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diff --git a/38505-8.txt b/38505-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8067a89 --- /dev/null +++ b/38505-8.txt @@ -0,0 +1,1443 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der gläserne Garten + Zwei Novellen + +Author: Claire Goll + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38505] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Claire Studer + +Der gläserne Garten + +Zwei Novellen + + + + + + + + + + + + +1919 +München +Roland-Verlag Dr. Albert Mundt + + + + + +Eine Liebhaber-Ausgabe von Claire Studer: +Der gläserne Garten wurde im Auftrage des +Roland-Verlages in München-Pasing im +Sommer 1919 in der Offizin von Mandruck, +G. m. b. H. in München, gedruckt. In den Handel +kamen 50 Exemplare, die von I--L numeriert +und vom Verfasser signiert sind. + + + + +Alle Rechte vom Verfasser und vom Verlag vorbehalten +Amerik. Copyright by Roland-Verlag München-Pasing 1919 + + + +Iwan Goll zu eigen + + + + + +Myriel + + +Heute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne ich diese Blätter um zu +sehen, ob mein Weg auf- oder abwärts führt. + +Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf der Welt; denn wir +gehören zu jenen Kindern, für die die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe +Johannes mehr wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles legen, was +ich von seiner heimlichsten Seele spüre, damit mir nichts an ihm verloren +gehe. + +Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als wäre er nie Knabe +gewesen; denn solange ich Erinnerung habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir +haben immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen kann, ist +Johannes neben mir, nein, in mir. Seit meinem ersten Weinen leiden wir +zusammen, seit meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe nie +gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß meine Liebe viel größer +ist wie ich selber und kaum in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich +nachts vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn ich hatte +plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die halbe Nacht und wagte nicht +hineinzugehen. Ich fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen hätte +er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich kleiner war, bin ich des +Nachts immer zu ihm gekommen. Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen +Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an sein Herz. Aber eines +Nachts -- ich war damals vierzehn Jahre alt -- veränderte er sich. Seine +Stimme war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir vorbei und sagte: +»Myriel, kleine liebe Myriel, geh nicht mehr durch die Nacht zu mir!« Er +sah wie ein Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand keine Frage. +Stechender Schmerz trug mich hinaus. Ich kniete an seiner kalten Tür und +horchte zu ihm hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte einen +Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes weinte! Wen beweinte er, +weinte er um mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel umher, das er +plötzlich um uns gebreitet hatte, und stieß mich wund an meinen Ahnungen. +Ohne zu verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, seinen Worten aus. +Dann fanden wir uns wieder in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher +für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, und aus ihnen legte +er mir mit seiner Stimme, die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch +zu klein war. + + * * * + +Einmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter einem hohen, +lauschenden Baum und ich erwartete, daß die Zweige sich alsbald mit tausend +bunten Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich sonst vor der Nähe +des Menschen flüchten, zärtlich und liebend um seine Füße geschlichen +kämen. Auch die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder kam das von +all den heißen Blumen, die sie trug? Jedenfalls, ich glaubte immer fester +an ein Wunder, vergaß ihm zuzuhören und erwartete. + +»Woran denkst du?« unterbrach er, als er meine Abwesenheit bemerkte. »Ich +denke an Franz von Assisi«, sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte +mich sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem Baum in die Höhe: + +»Kind,« sagte er, »Kind, du weißt nicht, wie sehr ich auf der Erde bin.« +Und er küßte mir mit frommem Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn +mir schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich kletterte verstört den Baum +hinauf. Oben vergaß ich alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war +wieder Spiel und Tollheit. + +Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater liegt immer über +seinen Büchern, und Mutter, meine schöne, junge Mutter ist stets fern und +abwesend, beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht körperlich +da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie zerrinnt förmlich unter einer +Berührung, die mein kindliches Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt +sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem zugewandt. In den +Tönen fängt sie an und dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann. +Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes und ich wagen es +kaum, sie mit Worten zu betasten. Mutter erscheint mir einem jener leisen +Bilder entstiegen, zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine Stunden +zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in den großen Galerien. Ich träume, +daß sie als eine dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen kam +und durch uns hindurch geht in die Zukunft; denn solche Frauen sind +zeitlos. + +Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes des Dürer. Ich liebe seine +hohe Stirn, die ganz aus Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich +mir immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, ausgesehen +haben muß. Wie komme ich dazu, diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem +unbewußten, russischen Gottesknaben zu verbinden? Vielleicht, weil sie +beide Heilige sind? Und wir Mädchen nun einmal einen Heiligen, eine +Anbetung brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem Johannes und +innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, denn er hat die Reinheit der beiden? +Oder vielleicht, weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen nicht +nur lesen, sondern erleben will? + +Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich bei Johannes manchmal +verläßt. Diesem Bild vertraue ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an. +Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß er nicht der Erste und +Einzige wäre, zu dem ich mit meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal, +wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch ankam, flüsterte er: + +»Ah, man hat mich betrogen, Myriel!« + +Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in seiner Stimme, daß ich vor +schäumender Erregung nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch: +»Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna Quijota?« »Ja«, sagte ich +und hatte Lust, auch gegen ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit +Pathos deklamieren: »O laßt mich scheinen, bis ich werde!« Hatte ich es +gesagt, um Eindruck auf Johannes zu machen? Alles lachte, sogar Johannes +lächelte sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. Vater sagte: +»Das kommt davon, wenn man die Kinder zu früh mit Goethe spielen läßt.« +Aber ich war schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit eines +Baumes. Ich begrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte, daß sogar er, +sogar Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen leisen Gang. +Zärtlich hob er mich zu sich auf. »Liebling,« sagte er mit behutsamer +Stimme, »verzeih mir, daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich +dieselbe Gemeinheit beging wie alle Alten.« Er streichelte mich mit den +Augen. + +»Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht wir Jungen, Myriel, wir, +die wir noch Rausch und Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen +schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend lehrt? Nein, laß +diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei hell und lächle mir wieder, +Schwester!« + +Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein Weinen löste sich in +große Versöhnung auf, und wir gingen Hand in Hand hinaus durch die +Nachmittagswelt Abend und Sternen entgegen. + + * * * + +Ich vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. Was könnte er wohl auch +anderes sein? Manchmal liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle +Vögel der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen Kantaten aus seinem +Mund, und morgen schon kann er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel +sein. Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu leisem Lied oder +stürmendem Schicksal, sind gläserne Mauern um ihn. Ich sehe sein +verwüstetes, zerpeitschtes Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so +entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt und von alter +Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange auf ihn warten, das war damals, +als er das große Buch vom »Neuen Menschen« schrieb. Es war eine glühende +Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt der Väter, Umsturz, +Verleugnung alles Ererbten, Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war +viel Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. Ich frug ihn +einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen Menschen gibt. + +»Nein,« sagte er, »was wir geben können, ist immer nur die Sehnsucht nach +solchen Menschen; denn im Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den +inneren Helden, nicht den der Faust.« + +»Du bist mein Held,« sagte ich kindisch und umschlang ihn mit wilder Kraft. +Er ließ meine Umarmung geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah +mich mit blinden Blicken an. + +»Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, Myriel; denn das Leben +erwartet dich.« + +»Dich, Johannes,« schrie ich auf, »dich wird es mir nehmen!« + +Sein Blick betäubte mich: + +»Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig meine Schwester +wärst, dich hätte ich überall gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte +ich mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. Ich habe +nie begriffen, wie Menschen plötzlich ineinanderfliegen können, ohne mehr +voneinander zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften sich nicht +durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen nichts von ihren Kindheiten, +nicht die tausend Übergänge, die den Menschen und sein Wesen machen, und so +stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht gegenüber.« + +»Johannes,« sagte ich da und verlangte nach seiner Nähe wie nie zuvor -- +trotzdem wir nur diesen Gedanken voneinander getrennt waren --. »Johannes, +wie du mich durch deine Liebe erhöhst!« Und da geschah mir etwas Heiliges: +Er kam auf mich zu und schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes. + +An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem Gefühl, und meine +Finger sangen alles, was sie von Chopin und Sehnsucht wußten. + + * * * + +Eines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes wußte. Ich erschrak +tief. Ich sah die helle Wölbung seiner Stirn und die Tore der Brauen über +dem großen Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen Mund, der +soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine weißen, verhaltenen Hände und +nahm alle Gegenstände in meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, und +küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte Haar und seinen von +aller Erde befreiten Gang. Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach +und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf mich dem Abend +entgegen, rannte die Bäume an im Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir +war, als schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, mein Körper +aber würde immer kleiner und aufgelöster. Die Beine waren stumpf, wie +abgebrochen, es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl zerriß mich. +Ich weinte und lachte durcheinander. Und dann auf einmal begann ich mich zu +schämen, zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz anders war wie +Johannes. Auch fing ich mit Gott zu reden an, stürmisch und wirr und mir +selber nur halb bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man um ein +Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm meine Anbetung zu +entziehen. Meine Gedanken wurden immer schwindliger, unzusammenhängender. +Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und das Haus schien um viele +Tage fortgerückt, alles hatte ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause +vergrub ich mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. Da sah ich, +daß meine Tage gekommen waren und das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich +mich allein auf der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes! + + * * * + +Am andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die Galerie. Ich sah mir zum +ersten Mal mit Bewußtheit nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich +hatte mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht. + +Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken zu berühren. Wie ein +Verrat erschien es mir, daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern +mit allen Männern soviel Häßlichkeit -- wie ich es nannte -- gemeinsam +haben sollte. + +Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher hatte ich eigentlich immer +an mir vorbei gesehen. Jetzt prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich +mich, als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich verhüllte sie mit +meinem langen, finstern Haar, und am andern Tag zog ich eine große Schürze +an, hinter der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht tadelte mich +Johannes, der unpersönliche Kleider haßte und in der Intimität des Hauses +niemals jene charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit eingenäht +ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß er sich eines Tages erinnern würde, +daß ich ein Mädchen bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden könnte. + +Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick flog untersuchend +über mich und meine Verkleidung hin. + +»Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?« frug er streng. Da riß ich +die Schürze ab und die Kleider und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit +einem jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem Blick sah ich, daß +ich schön war. Johannes aber schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder +verwirrte, und ich wünschte zehntausend Kleider über mich. Johannes mochte +fühlen, daß es noch über meine Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur +Erde, küßte meinen Fuß und ging schnell hinaus. + +Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach ich mir, dem Bruder +immer jede Freude zu schenken, die in mir wäre. + + * * * + +Der kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende Krankheit. Für Wochen +hörte alles auf zu sein. Der Tod war ganz in der Nähe. Durch die +Dunkelheiten des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden Augen des +Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes Gesicht dem meinen und +murmelte mit kranker Stimme: »Liebe so stark du kannst, dann gibt es kein +Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir zu wenig Freuden gemacht, +zu viel geschwiegen. Lebe mir!« + +Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen das Sterben. Johannes +erwartete jedes Erwachen, und ich fühlte mich in seinen Blicken stärker +werden. Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um mich und rettete +mich aus stechenden, phantastischen Fiebernächten. + +Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren in die Welt. Johannes sah +immer beschenkter, strahlender aus. + +Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der Sonne entgegen ging, frug +ich: »Was hättest du getan, Johannes, wenn ich . . . . .« »Ich wäre dir +nachgestorben«, sagte er einfach. »Es gibt nichts, das stärker wäre als +du.« + +»Und dein Werk?«, sagte ich voll Vorwurf und doch in tiefer Angst und +fühlte ihn scheu mit den Blicken an. + +»Bist du nicht mein höchstes Werk?«, rief er heiß. Aber ich zögerte, noch +immer an solche Erhöhung zu glauben, und so warf ich ein: »Ich habe doch +keine Ewigkeit!« + +»Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges Lächeln,« sagte er da, +»und schimmert es morgen zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke +wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer sagt uns, daß er nicht in +irgend einer Arie ewig wird? Nichts geht verloren, alles wird +wiedergeboren, es gibt keine Zeit für die Ewigkeit.« + +Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter träumte. Ich verlor +vor Glück das Gefühl von mir selber, es war mir, als wäre ich Johannes. +Dahlien und Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten Füße. + +»Wie jung wir sind,« rief Johannes verzückt, »und so tief im Leben!« Er +legte die Hände vor das Gesicht, als ob er den Tag nicht ertragen könne, +Tränen fielen durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend, +stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf die Knie. Und wieder gegen +seinen Willen begann es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch mich +warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich hob die verschämten Hände. +Ich hatte noch nie einen Menschen beten sehen. Wie auf italienischen +Bildern die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir hintereinander. + +Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf ihn unsre inbrünstige +Anbetung. + + * * * + +Ich reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich schon Frühling? +Erlebten wir den Winter so stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur +Besinnung kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren so tief ineinander +versenkt, daß wir ganz erstaunt waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns +herein drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf den Zehen durch die +zeitlosen Räume. Johannes arbeitete, und auch von mir forderte er als mein +Lehrer Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, Musik und +Gesprächen. Johannes, Meister auf dem Cello, holte alte vergessene +Italiener, deren Süßigkeit Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt +hatte, hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel über. Zuweilen, +wenn Johannes so neben mir spielte, daß ich glaubte sein Herz in Händen zu +spüren, hob großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. Dann +tadelte Johannes: »Myriel, Myriel, vergiß nicht, daß wir in der Kirche +sind!« + +Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, ich war nur noch Aufruhr +und Element. Ein Instinkt aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich +ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen an Himmel und Erde. +Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an +die Stirne zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen ich noch +dumpf und kämpfend gegenüber stand. + +»Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,« sagte er einmal, »so +würde ich ihn in der durchdachten Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese +Steigerung ist für mich der Tod. Er ist der höchste und raffinierteste +Beweis für Gott. Denn er schließt schon die Ewigkeit in sich ein, da er nur +scheinbar ist. Es gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, eine +Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles Leben heilig. Jedes Geschöpf +verkörpert eine Idee und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz in +sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben daran vorbei. Darum +finde ich: ganz Löwe, Vogel oder irgend ein Tier sein ist mehr, als +Halbtier oder, was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder Mensch +sollte die Möglichkeit und den Willen haben, seiner innern Idee leben zu +können. Dem Menschen kann nicht von außen, sondern einzig von innen +geholfen werden. Man kann sich nur selber erlösen, nie erlöst werden. Aber +vielleicht liegt dies unserm Volke gar nicht mehr. Es ist -- im Gegensatz +zu heißeren Völkern -- viel mehr ein Volk des Leibes denn der Seele +geworden. Vielleicht auch brauchte es doch einen Führer, einen +Vergewaltiger, der mitreißt ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. +Vielleicht müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, um die es von +seinen Scheinbedürfnissen bestohlen wurde. Der Mensch hat zuweilen eine +Insel nötig. Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade Antipoden in +ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. Christus brauchte eine Wüste, um +sich zu überwinden, und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, um die +Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. Der eine verkündete den +Kampf, der andere wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und der +andere ein Menschenideal auf. Aber versagten nicht beider Lehren vor dem +Trieb zur Erde, der immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch immer +auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist eine Erwartung. Bis dahin nach +innen leben und den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, ständen +wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, an zu viel Jugend sterben +können. Aber sieh doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind sie +der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault und verhärtet von Genuß +und Erfahrung. Und mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der +Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen sind! Ach, Schönheit und +Güte sterben immer mehr aus in der Welt!« Er schwieg und sah mich mit +lodernden Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer des Leuchters +tasteten gierig umher. + +»Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,« sagte ich, »ich möchte +ihn bald sterben. Mir ist so, als stünde ich tief innen in Flammen.« +Johannes stand steil und blaß vor mir. »Myriel!« Er hob mich mit liebenden +Armen auf und hielt mich hinaus in die seidene Nacht. + +»Ich verspreche es uns«, flüsterte er und deckte mich mit den weichsten +Blicken zu. + +Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in den Armen des Bruders, in +denen ich am Abend eingeschlafen sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und +seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft über mir. -- Ich +bedeckte erregt mein unbewachtes Gesicht. + +»Was hast du darin gesehen?« frug ich ängstlich. + +»Nichts, Kind, nichts -- außer mir«, lächelte er innig. + + * * * + +Mit dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege weit, dem Mittag entlang bis +zur Dämmerung. Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich die +letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in jenen Stunden hörte ich +schon auf zu sein, da begann meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir. + +Gegen Abend kam Johannes und sagte: »Morgen ist dein Geburtstag, Myriel, +ich will dir ein Fest geben.« + +»Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes«, glühte ich und wußte +erst, wie ich ihn jede Stunde dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige +Stirn zog sich nachdenklich zusammen: »Wir sind auch zu kurz auf der Welt, +Kind, um nur einen Tag mit dem zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen. +Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. Tierhaft ist ihre +Freude, Verliebtheit in ihren Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die +andern zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, maßlosen, +egoistischen Feste der Römer oder der Renaissance, die nur um der Schönheit +willen geschahen, und von denen den Armen nur Schein und Abfall blieb. Ich +denke an jene seelische, adlige Freude, die Schiller und Beethoven meinten +in ihrem Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von Mensch zu +Mensch, die göttlich macht.« + +»Und auch ihr Leid, Johannes?« frug ich; denn ich liebte es, seine +Überlegenheit zu fühlen. + +»Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie haben den großen +Aufschrei verlernt, den Schmerz, der zu Stein und zur Quelle wird. Die +Stadt verengt. Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und das Ohr +der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. Und man hatte Zeit, +unerschöpfliche Zeit. Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. Und +damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man das herrliche Wort: Selig +sind, die hungrig nach Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die +Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen könnte, +unterdrücken sie geschickt in sich und den andern. Sieh doch, wie sie +zusammen leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in ihnen Anbetung +oder Erschütterung von einem zum andern?« Johannes' Mund wurde herb. Ich +wollte zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. Als reichte ich von +der Erde bis zu den Himmeln. Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche +Dehnbarkeit. Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich und +schwarz wurde. Da zitterte ich auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen +verwirrten sich. + +»Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?« frug Johannes. + +Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor das seine und sah mir +eine Ewigkeit lang durch die Augen ins Herz. + +Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür. + +Nach Jahren -- so schien mir -- wurde es Morgen. + + * * * + +Mit dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen Kleid bei Johannes ein. +Seine Augen blendeten mich beinahe, so strahlten sie mich an. + +»Wie weiß du bist!« rief er verzückt. »So muß Dante gefühlt haben, als ihm +Beatrice im >allerweißesten Kleid< begegnete. Wird auch mir aus diesem +Anblick seine rote Vision? Wirst auch du von meinem glühendsten Herzen +essen? Nimm es ganz zum Geburtstag!« + +Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende Gerüche umstanden uns; denn +Johannes hatte die Wände in hängende Gärten verwandelt. + +Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso schnell wieder vergaß. +Johannes hatte mich dazu erzogen, Besitz gering zu achten. Das Eigentliche +aber fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat gebundene +Blätter, die des Bruders Schrift trugen. Ich öffnete sie, noch die Augen an +Johannes, und sah, wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor Schreck +verengte. Doch sagte er mit verhüllter Stimme: »Lies.« + +»Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine Schwester. Du +brauchst nichts weiter mitzunehmen als Deinen Kinderglauben an mich. Auch +mich wird er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit mir selbst. + +Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, die nie eins werden +kann: Bruder und Schwester. Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert +werden dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. So wie unsere +Herzen ineinander getürmt sind, so könnten sich auch eines Tages unsre +Körper erinnern, daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist +unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich nur mit der Seele +besitzen kann. Aber wir sind so glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den +wir nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht nicht durch +uns, wohl aber durch jene enge unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die +Ungewöhnliches ersticken im bürgerlichen Schlamm. + +Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns bringen, wenn sie gelebt +werden. Mir wurde der heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu +Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß ich mich stark, aber morgen +vielleicht überfällt mich mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus +meinen Adern. + +Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein gehen, wie in ein Fest. +Sterben ist ja nur Übergang, ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung +bis zur nächsten Auferstehung -- und die wird unser sein, Geliebte!« -- + +»Johannes« sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete ihn mit Umarmung. + +Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht. Da erfaßte mich maßlose +Gier nach dieser Hand. Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie +schluchzend, verbrennend, als wäre Feuer in mir. + +»Johannes«, rief ich unzählige Male und schmeckte seinen Namen nach wie +Wein. Er spannte die Arme auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man +endlich gefunden hat. + +Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes Gesicht an. + +Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir uns auf voreinander. Blut +überwältigte uns, Bekenntnisse schäumten auf. Ich beichtete die +dunkelroten, flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich jauchzend +in sich, so daß ich nur noch Zittern in seinen Händen war. + +»Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?« stammelte er. Ich +tauchte meinen Mund noch tiefer in den seinen und sagte mit fliehender +Stimme: »Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod. Wir werden an zu +viel Liebe sterben, es gibt keine Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem +Schicksal.« + +Meine Augen glühten den Geliebten an. »Warte mit der Dunkelheit auf mich,« +sang ich ihm zu und verließ ihn, um mich für ihn zu weihen. + +Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und alles von Gott erfahren +werden! Eine Nacht letzter Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt in +dir, Johannes! Mein Heiliger! + +Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende und zerstöre ich euch, +meine Blätter. Mein Weg ging aufwärts! + + + + +Der gläserne Garten + + +Nun ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie damals. Damals, als du +schon stärker in mir warst als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man +das mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart und grob, und die +Dinge der Seele stoßen sich schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den +Wänden deiner Kleider. + +Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir den Schnee, der am Fenster +vorbeifiel, weil unser Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung +stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem Winter wie Sehnsucht zwischen +unsern Herzen, die sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu dir +führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger Engel aus den Marienleben alter +Meister, Worte aus der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach innen, +wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen Hand in Hand im +Grenzenlosen. Aus Angst vor Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem +Ausgesprochenen versuchtest du mich aus überirdischer Stille ins Zimmer +zurückzuzwingen und sagtest: »Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und +Zeit, Venera?« Als Antwort breitete sich über deinen Worten eine +schwermütige Klage aus. Eine Stimme weinte aus der Ferne, sie sang aus dem +Orpheus von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich umsehn nach ihm +und der Vergangenheit, und ich dachte: + +»Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus meiner keuschen Nacht in +euren Morgen trat. Euer Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir +entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber ich sah nicht mehr, wo +es aufhörte und der Garten begann; denn das Fenster war groß.« + +Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über meinen Schmerz +gebreitet hatte, und in der Verwirrung sagte die, die ins Zimmer getreten +war -- nicht ich -- »Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug fährt zurück in +die Stadt«. Denn ich fühlte, du wußtest nicht mehr, was Morgen war. + +Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir lag. Kindsein und Alter, +Lachen und Verzweiflung, Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und +Verderbtes waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß ich deine Schreie +hörte. Komm, sagte ich noch einmal. Da schlug dein Erstaunen über mir +zusammen, und du kamst langsam zwischen den Welten auf mich zu. Wie fühlte +ich da wieder, daß ich dich mehr liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, +um ihn in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig schien, und +schämte mich, daß ich schwach geworden und vor seinem Schatten geweint +hatte die ganze Nacht. + +Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann stärker und immer stärker, +bis das ganze Zimmer erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so viel +Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du kamst mit den Augen auf mich +zu, von der Kraft dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne +erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas im Zimmer, das stärker +ist als wir alle, und ich weiß doch nicht was. + +Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum meine Antwort hören: Es war +ein Opfer. + +Hier hinein gehört dies welke Blatt: + + * * * + +»O Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht in den +gefalteten Händen. Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich +erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du erster Stern all +meiner Abende. Stärker als alle andern durchbrachst du den Horizont. O daß +du am Himmel eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages wirst du +abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen, und ich habe dich nicht +beschützen können! Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern +gehalten, und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du sie bestehen? Ich +zittere und irre durch das Haus. + +Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er rauscht nicht mehr wie +ein fremdländischer Vogel durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der +große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing wie ein Fest, +lächelt sein kristallenes Lächeln. Er spürt dich noch. Er strahlt dich +zurück. Er ist angefüllt von den Variationen des einen Themas: Ylone. Er +glänzt noch von damals, als du das Märchen von der kleinen Seejungfrau +tanztest und am Ende zu Schaum vergingst. + +Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der große Sockel aus +karrarischem Marmor wurde zur Säule des Königsschlosses. -- Was wird nicht +zum Schloß, wenn du dich daran lehnst! -- + +Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz der Sphinx steigt +wieder aus ihm auf, in dem du mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende +versuchtest. + +Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht, aber wenn +ich aus ihr erwache, werde ich sterben müssen. + + * * * + +Ein Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone und Claudio kehren zurück! +Ich kann mich nicht freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück. +Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen denen so viel Ahnung +steht. + +Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit über dem Papier +liegen. Kleine Hecken mit Vögeln dazwischen. + +Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte Steilheit ihrer +Hüften. Die graziösen Rosetten ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme, +die in den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den feinen von den Adern +durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden Halses, und die Pfeiler in den +Kreuzgängen ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein des Schoßes. + +Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen Monde ihrer Augen, um die +die seidenen Strahlen der Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der +Herzensfinsternis meiner Tage. + +Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele! + + * * * + +Ich möchte es auf den Knieen niederschreiben, so heilig ist mir, wenn ich +daran denke. + +Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett verhängten Tage auf +uns zu. Wir erstaunten nicht; es war uns, als ob wir sie schon lange +erwartet hätten. »Sie wundern sich nicht, Ylone,« sagte sie, »daß ich +eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will mich Ihnen doch +erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst, als ich Claudio an Sie verlor; denn er +lebte nur matt in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein +ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. Ich empörte mich gegen Sie. Ich +hatte für ihn gelitten und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch +alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, und trotzdem ich ihn +gerne an sein Glück verlor, stand ich ohne zu begreifen. Mit einer +unsichtbaren Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde Macht auf die Seite +geschoben. + +Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen konnte, und ich +zitterte vor seiner Rückkehr. + +Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie bald in jeder seiner +Veränderungen. Sie waren in jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, +und er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine ließen. Er war hart +und spröde gewesen, aber Sie reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in +sich gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die nicht von der Mutter +kommen konnte. Er war ein verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt +und gestillt. + +Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. Ich lebte von ferne +mit Ihnen beiden; denn das Glück einer Mutter beruht darin, das Leben der +andern zu leben. + +Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt hatte, weil ich ahnte, daß +ich Sie sonst lieben müßte. Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, +schlugen aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit allen Zweigen. Da +mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie mich die Urne sein, in der Sie beide +beschlossen und beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen +Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, und so dachte ich, +daß zwei Menschen, in deren Leben ein Thema singt, verschmelzen sollen zu +einem Gesang, daß sie sich ineinander schütten müssen zu einer Liebe.« + +Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde, tiefe Flammen, die aus +ihrer Seele brannten. Ylone aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt. +Ihr Körper war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung vor +dieser Mutter. + +Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen auf wie zwei Ströme, die +über weite Landschaft fluten. Und um das Haupt der Mutter schwebte ein +goldenes Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott gezeichnet hat +und denen ein Wunder gelang. + + * * * + +Ich brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil ich glaubte, dich dem +Leben nicht vorenthalten zu dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn +hindurchgegangen, bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte. Einzig wir +Frauen wissen tiefer von einander. Der Mann sieht in uns nur sich selbst. +Fremde sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden, auswandern aus dem +irdischen Erlebnis, einziehen in das göttliche, das ohne Körper ist. +Solltest auch du es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als ich diese +sapphische Klage von dir fand: + + Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht. + Wer ist es, der so weinend lacht? + Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen, + Steh ich in meinen uferlosen Tränen. + Des abtrünnigen Schlafs Dämonen + Kommen schon mich zu bewohnen: + Aus männlicher Nacht will ich mich schrein, + Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein, + Du mich entführendes Narzissental! + In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal, + Die von den jungen Inseln nach sich rufen. + Knie mit mir auf antiken Tempelstufen + Um jenes Schicksal, das sie retten kann: + Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann! + +Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich damals vor dem Zusammenbruch +eurer Liebe. Es war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas +angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit seiner Bewegungen, in der +nachlässigen Zerstreutheit, mit der er über dich hinwegdachte, und in der +Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine Gewohnheit, wie den +Alltag hinzunehmen. + +Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend, der Claudio bringen sollte. +Aber du begannst zu früh zu warten, und das hatte dich erschöpft. Ich sah, +wie du schwer ins Zimmer tratest, aber im ersten seiner Blicke äußerste +Anstrengung wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung. Du warst kaum +mehr Du vor Angst. Deine Augen waren die einer Fiebernden, sie waren ganz +weit weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen würde. Aber +ihr wußtet beide nichts von der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub +kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine Gesten, deine Worte, +formtest um und schufst neu. Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war, +in die Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der Minute, +entblößtest alle Menschen, die in dir waren, warst naive +Verständnislosigkeit und greisenhaftes Erkennen. Du warst immer das, was er +im Augenblick brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es war, als +wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn sein, die Neue, die er noch +nicht kannte, um das Ende hinauszuschieben, das du im Untergefühl +fürchtetest. Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit, die dich +nicht schützte vor dir selber und deine Demütigung annahm, weil sie nichts +von ihr wußte. Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst du dich +vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit. Du strichst seine heißen Blicke +aus deinem Herzen und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn klang, +aber ich hörte schon die Abschied schluchzende Nachtigall. + +Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln auf deinem Gesicht alterte. +Und plötzlich begann es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines +Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und welk wie erfrorene Blumen +herab. Du sahst mich, ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das +Flügelschlagen eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm mich zusammen, +damit wir das ertragen konnten, was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde +fester, hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und Dich in mir und +wußte. + +Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid um ihn war klein gegenüber +der turmhohen Scham über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust +bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen. Du wurdest starr und +sicher und wuchsest langsam über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht +folgen konnte. + +Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und gingst fort von ihm in +diesem Brief: + + * * * + +Nun rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich kann nicht im Schweigen +von dir fortgehen. Ich muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, +weil ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich bist als das +Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Ich hatte seit Jahren dein Nahen +gefühlt und war so innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir nicht +einmal das Bild eines anderen Mannes merken konnte. Erwartung hing wie ein +Mantel um mich und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über meinem +Schicksal. + +Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an. + +Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind noch in meinen +Augen. Alle Gedanken, die ich nicht denken konnte, ohne mich vor dir zu +entstellen, schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, den ich liebe, +mußte ich verbergen, weil ich erkannte, daß du das Spiel wolltest, das zu +nichts verpflichtet. Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer dein +Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier vor meine schmerzende +Dunkelheit zu halten. + +Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? Lieber als das wäre ich +durchschaut worden. Warum hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, +und hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem waren? Ahntest du nie, +daß ich neben mir saß mit frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn +ich selber ging langsam vorbei. + +Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren so viele andre in mir, +die darauf warteten, von dir erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre +hundert Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten über die anderen +neunundneunzig hinwegtäuschen, weil deine Liebe nur die eine ertrug. + +Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem Augenblick an, als ich +mich selbst für jene andere verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich +tausendmal mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an mir: die Treue +an mich selbst. + +Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe ich alles gehalten, was +ich dir versprochen, und noch mehr, das, was ich dir nicht versprochen +hatte. Ich habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich verschüttet, +während du nur einige Fingerspitzen der deinen über mich ausstreutest. Ich +verbrannte an meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst; denn +für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung und du lebtest von der +Anbetung. Einer war Gott und einer war Beter. + +Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es gab kaum ein Gefühl, in +dem ich dich allein ließ, und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber +du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten war. Ich bin immer +allein geblieben mit meinem Gefühl, das du aussetztest in die Welt und +dessen Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit. Ich glaube, daß +ich durch dich hindurchmußte, um mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht +habe ich all diese Jahre nur auf mich gewartet. + +Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich nichts mehr mit +meiner Freiheit anzufangen weiß. Ich will nicht warten, bis du dich noch +mehr veränderst, nun, da du begonnen hast, mich in einem Kuß zu entkleiden +und meine Liebe mit Worten zu versuchen. + +Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne Antwort und wieder da +gefunden werden, wo es einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im +anderen so stark werden, daß man nebeneinander stehen kann. Ich will +heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit, und wenn ich auch sieben Jahre um mich +dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich vor dir war. + +Auch an dir habe ich manches verändert, und darum sollst du zurückkehren zu +dir, wie man heimkehrt zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine +Jünglings- und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert und unberührt +wiederfindet. + +Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum. Ach, laß ihn mich noch +einmal träumen! Ich will die Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen. +Tanz war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das Gitter des Regens +und eigener Gefangenschaft. Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse, +die einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in sie und auf die +Insel deines Herzens flüchten. Meine Liebe umspannt dich noch einmal von +Kopf zu Füßen wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen Sonnen- und +Mondblumen säumen, und paradiesische Schmetterlinge sollen vor dir Frühling +tanzen. + +Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege, den du ohne mich +weitergehst, und wenn du dich einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird +dir mein Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten. + +Ich küsse dein Herz ein letztes Mal. + +Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio . . . . + + * * * + +Als die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang auslieferte, habe ich dich +gerächt, Ylone; denn er liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich +hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor allem, daß er dich +genommen und uns beide gemeint hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr +stark an diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete, mein Gefühl +für ihn könnte stärker sein als meine Rache. Ich klammerte mich fest an sie +an. Ich schwieg. Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte, damit +ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er sah mich nicht knien; hinter +künstlich gefrorenen Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen sich in +die Tapete der Wand. + +Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern der Wände +nachschleicht, um ferner von Claudio zu sein. Sterne fielen durch die +Fenster und mein Herz lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht. + +O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer und tiefer in mich +hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr als er, weil ich für uns beide litt. +Da fiel mir rettend der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich begriff +nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf verbinden konnte. Ich +begriff die Treppe nicht, die mich trug; denn ich war so schwer. + +Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog sie fest über mich. +Seine Qual rüttelte an der Tür, die zu ihr führte, und die Fackeln seines +Zorns zuckten durch ihr Glas. + +Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir schrie in der dreizehnten +Stunde. Ich drückte meine Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in +Wirklichkeit? + +Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam unter der Tür auf mich +zu. Ein Blatt des Aufruhrs, Stücke waren herausgeschnitten, wieder +zurückgenommen, weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben schrien +durcheinander und warfen sich gequält über das Papier. Er schrieb: + +»Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese Rache suchst. Bisher war +sie dir nur noch zu leicht erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese +Nacht in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera, ich will lieber +deinen Haß, wenn ich deine Liebe nicht haben kann. Mußt du euch beide +rächen? O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der Distanz! Freilich, +ich habe auch dich in ihr geschändet. Ihr seid eine Einheit, und ich hätte +euch niemals trennen dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt. Du +bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete, das zu übersehen. +O, wie war ich plump, als ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer +Seelen verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich euch auseinander +riß! + +Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal recht. Aber ich +kann euch nicht ganz verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung +zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein Herz und verzeih! So +warte ich auf den Morgen.« Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich +dir schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? Daß ich nicht genug +verhärtet war, um mich seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die +Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich einen Brief schrieb in +jenen Stunden, der mich ihm offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß +ich nur halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und ich floh vor +dem Morgen, bevor er von der Auferstehung meiner Liebe ahnen konnte. + +Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich schäme mich vor uns, +daß die Frau einen Augenblick lang die Freundin überragte. Versuche zu +verstehen, und lies: + +»Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe +an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal +geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine +Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du +nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie +eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber +diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie +überstehen. + +Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe +flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir +gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an +meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und +Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie +jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses +Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich +suchenden Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit +einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben. + +Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche. +Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste +an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der +Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt +brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf; +ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die +Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton +gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen +hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt. +Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich +danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine +Dämmerung haben wird -- denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit -- wenn +sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht: +der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen. + +Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht! +Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele +hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich +dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch +von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe +wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein, +wie ihr Fall vom Himmel. + +Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer +Schnur von Tagen kommen könnte? + +Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben. +Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich +mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu +Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich +erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl! + + * * * + +Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte +das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich +streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter +gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir +meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und +legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas +mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines +Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums. + +Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich +eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu +suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und +unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden. + +Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer. +Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest +dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag in den +schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den +Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch +von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in +einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, +daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das +Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von +weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich +an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie +dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die +du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht +hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der +Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In +diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir +gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum +erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden +vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine +Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich +demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe. + +Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz +zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen +und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine +ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine +Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich dir zart wie +präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel +sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte +diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach +einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel +abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns +viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der +uns unverändert behalten hat. + +So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit +du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm +einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von +neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, +in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns +von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen +wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern +deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet +gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein +Lied: + +Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit +wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und +hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er +erkannt und leise wieder. + +Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu. + +Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . . + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + +***** This file should be named 38505-8.txt or 38505-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38505/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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