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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/38518-8.txt b/38518-8.txt new file mode 100644 index 0000000..a8ffaa1 --- /dev/null +++ b/38518-8.txt @@ -0,0 +1,3756 @@ +Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Republik des Südkreuzes + Novellen + +Author: Waleri Brjussow + +Translator: Hans von Guenther + +Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Valerius Brjussoff + +Die Republik des +Südkreuzes + +Novellen + + + + + + +München 1908 +Verlegt bei Hans von Weber + + + +Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus +dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt. +Den künstlerischen Schmuck zeichnete +Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar +Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden +auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes +Leder gebunden und handschriftlich numeriert. + + + + +Die Republik des Südkreuzes +Die Schwestern +Im unterirdischen Kerker +Die letzten Märtyrer +Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . . +Im Spiegel +Das Köpfchen aus Marmor + + + + + + + + +Die Republik des Südkreuzes + + + +Artikel der Spezialnummer des »Nordeuropäischen Abendblattes« + + + +In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener +entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte. +Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar +phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die +Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu +leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die +sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, _alle von einer +psychischen Störung betroffen wurden_. Darum also halten wir es für +nützlich und zeitgemäß, die Summe aller _glaubwürdigen_ Nachrichten, die +uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen. + +Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus +300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular, +das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat +Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen +Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch +auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er +erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu +erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen +Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte +der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb +des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten, +erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten +wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften +aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen +akkreditiert. + +Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am +Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo +alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die +Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels emporgerichtet. Die +Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der +Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in +der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller +Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das +Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität +beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der +Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige +Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene +Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs +Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die +Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte +beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den +Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde. + +Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die +Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die +auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und +Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen +Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer +geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller +offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene +Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf +ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm +Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes +anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die +durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im +Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase +bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das +Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher +war das angeregte Leben in den Hafenstädten und Fabrikzentren. Um einen +Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten +Jahren etwa _sieben Zehntel_ allen Metalles, das auf der Erde zutage +gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung +gelangten. + +Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von +Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger +galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der +Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der +Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen +Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung +standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische +noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken, +Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl +der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der +Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller +Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller +ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten +Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit +keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 +Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste +gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche +lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu +verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner +Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik, +die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings +das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern. + +Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der +Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der +Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre +Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates dieser +Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie +empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften +Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in +den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach +Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr +vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung +zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze +Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die +internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze +Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst +von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war, +wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke +der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im +Grunde nur gehorsam den Willen des Rates. + +Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des +ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender +Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten +normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und +demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller +Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer +Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur +gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war +unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten +Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet, +aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur +untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet +war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der +Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich +weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Alle Fabriken +waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem +Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in +leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der +wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in +der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt +auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen +politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die +Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von +den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre. + +Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die +ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die +Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist +es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten +Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein +gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente +hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier +erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt +überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und +Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des +Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von +der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu +bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der +Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des +Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der +Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen. +Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch +Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden +Rates. + +In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes +und ihrer Hauptstadt. Aufgabe eines künftigen Historikers dürfte es sein, +zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung +jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt +führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates. + + * * * + +Die ersten Fälle einer Erkrankung am »Widerspruche« wurden schon vor etwa +20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen +zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und +Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung +und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden +internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man +vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der +Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen +Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich +selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz +anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist +mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten +Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der +Erkrankte sagt anstatt »Ja« -- »Nein«; an Stellen von freundschaftlichen +Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils +beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in +Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts; +gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er +sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der +Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische +Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der +individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen +sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch +die Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird +gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in +äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben +durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen +aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen +Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende; +Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten. + +In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren +Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit +war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der +überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein +Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den +folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl +der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2 +Prozent der _ganzen Bevölkerung_, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als +am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen +Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald +zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der +Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich, +ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung +der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller +Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr +sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, +daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine +Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann, +und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit +von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August +_alle_, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer +psychischen Störung ergriffen waren. + +Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen +verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen: +Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten +Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie +voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine +nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein +Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu +regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein +Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder +herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur +von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher +Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch +fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine +lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu +witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die +Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am +»Widerspruch« erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel +verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die +Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im +Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern +die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die +ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in +dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und +überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 +Menschen wurden getötet oder verwundet. + +Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft +stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In +einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde +beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern, +sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu eröffnen, sowie +Häuser zur Isolierung der am »Widerspruch« Erkrankten zu gründen, eine +Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und +Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken +und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von +Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche +in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch +beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen +Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die +Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden +gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und +Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere »Gesellschaft zum Kampf mit +der Epidemie« begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich +aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese +und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde +die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in +gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen +und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die +ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen +unerhörten Nöten ergriffen. + +Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus +der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der +gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen +Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann +die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne »die +allerlustigste Stadt der Südhemisphäre« besuchten, Artisten aller +Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter +Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch +die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine +überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers, +die Besitzer von Theatern und Restaurants, die Herausgeber von Zeitungen +und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung +heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht +ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der +Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese +Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden +dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern +in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu +fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen +konnten. + +Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen +Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld +gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges +brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht +ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie +aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu +fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik +arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den +Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt; +die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen, +obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr +des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas +und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der +Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren +die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen +Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische +Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat +berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der +regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt +auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten +Einwohnerschaft. + +In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile, +durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm +erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im +Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die +diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab +ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen +Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv +aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace +Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der +Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 1/2 Monaten kämpfte er +unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, +sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der +Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen +Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend +dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu +erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen +nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen +Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die +Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen +der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die +Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese +kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich +und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen +Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen +Port. + +Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk +der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab +Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung am +ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und +gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß +ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung +mit der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie« und verteilte unter +deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte, +Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend +einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte +man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig +ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand +erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter +dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in +feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten +zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in +die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu +bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die +Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder +Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte, +der vom »Widerspruch« befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder +der »Gesellschaft« zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken, +beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus; +die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr +vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach +dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten. + +In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher +Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr +Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper +von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene +und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem +Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung +im großen dramatischen Theater mehrere Male in den Zuschauerraum. Der +Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser +Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit, +die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden +Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der +»Widerspruchsvollen« noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet. +Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im »Feuerwerktheater«. Die +dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz +zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier, +welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht +weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile +alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt. + +Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die +bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit +fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die +Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben, +simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den +offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die +verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in +die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und +nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den +Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich +Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze +Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in +offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern +oder den Miliztruppen plötzlich am »Widerspruch« Erkrankte auftauchten und +ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der +Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren +Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber +genötigt, die Straßenräuber und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. +So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue +die unverhüllte Todesstrafe eingeführt. + +Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft +fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die +Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der +Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte +städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch. +In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den +Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu +finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch +ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu +tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer, +sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren +Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der +Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, +wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. +Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er, +alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe +kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen +einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war. + +Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig +Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand +auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache +ein am »Widerspruch« erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der +Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das +Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die +Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie +wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er +brachte die Leichen und die verstümmelten halblebendigen Körper zurück. +Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß +eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren +bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt +verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem +Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im +Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei +Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die +Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das +Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil +sie sich _fürchteten_, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei. +Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die +alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen +fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in +Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft, +zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen +Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich +geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war +von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch +verband sie nur noch der Telegraphendraht. + +Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da +es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon +eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen +geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in +die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen +müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der +Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen +könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren +Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem +tat es leid, das seine zu verlassen, keinem kam es eigentümlich vor, +fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber, +die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr +Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den +leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, +in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt. + +Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch +seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die +Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung +entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen, +Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz +gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise +versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken, +Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare +Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden +und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen, +geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber +bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen +Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die +schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt +werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In +diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und +von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und +furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte. +Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten; +Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar +Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten, +aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden +Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang +geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen. Man machte hoffnungslose +Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern, +Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß +den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die +Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie +sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp, +es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten +des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein +gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er +schlug vor, _alle_ Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die +Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in +jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste +Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte. +Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle +Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie +Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im +Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern +gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in +eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus +seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf +mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte +von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting +selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania +contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins +Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied. + +Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche +die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen +in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische +Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten +in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung und keine Beheizung +außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in +absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er +hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf +allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten +Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich +die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km +lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen. +Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle +Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man +nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren +Orgien der verzweifelten Menschen. + +Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen +Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer +dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden +Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten. +Jeder Begriff von Recht verschwand, -- nur die Kraft wurde anerkannt. Für +die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die +allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf, +gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die +unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße, +boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste +Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die +Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf +achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles +wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr +kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal +überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt, +andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab, +gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor +Scham und Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich +oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden +hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten +Menschenfresserinstinkte zu befriedigen. + +Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich +nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er +für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins +Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant +und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um +Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in +der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch +kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele +wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen +Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers +starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr +wenig Fälle der Erkrankung am »Widerspruch« vorkamen. Divile verstand es, +die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum +letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist +zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir +unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde +in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen +Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile +berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus +begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven +abzuschlagen. »Worauf ich hoffe,« schreibt Divile, »weiß ich nicht. Vor dem +Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich +mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich +werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.« Dies sind die letzten Worte +Diviles. Welch edle Worte! + +Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff +einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden. +Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine +einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem +21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der +Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze +erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen, +beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln +und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf +Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit +die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die +Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer +Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten +dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten +tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen +der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die +Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den +Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich +die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren +hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der +Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname +wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein +Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener +Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben. +Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen, +dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut -- oder +die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der +erregten Einbildung noch unerträglicher. + +In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem +noch einige tausende lebender menschenähnlicher Wesen im Gestanke von +hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon +keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der +Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste +Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander +aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor +Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen +Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten. + + * * * + +Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig +dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. +Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, +entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art -- alles +weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der +elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt +unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege +gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf +Erkrankungsfälle am »Widerspruch« gelenkt, die in anderen Städten der +Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls +epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die +den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer +Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf +allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des +Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen +Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu +bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der +Hauptstadt. + +Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das +Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis +zu so unerhörter Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war +die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller +Länder (darunter auch unser »Nord-Europäisches Abendblatt«) entsandten in +die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den +Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein +Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten +bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen +verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen +Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern +formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber +die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil +dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des +Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt +nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an +alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet. +Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der +Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene +Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische +Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die +Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum +des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 1/2 Monate +lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik. + +In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf +seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei +Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und +Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in +absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen, +daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie +sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der +elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt +abliegt, wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem +Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute +gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich +allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht +über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für +Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch +künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend +antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit +glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich, +es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der +Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen +Renovierung beginnen. + +Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert. +Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt. +Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt +an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen +gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische +Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen +nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften +Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft +vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man +Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli +erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, +enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im +Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden, +das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor +(der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für +unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace +Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse +in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den +furchtbaren Funden, die man auf den Straßen und im Innern der Häuser +gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen +Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt +geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des +Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen, +die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich -- +benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im +Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen +Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten +Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller +Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos +erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen +versteckt. + +Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige +Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei +Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 +Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern +beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um +die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten +oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige +Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt +hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die +schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines +Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert +ist. + +Das »Nord-Europäische Abendblatt« hat seinerseits einen neuen +Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in +genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen, +die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht +werden sollten. + + + + +Die Schwestern + + + +Ein unaufgeklärter Fall + + + + + +1. + + +Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald +schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der +Erinnerung klänge. + +Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah +die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen. + +Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen +Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener +Teekessel. + +Lydia wagte es, zu sprechen: + +-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht. + +Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf. + +Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein +Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen +Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern +steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß +die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit +den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das +ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards. +Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme. + +Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll +an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei +verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten +sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen +letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den +letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen +würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon +zu spät? Zu spät? Zu spät? + +Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie +nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende +Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen. + +Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden +Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit +dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne +leblosen Feldes. + +Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen +in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese +drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen +wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich +zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen. + +Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der +Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das +die Dienerschaft bewohnte. + +Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre. + +Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in +ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann +verstummte auch dies. + +Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken. + +Draußen hob der Sturm an. + + * * * + +Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer +wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung +klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich, +gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich. +Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf +dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und, +der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an. + +Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind +bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten. + +Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht +auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee +silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe. + +Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte +Antwort zu sagen: + +-- Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der +Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug +ist bequemer. Und vielleicht überlege ich's mir und fahre überhaupt nicht. + +Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas +tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch +leise wehrte er ab. + +-- Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge +man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste +erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe +schreiben. + +Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch +er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er +hatte keine Worte. + +Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras +begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei, +verschwand in der Türe seines Kabinetts. + +Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme. + +Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr +dunkelhimbeerfarbenes Tuch. + +Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe +hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm +schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an +ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie +erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein. + +Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die +kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm. + +Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der +die Pferde bestellte. + + + +2. + + +Nikolai saß an seinem Schreibtisch. + +Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen +auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon +vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem +grünmetallenen Lampenschirm. + +Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das +Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich +dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es +lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den +vorgemerkten Wegen eilen konnten. + +Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte +und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch +furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem +sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit +anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist +er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden +zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er +begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen +und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß +er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er +wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war. + +Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht +von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie +sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes +fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten +herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen +vermag. + +Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den +ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schüchternes Mädchen, ein +schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er +sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich, +die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen +Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast +kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte +jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du +bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur +unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend. + +Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo +sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt +auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so +daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie +auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen, +die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war +ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem +unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein +grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu +zerschmelzen. + +Doch sei dies nicht Lydia, -- o würde in seinen Händen der entblößte, +völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte, +welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf +einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das +Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr +war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als +die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem +ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich +aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und +das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in +seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk. + +Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der +sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie +verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu +einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen +an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im +andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die +beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern +kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine +Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung. +Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . . + +Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank, +jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in +dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu +sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben +wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß +mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten +Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines +Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr +zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und +da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre +Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, +welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in +Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie +fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde +in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie +eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene +Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit +entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein +Schatten . . . + +Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie +Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über +ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von +Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er +hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will +das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen +Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste, +bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des +teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon +ist er kraftlos, ihm zu folgen. + +Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen +Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich, +daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine +Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben? +Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern. + +Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts +ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten. + + + +3. + + +Vor Nikolai stand Kett. + +Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett +wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und +reichte ihr seine Hände. + +-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich. + +Sie schüttelte verneinend den Kopf. + +Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen +und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte: + +-- Küsse mich. O beug dich über mich. + +Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie: + +-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir +sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine +solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich +-- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr +völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer +Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie +auf der Wage abgewogen! + +Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte. + +-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich +bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in +deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst. + +Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm. + +-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre +beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein +wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der +Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas +ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas +bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du +fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich! + +Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum +Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung +erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest, +obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte. + +-- Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben +verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare +kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich +begehre auch nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst +zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann +die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure +Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß +ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht. + +Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett: + +-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich +träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den +sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, -- über +Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine +Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen: +sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe +mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner +anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die +verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen +Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener +Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den +ich will. Leb wohl! + +Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er +nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine +Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart +und kalt zu sprechen: + +-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den +wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine +Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner +Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen +Ehegatten. + +Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß +er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut +und Spott: + +-- Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: ich +experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren, +alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich +habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das +Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen. +Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete. +Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger +anstelltest, als du tatsächlich warst. + +Sie begann zu lachen. + +So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon +viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor +Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um +dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die +wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte. + +Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der +Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und +berührte ihre Hände. + +-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es +ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch +dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder +dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir! + +Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher +Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett: + +-- O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr, +daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her, +dir meine Liebe beweisen. + +Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an +ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie +den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige +Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin. + +Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum +einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben, +seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe +-- und erwachte. + +Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem +grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war +es still. + +War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum? + +Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es. + + + +4. + + +Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung +zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu +denken. »Dann, dann,« sprach er zu sich, »dann will ich alle Fragen +entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.« +Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm +kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen. + +Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich +ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die +geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus +diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum +Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende +Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und +trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen. + +Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen +Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte +ihre Hände auf seine Schultern: + +-- Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett. + +Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht +zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein +schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen +um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder? + +Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er: + +-- Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen +Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht +nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich +zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten +kannst. + +Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen +nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu: + +-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen +Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich +stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch +tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran, +daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich +lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich +nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem +Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte +sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein +Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest +du jetzt noch von mir? + +Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände. +Antwortete voller Trauer: + +-- Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles +nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören, +jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, +weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch +du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal, +meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere +Schwester. Wiege mich ein mit zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein +Herz, -- es hat so nötig die Berührung zarter Finger. + +Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien, +die Kleine, die Hilflose. + +-- Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete +ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden +Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir +kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm +alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch +heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den +anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und +vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß +selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte +der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte +ich dir geben? + +Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten +Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne +früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu: + +-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres +künftigen Kindes. + +Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam +zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war +furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und +groß. + +-- Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen, +daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an +seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn +geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der +mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus +seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und +seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte +zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und +alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand! + +Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais +Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit +sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit +wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm: + +-- Es ist Lüge, es ist Lüge. + +Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem +Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und +hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes. + +»Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?« dachte +Nikolai. + +Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu: + +-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst +begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht. + +Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das +Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu +füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine +ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem +Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen, +und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn +kreisen. + +Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur +Wirklichkeit zurück. + +Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch. + +Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich +ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur +einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen +müsse. + +Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich +gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch +irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er +wieder in den Abgrund seiner Gesichter. + + + +5. + + +Die Türe bewegte sich zum dritten Male. + +»Jetzt werde ich Mara sehen«, dachte Nikolai. + +Mara kam herein. + +Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie +sagte: + +-- Ich kam, um dich zu holen. + +Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem +Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er +ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das +Aussehen aller Gegenstände verändere. + +Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern. + +-- Sieh hin, sagte Mara. + +Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot. +Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in +ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze +Zimmer. + +Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer +Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines +Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah, +zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er +erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen. + +Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man +vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu +hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen. + +-- Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war +ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorübergehen lassen. +Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu +spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich +schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf +des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der +ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu +verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der +letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue +erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere +Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in +diesen Stunden werden wir allein sein! + +Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den +Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und +sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie +alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man +ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn +richten, verurteilen . . . + +Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm +der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser +wahnsinnigen Nacht sein könnte. + +Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die +Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr +nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden +Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm. + +Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend. + +-- Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich +will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und +dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod +wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit. + +Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und +ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern: + +-- Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine +Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was +ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich +peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, +deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und +ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder +Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche +elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und +Engeln. + +Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von +etwas Vergangenem sprach. + +Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich +in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu +verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die +beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der +Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er +immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der +Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich +loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe. + +Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so +unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und +ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und +ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern +nähern wollte, hielt Mara ihn zurück: + +-- Nicht nötig, nicht nötig. + +Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und +Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen. +Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die +brennenden Kerzen wie Funken. + +Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen +der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit +des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten +dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals +dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem +gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber +verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und +wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom +Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut. + +Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden. +Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. +Langsam veränderte sich die Welt. + + + +6. + + +Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den +ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier +Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht +erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge +mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein +unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder +Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in +Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in +kleiner Schrift auf der vierten Seite in der »Provinzialchronik«. Übrigens +konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen +politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren. + + + + +Im unterirdischen Kerker + + + +Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts + + + + + +1. + + +Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich +unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß +er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte. +Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem +ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und +nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger +kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den +Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch +kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und +die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die +wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet. + +Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier +selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, +Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem +Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie +befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens +mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu +rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In +diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche +Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als +der Tod. + +Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte, +wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken +ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht +verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die +Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand +geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an, +alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und +Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr +sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia +barfuß blieb. + +Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit +dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige +Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur +ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und +damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden +könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln +angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und +dann verschlossen. + +Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen +befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen +liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen +Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem +bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt +wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt +teilgenommen hatte. + + + +2. + + +Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war +von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und +übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute +erwartete sie ihr Hinscheiden. + +Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten, +besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den +Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia, +kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf, +wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte. + +-- Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, der an dem der +Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, daß +ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht! + +-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza, +-- und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert. + +-- Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus +seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen, +während wir hungern. + +Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der +frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe, +bemitleidete Julien: + +-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde +zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot! + +Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über +zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit +schrecklicher Stimme: + +-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben, +zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und +Armen sich freuen können. Freut euch. + +Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht +völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war. + + + +3. + + +Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie +bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein +Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach +dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte +Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte. + +Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren +zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger. +Sie begannen, wie das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen. +Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber +ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten +Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß. + +Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie +sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht +freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die +Türken verstanden kein Italienisch. + +Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte +seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und +wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte +keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht. + +Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich +trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom +Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er +sie. + +So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst +dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht +einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu +können. + + + +4. + + +So vergingen die Tage im Kerker. + +Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die +verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie +gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham +nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters +Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß +sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die +Leute gewöhnlich verbergen. + +Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur +mit Mühe bis zum andern strecken konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen +zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen +erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo +und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage -- um Brot und +Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft +nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem +damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch +brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen +begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war +Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben +sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange +Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber +gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in +ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung. + +Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage, +und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet +wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle +Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen, +ohne zu weinen, ohne zu klagen. + +Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige +Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere +wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen +zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es +anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper +presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest +auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die +Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf +die Stimme der Vanozza. + +Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die +Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr +heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht. + +Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran. + +-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser. + +Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und +ebenso seine bleichen Wangen. + +Sie sagte: + +-- Ich danke dir. + +An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend. + + + +5. + + +Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre +Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr +miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in +Unterhaltungen. + +Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von +den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus +kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit +künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und +Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit +Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von +Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von +Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und +dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten, +Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen +Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen +Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen +Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des +gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern +des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer +Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und +Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca. + +Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt, +von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, +von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen +Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln, +der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme +auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern, +wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die +Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den +Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den +Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter +den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des +Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu +sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die +unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar +sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von +den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer +Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den +singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge. + +Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und +Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete. + +Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber +bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken. + + + +6. + + +Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor +einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute +vor fremden Augen verbergen. + +Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder +zu, obgleich sie, geschwächt durch Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht +mehr zu den ausnehmenden Schönheiten gerechnet werden konnte. Der Türke +setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und wollte sie umfangen, wie +er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte +ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit +seiner Kette das Hirn. + +Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der +langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken +stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie +schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken. +Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und +ließen den Marco in einer Blutlache zurück. + +Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen. + +Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine +Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf. + +Marco öffnete die Augen und sagte: + +-- Ich bin im Paradies. + +Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen +konnte und sagte ihm: + +-- Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht. + +Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch +aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue +Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten +die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache, +oder wurden sie abgelöst -- dies blieb für den Kerker ein Rätsel. + + + +7. + + +Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften. +Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia. + +Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre Schmerzen nicht länger +verbeißen konnte. Die alte Vanozza erfaßte die Sachlage und hieß sie +näherrücken. + +Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind. + +-- Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, -- es wäre ein prächtiger Halunke +geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu +werden. + +Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte. + +-- Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria. + +Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den +kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend +wohin fort. + + + +8. + + +Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen: + +-- Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste, +den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines +Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin +deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre +ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust +gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, +die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der +Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und +wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon +unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein +Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch +nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich +ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch +der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub +mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden +kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache +der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke +vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen +wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für +dich emporzusenden. + +Jedoch Marco entgegnete ihr: + +-- Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei's im Traum +oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du +ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner +Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche +Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde +zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der +Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine +glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der +taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle, +nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist +meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller +Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der +kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht +mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke. + +Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm: + +-- Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau? + +Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr: + +-- Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich +dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den +kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen. + +Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die +beiden auf den Knien voreinander lagen. + + + +9. + + +Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig +ertragen, die Ungläubigen in einem Lande zu wissen, in dem sonst der +Stellvertreter Christi sich beständig aufhielt. Alfons, der Herzog von +Calabrien und Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken +aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein +gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ kirchliche Geräte einschmelzen und +zu Münzen umprägen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe. +Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn. + +Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der +Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans +Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß. +Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner +die wohledle Stadt Otranto ein. + +Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro, +der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den +Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem +Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und +unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe +und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke +Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und +kleideten sie in leichtes feines Linnen. + +Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am +Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere +Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als +ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und +als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und +schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr +sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein. + +Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich +langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene, +jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine +Erscheinung ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer +Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte sich, bei ihnen nicht +einmal im Gedanken zu verweilen. + + + +10. + + +Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und +wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König +Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen +Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr +Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über. +Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den +Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte +es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre +Hand bewarben. + +Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude +errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in +einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. +Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und +eine rote phrygische Mütze. + +Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es +Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte +sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und +erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß +ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie +Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte. + +Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung, +frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren +ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein +goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide +zierte ihren Hals, und auf die Stirne fiel ihr ein Diamantschmuck herab. +Sie saß in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit. + +Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor +einer edlen Signora gewiß tun mußte. + +Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie +ihn: + +-- Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt? + +Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen +und entgegnete: + +-- Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen +Waren aus Otranto nach Neapel. + +-- Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia. + +-- Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen +Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie +in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker. + +Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur: + +-- Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du +einen selbständigen Handel beginnen kannst. + +Marco senkte den Kopf. + +-- Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung +kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem +Namen zu benennen. + +Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um +die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war, +sagte Julia zu der Monna Lucrezia: + +-- Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater +teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt +überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine +Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in +Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen. + + + + +Die letzten Märtyrer + + + +Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief + + + +Diesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund Alexander Athanatos nach +seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene +fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er +verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und +vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. Erst nach dem +tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen +zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser +Erzählung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen +Briefes. + +Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte +eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen +geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhänger heute die »Welt-Revolution« +nennen, vor sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen +anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natürlich nur +einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwürdigen Tage +des Aufstandes geschah, sind dafür aber für einige Fakten die einzigen +Quellen, aus der künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das +Bewußtsein dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, seine Worte +mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, ungeachtet eines gewissen +blütenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu +bleiben. + +Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine +Dankbarkeit auszudrücken und meine Freude darüber, daß es auf der Erde noch +einen Ort gäbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo +man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt zu einer +Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären Regierung neigen. + + + +1. + + +Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig +unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen dunkle Gerüchte, es wäre +zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten +unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen. +Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte +beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem +Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine +Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von +Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte +nicht. + +Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus. + +Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die +auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein +Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam +es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe. +Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen. + +Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. Ich zögerte an der +Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war. +Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener +Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in +panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten +werden. + +Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des +Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen +Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses +Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen. +Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen +roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich. + +Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich +widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die +Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die +Regierung alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung +ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und +eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen, +daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben. + +Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel +der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben +jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der +dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das +Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der +Leute. Neues Kreischen übertönte den Lärm und betäubte, fast wie ein +körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite +Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . . + +Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen, +auf alle Volksansammlungen zu schießen. + +Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden +Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die +durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute +zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden +mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue +hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der +Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man +verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard +hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht. + +Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären. + +Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren +organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen, +trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene +Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die +Menge beruhigte sich. + +Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich und +unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel +der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich +stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den +allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu +mir zu fliegen. + +Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens +nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im +ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt: +überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über. +Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, -- alle die der +gestürzten »uns allen gleich verächtlichen« Regierung anhingen. Daß über +diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei. + +Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende +hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes. + +Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. Ich dachte, die +Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren, +der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen +Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem +Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich +plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer. +Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend. + +Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber +mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand +das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines +jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum +Heiligtume gemacht hatte. + +Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der +allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche, +da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wünschten, eine +Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die +sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in +der Art von jenem, dem ich beiwohnte. + +Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven. + +Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmählich an den +Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen erinnernd, tastete ich mich bis +zum Eingang unseres Domes durch. + +Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer. + +Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein. + + + +2. + + +Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt. + +Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen Hölle drängten +die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel +veranlaßte alle, zu flüstern. Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes +in all dem leisen Gespräch. + +Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und +Lycius und alle und alle. Man begrüßte sich mit mir. Ich fragte Adamant: + +-- Was denkst du von all diesem? + +Er antwortete mir: + +-- Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener +neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende +währte. Dies ist die Ära neuen Lebens, welche unsere Epoche mit den Zeiten +des russisch-japanischen Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im +Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den +zwei Welten werden von diesen gigantischen Mühlsteinen zu Staub zermalmt +werden. + +Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch +riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten sich ins Unendliche. Die Symbole +unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der +Finsternis. + +Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen. + +Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen. + +Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich +neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene, +selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine +Brust und sagte: + +-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit zu leben. +Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor. +Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann +nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele +neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen +verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir, +Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und +ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will +lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer +Brüderlichkeit! + +Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich +suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln, +unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre +übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie +aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz +gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hörte mich nicht. + +Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die +Köpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius. + +Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter +vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken +fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng. +So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine +Stimme drang in die Seele wie Wein. + +-- Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der Tag der Freude. +Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins, +und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch +unbewußt, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man +in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Für uns aber ist +jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der +Ewigkeit. Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem +Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung unsere Körper +geißelten und wie der Schmerz die Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte. +Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit +öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum blendenden +Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brüder! Der Augenblick +letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und +noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr +letzten Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe +Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern! + +Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des Theodosius sowohl wie +in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden +alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte +heroische Ausrufe. + +Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel. +Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den dumpfen Raum, strömte zwischen uns +hin, verflocht uns alle mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein +vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres großen Poeten rissen sich +unwillkürlich von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt +im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines großen Orchesters, +Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das ewige Rätsel, preisend schöpferische +Leidenschaft. + + + +3. + + +Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der +Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum +erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war +Vorsitzender. + +Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war +hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle +Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon +verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche +Regierungsgebäude -- das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur -- +nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten +betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes. + +Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich +zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen. + +Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein +Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der +Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt, +die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte +das Geheime Gericht zum Tode verurteilt. + +Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte: + +-- Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen +wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden +hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die +Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch +die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir +ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal. + +Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier +mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle +sich langsam in Asche verwandelte. Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein +Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen. + +Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der +zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine +Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das +Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem +gesellschaftlichen Leben unschädlich sei. + +Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt +waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei +Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig. +In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus. + +Dieses sprach Theodosius: + +-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache. +Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung +verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von +vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure +Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der +Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns +zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer +Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer +Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme +jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch +zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende +Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der +Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten +Stengel und Blüten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere +Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf +den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen +entgegennähmet. + +Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und +Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte +Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein +biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein +Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums, +inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt +werden, den Raubtieren zum Zerfleischen. + +Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius: + +-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche +zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren +eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der +großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen +Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von +unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit +gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil +abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In +uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu +gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal +zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu +schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir +sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden +wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige, +das ist das Schwert in unseren Händen! + +Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien: + +-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die +Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure +Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den +Marmor des Altertums zerschlägt! + +Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone: + +-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen +Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch +in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr +durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist +alles. + +-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius. + +-- Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und +euch alle werden die Trümmer begraben. + +Der Abgesandte entfernte sich. + +-- Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste +Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit +unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt! + +-- Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon +Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder +nicht, -- ist ihnen unwichtig. + +Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend +hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen. + +-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergießen, nicht _fremdes_. +Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die +purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen +Flügel des Zornes und der Rache. + + + +4. + + +Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden +Wintertages. + +Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch +eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen. + +Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten. + +Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so +feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so +verzückend. + +Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie +mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch +geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend, +nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor +der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel. + +Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein +jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch +die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei. + +Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel +anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr +angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den +Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden +hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen. + +Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz. +Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war +trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet. +Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der +Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im +Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, -- Hero. Und schon +entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem +Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit. + +Da ertönte die Stimme des Theodosius. + +-- Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen. + +Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem +Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen +Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er +sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie +Ganymed, licht wie Balder. + +Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde +vorgezogen. + +Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an. + +Und Theodosius verkündete uns: + +-- Es ist vollbracht. + +Er erhob den Kelch und segnete uns. + +Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft, +seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im +plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen, +die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen, +waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit +tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen, +alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher +Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter +sind. + +O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des +Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache, +vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem +Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren. + +Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten +Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward +den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die +rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen +Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang +von der Straße her bis zu uns. + +Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der +Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln +durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht +ertragen, das sich hier ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die +angegebene Zeit nicht ein. + +Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand +gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma +wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim +Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht +geringer. + +Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel, +während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme; +einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen. + +Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie +Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen. +Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung +lösen. + +Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden, +wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als +würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir +die Wahrheit unseres Glaubens. + +Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten, +drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im +letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende +Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter +Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon +starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der +Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden. + +Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz +verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden +war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter +Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer +Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den +Schwestern. + +Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein +das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den +tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den +unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte: + +-- In deine Hände befehle ich meinen Geist! + + + + +Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . . + + + +Memoiren eines Psychopathen + + + +Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich +wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich +gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte +Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere +Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin +auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach +Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man +gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die +den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der +Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm +Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche +Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu +dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die +Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur +eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles. + +Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das +Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und +nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert +ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß +zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel +annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich +von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und +Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die +gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht, +von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des +gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch +dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht +Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse +werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind +Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht, +und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der +Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine +Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig +deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben +hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend +eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den +letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend +etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun. + +Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im +Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt +auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß +überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng +gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von +diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon +seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, +in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich +erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich +mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich +mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen +Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung +plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor +mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene +Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher +Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals +mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts +den Traum. + +Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der +Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fähigkeit, es künstlich +hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als +der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit +süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren +Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet, +beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen +und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene +Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich, +welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es +nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich +plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem +Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des +Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger +Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen, +die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich +Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke, +um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche +auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden +über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da +erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien. + +Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der +Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals +um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem +Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich +den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel: +nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum +zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die +Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller +Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich +begann sich mein nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und +Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu +übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses +Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen +Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu +gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit +durchleben. + +Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war +irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer +zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern. +Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate: +Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der +Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, +glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die +Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen +Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich +wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, +öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es +Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden +sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte +ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen +ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner +Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche, +Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht +einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder +auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs +war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf +ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach +meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit +Verrenkungen führten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich +meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche. + +Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es +war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich +für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt +zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich +hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau +wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens +würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung +würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich +in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in +allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören +werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen +Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann +zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über. + +Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark +das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der +Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich +in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch +das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine +Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele +eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht +anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten +mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der +Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres +Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und +Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen +regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, +inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich +gewöhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In +der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu +freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit. + +Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach +anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit +betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der +Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen +Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen +Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig +mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir +anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine +Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr +Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte +sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war +bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte +ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das +Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht +entfliehen. + +Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große +religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite +Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort +auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis +vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen +würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie +zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten +Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt. +Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei +dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein +mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde +müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram sie +zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die +früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte +mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten +widersprachen. + +Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich +meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab, +irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, +verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um +mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des +Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich +durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und +Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume +erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent +und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und +unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, +aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die +alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von +außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten +Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die +Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und +alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber. +Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in +denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war, +und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und +Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos. + +Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume +zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes +Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den +mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß +ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich +alles ausführen könne, wonach ich verlangte und daß es doch nur ein Traum +bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da +konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen. +Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich +zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewöhnt war, +die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter +Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich +selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen. + +»Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schläft jetzt +und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.« + +Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es +kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen, +sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal +ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: »dies alles +ist in meiner Gewalt.« Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel +funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch +ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer. +Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett +heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so +mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett +herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie +sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten +konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem +Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das +Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu +küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre. + +Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes +Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und +doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie +wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, lieben +und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte, +preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien +konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner +Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich +fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich +mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer +Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen +Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer +nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und +Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das +klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in +ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die +Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte +ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die +Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle +durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu +atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. +Ein wenig später war sie schon unbeweglich. + +Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort +zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle +Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers +plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf +meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging +nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir +auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit +Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des +Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen +kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie. + +Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im +Traume geschah. + + + + +Im Spiegel + + + +Aus dem Archiv eines Psychiaters + + + +Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte +und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe +blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und +den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen +Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor +Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann +ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig +verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich +gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in +einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue +erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich +diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen +abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch +zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren. +Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche +getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an +und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis. + +Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel +herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte +mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide, +und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle +Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben +mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum +daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In _dieser_ +Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind, +da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen +kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht +völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine +dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte, +was _ich_ nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig +meinem Verstande verborgen war. + +Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm +eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei +Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in +verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die +alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In +meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen +mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg +sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die +verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der +viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle, +kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere +Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, +vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem +Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen, +die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. +Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis +dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in +dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge. + +Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich +haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu +vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum +vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte, +daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen +gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen +bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast +freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren +kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit +neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es +auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über +mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den +Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, +versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem +Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte, +daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter +einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an. + +Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf +irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in +Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der +Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der +geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und +schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah, +schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen +Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht +zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es +in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich +sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner +Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir, +wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris +spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein +Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine +Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß +mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das +Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer. + +Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser +Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit +meinem Manne im Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr +lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich +kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im +selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir +entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere +Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den +meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der +Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend, +hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu +besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan +zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu +sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der +Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein +verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf +und ging hinaus. + +Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese +Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu +verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war +ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für +mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer +Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich +ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich +mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb +immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und +siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, +noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren +Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen, +und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes. +Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu +fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu +verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich +dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher +zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte +ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und +mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend +einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber +das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so +erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage +gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns +zu enden. + +Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit +jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer +und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die +Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir +täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen +Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein +Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte, +mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden +Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege +mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren +geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere +Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern. +Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze +Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und +wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu +enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu +sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging. + +Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens. +Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die +Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie +gewöhnlich betrat ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde. +Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte +mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf, +rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich +anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die +Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin +in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von +uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. +Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen +mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an +anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß +ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm +mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und +Willenslosigkeit. + +Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor +dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen +her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat +einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre +Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden +Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich +schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, +trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen +meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun +endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich +hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten +würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den +anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem +Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen. + +Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten, +erstarb ich förmlich vor Abscheu. Aber _sie_ faßte mich gewaltig an den +Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als +wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren +Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr +gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke +berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die +ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse. +Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist, +und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das +ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und +lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung +erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr +triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz +erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur +Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des +Nichtseins. + +Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn +auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen +voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen, +fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten +nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu +atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel +herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in +die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich +denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein +des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende +Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen, +zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte +den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und +wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören. + +Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich +wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis +meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen. +Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor +mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte +sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie +sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre +Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte. +Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht +antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte +Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den +Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das +Nichtsein. + +Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die +Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine +Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen +Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen +in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu +schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die +Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese +Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr +nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig +mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich +mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte. +Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche +Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten +wurde, nicht stärker als diese Erscheinung? + +Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der +Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle +Süßigkeit des Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte, +reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses +Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue +Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand +tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur +eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald +spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit +meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten +Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich +führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor +meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu +denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte +sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich +nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache! + +In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich, +mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu +beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder +zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und +schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des +Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich, +meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du +dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_ +führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann +einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine +Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den +Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln +bemerkte, war es schon zu spät. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem +Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, +wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie mir +gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen +Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener +Fächer. + +Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich +an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir +gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger +Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber +hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses +von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch +ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war +mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses +ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die +mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war +mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in +einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte +die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte +und was mich erschreckte. + +Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir +Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer +süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß +sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum +Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen +erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den +Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe +erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle +des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht +meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit +eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit +einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur +Wirklichkeit befreien wollen. + +Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr, +meiner Gegnerin, zurief: »komm her!« Ich hypnotiserte und magnetisierte sie +mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so +wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das +Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt. +Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: »komm! +. . .« Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind, +öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte +sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie +zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte +ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde. + +Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte +und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren +wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre +Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein +Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie +vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich +ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche +die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel +taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich +unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom +unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem +Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft +und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau +nieder vor Ermattung. + +Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß +man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für +immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein. + +Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem +Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange für +krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles, +was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren +Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem +ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes +Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier +bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon +ausführen muß. + +Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin. +Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen +ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches +Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die +dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild. +In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die +mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer +im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben. +Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die +letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal, +das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen, +um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine +Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle +Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar +und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich +muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . . + + + + +Das Köpfchen aus Marmor + + + +Erzählung eines Landstreichers + + + +Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich +intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen +Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem +Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann +aber erzählte er mir doch sein Leben. + +-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer +ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine +ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte +ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine +Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage. +An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in +meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den +ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu +Nina steht. + +Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß. +Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber +wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so +besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus +ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles +alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so +phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer, +schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab. + +Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so +ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der +so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, +dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich +einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie +selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, +lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo +zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: »Ich weiß, du, mein Glück, +wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch +gelebt.« O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und +ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht. + +Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir +lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine +romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr +schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich +dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach +dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche +von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. +Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre +Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich +vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe, +begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als +wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen +Menschen, so zu vergessen. + +Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich +Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren +Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im +Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb; +mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott +verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich +trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich +verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich +bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren +beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in +den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die +Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer, +das Schicksal würde sich ändern, ich würde wieder reich werden. Meine neuen +Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten. + +So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe +herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich +ruft mich ein Koch an: »Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?« »Das +bin ich,« antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht +machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung +und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab +mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer +Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will +meinen Augen nicht trauen: es war Nina! + +Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort +begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und +frage: »Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen +ist?« »Das,« antwortet sie, »ist eine sehr teuere Sache, die vor +fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.« Nannte mir auch den +Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies +Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze +diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett +entstanden. »Sagen Sie mal,« fragte mich die Gnädige, »gefällt Ihnen das +Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,« sagt +sie, »sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .« und schwatzt! +und schwatzt! + +Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war +ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie +mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts +diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren +schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase +und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das +schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder +ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die +andere -- in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf +gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele +nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht +bezweifeln. + +Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze +Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines +Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte +und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen +zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so +wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest. +O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen. +Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang, +in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich +erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war +ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem +zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken +befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der +Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung. + +Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu +sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie +stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch +es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem +Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer, +knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer +aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich +glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich +mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes +Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt +hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im +Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern +schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe +des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich +dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus, +gnädiger Herr! + +-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen. + +-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine +Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina +denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis? + +Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen +verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch: + +-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur +mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte +dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah? + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES *** + +***** This file should be named 38518-8.txt or 38518-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/1/38518/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Republik des Südkreuzes + Novellen + +Author: Waleri Brjussow + +Translator: Hans von Guenther + +Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%;"> +<img src="images/title.jpg" alt="Titel"/> +</div> + +<div class="trnote" style="page-break-before:always"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<h1> +<span style="text-transform:uppercase; page-break-before:always;"> +Valerius Brjussoff<br /> +<span style="font-size: smaller"> +Die Republik des<br /> +Südkreuzes<br /> +Novellen +</span> +</span> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size: 150%"> +München 1908<br /> +Verlegt bei Hans von Weber +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="copyright"> +Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus +dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt. +Den künstlerischen Schmuck zeichnete +Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar +Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden +auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes +Leder gebunden und handschriftlich numeriert. +</p> + + +<p style="page-break-before: always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Republik des Südkreuzes</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Schwestern</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Im unterirdischen Kerker</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die letzten Märtyrer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Im Spiegel</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Das Köpfchen aus Marmor</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 007 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Die Republik des Südkreuzes</h2> + +<p class="sub">Artikel der Spezialnummer des „Nordeuropäischen Abendblattes“</p> + +<!-- page 008 --> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropI-008"><img src="images/008.jpg" alt="I" /></span> +<span class="hidden">I</span>n letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen +jener entsetzlichen Katastrophe, +welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte. +Sie sind einander überraschend unähnlich und +geben nicht wenig offenbar phantastische und unwahrscheinliche +Begebenheiten wieder. Die Zusammensteller +dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich +zu leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner +der Sternenstadt, die sich gerettet hatten, und die, was +ja bekannt ist, <i>alle von einer psychischen Störung betroffen +wurden</i>. Darum also halten wir es für nützlich und +zeitgemäß, die Summe aller <i>glaubwürdigen</i> Nachrichten, +die uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt +wurden, zu ziehen. +</p> + +<p>Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa +vierzig Jahren aus 300 in den südpolaren Gebieten gelegenen +Stahlfabriken. In einem Zirkular, das allen Regierungen +des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat Ansprüche +auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen +Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren +Kreises lagen, wie auch auf jene Teile dieser Länder, die +über dieses Gebiet hinausragten. Er erklärte sich bereit, +diese Länder von den Regierungen käuflich zu erwerben, +unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der +neuen Republik begegneten keinem Widerstand von seiten +der fünfzehn Großmächte der Erde. Einige strittige Punkte +betreffs weniger Inseln, die außerhalb des Polarkreises lagen, +dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten, erforderten +besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener +Formalitäten wurde die Republik des Südkreuzes in die +Familie der Weltherrschaften aufgenommen und ihre Vertreter +bei den in Frage kommenden Regierungen akkreditiert. +</p> + +<p>Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt +erhielt, war am Pole gelegen. An jenem gedachten +Punkte, den die Erdachse berührt und wo alle Meridiane +zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die +Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels +<!-- page 009 --> +emporgerichtet. Die Straßen der Stadt entfernten sich vom +Rathaus in der Richtung der Meridiane, und die Meridionalen +wurden von anderen durchschnitten, die in der Richtung +der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere +aller Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten +keine Fenster, denn das Innere der Gebäude war durch +Elektrizität beleuchtet. Elektrizität beleuchtete auch die +Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der +Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, +in das mächtige Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen +Erneuern der Luft. Jene Länder des Erdballes +kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs Monaten +und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch +die Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen +und klaren Lichte beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen +Jahreszeiten die Temperatur auf den Straßen künstlich auf +der gleichen Höhe gehalten wurde. +</p> + +<p>Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner +die Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze +übrige Bevölkerung der Republik, die auf 50000000 geschätzt +wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und Fabriken. +Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen +von Millionen Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an +die Sternenstadt. Dank einer geistvollen Anwendung elektrischer +Kraft, waren die Einfahrten aller offenen Häfen das +ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene Hängebahnen +verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander +und auf ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen +und Millionen Kilogramm Waren aus einer Stadt in die +andere befördert. Was das Innere des Landes anbetrifft, so +blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die +durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten +vorbei, die im Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten +von spärlichem Grase bewachsen waren. Wilde +Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das Leben +fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher +war das angeregte Leben in den Hafenstädten +<!-- page 010 --> +und Fabrikzentren. Um einen Begriff von diesem Leben zu +geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten Jahren etwa <i>sieben +Zehntel</i> allen Metalles, das auf der Erde zutage gefördert +wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung +gelangten. +</p> + +<p>Die Konstitution der Republik schien äußerlich die +völlige Verkörperung von Volksherrschaft darzustellen. Als +die einzig voll berechtigten Bürger galten die Arbeiter der +metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung +bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das +Leben der Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen +möglichen Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. +Zu ihrer Verfügung standen außer den wundervollen +Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische noch die verschiedensten +Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken, +Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. +Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. +Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische +und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller Religionen bekümmerte +sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller +ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz +sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten +allerdings für ihre Arbeit keine Geldentschädigung; doch die +Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik +gedient hatten, wie auch jene der im Dienste gestorbenen +oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche lebenslängliche +Pension unter der Bedingung, die Republik nicht +zu verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem +Wege allgemeiner Stimmabgabe Vertreter gewählt für die +gesetzgebende Kammer der Republik, die alle Fragen des +politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings das +Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern. +</p> + +<p>Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche +Tyrannei der Mitglieder und Begründer des früheren +Trustes. Den anderen die Plätze der Deputierten in der +Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre Kandidaten +zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates +<!-- page 011 --> +dieser Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische +Leben des Landes. Sie empfingen alle Bestellungen und +verteilten sie an die Fabriken; sie kauften Material und Maschinen +für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in +den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen +Geldes, die nach Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer +hatte immer nur die ihr vorgelegten Quittungen der +Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung zu bestätigen, +obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das +ganze Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des +Direktorenrates auf die internationalen Verhältnisse war ungeheuer. +Seine Entschlüsse konnten ganze Länder arm +machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst +von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen +Erde. Gleichzeitig war, wenn auch nicht so direkt, der Einfluß +des Rates auf die inneren Geschicke der Republik immer +entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im +Grunde nur gehorsam den Willen des Rates. +</p> + +<p>Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches +Reglement des ganzen Lebens im Lande in seinen +Händen erhalten. Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche +Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert. +Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden +nach ein und demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. +Die Ausstattung aller Räumlichkeiten, die den Arbeitern +zur Verfügung standen, war bei all ihrer Pracht +doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche +Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher +hergaben, war unveränderlich und immer zehn +Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten Stunde, die +ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet, +aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war +einer strengen Zensur untergeordnet. Kein Aufsatz, der +gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. +Übrigens war das ganze Land so sehr von der +Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer +sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. +<!-- page 012 --> +Alle Fabriken waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten +Unzufriedenheit mit dem Rat beeilten sich diese +Agenten auf eilig versammelten Meetings, in leidenschaftlichen +Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der wirkungsvollste +Beweis war natürlich jener, daß das Leben der +Arbeiter in der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand +des Neides sei. Man sagt auch, daß der Rat, im Falle unentwegter +Agitation einzelner Personen, einen politischen +Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange +die Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch +kein Direktor von den Bürgern in den Rat gewählt, der den +Gründern feindlich gewesen wäre. +</p> + +<p>Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich +aus Arbeitern, die ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, +sozusagen, Rentiers des Staates. Die Regierung gab ihnen +Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist es +nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der +fröhlichsten Städte auf der Welt kam. Für verschiedene +Entrepreneure war dies ein gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten +der ganzen Welt trugen ihre Talente hierher. +Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; +hier erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine +der Sternenstadt überraschten durch reiche Auslagen, +die Restaurants durch Pracht und Erlesenheit der Gedecke; +die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des Lasters, +welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem +war das von der Regierung ausgehende Reglement des Lebens +auch in der Sternenstadt zu bemerken. Es ist wahr, die +Ausstattung der Wohnungen, die Moden der Gewänder waren +nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des Ausgehens +nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die +Strenge der Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine +ganze Armee von Spionen. Die Ordnung wurde offiziell von +der Volkswacht aufrecht erhalten, doch Seite an Seite mit +ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden Rates. +</p> + +<p>In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der +Republik des Südkreuzes und ihrer Hauptstadt. Aufgabe +<!-- page 013 --> +eines künftigen Historikers dürfte es sein, zu bestimmen, in +wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung +jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange +der Sternenstadt führte und vielleicht auch zu dem des ganzen +jungen Staates. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Die ersten Fälle einer Erkrankung am „Widerspruche“ +wurden schon vor etwa 20 Jahren in der Republik bemerkt. +Damals trug diese Krankheit noch einen zufälligen und +sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und +Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue +Beschreibung und es wurden ihr auch auf dem damals +in Lhassa stattfindenden internationalen Medizinerkongreß +mehrere Berichte gewidmet. Allein man vergaß sie später, +obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der Sternenstadt +niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen +Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten +beständig sich selbst und ihren Wünschen widersprachen, +das eine wollten, aber ein ganz anderes sagten oder taten. +(Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist mania contradicens.) +Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten +Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher +Aphasie. Der Erkrankte sagt anstatt „Ja“ — „Nein“; an +Stellen von freundschaftlichen Worten, überschüttet er den +anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils beginnt der +Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in +Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich +nach rechts; gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser +sehen zu können, so drückt er sich ihn um so tiefer in die +Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der Krankheit erfüllen +diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische +Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit +und der individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend +auftretend. Im allgemeinen sind die Reden des +Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch die +<!-- page 014 --> +Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus +wird gestört. Das Unvernünftige seines Handelns +erkennend, gerät der Kranke in äußerste Erregung, die oft +an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben durch Selbstmord, +was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen +aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige +sterben durch einen Bluterguß ins Gehirn. Fast immer +führt die Krankheit zu einem letalen Ende; Fälle der Wiederherstellung +sind äußerst selten. +</p> + +<p>In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst +in den mittleren Monaten dieses Jahres ihren epidemischen +Charakter an. Bis zu dieser Zeit war die Zahl der an Widerspruch +erkrankten niemals größer als 2 Prozent der überhaupt +Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai +(dies ist ein Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf +25 Prozent und wurde in den folgenden Monaten immer +größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl der Erkrankungen +proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren +schon 2 Prozent der <i>ganzen Bevölkerung</i>, d. h. +etwa 50000 Menschen offiziell als am Widerspruch erkrankt +erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen Daten. Die +Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte +war bald zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte +sowie die Krankenwärter der Krankheit erlagen und sehr +bald schon war es vielen Kranken unmöglich, ärztliche Hilfe +zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung +der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte +aller Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits +im Juli keine Familie mehr sehen konnte, in der nicht ein +Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, daß die +Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine Massenemigrierung +aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, +begann, und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich +denken, daß jene nicht weit von der Wahrheit entfernt sind, +welche behaupten, daß schon im August <i>alle</i>, die in der +Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer psychischen +Störung ergriffen waren. +</p> +<!-- page 015 --> + +<p>Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den +dortigen Zeitungen verfolgen, die das alles in eine ständig +anwachsende Rubrik eintrugen: Mania contradicens. Da es +so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten Stadien zu +erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie +voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur +der Metropolitaine nahm kein Geld von den Passagieren, +sondern zahlte es ihnen. Ein Straßenwächter, dessen Pflicht +es war, die Bewegung auf der Straße zu regulieren, hemmte +und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein Museumsbesucher +nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle +Bilder herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine +Zeitung, deren Korrektur von einem erkrankten Redakteur +gelesen wurde, war voll lächerlicher Versehen. Im Konzerte +störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch fürchterliche +Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. +Eine lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten +Stoff zu witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse +anderer Art brachten bald die Spötter zum Schweigen. Das +erste bestand darin, daß ein Arzt, der am „Widerspruch“ +erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel +verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage +waren die Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann +waren es zwei Ammen, die im Stadtkindergarten in einem +Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern die Gurgel +durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte +die ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte +aus dem Hause, in dem die Stadtmilizen einquartiert +waren, eine Mitrailleuse und überschütteten die friedlich +wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 Menschen +wurden getötet oder verwundet. +</p> + +<p>Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die +ganze Gesellschaft stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen +die Epidemie zu verlangen. In einer Extrasitzung des Stadtrates +und der gesetzgebenden Kammer wurde beschlossen, +Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern, +sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu +<!-- page 016 --> +eröffnen, sowie Häuser zur Isolierung der am „Widerspruch“ +Erkrankten zu gründen, eine Broschüre über die neue +Krankheit, in der auf alle Anzeichen und Heilungsmethoden +hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken +und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle +Jouren von Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie +auch regelmäßige Besuche in den Privatquartieren zum +Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch beschlossen, +täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen +Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel +gegen die Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche +Mittel wurden gleichzeitig auch von verschiedenen +Privatassoziationen, Vereinigungen und Klubs ergriffen. Es +wurde sogar eine besondere „Gesellschaft zum Kampf mit +der Epidemie“ begründet, deren Mitglieder schon bald eine +wirklich aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet +dessen, daß all diese und ähnliche Mittel mit unermüdlicher +Energie durchgeführt wurden, wurde die Epidemie +nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in +gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, +arbeitende Menschen und solche, die sich erholten, Asketen +und Wüstlinge. Und bald wurde die ganze Gesellschaft von +unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen unerhörten +Nöten ergriffen. +</p> + +<p>Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten +sich einige aus der Zahl der hervorragenden Beamten, +Direktoren, Mitgliedern der gesetzgebenden Kammer und des +Stadtrates, ihre Familien in die südlichen Städte Australiens +oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann +die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr +gerne „die allerlustigste Stadt der Südhemisphäre“ besuchten, +Artisten aller Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, +Frauen von leichter Aufführung. Als die Epidemie trotzdem +neue Fortschritte machte, flohen auch die Kaufleute. +Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine überließen +sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die +Bankiers, die Besitzer von Theatern und Restaurants, die +<!-- page 017 --> +Herausgeber von Zeitungen und Büchern. Endlich trat +die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung heran. +Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik +nicht ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, +unter Androhung des Verlustes der Pension. Doch um +sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese +Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen +Behörden dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, +es flohen die Schwestern in den Krankenhäusern, +die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu fliehen, +wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen +konnten. +</p> + +<p>Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig +von riesigen Volksmengen umlagert. Die Billette zu den +Zügen wurden für enormes Geld gekauft, und es wurde um +sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges brachen +neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten +Plätze nicht ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke +bestimmten Züge an, zogen sie aus den Waggons, nahmen +ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu fahren. +Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik +arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die +Hauptstadt mit den Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt +kommenden Züge waren überfüllt; die Passagiere +standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen, +obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen +Bahnen die Gefahr des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien +Australiens, Südamerikas und Südafrikas +machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt +der Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur +Sternenstadt aber fuhren die Züge fast leer. Für kein Geld +konnte man Menschen bereit finden, einen Dienst in der +Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische +Touristen und Liebhaber starker Emotionen die +verseuchte Stadt. Man hat berechnet, daß vom Beginn der +Emigrierung bis zum 22. Juni, als der regelmäßige Bahnverkehr +aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt +<!-- page 018 --> +auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der +gesamten Einwohnerschaft. +</p> + +<p>In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, +Horace Divile, durch seine Unternehmungslust, Willenstärke +und Männlichkeit ewigen Ruhm erworben. In der Extrasitzung +vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im Einvernehmen +mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile +die diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des +Befehlhabers, übergab ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die +Volksmiliz und die städtischen Unternehmungen. Hierauf +wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv aus der +Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name +Horace Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten +Namen der Menschheit geschrieben werden. Im +Verlauf von 1 ½ Monaten kämpfte er unablässig mit der fortschreitenden +Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, sich +eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter +der Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen +vor der allgemeinen Not ergriffen hatte, und deren Zahl +durch die Epidemie fortwährend dezimiert wurde, noch lange +die Disziplin und Subordination aufrecht zu erhalten. Hunderttausende +verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es +ihnen nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen +gelang. Anderen Tausenden von Menschen erleichterte +er die letzten Tage, gab ihnen die Möglichkeit im +Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen +der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der +Menschheit die Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn +nicht anders kann man diese kurzen aber inhaltsreichen und +genauen Telegramme nennen, die er täglich und auch mehreremale +am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen +Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach +dem Nordischen Port. +</p> + +<p>Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers +war Diviles erstes Werk der Versuch, die aufgeregten Gedanken +der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab Manifeste +heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung +<!-- page 019 --> +am ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden +und gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen +und Nervösen den Einfluß ihrer Autorität geltend zu +machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung mit der +„Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie“ und verteilte +unter deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, +Märkte, Straßen. In diesen Tagen verging +kaum eine Stunde, in der nicht an irgend einem Orte eine +Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte +man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, +deren Benehmen offenkundig ihre Abnormität bewies. Größtenteils +hatten die Kranken, die ihren Zustand erkannten, +den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. +Aber unter dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte +sich dieser Wunsch in feindliche Handlungen gegen die in +der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten zu sich nach +Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen +in die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, +jemand um Trost zu bitten, statt dessen packten sie die zufällig +Vorübergehenden an die Gurgel, würgten sie, schlugen +und verwundeten sie oft mit Messer oder Stock. Deshalb +flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte, +der vom „Widerspruch“ befallen war. In solchen Minuten +kamen die Mitglieder der „Gesellschaft“ zu Hilfe. Einige von +ihnen überwältigten den Kranken, beruhigten ihn und transportierten +ihn in das nächstliegende Krankenhaus; die anderen +beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr +vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, +mit dem alle nach dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten. +</p> + +<p>In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle +plötzlicher Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. +Anstatt den Sängern ihr Entzücken auszudrücken, stürzten +einige hundert Zuschauer, die in der Oper von plötzlichem +Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene +und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit +einem Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall +plötzlicher Erkrankung im großen dramatischen Theater +<!-- page 020 --> +mehrere Male in den Zuschauerraum. Der Revolver war +natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser +Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum +die Krankheit, die sie schon heimlich ergriffen hatte, +offen aus. Bei dem entstehenden Gewühl, während dessen +die natürliche Panik durch die Handlungen der „Widerspruchsvollen“ +noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen +getötet. Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis +im „Feuerwerktheater“. Die dorthin zur Beaufsichtigung +des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz zündete in einem +Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier, +welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge +kamen nicht weniger als 200 Menschen um. Nach +diesem Geschehnis verbot Horace Divile alle theatralischen +oder musikalischen Ausübungen in der Stadt. +</p> + +<p>Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die +Räuber und Diebe, die bei der allgemeinen Desorganisation +ein weites Feld für ihre Tätigkeit fanden. Man beteuert, +daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die Sternenstadt +aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu +bleiben, simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es +nicht einmal für nötig, den offenen Raub durch Heuchelei +zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die verlassenen +Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen +in die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten +an und nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, +Uhren, Bracelets fort. Zu den Räubereien gesellten sich Gewalttaten +jeder Art und vornehmlich Vergewaltigungen der +Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze Abteilungen +der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in +offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn +unter den Räubern oder den Miliztruppen plötzlich am „Widerspruch“ +Erkrankte auftauchten und ihre Waffen gegen die +Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der Befehlshaber +anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten +sie aus ihren Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. +Da fühlte sich der Befehlshaber genötigt, die Straßenräuber +<!-- page 021 --> +und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. So wurde +nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs +neue die unverhüllte Todesstrafe eingeführt. +</p> + +<p>Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen +der ersten Notdurft fühlbar zu werden. Die Lebensmittel +reichten nicht aus und ebensowenig die Medikamente. Die +Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in +der Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile +organisierte städtische Brotbäckereien und verteilte an alle +Einwohner Brot und Fleisch. In der Stadt wurden allgemeine +Speisesäle nach dem Muster jener auf den Fabriken +eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender +Zahl zu finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis +zur Erschöpfung, doch ihre Zahl wurde stets kleiner. Die +Krematorien hatten den ganzen Tag zu tun, doch die Zahl +der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer, +sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in +den Privatquartieren Leichen aufgefunden. Die städtischen +zentralen Unternehmungen, der Telegraph, das Telephon, die +Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, wurden von einer +stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. Erstaunlich +war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte +er, alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man +denken, daß er keine Ruhe kannte. Und alle, die sich aus +der Katastrophe gerettet haben, bezeugen einstimmig, daß +seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war. +</p> + +<p>Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. +Es waren zu wenig Maschinisten und Kondukteure da, um +die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand auf der Südwestlinie +die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache ein +am „Widerspruch“ erkrankter Maschinist war. In einem +Anfall der Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus +dreißigfüßiger Höhe auf das Eisfeld herab. Fast alle Passagiere +wurden getötet oder verstümmelt. Die Nachricht von +diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie +wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug +ausgesandt. Er brachte die Leichen und die verstümmelten +<!-- page 022 --> +halblebendigen Körper zurück. Doch am Abend desselben +Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß eine analoge +Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun +waren bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt +mit der Welt verbanden, untauglich. Natürlich wurden +aus der Stadt, sowie aus dem Nordischen Port Abteilungen +zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im Winter ist +es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese +zwei Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. +Mit je mehr Furcht die Maschinisten an ihre Sache traten, +desto sicherer wiederholten sie das Vergehen ihrer Vorgänger +in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil sie sich +<i>fürchteten</i>, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es +herbei. Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden +sieben Eisenbahnzüge, die alle voller Menschen waren, in die +Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen fanden dort +ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in +Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen +fanden die Kraft, zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen +(so hießen die elektrischen Bahnen), welche die +Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich geworden, +die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft +der Stadt war von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. +Einige Zeit hindurch verband sie nur noch der +Telegraphendraht. +</p> + +<p>Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine +eingestellt, da es an Beamten mangelte. Am 26. Juni +wurde der Dienst am Stadttelephon eingestellt. Am 27. Juni +wurden alle Apotheken außer der zentralen geschlossen. Am +1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in +die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien +verlassen müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, +sowie das Verteilen der Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen +leichter vor sich gehen könnten. Die Leute verließen +ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren Besitzern +verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums +verschwand. Keinem tat es leid, das seine zu verlassen, +<!-- page 023 --> +keinem kam es eigentümlich vor, fremdes zu benutzen. +Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber, +die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie +setzten ihr Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig +nicht selten in den leeren Sälen verlassener Häuser +ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, in deren Nähe +der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt. +</p> + +<p>Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins +das Leben dennoch seine gewöhnlichen Formen beibehielt. +Es fanden sich noch Kaufleute, die Magazine eröffneten und +aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung entgangenen +Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen, +Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die +Käufer ihr unnütz gewordenes Gold fort, welches die geizigen +Kaufleute dann törichterweise versteckten. Noch gab es +heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken, Lastern, +wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare +Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich +dort mit Gesunden und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, +die dort vor sich gingen, geschrieben. Noch erschienen +zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber bemüht +waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem +allgemeinen Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern +dieser Zeitungen, die schon heute mit dem zehn- und +zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt werden, müssen +einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In +diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns +geschrieben und von halbverrückten Setzern gesetzt +wurden, ist ein lebendiges und furchtbares Bild all dessen +enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte. Es fanden +sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten; Schriftsteller, +welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar +Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern +versuchten, aber die Telegramme, die aus anderen Ländern +kamen, von wirklichem gesunden Leben sprachen, die mußten +die Seelen der Leser, welche dem Untergang geweiht waren, +mit Verzweiflung erfüllen. +<!-- page 024 --> +Man machte hoffnungslose Rettungsversuche. Anfang +Juli beschloß eine riesige Menge von Männern, Frauen und +Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, +zu Fuß den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. +Divile begriff die Torheit ihres Vorhabens, konnte +sie aber nicht zurückhalten und mußte sie sogar mit warmer +Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp, +es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in +den Schneewüsten des Polarlandes, umgeben von schwarzer, +sechs Monate währender Nacht. Ein gewisser Whiting begann +ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er +schlug vor, <i>alle</i> Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann +die Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig +Anhänger, obgleich übrigens in jenen dunklen Tagen selbst +der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste Vorschlag, sofern +er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte. +Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, +brachen in alle Häuser und töteten alle Kranken. In den +Krankenhäusern vollführten sie Massenschlächtereien. In +der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im Verdacht +standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern +gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt +verwandelte sich in eine Arena des Kampfes. In diesen +schweren Tagen bildete Horace Divile aus seinen Mitarbeitern +eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf mit +den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. +Hunderte von Menschen fielen auf dieser und jener +Seite. Zum Schluß wurde Whiting selbst gefangen genommen. +Er wurde als im letzten Stadium der mania contradicens befunden +und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern +ins Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied. +</p> + +<p>Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. +Die Beamten, welche die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation +beaufsichtigten, zerbrachen in einem plötzlichen Anfall +der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische Licht +versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen +tauchten in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung +<!-- page 025 --> +und keine Beheizung außer der elektrischen kannte, +so befanden sich jetzt alle Einwohner in absolut hilfloser +Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er +hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial +hergerichtet. Auf allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. +Die Einwohner erhielten Fackeln zu Tausenden, +doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich die +gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich +oft 10 km lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe +von 30 Etagen hinzogen. Mit Ausbruch der Finsternis +floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle Seelen wurden +von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte +man nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen +die furchtbaren Orgien der verzweifelten Menschen. +</p> + +<p>Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden +des sittlichen Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von +diesen Leuten ab, gleich einer dünnen, wenn auch jahrtausend +alten Rinde, und sie waren wie jene wilden Menschen, +Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde +lebten. Jeder Begriff von Recht verschwand, — nur die +Kraft wurde anerkannt. Für die Frauen wurde der Durst +nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die allerbescheidensten +Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf, gingen +willig von einer Hand in die andere über und redeten die unanständige +Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen +auf die Straße, boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten +ihren Erkorenen in die nächste Türe und gaben sich ihm +auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die Trinker +veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf +achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname +lagen. Das alles wurde durch die Anfälle der noch +immer grassierenden Krankheit noch mehr kompliziert +Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal +überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden +vergewaltigt, andere von Anhängern des Sadismus, die es +plötzlich in großen Mengen gab, gefoltert. Die Kinder starben +in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor Scham und +<!-- page 026 --> +Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich +oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß +sich Unholde gefunden hätten, welche die Kinder fingen, +um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten Menschenfresserinstinkte +zu befriedigen. +</p> + +<p>Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte +Horace Divile natürlich nicht der ganzen Bevölkerung helfen. +Im Gebäude des Rathauses eröffnete er für alle, die noch +ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins +Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen +waren Proviant und Wasser für dreitausend Menschen auf +40 Tage hergerichtet. Doch um Divile sammelten sich nur +etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in der +Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, +doch kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen +sich in ihren Häusern. Viele wagten nicht, auf die +Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen Zimmern +zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit +Hungers starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins +Rathaus Geflüchteten sehr wenig Fälle der Erkrankung am +„Widerspruch“ vorkamen. Divile verstand es, die Disziplin +in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum +letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses +Journal ist zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die +beste Quelle, aus der wir unsere Kenntnisse von der Katastrophe +schöpfen können. Dieses Journal wurde in einem +Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders +wertvollen Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht +datiert vom 20. Juli. Divile berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige +Menge den Sturm aufs Rathaus begonnen habe und +daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven abzuschlagen. +„Worauf ich hoffe,“ schreibt Divile, „weiß ich +nicht. Vor dem Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. +Bis zum Frühjahr kann ich mich mit den Vorräten, die in +meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich werde bis +zuletzt meine Pflicht erfüllen.“ Dies sind die letzten Worte +Diviles. Welch edle Worte! +</p> +<!-- page 027 --> + +<p>Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus +im Sturmangriff einnahm, und daß seine Verteidiger +entweder getötet oder vertrieben wurden. Diviles Leichnam +ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine +einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in +der Stadt nach dem 21. Juli vorging. Nach den Spuren, die +man jetzt bei der Reinigung der Stadt findet, ist anzunehmen, +daß die Anarchie ihre äußerste Grenze erreichte. Man kann +sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen, beleuchtet +vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von +Möbeln und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, +indem man Feuerstein auf Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen +drängten sich in wilder Fröhlichkeit die Scharen von +Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte +die Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen +Szenen viehischer Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle +erwachten in den Instinkten dieser Stadtbewohner, +und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten tanzten +in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen +der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden +Lieder, welche die Horden sangen, wenn sie mit ihren +Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den Liedern, dem +sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten +sich die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit +verloren hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, +und das Stöhnen der Sterbenden, die sich dort +selbst inmitten schon zerfallender Leichname wälzten. Zuweilen +wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um +ein Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß +in einem jener Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen +Handlungen trieben. Entfliehen konnte man +nicht; überall waren dieselben Greuelszenen, dieselben Orgien, +Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut — oder die +absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und +der erregten Einbildung noch unerträglicher. +</p> + +<p>In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer +großer Kasten, in dem noch einige tausende lebender menschenähnlicher +<!-- page 028 --> +Wesen im Gestanke von hunderttausend Leichnamen +vegetierten, wo es unter den Lebenden schon keinen +mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt +der Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und +abscheulichste Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese +Verrückten rotteten einander aus, erdolchten einander, bissen +sich die Gurgeln durch, oder starben vor Wahnsinn, starben +vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen Krankheiten, +deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus +nicht gleichmütig dem furchtbaren Unglück, das die +Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. Doch schon sehr bald +mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, entsagen. +Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art — alles +weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung +der elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung +mit der Stadt unterbrochen, da das rauhe örtliche +Klima keine anderen Verkehrswege gestattete. Außerdem +wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf +Erkrankungsfälle am „Widerspruch“ gelenkt, die in anderen +Städten der Republik auftraten. In einigen von ihnen +drohte die Krankheit gleichfalls epidemischen Charakter +anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die +den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte +zu einer Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten +Punkten der Republik. Auf allen Fabriken wurde die Arbeit +eingestellt und das ganze Handelsleben des Landes erlosch. +Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen +Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum +Stillstand zu bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen +Umfang wie in der Hauptstadt. +</p> + +<p>Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit +die ganze Welt das Unglück der jungen Republik verfolgte. +Im Beginne, als noch niemand das bis zu so unerhörter +<!-- page 029 --> +Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, +war die Neugierde das herrschende Gefühl. Die +hervorragenden Blätter aller Länder (darunter auch unser +„Nord-Europäisches Abendblatt“) entsandten in die Sternenstadt +ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den +Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder +wurden ein Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, +daß Nachrichten bedrohlichen Charakters auftauchten, boten +sofort die Regierungen verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften +der republikanischen Regierung ihre Hilfe +an. Die einen entsandten Truppen, die andern formierten +Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, +aber die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, +daß der größte Teil dieser Operationen nicht zur Ausführung +kam. Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs kamen +als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt nur die +Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden +sofort an alle Weltenden versandt und dort in Millionen +von Exemplaren verbreitet. Nachdem die elektrischen +Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der Telegraph +noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene +Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die +telegraphische Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: +vielleicht waren die Apparate beschädigt. Das letzte +Telegramm Horace Diviles trägt das Datum des 27. Juni. +Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 ½ Monate +lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik. +</p> + +<p>In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut +Thomas Billie auf seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er +fand auf dem Dach der Stadt zwei Menschen, die längst +schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und Hunger +halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die +Straßen in absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde +Schreie, die bewiesen, daß noch Lebewesen in der Stadt wären. +In die Stadt selbst wagte Billie sich nicht herunter. Anfang +September gelang es, die eine Linie der elektrischen Eisenbahn +bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt abliegt, +<!-- page 030 --> +wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit +ausreichendem Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen +versehener Leute gelangte durch das nordwestliche +Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich allerdings +infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht +über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch +Schritt für Schritt machen, die Straßen von Leichnamen +säubern und die Luft durch künstliche Mittel reinigen. Die +Menschen, die sie in der Stadt noch lebend antrafen, waren +bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit glichen +sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. +Endlich, es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige +Verbindung mit der Sternenstadt herzustellen, und +konnte man mit der systematischen Renovierung beginnen. +</p> + +<p>Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von +Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung +sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur +noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß +in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 +Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine +unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr +oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern +von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen. +Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden +sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An +verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden, +die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die +letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält +die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das +Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch +ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen +Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen +Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig +erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles +entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse +in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. +Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den +<!-- page 031 --> +Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man +sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten +machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen. +Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die +des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt +wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen +der Ekstase getötet wurden, und endlich — benagte Körper. +Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im +Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in +unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die +ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie +umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist +zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen, +findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen +Räumen versteckt. +</p> + +<p>Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der +Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist +sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen +beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern +bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und +Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der +früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten +aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen +Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige +Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten +Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei +Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In +kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet +werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist. +</p> + +<p>Das „Nord-Europäische Abendblatt“ hat seinerseits einen +neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt +gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen +neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen +Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden +sollten. +</p> +<!-- page 032 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Schwestern</h2> + +<p class="sub">Ein unaufgeklärter Fall</p> + +<!-- page 033 --> + +<h3 class="no" id="no-2-1">1.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropF-033"><img src="images/033.jpg" alt="F" /></span> +<span class="hidden">F</span>erne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, +so daß es bald schwer wurde, zu unterscheiden, +ob man ihn noch höre, oder ob er nur +in der Erinnerung klänge. +</p> + +<p>Langsam und schweigend kehrten die Schwestern +in den Saal zurück. Keine sah die andere +an. Wußten nicht, was zu sprechen. +</p> + +<p>Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem +beendeten traurigen Abendbrotes, eine kaum angebrochene +Weinflasche, ein kalt gewordener Teekessel. +</p> + +<p>Lydia wagte es, zu sprechen: +</p> + +<p>— Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst +noch nicht. +</p> + +<p>Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte +den Kopf. +</p> + +<p>Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. +Dachten an ein Schneefeld und an ein Dreigespann, das +schnell über die Wege frischen Schnees dahinbraust; dachten +an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern steht; hörten +schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß +die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, +so sehr mit den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . +Dann dachten sie an das ferne Paris, an breite und helle +Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards. Dachten daran, +daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme. +</p> + +<p>Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu +später Reue, schwoll an wie Wasser, strömte über: das quälendste +aller Gefühle. Und in den drei verschiedenen Sprachen +dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten sich selbst, +sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen +letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich +war, nicht den letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu +wagen? Wie, wenn man eilen würde, ihn ereilen, etwas +sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon zu spät? Zu +spät? Zu spät? +</p> +<!-- page 034 --> + +<p>Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten +sie nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten +sie auch nichtssagende Worte aus und es war ihnen nur, als +wenn sie schwiegen. +</p> + +<p>Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz +der wehenden Schneeflocken war noch verwischter die Biegung +des Weges und der Abhang mit dem schwärzlichen +Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne +leblosen Feldes. +</p> + +<p>Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug +gewesen, zu fallen in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein +Wort, ein Anstoß, damit diese drei Frauen aufspringen würden +mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen wie ohne Gefühle +oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um +sich zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen. +</p> + +<p>Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den +Minuten. Nur der Schneewirbel wurde dichter. Nur die +Töne verstummten in dem Häuschen, das die Dienerschaft +bewohnte. +</p> + +<p>Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre. +</p> + +<p>Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von +einander, gingen in ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den +Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann verstummte +auch dies. +</p> + +<p>Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken. +</p> + +<p>Draußen hob der Sturm an. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, +so daß es schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn +höre oder ob er nur in der Erinnerung klänge, ergoß sich +langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich, gewann +eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah +und deutlich. Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege +heran, biegt ab und schon wird auf dem frischen Schnee das +dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und, der Freitreppe +sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an. +</p> +<!-- page 035 --> + +<p>Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. +Alle drei sind bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen +nichts zu sagen. Erwarten. +</p> + +<p>Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die +Vorhalle. Die Tür geht auf. Herein strömt der Winternacht +harte Kälte. In seinem von Schnee silbern gewordenen Pelz +steht Nikolai in der Türe. +</p> + +<p>Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig +gelernte Antwort zu sagen: +</p> + +<p>— Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum +Morgen auf der Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, +morgen zu fahren. Der Abendzug ist bequemer. Und vielleicht +überlege ich’s mir und fahre überhaupt nicht. +</p> + +<p>Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und +wollte etwas tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die +Schwestern sie hören. Doch leise wehrte er ab. +</p> + +<p>— Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin +heute sehr müde. Möge man mir ins Kabinett Wein bringen. +Ich habe mich ein wenig im Froste erkältet. Und bitte regt +mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe schreiben. +</p> + +<p>Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er +blickte sie nicht an, doch er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, +auch ihnen etwas zu sagen, doch er hatte keine +Worte. +</p> + +<p>Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen +Augen Maras begegnend, senkte er ihn wieder, und +ging schweigend hinaus, glitt vorbei, verschwand in der Türe +seines Kabinetts. +</p> + +<p>Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme. +</p> + +<p>Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte +sich in ihr dunkelhimbeerfarbenes Tuch. +</p> + +<p>Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und +schritt die Freitreppe hinab. Fast erstickend zerriß sie den +Kragen ihres Kleides. Der Sturm schlug ihr ins Gesicht. +Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an ihrer Brust +und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie +erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein. +</p> +<!-- page 036 --> + +<p>Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der +Wind bewegte die kraftlosen, weißen Massen. Am Tore +und über dem Zaune heulte der Sturm. +</p> + +<p>Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne +des Kutschers, der die Pferde bestellte. +</p> + +<h3 class="no" id="no-2-2">2.</h3> + +<p class="noindent">Nikolai saß an seinem Schreibtisch. +</p> + +<p>Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, +die Bücherreihen auf ihren Brettern, die Mappen mit +den angefangenen und lang schon vergessenen Arbeiten. Es +brannte die bekannte Lampe unter dem grünmetallenen Lampenschirm. +</p> + +<p>Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die +Füße auf das Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, +immer und immer noch denken. Sich dem Gedankengange +so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es +lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder +so auf den vorgemerkten Wegen eilen konnten. +</p> + +<p>Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein +ganzes Leben ausmachte und seine ganze Seele erfüllte: an +diese drei Frauen, an die er durch furchtbare Banden der +Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem sinnlosen +Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit +anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei +Teile zu teilen, ist er wieder hier, bei ihnen, und wieder +haben die Tage der entrückten Stunden zu beginnen, die +Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er begriff +heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer +Beleidigungen und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, +nicht leben könnte, daß er ohne sie sterben müßte, +wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er wußte, daß +er auf ewig hierher zurückgekommen war. +</p> + +<p>Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, +vielleicht von Erkältung. Die Bilder und Gestalten +der Gedanken waren so deutlich, wie sonst nur im Traum +oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes +<!-- page 037 --> +fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, +Gestalten herbeizurufen, wie es ein Zauberer +durch die Kraft seiner Beschwörungen vermag. +</p> + +<p>Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so +wie sie in den ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, — ein +schüchternes Mädchen, ein schamhaftes Weib, das in dem +für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er sah ihr Zimmer +wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich, +die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht +des elektrischen Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle +ihren zerbrechlichen und fast kindlichen Körper. Und wieder +bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte jeden<a id="corr-1"></a> Muskel, +jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! +du bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive +Ekstase ihrer nur unklar zum Durchbruch kommenden +Sinnlichkeit mit ihr durchlebend. +</p> + +<p>Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, +eines, wo sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, +verwundet von Eifersucht, nackt auf den schneebedeckten +Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so daß aus +ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder +hob er sie auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige +ungläubige Augen, die plötzlich förmlich nur aus der +Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war ganz wie ein vergiftetes +Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem unersättlichen +Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, +ihr ein grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den +Strahlen der Sonne zu zerschmelzen. +</p> + +<p>Doch sei dies nicht Lydia, — o würde in seinen Händen +der entblößte, völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener +heimlichen Zusammenkünfte, welche die beiden aus der Welt +der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf einen anderen +und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das +Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, +wenn er mit ihr war, das Verlangen nach etwas größerem +als Küsse, als Zärtlichkeiten, als die leidenschaftliche Hingabe +seiner selbst; das Verlangen, mit seinem ganzen Leben +<!-- page 038 --> +in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich +aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die +Linien ihres Leibes und das eigentümliche quälend-erwünschte +Atmen dieses Leibes floß förmlich in seine Nasenflügel und +Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk. +</p> + +<p>Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht +die Qual der sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht +bis an alle Grenzen, sie verwandelt sich in Wut und Haß. +Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu einander von +sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen +an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. +Einer erkennt im andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten +Feind, und all die beleidigenden Worte der Schmähung, +welche nur der Haß ihnen zuflüstern kann, kommen +auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine +Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr +seine Berührung. Und auch er will sich auf sie werfen, +sie schlagen, töten, töten . . . +</p> + +<p>Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor +ihm, hoch, schlank, jungfräulich, unberührt. Sie kam zu +ihm, wie sie so oft schon früher in dieses Kabinett kam, +wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu sagen, +daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben +wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und +der frühere Glaube, daß mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich +wäre, den unsagbaren und unerforschten Segen zu erlangen, +daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines Wesens +in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr +zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen +Worte sagen. Und da neigen sich auch schon, als ob es wider +ihrem Willen geschieht, ihre Gesichter einander zu und +von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, welche die +Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen +sich in Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen +sich wie Ringe; sie fallen auf den Fußboden und pressen ihre +Kniee aneinander. Und wie Feinde in einem Walde, so +kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie +<!-- page 039 --> +eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. +Wie metallene Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit +zerrissenen Kleidern, er mit entblößter Brust. Er wirft sich +in einen Sessel, sie verschwindet wie ein Schatten . . . +</p> + +<p>Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen +kreisen wie Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd +beugen die drei Frauen über ihn ihre Gesichter, die +bald glücklich sind, bald berauscht, bald von Verzweiflung +verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er +hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und +er will, er will das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. +Er dreht sich mit diesen Frauen in trunkenem Tanze, bald +preßt er sich an ihre entblößten Brüste, bald verhüllt er die +Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des teuflischen +Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und +schon ist er kraftlos, ihm zu folgen. +</p> + +<p>Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht +auf einen Augenblick. Seine Hand fährt über die +Stirn. Die Bilder waren so deutlich, daß er wie nach einer +körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine Schwäche +fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet +haben? Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme +fließen durch seine Adern. +</p> + +<p>Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen +Walzer. Und nichts ist dort zu sehen, außer dem Netz aus +weißen Punkten. +</p> + +<h3 class="no" id="no-2-3">3.</h3> + +<p class="noindent">Vor Nikolai stand Kett. +</p> + +<p>Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob +dies wirklich Kett wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. +Endlich begann er zu glauben und reichte ihr seine Hände. +</p> + +<p>— Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich. +</p> + +<p>Sie schüttelte verneinend den Kopf. +</p> + +<p>Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf +den Knien zu liegen und ihre langen schmalen Finger zu +küssen. Er flehte: +</p> +<!-- page 040 --> + +<p>— Küsse mich. O beug dich über mich. +</p> + +<p>Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann +sprach sie: +</p> + +<p>— Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf +nicht mehr mit dir sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche +Liebe. In dir ist keine solche Liebe. Meine Liebe +ist allzu groß für dich; und deine ist für mich — zu klein. +Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich +ihr völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du +aber gabst unserer Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz +genau ein Drittel und förmlich wie auf der Wage abgewogen! +</p> + +<p>Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an +ihre Finger preßte. +</p> + +<p>— Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. +Ich bin müde, ich bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. +Laß mich mit dir sein, nur in deiner Nähe sein, nur fühlen, +daß du meine Seele begreifst. +</p> + +<p>Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich +ihm. +</p> + +<p>— Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie +zwei Jahre beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. +Ein wenig meiner Liebe, ein wenig der Zärtlichkeit meiner +einen Schwester, und ein wenig der Leidenschaft meiner +anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas ganz +verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas +Ganzes, etwas bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt +hättest, zu entfliehen! Doch du fuhrst bis zur Station und +kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich! +</p> + +<p>Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle +des Höheren zum Niederen. Unendliche Trauer, unendliche +Bitterkeit, unendliche Beleidigung erfüllten die +Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest, +obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte. +</p> + +<p>— Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, +wenn ich zu lieben verstehe, wie du niemals geliebt hast? +Mir genügt deine reine klare kristallene Seele nicht! Mir +genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich begehre auch +<!-- page 041 --> +nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst +zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht +dann die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an +mir, eure Kleinlichkeit, eure Enge zu verachten. Ja, ich +kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß ich nicht +mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht. +</p> + +<p>Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett: +</p> + +<p>— Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von +dir. Ich träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe +zu erblicken. Ich hatte den sinnlosen Traum, die Liebe über +alles siegen zu sehen, — über Leidenschaft, Mitleid, über +das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine Liebe mir +hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen: +sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du +wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir +schwer wurde, dich von den Küssen meiner anderen Schwester +zu trennen! Und ferner, — dich hinderten die verschiedenen +Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von +allen Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn +ich mein Wesen nicht jener Liebe, die ich suchte, hingeben +konnte, so werde ich es dem Tode geben, den ich will. Leb +wohl! +</p> + +<p>Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine +Pfeile. Schon lag er nicht mehr vor Kett auf den Knien. +Zwischen ihnen war der Tisch. Seine Hände fest an seine +Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart und +kalt zu sprechen: +</p> + +<p>— Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht +schon lange den wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? +Du willst einfach deine Mädchenunschuld bewahren. +Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner Schwester +hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen +Ehegatten. +</p> + +<p>Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht +dem Nikolais, so daß er in ihrer Iris sein Bild sah. Und +dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut und Spott: +</p> + +<p>— Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: +<!-- page 042 --> +ich experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die +Flamme der wahren, alles verzehrenden Liebe sehen. Nun +ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich habe mich umsonst +gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das +Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich +zu umarmen. Deine Seele war noch kleiner und enger als +selbst ich es erwartete. Triumphiere, — du hast mich betrogen, +da du dich größer und würdiger anstelltest, als du +tatsächlich warst. +</p> + +<p>Sie begann zu lachen. +</p> + +<p>So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander +aufs neue wie schon viele Male im Leben gegenüber und +schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor Nikolais Augen war +es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um +dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob +sie zu ihm die wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für +Kett sich selbst sagte. +</p> + +<p>Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke +in die Weiten der Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig +streckte er seine Hand aus und berührte ihre +Hände. +</p> + +<p>— Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine +Erscheinung? Es ist ja nicht möglich, daß du mir das alles +sagen kannst. Es sind doch dieselben Gedanken, die ich +heute auf dem Wege durch die Schneefelder dachte? Du +konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir! +</p> + +<p>Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit +unendlicher Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete +Kett: +</p> + +<p>— O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur +das eine wahr, daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit +dir sein. Und so kam ich her, dir meine Liebe beweisen. +</p> + +<p>Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte +die Schneide an ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete +sie das Kleid. Langsam stieß sie den Dolch dort hinein, wo +ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige Augenblicke, +bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin. +</p> +<!-- page 043 --> + +<p>Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich +immer im Traum einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf +sich auf Kett, um sie aufzuheben, seine Lippen auf ihre Wunden +zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe — und +erwachte. +</p> + +<p>Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem +Sessel. Unter dem grünmetallenen Schirm brannte die +Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war es still. +</p> + +<p>War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war +alles nur ein Fiebertraum? +</p> + +<p>Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es. +</p> + +<h3 class="no" id="no-2-4">4.</h3> + +<p class="noindent">Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. +Um seine Erregung zu bekämpfen, bemühte er sich, +etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu denken. „Dann, +dann,“ sprach er zu sich, „dann will ich alle Fragen entscheiden, +aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde +ich verrückt.“ Doch es waren immer dieselben Gedanken, +immer dieselben Bilder, die zu ihm kamen, wie Wellen in +der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen. +</p> + +<p>Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, +wenn sie plötzlich ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich +einen bestürmen und die geschwächte Erkenntnis +mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus +diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen +steht, — zum Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! +Ist denn wirklich der schweigende Ruf der Seele zu schwach, +um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und trösten +könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen. +</p> + +<p>Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den +zärtlichen Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, +trat an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern: +</p> + +<p>— Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett. +</p> + +<p>Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr +sein erhitztes Gesicht zu. In der Welt quälender Halluzinationen, +wie war es freudig, ein schlichtes und mildes Gesicht +<!-- page 044 --> +zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen +Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder? +</p> + +<p>Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam +sagte er: +</p> + +<p>— Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch +nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, +nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem +Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich +zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du +allein mich retten kannst. +</p> + +<p>Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank +sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, +flüsterte ihm zu: +</p> + +<p>— Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an +mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem +Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem +Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer. +Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest +du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber +du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich +nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß +ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten. +Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, +lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, +was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus. +Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch +von mir? +</p> + +<p>Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai +ihre Hände. Antwortete voller Trauer: +</p> + +<p>— Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben +und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine +Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu +lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du +nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. +Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei +mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine +Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit +<!-- page 045 --> +zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, — es +hat so nötig die Berührung zarter Finger. +</p> + +<p>Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie +zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose. +</p> + +<p>— Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate +hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung +hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung +zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein +Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und +ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir +mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest +in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest, +daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens +sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . +Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten +Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin +eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich +dir geben? +</p> + +<p>Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten +ihm verwandten Körper an seinen und, indem er +sich bemühte, seiner Stimme all die Töne früherer Tage zu +geben, flüsterte er ihr zu: +</p> + +<p>— Lydia<a id="corr-2"></a>! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im +Namen unseres künftigen Kindes. +</p> + +<p>Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen +gerötetes, ihr seltsam zerdrücktes Gesicht mit den auf die +Stirn hinunterfallenden Haaren, war furchtbar und erbarmenswert +und wieder wurden die Augen wahnsinnig und groß. +</p> + +<p>— Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn +noch nicht begriffen, daß ich selbst ihn getötet habe? Hast +du nicht begriffen, warum ich an seinem Sarge nicht weinen +konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn geweint, als +er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, +der mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. +Ich nahm ihn aus seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein +Kissen und während ich weinte und seinen Körper küßte, +erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte zu +<!-- page 046 --> +atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den +Doktor und alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand! +</p> + +<p>Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen +Lachens. Nikolais Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er +fühlte, daß sie die Unwahrheit sprach. Doch es fehlte ihm +an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit wäre. Er fand +keine Worte, und wiederholte nur stumm: +</p> + +<p>— Es ist Lüge, es ist Lüge. +</p> + +<p>Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur +Seite. Dort, auf dem Sessel, auf dem weißen verhüllten +Kissen lag mit purpurnem Gesicht und hervorgequollenen +Augen der Leichnam seines Kindes. +</p> + +<p>„Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es +erwürgt sei?“ dachte Nikolai. +</p> + +<p>Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich +selbst zu: +</p> + +<p>— Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen +gestorben und längst begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht. +</p> + +<p>Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu +erwachen. Aber das Zimmer begann sich mit kleinen nackten +Körpern gestorbener Kinder zu füllen, mit diesen blutlosen, +verkrümmten, abscheulichen. Das war eine ungeheuere Morgue, +in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem +Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich +ringsum zu drehen, und ein wildes Geheul erfüllte seine +Ohren, als würden Teufel um ihn kreisen. +</p> + +<p>Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken +und kehrte zur Wirklichkeit zurück. +</p> + +<p>Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an +seinem Schreibtisch. +</p> + +<p>Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte +weggehen von hier, sich ins Bett legen. Doch es fehlte an +Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur einen Augenblick +dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen +müsse. +</p> +<!-- page 047 --> + +<p>Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des +Realen, wehrte sich gegen den Schritt in die Welt der Gespenster +und des Entsetzens. Doch irgend eine Kraft besiegte +ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er wieder in +den Abgrund seiner Gesichter. +</p> + +<h3 class="no" id="no-2-5">5.</h3> + +<p class="noindent">Die Türe bewegte sich zum dritten Male. +</p> + +<p>„Jetzt werde ich Mara sehen“, dachte Nikolai. +</p> + +<p>Mara kam herein. +</p> + +<p>Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen +schauten konzentriert. Sie sagte: +</p> + +<p>— Ich kam, um dich zu holen. +</p> + +<p>Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu +kämpfen. Mit einem Zeichen hieß sie ihn aufstehen und +gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er ihr durch die dunklen +Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das Aussehen +aller Gegenstände verändere. +</p> + +<p>Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern. +</p> + +<p>— Sieh hin, sagte Mara. +</p> + +<p>Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia +und Kett. Beide waren tot. Auf dem Boden lag in dunkelroten +Flecken das Blut, und färbte in ungeheueren Kreisen +den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze Zimmer. +</p> + +<p>Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. +Sein ganzer Körper zitterte. Um nicht zu fallen, +stützte er sich auf die Lehne eines Sessels. Zuweilen glaubte +er an die Realität all dessen, was er sah, zuweilen erkannte +er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er erwachen, +bald seinen Wahnsinn fortsetzen. +</p> + +<p>Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller +Befehle. So wird man vielleicht auf dem Letzten Gerichte +sprechen. Langsam begann Nikolai zu hören und den Sinn +ihrer Worte zu verstehen. +</p> + +<p>— Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. +Diese Stunde war ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon +<!-- page 048 --> +nicht mehr vorübergehen lassen. Sie würde sich nicht wiederholt +haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu spielen. Das +Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist +wirklich schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf +ist der ewige Zweikampf des Mannes und der Frau. +Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der ganzen Welt +dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu +verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der +Sieger, doch der letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde +mein Sieg nur durch Untreue erkämpft, aber die Liebe +rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere Welt ist +verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben +und in diesen Stunden werden wir allein sein! +</p> + +<p>Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal +glaubte er, den Verstand zu verlieren. Mara dachte, +daß er schwankend geworden wäre und sprach ihm mit +weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß +sie alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand +zu rufen. Daß man ihn in jedem Falle der Mitschuld am +Verbrechen bezichtigen würde, ihn richten, verurteilen . . . +</p> + +<p>Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich +erschien ihm der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend +einer Verbindung mit dieser wahnsinnigen Nacht sein könnte. +</p> + +<p>Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, +wann Mara die Kleider auszog. Und in dem Zimmer des +Todes stand sie vor ihm so sehr nackt, wie sie es liebte, sich +ihm hinzugeben. Durch den erstickenden Blutgeruch drang +der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm. +</p> + +<p>Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend. +</p> + +<p>— Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich +liebkosen sollst. Ich will dich. Will, daß wir im selben +Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und dann wollen wir +beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod +wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit. +</p> + +<p>Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich +an ihn schmiegte und ihm in die Augen schaute, konnte +Nikolai erwidern: +</p> +<!-- page 049 --> + +<p>— Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, +nur eine Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und +will ich alles sagen, was ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, +daß aus all den Gefühlen, die mich peinigten und betörten, +nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, deinem +Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper +war, und ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von +Freundschaft oder Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe +war das auf allen Welten gleiche elementare Geheimnis, das +den Menschen ähnlich macht den Dämonen und Engeln. +</p> + +<p>Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von +seiner Liebe als von etwas Vergangenem sprach. +</p> + +<p>Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich +sinken und preßten sich in Umarmungen aneinander. Die +Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu verschwinden und +zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die +beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches +trat ein, wo der Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über +dem Abgrund hängt, und wo er immer grade vor sich die +anderen Augen sieht, die beschattet sind von der Qual entrückter +Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich +loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der +Abgründe. +</p> + +<p>Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die +noch immer so unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt +lagen. Lydias Gesicht war milde und ihre klagenden geöffneten +Lippen fragten: schon? — aber das stolze und +ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai +sich den Körpern nähern wollte, hielt Mara ihn zurück: +</p> + +<p>— Nicht nötig, nicht nötig. +</p> + +<p>Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft +aus Blut, Wein und Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, +nur einander in die Augen zu schauen. Ihre Gesichter brannten, +und in ihren Augensternen spiegelten sich die brennenden +Kerzen wie Funken. +</p> + +<p>Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der +Leidenschaft und Ekstasen der Ermattung. Und es war die +<!-- page 050 --> +Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit des Schweigens. +Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten +dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die +sich einstmals dem Leben wie blühende Blumen geöffnet +hatten, errieten hinter jedem gesagten Worte die ganze Unendlichkeit +seiner Bedeutung. Dann aber verschmolz sie das +schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und +wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, +der kaum vom Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken +von Blut. +</p> + +<p>Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich +heller zu werden. Bleiche Lichtflächen legten sich +auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. Langsam veränderte +sich die Welt. +</p> + +<h3 class="no" id="no-2-6">6.</h3> + +<p class="noindent">Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen +mit den ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem +Gehöfte des Nikolai S. Die vier Leichname konnten niemand +von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht erzählen. Die +Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge +mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis +blieb ein unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen +Morde oder Selbstmorde der drei Schwestern +und des Mannes einer derselben drang nur in Form von +kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien +dort in kleiner Schrift auf der vierten Seite in der „Provinzialchronik“. +Übrigens konnten sich die Leser dieses intimen +Familiendramas im Lärme der großen politischen Ereignisse +jenes Jahres dafür auch nicht interessieren. +</p> +<!-- page 051 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Im unterirdischen Kerker</h2> + +<p class="sub">Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts</p> + +<!-- page 052 --> + +<h3 class="no" id="no-3-1">1.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropS-052"><img src="images/052.jpg" alt="S" /></span> +<span class="hidden">S</span>ultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei +Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche +und zweihundert Städte, schwor, daß er +sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus +in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier +des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren +Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und +zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im +Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln +keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber +des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch +kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, +die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen +auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und +Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet. +</p> + +<p>Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte +der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die +stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen +zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem +Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer +Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den +Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen +können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen +und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. +In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur +unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren +Strafe schlimmer sein sollte als der Tod. +</p> + +<p>Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke +gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker +getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung +die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern +konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in +die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an +die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand +aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte +<!-- page 053 --> +man ihr fortgenommen: goldene Ringe und Armbänder, ihr +Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog +ihr sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, +ab, so daß Julia barfuß blieb. +</p> + +<p>Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der +Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte +und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten +nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur +ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges +Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten +Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den +Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln +angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten +geschlungen und dann verschlossen. +</p> + +<p>Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten +keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder, +die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet +neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und +Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben +dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung +hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung +gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-2">2.</h3> + +<p class="noindent">Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie +eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert +und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft +ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete +sie ihr Hinscheiden. +</p> + +<p>Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme +der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen. +Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens +der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man +von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung +und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese +Höhle gebracht hätte. +</p> + +<p>— Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, +<!-- page 054 --> +der an dem der Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers +angekettet war, — schade nur, daß ich so weit von ihr bin. +Du aber, Marco, säume nicht! +</p> + +<p>— Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte +die alte Vanozza, — und was trägt sie für ein Kleid! Einen +ganzen Dukaten ist die Elle wert. +</p> + +<p>— Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur +näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, — sie +ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern. +</p> + +<p>Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, +und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, +ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien: +</p> + +<p>— O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle +auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu +Wasser und Brot! +</p> + +<p>Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der +im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit +Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme: +</p> + +<p>— Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen +übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, +damit später die Kleinen und Armen sich freuen +können. Freut euch. +</p> + +<p>Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die +Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener +war. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-3">3.</h3> + +<p class="noindent">Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben +geschlossen und sie bewegte sich nicht. Sie hörte von sich +sprechen, aber begriff kaum ein Wort. Dann dunkelte es +immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach dem +andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. +Da erst konnte Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten +Lichte. +</p> + +<p>Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu +ihnen herab. Das waren zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister +war älter, sein Gehilfe jünger. Sie begannen, wie +<!-- page 055 --> +das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen. Der +Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber +ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen +Stücke verschimmelten Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge +Wasser goß. +</p> + +<p>Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber +dann erkühnten sie sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen +sei, und warum man sie nicht freiließe, wenn doch +die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die Türken +verstanden kein Italienisch. +</p> + +<p>Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und +Jugend. Er legte seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges +in schmeichelndem Tone und wollte sie umfangen. Doch +Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte keine solche Beleidigung +ertragen und schlug ihn ins Gesicht. +</p> + +<p>Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er +zufällig bei sich trug, und begann, sie grausam zu peitschen. +Alsdann, akkompagniert vom Lachen und fröhlichen Schreien +des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er sie. +</p> + +<p>So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, +die ihre Gunst selbst dem Großvezir des Sultans versagt +hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht einmal gegeben war, +die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu +können. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-4">4.</h3> + +<p class="noindent">So vergingen die Tage im Kerker. +</p> + +<p>Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, +an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und +an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge, +an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal +denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters +Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. +Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller +Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen. +</p> + +<p>Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, +daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken +<!-- page 056 --> +konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen zu sitzen, doch +schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen erdachten +die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. +Lorenzo und Cosimo stellten sich Würfel her +und würfelten ganze Tage — um Brot und Wasser; zuweilen +mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. +Sehr oft nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo +belustigte sich außerdem damit, auf die anderen Gefangenen +mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch brachte +er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen +begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. +Sonst war Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung +Christi in die Wand neben sich zu meißeln. Zuweilen auch +erhoben sich unter den Gefangenen lange Gespräche, die +immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber +gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: +alle lagen in ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung. +</p> + +<p>Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete +auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen +nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte +keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen +des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem<a id="corr-3"></a> +Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen. +</p> + +<p>Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie +zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon +viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge. +Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen, +damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es +anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den +Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen +Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. +Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen +und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza. +</p> + +<p>Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß +ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, +denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar +quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht. +</p> +<!-- page 057 --> + +<p>Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug +heran. +</p> + +<p>— Du willst trinken, sagte er, — und ich bitte dich, +nimm mein Wasser. +</p> + +<p>Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen +ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen. +</p> + +<p>Sie sagte: +</p> + +<p>— Ich danke dir. +</p> + +<p>An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders +erfrischend. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-5">5.</h3> + +<p class="noindent">Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. +Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber +allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden. +Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen. +</p> + +<p>Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben +in den Palästen: von den gewölbten Galerien und dem Fußboden +aus Mosaik, von Möbeln aus kostbarem Holze und +Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit künstlichen +Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit +Gold und Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden +Mahl, von Bällen mit Tanz, Maskeraden in den von +Lampions geschmückten Gärten, von Illuminationen und von +den heiteren Jagden im Walde; von Theateraufführungen +und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und dem +Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, +Braceletten, Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet +hatten, von feinen artigen Medaillen, von Statuen der +alten und neuen Bildhauer, von wundervollen Bildern der +großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen Geschichte, +Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder +des gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie +in den Büchern des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti +und anderer zeitgenössischer Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte +die Novellen des Poggio und Boccaccio und deklamierte +die Verse des Petrarca. +</p> +<!-- page 058 --> + +<p>Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die +er im Meere gesammelt, von den wunderlichen und bunten +Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, von den Krabben, +deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen Tritonen; +gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln, +der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, +der furchtbaren Stürme auf dem Meere; beschrieb das Leben +in Sizilien und Afrika, in den Ländern, wo schwarzhäutige +Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die Erzählungen +von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der +einst den Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen +hätte, der in den Ländern war, wo Menschen ohne +Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter den Mondbergen +gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, +die des Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und +die jungen Fischer zu sich heranlocken, um sie zu ertränken, +träumte von den Salamandern, die unsichtbar in der Luft +rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar sind, weil +sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte +von den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und +deren Atem schwarzer Rauch ist, und auch von dem Leben +auf der Sonne und den Sternen und von den singenden Blüten +und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge. +</p> + +<p>Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem +Gegenwärtigen und Zukünftigen, von dem, wie die Tage im +Kerker wären, und was sie erwartete. +</p> + +<p>Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, +hörten aber bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit +zu schenken. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-6">6.</h3> + +<p class="noindent">Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und +Marco wieder vor einander. Und wieder begannen sie jenes +im geheimen zu tun, was die Leute vor fremden Augen verbergen. +</p> + +<p>Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine +Aufmerksamkeit wieder zu, obgleich sie, geschwächt durch +<!-- page 059 --> +Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht mehr zu den ausnehmenden +Schönheiten gerechnet werden konnte. Der +Türke setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und +wollte sie umfangen, wie er solches in den ersten Tagen ihrer +Kerkerzeit getan. Doch Marco packte ihn von hinten an +den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit +seiner Kette das Hirn. +</p> + +<p>Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, +den von der langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling +zu bewältigen. Beide Türken stürzten sich auf ihn und begannen +ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie schlugen ihn abwechselnd, +bis beider Hände vor Ermattung niedersanken. +Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich +endlich und ließen den Marco in einer Blutlache zurück. +</p> + +<p>Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen. +</p> + +<p>Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, +wusch seine Wunden und legte ihm feuchte Umschläge +um den Kopf. +</p> + +<p>Marco öffnete die Augen und sagte: +</p> + +<p>— Ich bin im Paradies. +</p> + +<p>Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen +nicht erreichen konnte und sagte ihm: +</p> + +<p>— Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht. +</p> + +<p>Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco +totschlagen würde. Doch aus irgend welchen Gründen kamen +am nächsten Morgen zwei neue Kerkermeister, den Kerker +zu reinigen: beide waren düster und beachteten die Gefangenen +keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor +der Rache, oder wurden sie abgelöst — dies blieb für den +Kerker ein Rätsel. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-7">7.</h3> + +<p class="noindent">Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte +ihn nach Kräften. Doch als Marco wiederhergestellt war, +erkrankte Julia. +</p> + +<p>Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre +<!-- page 060 --> +Schmerzen nicht länger verbeißen konnte. Die alte Vanozza +erfaßte die Sachlage und hieß sie näherrücken. +</p> + +<p>Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind. +</p> + +<p>— Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, — es wäre ein +prächtiger Halunke geworden! Selten genug trifft einen das +Schicksal, im Kerker geboren zu werden. +</p> + +<p>Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen +hatte. +</p> + +<p>— Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende +Maria. +</p> + +<p>Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie +immer, schaufelten den kleinen ungetauften Leichnam mit +dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend wohin fort. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-8">8.</h3> + +<p class="noindent">Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als +alle schliefen: +</p> + +<p>— Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. +Du bist der Erste, den ich lieb gewann. Aber ich kann dir +nicht mehr die Reinheit meines Körpers hingeben. Gegen +meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin deiner +unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. +Ach, wäre ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du +als erster meine Brust gesehen, die kein Mann je zu berühren +wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, die ich nicht in mir +finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der Liebe +und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß +mich, und wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. +Wenn es mir schon unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige +wirkliche Kostbarkeit, die ein Mädchen besitzt, ihren ehrlichen +Namen, mitzubringen, so will ich auch nicht, daß du +dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde +dich ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber +so lange uns noch der gerechte Zorn des Herrn in dieser +Hölle festhält, o, so lange erlaub mir zuweilen dein Gesicht +anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden kann, die +Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache +<!-- page 061 --> +der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder +erwirken, so gedenke vielleicht zuweilen jener Seele, der du +ewig als ein Leuchten erscheinen wirst. Ich aber werde in +der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für dich emporzusenden. +</p> + +<p>Jedoch Marco entgegnete ihr: +</p> + +<p>— Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals +noch, sei’s im Traum oder im Wachen, sah ich etwas, was +schöner wäre, als dein Bildnis. Du ließest mich wieder an +Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner Paradiese +glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche +Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen +auf der Erde zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet +mich mit blauem Feuer, wie der Blitz. Wenn deine Hände +mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine glühende, aber +süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der taufrischen +Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten +Welle, nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck +zu küssen, den du berührst, ist meine höchste Bestrebung. +Du bist unberührt und in deinem Wesen aller Sünden ledig; +die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der kristallene +Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, +laß nicht mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke. +</p> + +<p>Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm: +</p> + +<p>— Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur +Frau? +</p> + +<p>Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr: +</p> + +<p>— Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles +sieht, nehme ich dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und +vereinige uns in einem Bunde, den kein Mensch jemals die +Macht hat, aufzulösen. +</p> + +<p>Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen +und nur die beiden auf den Knien voreinander lagen. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-9">9.</h3> + +<p class="noindent">Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich +nicht ruhig ertragen, die Ungläubigen in einem Lande +<!-- page 062 --> +zu wissen, in dem sonst der Stellvertreter Christi sich beständig +aufhielt. Alfons, der Herzog von Calabrien und +Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken +aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel +zu vereinigen, ein gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ +kirchliche Geräte einschmelzen und zu Münzen umprägen, +bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe. Ein +Gleiches taten die Arragonier und Ungarn. +</p> + +<p>Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den +Widerstand der Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, +als sie vom Tode ihres Sultans Mahomed hörten, der +sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß. +Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen +die Neapolitaner die wohledle Stadt Otranto ein. +</p> + +<p>Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand +sich auch Pietro, der Bruder des unglücklichen Fernando +Largo, und er beeilte sich, den Aufenthaltsort seiner Nichte +auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem Verließ. +Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu +stehen und unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. +Jene aber, die ihre Blässe und Magerkeit sahen, konnten sich +kaum der Tränen enthalten. Flinke Dienerinnen badeten sie +in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und kleideten +sie in leichtes feines Linnen. +</p> + +<p>Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei +Fragen Antwort. Am Tage nach ihrer Befreiung befiel sie +eine schwere Krankheit, und mehrere Wochen hindurch war +sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als +ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer +verurteilt wäre, und als ob die Teufel auf jede nur denkbare +Weise ihren Körper zu peinigen und schänden bestrebt wären. +Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr sich +Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein. +</p> + +<p>Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer +Verwandten sich langsam zu erholen begann, schien es ihr, +als wäre all das Vergangene, jenes furchtbare Jahr, das sie +im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine Erscheinung +<!-- page 063 --> +ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten +ihrer Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte +sich, bei ihnen nicht einmal im Gedanken zu verweilen. +</p> + +<h3 class="no" id="no-3-10">10.</h3> + +<p class="noindent">Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia +nach Neapel und wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der +heute bereits entschlafene König Fernando gab ihr im Angedenken +des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen Vaters eine +jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen +als ihr Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem +Bestande an sie über. Die Schönheit Juliens erblühte in +solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den Hoffesten setzte sie +alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte es ihr +nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die +sich um ihre Hand bewarben. +</p> + +<p>Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten +Gebäude errichtet waren, mit ihren Dienerinnen +spazieren. Plötzlich bemerkte sie in einem kleinen Haufen +von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. Er +war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit +Posamenten und eine rote phrygische Mütze. +</p> + +<p>Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe +gedroht, wurde es Julien plötzlich traurig und qualvoll +zumute. Sie wollte so tun, als hätte sie den Marco +nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen +und erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen +zu dem Marco, und hieß ihn, am Abend desselben Tages +bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie Marco lächelte +und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe +nickte. +</p> + +<p>Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am +Abend erschien Marco, jung, frisch, kräftig, kühn. Julia +empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren ihre Freundin +Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug +ein goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, +ein Perlengeschmeide zierte ihren Hals, und auf die Stirne +<!-- page 064 --> +fiel ihr ein Diamantschmuck herab. Sie saß in einem hohen +Sessel bester florentinischer Arbeit. +</p> + +<p>Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein +einfacher Fischer vor einer edlen Signora gewiß tun mußte. +</p> + +<p>Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; +dann fragte sie ihn: +</p> + +<p>— Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich +jetzt? +</p> + +<p>Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte +ebenso wie am Morgen und entgegnete: +</p> + +<p>— Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und +führe zuweilen Waren aus Otranto nach Neapel. +</p> + +<p>— Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia. +</p> + +<p>— Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene +Sonne und blauen Wellen sehen können, antwortete Marco, +und seine Stimme tönte so zart, wie in den Stunden ihrer +langen Gespräche im Kerker. +</p> + +<p>Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur: +</p> + +<p>— Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten +lassen, damit du einen selbständigen Handel beginnen kannst. +</p> + +<p>Marco senkte den Kopf. +</p> + +<p>— Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch +eine Weigerung kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke +zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem Namen zu benennen. +</p> + +<p>Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs +höflichste und bat um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. +Nachdem er hinausgegangen war, sagte Julia zu der Monna +Lucrezia: +</p> + +<p>— Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung +gegen meinen Vater teilgenommen hat. Doch da er gleich +mir die Einnahme unserer Stadt überlebte, kann ich ihm +nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine Barke ausrüsten +lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich +in Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um +Tarent weiterführen. +</p> +<!-- page 065 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die letzten Märtyrer</h2> + +<p class="sub">Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief</p> + +<!-- page 066 --> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropD-066"><img src="images/066.jpg" alt="D" /></span> +<span class="hidden">D</span>iesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund +Alexander Athanatos nach seiner wunderbaren +Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, +jene fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren +einziger lebendiger Zeuge er verblieb. Den Brief +fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab +und vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. +Erst nach dem tragischen Tode meines Freundes, als mir alle +seine hinterlassenen Sachen zugestellt wurden, fand ich inmitten +seiner Papiere das Konzept zu dieser Erzählung; alsdann +erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen +Briefes. +</p> + +<p>Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose +Geschichte eines der charakteristischen Begebnisse, +welche im Beginne jener riesigen geschichtlichen Bewegung, +die ihre Anhänger heute die „Welt-Revolution“ nennen, vor +sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen anheimzugeben. +Die Niederschriften Alexanders illustrieren +natürlich nur einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt +an jenem denkwürdigen Tage des Aufstandes geschah, +sind dafür aber für einige Fakten die einzigen Quellen, aus der +künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das Bewußtsein +dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, +seine Worte mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, +ungeachtet eines gewissen blütenreichen Stiles, im Rahmen +strengster historischer Wahrhaftigkeit zu bleiben. +</p> + +<p>Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir +ein Asyl bot, meine Dankbarkeit auszudrücken und meine +Freude darüber, daß es auf der Erde noch einen Ort gäbe, +wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo +man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt +zu einer Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären +Regierung neigen. +</p> + +<h3 class="no" id="no-4-1">1.</h3> + +<p class="noindent">Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution +völlig unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen +<!-- page 067 --> +dunkle Gerüchte, es wäre zum Neujahrstage ein allgemeiner +Aufstand angekündigt, aber die letzten unruhvollen Jahre +lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen. +Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. +Ich hatte beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und +arbeitete ruhig in meinem Zimmer. Plötzlich versagte die +elektrische Leitung. Bevor ich noch eine Kerze anzünden +konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von +Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und +ich zweifelte nicht. +</p> + +<p>Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus. +</p> + +<p>Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine +große Volksmenge, die auf der Straße auf- und abwogte, +mehr erraten als sehen. Die Luft war ein Getöse von Schritten +und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam +es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über +meinem Kopfe. Nach jeder Salve freute ich mich, daß der +Tod noch vorübergegangen. +</p> + +<p>Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. +Ich zögerte an der Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger +Beobachter, wie ich es war. Wir tauschten kurze +Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener +Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die +schreiend in panischer Angst liefen. Wir mußten entweder +mit ihnen laufen oder zertreten werden. +</p> + +<p>Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus +brannte und des Feuerschadens Schein beleuchtete die +Umgebung. Ich erinnerte mich an einen Vers Vergils: dant +clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses Platzes. +Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen. +Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend +Menschen. Die vom flüchtigen roten Feuer beschienenen +Gesichter waren seltsam und unkenntlich. +</p> + +<p>Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, +eine Reihe sich widersprechender und unglaublicher Antworten +zu hören. Einer sagte, daß die Arbeiter alle wohlhabenden +Leute totschlügen. Ein anderer, daß die Regierung +<!-- page 068 --> +alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung +ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser +unterminiert wären, und eine Explosion der anderen folge. +Ein vierter wollte mich davon überzeugen, daß dieses gar +keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben. +</p> + +<p>Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein +fast ein Viertel der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, +erregt sich drängte, geschah eben jenes furchtbare +Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der +dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich +zerschnitt das Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in +die dichteste Ansammlung der Leute. Neues Kreischen übertönte +den Lärm und betäubte, fast wie ein körperlicher Schlag. +Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite Granate. +Dann wieder, wieder und wieder . . . +</p> + +<p>Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten +der Zentralfestung befohlen, auf alle Volksansammlungen zu +schießen. +</p> + +<p>Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der +springenden Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, +in welchen die durchdringenden Schreie der Verwundeten +drangen, taumelten die Leute zwischen Steinwänden +hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden +mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, +fielen aufs neue hinab und verbissen sich vor Wut mit den +Zähnen in den Füßen der Nebenanstehenden. Dies war +Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man verrückt werden +konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard +hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht. +</p> + +<p>Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären. +</p> + +<p>Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht +mehr, doch es waren organisierte Truppen vor der bestürzten +Menge. Um einander zu erkennen, trugen sie ihr Abzeichen: +eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene Bewegung +hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, +die Menge beruhigte sich. +</p> + +<p>Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich +<!-- page 069 --> +und unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich +irgend ein Mensch auf den Sockel der Statue des Nordens +und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich stand +ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte +daher nur den allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen +Worte erstarben, ohne bis zu mir zu fliegen. +</p> + +<p>Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche +Lauf des Lebens nicht gestört würde und daß keinem der +Bürger eine Gefahr drohe. Daß im ganzen Lande um diese +Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt: überall +ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über. +Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, — +alle die der gestürzten „uns allen gleich verächtlichen“ Regierung +anhingen. Daß über diese Leute das Urteil des Geheimen +Gerichtes schon ausgesprochen sei. +</p> + +<p>Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem +Tage, den man Jahrtausende hindurch erwartet hätte, von der +endlich erkämpften Freiheit des Volkes. +</p> + +<p>Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. +Ich dachte, die Menge würde den Schwätzer herunterreißen, +ihn verjagen wie einen Narren, der in den Minuten der Gefahr +lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen Seiten +hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor +einem Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten +Leute verwandelten sich plötzlich in eine ganze Armee +sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer. Den Redner +trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne +anstimmend. +</p> + +<p>Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht +in der Menge, aber mit Menschen, die gleich mir denken, mit +Freunden. In meiner Seele erstand das Bildnis des Domes, +und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines jeden +Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung +schon zum Heiligtume gemacht hatte. +</p> + +<p>Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten +der allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren +überall die Milizen, welche, da sie die elektrische Leitung +<!-- page 070 --> +noch nicht herzustellen wünschten, eine Beleuchtung aus +Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die sich +um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich +kleine Meetings in der Art von jenem, dem ich beiwohnte. +</p> + +<p>Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven. +</p> + +<p>Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich +allmählich an den Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen +erinnernd, tastete ich mich bis zum Eingang unseres +Domes durch. +</p> + +<p>Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer. +</p> + +<p>Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man +ließ mich ein. +</p> + +<h3 class="no" id="no-4-2">2.</h3> + +<p class="noindent">Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt. +</p> + +<p>Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen +Hölle drängten die Menschen sich, und stiegen hinab +und hinauf. Das halbe Dunkel veranlaßte alle, zu flüstern. +Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes in all dem +leisen Gespräch. +</p> + +<p>Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und +Adamant und Dmitri und Lycius und alle und alle. Man begrüßte +sich mit mir. Ich fragte Adamant: +</p> + +<p>— Was denkst du von all diesem? +</p> + +<p>Er antwortete mir: +</p> + +<p>— Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche +Scheitern jener neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, +etwa drei Jahrtausende währte. Dies ist die Ära neuen Lebens, +welche unsere Epoche mit den Zeiten des russisch-japanischen +Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im Sachsenlande +in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir +zwischen den zwei Welten werden von diesen gigantischen +Mühlsteinen zu Staub zermalmt werden. +</p> + +<p>Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des +Domes schien noch riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten +<!-- page 071 --> +sich ins Unendliche. Die Symbole unserer Feierlichkeiten +wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der Finsternis. +</p> + +<p>Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen. +</p> + +<p>Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen. +</p> + +<p>Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem +Fußboden. Ich ließ mich neben ihr hin. Sie ergriff meine +Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene, selbst in den Stunden +der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine Brust +und sagte: +</p> + +<p>— Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit +zu leben. Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern +bereiteten meine Seele vor. Ich kann nur in der +Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann nicht +kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele +neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen +überzarten, jenen verfeinerten Erlebnissen, welche nur die +Höhe ermöglicht! Wir, Treibhausblüten der Menschheit, +müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und ich will nicht, +ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will lieber +eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer Brüderlichkeit! +</p> + +<p>Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte +sie jemand. Ich suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch +zu früh wäre zu verzweifeln, unvernünftig, dem ersten Eindruck +sich hinzugeben. Die Revolutionäre übertrieben natürlich +ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung +sie aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der +Provinz der Umsturz gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia +hörte mich nicht. +</p> + +<p>Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf +und andere hoben die Köpfe. Licht irrte — und vor dem +Altar stand Theodosius. +</p> + +<p>Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie +immer die hohen Leuchter vor ihm her. Er selbst war in +schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken fielen über +seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng. +<!-- page 072 --> +So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine +Hände und sprach. Seine Stimme drang in die Seele wie +Wein. +</p> + +<p>— Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der +Tag der Freude. Unser Glauben kann nicht sterben, denn er +ist die ewige Wahrheit des Seins, und selbst unsere Denker +tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch unbewußt, +in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, +das man in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen +Planeten. Für uns aber ist jetzt der Tag gekommen unsern +Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der Ewigkeit. +Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener +vor dem Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung +unsere Körper geißelten und wie der Schmerz die +Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte. Der Tod aber wird +den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit +öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum +blendenden Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! +Brüder! Der Augenblick letzter Vereinigung wird wie ein +Blitz unser ganzes Sein durchdringen und noch unser letzter +Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr letzten +Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich +sehe Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern! +</p> + +<p>Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des +Theodosius sowohl wie in seinem Blicke eine hypnotische +Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden alle im Dome wie +umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte heroische +Ausrufe. +</p> + +<p>Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte +sich an die Orgel. Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den +dumpfen Raum, strömte zwischen uns hin, verflocht uns alle +mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein vielgesichtiges Wesen. +Die Verse unseres großen Poeten rissen sich unwillkürlich +von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt +im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines +großen Orchesters, Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das +ewige Rätsel, preisend schöpferische Leidenschaft. +</p> +<!-- page 073 --> + +<h3 class="no" id="no-4-3">3.</h3> + +<p class="noindent">Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. +Beim Schein der Kerzen versammelten wir uns im +gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum erkennbar waren +die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war Vorsitzender. +</p> + +<p>Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. +Die Lage war hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den +Revolutionären über. Alle Generäle und höheren Offiziere +waren arretiert und größtenteils schon verurteilt. Die Zentralfestung +erlag dem Sturmangriff. Sämtliche Regierungsgebäude +— das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur — +nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten +meldeten betreffs der anderen Städte einen ähnlichen +Erfolg des Aufstandes. +</p> + +<p>Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die +Mehrzahl schlug vor, sich zu ergeben und der Gewalt zu +unterwerfen. +</p> + +<p>Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus +einem Täschchen ein Papier und legte es uns zur Durchsicht +vor. Das war eine der Proskriptionslisten des Zentralstabes. +In ihr waren all jene aufgezählt, die in unserem Ausführenden +Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte das Geheime +Gericht zum Tode verurteilt. +</p> + +<p>Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte: +</p> + +<p>— Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung +führen. Zeigen wir diese Liste allen Gläubigen, so +werden viele schwankend werden. Werden hoffen durch Verrat +und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die +Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, +durch die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens +zu besiegeln. Erlauben wir ihnen denn mit uns zu teilen +unser dreifach beneidetes Schicksal. +</p> + +<p>Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius +näherte ruhig das Papier mit den Namen dem Licht und verbrannte +es. Wir sahen, wie die kleine Rolle sich langsam in +Asche verwandelte. +<!-- page 074 --> +Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein Vertreter des +Stabes begehrte uns zu sprechen. +</p> + +<p>Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat +ein. Im Namen der zeitweiligen Regierung verlangte er, daß +ein jeder von uns sich in seine Wohnung verfüge. Ein besonderes +Komitee würde, dies waren seine Worte, das Statut +eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem +gesellschaftlichen Leben unschädlich sei. +</p> + +<p>Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir +schon verurteilt waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. +Die alsdann gesprochenen zwei Reden — die des Theodosius und +jene des Abgesandten — kann ich auswendig. In kurzen Worten +sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus. +</p> + +<p>Dieses sprach Theodosius: +</p> + +<p>— Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische +Sprache. Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom +Geheimen Gericht zur Hinrichtung verurteilt sind. Wir +wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von vornherein +als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen +eure Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen +auf jenen Höhen der Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, +und darum ist es nicht an euch, uns zu richten. Wenn ihr +nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer Heimat, +so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? +Die Blüte unserer Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir +sind der Ausdruck, wir, die Stimme jenes Lautlosen, Ewigstummen, +das sich aus Einsen gleich euch zusammensetzt. +Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende Licht. +Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir — das Leben. Ihr seid +der Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm +wachsen könnten Stengel und Blüten — also wir. Ihr verlangt, +wir sollen uns in unsere Häuser begeben und dort eure +Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf den Händen +uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren +Willen entgegennähmet. +</p> + +<p>Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: +seine Heuchelei und Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. +<!-- page 075 --> +Doch dieses Mal, seine letzte Predigt sprechend, war +er wirklich groß und schön. Er war wie ein biblischer Prophet, +sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein +Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des +Kolosseums, inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich +in die Arena hinausgeführt werden, den Raubtieren zum +Zerfleischen. +</p> + +<p>Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius: +</p> + +<p>— Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige +Versuche zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz +im neuen Leben sei. Sie waren eine tote Kraft, die bisher +all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der großen Umgestaltung +der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen +Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt +unfähigen von unserem Körper abhauen, wenn auch +mit gleichem Schmerze, so doch auch mit gleicher Unerbittlichkeit, +mit der man einen kranken Körperteil abschneidet. Und +warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! +In uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen +und Künstlern zu gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, +wie ihr sie auch nicht einmal zu ahnen vermöget. Nur +der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu schaffen. +Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. +Wir sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze +selbst schmieden wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das +Künftige, aber das Gegenwärtige, das ist das Schwert in unseren +Händen! +</p> + +<p>Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte +schreien: +</p> + +<p>— Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. +Ihr verachtet die Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht +begreift. Ihr rühmt eure Zukunft, weil ihr geistig arm seid. +Ihr seid eine Kugel, die schamlos den Marmor des Altertums +zerschlägt! +</p> + +<p>Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem +Tone: +</p> +<!-- page 076 --> + +<p>— Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit +bis zum heutigen Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten +eures Domes zu öffnen und euch in unsere Hände zu geben. +Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr durch Trug +und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. +Das ist alles. +</p> + +<p>— Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius. +</p> + +<p>— Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden +gleich machen, und euch alle werden die Trümmer begraben. +</p> + +<p>Der Abgesandte entfernte sich. +</p> + +<p>— Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, +die wundervollste Schöpfung Leanders! Mit Statuen und +Bildern der größten Meister! Mit unserer Bibliothek, der +fünftgrößten in der Welt! +</p> + +<p>— Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere +Kunst schon Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn +unnütze Altertümer mehr sind oder nicht, — ist ihnen unwichtig. +</p> + +<p>Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den +Abgesandten lebend hinausgelassen. Theodosius hieß ihn +schweigen. +</p> + +<p>— Wir sind hier, sagte er, um <i>unser</i> Blut zu vergießen, +nicht <i>fremdes</i>. Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, +nicht des Mordes. Lasset uns die purpurne Blässe unseres +Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen Flügel +des Zornes und der Rache. +</p> + +<h3 class="no" id="no-4-4">4.</h3> + +<p class="noindent">Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des +flimmernden Wintertages. +</p> + +<p>Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum +erstenmal sah ich solch eine Feier des Lichtes. Es waren +vielleicht an tausend Flammen. +</p> + +<p>Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten. +</p> +<!-- page 077 --> + +<p>Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die +Stimmen des Chores so feierlich. Noch nie war die Schönheit +der nackten Hero so flammend und so verzückend. +</p> + +<p>Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere +Gesichter als wie mit schlanken flaumigen Fingern. Im +schattenhaft bläulichen Weihrauch geschahen die großen +Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend, +nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. +Der unsichtbare Chor der Diakonissinnen lobpries das Blinde +Rätsel. +</p> + +<p>Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender +Wein jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der +Seele. Beflügelte jeden durch die Erkenntnis, daß dieser +Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei. +</p> + +<p>Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen +Schlange als Gürtel anstatt jeder anderen Gewandung, und +ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr angetan waren, — sie +gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den Dom. +Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen +zogen jeden hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes +Wiegen. +</p> + +<p>Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle +ihrem leisen Tanz. Und dieses Kreisen berauschte mehr als +Wein, und diese Bewegung war trunkener als Liebkosungen, +und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet. Der Rhythmus +der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der +Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten +wir vorwärts, im Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, +— Hero. Und schon entrückte uns die Ekstase, und schon +keuchten wir, durchglüht von geheimem Feuer, und schon +zitterten wir, beschattet von der Gottheit. +</p> + +<p>Da ertönte die Stimme des Theodosius. +</p> + +<p>— Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen. +</p> + +<p>Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die +wieder nahe dem Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen +des Theodosius rief einen Jüngling herbei, den ich bis dahin +noch nicht gesehen. Errötend warf er sein Gewand ab und +<!-- page 078 --> +stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie Ganymed, +licht wie Balder. +</p> + +<p>Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. +Der Vorhang wurde vorgezogen. +</p> + +<p>Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an. +</p> + +<p>Und Theodosius verkündete uns: +</p> + +<p>— Es ist vollbracht. +</p> + +<p>Er erhob den Kelch und segnete uns. +</p> + +<p>Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte +mehr die Kraft, seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen +einander, und im plötzlichen Düster des aufsteigenden +Weihrauches suchten sich die Lippen, die Hände, die +Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen, +waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War +die Trunkenheit tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum +alle Bilder, alle Formen, alle Möglichkeiten, alle Biegungen +weiblicher, männlicher und kindlicher Körper und +alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter +sind. +</p> + +<p>O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche +Unersättlichkeit des Verlangens, das vom Leibe zum Leibe +eilen hieß in zweifache, dreifache, vielfache Umarmungen. +Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem +Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen +waren. +</p> + +<p>Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich +die dichten Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das +ganze Innere des Domes ward den Blicken der Außenstehenden +enthüllt: das Bildnis des Symbols, die rätselhaften Fresken +an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen Umschlingungen +auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender +Schrei drang von der Straße her bis zu uns. +</p> + +<p>Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das +Spiegelglas der Fenster. Und dem ersten folgten weitere. +Die pfeifenden Kugeln durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen +konnten das Schauspiel nicht ertragen, das sich hier +<!-- page 079 --> +ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die angegebene +Zeit nicht ein. +</p> + +<p>Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer +Hand gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied +fort. Des Weihrauches Aroma wogte in der erregten Luft. +Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim Scheine der +heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht +geringer. +</p> + +<p>Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte +als erste und fiel, während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. +Hier und dort sanken Arme; einige Körper fielen wie in +endgültiger Ermattung zusammen. +</p> + +<p>Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln +fielen zwischen uns wie Regen, als würde eine gigantische +Hand sie schockweise auf uns streuen. Doch von den Getreuen +wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung +lösen. +</p> + +<p>Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen +wurden Helden, wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das +Todesgrauen floh unsere Seelen, als würde es einem magischen +Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten +wir die Wahrheit unseres Glaubens. +</p> + +<p>Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der +Nähe der Gestürzten, drückten ihre Leiber fester aneinander. +Und noch die Sterbenden suchten im letzten wütenden Kusse +die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende Hände +streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen +verkrümmter Körper war es schon unmöglich zu erkennen, +wer noch liebkoste und wer schon starb. Inmitten der Schreie +konnte man unmöglich das Stöhnen der Leidenschaft von +dem des Todes unterscheiden. +</p> + +<p>Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und +ich fühlte den Schmerz verzückten Bisses, der vielleicht nur +der letzte Krampf eines Sterbenden war. In meinen Händen +hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter Lust, +oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein +<!-- page 080 --> +dumpfer Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu +den Brüdern, zu den Schwestern. +</p> + +<p>Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres +Symboles. Allein das letzte, was ich hörte, war der Ausruf +des Theodosius, den tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben +des Domes, aber in den unendlichen, von Finsternis +beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte: +</p> + +<p>— In deine Hände befehle ich meinen Geist! +</p> +<!-- page 081 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .</h2> + +<p class="sub">Memoiren eines Psychopathen</p> + +<!-- page 082 --> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropN-082"><img src="images/082.jpg" alt="N" /></span> +<span class="hidden">N</span>atürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit +für entartet. Natürlich wollte man mich davon +überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. +Und ich gewöhnte mich daran, vor den Menschen +zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte Worte zu +sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom +Glücke, andere Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner +Seele war ich überzeugt und bin auch jetzt noch davon überzeugt, +daß der Mensch seiner Natur nach Verbrecher ist. Ich +glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man gewöhnlich +Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, +jene, die den Menschen beim Anblick von fremden Leiden +ergreift. Ich glaube, daß der Mensch in seinem Urzustand +nur nach einem Verlangen trägt, die ihm Gleichenden zu +quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche +Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die +menschliche Seele zu dem Glauben, daß fremde Leiden ihr +schmerzlich wären. Und heute weinen die Leute völlig aufrichtig +über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur +eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles. +</p> + +<p>Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, +in welcher das Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht +bleibt, nicht aufsteigt und nicht hinuntersinkt. Anders +gesprochen: die Anziehung der Erde verliert ihre Wirkung +auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt +es, daß zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die +Form einer Kugel annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, +in denen die menschliche Seele sich von aller Macht +der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung +und Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, +die gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der +Furcht vor dem letzten Gericht, von dem Bangen vor der +öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des gewöhnlichen +Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, +wenn auch dämmernd, doch immer noch unser schlafendes +Ich leitet; das sind auch nicht Tage des Irrsinns und der +Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse werden von +<!-- page 083 --> +anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das +sind Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der +Körper im Schlafe ruht, und der Gedanke dies plötzlich begreift +und zu seinem in der Welt der Träume irrenden Schatten +spricht: du bist frei! Begreife, daß deine Handlungen +nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig +deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden +Trieben hingeben. In solchen Augenblicken hatte +ich niemals das Verlangen, irgend eine gute Tat auszuführen. +Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den letzten Grenzen +völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend etwas +Wildes, Böses und Sündiges zu tun. +</p> + +<p>Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich +die Zeit, die ich im Traume verbrachte, für verloren. Völlig +gleich der Wirklichkeit erfüllt auch der Traum die Seele, +erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß überhaupt +unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. +Streng gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, +— welche von diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen +Neigungen ab. Ich zog schon seit meiner Kindheit +den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, in +denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. +Wenn ich erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum +erinnern konnte, so fühlte ich mich unglücklich. Den ganzen +Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich mein Gedächtnis, +um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel +einen Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei +einer neuen Anstrengung plötzlich die ganze Herrlichkeit +des kürzlich vergangenen Traumlebens vor mir zu haben! +Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene +Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder +her. Bei solcher Schulung meines Gedächtnisses erreichte +ich, daß ich meine Träume niemals mehr vergaß. Wie +Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts +den Traum. +</p> + +<p>Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden +Kraft der Wirkungen. Ich entwickelte in mir die +<!-- page 084 --> +Fähigkeit, es künstlich hervorzurufen. Ich brauchte nur +einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als der Körper lag, +und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit süßquälenden +Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren +Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas +frische Luft eingeatmet, beschloß ich, wieder hineinzustürzen +in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen und Erbeben. Doch +noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene +Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon +damals begriff ich, welche große Geistesfreiheit sie geben +könnten. Übrigens verstand ich es nicht, sie willkürlich +hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich plötzlich +einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich +mit einem Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich +schritt auf den Wegen des Traumes durch seine Paläste und +Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger Anstrengung des Verlangens +konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen, +die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, +nach der ich Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit +benutzte ich diese Augenblicke, um mich über die Leute +lustig zu machen und alle möglichen Streiche auszuführen. +Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen +Freuden über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und +wurde zum Henker. Und da erst begriff ich, daß Jubel und +Rausch nicht nur leere Worte seien. +</p> + +<p>Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der +Schule und der Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte +keine Familie, ich mußte niemals um das Recht zu leben +kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem Glücke +ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf +verbrachte ich den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte +verschiedene narkotische Mittel: nicht wegen der von ihnen +ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum zu +verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung +gaben mir die Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an +der grenzenlosesten aller Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen +kann, zu berauschen. Allmählich begann sich mein +<!-- page 085 --> +nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und +Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht +es auch zu übertreffen. Ich verstand es, in meinen +Träumen zu leben, wie auch dieses Leben von der Seite her +zu beobachten. Es war, als würde ich meinen Schatten, der +im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und +zu gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer +Leidenschaftlichkeit durchleben. +</p> + +<p>Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende +Umgebung. Das war irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger +Saal. Er wurde vom roten Feuer zweier riesiger +Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern. +Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate: +Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, +Geräte zum Strecken der Muskeln und zum Aufwickeln der +Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, glühende Stangen +und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder +die Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen +Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung +gelang es mir, wen ich wollte, in diese unterirdische +Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, öfters aber solche, +die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es +Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. +Unter ihnen befanden sich auch einige, die ich zu meinen +Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte ihre Namen. An +einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen +ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung +aller meiner Listen, während ich bei den dritten im +Gegenteil ihre Schwäche, Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und +unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht einmal selten +ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder +auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode +zu erfreuen. Anfangs war ich ganz allein, sowohl Henker +als auch Zuschauer. Dann aber erschuf ich mir eine Schar +unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach +meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente +und lachend und mit Verrenkungen führten sie alle meine +<!-- page 086 --> +Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich meine Orgien des +Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche. +</p> + +<p>Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und +glücklich, wie ich es war, geblieben. Doch die wenigen +Freunde, die ich noch hatte, hielten mich für krank und nahe +dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt +zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften +zu gehen. Ich hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, +das nachher meine Frau wurde, mir absichtlich in dem +allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens würde sich wohl +kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung +würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des +Menschen vereinten sich in ihr, die ich lieb gewann, die ich +so oft mein nannte, und die ich in allen Tagen meines Lebens, +die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören werde, zu beweinen. +Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als +einen Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit +Neugierde und ging dann zu der vollen, selbstvergessenden +Leidenschaft über. +</p> + +<p>Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu +denken. Wie stark das Gefühl auch war, das meine Seele +unterjochte, mich erschreckte der Gedanke, meine Einsamkeit +zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich in Freiheit +mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, +erschloß. Doch das regelmäßige Leben, zu dem man mich +zwang, trübte allmählich meine Erkenntnis. Aufrichtig begann +ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele eine Umgestaltung +geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten +nicht anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage +meiner Hochzeit gratulierten mir meine Freunde wie einem +aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der Hochzeitsreise +bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres +Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse +und Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen +und unterhielt einen regen Verkehr. Und wieder +lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, inmitten der +entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich gewöhnlich +<!-- page 087 --> +ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, +ohne Bilder. In der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich +bereit, mich meiner Genesung zu freuen, meines Erwachens +aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit. +</p> + +<p>Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das +Verlangen nach anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von +der allzu faßbaren Wirklichkeit betäubt. Und selbst in den +Flitterwochen des ersten Monats nach der Hochzeit fühlte ich +irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen Hunger +nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. +Mit jeder neuen Woche quälte mich dieses Verlangen immer +unbesiegbarer. Und gleichzeitig mit ihm entstand in mir ein +anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir anfangs gar +nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine +Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, +und ihr Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. +Ich kämpfte, kämpfte sehr lange und bemühte mich, meine +Nüchternheit zu bewahren. Ich war bestrebt, mich mit allen +Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte ihnen +nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und +floh das Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, +und ich konnte ihr nicht entfliehen. +</p> + +<p>Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich +eine große religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek +stellte ich breite Divans und verbrachte dort ganze +Nächte. Etwas später verbrachte ich dort auch ganze Tage. +Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis +vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in +das eindringen würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie +war mir noch ebenso teuer, wie zuvor. Ihre Liebkosungen +waren mir nicht minder süß, wie in den ersten Tagen unseres +Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt. +Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es +sogar vor, sie bei dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht +mehr liebe und ein Zusammensein mit ihr vermiede. Und +tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde müde. Ich +sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram +<!-- page 088 --> +sie zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich +hingebend, ihr die früheren Liebesworte sprach, erblühte sie +nur auf Augenblicke: sie glaubte mir nicht mehr, weil, wie es +ihr schien, alle meine Taten meinen Worten widersprachen. +</p> + +<p>Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume +zubrachte und mich meinen Erscheinungen noch ungeteilter +als vor der Hochzeit hingab, irgendwie hatte ich meine frühere +Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, verloren. Ganze +Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, +um mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und +um eine neue Dosis des Schlafmittels einzunehmen, allein der +erwünschte Augenblick kam nicht. Ich durchlebte die süßen +Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und Unerbittlichkeit, +ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume erinnern, +und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so +konsequent und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit +waren, so wild und unlogisch, so entzückend und +prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, aber meine +Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir +fehlte die alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte +nur jenes, was mir von außen herkam, belauschen und beschauen. +Ich griff zu allen mir bekannten Mitteln und Rezepten, +zu allen existierenden Giften: störte künstlich die +Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, +Haschisch und alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben +mir nur ihre eigenen Zauber. Erwachend gedachte ich mit +sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in denen ich +kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben +war, und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging +vor Wut und Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos. +</p> + +<p>Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen +Rausch der Träume zurückkehrte, vergingen sechs Monate +bis zu dem Tage, da mein verheißenes Glück wiederum mir +zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den +mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich +frei sei, daß ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum +zu verfügen, daß ich alles ausführen könne, wonach ich verlangte +<!-- page 089 --> +und daß es doch nur ein Traum bleiben würde! Eine +Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da +konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen. +Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner +unterirdischen Halle. Ich zog es vor, mich in jene Umgebung +zu versetzen, an die <i>sie</i> gewöhnt war, die sie sich +selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter +Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein +sah ich mich selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen. +</p> + +<p>„Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, +<i>sie</i> schläft jetzt und nimm einen schmalen Dolch mit dir, +dessen Griff von Elfenbein sei.“ +</p> + +<p>Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch +die dunklen Zimmer. Es kam mir so vor, als würde ich nicht +gehen, und nicht meine Füße bewegen, sondern fliegen, wie +das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal ging, +sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: +„dies alles ist in meiner Gewalt.“ Die Nacht war ohne Mondschein, +aber am Himmel funkelten die Sterne. Unter den +Sesseln<a id="corr-4"></a> krochen meine Zwerge hervor, doch ich ließ sie verschwinden. +Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer. +Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. +Ich trat an das Bett heran, in dem mein Weib schlief. Da +lag sie, so schwach, so klein, so mager; ihre Haare, die sie +des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett herunter. +Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, +da sie sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder +nicht erwarten konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein +Herz zusammen. In diesem Augenblick war ich bereit, an +Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das Verlangen, vor ihrem +Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu küssen. Doch +sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre. +</p> + +<p>Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich +konnte mein geheimes Verlangen befriedigen, mit dieser Frau +alles tun, was ich nur wollte. Und doch würde alles das nur +mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie wiederum +mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, +<!-- page 090 --> +lieben und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper +meiner Frau bückte, preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel +zusammen, so daß sie nicht schreien konnte. Jählings erwachte +sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner Hand. +Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, +mich fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, +mir etwas zu sagen und sah mich mit verstörten Augen an. +Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer Erregung +an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage +meinen Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich +streckte, noch immer nicht zu schreien vermochte, aber ihre +Augen füllten sich mit Entsetzen und Tränen entströmten +ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das klebrige +und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch +mehrere Male in ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete +sie immer mehr, sie, die Nackte, die sich bedecken +wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte ich sie am +Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die +Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt +ihre Kehle durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie +sich noch im Todeskampfe zu atmen bemühte, ihre Hände +wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. Ein +wenig später war sie schon unbeweglich. +</p> + +<p>Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, +daß ich mich sofort zu erwachen bemühte, aber ich konnte es +nicht. Ich machte alle Willensanstrengungen, ich erwartete, +daß die Wände ihres Schlafzimmers plötzlich zerfallen würden, +verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf meinem +Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken +ging nicht vorüber. Der blutige und unförmliche +Körper meines Weibes lag vor mir auf dem vom Blute überströmten +Bette. Und in der Türe drängten sich mit Lichtern +schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des +Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie +sprachen kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie. +</p> + +<p>Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen +war, nicht im Traume geschah. +</p> +<!-- page 091 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Im Spiegel</h2> + +<p class="sub">Aus dem Archiv eines Psychiaters</p> + +<!-- page 092 --> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropI-092"><img src="images/092.jpg" alt="I" /></span> +<span class="hidden">I</span>ch liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten +Jahren. Als Kind weinte und zitterte ich oft, +wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe +blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, +durch die Zimmer und den Garten zu gehen, +einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen +Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten +und vor Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. +Schon als Mädchen begann ich, mein ganzes Zimmer +mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden, +klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich +gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich +kreuzenden, in einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden +und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen. +Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich diesen lautlosen +Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen +abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, +im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und +am gleichen Platze existieren. Diese umgedrehte Wirklichkeit, +die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt +und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich +immer an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis. +</p> + +<p>Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn +ich an den Spiegel herantrat, vor mir erschien und mein +Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte mich, zu erraten, +wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide, +und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei +und daß alle Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich +auf einem von ihnen sich eben mein Verlobungsring befand. +Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum daß ich +in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In <i>dieser</i> +Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen +und Töne sind, da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener +<i>Spiegel</i>welt, die man nur sehen kann, lebte sie, die Erscheinung. +Sie war fast wie ich und doch nicht völlig ich; +sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht +<!-- page 093 --> +eine dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. +Jene (die andere) wußte, was <i>ich</i> nicht erraten konnte, verfügte +über jenes Geheimnis, das auf ewig meinem Verstande +verborgen war. +</p> + +<p>Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt +hätte, seine ihm eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben +Ort nacheinander zwei Spiegel, und es werden zwei +verschiedene Welten entstehen. Und in verschiedenen Spiegeln +erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die alle +mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch +waren. In meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives +Mädchen, dessen klare Augen mich an meine früheste Jugend +erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg sich ein +schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die verschiedenen +Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In +der viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine +strenge, machtvolle, kalte Figur auf mit unerbittlichen +Blicken. Ich kannte noch andere Doppelgänger von mir, in +meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, vergoldeten +Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in +dem Halsspiegelchen<a id="corr-5"></a> und in vielen und vielen, die ich bewahrte. +All den Wesen, die sich in ihnen verbargen, gab +ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. Nach den seltsamen +Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis +dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten +in dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur +ihnen eigentümlichen Züge. +</p> + +<p>Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch +solche, die ich haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen +auf ganze Stunden zu vertiefen und mich in ihren lockenden +Räumen zu verlieren. Andere wiederum vermied ich. Heimlich +liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte, +daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von +ihnen gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der +Spiegelfrauen bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und +verhielt mich zu ihnen fast freundschaftlich. Es gab aber +auch solche, die ich verachtete, deren kraftlose Wut ich zu +<!-- page 094 --> +verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit neckte, +und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen +gab es auch solche, die stärker als ich waren und sich +erkühnten, ihrerseits über mich zu lachen und mir Befehle +zu erteilen. Ich beeilte mich, von den Spiegeln, in denen diese +Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, versteckte, +verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach +jedem Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, +weil ich erkannte, daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und +die vorwurfsvollen Gesichter einer vernichteten Welt sahen +mich aus den Splittern drohend an. +</p> + +<p>Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte +ich im Herbst auf irgend einem Ausverkaufe. Es war ein +großes Trumeau, das sich in Scharnieren bewegte. Es überraschte +mich durch die ungemeine Klarheit der Wiedergabe. +Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der geringsten +Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer +selbstständig und schrankenlos lebendig. Als ich während des +Ausverkaufs das Trumeau besah, schaute die Frau, die mich +in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen Herausforderung +in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht +zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das +Trumeau und ließ es in mein Boudoir stellen. Als ich in +meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen +Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin. +Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen +wir, wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. +In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. +Mein Herz erstarrte und mein Kopf begann sich vor diesem +starren Blicke zu drehen. Durch eine Willensanstrengung +riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß +mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann +und sich das Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und +verließ das Zimmer. +</p> + +<p>Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des +ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem +neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Manne im +<!-- page 095 --> +Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr +lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, +betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich +gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat +auch jene, die andere, in die Türe, kam mir entgegen, durchschritt +das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere +Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf +mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf +begann, ein Zweikampf der Augen, zweier unerbittlicher +Blicke, die befehlend waren, drohend, hypnotisierend. +Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen, +ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen +Untertan zu machen. Und es müßte furchtbar sein, +so von der Seite zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos +gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt +sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein +verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber +schwand. Ich stand auf und ging hinaus. +</p> + +<p>Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. +Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein +Haus eingedrungen war, um mich zu verderben, und um +in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon +war ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In +dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit. +Und schon in der Möglichkeit einer Niederlage versteckte sich +eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze +Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte +mich mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch +in der Tiefe meiner Seele blieb immer das Bild meiner Gegnerin, +die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher +erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, +noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem +siegessicheren Blicke und nagelte mich vor sich an meinen +Platz. Mein Herz blieb stehen, und in kraftloser Wut fühlte +ich mich in der Gewalt dieses Blickes. Zuweilen, wenn ich +nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu fliehen, +in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde +<!-- page 096 --> +zu verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich +wäre, daß ich dennoch, gehorsam der lockenden +Kraft des feindlichen Blickes, hierher zurückkehren müßte, +in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte ich +sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte +und mir drohende Welt vernichten, und zuweilen +stürzte ich sogar mit irgend einem schweren Gegenstand in +der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber das verächtliche +Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so +erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner +Niederlage gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um +mit dem Siege einer von uns zu enden. +</p> + +<p>Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker +war als ich. Mit jeder neuen Begegnung konzentrierte sich +in ihrem Blicke eine immer größer und größer werdende Gewalt +über mich. Allmählich verlor ich denn auch die Möglichkeit, +sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. <i>Sie</i> befahl +mir täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. +<i>Sie</i> beherrschte meinen Willen, wie der Magnetiseur den +Willen der Somnambule. <i>Sie</i> teilte mein Leben ein, wie +die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte, +mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer +schweigenden Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, +aber auf sicherem Wege mich zum Verderben führe, +doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren geheimen +Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in +unsere Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine +Kraft mehr, sie zu hindern. Mein Mann, meine Verwandten +sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze Nächte vor +dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und wollten +mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit +zu enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare +Wahrheit zu sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging. +</p> + +<p>Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der +Tag meines Verderbens. Ich erinnere mich noch an alles, +völlig klar, völlig genau bis in die Einzelheiten: in meiner +Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie gewöhnlich betrat +<!-- page 097 --> +ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde. +Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, +setzte mich, und gab mich <i>ihr</i> hin. Ohne zu zögern, +erschien sie auf meinen Ruf, rückte gleichfalls einen Sessel +heran, setzte sich und begann mich anzusehen. Dunkle Vorahnungen +quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die Macht, +mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner +Gegnerin in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und +es wurde finster. Keine von uns beiden zündete Licht an. +Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. Und schon war +kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen +sahen mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn +noch Entsetzen, wie an anderen Tagen, nur eine unstillbare +Trauer und die bittere Erkenntnis, daß ich ganz in der Gewalt +der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm +mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der +Schwäche und Willenslosigkeit. +</p> + +<p>Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem +Sessel auf. Vor dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas +Unbesiegbares, etwas von außen her mich Zwingendes hieß +auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat einen +Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte +ihre Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden +und befehlenden Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und +bewegte sich vorwärts, und ich schritt ihr entgegen. Und +merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, trotz all +meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den +Tiefen meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte +Freude, daß ich nun endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu +der ich seit der Kindheit mich hingezogen fühlte, und die mir +bis heute verschlossen blieb, hineintreten würde. In einigen +Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den +anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach +meinem Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, +um sie zu verdrängen. +</p> + +<p>Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel +ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu. +<!-- page 098 --> +Aber <i>sie</i> faßte mich gewaltig an den Händen und zog mich +krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als +wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang +unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle +Atome meines Wesens ihr gegenseitiges Verhältnis veränderten. +Und schon nach einem Augenblicke berührte mein +Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die +ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen +Kusse. Alles verschwand vor diesem quälenden +Leiden, dem nichts vergleichbar ist, und aus dieser Ohnmacht +erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich +<i>aus</i> dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand +vor mir und lachte. Und ich, — o Grausamkeit! — ich, die vor +Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, +alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und +helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz erfassen +konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, +schritt zur Türe, verschwand vor meinen Augen und dann +befiehl mich die Erstarrung des Nichtseins. +</p> + +<p>Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames +halbbewußtes, wenn auch heimlich süßes Leben. Wir +waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen voll träumender +Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen, +fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen +nichts, wir hörten nur unklar, und unser Sein war wie eine +Ermattung in der Unmöglichkeit, zu atmen. Und nur wenn +ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel herantrat, +konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, +in die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller +Brust atmen. Ich denke, daß das Leben der Toten ähnlich +sein müßte, ein unklares Bewußtsein des eigenen Ich, dunkle +Erinnerung an das Frühere und das peinigende Verlangen, +wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen, +zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von +uns hegte und pflegte den verheißenen Traum, sich zu befreien, +einen neuen Körper zu finden und wieder der Welt +der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören. +</p> +<!-- page 099 --> + +<p>Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage +sehr unglücklich. Ich wußte und verstand noch nichts. Gehorsam +und sinnlos nahm ich das Bildnis meiner Gegnerin +an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen. +Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein +großes Vergnügen, vor mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer +Realität zu kokettieren. Sie setzte sich und auch ich mußte +mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie sah, daß +auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, +ihre Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit +auch ich lachen müßte. Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, +und ich konnte ihr nicht antworten. Sie drohte mir +mit der Faust und verspottete meine unbedingte Wiederholungsgeste. +Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich +den Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge +stürzte sie mich in das Nichtsein. +</p> + +<p>Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten +in mir allmählich die Erkenntnis. Ich begriff, daß meine +Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine Toiletten gebrauche, +die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen Platz +einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach +Rache wuchsen in meiner Seele wie zwei feurige Blumen +auf. Ich begann, mich bitter zu schmähen, weil ich aus +Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die Möglichkeit +gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese +Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, +wenn ich ihr nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. +Und nachdem ich mich ein wenig mit den Bedingungen +meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich +mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir +geführt hatte. Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, +meinen Platz als wirkliche Frau einzunehmen, war denn ich, +der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten wurde, nicht +stärker als diese Erscheinung? +</p> + +<p>Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich +mich, als quälte mich der Hohn meiner Gegnerin immer +unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle Süßigkeit des +<!-- page 100 --> +Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte, +reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel +auf dieses Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte +sie. Indem sie immer neue Martern für mich ersann, verschwendete +sie ihre Phantasie. Sie erfand tausend Listen, +um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich +nur eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben +mehr hätte. Bald spielte sie vor mir auf dem Klavier und +quälte mich mit der Tonlosigkeit meiner Welt. Bald saß sie +vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten Liköre +und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. +Bald endlich führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich +verachtete, erlaubte ihnen vor meinen Augen ihren Körper +zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu denken, daß sie +mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte +sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses +Lachen verletzte mich nicht mehr; seine Schärfe trug eine +Süßigkeit: meine kommende Rache! +</p> + +<p>In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine +Gegnerin unmerklich, mir in die Augen zu sehen, begann ich +allmählich, ihren Blick zu beherrschen. Bald lag es schon +in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder zu senken, diese +oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und +schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses +unter der Maske des Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte +wuchsen, und ich erkühnte mich, meinem Feinde zu befehlen: +heute wirst du dieses tun, heute wirst du dorthin +fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. +Und <i>sie</i> führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das +Netz meiner Wünsche, spann einen festen Faden, mit dem +ich ihren Willen hielt und wenn ich meine Erfolge bemerkte, +triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den +Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere +Lächeln bemerkte, war es schon zu spät. <i>Sie</i> lief +damals in heller Wut aus dem Zimmer, doch während ich +wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, wußte ich +doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie +<!-- page 101 --> +mir gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte +über meiner willenlosen Schwäche, zerschnitt das Dunkel +meines Halbtodes als regenbogenfarbener Fächer. +</p> + +<p>Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu +mir zurück, schrie mich an und drohte mir. Ich aber erteilte +ihr Befehle. Und sie mußte mir gehorchen. Es war wie +das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger Stunde +konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber +hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie +wußte, daß dieses von meinem Willen abhinge, und dieses +Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch ich zauderte. Es war +mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war mir +angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich +(und dieses ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das +Mitleid mit meiner Gegnerin; die mein Feind war, mein Henker. +Allein es war in ihr etwas von mir und es war mir furchtbar, +sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und +sie in einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und +wagte es nicht, verlängerte die Frist von Tag zu Tag und +wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte und was mich +erschreckte. +</p> + +<p>Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in +das Boudoir Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war +unlebendig, ich lag in einer süßen Erstarrung, aber wenn ich +auch nichts sah, so begriff ich doch, daß sie hier wären. Die +Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum Weltall +geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der +anderen erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, +und nahmen den Körper der Erscheinung, die Form +des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe erregte meine +träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle +des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens +sammelte ich all die Macht meines Willens. Welche Anstrengung +kostete es mich, mit der Entrücktheit eines halben +Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal +mit einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden +Ketten zur Wirklichkeit befreien wollen. +</p> +<!-- page 102 --> + +<p>Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, +den ich ihr, meiner Gegnerin, zurief: „komm her!“ Ich +hypnotiserte und magnetisierte sie mit der ganzen Anstrengung +meines träumenden Willens. Und ich hatte so wenig +Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, +ihn in das Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, +das war mir unbekannt. Und so in letztem tödlichem Triebe +rief ich wieder und wieder: „komm! . . .“ Und plötzlich +fühlte ich, daß ich lebendig wurde. <i>Sie</i>, mein Feind, öffnete +die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte +sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich +sträubten, als würde sie zum Richtplatz gehen. Mit meinen +Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte ihren Blick mit +meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde. +</p> + +<p>Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. +<i>Sie</i> gehorchte und machte nicht einmal den Versuch, +sich zu widersetzen. Und wieder waren wir allein. +Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr +ihre Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir +entgegenzugehen. Ein Stöhnen der Qual entrang sich ihren +Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie vor einem Gespenste, +doch sie kam, taumelte, fiel, — sie kam. Und auch ich ging +ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit +Augen, welche die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, +die vor trunkenem Jubel taumelten. Und wieder berührten +sich unsere Hände, wieder näherten sich unsere +Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom +unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon +nach einem Augenblick stand ich <i>vor</i> dem Spiegel, meine +Brust füllte sich mit Luft und ich schrie laut und sieghaft +auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau nieder vor Ermattung. +</p> + +<p>Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich +konnte nur sagen, daß man meinen früheren Befehl ausführen +möge, diesen Spiegel ganz und für immer aus dem +Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein. +</p> + +<p>Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich +bekam nach all dem Erlebten ein Nervenfieber. Meine +<!-- page 103 --> +Verwandten hielten mich schon lange für krank und unnormal. +Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles, +was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung +bestärkte nur ihren Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches +Krankenhaus über, in dem ich mich auch jetzt +noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes +Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht +lange hier bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, +die ich bald schon ausführen muß. +</p> + +<p>Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich +weiß, daß ich Ich bin. Doch sobald ich an jene denke, die +jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen ist, so erfüllt mich +eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches Ich +dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, +ich, die dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, +ein Spiegelbild. In mich strömten nur die Erinnerungen, +Gedanken und Gefühle jener über, die mein anderes +Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch +immer im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, +würde ermatten, sterben. Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, +daß dieses nicht wahr ist. Doch um die letzten Wolken des +Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal, +das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß +ich in ihn sehen, um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin +ist, mein Feind, der meine Rolle während einiger Monate +spielte. Ich werde dies sehen, und alle Bedrücktheit +meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos +klar und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich +ihn finden? Ich muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, +schauen in seine Tiefe! . . . +</p> +<!-- page 104 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Das Köpfchen aus Marmor</h2> + +<p class="sub">Erzählung eines Landstreichers</p> + +<!-- page 105 --> + +<p class="first"><span class="leftpic" id="dropM-105"><img src="images/105.jpg" alt="M" /></span> +<span class="hidden">M</span>an verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem +Jahr Gefängnishaft. Mich intrigierten das Benehmen +des Alten vor dem Gerichte, wie auch +die eigenen Umstände des Verbrechens. Ich erreichte +eine Zusammenkunft mit dem Verurteilten. +Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, +schwieg, dann aber erzählte er mir doch sein Leben. +</p> + +<p>— Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, +war nicht immer ein Herumtreiber, schlief nicht immer in +den Nachtasylen. Ich genoß eine ganz gute Erziehung, ich +wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte ich schon +Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine Abendgesellschaft, +ein Ball, und alles endete immer mit einem<a id="corr-6"></a> Saufgelage. +An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. +Aber in meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um +sie auszufüllen, würde ich den ganzen Rest meiner lumpigen +Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu Nina steht. +</p> + +<p>Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, +daß sie Nina hieß. Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten +verheiratet. Sie waren arm. Aber wie verstand sie +es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so +besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie +gemeißelt. Aus ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle +Träume. Ja und auch alles alltägliche, das mit ihr in +Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so phantastisch. +Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer, +schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des +Lebens ab. +</p> + +<p>Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings +war alles so ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, +den jungen, hübschen, der so viel Verse auswendig konnte. +Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, dessen kann +ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel +reißen sich einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist +glücklich und lustig (o, wie selten das bei ihr vorkam!), +trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, lächelt mir +zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend +<!-- page 106 --> +wo zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: „Ich weiß, +du, mein Glück, wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es +immerhin, ich habe doch gelebt.“ O diese Worte kenn ich +noch. Doch was gleich danach war, — und ist dies mit +Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht. +</p> + +<p>Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. +Vor mir lag eine glänzende Zukunft und ich konnte +mich durch irgend eine romantische Liebe nicht binden +lassen. Es war mir schmerzlich, sehr schmerzlich, aber ich +bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich dieses +Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem +Mann nach dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch +Erinnerungen und Gespräche von ihr peinigten mich damals +so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. Ich bemühte +mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch +ihre Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. +Und natürlich vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, +unsere ganze Liebe, begreifen Sie bitte, vergaß alles. +Sie verschwand aus meinem Leben, als wäre sie nie darin +gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen Menschen, +so zu vergessen. +</p> + +<p>Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht +zu erzählen, wie ich Karriere machte. Von Nina getrennt, +dachte ich natürlich nur an äußeren Erfolg, an Geld. Eine +Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im Auslande, +heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau +starb; mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu +Verwandten und, Gott verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob +meine Jungen noch leben. Natürlich trank ich. Dann eröffnete +ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich +verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum +Schluß sank ich bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. +In den letzten Jahren beschäftigte ich mich einige Monate, +als ich nicht trank, als Arbeiter in den Fabriken. Doch wenn +ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die Nachtasyle. +Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und +träumte immer, das Schicksal würde sich ändern, ich würde +<!-- page 107 --> +wieder reich werden. Meine neuen Kameraden verachtete ich +deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten. +</p> + +<p>So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf +irgend einem Hofe herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, +der Zufall führte mich. Plötzlich ruft mich ein Koch an: +„Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?“ „Das bin +ich,“ antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß +zurecht machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; +überall Vergoldung und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, +was nötig war, und die Gnädige gab mir einen Rubel. +Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer Säule +stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an +und will meinen Augen nicht trauen: es war Nina! +</p> + +<p>Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen +und dort begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich +schaue, zittere fast und frage: „Gnädige Frau, gestatten Sie +zu fragen, was das für ein Köpfchen ist?“ „Das,“ antwortet +sie, „ist eine sehr teuere Sache, die vor fünfhundert Jahren +gemacht ist, im XV. Jahrhundert.“ Nannte mir auch den +Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß +ihr Mann dies Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und +hieraus wäre eine ganze diplomatische Affäre zwischen dem +italienischen und dem russischen Kabinett entstanden. „Sagen +Sie mal,“ fragte mich die Gnädige, „gefällt Ihnen das Köpfchen? +Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! +Die Ohren,“ sagt sie, „sind nicht am Platze, die Nase ist +unregelmäßig . . .“ und schwatzt! und schwatzt! +</p> + +<p>Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur +Ähnlichkeit, das war ein Porträt, sogar noch mehr, das war +wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie mir bitte, durch +welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts +diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten<a id="corr-7"></a> +Ohren schaffen, diese selben kaum mandelförmigen +Augen, die unregelmäßige Nase und die lange zurückgelehnte +Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das schönste, das +reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder +ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, +<!-- page 108 --> +die andere — in unseren Tagen? Denn daß jene, nach +welcher der Marmorkopf gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, +sondern auch dem Charakter, der Seele nach völlig +gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht bezweifeln. +</p> + +<p>Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff +sowohl die ganze Niedrigkeit meiner Aufführung im +Vergangenen, als auch die Tiefe meines Sturzes. Ich begriff, +daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte und den +ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene +ungeschehen zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen +an Nina zu sammeln, so wie man zuweilen die +Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest. O, +wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes +zusammenstellen. Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch +wie jubelte ich, wenn es mir gelang, in meiner Seele irgend +etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich erinnernd +verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und +doch war ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, +mein Leben von neuem zu beginnen. Aber noch kann ich +meine Seele von schlechten Gedanken befreien, von Menschenhaß +und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der +Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung. +</p> + +<p>Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue +noch einmal zu sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe +des Hauses, in welchem sie stand, herum und bemühte mich, +das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch es stand zu +weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor +dem Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die +Verteilung der Zimmer, knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften +an. Im Sommer fuhren die Besitzer aufs Land. +Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. +Ich glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina +ansehen könnte, ich mich an alles erinnern würde, an alles +bis zum Ende. Das wäre mein letztes Glück gewesen. Und +ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt hat. +Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon +<!-- page 109 --> +im Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich +in den Zimmern schon einmal als Schlosser war, und daß +man mich nicht selten in der Nähe des Hauses hatte herumlungern +gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich dann +eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte +aus, gnädiger Herr! +</p> + +<p>— Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie +freisprechen. +</p> + +<p>— Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch +schändet meine Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde +gleich, wo ich an Nina denke, im Nachtasyl oder im +Gefängnis? +</p> + +<p>Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte +mit seinen seltsamen verblichenen Augen ansah, sagte er +plötzlich noch: +</p> + +<p>— Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert +hätte? Wenn nur mein armer, durch Alkohol geschwächter +Verstand sich die ganze Geschichte dieser Liebe +erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah? +</p> + + + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li> jede — geändert in <a href="#corr-1"><i>jeden</i></a></li> +<li> Lyda — geändert in <a href="#corr-2"><i>Lydia</i></a></li> +<li> schweigsamen — geändert in <a href="#corr-3"><i>schweigsamem</i></a></li> +<li> Sessel — geändert in <a href="#corr-4"><i>Sesseln</i></a></li> +<li> Halspiegelchen — geändert in <a href="#corr-5"><i>Halsspiegelchen</i></a></li> +<li> einen — geändert in <a href="#corr-6"><i>einem</i></a></li> +<li> ansetzten — geändert in <a href="#corr-7"><i>angesetzten</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SÜDKREUZES *** + +***** This file should be named 38518-h.htm or 38518-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/1/38518/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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