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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:29 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Lesestücke + +Author: Ferdinand Hardekopf + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38506] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Aktions-Bücher der Aeternisten + + +Ferdinand Hardekopf + +Lesestücke + + + + + + +Berlin-Wilmersdorf 1916 +Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert) + + + + + + +Alle Rechte insbesondere die der Übersetzung vorbehalten +Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf + +Dieses Buch wurde gedruckt im März 1916 von der +Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover + +Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gespräch: +»Der Abend«, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig + + + + + + + + + +Vorwort + + +. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf das Faktum, daß ich +gestorben bin. Dies fiel mit der Morgenröte der großen Zeit zusammen. Somit +sieht man sich hier allerdings einem Spuk gegenüber. Aber solche Phänomene +sind häufig, jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mémoires d'outre-tombe, +und alles kommt nur auf die Vitalität der Abgeschiedenen an. Da der +Selbstmord als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt ist, so wird man +begreifen, daß in diesem Falle nur Genußsucht das Motiv sein konnte. Schon +bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie gern langweilen wollen. Den +Abgezogenheiten gab ich meine Vorliebe vor »realen« Details. Höchstens +bewog philologischer Sammeleifer zur temporären Erduldung jener +Beanspruchungen für die man das infame Wort »Liebe« verabredet hat. Schnell +rettete ich mich ins Café. Dort erwuchs einigen der sehr erwünschte Zustand +der »décadence«: unsere beste Beute. Die Antwort des Iren George Moore auf +die Frage wie die Kunst zu fördern sei: »Durch Gründung von Cafés«, bleibt +mir aus der Seele gesprochen. Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist +unzeitgemäß. Leider muß ich fürchten, daß die Antipathie gegen sie schlecht +stilisiert sein wird. Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und +vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus den Anspannungen der +Formung. Es war der Dichter einer entschwundenen Mentalität: Goethe, der +das »Stirb und werde!« in den West-östlichen Divan diktiert hat. + + F. H. + + + + + +Wir Gespenster + + + + +(Leichtes Extravagantenlied) + + +Wir haben all unsere Lüste vergessen, +In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen; +Erleuchtete Tore locken uns sehr, +Doch die Angst ist gering -- wir brauchen viel mehr. + +Als Knaben sind wir ins Theater gegangen, +Nach gelben Actricen ging unser Verlangen; +Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft, +Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft. + +Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens, +Da flohen wir zitternd ins Café des Westens +Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen, +Die scharren nach goldenen Löwenmähnen. + +Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben: +Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben. +Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen, +In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen. + + + + +Der Unterprimaner + + +Ist die Nacht herangeschlichen, +Liegt das Schulhaus wie entgeistert. +Alles Gaslicht ist entwichen, +Und die Tür ist fest verkleistert. + +Gleicht das noch den Korridoren, +Wo wir tags so stark gequält sind, +Wo wir linkisch, kahlgeschoren, +Zage meuternd --, tief verfehlt sind? + +Geistergrün seh ich ein Schimmern, +Und der Schornstein wird so deutlich. +Aus den Gängen, aus den Zimmern +Quillt es neblig, süß und bräutlich. + +Was umschleich' ich diese Räume, +Schleiche nicht in Liesbeths Garten, +Tief ins Dickicht -- ihrer Träume +Fernsten Seufzer zu erwarten? + +Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle +Von bereits geknickter Haltung. +Um das Nacht-Phantom der Schule +Schleich' ich -- trotz der Schulverwaltung. + +Ahnt ihr meine Heimlichkeiten, +Nachmittags-Libertinagen? +Müde, etwas zu bestreiten, +Starr' ich auf die vier Etagen. + +Diese klassische Kaserne +Ist erfüllt von Abenteuern! +Grüßten sonst die weißen Sterne +Sie mit ihren blassen Feuern? + + + + +Konzentrisch + + +Mädchen sprießen jung im Sturm, +Bald muß ich sie lieben; +Und es wächst ein Bücherturm, +Der wird jetzt geschrieben. + +Aufgetürmt aus Hart und Weich, +Bald muß ich es lesen, +Wortgebirg was Tintenteich +Lieblich einst gewesen. + +Blondes Haar was Sonntagsdrang +Abendlich gewesen, +Augenblick und Überschwang +Muß ich fiebernd lesen. + +Angst im Kreis der sie betrifft +Fühlt ihn eng geworden: +Gliederduft und Liedergift +Werden mich ermorden. + +Ruhenden im tiefsten Tal +Macht ein Mißtraun rege: +Weib und Buch und alle Qual +Sind schon auf dem Wege. + + + + +Café + + +Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder, +Ihr Kleid erregt sich sommergelb + (Wir wollen nächstens, Nekromanten, + Kornduft in facettierte Parfumgläser einfangen!) +-- Die schmale Frau begnadet das Café. +Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame, +Übertändeln die Fesseln; +Der schwarze Hut taumelt ein bißchen seitwärts -- schräg zum Marmorschwarz. +Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar. +Madames Kniee knicken --: sie sitzt; +Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingernägel +Zwei, drei Weihwasserwellen +Von den Brüsten bis zu den Hüften; +Dann arrangiert Madame ihren Popo. + Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch; +Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen geträumt. +Sich in grün rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten dürfen, +ist fast ihr Glück -- +Ist ein Glück, so maßlos, +Daß der köstliche Atem der Welt +Für sie innehält, +Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen; +Eine Silhouette herrscht über das Meer: +Höflichen Gischt, weißen Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher. + Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug +(Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette) +Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzüngelt, +Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar böse Sekunden, +Und aus ihren Lokomotivköpfen +Brüllt ein zischendes Pfeifen, +Taumeldumpf hingezogen, +Weh gedehnt, +Irr in der Nacht, +Das präzise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe, +Ein violetter Schleierfetzen im Nebel, +Ein bös gestreckter Raucharm, +Wegweiser er in keuchende Wege, -- +Eine eiserne Klagemusik, +Die im Nebel verrostet, +Im feuchten, rostigen Nebel, -- +Das Stöhnen zweier Seelen, +Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, -- +Das hehre Maschinenkeuchen der Hölle, +Ein langes, banges Röcheln, +Schrill --: +Aus der Tiefe die Litanei +Der Lokomotiven. + Oh, Madame, da wurden Sie glücklich +Auf der straffen Walstatt des wagon-lit, +Auf dieser weißen Ebene der Geisterschlachten! + Durch den Puderschmelz ebbt eine Zärtlichkeit, +Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingernägel +Verfinstern die korngelben Halbmonde +Ihrer Augenbrauen, +Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden +Entweihungen Ihrer Mysterien. + + + + +Nymphenburg + + +Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht +in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen. +Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste, +Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte +Scheidekraft verstellt. +. . . . . Es quoll ein grünes Auge; +In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen, +Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner, +Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem +Lorbeer und Frauen-Nägeln. +Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen, +wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins. +(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!) +Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf. +Und es wurde Orphisches doziert. +Ich versank -- lächelnd, vergiftet. +Da wußte ich meine heiteren Gefahren, +Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land. +. . . Schon formt sich in der Stachelhülle, +Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird; +Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige +wie die Lust (. . . die Lust . . .), +Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen +Perücke, +Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren +Gewändern +(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?), +Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger +Teiche, +Schwäne sind ihre Brüste, +Brüste, +Sich einbetten in Festungswälle, +Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern. + + + +Halensee + + +(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: --) +Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst. +Weiß brennt der Saal. +Doch in den festlichsten Minuten +Verzischen heiß der Bogenlampen Fluten; +Ein Dämmerlicht von grün und roten Birnen +Rückt näher die Privatbeamten an die Dirnen. +Und hoch und tief im Hinterraum +Wächst nun empor ein Tannenbaum, +Den vorher keiner sah -- +Rauscht auf und ist mit Glühbewußtsein da. + +Aus Goldovalen weiht ein Fürstenlächeln +Erlaubte Lust im Voraus zur Askese; +Der Siegerkranz wird noch die Narben fächeln, +Und ehrlos macht allein die Antithese. + +. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrüppig, +Das nette Unterholz an kleinen Tischen! +In Pfützen-Augen blinkt, gemäßigt-üppig, +Der Wunsch, reelle Kragenhöhen aufzufischen. + +. . . Die Saiten und die Tasten +Schrilln den Kommando-Takt, +Da sind die süßen Lasten +Vom Faunengriff gepackt. +Sie setzen ein mit Wippen, +Mit Schwänzeln und mit Kippen. +Accentuiern ihr Rundes, +Als wär es ein Profundes; +Das ist ein Strecken, Haschen +Der Finger und der Taschen, +Als sollte schon im Stampfen +Die teure Gier verdampfen. + +Dies Branden wird kein Öl vereiteln. +Öl glotzt verdummt von Herrenscheiteln, +Und -- unter prallen Knallgas-Garben -- +Entfaltet es Petroleumfarben. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel +Die Schmach des tiefsten Wasserstands, +Und rotgeschminkte Halbmond-Nägel +Vergilbung Cigarettenbrands. +Die Blusen mögen nicht mehr schließen, +Der Oberkellner murrt mit Nadeln. +»Ich schwur mirs zu, sie zu genießen!« +(Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.) + +Ihn quält an seiner Blutverlustmaid +Des kaum erworbnen Rechts Bewußtheit. +Und Lüste, schon vorausverdammte, +Erledigt der Privatbeamte. + + + + +Notiz + + + + +nachts (2h 45 bis 2h 47 matin) + + +Böses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .) +Grünliches Hämmern, wie in der Chloroform-Narkose! +Ein Pumpwerk zerstößt die Nacht, +Dröhnt. +Mein Herz explodiert. +Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt. +Aus einer Röhre, einem Trichter (einer Trompete?) +Fließt schleimiger Schein: +Das morastgelbe Licht der Welt -- meiner Welt. +Der Lichtkegel trifft mein Ohr. +Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den +Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch. +Das dauert gewiß bis zum Grauen der Dämmerung hinter den Gardinen. +(O: das gute Angelus-Läuten! +Hirten auf dem Felde, +Kartoffelbauern auf dem Felde Millets! +Liebe Demut ihres gebeugten Rückens!) + +. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt. +Kein Leben, keine Schminke um mich. +Nur die Angst meine Dame. +(Blicke kratzten, stächen mich, +Ich schriee, stampfte -- hautlos ich.) + +. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen, +Keine Gebet-Kunstwerke. +Eine Schmach ists, von der Angst erlöst sein zu wollen; +Eine Schmach ists, glücklicher sein zu wollen, als äußerst unglücklich. +Es _irritiert_ die geringste geglückte . . . Harmonie. +. . . . Warum nicht das äußerste? +Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes? +Zuckende Reserven, züngelnd im Dampf, im Krampf. + + +-- -- -- Übrigens bin ich durchaus im Stande, den Ablauf solcher +Empfindungen brüsk zu unterbrechen, »Amerikanismus« anzuordnen und, mit +einer Cigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen in Henri Beyles: »Le Rouge +et le Noir.« Selbstverständlich. + +Die Lampe brennt ja noch. + + + + + +Genesung + + +Da Stund' um Stunde, selbst die bängste, +Wie silbergraues Plätschern kam, +Da ward's ein Tag, wo ich die Ängste +Mit lässigstillem Lächeln nahm. + +Da tropften alle Qualen linder, +Sie perlten kaum auf meiner Hand, +Sodaß ich, endlich Überwinder, +Nichts mehr zu überwinden fand. + + + + +Rapidität + + +Und voll Bewundrung für den Dichter +Warf wieder eine Keks ihm zu. -- +Der zündet Rennmaschinen-Lichter +Und jagt nach der privaten Ruh'. + +Er drängt den Leib, den lässig-fetten, +Ins Röhrenwerk des schmalen Wolfs +Und gibt sich der rekord-koketten +Spazierfahrt längs der Wonne-Golfs. + +Nie war ein letzter Spurt gewürzter, +Nie flog die Disziplin so jach, +Nie war die Renn-Kritik bestürzter, +Und süßer nah war nie ein Krach. + +Es puffen aus dem Zisch-Ventile +Parfums von Kriminal-Chemie, +Im Kilometerfresser-Stile +Skandiert die Gift-Maschinerie. + +Dies ist der schnellste Höllenwagen, +Der schlingernd über Firnen fliegt, +Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen, +Den fernsten Graden angeschmiegt. + +Am Mix-Benzin freun sich die Sterne, +Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps, +Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne; +Nun gehts durch süßen Felder-Raps. + +Und wie er ihn mit Lust beflügelt, +So stoppt der Dichter seinen Blitz, +Entsteigt, die Hosen sehr gebügelt, +Dem eleganten Pneuma-Witz. + +Bald lächelt er im Bistro-Reiche, +Blaß-kompliziert, in dunkler Box, +Erstaunt gebraucht er viele weiche +»Algériennes« und viele Grogs. + +Vor seinem Gott wirft er sich nieder, +Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt, +In halb schon kondensierte Lieder +Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt. + +DER faltet ruhig seine Rippen --: +Sieht ein Paar Hosen in Berlin, +Die, unter schminkgewohnten Lippen, +Sich inniger zusammenziehn. + + + + +Sublimierung + + +Ich sah dich Grenadine schlürfen, +dein Wildgeruch ergriff mich schon -- +und hab nur stockend murmeln dürfen: +»Wer ist die scharfe . . . Attraktion?« + +Dann ließ ich drucken: »Komm, du Dirne! +Ein Später wittert Dunst und Bau. +Du hast die hellste Kinderstirne +und bist die dunkel-tollste Frau!« + +Vergeblich. Doch der Nicht-Genehme +war schon phantastisch angesteckt -- +Du hast mich völlig, Unbequeme; +Und . . . ich hab dich, als mein Objekt. + +O: dein von Mörderhand gekürzter +Polaire-Wulst, du zerwühlter Kopf, +durchreizt das Dasein mir gewürzter +als jüngster Judith Doppelzopf. + +Was willst du, Fremde, noch verhindern? +Ich bau dich auf aus Kunst und Schaum. +Du wirst mir Unerhörtes lindern, +du bist ja mein in jedem Traum. + +Wie gern in mystischer Verschwörung +dein Linien-Tiefstes sich mir gibt . . . +Laß uns allein! Du . . . Erd-Empörung, +bleib ferne, knäbisch angeliebt! + +Ächz unter Assessoren-Küssen -- -- +Indes in Spuk- und Geisterwelt +mit zugespitztesten Genüssen +dein kluger Schatten mich umstellt. + + + + + +Das Café-Sonett + + + Für L. R. + +Den Marmortisch umsprühen Manieristen, +erregt vom Beichtwort Mauds, der Künstlerin: +»Weiß nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!« +Sie steigern sich in überhitzte Listen. + +Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn. +Dem John, dem dunkelsten der Morphinisten, +dem Welt-Abbé, dem Décadence-Artisten +hält sie die gleiche klare Stirne hin. + +Da: Jack, Gorilla, erster Fußball-Preis. +Der Geist bestellt die sechste Schnaps-Karaffe. +Wie Maud, erkannt, ihr süßes Schicksal weiß! + +Es fällt die Festung vor dem Bild der Waffe. +Dem Football-Monstrum bringt man Huhn mit Reis. +Maud, sachlich: »Schaufle was du kannst, mein Affe!« + + + + +Bar + + +Ein Prunk-Salon, wie eine Schiffskajüte. +Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks. +Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte +Und lächeln sanft, wie Mädchen Maeterlincks. + +An der Portiere zaudern blasse Frauen; +Wie fallen ihre Mäntel blumenzart! +Es glimmen unter sehr geschminkten Brauen +Gazellenblicke rätselhafter Art. + +Sie treten näher gleich verirrten Rehen -- -- +Doch nichts Erdenkliches ist ihnen fremd. +Sie sind all right vom Kopf bis zu den Zehen, +Ihr blondes Haar ist in die Stirn gekämmt. + +Der Oberkellner eilt mit grünen Flaschen, +Und rote Geiger (welch Effekt im Bild!) +Erhitzen sich am Tanze der Apachen, +Da werden alle Frauenmienen wild. + +Liane tanzt -- und giebt die jungen Glieder, +Die sehr gepflegten, jedem Wagnis hin. +Sie biegt und rankt sich und entschmiegt sich wieder +Und ist ein Tier und eine Königin. + +Es gährt Apachenblut in diesen Damen . . . +Doch ist Liane dann vom Rausch erwacht +Und blieb, als reiche Cavaliere kamen, +Natürlich nur noch aufs Geschäft bedacht. + + + + +Spleen + + +Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht +Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht, +Und mahnte (3 Uhr 2): »Ein Spuk-Gedicht, +Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!« + +Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell. +Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell. +Da stieg die Dame Angst(-Berlin) reell +Auf ihr imaginäres Caroussel. + +Ein Schneiderkleid umpreßte mit Radau +Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau. +Doch das Citronen-Ei (um 3 Uhr 5 genau) +Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. -- + +Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar! +Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar! +Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar! +Ein Gruß: du noctambules Seminar!« +. . . So. 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war! + + + + +Spät + + +Der Mittag ist so karg erhellt. +Ein schwarzer See sinkt in sein Grab. +Dies ist das letzte Licht der Welt, +Das bleichste Glimmen, das es gab. + +Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum. +Die Birken-Nerven ästeln weh. +Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum. +Tot steht das Schilf im toten See. + +Die Luft strömt grau ins Mündungs-All. +Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein. +Mich trennt ein rascher Tränenfall +Vom Ende und der Flammenpein. + + + + + +Ode vom seligen Morgen + + + Für Emmy Hennings + +Süßeste aller Ausschweifungen: schon morgens im Café zu sitzen, +wintermorgens. + +Die Cigarette: blonder Honig, Opium wölbt mich ein. (Heimlich-gothische +Kapelle, Sicherheit.) + +Es riecht nach Wärme. + +Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen. Links in mir sammelt sich eine +entzückende Angst. Liebe Gifte heizen, hetzen. + +O ihr _guten Droguen_: ich bete euch sehr an. Lesen; blättern; man +entknöspelt Zeitschriften wie Mädchen: fiebernd-sachlich, +weihevoll-zynisch. + +Die Eine, die mit mir, mit dir ich _alles_ waren! Mir Vergangnes, unter +Hochdruck, explodiert. Das habe ich publiziert: diese lackierten +Teufeleien, geschminkten Qualen, ihr kleinen lila Neurosen. + +Aber ein bißchen verachte ich euch, ihr meine reizenden Gespenster. + +Ich bin eine solide Bestie. Schwer zu töten. + +Nur Kaffee und Cigaretten muß man uns natürlich garantieren. Dazu einige +erdige Parfums. Schon vormittags im Café (wie einst --). + +So inniglich verbummelt. + +Und der Tag ist kompromittiert, der Tag ist süß. Ermutigt (ach!) singe ich +dieser zuckenden Minuten Melodie; sing ich euch, ihr gebenedeiten Cafés; +sing ich die tiefgeliebte décadence. + +_Die_ lieben wir, _die_ streicheln wir mit gewürzten Caressen. + +(Ihr sprecht sie mit falschem Nasal-Laut aus.) Wir pfeifen auf was ihr +stolz seid, euren Auszeichnungen weicht ein Achselzucken aus, und was ihr +höhnt ist unser maßloser Stolz. + +Weltenwild ist unser großes Glück und sehr privat. Wir sind völlig +verdorben und endlos selig; wir sind feine Tiere; die Mädchen nahe uns +werden böse und herrlich, werden sensitiv, instruiert und instruktiv. + +Diese Souveränität ist unangreifbar. + +Alles können wir entbehren, natürlich außer dem Kaffee (bezaubernder +Oliven-Tinte, die Innenränder beschreibend) und dem Café. + +Sehr spöttische Herren sind wir weh schwankender Provinzen -- + +Selig in uns -- + +O: die geschmeckte Allmacht dieser Stunde! + + + + +Morgen-Arbeit + + + »Es ist die ewig selbe Qual!« -- + Und wär sie das noch tausendmal! + + +»Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet!« . . . +Ich wacht' in pudrigem Artistenzimmer auf -- -- +Und nahm, der Geistestötung neuster Technik schon verpflichtet, +den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf. + +. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen, +ein mattgetönter Zug freundlicher Erscheinungen. + +Niederländische Kinder auf der Landstraße, in Holzschuhen, +Windmühlen ferne, +diskret angeboten, +alles in zwei Dimensionen. + + (Nur flächig sei hinfort geträumt, + die Leinwand mildem Spuk gesäumt, + des Raumes Alp hinweggeräumt!) + + +Dann kam der kinematographische Traum in einen Park. Auf zarten Wegen +lustwandelten manche Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: die +schlankeren Frauen seien am höchsten notiert; er selbst habe es nie +begriffen; und er sage es nur für den Fall eintretender +Rechtsstreitigkeiten. Ich dankte höflich, bereits unterrichtet. Mittels +einer Geste fügte jener Herr bei: »Übrigens bin ich ohne Frauen +ausgekommen.« Ich lächelte beipflichtend. Gleich darauf wischte ich eine +Dame weg, die etwas zu bläulich ausgehöhlt war, und die ich aus früheren, +noch stereometrischen Träumen wiedererkannte. + +-- -- -- Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee, +halb-hübsches Getrief. +Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches. +Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit. +Man ist leicht geätzt, eindrucksbereit. +Junge Mädchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen. + +Ein einzig Wort pack' eines Fräuleins Sein! +Ich schon' mich nicht, ich setze Scharfsinn ein; +erschlürfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode. +Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode. + + +Wichtig ist der Augenblick, während dessen, von der Eisenstufe empor, das +Mädchen, neunzehn -- viel ernsthaftes Gesicht --, sich zur Plattform +aufhebt. + +Der Ritus der zurückgekämmten Haare erhellt den Kurfürstendamm mit den +überreinen Stirnen perfekt losgesprochener Sünderinnen, mit luxuriösen +Triumphen über weggebeizte Heimlichkeiten, und einer Duft-Cascade +sensationell wiederhergestellter Unschuld. + + Der Nord-Geist schlich in einen Süden: + »Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!« + Er ward nicht müd, sie zu entmüden, + von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen. + + +Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt vor der Unternehmung; +die Kurve dieses verderblichen Wechselfiebers von Geist und von Sinnen. Man +wird diese tragische Maskerade bannen, auf daß sie vorbildlich werde und +erhaben-programmatisch. + +Rebellion stürzt in »Ungesetzliches«. Aber der Ausschweifung entsteigt, +höhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa der Morgendämmerung, pedantisch und +unanfechtbar, ein Rückruf in die Pflicht . . . zur Formung eben dieses +Fluchtversuchs. + +Man hat gebummelt. Man wird darüber schreiben. In Kaethes, der Artistin, +pudriger Räuberhöhle lauerte eine Sentenz über den Fleiß. -- + + + + + +Morgendämmerung in Paris + + + + +(Nach Charles Baudelaire) + + +Man blies Reveille auf den Höfen der Kasernen, +Und Morgenwind durchfuhr die klirrenden Laternen. + +Das war die Stunde wo der bösen Träume Schwarm +Den Jüngling anfällt in des letzten Schlummers Arm; +Wo, wie ein Aug voll Blut das zuckt und sich zersetzt, +Die Lampe einen Fleck rot auf das Frühlicht ätzt; +Und wo der Geist, vom Zwang des Körpers deprimiert, +Den Kampf der Lampe und des Dämmerlichts kopiert. +Wie Brisen im Gesicht die Tränen schwinden lassen, +So fröstelt es im Raum von Dingen die verblassen. +Schreibmüde ist der Mann und liebesmatt die Frau. + +Von Häusern hier und da steigt schmaler Rauch ins Grau. +Die Sklavinnen der Lust, bleifahl das Augenlid, +Mund offen, schlafen nun, und sind im Schlaf stupid. +Die Bettlerin schleppt hin der Brüste Magerkeit, +Haucht auf die kalte Hand und haucht aufs Feuerscheit. +Das ist die Stunde wo, zerfroren, ungehegt, +Der Wöchnerinnen Qual sich zu verschlimmern pflegt. +Als würde ein Geschluchz durch Blutsturz abgeschnitten, +Zerreißt jetzt Hahnenschrei das Nebelmeer inmitten. +Ein Schleierwogen wird die Bautenpracht umspülen. +Doch Sterbenden entflieht, tief in den Nachtasylen, +Der letzte Röchelhauch, verkrächzt und abgehackt. +Ein Wüstling geht nach Haus, von seinem Tun zerplackt. + +Das Morgenrot steigt auf, in rosa-grünem Flor, +Steigt aus dem leeren Strom, frostzitternd, still, empor, +Und düster greift Paris, noch halb im Traumeskreis, +Zu seinem Handwerkszeug, ein arbeitsamer Greis. + + + + +Besessen + + + + +(Nach Baudelaire) + + +Die Sonne ist umflort. Manon, mach es wie sie +Und mummele dich ganz ins Fell der Apathie. +Schlaf oder rauche viel; bleib still in Qualverbrämung +Und tauche auf den Grund der tiefsten Willenslähmung. +Ich lieb dich wie du bist. Doch: sollte es dir passen, +Die Finsternis, mein Stern, heut Abend zu verlassen, +Und aufzuleuchten da, wo bunte Tollheit lacht, +Das wäre hübsch, Manon. Wir bummeln heute Nacht! -- +Entzünde deinen Blick am Strahl von tausend Lichtern! +Entzünde die Begier auf schweinischen Gesichtern! +Du ganz bist meine Lust, ob strotzend, ob morbide; +Sei was du immer willst: Zerrüttung oder Friede, +Sei Licht, sei Dunkelheit --; laß mir nur eins gelingen: +Mich, Satan-Göttin, DIR als Opfer darzubringen. + + + + +Abneigung + + +Ich presse zu Linien die lästigen Bäche +Und denk' die ent-ölten in ebenen Plan; +Ich hasse den Raum, ich vergöttre die Fläche, +Die Fläche ist heilig, der Raum ist profan. + +Ich werde mich listig der Plastik entwinden +Und laß euch gebläht im gedunsenen Raum. +Ich denke die lieblichsten Schatten zu finden +Im gefälligen Teppich, im flächigen Traum. + + + + +Xenien + + +Was wir waren, +Dürfen wir nie erfahren. +Wie freundlich ist die Lehre: +Quiëta non movere. + +Nie rühre den Brei der Erlebnisse +Ins Bewußtsein wieder hinauf; +Die saure Tinktur der Ergebnisse +Fräß' den Verstand dir auf. + +(Goethisch) +Daß sich aus den Traumgestalten +Fliegend weiße Schatten lösen, +Mag sich wunderbar verhalten, +Wie im Guten so im Bösen. + +Der Spötter zielt auf mich +Und kriegt den selben Stich; +Denn jeden Spottes Scheibe +Trägt jeder selbst am Leibe. + +Wir sind ins Leben eingeengt +Wie in ein platzendes Kleid, +Aus dem heraus uns zu sich drängt +Jenseitigkeit. + +Warum Jean-Jacques, der große Pädagog, +Die eignen Kinder nicht erzog?: +Wär' er bei seiner Brut geblieben, +Nie hätte er sein Werk geschrieben. + +Das Leben: eine blague aus Schleim und Eiter. +Das Buch besteht und hilft euch weiter. + +Nie gelingt ein Dasein richtig; +Nur der Dicht-Extrakt bleibt wichtig. + +Will einer sich an Meinung binden, +So wird er immer gebunden sein; +Er wird sich immer schlecht befinden, +Denn er wird als schlecht befunden sein. + +Ihr Leute, seht euch den Zauberer an, +Der sich aus nichts etwas machen kann! + +Der Dinge Gutes: Verlaßbarkeit. +Frei -- das heißt doch wohl: befreit. + + + + + +Wintergarten + + +Mit Revolverschüssen, Korsettgekrach und Schädelspalten, mit dem Feixen +irrer Clowns und dem größenwahnsinnigen Rasseln eines Dutzends Motorräder, +die, auf der steilschrägen Innenfläche einer Holzschwellen-Kreisbahn, um +die Wette wirbeln, ist uns eine Viertelstunde Nervenruhe nicht zu teuer +erkauft. Hei -- unsere fröhliche, zerkrampfte Hetzjagd nach der Ruhe, nach +der hehren, hochheiligen Stille, da wir den Willen abdanken (den +verständigen, blöden!), da die Ängste schlafen gehen und die Begierden all, +eingelullt, ihre schlanken, sehr biegsamen Katzenrücken niederstrecken zu +blinzelnder Apathie! Dann stiehlt sich von fernher, aus der nebligen Nacht +am See, ein ganz matter Lichtstrahl auf die dunkle Weide unseres Traums, +ein gelber, feuchter, verschwommener Lichtstrahl, den die dürstende Lunge +einsaugt als ein unendlich Kühlendes, Tröstliches und Kindliches. Über den +See braust, von Westen, der Sturm; in jedem Gertenast der Weiden wacht, +gepeitscht und peitschend, eine uralte Zärtlichkeit auf; und wir -- Pola, +meine Schwester: du und ich -- sind starr geneigt gegen den Weststurm, +bieten ihm, mit dem gellenden Schrei der Erlösung, die Brust dar. Dein +Haar, eine Seelenflut, jauchzt schwarzwellig in Lüften, dein Antlitz, +wachsam und glücklich, springt vor zum gespannten Profil, aus Zisternen +herrschen nächtig deine Augen --, und wir trotzen, herrisch, majestätisch, +in tief-ewiger Ruhe, dieser Empörung, dem Chaos, daraus wir entsprungen +sind auf langer, todesschmerzlicher Reise, und das wir lieben mit schmaler, +gepreßter, unabänderlicher Anbetung . . . Die Rebellion wollen wir: denn +sie ist unsere Ruhe; die Erregung um jeden Preis wollen wir: denn sie ist +unsere Heilung. Willkommen: ihr Sturmgeheul und Orgelgedröhn, ihr Schauer +in den Katakomben der Zerrüttung, Revolverschüsse, Feuersbrünste des +Atropins und ihr disziplinierten Verwirrungen Cancan tanzender Dessous! +Notre Dame und Folies Bergère -- ihr Sanatorien der Gipfel! Ihr +transzendentalen Räusche! Ihr Kultstätten, da eine harte Inbrunst +raffiniert geworden ist und sich präzisiert hat in unerbittlich +triumphierenden Formen! Das in mittelalterlicher Zähigkeit gehäkelte +Spitzenwerk gotischer Domtürme und das freche Eisengerippe des Eiffelturms +-- schießen sie nicht mit der gleichen nachtwandlerischen Mathematik in den +Äther? Randleisten aber dieses Bildes, zeichnen schwarze Fabrikschlöte die +schamlosen Linien des Satans und Seurats gegen den fahlen Horizont. In +geeinter Lust dürfen wir all das genießen. Denn brüsk und beseligend, wird +das Brüllen der Glocken, das Schmettern der Carmagnole und die rhythmische +Barbarei der Dampfhämmer übertönt von der einen, harmonisierenden, +idiotischen Melodie: Tarara -- bumdiäh! Das Variété, ein Narkotikum, bringt +die Versöhnung . . . + + + + +Franz Blei + + +Daß plötzlich ein gelber Herr aus dem achtzehnten Jahrhundert (den linken +Lackschuh schleppt er ein bißchen nach; und wenn er wollte, könnte er den +devoten Körper sehr leicht zu Korkzieher-Spiralen ringeln) in einen Kreis +Entwurzelter eintritt, dunkel lächelnd »Guten Abend« bietet und allsogleich +beginnt, durch viel Ordnung und Anordnung allerlei Seelchen nachdrücklich +zu verwirren --: das hat allen Schein und Anspruch so sehr gegen sich, daß +ich kaum jemanden bitten mag, zu genehmigen, es sei geschehen irgendwann. +Ich selbst habe es gesehen; aber ich glaube es nicht und wünsche, alles +geträumt zu haben. Erleben sagt wenig für den Erlebenden, und alles nur für +das Erlebnis; der Träumende aber darf sich fast so hoch schätzen wie seinen +Traum . . . + +Der Doktor Blei entwindet sich der Finsternis und ist, von der Taille +abwärts, hinter einem niedrigen Säulen-Oktogon schnell so sicher +verschanzt, daß nunmehr eine Büste im Frack, aus bösem Stamme erwachsen, +vor einer schwarzen Leere schwebt und wirbt. In der Geste Eines, der dem +großen Brummel Diener und Vertrauter war. Eines, der das rührende +Evangelium des Dandysmus in pflichtschuldiger Pedanterie ein bißchen +forciert. Da dieser Getreue den entschwundenen Vorbildlichkeiten seines +Herrn melancholisch nachgrübelt, drängt sich ihm dermaßen die +Unzulänglichkeit aller Späteren auf, daß aus dem dünnen, blassen Kreis +seines Mundes ganz zerbrechliche O -- O -- O!'s in die Luft puffen, kleine, +mokant schillernde Seifenblasen, die nach kurzer Bahn zerplatzen und einen +süßlich-irritierenden Hauch hergeben. Und nun ist keiner mehr überrascht, +hinter dem grauen Dandy, auf dessen hoher Stirn die gravitätische Heraldik +sechs paralleler Wellenlinien eingefurcht war, einen gelben Höfling aus +»Kabale und Liebe« wiederzuerkennen, hurtig dann auch den Doktor Coppelius, +hinter riesigen Brillenscheiben versteckt, und endlich Mephisto selbst, +der, wiederum lächelnd, die Maske des die Sinnlichkeit protegierenden +Privatdozenten ablegt und, ein arbeitsamer Systematiker, mit seinen +moralischen Anekdoten aus besserer Zeit einer sublimen Selbstgefälligkeit +fröhnt. Er respektiert die Moral und distanziert sie. Darauf wird die +Beschränktheit der Gottlosen geduckt. Diesem Doktor ist es nicht um die +Rationalisten zu tun. Er endet -- die Wachsmaske eines allzu durchwühlten +Goethekopfes -- als gemessener, orphisch tönender Fatalist. Aus der +Puderwolke starrt tief-tröstlich und korrekt ein Totenschädel. + + + + +Hebbels letzte Stunde + + +In dem hohen, altertümlichen Büchersaale stand der Examinator vor seinem +Schüler, der, in mittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser Zögling +trug ein Gewand von schwarzem Sammet. Nach Schillers Werken mochte sich der +Examinator heute nicht erkundigen. Mürrisch zog er ein paar Bände aus der +Bibliothek hervor: sie war wenig geordnet. Neben Maria Stuart preßte sich +Casanova. Nein! Doch da schimmerten schilfig Hebbels Tagebücher, und der +Examinator fragte: »Wo stehen die Sätze reiner, lichter Prosa über Hebbels +letzte Stunde?« Der Examinand hatte die Antwort parat; behaglich-amtlich +nannte er Band und pagina. Und um nähere Auskunft ersucht, gab er +Einzelheiten: + +»An einem Sommernachmittag hatte das alternde junge Mädchen heimreisen +müssen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das Haus lag noch in seinem +Garten da, in Liebe und Ruhe. Vormittags war die Luft heiß gewesen, und der +Garten hatte viel Sonne getrunken. Es wuchs darin eine einzige Art von +Pflanzen: Sträucher mit flachen Riesenblättern, die waren wie die Blätter +der Wasserrosen. Jetzt war es grau und schwül geworden, nur linder in den +steinernen Gängen des Hauses. Nun trat auch Christian Friedrich H. Hebbel +in den Steingang (vielleicht war die Türglocke erklungen) und legte seinen +Reisesack an der Haustür nieder. Er warf einen Blick in die grüne Wirrnis +draußen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Blätter leuchteten noch von +dem Licht das sie eingefangen hatten, einige matt, andere hielten dicke +Glühballen Leuchtens umwachsen. Da ließ sich Hebbel nieder zum Gebet: »Ich +danke dir für diese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!« Aus dem +grauen Garten kam Kühle. Wollte ein gelber Blitz es tun? Hebbel empfand +keine Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war (und der von allem +viel später erfuhr) dachte leise an ein bißchen Angst. Drei Tage lang ging +Friedrich Hebbel in den grünen Gängen umher. Er erlebte seine letzte Stunde +-- Stunden gläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel und Esther in +diesem Haus, ohne um einander zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges +lag ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letzten Stunde. Obgleich +es offen stand, hat Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie +betreten. Esther dagegen scheint in diesem Zimmer gewesen zu sein: von +einer Frau verspürte es weniger Dérangement. Die Früchte die im Zimmer +waren hat auch Esther nicht berührt. + +Dann verließen beide das Haus, in dem sie neben einander gebetet hatten. +Die Umstände wie sie später zusammentrafen sind fraglich geblieben. Sicher +ist nur das eine: daß die fremde Dame, die in rotgeblümtem Kleide erschien, +mit Frau Christine Hebbel auf eine passende Art bekannt gemacht wurde. Die +Fremde sah sich mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage erforderte +. . . Hebbel, sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte die Sätze über +seine letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich schließlich auf seiner +Netzhaut. Dort glaubte er sie sicher --: allzu sicher. Denn als man sie +nach seinem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt und wiesen die +Unklarheiten auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebücher +wiedergegeben sind. Übrigens stand Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner +linken Netzhaut und das Esthers auf der rechten. Er selbst soll noch +geäußert haben, dies sei ein Beweis für die unbeteiligte Seherkraft des +Dichters. Das ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration des: +»media vita in morte sumus«. Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach +seiner letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen -- einem Fluche +gegen jene die in der Gartenhausaffäre irgendwie Leid, Pathetik oder +aufdringliche Stilistik finden würden.« + +Der Examinator mußte diese Antwort in vollem Umfange gelten lassen. Und +längst sitzt der Zögling auf einem Lehrstuhl für visionäre +Literaturgeschichte. + + + + +Münchner Notizen + + + + +I: Absage an ein Café + + +In München zu leben, erscheint mir verächtlicher, als die meisten anderen +Todesarten. Es ist der Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. Diese +Damen und Herren möchten sich dem Amerikanismus versagen und erreichen +nicht einmal zum Kloster das asketische Pathos. Nun bilden sie, im Café, +ein andächtiges Publikum der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta bei +offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit von Geheimnissen, die keine sind, +formt, auf zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, gequältes +Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit der Angelus-Stunde plärren Castraten +ihr Coffeïn-Lallen. Wie anmaßend sie sind, und wie unkeusch -- die Knaben! +In der Ecke aber zersetzt sich eine Portion käsiger Quallen: die hungrigen +Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr avanciert. Die glotzen auf die heiße +Kalkwand, jenseits der Straße, und erträumen den Mäcen, der sich von ihnen, +in Monte Carlo, verführen lassen wird. O: liebe, liebe Münchner Nuance der +psychologischen Hochstapelei; bibliophile Rastas; süße, schmierige Insassen +der ewig selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, notwendige, +registrierte, acclamierte Dämonen --: möge ein Ekel, den ihr erregt und +nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. (Hymne der Abschüttelung.) + + + +II: Glück der Betrachtung + + +Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem Bar royal. Wenn, in +ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein, +Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der +Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten +und der späte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes +Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich +sammle Dinge, von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe Frauen, schlanke, +entravierte Säulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten großer +und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker fallenden Federn sind +aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich +zerfließende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du siècle, des Herrn +von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den Nachthimmel +wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Sünde: stolz erhobene +Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind. + +Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich +ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre +Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken läßt, desto +unwiderstehlicher fühlt sie die holde Schmach, von einem häßlichen Manne +bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten der unregelmäßigen +Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar, +Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . Doch wie kühl der +Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht, +den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf +dem Divan, nicht am Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche +acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient hätte, zu denen die Wege +nicht verschlungen und voller Angst gewesen wären. Und noch das Glück, mein +Glück dürfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor +den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern --: eine Minute irren +Vergessens, eine Minute Spleen: + + Der Fülle des Gegebenen + Entwächst das Schmale, Zarte; + Die Betten sind die Ebenen + Für Smarte und Aparte . . . + + +-- -- -- + +Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist +gefährdet, und bald wird das Licht hereinbrechen -- das Licht mit seinen +überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und +Indiskretionen. Noch schimmern die Façaden zurückhaltender Paläste im +Gespenster-Grün des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die +florentinischen Kulissen der L . . . straße in brüsk begrenzten Schatten, +durch welche Verschwörer schleichen müßten, Satanskinder und lungenkranke +Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession +mondsüchtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie +leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig +ist, asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der Tag: der Feind. Im +Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. O, +die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthält diese Avenue. Die +Brunnen schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: eine +unversöhnliche Spur frisch verströmten Blutes. Plötzlich erlöschen alle +Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und +Gärten. Die Erde giebt einen putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des +Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli +mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schläft +noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt von der Theatiner-Kuppel, und seit +Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne. + + + + +Das moralische Variété + + +In Marseille, dieser gefährlichen Stadt, die fast schon Afrika ist, und auf +deren Straßen die Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen das +Repertoire europäischer Sinnlichkeit um eine wilde Irritation bereichert, +in dieser Stadt, zerwühlt von Sonnenglut, Verbrechen, Vergangenheit, +gehörten meine Abende dem café-concert, dem Variété. Man geht spät hin, die +Vorstellung wird lange dauern, über Mittemacht hinaus. Der weite, staubige, +sachliche Saal des >Palais de Cristal<, an der Allée de Meilhan, ward rasch +meine Heimat. Denn dieses Publikum kannte ich aus gelben Bänden des Herrn +Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit besorgter Autoren --: +Reedersöhne, den steifen Hut im Nacken, abgehärtet durch Meerfahrten und +von erfahrenen Frauenhänden wieder verweichlicht; Bürgerfamilien, +aufmerksam und mürrisch; junge Arbeiterinnen, ohne Hut, schwarze +Schlangenhaare zerweht im Gesicht und das saugende Kind an der Brust; +achtzehnjährige Proletarier, die Fingerspitzen gelb vom Cigarettenrollen, +eigensinnig und schon verwöhnt durch äußerste Bereitwilligkeiten +parfümierter Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte in der Tasche und +reifende Apachen-Ideale im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng in ihre +Röcke gepreßt, mit den Ledertaschen schlenkernd, lässig und frech und +beabsichtigt, und, voll Einverständnis mit jeder staatlichen, +gesellschaftlichen, kapitalistischen Ordnung, die Couloirs zwischen Parkett +und Logen durchschlendernd, Ware und Verkäuferin durch Personalunion +kombiniert; Polizisten mit übertrieben stechenden Seitenblicken; ouvreuses, +die sitzenden Damen Fußbänke unter Stöckelschuh und Seidenbein stellen und +dann dem Kavalier eine Hand hinhalten; Bengels mit chronischer Heiserkeit +und deshalb Ausrufer von Orangen, Pistazien und frischen Feigen, +bläulichen, noch mit vielen Blättern; Neger, blinkend, grinsend, wissend; +viel kleines Volk, das am Tage Schnecken verkauft hat und Austern und +Muscheln und mancherlei schleimige, gallertartige, quallige +>Meeresfrüchte<; Pfandleiherinnen, die noch aus Balzac stammen, und +Zollbeamte von Dumas père; und all die Matrosen, rote Troddeln auf blauen +Mützen, solide Gesäße flott auf die Brüstung des Parketts geschwungen, +baumelnde Beine und Kennergesichter, die den Effekt: >Weltmann< unter +elementarer Gleichgültigkeit verheimlichen. Doch, damit rechnen sie schon, +der vollkommenste Genuß wird sich ihnen aufdrängen, die Kokotten >fliegen< +auf sie, Begeisterung ist Hingebung, und so requirieren gerade die tumben +Rekruten, die verträumten Schiffsjungen in libidinösen Boudoirs viel +unbedenkliche, unvorhergesehene, unbezahlte Wonnen . . . + +Vom Balkon des ersten Ranges betrachte ich diese unruhige Zuhörerschaft. +Seitlich erweitert sich der Saal zu einem riesigen Café, und weil dessen +Wände ganz aus Spiegeln bestehen, so entdeckt man eine unerhörte Folge +belebter Räume, durchsucht von milchigem Bogenlicht und verhängt mit den +zitternden Schleiern des Cigarettenrauchs, wie mit Fetzen eines sehr feinen +Nebels. Zur Linken der Eingangstür, an der promenade circulaire, diesem +Karussel von Gier und Verheißung, steht ein Likör-Buffet, und dessen +Inschrift lautet nicht: >Bar Thérèse<, sondern: >Thérèse's Bar<. Das ist +der verräterische Apostroph, der die Bedrohung der >Revue des deux mondes< +anzeigt . . . + +Inmitten der wüsten Bühne steht ein junges Mädchen, schmal, gehetzt, +dürftig, trotzig. Es singt, vor Inbrunst plärrend, ein Lied, das ein +erotisches und revolutionäres Lied ist. Auf den Festungswällen von Paris, +auf den >fortifes<, ist Flora aufgewachsen wie eine wilde Blume. Und kaum +verstand sie zu lieben, da gab sie sich Einem, der gefährlich war, und der +hieß: >Le grand Frisé<. Dem verdiente sie Geld mit ihrem Leibe; und sie ist +tüchtig um ihrer Liebe willen: + + Maint'nant j'ai du coeur comm' pas une, + Quand il s'agit de s'occuper. + + +ER schlägt, zerbläut, er zerstört sie ganz: »mais que voulez-vous, moi +j'aim' ça.« Und dann: + + Quand j'danse avec le grand Frisé, + Il a un' façon d'm'enlacer; + J'en perds la tête, + J'suis comme un' bête. + Y a pas! je suis sa chose à lui, + J' l'ai dans l'sang, quoi! c'est mon chéri, + Car moi je l'aime, je l'aim' mon grand Frisé. + + +Krächzend stößt sie diese Ekstase, diese Opferung heraus. Und irrer, +hemmungsloser schwillt die böse Litanei empor, bis hin zu triumphierender +Vezweiflung: + + Tout c'qui m'rest' maintenant + C'est toi mon homme! + + +Darauf, schrill, ein Pfiff: das Zeichen des Berufs, der Verrufenheit +. . . Wie es diese Solidaritätserklärung, dieses Kameradschaftsliedchen +(von der andern Menschheitsseite), dieses romantische und moralische +Couplet sang, da verklärte sich das schmale junge Mädchen innigst. Und das +Liedchen -- das bedeutete die späte Erfüllung jenes frommen Gebets, das, im +Jahre Siebzehnhundertundneunzig, ein venetianisches >Dirnchen< dem +Kunstreisenden Goethe hingeträllert hatte. + +>Notre Dame de la tune<: die nächste Chanson. Une tune -- das ist ein +Fünffrankenstück. Wieder sind wir jenseits der Konvention; denn diese +Sympathie mit der Straßendirne ist nicht bürgerlich, ist nicht lüstern, +sondern romantisch, schwärmerisch, christlich. Ein der eigenen Sicherheit +müdes Publikum schlürft hier die Lyrik, die Moral, den Ehrenkodex der +>Feinde<, der Helden des Aristide Bruant, jener unbestimmten, aufgelösten, +hin- und hergeworfenen Schicht, die die Franzosen >la Bohème< nennen und +deren Bestandteile Karl Marx aufgezählt hat in seiner Schrift: >Der +achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte<: neben zerrütteten Roués mit +zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben +verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden, +entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene +Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, +Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, +Dirnen, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler. Das war +das Inventar von 1848. Heute wäre das Wort >Apachen< beizufügen, in dessen +Nimbus nicht nur die Variétés, sondern auch alle Journale verliebt sind. In +der Tat, lieber wollen die Franzosen nach wie vor ermordet werden, als auf +die Anbetung ihrer Mörder verzichten. Frankreich kokettiert mit denen, die +es sabotieren; neidisch schielt es nach der neuen Sittlichkeit, die +erwächst, sobald alle Grenzen überschritten sind, nach der Disziplin der +Entordneten, nach ihrer leidenschaftlichen Moral -- welcher das +café-concert Hymnen dichtet in unermüdlichen Variationen. + +. . . Doch brüsk wenden sich alle dem Eingang zu, durch den, schwitzend, +keuchend, eine Rotte Männer eindringt, beladen mit Ballen von Zeitungen. +Denn es ist Mitternacht, und vor einer Viertelstunde hat der Rapidzug der +Linie P.-L.-M. die Pariser Morgenblätter auf dem Bahnhof abgeliefert. Man +reißt sie den Camelots unter den Armen weg. Der Saal wird zu einem Ozean +aus schäumendem Papier, er brandet nervös gegen die Logen. In Paris hat +Clémenceaus Florett das Ministerium erstochen, nie ging es auf dem +politischen Theater boshafter, entschlossener, geistiger zu, und das ist +eine Sache, die jeden berührt. In diesem Lande, das ein Schauplatz ist +ertrotzter, gepfefferter, gesalzener Laufbahnen, braucht niemand seinen +Berechnungen und Anspannungen Einhalt zu gebieten. Ministerkrisen erregen, +berauschen, ermutigen -- und deshalb wirbt die Sängerin, deren schilfgrüner +Arm das Weltall zerteilt, unerhört um Teilnahme für ihre idyllische >ronde +du soir<. + +Erst die nächste Darbietung: eine Pantomime, setzt sich durch. Monsieur +Adams, der ein großer Künstler ist, hat sie erdacht, und er selbst spielt +den Pierrot, einen wunderschönen, pessimistischen, sehr gequälten Pierrot, +wie auf den Bildern des Watteau der >butte<: des Adolphe Willette. Pierrot +hat eine himmlische Seele in irdischem Körper, Colombinens Leib ist +himmlisch, und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese banale Antithese wird +in der Darstellung des Monsieur Adams zur Menschheitstragödie. Wie dieses +mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene Wangen der Mondschein +pudert, und dessen Lippen tollkirschenfarben erglühen, auf das Ersehnte +starrt, auf das Notwendige, nie doch Erraffte, nie Verstandene, nie +Verstehende, auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, bangt, +zergeht, ausbricht in Haß, Verachtung, Wahnsinn, Todeseinsamkeit -- das +konzentrierte alle Erkenntnis von der Inkommensurabilität der Geschlechter, +das wiederholte und überholte alle Beweise des Mittelalters: mulieres +homines non esse, und das war eine hübsche, klare Randglosse zu jener +fundamentalen Ironie eines Gottes, der auf einander anwies Mann und Frau, +die in ihren besten Momenten wissen, daß sie nichts von einander wissen +können. In dieser Pantomime waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten +Ende sein Satz: »Als ich in diesen Tagen in der Zeitung las, in einer +Fabrik seien zwölf Frauen lebendig verbrannt, erfaßte mich eine grimmige +Freude: »Zwölf Stück? Gut!« Aber der Ritter Des Grieux und all seine +radikale Anständigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, vieler Symptome +Typisches wurde in ein grelles Plakat eingefangen, dessen fanatische +Geistigkeit noch den Feinsten beschäftigen könnte, als wäre er bei sich zu +Hause. So wirkte eine Harlekinsposse klärend, scheidend, ordnend, logisch +--: moralisch. Moral ist männlich und ist Ordnung; sie geht, glücklichster +Weise, die Frau nichts an, welche das Chaos ist und die Wildheit. + +Aber die kleinen Spezialitäten der Moralität, wie sie einem Apachenmädel +sich bilden und einem ungeschickten Liebhaber, münden in den ewigen Strom. +Monsieur Delmas tritt auf, von den >Ambassadeurs< in Paris, ein fast zu +großer Herr, voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten +romantischer Seitentäler, der gibt einfach, schlicht und groß, die +Ritterlichkeit, die Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von aller Gier, +dieser so lächerlich und bedenklich verherrlichten Lust, ruft er zurück zur +Entsagung: »Ne profanez pas la chair des femmes.« Das hören die Leute voll +Ehrfurcht an. Sie begreifen rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres +Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden innerer Anordnung geneigt +und gewinnen plötzlich den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie waren. An +diese Misere, da nun der Boden präpariert ist, darf sich Monsieur Delmas +heranwagen mit Tröstungen, Aussichten, Vorstellungen, die das Variété zur +Kathedrale machen. Allen, die da mühselig und beladen sind, beschwört er +die Golgatha-Vision -- là-haut, là-haut! -- und allen: Arbeitern, Matrosen, +Beamten, Huren und Statthaltern, verheißt sein Lied, nach dem +Kalvarienberge ihres Alltags, das reine Sonntagskleid der Erlösung . . . Da +mußte ich der Brettlsängerin Nine Pinson gedenken, wie sie, in der >Gaîté +Montparnasse< zu Paris, >la divine chanson< gegeben hatte, einem wilden +Parkett syndikalistischer Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt hatte, +diese frohe Botschaft schönerer Zukunft, mit vorgebreiteten Händen, mit +preisgegebener Seele, voll schwestersüßer Gnaden: sie, eine Verzehrte, +Verzerrte aus der Gegend des Toulouse-Lautrec . . . + +Gewiß: das café-concert enthält ebenso schärfste Opposition gegen das +Christentum und zumal gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition +Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts beweist, als daß sich alle +Lager der Wirkungsmöglichkeiten dieser Arenen bewußt sind. Und gewiß: die +Obszönität wird, vielerorts, auf scharfe Spitzen getrieben. Aber gerät sie +nicht eben dadurch in einen fahlen Schein von Größe, von Mut, von +Verantwortung? Wer so bleckend, so schleckend seine Raffinements bekennt, +hat vom Trotze des Bösen und bietet seine schlimmen Fieber ganz der +Vergeltung preis. Auf den Podien östlicherer Länder serviert man die +Anstandsverletzungen in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb auch des +Zusammenbruchs und des moralischen Arrangements nicht fähig. Nur +unanständig ist da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch und +dumm. + +Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts erreichen will. In +Frankreich will Geistigkeit wirksam sein und läßt sich keine Szene +entgehen. Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais >Mariage de +Figaro<, sagte Napoléon, war schon die ganze Revolution. Heute gibt es +parteipolitische Cinéma-Films. Im Grunde ist jede Tingeltangelvorstellung +ein propagandistisches Meeting. Dicht neben der >Gaîté Montparnasse<, die +sozialistisch ist, steht >Bobino<, und diese Perle von music-hall ist +nationalistisch. In einer Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren, +entwickelte ein Künstler, der elegant war und welkende Veilchen im +Knopfloch trug, als heiße er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das +Programm der >Guerre sociale<. Auf Wirkung verzichten: das wäre ja Tod. +Deshalb sind unter den Themen des café-concert diese: Politik und Religion +und Moral: welch letzte ihren Erregungen längst alle Reize des +Oppositionellen beigefügt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, so +langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage. + + + + +Der Gedanken-Strich + + + + +Eine Novelle + + +Um dieses weiß man wohl: wenn erwünschter Halbschlaf, eine in Tiefen, wie +durch Mokka angeregte Betäubung, mit einem Ruck, brüsk, der Bewußtheit +näher-springt? wenn wir höher, dem Lichten zu leider geschnellt werden? +Lind immer noch ist das Bett und das Gelöstsein; doch den Verantwortungen +sind wir weniger entfernt, das entsetzt uns leise, denn wir fühlen, daß wir +in jene imaginären Couloirs (o: die comfortabelsten!) nicht zurückschlüpfen +können. Jener Luxus gab sich ohne Befehl, ohne Bezahlung. Der ist verloren. +Noch sind wir unterhalb des Erwachens --: selbst dieses Äußerste steht +bevor. Ein Gedanke, allzu besorgt, nicht zu verabschiedend, hat diese +Ent-Täuschung, Ent-Zückung, diesen désenchantement verschuldet. + +Dann erwachte ich. Weit geöffnet das Fenster, jenseits einer Wildnis von +Frauenkleidern. Von draußen drang wohl Mondlicht ein, crême und grün, und +sanfte Ballen dieser Düfte: Myrrhen, die den Boulevardbäumen abends der +Regen abgeschmeichelt hatte; eine erotische Art von Benzin, die gewisse +Auto-Sorten treibt; all die Gemüse des atmenden Bodens; die naive Penetranz +der Straße; innere Mysterien der Frauen; und die lautlosen +Vorpostengefechte der Angst. Doch im Schlafzimmer gute Parfums beruhigten +mich und die weißen Spiegel, zart-gelbe Kissen, viel verwöhnendes Kostbare, +doch wie verboten und bezahlt aus Entschlossenheiten, die niemand +anerkennen würde, auch Ihr, Entwurzelte, kaum . . . Holdest gespiegelt in +dem englisch kreidigen Rahmen erblickte ich Mama. + +»Frühe Nacht, und Du erwachst schon, Liebling?« sagte sie. + +Nicht sofort ward alles kenntlich. Jeder Schlaf fälscht die Welt neu -- +oder (weniger lügnerisch:) mancher Schlaf summiert, mancher beseitigt das +Ge-Wachte. Mama stand da, fast völlig angekleidet, aber so wenig wieder auf +der Brust, und draußen würde es frisch sein, -- der lange Sammetmantel, der +keinen Besatz hatte, noch über die Stuhllehne geschmiegt, so hinfällig, so +bewußt dessen, was erreicht werden mußte. Mama tupfte die Quaste in die +Puderdose, die silberne --, und Stift und Schminke mußten dies Antlitz +verdächtigen: diese Bühne unendlicher Liebe. + +An diesem Punkte begriff ich meine Ermattung, das Deplazierte auch der +Lyrismen. Ja, müde durfte ich --, _ich_ sein zu aller Zeit. Sie je schöner, +ich gequälter . . . Doch das kannte ich ja, es hatte mir nichts an, ich +wies es weg. Betriebsqualen. Kein Fieber entzöge mich der Pflicht noch, und +der Erkenntnis von Sensationen aus dieser Haltung. Mit Kolportageschrecken +hatten Bürger, Ärzte, Dramatiker, Parlamentarier etliche Provinzen +gepflastert. Das lehnte ich ab. + +Erdbeerfarben blühten die Lippen von Mama. Ihr Blick glomm aus blauem Eise. +Sie kam (ach) aus dem Winter, längst war Frühling. Ein Reh. Ich liebte sie +unendlich. + +»Und Du versprichst mir --«, sagte ich. + +Sie, halb in der Tür: »-- daß ich nichts empfinden werde? Aber, Liebling, +das weißt Du doch, ein für alle Mal.« + +Sie war schon weg. -- -- + +Sollte ich ins Café gehen, mit einem Buche? Am Nachmittag war im Café de la +Métempsychose eine helle Dame gewesen -- o: in den zarten Farben des späten +Renoir. Sicherlich war sie würdig angebetet zu werden. Schon hatten meine +Nerven in den großen Rausch jagen wollen; aber ich zügelte sie: ein +erfahrener Bereiter. Kalt sei, wer das Chaos genießen will. Man präpariere +jeglichen Taumel, wie die Compagnie Générale du Travail einen Streik. Die +Hände dieser Dame besagten, daß sie die Tochter eines Eisenbahnkönigs sei. +Sie mußte viele reizende und nachahmenswerte Irrtümer begangen haben. Und +auf die Frage ob sie an Gott glaube würde sie geantwortet haben: »Das hängt +davon ab, ob Gott an mich glaubt.« Vielleicht würde ich diese Milliardärin +wiederfinden und ihr, aus anregender Entfernung, Hübsches in den Mund legen +dürfen. -- -- + +Ich ging nicht ins Café. Spät in dieser Nacht kam Mama zurück. Begleitet. + +»Liebling, ich habe Dir . . .« + +Ich ergänzte (denn soviel wußten meine Nerven vorher): -- »einen neuen +Vater vorzustellen.« + +»Ja.« + +Wie war sie süß. + +Eine korrekte Verbeugung des Gehrocks da, fast schon eingesetzt in große +Rechte. Wohl ein Beamter, ein Philosoph, ein Präger notwendiger Worte über +Schmach und Nationalismus und traditionelle Tüchtigkeit. + +Was jetzt geschehen würde, mußte ja das Heiligste sein -: das, was ich +_kannte und zurücknahm_, -- wiegleich ein Schöpfer seine Welt in sich +_zurücksöge_. -- + +. . . . Aber hier spaltet sich diese wahre Erzählung in zwei Geleise. Die +abstoßendere Lesart läßt Schüsse fallen von irgendwo, Mama ist tot. Ein +Drahtgerippe hat (in einem Rest von Höflichkeit) ihre Formen bewahrt und +prononciert meine leer tastende Verzweiflung. Mama ist tot für den Gehrock +und in den besten Beziehungen auch für mich, das war ja vorauszusehen. -- + +Gegen dem über steht ein Idyll, als freundlichere, deutschere Fassung der +Legende. Er ward mir der liebevollste Papa. Jeden Wunsch las er meiner Mama +von den (längst nicht mehr geschminkten) Lippen ab. Gelegentlich neigte sie +ihr Köpfchen schelmisch zu ihm und flüsterte süße Geheimnisse in sein immer +selbes Ohr. Dann barg er die Errötende an seine feste Brust. Und +expropriiert ward nach und nach meine Alleinherrschaft durch eine Schar +zahlreicher, allerdings blutarmer Geschwister. + + + + +Manon + + + + +Fragmente eines konventionellen Detektivromans + + + + +I Sitzendes Fräulein + + +Sie saß . . . und wußte (weil es ja zu ihrer Kriegsrüstung gehörte), daß +diese Tatsache: »_Manon sitzt_«, die Augen vieler feiner Herren zu +triefenden Sternen machte. + +Sie wußte das so nebenbei. + +Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon ihnen zum erstenmal die Hand +hingehalten hatte. + +Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, immer eine liebe Temperatur +hatte und weitere, treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht +stellte. + +Alle jene dont la chair était en volupté hatten kindlich diese +artischockenrunde Hand genossen, und diese Uniformierung des Genusses, des +Flirts und der Werbung war eine bemerkenswerte stilistische Eigenschaft der +Manon. + +Das junge Mädchen war etwas zu üppig für achtzehn Jahre. In D . . . war es +noch nicht aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr gelenkt. Dafür +zügelte es Herren, chauffierte es Existenzen, die sich längst einen +Stundenplan approbierter kleiner Empörungen zurechtgelegt hatten. + +Manon _entordnete_ diese Revolutionäre, deren einzige Bürgerpflicht +geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller +Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne zu tragen. + +Manons Geruch war der eines Rehs. Viele waren leise betäubt, wenn sie ihr +nahe kamen. Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und nichts konnte +süßer sein. Das Parfüm, in dem dieser Leib jung einherging, war leise +würzig, von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei Generationen von den +Selbstanzeigen der Kuhmagd entfernt. + +Man raffiniere die Bäuerin, und man wird eine lächelnde, boxende, duftende +Manon erhalten. + +Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn sie _saß_, so konnte man sie +_reifen sehen_, Ganz vorsichtig schwollen ihre Hüften, schob sich ihre +Taille in die Breite. Manon war im Knospen. + +Ihrer Hand folgte ein zuverlässiges Stück unbedeckten Arms, bis zum +Ellenbogen, wo es in den Tunnel des gesprenkelten Blusenärmels einfuhr. Um +den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. Manons Haare, lieblich +gewellt, spielten wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf diesem +Köpfchen, ungern des Scheitels nicht immer sauberen Grenzgraben +innehielten. + +In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu klein für ihre in prononcierter +Haltung gelegentlich junonischen Formen. Hier waren die Proportionen der +Venus aus dem Louvre in einen preußischen Vorort geraten, Doch berauschend +schön entschloß sich, zwischen dem reizenden Schwalbenflug der Augenbrauen, +der Nasenansatz, nach berechnetem Zögern, zum klassisch-reinen, +artig-starken Vorsprung. + +In Ansehung ihrer Brust war Manon überzeugt: diese sei vor einem halben +Jahr voller gewesen als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das nicht +wirklich; sie äußerte es nur, damit ihrer Wohlhabenheit ein dokumentiertes +Kompliment nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit hatte, den +leichten Ausschlag, den sie vorne trug, rührend zu finden, Schema Backfisch +und herzenswert. + +Wie sie nun _saß_ (mit jenem Lächeln der Brandstifterin), erfüllte diese +Jungfrau, deren einziger Herr _Napoleon_ war, ein wichtiges Geschäft. + +Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den Abbé, der gefragt hatte wie oft +sie zur Beichte gehe. Die Wahrheit war, daß Manons Herz allzu beschäftigt +gewesen war, als daß sie auch nur im Beichtspiegel die Rubrik hätte +aufsuchen mögen, in die sich ihre anmutig variierten Sünden einreihen +ließen. Manon escamotierte geschickt des Onkels Besorgnis durch die +Unschuld einer heuchlerischen Stadtbeschreibung: »La vie de D . . . diffère +bien de celle de Paris . . .« Dieses Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die +Strafarbeit in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt. + +Dann stürmte das Mädchen mit Dragonerbeinen ans Klavier. + +Die Valse brune im Kreise Teltow! + +Oh, la la. + + + +II Spuren im Schnee + + +Man schrieb erst Anfang Dezember, aber es hatte schon mehrmals ergiebig +geschneit. Der Villenvorort bei D . . . sehnte sich nach weißem Schlaf und +schuldlosen Träumen. Dicht fielen die fetten Flocken in dieser Nacht und +breiteten Kissen über die festeren Laken. Es ging gegen den Morgen. Die +letzten Autos hatten ihre raschelnde und duftende Fracht in ephemere +Hochzeitsbetten gekippt. Da und dort, aus dem ersten Stockwerk einer Villa, +irrte noch rotes Licht in den Schnee. Selbst die spätesten kleinen +Fußspuren, hingetippt nur von oft entdeckten und wieder verheimlichten +Frauenbeinen, vergingen jedoch unter der milde verwischenden Watte. Der +Schnee verrät alles und bereut jeden Verrat. Das deutet auf Geist, denn mit +dem Triumph des Detektivs ist alles lustige Spiel zu Ende. Wenn in diesem +reichlichen Gestöber jemand aus der Tür eines Fräuleins schliche: wie lange +würden seine amerikanischen Schuhsohlen die Bequemlichkeit, auf der ein +guter Ruf nistet, erschüttern? Immerhin müßte man die eingeschneiten Häuser +junger Mädchen vielleicht _rückwärts gehend_ verlassen? Oder man zöge sich, +gelegentlich, von den Dächern der Deflorierten im Monoplan zurück, was? + +Während solcher Entwürfe _Ostaps_, eines Jünglings, schlank und nicht +gefallend, der bis 3 Uhr morgens gearbeitet hatte und in der leichten Kälte +froh wurde, fielen die weißen Flocken dichter und dichter. In der Tat, es +fehlte nicht viel, so hätten sie sich _wie ein Leichentuch über die +schweigende Erde gelegt_. -- -- -- + +(An dieser Stelle beglückwünscht sich der Autor: er hat das vollkommene +Cliché erreicht. Er wünscht sehr abgegriffene Sätze zu schreiben, etwas +verdrossen dahinzuleben, bis zu jener Generalinfektion, deren Erwartung +allein allerdings seine himmelschreiende Langeweile im Voraus ein wenig +verklärt. Ein Gesottener der Skepsis, giebt er sich das Recht zu nichts als +zur Konvention, kaum die Freiheit zu einem Seufzer, und verdächtigt noch +seine Krankheiten, als Nachahmungen ohne Wert.) -- + +. . . Indessen fiel der Schnee dichter und dichter. Die Wolken hingen voll +grauer Reize. Ostap überging eine Brücke. In der Tiefe fror der See. +Birken, zitternd, flüchteten die Abhänge hinauf. Ein Schwan zerteilte, vor +Kälte eilig, diese schwarze Nacht. Das Gaslicht, in hohen Lampen stampfend, +betonte eine Finsternis, die moorbraun war, kostbar und imaginär. Die +Alleen fröstelten auf eine distinguierte Art. An den Fensterreihen des +Postamts verblühte Geranien leuchteten geringfügig. Ostap liebte zärtlicher +der Ebereschen Büschel dunkelroter Beeren. Das Licht vor dem Feuerwehrhause +aber, in Bonbonrosa gehalten, hätte besser in englische Sensationsprosa +gepaßt, als in Ostaps, eines Vielspältigen von bizarrer Bildung, +verdächtige Monologe. Die fast ganz aussichtslos gestreckten Äste eines +schmutzigen Baumes, der sommers ein Kastanienbaum war, machten Ostap +schutzbedürftig nach heißem schwarzem Kaffee. Er streifte hängende Zweige +sehr bleichen Weidenlaubs, und da war um ihn die Seligkeit millionenfach +zerstäubenden Puders, himmlisches Glitzern und aller Glanz der +Weihnachtsnacht. Im Osten jedoch, über der Bundeshauptstadt, troff der +Wolkenhang schlimm. So trübe glimmt Waschwasser, das von einem abgespannten +Mädchen mit übermangansaurem Kali vermischt worden wäre. + +Und Ostap, jeden Schritts die blütenhelle Reinheit des jungen Schnees +unerhört entjungfernd, nahm den Weg zu dem netten Hause, in dem Manon +wohnte und die anderen. Er ging Wege, die er wußte. Kein Laut. Nur ein +Rabe, aufgestört, krächzte und schüttelte sein Gefieder. Das sprühte. O, +diese Winterfrühe, niemandem außer ihm so schimmernd aufgebaut mit +gespensterweiß umhüllten Zäunen, war süß und war ein Geschenk! . . . + +Als Ostap das Gartentor öffnen wollte, erblickte er, von der Haustür +ausgehend, die _frischen Fußspuren eines Kavaliers_. + + + +III Sachliche Angaben + + +Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch, +brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter wert +war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz +übliche Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit eingerückt, warf sich +heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem +jungen Schönling aus guter Familie, den praktische Rücksicht hinderte, bei +der Manon über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen Höflichkeiten +hinauszugehen. Für das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen +entschädigte er sich an einer Routinière, bei der nichts zu befürchten war. +Und weil Manon, stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes +Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine +Mädchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an +Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch +den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche hinausführten. +Übrigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto, +selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In jener boîte nun, gegenüber +der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles Wichtige +in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unauffälliger +Signale, nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser als die +Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewußtsein wirke. +So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter +gefährlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das +verwöhnte Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mädchen, aber +das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war +freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für unerlaubt gehaltene, nicht +schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter +Physis in die Wohnung eines Garçons aus Uruguay lief, da war nicht einmal +_das_ schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist +der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.) + +In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins +Elternhaus zurück und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch, +daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer +die Routinière engagierte, die dann, kaum war die Bürgerstochter fort, alle +Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche +Besuche der Manon jene die häufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als +von ihr in Ruhe gelassen zu werden. + +Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde leicht ausgezeichnet, +nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das +Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen +Tochter gehöre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach +D . . . eingepackt. + + + +IV Olafs Glück und Ende + + +Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein +junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während des Diners +bewarfen sich die beiden lächelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich +hinkräuselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nächsten +Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein. + +Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Tränen. Sie gab +ihm viele Küsse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien +kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden +Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen +Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte sich enorm, obgleich +Manon ihn nicht zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. Immerhin +unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die +psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der Fall lag so: +Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein +Vergnügen bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust +und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen +Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat +denn Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefühl, +aus jenem rührenden Ordnungssinn der schon die dünnbeinigen Neunjährigen am +Strande von Saint-Malo Sätze von Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte, +weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern +schien. Schade nur, daß man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung +all zu leicht machte. + +Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit. +Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die +auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon +erwog Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, daß ihr +der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen +gedauert. + +Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. Weinend legte er der +Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: »Für Manon +vom lieben Olaf.« Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft, +sich auskleidend. Sie vergötterte Marzipan und schluckte dicke Bissen, +nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte +sich zur Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der +leckeren Opfergabe. + + + +V Beisammensein + + +Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das (mit hellen Eichenmöbeln) +etwas zu einfach ausgestattet ist, als daß man es ganz behaglich nennen +könnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen Balkon führend (den man +durch eine Tür vom Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend, +angefüllt zur Hälfte mit Mädchenkleidern, zur Hälfte mit Wäsche. In der +hinteren Ecke links das Bett. An der Wand, besonders um das Bett herum, +zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf Postkarten. In der rechten Ecke, +dem Bett gegenüber, steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische +Leselampe mit grünem Schirm ein gedämpftes Licht gibt. Am Tisch, in einem +einfachen Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. Ihr Kopf, mit +aufgelöstem schwarzem Haar, liegt auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie +trägt einen weißen Peignoir. Draußen ist eine regnerische Spätherbstnacht. +Man hört Bäume rauschen. + +Genau um 12 3/4 Uhr nachts öffnet sich leise die Tür, und OSTAP betritt das +Zimmer. Dunkelblauer Straßenanzug. Er verriegelt die Tür und nähert sich +der Manon mit sehr vorsichtigen Schritten. Er dreht die Leselampe ab und +setzt sich dem jungen Mädchen gegenüber auf einen Stuhl; die Bühne ist +dunkel; nur von der Straße her ein schwankendes Laternenlicht. + +MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich erstaunt um, reckt sich, +lächelt): Das sind Sie. + +OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das Licht ausgelöscht, damit man +vom Korridor aus nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf, +dieser Blaustrumpf, der manchmal des Nachts spioniert. (Er lächelt . . . +und leidet. Seine Stimme hat gezittert.) + +MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie herein und plaudert mit mir, und +das mopst mich. (Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als ob es sie +fröre, und ist verwirrt. Schweigen. Von der Straße Bruchstücke eines +Gesprächs.) + +OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht. + +MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht wieder Licht und neigt den Schirm +der Leselampe so, daß nur ein ganz schwacher Schein nach dem Vordergrunde +und der Tür zu fällt.) Ah, von Gyp: »Napoléonette.« Das ist ein Titel +expreß für mich. Danke; das ist sehr chic. (Sie sucht, um ihre Verlegenheit +aufzulösen, ein heiteres Gesicht zu bilden.) + +OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm ich in meinem Zimmer ein Rascheln. +Dann leichte Schritte, die . . . etwas Süßes entfernten. In den letzten +Wochen habe ich den Wert dieser kleinen Geräusche kennen gelernt. Dieses +ganze Haus ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden +Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den entzückenden Berechnungen der +Klopfsprache und mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige der Welt +enthalten. Durch die untere Spalte meiner Zimmertür schob sich etwas +weißes. Ich stürzte hin: »_Ich will wissen, warum Sie die Miene so traurig +haben. Bringen Sie mir heute abend gegen Mitternacht 3/4 ein Buch_.« Den +Zettel hatten Sie geschrieben, mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die +macht, daß ich andere Handschriften überhaupt nicht mehr werde lesen +wollen. + +MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine Jugend vor. + +OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich ohnmächtig gewesen? Kossinka +war so besorgt. + +MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie belebt sich. Schwarz glühen +aus ihrem Brandstifterinnengesicht, das etwas zu weich und zu voll ist, die +Augen. Die Haare ringeln sich böse um ihren Hals: ondulierte Nattern im +Nest. Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten Sie die Miene so +traurig? + +OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig. + +MANON (mit leuchtenden Augen): Doch! + +OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . ein wenig. Aber das ist +nicht wichtig. Es geht Sie nichts an. Übrigens würde es verdammt gegen Sie +sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa erwiderten. Man liebt mich nicht +. . . Lieben Sie mich? + +MANON (lächelt auf eine gnadenreiche Art und nickt). + +OSTAP: Nein! . . . Vraiment? + +MANON: Tres vraiment. + +OSTAP (mißtrauisch): Seit wann? + +MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich verliebt zu sein. Da amüsierte +er mich nicht mehr so. + +OSTAP (zieht die Manon zu sich und küßt sie auf den Mund, was sich etwas +verzögert dadurch, daß Manon zunächst ihre Wangen hinhält. Man hört auf dem +Korridor leise Schritte, die vor Manons Tür innehalten. Es scheint jemand +an der Tür zu lauschen.) + +MANON (totenblaß, flüstert): Das ist Olaf der . . . + +OSTAP (hält ihr den Mund zu, flüstert): Kein Wort mehr! + +MANON (mit unbewußter Anerkennung): Ah, er macht den Herrn! + +OSTAP: Sei ruhig! (Er dreht die Leselampe ab.) + +(Schweigen. Von der Tür her ein Scharren, ein Zögern, dann -- etwa -- ein +Seufzen aus der Brust eines Studenten. Darauf schlürfende Hausschuhe, +verhallend. Manon und Ostap halten den Atem an. Von der Straße die Huppe +eines Autos, zerfließend. Regen gegen das Fenster.) + +MANON (flüsternd): Wenn jetzt mein Vater -- Er würde dich töten! Du siehst +wie sehr ich dich liebe. + +OSTAP: War Olaf -- + +MANON (empört): Niemals! Was willst du, er hat mich amüsiert. Zuletzt wurde +er immer reizbarer, ich hatte die Idee, daß er etwas mit dir vermute. +Übrigens würde ich niemals die völlige Geliebte jemandes sein können. Du +verstehst: die ganze, vollkommene Geliebte. + +OSTAP: Vollkommen . . . Was würden wir tun, wenn jetzt Fräulein Füllfeder +wieder einmal keine Ruhe hätte finden können? Schließlich ist sie deine +Lehrerin, wenn sie auch Coopers »Lederstrumpf« zur Basis deines Unterrichts +in der deutschen Salonsprache gemacht hat. + +MANON: Ich stelle mich schlafend. + +OSTAP: Sie rüttelt und ruft. + +MANON: »Ach, Fräulein Füllfeder, ich bin so müde!« + +OSTAP: »Machen Sie auf, Maninka; ich muß mit Ihnen plaudern!« Zärtlich +. . ., vielleicht argwöhnisch. Ich wäre schon auf dem Balkon. Keine Spuren +zurück? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen höre ich eure Plauderei, +bewundere die Sicherheit deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang, +das Skelett im Nebenzimmer würde schön quietschen, wenn ich durchzugehen +versuchte. Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu sagen? + +MANON: So zwei Stunden. + +OSTAP: Natürlich würde ich mehr für dich tun, als zwei Stunden im Regen +stehen . . ., (zögernd) alles. Aber wie interessant ist es, daß wir von +Gefahren umgeben sind . . . und nichts tun werden, um sie zu rechtfertigen, +selbstverständlich. + +MANON (enttäuscht und befreit): Selbstverständlich. (Sie schaltet die +Leselampe wieder ein. Kuß, beeinträchtigt dadurch, daß die beiden mit den +Nasen aneinanderstoßen. -- Schweigen.) + +OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene sehr traurig alle diese +Zeit, ich ging in Qual, weil ich dieses Mädchen lieben mußte, diese +Achtzehnjährige: die ihre Leidenschaften häufiger wechselt als ihren Stuhl, +die von drei Rasereien gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes +vergißt, wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich liebe dieses mehr +gefährliche als gefährdete Kind, das, in den Intervallen seines Glücks, die +beste Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit dieser Szene? Die +Pflicht, von ihr zu erfahren: »Ich liebe dich«, trieb mich in dieses +Zimmer, Mitternacht 3/4. Genoß ich wirklich eine Sekunde lang Genugtuung, +als sie mir's gesagt hatte? Ich erinnere mich nicht daran. Denn es sind +neue, quälendere Pflichten gefolgt. Zunächst: dieses Beisammensein sehr +herrlich zu finden. Und, das schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie +hat meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell als Gegenleistung? Sie +hat ein Recht, alles zu erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon +fürchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, ist schon genugsam die +Rede gewesen. Nur die _Rede_: nicht die _Tat_. Immerhin ist diese Lage +sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir überrascht würden! Das ganze +Haus betet sie ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist belauert, +beneidet, mit Eifersucht umstellt, und alle wollen Einfluß auf ihre Träume +haben. Sie braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie verläßt sich +darauf, daß ihre Klugheit, nachträglich herbeigerufen, einen Skandal immer +wieder verhüte. So bietet sie mir diese explosiven Umstände, legt sich +selbst diese Gefährdung auf, in der Berechnung, der Reiz werde es lohnen, +ein gewürztes Behagen alle hübsche Angst übertäuben. Was kann ich ihr +sagen, das ihren Erwartungen gleichkomme? Gibt es denn in allen Bänden des +Konversationslexikons kein einziges Thema, das uns für eine Minute +zusammenhielte? . . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraïner anfangen +müssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon steht, . . . und +mich damit erledigen.) + +MANON (denkt: J'aurais bien envie de l'embrasser un peu plus follement, +mais j'ose pas, ce type est trop difficile.) + +OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraïner? + +MANON (angenehm berührt; vorsichtig): Lieben? . . . Er amüsiert mich. +Übrigens weiß man ja im Anfang nie, ob man jemanden lieben wird. + +OSTAP (tief gequält): _Worauf beruht es?_ + +MANON (ohne zu antworten): Er hat für Hanka und mich Billette geschickt für +seinen Quartettabend. Das ist sehr nett. + +OSTAP (sieht umher): In diesem Zimmer habe auch ich einen Winter lang +gewohnt. Sie werden in Ihr Land zurückkehren, und man wird mir wieder +dieses Zimmer anweisen. Ich sehe mich schon darin. Irgendwelche lustigen +Gefahren wird es dann nicht mehr geben. Man kehrt überallhin zurück, sogar +an die Stätte seines größten Verbrechens: seiner Geburt. Deshalb sollte man +seine Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber . . . +topologisch empfinden, nach Städten, Gärten, Korbsesseln, was? + +MANON: Wie Sie wollen werden. Aber jetzt müssen Sie gehen; es ist 1 Uhr. + +OSTAP (empfindet: Ich habe nicht ein Tausendstel von dem erreicht, was zu +erreichen meine Pflicht war . . . und worauf ich dann hatte verzichten +wollen. -- Sagt): Wann werden wir uns wiedersehen? + +MANON (rechnet nach): Morgen soll ich Georg treffen. Glauben Sie, daß ich +seine Geliebte werden muß, wenn er es verlangt? + +OSTAP: Sind Sie des Teufels? Lieben Sie denn Georg? + +MANON: Nein, aber er könnte mich vielleicht amüsieren . . . Also wir können +uns ja öfter sehen. Aber nicht hier. Und nicht vor Ende der Woche. Und +nicht jeden Tag. + +OSTAP (grinst): Natürlich nicht. Aber ins Café zur Seelenwanderung bringen +mich keine zehn Pferde mehr. + +MANON: Also irgendwo. On s'arrangera; faut tranquilliser l'histoire. Gute +Nacht! Öffnen Sie ganz leise, und gehen Sie nicht direkt in Ihr Zimmer +zurück. + +OSTAP (grinst, durchaus verfallen): Natürlich nicht. Schlafen Sie gut. (Er +schleppt sich zur Tür, riegelt behutsam auf und verschwindet lautlos: +erledigt.) + +MANON (reckt sich; lächelt; gähnt; wird zuinnerst sehnsüchtig): O mein +Marcel! Wärest du hier! + +(Man hört im Korridor schleichende Schritte, verhallend. Von der Straße her +die Huppe eines Autos, zerfließend.) + +MANON (nimmt von einem Kuchenteller eine Makrone und kaut sie ausführlich +durch. Kniet vor dem Bette nieder und betet. Dann stellt sie die Leselampe +auf den Nachttisch, nimmt das Buch der Madame Gyp und legt sich bequem +nieder. Sehr zufriedene Miene. Sie schlägt das Buch auf und beginnt zu +lesen. Murmelnd): Napoléonette; chapitre premier . . . + +.center _Der Vorhang fällt rasch._ + + + + + + +Tafel der Lesestücke + + +Vorwort +Wir Gespenster +Der Unterprimaner +Konzentrisch +Café (1910) +Nymphenburg (1910) +Halensee (1911) +Notiz; nachts (1911) +Genesung +Rapidität +Sublimierung +Das Café-Sonett +Bar +Spleen +Spät +Ode vom seligen Morgen +Morgen-Arbeit +Morgendämmerung (nach Baudelaire) +Besessen (auch) +Abneigung +Xenien +Wintergarten (1910) +Franz Blei +Hebbels letzte Stunde +Münchner Notizen (1911) + I: Absage an ein Café + II: Glück der Betrachtung +Das moralische Variété (1912) +Der Gedanken-Strich (1912) +Manon, Fragmente eines Detektivromans + (1913-14) + I: Sitzendes Fräulein + II: Spuren im Schnee + III: Sachliche Angaben + IV: Olafs Glück und Ende + V: Beisammensein + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Lesestücke, by Ferdinand Hardekopf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE *** + +***** This file should be named 38506-8.txt or 38506-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38506/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38506-8.zip b/38506-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..758631f --- /dev/null +++ b/38506-8.zip diff --git a/38506-h.zip b/38506-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9d6e5cc --- /dev/null +++ b/38506-h.zip diff --git a/38506-h/38506-h.htm b/38506-h/38506-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b17fa80 --- /dev/null +++ b/38506-h/38506-h.htm @@ -0,0 +1,3300 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Lesestücke</title> +<!-- AUTHOR="Ferdinand Hardekopf" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } +h1 { text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always; } +h2 { text-transform:uppercase; text-align: left; margin-top: 5%; margin-bottom: 1%; page-break-before: always; } +h3 { text-align: left; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%; } +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0.5em; + text-align: justify; + text-indent: 0em; + } +p.noindent { text-indent: 0em; } +p.sub { text-indent: 0%; text-align: left; margin-top: 0%; margin-bottom: 1em; } +p.copyright { + text-indent: 0%; + font-size: small; + margin-top: 1%; + margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 0%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 1em; + } +p.motto { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 0em; + margin-top: 0%; margin-bottom: 1em; + } + +div.poem { + margin-left: 0; + text-align: left; + text-indent: 0; + margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; margin-bottom:0em; } +p.line2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; margin-bottom:0em; } +p.line3 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:6em; margin-bottom:0em; } + +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 20%; margin-right: 0%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 1em; margin-bottom: 0%; } +p.caption { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;} +p.contents { text-indent: 0%; text-align: left; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.contents2 { text-indent: 0%; text-align: left; margin-left: 2em; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } + +p.firstwo { text-indent: 0em; } +p.first { text-indent: 0em; } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} +span.sperr { letter-spacing:.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } + +.leftpic { + float: left; + clear: left; +} +.rightpic { + float: right; + clear: right; +} +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0%; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; } +.trnote ul li { list-style-type: none; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Lesestücke, by Ferdinand Hardekopf + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Lesestücke + +Author: Ferdinand Hardekopf + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38506] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"> +Aktions-Bücher der Aeternisten +</p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1> +<span style="text-transform:uppercase;"> +Ferdinand Hardekopf</span><br /> +<br /> +<span style="letter-spacing:0.7em;"> +Lesestücke</span><br /> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +Berlin-Wilmersdorf 1916<br /> +Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert) +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="copyright"> +Alle Rechte insbesondere die der Übersetzung vorbehalten +Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf +</p> +<p class="copyright"> +Dieses Buch wurde gedruckt im März 1916 von der +Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover +</p> +<p class="copyright"> +Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gespräch: +»Der Abend«, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 005 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorwort</h2> + +<p class="noindent">. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf +das Faktum, daß ich gestorben bin. Dies fiel +mit der Morgenröte der großen Zeit zusammen. +Somit sieht man sich hier allerdings einem Spuk +gegenüber. Aber solche Phänomene sind häufig, +jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mémoires +d’outre-tombe, und alles kommt nur auf die Vitalität +der Abgeschiedenen an. Da der Selbstmord +als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt +ist, so wird man begreifen, daß in diesem Falle +nur Genußsucht das Motiv sein konnte. Schon +bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie +gern langweilen wollen. Den Abgezogenheiten +gab ich meine Vorliebe vor „realen“ Details. +Höchstens bewog philologischer Sammeleifer zur +temporären Erduldung jener Beanspruchungen +für die man das infame Wort „Liebe“ verabredet +hat. Schnell rettete ich mich ins Café. Dort erwuchs +einigen der sehr erwünschte Zustand der +„décadence“: unsere beste Beute. Die Antwort +des Iren George Moore auf die Frage wie die +Kunst zu fördern sei: „Durch Gründung von +Cafés“, bleibt mir aus der Seele gesprochen. +Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist unzeitgemäß. +Leider muß ich fürchten, daß die Antipathie +gegen sie schlecht stilisiert sein wird. +Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und +vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus +den Anspannungen der Formung. Es war der +Dichter einer entschwundenen Mentalität: Goethe, +der das „Stirb und werde!“ in den West-östlichen +Divan diktiert hat. +</p> + +<p class="right"> +F. H. </p> +<!-- page 006 --> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Wir Gespenster</h2> + +<p class="sub">(Leichtes Extravagantenlied)</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Wir haben all unsere Lüste vergessen,</p> +<p class="line">In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen;</p> +<p class="line">Erleuchtete Tore locken uns sehr,</p> +<p class="line">Doch die Angst ist gering — wir brauchen viel mehr.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,</p> +<p class="line">Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;</p> +<p class="line">Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,</p> +<p class="line">Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens,</p> +<p class="line">Da flohen wir zitternd ins Café des Westens</p> +<p class="line">Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen,</p> +<p class="line">Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:</p> +<p class="line">Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.</p> +<p class="line">Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,</p> +<p class="line">In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen. +</p> +</div> +<!-- page 007 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der Unterprimaner</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ist die Nacht herangeschlichen,</p> +<p class="line">Liegt das Schulhaus wie entgeistert.</p> +<p class="line">Alles Gaslicht ist entwichen,</p> +<p class="line">Und die Tür ist fest verkleistert.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Gleicht das noch den Korridoren,</p> +<p class="line">Wo wir tags so stark gequält sind,</p> +<p class="line">Wo wir linkisch, kahlgeschoren,</p> +<p class="line">Zage meuternd —, tief verfehlt sind?</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Geistergrün seh ich ein Schimmern,</p> +<p class="line">Und der Schornstein wird so deutlich.</p> +<p class="line">Aus den Gängen, aus den Zimmern</p> +<p class="line">Quillt es neblig, süß und bräutlich.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Was umschleich’ ich diese Räume,</p> +<p class="line">Schleiche nicht in Liesbeths Garten,</p> +<p class="line">Tief ins Dickicht — ihrer Träume</p> +<p class="line">Fernsten Seufzer zu erwarten?</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle</p> +<p class="line">Von bereits geknickter Haltung.</p> +<p class="line">Um das Nacht-Phantom der Schule</p> +<p class="line">Schleich’ ich — trotz der Schulverwaltung.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ahnt ihr meine Heimlichkeiten,</p> +<p class="line">Nachmittags-Libertinagen?</p> +<p class="line">Müde, etwas zu bestreiten,</p> +<p class="line">Starr’ ich auf die vier Etagen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Diese klassische Kaserne</p> +<p class="line">Ist erfüllt von Abenteuern!</p> +<p class="line">Grüßten sonst die weißen Sterne</p> +<p class="line">Sie mit ihren blassen Feuern? +</p> +</div> +<!-- page 008 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Konzentrisch</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Mädchen sprießen jung im Sturm,</p> +<p class="line">Bald muß ich sie lieben;</p> +<p class="line">Und es wächst ein Bücherturm,</p> +<p class="line">Der wird jetzt geschrieben.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Aufgetürmt aus Hart und Weich,</p> +<p class="line">Bald muß ich es lesen,</p> +<p class="line">Wortgebirg was Tintenteich</p> +<p class="line">Lieblich einst gewesen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Blondes Haar was Sonntagsdrang</p> +<p class="line">Abendlich gewesen,</p> +<p class="line">Augenblick und Überschwang</p> +<p class="line">Muß ich fiebernd lesen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Angst im Kreis der sie betrifft</p> +<p class="line">Fühlt ihn eng geworden:</p> +<p class="line">Gliederduft und Liedergift</p> +<p class="line">Werden mich ermorden.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ruhenden im tiefsten Tal</p> +<p class="line">Macht ein Mißtraun rege:</p> +<p class="line">Weib und Buch und alle Qual</p> +<p class="line">Sind schon auf dem Wege. +</p> +</div> +<!-- page 009 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Café</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder,</p> +<p class="line">Ihr Kleid erregt sich sommergelb</p> +<p class="line2">(Wir wollen nächstens, Nekromanten,</p> +<p class="line2">Kornduft in facettierte Parfumgläser einfangen!)</p> +<p class="line">— Die schmale Frau begnadet das Café.</p> +<p class="line">Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame,</p> +<p class="line">Übertändeln die Fesseln;</p> +<p class="line">Der schwarze Hut taumelt ein bißchen seitwärts — schräg zum Marmorschwarz.</p> +<p class="line">Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar.</p> +<p class="line">Madames Kniee knicken —: sie sitzt;</p> +<p class="line">Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingernägel</p> +<p class="line">Zwei, drei Weihwasserwellen</p> +<p class="line">Von den Brüsten bis zu den Hüften;</p> +<p class="line">Dann arrangiert Madame ihren Popo.</p> +<p class="line2">Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch;</p> +<p class="line">Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen geträumt.</p> +<p class="line">Sich in grün rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten dürfen, ist fast ihr Glück —</p> +<p class="line">Ist ein Glück, so maßlos,</p> +<p class="line">Daß der köstliche Atem der Welt</p> +<p class="line">Für sie innehält,</p> +<p class="line">Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen;</p> +<p class="line">Eine Silhouette herrscht über das Meer:</p> +<p class="line">Höflichen Gischt, weißen Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher.</p> +<p class="line2">Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug +</p> +<!-- page 010 --> +<p class="line">(Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette)</p> +<p class="line">Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzüngelt,</p> +<p class="line">Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar böse Sekunden,</p> +<p class="line">Und aus ihren Lokomotivköpfen</p> +<p class="line">Brüllt ein zischendes Pfeifen,</p> +<p class="line">Taumeldumpf hingezogen,</p> +<p class="line">Weh gedehnt,</p> +<p class="line">Irr in der Nacht,</p> +<p class="line">Das präzise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe,</p> +<p class="line">Ein violetter Schleierfetzen im Nebel,</p> +<p class="line">Ein bös gestreckter Raucharm,</p> +<p class="line">Wegweiser er in keuchende Wege, —</p> +<p class="line">Eine eiserne Klagemusik,</p> +<p class="line">Die im Nebel verrostet,</p> +<p class="line">Im feuchten, rostigen Nebel, —</p> +<p class="line">Das Stöhnen zweier Seelen,</p> +<p class="line">Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, —</p> +<p class="line">Das hehre Maschinenkeuchen der Hölle,</p> +<p class="line">Ein langes, banges Röcheln,</p> +<p class="line">Schrill —:</p> +<p class="line">Aus der Tiefe die Litanei</p> +<p class="line">Der Lokomotiven.</p> +<p class="line2">Oh, Madame, da wurden Sie glücklich</p> +<p class="line">Auf der straffen Walstatt des wagon-lit,</p> +<p class="line">Auf dieser weißen Ebene der Geisterschlachten!</p> +<p class="line2">Durch den Puderschmelz ebbt eine Zärtlichkeit,</p> +<p class="line">Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingernägel</p> +<p class="line">Verfinstern die korngelben Halbmonde</p> +<p class="line">Ihrer Augenbrauen,</p> +<p class="line">Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden</p> +<p class="line">Entweihungen Ihrer Mysterien. +</p> +</div> +<!-- page 011 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Nymphenburg</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen.</p> +<p class="line">Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste,</p> +<p class="line">Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt.</p> +<p class="line">. . . . . Es quoll ein grünes Auge;</p> +<p class="line">In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen,</p> +<p class="line">Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner,</p> +<p class="line">Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und Frauen-Nägeln.</p> +<p class="line">Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins.</p> +<p class="line">(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!)</p> +<p class="line">Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf.</p> +<p class="line">Und es wurde Orphisches doziert.</p> +<p class="line">Ich versank — lächelnd, vergiftet.</p> +<p class="line">Da wußte ich meine heiteren Gefahren,</p> +<p class="line">Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land.</p> +<p class="line">. . . Schon formt sich in der Stachelhülle,</p> +<p class="line">Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird;</p> +<p class="line">Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (. . . die Lust . . .), +</p> +<!-- page 012 --> +<p class="line">Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen Perücke,</p> +<p class="line">Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern</p> +<p class="line">(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?),</p> +<p class="line">Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger Teiche,</p> +<p class="line">Schwäne sind ihre Brüste,</p> +<p class="line">Brüste,</p> +<p class="line">Sich einbetten in Festungswälle,</p> +<p class="line">Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern. +</p> +</div> +<!-- page 013 --> +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Halensee</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: —)</p> +<p class="line">Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst.</p> +<p class="line">Weiß brennt der Saal.</p> +<p class="line">Doch in den festlichsten Minuten</p> +<p class="line">Verzischen heiß der Bogenlampen Fluten;</p> +<p class="line">Ein Dämmerlicht von grün und roten Birnen</p> +<p class="line">Rückt näher die Privatbeamten an die Dirnen.</p> +<p class="line">Und hoch und tief im Hinterraum</p> +<p class="line">Wächst nun empor ein Tannenbaum,</p> +<p class="line">Den vorher keiner sah —</p> +<p class="line">Rauscht auf und ist mit Glühbewußtsein da.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Aus Goldovalen weiht ein Fürstenlächeln</p> +<p class="line">Erlaubte Lust im Voraus zur Askese;</p> +<p class="line">Der Siegerkranz wird noch die Narben fächeln,</p> +<p class="line">Und ehrlos macht allein die Antithese.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrüppig,</p> +<p class="line">Das nette Unterholz an kleinen Tischen!</p> +<p class="line">In Pfützen-Augen blinkt, gemäßigt-üppig,</p> +<p class="line">Der Wunsch, reelle Kragenhöhen aufzufischen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">. . . Die Saiten und die Tasten</p> +<p class="line">Schrilln den Kommando-Takt,</p> +<p class="line">Da sind die süßen Lasten</p> +<p class="line">Vom Faunengriff gepackt.</p> +<p class="line">Sie setzen ein mit Wippen,</p> +<p class="line">Mit Schwänzeln und mit Kippen.</p> +<p class="line">Accentuiern ihr Rundes,</p> +<p class="line">Als wär es ein Profundes; +</p> +<!-- page 014 --> +<p class="line">Das ist ein Strecken, Haschen</p> +<p class="line">Der Finger und der Taschen,</p> +<p class="line">Als sollte schon im Stampfen</p> +<p class="line">Die teure Gier verdampfen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Dies Branden wird kein Öl vereiteln.</p> +<p class="line">Öl glotzt verdummt von Herrenscheiteln,</p> +<p class="line">Und — unter prallen Knallgas-Garben —</p> +<p class="line">Entfaltet es Petroleumfarben.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">— — — — — — — — — — — — — — —</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel</p> +<p class="line">Die Schmach des tiefsten Wasserstands,</p> +<p class="line">Und rotgeschminkte Halbmond-Nägel</p> +<p class="line">Vergilbung Cigarettenbrands.</p> +<p class="line">Die Blusen mögen nicht mehr schließen,</p> +<p class="line">Der Oberkellner murrt mit Nadeln.</p> +<p class="line">„Ich schwur mirs zu, sie zu genießen!“</p> +<p class="line">(Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.)</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ihn quält an seiner Blutverlustmaid</p> +<p class="line">Des kaum erworbnen Rechts Bewußtheit.</p> +<p class="line">Und Lüste, schon vorausverdammte,</p> +<p class="line">Erledigt der Privatbeamte. +</p> +</div> +<!-- page 015 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-8">Notiz</h2> + +<p class="sub">nachts (2<sup>h</sup> 45 bis 2<sup>h</sup> 47 matin)</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Böses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .)</p> +<p class="line">Grünliches Hämmern, wie in der Chloroform-Narkose!</p> +<p class="line">Ein Pumpwerk zerstößt die Nacht,</p> +<p class="line">Dröhnt.</p> +<p class="line">Mein Herz explodiert.</p> +<p class="line">Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt.</p> +<p class="line">Aus einer Röhre, einem Trichter (einer Trompete?)</p> +<p class="line">Fließt schleimiger Schein:</p> +<p class="line">Das morastgelbe Licht der Welt — meiner Welt.</p> +<p class="line">Der Lichtkegel trifft mein Ohr.</p> +<p class="line">Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch.</p> +<p class="line">Das dauert gewiß bis zum Grauen der Dämmerung hinter den Gardinen.</p> +<p class="line">(O: das gute Angelus-Läuten!</p> +<p class="line">Hirten auf dem Felde,</p> +<p class="line">Kartoffelbauern auf dem Felde Millets!</p> +<p class="line">Liebe Demut ihres gebeugten Rückens!)</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt.</p> +<p class="line">Kein Leben, keine Schminke um mich.</p> +<p class="line">Nur die Angst meine Dame.</p> +<p class="line">(Blicke kratzten, stächen mich,</p> +<p class="line">Ich schriee, stampfte — hautlos ich.)</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen,</p> +<p class="line">Keine Gebet-Kunstwerke.</p> +<p class="line">Eine Schmach ists, von der Angst erlöst sein zu wollen; +</p> +<!-- page 016 --> +<p class="line">Eine Schmach ists, glücklicher sein zu wollen, als äußerst unglücklich.</p> +<p class="line">Es <i>irritiert</i> die geringste geglückte . . . Harmonie.</p> +<p class="line">. . . . Warum nicht das äußerste?</p> +<p class="line">Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes?</p> +<p class="line">Zuckende Reserven, züngelnd im Dampf, im Krampf.</p> +</div> + + +<p class="noindent">— — — Übrigens bin ich durchaus im Stande, +den Ablauf solcher Empfindungen brüsk zu unterbrechen, +„Amerikanismus“ anzuordnen und, mit +einer Cigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen +in Henri Beyles: „Le Rouge et le Noir.“ Selbstverständlich. +</p> + +<p>Die Lampe brennt ja noch. +</p> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-9">Genesung</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Da Stund’ um Stunde, selbst die bängste,</p> +<p class="line">Wie silbergraues Plätschern kam,</p> +<p class="line">Da ward’s ein Tag, wo ich die Ängste</p> +<p class="line">Mit lässigstillem Lächeln nahm.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Da tropften alle Qualen linder,</p> +<p class="line">Sie perlten kaum auf meiner Hand,</p> +<p class="line">Sodaß ich, endlich Überwinder,</p> +<p class="line">Nichts mehr zu überwinden fand. +</p> +</div> +<!-- page 017 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-10">Rapidität</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Und voll Bewundrung für den Dichter</p> +<p class="line">Warf wieder eine Keks ihm zu. —</p> +<p class="line">Der zündet Rennmaschinen-Lichter</p> +<p class="line">Und jagt nach der privaten Ruh’.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Er drängt den Leib, den lässig-fetten,</p> +<p class="line">Ins Röhrenwerk des schmalen Wolfs</p> +<p class="line">Und gibt sich der rekord-koketten</p> +<p class="line">Spazierfahrt längs der Wonne-Golfs.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Nie war ein letzter Spurt gewürzter,</p> +<p class="line">Nie flog die Disziplin so jach,</p> +<p class="line">Nie war die Renn-Kritik bestürzter,</p> +<p class="line">Und süßer nah war nie ein Krach.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Es puffen aus dem Zisch-Ventile</p> +<p class="line">Parfums von Kriminal-Chemie,</p> +<p class="line">Im Kilometerfresser-Stile</p> +<p class="line">Skandiert die Gift-Maschinerie.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Dies ist der schnellste Höllenwagen,</p> +<p class="line">Der schlingernd über Firnen fliegt,</p> +<p class="line">Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen,</p> +<p class="line">Den fernsten Graden angeschmiegt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Am Mix-Benzin freun sich die Sterne,</p> +<p class="line">Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps,</p> +<p class="line">Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne;</p> +<p class="line">Nun gehts durch süßen Felder-Raps.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Und wie er ihn mit Lust beflügelt,</p> +<p class="line">So stoppt der Dichter seinen Blitz,</p> +<p class="line">Entsteigt, die Hosen sehr gebügelt,</p> +<p class="line">Dem eleganten Pneuma-Witz. +</p> +</div> +<!-- page 018 --> + +<div class="poem"> +<p class="line">Bald lächelt er im Bistro-Reiche,</p> +<p class="line">Blaß-kompliziert, in dunkler Box,</p> +<p class="line">Erstaunt gebraucht er viele weiche</p> +<p class="line">„Algériennes“ und viele Grogs.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Vor seinem Gott wirft er sich nieder,</p> +<p class="line">Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt,</p> +<p class="line">In halb schon kondensierte Lieder</p> +<p class="line">Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">DER faltet ruhig seine Rippen —:</p> +<p class="line">Sieht ein Paar Hosen in Berlin,</p> +<p class="line">Die, unter schminkgewohnten Lippen,</p> +<p class="line">Sich inniger zusammenziehn.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-11">Sublimierung</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ich sah dich Grenadine schlürfen,</p> +<p class="line">dein Wildgeruch ergriff mich schon —</p> +<p class="line">und hab nur stockend murmeln dürfen:</p> +<p class="line">„Wer ist die scharfe . . . Attraktion?“</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Dann ließ ich drucken: „Komm, du Dirne!</p> +<p class="line">Ein Später wittert Dunst und Bau.</p> +<p class="line">Du hast die hellste Kinderstirne</p> +<p class="line">und bist die dunkel-tollste Frau!“</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Vergeblich. Doch der Nicht-Genehme</p> +<p class="line">war schon phantastisch angesteckt —</p> +<p class="line">Du hast mich völlig, Unbequeme;</p> +<p class="line">Und . . . ich hab dich, als mein Objekt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">O: dein von Mörderhand gekürzter</p> +<p class="line">Polaire-Wulst, du zerwühlter Kopf,</p> +<p class="line">durchreizt das Dasein mir gewürzter</p> +<p class="line">als jüngster Judith Doppelzopf. +</p> +</div> +<!-- page 019 --> + +<div class="poem"> +<p class="line">Was willst du, Fremde, noch verhindern?</p> +<p class="line">Ich bau dich auf aus Kunst und Schaum.</p> +<p class="line">Du wirst mir Unerhörtes lindern,</p> +<p class="line">du bist ja mein in jedem Traum.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Wie gern in mystischer Verschwörung</p> +<p class="line">dein Linien-Tiefstes sich mir gibt . . .</p> +<p class="line">Laß uns allein! Du . . . Erd-Empörung,</p> +<p class="line">bleib ferne, knäbisch angeliebt!</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ächz unter Assessoren-Küssen — —</p> +<p class="line">Indes in Spuk- und Geisterwelt</p> +<p class="line">mit zugespitztesten Genüssen</p> +<p class="line">dein kluger Schatten mich umstellt.</p> +</div> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-12">Das Café-Sonett</h2> + +<p class="right"> +Für L. R. </p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Den Marmortisch umsprühen Manieristen,</p> +<p class="line">erregt vom Beichtwort Mauds, der Künstlerin:</p> +<p class="line">„Weiß nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!“</p> +<p class="line">Sie steigern sich in überhitzte Listen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn.</p> +<p class="line">Dem John, dem dunkelsten der Morphinisten,</p> +<p class="line">dem Welt-Abbé, dem Décadence-Artisten</p> +<p class="line">hält sie die gleiche klare Stirne hin.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Da: Jack, Gorilla, erster Fußball-Preis.</p> +<p class="line">Der Geist bestellt die sechste Schnaps-Karaffe.</p> +<p class="line">Wie Maud, erkannt, ihr süßes Schicksal weiß!</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Es fällt die Festung vor dem Bild der Waffe.</p> +<p class="line">Dem Football-Monstrum bringt man Huhn mit Reis.</p> +<p class="line">Maud, sachlich: „Schaufle was du kannst, mein Affe!“ +</p> +</div> +<!-- page 020 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-13">Bar</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ein Prunk-Salon, wie eine Schiffskajüte.</p> +<p class="line">Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.</p> +<p class="line">Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte</p> +<p class="line">Und lächeln sanft, wie Mädchen Maeterlincks.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">An der Portiere zaudern blasse Frauen;</p> +<p class="line">Wie fallen ihre Mäntel blumenzart!</p> +<p class="line">Es glimmen unter sehr geschminkten Brauen</p> +<p class="line">Gazellenblicke rätselhafter Art.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Sie treten näher gleich verirrten Rehen — —</p> +<p class="line">Doch nichts Erdenkliches ist ihnen fremd.</p> +<p class="line">Sie sind all right vom Kopf bis zu den Zehen,</p> +<p class="line">Ihr blondes Haar ist in die Stirn gekämmt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Oberkellner eilt mit grünen Flaschen,</p> +<p class="line">Und rote Geiger (welch Effekt im Bild!)</p> +<p class="line">Erhitzen sich am Tanze der Apachen,</p> +<p class="line">Da werden alle Frauenmienen wild.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Liane tanzt — und giebt die jungen Glieder,</p> +<p class="line">Die sehr gepflegten, jedem Wagnis hin.</p> +<p class="line">Sie biegt und rankt sich und entschmiegt sich wieder</p> +<p class="line">Und ist ein Tier und eine Königin.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Es gährt Apachenblut in diesen Damen . . .</p> +<p class="line">Doch ist Liane dann vom Rausch erwacht</p> +<p class="line">Und blieb, als reiche Cavaliere kamen,</p> +<p class="line">Natürlich nur noch aufs Geschäft bedacht. +</p> +</div> +<!-- page 021 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-14">Spleen</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht</p> +<p class="line">Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,</p> +<p class="line">Und mahnte (3 Uhr 2): „Ein Spuk-Gedicht,</p> +<p class="line">Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!“</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.</p> +<p class="line">Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.</p> +<p class="line">Da stieg die Dame Angst(-Berlin) reell</p> +<p class="line">Auf ihr imaginäres Caroussel.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ein Schneiderkleid umpreßte mit Radau</p> +<p class="line">Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.</p> +<p class="line">Doch das Citronen-Ei (um 3 Uhr 5 genau)</p> +<p class="line">Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. —</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Nachhüstelnd, matt-dosiert: „Macabre-Bar!</p> +<p class="line">Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!</p> +<p class="line">Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!</p> +<p class="line">Ein Gruß: du noctambules Seminar!“</p> +<p class="line">. . . So. 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war!</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-15">Spät</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Mittag ist so karg erhellt.</p> +<p class="line">Ein schwarzer See sinkt in sein Grab.</p> +<p class="line">Dies ist das letzte Licht der Welt,</p> +<p class="line">Das bleichste Glimmen, das es gab.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum.</p> +<p class="line">Die Birken-Nerven ästeln weh.</p> +<p class="line">Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum.</p> +<p class="line">Tot steht das Schilf im toten See.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Die Luft strömt grau ins Mündungs-All.</p> +<p class="line">Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein.</p> +<p class="line">Mich trennt ein rascher Tränenfall</p> +<p class="line">Vom Ende und der Flammenpein. +</p> +</div> +<!-- page 022 --> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-16">Ode vom seligen Morgen</h2> + +<p class="right"> +Für Emmy Hennings </p> + +<p class="noindent">Süßeste aller Ausschweifungen: +schon morgens im Café zu sitzen, +wintermorgens. +</p> + +<p>Die Cigarette: blonder Honig, Opium wölbt mich +ein. (Heimlich-gothische Kapelle, Sicherheit.) +</p> + +<p>Es riecht nach Wärme. +</p> + +<p>Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen. +Links in mir sammelt sich eine entzückende Angst. +Liebe Gifte heizen, hetzen. +</p> + +<p>O ihr <i>guten Droguen</i>: ich bete euch sehr an. +Lesen; blättern; man entknöspelt Zeitschriften wie +Mädchen: fiebernd-sachlich, weihevoll-zynisch. +</p> + +<p>Die Eine, die mit mir, mit dir ich <i>alles</i> waren! +Mir Vergangnes, unter Hochdruck, explodiert. +Das habe ich publiziert: diese lackierten Teufeleien, +geschminkten Qualen, ihr kleinen lila Neurosen. +</p> + +<p>Aber ein bißchen verachte ich euch, ihr meine +reizenden Gespenster. +</p> + +<p>Ich bin eine solide Bestie. Schwer zu töten. +</p> + +<p>Nur Kaffee und Cigaretten muß man uns natürlich +garantieren. Dazu einige erdige Parfums. +Schon vormittags im Café (wie einst —). +</p> + +<p>So inniglich verbummelt. +</p> + +<p>Und der Tag ist kompromittiert, der Tag ist süß. +Ermutigt (ach!) singe ich dieser zuckenden +Minuten Melodie; +sing ich euch, ihr gebenedeiten Cafés; +sing ich die tiefgeliebte décadence. +</p> + +<p><i>Die</i> lieben wir, <i>die</i> streicheln wir mit gewürzten +Caressen. +</p> +<!-- page 023 --> + +<p>(Ihr sprecht sie mit falschem Nasal-Laut aus.) +Wir pfeifen auf was ihr stolz seid, +euren Auszeichnungen weicht ein Achselzucken +aus, +und was ihr höhnt ist unser maßloser Stolz. +</p> + +<p>Weltenwild ist unser großes Glück und sehr privat. +Wir sind völlig verdorben und endlos selig; +wir sind feine Tiere; +die Mädchen nahe uns werden böse und herrlich, +werden sensitiv, instruiert und instruktiv. +</p> + +<p>Diese Souveränität ist unangreifbar. +</p> + +<p>Alles können wir entbehren, natürlich außer dem +Kaffee (bezaubernder Oliven-Tinte, die Innenränder +beschreibend) und dem Café. +</p> + +<p>Sehr spöttische Herren sind wir weh schwankender +Provinzen — +</p> + +<p>Selig in uns — +</p> + +<p>O: die geschmeckte Allmacht dieser Stunde! +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-17">Morgen-Arbeit</h2> + +<p class="motto"> +„Es ist die ewig selbe Qual!“ — <br /> +Und wär sie das noch tausendmal! <br /> +</p> + + +<div class="poem"> +<p class="line">„Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet!“ . . .</p> +<p class="line">Ich wacht’ in pudrigem Artistenzimmer auf — —</p> +<p class="line">Und nahm, der Geistestötung neuster Technik schon verpflichtet,</p> +<p class="line">den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen,</p> +<p class="line">ein mattgetönter Zug freundlicher Erscheinungen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Niederländische Kinder auf der Landstraße, in Holzschuhen, +</p> +<!-- page 024 --> +<p class="line">Windmühlen ferne,</p> +<p class="line">diskret angeboten,</p> +<p class="line">alles in zwei Dimensionen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line2">(Nur flächig sei hinfort geträumt,</p> +<p class="line2">die Leinwand mildem Spuk gesäumt,</p> +<p class="line2">des Raumes Alp hinweggeräumt!)</p> +</div> + + +<p class="noindent">Dann kam der kinematographische Traum in einen +Park. Auf zarten Wegen lustwandelten manche +Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: +die schlankeren Frauen seien am höchsten notiert; +er selbst habe es nie begriffen; und er sage es +nur für den Fall eintretender Rechtsstreitigkeiten. +Ich dankte höflich, bereits unterrichtet. Mittels +einer Geste fügte jener Herr bei: „Übrigens bin +ich ohne Frauen ausgekommen.“ Ich lächelte beipflichtend. +Gleich darauf wischte ich eine Dame +weg, die etwas zu bläulich ausgehöhlt war, und +die ich aus früheren, noch stereometrischen Träumen +wiedererkannte. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">— — — Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee, halb-hübsches Getrief.</p> +<p class="line">Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches.</p> +<p class="line">Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit.</p> +<p class="line">Man ist leicht geätzt, eindrucksbereit.</p> +<p class="line">Junge Mädchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ein einzig Wort pack’ eines Fräuleins Sein!</p> +<p class="line">Ich schon’ mich nicht, ich setze Scharfsinn ein;</p> +<p class="line">erschlürfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode.</p> +<p class="line">Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode. +</p> +</div> +<!-- page 025 --> + + +<p class="noindent">Wichtig ist der Augenblick, während dessen, von +der Eisenstufe empor, das Mädchen, neunzehn — +viel ernsthaftes Gesicht —, sich zur Plattform +aufhebt. +</p> + +<p>Der Ritus der zurückgekämmten Haare erhellt +den Kurfürstendamm mit den überreinen Stirnen +perfekt losgesprochener Sünderinnen, mit luxuriösen +Triumphen über weggebeizte Heimlichkeiten, +und einer Duft-Cascade sensationell wiederhergestellter +Unschuld. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line2">Der Nord-Geist schlich in einen Süden:</p> +<p class="line2">„Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!“</p> +<p class="line2">Er ward nicht müd, sie zu entmüden,</p> +<p class="line2">von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen.</p> +</div> + + +<p class="noindent">Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt +vor der Unternehmung; die Kurve dieses +verderblichen Wechselfiebers von Geist und von +Sinnen. Man wird diese tragische Maskerade +bannen, auf daß sie vorbildlich werde und erhaben-programmatisch. +</p> + +<p>Rebellion stürzt in „Ungesetzliches“. Aber der +Ausschweifung entsteigt, höhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa +der Morgendämmerung, pedantisch +und unanfechtbar, ein Rückruf in die Pflicht . . . +zur Formung eben dieses Fluchtversuchs. +</p> + +<p>Man hat gebummelt. Man wird darüber schreiben. +In Kaethes, der Artistin, pudriger Räuberhöhle +lauerte eine Sentenz über den Fleiß. — +</p> +<!-- page 026 --> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-18">Morgendämmerung in Paris</h2> + +<p class="sub">(Nach Charles Baudelaire)</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Man blies Reveille auf den Höfen der Kasernen,</p> +<p class="line">Und Morgenwind durchfuhr die klirrenden Laternen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Das war die Stunde wo der bösen Träume Schwarm</p> +<p class="line">Den Jüngling anfällt in des letzten Schlummers Arm;</p> +<p class="line">Wo, wie ein Aug voll Blut das zuckt und sich zersetzt,</p> +<p class="line">Die Lampe einen Fleck rot auf das Frühlicht ätzt;</p> +<p class="line">Und wo der Geist, vom Zwang des Körpers deprimiert,</p> +<p class="line">Den Kampf der Lampe und des Dämmerlichts kopiert.</p> +<p class="line">Wie Brisen im Gesicht die Tränen schwinden lassen,</p> +<p class="line">So fröstelt es im Raum von Dingen die verblassen.</p> +<p class="line">Schreibmüde ist der Mann und liebesmatt die Frau.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Von Häusern hier und da steigt schmaler Rauch ins Grau.</p> +<p class="line">Die Sklavinnen der Lust, bleifahl das Augenlid,</p> +<p class="line">Mund offen, schlafen nun, und sind im Schlaf stupid.</p> +<p class="line">Die Bettlerin schleppt hin der Brüste Magerkeit,</p> +<p class="line">Haucht auf die kalte Hand und haucht aufs Feuerscheit. +</p> +<!-- page 027 --> +<p class="line">Das ist die Stunde wo, zerfroren, ungehegt,</p> +<p class="line">Der Wöchnerinnen Qual sich zu verschlimmern pflegt.</p> +<p class="line">Als würde ein Geschluchz durch Blutsturz abgeschnitten,</p> +<p class="line">Zerreißt jetzt Hahnenschrei das Nebelmeer inmitten.</p> +<p class="line">Ein Schleierwogen wird die Bautenpracht umspülen.</p> +<p class="line">Doch Sterbenden entflieht, tief in den Nachtasylen,</p> +<p class="line">Der letzte Röchelhauch, verkrächzt und abgehackt.</p> +<p class="line">Ein Wüstling geht nach Haus, von seinem Tun zerplackt.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Das Morgenrot steigt auf, in rosa-grünem Flor,</p> +<p class="line">Steigt aus dem leeren Strom, frostzitternd, still, empor,</p> +<p class="line">Und düster greift Paris, noch halb im Traumeskreis,</p> +<p class="line">Zu seinem Handwerkszeug, ein arbeitsamer Greis.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-19">Besessen</h2> + +<p class="sub">(Nach Baudelaire)</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Die Sonne ist umflort. Manon, mach es wie sie</p> +<p class="line">Und mummele dich ganz ins Fell der Apathie.</p> +<p class="line">Schlaf oder rauche viel; bleib still in Qualverbrämung</p> +<p class="line">Und tauche auf den Grund der tiefsten Willenslähmung.</p> +<p class="line">Ich lieb dich wie du bist. Doch: sollte es dir passen,</p> +<p class="line">Die Finsternis, mein Stern, heut Abend zu verlassen, +</p> +<!-- page 028 --> +<p class="line">Und aufzuleuchten da, wo bunte Tollheit lacht,</p> +<p class="line">Das wäre hübsch, Manon. Wir bummeln heute Nacht! —</p> +<p class="line">Entzünde deinen Blick am Strahl von tausend Lichtern!</p> +<p class="line">Entzünde die Begier auf schweinischen Gesichtern!</p> +<p class="line">Du ganz bist meine Lust, ob strotzend, ob morbide;</p> +<p class="line">Sei was du immer willst: Zerrüttung oder Friede,</p> +<p class="line">Sei Licht, sei Dunkelheit —; laß mir nur eins gelingen:</p> +<p class="line">Mich, Satan-Göttin, DIR als Opfer darzubringen.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-20">Abneigung</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ich presse zu Linien die lästigen Bäche</p> +<p class="line">Und denk’ die ent-ölten in ebenen Plan;</p> +<p class="line">Ich hasse den Raum, ich vergöttre die Fläche,</p> +<p class="line">Die Fläche ist heilig, der Raum ist profan.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ich werde mich listig der Plastik entwinden</p> +<p class="line">Und laß euch gebläht im gedunsenen Raum.</p> +<p class="line">Ich denke die lieblichsten Schatten zu finden</p> +<p class="line">Im gefälligen Teppich, im flächigen Traum.</p> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-21">Xenien</h2> + +<div class="poem"> +<p class="line">Was wir waren,</p> +<p class="line">Dürfen wir nie erfahren.</p> +<p class="line">Wie freundlich ist die Lehre:</p> +<p class="line">Quiëta non movere.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Nie rühre den Brei der Erlebnisse</p> +<p class="line">Ins Bewußtsein wieder hinauf;</p> +<p class="line">Die saure Tinktur der Ergebnisse</p> +<p class="line">Fräß’ den Verstand dir auf. +</p> +</div> +<!-- page 029 --> + +<div class="poem"> +<p class="line">(Goethisch)</p> +<p class="line">Daß sich aus den Traumgestalten</p> +<p class="line">Fliegend weiße Schatten lösen,</p> +<p class="line">Mag sich wunderbar verhalten,</p> +<p class="line">Wie im Guten so im Bösen.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Spötter zielt auf mich</p> +<p class="line">Und kriegt den selben Stich;</p> +<p class="line">Denn jeden Spottes Scheibe</p> +<p class="line">Trägt jeder selbst am Leibe.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Wir sind ins Leben eingeengt</p> +<p class="line">Wie in ein platzendes Kleid,</p> +<p class="line">Aus dem heraus uns zu sich drängt</p> +<p class="line">Jenseitigkeit.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Warum Jean-Jacques, der große Pädagog,</p> +<p class="line">Die eignen Kinder nicht erzog?:</p> +<p class="line">Wär’ er bei seiner Brut geblieben,</p> +<p class="line">Nie hätte er sein Werk geschrieben.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Das Leben: eine blague aus Schleim und Eiter.</p> +<p class="line">Das Buch besteht und hilft euch weiter.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Nie gelingt ein Dasein richtig;</p> +<p class="line">Nur der Dicht-Extrakt bleibt wichtig.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Will einer sich an Meinung binden,</p> +<p class="line">So wird er immer gebunden sein;</p> +<p class="line">Er wird sich immer schlecht befinden,</p> +<p class="line">Denn er wird als schlecht befunden sein.</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Ihr Leute, seht euch den Zauberer an,</p> +<p class="line">Der sich aus nichts etwas machen kann!</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Dinge Gutes: Verlaßbarkeit.</p> +<p class="line">Frei — das heißt doch wohl: befreit. +</p> +</div> +<!-- page 030 --> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-22">Wintergarten</h2> + +<p class="noindent">Mit Revolverschüssen, Korsettgekrach und Schädelspalten, +mit dem Feixen irrer Clowns und dem +größenwahnsinnigen Rasseln eines Dutzends +Motorräder, die, auf der steilschrägen Innenfläche +einer Holzschwellen-Kreisbahn, um die Wette wirbeln, +ist uns eine Viertelstunde Nervenruhe nicht +zu teuer erkauft. Hei — unsere fröhliche, zerkrampfte +Hetzjagd nach der Ruhe, nach der +hehren, hochheiligen Stille, da wir den Willen +abdanken (den verständigen, blöden!), da die +Ängste schlafen gehen und die Begierden all, +eingelullt, ihre schlanken, sehr biegsamen Katzenrücken +niederstrecken zu blinzelnder Apathie! +Dann stiehlt sich von fernher, aus der nebligen +Nacht am See, ein ganz matter Lichtstrahl auf +die dunkle Weide unseres Traums, ein gelber, +feuchter, verschwommener Lichtstrahl, den die +dürstende Lunge einsaugt als ein unendlich +Kühlendes, Tröstliches und Kindliches. Über +den See braust, von Westen, der Sturm; in jedem +Gertenast der Weiden wacht, gepeitscht und +peitschend, eine uralte Zärtlichkeit auf; und +wir — Pola, meine Schwester: du und ich — +sind starr geneigt gegen den Weststurm, bieten +ihm, mit dem gellenden Schrei der Erlösung, +die Brust dar. Dein Haar, eine Seelenflut, jauchzt +schwarzwellig in Lüften, dein Antlitz, wachsam +und glücklich, springt vor zum gespannten Profil, +aus Zisternen herrschen nächtig deine Augen —, +und wir trotzen, herrisch, majestätisch, in tief-ewiger +Ruhe, dieser Empörung, dem Chaos, +daraus wir entsprungen sind auf langer, todesschmerzlicher +Reise, und das wir lieben mit +schmaler, gepreßter, unabänderlicher Anbetung . . . +Die Rebellion wollen wir: denn sie ist unsere +Ruhe; die Erregung um jeden Preis wollen wir: +denn sie ist unsere Heilung. Willkommen: ihr +Sturmgeheul und Orgelgedröhn, ihr Schauer in +<!-- page 031 --> +den Katakomben der Zerrüttung, Revolverschüsse, +Feuersbrünste des Atropins und ihr disziplinierten +Verwirrungen Cancan tanzender Dessous! +Notre Dame und Folies Bergère — ihr Sanatorien +der Gipfel! Ihr transzendentalen Räusche! +Ihr Kultstätten, da eine harte Inbrunst raffiniert +geworden ist und sich präzisiert hat in unerbittlich +triumphierenden Formen! Das in mittelalterlicher +Zähigkeit gehäkelte Spitzenwerk gotischer +Domtürme und das freche Eisengerippe +des Eiffelturms — schießen sie nicht mit der +gleichen nachtwandlerischen Mathematik in den +Äther? Randleisten aber dieses Bildes, zeichnen +schwarze Fabrikschlöte die schamlosen Linien +des Satans und Seurats gegen den fahlen Horizont. +In geeinter Lust dürfen wir all das genießen. +Denn brüsk und beseligend, wird +das Brüllen der Glocken, das Schmettern der +Carmagnole und die rhythmische Barbarei der +Dampfhämmer übertönt von der einen, harmonisierenden, +idiotischen Melodie: Tarara — bumdiäh! +Das Variété, ein Narkotikum, bringt die +Versöhnung . . . +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-23">Franz Blei</h2> + +<p class="noindent">Daß plötzlich ein gelber Herr aus dem achtzehnten +Jahrhundert (den linken Lackschuh schleppt +er ein bißchen nach; und wenn er wollte, +könnte er den devoten Körper sehr leicht zu +Korkzieher-Spiralen ringeln) in einen Kreis Entwurzelter +eintritt, dunkel lächelnd „Guten Abend“ +bietet und allsogleich beginnt, durch viel Ordnung +und Anordnung allerlei Seelchen nachdrücklich +zu verwirren —: das hat allen Schein +und Anspruch so sehr gegen sich, daß ich kaum +jemanden bitten mag, zu genehmigen, es sei +geschehen irgendwann. Ich selbst habe es gesehen; +aber ich glaube es nicht und wünsche, +alles geträumt zu haben. Erleben sagt wenig +für den Erlebenden, und alles nur für das Erlebnis; +<!-- page 032 --> +der Träumende aber darf sich fast so +hoch schätzen wie seinen Traum . . . +</p> + +<p>Der Doktor Blei entwindet sich der Finsternis +und ist, von der Taille abwärts, hinter einem +niedrigen Säulen-Oktogon schnell so sicher verschanzt, +daß nunmehr eine Büste im Frack, aus +bösem Stamme erwachsen, vor einer schwarzen +Leere schwebt und wirbt. In der Geste Eines, +der dem großen Brummel Diener und Vertrauter +war. Eines, der das rührende Evangelium des +Dandysmus in pflichtschuldiger Pedanterie ein +bißchen forciert. Da dieser Getreue den entschwundenen +Vorbildlichkeiten seines Herrn +melancholisch nachgrübelt, drängt sich ihm dermaßen +die Unzulänglichkeit aller Späteren auf, +daß aus dem dünnen, blassen Kreis seines +Mundes ganz zerbrechliche O — O — O!’s in +die Luft puffen, kleine, mokant schillernde +Seifenblasen, die nach kurzer Bahn zerplatzen +und einen süßlich-irritierenden Hauch hergeben. +Und nun ist keiner mehr überrascht, hinter dem +grauen Dandy, auf dessen hoher Stirn die gravitätische +Heraldik sechs paralleler Wellenlinien +eingefurcht war, einen gelben Höfling aus „Kabale +und Liebe“ wiederzuerkennen, hurtig dann +auch den Doktor Coppelius, hinter riesigen +Brillenscheiben versteckt, und endlich Mephisto +selbst, der, wiederum lächelnd, die Maske des +die Sinnlichkeit protegierenden Privatdozenten +ablegt und, ein arbeitsamer Systematiker, mit +seinen moralischen Anekdoten aus besserer Zeit +einer sublimen Selbstgefälligkeit fröhnt. Er +respektiert die Moral und distanziert sie. Darauf +wird die Beschränktheit der Gottlosen geduckt. +Diesem Doktor ist es nicht um die Rationalisten +zu tun. Er endet — die Wachsmaske +eines allzu durchwühlten Goethekopfes — als +gemessener, orphisch tönender Fatalist. Aus der +Puderwolke starrt tief-tröstlich und korrekt ein +Totenschädel. +</p> +<!-- page 033 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-24">Hebbels letzte Stunde</h2> + +<p class="noindent">In dem hohen, altertümlichen Büchersaale stand +der Examinator vor seinem Schüler, der, in mittleren +Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser +Zögling trug ein Gewand von schwarzem Sammet. +Nach Schillers Werken mochte sich der Examinator +heute nicht erkundigen. Mürrisch zog er +ein paar Bände aus der Bibliothek hervor: sie +war wenig geordnet. Neben Maria Stuart preßte +sich Casanova. Nein! Doch da schimmerten +schilfig Hebbels Tagebücher, und der Examinator +fragte: „Wo stehen die Sätze reiner, lichter +Prosa über Hebbels letzte Stunde?“ Der Examinand +hatte die Antwort parat; behaglich-amtlich +nannte er Band und pagina. Und um nähere +Auskunft ersucht, gab er Einzelheiten: +</p> + +<p>„An einem Sommernachmittag hatte das alternde +junge Mädchen heimreisen müssen in das Patrizierhaus +der kleinen Stadt. Das Haus lag noch +in seinem Garten da, in Liebe und Ruhe. Vormittags +war die Luft heiß gewesen, und der +Garten hatte viel Sonne getrunken. Es wuchs +darin eine einzige Art von Pflanzen: Sträucher +mit flachen Riesenblättern, die waren wie die +Blätter der Wasserrosen. Jetzt war es grau und +schwül geworden, nur linder in den steinernen +Gängen des Hauses. Nun trat auch Christian +Friedrich H. Hebbel in den Steingang (vielleicht +war die Türglocke erklungen) und legte seinen +Reisesack an der Haustür nieder. Er warf einen +Blick in die grüne Wirrnis draußen. Die Sonne +schien nicht mehr; aber die Blätter leuchteten +noch von dem Licht das sie eingefangen hatten, +einige matt, andere hielten dicke Glühballen +Leuchtens umwachsen. Da ließ sich Hebbel +nieder zum Gebet: „Ich danke dir für diese +letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!“ +Aus dem grauen Garten kam Kühle. Wollte +ein gelber Blitz es tun? Hebbel empfand keine +<!-- page 034 --> +Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war +(und der von allem viel später erfuhr) dachte +leise an ein bißchen Angst. Drei Tage lang ging +Friedrich Hebbel in den grünen Gängen umher. +Er erlebte seine letzte Stunde — Stunden +gläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel +und Esther in diesem Haus, ohne um einander +zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges lag +ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der +letzten Stunde. Obgleich es offen stand, hat +Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Würde, +es nie betreten. Esther dagegen scheint in diesem +Zimmer gewesen zu sein: von einer Frau verspürte +es weniger Dérangement. Die Früchte +die im Zimmer waren hat auch Esther nicht +berührt. +</p> + +<p>Dann verließen beide das Haus, in dem sie +neben einander gebetet hatten. Die Umstände +wie sie später zusammentrafen sind fraglich geblieben. +Sicher ist nur das eine: daß die fremde +Dame, die in rotgeblümtem Kleide erschien, mit +Frau Christine Hebbel auf eine passende Art +bekannt gemacht wurde. Die Fremde sah sich +mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage +erforderte . . . Hebbel, sobald er nach Hause +zurückgekehrt war, suchte die Sätze über seine +letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich +schließlich auf seiner Netzhaut. Dort glaubte +er sie sicher —: allzu sicher. Denn als man +sie nach seinem Tode entdeckte, waren sie +schon verwischt und wiesen die Unklarheiten +auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebücher +wiedergegeben sind. Übrigens stand +Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner linken Netzhaut +und das Esthers auf der rechten. Er selbst +soll noch geäußert haben, dies sei ein Beweis +für die unbeteiligte Seherkraft des Dichters. Das +ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration +des: „media vita in morte sumus“. +Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach seiner +<!-- page 035 --> +letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen +— einem Fluche gegen jene die in der Gartenhausaffäre +irgendwie Leid, Pathetik oder aufdringliche +Stilistik finden würden.“ +</p> + +<p>Der Examinator mußte diese Antwort in vollem +Umfange gelten lassen. Und längst sitzt der +Zögling auf einem Lehrstuhl für visionäre Literaturgeschichte. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-25">Münchner Notizen</h2> + +<h3 class="no" id="no-25-1">I: Absage an ein Café</h3> + +<p class="noindent">In München zu leben, erscheint mir verächtlicher, +als die meisten anderen Todesarten. Es ist der +Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. +Diese Damen und Herren möchten sich dem +Amerikanismus versagen und erreichen nicht einmal +zum Kloster das asketische Pathos. Nun +bilden sie, im Café, ein andächtiges Publikum +der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta +bei offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit +von Geheimnissen, die keine sind, formt, auf +zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, +gequältes Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit +der Angelus-Stunde plärren Castraten ihr +Coffeïn-Lallen. Wie anmaßend sie sind, und wie +unkeusch — die Knaben! In der Ecke aber +zersetzt sich eine Portion käsiger Quallen: die +hungrigen Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr +avanciert. Die glotzen auf die heiße Kalkwand, +jenseits der Straße, und erträumen den Mäcen, +der sich von ihnen, in Monte Carlo, verführen +lassen wird. O: liebe, liebe Münchner Nuance +der psychologischen Hochstapelei; bibliophile +Rastas; süße, schmierige Insassen der ewig +selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, +notwendige, registrierte, acclamierte Dämonen +—: möge ein Ekel, den ihr erregt und +nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. +(Hymne der Abschüttelung.) +</p> +<!-- page 036 --> + +<h3 class="no" id="no-25-2">II: Glück der Betrachtung</h3> + +<p class="noindent">Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem +Bar royal. Wenn, in ernsthaften Perlen, das +Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich +Dein, Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die +Sonne und das Kornfeld und der Schwefel, die +gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, +Gold mancher Arten und der späte, nordische +Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes +Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. +Doch Du bist mir fern, und ich sammle Dinge, +von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe +Frauen, schlanke, entravierte Säulen; ihre Gesichter +glimmen pudersanft im Schatten großer +und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker +fallenden Federn sind aufeinander eingestimmt. +Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich zerfließende +Weidenlaub auf dem Grabe des armen +enfant du siècle, des Herrn von Musset? Oder +gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den +Nachthimmel wiegen, so wallen sie auf im frechen +Triumph der Sünde: stolz erhobene Siegeszeichen +von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden +sind. +</p> + +<p>Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine +zur Buhlerin. Sicherlich ist sie Gattin des kahlen, +straffen Pensionierten, der berechtigt ihre Augen +durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken +läßt, desto unwiderstehlicher fühlt sie die holde +Schmach, von einem häßlichen Manne bezahlt +zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten +der unregelmäßigen Frauen. Ach, Madame, Sie +sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar, +Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . +Doch wie kühl der Pensionierte ihre schmeichlerische +Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht, +den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes +zu genehmigen; nicht auf dem Divan, nicht am +Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche +<!-- page 037 --> +acceptieren, um die ich nicht lange Jahre +gedient hätte, zu denen die Wege nicht verschlungen +und voller Angst gewesen wären. Und +noch das Glück, mein Glück dürfte nur sein +wie eine Minute Rast im Versteck, auf der +Flucht vor den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern +—: eine Minute irren Vergessens, eine +Minute Spleen: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line2">Der Fülle des Gegebenen</p> +<p class="line2">Entwächst das Schmale, Zarte;</p> +<p class="line2">Die Betten sind die Ebenen</p> +<p class="line2">Für Smarte und Aparte . . .</p> +</div> + + +<p class="noindent">— — — +</p> + +<p>Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die +Nacht. Doch ihr Reich ist gefährdet, und bald +wird das Licht hereinbrechen — das Licht mit +seinen überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, +mit seinen Einzelheiten und Indiskretionen. +Noch schimmern die Façaden zurückhaltender +Paläste im Gespenster-Grün des Canaletto; +noch lauern, mystische Radierungen, die +florentinischen Kulissen der L . . . straße in +brüsk begrenzten Schatten, durch welche Verschwörer +schleichen müßten, Satanskinder und +lungenkranke Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet +die Dachfirste entlang eine Prozession mondsüchtiger +Sonnen: die violetten Lichtballen der +Bogenlampen. Sie leuchten nicht, doch sie lassen +grell eine Finsternis erkennen, die moorig ist, +asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der +Tag: der Feind. Im Priesterseminar ein Seitenfenster +wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. +O, die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus +enthält diese Avenue. Die Brunnen +schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: +eine unversöhnliche Spur frisch verströmten +Blutes. Plötzlich erlöschen alle Bogenlampen. +In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. +Pappeln und Gärten. Die Erde giebt einen +<!-- page 038 --> +putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des +Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen +Horizont hat nun Botticelli mit seiner lichtlosen +Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, +schläft noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt +von der Theatiner-Kuppel, und seit Jahrhunderten +bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder +Hirne. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-26">Das moralische Variété</h2> + +<p class="noindent">In Marseille, dieser gefährlichen Stadt, die fast +schon Afrika ist, und auf deren Straßen die +Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen +das Repertoire europäischer Sinnlichkeit um +eine wilde Irritation bereichert, in dieser +Stadt, zerwühlt von Sonnenglut, Verbrechen, +Vergangenheit, gehörten meine Abende dem café-concert, +dem Variété. Man geht spät hin, die +Vorstellung wird lange dauern, über Mittemacht +hinaus. Der weite, staubige, sachliche Saal des +‚Palais de Cristal‘, an der Allée de Meilhan, +ward rasch meine Heimat. Denn dieses Publikum +kannte ich aus gelben Bänden des Herrn +Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit +besorgter Autoren —: Reedersöhne, +den steifen Hut im Nacken, abgehärtet durch +Meerfahrten und von erfahrenen Frauenhänden +wieder verweichlicht; Bürgerfamilien, aufmerksam +und mürrisch; junge Arbeiterinnen, ohne +Hut, schwarze Schlangenhaare zerweht im +Gesicht und das saugende Kind an der Brust; +achtzehnjährige Proletarier, die Fingerspitzen gelb +vom Cigarettenrollen, eigensinnig und schon verwöhnt +durch äußerste Bereitwilligkeiten parfümierter +Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte +in der Tasche und reifende Apachen-Ideale +im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng +in ihre Röcke gepreßt, mit den Ledertaschen +schlenkernd, lässig und frech und beabsichtigt, +<!-- page 039 --> +und, voll Einverständnis mit jeder staatlichen, +gesellschaftlichen, kapitalistischen Ordnung, die +Couloirs zwischen Parkett und Logen durchschlendernd, +Ware und Verkäuferin durch Personalunion +kombiniert; Polizisten mit übertrieben +stechenden Seitenblicken; ouvreuses, die +sitzenden Damen Fußbänke unter Stöckelschuh +und Seidenbein stellen und dann dem Kavalier +eine Hand hinhalten; Bengels mit chronischer +Heiserkeit und deshalb Ausrufer von Orangen, +Pistazien und frischen Feigen, bläulichen, noch +mit vielen Blättern; Neger, blinkend, grinsend, +wissend; viel kleines Volk, das am Tage +Schnecken verkauft hat und Austern und Muscheln +und mancherlei schleimige, gallertartige, quallige +‚Meeresfrüchte‘; Pfandleiherinnen, die noch aus +Balzac stammen, und Zollbeamte von Dumas père; +und all die Matrosen, rote Troddeln auf blauen +Mützen, solide Gesäße flott auf die Brüstung +des Parketts geschwungen, baumelnde Beine und +Kennergesichter, die den Effekt: ‚Weltmann‘ +unter elementarer Gleichgültigkeit verheimlichen. +Doch, damit rechnen sie schon, der vollkommenste +Genuß wird sich ihnen aufdrängen, die Kokotten +‚fliegen‘ auf sie, Begeisterung ist Hingebung, und +so requirieren gerade die tumben Rekruten, die +verträumten Schiffsjungen in libidinösen Boudoirs +viel unbedenkliche, unvorhergesehene, unbezahlte +Wonnen . . . +</p> + +<p>Vom Balkon des ersten Ranges betrachte ich +diese unruhige Zuhörerschaft. Seitlich erweitert +sich der Saal zu einem riesigen Café, und weil +dessen Wände ganz aus Spiegeln bestehen, so +entdeckt man eine unerhörte Folge belebter +Räume, durchsucht von milchigem Bogenlicht und +verhängt mit den zitternden Schleiern des Cigarettenrauchs, +wie mit Fetzen eines sehr feinen +Nebels. Zur Linken der Eingangstür, an der +promenade circulaire, diesem Karussel von Gier +und Verheißung, steht ein Likör-Buffet, und dessen +<!-- page 040 --> +Inschrift lautet nicht: ‚Bar Thérèse‘, sondern: +‚Thérèse’s Bar‘. Das ist der verräterische Apostroph, +der die Bedrohung der ‚Revue des deux +mondes‘ anzeigt . . . +</p> + +<p>Inmitten der wüsten Bühne steht ein junges +Mädchen, schmal, gehetzt, dürftig, trotzig. Es +singt, vor Inbrunst plärrend, ein Lied, das ein +erotisches und revolutionäres Lied ist. Auf den +Festungswällen von Paris, auf den ‚fortifes‘, ist +Flora aufgewachsen wie eine wilde Blume. Und +kaum verstand sie zu lieben, da gab sie sich +Einem, der gefährlich war, und der hieß: ‚Le +grand Frisé‘. Dem verdiente sie Geld mit ihrem +Leibe; und sie ist tüchtig um ihrer Liebe +willen: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line2">Maint’nant j’ai du coeur comm’ pas une,</p> +<p class="line2">Quand il s’agit de s’occuper.</p> +</div> + + +<p class="noindent">ER schlägt, zerbläut, er zerstört sie ganz: „mais +que voulez-vous, moi j’aim’ ça.“ Und dann: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line2">Quand j’danse avec le grand Frisé,</p> +<p class="line2">Il a un’ façon d’m’enlacer;</p> +<p class="line3">J’en perds la tête,</p> +<p class="line3">J’suis comme un’ bête.</p> +<p class="line2">Y a pas! je suis sa chose à lui,</p> +<p class="line2">J’ l’ai dans l’sang, quoi! c’est mon chéri,</p> +<p class="line2">Car moi je l’aime, je l’aim’ mon grand Frisé.</p> +</div> + + +<p class="noindent">Krächzend stößt sie diese Ekstase, diese Opferung +heraus. Und irrer, hemmungsloser schwillt +die böse Litanei empor, bis hin zu triumphierender +Vezweiflung: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line2">Tout c’qui m’rest’ maintenant</p> +<p class="line2">C’est toi mon homme!</p> +</div> + + +<p class="noindent">Darauf, schrill, ein Pfiff: das Zeichen des Berufs, +der Verrufenheit . . . Wie es diese Solidaritätserklärung, +dieses Kameradschaftsliedchen (von +der andern Menschheitsseite), dieses romantische +und moralische Couplet sang, da verklärte sich +das schmale junge Mädchen innigst. Und das +Liedchen — das bedeutete die späte Erfüllung +jenes frommen Gebets, das, im Jahre Siebzehnhundertundneunzig, +<!-- page 041 --> +ein venetianisches ‚Dirnchen‘ +dem Kunstreisenden Goethe hingeträllert hatte. +</p> + +<p>‚Notre Dame de la tune‘: die nächste Chanson. +Une tune — das ist ein Fünffrankenstück. Wieder +sind wir jenseits der Konvention; denn diese +Sympathie mit der Straßendirne ist nicht bürgerlich, +ist nicht lüstern, sondern romantisch, +schwärmerisch, christlich. Ein der eigenen Sicherheit +müdes Publikum schlürft hier die Lyrik, die +Moral, den Ehrenkodex der ‚Feinde‘, der Helden +des Aristide Bruant, jener unbestimmten, aufgelösten, +hin- und hergeworfenen Schicht, die die +Franzosen ‚la Bohème‘ nennen und deren Bestandteile +Karl Marx aufgezählt hat in seiner Schrift: +‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘: +neben zerrütteten Roués mit zweideutigen Subsistenzmitteln +und von zweideutiger Herkunft, +neben verkommenen und abenteuernden Ablegern +der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, +entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene +Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, +Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus, +Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, +Dirnen, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, +Bettler. Das war das Inventar von 1848. +Heute wäre das Wort ‚Apachen‘ beizufügen, in +dessen Nimbus nicht nur die Variétés, sondern +auch alle Journale verliebt sind. In der Tat, +lieber wollen die Franzosen nach wie vor ermordet +werden, als auf die Anbetung ihrer Mörder +verzichten. Frankreich kokettiert mit denen, +die es sabotieren; neidisch schielt es nach der +neuen Sittlichkeit, die erwächst, sobald alle +Grenzen überschritten sind, nach der Disziplin +der Entordneten, nach ihrer leidenschaftlichen +Moral — welcher das café-concert Hymnen dichtet +in unermüdlichen Variationen. +</p> + +<p>. . . Doch brüsk wenden sich alle dem Eingang +zu, durch den, schwitzend, keuchend, eine Rotte +Männer eindringt, beladen mit Ballen von Zeitungen. +<!-- page 042 --> +Denn es ist Mitternacht, und vor einer +Viertelstunde hat der Rapidzug der Linie P.-L.-M. +die Pariser Morgenblätter auf dem Bahnhof abgeliefert. +Man reißt sie den Camelots unter den +Armen weg. Der Saal wird zu einem Ozean aus +schäumendem Papier, er brandet nervös gegen +die Logen. In Paris hat Clémenceaus Florett +das Ministerium erstochen, nie ging es auf dem +politischen Theater boshafter, entschlossener, +geistiger zu, und das ist eine Sache, die jeden +berührt. In diesem Lande, das ein Schauplatz +ist ertrotzter, gepfefferter, gesalzener Laufbahnen, +braucht niemand seinen Berechnungen und Anspannungen +Einhalt zu gebieten. Ministerkrisen +erregen, berauschen, ermutigen — und deshalb +wirbt die Sängerin, deren schilfgrüner Arm das +Weltall zerteilt, unerhört um Teilnahme für ihre +idyllische ‚ronde du soir‘. +</p> + +<p>Erst die nächste Darbietung: eine Pantomime, +setzt sich durch. Monsieur Adams, der ein +großer Künstler ist, hat sie erdacht, und er selbst +spielt den Pierrot, einen wunderschönen, pessimistischen, +sehr gequälten Pierrot, wie auf den +Bildern des Watteau der ‚butte‘: des Adolphe +Willette. Pierrot hat eine himmlische Seele in +irdischem Körper, Colombinens Leib ist himmlisch, +und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese +banale Antithese wird in der Darstellung des +Monsieur Adams zur Menschheitstragödie. Wie +dieses mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene +Wangen der Mondschein pudert, und +dessen Lippen tollkirschenfarben erglühen, auf +das Ersehnte starrt, auf das Notwendige, nie +doch Erraffte, nie Verstandene, nie Verstehende, +auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, +bangt, zergeht, ausbricht in Haß, Verachtung, +Wahnsinn, Todeseinsamkeit — das konzentrierte +alle Erkenntnis von der Inkommensurabilität der +Geschlechter, das wiederholte und überholte alle +Beweise des Mittelalters: mulieres homines non +<!-- page 043 --> +esse, und das war eine hübsche, klare Randglosse +zu jener fundamentalen Ironie eines Gottes, der +auf einander anwies Mann und Frau, die in ihren +besten Momenten wissen, daß sie nichts von +einander wissen können. In dieser Pantomime +waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten +Ende sein Satz: „Als ich in diesen Tagen in +der Zeitung las, in einer Fabrik seien zwölf +Frauen lebendig verbrannt, erfaßte mich eine +grimmige Freude: „Zwölf Stück? Gut!“ Aber +der Ritter Des Grieux und all seine radikale +Anständigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, +vieler Symptome Typisches wurde in ein grelles +Plakat eingefangen, dessen fanatische Geistigkeit +noch den Feinsten beschäftigen könnte, als +wäre er bei sich zu Hause. So wirkte eine +Harlekinsposse klärend, scheidend, ordnend, +logisch —: moralisch. Moral ist männlich und +ist Ordnung; sie geht, glücklichster Weise, die +Frau nichts an, welche das Chaos ist und die +Wildheit. +</p> + +<p>Aber die kleinen Spezialitäten der Moralität, wie +sie einem Apachenmädel sich bilden und einem +ungeschickten Liebhaber, münden in den ewigen +Strom. Monsieur Delmas tritt auf, von den ‚Ambassadeurs‘ +in Paris, ein fast zu großer Herr, +voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten +romantischer Seitentäler, der gibt einfach, +schlicht und groß, die Ritterlichkeit, die +Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von +aller Gier, dieser so lächerlich und bedenklich +verherrlichten Lust, ruft er zurück zur Entsagung: +„Ne profanez pas la chair des femmes.“ Das +hören die Leute voll Ehrfurcht an. Sie begreifen +rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres +Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden +innerer Anordnung geneigt und gewinnen plötzlich +den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie +waren. An diese Misere, da nun der Boden präpariert +ist, darf sich Monsieur Delmas heranwagen +<!-- page 044 --> +mit Tröstungen, Aussichten, Vorstellungen, +die das Variété zur Kathedrale machen. Allen, +die da mühselig und beladen sind, beschwört er +die Golgatha-Vision — là-haut, là-haut! — und +allen: Arbeitern, Matrosen, Beamten, Huren und +Statthaltern, verheißt sein Lied, nach dem Kalvarienberge +ihres Alltags, das reine Sonntagskleid +der Erlösung . . . Da mußte ich der Brettlsängerin +Nine Pinson gedenken, wie sie, in der +‚Gaîté Montparnasse‘ zu Paris, ‚la divine chanson‘ +gegeben hatte, einem wilden Parkett syndikalistischer +Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt +hatte, diese frohe Botschaft schönerer +Zukunft, mit vorgebreiteten Händen, mit preisgegebener +Seele, voll schwestersüßer Gnaden: +sie, eine Verzehrte, Verzerrte aus der Gegend +des Toulouse-Lautrec . . . +</p> + +<p>Gewiß: das café-concert enthält ebenso schärfste +Opposition gegen das Christentum und zumal +gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition +Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts +beweist, als daß sich alle Lager der Wirkungsmöglichkeiten +dieser Arenen bewußt sind. Und +gewiß: die Obszönität wird, vielerorts, auf +scharfe Spitzen getrieben. Aber gerät sie nicht +eben dadurch in einen fahlen Schein von Größe, +von Mut, von Verantwortung? Wer so bleckend, +so schleckend seine Raffinements bekennt, hat +vom Trotze des Bösen und bietet seine schlimmen +Fieber ganz der Vergeltung preis. Auf den Podien +östlicherer Länder serviert man die Anstandsverletzungen +in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb +auch des Zusammenbruchs und des moralischen +Arrangements nicht fähig. Nur unanständig ist +da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch +und dumm. +</p> + +<p>Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts +erreichen will. In Frankreich will Geistigkeit +wirksam sein und läßt sich keine Szene entgehen. +Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais +<!-- page 045 --> +‚Mariage de Figaro‘, sagte Napoléon, war +schon die ganze Revolution. Heute gibt es parteipolitische +Cinéma-Films. Im Grunde ist jede +Tingeltangelvorstellung ein propagandistisches +Meeting. Dicht neben der ‚Gaîté Montparnasse‘, +die sozialistisch ist, steht ‚Bobino‘, und diese +Perle von music-hall ist nationalistisch. In einer +Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren, +entwickelte ein Künstler, der elegant war und +welkende Veilchen im Knopfloch trug, als heiße +er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das +Programm der ‚Guerre sociale‘. Auf Wirkung +verzichten: das wäre ja Tod. Deshalb sind unter +den Themen des café-concert diese: Politik und +Religion und Moral: welch letzte ihren Erregungen +längst alle Reize des Oppositionellen +beigefügt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, +so langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-27">Der Gedanken-Strich</h2> + +<p class="sub">Eine Novelle</p> + +<p class="noindent">Um dieses weiß man wohl: wenn erwünschter +Halbschlaf, eine in Tiefen, wie durch Mokka +angeregte Betäubung, mit einem Ruck, brüsk, +der Bewußtheit näher-springt? wenn wir höher, +dem Lichten zu leider geschnellt werden? Lind +immer noch ist das Bett und das Gelöstsein; +doch den Verantwortungen sind wir weniger +entfernt, das entsetzt uns leise, denn wir fühlen, +daß wir in jene imaginären Couloirs (o: die +comfortabelsten!) nicht zurückschlüpfen können. +Jener Luxus gab sich ohne Befehl, ohne Bezahlung. +Der ist verloren. Noch sind wir +unterhalb des Erwachens —: selbst dieses +Äußerste steht bevor. Ein Gedanke, allzu besorgt, +nicht zu verabschiedend, hat diese Ent-Täuschung, +Ent-Zückung, diesen désenchantement +verschuldet. +</p> +<!-- page 046 --> + +<p>Dann erwachte ich. Weit geöffnet das Fenster, +jenseits einer Wildnis von Frauenkleidern. Von +draußen drang wohl Mondlicht ein, crême und +grün, und sanfte Ballen dieser Düfte: Myrrhen, +die den Boulevardbäumen abends der Regen +abgeschmeichelt hatte; eine erotische Art von +Benzin, die gewisse Auto-Sorten treibt; all die +Gemüse des atmenden Bodens; die naive Penetranz +der Straße; innere Mysterien der Frauen; +und die lautlosen Vorpostengefechte der Angst. +Doch im Schlafzimmer gute Parfums beruhigten +mich und die weißen Spiegel, zart-gelbe Kissen, +viel verwöhnendes Kostbare, doch wie verboten +und bezahlt aus Entschlossenheiten, die niemand +anerkennen würde, auch Ihr, Entwurzelte, +kaum . . . Holdest gespiegelt in dem englisch +kreidigen Rahmen erblickte ich Mama. +</p> + +<p>„Frühe Nacht, und Du erwachst schon, Liebling?“ +sagte sie. +</p> + +<p>Nicht sofort ward alles kenntlich. Jeder Schlaf +fälscht die Welt neu — oder (weniger lügnerisch:) +mancher Schlaf summiert, mancher beseitigt +das Ge-Wachte. Mama stand da, fast +völlig angekleidet, aber so wenig wieder auf der +Brust, und draußen würde es frisch sein, — +der lange Sammetmantel, der keinen Besatz hatte, +noch über die Stuhllehne geschmiegt, so hinfällig, +so bewußt dessen, was erreicht werden +mußte. Mama tupfte die Quaste in die Puderdose, +die silberne —, und Stift und Schminke +mußten dies Antlitz verdächtigen: diese Bühne +unendlicher Liebe. +</p> + +<p>An diesem Punkte begriff ich meine Ermattung, +das Deplazierte auch der Lyrismen. Ja, +müde durfte ich —, <i>ich</i> sein zu aller Zeit. +Sie je schöner, ich gequälter . . . Doch das +kannte ich ja, es hatte mir nichts an, ich wies +es weg. Betriebsqualen. Kein Fieber entzöge +mich der Pflicht noch, und der Erkenntnis von +Sensationen aus dieser Haltung. Mit Kolportageschrecken +<!-- page 047 --> +hatten Bürger, Ärzte, Dramatiker, +Parlamentarier etliche Provinzen gepflastert. Das +lehnte ich ab. +</p> + +<p>Erdbeerfarben blühten die Lippen von Mama. +Ihr Blick glomm aus blauem Eise. Sie kam +(ach) aus dem Winter, längst war Frühling. +Ein Reh. Ich liebte sie unendlich. +</p> + +<p>„Und Du versprichst mir —“, sagte ich. +</p> + +<p>Sie, halb in der Tür: „— daß ich nichts +empfinden werde? Aber, Liebling, das weißt +Du doch, ein für alle Mal.“ +</p> + +<p>Sie war schon weg. — — +</p> + +<p>Sollte ich ins Café gehen, mit einem Buche? +Am Nachmittag war im Café de la Métempsychose +eine helle Dame gewesen — o: in +den zarten Farben des späten Renoir. Sicherlich +war sie würdig angebetet zu werden. Schon +hatten meine Nerven in den großen Rausch +jagen wollen; aber ich zügelte sie: ein erfahrener +Bereiter. Kalt sei, wer das Chaos genießen +will. Man präpariere jeglichen Taumel, wie die +Compagnie Générale du Travail einen Streik. +Die Hände dieser Dame besagten, daß sie die +Tochter eines Eisenbahnkönigs sei. Sie mußte +viele reizende und nachahmenswerte Irrtümer +begangen haben. Und auf die Frage ob sie an +Gott glaube würde sie geantwortet haben: „Das +hängt davon ab, ob Gott an mich glaubt.“ Vielleicht +würde ich diese Milliardärin wiederfinden +und ihr, aus anregender Entfernung, Hübsches +in den Mund legen dürfen. — — +</p> + +<p>Ich ging nicht ins Café. Spät in dieser Nacht +kam Mama zurück. Begleitet. +</p> + +<p>„Liebling, ich habe Dir . . .“ +</p> + +<p>Ich ergänzte (denn soviel wußten meine Nerven +vorher): — „einen neuen Vater vorzustellen.“ +</p> + +<p>„Ja.“ +</p> + +<p>Wie war sie süß. +</p> + +<p>Eine korrekte Verbeugung des Gehrocks da, +fast schon eingesetzt in große Rechte. Wohl +<!-- page 048 --> +ein Beamter, ein Philosoph, ein Präger notwendiger +Worte über Schmach und Nationalismus +und traditionelle Tüchtigkeit. +</p> + +<p>Was jetzt geschehen würde, mußte ja das +Heiligste sein -: das, was ich <i>kannte und +zurücknahm</i>, — wiegleich ein Schöpfer seine +Welt in sich <i>zurücksöge</i>. — +</p> + +<p>. . . . Aber hier spaltet sich diese wahre Erzählung +in zwei Geleise. Die abstoßendere Lesart +läßt Schüsse fallen von irgendwo, Mama +ist tot. Ein Drahtgerippe hat (in einem Rest +von Höflichkeit) ihre Formen bewahrt und prononciert +meine leer tastende Verzweiflung. Mama +ist tot für den Gehrock und in den besten Beziehungen +auch für mich, das war ja vorauszusehen. — +</p> + +<p>Gegen dem über steht ein Idyll, als freundlichere, +deutschere Fassung der Legende. Er +ward mir der liebevollste Papa. Jeden Wunsch +las er meiner Mama von den (längst nicht mehr +geschminkten) Lippen ab. Gelegentlich neigte +sie ihr Köpfchen schelmisch zu ihm und flüsterte +süße Geheimnisse in sein immer selbes Ohr. +Dann barg er die Errötende an seine feste Brust. +Und expropriiert ward nach und nach meine +Alleinherrschaft durch eine Schar zahlreicher, +allerdings blutarmer Geschwister. +</p> +<!-- page 049 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-28">Manon</h2> + +<p class="sub">Fragmente eines konventionellen Detektivromans</p> + +<h3 class="no" id="no-28-1">I<br /> +Sitzendes Fräulein</h3> + +<p class="noindent">Sie saß . . . und wußte (weil es ja zu ihrer +Kriegsrüstung gehörte), daß diese Tatsache: +„<i>Manon sitzt</i>“, die Augen vieler feiner Herren +zu triefenden Sternen machte. +</p> + +<p>Sie wußte das so nebenbei. +</p> + +<p>Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon +ihnen zum erstenmal die Hand hingehalten +hatte. +</p> + +<p>Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, +immer eine liebe Temperatur hatte und weitere, +treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht +stellte. +</p> + +<p>Alle jene dont la chair était en volupté hatten +kindlich diese artischockenrunde Hand genossen, +und diese Uniformierung des Genusses, des Flirts +und der Werbung war eine bemerkenswerte +stilistische Eigenschaft der Manon. +</p> + +<p>Das junge Mädchen war etwas zu üppig für +achtzehn Jahre. In D . . . war es noch nicht +aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr +gelenkt. Dafür zügelte es Herren, chauffierte +es Existenzen, die sich längst einen Stundenplan +approbierter kleiner Empörungen zurechtgelegt +hatten. +</p> + +<p>Manon <i>entordnete</i> diese Revolutionäre, deren +einzige Bürgerpflicht geworden war: gelegentlich +sehr diplomatische Wendungen oppositioneller +Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne +zu tragen. +</p> + +<p>Manons Geruch war der eines Rehs. Viele +waren leise betäubt, wenn sie ihr nahe kamen. +Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und +nichts konnte süßer sein. Das Parfüm, in dem +<!-- page 050 --> +dieser Leib jung einherging, war leise würzig, +von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei +Generationen von den Selbstanzeigen der Kuhmagd +entfernt. +</p> + +<p>Man raffiniere die Bäuerin, und man wird eine +lächelnde, boxende, duftende Manon erhalten. +</p> + +<p>Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn +sie <i>saß</i>, so konnte man sie <i>reifen sehen</i>, +Ganz vorsichtig schwollen ihre Hüften, schob +sich ihre Taille in die Breite. Manon war im +Knospen. +</p> + +<p>Ihrer Hand folgte ein zuverlässiges Stück unbedeckten +Arms, bis zum Ellenbogen, wo es in +den Tunnel des gesprenkelten Blusenärmels einfuhr. +Um den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. +Manons Haare, lieblich gewellt, spielten +wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf +diesem Köpfchen, ungern des Scheitels nicht +immer sauberen Grenzgraben innehielten. +</p> + +<p>In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu +klein für ihre in prononcierter Haltung gelegentlich +junonischen Formen. Hier waren die Proportionen +der Venus aus dem Louvre in einen +preußischen Vorort geraten, Doch berauschend +schön entschloß sich, zwischen dem reizenden +Schwalbenflug der Augenbrauen, der Nasenansatz, +nach berechnetem Zögern, zum klassisch-reinen, +artig-starken Vorsprung. +</p> + +<p>In Ansehung ihrer Brust war Manon überzeugt: +diese sei vor einem halben Jahr voller gewesen +als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das +nicht wirklich; sie äußerte es nur, damit ihrer +Wohlhabenheit ein dokumentiertes Kompliment +nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit +hatte, den leichten Ausschlag, den sie vorne +trug, rührend zu finden, Schema Backfisch und +herzenswert. +</p> + +<p>Wie sie nun <i>saß</i> (mit jenem Lächeln der Brandstifterin), +erfüllte diese Jungfrau, deren einziger +Herr <i>Napoleon</i> war, ein wichtiges Geschäft. +</p> +<!-- page 051 --> + +<p>Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den +Abbé, der gefragt hatte wie oft sie zur Beichte +gehe. Die Wahrheit war, daß Manons Herz +allzu beschäftigt gewesen war, als daß sie auch +nur im Beichtspiegel die Rubrik hätte aufsuchen +mögen, in die sich ihre anmutig variierten Sünden +einreihen ließen. Manon escamotierte geschickt +des Onkels Besorgnis durch die Unschuld einer +heuchlerischen Stadtbeschreibung: „La vie de +D . . . diffère bien de celle de Paris . . .“ Dieses +Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die Strafarbeit +in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt. +</p> + +<p>Dann stürmte das Mädchen mit Dragonerbeinen +ans Klavier. +</p> + +<p>Die Valse brune im Kreise Teltow! +</p> + +<p>Oh, la la. +</p> + +<h3 class="no" id="no-28-2">II<br /> +Spuren im Schnee</h3> + +<p class="noindent">Man schrieb erst Anfang Dezember, aber es +hatte schon mehrmals ergiebig geschneit. Der +Villenvorort bei D . . . sehnte sich nach weißem +Schlaf und schuldlosen Träumen. Dicht fielen +die fetten Flocken in dieser Nacht und breiteten +Kissen über die festeren Laken. Es ging gegen +den Morgen. Die letzten Autos hatten ihre +raschelnde und duftende Fracht in ephemere +Hochzeitsbetten gekippt. Da und dort, aus dem +ersten Stockwerk einer Villa, irrte noch rotes +Licht in den Schnee. Selbst die spätesten kleinen +Fußspuren, hingetippt nur von oft entdeckten +und wieder verheimlichten Frauenbeinen, vergingen +jedoch unter der milde verwischenden +Watte. Der Schnee verrät alles und bereut jeden +Verrat. Das deutet auf Geist, denn mit dem +Triumph des Detektivs ist alles lustige Spiel zu +Ende. Wenn in diesem reichlichen Gestöber +jemand aus der Tür eines Fräuleins schliche: +wie lange würden seine amerikanischen Schuhsohlen +die Bequemlichkeit, auf der ein guter +<!-- page 052 --> +Ruf nistet, erschüttern? Immerhin müßte man +die eingeschneiten Häuser junger Mädchen vielleicht +<i>rückwärts gehend</i> verlassen? Oder man +zöge sich, gelegentlich, von den Dächern der +Deflorierten im Monoplan zurück, was? +</p> + +<p>Während solcher Entwürfe <i>Ostaps</i>, eines Jünglings, +schlank und nicht gefallend, der bis 3 Uhr +morgens gearbeitet hatte und in der leichten +Kälte froh wurde, fielen die weißen Flocken dichter +und dichter. In der Tat, es fehlte nicht viel, +so hätten sie sich <i>wie ein Leichentuch über +die schweigende Erde gelegt</i>. — — — +</p> + +<p>(An dieser Stelle beglückwünscht sich der Autor: +er hat das vollkommene Cliché erreicht. Er +wünscht sehr abgegriffene Sätze zu schreiben, +etwas verdrossen dahinzuleben, bis zu jener +Generalinfektion, deren Erwartung allein allerdings +seine himmelschreiende Langeweile im +Voraus ein wenig verklärt. Ein Gesottener der +Skepsis, giebt er sich das Recht zu nichts als +zur Konvention, kaum die Freiheit zu einem +Seufzer, und verdächtigt noch seine Krankheiten, +als Nachahmungen ohne Wert.) — +</p> + +<p>. . . Indessen fiel der Schnee dichter und dichter. +Die Wolken hingen voll grauer Reize. Ostap +überging eine Brücke. In der Tiefe fror der See. +Birken, zitternd, flüchteten die Abhänge hinauf. +Ein Schwan zerteilte, vor Kälte eilig, diese +schwarze Nacht. Das Gaslicht, in hohen Lampen +stampfend, betonte eine Finsternis, die moorbraun +war, kostbar und imaginär. Die Alleen fröstelten +auf eine distinguierte Art. An den Fensterreihen +des Postamts verblühte Geranien leuchteten geringfügig. +Ostap liebte zärtlicher der Ebereschen +Büschel dunkelroter Beeren. Das Licht vor dem +Feuerwehrhause aber, in Bonbonrosa gehalten, +hätte besser in englische Sensationsprosa gepaßt, +als in Ostaps, eines Vielspältigen von bizarrer +Bildung, verdächtige Monologe. Die fast ganz +aussichtslos gestreckten Äste eines schmutzigen +<!-- page 053 --> +Baumes, der sommers ein Kastanienbaum war, +machten Ostap schutzbedürftig nach heißem +schwarzem Kaffee. Er streifte hängende Zweige +sehr bleichen Weidenlaubs, und da war um ihn +die Seligkeit millionenfach zerstäubenden Puders, +himmlisches Glitzern und aller Glanz der Weihnachtsnacht. +Im Osten jedoch, über der Bundeshauptstadt, +troff der Wolkenhang schlimm. So +trübe glimmt Waschwasser, das von einem +abgespannten Mädchen mit übermangansaurem +Kali vermischt worden wäre. +</p> + +<p>Und Ostap, jeden Schritts die blütenhelle Reinheit +des jungen Schnees unerhört entjungfernd, +nahm den Weg zu dem netten Hause, in dem +Manon wohnte und die anderen. Er ging Wege, +die er wußte. Kein Laut. Nur ein Rabe, aufgestört, +krächzte und schüttelte sein Gefieder. Das +sprühte. O, diese Winterfrühe, niemandem außer +ihm so schimmernd aufgebaut mit gespensterweiß +umhüllten Zäunen, war süß und war ein Geschenk! . . . +</p> + +<p>Als Ostap das Gartentor öffnen wollte, erblickte +er, von der Haustür ausgehend, die <i>frischen +Fußspuren eines Kavaliers</i>. +</p> + +<h3 class="no" id="no-28-3">III<br /> +Sachliche Angaben</h3> + +<p class="noindent">Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, +unpolitisch, brav, war der reichste +Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter +wert war, denn er unterschied die Frauen. +Manons Mutter war die in der Provinz übliche +Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit +eingerückt, warf sich heftig in die Passion, ja +in die Raserei zu einem gewissen <i>Marcel</i>, +einem jungen Schönling aus guter Familie, den +praktische Rücksicht hinderte, bei der Manon +über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen +Höflichkeiten hinauszugehen. Für das gewollt +Fragmentarische seiner Empfindungen entschädigte +<!-- page 054 --> +er sich an einer Routinière, bei der +nichts zu befürchten war. Und weil Manon, +stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit +versagtes Terrain, unbequem wurde, machte +Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine Mädchenpension, +in eine fromme, streng verschlossene +Kiste, aus der nur an Sonnen-Nachmittagen sehr +reglementierte und von den Studenten quer durch +den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche +hinausführten. Übrigens erledigte Manon +die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto, +selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In +jener boîte nun, gegenüber der uralten Kirche +von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles +Wichtige in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, +verabredeter Zeichen, unauffälliger Signale, +nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser +als die Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes +Schuldbewußtsein wirke. So <i>spielte</i> +sie das Kind, das sie <i>war</i> — aber das sie nur +noch unter gefährlichen Irritationen war. Sie +gab ihren geistlichen Patroninnen das verwöhnte +Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, +kecke Mädchen, aber das alles nur, um wirklich +Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war +freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für +unerlaubt gehaltene, nicht schlimm. Ja, selbst +als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter +Physis in die Wohnung eines Garçons +aus Uruguay lief, da war nicht einmal <i>das</i> +schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts +Schlimmes. Dies ist der Grund weshalb alle +Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.) +</p> + +<p>In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, +kehrte Manon ins Elternhaus zurück +und ward ihrem angebeteten <i>Marcel</i> von neuem +so tonisch, daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt +hatte, immer gleich ins Nebenzimmer die +Routinière engagierte, die dann, kaum war die +<!-- page 055 --> +Bürgerstochter fort, alle Stimmung geruhsam +empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche +Besuche der Manon jene die häufig keinen +sehnlicheren Wunsch hatten, als von ihr in Ruhe +gelassen zu werden. +</p> + +<p>Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde +leicht ausgezeichnet, nach Montpellier siedelte, +ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das +Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: +zum Chic einer patrizischen Tochter gehöre die +deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines +Tages nach D . . . eingepackt. +</p> + +<h3 class="no" id="no-28-4">IV<br /> +Olafs Glück und Ende</h3> + +<p class="noindent">Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts +bei D . . . war ein junger, wegen der +Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während +des Diners bewarfen sich die beiden lächelnd +mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich hinkräuselnden +Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben +des nächsten Liebhabers. Es war +ein O, und die Weissagung traf ein. +</p> + +<p>Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch +die Manon in Tränen. Sie gab ihm viele Küsse, +vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, +das seien kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, +niemand den offen daliegenden Brief findet, so +fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen +Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte +sich enorm, obgleich Manon ihn nicht +zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. +Immerhin unterhielt sie sich eine Zeit lang bei +dieser Freiheit, die nur durch die psychologische +Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der +Fall lag so: Manon verheimlichte hier, eben +durch diese Offenheit, nichts was ihr ein Vergnügen +bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, +als Lust und deshalb als verboten +galt. Zugleich schien es Pflicht jedes +<!-- page 056 --> +jungen Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu +tun. Das bewiesen alle Romane. So tat denn +Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus +Pflicht- und Stilgefühl, aus jenem rührenden Ordnungssinn +der schon die dünnbeinigen Neunjährigen +am Strande von Saint-Malo Sätze von +Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte, weil +es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil +alle Welt es zu fordern schien. Schade nur, daß +man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung +all zu leicht machte. +</p> + +<p>Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis +einer vollkommenen Ungehemmtheit. Es fehlte +der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen +Gefahren die auszukosten sie in der verschlossenen +Pariser Kiste gelernt hatte. Schon erwog +Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da +entdeckte sie, daß ihr der ganze Olaf langweilig +geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen +gedauert. +</p> + +<p>Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. +Weinend legte er der Ungetreuen ein Marzipanschwein +ins Zimmer, mit diesem Zettel: „Für +Manon vom lieben Olaf.“ Abends fand sie das +Schwein und verzehrte es naschhaft, sich auskleidend. +Sie vergötterte Marzipan und schluckte +dicke Bissen, nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete +nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte sich zur +Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch +halbvoll von der leckeren Opfergabe. +</p> + +<h3 class="no" id="no-28-5">V<br /> +Beisammensein</h3> + +<p class="noindent">Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das +(mit hellen Eichenmöbeln) etwas zu einfach ausgestattet +ist, als daß man es ganz behaglich nennen +könnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen +Balkon führend (den man durch eine Tür vom +Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend, +angefüllt zur Hälfte mit Mädchenkleidern, +<!-- page 057 --> +zur Hälfte mit Wäsche. In der hinteren Ecke links +das Bett. An der Wand, besonders um das Bett +herum, zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf +Postkarten. In der rechten Ecke, dem Bett gegenüber, +steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische +Leselampe mit grünem Schirm ein gedämpftes +Licht gibt. Am Tisch, in einem einfachen +Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. +Ihr Kopf, mit aufgelöstem schwarzem Haar, liegt +auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie trägt +einen weißen Peignoir. Draußen ist eine regnerische +Spätherbstnacht. Man hört Bäume rauschen. +</p> + +<p>Genau um 12 ¾ Uhr nachts öffnet sich leise die +Tür, und OSTAP betritt das Zimmer. Dunkelblauer +Straßenanzug. Er verriegelt die Tür und +nähert sich der Manon mit sehr vorsichtigen +Schritten. Er dreht die Leselampe ab und setzt +sich dem jungen Mädchen gegenüber auf einen +Stuhl; die Bühne ist dunkel; nur von der Straße +her ein schwankendes Laternenlicht. +</p> + +<p>MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich +erstaunt um, reckt sich, lächelt): Das sind Sie. +</p> + +<p>OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das +Licht ausgelöscht, damit man vom Korridor aus +nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf, +dieser Blaustrumpf, der manchmal des +Nachts spioniert. (Er lächelt . . . und leidet. Seine +Stimme hat gezittert.) +</p> + +<p>MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie +herein und plaudert mit mir, und das mopst mich. +(Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als +ob es sie fröre, und ist verwirrt. Schweigen. Von +der Straße Bruchstücke eines Gesprächs.) +</p> + +<p>OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht. +</p> + +<p>MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht +wieder Licht und neigt den Schirm der Leselampe +so, daß nur ein ganz schwacher Schein +nach dem Vordergrunde und der Tür zu fällt.) +<!-- page 058 --> +Ah, von Gyp: „Napoléonette.“ Das ist ein Titel +expreß für mich. Danke; das ist sehr chic. +(Sie sucht, um ihre Verlegenheit aufzulösen, ein +heiteres Gesicht zu bilden.) +</p> + +<p>OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm +ich in meinem Zimmer ein Rascheln. Dann leichte +Schritte, die . . . etwas Süßes entfernten. In den +letzten Wochen habe ich den Wert dieser kleinen +Geräusche kennen gelernt. Dieses ganze Haus +ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden +Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den +entzückenden Berechnungen der Klopfsprache und +mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige +der Welt enthalten. Durch die untere Spalte +meiner Zimmertür schob sich etwas weißes. Ich +stürzte hin: „<i>Ich will wissen, warum Sie +die Miene so traurig haben. Bringen Sie +mir heute abend gegen Mitternacht ¾ +ein Buch</i>.“ Den Zettel hatten Sie geschrieben, +mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die +macht, daß ich andere Handschriften überhaupt +nicht mehr werde lesen wollen. +</p> + +<p>MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine +Jugend vor. +</p> + +<p>OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich +ohnmächtig gewesen? Kossinka war so besorgt. +</p> + +<p>MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie +belebt sich. Schwarz glühen aus ihrem Brandstifterinnengesicht, +das etwas zu weich und zu +voll ist, die Augen. Die Haare ringeln sich böse +um ihren Hals: ondulierte Nattern im Nest. +Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten +Sie die Miene so traurig? +</p> + +<p>OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig. +</p> + +<p>MANON (mit leuchtenden Augen): Doch! +</p> + +<p>OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . +ein wenig. Aber das ist nicht wichtig. Es geht +Sie nichts an. Übrigens würde es verdammt +gegen Sie sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa +erwiderten. Man liebt mich nicht . . . Lieben +<!-- page 059 --> +Sie mich? +</p> + +<p>MANON (lächelt auf eine gnadenreiche Art und +nickt). +</p> + +<p>OSTAP: Nein! . . . Vraiment? +</p> + +<p>MANON: Tres vraiment. +</p> + +<p>OSTAP (mißtrauisch): Seit wann? +</p> + +<p>MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich +verliebt zu sein. Da amüsierte er mich nicht +mehr so. +</p> + +<p>OSTAP (zieht die Manon zu sich und küßt sie +auf den Mund, was sich etwas verzögert dadurch, +daß Manon zunächst ihre Wangen hinhält. +Man hört auf dem Korridor leise Schritte, +die vor Manons Tür innehalten. Es scheint +jemand an der Tür zu lauschen.) +</p> + +<p>MANON (totenblaß, flüstert): Das ist Olaf der . . . +</p> + +<p>OSTAP (hält ihr den Mund zu, flüstert): Kein +Wort mehr! +</p> + +<p>MANON (mit unbewußter Anerkennung): Ah, er +macht den Herrn! +</p> + +<p>OSTAP: Sei ruhig! (Er dreht die Leselampe +ab.) +</p> + +<p>(Schweigen. Von der Tür her ein Scharren, ein +Zögern, dann — etwa — ein Seufzen aus der +Brust eines Studenten. Darauf schlürfende Hausschuhe, +verhallend. Manon und Ostap halten den +Atem an. Von der Straße die Huppe eines Autos, +zerfließend. Regen gegen das Fenster.) +</p> + +<p>MANON (flüsternd): Wenn jetzt mein Vater — +Er würde dich töten! Du siehst wie sehr ich dich +liebe. +</p> + +<p>OSTAP: War Olaf — +</p> + +<p>MANON (empört): Niemals! Was willst du, er +hat mich amüsiert. Zuletzt wurde er immer reizbarer, +ich hatte die Idee, daß er etwas mit dir +vermute. Übrigens würde ich niemals die völlige +Geliebte jemandes sein können. Du verstehst: +die ganze, vollkommene Geliebte. +</p> + +<p>OSTAP: Vollkommen . . . Was würden wir tun, +wenn jetzt Fräulein Füllfeder wieder einmal keine +<!-- page 060 --> +Ruhe hätte finden können? Schließlich ist sie +deine Lehrerin, wenn sie auch Coopers „Lederstrumpf“ +zur Basis deines Unterrichts in der +deutschen Salonsprache gemacht hat. +</p> + +<p>MANON: Ich stelle mich schlafend. +</p> + +<p>OSTAP: Sie rüttelt und ruft. +</p> + +<p>MANON: „Ach, Fräulein Füllfeder, ich bin so +müde!“ +</p> + +<p>OSTAP: „Machen Sie auf, Maninka; ich muß +mit Ihnen plaudern!“ Zärtlich . . ., vielleicht argwöhnisch. +Ich wäre schon auf dem Balkon. Keine +Spuren zurück? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen +höre ich eure Plauderei, bewundere die Sicherheit +deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang, +das Skelett im Nebenzimmer würde schön +quietschen, wenn ich durchzugehen versuchte. +Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu +sagen? +</p> + +<p>MANON: So zwei Stunden. +</p> + +<p>OSTAP: Natürlich würde ich mehr für dich tun, +als zwei Stunden im Regen stehen . . ., (zögernd) +alles. Aber wie interessant ist es, daß wir von Gefahren +umgeben sind . . . und nichts tun werden, +um sie zu rechtfertigen, selbstverständlich. +</p> + +<p>MANON (enttäuscht und befreit): Selbstverständlich. +(Sie schaltet die Leselampe wieder ein. +Kuß, beeinträchtigt dadurch, daß die beiden mit +den Nasen aneinanderstoßen. — Schweigen.) +</p> + +<p>OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene +sehr traurig alle diese Zeit, ich ging in Qual, +weil ich dieses Mädchen lieben mußte, diese Achtzehnjährige: +die ihre Leidenschaften häufiger +wechselt als ihren Stuhl, die von drei Rasereien +gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes vergißt, +wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich +liebe dieses mehr gefährliche als gefährdete Kind, +das, in den Intervallen seines Glücks, die beste +Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit +dieser Szene? Die Pflicht, von ihr zu erfahren: +„Ich liebe dich“, trieb mich in dieses Zimmer, +<!-- page 061 --> +Mitternacht ¾. Genoß ich wirklich eine Sekunde +lang Genugtuung, als sie mir’s gesagt hatte? Ich +erinnere mich nicht daran. Denn es sind neue, +quälendere Pflichten gefolgt. Zunächst: dieses +Beisammensein sehr herrlich zu finden. Und, das +schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie hat +meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell +als Gegenleistung? Sie hat ein Recht, alles zu +erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon +fürchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, +ist schon genugsam die Rede gewesen. Nur die +<i>Rede</i>: nicht die <i>Tat</i>. Immerhin ist diese Lage +sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir +überrascht würden! Das ganze Haus betet sie +ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist +belauert, beneidet, mit Eifersucht umstellt, und +alle wollen Einfluß auf ihre Träume haben. Sie +braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie +verläßt sich darauf, daß ihre Klugheit, nachträglich +herbeigerufen, einen Skandal immer wieder +verhüte. So bietet sie mir diese explosiven Umstände, +legt sich selbst diese Gefährdung auf, in +der Berechnung, der Reiz werde es lohnen, ein +gewürztes Behagen alle hübsche Angst übertäuben. +Was kann ich ihr sagen, das ihren Erwartungen +gleichkomme? Gibt es denn in allen +Bänden des Konversationslexikons kein einziges +Thema, das uns für eine Minute zusammenhielte? +. . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraïner anfangen +müssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon +steht, . . . und mich damit erledigen.) +</p> + +<p>MANON (denkt: J’aurais bien envie de l’embrasser +un peu plus follement, mais j’ose pas, +ce type est trop difficile.) +</p> + +<p>OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraïner? +</p> + +<p>MANON (angenehm berührt; vorsichtig): Lieben? +. . . Er amüsiert mich. Übrigens weiß +man ja im Anfang nie, ob man jemanden lieben +wird. +</p> +<!-- page 062 --> + +<p>OSTAP (tief gequält): <i>Worauf beruht es?</i> +</p> + +<p>MANON (ohne zu antworten): Er hat für Hanka +und mich Billette geschickt für seinen Quartettabend. +Das ist sehr nett. +</p> + +<p>OSTAP (sieht umher): In diesem Zimmer habe +auch ich einen Winter lang gewohnt. Sie werden +in Ihr Land zurückkehren, und man wird mir +wieder dieses Zimmer anweisen. Ich sehe mich +schon darin. Irgendwelche lustigen Gefahren wird +es dann nicht mehr geben. Man kehrt überallhin +zurück, sogar an die Stätte seines größten Verbrechens: +seiner Geburt. Deshalb sollte man seine +Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber +. . . topologisch empfinden, nach Städten, Gärten, +Korbsesseln, was? +</p> + +<p>MANON: Wie Sie wollen werden. Aber jetzt +müssen Sie gehen; es ist 1 Uhr. +</p> + +<p>OSTAP (empfindet: Ich habe nicht ein Tausendstel +von dem erreicht, was zu erreichen meine +Pflicht war . . . und worauf ich dann hatte verzichten +wollen. — Sagt): Wann werden wir uns +wiedersehen? +</p> + +<p>MANON (rechnet nach): Morgen soll ich Georg +treffen. Glauben Sie, daß ich seine Geliebte werden +muß, wenn er es verlangt? +</p> + +<p>OSTAP: Sind Sie des Teufels? Lieben Sie denn +Georg? +</p> + +<p>MANON: Nein, aber er könnte mich vielleicht +amüsieren . . . Also wir können uns ja öfter +sehen. Aber nicht hier. Und nicht vor Ende +der Woche. Und nicht jeden Tag. +</p> + +<p>OSTAP (grinst): Natürlich nicht. Aber ins Café +zur Seelenwanderung bringen mich keine zehn +Pferde mehr. +</p> + +<p>MANON: Also irgendwo. On s’arrangera; faut +tranquilliser l’histoire. Gute Nacht! Öffnen Sie +ganz leise, und gehen Sie nicht direkt in Ihr +Zimmer zurück. +</p> + +<p>OSTAP (grinst, durchaus verfallen): Natürlich +nicht. Schlafen Sie gut. (Er schleppt sich zur +<!-- page 063 --> +Tür, riegelt behutsam auf und verschwindet lautlos: +erledigt.) +</p> + +<p>MANON (reckt sich; lächelt; gähnt; wird zuinnerst +sehnsüchtig): O mein Marcel! Wärest +du hier! +</p> + +<p>(Man hört im Korridor schleichende Schritte, verhallend. +Von der Straße her die Huppe eines +Autos, zerfließend.) +</p> + +<p>MANON (nimmt von einem Kuchenteller eine +Makrone und kaut sie ausführlich durch. Kniet +vor dem Bette nieder und betet. Dann stellt +sie die Leselampe auf den Nachttisch, nimmt das +Buch der Madame Gyp und legt sich bequem +nieder. Sehr zufriedene Miene. Sie schlägt das +Buch auf und beginnt zu lesen. Murmelnd): +Napoléonette; chapitre premier . . . +</p> + +<p class="center"><i>Der Vorhang fällt rasch.</i> +</p> + +<h2 class="chapter">Tafel der Lesestücke</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Vorwort</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Wir Gespenster</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Der Unterprimaner</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Konzentrisch</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Café (1910)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Nymphenburg (1910)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Halensee (1911)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-8">Notiz; nachts (1911)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-9">Genesung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-10">Rapidität</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-11">Sublimierung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-12">Das Café-Sonett</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-13">Bar</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-14">Spleen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-15">Spät</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-16">Ode vom seligen Morgen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-17">Morgen-Arbeit</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-18">Morgendämmerung (nach Baudelaire)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-19">Besessen (auch)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-20">Abneigung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-21">Xenien</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-22">Wintergarten (1910)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-23">Franz Blei</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-24">Hebbels letzte Stunde</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-25">Münchner Notizen (1911)</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-25-1">I: Absage an ein Café</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-25-2">II: Glück der Betrachtung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-26">Das moralische Variété (1912)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-27">Der Gedanken-Strich (1912)</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-28">Manon, Fragmente eines Detektivromans (1913-14)</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-28-1">I: Sitzendes Fräulein</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-28-2">II: Spuren im Schnee</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-28-3">III: Sachliche Angaben</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-28-4">IV: Olafs Glück und Ende</a></p> +<p class="contents2"><a href="#no-28-5">V: Beisammensein</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + + +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%; page-break-before: always; "> +<img src="images/reklame_1.jpg" alt="Reklame"/> +</div> +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%; page-break-before: always; "> +<img src="images/reklame_2.jpg" alt="Reklame"/> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Lesestücke, by Ferdinand Hardekopf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE *** + +***** This file should be named 38506-h.htm or 38506-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38506/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38506-h/images/reklame_1.jpg b/38506-h/images/reklame_1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7bc037c --- /dev/null +++ b/38506-h/images/reklame_1.jpg diff --git a/38506-h/images/reklame_2.jpg b/38506-h/images/reklame_2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..af9a7f8 --- /dev/null +++ b/38506-h/images/reklame_2.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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