
+da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wünschten, eine
+Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die
+sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in
+der Art von jenem, dem ich beiwohnte.
+
+Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven.
+
+Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmählich an den
+Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen erinnernd, tastete ich mich bis
+zum Eingang unseres Domes durch.
+
+Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.
+
+Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein.
+
+
+
+2.
+
+
+Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt.
+
+Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen Hölle drängten
+die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel
+veranlaßte alle, zu flüstern. Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes
+in all dem leisen Gespräch.
+
+Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und
+Lycius und alle und alle. Man begrüßte sich mit mir. Ich fragte Adamant:
+
+-- Was denkst du von all diesem?
+
+Er antwortete mir:
+
+-- Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener
+neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende
+währte. Dies ist die Ära neuen Lebens, welche unsere Epoche mit den Zeiten
+des russisch-japanischen Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im
+Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den
+zwei Welten werden von diesen gigantischen Mühlsteinen zu Staub zermalmt
+werden.
+
+Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch
+riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten sich ins Unendliche. Die Symbole
+unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der
+Finsternis.
+
+Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen.
+
+Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen.
+
+Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich
+neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene,
+selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine
+Brust und sagte:
+
+-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit zu leben.
+Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor.
+Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann
+nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele
+neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen
+verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir,
+Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und
+ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will
+lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer
+Brüderlichkeit!
+
+Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich
+suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln,
+unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre
+übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie
+aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz
+gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hörte mich nicht.
+
+Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die
+Köpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius.
+
+Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter
+vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken
+fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng.
+So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine
+Stimme drang in die Seele wie Wein.
+
+-- Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der Tag der Freude.
+Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins,
+und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch
+unbewußt, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man
+in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Für uns aber ist
+jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der
+Ewigkeit. Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem
+Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung unsere Körper
+geißelten und wie der Schmerz die Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte.
+Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit
+öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum blendenden
+Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brüder! Der Augenblick
+letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und
+noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr
+letzten Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe
+Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern!
+
+Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des Theodosius sowohl wie
+in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden
+alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte
+heroische Ausrufe.
+
+Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel.
+Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den dumpfen Raum, strömte zwischen uns
+hin, verflocht uns alle mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein
+vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres großen Poeten rissen sich
+unwillkürlich von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt
+im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines großen Orchesters,
+Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das ewige Rätsel, preisend schöpferische
+Leidenschaft.
+
+
+
+3.
+
+
+Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der
+Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum
+erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war
+Vorsitzender.
+
+Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war
+hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle
+Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon
+verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche
+Regierungsgebäude -- das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur --
+nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten
+betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes.
+
+Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich
+zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.
+
+Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein
+Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der
+Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt,
+die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte
+das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.
+
+Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:
+
+-- Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen
+wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden
+hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die
+Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch
+die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir
+ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.
+
+Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier
+mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle
+sich langsam in Asche verwandelte. Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein
+Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.
+
+Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der
+zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine
+Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das
+Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem
+gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.
+
+Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt
+waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei
+Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig.
+In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.
+
+Dieses sprach Theodosius:
+
+-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache.
+Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung
+verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von
+vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure
+Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der
+Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns
+zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer
+Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer
+Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme
+jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch
+zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende
+Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der
+Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten
+Stengel und Blüten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere
+Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf
+den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen
+entgegennähmet.
+
+Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und
+Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte
+Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein
+biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein
+Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums,
+inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt
+werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.
+
+Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:
+
+-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche
+zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren
+eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der
+großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen
+Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von
+unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit
+gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil
+abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In
+uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu
+gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal
+zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu
+schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir
+sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden
+wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige,
+das ist das Schwert in unseren Händen!
+
+Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:
+
+-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die
+Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure
+Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den
+Marmor des Altertums zerschlägt!
+
+Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:
+
+-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen
+Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch
+in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr
+durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist
+alles.
+
+-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.
+
+-- Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und
+euch alle werden die Trümmer begraben.
+
+Der Abgesandte entfernte sich.
+
+-- Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste
+Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit
+unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt!
+
+-- Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon
+Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder
+nicht, -- ist ihnen unwichtig.
+
+Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend
+hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen.
+
+-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergießen, nicht _fremdes_.
+Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die
+purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen
+Flügel des Zornes und der Rache.
+
+
+
+4.
+
+
+Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden
+Wintertages.
+
+Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch
+eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.
+
+Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.
+
+Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so
+feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so
+verzückend.
+
+Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie
+mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch
+geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend,
+nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor
+der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel.
+
+Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein
+jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch
+die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.
+
+Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel
+anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr
+angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den
+Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden
+hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.
+
+Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz.
+Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war
+trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet.
+Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der
+Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im
+Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, -- Hero. Und schon
+entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem
+Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.
+
+Da ertönte die Stimme des Theodosius.
+
+-- Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.
+
+Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem
+Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen
+Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er
+sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie
+Ganymed, licht wie Balder.
+
+Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde
+vorgezogen.
+
+Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.
+
+Und Theodosius verkündete uns:
+
+-- Es ist vollbracht.
+
+Er erhob den Kelch und segnete uns.
+
+Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft,
+seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im
+plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen,
+die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen,
+waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit
+tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen,
+alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher
+Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter
+sind.
+
+O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des
+Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache,
+vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem
+Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.
+
+Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten
+Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward
+den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die
+rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen
+Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang
+von der Straße her bis zu uns.
+
+Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der
+Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln
+durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht
+ertragen, das sich hier ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die
+angegebene Zeit nicht ein.
+
+Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand
+gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma
+wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim
+Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht
+geringer.
+
+Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel,
+während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme;
+einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen.
+
+Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie
+Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen.
+Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung
+lösen.
+
+Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden,
+wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als
+würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir
+die Wahrheit unseres Glaubens.
+
+Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten,
+drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im
+letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende
+Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter
+Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon
+starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der
+Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.
+
+Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz
+verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden
+war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter
+Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer
+Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den
+Schwestern.
+
+Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein
+das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den
+tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den
+unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:
+
+-- In deine Hände befehle ich meinen Geist!
+
+
+
+
+Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
+
+
+
+Memoiren eines Psychopathen
+
+
+
+Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich
+wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich
+gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte
+Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere
+Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin
+auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach
+Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man
+gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die
+den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der
+Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm
+Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche
+Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu
+dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die
+Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur
+eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.
+
+Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das
+Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und
+nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert
+ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß
+zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel
+annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich
+von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und
+Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die
+gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht,
+von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des
+gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch
+dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht
+Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse
+werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind
+Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht,
+und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der
+Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine
+Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig
+deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben
+hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend
+eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den
+letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend
+etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.
+
+Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im
+Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt
+auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß
+überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng
+gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von
+diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon
+seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte,
+in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich
+erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich
+mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich
+mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen
+Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung
+plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor
+mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene
+Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher
+Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals
+mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts
+den Traum.
+
+Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der
+Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fähigkeit, es künstlich
+hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als
+der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit
+süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren
+Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet,
+beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen
+und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene
+Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich,
+welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es
+nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich
+plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem
+Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des
+Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger
+Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen,
+die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich
+Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke,
+um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche
+auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden
+über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da
+erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.
+
+Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der
+Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals
+um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem
+Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich
+den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel:
+nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum
+zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die
+Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller
+Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich
+begann sich mein nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und
+Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu
+übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses
+Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen
+Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu
+gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit
+durchleben.
+
+Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war
+irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer
+zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern.
+Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate:
+Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der
+Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen,
+glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die
+Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen
+Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich
+wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten,
+öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es
+Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden
+sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte
+ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen
+ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner
+Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche,
+Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht
+einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder
+auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs
+war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf
+ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach
+meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit
+Verrenkungen führten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich
+meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.
+
+Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es
+war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich
+für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt
+zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich
+hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau
+wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens
+würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung
+würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich
+in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in
+allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören
+werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen
+Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann
+zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.
+
+Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark
+das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der
+Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich
+in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch
+das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine
+Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele
+eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht
+anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten
+mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der
+Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres
+Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und
+Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen
+regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts,
+inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich
+gewöhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In
+der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu
+freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.
+
+Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach
+anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit
+betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der
+Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen
+Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen
+Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig
+mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir
+anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine
+Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr
+Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte
+sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war
+bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte
+ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das
+Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht
+entfliehen.
+
+Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große
+religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite
+Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort
+auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis
+vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen
+würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie
+zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten
+Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt.
+Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei
+dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein
+mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde
+müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram sie
+zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die
+früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte
+mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten
+widersprachen.
+
+Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich
+meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab,
+irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen,
+verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um
+mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des
+Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich
+durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und
+Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume
+erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent
+und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und
+unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung,
+aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die
+alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von
+außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten
+Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die
+Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und
+alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber.
+Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in
+denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war,
+und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und
+Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.
+
+Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume
+zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes
+Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den
+mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß
+ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich
+alles ausführen könne, wonach ich verlangte und daß es doch nur ein Traum
+bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da
+konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen.
+Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich
+zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewöhnt war,
+die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter
+Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich
+selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.
+
+»Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schläft jetzt
+und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.«
+
+Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es
+kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen,
+sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal
+ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: »dies alles
+ist in meiner Gewalt.« Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel
+funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch
+ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer.
+Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett
+heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so
+mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett
+herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie
+sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten
+konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem
+Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das
+Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu
+küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.
+
+Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes
+Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und
+doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie
+wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, lieben
+und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte,
+preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien
+konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner
+Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich
+fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich
+mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer
+Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen
+Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer
+nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und
+Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das
+klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in
+ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die
+Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte
+ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die
+Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle
+durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu
+atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen.
+Ein wenig später war sie schon unbeweglich.
+
+Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort
+zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle
+Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers
+plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf
+meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging
+nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir
+auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit
+Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des
+Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen
+kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.
+
+Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im
+Traume geschah.
+
+
+
+
+Im Spiegel
+
+
+
+Aus dem Archiv eines Psychiaters
+
+
+
+Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte
+und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe
+blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und
+den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen
+Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor
+Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann
+ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig
+verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich
+gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in
+einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue
+erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich
+diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen
+abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch
+zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren.
+Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche
+getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an
+und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.
+
+Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel
+herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte
+mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide,
+und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle
+Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben
+mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum
+daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In _dieser_
+Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind,
+da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen
+kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht
+völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine
+dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte,
+was _ich_ nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig
+meinem Verstande verborgen war.
+
+Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm
+eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei
+Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in
+verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die
+alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In
+meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen
+mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg
+sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die
+verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der
+viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle,
+kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere
+Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren,
+vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem
+Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen,
+die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen.
+Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis
+dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in
+dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.
+
+Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich
+haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu
+vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum
+vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte,
+daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen
+gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen
+bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast
+freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren
+kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit
+neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es
+auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über
+mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den
+Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an,
+versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem
+Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte,
+daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter
+einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.
+
+Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf
+irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in
+Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der
+Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der
+geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und
+schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah,
+schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen
+Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht
+zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es
+in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich
+sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner
+Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir,
+wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris
+spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein
+Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine
+Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß
+mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das
+Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.
+
+Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser
+Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit
+meinem Manne im Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr
+lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich
+kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im
+selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir
+entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere
+Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den
+meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der
+Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend,
+hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu
+besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan
+zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu
+sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der
+Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein
+verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf
+und ging hinaus.
+
+Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese
+Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu
+verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war
+ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für
+mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer
+Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich
+ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich
+mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb
+immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und
+siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin,
+noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren
+Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen,
+und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes.
+Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu
+fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu
+verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich
+dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher
+zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte
+ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und
+mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend
+einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber
+das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so
+erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage
+gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns
+zu enden.
+
+Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit
+jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer
+und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die
+Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir
+täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen
+Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein
+Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte,
+mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden
+Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege
+mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren
+geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere
+Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern.
+Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze
+Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und
+wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu
+enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu
+sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.
+
+Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens.
+Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die
+Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie
+gewöhnlich betrat ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde.
+Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte
+mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf,
+rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich
+anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die
+Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin
+in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von
+uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas.
+Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen
+mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an
+anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß
+ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm
+mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und
+Willenslosigkeit.
+
+Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor
+dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen
+her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat
+einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre
+Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden
+Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich
+schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage,
+trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen
+meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun
+endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich
+hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten
+würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den
+anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem
+Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.
+
+Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten,
+erstarb ich förmlich vor Abscheu. Aber _sie_ faßte mich gewaltig an den
+Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als
+wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren
+Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr
+gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke
+berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die
+ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse.
+Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist,
+und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das
+ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und
+lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung
+erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr
+triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz
+erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur
+Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des
+Nichtseins.
+
+Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn
+auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen
+voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen,
+fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten
+nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu
+atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel
+herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in
+die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich
+denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein
+des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende
+Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen,
+zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte
+den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und
+wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
+
+Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich
+wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis
+meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen.
+Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor
+mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte
+sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie
+sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre
+Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte.
+Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht
+antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte
+Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den
+Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das
+Nichtsein.
+
+Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die
+Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine
+Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen
+Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen
+in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu
+schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die
+Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese
+Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr
+nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig
+mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich
+mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte.
+Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche
+Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten
+wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
+
+Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der
+Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle
+Süßigkeit des Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte,
+reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses
+Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue
+Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand
+tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur
+eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald
+spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit
+meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten
+Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich
+führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor
+meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu
+denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte
+sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich
+nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!
+
+In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich,
+mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu
+beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder
+zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und
+schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des
+Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich,
+meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du
+dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_
+führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann
+einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine
+Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den
+Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln
+bemerkte, war es schon zu spät. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem
+Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel,
+wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie mir
+gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen
+Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener
+Fächer.
+
+Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich
+an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir
+gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger
+Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber
+hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses
+von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch
+ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war
+mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses
+ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die
+mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war
+mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in
+einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte
+die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte
+und was mich erschreckte.
+
+Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir
+Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer
+süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß
+sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum
+Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen
+erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den
+Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe
+erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle
+des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht
+meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit
+eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit
+einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur
+Wirklichkeit befreien wollen.
+
+Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr,
+meiner Gegnerin, zurief: »komm her!« Ich hypnotiserte und magnetisierte sie
+mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so
+wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das
+Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt.
+Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: »komm!
+. . .« Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind,
+öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte
+sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie
+zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte
+ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
+
+Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte
+und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren
+wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre
+Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein
+Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie
+vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich
+ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche
+die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel
+taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich
+unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom
+unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem
+Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft
+und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau
+nieder vor Ermattung.
+
+Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß
+man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für
+immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
+
+Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem
+Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange für
+krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles,
+was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren
+Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem
+ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes
+Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier
+bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon
+ausführen muß.
+
+Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin.
+Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen
+ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches
+Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die
+dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild.
+In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die
+mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer
+im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben.
+Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die
+letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal,
+das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen,
+um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine
+Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle
+Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar
+und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich
+muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .
+
+
+
+
+Das Köpfchen aus Marmor
+
+
+
+Erzählung eines Landstreichers
+
+
+
+Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich
+intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen
+Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem
+Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann
+aber erzählte er mir doch sein Leben.
+
+-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer
+ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine
+ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte
+ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine
+Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage.
+An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in
+meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den
+ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu
+Nina steht.
+
+Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß.
+Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber
+wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so
+besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus
+ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles
+alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so
+phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer,
+schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.
+
+Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so
+ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der
+so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie,
+dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich
+einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie
+selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles,
+lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo
+zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: »Ich weiß, du, mein Glück,
+wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch
+gelebt.« O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und
+ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.
+
+Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir
+lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine
+romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr
+schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich
+dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach
+dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche
+von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied.
+Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre
+Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich
+vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe,
+begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als
+wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen
+Menschen, so zu vergessen.
+
+Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich
+Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren
+Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im
+Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb;
+mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott
+verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich
+trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich
+verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich
+bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren
+beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in
+den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die
+Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer,
+das Schicksal würde sich ändern, ich würde wieder reich werden. Meine neuen
+Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.
+
+So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe
+herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich
+ruft mich ein Koch an: »Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?« »Das
+bin ich,« antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht
+machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung
+und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab
+mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer
+Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will
+meinen Augen nicht trauen: es war Nina!
+
+Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort
+begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und
+frage: »Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen
+ist?« »Das,« antwortet sie, »ist eine sehr teuere Sache, die vor
+fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.« Nannte mir auch den
+Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies
+Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze
+diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett
+entstanden. »Sagen Sie mal,« fragte mich die Gnädige, »gefällt Ihnen das
+Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,« sagt
+sie, »sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .« und schwatzt!
+und schwatzt!
+
+Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war
+ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie
+mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts
+diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren
+schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase
+und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das
+schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder
+ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die
+andere -- in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf
+gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele
+nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht
+bezweifeln.
+
+Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze
+Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines
+Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte
+und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen
+zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so
+wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest.
+O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen.
+Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang,
+in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich
+erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war
+ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem
+zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken
+befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der
+Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.
+
+Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu
+sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie
+stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch
+es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem
+Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer,
+knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer
+aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich
+glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich
+mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes
+Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt
+hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im
+Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern
+schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe
+des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich
+dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus,
+gnädiger Herr!
+
+-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.
+
+-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine
+Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina
+denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis?
+
+Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen
+verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch:
+
+-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur
+mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte
+dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+Literary Archive Foundation
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+
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+Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Republik des Südkreuzes
+ Novellen
+
+Author: Waleri Brjussow
+
+Translator: Hans von Guenther
+
+Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
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+
+Produced by Jens Sadowski
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+<div class="trnote" style="page-break-before:always">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
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+
+<h1>
+<span style="text-transform:uppercase; page-break-before:always;">
+Valerius Brjussoff<br />
+<span style="font-size: smaller">
+Die Republik des<br />
+Südkreuzes<br />
+Novellen
+</span>
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+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size: 150%">
+München 1908<br />
+Verlegt bei Hans von Weber
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="copyright">
+Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus
+dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt.
+Den künstlerischen Schmuck zeichnete
+Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar
+Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden
+auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes
+Leder gebunden und handschriftlich numeriert.
+</p>
+
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Republik des Südkreuzes</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Schwestern</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Im unterirdischen Kerker</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die letzten Märtyrer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Im Spiegel</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Das Köpfchen aus Marmor</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 007 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Die Republik des Südkreuzes</h2>
+
+<p class="sub">Artikel der Spezialnummer des &bdquo;Nordeuropäischen Abendblattes&ldquo;</p>
+
+<!-- page 008 -->
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropI-008"><img src="images/008.jpg" alt="I" /></span>
+<span class="hidden">I</span>n letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen
+jener entsetzlichen Katastrophe,
+welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte.
+Sie sind einander überraschend unähnlich und
+geben nicht wenig offenbar phantastische und unwahrscheinliche
+Begebenheiten wieder. Die Zusammensteller
+dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich
+zu leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner
+der Sternenstadt, die sich gerettet hatten, und die, was
+ja bekannt ist, <i>alle von einer psychischen Störung betroffen
+wurden</i>. Darum also halten wir es für nützlich und
+zeitgemäß, die Summe aller <i>glaubwürdigen</i> Nachrichten,
+die uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt
+wurden, zu ziehen.
+</p>
+
+<p>Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa
+vierzig Jahren aus 300 in den südpolaren Gebieten gelegenen
+Stahlfabriken. In einem Zirkular, das allen Regierungen
+des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat Ansprüche
+auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen
+Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren
+Kreises lagen, wie auch auf jene Teile dieser Länder, die
+über dieses Gebiet hinausragten. Er erklärte sich bereit,
+diese Länder von den Regierungen käuflich zu erwerben,
+unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der
+neuen Republik begegneten keinem Widerstand von seiten
+der fünfzehn Großmächte der Erde. Einige strittige Punkte
+betreffs weniger Inseln, die außerhalb des Polarkreises lagen,
+dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten, erforderten
+besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener
+Formalitäten wurde die Republik des Südkreuzes in die
+Familie der Weltherrschaften aufgenommen und ihre Vertreter
+bei den in Frage kommenden Regierungen akkreditiert.
+</p>
+
+<p>Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt
+erhielt, war am Pole gelegen. An jenem gedachten
+Punkte, den die Erdachse berührt und wo alle Meridiane
+zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die
+Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels
+<!-- page 009 -->
+emporgerichtet. Die Straßen der Stadt entfernten sich vom
+Rathaus in der Richtung der Meridiane, und die Meridionalen
+wurden von anderen durchschnitten, die in der Richtung
+der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere
+aller Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten
+keine Fenster, denn das Innere der Gebäude war durch
+Elektrizität beleuchtet. Elektrizität beleuchtete auch die
+Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der
+Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden,
+in das mächtige Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen
+Erneuern der Luft. Jene Länder des Erdballes
+kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs Monaten
+und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch
+die Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen
+und klaren Lichte beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen
+Jahreszeiten die Temperatur auf den Straßen künstlich auf
+der gleichen Höhe gehalten wurde.
+</p>
+
+<p>Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner
+die Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze
+übrige Bevölkerung der Republik, die auf 50000000 geschätzt
+wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und Fabriken.
+Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen
+von Millionen Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an
+die Sternenstadt. Dank einer geistvollen Anwendung elektrischer
+Kraft, waren die Einfahrten aller offenen Häfen das
+ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene Hängebahnen
+verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander
+und auf ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen
+und Millionen Kilogramm Waren aus einer Stadt in die
+andere befördert. Was das Innere des Landes anbetrifft, so
+blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die
+durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten
+vorbei, die im Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten
+von spärlichem Grase bewachsen waren. Wilde
+Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das Leben
+fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher
+war das angeregte Leben in den Hafenstädten
+<!-- page 010 -->
+und Fabrikzentren. Um einen Begriff von diesem Leben zu
+geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten Jahren etwa <i>sieben
+Zehntel</i> allen Metalles, das auf der Erde zutage gefördert
+wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung
+gelangten.
+</p>
+
+<p>Die Konstitution der Republik schien äußerlich die
+völlige Verkörperung von Volksherrschaft darzustellen. Als
+die einzig voll berechtigten Bürger galten die Arbeiter der
+metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung
+bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das
+Leben der Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen
+möglichen Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös.
+Zu ihrer Verfügung standen außer den wundervollen
+Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische noch die verschiedensten
+Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken,
+Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw.
+Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe.
+Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische
+und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller Religionen bekümmerte
+sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller
+ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz
+sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten
+allerdings für ihre Arbeit keine Geldentschädigung; doch die
+Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik
+gedient hatten, wie auch jene der im Dienste gestorbenen
+oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche lebenslängliche
+Pension unter der Bedingung, die Republik nicht
+zu verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem
+Wege allgemeiner Stimmabgabe Vertreter gewählt für die
+gesetzgebende Kammer der Republik, die alle Fragen des
+politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings das
+Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.
+</p>
+
+<p>Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche
+Tyrannei der Mitglieder und Begründer des früheren
+Trustes. Den anderen die Plätze der Deputierten in der
+Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre Kandidaten
+zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates
+<!-- page 011 -->
+dieser Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische
+Leben des Landes. Sie empfingen alle Bestellungen und
+verteilten sie an die Fabriken; sie kauften Material und Maschinen
+für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in
+den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen
+Geldes, die nach Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer
+hatte immer nur die ihr vorgelegten Quittungen der
+Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung zu bestätigen,
+obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das
+ganze Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des
+Direktorenrates auf die internationalen Verhältnisse war ungeheuer.
+Seine Entschlüsse konnten ganze Länder arm
+machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst
+von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen
+Erde. Gleichzeitig war, wenn auch nicht so direkt, der Einfluß
+des Rates auf die inneren Geschicke der Republik immer
+entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im
+Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.
+</p>
+
+<p>Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches
+Reglement des ganzen Lebens im Lande in seinen
+Händen erhalten. Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche
+Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert.
+Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden
+nach ein und demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut.
+Die Ausstattung aller Räumlichkeiten, die den Arbeitern
+zur Verfügung standen, war bei all ihrer Pracht
+doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche
+Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher
+hergaben, war unveränderlich und immer zehn
+Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten Stunde, die
+ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet,
+aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war
+einer strengen Zensur untergeordnet. Kein Aufsatz, der
+gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen.
+Übrigens war das ganze Land so sehr von der
+Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer
+sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten.
+<!-- page 012 -->
+Alle Fabriken waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten
+Unzufriedenheit mit dem Rat beeilten sich diese
+Agenten auf eilig versammelten Meetings, in leidenschaftlichen
+Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der wirkungsvollste
+Beweis war natürlich jener, daß das Leben der
+Arbeiter in der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand
+des Neides sei. Man sagt auch, daß der Rat, im Falle unentwegter
+Agitation einzelner Personen, einen politischen
+Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange
+die Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch
+kein Direktor von den Bürgern in den Rat gewählt, der den
+Gründern feindlich gewesen wäre.
+</p>
+
+<p>Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich
+aus Arbeitern, die ihre Zeit abgedient hatten. Das waren,
+sozusagen, Rentiers des Staates. Die Regierung gab ihnen
+Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist es
+nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der
+fröhlichsten Städte auf der Welt kam. Für verschiedene
+Entrepreneure war dies ein gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten
+der ganzen Welt trugen ihre Talente hierher.
+Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen;
+hier erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine
+der Sternenstadt überraschten durch reiche Auslagen,
+die Restaurants durch Pracht und Erlesenheit der Gedecke;
+die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des Lasters,
+welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem
+war das von der Regierung ausgehende Reglement des Lebens
+auch in der Sternenstadt zu bemerken. Es ist wahr, die
+Ausstattung der Wohnungen, die Moden der Gewänder waren
+nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des Ausgehens
+nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die
+Strenge der Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine
+ganze Armee von Spionen. Die Ordnung wurde offiziell von
+der Volkswacht aufrecht erhalten, doch Seite an Seite mit
+ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden Rates.
+</p>
+
+<p>In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der
+Republik des Südkreuzes und ihrer Hauptstadt. Aufgabe
+<!-- page 013 -->
+eines künftigen Historikers dürfte es sein, zu bestimmen, in
+wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung
+jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange
+der Sternenstadt führte und vielleicht auch zu dem des ganzen
+jungen Staates.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Die ersten Fälle einer Erkrankung am &bdquo;Widerspruche&ldquo;
+wurden schon vor etwa 20 Jahren in der Republik bemerkt.
+Damals trug diese Krankheit noch einen zufälligen und
+sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und
+Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue
+Beschreibung und es wurden ihr auch auf dem damals
+in Lhassa stattfindenden internationalen Medizinerkongreß
+mehrere Berichte gewidmet. Allein man vergaß sie später,
+obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der Sternenstadt
+niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen
+Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten
+beständig sich selbst und ihren Wünschen widersprachen,
+das eine wollten, aber ein ganz anderes sagten oder taten.
+(Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist mania contradicens.)
+Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten
+Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher
+Aphasie. Der Erkrankte sagt anstatt &bdquo;Ja&ldquo; &mdash; &bdquo;Nein&ldquo;; an
+Stellen von freundschaftlichen Worten, überschüttet er den
+anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils beginnt der
+Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in
+Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich
+nach rechts; gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser
+sehen zu können, so drückt er sich ihn um so tiefer in die
+Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der Krankheit erfüllen
+diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische
+Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit
+und der individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend
+auftretend. Im allgemeinen sind die Reden des
+Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch die
+<!-- page 014 -->
+Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus
+wird gestört. Das Unvernünftige seines Handelns
+erkennend, gerät der Kranke in äußerste Erregung, die oft
+an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben durch Selbstmord,
+was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen
+aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige
+sterben durch einen Bluterguß ins Gehirn. Fast immer
+führt die Krankheit zu einem letalen Ende; Fälle der Wiederherstellung
+sind äußerst selten.
+</p>
+
+<p>In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst
+in den mittleren Monaten dieses Jahres ihren epidemischen
+Charakter an. Bis zu dieser Zeit war die Zahl der an Widerspruch
+erkrankten niemals größer als 2 Prozent der überhaupt
+Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai
+(dies ist ein Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf
+25 Prozent und wurde in den folgenden Monaten immer
+größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl der Erkrankungen
+proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren
+schon 2 Prozent der <i>ganzen Bevölkerung</i>, d. h.
+etwa 50000 Menschen offiziell als am Widerspruch erkrankt
+erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen Daten. Die
+Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte
+war bald zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte
+sowie die Krankenwärter der Krankheit erlagen und sehr
+bald schon war es vielen Kranken unmöglich, ärztliche Hilfe
+zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung
+der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte
+aller Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits
+im Juli keine Familie mehr sehen konnte, in der nicht ein
+Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, daß die
+Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine Massenemigrierung
+aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte,
+begann, und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich
+denken, daß jene nicht weit von der Wahrheit entfernt sind,
+welche behaupten, daß schon im August <i>alle</i>, die in der
+Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer psychischen
+Störung ergriffen waren.
+</p>
+<!-- page 015 -->
+
+<p>Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den
+dortigen Zeitungen verfolgen, die das alles in eine ständig
+anwachsende Rubrik eintrugen: Mania contradicens. Da es
+so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten Stadien zu
+erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie
+voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur
+der Metropolitaine nahm kein Geld von den Passagieren,
+sondern zahlte es ihnen. Ein Straßenwächter, dessen Pflicht
+es war, die Bewegung auf der Straße zu regulieren, hemmte
+und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein Museumsbesucher
+nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle
+Bilder herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine
+Zeitung, deren Korrektur von einem erkrankten Redakteur
+gelesen wurde, war voll lächerlicher Versehen. Im Konzerte
+störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch fürchterliche
+Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw.
+Eine lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten
+Stoff zu witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse
+anderer Art brachten bald die Spötter zum Schweigen. Das
+erste bestand darin, daß ein Arzt, der am &bdquo;Widerspruch&ldquo;
+erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel
+verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage
+waren die Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann
+waren es zwei Ammen, die im Stadtkindergarten in einem
+Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern die Gurgel
+durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte
+die ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte
+aus dem Hause, in dem die Stadtmilizen einquartiert
+waren, eine Mitrailleuse und überschütteten die friedlich
+wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 Menschen
+wurden getötet oder verwundet.
+</p>
+
+<p>Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die
+ganze Gesellschaft stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen
+die Epidemie zu verlangen. In einer Extrasitzung des Stadtrates
+und der gesetzgebenden Kammer wurde beschlossen,
+Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern,
+sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu
+<!-- page 016 -->
+eröffnen, sowie Häuser zur Isolierung der am &bdquo;Widerspruch&ldquo;
+Erkrankten zu gründen, eine Broschüre über die neue
+Krankheit, in der auf alle Anzeichen und Heilungsmethoden
+hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken
+und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle
+Jouren von Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie
+auch regelmäßige Besuche in den Privatquartieren zum
+Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch beschlossen,
+täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen
+Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel
+gegen die Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche
+Mittel wurden gleichzeitig auch von verschiedenen
+Privatassoziationen, Vereinigungen und Klubs ergriffen. Es
+wurde sogar eine besondere &bdquo;Gesellschaft zum Kampf mit
+der Epidemie&ldquo; begründet, deren Mitglieder schon bald eine
+wirklich aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet
+dessen, daß all diese und ähnliche Mittel mit unermüdlicher
+Energie durchgeführt wurden, wurde die Epidemie
+nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in
+gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen,
+arbeitende Menschen und solche, die sich erholten, Asketen
+und Wüstlinge. Und bald wurde die ganze Gesellschaft von
+unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen unerhörten
+Nöten ergriffen.
+</p>
+
+<p>Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten
+sich einige aus der Zahl der hervorragenden Beamten,
+Direktoren, Mitgliedern der gesetzgebenden Kammer und des
+Stadtrates, ihre Familien in die südlichen Städte Australiens
+oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann
+die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr
+gerne &bdquo;die allerlustigste Stadt der Südhemisphäre&ldquo; besuchten,
+Artisten aller Professionen, Abenteurer verschiedenster Art,
+Frauen von leichter Aufführung. Als die Epidemie trotzdem
+neue Fortschritte machte, flohen auch die Kaufleute.
+Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine überließen
+sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die
+Bankiers, die Besitzer von Theatern und Restaurants, die
+<!-- page 017 -->
+Herausgeber von Zeitungen und Büchern. Endlich trat
+die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung heran.
+Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik
+nicht ohne eine besondere Erlaubnis verlassen,
+unter Androhung des Verlustes der Pension. Doch um
+sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese
+Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen
+Behörden dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz,
+es flohen die Schwestern in den Krankenhäusern,
+die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu fliehen,
+wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen
+konnten.
+</p>
+
+<p>Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig
+von riesigen Volksmengen umlagert. Die Billette zu den
+Zügen wurden für enormes Geld gekauft, und es wurde um
+sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges brachen
+neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten
+Plätze nicht ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke
+bestimmten Züge an, zogen sie aus den Waggons, nahmen
+ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu fahren.
+Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik
+arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die
+Hauptstadt mit den Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt
+kommenden Züge waren überfüllt; die Passagiere
+standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen,
+obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen
+Bahnen die Gefahr des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien
+Australiens, Südamerikas und Südafrikas
+machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt
+der Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur
+Sternenstadt aber fuhren die Züge fast leer. Für kein Geld
+konnte man Menschen bereit finden, einen Dienst in der
+Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische
+Touristen und Liebhaber starker Emotionen die
+verseuchte Stadt. Man hat berechnet, daß vom Beginn der
+Emigrierung bis zum 22. Juni, als der regelmäßige Bahnverkehr
+aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt
+<!-- page 018 -->
+auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der
+gesamten Einwohnerschaft.
+</p>
+
+<p>In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates,
+Horace Divile, durch seine Unternehmungslust, Willenstärke
+und Männlichkeit ewigen Ruhm erworben. In der Extrasitzung
+vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im Einvernehmen
+mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile
+die diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des
+Befehlhabers, übergab ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die
+Volksmiliz und die städtischen Unternehmungen. Hierauf
+wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv aus der
+Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name
+Horace Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten
+Namen der Menschheit geschrieben werden. Im
+Verlauf von 1 &frac12; Monaten kämpfte er unablässig mit der fortschreitenden
+Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, sich
+eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter
+der Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen
+vor der allgemeinen Not ergriffen hatte, und deren Zahl
+durch die Epidemie fortwährend dezimiert wurde, noch lange
+die Disziplin und Subordination aufrecht zu erhalten. Hunderttausende
+verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es
+ihnen nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen
+gelang. Anderen Tausenden von Menschen erleichterte
+er die letzten Tage, gab ihnen die Möglichkeit im
+Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen
+der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der
+Menschheit die Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn
+nicht anders kann man diese kurzen aber inhaltsreichen und
+genauen Telegramme nennen, die er täglich und auch mehreremale
+am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen
+Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach
+dem Nordischen Port.
+</p>
+
+<p>Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers
+war Diviles erstes Werk der Versuch, die aufgeregten Gedanken
+der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab Manifeste
+heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung
+<!-- page 019 -->
+am ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden
+und gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen
+und Nervösen den Einfluß ihrer Autorität geltend zu
+machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung mit der
+&bdquo;Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie&ldquo; und verteilte
+unter deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen,
+Märkte, Straßen. In diesen Tagen verging
+kaum eine Stunde, in der nicht an irgend einem Orte eine
+Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte
+man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen,
+deren Benehmen offenkundig ihre Abnormität bewies. Größtenteils
+hatten die Kranken, die ihren Zustand erkannten,
+den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen.
+Aber unter dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte
+sich dieser Wunsch in feindliche Handlungen gegen die in
+der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten zu sich nach
+Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen
+in die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke,
+jemand um Trost zu bitten, statt dessen packten sie die zufällig
+Vorübergehenden an die Gurgel, würgten sie, schlugen
+und verwundeten sie oft mit Messer oder Stock. Deshalb
+flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte,
+der vom &bdquo;Widerspruch&ldquo; befallen war. In solchen Minuten
+kamen die Mitglieder der &bdquo;Gesellschaft&ldquo; zu Hilfe. Einige von
+ihnen überwältigten den Kranken, beruhigten ihn und transportierten
+ihn in das nächstliegende Krankenhaus; die anderen
+beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr
+vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre,
+mit dem alle nach dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.
+</p>
+
+<p>In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle
+plötzlicher Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen.
+Anstatt den Sängern ihr Entzücken auszudrücken, stürzten
+einige hundert Zuschauer, die in der Oper von plötzlichem
+Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene
+und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit
+einem Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall
+plötzlicher Erkrankung im großen dramatischen Theater
+<!-- page 020 -->
+mehrere Male in den Zuschauerraum. Der Revolver war
+natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser
+Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum
+die Krankheit, die sie schon heimlich ergriffen hatte,
+offen aus. Bei dem entstehenden Gewühl, während dessen
+die natürliche Panik durch die Handlungen der &bdquo;Widerspruchsvollen&ldquo;
+noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen
+getötet. Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis
+im &bdquo;Feuerwerktheater&ldquo;. Die dorthin zur Beaufsichtigung
+des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz zündete in einem
+Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier,
+welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge
+kamen nicht weniger als 200 Menschen um. Nach
+diesem Geschehnis verbot Horace Divile alle theatralischen
+oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.
+</p>
+
+<p>Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die
+Räuber und Diebe, die bei der allgemeinen Desorganisation
+ein weites Feld für ihre Tätigkeit fanden. Man beteuert,
+daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die Sternenstadt
+aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu
+bleiben, simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es
+nicht einmal für nötig, den offenen Raub durch Heuchelei
+zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die verlassenen
+Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen
+in die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten
+an und nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe,
+Uhren, Bracelets fort. Zu den Räubereien gesellten sich Gewalttaten
+jeder Art und vornehmlich Vergewaltigungen der
+Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze Abteilungen
+der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in
+offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn
+unter den Räubern oder den Miliztruppen plötzlich am &bdquo;Widerspruch&ldquo;
+Erkrankte auftauchten und ihre Waffen gegen die
+Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der Befehlshaber
+anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten
+sie aus ihren Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen.
+Da fühlte sich der Befehlshaber genötigt, die Straßenräuber
+<!-- page 021 -->
+und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. So wurde
+nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs
+neue die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.
+</p>
+
+<p>Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen
+der ersten Notdurft fühlbar zu werden. Die Lebensmittel
+reichten nicht aus und ebensowenig die Medikamente. Die
+Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in
+der Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile
+organisierte städtische Brotbäckereien und verteilte an alle
+Einwohner Brot und Fleisch. In der Stadt wurden allgemeine
+Speisesäle nach dem Muster jener auf den Fabriken
+eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender
+Zahl zu finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis
+zur Erschöpfung, doch ihre Zahl wurde stets kleiner. Die
+Krematorien hatten den ganzen Tag zu tun, doch die Zahl
+der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer,
+sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in
+den Privatquartieren Leichen aufgefunden. Die städtischen
+zentralen Unternehmungen, der Telegraph, das Telephon, die
+Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, wurden von einer
+stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. Erstaunlich
+war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte
+er, alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man
+denken, daß er keine Ruhe kannte. Und alle, die sich aus
+der Katastrophe gerettet haben, bezeugen einstimmig, daß
+seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.
+</p>
+
+<p>Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln.
+Es waren zu wenig Maschinisten und Kondukteure da, um
+die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand auf der Südwestlinie
+die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache ein
+am &bdquo;Widerspruch&ldquo; erkrankter Maschinist war. In einem
+Anfall der Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus
+dreißigfüßiger Höhe auf das Eisfeld herab. Fast alle Passagiere
+wurden getötet oder verstümmelt. Die Nachricht von
+diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie
+wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug
+ausgesandt. Er brachte die Leichen und die verstümmelten
+<!-- page 022 -->
+halblebendigen Körper zurück. Doch am Abend desselben
+Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß eine analoge
+Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun
+waren bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt
+mit der Welt verbanden, untauglich. Natürlich wurden
+aus der Stadt, sowie aus dem Nordischen Port Abteilungen
+zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im Winter ist
+es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese
+zwei Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden.
+Mit je mehr Furcht die Maschinisten an ihre Sache traten,
+desto sicherer wiederholten sie das Vergehen ihrer Vorgänger
+in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil sie sich
+<i>fürchteten</i>, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es
+herbei. Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden
+sieben Eisenbahnzüge, die alle voller Menschen waren, in die
+Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen fanden dort
+ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in
+Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen
+fanden die Kraft, zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen
+(so hießen die elektrischen Bahnen), welche die
+Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich geworden,
+die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft
+der Stadt war von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten.
+Einige Zeit hindurch verband sie nur noch der
+Telegraphendraht.
+</p>
+
+<p>Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine
+eingestellt, da es an Beamten mangelte. Am 26. Juni
+wurde der Dienst am Stadttelephon eingestellt. Am 27. Juni
+wurden alle Apotheken außer der zentralen geschlossen. Am
+1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in
+die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien
+verlassen müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung,
+sowie das Verteilen der Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen
+leichter vor sich gehen könnten. Die Leute verließen
+ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren Besitzern
+verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums
+verschwand. Keinem tat es leid, das seine zu verlassen,
+<!-- page 023 -->
+keinem kam es eigentümlich vor, fremdes zu benutzen.
+Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber,
+die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie
+setzten ihr Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig
+nicht selten in den leeren Sälen verlassener Häuser
+ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, in deren Nähe
+der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.
+</p>
+
+<p>Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins
+das Leben dennoch seine gewöhnlichen Formen beibehielt.
+Es fanden sich noch Kaufleute, die Magazine eröffneten und
+aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung entgangenen
+Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen,
+Bücher, Gewehre .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ohne zu murren, gaben die
+Käufer ihr unnütz gewordenes Gold fort, welches die geizigen
+Kaufleute dann törichterweise versteckten. Noch gab es
+heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken, Lastern,
+wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare
+Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich
+dort mit Gesunden und keiner hat die Chronik der Greuelszenen,
+die dort vor sich gingen, geschrieben. Noch erschienen
+zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber bemüht
+waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem
+allgemeinen Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern
+dieser Zeitungen, die schon heute mit dem zehn- und
+zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt werden, müssen
+einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In
+diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns
+geschrieben und von halbverrückten Setzern gesetzt
+wurden, ist ein lebendiges und furchtbares Bild all dessen
+enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte. Es fanden
+sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten; Schriftsteller,
+welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar
+Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern
+versuchten, aber die Telegramme, die aus anderen Ländern
+kamen, von wirklichem gesunden Leben sprachen, die mußten
+die Seelen der Leser, welche dem Untergang geweiht waren,
+mit Verzweiflung erfüllen.
+<!-- page 024 -->
+Man machte hoffnungslose Rettungsversuche. Anfang
+Juli beschloß eine riesige Menge von Männern, Frauen und
+Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde,
+zu Fuß den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen.
+Divile begriff die Torheit ihres Vorhabens, konnte
+sie aber nicht zurückhalten und mußte sie sogar mit warmer
+Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp,
+es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in
+den Schneewüsten des Polarlandes, umgeben von schwarzer,
+sechs Monate währender Nacht. Ein gewisser Whiting begann
+ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er
+schlug vor, <i>alle</i> Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann
+die Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig
+Anhänger, obgleich übrigens in jenen dunklen Tagen selbst
+der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste Vorschlag, sofern
+er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte.
+Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt,
+brachen in alle Häuser und töteten alle Kranken. In den
+Krankenhäusern vollführten sie Massenschlächtereien. In
+der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im Verdacht
+standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern
+gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt
+verwandelte sich in eine Arena des Kampfes. In diesen
+schweren Tagen bildete Horace Divile aus seinen Mitarbeitern
+eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf mit
+den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung.
+Hunderte von Menschen fielen auf dieser und jener
+Seite. Zum Schluß wurde Whiting selbst gefangen genommen.
+Er wurde als im letzten Stadium der mania contradicens befunden
+und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern
+ins Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.
+</p>
+
+<p>Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge.
+Die Beamten, welche die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation
+beaufsichtigten, zerbrachen in einem plötzlichen Anfall
+der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische Licht
+versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen
+tauchten in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung
+<!-- page 025 -->
+und keine Beheizung außer der elektrischen kannte,
+so befanden sich jetzt alle Einwohner in absolut hilfloser
+Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er
+hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial
+hergerichtet. Auf allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt.
+Die Einwohner erhielten Fackeln zu Tausenden,
+doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich die
+gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich
+oft 10 km lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe
+von 30 Etagen hinzogen. Mit Ausbruch der Finsternis
+floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle Seelen wurden
+von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte
+man nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen
+die furchtbaren Orgien der verzweifelten Menschen.
+</p>
+
+<p>Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden
+des sittlichen Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von
+diesen Leuten ab, gleich einer dünnen, wenn auch jahrtausend
+alten Rinde, und sie waren wie jene wilden Menschen,
+Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde
+lebten. Jeder Begriff von Recht verschwand, &mdash; nur die
+Kraft wurde anerkannt. Für die Frauen wurde der Durst
+nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die allerbescheidensten
+Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf, gingen
+willig von einer Hand in die andere über und redeten die unanständige
+Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen
+auf die Straße, boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten
+ihren Erkorenen in die nächste Türe und gaben sich ihm
+auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die Trinker
+veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf
+achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname
+lagen. Das alles wurde durch die Anfälle der noch
+immer grassierenden Krankheit noch mehr kompliziert
+Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal
+überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden
+vergewaltigt, andere von Anhängern des Sadismus, die es
+plötzlich in großen Mengen gab, gefoltert. Die Kinder starben
+in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor Scham und
+<!-- page 026 -->
+Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich
+oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß
+sich Unholde gefunden hätten, welche die Kinder fingen,
+um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten Menschenfresserinstinkte
+zu befriedigen.
+</p>
+
+<p>Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte
+Horace Divile natürlich nicht der ganzen Bevölkerung helfen.
+Im Gebäude des Rathauses eröffnete er für alle, die noch
+ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins
+Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen
+waren Proviant und Wasser für dreitausend Menschen auf
+40 Tage hergerichtet. Doch um Divile sammelten sich nur
+etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in der
+Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis,
+doch kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen
+sich in ihren Häusern. Viele wagten nicht, auf die
+Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen Zimmern
+zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit
+Hungers starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins
+Rathaus Geflüchteten sehr wenig Fälle der Erkrankung am
+&bdquo;Widerspruch&ldquo; vorkamen. Divile verstand es, die Disziplin
+in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum
+letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses
+Journal ist zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die
+beste Quelle, aus der wir unsere Kenntnisse von der Katastrophe
+schöpfen können. Dieses Journal wurde in einem
+Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders
+wertvollen Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht
+datiert vom 20. Juli. Divile berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige
+Menge den Sturm aufs Rathaus begonnen habe und
+daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven abzuschlagen.
+&bdquo;Worauf ich hoffe,&ldquo; schreibt Divile, &bdquo;weiß ich
+nicht. Vor dem Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar.
+Bis zum Frühjahr kann ich mich mit den Vorräten, die in
+meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich werde bis
+zuletzt meine Pflicht erfüllen.&ldquo; Dies sind die letzten Worte
+Diviles. Welch edle Worte!
+</p>
+<!-- page 027 -->
+
+<p>Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus
+im Sturmangriff einnahm, und daß seine Verteidiger
+entweder getötet oder vertrieben wurden. Diviles Leichnam
+ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine
+einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in
+der Stadt nach dem 21. Juli vorging. Nach den Spuren, die
+man jetzt bei der Reinigung der Stadt findet, ist anzunehmen,
+daß die Anarchie ihre äußerste Grenze erreichte. Man kann
+sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen, beleuchtet
+vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von
+Möbeln und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man,
+indem man Feuerstein auf Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen
+drängten sich in wilder Fröhlichkeit die Scharen von
+Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte
+die Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen
+Szenen viehischer Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle
+erwachten in den Instinkten dieser Stadtbewohner,
+und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten tanzten
+in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen
+der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden
+Lieder, welche die Horden sangen, wenn sie mit ihren
+Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den Liedern, dem
+sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten
+sich die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit
+verloren hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken,
+und das Stöhnen der Sterbenden, die sich dort
+selbst inmitten schon zerfallender Leichname wälzten. Zuweilen
+wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um
+ein Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß
+in einem jener Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen
+Handlungen trieben. Entfliehen konnte man
+nicht; überall waren dieselben Greuelszenen, dieselben Orgien,
+Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut &mdash; oder die
+absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und
+der erregten Einbildung noch unerträglicher.
+</p>
+
+<p>In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer
+großer Kasten, in dem noch einige tausende lebender menschenähnlicher
+<!-- page 028 -->
+Wesen im Gestanke von hunderttausend Leichnamen
+vegetierten, wo es unter den Lebenden schon keinen
+mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt
+der Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und
+abscheulichste Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese
+Verrückten rotteten einander aus, erdolchten einander, bissen
+sich die Gurgeln durch, oder starben vor Wahnsinn, starben
+vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen Krankheiten,
+deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus
+nicht gleichmütig dem furchtbaren Unglück, das die
+Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. Doch schon sehr bald
+mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, entsagen.
+Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art &mdash; alles
+weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung
+der elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung
+mit der Stadt unterbrochen, da das rauhe örtliche
+Klima keine anderen Verkehrswege gestattete. Außerdem
+wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf
+Erkrankungsfälle am &bdquo;Widerspruch&ldquo; gelenkt, die in anderen
+Städten der Republik auftraten. In einigen von ihnen
+drohte die Krankheit gleichfalls epidemischen Charakter
+anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die
+den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte
+zu einer Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten
+Punkten der Republik. Auf allen Fabriken wurde die Arbeit
+eingestellt und das ganze Handelsleben des Landes erlosch.
+Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen
+Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum
+Stillstand zu bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen
+Umfang wie in der Hauptstadt.
+</p>
+
+<p>Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit
+die ganze Welt das Unglück der jungen Republik verfolgte.
+Im Beginne, als noch niemand das bis zu so unerhörter
+<!-- page 029 -->
+Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete,
+war die Neugierde das herrschende Gefühl. Die
+hervorragenden Blätter aller Länder (darunter auch unser
+&bdquo;Nord-Europäisches Abendblatt&ldquo;) entsandten in die Sternenstadt
+ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den
+Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder
+wurden ein Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber,
+daß Nachrichten bedrohlichen Charakters auftauchten, boten
+sofort die Regierungen verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften
+der republikanischen Regierung ihre Hilfe
+an. Die einen entsandten Truppen, die andern formierten
+Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei,
+aber die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz,
+daß der größte Teil dieser Operationen nicht zur Ausführung
+kam. Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs kamen
+als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt nur die
+Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden
+sofort an alle Weltenden versandt und dort in Millionen
+von Exemplaren verbreitet. Nachdem die elektrischen
+Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der Telegraph
+noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene
+Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die
+telegraphische Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt:
+vielleicht waren die Apparate beschädigt. Das letzte
+Telegramm Horace Diviles trägt das Datum des 27. Juni.
+Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 &frac12; Monate
+lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.
+</p>
+
+<p>In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut
+Thomas Billie auf seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er
+fand auf dem Dach der Stadt zwei Menschen, die längst
+schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und Hunger
+halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die
+Straßen in absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde
+Schreie, die bewiesen, daß noch Lebewesen in der Stadt wären.
+In die Stadt selbst wagte Billie sich nicht herunter. Anfang
+September gelang es, die eine Linie der elektrischen Eisenbahn
+bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt abliegt,
+<!-- page 030 -->
+wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit
+ausreichendem Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen
+versehener Leute gelangte durch das nordwestliche
+Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich allerdings
+infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht
+über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch
+Schritt für Schritt machen, die Straßen von Leichnamen
+säubern und die Luft durch künstliche Mittel reinigen. Die
+Menschen, die sie in der Stadt noch lebend antrafen, waren
+bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit glichen
+sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden.
+Endlich, es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige
+Verbindung mit der Sternenstadt herzustellen, und
+konnte man mit der systematischen Renovierung beginnen.
+</p>
+
+<p>Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von
+Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung
+sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur
+noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß
+in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000
+Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine
+unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr
+oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern
+von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen.
+Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden
+sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An
+verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden,
+die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die
+letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält
+die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das
+Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch
+ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen
+Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen
+Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig
+erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles
+entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse
+in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20.
+Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den
+<!-- page 031 -->
+Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man
+sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten
+machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen.
+Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die
+des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt
+wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen
+der Ekstase getötet wurden, und endlich &mdash; benagte Körper.
+Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im
+Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in
+unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die
+ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie
+umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist
+zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen,
+findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen
+Räumen versteckt.
+</p>
+
+<p>Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der
+Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist
+sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen
+beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern
+bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und
+Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der
+früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten
+aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen
+Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige
+Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten
+Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei
+Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In
+kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet
+werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist.
+</p>
+
+<p>Das &bdquo;Nord-Europäische Abendblatt&ldquo; hat seinerseits einen
+neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt
+gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen
+neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen
+Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden
+sollten.
+</p>
+<!-- page 032 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Schwestern</h2>
+
+<p class="sub">Ein unaufgeklärter Fall</p>
+
+<!-- page 033 -->
+
+<h3 class="no" id="no-2-1">1.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropF-033"><img src="images/033.jpg" alt="F" /></span>
+<span class="hidden">F</span>erne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend,
+so daß es bald schwer wurde, zu unterscheiden,
+ob man ihn noch höre, oder ob er nur
+in der Erinnerung klänge.
+</p>
+
+<p>Langsam und schweigend kehrten die Schwestern
+in den Saal zurück. Keine sah die andere
+an. Wußten nicht, was zu sprechen.
+</p>
+
+<p>Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem
+beendeten traurigen Abendbrotes, eine kaum angebrochene
+Weinflasche, ein kalt gewordener Teekessel.
+</p>
+
+<p>Lydia wagte es, zu sprechen:
+</p>
+
+<p>&mdash; Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst
+noch nicht.
+</p>
+
+<p>Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte
+den Kopf.
+</p>
+
+<p>Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe.
+Dachten an ein Schneefeld und an ein Dreigespann, das
+schnell über die Wege frischen Schnees dahinbraust; dachten
+an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern steht; hörten
+schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß
+die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat,
+so sehr mit den ersten Bildnissen des Traumes vermischt .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Dann dachten sie an das ferne Paris, an breite und helle
+Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards. Dachten daran,
+daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.
+</p>
+
+<p>Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu
+später Reue, schwoll an wie Wasser, strömte über: das quälendste
+aller Gefühle. Und in den drei verschiedenen Sprachen
+dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten sich selbst,
+sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen
+letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich
+war, nicht den letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu
+wagen? Wie, wenn man eilen würde, ihn ereilen, etwas
+sagen, etwas ausführen? .&nbsp;.&nbsp;. Oder ist es schon zu spät? Zu
+spät? Zu spät?
+</p>
+<!-- page 034 -->
+
+<p>Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten
+sie nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten
+sie auch nichtssagende Worte aus und es war ihnen nur, als
+wenn sie schwiegen.
+</p>
+
+<p>Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz
+der wehenden Schneeflocken war noch verwischter die Biegung
+des Weges und der Abhang mit dem schwärzlichen
+Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne
+leblosen Feldes.
+</p>
+
+<p>Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug
+gewesen, zu fallen in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein
+Wort, ein Anstoß, damit diese drei Frauen aufspringen würden
+mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen wie ohne Gefühle
+oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um
+sich zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.
+</p>
+
+<p>Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den
+Minuten. Nur der Schneewirbel wurde dichter. Nur die
+Töne verstummten in dem Häuschen, das die Dienerschaft
+bewohnte.
+</p>
+
+<p>Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.
+</p>
+
+<p>Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von
+einander, gingen in ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den
+Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann verstummte
+auch dies.
+</p>
+
+<p>Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.
+</p>
+
+<p>Draußen hob der Sturm an.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar,
+so daß es schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn
+höre oder ob er nur in der Erinnerung klänge, ergoß sich
+langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich, gewann
+eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah
+und deutlich. Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege
+heran, biegt ab und schon wird auf dem frischen Schnee das
+dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und, der Freitreppe
+sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.
+</p>
+<!-- page 035 -->
+
+<p>Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht.
+Alle drei sind bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen
+nichts zu sagen. Erwarten.
+</p>
+
+<p>Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die
+Vorhalle. Die Tür geht auf. Herein strömt der Winternacht
+harte Kälte. In seinem von Schnee silbern gewordenen Pelz
+steht Nikolai in der Türe.
+</p>
+
+<p>Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig
+gelernte Antwort zu sagen:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum
+Morgen auf der Station sitzen. Ich habe mich entschlossen,
+morgen zu fahren. Der Abendzug ist bequemer. Und vielleicht
+überlege ich&rsquo;s mir und fahre überhaupt nicht.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und
+wollte etwas tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die
+Schwestern sie hören. Doch leise wehrte er ab.
+</p>
+
+<p>&mdash; Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin
+heute sehr müde. Möge man mir ins Kabinett Wein bringen.
+Ich habe mich ein wenig im Froste erkältet. Und bitte regt
+mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe schreiben.
+</p>
+
+<p>Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er
+blickte sie nicht an, doch er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit,
+auch ihnen etwas zu sagen, doch er hatte keine
+Worte.
+</p>
+
+<p>Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen
+Augen Maras begegnend, senkte er ihn wieder, und
+ging schweigend hinaus, glitt vorbei, verschwand in der Türe
+seines Kabinetts.
+</p>
+
+<p>Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.
+</p>
+
+<p>Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte
+sich in ihr dunkelhimbeerfarbenes Tuch.
+</p>
+
+<p>Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und
+schritt die Freitreppe hinab. Fast erstickend zerriß sie den
+Kragen ihres Kleides. Der Sturm schlug ihr ins Gesicht.
+Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an ihrer Brust
+und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie
+erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.
+</p>
+<!-- page 036 -->
+
+<p>Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der
+Wind bewegte die kraftlosen, weißen Massen. Am Tore
+und über dem Zaune heulte der Sturm.
+</p>
+
+<p>Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne
+des Kutschers, der die Pferde bestellte.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-2-2">2.</h3>
+
+<p class="noindent">Nikolai saß an seinem Schreibtisch.
+</p>
+
+<p>Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten,
+die Bücherreihen auf ihren Brettern, die Mappen mit
+den angefangenen und lang schon vergessenen Arbeiten. Es
+brannte die bekannte Lampe unter dem grünmetallenen Lampenschirm.
+</p>
+
+<p>Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die
+Füße auf das Bärenfell. Er wollte denken, viel denken,
+immer und immer noch denken. Sich dem Gedankengange
+so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es
+lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder
+so auf den vorgemerkten Wegen eilen konnten.
+</p>
+
+<p>Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein
+ganzes Leben ausmachte und seine ganze Seele erfüllte: an
+diese drei Frauen, an die er durch furchtbare Banden der
+Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem sinnlosen
+Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit
+anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei
+Teile zu teilen, ist er wieder hier, bei ihnen, und wieder
+haben die Tage der entrückten Stunden zu beginnen, die
+Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er begriff
+heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer
+Beleidigungen und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten,
+nicht leben könnte, daß er ohne sie sterben müßte,
+wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er wußte, daß
+er auf ewig hierher zurückgekommen war.
+</p>
+
+<p>Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit,
+vielleicht von Erkältung. Die Bilder und Gestalten
+der Gedanken waren so deutlich, wie sonst nur im Traum
+oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
+<!-- page 037 -->
+fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen,
+Gestalten herbeizurufen, wie es ein Zauberer
+durch die Kraft seiner Beschwörungen vermag.
+</p>
+
+<p>Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so
+wie sie in den ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, &mdash; ein
+schüchternes Mädchen, ein schamhaftes Weib, das in dem
+für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er sah ihr Zimmer
+wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich,
+die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht
+des elektrischen Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle
+ihren zerbrechlichen und fast kindlichen Körper. Und wieder
+bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte jeden<a id="corr-1"></a> Muskel,
+jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein!
+du bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive
+Ekstase ihrer nur unklar zum Durchbruch kommenden
+Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
+</p>
+
+<p>Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen,
+eines, wo sie im Augenblick der letzten Verzweiflung,
+verwundet von Eifersucht, nackt auf den schneebedeckten
+Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so daß aus
+ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder
+hob er sie auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige
+ungläubige Augen, die plötzlich förmlich nur aus der
+Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war ganz wie ein vergiftetes
+Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem unersättlichen
+Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger,
+ihr ein grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den
+Strahlen der Sonne zu zerschmelzen.
+</p>
+
+<p>Doch sei dies nicht Lydia, &mdash; o würde in seinen Händen
+der entblößte, völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener
+heimlichen Zusammenkünfte, welche die beiden aus der Welt
+der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf einen anderen
+und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das
+Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte,
+wenn er mit ihr war, das Verlangen nach etwas größerem
+als Küsse, als Zärtlichkeiten, als die leidenschaftliche Hingabe
+seiner selbst; das Verlangen, mit seinem ganzen Leben
+<!-- page 038 -->
+in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich
+aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die
+Linien ihres Leibes und das eigentümliche quälend-erwünschte
+Atmen dieses Leibes floß förmlich in seine Nasenflügel und
+Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
+</p>
+
+<p>Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht
+die Qual der sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht
+bis an alle Grenzen, sie verwandelt sich in Wut und Haß.
+Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu einander von
+sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen
+an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein.
+Einer erkennt im andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten
+Feind, und all die beleidigenden Worte der Schmähung,
+welche nur der Haß ihnen zuflüstern kann, kommen
+auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine
+Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr
+seine Berührung. Und auch er will sich auf sie werfen,
+sie schlagen, töten, töten .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor
+ihm, hoch, schlank, jungfräulich, unberührt. Sie kam zu
+ihm, wie sie so oft schon früher in dieses Kabinett kam,
+wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu sagen,
+daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben
+wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und
+der frühere Glaube, daß mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich
+wäre, den unsagbaren und unerforschten Segen zu erlangen,
+daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines Wesens
+in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr
+zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen
+Worte sagen. Und da neigen sich auch schon, als ob es wider
+ihrem Willen geschieht, ihre Gesichter einander zu und
+von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, welche die
+Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen
+sich in Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen
+sich wie Ringe; sie fallen auf den Fußboden und pressen ihre
+Kniee aneinander. Und wie Feinde in einem Walde, so
+kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
+<!-- page 039 -->
+eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über.
+Wie metallene Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit
+zerrissenen Kleidern, er mit entblößter Brust. Er wirft sich
+in einen Sessel, sie verschwindet wie ein Schatten .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen
+kreisen wie Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd
+beugen die drei Frauen über ihn ihre Gesichter, die
+bald glücklich sind, bald berauscht, bald von Verzweiflung
+verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er
+hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und
+er will, er will das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual.
+Er dreht sich mit diesen Frauen in trunkenem Tanze, bald
+preßt er sich an ihre entblößten Brüste, bald verhüllt er die
+Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des teuflischen
+Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und
+schon ist er kraftlos, ihm zu folgen.
+</p>
+
+<p>Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht
+auf einen Augenblick. Seine Hand fährt über die
+Stirn. Die Bilder waren so deutlich, daß er wie nach einer
+körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine Schwäche
+fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet
+haben? Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme
+fließen durch seine Adern.
+</p>
+
+<p>Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen
+Walzer. Und nichts ist dort zu sehen, außer dem Netz aus
+weißen Punkten.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-2-3">3.</h3>
+
+<p class="noindent">Vor Nikolai stand Kett.
+</p>
+
+<p>Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob
+dies wirklich Kett wäre oder nur eines seiner Traumgesichter.
+Endlich begann er zu glauben und reichte ihr seine Hände.
+</p>
+
+<p>&mdash; Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.
+</p>
+
+<p>Sie schüttelte verneinend den Kopf.
+</p>
+
+<p>Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf
+den Knien zu liegen und ihre langen schmalen Finger zu
+küssen. Er flehte:
+</p>
+<!-- page 040 -->
+
+<p>&mdash; Küsse mich. O beug dich über mich.
+</p>
+
+<p>Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann
+sprach sie:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf
+nicht mehr mit dir sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche
+Liebe. In dir ist keine solche Liebe. Meine Liebe
+ist allzu groß für dich; und deine ist für mich &mdash; zu klein.
+Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich
+ihr völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du
+aber gabst unserer Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz
+genau ein Drittel und förmlich wie auf der Wage abgewogen!
+</p>
+
+<p>Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an
+ihre Finger preßte.
+</p>
+
+<p>&mdash; Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts.
+Ich bin müde, ich bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts.
+Laß mich mit dir sein, nur in deiner Nähe sein, nur fühlen,
+daß du meine Seele begreifst.
+</p>
+
+<p>Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich
+ihm.
+</p>
+
+<p>&mdash; Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie
+zwei Jahre beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig.
+Ein wenig meiner Liebe, ein wenig der Zärtlichkeit meiner
+einen Schwester, und ein wenig der Leidenschaft meiner
+anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas ganz
+verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas
+Ganzes, etwas bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt
+hättest, zu entfliehen! Doch du fuhrst bis zur Station und
+kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!
+</p>
+
+<p>Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle
+des Höheren zum Niederen. Unendliche Trauer, unendliche
+Bitterkeit, unendliche Beleidigung erfüllten die
+Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest,
+obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.
+</p>
+
+<p>&mdash; Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie,
+wenn ich zu lieben verstehe, wie du niemals geliebt hast?
+Mir genügt deine reine klare kristallene Seele nicht! Mir
+genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich begehre auch
+<!-- page 041 -->
+nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst
+zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht
+dann die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an
+mir, eure Kleinlichkeit, eure Enge zu verachten. Ja, ich
+kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß ich nicht
+mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.
+</p>
+
+<p>Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:
+</p>
+
+<p>&mdash; Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von
+dir. Ich träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe
+zu erblicken. Ich hatte den sinnlosen Traum, die Liebe über
+alles siegen zu sehen, &mdash; über Leidenschaft, Mitleid, über
+das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine Liebe mir
+hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen:
+sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du
+wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir
+schwer wurde, dich von den Küssen meiner anderen Schwester
+zu trennen! Und ferner, &mdash; dich hinderten die verschiedenen
+Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von
+allen Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn
+ich mein Wesen nicht jener Liebe, die ich suchte, hingeben
+konnte, so werde ich es dem Tode geben, den ich will. Leb
+wohl!
+</p>
+
+<p>Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine
+Pfeile. Schon lag er nicht mehr vor Kett auf den Knien.
+Zwischen ihnen war der Tisch. Seine Hände fest an seine
+Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart und
+kalt zu sprechen:
+</p>
+
+<p>&mdash; Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht
+schon lange den wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten?
+Du willst einfach deine Mädchenunschuld bewahren.
+Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner Schwester
+hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen
+Ehegatten.
+</p>
+
+<p>Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht
+dem Nikolais, so daß er in ihrer Iris sein Bild sah. Und
+dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut und Spott:
+</p>
+
+<p>&mdash; Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht:
+<!-- page 042 -->
+ich experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die
+Flamme der wahren, alles verzehrenden Liebe sehen. Nun
+ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich habe mich umsonst
+gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das
+Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich
+zu umarmen. Deine Seele war noch kleiner und enger als
+selbst ich es erwartete. Triumphiere, &mdash; du hast mich betrogen,
+da du dich größer und würdiger anstelltest, als du
+tatsächlich warst.
+</p>
+
+<p>Sie begann zu lachen.
+</p>
+
+<p>So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander
+aufs neue wie schon viele Male im Leben gegenüber und
+schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor Nikolais Augen war
+es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um
+dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob
+sie zu ihm die wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für
+Kett sich selbst sagte.
+</p>
+
+<p>Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke
+in die Weiten der Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig
+streckte er seine Hand aus und berührte ihre
+Hände.
+</p>
+
+<p>&mdash; Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine
+Erscheinung? Es ist ja nicht möglich, daß du mir das alles
+sagen kannst. Es sind doch dieselben Gedanken, die ich
+heute auf dem Wege durch die Schneefelder dachte? Du
+konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!
+</p>
+
+<p>Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit
+unendlicher Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete
+Kett:
+</p>
+
+<p>&mdash; O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur
+das eine wahr, daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit
+dir sein. Und so kam ich her, dir meine Liebe beweisen.
+</p>
+
+<p>Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte
+die Schneide an ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete
+sie das Kleid. Langsam stieß sie den Dolch dort hinein, wo
+ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige Augenblicke,
+bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich
+immer im Traum einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf
+sich auf Kett, um sie aufzuheben, seine Lippen auf ihre Wunden
+zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe &mdash; und
+erwachte.
+</p>
+
+<p>Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem
+Sessel. Unter dem grünmetallenen Schirm brannte die
+Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war es still.
+</p>
+
+<p>War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war
+alles nur ein Fiebertraum?
+</p>
+
+<p>Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-2-4">4.</h3>
+
+<p class="noindent">Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt.
+Um seine Erregung zu bekämpfen, bemühte er sich,
+etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu denken. &bdquo;Dann,
+dann,&ldquo; sprach er zu sich, &bdquo;dann will ich alle Fragen entscheiden,
+aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde
+ich verrückt.&ldquo; Doch es waren immer dieselben Gedanken,
+immer dieselben Bilder, die zu ihm kamen, wie Wellen in
+der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.
+</p>
+
+<p>Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken,
+wenn sie plötzlich ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich
+einen bestürmen und die geschwächte Erkenntnis
+mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus
+diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen
+steht, &mdash; zum Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen!
+Ist denn wirklich der schweigende Ruf der Seele zu schwach,
+um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und trösten
+könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.
+</p>
+
+<p>Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den
+zärtlichen Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein,
+trat an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern:
+</p>
+
+<p>&mdash; Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.
+</p>
+
+<p>Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr
+sein erhitztes Gesicht zu. In der Welt quälender Halluzinationen,
+wie war es freudig, ein schlichtes und mildes Gesicht
+<!-- page 044 -->
+zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen
+Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
+</p>
+
+<p>Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam
+sagte er:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch
+nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja,
+nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem
+Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich
+zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du
+allein mich retten kannst.
+</p>
+
+<p>Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank
+sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie,
+flüsterte ihm zu:
+</p>
+
+<p>&mdash; Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an
+mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem
+Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem
+Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer.
+Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest
+du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber
+du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich
+nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß
+ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten.
+Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest,
+lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles,
+was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus.
+Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch
+von mir?
+</p>
+
+<p>Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai
+ihre Hände. Antwortete voller Trauer:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben
+und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine
+Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu
+lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du
+nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst.
+Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei
+mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine
+Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit
+<!-- page 045 -->
+zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, &mdash; es
+hat so nötig die Berührung zarter Finger.
+</p>
+
+<p>Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie
+zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose.
+</p>
+
+<p>&mdash; Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate
+hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung
+hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung
+zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein
+Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und
+ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir
+mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest
+in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest,
+daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens
+sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein .&nbsp;.&nbsp;.
+Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten
+Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin
+eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich
+dir geben?
+</p>
+
+<p>Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten
+ihm verwandten Körper an seinen und, indem er
+sich bemühte, seiner Stimme all die Töne früherer Tage zu
+geben, flüsterte er ihr zu:
+</p>
+
+<p>&mdash; Lydia<a id="corr-2"></a>! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes .&nbsp;.&nbsp;. im
+Namen unseres künftigen Kindes.
+</p>
+
+<p>Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen
+gerötetes, ihr seltsam zerdrücktes Gesicht mit den auf die
+Stirn hinunterfallenden Haaren, war furchtbar und erbarmenswert
+und wieder wurden die Augen wahnsinnig und groß.
+</p>
+
+<p>&mdash; Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn
+noch nicht begriffen, daß ich selbst ihn getötet habe? Hast
+du nicht begriffen, warum ich an seinem Sarge nicht weinen
+konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn geweint, als
+er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes,
+der mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen.
+Ich nahm ihn aus seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein
+Kissen und während ich weinte und seinen Körper küßte,
+erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte zu
+<!-- page 046 -->
+atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den
+Doktor und alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!
+</p>
+
+<p>Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen
+Lachens. Nikolais Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er
+fühlte, daß sie die Unwahrheit sprach. Doch es fehlte ihm
+an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit wäre. Er fand
+keine Worte, und wiederholte nur stumm:
+</p>
+
+<p>&mdash; Es ist Lüge, es ist Lüge.
+</p>
+
+<p>Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur
+Seite. Dort, auf dem Sessel, auf dem weißen verhüllten
+Kissen lag mit purpurnem Gesicht und hervorgequollenen
+Augen der Leichnam seines Kindes.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es
+erwürgt sei?&ldquo; dachte Nikolai.
+</p>
+
+<p>Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich
+selbst zu:
+</p>
+
+<p>&mdash; Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen
+gestorben und längst begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.
+</p>
+
+<p>Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu
+erwachen. Aber das Zimmer begann sich mit kleinen nackten
+Körpern gestorbener Kinder zu füllen, mit diesen blutlosen,
+verkrümmten, abscheulichen. Das war eine ungeheuere Morgue,
+in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem
+Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich
+ringsum zu drehen, und ein wildes Geheul erfüllte seine
+Ohren, als würden Teufel um ihn kreisen.
+</p>
+
+<p>Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken
+und kehrte zur Wirklichkeit zurück.
+</p>
+
+<p>Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an
+seinem Schreibtisch.
+</p>
+
+<p>Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte
+weggehen von hier, sich ins Bett legen. Doch es fehlte an
+Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur einen Augenblick
+dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen
+müsse.
+</p>
+<!-- page 047 -->
+
+<p>Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des
+Realen, wehrte sich gegen den Schritt in die Welt der Gespenster
+und des Entsetzens. Doch irgend eine Kraft besiegte
+ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er wieder in
+den Abgrund seiner Gesichter.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-2-5">5.</h3>
+
+<p class="noindent">Die Türe bewegte sich zum dritten Male.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt werde ich Mara sehen&ldquo;, dachte Nikolai.
+</p>
+
+<p>Mara kam herein.
+</p>
+
+<p>Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen
+schauten konzentriert. Sie sagte:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich kam, um dich zu holen.
+</p>
+
+<p>Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu
+kämpfen. Mit einem Zeichen hieß sie ihn aufstehen und
+gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er ihr durch die dunklen
+Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das Aussehen
+aller Gegenstände verändere.
+</p>
+
+<p>Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.
+</p>
+
+<p>&mdash; Sieh hin, sagte Mara.
+</p>
+
+<p>Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia
+und Kett. Beide waren tot. Auf dem Boden lag in dunkelroten
+Flecken das Blut, und färbte in ungeheueren Kreisen
+den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze Zimmer.
+</p>
+
+<p>Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken.
+Sein ganzer Körper zitterte. Um nicht zu fallen,
+stützte er sich auf die Lehne eines Sessels. Zuweilen glaubte
+er an die Realität all dessen, was er sah, zuweilen erkannte
+er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er erwachen,
+bald seinen Wahnsinn fortsetzen.
+</p>
+
+<p>Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller
+Befehle. So wird man vielleicht auf dem Letzten Gerichte
+sprechen. Langsam begann Nikolai zu hören und den Sinn
+ihrer Worte zu verstehen.
+</p>
+
+<p>&mdash; Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest.
+Diese Stunde war ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon
+<!-- page 048 -->
+nicht mehr vorübergehen lassen. Sie würde sich nicht wiederholt
+haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu spielen. Das
+Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist
+wirklich schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf
+ist der ewige Zweikampf des Mannes und der Frau.
+Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der ganzen Welt
+dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu
+verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der
+Sieger, doch der letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde
+mein Sieg nur durch Untreue erkämpft, aber die Liebe
+rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere Welt ist
+verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben
+und in diesen Stunden werden wir allein sein!
+</p>
+
+<p>Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal
+glaubte er, den Verstand zu verlieren. Mara dachte,
+daß er schwankend geworden wäre und sprach ihm mit
+weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß
+sie alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand
+zu rufen. Daß man ihn in jedem Falle der Mitschuld am
+Verbrechen bezichtigen würde, ihn richten, verurteilen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich
+erschien ihm der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend
+einer Verbindung mit dieser wahnsinnigen Nacht sein könnte.
+</p>
+
+<p>Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte,
+wann Mara die Kleider auszog. Und in dem Zimmer des
+Todes stand sie vor ihm so sehr nackt, wie sie es liebte, sich
+ihm hinzugeben. Durch den erstickenden Blutgeruch drang
+der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.
+</p>
+
+<p>Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.
+</p>
+
+<p>&mdash; Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich
+liebkosen sollst. Ich will dich. Will, daß wir im selben
+Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und dann wollen wir
+beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod
+wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.
+</p>
+
+<p>Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich
+an ihn schmiegte und ihm in die Augen schaute, konnte
+Nikolai erwidern:
+</p>
+<!-- page 049 -->
+
+<p>&mdash; Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht,
+nur eine Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und
+will ich alles sagen, was ich ihr nicht gesagt. Ich glaube,
+daß aus all den Gefühlen, die mich peinigten und betörten,
+nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, deinem
+Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper
+war, und ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von
+Freundschaft oder Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe
+war das auf allen Welten gleiche elementare Geheimnis, das
+den Menschen ähnlich macht den Dämonen und Engeln.
+</p>
+
+<p>Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von
+seiner Liebe als von etwas Vergangenem sprach.
+</p>
+
+<p>Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich
+sinken und preßten sich in Umarmungen aneinander. Die
+Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu verschwinden und
+zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die
+beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches
+trat ein, wo der Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über
+dem Abgrund hängt, und wo er immer grade vor sich die
+anderen Augen sieht, die beschattet sind von der Qual entrückter
+Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich
+loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der
+Abgründe.
+</p>
+
+<p>Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die
+noch immer so unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt
+lagen. Lydias Gesicht war milde und ihre klagenden geöffneten
+Lippen fragten: schon? &mdash; aber das stolze und
+ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai
+sich den Körpern nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:
+</p>
+
+<p>&mdash; Nicht nötig, nicht nötig.
+</p>
+
+<p>Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft
+aus Blut, Wein und Leidenschaft ein. Sie bemühten sich,
+nur einander in die Augen zu schauen. Ihre Gesichter brannten,
+und in ihren Augensternen spiegelten sich die brennenden
+Kerzen wie Funken.
+</p>
+
+<p>Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der
+Leidenschaft und Ekstasen der Ermattung. Und es war die
+<!-- page 050 -->
+Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit des Schweigens.
+Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten
+dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die
+sich einstmals dem Leben wie blühende Blumen geöffnet
+hatten, errieten hinter jedem gesagten Worte die ganze Unendlichkeit
+seiner Bedeutung. Dann aber verschmolz sie das
+schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und
+wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden,
+der kaum vom Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken
+von Blut.
+</p>
+
+<p>Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich
+heller zu werden. Bleiche Lichtflächen legten sich
+auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. Langsam veränderte
+sich die Welt.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-2-6">6.</h3>
+
+<p class="noindent">Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen
+mit den ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem
+Gehöfte des Nikolai S. Die vier Leichname konnten niemand
+von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht erzählen. Die
+Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge
+mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis
+blieb ein unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen
+Morde oder Selbstmorde der drei Schwestern
+und des Mannes einer derselben drang nur in Form von
+kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien
+dort in kleiner Schrift auf der vierten Seite in der &bdquo;Provinzialchronik&ldquo;.
+Übrigens konnten sich die Leser dieses intimen
+Familiendramas im Lärme der großen politischen Ereignisse
+jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.
+</p>
+<!-- page 051 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Im unterirdischen Kerker</h2>
+
+<p class="sub">Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts</p>
+
+<!-- page 052 -->
+
+<h3 class="no" id="no-3-1">1.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropS-052"><img src="images/052.jpg" alt="S" /></span>
+<span class="hidden">S</span>ultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei
+Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche
+und zweihundert Städte, schwor, daß er
+sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus
+in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier
+des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren
+Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und
+zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im
+Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln
+keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber
+des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch
+kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof,
+die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen
+auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und
+Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
+</p>
+
+<p>Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte
+der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die
+stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen
+zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem
+Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer
+Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den
+Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen
+können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen
+und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen.
+In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur
+unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren
+Strafe schlimmer sein sollte als der Tod.
+</p>
+
+<p>Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke
+gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker
+getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung
+die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern
+konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in
+die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an
+die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand
+aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte
+<!-- page 053 -->
+man ihr fortgenommen: goldene Ringe und Armbänder, ihr
+Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog
+ihr sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten,
+ab, so daß Julia barfuß blieb.
+</p>
+
+<p>Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der
+Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte
+und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten
+nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur
+ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges
+Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten
+Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den
+Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln
+angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten
+geschlungen und dann verschlossen.
+</p>
+
+<p>Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten
+keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder,
+die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet
+neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und
+Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben
+dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung
+hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung
+gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-2">2.</h3>
+
+<p class="noindent">Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie
+eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert
+und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft
+ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete
+sie ihr Hinscheiden.
+</p>
+
+<p>Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme
+der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen.
+Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens
+der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man
+von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung
+und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese
+Höhle gebracht hätte.
+</p>
+
+<p>&mdash; Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber,
+<!-- page 054 -->
+der an dem der Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers
+angekettet war, &mdash; schade nur, daß ich so weit von ihr bin.
+Du aber, Marco, säume nicht!
+</p>
+
+<p>&mdash; Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte
+die alte Vanozza, &mdash; und was trägt sie für ein Kleid! Einen
+ganzen Dukaten ist die Elle wert.
+</p>
+
+<p>&mdash; Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur
+näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, &mdash; sie
+ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern.
+</p>
+
+<p>Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden,
+und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte,
+ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien:
+</p>
+
+<p>&mdash; O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle
+auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu
+Wasser und Brot!
+</p>
+
+<p>Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der
+im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit
+Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme:
+</p>
+
+<p>&mdash; Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen
+übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden,
+damit später die Kleinen und Armen sich freuen
+können. Freut euch.
+</p>
+
+<p>Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die
+Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener
+war.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-3">3.</h3>
+
+<p class="noindent">Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben
+geschlossen und sie bewegte sich nicht. Sie hörte von sich
+sprechen, aber begriff kaum ein Wort. Dann dunkelte es
+immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach dem
+andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen.
+Da erst konnte Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten
+Lichte.
+</p>
+
+<p>Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu
+ihnen herab. Das waren zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister
+war älter, sein Gehilfe jünger. Sie begannen, wie
+<!-- page 055 -->
+das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen. Der
+Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber
+ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen
+Stücke verschimmelten Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge
+Wasser goß.
+</p>
+
+<p>Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber
+dann erkühnten sie sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen
+sei, und warum man sie nicht freiließe, wenn doch
+die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die Türken
+verstanden kein Italienisch.
+</p>
+
+<p>Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und
+Jugend. Er legte seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges
+in schmeichelndem Tone und wollte sie umfangen. Doch
+Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte keine solche Beleidigung
+ertragen und schlug ihn ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er
+zufällig bei sich trug, und begann, sie grausam zu peitschen.
+Alsdann, akkompagniert vom Lachen und fröhlichen Schreien
+des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er sie.
+</p>
+
+<p>So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo,
+die ihre Gunst selbst dem Großvezir des Sultans versagt
+hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht einmal gegeben war,
+die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu
+können.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-4">4.</h3>
+
+<p class="noindent">So vergingen die Tage im Kerker.
+</p>
+
+<p>Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung,
+an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und
+an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge,
+an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal
+denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters
+Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge.
+Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller
+Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen.
+</p>
+
+<p>Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet,
+daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken
+<!-- page 056 -->
+konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen zu sitzen, doch
+schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen erdachten
+die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen.
+Lorenzo und Cosimo stellten sich Würfel her
+und würfelten ganze Tage &mdash; um Brot und Wasser; zuweilen
+mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern.
+Sehr oft nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo
+belustigte sich außerdem damit, auf die anderen Gefangenen
+mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch brachte
+er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen
+begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten.
+Sonst war Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung
+Christi in die Wand neben sich zu meißeln. Zuweilen auch
+erhoben sich unter den Gefangenen lange Gespräche, die
+immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber
+gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte:
+alle lagen in ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete
+auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen
+nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte
+keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen
+des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem<a id="corr-3"></a>
+Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen.
+</p>
+
+<p>Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie
+zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon
+viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge.
+Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen,
+damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es
+anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den
+Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen
+Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule.
+Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen
+und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza.
+</p>
+
+<p>Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß
+ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr,
+denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar
+quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.
+</p>
+<!-- page 057 -->
+
+<p>Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug
+heran.
+</p>
+
+<p>&mdash; Du willst trinken, sagte er, &mdash; und ich bitte dich,
+nimm mein Wasser.
+</p>
+
+<p>Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen
+ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen.
+</p>
+
+<p>Sie sagte:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich danke dir.
+</p>
+
+<p>An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders
+erfrischend.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-5">5.</h3>
+
+<p class="noindent">Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen.
+Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber
+allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden.
+Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen.
+</p>
+
+<p>Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben
+in den Palästen: von den gewölbten Galerien und dem Fußboden
+aus Mosaik, von Möbeln aus kostbarem Holze und
+Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit künstlichen
+Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit
+Gold und Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden
+Mahl, von Bällen mit Tanz, Maskeraden in den von
+Lampions geschmückten Gärten, von Illuminationen und von
+den heiteren Jagden im Walde; von Theateraufführungen
+und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und dem
+Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen,
+Braceletten, Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet
+hatten, von feinen artigen Medaillen, von Statuen der
+alten und neuen Bildhauer, von wundervollen Bildern der
+großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen Geschichte,
+Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder
+des gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie
+in den Büchern des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti
+und anderer zeitgenössischer Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte
+die Novellen des Poggio und Boccaccio und deklamierte
+die Verse des Petrarca.
+</p>
+<!-- page 058 -->
+
+<p>Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die
+er im Meere gesammelt, von den wunderlichen und bunten
+Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, von den Krabben,
+deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen Tritonen;
+gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln,
+der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten,
+der furchtbaren Stürme auf dem Meere; beschrieb das Leben
+in Sizilien und Afrika, in den Ländern, wo schwarzhäutige
+Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die Erzählungen
+von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der
+einst den Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen
+hätte, der in den Ländern war, wo Menschen ohne
+Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter den Mondbergen
+gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres,
+die des Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und
+die jungen Fischer zu sich heranlocken, um sie zu ertränken,
+träumte von den Salamandern, die unsichtbar in der Luft
+rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar sind, weil
+sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte
+von den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und
+deren Atem schwarzer Rauch ist, und auch von dem Leben
+auf der Sonne und den Sternen und von den singenden Blüten
+und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.
+</p>
+
+<p>Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem
+Gegenwärtigen und Zukünftigen, von dem, wie die Tage im
+Kerker wären, und was sie erwartete.
+</p>
+
+<p>Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche,
+hörten aber bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit
+zu schenken.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-6">6.</h3>
+
+<p class="noindent">Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und
+Marco wieder vor einander. Und wieder begannen sie jenes
+im geheimen zu tun, was die Leute vor fremden Augen verbergen.
+</p>
+
+<p>Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine
+Aufmerksamkeit wieder zu, obgleich sie, geschwächt durch
+<!-- page 059 -->
+Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht mehr zu den ausnehmenden
+Schönheiten gerechnet werden konnte. Der
+Türke setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und
+wollte sie umfangen, wie er solches in den ersten Tagen ihrer
+Kerkerzeit getan. Doch Marco packte ihn von hinten an
+den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit
+seiner Kette das Hirn.
+</p>
+
+<p>Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes,
+den von der langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling
+zu bewältigen. Beide Türken stürzten sich auf ihn und begannen
+ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie schlugen ihn abwechselnd,
+bis beider Hände vor Ermattung niedersanken.
+Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich
+endlich und ließen den Marco in einer Blutlache zurück.
+</p>
+
+<p>Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.
+</p>
+
+<p>Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen,
+wusch seine Wunden und legte ihm feuchte Umschläge
+um den Kopf.
+</p>
+
+<p>Marco öffnete die Augen und sagte:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich bin im Paradies.
+</p>
+
+<p>Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen
+nicht erreichen konnte und sagte ihm:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.
+</p>
+
+<p>Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco
+totschlagen würde. Doch aus irgend welchen Gründen kamen
+am nächsten Morgen zwei neue Kerkermeister, den Kerker
+zu reinigen: beide waren düster und beachteten die Gefangenen
+keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor
+der Rache, oder wurden sie abgelöst &mdash; dies blieb für den
+Kerker ein Rätsel.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-7">7.</h3>
+
+<p class="noindent">Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte
+ihn nach Kräften. Doch als Marco wiederhergestellt war,
+erkrankte Julia.
+</p>
+
+<p>Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre
+<!-- page 060 -->
+Schmerzen nicht länger verbeißen konnte. Die alte Vanozza
+erfaßte die Sachlage und hieß sie näherrücken.
+</p>
+
+<p>Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.
+</p>
+
+<p>&mdash; Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, &mdash; es wäre ein
+prächtiger Halunke geworden! Selten genug trifft einen das
+Schicksal, im Kerker geboren zu werden.
+</p>
+
+<p>Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen
+hatte.
+</p>
+
+<p>&mdash; Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende
+Maria.
+</p>
+
+<p>Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie
+immer, schaufelten den kleinen ungetauften Leichnam mit
+dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend wohin fort.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-8">8.</h3>
+
+<p class="noindent">Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als
+alle schliefen:
+</p>
+
+<p>&mdash; Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen.
+Du bist der Erste, den ich lieb gewann. Aber ich kann dir
+nicht mehr die Reinheit meines Körpers hingeben. Gegen
+meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin deiner
+unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe.
+Ach, wäre ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du
+als erster meine Brust gesehen, die kein Mann je zu berühren
+wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, die ich nicht in mir
+finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der Liebe
+und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß
+mich, und wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken.
+Wenn es mir schon unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige
+wirkliche Kostbarkeit, die ein Mädchen besitzt, ihren ehrlichen
+Namen, mitzubringen, so will ich auch nicht, daß du
+dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde
+dich ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber
+so lange uns noch der gerechte Zorn des Herrn in dieser
+Hölle festhält, o, so lange erlaub mir zuweilen dein Gesicht
+anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden kann, die
+Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache
+<!-- page 061 -->
+der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder
+erwirken, so gedenke vielleicht zuweilen jener Seele, der du
+ewig als ein Leuchten erscheinen wirst. Ich aber werde in
+der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für dich emporzusenden.
+</p>
+
+<p>Jedoch Marco entgegnete ihr:
+</p>
+
+<p>&mdash; Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals
+noch, sei&rsquo;s im Traum oder im Wachen, sah ich etwas, was
+schöner wäre, als dein Bildnis. Du ließest mich wieder an
+Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner Paradiese
+glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche
+Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen
+auf der Erde zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet
+mich mit blauem Feuer, wie der Blitz. Wenn deine Hände
+mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine glühende, aber
+süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der taufrischen
+Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten
+Welle, nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck
+zu küssen, den du berührst, ist meine höchste Bestrebung.
+Du bist unberührt und in deinem Wesen aller Sünden ledig;
+die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der kristallene
+Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin,
+laß nicht mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.
+</p>
+
+<p>Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:
+</p>
+
+<p>&mdash; Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur
+Frau?
+</p>
+
+<p>Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:
+</p>
+
+<p>&mdash; Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles
+sieht, nehme ich dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und
+vereinige uns in einem Bunde, den kein Mensch jemals die
+Macht hat, aufzulösen.
+</p>
+
+<p>Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen
+und nur die beiden auf den Knien voreinander lagen.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-9">9.</h3>
+
+<p class="noindent">Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich
+nicht ruhig ertragen, die Ungläubigen in einem Lande
+<!-- page 062 -->
+zu wissen, in dem sonst der Stellvertreter Christi sich beständig
+aufhielt. Alfons, der Herzog von Calabrien und
+Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken
+aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel
+zu vereinigen, ein gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ
+kirchliche Geräte einschmelzen und zu Münzen umprägen,
+bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe. Ein
+Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.
+</p>
+
+<p>Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den
+Widerstand der Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel,
+als sie vom Tode ihres Sultans Mahomed hörten, der
+sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß.
+Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen
+die Neapolitaner die wohledle Stadt Otranto ein.
+</p>
+
+<p>Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand
+sich auch Pietro, der Bruder des unglücklichen Fernando
+Largo, und er beeilte sich, den Aufenthaltsort seiner Nichte
+auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem Verließ.
+Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu
+stehen und unerträglich blendete sie das Licht der Sonne.
+Jene aber, die ihre Blässe und Magerkeit sahen, konnten sich
+kaum der Tränen enthalten. Flinke Dienerinnen badeten sie
+in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und kleideten
+sie in leichtes feines Linnen.
+</p>
+
+<p>Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei
+Fragen Antwort. Am Tage nach ihrer Befreiung befiel sie
+eine schwere Krankheit, und mehrere Wochen hindurch war
+sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als
+ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer
+verurteilt wäre, und als ob die Teufel auf jede nur denkbare
+Weise ihren Körper zu peinigen und schänden bestrebt wären.
+Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr sich
+Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.
+</p>
+
+<p>Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer
+Verwandten sich langsam zu erholen begann, schien es ihr,
+als wäre all das Vergangene, jenes furchtbare Jahr, das sie
+im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine Erscheinung
+<!-- page 063 -->
+ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten
+ihrer Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte
+sich, bei ihnen nicht einmal im Gedanken zu verweilen.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-3-10">10.</h3>
+
+<p class="noindent">Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia
+nach Neapel und wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der
+heute bereits entschlafene König Fernando gab ihr im Angedenken
+des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen Vaters eine
+jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen
+als ihr Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem
+Bestande an sie über. Die Schönheit Juliens erblühte in
+solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den Hoffesten setzte sie
+alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte es ihr
+nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die
+sich um ihre Hand bewarben.
+</p>
+
+<p>Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten
+Gebäude errichtet waren, mit ihren Dienerinnen
+spazieren. Plötzlich bemerkte sie in einem kleinen Haufen
+von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. Er
+war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit
+Posamenten und eine rote phrygische Mütze.
+</p>
+
+<p>Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe
+gedroht, wurde es Julien plötzlich traurig und qualvoll
+zumute. Sie wollte so tun, als hätte sie den Marco
+nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen
+und erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen
+zu dem Marco, und hieß ihn, am Abend desselben Tages
+bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie Marco lächelte
+und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe
+nickte.
+</p>
+
+<p>Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am
+Abend erschien Marco, jung, frisch, kräftig, kühn. Julia
+empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren ihre Freundin
+Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug
+ein goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln,
+ein Perlengeschmeide zierte ihren Hals, und auf die Stirne
+<!-- page 064 -->
+fiel ihr ein Diamantschmuck herab. Sie saß in einem hohen
+Sessel bester florentinischer Arbeit.
+</p>
+
+<p>Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein
+einfacher Fischer vor einer edlen Signora gewiß tun mußte.
+</p>
+
+<p>Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen;
+dann fragte sie ihn:
+</p>
+
+<p>&mdash; Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich
+jetzt?
+</p>
+
+<p>Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte
+ebenso wie am Morgen und entgegnete:
+</p>
+
+<p>&mdash; Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und
+führe zuweilen Waren aus Otranto nach Neapel.
+</p>
+
+<p>&mdash; Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.
+</p>
+
+<p>&mdash; Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene
+Sonne und blauen Wellen sehen können, antwortete Marco,
+und seine Stimme tönte so zart, wie in den Stunden ihrer
+langen Gespräche im Kerker.
+</p>
+
+<p>Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten
+lassen, damit du einen selbständigen Handel beginnen kannst.
+</p>
+
+<p>Marco senkte den Kopf.
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch
+eine Weigerung kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke
+zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem Namen zu benennen.
+</p>
+
+<p>Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs
+höflichste und bat um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen.
+Nachdem er hinausgegangen war, sagte Julia zu der Monna
+Lucrezia:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung
+gegen meinen Vater teilgenommen hat. Doch da er gleich
+mir die Einnahme unserer Stadt überlebte, kann ich ihm
+nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine Barke ausrüsten
+lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich
+in Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um
+Tarent weiterführen.
+</p>
+<!-- page 065 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die letzten Märtyrer</h2>
+
+<p class="sub">Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief</p>
+
+<!-- page 066 -->
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropD-066"><img src="images/066.jpg" alt="D" /></span>
+<span class="hidden">D</span>iesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund
+Alexander Athanatos nach seiner wunderbaren
+Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten,
+jene fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren
+einziger lebendiger Zeuge er verblieb. Den Brief
+fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab
+und vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk.
+Erst nach dem tragischen Tode meines Freundes, als mir alle
+seine hinterlassenen Sachen zugestellt wurden, fand ich inmitten
+seiner Papiere das Konzept zu dieser Erzählung; alsdann
+erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen
+Briefes.
+</p>
+
+<p>Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose
+Geschichte eines der charakteristischen Begebnisse,
+welche im Beginne jener riesigen geschichtlichen Bewegung,
+die ihre Anhänger heute die &bdquo;Welt-Revolution&ldquo; nennen, vor
+sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen anheimzugeben.
+Die Niederschriften Alexanders illustrieren
+natürlich nur einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt
+an jenem denkwürdigen Tage des Aufstandes geschah,
+sind dafür aber für einige Fakten die einzigen Quellen, aus der
+künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das Bewußtsein
+dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor,
+seine Worte mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und,
+ungeachtet eines gewissen blütenreichen Stiles, im Rahmen
+strengster historischer Wahrhaftigkeit zu bleiben.
+</p>
+
+<p>Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir
+ein Asyl bot, meine Dankbarkeit auszudrücken und meine
+Freude darüber, daß es auf der Erde noch einen Ort gäbe,
+wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo
+man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt
+zu einer Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären
+Regierung neigen.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-4-1">1.</h3>
+
+<p class="noindent">Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution
+völlig unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen
+<!-- page 067 -->
+dunkle Gerüchte, es wäre zum Neujahrstage ein allgemeiner
+Aufstand angekündigt, aber die letzten unruhvollen Jahre
+lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen.
+Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet.
+Ich hatte beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und
+arbeitete ruhig in meinem Zimmer. Plötzlich versagte die
+elektrische Leitung. Bevor ich noch eine Kerze anzünden
+konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von
+Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und
+ich zweifelte nicht.
+</p>
+
+<p>Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus.
+</p>
+
+<p>Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine
+große Volksmenge, die auf der Straße auf- und abwogte,
+mehr erraten als sehen. Die Luft war ein Getöse von Schritten
+und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam
+es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über
+meinem Kopfe. Nach jeder Salve freute ich mich, daß der
+Tod noch vorübergegangen.
+</p>
+
+<p>Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht.
+Ich zögerte an der Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger
+Beobachter, wie ich es war. Wir tauschten kurze
+Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener
+Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die
+schreiend in panischer Angst liefen. Wir mußten entweder
+mit ihnen laufen oder zertreten werden.
+</p>
+
+<p>Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus
+brannte und des Feuerschadens Schein beleuchtete die
+Umgebung. Ich erinnerte mich an einen Vers Vergils: dant
+clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses Platzes.
+Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen.
+Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend
+Menschen. Die vom flüchtigen roten Feuer beschienenen
+Gesichter waren seltsam und unkenntlich.
+</p>
+
+<p>Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant,
+eine Reihe sich widersprechender und unglaublicher Antworten
+zu hören. Einer sagte, daß die Arbeiter alle wohlhabenden
+Leute totschlügen. Ein anderer, daß die Regierung
+<!-- page 068 -->
+alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung
+ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser
+unterminiert wären, und eine Explosion der anderen folge.
+Ein vierter wollte mich davon überzeugen, daß dieses gar
+keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.
+</p>
+
+<p>Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein
+fast ein Viertel der Stadteinwohner plaudernd, verwundert,
+erregt sich drängte, geschah eben jenes furchtbare
+Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der
+dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich
+zerschnitt das Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in
+die dichteste Ansammlung der Leute. Neues Kreischen übertönte
+den Lärm und betäubte, fast wie ein körperlicher Schlag.
+Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite Granate.
+Dann wieder, wieder und wieder .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten
+der Zentralfestung befohlen, auf alle Volksansammlungen zu
+schießen.
+</p>
+
+<p>Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der
+springenden Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze,
+in welchen die durchdringenden Schreie der Verwundeten
+drangen, taumelten die Leute zwischen Steinwänden
+hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden
+mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen,
+fielen aufs neue hinab und verbissen sich vor Wut mit den
+Zähnen in den Füßen der Nebenanstehenden. Dies war
+Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man verrückt werden
+konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard
+hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht.
+</p>
+
+<p>Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären.
+</p>
+
+<p>Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht
+mehr, doch es waren organisierte Truppen vor der bestürzten
+Menge. Um einander zu erkennen, trugen sie ihr Abzeichen:
+eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene Bewegung
+hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein,
+die Menge beruhigte sich.
+</p>
+
+<p>Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich
+<!-- page 069 -->
+und unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich
+irgend ein Mensch auf den Sockel der Statue des Nordens
+und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich stand
+ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte
+daher nur den allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen
+Worte erstarben, ohne bis zu mir zu fliegen.
+</p>
+
+<p>Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche
+Lauf des Lebens nicht gestört würde und daß keinem der
+Bürger eine Gefahr drohe. Daß im ganzen Lande um diese
+Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt: überall
+ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über.
+Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, &mdash;
+alle die der gestürzten &bdquo;uns allen gleich verächtlichen&ldquo; Regierung
+anhingen. Daß über diese Leute das Urteil des Geheimen
+Gerichtes schon ausgesprochen sei.
+</p>
+
+<p>Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem
+Tage, den man Jahrtausende hindurch erwartet hätte, von der
+endlich erkämpften Freiheit des Volkes.
+</p>
+
+<p>Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten.
+Ich dachte, die Menge würde den Schwätzer herunterreißen,
+ihn verjagen wie einen Narren, der in den Minuten der Gefahr
+lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen Seiten
+hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor
+einem Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten
+Leute verwandelten sich plötzlich in eine ganze Armee
+sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer. Den Redner
+trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne
+anstimmend.
+</p>
+
+<p>Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht
+in der Menge, aber mit Menschen, die gleich mir denken, mit
+Freunden. In meiner Seele erstand das Bildnis des Domes,
+und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines jeden
+Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung
+schon zum Heiligtume gemacht hatte.
+</p>
+
+<p>Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten
+der allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren
+überall die Milizen, welche, da sie die elektrische Leitung
+<!-- page 070 -->
+noch nicht herzustellen wünschten, eine Beleuchtung aus
+Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die sich
+um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich
+kleine Meetings in der Art von jenem, dem ich beiwohnte.
+</p>
+
+<p>Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven.
+</p>
+
+<p>Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich
+allmählich an den Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen
+erinnernd, tastete ich mich bis zum Eingang unseres
+Domes durch.
+</p>
+
+<p>Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.
+</p>
+
+<p>Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man
+ließ mich ein.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-4-2">2.</h3>
+
+<p class="noindent">Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt.
+</p>
+
+<p>Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen
+Hölle drängten die Menschen sich, und stiegen hinab
+und hinauf. Das halbe Dunkel veranlaßte alle, zu flüstern.
+Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes in all dem
+leisen Gespräch.
+</p>
+
+<p>Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und
+Adamant und Dmitri und Lycius und alle und alle. Man begrüßte
+sich mit mir. Ich fragte Adamant:
+</p>
+
+<p>&mdash; Was denkst du von all diesem?
+</p>
+
+<p>Er antwortete mir:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche
+Scheitern jener neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet,
+etwa drei Jahrtausende währte. Dies ist die Ära neuen Lebens,
+welche unsere Epoche mit den Zeiten des russisch-japanischen
+Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im Sachsenlande
+in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir
+zwischen den zwei Welten werden von diesen gigantischen
+Mühlsteinen zu Staub zermalmt werden.
+</p>
+
+<p>Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des
+Domes schien noch riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten
+<!-- page 071 -->
+sich ins Unendliche. Die Symbole unserer Feierlichkeiten
+wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der Finsternis.
+</p>
+
+<p>Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen.
+</p>
+
+<p>Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen.
+</p>
+
+<p>Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem
+Fußboden. Ich ließ mich neben ihr hin. Sie ergriff meine
+Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene, selbst in den Stunden
+der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine Brust
+und sagte:
+</p>
+
+<p>&mdash; Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit
+zu leben. Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern
+bereiteten meine Seele vor. Ich kann nur in der
+Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann nicht
+kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele
+neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen
+überzarten, jenen verfeinerten Erlebnissen, welche nur die
+Höhe ermöglicht! Wir, Treibhausblüten der Menschheit,
+müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und ich will nicht,
+ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will lieber
+eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer Brüderlichkeit!
+</p>
+
+<p>Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte
+sie jemand. Ich suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch
+zu früh wäre zu verzweifeln, unvernünftig, dem ersten Eindruck
+sich hinzugeben. Die Revolutionäre übertrieben natürlich
+ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung
+sie aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der
+Provinz der Umsturz gar nicht gelungen .&nbsp;.&nbsp;. Doch Anastasia
+hörte mich nicht.
+</p>
+
+<p>Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf
+und andere hoben die Köpfe. Licht irrte &mdash; und vor dem
+Altar stand Theodosius.
+</p>
+
+<p>Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie
+immer die hohen Leuchter vor ihm her. Er selbst war in
+schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken fielen über
+seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng.
+<!-- page 072 -->
+So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine
+Hände und sprach. Seine Stimme drang in die Seele wie
+Wein.
+</p>
+
+<p>&mdash; Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der
+Tag der Freude. Unser Glauben kann nicht sterben, denn er
+ist die ewige Wahrheit des Seins, und selbst unsere Denker
+tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch unbewußt,
+in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt,
+das man in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen
+Planeten. Für uns aber ist jetzt der Tag gekommen unsern
+Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der Ewigkeit.
+Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener
+vor dem Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung
+unsere Körper geißelten und wie der Schmerz die
+Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte. Der Tod aber wird
+den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit
+öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum
+blendenden Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern!
+Brüder! Der Augenblick letzter Vereinigung wird wie ein
+Blitz unser ganzes Sein durchdringen und noch unser letzter
+Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr letzten
+Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich
+sehe Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern!
+</p>
+
+<p>Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des
+Theodosius sowohl wie in seinem Blicke eine hypnotische
+Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden alle im Dome wie
+umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte heroische
+Ausrufe.
+</p>
+
+<p>Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte
+sich an die Orgel. Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den
+dumpfen Raum, strömte zwischen uns hin, verflocht uns alle
+mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein vielgesichtiges Wesen.
+Die Verse unseres großen Poeten rissen sich unwillkürlich
+von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt
+im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines
+großen Orchesters, Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das
+ewige Rätsel, preisend schöpferische Leidenschaft.
+</p>
+<!-- page 073 -->
+
+<h3 class="no" id="no-4-3">3.</h3>
+
+<p class="noindent">Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden.
+Beim Schein der Kerzen versammelten wir uns im
+gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum erkennbar waren
+die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war Vorsitzender.
+</p>
+
+<p>Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes.
+Die Lage war hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den
+Revolutionären über. Alle Generäle und höheren Offiziere
+waren arretiert und größtenteils schon verurteilt. Die Zentralfestung
+erlag dem Sturmangriff. Sämtliche Regierungsgebäude
+&mdash; das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur &mdash;
+nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten
+meldeten betreffs der anderen Städte einen ähnlichen
+Erfolg des Aufstandes.
+</p>
+
+<p>Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die
+Mehrzahl schlug vor, sich zu ergeben und der Gewalt zu
+unterwerfen.
+</p>
+
+<p>Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus
+einem Täschchen ein Papier und legte es uns zur Durchsicht
+vor. Das war eine der Proskriptionslisten des Zentralstabes.
+In ihr waren all jene aufgezählt, die in unserem Ausführenden
+Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte das Geheime
+Gericht zum Tode verurteilt.
+</p>
+
+<p>Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:
+</p>
+
+<p>&mdash; Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung
+führen. Zeigen wir diese Liste allen Gläubigen, so
+werden viele schwankend werden. Werden hoffen durch Verrat
+und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die
+Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen,
+durch die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens
+zu besiegeln. Erlauben wir ihnen denn mit uns zu teilen
+unser dreifach beneidetes Schicksal.
+</p>
+
+<p>Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius
+näherte ruhig das Papier mit den Namen dem Licht und verbrannte
+es. Wir sahen, wie die kleine Rolle sich langsam in
+Asche verwandelte.
+<!-- page 074 -->
+Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein Vertreter des
+Stabes begehrte uns zu sprechen.
+</p>
+
+<p>Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat
+ein. Im Namen der zeitweiligen Regierung verlangte er, daß
+ein jeder von uns sich in seine Wohnung verfüge. Ein besonderes
+Komitee würde, dies waren seine Worte, das Statut
+eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem
+gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.
+</p>
+
+<p>Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir
+schon verurteilt waren. Einige Augenblicke schwiegen alle.
+Die alsdann gesprochenen zwei Reden &mdash; die des Theodosius und
+jene des Abgesandten &mdash; kann ich auswendig. In kurzen Worten
+sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.
+</p>
+
+<p>Dieses sprach Theodosius:
+</p>
+
+<p>&mdash; Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische
+Sprache. Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom
+Geheimen Gericht zur Hinrichtung verurteilt sind. Wir
+wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von vornherein
+als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen
+eure Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen
+auf jenen Höhen der Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet,
+und darum ist es nicht an euch, uns zu richten. Wenn ihr
+nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer Heimat,
+so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese?
+Die Blüte unserer Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir
+sind der Ausdruck, wir, die Stimme jenes Lautlosen, Ewigstummen,
+das sich aus Einsen gleich euch zusammensetzt.
+Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende Licht.
+Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir &mdash; das Leben. Ihr seid
+der Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm
+wachsen könnten Stengel und Blüten &mdash; also wir. Ihr verlangt,
+wir sollen uns in unsere Häuser begeben und dort eure
+Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf den Händen
+uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren
+Willen entgegennähmet.
+</p>
+
+<p>Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler:
+seine Heuchelei und Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht.
+<!-- page 075 -->
+Doch dieses Mal, seine letzte Predigt sprechend, war
+er wirklich groß und schön. Er war wie ein biblischer Prophet,
+sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein
+Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des
+Kolosseums, inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich
+in die Arena hinausgeführt werden, den Raubtieren zum
+Zerfleischen.
+</p>
+
+<p>Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:
+</p>
+
+<p>&mdash; Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige
+Versuche zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz
+im neuen Leben sei. Sie waren eine tote Kraft, die bisher
+all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der großen Umgestaltung
+der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen
+Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt
+unfähigen von unserem Körper abhauen, wenn auch
+mit gleichem Schmerze, so doch auch mit gleicher Unerbittlichkeit,
+mit der man einen kranken Körperteil abschneidet. Und
+warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret!
+In uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen
+und Künstlern zu gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen,
+wie ihr sie auch nicht einmal zu ahnen vermöget. Nur
+der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu schaffen.
+Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes.
+Wir sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze
+selbst schmieden wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das
+Künftige, aber das Gegenwärtige, das ist das Schwert in unseren
+Händen!
+</p>
+
+<p>Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte
+schreien:
+</p>
+
+<p>&mdash; Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben.
+Ihr verachtet die Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht
+begreift. Ihr rühmt eure Zukunft, weil ihr geistig arm seid.
+Ihr seid eine Kugel, die schamlos den Marmor des Altertums
+zerschlägt!
+</p>
+
+<p>Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem
+Tone:
+</p>
+<!-- page 076 -->
+
+<p>&mdash; Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit
+bis zum heutigen Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten
+eures Domes zu öffnen und euch in unsere Hände zu geben.
+Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr durch Trug
+und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren.
+Das ist alles.
+</p>
+
+<p>&mdash; Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.
+</p>
+
+<p>&mdash; Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden
+gleich machen, und euch alle werden die Trümmer begraben.
+</p>
+
+<p>Der Abgesandte entfernte sich.
+</p>
+
+<p>&mdash; Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom,
+die wundervollste Schöpfung Leanders! Mit Statuen und
+Bildern der größten Meister! Mit unserer Bibliothek, der
+fünftgrößten in der Welt!
+</p>
+
+<p>&mdash; Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere
+Kunst schon Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn
+unnütze Altertümer mehr sind oder nicht, &mdash; ist ihnen unwichtig.
+</p>
+
+<p>Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den
+Abgesandten lebend hinausgelassen. Theodosius hieß ihn
+schweigen.
+</p>
+
+<p>&mdash; Wir sind hier, sagte er, um <i>unser</i> Blut zu vergießen,
+nicht <i>fremdes</i>. Wir sind hier für eine Tat des Glaubens,
+nicht des Mordes. Lasset uns die purpurne Blässe unseres
+Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen Flügel
+des Zornes und der Rache.
+</p>
+
+<h3 class="no" id="no-4-4">4.</h3>
+
+<p class="noindent">Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des
+flimmernden Wintertages.
+</p>
+
+<p>Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum
+erstenmal sah ich solch eine Feier des Lichtes. Es waren
+vielleicht an tausend Flammen.
+</p>
+
+<p>Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.
+</p>
+<!-- page 077 -->
+
+<p>Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die
+Stimmen des Chores so feierlich. Noch nie war die Schönheit
+der nackten Hero so flammend und so verzückend.
+</p>
+
+<p>Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere
+Gesichter als wie mit schlanken flaumigen Fingern. Im
+schattenhaft bläulichen Weihrauch geschahen die großen
+Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend,
+nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum.
+Der unsichtbare Chor der Diakonissinnen lobpries das Blinde
+Rätsel.
+</p>
+
+<p>Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender
+Wein jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der
+Seele. Beflügelte jeden durch die Erkenntnis, daß dieser
+Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.
+</p>
+
+<p>Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen
+Schlange als Gürtel anstatt jeder anderen Gewandung, und
+ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr angetan waren, &mdash; sie
+gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den Dom.
+Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen
+zogen jeden hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes
+Wiegen.
+</p>
+
+<p>Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle
+ihrem leisen Tanz. Und dieses Kreisen berauschte mehr als
+Wein, und diese Bewegung war trunkener als Liebkosungen,
+und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet. Der Rhythmus
+der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der
+Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten
+wir vorwärts, im Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen,
+&mdash; Hero. Und schon entrückte uns die Ekstase, und schon
+keuchten wir, durchglüht von geheimem Feuer, und schon
+zitterten wir, beschattet von der Gottheit.
+</p>
+
+<p>Da ertönte die Stimme des Theodosius.
+</p>
+
+<p>&mdash; Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.
+</p>
+
+<p>Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die
+wieder nahe dem Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen
+des Theodosius rief einen Jüngling herbei, den ich bis dahin
+noch nicht gesehen. Errötend warf er sein Gewand ab und
+<!-- page 078 -->
+stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie Ganymed,
+licht wie Balder.
+</p>
+
+<p>Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar.
+Der Vorhang wurde vorgezogen.
+</p>
+
+<p>Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.
+</p>
+
+<p>Und Theodosius verkündete uns:
+</p>
+
+<p>&mdash; Es ist vollbracht.
+</p>
+
+<p>Er erhob den Kelch und segnete uns.
+</p>
+
+<p>Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte
+mehr die Kraft, seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen
+einander, und im plötzlichen Düster des aufsteigenden
+Weihrauches suchten sich die Lippen, die Hände, die
+Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen,
+waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War
+die Trunkenheit tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum
+alle Bilder, alle Formen, alle Möglichkeiten, alle Biegungen
+weiblicher, männlicher und kindlicher Körper und
+alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter
+sind.
+</p>
+
+<p>O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche
+Unersättlichkeit des Verlangens, das vom Leibe zum Leibe
+eilen hieß in zweifache, dreifache, vielfache Umarmungen.
+Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem
+Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen
+waren.
+</p>
+
+<p>Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich
+die dichten Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das
+ganze Innere des Domes ward den Blicken der Außenstehenden
+enthüllt: das Bildnis des Symbols, die rätselhaften Fresken
+an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen Umschlingungen
+auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender
+Schrei drang von der Straße her bis zu uns.
+</p>
+
+<p>Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das
+Spiegelglas der Fenster. Und dem ersten folgten weitere.
+Die pfeifenden Kugeln durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen
+konnten das Schauspiel nicht ertragen, das sich hier
+<!-- page 079 -->
+ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die angegebene
+Zeit nicht ein.
+</p>
+
+<p>Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer
+Hand gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied
+fort. Des Weihrauches Aroma wogte in der erregten Luft.
+Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim Scheine der
+heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht
+geringer.
+</p>
+
+<p>Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte
+als erste und fiel, während ihre Lippen der Schmerz verzerrte.
+Hier und dort sanken Arme; einige Körper fielen wie in
+endgültiger Ermattung zusammen.
+</p>
+
+<p>Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln
+fielen zwischen uns wie Regen, als würde eine gigantische
+Hand sie schockweise auf uns streuen. Doch von den Getreuen
+wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung
+lösen.
+</p>
+
+<p>Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen
+wurden Helden, wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das
+Todesgrauen floh unsere Seelen, als würde es einem magischen
+Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten
+wir die Wahrheit unseres Glaubens.
+</p>
+
+<p>Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der
+Nähe der Gestürzten, drückten ihre Leiber fester aneinander.
+Und noch die Sterbenden suchten im letzten wütenden Kusse
+die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende Hände
+streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen
+verkrümmter Körper war es schon unmöglich zu erkennen,
+wer noch liebkoste und wer schon starb. Inmitten der Schreie
+konnte man unmöglich das Stöhnen der Leidenschaft von
+dem des Todes unterscheiden.
+</p>
+
+<p>Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und
+ich fühlte den Schmerz verzückten Bisses, der vielleicht nur
+der letzte Krampf eines Sterbenden war. In meinen Händen
+hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter Lust,
+oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein
+<!-- page 080 -->
+dumpfer Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu
+den Brüdern, zu den Schwestern.
+</p>
+
+<p>Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres
+Symboles. Allein das letzte, was ich hörte, war der Ausruf
+des Theodosius, den tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben
+des Domes, aber in den unendlichen, von Finsternis
+beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:
+</p>
+
+<p>&mdash; In deine Hände befehle ich meinen Geist!
+</p>
+<!-- page 081 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Jetzt aber, wo ich erwacht bin .&nbsp;.&nbsp;.</h2>
+
+<p class="sub">Memoiren eines Psychopathen</p>
+
+<!-- page 082 -->
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropN-082"><img src="images/082.jpg" alt="N" /></span>
+<span class="hidden">N</span>atürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit
+für entartet. Natürlich wollte man mich davon
+überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile.
+Und ich gewöhnte mich daran, vor den Menschen
+zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte Worte zu
+sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom
+Glücke, andere Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner
+Seele war ich überzeugt und bin auch jetzt noch davon überzeugt,
+daß der Mensch seiner Natur nach Verbrecher ist. Ich
+glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man gewöhnlich
+Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient,
+jene, die den Menschen beim Anblick von fremden Leiden
+ergreift. Ich glaube, daß der Mensch in seinem Urzustand
+nur nach einem Verlangen trägt, die ihm Gleichenden zu
+quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche
+Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die
+menschliche Seele zu dem Glauben, daß fremde Leiden ihr
+schmerzlich wären. Und heute weinen die Leute völlig aufrichtig
+über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur
+eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.
+</p>
+
+<p>Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen,
+in welcher das Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht
+bleibt, nicht aufsteigt und nicht hinuntersinkt. Anders
+gesprochen: die Anziehung der Erde verliert ihre Wirkung
+auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt
+es, daß zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die
+Form einer Kugel annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke,
+in denen die menschliche Seele sich von aller Macht
+der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung
+und Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen,
+die gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der
+Furcht vor dem letzten Gericht, von dem Bangen vor der
+öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des gewöhnlichen
+Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein,
+wenn auch dämmernd, doch immer noch unser schlafendes
+Ich leitet; das sind auch nicht Tage des Irrsinns und der
+Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse werden von
+<!-- page 083 -->
+anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das
+sind Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der
+Körper im Schlafe ruht, und der Gedanke dies plötzlich begreift
+und zu seinem in der Welt der Träume irrenden Schatten
+spricht: du bist frei! Begreife, daß deine Handlungen
+nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig
+deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden
+Trieben hingeben. In solchen Augenblicken hatte
+ich niemals das Verlangen, irgend eine gute Tat auszuführen.
+Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den letzten Grenzen
+völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend etwas
+Wildes, Böses und Sündiges zu tun.
+</p>
+
+<p>Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich
+die Zeit, die ich im Traume verbrachte, für verloren. Völlig
+gleich der Wirklichkeit erfüllt auch der Traum die Seele,
+erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß überhaupt
+unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden.
+Streng gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit,
+&mdash; welche von diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen
+Neigungen ab. Ich zog schon seit meiner Kindheit
+den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, in
+denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen.
+Wenn ich erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum
+erinnern konnte, so fühlte ich mich unglücklich. Den ganzen
+Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich mein Gedächtnis,
+um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel
+einen Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei
+einer neuen Anstrengung plötzlich die ganze Herrlichkeit
+des kürzlich vergangenen Traumlebens vor mir zu haben!
+Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene
+Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder
+her. Bei solcher Schulung meines Gedächtnisses erreichte
+ich, daß ich meine Träume niemals mehr vergaß. Wie
+Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts
+den Traum.
+</p>
+
+<p>Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden
+Kraft der Wirkungen. Ich entwickelte in mir die
+<!-- page 084 -->
+Fähigkeit, es künstlich hervorzurufen. Ich brauchte nur
+einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als der Körper lag,
+und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit süßquälenden
+Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren
+Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas
+frische Luft eingeatmet, beschloß ich, wieder hineinzustürzen
+in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen und Erbeben. Doch
+noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene
+Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon
+damals begriff ich, welche große Geistesfreiheit sie geben
+könnten. Übrigens verstand ich es nicht, sie willkürlich
+hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich plötzlich
+einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich
+mit einem Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich
+schritt auf den Wegen des Traumes durch seine Paläste und
+Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger Anstrengung des Verlangens
+konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen,
+die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen,
+nach der ich Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit
+benutzte ich diese Augenblicke, um mich über die Leute
+lustig zu machen und alle möglichen Streiche auszuführen.
+Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen
+Freuden über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und
+wurde zum Henker. Und da erst begriff ich, daß Jubel und
+Rausch nicht nur leere Worte seien.
+</p>
+
+<p>Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der
+Schule und der Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte
+keine Familie, ich mußte niemals um das Recht zu leben
+kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem Glücke
+ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf
+verbrachte ich den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte
+verschiedene narkotische Mittel: nicht wegen der von ihnen
+ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum zu
+verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung
+gaben mir die Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an
+der grenzenlosesten aller Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen
+kann, zu berauschen. Allmählich begann sich mein
+<!-- page 085 -->
+nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und
+Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht
+es auch zu übertreffen. Ich verstand es, in meinen
+Träumen zu leben, wie auch dieses Leben von der Seite her
+zu beobachten. Es war, als würde ich meinen Schatten, der
+im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und
+zu gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer
+Leidenschaftlichkeit durchleben.
+</p>
+
+<p>Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende
+Umgebung. Das war irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger
+Saal. Er wurde vom roten Feuer zweier riesiger
+Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern.
+Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate:
+Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln,
+Geräte zum Strecken der Muskeln und zum Aufwickeln der
+Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, glühende Stangen
+und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder
+die Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen
+Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung
+gelang es mir, wen ich wollte, in diese unterirdische
+Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, öfters aber solche,
+die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es
+Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder.
+Unter ihnen befanden sich auch einige, die ich zu meinen
+Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte ihre Namen. An
+einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen
+ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung
+aller meiner Listen, während ich bei den dritten im
+Gegenteil ihre Schwäche, Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und
+unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht einmal selten
+ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder
+auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode
+zu erfreuen. Anfangs war ich ganz allein, sowohl Henker
+als auch Zuschauer. Dann aber erschuf ich mir eine Schar
+unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach
+meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente
+und lachend und mit Verrenkungen führten sie alle meine
+<!-- page 086 -->
+Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich meine Orgien des
+Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.
+</p>
+
+<p>Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und
+glücklich, wie ich es war, geblieben. Doch die wenigen
+Freunde, die ich noch hatte, hielten mich für krank und nahe
+dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt
+zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften
+zu gehen. Ich hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen,
+das nachher meine Frau wurde, mir absichtlich in dem
+allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens würde sich wohl
+kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung
+würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des
+Menschen vereinten sich in ihr, die ich lieb gewann, die ich
+so oft mein nannte, und die ich in allen Tagen meines Lebens,
+die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören werde, zu beweinen.
+Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als
+einen Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit
+Neugierde und ging dann zu der vollen, selbstvergessenden
+Leidenschaft über.
+</p>
+
+<p>Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu
+denken. Wie stark das Gefühl auch war, das meine Seele
+unterjochte, mich erschreckte der Gedanke, meine Einsamkeit
+zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich in Freiheit
+mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte,
+erschloß. Doch das regelmäßige Leben, zu dem man mich
+zwang, trübte allmählich meine Erkenntnis. Aufrichtig begann
+ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele eine Umgestaltung
+geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten
+nicht anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage
+meiner Hochzeit gratulierten mir meine Freunde wie einem
+aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der Hochzeitsreise
+bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres
+Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse
+und Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen
+und unterhielt einen regen Verkehr. Und wieder
+lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, inmitten der
+entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich gewöhnlich
+<!-- page 087 -->
+ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war,
+ohne Bilder. In der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich
+bereit, mich meiner Genesung zu freuen, meines Erwachens
+aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.
+</p>
+
+<p>Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das
+Verlangen nach anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von
+der allzu faßbaren Wirklichkeit betäubt. Und selbst in den
+Flitterwochen des ersten Monats nach der Hochzeit fühlte ich
+irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen Hunger
+nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen.
+Mit jeder neuen Woche quälte mich dieses Verlangen immer
+unbesiegbarer. Und gleichzeitig mit ihm entstand in mir ein
+anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir anfangs gar
+nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine
+Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen,
+und ihr Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen.
+Ich kämpfte, kämpfte sehr lange und bemühte mich, meine
+Nüchternheit zu bewahren. Ich war bestrebt, mich mit allen
+Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte ihnen
+nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und
+floh das Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir,
+und ich konnte ihr nicht entfliehen.
+</p>
+
+<p>Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich
+eine große religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek
+stellte ich breite Divans und verbrachte dort ganze
+Nächte. Etwas später verbrachte ich dort auch ganze Tage.
+Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis
+vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in
+das eindringen würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie
+war mir noch ebenso teuer, wie zuvor. Ihre Liebkosungen
+waren mir nicht minder süß, wie in den ersten Tagen unseres
+Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt.
+Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es
+sogar vor, sie bei dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht
+mehr liebe und ein Zusammensein mit ihr vermiede. Und
+tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde müde. Ich
+sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram
+<!-- page 088 -->
+sie zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich
+hingebend, ihr die früheren Liebesworte sprach, erblühte sie
+nur auf Augenblicke: sie glaubte mir nicht mehr, weil, wie es
+ihr schien, alle meine Taten meinen Worten widersprachen.
+</p>
+
+<p>Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume
+zubrachte und mich meinen Erscheinungen noch ungeteilter
+als vor der Hochzeit hingab, irgendwie hatte ich meine frühere
+Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, verloren. Ganze
+Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur,
+um mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und
+um eine neue Dosis des Schlafmittels einzunehmen, allein der
+erwünschte Augenblick kam nicht. Ich durchlebte die süßen
+Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und Unerbittlichkeit,
+ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume erinnern,
+und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so
+konsequent und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit
+waren, so wild und unlogisch, so entzückend und
+prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, aber meine
+Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir
+fehlte die alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte
+nur jenes, was mir von außen herkam, belauschen und beschauen.
+Ich griff zu allen mir bekannten Mitteln und Rezepten,
+zu allen existierenden Giften: störte künstlich die
+Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium,
+Haschisch und alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben
+mir nur ihre eigenen Zauber. Erwachend gedachte ich mit
+sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in denen ich
+kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben
+war, und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging
+vor Wut und Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.
+</p>
+
+<p>Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen
+Rausch der Träume zurückkehrte, vergingen sechs Monate
+bis zu dem Tage, da mein verheißenes Glück wiederum mir
+zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den
+mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich
+frei sei, daß ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum
+zu verfügen, daß ich alles ausführen könne, wonach ich verlangte
+<!-- page 089 -->
+und daß es doch nur ein Traum bleiben würde! Eine
+Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da
+konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen.
+Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner
+unterirdischen Halle. Ich zog es vor, mich in jene Umgebung
+zu versetzen, an die <i>sie</i> gewöhnt war, die sie sich
+selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter
+Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein
+sah ich mich selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir,
+<i>sie</i> schläft jetzt und nimm einen schmalen Dolch mit dir,
+dessen Griff von Elfenbein sei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch
+die dunklen Zimmer. Es kam mir so vor, als würde ich nicht
+gehen, und nicht meine Füße bewegen, sondern fliegen, wie
+das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal ging,
+sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte:
+&bdquo;dies alles ist in meiner Gewalt.&ldquo; Die Nacht war ohne Mondschein,
+aber am Himmel funkelten die Sterne. Unter den
+Sesseln<a id="corr-4"></a> krochen meine Zwerge hervor, doch ich ließ sie verschwinden.
+Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer.
+Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt.
+Ich trat an das Bett heran, in dem mein Weib schlief. Da
+lag sie, so schwach, so klein, so mager; ihre Haare, die sie
+des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett herunter.
+Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint,
+da sie sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder
+nicht erwarten konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein
+Herz zusammen. In diesem Augenblick war ich bereit, an
+Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das Verlangen, vor ihrem
+Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu küssen. Doch
+sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.
+</p>
+
+<p>Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich
+konnte mein geheimes Verlangen befriedigen, mit dieser Frau
+alles tun, was ich nur wollte. Und doch würde alles das nur
+mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie wiederum
+mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten,
+<!-- page 090 -->
+lieben und liebkosen .&nbsp;.&nbsp;. Indem ich mich über den Körper
+meiner Frau bückte, preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel
+zusammen, so daß sie nicht schreien konnte. Jählings erwachte
+sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner Hand.
+Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben,
+mich fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht,
+mir etwas zu sagen und sah mich mit verstörten Augen an.
+Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer Erregung
+an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage
+meinen Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich
+streckte, noch immer nicht zu schreien vermochte, aber ihre
+Augen füllten sich mit Entsetzen und Tränen entströmten
+ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das klebrige
+und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch
+mehrere Male in ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete
+sie immer mehr, sie, die Nackte, die sich bedecken
+wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte ich sie am
+Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die
+Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt
+ihre Kehle durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie
+sich noch im Todeskampfe zu atmen bemühte, ihre Hände
+wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. Ein
+wenig später war sie schon unbeweglich.
+</p>
+
+<p>Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele,
+daß ich mich sofort zu erwachen bemühte, aber ich konnte es
+nicht. Ich machte alle Willensanstrengungen, ich erwartete,
+daß die Wände ihres Schlafzimmers plötzlich zerfallen würden,
+verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf meinem
+Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken
+ging nicht vorüber. Der blutige und unförmliche
+Körper meines Weibes lag vor mir auf dem vom Blute überströmten
+Bette. Und in der Türe drängten sich mit Lichtern
+schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des
+Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie
+sprachen kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.
+</p>
+
+<p>Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen
+war, nicht im Traume geschah.
+</p>
+<!-- page 091 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Im Spiegel</h2>
+
+<p class="sub">Aus dem Archiv eines Psychiaters</p>
+
+<!-- page 092 -->
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropI-092"><img src="images/092.jpg" alt="I" /></span>
+<span class="hidden">I</span>ch liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten
+Jahren. Als Kind weinte und zitterte ich oft,
+wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe
+blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel,
+durch die Zimmer und den Garten zu gehen,
+einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen
+Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten
+und vor Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken.
+Schon als Mädchen begann ich, mein ganzes Zimmer
+mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden,
+klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich
+gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich
+kreuzenden, in einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden
+und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen.
+Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich diesen lautlosen
+Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen
+abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und,
+im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und
+am gleichen Platze existieren. Diese umgedrehte Wirklichkeit,
+die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt
+und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich
+immer an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.
+</p>
+
+<p>Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn
+ich an den Spiegel herantrat, vor mir erschien und mein
+Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte mich, zu erraten,
+wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide,
+und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei
+und daß alle Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich
+auf einem von ihnen sich eben mein Verlobungsring befand.
+Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum daß ich
+in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In <i>dieser</i>
+Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen
+und Töne sind, da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener
+<i>Spiegel</i>welt, die man nur sehen kann, lebte sie, die Erscheinung.
+Sie war fast wie ich und doch nicht völlig ich;
+sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht
+<!-- page 093 -->
+eine dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat.
+Jene (die andere) wußte, was <i>ich</i> nicht erraten konnte, verfügte
+über jenes Geheimnis, das auf ewig meinem Verstande
+verborgen war.
+</p>
+
+<p>Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt
+hätte, seine ihm eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben
+Ort nacheinander zwei Spiegel, und es werden zwei
+verschiedene Welten entstehen. Und in verschiedenen Spiegeln
+erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die alle
+mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch
+waren. In meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives
+Mädchen, dessen klare Augen mich an meine früheste Jugend
+erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg sich ein
+schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die verschiedenen
+Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In
+der viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine
+strenge, machtvolle, kalte Figur auf mit unerbittlichen
+Blicken. Ich kannte noch andere Doppelgänger von mir, in
+meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, vergoldeten
+Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in
+dem Halsspiegelchen<a id="corr-5"></a> und in vielen und vielen, die ich bewahrte.
+All den Wesen, die sich in ihnen verbargen, gab
+ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. Nach den seltsamen
+Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis
+dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten
+in dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur
+ihnen eigentümlichen Züge.
+</p>
+
+<p>Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch
+solche, die ich haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen
+auf ganze Stunden zu vertiefen und mich in ihren lockenden
+Räumen zu verlieren. Andere wiederum vermied ich. Heimlich
+liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte,
+daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von
+ihnen gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der
+Spiegelfrauen bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und
+verhielt mich zu ihnen fast freundschaftlich. Es gab aber
+auch solche, die ich verachtete, deren kraftlose Wut ich zu
+<!-- page 094 -->
+verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit neckte,
+und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen
+gab es auch solche, die stärker als ich waren und sich
+erkühnten, ihrerseits über mich zu lachen und mir Befehle
+zu erteilen. Ich beeilte mich, von den Spiegeln, in denen diese
+Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, versteckte,
+verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach
+jedem Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen,
+weil ich erkannte, daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und
+die vorwurfsvollen Gesichter einer vernichteten Welt sahen
+mich aus den Splittern drohend an.
+</p>
+
+<p>Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte
+ich im Herbst auf irgend einem Ausverkaufe. Es war ein
+großes Trumeau, das sich in Scharnieren bewegte. Es überraschte
+mich durch die ungemeine Klarheit der Wiedergabe.
+Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der geringsten
+Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer
+selbstständig und schrankenlos lebendig. Als ich während des
+Ausverkaufs das Trumeau besah, schaute die Frau, die mich
+in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen Herausforderung
+in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht
+zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das
+Trumeau und ließ es in mein Boudoir stellen. Als ich in
+meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen
+Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin.
+Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen
+wir, wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren.
+In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen.
+Mein Herz erstarrte und mein Kopf begann sich vor diesem
+starren Blicke zu drehen. Durch eine Willensanstrengung
+riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß
+mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann
+und sich das Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und
+verließ das Zimmer.
+</p>
+
+<p>Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des
+ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem
+neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Manne im
+<!-- page 095 -->
+Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr
+lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens,
+betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich
+gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat
+auch jene, die andere, in die Türe, kam mir entgegen, durchschritt
+das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere
+Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf
+mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf
+begann, ein Zweikampf der Augen, zweier unerbittlicher
+Blicke, die befehlend waren, drohend, hypnotisierend.
+Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen,
+ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen
+Untertan zu machen. Und es müßte furchtbar sein,
+so von der Seite zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos
+gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt
+sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein
+verlieren .&nbsp;.&nbsp;. Plötzlich rief man mich. Der Zauber
+schwand. Ich stand auf und ging hinaus.
+</p>
+
+<p>Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag.
+Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein
+Haus eingedrungen war, um mich zu verderben, und um
+in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon
+war ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In
+dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit.
+Und schon in der Möglichkeit einer Niederlage versteckte sich
+eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze
+Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte
+mich mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch
+in der Tiefe meiner Seele blieb immer das Bild meiner Gegnerin,
+die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher
+erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin,
+noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem
+siegessicheren Blicke und nagelte mich vor sich an meinen
+Platz. Mein Herz blieb stehen, und in kraftloser Wut fühlte
+ich mich in der Gewalt dieses Blickes. Zuweilen, wenn ich
+nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu fliehen,
+in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde
+<!-- page 096 -->
+zu verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich
+wäre, daß ich dennoch, gehorsam der lockenden
+Kraft des feindlichen Blickes, hierher zurückkehren müßte,
+in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte ich
+sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte
+und mir drohende Welt vernichten, und zuweilen
+stürzte ich sogar mit irgend einem schweren Gegenstand in
+der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber das verächtliche
+Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so
+erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner
+Niederlage gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um
+mit dem Siege einer von uns zu enden.
+</p>
+
+<p>Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker
+war als ich. Mit jeder neuen Begegnung konzentrierte sich
+in ihrem Blicke eine immer größer und größer werdende Gewalt
+über mich. Allmählich verlor ich denn auch die Möglichkeit,
+sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. <i>Sie</i> befahl
+mir täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen.
+<i>Sie</i> beherrschte meinen Willen, wie der Magnetiseur den
+Willen der Somnambule. <i>Sie</i> teilte mein Leben ein, wie
+die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte,
+mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer
+schweigenden Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig,
+aber auf sicherem Wege mich zum Verderben führe,
+doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren geheimen
+Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in
+unsere Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine
+Kraft mehr, sie zu hindern. Mein Mann, meine Verwandten
+sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze Nächte vor
+dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und wollten
+mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit
+zu enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare
+Wahrheit zu sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.
+</p>
+
+<p>Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der
+Tag meines Verderbens. Ich erinnere mich noch an alles,
+völlig klar, völlig genau bis in die Einzelheiten: in meiner
+Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie gewöhnlich betrat
+<!-- page 097 -->
+ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde.
+Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne,
+setzte mich, und gab mich <i>ihr</i> hin. Ohne zu zögern,
+erschien sie auf meinen Ruf, rückte gleichfalls einen Sessel
+heran, setzte sich und begann mich anzusehen. Dunkle Vorahnungen
+quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die Macht,
+mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner
+Gegnerin in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und
+es wurde finster. Keine von uns beiden zündete Licht an.
+Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. Und schon war
+kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen
+sahen mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn
+noch Entsetzen, wie an anderen Tagen, nur eine unstillbare
+Trauer und die bittere Erkenntnis, daß ich ganz in der Gewalt
+der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm
+mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der
+Schwäche und Willenslosigkeit.
+</p>
+
+<p>Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem
+Sessel auf. Vor dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas
+Unbesiegbares, etwas von außen her mich Zwingendes hieß
+auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat einen
+Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte
+ihre Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden
+und befehlenden Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und
+bewegte sich vorwärts, und ich schritt ihr entgegen. Und
+merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, trotz all
+meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den
+Tiefen meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte
+Freude, daß ich nun endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu
+der ich seit der Kindheit mich hingezogen fühlte, und die mir
+bis heute verschlossen blieb, hineintreten würde. In einigen
+Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den
+anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach
+meinem Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht,
+um sie zu verdrängen.
+</p>
+
+<p>Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel
+ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu.
+<!-- page 098 -->
+Aber <i>sie</i> faßte mich gewaltig an den Händen und zog mich
+krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als
+wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang
+unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle
+Atome meines Wesens ihr gegenseitiges Verhältnis veränderten.
+Und schon nach einem Augenblicke berührte mein
+Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die
+ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen
+Kusse. Alles verschwand vor diesem quälenden
+Leiden, dem nichts vergleichbar ist, und aus dieser Ohnmacht
+erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich
+<i>aus</i> dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand
+vor mir und lachte. Und ich, &mdash; o Grausamkeit! &mdash; ich, die vor
+Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen,
+alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und
+helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz erfassen
+konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um,
+schritt zur Türe, verschwand vor meinen Augen und dann
+befiehl mich die Erstarrung des Nichtseins.
+</p>
+
+<p>Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames
+halbbewußtes, wenn auch heimlich süßes Leben. Wir
+waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen voll träumender
+Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen,
+fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen
+nichts, wir hörten nur unklar, und unser Sein war wie eine
+Ermattung in der Unmöglichkeit, zu atmen. Und nur wenn
+ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel herantrat,
+konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten,
+in die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller
+Brust atmen. Ich denke, daß das Leben der Toten ähnlich
+sein müßte, ein unklares Bewußtsein des eigenen Ich, dunkle
+Erinnerung an das Frühere und das peinigende Verlangen,
+wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen,
+zu sehen, zu hören, zu sprechen .&nbsp;.&nbsp;. Und jeder von
+uns hegte und pflegte den verheißenen Traum, sich zu befreien,
+einen neuen Körper zu finden und wieder der Welt
+der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
+</p>
+<!-- page 099 -->
+
+<p>Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage
+sehr unglücklich. Ich wußte und verstand noch nichts. Gehorsam
+und sinnlos nahm ich das Bildnis meiner Gegnerin
+an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen.
+Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein
+großes Vergnügen, vor mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer
+Realität zu kokettieren. Sie setzte sich und auch ich mußte
+mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie sah, daß
+auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich,
+ihre Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit
+auch ich lachen müßte. Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht,
+und ich konnte ihr nicht antworten. Sie drohte mir
+mit der Faust und verspottete meine unbedingte Wiederholungsgeste.
+Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich
+den Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge
+stürzte sie mich in das Nichtsein.
+</p>
+
+<p>Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten
+in mir allmählich die Erkenntnis. Ich begriff, daß meine
+Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine Toiletten gebrauche,
+die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen Platz
+einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach
+Rache wuchsen in meiner Seele wie zwei feurige Blumen
+auf. Ich begann, mich bitter zu schmähen, weil ich aus
+Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die Möglichkeit
+gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese
+Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können,
+wenn ich ihr nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte.
+Und nachdem ich mich ein wenig mit den Bedingungen
+meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich
+mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir
+geführt hatte. Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte,
+meinen Platz als wirkliche Frau einzunehmen, war denn ich,
+der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten wurde, nicht
+stärker als diese Erscheinung?
+</p>
+
+<p>Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich
+mich, als quälte mich der Hohn meiner Gegnerin immer
+unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle Süßigkeit des
+<!-- page 100 -->
+Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte,
+reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel
+auf dieses Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte
+sie. Indem sie immer neue Martern für mich ersann, verschwendete
+sie ihre Phantasie. Sie erfand tausend Listen,
+um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich
+nur eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben
+mehr hätte. Bald spielte sie vor mir auf dem Klavier und
+quälte mich mit der Tonlosigkeit meiner Welt. Bald saß sie
+vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten Liköre
+und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken.
+Bald endlich führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich
+verachtete, erlaubte ihnen vor meinen Augen ihren Körper
+zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu denken, daß sie
+mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte
+sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses
+Lachen verletzte mich nicht mehr; seine Schärfe trug eine
+Süßigkeit: meine kommende Rache!
+</p>
+
+<p>In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine
+Gegnerin unmerklich, mir in die Augen zu sehen, begann ich
+allmählich, ihren Blick zu beherrschen. Bald lag es schon
+in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder zu senken, diese
+oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und
+schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses
+unter der Maske des Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte
+wuchsen, und ich erkühnte mich, meinem Feinde zu befehlen:
+heute wirst du dieses tun, heute wirst du dorthin
+fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen.
+Und <i>sie</i> führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das
+Netz meiner Wünsche, spann einen festen Faden, mit dem
+ich ihren Willen hielt und wenn ich meine Erfolge bemerkte,
+triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den
+Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere
+Lächeln bemerkte, war es schon zu spät. <i>Sie</i> lief
+damals in heller Wut aus dem Zimmer, doch während ich
+wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, wußte ich
+doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie
+<!-- page 101 -->
+mir gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte
+über meiner willenlosen Schwäche, zerschnitt das Dunkel
+meines Halbtodes als regenbogenfarbener Fächer.
+</p>
+
+<p>Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu
+mir zurück, schrie mich an und drohte mir. Ich aber erteilte
+ihr Befehle. Und sie mußte mir gehorchen. Es war wie
+das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger Stunde
+konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber
+hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie
+wußte, daß dieses von meinem Willen abhinge, und dieses
+Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch ich zauderte. Es war
+mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war mir
+angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich
+(und dieses ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das
+Mitleid mit meiner Gegnerin; die mein Feind war, mein Henker.
+Allein es war in ihr etwas von mir und es war mir furchtbar,
+sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und
+sie in einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und
+wagte es nicht, verlängerte die Frist von Tag zu Tag und
+wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte und was mich
+erschreckte.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in
+das Boudoir Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war
+unlebendig, ich lag in einer süßen Erstarrung, aber wenn ich
+auch nichts sah, so begriff ich doch, daß sie hier wären. Die
+Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum Weltall
+geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der
+anderen erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten,
+und nahmen den Körper der Erscheinung, die Form
+des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe erregte meine
+träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle
+des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens
+sammelte ich all die Macht meines Willens. Welche Anstrengung
+kostete es mich, mit der Entrücktheit eines halben
+Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal
+mit einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden
+Ketten zur Wirklichkeit befreien wollen.
+</p>
+<!-- page 102 -->
+
+<p>Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf,
+den ich ihr, meiner Gegnerin, zurief: &bdquo;komm her!&ldquo; Ich
+hypnotiserte und magnetisierte sie mit der ganzen Anstrengung
+meines träumenden Willens. Und ich hatte so wenig
+Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor,
+ihn in das Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin,
+das war mir unbekannt. Und so in letztem tödlichem Triebe
+rief ich wieder und wieder: &bdquo;komm! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und plötzlich
+fühlte ich, daß ich lebendig wurde. <i>Sie</i>, mein Feind, öffnete
+die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte
+sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich
+sträubten, als würde sie zum Richtplatz gehen. Mit meinen
+Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte ihren Blick mit
+meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
+</p>
+
+<p>Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken.
+<i>Sie</i> gehorchte und machte nicht einmal den Versuch,
+sich zu widersetzen. Und wieder waren wir allein.
+Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr
+ihre Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir
+entgegenzugehen. Ein Stöhnen der Qual entrang sich ihren
+Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie vor einem Gespenste,
+doch sie kam, taumelte, fiel, &mdash; sie kam. Und auch ich ging
+ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit
+Augen, welche die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten,
+die vor trunkenem Jubel taumelten. Und wieder berührten
+sich unsere Hände, wieder näherten sich unsere
+Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom
+unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon
+nach einem Augenblick stand ich <i>vor</i> dem Spiegel, meine
+Brust füllte sich mit Luft und ich schrie laut und sieghaft
+auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau nieder vor Ermattung.
+</p>
+
+<p>Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich
+konnte nur sagen, daß man meinen früheren Befehl ausführen
+möge, diesen Spiegel ganz und für immer aus dem
+Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
+</p>
+
+<p>Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich
+bekam nach all dem Erlebten ein Nervenfieber. Meine
+<!-- page 103 -->
+Verwandten hielten mich schon lange für krank und unnormal.
+Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles,
+was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung
+bestärkte nur ihren Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches
+Krankenhaus über, in dem ich mich auch jetzt
+noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes
+Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht
+lange hier bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe,
+die ich bald schon ausführen muß.
+</p>
+
+<p>Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich
+weiß, daß ich Ich bin. Doch sobald ich an jene denke, die
+jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen ist, so erfüllt mich
+eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches Ich
+dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt,
+ich, die dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung,
+ein Spiegelbild. In mich strömten nur die Erinnerungen,
+Gedanken und Gefühle jener über, die mein anderes
+Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch
+immer im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen,
+würde ermatten, sterben. Ich weiß, o, ich weiß es fast genau,
+daß dieses nicht wahr ist. Doch um die letzten Wolken des
+Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal,
+das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß
+ich in ihn sehen, um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin
+ist, mein Feind, der meine Rolle während einiger Monate
+spielte. Ich werde dies sehen, und alle Bedrücktheit
+meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos
+klar und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich
+ihn finden? Ich muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen,
+schauen in seine Tiefe! .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 104 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-7">Das Köpfchen aus Marmor</h2>
+
+<p class="sub">Erzählung eines Landstreichers</p>
+
+<!-- page 105 -->
+
+<p class="first"><span class="leftpic" id="dropM-105"><img src="images/105.jpg" alt="M" /></span>
+<span class="hidden">M</span>an verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem
+Jahr Gefängnishaft. Mich intrigierten das Benehmen
+des Alten vor dem Gerichte, wie auch
+die eigenen Umstände des Verbrechens. Ich erreichte
+eine Zusammenkunft mit dem Verurteilten.
+Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir,
+schwieg, dann aber erzählte er mir doch sein Leben.
+</p>
+
+<p>&mdash; Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage,
+war nicht immer ein Herumtreiber, schlief nicht immer in
+den Nachtasylen. Ich genoß eine ganz gute Erziehung, ich
+wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte ich schon
+Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine Abendgesellschaft,
+ein Ball, und alles endete immer mit einem<a id="corr-6"></a> Saufgelage.
+An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten.
+Aber in meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um
+sie auszufüllen, würde ich den ganzen Rest meiner lumpigen
+Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu Nina steht.
+</p>
+
+<p>Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt,
+daß sie Nina hieß. Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten
+verheiratet. Sie waren arm. Aber wie verstand sie
+es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so
+besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie
+gemeißelt. Aus ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle
+Träume. Ja und auch alles alltägliche, das mit ihr in
+Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so phantastisch.
+Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer,
+schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des
+Lebens ab.
+</p>
+
+<p>Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings
+war alles so ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich,
+den jungen, hübschen, der so viel Verse auswendig konnte.
+Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, dessen kann
+ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel
+reißen sich einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist
+glücklich und lustig (o, wie selten das bei ihr vorkam!),
+trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, lächelt mir
+zu .&nbsp;.&nbsp;. O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend
+<!-- page 106 -->
+wo zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: &bdquo;Ich weiß,
+du, mein Glück, wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es
+immerhin, ich habe doch gelebt.&ldquo; O diese Worte kenn ich
+noch. Doch was gleich danach war, &mdash; und ist dies mit
+Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.
+</p>
+
+<p>Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich.
+Vor mir lag eine glänzende Zukunft und ich konnte
+mich durch irgend eine romantische Liebe nicht binden
+lassen. Es war mir schmerzlich, sehr schmerzlich, aber ich
+bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich dieses
+Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem
+Mann nach dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch
+Erinnerungen und Gespräche von ihr peinigten mich damals
+so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. Ich bemühte
+mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch
+ihre Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie.
+Und natürlich vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen,
+unsere ganze Liebe, begreifen Sie bitte, vergaß alles.
+Sie verschwand aus meinem Leben, als wäre sie nie darin
+gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen Menschen,
+so zu vergessen.
+</p>
+
+<p>Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht
+zu erzählen, wie ich Karriere machte. Von Nina getrennt,
+dachte ich natürlich nur an äußeren Erfolg, an Geld. Eine
+Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im Auslande,
+heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau
+starb; mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu
+Verwandten und, Gott verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob
+meine Jungen noch leben. Natürlich trank ich. Dann eröffnete
+ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich
+verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum
+Schluß sank ich bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen.
+In den letzten Jahren beschäftigte ich mich einige Monate,
+als ich nicht trank, als Arbeiter in den Fabriken. Doch wenn
+ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die Nachtasyle.
+Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und
+träumte immer, das Schicksal würde sich ändern, ich würde
+<!-- page 107 -->
+wieder reich werden. Meine neuen Kameraden verachtete ich
+deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.
+</p>
+
+<p>So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf
+irgend einem Hofe herum, weiß der Teufel warum, ich glaube,
+der Zufall führte mich. Plötzlich ruft mich ein Koch an:
+&bdquo;Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?&ldquo; &bdquo;Das bin
+ich,&ldquo; antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß
+zurecht machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt;
+überall Vergoldung und Bilder. Ich arbeitete, reparierte,
+was nötig war, und die Gnädige gab mir einen Rubel.
+Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer Säule
+stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an
+und will meinen Augen nicht trauen: es war Nina!
+</p>
+
+<p>Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen
+und dort begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich
+schaue, zittere fast und frage: &bdquo;Gnädige Frau, gestatten Sie
+zu fragen, was das für ein Köpfchen ist?&ldquo; &bdquo;Das,&ldquo; antwortet
+sie, &bdquo;ist eine sehr teuere Sache, die vor fünfhundert Jahren
+gemacht ist, im XV. Jahrhundert.&ldquo; Nannte mir auch den
+Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß
+ihr Mann dies Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und
+hieraus wäre eine ganze diplomatische Affäre zwischen dem
+italienischen und dem russischen Kabinett entstanden. &bdquo;Sagen
+Sie mal,&ldquo; fragte mich die Gnädige, &bdquo;gefällt Ihnen das Köpfchen?
+Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack!
+Die Ohren,&ldquo; sagt sie, &bdquo;sind nicht am Platze, die Nase ist
+unregelmäßig .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; und schwatzt! und schwatzt!
+</p>
+
+<p>Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur
+Ähnlichkeit, das war ein Porträt, sogar noch mehr, das war
+wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie mir bitte, durch
+welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts
+diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten<a id="corr-7"></a>
+Ohren schaffen, diese selben kaum mandelförmigen
+Augen, die unregelmäßige Nase und die lange zurückgelehnte
+Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das schönste, das
+reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder
+ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert,
+<!-- page 108 -->
+die andere &mdash; in unseren Tagen? Denn daß jene, nach
+welcher der Marmorkopf gemacht wurde, nicht nur im Gesicht,
+sondern auch dem Charakter, der Seele nach völlig
+gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht bezweifeln.
+</p>
+
+<p>Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff
+sowohl die ganze Niedrigkeit meiner Aufführung im
+Vergangenen, als auch die Tiefe meines Sturzes. Ich begriff,
+daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte und den
+ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene
+ungeschehen zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen
+an Nina zu sammeln, so wie man zuweilen die
+Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest. O,
+wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes
+zusammenstellen. Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch
+wie jubelte ich, wenn es mir gelang, in meiner Seele irgend
+etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich erinnernd
+verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und
+doch war ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät,
+mein Leben von neuem zu beginnen. Aber noch kann ich
+meine Seele von schlechten Gedanken befreien, von Menschenhaß
+und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der
+Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.
+</p>
+
+<p>Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue
+noch einmal zu sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe
+des Hauses, in welchem sie stand, herum und bemühte mich,
+das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch es stand zu
+weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor
+dem Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die
+Verteilung der Zimmer, knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften
+an. Im Sommer fuhren die Besitzer aufs Land.
+Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen.
+Ich glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina
+ansehen könnte, ich mich an alles erinnern würde, an alles
+bis zum Ende. Das wäre mein letztes Glück gewesen. Und
+ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt hat.
+Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon
+<!-- page 109 -->
+im Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich
+in den Zimmern schon einmal als Schlosser war, und daß
+man mich nicht selten in der Nähe des Hauses hatte herumlungern
+gesehen .&nbsp;.&nbsp;. Ich bin ein Bettler, da hab ich dann
+eben die Schlösser erbrochen .&nbsp;.&nbsp;. Übrigens ist die Geschichte
+aus, gnädiger Herr!
+</p>
+
+<p>&mdash; Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie
+freisprechen.
+</p>
+
+<p>&mdash; Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch
+schändet meine Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde
+gleich, wo ich an Nina denke, im Nachtasyl oder im
+Gefängnis?
+</p>
+
+<p>Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte
+mit seinen seltsamen verblichenen Augen ansah, sagte er
+plötzlich noch:
+</p>
+
+<p>&mdash; Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert
+hätte? Wenn nur mein armer, durch Alkohol geschwächter
+Verstand sich die ganze Geschichte dieser Liebe
+erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?
+</p>
+
+
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+<li> jede &mdash; geändert in <a href="#corr-1"><i>jeden</i></a></li>
+<li> Lyda &mdash; geändert in <a href="#corr-2"><i>Lydia</i></a></li>
+<li> schweigsamen &mdash; geändert in <a href="#corr-3"><i>schweigsamem</i></a></li>
+<li> Sessel &mdash; geändert in <a href="#corr-4"><i>Sesseln</i></a></li>
+<li> Halspiegelchen &mdash; geändert in <a href="#corr-5"><i>Halsspiegelchen</i></a></li>
+<li> einen &mdash; geändert in <a href="#corr-6"><i>einem</i></a></li>
+<li> ansetzten &mdash; geändert in <a href="#corr-7"><i>angesetzten</i></a></li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES ***
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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