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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/38505-8.txt b/38505-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8067a89 --- /dev/null +++ b/38505-8.txt @@ -0,0 +1,1443 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der gläserne Garten + Zwei Novellen + +Author: Claire Goll + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38505] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Claire Studer + +Der gläserne Garten + +Zwei Novellen + + + + + + + + + + + + +1919 +München +Roland-Verlag Dr. Albert Mundt + + + + + +Eine Liebhaber-Ausgabe von Claire Studer: +Der gläserne Garten wurde im Auftrage des +Roland-Verlages in München-Pasing im +Sommer 1919 in der Offizin von Mandruck, +G. m. b. H. in München, gedruckt. In den Handel +kamen 50 Exemplare, die von I--L numeriert +und vom Verfasser signiert sind. + + + + +Alle Rechte vom Verfasser und vom Verlag vorbehalten +Amerik. Copyright by Roland-Verlag München-Pasing 1919 + + + +Iwan Goll zu eigen + + + + + +Myriel + + +Heute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne ich diese Blätter um zu +sehen, ob mein Weg auf- oder abwärts führt. + +Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf der Welt; denn wir +gehören zu jenen Kindern, für die die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe +Johannes mehr wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles legen, was +ich von seiner heimlichsten Seele spüre, damit mir nichts an ihm verloren +gehe. + +Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als wäre er nie Knabe +gewesen; denn solange ich Erinnerung habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir +haben immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen kann, ist +Johannes neben mir, nein, in mir. Seit meinem ersten Weinen leiden wir +zusammen, seit meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe nie +gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß meine Liebe viel größer +ist wie ich selber und kaum in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich +nachts vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn ich hatte +plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die halbe Nacht und wagte nicht +hineinzugehen. Ich fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen hätte +er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich kleiner war, bin ich des +Nachts immer zu ihm gekommen. Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen +Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an sein Herz. Aber eines +Nachts -- ich war damals vierzehn Jahre alt -- veränderte er sich. Seine +Stimme war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir vorbei und sagte: +»Myriel, kleine liebe Myriel, geh nicht mehr durch die Nacht zu mir!« Er +sah wie ein Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand keine Frage. +Stechender Schmerz trug mich hinaus. Ich kniete an seiner kalten Tür und +horchte zu ihm hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte einen +Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes weinte! Wen beweinte er, +weinte er um mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel umher, das er +plötzlich um uns gebreitet hatte, und stieß mich wund an meinen Ahnungen. +Ohne zu verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, seinen Worten aus. +Dann fanden wir uns wieder in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher +für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, und aus ihnen legte +er mir mit seiner Stimme, die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch +zu klein war. + + * * * + +Einmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter einem hohen, +lauschenden Baum und ich erwartete, daß die Zweige sich alsbald mit tausend +bunten Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich sonst vor der Nähe +des Menschen flüchten, zärtlich und liebend um seine Füße geschlichen +kämen. Auch die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder kam das von +all den heißen Blumen, die sie trug? Jedenfalls, ich glaubte immer fester +an ein Wunder, vergaß ihm zuzuhören und erwartete. + +»Woran denkst du?« unterbrach er, als er meine Abwesenheit bemerkte. »Ich +denke an Franz von Assisi«, sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte +mich sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem Baum in die Höhe: + +»Kind,« sagte er, »Kind, du weißt nicht, wie sehr ich auf der Erde bin.« +Und er küßte mir mit frommem Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn +mir schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich kletterte verstört den Baum +hinauf. Oben vergaß ich alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war +wieder Spiel und Tollheit. + +Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater liegt immer über +seinen Büchern, und Mutter, meine schöne, junge Mutter ist stets fern und +abwesend, beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht körperlich +da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie zerrinnt förmlich unter einer +Berührung, die mein kindliches Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt +sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem zugewandt. In den +Tönen fängt sie an und dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann. +Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes und ich wagen es +kaum, sie mit Worten zu betasten. Mutter erscheint mir einem jener leisen +Bilder entstiegen, zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine Stunden +zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in den großen Galerien. Ich träume, +daß sie als eine dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen kam +und durch uns hindurch geht in die Zukunft; denn solche Frauen sind +zeitlos. + +Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes des Dürer. Ich liebe seine +hohe Stirn, die ganz aus Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich +mir immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, ausgesehen +haben muß. Wie komme ich dazu, diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem +unbewußten, russischen Gottesknaben zu verbinden? Vielleicht, weil sie +beide Heilige sind? Und wir Mädchen nun einmal einen Heiligen, eine +Anbetung brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem Johannes und +innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, denn er hat die Reinheit der beiden? +Oder vielleicht, weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen nicht +nur lesen, sondern erleben will? + +Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich bei Johannes manchmal +verläßt. Diesem Bild vertraue ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an. +Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß er nicht der Erste und +Einzige wäre, zu dem ich mit meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal, +wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch ankam, flüsterte er: + +»Ah, man hat mich betrogen, Myriel!« + +Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in seiner Stimme, daß ich vor +schäumender Erregung nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch: +»Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna Quijota?« »Ja«, sagte ich +und hatte Lust, auch gegen ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit +Pathos deklamieren: »O laßt mich scheinen, bis ich werde!« Hatte ich es +gesagt, um Eindruck auf Johannes zu machen? Alles lachte, sogar Johannes +lächelte sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. Vater sagte: +»Das kommt davon, wenn man die Kinder zu früh mit Goethe spielen läßt.« +Aber ich war schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit eines +Baumes. Ich begrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte, daß sogar er, +sogar Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen leisen Gang. +Zärtlich hob er mich zu sich auf. »Liebling,« sagte er mit behutsamer +Stimme, »verzeih mir, daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich +dieselbe Gemeinheit beging wie alle Alten.« Er streichelte mich mit den +Augen. + +»Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht wir Jungen, Myriel, wir, +die wir noch Rausch und Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen +schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend lehrt? Nein, laß +diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei hell und lächle mir wieder, +Schwester!« + +Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein Weinen löste sich in +große Versöhnung auf, und wir gingen Hand in Hand hinaus durch die +Nachmittagswelt Abend und Sternen entgegen. + + * * * + +Ich vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. Was könnte er wohl auch +anderes sein? Manchmal liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle +Vögel der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen Kantaten aus seinem +Mund, und morgen schon kann er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel +sein. Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu leisem Lied oder +stürmendem Schicksal, sind gläserne Mauern um ihn. Ich sehe sein +verwüstetes, zerpeitschtes Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so +entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt und von alter +Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange auf ihn warten, das war damals, +als er das große Buch vom »Neuen Menschen« schrieb. Es war eine glühende +Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt der Väter, Umsturz, +Verleugnung alles Ererbten, Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war +viel Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. Ich frug ihn +einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen Menschen gibt. + +»Nein,« sagte er, »was wir geben können, ist immer nur die Sehnsucht nach +solchen Menschen; denn im Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den +inneren Helden, nicht den der Faust.« + +»Du bist mein Held,« sagte ich kindisch und umschlang ihn mit wilder Kraft. +Er ließ meine Umarmung geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah +mich mit blinden Blicken an. + +»Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, Myriel; denn das Leben +erwartet dich.« + +»Dich, Johannes,« schrie ich auf, »dich wird es mir nehmen!« + +Sein Blick betäubte mich: + +»Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig meine Schwester +wärst, dich hätte ich überall gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte +ich mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. Ich habe +nie begriffen, wie Menschen plötzlich ineinanderfliegen können, ohne mehr +voneinander zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften sich nicht +durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen nichts von ihren Kindheiten, +nicht die tausend Übergänge, die den Menschen und sein Wesen machen, und so +stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht gegenüber.« + +»Johannes,« sagte ich da und verlangte nach seiner Nähe wie nie zuvor -- +trotzdem wir nur diesen Gedanken voneinander getrennt waren --. »Johannes, +wie du mich durch deine Liebe erhöhst!« Und da geschah mir etwas Heiliges: +Er kam auf mich zu und schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes. + +An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem Gefühl, und meine +Finger sangen alles, was sie von Chopin und Sehnsucht wußten. + + * * * + +Eines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes wußte. Ich erschrak +tief. Ich sah die helle Wölbung seiner Stirn und die Tore der Brauen über +dem großen Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen Mund, der +soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine weißen, verhaltenen Hände und +nahm alle Gegenstände in meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, und +küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte Haar und seinen von +aller Erde befreiten Gang. Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach +und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf mich dem Abend +entgegen, rannte die Bäume an im Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir +war, als schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, mein Körper +aber würde immer kleiner und aufgelöster. Die Beine waren stumpf, wie +abgebrochen, es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl zerriß mich. +Ich weinte und lachte durcheinander. Und dann auf einmal begann ich mich zu +schämen, zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz anders war wie +Johannes. Auch fing ich mit Gott zu reden an, stürmisch und wirr und mir +selber nur halb bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man um ein +Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm meine Anbetung zu +entziehen. Meine Gedanken wurden immer schwindliger, unzusammenhängender. +Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und das Haus schien um viele +Tage fortgerückt, alles hatte ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause +vergrub ich mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. Da sah ich, +daß meine Tage gekommen waren und das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich +mich allein auf der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes! + + * * * + +Am andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die Galerie. Ich sah mir zum +ersten Mal mit Bewußtheit nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich +hatte mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht. + +Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken zu berühren. Wie ein +Verrat erschien es mir, daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern +mit allen Männern soviel Häßlichkeit -- wie ich es nannte -- gemeinsam +haben sollte. + +Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher hatte ich eigentlich immer +an mir vorbei gesehen. Jetzt prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich +mich, als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich verhüllte sie mit +meinem langen, finstern Haar, und am andern Tag zog ich eine große Schürze +an, hinter der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht tadelte mich +Johannes, der unpersönliche Kleider haßte und in der Intimität des Hauses +niemals jene charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit eingenäht +ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß er sich eines Tages erinnern würde, +daß ich ein Mädchen bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden könnte. + +Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick flog untersuchend +über mich und meine Verkleidung hin. + +»Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?« frug er streng. Da riß ich +die Schürze ab und die Kleider und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit +einem jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem Blick sah ich, daß +ich schön war. Johannes aber schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder +verwirrte, und ich wünschte zehntausend Kleider über mich. Johannes mochte +fühlen, daß es noch über meine Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur +Erde, küßte meinen Fuß und ging schnell hinaus. + +Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach ich mir, dem Bruder +immer jede Freude zu schenken, die in mir wäre. + + * * * + +Der kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende Krankheit. Für Wochen +hörte alles auf zu sein. Der Tod war ganz in der Nähe. Durch die +Dunkelheiten des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden Augen des +Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes Gesicht dem meinen und +murmelte mit kranker Stimme: »Liebe so stark du kannst, dann gibt es kein +Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir zu wenig Freuden gemacht, +zu viel geschwiegen. Lebe mir!« + +Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen das Sterben. Johannes +erwartete jedes Erwachen, und ich fühlte mich in seinen Blicken stärker +werden. Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um mich und rettete +mich aus stechenden, phantastischen Fiebernächten. + +Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren in die Welt. Johannes sah +immer beschenkter, strahlender aus. + +Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der Sonne entgegen ging, frug +ich: »Was hättest du getan, Johannes, wenn ich . . . . .« »Ich wäre dir +nachgestorben«, sagte er einfach. »Es gibt nichts, das stärker wäre als +du.« + +»Und dein Werk?«, sagte ich voll Vorwurf und doch in tiefer Angst und +fühlte ihn scheu mit den Blicken an. + +»Bist du nicht mein höchstes Werk?«, rief er heiß. Aber ich zögerte, noch +immer an solche Erhöhung zu glauben, und so warf ich ein: »Ich habe doch +keine Ewigkeit!« + +»Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges Lächeln,« sagte er da, +»und schimmert es morgen zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke +wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer sagt uns, daß er nicht in +irgend einer Arie ewig wird? Nichts geht verloren, alles wird +wiedergeboren, es gibt keine Zeit für die Ewigkeit.« + +Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter träumte. Ich verlor +vor Glück das Gefühl von mir selber, es war mir, als wäre ich Johannes. +Dahlien und Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten Füße. + +»Wie jung wir sind,« rief Johannes verzückt, »und so tief im Leben!« Er +legte die Hände vor das Gesicht, als ob er den Tag nicht ertragen könne, +Tränen fielen durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend, +stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf die Knie. Und wieder gegen +seinen Willen begann es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch mich +warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich hob die verschämten Hände. +Ich hatte noch nie einen Menschen beten sehen. Wie auf italienischen +Bildern die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir hintereinander. + +Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf ihn unsre inbrünstige +Anbetung. + + * * * + +Ich reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich schon Frühling? +Erlebten wir den Winter so stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur +Besinnung kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren so tief ineinander +versenkt, daß wir ganz erstaunt waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns +herein drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf den Zehen durch die +zeitlosen Räume. Johannes arbeitete, und auch von mir forderte er als mein +Lehrer Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, Musik und +Gesprächen. Johannes, Meister auf dem Cello, holte alte vergessene +Italiener, deren Süßigkeit Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt +hatte, hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel über. Zuweilen, +wenn Johannes so neben mir spielte, daß ich glaubte sein Herz in Händen zu +spüren, hob großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. Dann +tadelte Johannes: »Myriel, Myriel, vergiß nicht, daß wir in der Kirche +sind!« + +Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, ich war nur noch Aufruhr +und Element. Ein Instinkt aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich +ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen an Himmel und Erde. +Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an +die Stirne zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen ich noch +dumpf und kämpfend gegenüber stand. + +»Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,« sagte er einmal, »so +würde ich ihn in der durchdachten Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese +Steigerung ist für mich der Tod. Er ist der höchste und raffinierteste +Beweis für Gott. Denn er schließt schon die Ewigkeit in sich ein, da er nur +scheinbar ist. Es gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, eine +Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles Leben heilig. Jedes Geschöpf +verkörpert eine Idee und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz in +sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben daran vorbei. Darum +finde ich: ganz Löwe, Vogel oder irgend ein Tier sein ist mehr, als +Halbtier oder, was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder Mensch +sollte die Möglichkeit und den Willen haben, seiner innern Idee leben zu +können. Dem Menschen kann nicht von außen, sondern einzig von innen +geholfen werden. Man kann sich nur selber erlösen, nie erlöst werden. Aber +vielleicht liegt dies unserm Volke gar nicht mehr. Es ist -- im Gegensatz +zu heißeren Völkern -- viel mehr ein Volk des Leibes denn der Seele +geworden. Vielleicht auch brauchte es doch einen Führer, einen +Vergewaltiger, der mitreißt ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. +Vielleicht müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, um die es von +seinen Scheinbedürfnissen bestohlen wurde. Der Mensch hat zuweilen eine +Insel nötig. Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade Antipoden in +ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. Christus brauchte eine Wüste, um +sich zu überwinden, und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, um die +Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. Der eine verkündete den +Kampf, der andere wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und der +andere ein Menschenideal auf. Aber versagten nicht beider Lehren vor dem +Trieb zur Erde, der immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch immer +auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist eine Erwartung. Bis dahin nach +innen leben und den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, ständen +wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, an zu viel Jugend sterben +können. Aber sieh doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind sie +der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault und verhärtet von Genuß +und Erfahrung. Und mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der +Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen sind! Ach, Schönheit und +Güte sterben immer mehr aus in der Welt!« Er schwieg und sah mich mit +lodernden Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer des Leuchters +tasteten gierig umher. + +»Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,« sagte ich, »ich möchte +ihn bald sterben. Mir ist so, als stünde ich tief innen in Flammen.« +Johannes stand steil und blaß vor mir. »Myriel!« Er hob mich mit liebenden +Armen auf und hielt mich hinaus in die seidene Nacht. + +»Ich verspreche es uns«, flüsterte er und deckte mich mit den weichsten +Blicken zu. + +Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in den Armen des Bruders, in +denen ich am Abend eingeschlafen sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und +seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft über mir. -- Ich +bedeckte erregt mein unbewachtes Gesicht. + +»Was hast du darin gesehen?« frug ich ängstlich. + +»Nichts, Kind, nichts -- außer mir«, lächelte er innig. + + * * * + +Mit dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege weit, dem Mittag entlang bis +zur Dämmerung. Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich die +letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in jenen Stunden hörte ich +schon auf zu sein, da begann meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir. + +Gegen Abend kam Johannes und sagte: »Morgen ist dein Geburtstag, Myriel, +ich will dir ein Fest geben.« + +»Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes«, glühte ich und wußte +erst, wie ich ihn jede Stunde dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige +Stirn zog sich nachdenklich zusammen: »Wir sind auch zu kurz auf der Welt, +Kind, um nur einen Tag mit dem zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen. +Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. Tierhaft ist ihre +Freude, Verliebtheit in ihren Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die +andern zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, maßlosen, +egoistischen Feste der Römer oder der Renaissance, die nur um der Schönheit +willen geschahen, und von denen den Armen nur Schein und Abfall blieb. Ich +denke an jene seelische, adlige Freude, die Schiller und Beethoven meinten +in ihrem Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von Mensch zu +Mensch, die göttlich macht.« + +»Und auch ihr Leid, Johannes?« frug ich; denn ich liebte es, seine +Überlegenheit zu fühlen. + +»Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie haben den großen +Aufschrei verlernt, den Schmerz, der zu Stein und zur Quelle wird. Die +Stadt verengt. Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und das Ohr +der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. Und man hatte Zeit, +unerschöpfliche Zeit. Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. Und +damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man das herrliche Wort: Selig +sind, die hungrig nach Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die +Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen könnte, +unterdrücken sie geschickt in sich und den andern. Sieh doch, wie sie +zusammen leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in ihnen Anbetung +oder Erschütterung von einem zum andern?« Johannes' Mund wurde herb. Ich +wollte zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. Als reichte ich von +der Erde bis zu den Himmeln. Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche +Dehnbarkeit. Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich und +schwarz wurde. Da zitterte ich auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen +verwirrten sich. + +»Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?« frug Johannes. + +Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor das seine und sah mir +eine Ewigkeit lang durch die Augen ins Herz. + +Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür. + +Nach Jahren -- so schien mir -- wurde es Morgen. + + * * * + +Mit dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen Kleid bei Johannes ein. +Seine Augen blendeten mich beinahe, so strahlten sie mich an. + +»Wie weiß du bist!« rief er verzückt. »So muß Dante gefühlt haben, als ihm +Beatrice im >allerweißesten Kleid< begegnete. Wird auch mir aus diesem +Anblick seine rote Vision? Wirst auch du von meinem glühendsten Herzen +essen? Nimm es ganz zum Geburtstag!« + +Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende Gerüche umstanden uns; denn +Johannes hatte die Wände in hängende Gärten verwandelt. + +Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso schnell wieder vergaß. +Johannes hatte mich dazu erzogen, Besitz gering zu achten. Das Eigentliche +aber fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat gebundene +Blätter, die des Bruders Schrift trugen. Ich öffnete sie, noch die Augen an +Johannes, und sah, wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor Schreck +verengte. Doch sagte er mit verhüllter Stimme: »Lies.« + +»Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine Schwester. Du +brauchst nichts weiter mitzunehmen als Deinen Kinderglauben an mich. Auch +mich wird er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit mir selbst. + +Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, die nie eins werden +kann: Bruder und Schwester. Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert +werden dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. So wie unsere +Herzen ineinander getürmt sind, so könnten sich auch eines Tages unsre +Körper erinnern, daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist +unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich nur mit der Seele +besitzen kann. Aber wir sind so glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den +wir nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht nicht durch +uns, wohl aber durch jene enge unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die +Ungewöhnliches ersticken im bürgerlichen Schlamm. + +Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns bringen, wenn sie gelebt +werden. Mir wurde der heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu +Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß ich mich stark, aber morgen +vielleicht überfällt mich mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus +meinen Adern. + +Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein gehen, wie in ein Fest. +Sterben ist ja nur Übergang, ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung +bis zur nächsten Auferstehung -- und die wird unser sein, Geliebte!« -- + +»Johannes« sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete ihn mit Umarmung. + +Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht. Da erfaßte mich maßlose +Gier nach dieser Hand. Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie +schluchzend, verbrennend, als wäre Feuer in mir. + +»Johannes«, rief ich unzählige Male und schmeckte seinen Namen nach wie +Wein. Er spannte die Arme auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man +endlich gefunden hat. + +Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes Gesicht an. + +Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir uns auf voreinander. Blut +überwältigte uns, Bekenntnisse schäumten auf. Ich beichtete die +dunkelroten, flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich jauchzend +in sich, so daß ich nur noch Zittern in seinen Händen war. + +»Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?« stammelte er. Ich +tauchte meinen Mund noch tiefer in den seinen und sagte mit fliehender +Stimme: »Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod. Wir werden an zu +viel Liebe sterben, es gibt keine Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem +Schicksal.« + +Meine Augen glühten den Geliebten an. »Warte mit der Dunkelheit auf mich,« +sang ich ihm zu und verließ ihn, um mich für ihn zu weihen. + +Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und alles von Gott erfahren +werden! Eine Nacht letzter Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt in +dir, Johannes! Mein Heiliger! + +Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende und zerstöre ich euch, +meine Blätter. Mein Weg ging aufwärts! + + + + +Der gläserne Garten + + +Nun ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie damals. Damals, als du +schon stärker in mir warst als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man +das mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart und grob, und die +Dinge der Seele stoßen sich schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den +Wänden deiner Kleider. + +Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir den Schnee, der am Fenster +vorbeifiel, weil unser Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung +stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem Winter wie Sehnsucht zwischen +unsern Herzen, die sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu dir +führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger Engel aus den Marienleben alter +Meister, Worte aus der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach innen, +wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen Hand in Hand im +Grenzenlosen. Aus Angst vor Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem +Ausgesprochenen versuchtest du mich aus überirdischer Stille ins Zimmer +zurückzuzwingen und sagtest: »Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und +Zeit, Venera?« Als Antwort breitete sich über deinen Worten eine +schwermütige Klage aus. Eine Stimme weinte aus der Ferne, sie sang aus dem +Orpheus von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich umsehn nach ihm +und der Vergangenheit, und ich dachte: + +»Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus meiner keuschen Nacht in +euren Morgen trat. Euer Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir +entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber ich sah nicht mehr, wo +es aufhörte und der Garten begann; denn das Fenster war groß.« + +Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über meinen Schmerz +gebreitet hatte, und in der Verwirrung sagte die, die ins Zimmer getreten +war -- nicht ich -- »Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug fährt zurück in +die Stadt«. Denn ich fühlte, du wußtest nicht mehr, was Morgen war. + +Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir lag. Kindsein und Alter, +Lachen und Verzweiflung, Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und +Verderbtes waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß ich deine Schreie +hörte. Komm, sagte ich noch einmal. Da schlug dein Erstaunen über mir +zusammen, und du kamst langsam zwischen den Welten auf mich zu. Wie fühlte +ich da wieder, daß ich dich mehr liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, +um ihn in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig schien, und +schämte mich, daß ich schwach geworden und vor seinem Schatten geweint +hatte die ganze Nacht. + +Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann stärker und immer stärker, +bis das ganze Zimmer erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so viel +Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du kamst mit den Augen auf mich +zu, von der Kraft dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne +erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas im Zimmer, das stärker +ist als wir alle, und ich weiß doch nicht was. + +Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum meine Antwort hören: Es war +ein Opfer. + +Hier hinein gehört dies welke Blatt: + + * * * + +»O Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht in den +gefalteten Händen. Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich +erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du erster Stern all +meiner Abende. Stärker als alle andern durchbrachst du den Horizont. O daß +du am Himmel eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages wirst du +abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen, und ich habe dich nicht +beschützen können! Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern +gehalten, und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du sie bestehen? Ich +zittere und irre durch das Haus. + +Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er rauscht nicht mehr wie +ein fremdländischer Vogel durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der +große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing wie ein Fest, +lächelt sein kristallenes Lächeln. Er spürt dich noch. Er strahlt dich +zurück. Er ist angefüllt von den Variationen des einen Themas: Ylone. Er +glänzt noch von damals, als du das Märchen von der kleinen Seejungfrau +tanztest und am Ende zu Schaum vergingst. + +Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der große Sockel aus +karrarischem Marmor wurde zur Säule des Königsschlosses. -- Was wird nicht +zum Schloß, wenn du dich daran lehnst! -- + +Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz der Sphinx steigt +wieder aus ihm auf, in dem du mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende +versuchtest. + +Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht, aber wenn +ich aus ihr erwache, werde ich sterben müssen. + + * * * + +Ein Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone und Claudio kehren zurück! +Ich kann mich nicht freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück. +Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen denen so viel Ahnung +steht. + +Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit über dem Papier +liegen. Kleine Hecken mit Vögeln dazwischen. + +Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte Steilheit ihrer +Hüften. Die graziösen Rosetten ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme, +die in den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den feinen von den Adern +durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden Halses, und die Pfeiler in den +Kreuzgängen ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein des Schoßes. + +Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen Monde ihrer Augen, um die +die seidenen Strahlen der Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der +Herzensfinsternis meiner Tage. + +Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele! + + * * * + +Ich möchte es auf den Knieen niederschreiben, so heilig ist mir, wenn ich +daran denke. + +Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett verhängten Tage auf +uns zu. Wir erstaunten nicht; es war uns, als ob wir sie schon lange +erwartet hätten. »Sie wundern sich nicht, Ylone,« sagte sie, »daß ich +eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will mich Ihnen doch +erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst, als ich Claudio an Sie verlor; denn er +lebte nur matt in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein +ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. Ich empörte mich gegen Sie. Ich +hatte für ihn gelitten und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch +alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, und trotzdem ich ihn +gerne an sein Glück verlor, stand ich ohne zu begreifen. Mit einer +unsichtbaren Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde Macht auf die Seite +geschoben. + +Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen konnte, und ich +zitterte vor seiner Rückkehr. + +Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie bald in jeder seiner +Veränderungen. Sie waren in jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, +und er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine ließen. Er war hart +und spröde gewesen, aber Sie reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in +sich gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die nicht von der Mutter +kommen konnte. Er war ein verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt +und gestillt. + +Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. Ich lebte von ferne +mit Ihnen beiden; denn das Glück einer Mutter beruht darin, das Leben der +andern zu leben. + +Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt hatte, weil ich ahnte, daß +ich Sie sonst lieben müßte. Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, +schlugen aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit allen Zweigen. Da +mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie mich die Urne sein, in der Sie beide +beschlossen und beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen +Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, und so dachte ich, +daß zwei Menschen, in deren Leben ein Thema singt, verschmelzen sollen zu +einem Gesang, daß sie sich ineinander schütten müssen zu einer Liebe.« + +Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde, tiefe Flammen, die aus +ihrer Seele brannten. Ylone aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt. +Ihr Körper war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung vor +dieser Mutter. + +Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen auf wie zwei Ströme, die +über weite Landschaft fluten. Und um das Haupt der Mutter schwebte ein +goldenes Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott gezeichnet hat +und denen ein Wunder gelang. + + * * * + +Ich brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil ich glaubte, dich dem +Leben nicht vorenthalten zu dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn +hindurchgegangen, bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte. Einzig wir +Frauen wissen tiefer von einander. Der Mann sieht in uns nur sich selbst. +Fremde sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden, auswandern aus dem +irdischen Erlebnis, einziehen in das göttliche, das ohne Körper ist. +Solltest auch du es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als ich diese +sapphische Klage von dir fand: + + Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht. + Wer ist es, der so weinend lacht? + Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen, + Steh ich in meinen uferlosen Tränen. + Des abtrünnigen Schlafs Dämonen + Kommen schon mich zu bewohnen: + Aus männlicher Nacht will ich mich schrein, + Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein, + Du mich entführendes Narzissental! + In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal, + Die von den jungen Inseln nach sich rufen. + Knie mit mir auf antiken Tempelstufen + Um jenes Schicksal, das sie retten kann: + Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann! + +Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich damals vor dem Zusammenbruch +eurer Liebe. Es war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas +angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit seiner Bewegungen, in der +nachlässigen Zerstreutheit, mit der er über dich hinwegdachte, und in der +Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine Gewohnheit, wie den +Alltag hinzunehmen. + +Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend, der Claudio bringen sollte. +Aber du begannst zu früh zu warten, und das hatte dich erschöpft. Ich sah, +wie du schwer ins Zimmer tratest, aber im ersten seiner Blicke äußerste +Anstrengung wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung. Du warst kaum +mehr Du vor Angst. Deine Augen waren die einer Fiebernden, sie waren ganz +weit weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen würde. Aber +ihr wußtet beide nichts von der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub +kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine Gesten, deine Worte, +formtest um und schufst neu. Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war, +in die Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der Minute, +entblößtest alle Menschen, die in dir waren, warst naive +Verständnislosigkeit und greisenhaftes Erkennen. Du warst immer das, was er +im Augenblick brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es war, als +wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn sein, die Neue, die er noch +nicht kannte, um das Ende hinauszuschieben, das du im Untergefühl +fürchtetest. Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit, die dich +nicht schützte vor dir selber und deine Demütigung annahm, weil sie nichts +von ihr wußte. Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst du dich +vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit. Du strichst seine heißen Blicke +aus deinem Herzen und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn klang, +aber ich hörte schon die Abschied schluchzende Nachtigall. + +Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln auf deinem Gesicht alterte. +Und plötzlich begann es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines +Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und welk wie erfrorene Blumen +herab. Du sahst mich, ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das +Flügelschlagen eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm mich zusammen, +damit wir das ertragen konnten, was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde +fester, hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und Dich in mir und +wußte. + +Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid um ihn war klein gegenüber +der turmhohen Scham über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust +bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen. Du wurdest starr und +sicher und wuchsest langsam über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht +folgen konnte. + +Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und gingst fort von ihm in +diesem Brief: + + * * * + +Nun rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich kann nicht im Schweigen +von dir fortgehen. Ich muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, +weil ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich bist als das +Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Ich hatte seit Jahren dein Nahen +gefühlt und war so innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir nicht +einmal das Bild eines anderen Mannes merken konnte. Erwartung hing wie ein +Mantel um mich und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über meinem +Schicksal. + +Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an. + +Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind noch in meinen +Augen. Alle Gedanken, die ich nicht denken konnte, ohne mich vor dir zu +entstellen, schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, den ich liebe, +mußte ich verbergen, weil ich erkannte, daß du das Spiel wolltest, das zu +nichts verpflichtet. Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer dein +Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier vor meine schmerzende +Dunkelheit zu halten. + +Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? Lieber als das wäre ich +durchschaut worden. Warum hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, +und hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem waren? Ahntest du nie, +daß ich neben mir saß mit frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn +ich selber ging langsam vorbei. + +Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren so viele andre in mir, +die darauf warteten, von dir erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre +hundert Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten über die anderen +neunundneunzig hinwegtäuschen, weil deine Liebe nur die eine ertrug. + +Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem Augenblick an, als ich +mich selbst für jene andere verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich +tausendmal mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an mir: die Treue +an mich selbst. + +Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe ich alles gehalten, was +ich dir versprochen, und noch mehr, das, was ich dir nicht versprochen +hatte. Ich habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich verschüttet, +während du nur einige Fingerspitzen der deinen über mich ausstreutest. Ich +verbrannte an meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst; denn +für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung und du lebtest von der +Anbetung. Einer war Gott und einer war Beter. + +Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es gab kaum ein Gefühl, in +dem ich dich allein ließ, und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber +du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten war. Ich bin immer +allein geblieben mit meinem Gefühl, das du aussetztest in die Welt und +dessen Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit. Ich glaube, daß +ich durch dich hindurchmußte, um mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht +habe ich all diese Jahre nur auf mich gewartet. + +Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich nichts mehr mit +meiner Freiheit anzufangen weiß. Ich will nicht warten, bis du dich noch +mehr veränderst, nun, da du begonnen hast, mich in einem Kuß zu entkleiden +und meine Liebe mit Worten zu versuchen. + +Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne Antwort und wieder da +gefunden werden, wo es einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im +anderen so stark werden, daß man nebeneinander stehen kann. Ich will +heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit, und wenn ich auch sieben Jahre um mich +dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich vor dir war. + +Auch an dir habe ich manches verändert, und darum sollst du zurückkehren zu +dir, wie man heimkehrt zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine +Jünglings- und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert und unberührt +wiederfindet. + +Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum. Ach, laß ihn mich noch +einmal träumen! Ich will die Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen. +Tanz war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das Gitter des Regens +und eigener Gefangenschaft. Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse, +die einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in sie und auf die +Insel deines Herzens flüchten. Meine Liebe umspannt dich noch einmal von +Kopf zu Füßen wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen Sonnen- und +Mondblumen säumen, und paradiesische Schmetterlinge sollen vor dir Frühling +tanzen. + +Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege, den du ohne mich +weitergehst, und wenn du dich einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird +dir mein Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten. + +Ich küsse dein Herz ein letztes Mal. + +Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio . . . . + + * * * + +Als die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang auslieferte, habe ich dich +gerächt, Ylone; denn er liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich +hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor allem, daß er dich +genommen und uns beide gemeint hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr +stark an diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete, mein Gefühl +für ihn könnte stärker sein als meine Rache. Ich klammerte mich fest an sie +an. Ich schwieg. Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte, damit +ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er sah mich nicht knien; hinter +künstlich gefrorenen Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen sich in +die Tapete der Wand. + +Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern der Wände +nachschleicht, um ferner von Claudio zu sein. Sterne fielen durch die +Fenster und mein Herz lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht. + +O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer und tiefer in mich +hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr als er, weil ich für uns beide litt. +Da fiel mir rettend der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich begriff +nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf verbinden konnte. Ich +begriff die Treppe nicht, die mich trug; denn ich war so schwer. + +Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog sie fest über mich. +Seine Qual rüttelte an der Tür, die zu ihr führte, und die Fackeln seines +Zorns zuckten durch ihr Glas. + +Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir schrie in der dreizehnten +Stunde. Ich drückte meine Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in +Wirklichkeit? + +Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam unter der Tür auf mich +zu. Ein Blatt des Aufruhrs, Stücke waren herausgeschnitten, wieder +zurückgenommen, weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben schrien +durcheinander und warfen sich gequält über das Papier. Er schrieb: + +»Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese Rache suchst. Bisher war +sie dir nur noch zu leicht erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese +Nacht in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera, ich will lieber +deinen Haß, wenn ich deine Liebe nicht haben kann. Mußt du euch beide +rächen? O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der Distanz! Freilich, +ich habe auch dich in ihr geschändet. Ihr seid eine Einheit, und ich hätte +euch niemals trennen dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt. Du +bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete, das zu übersehen. +O, wie war ich plump, als ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer +Seelen verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich euch auseinander +riß! + +Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal recht. Aber ich +kann euch nicht ganz verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung +zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein Herz und verzeih! So +warte ich auf den Morgen.« Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich +dir schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? Daß ich nicht genug +verhärtet war, um mich seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die +Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich einen Brief schrieb in +jenen Stunden, der mich ihm offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß +ich nur halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und ich floh vor +dem Morgen, bevor er von der Auferstehung meiner Liebe ahnen konnte. + +Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich schäme mich vor uns, +daß die Frau einen Augenblick lang die Freundin überragte. Versuche zu +verstehen, und lies: + +»Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe +an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal +geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine +Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du +nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie +eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber +diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie +überstehen. + +Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe +flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir +gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an +meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und +Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie +jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses +Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich +suchenden Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit +einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben. + +Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche. +Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste +an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der +Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt +brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf; +ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die +Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton +gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen +hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt. +Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich +danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine +Dämmerung haben wird -- denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit -- wenn +sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht: +der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen. + +Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht! +Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele +hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich +dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch +von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe +wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein, +wie ihr Fall vom Himmel. + +Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer +Schnur von Tagen kommen könnte? + +Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben. +Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich +mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu +Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich +erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl! + + * * * + +Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte +das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich +streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter +gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir +meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und +legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas +mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines +Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums. + +Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich +eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu +suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und +unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden. + +Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer. +Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest +dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag in den +schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den +Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch +von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in +einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, +daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das +Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von +weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich +an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie +dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die +du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht +hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der +Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In +diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir +gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum +erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden +vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine +Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich +demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe. + +Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz +zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen +und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine +ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine +Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich dir zart wie +präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel +sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte +diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach +einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel +abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns +viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der +uns unverändert behalten hat. + +So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit +du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm +einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von +neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, +in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns +von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen +wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern +deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet +gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein +Lied: + +Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit +wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und +hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er +erkannt und leise wieder. + +Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu. + +Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . . + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + +***** This file should be named 38505-8.txt or 38505-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38505/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38505-8.zip b/38505-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b23c387 --- /dev/null +++ b/38505-8.zip diff --git a/38505-h.zip b/38505-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bfd6c7e --- /dev/null +++ b/38505-h.zip diff --git a/38505-h/38505-h.htm b/38505-h/38505-h.htm new file mode 100644 index 0000000..d42a1b7 --- /dev/null +++ b/38505-h/38505-h.htm @@ -0,0 +1,2087 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Der gläserne Garten</title> +<!-- AUTHOR="Claire Goll" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-transform:uppercase; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-transform:uppercase; letter-spacing:.1em; text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always} +h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always} +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } + +div.poem { + margin-left:0%; + text-align:left; + text-indent:0; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 20%; margin-right: 0%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.caption { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;} +p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 1%; } + +p.firstwo { text-indent: 0% } +p.first { text-indent: 0% } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} +span.sperr { letter-spacing:.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } + +.leftpic { + float: left; + clear: left; +} +.rightpic { + float: right; + clear: right; +} +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0%; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; } +.trnote ul li { list-style-type: none; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der gläserne Garten + Zwei Novellen + +Author: Claire Goll + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38505] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<h1> +Claire Studer<br /> +<br /> +Der gläserne Garten<br /> +</h1> +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"> +Zwei Novellen +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%"> +<img src="images/logo.jpg" alt="Logo"/> +</div> +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"> +<span class="sperr"> +1919<br /> +</span> +München<br /> +Roland-Verlag Dr. Albert Mundt +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +Eine Liebhaber-Ausgabe von Claire Studer: +Der gläserne Garten wurde im Auftrage des +Roland-Verlages in München-Pasing im +Sommer 1919 in der Offizin von Mandruck, +G. m. b. H. in München, gedruckt. In den Handel +kamen 50 Exemplare, die von I—L numeriert +und vom Verfasser signiert sind. +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +<span class="samll"> +Alle Rechte vom Verfasser und vom Verlag vorbehalten<br /> +Amerik. Copyright by Roland-Verlag München-Pasing 1919 +</span> +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"> +Iwan Goll zu eigen +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 007 --> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Myriel</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">H</span>eute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne +ich diese Blätter um zu sehen, ob mein +Weg auf- oder abwärts führt. +</p> + +<p>Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf +der Welt; denn wir gehören zu jenen Kindern, für die +die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe Johannes mehr +wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles +legen, was ich von seiner heimlichsten Seele spüre, +damit mir nichts an ihm verloren gehe. +</p> + +<p>Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als +wäre er nie Knabe gewesen; denn solange ich Erinnerung +habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir haben +immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen +kann, ist Johannes neben mir, nein, in mir. Seit +meinem ersten Weinen leiden wir zusammen, seit +meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe +nie gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß +meine Liebe viel größer ist wie ich selber und kaum +in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich nachts +vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn +ich hatte plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die +halbe Nacht und wagte nicht hineinzugehen. Ich +fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen +hätte er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich +kleiner war, bin ich des Nachts immer zu ihm gekommen. +Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen +Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an +sein Herz. Aber eines Nachts — ich war damals vierzehn +Jahre alt — veränderte er sich. Seine Stimme +war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir +vorbei und sagte: „Myriel, kleine liebe Myriel, geh +<!-- page 008 --> +nicht mehr durch die Nacht zu mir!“ Er sah wie ein +Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand +keine Frage. Stechender Schmerz trug mich hinaus. +Ich kniete an seiner kalten Tür und horchte zu ihm +hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte +einen Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes +weinte! Wen beweinte er, weinte er um +mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel +umher, das er plötzlich um uns gebreitet hatte, und +stieß mich wund an meinen Ahnungen. Ohne zu +verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, +seinen Worten aus. Dann fanden wir uns wieder +in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher +für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, +und aus ihnen legte er mir mit seiner Stimme, +die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch zu +klein war. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 009 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">E</span>inmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter +einem hohen, lauschenden Baum und ich erwartete, +daß die Zweige sich alsbald mit tausend bunten +Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich +sonst vor der Nähe des Menschen flüchten, zärtlich +und liebend um seine Füße geschlichen kämen. Auch +die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder +kam das von all den heißen Blumen, die sie trug? +Jedenfalls, ich glaubte immer fester an ein Wunder, +vergaß ihm zuzuhören und erwartete. +</p> + +<p>„Woran denkst du?“ unterbrach er, als er meine Abwesenheit +bemerkte. „Ich denke an Franz von Assisi“, +sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte mich +sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem +Baum in die Höhe: +</p> + +<p>„Kind,“ sagte er, „Kind, du weißt nicht, wie sehr ich +auf der Erde bin.“ Und er küßte mir mit frommem +Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn mir +schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich +kletterte verstört den Baum hinauf. Oben vergaß ich +alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war +wieder Spiel und Tollheit. +</p> + +<p>Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater +liegt immer über seinen Büchern, und Mutter, meine +schöne, junge Mutter ist stets fern und abwesend, +beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht +körperlich da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie +zerrinnt förmlich unter einer Berührung, die mein kindliches +Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt +sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem +zugewandt. In den Tönen fängt sie an und +dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann. +Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes +<!-- page 010 --> +und ich wagen es kaum, sie mit Worten zu betasten. +Mutter erscheint mir einem jener leisen Bilder entstiegen, +zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine +Stunden zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in +den großen Galerien. Ich träume, daß sie als eine +dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen +kam und durch uns hindurch geht in die Zukunft; +denn solche Frauen sind zeitlos. +</p> + +<p>Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes +des Dürer. Ich liebe seine hohe Stirn, die ganz aus +Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich mir +immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, +ausgesehen haben muß. Wie komme ich dazu, +diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem unbewußten, +russischen Gottesknaben zu verbinden? +Vielleicht, weil sie beide Heilige sind? Und wir Mädchen +nun einmal einen Heiligen, eine Anbetung +brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem +Johannes und innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, +denn er hat die Reinheit der beiden? Oder vielleicht, +weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen +nicht nur lesen, sondern erleben will? +</p> + +<p>Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich +bei Johannes manchmal verläßt. Diesem Bild vertraue +ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an. +Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß +er nicht der Erste und Einzige wäre, zu dem ich mit +meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal, +wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch +ankam, flüsterte er: +</p> + +<p>„Ah, man hat mich betrogen, Myriel!“ +</p> + +<p>Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in +seiner Stimme, daß ich vor schäumender Erregung +<!-- page 011 --> +nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch: +„Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna +Quijota?“ „Ja“, sagte ich und hatte Lust, auch gegen +ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit +Pathos deklamieren: „O laßt mich scheinen, bis ich +werde!“ Hatte ich es gesagt, um Eindruck auf Johannes +zu machen? Alles lachte, sogar Johannes lächelte +sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. +Vater sagte: „Das kommt davon, wenn man die Kinder +zu früh mit Goethe spielen läßt.“ Aber ich war +schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit +eines Baumes. Ich begrub mein Gesicht in +den Händen und schluchzte, daß sogar er, sogar +Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen +leisen Gang. Zärtlich hob er mich zu sich auf. „Liebling,“ +sagte er mit behutsamer Stimme, „verzeih mir, +daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich dieselbe +Gemeinheit beging wie alle Alten.“ Er streichelte +mich mit den Augen. +</p> + +<p>„Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht +wir Jungen, Myriel, wir, die wir noch Rausch und +Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen +schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend +lehrt? Nein, laß diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei +hell und lächle mir wieder, Schwester!“ +</p> + +<p>Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein +Weinen löste sich in große Versöhnung auf, und wir +gingen Hand in Hand hinaus durch die Nachmittagswelt +Abend und Sternen entgegen. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 012 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. +Was könnte er wohl auch anderes sein? Manchmal +liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle Vögel +der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen +Kantaten aus seinem Mund, und morgen schon kann +er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel sein. +Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu +leisem Lied oder stürmendem Schicksal, sind gläserne +Mauern um ihn. Ich sehe sein verwüstetes, zerpeitschtes +Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so +entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt +und von alter Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange +auf ihn warten, das war damals, als er das große Buch +vom „Neuen Menschen“ schrieb. Es war eine glühende +Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt +der Väter, Umsturz, Verleugnung alles Ererbten, +Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war viel +Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. +Ich frug ihn einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen +Menschen gibt. +</p> + +<p>„Nein,“ sagte er, „was wir geben können, ist immer +nur die Sehnsucht nach solchen Menschen; denn im +Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den +inneren Helden, nicht den der Faust.“ +</p> + +<p>„Du bist mein Held,“ sagte ich kindisch und umschlang +ihn mit wilder Kraft. Er ließ meine Umarmung +geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah +mich mit blinden Blicken an. +</p> + +<p>„Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, +Myriel; denn das Leben erwartet dich.“ +</p> + +<p>„Dich, Johannes,“ schrie ich auf, „dich wird es mir +nehmen!“ +</p> + +<p>Sein Blick betäubte mich: +</p> +<!-- page 013 --> + +<p>„Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig +meine Schwester wärst, dich hätte ich überall +gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte ich +mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. +Ich habe nie begriffen, wie Menschen plötzlich +ineinanderfliegen können, ohne mehr voneinander +zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften +sich nicht durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen +nichts von ihren Kindheiten, nicht die tausend Übergänge, +die den Menschen und sein Wesen machen, +und so stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht +gegenüber.“ +</p> + +<p>„Johannes,“ sagte ich da und verlangte nach seiner +Nähe wie nie zuvor — trotzdem wir nur diesen Gedanken +voneinander getrennt waren —. „Johannes, +wie du mich durch deine Liebe erhöhst!“ Und da +geschah mir etwas Heiliges: Er kam auf mich zu und +schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes. +</p> + +<p>An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem +Gefühl, und meine Finger sangen alles, was +sie von Chopin und Sehnsucht wußten. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 014 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">E</span>ines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes +wußte. Ich erschrak tief. Ich sah die helle Wölbung +seiner Stirn und die Tore der Brauen über dem großen +Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen +Mund, der soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine +weißen, verhaltenen Hände und nahm alle Gegenstände in +meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, +und küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte +Haar und seinen von aller Erde befreiten Gang. +Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach +und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf +mich dem Abend entgegen, rannte die Bäume an im +Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir war, als +schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, +mein Körper aber würde immer kleiner und aufgelöster. +Die Beine waren stumpf, wie abgebrochen, +es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl +zerriß mich. Ich weinte und lachte durcheinander. +Und dann auf einmal begann ich mich zu schämen, +zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz +anders war wie Johannes. Auch fing ich mit Gott zu +reden an, stürmisch und wirr und mir selber nur halb +bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man +um ein Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm +meine Anbetung zu entziehen. Meine Gedanken +wurden immer schwindliger, unzusammenhängender. +Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und +das Haus schien um viele Tage fortgerückt, alles hatte +ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause vergrub ich +mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. +Da sah ich, daß meine Tage gekommen waren und +das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich mich allein auf +der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes! +</p> +<!-- page 015 --> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>m andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die +Galerie. Ich sah mir zum ersten Mal mit Bewußtheit +nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich hatte +mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht. +</p> + +<p>Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken +zu berühren. Wie ein Verrat erschien es mir, +daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern +mit allen Männern soviel Häßlichkeit — wie ich es +nannte — gemeinsam haben sollte. +</p> + +<p>Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher +hatte ich eigentlich immer an mir vorbei gesehen. Jetzt +prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich mich, +als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich +verhüllte sie mit meinem langen, finstern Haar, und +am andern Tag zog ich eine große Schürze an, hinter +der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht +tadelte mich Johannes, der unpersönliche Kleider +haßte und in der Intimität des Hauses niemals jene +charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit +eingenäht ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß +er sich eines Tages erinnern würde, daß ich ein Mädchen +bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden +könnte. +</p> + +<p>Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick +flog untersuchend über mich und meine Verkleidung +hin. +</p> + +<p>„Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?“ +frug er streng. Da riß ich die Schürze ab und die Kleider +und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit einem +jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem +Blick sah ich, daß ich schön war. Johannes aber +schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder verwirrte, +und ich wünschte zehntausend Kleider über mich. +<!-- page 016 --> +Johannes mochte fühlen, daß es noch über meine +Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur Erde, küßte +meinen Fuß und ging schnell hinaus. +</p> + +<p>Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach +ich mir, dem Bruder immer jede Freude zu schenken, +die in mir wäre. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 017 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>er kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende +Krankheit. Für Wochen hörte alles auf zu sein. Der +Tod war ganz in der Nähe. Durch die Dunkelheiten +des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden +Augen des Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes +Gesicht dem meinen und murmelte mit kranker +Stimme: „Liebe so stark du kannst, dann gibt es +kein Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir +zu wenig Freuden gemacht, zu viel geschwiegen. +Lebe mir!“ +</p> + +<p>Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen +das Sterben. Johannes erwartete jedes Erwachen, und +ich fühlte mich in seinen Blicken stärker werden. +Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um +mich und rettete mich aus stechenden, phantastischen +Fiebernächten. +</p> + +<p>Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren +in die Welt. Johannes sah immer beschenkter, strahlender +aus. +</p> + +<p>Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der +Sonne entgegen ging, frug ich: „Was hättest du getan, +Johannes, wenn ich . . . . .“ „Ich wäre dir nachgestorben“, +sagte er einfach. „Es gibt nichts, das +stärker wäre als du.“ +</p> + +<p>„Und dein Werk?“, sagte ich voll Vorwurf und doch +in tiefer Angst und fühlte ihn scheu mit den Blicken +an. +</p> + +<p>„Bist du nicht mein höchstes Werk?“, rief er heiß. +Aber ich zögerte, noch immer an solche Erhöhung +zu glauben, und so warf ich ein: „Ich habe doch keine +Ewigkeit!“ +</p> + +<p>„Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges +Lächeln,“ sagte er da, „und schimmert es morgen +<!-- page 018 --> +zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke +wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer +sagt uns, daß er nicht in irgend einer Arie ewig wird? +Nichts geht verloren, alles wird wiedergeboren, es +gibt keine Zeit für die Ewigkeit.“ +</p> + +<p>Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter +träumte. Ich verlor vor Glück das Gefühl von mir +selber, es war mir, als wäre ich Johannes. Dahlien und +Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten +Füße. +</p> + +<p>„Wie jung wir sind,“ rief Johannes verzückt, „und so +tief im Leben!“ Er legte die Hände vor das Gesicht, +als ob er den Tag nicht ertragen könne, Tränen fielen +durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend, +stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf +die Knie. Und wieder gegen seinen Willen begann +es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch +mich warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich +hob die verschämten Hände. Ich hatte noch nie einen +Menschen beten sehen. Wie auf italienischen Bildern +die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir +hintereinander. +</p> + +<p>Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf +ihn unsre inbrünstige Anbetung. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 019 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich +schon Frühling? Erlebten wir den Winter so +stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur Besinnung +kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren +so tief ineinander versenkt, daß wir ganz erstaunt +waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns herein +drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf +den Zehen durch die zeitlosen Räume. Johannes +arbeitete, und auch von mir forderte er als mein Lehrer +Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, +Musik und Gesprächen. Johannes, Meister auf dem +Cello, holte alte vergessene Italiener, deren Süßigkeit +Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt hatte, +hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel +über. Zuweilen, wenn Johannes so neben mir spielte, +daß ich glaubte sein Herz in Händen zu spüren, hob +großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. +Dann tadelte Johannes: „Myriel, Myriel, vergiß nicht, +daß wir in der Kirche sind!“ +</p> + +<p>Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, +ich war nur noch Aufruhr und Element. Ein Instinkt +aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich +ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen +an Himmel und Erde. Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes +nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an die Stirne +zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen +ich noch dumpf und kämpfend gegenüber stand. +</p> + +<p>„Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,“ +sagte er einmal, „so würde ich ihn in der durchdachten +Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese Steigerung +ist für mich der Tod. Er ist der höchste und +raffinierteste Beweis für Gott. Denn er schließt schon +die Ewigkeit in sich ein, da er nur scheinbar ist. Es +<!-- page 020 --> +gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, +eine Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles +Leben heilig. Jedes Geschöpf verkörpert eine Idee +und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz +in sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben +daran vorbei. Darum finde ich: ganz Löwe, Vogel +oder irgend ein Tier sein ist mehr, als Halbtier oder, +was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder +Mensch sollte die Möglichkeit und den Willen haben, +seiner innern Idee leben zu können. Dem Menschen +kann nicht von außen, sondern einzig von innen geholfen +werden. Man kann sich nur selber erlösen, +nie erlöst werden. Aber vielleicht liegt dies unserm +Volke gar nicht mehr. Es ist — im Gegensatz zu +heißeren Völkern — viel mehr ein Volk des Leibes +denn der Seele geworden. Vielleicht auch brauchte +es doch einen Führer, einen Vergewaltiger, der mitreißt +ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. Vielleicht +müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, +um die es von seinen Scheinbedürfnissen bestohlen +wurde. Der Mensch hat zuweilen eine Insel nötig. +Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade +Antipoden in ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. +Christus brauchte eine Wüste, um sich zu überwinden, +und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, +um die Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. +Der eine verkündete den Kampf, der andere +wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und +der andere ein Menschenideal auf. Aber versagten +nicht beider Lehren vor dem Trieb zur Erde, der +immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch +immer auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist +eine Erwartung. Bis dahin nach innen leben und +<!-- page 021 --> +den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, +ständen wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, +an zu viel Jugend sterben können. Aber sieh +doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind +sie der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault +und verhärtet von Genuß und Erfahrung. Und +mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der +Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen +sind! Ach, Schönheit und Güte sterben immer mehr +aus in der Welt!“ Er schwieg und sah mich mit lodernden +Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer +des Leuchters tasteten gierig umher. +</p> + +<p>„Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,“ +sagte ich, „ich möchte ihn bald sterben. Mir ist so, +als stünde ich tief innen in Flammen.“ Johannes stand +steil und blaß vor mir. „Myriel!“ Er hob mich mit +liebenden Armen auf und hielt mich hinaus in die +seidene Nacht. +</p> + +<p>„Ich verspreche es uns“, flüsterte er und deckte mich +mit den weichsten Blicken zu. +</p> + +<p>Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in +den Armen des Bruders, in denen ich am Abend eingeschlafen +sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und +seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft +über mir. — Ich bedeckte erregt mein unbewachtes +Gesicht. +</p> + +<p>„Was hast du darin gesehen?“ frug ich ängstlich. +</p> + +<p>„Nichts, Kind, nichts — außer mir“, lächelte er innig. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 022 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">M</span>it dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege +weit, dem Mittag entlang bis zur Dämmerung. +Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich +die letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in +jenen Stunden hörte ich schon auf zu sein, da begann +meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir. +</p> + +<p>Gegen Abend kam Johannes und sagte: „Morgen ist +dein Geburtstag, Myriel, ich will dir ein Fest geben.“ +</p> + +<p>„Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes“, +glühte ich und wußte erst, wie ich ihn jede Stunde +dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige Stirn zog +sich nachdenklich zusammen: „Wir sind auch zu +kurz auf der Welt, Kind, um nur einen Tag mit dem +zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen. +Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. +Tierhaft ist ihre Freude, Verliebtheit in ihren +Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die andern +zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, +maßlosen, egoistischen Feste der Römer oder der +Renaissance, die nur um der Schönheit willen +geschahen, und von denen den Armen nur Schein +und Abfall blieb. Ich denke an jene seelische, adlige +Freude, die Schiller und Beethoven meinten in ihrem +Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von +Mensch zu Mensch, die göttlich macht.“ +</p> + +<p>„Und auch ihr Leid, Johannes?“ frug ich; denn ich +liebte es, seine Überlegenheit zu fühlen. +</p> + +<p>„Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie +haben den großen Aufschrei verlernt, den Schmerz, +der zu Stein und zur Quelle wird. Die Stadt verengt. +Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und +das Ohr der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. +Und man hatte Zeit, unerschöpfliche Zeit. +<!-- page 023 --> +Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. +Und damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man +das herrliche Wort: Selig sind, die hungrig nach +Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die +Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen +könnte, unterdrücken sie geschickt in sich +und den andern. Sieh doch, wie sie zusammen +leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in +ihnen Anbetung oder Erschütterung von einem zum +andern?“ Johannes’ Mund wurde herb. Ich wollte +zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. +Als reichte ich von der Erde bis zu den Himmeln. +Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche Dehnbarkeit. +Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich +und schwarz wurde. Da zitterte ich +auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen verwirrten +sich. +</p> + +<p>„Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?“ +frug Johannes. +</p> + +<p>Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor +das seine und sah mir eine Ewigkeit lang durch die +Augen ins Herz. +</p> + +<p>Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür. +</p> + +<p>Nach Jahren — so schien mir — wurde es Morgen. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 024 --> + +<p class="first"><span class="firstchar">M</span>it dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen +Kleid bei Johannes ein. Seine Augen blendeten +mich beinahe, so strahlten sie mich an. +</p> + +<p>„Wie weiß du bist!“ rief er verzückt. „So muß Dante +gefühlt haben, als ihm Beatrice im ‚allerweißesten +Kleid‘ begegnete. Wird auch mir aus diesem Anblick +seine rote Vision? Wirst auch du von meinem +glühendsten Herzen essen? Nimm es ganz zum +Geburtstag!“ +</p> + +<p>Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende +Gerüche umstanden uns; denn Johannes hatte die +Wände in hängende Gärten verwandelt. +</p> + +<p>Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso +schnell wieder vergaß. Johannes hatte mich dazu erzogen, +Besitz gering zu achten. Das Eigentliche aber +fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat +gebundene Blätter, die des Bruders Schrift trugen. +Ich öffnete sie, noch die Augen an Johannes, und sah, +wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor +Schreck verengte. Doch sagte er mit verhüllter +Stimme: „Lies.“ +</p> + +<p>„Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine +Schwester. Du brauchst nichts weiter mitzunehmen +als Deinen Kinderglauben an mich. Auch mich wird +er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit +mir selbst. +</p> + +<p>Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, +die nie eins werden kann: Bruder und Schwester. +Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert werden +dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. +So wie unsere Herzen ineinander getürmt sind, so +könnten sich auch eines Tages unsre Körper erinnern, +daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist +<!-- page 025 --> +unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich +nur mit der Seele besitzen kann. Aber wir sind so +glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den wir +nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht +nicht durch uns, wohl aber durch jene enge +unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die Ungewöhnliches +ersticken im bürgerlichen Schlamm. +</p> + +<p>Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns +bringen, wenn sie gelebt werden. Mir wurde der +heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu +Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß +ich mich stark, aber morgen vielleicht überfällt mich +mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus meinen +Adern. +</p> + +<p>Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein +gehen, wie in ein Fest. Sterben ist ja nur Übergang, +ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung bis zur +nächsten Auferstehung — und die wird unser sein, +Geliebte!“ — +</p> + +<p>„Johannes“ sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete +ihn mit Umarmung. +</p> + +<p>Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht. +Da erfaßte mich maßlose Gier nach dieser Hand. +Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie schluchzend, +verbrennend, als wäre Feuer in mir. +</p> + +<p>„Johannes“, rief ich unzählige Male und schmeckte +seinen Namen nach wie Wein. Er spannte die Arme +auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man +endlich gefunden hat. +</p> + +<p>Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes +Gesicht an. +</p> + +<p>Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir +uns auf voreinander. Blut überwältigte uns, Bekenntnisse +<!-- page 026 --> +schäumten auf. Ich beichtete die dunkelroten, +flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich +jauchzend in sich, so daß ich nur noch Zittern in +seinen Händen war. +</p> + +<p>„Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?“ +stammelte er. Ich tauchte meinen Mund noch tiefer +in den seinen und sagte mit fliehender Stimme: +„Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod. +Wir werden an zu viel Liebe sterben, es gibt keine +Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem +Schicksal.“ +</p> + +<p>Meine Augen glühten den Geliebten an. „Warte mit +der Dunkelheit auf mich,“ sang ich ihm zu und verließ +ihn, um mich für ihn zu weihen. +</p> + +<p>Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und +alles von Gott erfahren werden! Eine Nacht letzter +Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt +in dir, Johannes! Mein Heiliger! +</p> + +<p>Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende +und zerstöre ich euch, meine Blätter. Mein Weg +ging aufwärts! +</p> +<!-- page 027 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der gläserne Garten</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie +damals. Damals, als du schon stärker in mir warst +als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man das +mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart +und grob, und die Dinge der Seele stoßen sich +schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den Wänden +deiner Kleider. +</p> + +<p>Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir +den Schnee, der am Fenster vorbeifiel, weil unser +Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung +stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem +Winter wie Sehnsucht zwischen unsern Herzen, die +sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu +dir führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger +Engel aus den Marienleben alter Meister, Worte aus +der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach +innen, wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen +Hand in Hand im Grenzenlosen. Aus Angst vor +Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem Ausgesprochenen +versuchtest du mich aus überirdischer +Stille ins Zimmer zurückzuzwingen und sagtest: +„Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und +Zeit, Venera?“ Als Antwort breitete sich über deinen +Worten eine schwermütige Klage aus. Eine Stimme +weinte aus der Ferne, sie sang aus dem Orpheus +von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich +umsehn nach ihm und der Vergangenheit, und ich +dachte: +</p> + +<p>„Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus +meiner keuschen Nacht in euren Morgen trat. Euer +Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir +<!-- page 028 --> +entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber +ich sah nicht mehr, wo es aufhörte und der Garten +begann; denn das Fenster war groß.“ +</p> + +<p>Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über +meinen Schmerz gebreitet hatte, und in der Verwirrung +sagte die, die ins Zimmer getreten war — +nicht ich — „Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug +fährt zurück in die Stadt“. Denn ich fühlte, du wußtest +nicht mehr, was Morgen war. +</p> + +<p>Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir +lag. Kindsein und Alter, Lachen und Verzweiflung, +Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und Verderbtes +waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß +ich deine Schreie hörte. Komm, sagte ich noch einmal. +Da schlug dein Erstaunen über mir zusammen, +und du kamst langsam zwischen den Welten auf +mich zu. Wie fühlte ich da wieder, daß ich dich mehr +liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, um ihn +in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig +schien, und schämte mich, daß ich schwach geworden +und vor seinem Schatten geweint hatte die +ganze Nacht. +</p> + +<p>Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann +stärker und immer stärker, bis das ganze Zimmer +erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so +viel Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du +kamst mit den Augen auf mich zu, von der Kraft +dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne +erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas +im Zimmer, das stärker ist als wir alle, und ich weiß +doch nicht was. +</p> + +<p>Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum +meine Antwort hören: Es war ein Opfer. +</p> +<!-- page 029 --> + +<p>Hier hinein gehört dies welke Blatt: +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">„O</span> Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer +letzten Nacht in den gefalteten Händen. +Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich +erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du +erster Stern all meiner Abende. Stärker als alle andern +durchbrachst du den Horizont. O daß du am Himmel +eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages +wirst du abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen, +und ich habe dich nicht beschützen können! +Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern gehalten, +und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du +sie bestehen? Ich zittere und irre durch das Haus. +</p> + +<p>Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er +rauscht nicht mehr wie ein fremdländischer Vogel +durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der +große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing +wie ein Fest, lächelt sein kristallenes Lächeln. Er +spürt dich noch. Er strahlt dich zurück. Er ist angefüllt +von den Variationen des einen Themas: Ylone. +Er glänzt noch von damals, als du das Märchen von +der kleinen Seejungfrau tanztest und am Ende zu +Schaum vergingst. +</p> + +<p>Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der +große Sockel aus karrarischem Marmor wurde zur +Säule des Königsschlosses. — Was wird nicht zum +Schloß, wenn du dich daran lehnst! — +</p> + +<p>Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz +der Sphinx steigt wieder aus ihm auf, in dem du +mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende versuchtest. +</p> + +<p>Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer +<!-- page 030 --> +letzten Nacht, aber wenn ich aus ihr erwache, werde +ich sterben müssen. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone +und Claudio kehren zurück! Ich kann mich nicht +freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück. +Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen +denen so viel Ahnung steht. +</p> + +<p>Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit +über dem Papier liegen. Kleine Hecken +mit Vögeln dazwischen. +</p> + +<p>Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte +Steilheit ihrer Hüften. Die graziösen Rosetten +ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme, die in +den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den +feinen von den Adern durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden +Halses, und die Pfeiler in den Kreuzgängen +ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein +des Schoßes. +</p> + +<p>Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen +Monde ihrer Augen, um die die seidenen Strahlen der +Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der Herzensfinsternis +meiner Tage. +</p> + +<p>Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele! +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch möchte es auf den Knieen niederschreiben, so +heilig ist mir, wenn ich daran denke. +</p> + +<p>Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett +verhängten Tage auf uns zu. Wir erstaunten nicht; +es war uns, als ob wir sie schon lange erwartet hätten. +„Sie wundern sich nicht, Ylone,“ sagte sie, „daß ich +eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will +mich Ihnen doch erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst, +<!-- page 031 --> +als ich Claudio an Sie verlor; denn er lebte nur matt +in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein +ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. +Ich empörte mich gegen Sie. Ich hatte für ihn gelitten +und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch +alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, +und trotzdem ich ihn gerne an sein Glück verlor, +stand ich ohne zu begreifen. Mit einer unsichtbaren +Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde +Macht auf die Seite geschoben. +</p> + +<p>Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen +konnte, und ich zitterte vor seiner Rückkehr. +</p> + +<p>Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie +bald in jeder seiner Veränderungen. Sie waren in +jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, und +er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine +ließen. Er war hart und spröde gewesen, aber Sie +reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in sich +gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die +nicht von der Mutter kommen konnte. Er war ein +verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt +und gestillt. +</p> + +<p>Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. +Ich lebte von ferne mit Ihnen beiden; denn das Glück +einer Mutter beruht darin, das Leben der andern zu +leben. +</p> + +<p>Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt +hatte, weil ich ahnte, daß ich Sie sonst lieben müßte. +Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, schlugen +aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit +allen Zweigen. Da mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie +mich die Urne sein, in der Sie beide beschlossen und +beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen +<!-- page 032 --> +Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, +und so dachte ich, daß zwei Menschen, in deren Leben +ein Thema singt, verschmelzen sollen zu einem Gesang, +daß sie sich ineinander schütten müssen zu +einer Liebe.“ +</p> + +<p>Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde, +tiefe Flammen, die aus ihrer Seele brannten. Ylone +aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt. Ihr Körper +war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung +vor dieser Mutter. +</p> + +<p>Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen +auf wie zwei Ströme, die über weite Landschaft fluten. +Und um das Haupt der Mutter schwebte ein goldenes +Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott +gezeichnet hat und denen ein Wunder gelang. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil +ich glaubte, dich dem Leben nicht vorenthalten zu +dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn hindurchgegangen, +bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte. +Einzig wir Frauen wissen tiefer von einander. +Der Mann sieht in uns nur sich selbst. Fremde +sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden, +auswandern aus dem irdischen Erlebnis, einziehen in +das göttliche, das ohne Körper ist. Solltest auch du +es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als +ich diese sapphische Klage von dir fand: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht.</p> +<p class="line">Wer ist es, der so weinend lacht?</p> +<p class="line">Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen,</p> +<p class="line">Steh ich in meinen uferlosen Tränen. +</p> +<!-- page 033 --> +<p class="line">Des abtrünnigen Schlafs Dämonen</p> +<p class="line">Kommen schon mich zu bewohnen:</p> +<p class="line">Aus männlicher Nacht will ich mich schrein,</p> +<p class="line">Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein,</p> +<p class="line">Du mich entführendes Narzissental!</p> +<p class="line">In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal,</p> +<p class="line">Die von den jungen Inseln nach sich rufen.</p> +<p class="line">Knie mit mir auf antiken Tempelstufen</p> +<p class="line">Um jenes Schicksal, das sie retten kann:</p> +<p class="line">Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann!</p> +</div> + +<p class="noindent">Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich +damals vor dem Zusammenbruch eurer Liebe. Es +war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas +angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit +seiner Bewegungen, in der nachlässigen Zerstreutheit, +mit der er über dich hinwegdachte, und in der +Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine +Gewohnheit, wie den Alltag hinzunehmen. +</p> + +<p>Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend, +der Claudio bringen sollte. Aber du begannst zu +früh zu warten, und das hatte dich erschöpft. +Ich sah, wie du schwer ins Zimmer tratest, aber +im ersten seiner Blicke äußerste Anstrengung +wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung. +Du warst kaum mehr Du vor Angst. Deine Augen +waren die einer Fiebernden, sie waren ganz weit +weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen +würde. Aber ihr wußtet beide nichts von +der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub +kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine +Gesten, deine Worte, formtest um und schufst neu. +<!-- page 034 --> +Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war, in die +Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der +Minute, entblößtest alle Menschen, die in dir waren, +warst naive Verständnislosigkeit und greisenhaftes +Erkennen. Du warst immer das, was er im Augenblick +brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es +war, als wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn +sein, die Neue, die er noch nicht kannte, um das Ende +hinauszuschieben, das du im Untergefühl fürchtetest. +Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit, +die dich nicht schützte vor dir selber und deine +Demütigung annahm, weil sie nichts von ihr wußte. +Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst +du dich vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit. +Du strichst seine heißen Blicke aus deinem Herzen +und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn +klang, aber ich hörte schon die Abschied schluchzende +Nachtigall. +</p> + +<p>Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln +auf deinem Gesicht alterte. Und plötzlich begann +es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines +Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und +welk wie erfrorene Blumen herab. Du sahst mich, +ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das Flügelschlagen +eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm +mich zusammen, damit wir das ertragen konnten, +was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde fester, +hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und +Dich in mir und wußte. +</p> + +<p>Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid +um ihn war klein gegenüber der turmhohen Scham +über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust +bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen. +<!-- page 035 --> +Du wurdest starr und sicher und wuchsest langsam +über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht folgen +konnte. +</p> + +<p>Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und +gingst fort von ihm in diesem Brief: +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich +kann nicht im Schweigen von dir fortgehen. Ich +muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, weil +ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich +bist als das Bild, das ich mir von dir gemacht habe. +Ich hatte seit Jahren dein Nahen gefühlt und war so +innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir +nicht einmal das Bild eines anderen Mannes merken +konnte. Erwartung hing wie ein Mantel um mich +und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über +meinem Schicksal. +</p> + +<p>Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an. +</p> + +<p>Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind +noch in meinen Augen. Alle Gedanken, die ich nicht +denken konnte, ohne mich vor dir zu entstellen, +schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, +den ich liebe, mußte ich verbergen, weil ich erkannte, +daß du das Spiel wolltest, das zu nichts verpflichtet. +Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer +dein Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier +vor meine schmerzende Dunkelheit zu halten. +</p> + +<p>Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? +Lieber als das wäre ich durchschaut worden. Warum +hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, und +hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem +waren? Ahntest du nie, daß ich neben mir saß mit +<!-- page 036 --> +frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn +ich selber ging langsam vorbei. +</p> + +<p>Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren +so viele andre in mir, die darauf warteten, von dir +erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre hundert +Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten +über die anderen neunundneunzig hinwegtäuschen, +weil deine Liebe nur die eine ertrug. +</p> + +<p>Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem +Augenblick an, als ich mich selbst für jene andere +verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich tausendmal +mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an +mir: die Treue an mich selbst. +</p> + +<p>Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe +ich alles gehalten, was ich dir versprochen, und noch +mehr, das, was ich dir nicht versprochen hatte. Ich +habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich +verschüttet, während du nur einige Fingerspitzen der +deinen über mich ausstreutest. Ich verbrannte an +meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst; +denn für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung +und du lebtest von der Anbetung. Einer war Gott +und einer war Beter. +</p> + +<p>Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es +gab kaum ein Gefühl, in dem ich dich allein ließ, +und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber +du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten +war. Ich bin immer allein geblieben mit meinem +Gefühl, das du aussetztest in die Welt und dessen +Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit. +Ich glaube, daß ich durch dich hindurchmußte, um +mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht habe ich all +diese Jahre nur auf mich gewartet. +</p> +<!-- page 037 --> + +<p>Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich +nichts mehr mit meiner Freiheit anzufangen weiß. +Ich will nicht warten, bis du dich noch mehr veränderst, +nun, da du begonnen hast, mich in einem +Kuß zu entkleiden und meine Liebe mit Worten zu +versuchen. +</p> + +<p>Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne +Antwort und wieder da gefunden werden, wo es +einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im +anderen so stark werden, daß man nebeneinander +stehen kann. Ich will heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit, +und wenn ich auch sieben Jahre um mich +dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich +vor dir war. +</p> + +<p>Auch an dir habe ich manches verändert, und darum +sollst du zurückkehren zu dir, wie man heimkehrt +zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine Jünglings- +und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert +und unberührt wiederfindet. +</p> + +<p>Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum. +Ach, laß ihn mich noch einmal träumen! Ich will die +Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen. Tanz +war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das +Gitter des Regens und eigener Gefangenschaft. +Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse, die +einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in +sie und auf die Insel deines Herzens flüchten. Meine +Liebe umspannt dich noch einmal von Kopf zu Füßen +wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen +Sonnen- und Mondblumen säumen, und paradiesische +Schmetterlinge sollen vor dir Frühling tanzen. +</p> + +<p>Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege, +den du ohne mich weitergehst, und wenn du dich +<!-- page 038 --> +einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird dir mein +Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten. +</p> + +<p>Ich küsse dein Herz ein letztes Mal. +</p> + +<p>Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio . . . . +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang +auslieferte, habe ich dich gerächt, Ylone; denn er +liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich +hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor +allem, daß er dich genommen und uns beide gemeint +hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr stark an +diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete, +mein Gefühl für ihn könnte stärker sein als meine +Rache. Ich klammerte mich fest an sie an. Ich schwieg. +Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte, +damit ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er +sah mich nicht knien; hinter künstlich gefrorenen +Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen +sich in die Tapete der Wand. +</p> + +<p>Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern +der Wände nachschleicht, um ferner von Claudio zu +sein. Sterne fielen durch die Fenster und mein Herz +lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht. +</p> + +<p>O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer +und tiefer in mich hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr +als er, weil ich für uns beide litt. Da fiel mir rettend +der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich +begriff nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf +verbinden konnte. Ich begriff die Treppe nicht, die +mich trug; denn ich war so schwer. +</p> + +<p>Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog +sie fest über mich. Seine Qual rüttelte an der Tür, die +<!-- page 039 --> +zu ihr führte, und die Fackeln seines Zorns zuckten +durch ihr Glas. +</p> + +<p>Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir +schrie in der dreizehnten Stunde. Ich drückte meine +Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in +Wirklichkeit? +</p> + +<p>Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam +unter der Tür auf mich zu. Ein Blatt des Aufruhrs, +Stücke waren herausgeschnitten, wieder zurückgenommen, +weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben +schrien durcheinander und warfen sich gequält +über das Papier. Er schrieb: +</p> + +<p>„Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese +Rache suchst. Bisher war sie dir nur noch zu leicht +erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese Nacht +in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera, +ich will lieber deinen Haß, wenn ich deine Liebe +nicht haben kann. Mußt du euch beide rächen? +O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der +Distanz! Freilich, ich habe auch dich in ihr geschändet. +Ihr seid eine Einheit, und ich hätte euch niemals trennen +dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt. +Du bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete, +das zu übersehen. O, wie war ich plump, als +ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer Seelen +verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich +euch auseinander riß! +</p> + +<p>Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal +recht. Aber ich kann euch nicht ganz +verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung +zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein +Herz und verzeih! So warte ich auf den Morgen.“ +Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich dir +<!-- page 040 --> +schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? +Daß ich nicht genug verhärtet war, um mich +seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die +Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich +einen Brief schrieb in jenen Stunden, der mich ihm +offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß ich nur +halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und +ich floh vor dem Morgen, bevor er von der Auferstehung +meiner Liebe ahnen konnte. +</p> + +<p>Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich +schäme mich vor uns, daß die Frau einen Augenblick +lang die Freundin überragte. Versuche zu verstehen, +und lies: +</p> + +<p>„Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! +Wie schwer deine Liebe an meiner Türe lehnt! Ich +weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal geöffnet +habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine Widerstandslosigkeit +durch die Wand. Einmal will ich dich +erträumen wie du nicht bist. Diese Nacht soll nicht +unausgekostet und halbgelebt modern wie eine +unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone +versuchen, aber diese Liebe wächst über jeden Tag +und jede Nacht und wird auch sie überstehen. +</p> + +<p>Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein +Herz um meine Türe flattern, ein kranker Vogel, der +aus dem Neste fiel. Es ist aus dir gefallen und schreit +sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an +meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. +Schlaf steht um uns und Abend. Aber in mir leuchten +die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie jetzt +in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen +muß. O Lust dieses Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe +in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich suchenden +<!-- page 041 --> +Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken +und dich mit einem smaragdenen Schloß von unendlicher +Zärtlichkeit umgeben. +</p> + +<p>Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und +führen in dich, Kirche. Ich bin gesammelt, wie zu +einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste +an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt +läuten dich alle Glocken der Welt ein, du Feiertag, +jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt brechen +alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende +Blumen auf; ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen +Wesen, die sich über die Endlichkeit erhoben. +Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den +ewigen Ton gestimmt; vor der Macht unserer Liebe +stürzt alles ein, wir steigen hinunter in unsere verborgensten +Schluchten und sind allein auf der Welt. +Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß +liegt die Ewigkeit. Ich danke dir für das Geschenk +dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde +eine Dämmerung haben wird — denn kurz und vergänglich +ist jede Ewigkeit — wenn sie auch untergeht +und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der +Nacht: der Duft dieses unendlichen Augenblicks +kann nie verwehen. +</p> + +<p>Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in +dieser heiligen Nacht! Vielleicht hätte mich seine +Schwere verhindert, mich an deine Seele hinzugeben. +Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber +war ich dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich +gab dir alles, wenn ich mich auch von ferne gab. Ich +empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine +Liebe wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird +göttlich und endlos sein, wie ihr Fall vom Himmel. +</p> +<!-- page 042 --> + +<p>Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, +als dir je aus einer Schnur von Tagen kommen +könnte? +</p> + +<p>Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des +Weltalls einsam schweben. Nun muß ich wieder +auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in +dich mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle +ich mich; denn wenn ich zu Ylone komme, muß +alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an +dich erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes +Mal. Lebewohl! +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, +Ylone. Ich suchte das lautloseste Schweigen +und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich +streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine +Füße, damit du leichter gingst. Ich bekleidete dich mit +den Blicken meiner Liebe und steckte dir meine Küsse +an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen +Gärten und legte sie in deine gefalteten Hände. Ich +ging niemals fort, ohne dir etwas mitzubringen: einen +träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen +eines Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den +duftenden Seufzer eines Baums. +</p> + +<p>Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, +in die du dich eingeriegelt hattest. Denn manchmal +tratest du heraus, um nach dir zu suchen. Du, die niemals +die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und +unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden. +</p> + +<p>Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren +so brünstig von Sommer. Sie machten schwach. Du +rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest dich +in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag +<!-- page 043 --> +in den schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. +Lichter durchstachen den Raum, den du gequält +nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war +ein Geruch von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, +der berauschte und schmerzte in einem. Die Luft vibrierte +von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte, +daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der +Gärten fiel süß in das Zimmer, und wir standen in ihm +wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von +weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung +des Sommers, sich an das All zu verlieren. +Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie +dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner +weißen Arme zerbrachst, die du an die blühende Luft +geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht hineinwarfst. +Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die +das Gefühl der Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück +in die Begrenzung des Zimmers. In diesem Augenblick +spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick +fiel mir gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest +mich seit Wochen zum erstenmal; denn bisher +hattest du an mir wie an einer Fremden vorbeigefühlt. +Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. +Deine Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. +Aber bevor du dich demütigen konntest, hielt +ich dich schon in meiner Liebe. +</p> + +<p>Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, +daß ich dich dir ganz zurückgeben konnte. Jeder Augenblick +deines Gefühls hatte Flügel bekommen und +flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, +und deine ungeträumten Träume warteten darauf, +von dir geträumt zu werden. Deine Gedanken hatten +noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich +<!-- page 044 --> +dir zart wie präraffaelitische Engel. Du konntest dich +in mir wie in einem Spiegel sehen, der dein Bild von +früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte +diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. +So wie man nach einer Sommerreise heimkommt +und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel +abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; +denn seitdem haben uns viele Spiegel gesehen und +verändert gesehen, und er ist der einzige, der uns +unverändert behalten hat. +</p> + +<p>So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen +einsehen in mich, damit du dich langsam wieder +aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm +einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer +Worte begann sich von neuem die samtene Stille von +Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, in +denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die +Hände nahmen und uns von ihnen streicheln ließen. +Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen +wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß +ein leiser Wind aus den Fächern deiner Hände: +Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, +die in Gebet gewandet war. Und einmal brach deine +Stimme zwischen den Tasten auf wie ein Lied: +</p> + +<p>Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, +der vom Himmel fiel, damit wir uns in ihm noch tiefer +lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und hat uns +mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, +strahlt er erkannt und leise wieder. +</p> + +<p>Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam +dein Kuß auf mich zu. +</p> + +<p>Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . . +</p> + + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN *** + +***** This file should be named 38505-h.htm or 38505-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38505/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38505-h/images/logo.jpg b/38505-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..aaca5d9 --- /dev/null +++ b/38505-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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