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+The Project Gutenberg EBook of Lesestücke, by Ferdinand Hardekopf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Lesestücke
+
+Author: Ferdinand Hardekopf
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38506]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Aktions-Bücher der Aeternisten
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+Ferdinand Hardekopf
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+Lesestücke
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+Berlin-Wilmersdorf 1916
+Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)
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+Alle Rechte insbesondere die der Übersetzung vorbehalten
+Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf
+
+Dieses Buch wurde gedruckt im März 1916 von der
+Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover
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+Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gespräch:
+»Der Abend«, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig
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+Vorwort
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+. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf das Faktum, daß ich
+gestorben bin. Dies fiel mit der Morgenröte der großen Zeit zusammen. Somit
+sieht man sich hier allerdings einem Spuk gegenüber. Aber solche Phänomene
+sind häufig, jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mémoires d'outre-tombe,
+und alles kommt nur auf die Vitalität der Abgeschiedenen an. Da der
+Selbstmord als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt ist, so wird man
+begreifen, daß in diesem Falle nur Genußsucht das Motiv sein konnte. Schon
+bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie gern langweilen wollen. Den
+Abgezogenheiten gab ich meine Vorliebe vor »realen« Details. Höchstens
+bewog philologischer Sammeleifer zur temporären Erduldung jener
+Beanspruchungen für die man das infame Wort »Liebe« verabredet hat. Schnell
+rettete ich mich ins Café. Dort erwuchs einigen der sehr erwünschte Zustand
+der »décadence«: unsere beste Beute. Die Antwort des Iren George Moore auf
+die Frage wie die Kunst zu fördern sei: »Durch Gründung von Cafés«, bleibt
+mir aus der Seele gesprochen. Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist
+unzeitgemäß. Leider muß ich fürchten, daß die Antipathie gegen sie schlecht
+stilisiert sein wird. Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und
+vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus den Anspannungen der
+Formung. Es war der Dichter einer entschwundenen Mentalität: Goethe, der
+das »Stirb und werde!« in den West-östlichen Divan diktiert hat.
+
+ F. H.
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+
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+
+
+Wir Gespenster
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+
+
+(Leichtes Extravagantenlied)
+
+
+Wir haben all unsere Lüste vergessen,
+In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen;
+Erleuchtete Tore locken uns sehr,
+Doch die Angst ist gering -- wir brauchen viel mehr.
+
+Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,
+Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;
+Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,
+Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.
+
+Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens,
+Da flohen wir zitternd ins Café des Westens
+Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen,
+Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.
+
+Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:
+Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.
+Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,
+In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen.
+
+
+
+
+Der Unterprimaner
+
+
+Ist die Nacht herangeschlichen,
+Liegt das Schulhaus wie entgeistert.
+Alles Gaslicht ist entwichen,
+Und die Tür ist fest verkleistert.
+
+Gleicht das noch den Korridoren,
+Wo wir tags so stark gequält sind,
+Wo wir linkisch, kahlgeschoren,
+Zage meuternd --, tief verfehlt sind?
+
+Geistergrün seh ich ein Schimmern,
+Und der Schornstein wird so deutlich.
+Aus den Gängen, aus den Zimmern
+Quillt es neblig, süß und bräutlich.
+
+Was umschleich' ich diese Räume,
+Schleiche nicht in Liesbeths Garten,
+Tief ins Dickicht -- ihrer Träume
+Fernsten Seufzer zu erwarten?
+
+Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle
+Von bereits geknickter Haltung.
+Um das Nacht-Phantom der Schule
+Schleich' ich -- trotz der Schulverwaltung.
+
+Ahnt ihr meine Heimlichkeiten,
+Nachmittags-Libertinagen?
+Müde, etwas zu bestreiten,
+Starr' ich auf die vier Etagen.
+
+Diese klassische Kaserne
+Ist erfüllt von Abenteuern!
+Grüßten sonst die weißen Sterne
+Sie mit ihren blassen Feuern?
+
+
+
+
+Konzentrisch
+
+
+Mädchen sprießen jung im Sturm,
+Bald muß ich sie lieben;
+Und es wächst ein Bücherturm,
+Der wird jetzt geschrieben.
+
+Aufgetürmt aus Hart und Weich,
+Bald muß ich es lesen,
+Wortgebirg was Tintenteich
+Lieblich einst gewesen.
+
+Blondes Haar was Sonntagsdrang
+Abendlich gewesen,
+Augenblick und Überschwang
+Muß ich fiebernd lesen.
+
+Angst im Kreis der sie betrifft
+Fühlt ihn eng geworden:
+Gliederduft und Liedergift
+Werden mich ermorden.
+
+Ruhenden im tiefsten Tal
+Macht ein Mißtraun rege:
+Weib und Buch und alle Qual
+Sind schon auf dem Wege.
+
+
+
+
+Café
+
+
+Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder,
+Ihr Kleid erregt sich sommergelb
+ (Wir wollen nächstens, Nekromanten,
+ Kornduft in facettierte Parfumgläser einfangen!)
+-- Die schmale Frau begnadet das Café.
+Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame,
+Übertändeln die Fesseln;
+Der schwarze Hut taumelt ein bißchen seitwärts -- schräg zum Marmorschwarz.
+Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar.
+Madames Kniee knicken --: sie sitzt;
+Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingernägel
+Zwei, drei Weihwasserwellen
+Von den Brüsten bis zu den Hüften;
+Dann arrangiert Madame ihren Popo.
+ Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch;
+Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen geträumt.
+Sich in grün rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten dürfen,
+ist fast ihr Glück --
+Ist ein Glück, so maßlos,
+Daß der köstliche Atem der Welt
+Für sie innehält,
+Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen;
+Eine Silhouette herrscht über das Meer:
+Höflichen Gischt, weißen Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher.
+ Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug
+(Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette)
+Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzüngelt,
+Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar böse Sekunden,
+Und aus ihren Lokomotivköpfen
+Brüllt ein zischendes Pfeifen,
+Taumeldumpf hingezogen,
+Weh gedehnt,
+Irr in der Nacht,
+Das präzise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe,
+Ein violetter Schleierfetzen im Nebel,
+Ein bös gestreckter Raucharm,
+Wegweiser er in keuchende Wege, --
+Eine eiserne Klagemusik,
+Die im Nebel verrostet,
+Im feuchten, rostigen Nebel, --
+Das Stöhnen zweier Seelen,
+Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, --
+Das hehre Maschinenkeuchen der Hölle,
+Ein langes, banges Röcheln,
+Schrill --:
+Aus der Tiefe die Litanei
+Der Lokomotiven.
+ Oh, Madame, da wurden Sie glücklich
+Auf der straffen Walstatt des wagon-lit,
+Auf dieser weißen Ebene der Geisterschlachten!
+ Durch den Puderschmelz ebbt eine Zärtlichkeit,
+Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingernägel
+Verfinstern die korngelben Halbmonde
+Ihrer Augenbrauen,
+Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden
+Entweihungen Ihrer Mysterien.
+
+
+
+
+Nymphenburg
+
+
+Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht
+in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen.
+Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste,
+Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte
+Scheidekraft verstellt.
+. . . . . Es quoll ein grünes Auge;
+In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen,
+Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner,
+Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem
+Lorbeer und Frauen-Nägeln.
+Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen,
+wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins.
+(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!)
+Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf.
+Und es wurde Orphisches doziert.
+Ich versank -- lächelnd, vergiftet.
+Da wußte ich meine heiteren Gefahren,
+Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land.
+. . . Schon formt sich in der Stachelhülle,
+Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird;
+Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige
+wie die Lust (. . . die Lust . . .),
+Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen
+Perücke,
+Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren
+Gewändern
+(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?),
+Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger
+Teiche,
+Schwäne sind ihre Brüste,
+Brüste,
+Sich einbetten in Festungswälle,
+Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern.
+
+
+
+Halensee
+
+
+(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: --)
+Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst.
+Weiß brennt der Saal.
+Doch in den festlichsten Minuten
+Verzischen heiß der Bogenlampen Fluten;
+Ein Dämmerlicht von grün und roten Birnen
+Rückt näher die Privatbeamten an die Dirnen.
+Und hoch und tief im Hinterraum
+Wächst nun empor ein Tannenbaum,
+Den vorher keiner sah --
+Rauscht auf und ist mit Glühbewußtsein da.
+
+Aus Goldovalen weiht ein Fürstenlächeln
+Erlaubte Lust im Voraus zur Askese;
+Der Siegerkranz wird noch die Narben fächeln,
+Und ehrlos macht allein die Antithese.
+
+. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrüppig,
+Das nette Unterholz an kleinen Tischen!
+In Pfützen-Augen blinkt, gemäßigt-üppig,
+Der Wunsch, reelle Kragenhöhen aufzufischen.
+
+. . . Die Saiten und die Tasten
+Schrilln den Kommando-Takt,
+Da sind die süßen Lasten
+Vom Faunengriff gepackt.
+Sie setzen ein mit Wippen,
+Mit Schwänzeln und mit Kippen.
+Accentuiern ihr Rundes,
+Als wär es ein Profundes;
+Das ist ein Strecken, Haschen
+Der Finger und der Taschen,
+Als sollte schon im Stampfen
+Die teure Gier verdampfen.
+
+Dies Branden wird kein Öl vereiteln.
+Öl glotzt verdummt von Herrenscheiteln,
+Und -- unter prallen Knallgas-Garben --
+Entfaltet es Petroleumfarben.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel
+Die Schmach des tiefsten Wasserstands,
+Und rotgeschminkte Halbmond-Nägel
+Vergilbung Cigarettenbrands.
+Die Blusen mögen nicht mehr schließen,
+Der Oberkellner murrt mit Nadeln.
+»Ich schwur mirs zu, sie zu genießen!«
+(Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.)
+
+Ihn quält an seiner Blutverlustmaid
+Des kaum erworbnen Rechts Bewußtheit.
+Und Lüste, schon vorausverdammte,
+Erledigt der Privatbeamte.
+
+
+
+
+Notiz
+
+
+
+
+nachts (2h 45 bis 2h 47 matin)
+
+
+Böses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .)
+Grünliches Hämmern, wie in der Chloroform-Narkose!
+Ein Pumpwerk zerstößt die Nacht,
+Dröhnt.
+Mein Herz explodiert.
+Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt.
+Aus einer Röhre, einem Trichter (einer Trompete?)
+Fließt schleimiger Schein:
+Das morastgelbe Licht der Welt -- meiner Welt.
+Der Lichtkegel trifft mein Ohr.
+Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den
+Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch.
+Das dauert gewiß bis zum Grauen der Dämmerung hinter den Gardinen.
+(O: das gute Angelus-Läuten!
+Hirten auf dem Felde,
+Kartoffelbauern auf dem Felde Millets!
+Liebe Demut ihres gebeugten Rückens!)
+
+. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt.
+Kein Leben, keine Schminke um mich.
+Nur die Angst meine Dame.
+(Blicke kratzten, stächen mich,
+Ich schriee, stampfte -- hautlos ich.)
+
+. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen,
+Keine Gebet-Kunstwerke.
+Eine Schmach ists, von der Angst erlöst sein zu wollen;
+Eine Schmach ists, glücklicher sein zu wollen, als äußerst unglücklich.
+Es _irritiert_ die geringste geglückte . . . Harmonie.
+. . . . Warum nicht das äußerste?
+Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes?
+Zuckende Reserven, züngelnd im Dampf, im Krampf.
+
+
+-- -- -- Übrigens bin ich durchaus im Stande, den Ablauf solcher
+Empfindungen brüsk zu unterbrechen, »Amerikanismus« anzuordnen und, mit
+einer Cigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen in Henri Beyles: »Le Rouge
+et le Noir.« Selbstverständlich.
+
+Die Lampe brennt ja noch.
+
+
+
+
+
+Genesung
+
+
+Da Stund' um Stunde, selbst die bängste,
+Wie silbergraues Plätschern kam,
+Da ward's ein Tag, wo ich die Ängste
+Mit lässigstillem Lächeln nahm.
+
+Da tropften alle Qualen linder,
+Sie perlten kaum auf meiner Hand,
+Sodaß ich, endlich Überwinder,
+Nichts mehr zu überwinden fand.
+
+
+
+
+Rapidität
+
+
+Und voll Bewundrung für den Dichter
+Warf wieder eine Keks ihm zu. --
+Der zündet Rennmaschinen-Lichter
+Und jagt nach der privaten Ruh'.
+
+Er drängt den Leib, den lässig-fetten,
+Ins Röhrenwerk des schmalen Wolfs
+Und gibt sich der rekord-koketten
+Spazierfahrt längs der Wonne-Golfs.
+
+Nie war ein letzter Spurt gewürzter,
+Nie flog die Disziplin so jach,
+Nie war die Renn-Kritik bestürzter,
+Und süßer nah war nie ein Krach.
+
+Es puffen aus dem Zisch-Ventile
+Parfums von Kriminal-Chemie,
+Im Kilometerfresser-Stile
+Skandiert die Gift-Maschinerie.
+
+Dies ist der schnellste Höllenwagen,
+Der schlingernd über Firnen fliegt,
+Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen,
+Den fernsten Graden angeschmiegt.
+
+Am Mix-Benzin freun sich die Sterne,
+Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps,
+Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne;
+Nun gehts durch süßen Felder-Raps.
+
+Und wie er ihn mit Lust beflügelt,
+So stoppt der Dichter seinen Blitz,
+Entsteigt, die Hosen sehr gebügelt,
+Dem eleganten Pneuma-Witz.
+
+Bald lächelt er im Bistro-Reiche,
+Blaß-kompliziert, in dunkler Box,
+Erstaunt gebraucht er viele weiche
+»Algériennes« und viele Grogs.
+
+Vor seinem Gott wirft er sich nieder,
+Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt,
+In halb schon kondensierte Lieder
+Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt.
+
+DER faltet ruhig seine Rippen --:
+Sieht ein Paar Hosen in Berlin,
+Die, unter schminkgewohnten Lippen,
+Sich inniger zusammenziehn.
+
+
+
+
+Sublimierung
+
+
+Ich sah dich Grenadine schlürfen,
+dein Wildgeruch ergriff mich schon --
+und hab nur stockend murmeln dürfen:
+»Wer ist die scharfe . . . Attraktion?«
+
+Dann ließ ich drucken: »Komm, du Dirne!
+Ein Später wittert Dunst und Bau.
+Du hast die hellste Kinderstirne
+und bist die dunkel-tollste Frau!«
+
+Vergeblich. Doch der Nicht-Genehme
+war schon phantastisch angesteckt --
+Du hast mich völlig, Unbequeme;
+Und . . . ich hab dich, als mein Objekt.
+
+O: dein von Mörderhand gekürzter
+Polaire-Wulst, du zerwühlter Kopf,
+durchreizt das Dasein mir gewürzter
+als jüngster Judith Doppelzopf.
+
+Was willst du, Fremde, noch verhindern?
+Ich bau dich auf aus Kunst und Schaum.
+Du wirst mir Unerhörtes lindern,
+du bist ja mein in jedem Traum.
+
+Wie gern in mystischer Verschwörung
+dein Linien-Tiefstes sich mir gibt . . .
+Laß uns allein! Du . . . Erd-Empörung,
+bleib ferne, knäbisch angeliebt!
+
+Ächz unter Assessoren-Küssen -- --
+Indes in Spuk- und Geisterwelt
+mit zugespitztesten Genüssen
+dein kluger Schatten mich umstellt.
+
+
+
+
+
+Das Café-Sonett
+
+
+ Für L. R.
+
+Den Marmortisch umsprühen Manieristen,
+erregt vom Beichtwort Mauds, der Künstlerin:
+»Weiß nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!«
+Sie steigern sich in überhitzte Listen.
+
+Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn.
+Dem John, dem dunkelsten der Morphinisten,
+dem Welt-Abbé, dem Décadence-Artisten
+hält sie die gleiche klare Stirne hin.
+
+Da: Jack, Gorilla, erster Fußball-Preis.
+Der Geist bestellt die sechste Schnaps-Karaffe.
+Wie Maud, erkannt, ihr süßes Schicksal weiß!
+
+Es fällt die Festung vor dem Bild der Waffe.
+Dem Football-Monstrum bringt man Huhn mit Reis.
+Maud, sachlich: »Schaufle was du kannst, mein Affe!«
+
+
+
+
+Bar
+
+
+Ein Prunk-Salon, wie eine Schiffskajüte.
+Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
+Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte
+Und lächeln sanft, wie Mädchen Maeterlincks.
+
+An der Portiere zaudern blasse Frauen;
+Wie fallen ihre Mäntel blumenzart!
+Es glimmen unter sehr geschminkten Brauen
+Gazellenblicke rätselhafter Art.
+
+Sie treten näher gleich verirrten Rehen -- --
+Doch nichts Erdenkliches ist ihnen fremd.
+Sie sind all right vom Kopf bis zu den Zehen,
+Ihr blondes Haar ist in die Stirn gekämmt.
+
+Der Oberkellner eilt mit grünen Flaschen,
+Und rote Geiger (welch Effekt im Bild!)
+Erhitzen sich am Tanze der Apachen,
+Da werden alle Frauenmienen wild.
+
+Liane tanzt -- und giebt die jungen Glieder,
+Die sehr gepflegten, jedem Wagnis hin.
+Sie biegt und rankt sich und entschmiegt sich wieder
+Und ist ein Tier und eine Königin.
+
+Es gährt Apachenblut in diesen Damen . . .
+Doch ist Liane dann vom Rausch erwacht
+Und blieb, als reiche Cavaliere kamen,
+Natürlich nur noch aufs Geschäft bedacht.
+
+
+
+
+Spleen
+
+
+Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
+Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
+Und mahnte (3 Uhr 2): »Ein Spuk-Gedicht,
+Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!«
+
+Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
+Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
+Da stieg die Dame Angst(-Berlin) reell
+Auf ihr imaginäres Caroussel.
+
+Ein Schneiderkleid umpreßte mit Radau
+Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
+Doch das Citronen-Ei (um 3 Uhr 5 genau)
+Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. --
+
+Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar!
+Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
+Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
+Ein Gruß: du noctambules Seminar!«
+. . . So. 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war!
+
+
+
+
+Spät
+
+
+Der Mittag ist so karg erhellt.
+Ein schwarzer See sinkt in sein Grab.
+Dies ist das letzte Licht der Welt,
+Das bleichste Glimmen, das es gab.
+
+Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum.
+Die Birken-Nerven ästeln weh.
+Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum.
+Tot steht das Schilf im toten See.
+
+Die Luft strömt grau ins Mündungs-All.
+Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein.
+Mich trennt ein rascher Tränenfall
+Vom Ende und der Flammenpein.
+
+
+
+
+
+Ode vom seligen Morgen
+
+
+ Für Emmy Hennings
+
+Süßeste aller Ausschweifungen: schon morgens im Café zu sitzen,
+wintermorgens.
+
+Die Cigarette: blonder Honig, Opium wölbt mich ein. (Heimlich-gothische
+Kapelle, Sicherheit.)
+
+Es riecht nach Wärme.
+
+Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen. Links in mir sammelt sich eine
+entzückende Angst. Liebe Gifte heizen, hetzen.
+
+O ihr _guten Droguen_: ich bete euch sehr an. Lesen; blättern; man
+entknöspelt Zeitschriften wie Mädchen: fiebernd-sachlich,
+weihevoll-zynisch.
+
+Die Eine, die mit mir, mit dir ich _alles_ waren! Mir Vergangnes, unter
+Hochdruck, explodiert. Das habe ich publiziert: diese lackierten
+Teufeleien, geschminkten Qualen, ihr kleinen lila Neurosen.
+
+Aber ein bißchen verachte ich euch, ihr meine reizenden Gespenster.
+
+Ich bin eine solide Bestie. Schwer zu töten.
+
+Nur Kaffee und Cigaretten muß man uns natürlich garantieren. Dazu einige
+erdige Parfums. Schon vormittags im Café (wie einst --).
+
+So inniglich verbummelt.
+
+Und der Tag ist kompromittiert, der Tag ist süß. Ermutigt (ach!) singe ich
+dieser zuckenden Minuten Melodie; sing ich euch, ihr gebenedeiten Cafés;
+sing ich die tiefgeliebte décadence.
+
+_Die_ lieben wir, _die_ streicheln wir mit gewürzten Caressen.
+
+(Ihr sprecht sie mit falschem Nasal-Laut aus.) Wir pfeifen auf was ihr
+stolz seid, euren Auszeichnungen weicht ein Achselzucken aus, und was ihr
+höhnt ist unser maßloser Stolz.
+
+Weltenwild ist unser großes Glück und sehr privat. Wir sind völlig
+verdorben und endlos selig; wir sind feine Tiere; die Mädchen nahe uns
+werden böse und herrlich, werden sensitiv, instruiert und instruktiv.
+
+Diese Souveränität ist unangreifbar.
+
+Alles können wir entbehren, natürlich außer dem Kaffee (bezaubernder
+Oliven-Tinte, die Innenränder beschreibend) und dem Café.
+
+Sehr spöttische Herren sind wir weh schwankender Provinzen --
+
+Selig in uns --
+
+O: die geschmeckte Allmacht dieser Stunde!
+
+
+
+
+Morgen-Arbeit
+
+
+ »Es ist die ewig selbe Qual!« --
+ Und wär sie das noch tausendmal!
+
+
+»Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet!« . . .
+Ich wacht' in pudrigem Artistenzimmer auf -- --
+Und nahm, der Geistestötung neuster Technik schon verpflichtet,
+den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf.
+
+. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen,
+ein mattgetönter Zug freundlicher Erscheinungen.
+
+Niederländische Kinder auf der Landstraße, in Holzschuhen,
+Windmühlen ferne,
+diskret angeboten,
+alles in zwei Dimensionen.
+
+ (Nur flächig sei hinfort geträumt,
+ die Leinwand mildem Spuk gesäumt,
+ des Raumes Alp hinweggeräumt!)
+
+
+Dann kam der kinematographische Traum in einen Park. Auf zarten Wegen
+lustwandelten manche Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: die
+schlankeren Frauen seien am höchsten notiert; er selbst habe es nie
+begriffen; und er sage es nur für den Fall eintretender
+Rechtsstreitigkeiten. Ich dankte höflich, bereits unterrichtet. Mittels
+einer Geste fügte jener Herr bei: »Übrigens bin ich ohne Frauen
+ausgekommen.« Ich lächelte beipflichtend. Gleich darauf wischte ich eine
+Dame weg, die etwas zu bläulich ausgehöhlt war, und die ich aus früheren,
+noch stereometrischen Träumen wiedererkannte.
+
+-- -- -- Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee,
+halb-hübsches Getrief.
+Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches.
+Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit.
+Man ist leicht geätzt, eindrucksbereit.
+Junge Mädchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen.
+
+Ein einzig Wort pack' eines Fräuleins Sein!
+Ich schon' mich nicht, ich setze Scharfsinn ein;
+erschlürfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode.
+Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode.
+
+
+Wichtig ist der Augenblick, während dessen, von der Eisenstufe empor, das
+Mädchen, neunzehn -- viel ernsthaftes Gesicht --, sich zur Plattform
+aufhebt.
+
+Der Ritus der zurückgekämmten Haare erhellt den Kurfürstendamm mit den
+überreinen Stirnen perfekt losgesprochener Sünderinnen, mit luxuriösen
+Triumphen über weggebeizte Heimlichkeiten, und einer Duft-Cascade
+sensationell wiederhergestellter Unschuld.
+
+ Der Nord-Geist schlich in einen Süden:
+ »Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!«
+ Er ward nicht müd, sie zu entmüden,
+ von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen.
+
+
+Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt vor der Unternehmung;
+die Kurve dieses verderblichen Wechselfiebers von Geist und von Sinnen. Man
+wird diese tragische Maskerade bannen, auf daß sie vorbildlich werde und
+erhaben-programmatisch.
+
+Rebellion stürzt in »Ungesetzliches«. Aber der Ausschweifung entsteigt,
+höhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa der Morgendämmerung, pedantisch und
+unanfechtbar, ein Rückruf in die Pflicht . . . zur Formung eben dieses
+Fluchtversuchs.
+
+Man hat gebummelt. Man wird darüber schreiben. In Kaethes, der Artistin,
+pudriger Räuberhöhle lauerte eine Sentenz über den Fleiß. --
+
+
+
+
+
+Morgendämmerung in Paris
+
+
+
+
+(Nach Charles Baudelaire)
+
+
+Man blies Reveille auf den Höfen der Kasernen,
+Und Morgenwind durchfuhr die klirrenden Laternen.
+
+Das war die Stunde wo der bösen Träume Schwarm
+Den Jüngling anfällt in des letzten Schlummers Arm;
+Wo, wie ein Aug voll Blut das zuckt und sich zersetzt,
+Die Lampe einen Fleck rot auf das Frühlicht ätzt;
+Und wo der Geist, vom Zwang des Körpers deprimiert,
+Den Kampf der Lampe und des Dämmerlichts kopiert.
+Wie Brisen im Gesicht die Tränen schwinden lassen,
+So fröstelt es im Raum von Dingen die verblassen.
+Schreibmüde ist der Mann und liebesmatt die Frau.
+
+Von Häusern hier und da steigt schmaler Rauch ins Grau.
+Die Sklavinnen der Lust, bleifahl das Augenlid,
+Mund offen, schlafen nun, und sind im Schlaf stupid.
+Die Bettlerin schleppt hin der Brüste Magerkeit,
+Haucht auf die kalte Hand und haucht aufs Feuerscheit.
+Das ist die Stunde wo, zerfroren, ungehegt,
+Der Wöchnerinnen Qual sich zu verschlimmern pflegt.
+Als würde ein Geschluchz durch Blutsturz abgeschnitten,
+Zerreißt jetzt Hahnenschrei das Nebelmeer inmitten.
+Ein Schleierwogen wird die Bautenpracht umspülen.
+Doch Sterbenden entflieht, tief in den Nachtasylen,
+Der letzte Röchelhauch, verkrächzt und abgehackt.
+Ein Wüstling geht nach Haus, von seinem Tun zerplackt.
+
+Das Morgenrot steigt auf, in rosa-grünem Flor,
+Steigt aus dem leeren Strom, frostzitternd, still, empor,
+Und düster greift Paris, noch halb im Traumeskreis,
+Zu seinem Handwerkszeug, ein arbeitsamer Greis.
+
+
+
+
+Besessen
+
+
+
+
+(Nach Baudelaire)
+
+
+Die Sonne ist umflort. Manon, mach es wie sie
+Und mummele dich ganz ins Fell der Apathie.
+Schlaf oder rauche viel; bleib still in Qualverbrämung
+Und tauche auf den Grund der tiefsten Willenslähmung.
+Ich lieb dich wie du bist. Doch: sollte es dir passen,
+Die Finsternis, mein Stern, heut Abend zu verlassen,
+Und aufzuleuchten da, wo bunte Tollheit lacht,
+Das wäre hübsch, Manon. Wir bummeln heute Nacht! --
+Entzünde deinen Blick am Strahl von tausend Lichtern!
+Entzünde die Begier auf schweinischen Gesichtern!
+Du ganz bist meine Lust, ob strotzend, ob morbide;
+Sei was du immer willst: Zerrüttung oder Friede,
+Sei Licht, sei Dunkelheit --; laß mir nur eins gelingen:
+Mich, Satan-Göttin, DIR als Opfer darzubringen.
+
+
+
+
+Abneigung
+
+
+Ich presse zu Linien die lästigen Bäche
+Und denk' die ent-ölten in ebenen Plan;
+Ich hasse den Raum, ich vergöttre die Fläche,
+Die Fläche ist heilig, der Raum ist profan.
+
+Ich werde mich listig der Plastik entwinden
+Und laß euch gebläht im gedunsenen Raum.
+Ich denke die lieblichsten Schatten zu finden
+Im gefälligen Teppich, im flächigen Traum.
+
+
+
+
+Xenien
+
+
+Was wir waren,
+Dürfen wir nie erfahren.
+Wie freundlich ist die Lehre:
+Quiëta non movere.
+
+Nie rühre den Brei der Erlebnisse
+Ins Bewußtsein wieder hinauf;
+Die saure Tinktur der Ergebnisse
+Fräß' den Verstand dir auf.
+
+(Goethisch)
+Daß sich aus den Traumgestalten
+Fliegend weiße Schatten lösen,
+Mag sich wunderbar verhalten,
+Wie im Guten so im Bösen.
+
+Der Spötter zielt auf mich
+Und kriegt den selben Stich;
+Denn jeden Spottes Scheibe
+Trägt jeder selbst am Leibe.
+
+Wir sind ins Leben eingeengt
+Wie in ein platzendes Kleid,
+Aus dem heraus uns zu sich drängt
+Jenseitigkeit.
+
+Warum Jean-Jacques, der große Pädagog,
+Die eignen Kinder nicht erzog?:
+Wär' er bei seiner Brut geblieben,
+Nie hätte er sein Werk geschrieben.
+
+Das Leben: eine blague aus Schleim und Eiter.
+Das Buch besteht und hilft euch weiter.
+
+Nie gelingt ein Dasein richtig;
+Nur der Dicht-Extrakt bleibt wichtig.
+
+Will einer sich an Meinung binden,
+So wird er immer gebunden sein;
+Er wird sich immer schlecht befinden,
+Denn er wird als schlecht befunden sein.
+
+Ihr Leute, seht euch den Zauberer an,
+Der sich aus nichts etwas machen kann!
+
+Der Dinge Gutes: Verlaßbarkeit.
+Frei -- das heißt doch wohl: befreit.
+
+
+
+
+
+Wintergarten
+
+
+Mit Revolverschüssen, Korsettgekrach und Schädelspalten, mit dem Feixen
+irrer Clowns und dem größenwahnsinnigen Rasseln eines Dutzends Motorräder,
+die, auf der steilschrägen Innenfläche einer Holzschwellen-Kreisbahn, um
+die Wette wirbeln, ist uns eine Viertelstunde Nervenruhe nicht zu teuer
+erkauft. Hei -- unsere fröhliche, zerkrampfte Hetzjagd nach der Ruhe, nach
+der hehren, hochheiligen Stille, da wir den Willen abdanken (den
+verständigen, blöden!), da die Ängste schlafen gehen und die Begierden all,
+eingelullt, ihre schlanken, sehr biegsamen Katzenrücken niederstrecken zu
+blinzelnder Apathie! Dann stiehlt sich von fernher, aus der nebligen Nacht
+am See, ein ganz matter Lichtstrahl auf die dunkle Weide unseres Traums,
+ein gelber, feuchter, verschwommener Lichtstrahl, den die dürstende Lunge
+einsaugt als ein unendlich Kühlendes, Tröstliches und Kindliches. Über den
+See braust, von Westen, der Sturm; in jedem Gertenast der Weiden wacht,
+gepeitscht und peitschend, eine uralte Zärtlichkeit auf; und wir -- Pola,
+meine Schwester: du und ich -- sind starr geneigt gegen den Weststurm,
+bieten ihm, mit dem gellenden Schrei der Erlösung, die Brust dar. Dein
+Haar, eine Seelenflut, jauchzt schwarzwellig in Lüften, dein Antlitz,
+wachsam und glücklich, springt vor zum gespannten Profil, aus Zisternen
+herrschen nächtig deine Augen --, und wir trotzen, herrisch, majestätisch,
+in tief-ewiger Ruhe, dieser Empörung, dem Chaos, daraus wir entsprungen
+sind auf langer, todesschmerzlicher Reise, und das wir lieben mit schmaler,
+gepreßter, unabänderlicher Anbetung . . . Die Rebellion wollen wir: denn
+sie ist unsere Ruhe; die Erregung um jeden Preis wollen wir: denn sie ist
+unsere Heilung. Willkommen: ihr Sturmgeheul und Orgelgedröhn, ihr Schauer
+in den Katakomben der Zerrüttung, Revolverschüsse, Feuersbrünste des
+Atropins und ihr disziplinierten Verwirrungen Cancan tanzender Dessous!
+Notre Dame und Folies Bergère -- ihr Sanatorien der Gipfel! Ihr
+transzendentalen Räusche! Ihr Kultstätten, da eine harte Inbrunst
+raffiniert geworden ist und sich präzisiert hat in unerbittlich
+triumphierenden Formen! Das in mittelalterlicher Zähigkeit gehäkelte
+Spitzenwerk gotischer Domtürme und das freche Eisengerippe des Eiffelturms
+-- schießen sie nicht mit der gleichen nachtwandlerischen Mathematik in den
+Äther? Randleisten aber dieses Bildes, zeichnen schwarze Fabrikschlöte die
+schamlosen Linien des Satans und Seurats gegen den fahlen Horizont. In
+geeinter Lust dürfen wir all das genießen. Denn brüsk und beseligend, wird
+das Brüllen der Glocken, das Schmettern der Carmagnole und die rhythmische
+Barbarei der Dampfhämmer übertönt von der einen, harmonisierenden,
+idiotischen Melodie: Tarara -- bumdiäh! Das Variété, ein Narkotikum, bringt
+die Versöhnung . . .
+
+
+
+
+Franz Blei
+
+
+Daß plötzlich ein gelber Herr aus dem achtzehnten Jahrhundert (den linken
+Lackschuh schleppt er ein bißchen nach; und wenn er wollte, könnte er den
+devoten Körper sehr leicht zu Korkzieher-Spiralen ringeln) in einen Kreis
+Entwurzelter eintritt, dunkel lächelnd »Guten Abend« bietet und allsogleich
+beginnt, durch viel Ordnung und Anordnung allerlei Seelchen nachdrücklich
+zu verwirren --: das hat allen Schein und Anspruch so sehr gegen sich, daß
+ich kaum jemanden bitten mag, zu genehmigen, es sei geschehen irgendwann.
+Ich selbst habe es gesehen; aber ich glaube es nicht und wünsche, alles
+geträumt zu haben. Erleben sagt wenig für den Erlebenden, und alles nur für
+das Erlebnis; der Träumende aber darf sich fast so hoch schätzen wie seinen
+Traum . . .
+
+Der Doktor Blei entwindet sich der Finsternis und ist, von der Taille
+abwärts, hinter einem niedrigen Säulen-Oktogon schnell so sicher
+verschanzt, daß nunmehr eine Büste im Frack, aus bösem Stamme erwachsen,
+vor einer schwarzen Leere schwebt und wirbt. In der Geste Eines, der dem
+großen Brummel Diener und Vertrauter war. Eines, der das rührende
+Evangelium des Dandysmus in pflichtschuldiger Pedanterie ein bißchen
+forciert. Da dieser Getreue den entschwundenen Vorbildlichkeiten seines
+Herrn melancholisch nachgrübelt, drängt sich ihm dermaßen die
+Unzulänglichkeit aller Späteren auf, daß aus dem dünnen, blassen Kreis
+seines Mundes ganz zerbrechliche O -- O -- O!'s in die Luft puffen, kleine,
+mokant schillernde Seifenblasen, die nach kurzer Bahn zerplatzen und einen
+süßlich-irritierenden Hauch hergeben. Und nun ist keiner mehr überrascht,
+hinter dem grauen Dandy, auf dessen hoher Stirn die gravitätische Heraldik
+sechs paralleler Wellenlinien eingefurcht war, einen gelben Höfling aus
+»Kabale und Liebe« wiederzuerkennen, hurtig dann auch den Doktor Coppelius,
+hinter riesigen Brillenscheiben versteckt, und endlich Mephisto selbst,
+der, wiederum lächelnd, die Maske des die Sinnlichkeit protegierenden
+Privatdozenten ablegt und, ein arbeitsamer Systematiker, mit seinen
+moralischen Anekdoten aus besserer Zeit einer sublimen Selbstgefälligkeit
+fröhnt. Er respektiert die Moral und distanziert sie. Darauf wird die
+Beschränktheit der Gottlosen geduckt. Diesem Doktor ist es nicht um die
+Rationalisten zu tun. Er endet -- die Wachsmaske eines allzu durchwühlten
+Goethekopfes -- als gemessener, orphisch tönender Fatalist. Aus der
+Puderwolke starrt tief-tröstlich und korrekt ein Totenschädel.
+
+
+
+
+Hebbels letzte Stunde
+
+
+In dem hohen, altertümlichen Büchersaale stand der Examinator vor seinem
+Schüler, der, in mittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser Zögling
+trug ein Gewand von schwarzem Sammet. Nach Schillers Werken mochte sich der
+Examinator heute nicht erkundigen. Mürrisch zog er ein paar Bände aus der
+Bibliothek hervor: sie war wenig geordnet. Neben Maria Stuart preßte sich
+Casanova. Nein! Doch da schimmerten schilfig Hebbels Tagebücher, und der
+Examinator fragte: »Wo stehen die Sätze reiner, lichter Prosa über Hebbels
+letzte Stunde?« Der Examinand hatte die Antwort parat; behaglich-amtlich
+nannte er Band und pagina. Und um nähere Auskunft ersucht, gab er
+Einzelheiten:
+
+»An einem Sommernachmittag hatte das alternde junge Mädchen heimreisen
+müssen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das Haus lag noch in seinem
+Garten da, in Liebe und Ruhe. Vormittags war die Luft heiß gewesen, und der
+Garten hatte viel Sonne getrunken. Es wuchs darin eine einzige Art von
+Pflanzen: Sträucher mit flachen Riesenblättern, die waren wie die Blätter
+der Wasserrosen. Jetzt war es grau und schwül geworden, nur linder in den
+steinernen Gängen des Hauses. Nun trat auch Christian Friedrich H. Hebbel
+in den Steingang (vielleicht war die Türglocke erklungen) und legte seinen
+Reisesack an der Haustür nieder. Er warf einen Blick in die grüne Wirrnis
+draußen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Blätter leuchteten noch von
+dem Licht das sie eingefangen hatten, einige matt, andere hielten dicke
+Glühballen Leuchtens umwachsen. Da ließ sich Hebbel nieder zum Gebet: »Ich
+danke dir für diese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!« Aus dem
+grauen Garten kam Kühle. Wollte ein gelber Blitz es tun? Hebbel empfand
+keine Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war (und der von allem
+viel später erfuhr) dachte leise an ein bißchen Angst. Drei Tage lang ging
+Friedrich Hebbel in den grünen Gängen umher. Er erlebte seine letzte Stunde
+-- Stunden gläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel und Esther in
+diesem Haus, ohne um einander zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges
+lag ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letzten Stunde. Obgleich
+es offen stand, hat Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie
+betreten. Esther dagegen scheint in diesem Zimmer gewesen zu sein: von
+einer Frau verspürte es weniger Dérangement. Die Früchte die im Zimmer
+waren hat auch Esther nicht berührt.
+
+Dann verließen beide das Haus, in dem sie neben einander gebetet hatten.
+Die Umstände wie sie später zusammentrafen sind fraglich geblieben. Sicher
+ist nur das eine: daß die fremde Dame, die in rotgeblümtem Kleide erschien,
+mit Frau Christine Hebbel auf eine passende Art bekannt gemacht wurde. Die
+Fremde sah sich mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage erforderte
+. . . Hebbel, sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte die Sätze über
+seine letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich schließlich auf seiner
+Netzhaut. Dort glaubte er sie sicher --: allzu sicher. Denn als man sie
+nach seinem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt und wiesen die
+Unklarheiten auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebücher
+wiedergegeben sind. Übrigens stand Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner
+linken Netzhaut und das Esthers auf der rechten. Er selbst soll noch
+geäußert haben, dies sei ein Beweis für die unbeteiligte Seherkraft des
+Dichters. Das ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration des:
+»media vita in morte sumus«. Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach
+seiner letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen -- einem Fluche
+gegen jene die in der Gartenhausaffäre irgendwie Leid, Pathetik oder
+aufdringliche Stilistik finden würden.«
+
+Der Examinator mußte diese Antwort in vollem Umfange gelten lassen. Und
+längst sitzt der Zögling auf einem Lehrstuhl für visionäre
+Literaturgeschichte.
+
+
+
+
+Münchner Notizen
+
+
+
+
+I: Absage an ein Café
+
+
+In München zu leben, erscheint mir verächtlicher, als die meisten anderen
+Todesarten. Es ist der Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. Diese
+Damen und Herren möchten sich dem Amerikanismus versagen und erreichen
+nicht einmal zum Kloster das asketische Pathos. Nun bilden sie, im Café,
+ein andächtiges Publikum der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta bei
+offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit von Geheimnissen, die keine sind,
+formt, auf zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, gequältes
+Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit der Angelus-Stunde plärren Castraten
+ihr Coffeïn-Lallen. Wie anmaßend sie sind, und wie unkeusch -- die Knaben!
+In der Ecke aber zersetzt sich eine Portion käsiger Quallen: die hungrigen
+Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr avanciert. Die glotzen auf die heiße
+Kalkwand, jenseits der Straße, und erträumen den Mäcen, der sich von ihnen,
+in Monte Carlo, verführen lassen wird. O: liebe, liebe Münchner Nuance der
+psychologischen Hochstapelei; bibliophile Rastas; süße, schmierige Insassen
+der ewig selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, notwendige,
+registrierte, acclamierte Dämonen --: möge ein Ekel, den ihr erregt und
+nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. (Hymne der Abschüttelung.)
+
+
+
+II: Glück der Betrachtung
+
+
+Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem Bar royal. Wenn, in
+ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein,
+Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der
+Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten
+und der späte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes
+Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich
+sammle Dinge, von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe Frauen, schlanke,
+entravierte Säulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten großer
+und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker fallenden Federn sind
+aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich
+zerfließende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du siècle, des Herrn
+von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den Nachthimmel
+wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Sünde: stolz erhobene
+Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind.
+
+Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich
+ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre
+Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken läßt, desto
+unwiderstehlicher fühlt sie die holde Schmach, von einem häßlichen Manne
+bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten der unregelmäßigen
+Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar,
+Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . Doch wie kühl der
+Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht,
+den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf
+dem Divan, nicht am Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche
+acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient hätte, zu denen die Wege
+nicht verschlungen und voller Angst gewesen wären. Und noch das Glück, mein
+Glück dürfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor
+den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern --: eine Minute irren
+Vergessens, eine Minute Spleen:
+
+ Der Fülle des Gegebenen
+ Entwächst das Schmale, Zarte;
+ Die Betten sind die Ebenen
+ Für Smarte und Aparte . . .
+
+
+-- -- --
+
+Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist
+gefährdet, und bald wird das Licht hereinbrechen -- das Licht mit seinen
+überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und
+Indiskretionen. Noch schimmern die Façaden zurückhaltender Paläste im
+Gespenster-Grün des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die
+florentinischen Kulissen der L . . . straße in brüsk begrenzten Schatten,
+durch welche Verschwörer schleichen müßten, Satanskinder und lungenkranke
+Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession
+mondsüchtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie
+leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig
+ist, asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der Tag: der Feind. Im
+Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. O,
+die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthält diese Avenue. Die
+Brunnen schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: eine
+unversöhnliche Spur frisch verströmten Blutes. Plötzlich erlöschen alle
+Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und
+Gärten. Die Erde giebt einen putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des
+Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli
+mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schläft
+noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt von der Theatiner-Kuppel, und seit
+Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne.
+
+
+
+
+Das moralische Variété
+
+
+In Marseille, dieser gefährlichen Stadt, die fast schon Afrika ist, und auf
+deren Straßen die Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen das
+Repertoire europäischer Sinnlichkeit um eine wilde Irritation bereichert,
+in dieser Stadt, zerwühlt von Sonnenglut, Verbrechen, Vergangenheit,
+gehörten meine Abende dem café-concert, dem Variété. Man geht spät hin, die
+Vorstellung wird lange dauern, über Mittemacht hinaus. Der weite, staubige,
+sachliche Saal des >Palais de Cristal<, an der Allée de Meilhan, ward rasch
+meine Heimat. Denn dieses Publikum kannte ich aus gelben Bänden des Herrn
+Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit besorgter Autoren --:
+Reedersöhne, den steifen Hut im Nacken, abgehärtet durch Meerfahrten und
+von erfahrenen Frauenhänden wieder verweichlicht; Bürgerfamilien,
+aufmerksam und mürrisch; junge Arbeiterinnen, ohne Hut, schwarze
+Schlangenhaare zerweht im Gesicht und das saugende Kind an der Brust;
+achtzehnjährige Proletarier, die Fingerspitzen gelb vom Cigarettenrollen,
+eigensinnig und schon verwöhnt durch äußerste Bereitwilligkeiten
+parfümierter Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte in der Tasche und
+reifende Apachen-Ideale im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng in ihre
+Röcke gepreßt, mit den Ledertaschen schlenkernd, lässig und frech und
+beabsichtigt, und, voll Einverständnis mit jeder staatlichen,
+gesellschaftlichen, kapitalistischen Ordnung, die Couloirs zwischen Parkett
+und Logen durchschlendernd, Ware und Verkäuferin durch Personalunion
+kombiniert; Polizisten mit übertrieben stechenden Seitenblicken; ouvreuses,
+die sitzenden Damen Fußbänke unter Stöckelschuh und Seidenbein stellen und
+dann dem Kavalier eine Hand hinhalten; Bengels mit chronischer Heiserkeit
+und deshalb Ausrufer von Orangen, Pistazien und frischen Feigen,
+bläulichen, noch mit vielen Blättern; Neger, blinkend, grinsend, wissend;
+viel kleines Volk, das am Tage Schnecken verkauft hat und Austern und
+Muscheln und mancherlei schleimige, gallertartige, quallige
+>Meeresfrüchte<; Pfandleiherinnen, die noch aus Balzac stammen, und
+Zollbeamte von Dumas père; und all die Matrosen, rote Troddeln auf blauen
+Mützen, solide Gesäße flott auf die Brüstung des Parketts geschwungen,
+baumelnde Beine und Kennergesichter, die den Effekt: >Weltmann< unter
+elementarer Gleichgültigkeit verheimlichen. Doch, damit rechnen sie schon,
+der vollkommenste Genuß wird sich ihnen aufdrängen, die Kokotten >fliegen<
+auf sie, Begeisterung ist Hingebung, und so requirieren gerade die tumben
+Rekruten, die verträumten Schiffsjungen in libidinösen Boudoirs viel
+unbedenkliche, unvorhergesehene, unbezahlte Wonnen . . .
+
+Vom Balkon des ersten Ranges betrachte ich diese unruhige Zuhörerschaft.
+Seitlich erweitert sich der Saal zu einem riesigen Café, und weil dessen
+Wände ganz aus Spiegeln bestehen, so entdeckt man eine unerhörte Folge
+belebter Räume, durchsucht von milchigem Bogenlicht und verhängt mit den
+zitternden Schleiern des Cigarettenrauchs, wie mit Fetzen eines sehr feinen
+Nebels. Zur Linken der Eingangstür, an der promenade circulaire, diesem
+Karussel von Gier und Verheißung, steht ein Likör-Buffet, und dessen
+Inschrift lautet nicht: >Bar Thérèse<, sondern: >Thérèse's Bar<. Das ist
+der verräterische Apostroph, der die Bedrohung der >Revue des deux mondes<
+anzeigt . . .
+
+Inmitten der wüsten Bühne steht ein junges Mädchen, schmal, gehetzt,
+dürftig, trotzig. Es singt, vor Inbrunst plärrend, ein Lied, das ein
+erotisches und revolutionäres Lied ist. Auf den Festungswällen von Paris,
+auf den >fortifes<, ist Flora aufgewachsen wie eine wilde Blume. Und kaum
+verstand sie zu lieben, da gab sie sich Einem, der gefährlich war, und der
+hieß: >Le grand Frisé<. Dem verdiente sie Geld mit ihrem Leibe; und sie ist
+tüchtig um ihrer Liebe willen:
+
+ Maint'nant j'ai du coeur comm' pas une,
+ Quand il s'agit de s'occuper.
+
+
+ER schlägt, zerbläut, er zerstört sie ganz: »mais que voulez-vous, moi
+j'aim' ça.« Und dann:
+
+ Quand j'danse avec le grand Frisé,
+ Il a un' façon d'm'enlacer;
+ J'en perds la tête,
+ J'suis comme un' bête.
+ Y a pas! je suis sa chose à lui,
+ J' l'ai dans l'sang, quoi! c'est mon chéri,
+ Car moi je l'aime, je l'aim' mon grand Frisé.
+
+
+Krächzend stößt sie diese Ekstase, diese Opferung heraus. Und irrer,
+hemmungsloser schwillt die böse Litanei empor, bis hin zu triumphierender
+Vezweiflung:
+
+ Tout c'qui m'rest' maintenant
+ C'est toi mon homme!
+
+
+Darauf, schrill, ein Pfiff: das Zeichen des Berufs, der Verrufenheit
+. . . Wie es diese Solidaritätserklärung, dieses Kameradschaftsliedchen
+(von der andern Menschheitsseite), dieses romantische und moralische
+Couplet sang, da verklärte sich das schmale junge Mädchen innigst. Und das
+Liedchen -- das bedeutete die späte Erfüllung jenes frommen Gebets, das, im
+Jahre Siebzehnhundertundneunzig, ein venetianisches >Dirnchen< dem
+Kunstreisenden Goethe hingeträllert hatte.
+
+>Notre Dame de la tune<: die nächste Chanson. Une tune -- das ist ein
+Fünffrankenstück. Wieder sind wir jenseits der Konvention; denn diese
+Sympathie mit der Straßendirne ist nicht bürgerlich, ist nicht lüstern,
+sondern romantisch, schwärmerisch, christlich. Ein der eigenen Sicherheit
+müdes Publikum schlürft hier die Lyrik, die Moral, den Ehrenkodex der
+>Feinde<, der Helden des Aristide Bruant, jener unbestimmten, aufgelösten,
+hin- und hergeworfenen Schicht, die die Franzosen >la Bohème< nennen und
+deren Bestandteile Karl Marx aufgezählt hat in seiner Schrift: >Der
+achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte<: neben zerrütteten Roués mit
+zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben
+verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden,
+entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene
+Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler,
+Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher,
+Dirnen, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler. Das war
+das Inventar von 1848. Heute wäre das Wort >Apachen< beizufügen, in dessen
+Nimbus nicht nur die Variétés, sondern auch alle Journale verliebt sind. In
+der Tat, lieber wollen die Franzosen nach wie vor ermordet werden, als auf
+die Anbetung ihrer Mörder verzichten. Frankreich kokettiert mit denen, die
+es sabotieren; neidisch schielt es nach der neuen Sittlichkeit, die
+erwächst, sobald alle Grenzen überschritten sind, nach der Disziplin der
+Entordneten, nach ihrer leidenschaftlichen Moral -- welcher das
+café-concert Hymnen dichtet in unermüdlichen Variationen.
+
+. . . Doch brüsk wenden sich alle dem Eingang zu, durch den, schwitzend,
+keuchend, eine Rotte Männer eindringt, beladen mit Ballen von Zeitungen.
+Denn es ist Mitternacht, und vor einer Viertelstunde hat der Rapidzug der
+Linie P.-L.-M. die Pariser Morgenblätter auf dem Bahnhof abgeliefert. Man
+reißt sie den Camelots unter den Armen weg. Der Saal wird zu einem Ozean
+aus schäumendem Papier, er brandet nervös gegen die Logen. In Paris hat
+Clémenceaus Florett das Ministerium erstochen, nie ging es auf dem
+politischen Theater boshafter, entschlossener, geistiger zu, und das ist
+eine Sache, die jeden berührt. In diesem Lande, das ein Schauplatz ist
+ertrotzter, gepfefferter, gesalzener Laufbahnen, braucht niemand seinen
+Berechnungen und Anspannungen Einhalt zu gebieten. Ministerkrisen erregen,
+berauschen, ermutigen -- und deshalb wirbt die Sängerin, deren schilfgrüner
+Arm das Weltall zerteilt, unerhört um Teilnahme für ihre idyllische >ronde
+du soir<.
+
+Erst die nächste Darbietung: eine Pantomime, setzt sich durch. Monsieur
+Adams, der ein großer Künstler ist, hat sie erdacht, und er selbst spielt
+den Pierrot, einen wunderschönen, pessimistischen, sehr gequälten Pierrot,
+wie auf den Bildern des Watteau der >butte<: des Adolphe Willette. Pierrot
+hat eine himmlische Seele in irdischem Körper, Colombinens Leib ist
+himmlisch, und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese banale Antithese wird
+in der Darstellung des Monsieur Adams zur Menschheitstragödie. Wie dieses
+mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene Wangen der Mondschein
+pudert, und dessen Lippen tollkirschenfarben erglühen, auf das Ersehnte
+starrt, auf das Notwendige, nie doch Erraffte, nie Verstandene, nie
+Verstehende, auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, bangt,
+zergeht, ausbricht in Haß, Verachtung, Wahnsinn, Todeseinsamkeit -- das
+konzentrierte alle Erkenntnis von der Inkommensurabilität der Geschlechter,
+das wiederholte und überholte alle Beweise des Mittelalters: mulieres
+homines non esse, und das war eine hübsche, klare Randglosse zu jener
+fundamentalen Ironie eines Gottes, der auf einander anwies Mann und Frau,
+die in ihren besten Momenten wissen, daß sie nichts von einander wissen
+können. In dieser Pantomime waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten
+Ende sein Satz: »Als ich in diesen Tagen in der Zeitung las, in einer
+Fabrik seien zwölf Frauen lebendig verbrannt, erfaßte mich eine grimmige
+Freude: »Zwölf Stück? Gut!« Aber der Ritter Des Grieux und all seine
+radikale Anständigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, vieler Symptome
+Typisches wurde in ein grelles Plakat eingefangen, dessen fanatische
+Geistigkeit noch den Feinsten beschäftigen könnte, als wäre er bei sich zu
+Hause. So wirkte eine Harlekinsposse klärend, scheidend, ordnend, logisch
+--: moralisch. Moral ist männlich und ist Ordnung; sie geht, glücklichster
+Weise, die Frau nichts an, welche das Chaos ist und die Wildheit.
+
+Aber die kleinen Spezialitäten der Moralität, wie sie einem Apachenmädel
+sich bilden und einem ungeschickten Liebhaber, münden in den ewigen Strom.
+Monsieur Delmas tritt auf, von den >Ambassadeurs< in Paris, ein fast zu
+großer Herr, voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten
+romantischer Seitentäler, der gibt einfach, schlicht und groß, die
+Ritterlichkeit, die Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von aller Gier,
+dieser so lächerlich und bedenklich verherrlichten Lust, ruft er zurück zur
+Entsagung: »Ne profanez pas la chair des femmes.« Das hören die Leute voll
+Ehrfurcht an. Sie begreifen rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres
+Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden innerer Anordnung geneigt
+und gewinnen plötzlich den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie waren. An
+diese Misere, da nun der Boden präpariert ist, darf sich Monsieur Delmas
+heranwagen mit Tröstungen, Aussichten, Vorstellungen, die das Variété zur
+Kathedrale machen. Allen, die da mühselig und beladen sind, beschwört er
+die Golgatha-Vision -- là-haut, là-haut! -- und allen: Arbeitern, Matrosen,
+Beamten, Huren und Statthaltern, verheißt sein Lied, nach dem
+Kalvarienberge ihres Alltags, das reine Sonntagskleid der Erlösung . . . Da
+mußte ich der Brettlsängerin Nine Pinson gedenken, wie sie, in der >Gaîté
+Montparnasse< zu Paris, >la divine chanson< gegeben hatte, einem wilden
+Parkett syndikalistischer Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt hatte,
+diese frohe Botschaft schönerer Zukunft, mit vorgebreiteten Händen, mit
+preisgegebener Seele, voll schwestersüßer Gnaden: sie, eine Verzehrte,
+Verzerrte aus der Gegend des Toulouse-Lautrec . . .
+
+Gewiß: das café-concert enthält ebenso schärfste Opposition gegen das
+Christentum und zumal gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition
+Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts beweist, als daß sich alle
+Lager der Wirkungsmöglichkeiten dieser Arenen bewußt sind. Und gewiß: die
+Obszönität wird, vielerorts, auf scharfe Spitzen getrieben. Aber gerät sie
+nicht eben dadurch in einen fahlen Schein von Größe, von Mut, von
+Verantwortung? Wer so bleckend, so schleckend seine Raffinements bekennt,
+hat vom Trotze des Bösen und bietet seine schlimmen Fieber ganz der
+Vergeltung preis. Auf den Podien östlicherer Länder serviert man die
+Anstandsverletzungen in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb auch des
+Zusammenbruchs und des moralischen Arrangements nicht fähig. Nur
+unanständig ist da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch und
+dumm.
+
+Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts erreichen will. In
+Frankreich will Geistigkeit wirksam sein und läßt sich keine Szene
+entgehen. Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais >Mariage de
+Figaro<, sagte Napoléon, war schon die ganze Revolution. Heute gibt es
+parteipolitische Cinéma-Films. Im Grunde ist jede Tingeltangelvorstellung
+ein propagandistisches Meeting. Dicht neben der >Gaîté Montparnasse<, die
+sozialistisch ist, steht >Bobino<, und diese Perle von music-hall ist
+nationalistisch. In einer Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren,
+entwickelte ein Künstler, der elegant war und welkende Veilchen im
+Knopfloch trug, als heiße er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das
+Programm der >Guerre sociale<. Auf Wirkung verzichten: das wäre ja Tod.
+Deshalb sind unter den Themen des café-concert diese: Politik und Religion
+und Moral: welch letzte ihren Erregungen längst alle Reize des
+Oppositionellen beigefügt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, so
+langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage.
+
+
+
+
+Der Gedanken-Strich
+
+
+
+
+Eine Novelle
+
+
+Um dieses weiß man wohl: wenn erwünschter Halbschlaf, eine in Tiefen, wie
+durch Mokka angeregte Betäubung, mit einem Ruck, brüsk, der Bewußtheit
+näher-springt? wenn wir höher, dem Lichten zu leider geschnellt werden?
+Lind immer noch ist das Bett und das Gelöstsein; doch den Verantwortungen
+sind wir weniger entfernt, das entsetzt uns leise, denn wir fühlen, daß wir
+in jene imaginären Couloirs (o: die comfortabelsten!) nicht zurückschlüpfen
+können. Jener Luxus gab sich ohne Befehl, ohne Bezahlung. Der ist verloren.
+Noch sind wir unterhalb des Erwachens --: selbst dieses Äußerste steht
+bevor. Ein Gedanke, allzu besorgt, nicht zu verabschiedend, hat diese
+Ent-Täuschung, Ent-Zückung, diesen désenchantement verschuldet.
+
+Dann erwachte ich. Weit geöffnet das Fenster, jenseits einer Wildnis von
+Frauenkleidern. Von draußen drang wohl Mondlicht ein, crême und grün, und
+sanfte Ballen dieser Düfte: Myrrhen, die den Boulevardbäumen abends der
+Regen abgeschmeichelt hatte; eine erotische Art von Benzin, die gewisse
+Auto-Sorten treibt; all die Gemüse des atmenden Bodens; die naive Penetranz
+der Straße; innere Mysterien der Frauen; und die lautlosen
+Vorpostengefechte der Angst. Doch im Schlafzimmer gute Parfums beruhigten
+mich und die weißen Spiegel, zart-gelbe Kissen, viel verwöhnendes Kostbare,
+doch wie verboten und bezahlt aus Entschlossenheiten, die niemand
+anerkennen würde, auch Ihr, Entwurzelte, kaum . . . Holdest gespiegelt in
+dem englisch kreidigen Rahmen erblickte ich Mama.
+
+»Frühe Nacht, und Du erwachst schon, Liebling?« sagte sie.
+
+Nicht sofort ward alles kenntlich. Jeder Schlaf fälscht die Welt neu --
+oder (weniger lügnerisch:) mancher Schlaf summiert, mancher beseitigt das
+Ge-Wachte. Mama stand da, fast völlig angekleidet, aber so wenig wieder auf
+der Brust, und draußen würde es frisch sein, -- der lange Sammetmantel, der
+keinen Besatz hatte, noch über die Stuhllehne geschmiegt, so hinfällig, so
+bewußt dessen, was erreicht werden mußte. Mama tupfte die Quaste in die
+Puderdose, die silberne --, und Stift und Schminke mußten dies Antlitz
+verdächtigen: diese Bühne unendlicher Liebe.
+
+An diesem Punkte begriff ich meine Ermattung, das Deplazierte auch der
+Lyrismen. Ja, müde durfte ich --, _ich_ sein zu aller Zeit. Sie je schöner,
+ich gequälter . . . Doch das kannte ich ja, es hatte mir nichts an, ich
+wies es weg. Betriebsqualen. Kein Fieber entzöge mich der Pflicht noch, und
+der Erkenntnis von Sensationen aus dieser Haltung. Mit Kolportageschrecken
+hatten Bürger, Ärzte, Dramatiker, Parlamentarier etliche Provinzen
+gepflastert. Das lehnte ich ab.
+
+Erdbeerfarben blühten die Lippen von Mama. Ihr Blick glomm aus blauem Eise.
+Sie kam (ach) aus dem Winter, längst war Frühling. Ein Reh. Ich liebte sie
+unendlich.
+
+»Und Du versprichst mir --«, sagte ich.
+
+Sie, halb in der Tür: »-- daß ich nichts empfinden werde? Aber, Liebling,
+das weißt Du doch, ein für alle Mal.«
+
+Sie war schon weg. -- --
+
+Sollte ich ins Café gehen, mit einem Buche? Am Nachmittag war im Café de la
+Métempsychose eine helle Dame gewesen -- o: in den zarten Farben des späten
+Renoir. Sicherlich war sie würdig angebetet zu werden. Schon hatten meine
+Nerven in den großen Rausch jagen wollen; aber ich zügelte sie: ein
+erfahrener Bereiter. Kalt sei, wer das Chaos genießen will. Man präpariere
+jeglichen Taumel, wie die Compagnie Générale du Travail einen Streik. Die
+Hände dieser Dame besagten, daß sie die Tochter eines Eisenbahnkönigs sei.
+Sie mußte viele reizende und nachahmenswerte Irrtümer begangen haben. Und
+auf die Frage ob sie an Gott glaube würde sie geantwortet haben: »Das hängt
+davon ab, ob Gott an mich glaubt.« Vielleicht würde ich diese Milliardärin
+wiederfinden und ihr, aus anregender Entfernung, Hübsches in den Mund legen
+dürfen. -- --
+
+Ich ging nicht ins Café. Spät in dieser Nacht kam Mama zurück. Begleitet.
+
+»Liebling, ich habe Dir . . .«
+
+Ich ergänzte (denn soviel wußten meine Nerven vorher): -- »einen neuen
+Vater vorzustellen.«
+
+»Ja.«
+
+Wie war sie süß.
+
+Eine korrekte Verbeugung des Gehrocks da, fast schon eingesetzt in große
+Rechte. Wohl ein Beamter, ein Philosoph, ein Präger notwendiger Worte über
+Schmach und Nationalismus und traditionelle Tüchtigkeit.
+
+Was jetzt geschehen würde, mußte ja das Heiligste sein -: das, was ich
+_kannte und zurücknahm_, -- wiegleich ein Schöpfer seine Welt in sich
+_zurücksöge_. --
+
+. . . . Aber hier spaltet sich diese wahre Erzählung in zwei Geleise. Die
+abstoßendere Lesart läßt Schüsse fallen von irgendwo, Mama ist tot. Ein
+Drahtgerippe hat (in einem Rest von Höflichkeit) ihre Formen bewahrt und
+prononciert meine leer tastende Verzweiflung. Mama ist tot für den Gehrock
+und in den besten Beziehungen auch für mich, das war ja vorauszusehen. --
+
+Gegen dem über steht ein Idyll, als freundlichere, deutschere Fassung der
+Legende. Er ward mir der liebevollste Papa. Jeden Wunsch las er meiner Mama
+von den (längst nicht mehr geschminkten) Lippen ab. Gelegentlich neigte sie
+ihr Köpfchen schelmisch zu ihm und flüsterte süße Geheimnisse in sein immer
+selbes Ohr. Dann barg er die Errötende an seine feste Brust. Und
+expropriiert ward nach und nach meine Alleinherrschaft durch eine Schar
+zahlreicher, allerdings blutarmer Geschwister.
+
+
+
+
+Manon
+
+
+
+
+Fragmente eines konventionellen Detektivromans
+
+
+
+
+I Sitzendes Fräulein
+
+
+Sie saß . . . und wußte (weil es ja zu ihrer Kriegsrüstung gehörte), daß
+diese Tatsache: »_Manon sitzt_«, die Augen vieler feiner Herren zu
+triefenden Sternen machte.
+
+Sie wußte das so nebenbei.
+
+Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon ihnen zum erstenmal die Hand
+hingehalten hatte.
+
+Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, immer eine liebe Temperatur
+hatte und weitere, treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht
+stellte.
+
+Alle jene dont la chair était en volupté hatten kindlich diese
+artischockenrunde Hand genossen, und diese Uniformierung des Genusses, des
+Flirts und der Werbung war eine bemerkenswerte stilistische Eigenschaft der
+Manon.
+
+Das junge Mädchen war etwas zu üppig für achtzehn Jahre. In D . . . war es
+noch nicht aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr gelenkt. Dafür
+zügelte es Herren, chauffierte es Existenzen, die sich längst einen
+Stundenplan approbierter kleiner Empörungen zurechtgelegt hatten.
+
+Manon _entordnete_ diese Revolutionäre, deren einzige Bürgerpflicht
+geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller
+Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne zu tragen.
+
+Manons Geruch war der eines Rehs. Viele waren leise betäubt, wenn sie ihr
+nahe kamen. Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und nichts konnte
+süßer sein. Das Parfüm, in dem dieser Leib jung einherging, war leise
+würzig, von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei Generationen von den
+Selbstanzeigen der Kuhmagd entfernt.
+
+Man raffiniere die Bäuerin, und man wird eine lächelnde, boxende, duftende
+Manon erhalten.
+
+Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn sie _saß_, so konnte man sie
+_reifen sehen_, Ganz vorsichtig schwollen ihre Hüften, schob sich ihre
+Taille in die Breite. Manon war im Knospen.
+
+Ihrer Hand folgte ein zuverlässiges Stück unbedeckten Arms, bis zum
+Ellenbogen, wo es in den Tunnel des gesprenkelten Blusenärmels einfuhr. Um
+den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. Manons Haare, lieblich
+gewellt, spielten wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf diesem
+Köpfchen, ungern des Scheitels nicht immer sauberen Grenzgraben
+innehielten.
+
+In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu klein für ihre in prononcierter
+Haltung gelegentlich junonischen Formen. Hier waren die Proportionen der
+Venus aus dem Louvre in einen preußischen Vorort geraten, Doch berauschend
+schön entschloß sich, zwischen dem reizenden Schwalbenflug der Augenbrauen,
+der Nasenansatz, nach berechnetem Zögern, zum klassisch-reinen,
+artig-starken Vorsprung.
+
+In Ansehung ihrer Brust war Manon überzeugt: diese sei vor einem halben
+Jahr voller gewesen als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das nicht
+wirklich; sie äußerte es nur, damit ihrer Wohlhabenheit ein dokumentiertes
+Kompliment nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit hatte, den
+leichten Ausschlag, den sie vorne trug, rührend zu finden, Schema Backfisch
+und herzenswert.
+
+Wie sie nun _saß_ (mit jenem Lächeln der Brandstifterin), erfüllte diese
+Jungfrau, deren einziger Herr _Napoleon_ war, ein wichtiges Geschäft.
+
+Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den Abbé, der gefragt hatte wie oft
+sie zur Beichte gehe. Die Wahrheit war, daß Manons Herz allzu beschäftigt
+gewesen war, als daß sie auch nur im Beichtspiegel die Rubrik hätte
+aufsuchen mögen, in die sich ihre anmutig variierten Sünden einreihen
+ließen. Manon escamotierte geschickt des Onkels Besorgnis durch die
+Unschuld einer heuchlerischen Stadtbeschreibung: »La vie de D . . . diffère
+bien de celle de Paris . . .« Dieses Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die
+Strafarbeit in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt.
+
+Dann stürmte das Mädchen mit Dragonerbeinen ans Klavier.
+
+Die Valse brune im Kreise Teltow!
+
+Oh, la la.
+
+
+
+II Spuren im Schnee
+
+
+Man schrieb erst Anfang Dezember, aber es hatte schon mehrmals ergiebig
+geschneit. Der Villenvorort bei D . . . sehnte sich nach weißem Schlaf und
+schuldlosen Träumen. Dicht fielen die fetten Flocken in dieser Nacht und
+breiteten Kissen über die festeren Laken. Es ging gegen den Morgen. Die
+letzten Autos hatten ihre raschelnde und duftende Fracht in ephemere
+Hochzeitsbetten gekippt. Da und dort, aus dem ersten Stockwerk einer Villa,
+irrte noch rotes Licht in den Schnee. Selbst die spätesten kleinen
+Fußspuren, hingetippt nur von oft entdeckten und wieder verheimlichten
+Frauenbeinen, vergingen jedoch unter der milde verwischenden Watte. Der
+Schnee verrät alles und bereut jeden Verrat. Das deutet auf Geist, denn mit
+dem Triumph des Detektivs ist alles lustige Spiel zu Ende. Wenn in diesem
+reichlichen Gestöber jemand aus der Tür eines Fräuleins schliche: wie lange
+würden seine amerikanischen Schuhsohlen die Bequemlichkeit, auf der ein
+guter Ruf nistet, erschüttern? Immerhin müßte man die eingeschneiten Häuser
+junger Mädchen vielleicht _rückwärts gehend_ verlassen? Oder man zöge sich,
+gelegentlich, von den Dächern der Deflorierten im Monoplan zurück, was?
+
+Während solcher Entwürfe _Ostaps_, eines Jünglings, schlank und nicht
+gefallend, der bis 3 Uhr morgens gearbeitet hatte und in der leichten Kälte
+froh wurde, fielen die weißen Flocken dichter und dichter. In der Tat, es
+fehlte nicht viel, so hätten sie sich _wie ein Leichentuch über die
+schweigende Erde gelegt_. -- -- --
+
+(An dieser Stelle beglückwünscht sich der Autor: er hat das vollkommene
+Cliché erreicht. Er wünscht sehr abgegriffene Sätze zu schreiben, etwas
+verdrossen dahinzuleben, bis zu jener Generalinfektion, deren Erwartung
+allein allerdings seine himmelschreiende Langeweile im Voraus ein wenig
+verklärt. Ein Gesottener der Skepsis, giebt er sich das Recht zu nichts als
+zur Konvention, kaum die Freiheit zu einem Seufzer, und verdächtigt noch
+seine Krankheiten, als Nachahmungen ohne Wert.) --
+
+. . . Indessen fiel der Schnee dichter und dichter. Die Wolken hingen voll
+grauer Reize. Ostap überging eine Brücke. In der Tiefe fror der See.
+Birken, zitternd, flüchteten die Abhänge hinauf. Ein Schwan zerteilte, vor
+Kälte eilig, diese schwarze Nacht. Das Gaslicht, in hohen Lampen stampfend,
+betonte eine Finsternis, die moorbraun war, kostbar und imaginär. Die
+Alleen fröstelten auf eine distinguierte Art. An den Fensterreihen des
+Postamts verblühte Geranien leuchteten geringfügig. Ostap liebte zärtlicher
+der Ebereschen Büschel dunkelroter Beeren. Das Licht vor dem Feuerwehrhause
+aber, in Bonbonrosa gehalten, hätte besser in englische Sensationsprosa
+gepaßt, als in Ostaps, eines Vielspältigen von bizarrer Bildung,
+verdächtige Monologe. Die fast ganz aussichtslos gestreckten Äste eines
+schmutzigen Baumes, der sommers ein Kastanienbaum war, machten Ostap
+schutzbedürftig nach heißem schwarzem Kaffee. Er streifte hängende Zweige
+sehr bleichen Weidenlaubs, und da war um ihn die Seligkeit millionenfach
+zerstäubenden Puders, himmlisches Glitzern und aller Glanz der
+Weihnachtsnacht. Im Osten jedoch, über der Bundeshauptstadt, troff der
+Wolkenhang schlimm. So trübe glimmt Waschwasser, das von einem abgespannten
+Mädchen mit übermangansaurem Kali vermischt worden wäre.
+
+Und Ostap, jeden Schritts die blütenhelle Reinheit des jungen Schnees
+unerhört entjungfernd, nahm den Weg zu dem netten Hause, in dem Manon
+wohnte und die anderen. Er ging Wege, die er wußte. Kein Laut. Nur ein
+Rabe, aufgestört, krächzte und schüttelte sein Gefieder. Das sprühte. O,
+diese Winterfrühe, niemandem außer ihm so schimmernd aufgebaut mit
+gespensterweiß umhüllten Zäunen, war süß und war ein Geschenk! . . .
+
+Als Ostap das Gartentor öffnen wollte, erblickte er, von der Haustür
+ausgehend, die _frischen Fußspuren eines Kavaliers_.
+
+
+
+III Sachliche Angaben
+
+
+Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch,
+brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter wert
+war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz
+übliche Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit eingerückt, warf sich
+heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem
+jungen Schönling aus guter Familie, den praktische Rücksicht hinderte, bei
+der Manon über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen Höflichkeiten
+hinauszugehen. Für das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen
+entschädigte er sich an einer Routinière, bei der nichts zu befürchten war.
+Und weil Manon, stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes
+Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine
+Mädchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an
+Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch
+den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche hinausführten.
+Übrigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto,
+selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In jener boîte nun, gegenüber
+der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles Wichtige
+in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unauffälliger
+Signale, nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser als die
+Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewußtsein wirke.
+So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter
+gefährlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das
+verwöhnte Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mädchen, aber
+das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war
+freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für unerlaubt gehaltene, nicht
+schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter
+Physis in die Wohnung eines Garçons aus Uruguay lief, da war nicht einmal
+_das_ schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist
+der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.)
+
+In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins
+Elternhaus zurück und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch,
+daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer
+die Routinière engagierte, die dann, kaum war die Bürgerstochter fort, alle
+Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche
+Besuche der Manon jene die häufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als
+von ihr in Ruhe gelassen zu werden.
+
+Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde leicht ausgezeichnet,
+nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das
+Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen
+Tochter gehöre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach
+D . . . eingepackt.
+
+
+
+IV Olafs Glück und Ende
+
+
+Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein
+junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während des Diners
+bewarfen sich die beiden lächelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich
+hinkräuselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nächsten
+Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein.
+
+Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Tränen. Sie gab
+ihm viele Küsse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien
+kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden
+Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen
+Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte sich enorm, obgleich
+Manon ihn nicht zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. Immerhin
+unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die
+psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der Fall lag so:
+Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein
+Vergnügen bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust
+und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen
+Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat
+denn Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefühl,
+aus jenem rührenden Ordnungssinn der schon die dünnbeinigen Neunjährigen am
+Strande von Saint-Malo Sätze von Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte,
+weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern
+schien. Schade nur, daß man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung
+all zu leicht machte.
+
+Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit.
+Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die
+auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon
+erwog Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, daß ihr
+der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen
+gedauert.
+
+Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. Weinend legte er der
+Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: »Für Manon
+vom lieben Olaf.« Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft,
+sich auskleidend. Sie vergötterte Marzipan und schluckte dicke Bissen,
+nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte
+sich zur Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der
+leckeren Opfergabe.
+
+
+
+V Beisammensein
+
+
+Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das (mit hellen Eichenmöbeln)
+etwas zu einfach ausgestattet ist, als daß man es ganz behaglich nennen
+könnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen Balkon führend (den man
+durch eine Tür vom Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend,
+angefüllt zur Hälfte mit Mädchenkleidern, zur Hälfte mit Wäsche. In der
+hinteren Ecke links das Bett. An der Wand, besonders um das Bett herum,
+zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf Postkarten. In der rechten Ecke,
+dem Bett gegenüber, steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische
+Leselampe mit grünem Schirm ein gedämpftes Licht gibt. Am Tisch, in einem
+einfachen Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. Ihr Kopf, mit
+aufgelöstem schwarzem Haar, liegt auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie
+trägt einen weißen Peignoir. Draußen ist eine regnerische Spätherbstnacht.
+Man hört Bäume rauschen.
+
+Genau um 12 3/4 Uhr nachts öffnet sich leise die Tür, und OSTAP betritt das
+Zimmer. Dunkelblauer Straßenanzug. Er verriegelt die Tür und nähert sich
+der Manon mit sehr vorsichtigen Schritten. Er dreht die Leselampe ab und
+setzt sich dem jungen Mädchen gegenüber auf einen Stuhl; die Bühne ist
+dunkel; nur von der Straße her ein schwankendes Laternenlicht.
+
+MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich erstaunt um, reckt sich,
+lächelt): Das sind Sie.
+
+OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das Licht ausgelöscht, damit man
+vom Korridor aus nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf,
+dieser Blaustrumpf, der manchmal des Nachts spioniert. (Er lächelt . . .
+und leidet. Seine Stimme hat gezittert.)
+
+MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie herein und plaudert mit mir, und
+das mopst mich. (Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als ob es sie
+fröre, und ist verwirrt. Schweigen. Von der Straße Bruchstücke eines
+Gesprächs.)
+
+OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht.
+
+MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht wieder Licht und neigt den Schirm
+der Leselampe so, daß nur ein ganz schwacher Schein nach dem Vordergrunde
+und der Tür zu fällt.) Ah, von Gyp: »Napoléonette.« Das ist ein Titel
+expreß für mich. Danke; das ist sehr chic. (Sie sucht, um ihre Verlegenheit
+aufzulösen, ein heiteres Gesicht zu bilden.)
+
+OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm ich in meinem Zimmer ein Rascheln.
+Dann leichte Schritte, die . . . etwas Süßes entfernten. In den letzten
+Wochen habe ich den Wert dieser kleinen Geräusche kennen gelernt. Dieses
+ganze Haus ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden
+Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den entzückenden Berechnungen der
+Klopfsprache und mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige der Welt
+enthalten. Durch die untere Spalte meiner Zimmertür schob sich etwas
+weißes. Ich stürzte hin: »_Ich will wissen, warum Sie die Miene so traurig
+haben. Bringen Sie mir heute abend gegen Mitternacht 3/4 ein Buch_.« Den
+Zettel hatten Sie geschrieben, mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die
+macht, daß ich andere Handschriften überhaupt nicht mehr werde lesen
+wollen.
+
+MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine Jugend vor.
+
+OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich ohnmächtig gewesen? Kossinka
+war so besorgt.
+
+MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie belebt sich. Schwarz glühen
+aus ihrem Brandstifterinnengesicht, das etwas zu weich und zu voll ist, die
+Augen. Die Haare ringeln sich böse um ihren Hals: ondulierte Nattern im
+Nest. Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten Sie die Miene so
+traurig?
+
+OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig.
+
+MANON (mit leuchtenden Augen): Doch!
+
+OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . ein wenig. Aber das ist
+nicht wichtig. Es geht Sie nichts an. Übrigens würde es verdammt gegen Sie
+sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa erwiderten. Man liebt mich nicht
+. . . Lieben Sie mich?
+
+MANON (lächelt auf eine gnadenreiche Art und nickt).
+
+OSTAP: Nein! . . . Vraiment?
+
+MANON: Tres vraiment.
+
+OSTAP (mißtrauisch): Seit wann?
+
+MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich verliebt zu sein. Da amüsierte
+er mich nicht mehr so.
+
+OSTAP (zieht die Manon zu sich und küßt sie auf den Mund, was sich etwas
+verzögert dadurch, daß Manon zunächst ihre Wangen hinhält. Man hört auf dem
+Korridor leise Schritte, die vor Manons Tür innehalten. Es scheint jemand
+an der Tür zu lauschen.)
+
+MANON (totenblaß, flüstert): Das ist Olaf der . . .
+
+OSTAP (hält ihr den Mund zu, flüstert): Kein Wort mehr!
+
+MANON (mit unbewußter Anerkennung): Ah, er macht den Herrn!
+
+OSTAP: Sei ruhig! (Er dreht die Leselampe ab.)
+
+(Schweigen. Von der Tür her ein Scharren, ein Zögern, dann -- etwa -- ein
+Seufzen aus der Brust eines Studenten. Darauf schlürfende Hausschuhe,
+verhallend. Manon und Ostap halten den Atem an. Von der Straße die Huppe
+eines Autos, zerfließend. Regen gegen das Fenster.)
+
+MANON (flüsternd): Wenn jetzt mein Vater -- Er würde dich töten! Du siehst
+wie sehr ich dich liebe.
+
+OSTAP: War Olaf --
+
+MANON (empört): Niemals! Was willst du, er hat mich amüsiert. Zuletzt wurde
+er immer reizbarer, ich hatte die Idee, daß er etwas mit dir vermute.
+Übrigens würde ich niemals die völlige Geliebte jemandes sein können. Du
+verstehst: die ganze, vollkommene Geliebte.
+
+OSTAP: Vollkommen . . . Was würden wir tun, wenn jetzt Fräulein Füllfeder
+wieder einmal keine Ruhe hätte finden können? Schließlich ist sie deine
+Lehrerin, wenn sie auch Coopers »Lederstrumpf« zur Basis deines Unterrichts
+in der deutschen Salonsprache gemacht hat.
+
+MANON: Ich stelle mich schlafend.
+
+OSTAP: Sie rüttelt und ruft.
+
+MANON: »Ach, Fräulein Füllfeder, ich bin so müde!«
+
+OSTAP: »Machen Sie auf, Maninka; ich muß mit Ihnen plaudern!« Zärtlich
+. . ., vielleicht argwöhnisch. Ich wäre schon auf dem Balkon. Keine Spuren
+zurück? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen höre ich eure Plauderei,
+bewundere die Sicherheit deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang,
+das Skelett im Nebenzimmer würde schön quietschen, wenn ich durchzugehen
+versuchte. Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu sagen?
+
+MANON: So zwei Stunden.
+
+OSTAP: Natürlich würde ich mehr für dich tun, als zwei Stunden im Regen
+stehen . . ., (zögernd) alles. Aber wie interessant ist es, daß wir von
+Gefahren umgeben sind . . . und nichts tun werden, um sie zu rechtfertigen,
+selbstverständlich.
+
+MANON (enttäuscht und befreit): Selbstverständlich. (Sie schaltet die
+Leselampe wieder ein. Kuß, beeinträchtigt dadurch, daß die beiden mit den
+Nasen aneinanderstoßen. -- Schweigen.)
+
+OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene sehr traurig alle diese
+Zeit, ich ging in Qual, weil ich dieses Mädchen lieben mußte, diese
+Achtzehnjährige: die ihre Leidenschaften häufiger wechselt als ihren Stuhl,
+die von drei Rasereien gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes
+vergißt, wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich liebe dieses mehr
+gefährliche als gefährdete Kind, das, in den Intervallen seines Glücks, die
+beste Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit dieser Szene? Die
+Pflicht, von ihr zu erfahren: »Ich liebe dich«, trieb mich in dieses
+Zimmer, Mitternacht 3/4. Genoß ich wirklich eine Sekunde lang Genugtuung,
+als sie mir's gesagt hatte? Ich erinnere mich nicht daran. Denn es sind
+neue, quälendere Pflichten gefolgt. Zunächst: dieses Beisammensein sehr
+herrlich zu finden. Und, das schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie
+hat meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell als Gegenleistung? Sie
+hat ein Recht, alles zu erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon
+fürchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, ist schon genugsam die
+Rede gewesen. Nur die _Rede_: nicht die _Tat_. Immerhin ist diese Lage
+sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir überrascht würden! Das ganze
+Haus betet sie ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist belauert,
+beneidet, mit Eifersucht umstellt, und alle wollen Einfluß auf ihre Träume
+haben. Sie braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie verläßt sich
+darauf, daß ihre Klugheit, nachträglich herbeigerufen, einen Skandal immer
+wieder verhüte. So bietet sie mir diese explosiven Umstände, legt sich
+selbst diese Gefährdung auf, in der Berechnung, der Reiz werde es lohnen,
+ein gewürztes Behagen alle hübsche Angst übertäuben. Was kann ich ihr
+sagen, das ihren Erwartungen gleichkomme? Gibt es denn in allen Bänden des
+Konversationslexikons kein einziges Thema, das uns für eine Minute
+zusammenhielte? . . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraïner anfangen
+müssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon steht, . . . und
+mich damit erledigen.)
+
+MANON (denkt: J'aurais bien envie de l'embrasser un peu plus follement,
+mais j'ose pas, ce type est trop difficile.)
+
+OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraïner?
+
+MANON (angenehm berührt; vorsichtig): Lieben? . . . Er amüsiert mich.
+Übrigens weiß man ja im Anfang nie, ob man jemanden lieben wird.
+
+OSTAP (tief gequält): _Worauf beruht es?_
+
+MANON (ohne zu antworten): Er hat für Hanka und mich Billette geschickt für
+seinen Quartettabend. Das ist sehr nett.
+
+OSTAP (sieht umher): In diesem Zimmer habe auch ich einen Winter lang
+gewohnt. Sie werden in Ihr Land zurückkehren, und man wird mir wieder
+dieses Zimmer anweisen. Ich sehe mich schon darin. Irgendwelche lustigen
+Gefahren wird es dann nicht mehr geben. Man kehrt überallhin zurück, sogar
+an die Stätte seines größten Verbrechens: seiner Geburt. Deshalb sollte man
+seine Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber . . .
+topologisch empfinden, nach Städten, Gärten, Korbsesseln, was?
+
+MANON: Wie Sie wollen werden. Aber jetzt müssen Sie gehen; es ist 1 Uhr.
+
+OSTAP (empfindet: Ich habe nicht ein Tausendstel von dem erreicht, was zu
+erreichen meine Pflicht war . . . und worauf ich dann hatte verzichten
+wollen. -- Sagt): Wann werden wir uns wiedersehen?
+
+MANON (rechnet nach): Morgen soll ich Georg treffen. Glauben Sie, daß ich
+seine Geliebte werden muß, wenn er es verlangt?
+
+OSTAP: Sind Sie des Teufels? Lieben Sie denn Georg?
+
+MANON: Nein, aber er könnte mich vielleicht amüsieren . . . Also wir können
+uns ja öfter sehen. Aber nicht hier. Und nicht vor Ende der Woche. Und
+nicht jeden Tag.
+
+OSTAP (grinst): Natürlich nicht. Aber ins Café zur Seelenwanderung bringen
+mich keine zehn Pferde mehr.
+
+MANON: Also irgendwo. On s'arrangera; faut tranquilliser l'histoire. Gute
+Nacht! Öffnen Sie ganz leise, und gehen Sie nicht direkt in Ihr Zimmer
+zurück.
+
+OSTAP (grinst, durchaus verfallen): Natürlich nicht. Schlafen Sie gut. (Er
+schleppt sich zur Tür, riegelt behutsam auf und verschwindet lautlos:
+erledigt.)
+
+MANON (reckt sich; lächelt; gähnt; wird zuinnerst sehnsüchtig): O mein
+Marcel! Wärest du hier!
+
+(Man hört im Korridor schleichende Schritte, verhallend. Von der Straße her
+die Huppe eines Autos, zerfließend.)
+
+MANON (nimmt von einem Kuchenteller eine Makrone und kaut sie ausführlich
+durch. Kniet vor dem Bette nieder und betet. Dann stellt sie die Leselampe
+auf den Nachttisch, nimmt das Buch der Madame Gyp und legt sich bequem
+nieder. Sehr zufriedene Miene. Sie schlägt das Buch auf und beginnt zu
+lesen. Murmelnd): Napoléonette; chapitre premier . . .
+
+.center _Der Vorhang fällt rasch._
+
+
+
+
+
+
+Tafel der Lesestücke
+
+
+Vorwort
+Wir Gespenster
+Der Unterprimaner
+Konzentrisch
+Café (1910)
+Nymphenburg (1910)
+Halensee (1911)
+Notiz; nachts (1911)
+Genesung
+Rapidität
+Sublimierung
+Das Café-Sonett
+Bar
+Spleen
+Spät
+Ode vom seligen Morgen
+Morgen-Arbeit
+Morgendämmerung (nach Baudelaire)
+Besessen (auch)
+Abneigung
+Xenien
+Wintergarten (1910)
+Franz Blei
+Hebbels letzte Stunde
+Münchner Notizen (1911)
+ I: Absage an ein Café
+ II: Glück der Betrachtung
+Das moralische Variété (1912)
+Der Gedanken-Strich (1912)
+Manon, Fragmente eines Detektivromans
+ (1913-14)
+ I: Sitzendes Fräulein
+ II: Spuren im Schnee
+ III: Sachliche Angaben
+ IV: Olafs Glück und Ende
+ V: Beisammensein
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Lesestücke, by Ferdinand Hardekopf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTÜCKE ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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