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+The Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der gläserne Garten
+ Zwei Novellen
+
+Author: Claire Goll
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38505]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Claire Studer
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+Der gläserne Garten
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+Zwei Novellen
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+1919
+München
+Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
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+Eine Liebhaber-Ausgabe von Claire Studer:
+Der gläserne Garten wurde im Auftrage des
+Roland-Verlages in München-Pasing im
+Sommer 1919 in der Offizin von Mandruck,
+G. m. b. H. in München, gedruckt. In den Handel
+kamen 50 Exemplare, die von I--L numeriert
+und vom Verfasser signiert sind.
+
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+Alle Rechte vom Verfasser und vom Verlag vorbehalten
+Amerik. Copyright by Roland-Verlag München-Pasing 1919
+
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+Iwan Goll zu eigen
+
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+
+Myriel
+
+
+Heute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne ich diese Blätter um zu
+sehen, ob mein Weg auf- oder abwärts führt.
+
+Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf der Welt; denn wir
+gehören zu jenen Kindern, für die die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe
+Johannes mehr wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles legen, was
+ich von seiner heimlichsten Seele spüre, damit mir nichts an ihm verloren
+gehe.
+
+Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als wäre er nie Knabe
+gewesen; denn solange ich Erinnerung habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir
+haben immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen kann, ist
+Johannes neben mir, nein, in mir. Seit meinem ersten Weinen leiden wir
+zusammen, seit meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe nie
+gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß meine Liebe viel größer
+ist wie ich selber und kaum in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich
+nachts vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn ich hatte
+plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die halbe Nacht und wagte nicht
+hineinzugehen. Ich fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen hätte
+er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich kleiner war, bin ich des
+Nachts immer zu ihm gekommen. Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen
+Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an sein Herz. Aber eines
+Nachts -- ich war damals vierzehn Jahre alt -- veränderte er sich. Seine
+Stimme war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir vorbei und sagte:
+»Myriel, kleine liebe Myriel, geh nicht mehr durch die Nacht zu mir!« Er
+sah wie ein Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand keine Frage.
+Stechender Schmerz trug mich hinaus. Ich kniete an seiner kalten Tür und
+horchte zu ihm hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte einen
+Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes weinte! Wen beweinte er,
+weinte er um mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel umher, das er
+plötzlich um uns gebreitet hatte, und stieß mich wund an meinen Ahnungen.
+Ohne zu verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung, seinen Worten aus.
+Dann fanden wir uns wieder in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher
+für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten, und aus ihnen legte
+er mir mit seiner Stimme, die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch
+zu klein war.
+
+ * * *
+
+Einmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter einem hohen,
+lauschenden Baum und ich erwartete, daß die Zweige sich alsbald mit tausend
+bunten Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich sonst vor der Nähe
+des Menschen flüchten, zärtlich und liebend um seine Füße geschlichen
+kämen. Auch die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder kam das von
+all den heißen Blumen, die sie trug? Jedenfalls, ich glaubte immer fester
+an ein Wunder, vergaß ihm zuzuhören und erwartete.
+
+»Woran denkst du?« unterbrach er, als er meine Abwesenheit bemerkte. »Ich
+denke an Franz von Assisi«, sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte
+mich sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem Baum in die Höhe:
+
+»Kind,« sagte er, »Kind, du weißt nicht, wie sehr ich auf der Erde bin.«
+Und er küßte mir mit frommem Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn
+mir schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich kletterte verstört den Baum
+hinauf. Oben vergaß ich alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war
+wieder Spiel und Tollheit.
+
+Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater liegt immer über
+seinen Büchern, und Mutter, meine schöne, junge Mutter ist stets fern und
+abwesend, beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht körperlich
+da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie zerrinnt förmlich unter einer
+Berührung, die mein kindliches Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt
+sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem zugewandt. In den
+Tönen fängt sie an und dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann.
+Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes und ich wagen es
+kaum, sie mit Worten zu betasten. Mutter erscheint mir einem jener leisen
+Bilder entstiegen, zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine Stunden
+zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in den großen Galerien. Ich träume,
+daß sie als eine dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen kam
+und durch uns hindurch geht in die Zukunft; denn solche Frauen sind
+zeitlos.
+
+Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes des Dürer. Ich liebe seine
+hohe Stirn, die ganz aus Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich
+mir immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff, ausgesehen
+haben muß. Wie komme ich dazu, diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem
+unbewußten, russischen Gottesknaben zu verbinden? Vielleicht, weil sie
+beide Heilige sind? Und wir Mädchen nun einmal einen Heiligen, eine
+Anbetung brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem Johannes und
+innerlich Aljoscha so ähnlich sieht, denn er hat die Reinheit der beiden?
+Oder vielleicht, weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen nicht
+nur lesen, sondern erleben will?
+
+Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich bei Johannes manchmal
+verläßt. Diesem Bild vertraue ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an.
+Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß er nicht der Erste und
+Einzige wäre, zu dem ich mit meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal,
+wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch ankam, flüsterte er:
+
+»Ah, man hat mich betrogen, Myriel!«
+
+Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in seiner Stimme, daß ich vor
+schäumender Erregung nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch:
+»Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna Quijota?« »Ja«, sagte ich
+und hatte Lust, auch gegen ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit
+Pathos deklamieren: »O laßt mich scheinen, bis ich werde!« Hatte ich es
+gesagt, um Eindruck auf Johannes zu machen? Alles lachte, sogar Johannes
+lächelte sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr. Vater sagte:
+»Das kommt davon, wenn man die Kinder zu früh mit Goethe spielen läßt.«
+Aber ich war schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit eines
+Baumes. Ich begrub mein Gesicht in den Händen und schluchzte, daß sogar er,
+sogar Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen leisen Gang.
+Zärtlich hob er mich zu sich auf. »Liebling,« sagte er mit behutsamer
+Stimme, »verzeih mir, daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich
+dieselbe Gemeinheit beging wie alle Alten.« Er streichelte mich mit den
+Augen.
+
+»Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht wir Jungen, Myriel, wir,
+die wir noch Rausch und Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen
+schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend lehrt? Nein, laß
+diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei hell und lächle mir wieder,
+Schwester!«
+
+Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein Weinen löste sich in
+große Versöhnung auf, und wir gingen Hand in Hand hinaus durch die
+Nachmittagswelt Abend und Sternen entgegen.
+
+ * * *
+
+Ich vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist. Was könnte er wohl auch
+anderes sein? Manchmal liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle
+Vögel der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen Kantaten aus seinem
+Mund, und morgen schon kann er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel
+sein. Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu leisem Lied oder
+stürmendem Schicksal, sind gläserne Mauern um ihn. Ich sehe sein
+verwüstetes, zerpeitschtes Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so
+entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt und von alter
+Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange auf ihn warten, das war damals,
+als er das große Buch vom »Neuen Menschen« schrieb. Es war eine glühende
+Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt der Väter, Umsturz,
+Verleugnung alles Ererbten, Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war
+viel Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert. Ich frug ihn
+einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen Menschen gibt.
+
+»Nein,« sagte er, »was wir geben können, ist immer nur die Sehnsucht nach
+solchen Menschen; denn im Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den
+inneren Helden, nicht den der Faust.«
+
+»Du bist mein Held,« sagte ich kindisch und umschlang ihn mit wilder Kraft.
+Er ließ meine Umarmung geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah
+mich mit blinden Blicken an.
+
+»Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird, Myriel; denn das Leben
+erwartet dich.«
+
+»Dich, Johannes,« schrie ich auf, »dich wird es mir nehmen!«
+
+Sein Blick betäubte mich:
+
+»Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig meine Schwester
+wärst, dich hätte ich überall gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte
+ich mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen. Ich habe
+nie begriffen, wie Menschen plötzlich ineinanderfliegen können, ohne mehr
+voneinander zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften sich nicht
+durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen nichts von ihren Kindheiten,
+nicht die tausend Übergänge, die den Menschen und sein Wesen machen, und so
+stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht gegenüber.«
+
+»Johannes,« sagte ich da und verlangte nach seiner Nähe wie nie zuvor --
+trotzdem wir nur diesen Gedanken voneinander getrennt waren --. »Johannes,
+wie du mich durch deine Liebe erhöhst!« Und da geschah mir etwas Heiliges:
+Er kam auf mich zu und schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes.
+
+An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem Gefühl, und meine
+Finger sangen alles, was sie von Chopin und Sehnsucht wußten.
+
+ * * *
+
+Eines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes wußte. Ich erschrak
+tief. Ich sah die helle Wölbung seiner Stirn und die Tore der Brauen über
+dem großen Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen Mund, der
+soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine weißen, verhaltenen Hände und
+nahm alle Gegenstände in meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten, und
+küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte Haar und seinen von
+aller Erde befreiten Gang. Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach
+und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf mich dem Abend
+entgegen, rannte die Bäume an im Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir
+war, als schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken, mein Körper
+aber würde immer kleiner und aufgelöster. Die Beine waren stumpf, wie
+abgebrochen, es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl zerriß mich.
+Ich weinte und lachte durcheinander. Und dann auf einmal begann ich mich zu
+schämen, zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz anders war wie
+Johannes. Auch fing ich mit Gott zu reden an, stürmisch und wirr und mir
+selber nur halb bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man um ein
+Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm meine Anbetung zu
+entziehen. Meine Gedanken wurden immer schwindliger, unzusammenhängender.
+Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und das Haus schien um viele
+Tage fortgerückt, alles hatte ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause
+vergrub ich mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte. Da sah ich,
+daß meine Tage gekommen waren und das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich
+mich allein auf der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes!
+
+ * * *
+
+Am andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die Galerie. Ich sah mir zum
+ersten Mal mit Bewußtheit nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich
+hatte mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht.
+
+Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken zu berühren. Wie ein
+Verrat erschien es mir, daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern
+mit allen Männern soviel Häßlichkeit -- wie ich es nannte -- gemeinsam
+haben sollte.
+
+Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher hatte ich eigentlich immer
+an mir vorbei gesehen. Jetzt prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich
+mich, als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich verhüllte sie mit
+meinem langen, finstern Haar, und am andern Tag zog ich eine große Schürze
+an, hinter der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht tadelte mich
+Johannes, der unpersönliche Kleider haßte und in der Intimität des Hauses
+niemals jene charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit eingenäht
+ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß er sich eines Tages erinnern würde,
+daß ich ein Mädchen bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden könnte.
+
+Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick flog untersuchend
+über mich und meine Verkleidung hin.
+
+»Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?« frug er streng. Da riß ich
+die Schürze ab und die Kleider und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit
+einem jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem Blick sah ich, daß
+ich schön war. Johannes aber schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder
+verwirrte, und ich wünschte zehntausend Kleider über mich. Johannes mochte
+fühlen, daß es noch über meine Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur
+Erde, küßte meinen Fuß und ging schnell hinaus.
+
+Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach ich mir, dem Bruder
+immer jede Freude zu schenken, die in mir wäre.
+
+ * * *
+
+Der kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende Krankheit. Für Wochen
+hörte alles auf zu sein. Der Tod war ganz in der Nähe. Durch die
+Dunkelheiten des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden Augen des
+Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes Gesicht dem meinen und
+murmelte mit kranker Stimme: »Liebe so stark du kannst, dann gibt es kein
+Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir zu wenig Freuden gemacht,
+zu viel geschwiegen. Lebe mir!«
+
+Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen das Sterben. Johannes
+erwartete jedes Erwachen, und ich fühlte mich in seinen Blicken stärker
+werden. Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um mich und rettete
+mich aus stechenden, phantastischen Fiebernächten.
+
+Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren in die Welt. Johannes sah
+immer beschenkter, strahlender aus.
+
+Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der Sonne entgegen ging, frug
+ich: »Was hättest du getan, Johannes, wenn ich . . . . .« »Ich wäre dir
+nachgestorben«, sagte er einfach. »Es gibt nichts, das stärker wäre als
+du.«
+
+»Und dein Werk?«, sagte ich voll Vorwurf und doch in tiefer Angst und
+fühlte ihn scheu mit den Blicken an.
+
+»Bist du nicht mein höchstes Werk?«, rief er heiß. Aber ich zögerte, noch
+immer an solche Erhöhung zu glauben, und so warf ich ein: »Ich habe doch
+keine Ewigkeit!«
+
+»Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges Lächeln,« sagte er da,
+»und schimmert es morgen zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke
+wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer sagt uns, daß er nicht in
+irgend einer Arie ewig wird? Nichts geht verloren, alles wird
+wiedergeboren, es gibt keine Zeit für die Ewigkeit.«
+
+Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter träumte. Ich verlor
+vor Glück das Gefühl von mir selber, es war mir, als wäre ich Johannes.
+Dahlien und Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten Füße.
+
+»Wie jung wir sind,« rief Johannes verzückt, »und so tief im Leben!« Er
+legte die Hände vor das Gesicht, als ob er den Tag nicht ertragen könne,
+Tränen fielen durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend,
+stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf die Knie. Und wieder gegen
+seinen Willen begann es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch mich
+warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich hob die verschämten Hände.
+Ich hatte noch nie einen Menschen beten sehen. Wie auf italienischen
+Bildern die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir hintereinander.
+
+Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf ihn unsre inbrünstige
+Anbetung.
+
+ * * *
+
+Ich reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich schon Frühling?
+Erlebten wir den Winter so stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur
+Besinnung kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren so tief ineinander
+versenkt, daß wir ganz erstaunt waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns
+herein drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf den Zehen durch die
+zeitlosen Räume. Johannes arbeitete, und auch von mir forderte er als mein
+Lehrer Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern, Musik und
+Gesprächen. Johannes, Meister auf dem Cello, holte alte vergessene
+Italiener, deren Süßigkeit Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt
+hatte, hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel über. Zuweilen,
+wenn Johannes so neben mir spielte, daß ich glaubte sein Herz in Händen zu
+spüren, hob großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel. Dann
+tadelte Johannes: »Myriel, Myriel, vergiß nicht, daß wir in der Kirche
+sind!«
+
+Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge, ich war nur noch Aufruhr
+und Element. Ein Instinkt aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich
+ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen an Himmel und Erde.
+Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an
+die Stirne zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen ich noch
+dumpf und kämpfend gegenüber stand.
+
+»Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,« sagte er einmal, »so
+würde ich ihn in der durchdachten Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese
+Steigerung ist für mich der Tod. Er ist der höchste und raffinierteste
+Beweis für Gott. Denn er schließt schon die Ewigkeit in sich ein, da er nur
+scheinbar ist. Es gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung, eine
+Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles Leben heilig. Jedes Geschöpf
+verkörpert eine Idee und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz in
+sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben daran vorbei. Darum
+finde ich: ganz Löwe, Vogel oder irgend ein Tier sein ist mehr, als
+Halbtier oder, was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder Mensch
+sollte die Möglichkeit und den Willen haben, seiner innern Idee leben zu
+können. Dem Menschen kann nicht von außen, sondern einzig von innen
+geholfen werden. Man kann sich nur selber erlösen, nie erlöst werden. Aber
+vielleicht liegt dies unserm Volke gar nicht mehr. Es ist -- im Gegensatz
+zu heißeren Völkern -- viel mehr ein Volk des Leibes denn der Seele
+geworden. Vielleicht auch brauchte es doch einen Führer, einen
+Vergewaltiger, der mitreißt ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz.
+Vielleicht müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen, um die es von
+seinen Scheinbedürfnissen bestohlen wurde. Der Mensch hat zuweilen eine
+Insel nötig. Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade Antipoden in
+ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche. Christus brauchte eine Wüste, um
+sich zu überwinden, und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges, um die
+Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen. Der eine verkündete den
+Kampf, der andere wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und der
+andere ein Menschenideal auf. Aber versagten nicht beider Lehren vor dem
+Trieb zur Erde, der immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch immer
+auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist eine Erwartung. Bis dahin nach
+innen leben und den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten, ständen
+wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase, an zu viel Jugend sterben
+können. Aber sieh doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind sie
+der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault und verhärtet von Genuß
+und Erfahrung. Und mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der
+Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen sind! Ach, Schönheit und
+Güte sterben immer mehr aus in der Welt!« Er schwieg und sah mich mit
+lodernden Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer des Leuchters
+tasteten gierig umher.
+
+»Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,« sagte ich, »ich möchte
+ihn bald sterben. Mir ist so, als stünde ich tief innen in Flammen.«
+Johannes stand steil und blaß vor mir. »Myriel!« Er hob mich mit liebenden
+Armen auf und hielt mich hinaus in die seidene Nacht.
+
+»Ich verspreche es uns«, flüsterte er und deckte mich mit den weichsten
+Blicken zu.
+
+Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in den Armen des Bruders, in
+denen ich am Abend eingeschlafen sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und
+seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft über mir. -- Ich
+bedeckte erregt mein unbewachtes Gesicht.
+
+»Was hast du darin gesehen?« frug ich ängstlich.
+
+»Nichts, Kind, nichts -- außer mir«, lächelte er innig.
+
+ * * *
+
+Mit dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege weit, dem Mittag entlang bis
+zur Dämmerung. Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich die
+letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in jenen Stunden hörte ich
+schon auf zu sein, da begann meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir.
+
+Gegen Abend kam Johannes und sagte: »Morgen ist dein Geburtstag, Myriel,
+ich will dir ein Fest geben.«
+
+»Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes«, glühte ich und wußte
+erst, wie ich ihn jede Stunde dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige
+Stirn zog sich nachdenklich zusammen: »Wir sind auch zu kurz auf der Welt,
+Kind, um nur einen Tag mit dem zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen.
+Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag. Tierhaft ist ihre
+Freude, Verliebtheit in ihren Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die
+andern zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden, maßlosen,
+egoistischen Feste der Römer oder der Renaissance, die nur um der Schönheit
+willen geschahen, und von denen den Armen nur Schein und Abfall blieb. Ich
+denke an jene seelische, adlige Freude, die Schiller und Beethoven meinten
+in ihrem Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von Mensch zu
+Mensch, die göttlich macht.«
+
+»Und auch ihr Leid, Johannes?« frug ich; denn ich liebte es, seine
+Überlegenheit zu fühlen.
+
+»Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie haben den großen
+Aufschrei verlernt, den Schmerz, der zu Stein und zur Quelle wird. Die
+Stadt verengt. Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und das Ohr
+der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen. Und man hatte Zeit,
+unerschöpfliche Zeit. Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos. Und
+damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man das herrliche Wort: Selig
+sind, die hungrig nach Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die
+Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen könnte,
+unterdrücken sie geschickt in sich und den andern. Sieh doch, wie sie
+zusammen leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in ihnen Anbetung
+oder Erschütterung von einem zum andern?« Johannes' Mund wurde herb. Ich
+wollte zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit. Als reichte ich von
+der Erde bis zu den Himmeln. Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche
+Dehnbarkeit. Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich und
+schwarz wurde. Da zitterte ich auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen
+verwirrten sich.
+
+»Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?« frug Johannes.
+
+Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor das seine und sah mir
+eine Ewigkeit lang durch die Augen ins Herz.
+
+Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür.
+
+Nach Jahren -- so schien mir -- wurde es Morgen.
+
+ * * *
+
+Mit dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen Kleid bei Johannes ein.
+Seine Augen blendeten mich beinahe, so strahlten sie mich an.
+
+»Wie weiß du bist!« rief er verzückt. »So muß Dante gefühlt haben, als ihm
+Beatrice im >allerweißesten Kleid< begegnete. Wird auch mir aus diesem
+Anblick seine rote Vision? Wirst auch du von meinem glühendsten Herzen
+essen? Nimm es ganz zum Geburtstag!«
+
+Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende Gerüche umstanden uns; denn
+Johannes hatte die Wände in hängende Gärten verwandelt.
+
+Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso schnell wieder vergaß.
+Johannes hatte mich dazu erzogen, Besitz gering zu achten. Das Eigentliche
+aber fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat gebundene
+Blätter, die des Bruders Schrift trugen. Ich öffnete sie, noch die Augen an
+Johannes, und sah, wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor Schreck
+verengte. Doch sagte er mit verhüllter Stimme: »Lies.«
+
+»Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine Schwester. Du
+brauchst nichts weiter mitzunehmen als Deinen Kinderglauben an mich. Auch
+mich wird er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit mir selbst.
+
+Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen, die nie eins werden
+kann: Bruder und Schwester. Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert
+werden dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles. So wie unsere
+Herzen ineinander getürmt sind, so könnten sich auch eines Tages unsre
+Körper erinnern, daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist
+unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich nur mit der Seele
+besitzen kann. Aber wir sind so glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den
+wir nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht nicht durch
+uns, wohl aber durch jene enge unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die
+Ungewöhnliches ersticken im bürgerlichen Schlamm.
+
+Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns bringen, wenn sie gelebt
+werden. Mir wurde der heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu
+Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß ich mich stark, aber morgen
+vielleicht überfällt mich mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus
+meinen Adern.
+
+Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein gehen, wie in ein Fest.
+Sterben ist ja nur Übergang, ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung
+bis zur nächsten Auferstehung -- und die wird unser sein, Geliebte!« --
+
+»Johannes« sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete ihn mit Umarmung.
+
+Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht. Da erfaßte mich maßlose
+Gier nach dieser Hand. Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie
+schluchzend, verbrennend, als wäre Feuer in mir.
+
+»Johannes«, rief ich unzählige Male und schmeckte seinen Namen nach wie
+Wein. Er spannte die Arme auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man
+endlich gefunden hat.
+
+Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes Gesicht an.
+
+Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir uns auf voreinander. Blut
+überwältigte uns, Bekenntnisse schäumten auf. Ich beichtete die
+dunkelroten, flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich jauchzend
+in sich, so daß ich nur noch Zittern in seinen Händen war.
+
+»Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?« stammelte er. Ich
+tauchte meinen Mund noch tiefer in den seinen und sagte mit fliehender
+Stimme: »Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod. Wir werden an zu
+viel Liebe sterben, es gibt keine Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem
+Schicksal.«
+
+Meine Augen glühten den Geliebten an. »Warte mit der Dunkelheit auf mich,«
+sang ich ihm zu und verließ ihn, um mich für ihn zu weihen.
+
+Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und alles von Gott erfahren
+werden! Eine Nacht letzter Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt in
+dir, Johannes! Mein Heiliger!
+
+Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende und zerstöre ich euch,
+meine Blätter. Mein Weg ging aufwärts!
+
+
+
+
+Der gläserne Garten
+
+
+Nun ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie damals. Damals, als du
+schon stärker in mir warst als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man
+das mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart und grob, und die
+Dinge der Seele stoßen sich schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den
+Wänden deiner Kleider.
+
+Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir den Schnee, der am Fenster
+vorbeifiel, weil unser Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung
+stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem Winter wie Sehnsucht zwischen
+unsern Herzen, die sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu dir
+führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger Engel aus den Marienleben alter
+Meister, Worte aus der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach innen,
+wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen Hand in Hand im
+Grenzenlosen. Aus Angst vor Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem
+Ausgesprochenen versuchtest du mich aus überirdischer Stille ins Zimmer
+zurückzuzwingen und sagtest: »Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und
+Zeit, Venera?« Als Antwort breitete sich über deinen Worten eine
+schwermütige Klage aus. Eine Stimme weinte aus der Ferne, sie sang aus dem
+Orpheus von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich umsehn nach ihm
+und der Vergangenheit, und ich dachte:
+
+»Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus meiner keuschen Nacht in
+euren Morgen trat. Euer Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir
+entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber ich sah nicht mehr, wo
+es aufhörte und der Garten begann; denn das Fenster war groß.«
+
+Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über meinen Schmerz
+gebreitet hatte, und in der Verwirrung sagte die, die ins Zimmer getreten
+war -- nicht ich -- »Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug fährt zurück in
+die Stadt«. Denn ich fühlte, du wußtest nicht mehr, was Morgen war.
+
+Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir lag. Kindsein und Alter,
+Lachen und Verzweiflung, Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und
+Verderbtes waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß ich deine Schreie
+hörte. Komm, sagte ich noch einmal. Da schlug dein Erstaunen über mir
+zusammen, und du kamst langsam zwischen den Welten auf mich zu. Wie fühlte
+ich da wieder, daß ich dich mehr liebte als diesen Mann, dem ich entsagte,
+um ihn in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig schien, und
+schämte mich, daß ich schwach geworden und vor seinem Schatten geweint
+hatte die ganze Nacht.
+
+Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann stärker und immer stärker,
+bis das ganze Zimmer erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so viel
+Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du kamst mit den Augen auf mich
+zu, von der Kraft dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne
+erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas im Zimmer, das stärker
+ist als wir alle, und ich weiß doch nicht was.
+
+Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum meine Antwort hören: Es war
+ein Opfer.
+
+Hier hinein gehört dies welke Blatt:
+
+ * * *
+
+»O Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht in den
+gefalteten Händen. Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich
+erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du erster Stern all
+meiner Abende. Stärker als alle andern durchbrachst du den Horizont. O daß
+du am Himmel eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages wirst du
+abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen, und ich habe dich nicht
+beschützen können! Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern
+gehalten, und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du sie bestehen? Ich
+zittere und irre durch das Haus.
+
+Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er rauscht nicht mehr wie
+ein fremdländischer Vogel durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der
+große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing wie ein Fest,
+lächelt sein kristallenes Lächeln. Er spürt dich noch. Er strahlt dich
+zurück. Er ist angefüllt von den Variationen des einen Themas: Ylone. Er
+glänzt noch von damals, als du das Märchen von der kleinen Seejungfrau
+tanztest und am Ende zu Schaum vergingst.
+
+Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der große Sockel aus
+karrarischem Marmor wurde zur Säule des Königsschlosses. -- Was wird nicht
+zum Schloß, wenn du dich daran lehnst! --
+
+Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz der Sphinx steigt
+wieder aus ihm auf, in dem du mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende
+versuchtest.
+
+Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer letzten Nacht, aber wenn
+ich aus ihr erwache, werde ich sterben müssen.
+
+ * * *
+
+Ein Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone und Claudio kehren zurück!
+Ich kann mich nicht freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück.
+Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen denen so viel Ahnung
+steht.
+
+Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit über dem Papier
+liegen. Kleine Hecken mit Vögeln dazwischen.
+
+Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte Steilheit ihrer
+Hüften. Die graziösen Rosetten ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme,
+die in den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den feinen von den Adern
+durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden Halses, und die Pfeiler in den
+Kreuzgängen ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein des Schoßes.
+
+Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen Monde ihrer Augen, um die
+die seidenen Strahlen der Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der
+Herzensfinsternis meiner Tage.
+
+Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele!
+
+ * * *
+
+Ich möchte es auf den Knieen niederschreiben, so heilig ist mir, wenn ich
+daran denke.
+
+Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett verhängten Tage auf
+uns zu. Wir erstaunten nicht; es war uns, als ob wir sie schon lange
+erwartet hätten. »Sie wundern sich nicht, Ylone,« sagte sie, »daß ich
+eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will mich Ihnen doch
+erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst, als ich Claudio an Sie verlor; denn er
+lebte nur matt in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein
+ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte. Ich empörte mich gegen Sie. Ich
+hatte für ihn gelitten und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch
+alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet, und trotzdem ich ihn
+gerne an sein Glück verlor, stand ich ohne zu begreifen. Mit einer
+unsichtbaren Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde Macht auf die Seite
+geschoben.
+
+Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen konnte, und ich
+zitterte vor seiner Rückkehr.
+
+Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie bald in jeder seiner
+Veränderungen. Sie waren in jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete,
+und er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine ließen. Er war hart
+und spröde gewesen, aber Sie reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in
+sich gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die nicht von der Mutter
+kommen konnte. Er war ein verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt
+und gestillt.
+
+Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben. Ich lebte von ferne
+mit Ihnen beiden; denn das Glück einer Mutter beruht darin, das Leben der
+andern zu leben.
+
+Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt hatte, weil ich ahnte, daß
+ich Sie sonst lieben müßte. Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen,
+schlugen aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit allen Zweigen. Da
+mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie mich die Urne sein, in der Sie beide
+beschlossen und beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen
+Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben, und so dachte ich,
+daß zwei Menschen, in deren Leben ein Thema singt, verschmelzen sollen zu
+einem Gesang, daß sie sich ineinander schütten müssen zu einer Liebe.«
+
+Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde, tiefe Flammen, die aus
+ihrer Seele brannten. Ylone aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt.
+Ihr Körper war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung vor
+dieser Mutter.
+
+Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen auf wie zwei Ströme, die
+über weite Landschaft fluten. Und um das Haupt der Mutter schwebte ein
+goldenes Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott gezeichnet hat
+und denen ein Wunder gelang.
+
+ * * *
+
+Ich brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil ich glaubte, dich dem
+Leben nicht vorenthalten zu dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn
+hindurchgegangen, bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte. Einzig wir
+Frauen wissen tiefer von einander. Der Mann sieht in uns nur sich selbst.
+Fremde sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden, auswandern aus dem
+irdischen Erlebnis, einziehen in das göttliche, das ohne Körper ist.
+Solltest auch du es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als ich diese
+sapphische Klage von dir fand:
+
+ Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht.
+ Wer ist es, der so weinend lacht?
+ Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen,
+ Steh ich in meinen uferlosen Tränen.
+ Des abtrünnigen Schlafs Dämonen
+ Kommen schon mich zu bewohnen:
+ Aus männlicher Nacht will ich mich schrein,
+ Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein,
+ Du mich entführendes Narzissental!
+ In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal,
+ Die von den jungen Inseln nach sich rufen.
+ Knie mit mir auf antiken Tempelstufen
+ Um jenes Schicksal, das sie retten kann:
+ Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann!
+
+Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich damals vor dem Zusammenbruch
+eurer Liebe. Es war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas
+angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit seiner Bewegungen, in der
+nachlässigen Zerstreutheit, mit der er über dich hinwegdachte, und in der
+Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine Gewohnheit, wie den
+Alltag hinzunehmen.
+
+Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend, der Claudio bringen sollte.
+Aber du begannst zu früh zu warten, und das hatte dich erschöpft. Ich sah,
+wie du schwer ins Zimmer tratest, aber im ersten seiner Blicke äußerste
+Anstrengung wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung. Du warst kaum
+mehr Du vor Angst. Deine Augen waren die einer Fiebernden, sie waren ganz
+weit weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen würde. Aber
+ihr wußtet beide nichts von der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub
+kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine Gesten, deine Worte,
+formtest um und schufst neu. Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war,
+in die Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der Minute,
+entblößtest alle Menschen, die in dir waren, warst naive
+Verständnislosigkeit und greisenhaftes Erkennen. Du warst immer das, was er
+im Augenblick brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es war, als
+wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn sein, die Neue, die er noch
+nicht kannte, um das Ende hinauszuschieben, das du im Untergefühl
+fürchtetest. Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit, die dich
+nicht schützte vor dir selber und deine Demütigung annahm, weil sie nichts
+von ihr wußte. Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst du dich
+vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit. Du strichst seine heißen Blicke
+aus deinem Herzen und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn klang,
+aber ich hörte schon die Abschied schluchzende Nachtigall.
+
+Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln auf deinem Gesicht alterte.
+Und plötzlich begann es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines
+Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und welk wie erfrorene Blumen
+herab. Du sahst mich, ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das
+Flügelschlagen eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm mich zusammen,
+damit wir das ertragen konnten, was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde
+fester, hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und Dich in mir und
+wußte.
+
+Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid um ihn war klein gegenüber
+der turmhohen Scham über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust
+bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen. Du wurdest starr und
+sicher und wuchsest langsam über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht
+folgen konnte.
+
+Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und gingst fort von ihm in
+diesem Brief:
+
+ * * *
+
+Nun rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich kann nicht im Schweigen
+von dir fortgehen. Ich muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin,
+weil ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich bist als das
+Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Ich hatte seit Jahren dein Nahen
+gefühlt und war so innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir nicht
+einmal das Bild eines anderen Mannes merken konnte. Erwartung hing wie ein
+Mantel um mich und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über meinem
+Schicksal.
+
+Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an.
+
+Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind noch in meinen
+Augen. Alle Gedanken, die ich nicht denken konnte, ohne mich vor dir zu
+entstellen, schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst, den ich liebe,
+mußte ich verbergen, weil ich erkannte, daß du das Spiel wolltest, das zu
+nichts verpflichtet. Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer dein
+Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier vor meine schmerzende
+Dunkelheit zu halten.
+
+Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut? Lieber als das wäre ich
+durchschaut worden. Warum hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel,
+und hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem waren? Ahntest du nie,
+daß ich neben mir saß mit frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn
+ich selber ging langsam vorbei.
+
+Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren so viele andre in mir,
+die darauf warteten, von dir erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre
+hundert Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten über die anderen
+neunundneunzig hinwegtäuschen, weil deine Liebe nur die eine ertrug.
+
+Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem Augenblick an, als ich
+mich selbst für jene andere verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich
+tausendmal mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an mir: die Treue
+an mich selbst.
+
+Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe ich alles gehalten, was
+ich dir versprochen, und noch mehr, das, was ich dir nicht versprochen
+hatte. Ich habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich verschüttet,
+während du nur einige Fingerspitzen der deinen über mich ausstreutest. Ich
+verbrannte an meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst; denn
+für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung und du lebtest von der
+Anbetung. Einer war Gott und einer war Beter.
+
+Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es gab kaum ein Gefühl, in
+dem ich dich allein ließ, und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber
+du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten war. Ich bin immer
+allein geblieben mit meinem Gefühl, das du aussetztest in die Welt und
+dessen Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit. Ich glaube, daß
+ich durch dich hindurchmußte, um mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht
+habe ich all diese Jahre nur auf mich gewartet.
+
+Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich nichts mehr mit
+meiner Freiheit anzufangen weiß. Ich will nicht warten, bis du dich noch
+mehr veränderst, nun, da du begonnen hast, mich in einem Kuß zu entkleiden
+und meine Liebe mit Worten zu versuchen.
+
+Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne Antwort und wieder da
+gefunden werden, wo es einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im
+anderen so stark werden, daß man nebeneinander stehen kann. Ich will
+heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit, und wenn ich auch sieben Jahre um mich
+dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich vor dir war.
+
+Auch an dir habe ich manches verändert, und darum sollst du zurückkehren zu
+dir, wie man heimkehrt zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine
+Jünglings- und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert und unberührt
+wiederfindet.
+
+Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum. Ach, laß ihn mich noch
+einmal träumen! Ich will die Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen.
+Tanz war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das Gitter des Regens
+und eigener Gefangenschaft. Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse,
+die einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in sie und auf die
+Insel deines Herzens flüchten. Meine Liebe umspannt dich noch einmal von
+Kopf zu Füßen wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen Sonnen- und
+Mondblumen säumen, und paradiesische Schmetterlinge sollen vor dir Frühling
+tanzen.
+
+Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege, den du ohne mich
+weitergehst, und wenn du dich einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird
+dir mein Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten.
+
+Ich küsse dein Herz ein letztes Mal.
+
+Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio . . . .
+
+ * * *
+
+Als die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang auslieferte, habe ich dich
+gerächt, Ylone; denn er liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich
+hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor allem, daß er dich
+genommen und uns beide gemeint hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr
+stark an diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete, mein Gefühl
+für ihn könnte stärker sein als meine Rache. Ich klammerte mich fest an sie
+an. Ich schwieg. Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte, damit
+ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er sah mich nicht knien; hinter
+künstlich gefrorenen Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen sich in
+die Tapete der Wand.
+
+Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern der Wände
+nachschleicht, um ferner von Claudio zu sein. Sterne fielen durch die
+Fenster und mein Herz lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht.
+
+O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer und tiefer in mich
+hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr als er, weil ich für uns beide litt.
+Da fiel mir rettend der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich begriff
+nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf verbinden konnte. Ich
+begriff die Treppe nicht, die mich trug; denn ich war so schwer.
+
+Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog sie fest über mich.
+Seine Qual rüttelte an der Tür, die zu ihr führte, und die Fackeln seines
+Zorns zuckten durch ihr Glas.
+
+Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir schrie in der dreizehnten
+Stunde. Ich drückte meine Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in
+Wirklichkeit?
+
+Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam unter der Tür auf mich
+zu. Ein Blatt des Aufruhrs, Stücke waren herausgeschnitten, wieder
+zurückgenommen, weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben schrien
+durcheinander und warfen sich gequält über das Papier. Er schrieb:
+
+»Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese Rache suchst. Bisher war
+sie dir nur noch zu leicht erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese
+Nacht in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera, ich will lieber
+deinen Haß, wenn ich deine Liebe nicht haben kann. Mußt du euch beide
+rächen? O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der Distanz! Freilich,
+ich habe auch dich in ihr geschändet. Ihr seid eine Einheit, und ich hätte
+euch niemals trennen dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt. Du
+bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete, das zu übersehen.
+O, wie war ich plump, als ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer
+Seelen verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich euch auseinander
+riß!
+
+Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal recht. Aber ich
+kann euch nicht ganz verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung
+zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein Herz und verzeih! So
+warte ich auf den Morgen.« Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich
+dir schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem? Daß ich nicht genug
+verhärtet war, um mich seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die
+Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich einen Brief schrieb in
+jenen Stunden, der mich ihm offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß
+ich nur halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und ich floh vor
+dem Morgen, bevor er von der Auferstehung meiner Liebe ahnen konnte.
+
+Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich schäme mich vor uns,
+daß die Frau einen Augenblick lang die Freundin überragte. Versuche zu
+verstehen, und lies:
+
+»Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du! Wie schwer deine Liebe
+an meiner Türe lehnt! Ich weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal
+geöffnet habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine
+Widerstandslosigkeit durch die Wand. Einmal will ich dich erträumen wie du
+nicht bist. Diese Nacht soll nicht unausgekostet und halbgelebt modern wie
+eine unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone versuchen, aber
+diese Liebe wächst über jeden Tag und jede Nacht und wird auch sie
+überstehen.
+
+Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein Herz um meine Türe
+flattern, ein kranker Vogel, der aus dem Neste fiel. Es ist aus dir
+gefallen und schreit sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an
+meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen. Schlaf steht um uns und
+Abend. Aber in mir leuchten die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie
+jetzt in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen muß. O Lust dieses
+Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich
+suchenden Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken und dich mit
+einem smaragdenen Schloß von unendlicher Zärtlichkeit umgeben.
+
+Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und führen in dich, Kirche.
+Ich bin gesammelt, wie zu einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste
+an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt läuten dich alle Glocken der
+Welt ein, du Feiertag, jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt
+brechen alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende Blumen auf;
+ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen Wesen, die sich über die
+Endlichkeit erhoben. Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den ewigen Ton
+gestimmt; vor der Macht unserer Liebe stürzt alles ein, wir steigen
+hinunter in unsere verborgensten Schluchten und sind allein auf der Welt.
+Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß liegt die Ewigkeit. Ich
+danke dir für das Geschenk dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde eine
+Dämmerung haben wird -- denn kurz und vergänglich ist jede Ewigkeit -- wenn
+sie auch untergeht und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der Nacht:
+der Duft dieses unendlichen Augenblicks kann nie verwehen.
+
+Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in dieser heiligen Nacht!
+Vielleicht hätte mich seine Schwere verhindert, mich an deine Seele
+hinzugeben. Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber war ich
+dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich gab dir alles, wenn ich mich auch
+von ferne gab. Ich empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine Liebe
+wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird göttlich und endlos sein,
+wie ihr Fall vom Himmel.
+
+Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief, als dir je aus einer
+Schnur von Tagen kommen könnte?
+
+Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des Weltalls einsam schweben.
+Nun muß ich wieder auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in dich
+mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle ich mich; denn wenn ich zu
+Ylone komme, muß alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an dich
+erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes Mal. Lebewohl!
+
+ * * *
+
+Ich war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem, Ylone. Ich suchte
+das lautloseste Schweigen und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich
+streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine Füße, damit du leichter
+gingst. Ich bekleidete dich mit den Blicken meiner Liebe und steckte dir
+meine Küsse an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen Gärten und
+legte sie in deine gefalteten Hände. Ich ging niemals fort, ohne dir etwas
+mitzubringen: einen träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen eines
+Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den duftenden Seufzer eines Baums.
+
+Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille, in die du dich
+eingeriegelt hattest. Denn manchmal tratest du heraus, um nach dir zu
+suchen. Du, die niemals die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und
+unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden.
+
+Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren so brünstig von Sommer.
+Sie machten schwach. Du rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest
+dich in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag in den
+schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit. Lichter durchstachen den
+Raum, den du gequält nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war ein Geruch
+von Erde, Mond und Unvergänglichkeit, der berauschte und schmerzte in
+einem. Die Luft vibrierte von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte,
+daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der Gärten fiel süß in das
+Zimmer, und wir standen in ihm wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von
+weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung des Sommers, sich
+an das All zu verlieren. Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie
+dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner weißen Arme zerbrachst, die
+du an die blühende Luft geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht
+hineinwarfst. Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die das Gefühl der
+Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück in die Begrenzung des Zimmers. In
+diesem Augenblick spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick fiel mir
+gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest mich seit Wochen zum
+erstenmal; denn bisher hattest du an mir wie an einer Fremden
+vorbeigefühlt. Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm. Deine
+Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder. Aber bevor du dich
+demütigen konntest, hielt ich dich schon in meiner Liebe.
+
+Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir, daß ich dich dir ganz
+zurückgeben konnte. Jeder Augenblick deines Gefühls hatte Flügel bekommen
+und flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich, und deine
+ungeträumten Träume warteten darauf, von dir geträumt zu werden. Deine
+Gedanken hatten noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich dir zart wie
+präraffaelitische Engel. Du konntest dich in mir wie in einem Spiegel
+sehen, der dein Bild von früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte
+diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken. So wie man nach
+einer Sommerreise heimkommt und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel
+abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden; denn seitdem haben uns
+viele Spiegel gesehen und verändert gesehen, und er ist der einzige, der
+uns unverändert behalten hat.
+
+So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen einsehen in mich, damit
+du dich langsam wieder aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm
+einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer Worte begann sich von
+neuem die samtene Stille von Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende,
+in denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die Hände nahmen und uns
+von ihnen streicheln ließen. Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen
+wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß ein leiser Wind aus den Fächern
+deiner Hände: Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele, die in Gebet
+gewandet war. Und einmal brach deine Stimme zwischen den Tasten auf wie ein
+Lied:
+
+Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern, der vom Himmel fiel, damit
+wir uns in ihm noch tiefer lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und
+hat uns mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle, strahlt er
+erkannt und leise wieder.
+
+Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam dein Kuß auf mich zu.
+
+Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte . . .
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+Title: Der gläserne Garten
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+Author: Claire Goll
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+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38505]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN ***
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+1919<br />
+</span>
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+Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
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+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+Eine Liebhaber-Ausgabe von Claire Studer:
+Der gläserne Garten wurde im Auftrage des
+Roland-Verlages in München-Pasing im
+Sommer 1919 in der Offizin von Mandruck,
+G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H. in München, gedruckt. In den Handel
+kamen 50 Exemplare, die von I&mdash;L numeriert
+und vom Verfasser signiert sind.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+<span class="samll">
+Alle Rechte vom Verfasser und vom Verlag vorbehalten<br />
+Amerik. Copyright by Roland-Verlag München-Pasing 1919
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+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase;">
+Iwan Goll zu eigen
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 007 -->
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Myriel</h2>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">H</span>eute, an meinem sechzehnten Geburtstag, beginne
+ich diese Blätter um zu sehen, ob mein
+Weg auf- oder abwärts führt.
+</p>
+
+<p>Ich bin ganz allein mit meinem Bruder Johannes auf
+der Welt; denn wir gehören zu jenen Kindern, für die
+die Eltern keine Zeit haben. Ich liebe Johannes mehr
+wie mich selber, und in dieses Buch will ich alles
+legen, was ich von seiner heimlichsten Seele spüre,
+damit mir nichts an ihm verloren gehe.
+</p>
+
+<p>Johannes ist fünf Jahre älter als ich, aber mir ist, als
+wäre er nie Knabe gewesen; denn solange ich Erinnerung
+habe, empfinde ich ihn als Mann. Wir haben
+immer ganz eng nebeneinander gelebt. Seit ich fühlen
+kann, ist Johannes neben mir, nein, in mir. Seit
+meinem ersten Weinen leiden wir zusammen, seit
+meiner ersten Freude lächeln wir zusammen. Ich habe
+nie gewagt ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, daß
+meine Liebe viel größer ist wie ich selber und kaum
+in mein Kindsein hineingeht. Es war so, daß ich nachts
+vor seine Türe schlich, um ihn atmen zu hören; denn
+ich hatte plötzlich tiefe Angst um ihn. Ich stand die
+halbe Nacht und wagte nicht hineinzugehen. Ich
+fürchtete mich vor den Worten, und mein Schweigen
+hätte er vielleicht nicht verstanden. Früher, als ich
+kleiner war, bin ich des Nachts immer zu ihm gekommen.
+Ich glaube, ich war eifersüchtig auf seinen
+Schlaf. Und dann nahm er mich in sein Bett und an
+sein Herz. Aber eines Nachts &mdash; ich war damals vierzehn
+Jahre alt &mdash; veränderte er sich. Seine Stimme
+war gläsern, wie verwundet, er sah gequält an mir
+vorbei und sagte: &bdquo;Myriel, kleine liebe Myriel, geh
+<!-- page 008 -->
+nicht mehr durch die Nacht zu mir!&ldquo; Er sah wie ein
+Kranker aus, und ich stand in Scham. Aber ich fand
+keine Frage. Stechender Schmerz trug mich hinaus.
+Ich kniete an seiner kalten Tür und horchte zu ihm
+hinein. Da hörte ich einen Ton! Einen Ton! Ich hörte
+einen Menschen, der ganz in Schluchzen war. Johannes
+weinte! Wen beweinte er, weinte er um
+mich? Ach und ich stand und fühlte in dem Dunkel
+umher, das er plötzlich um uns gebreitet hatte, und
+stieß mich wund an meinen Ahnungen. Ohne zu
+verstehen, wich ich viele Tage seiner Berührung,
+seinen Worten aus. Dann fanden wir uns wieder
+in einem Buch; denn er suchte immer tiefe Bücher
+für mich aus, in die wir uns zusammen hineinstürzten,
+und aus ihnen legte er mir mit seiner Stimme,
+die wie Gesang ist, alles das aus, wofür ich noch zu
+klein war.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 009 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">E</span>inmal, als er las, saßen wir tief in einer Wiese unter
+einem hohen, lauschenden Baum und ich erwartete,
+daß die Zweige sich alsbald mit tausend bunten
+Vögeln bedecken müßten, und alle Tiere, die sich
+sonst vor der Nähe des Menschen flüchten, zärtlich
+und liebend um seine Füße geschlichen kämen. Auch
+die Wiese schien mir schon ganz erschüttert, oder
+kam das von all den heißen Blumen, die sie trug?
+Jedenfalls, ich glaubte immer fester an ein Wunder,
+vergaß ihm zuzuhören und erwartete.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Woran denkst du?&ldquo; unterbrach er, als er meine Abwesenheit
+bemerkte. &bdquo;Ich denke an Franz von Assisi&ldquo;,
+sagte ich mit purpurroter Stimme und schämte mich
+sehr. Da wuchs er plötzlich vom Boden auf, an dem
+Baum in die Höhe:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Kind,&ldquo; sagte er, &bdquo;Kind, du weißt nicht, wie sehr ich
+auf der Erde bin.&ldquo; Und er küßte mir mit frommem
+Mund die Hände. Aber ich entriß sie ihm; denn mir
+schlug das Blut vor den Augen zusammen. Ich
+kletterte verstört den Baum hinauf. Oben vergaß ich
+alles, warf funkelndes Lachen hinunter und war
+wieder Spiel und Tollheit.
+</p>
+
+<p>Ich sagte, die Eltern hätten keine Zeit für uns. Vater
+liegt immer über seinen Büchern, und Mutter, meine
+schöne, junge Mutter ist stets fern und abwesend,
+beinah nur Gast bei uns. Mir ist, als wäre sie nicht
+körperlich da. Ich ahne eine andere Welt um sie. Sie
+zerrinnt förmlich unter einer Berührung, die mein kindliches
+Liebesbedürfnis manchmal wagt. Immer sitzt
+sie am Flügel, ganz abgekehrt von uns und Unsichtbarem
+zugewandt. In den Tönen fängt sie an und
+dort hört sie auf, wo man nur noch hinfühlen kann.
+Zu uns aber scheint sie kalt und leblos, und Johannes
+<!-- page 010 -->
+und ich wagen es kaum, sie mit Worten zu betasten.
+Mutter erscheint mir einem jener leisen Bilder entstiegen,
+zu denen ich heimlich flüchte, anstatt in meine
+Stunden zu gehen. Jenen alten, müden Bildern in
+den großen Galerien. Ich träume, daß sie als eine
+dieser seltenen Frauen durch die Jahrhunderte gegangen
+kam und durch uns hindurch geht in die Zukunft;
+denn solche Frauen sind zeitlos.
+</p>
+
+<p>Gewöhnlich aber sitze ich dort vor dem Johannes
+des Dürer. Ich liebe seine hohe Stirn, die ganz aus
+Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, warum ich mir
+immer einbilde, daß so Aljoscha, der jüngste Karamasoff,
+ausgesehen haben muß. Wie komme ich dazu,
+diesen hohen, bewußten Deutschen mit dem unbewußten,
+russischen Gottesknaben zu verbinden?
+Vielleicht, weil sie beide Heilige sind? Und wir Mädchen
+nun einmal einen Heiligen, eine Anbetung
+brauchen? Oder weil mein Bruder äußerlich diesem
+Johannes und innerlich Aljoscha so ähnlich sieht,
+denn er hat die Reinheit der beiden? Oder vielleicht,
+weil unsre Sehnsucht solche überirdische Menschen
+nicht nur lesen, sondern erleben will?
+</p>
+
+<p>Diesem Bild gegenüber habe ich den Mut, der mich
+bei Johannes manchmal verläßt. Diesem Bild vertraue
+ich alle Verwirrungen meiner Mädchenheit an.
+Ich bekannte dies einmal dem Bruder. Er zürnte, daß
+er nicht der Erste und Einzige wäre, zu dem ich mit
+meinen Kindergeheimnissen käme, und manchmal,
+wenn ich fieberheiß aus solch einer Beichte bei Tisch
+ankam, flüsterte er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ah, man hat mich betrogen, Myriel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Es schwang aber immer ein so ernster Ton mit in
+seiner Stimme, daß ich vor schäumender Erregung
+<!-- page 011 -->
+nichts essen konnte. Einmal sagte Vater spöttisch:
+&bdquo;Hast du wieder mit Windmühlen gekämpft, Donna
+Quijota?&ldquo; &bdquo;Ja&ldquo;, sagte ich und hatte Lust, auch gegen
+ihn zu kämpfen. Und plötzlich hörte ich mich mit
+Pathos deklamieren: &bdquo;O laßt mich scheinen, bis ich
+werde!&ldquo; Hatte ich es gesagt, um Eindruck auf Johannes
+zu machen? Alles lachte, sogar Johannes lächelte
+sein feines Lächeln mit. Das verwundete mich sehr.
+Vater sagte: &bdquo;Das kommt davon, wenn man die Kinder
+zu früh mit Goethe spielen läßt.&ldquo; Aber ich war
+schon hinausgestürzt in den Garten, unter die Einsamkeit
+eines Baumes. Ich begrub mein Gesicht in
+den Händen und schluchzte, daß sogar er, sogar
+Johannes mich verkannt hatte. Da hörte ich seinen
+leisen Gang. Zärtlich hob er mich zu sich auf. &bdquo;Liebling,&ldquo;
+sagte er mit behutsamer Stimme, &bdquo;verzeih mir,
+daß ich darüber lachte, daß du jung bist. Daß ich dieselbe
+Gemeinheit beging wie alle Alten.&ldquo; Er streichelte
+mich mit den Augen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wer sollte das Oberirdische anbeten, wenn nicht
+wir Jungen, Myriel, wir, die wir noch Rausch und
+Flamme kennen! Vielleicht Vater, der seine Menschen
+schön getrocknet auf Formeln bringt, die er die Jugend
+lehrt? Nein, laß diesen Toten. Wir sind die Welt. Sei
+hell und lächle mir wieder, Schwester!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sein Kuß brachte neues Licht in mein Gesicht. Mein
+Weinen löste sich in große Versöhnung auf, und wir
+gingen Hand in Hand hinaus durch die Nachmittagswelt
+Abend und Sternen entgegen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 012 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch vergaß zu sagen, daß Johannes ein Dichter ist.
+Was könnte er wohl auch anderes sein? Manchmal
+liest er mir aus seinen Gedichten, in denen alle Vögel
+der Welt gefangen sind. Aber heute noch strömen
+Kantaten aus seinem Mund, und morgen schon kann
+er nur noch Chaos, mitternächtig und dunkel sein.
+Und bis er die Elemente in sich gebändigt hat zu
+leisem Lied oder stürmendem Schicksal, sind gläserne
+Mauern um ihn. Ich sehe sein verwüstetes, zerpeitschtes
+Gesicht und kann es doch nicht erreichen, so
+entfremdet ist es mir. Bald aber ist es wieder gereinigt
+und von alter Vertrautheit. Nur einmal mußte ich lange
+auf ihn warten, das war damals, als er das große Buch
+vom &bdquo;Neuen Menschen&ldquo; schrieb. Es war eine glühende
+Herausforderung an die enge, gefesselte Vorwelt
+der Väter, Umsturz, Verleugnung alles Ererbten,
+Erschaffung einer neuen, rasenden Welt. Es war viel
+Blut in dem Buch, und Johannes wurde sehr gefeiert.
+Ich frug ihn einmal, ob es im Leben wirklich solche riesigen
+Menschen gibt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, &bdquo;was wir geben können, ist immer
+nur die Sehnsucht nach solchen Menschen; denn im
+Grunde suchen wir alle den Helden. Natürlich den
+inneren Helden, nicht den der Faust.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist mein Held,&ldquo; sagte ich kindisch und umschlang
+ihn mit wilder Kraft. Er ließ meine Umarmung
+geschehen, ohne sie wie sonst zu erwidern, und sah
+mich mit blinden Blicken an.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Tag wird kommen, der dich mir stehlen wird,
+Myriel; denn das Leben erwartet dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dich, Johannes,&ldquo; schrie ich auf, &bdquo;dich wird es mir
+nehmen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sein Blick betäubte mich:
+</p>
+<!-- page 013 -->
+
+<p>&bdquo;Mich, Myriel, du Kind, du Frau! Wenn du nicht zufällig
+meine Schwester wärst, dich hätte ich überall
+gesucht. Von deiner ersten Minute an lebte ich
+mit dir, jedes Jahr bist du an mir und ich an dir gewachsen.
+Ich habe nie begriffen, wie Menschen plötzlich
+ineinanderfliegen können, ohne mehr voneinander
+zu spüren als ein brennendes Gefühl. Sie reiften
+sich nicht durch die Zeit entgegen wie wir, sie wissen
+nichts von ihren Kindheiten, nicht die tausend Übergänge,
+die den Menschen und sein Wesen machen,
+und so stehn sie sich plötzlich erschreckt und enttäuscht
+gegenüber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Johannes,&ldquo; sagte ich da und verlangte nach seiner
+Nähe wie nie zuvor &mdash; trotzdem wir nur diesen Gedanken
+voneinander getrennt waren &mdash;. &bdquo;Johannes,
+wie du mich durch deine Liebe erhöhst!&ldquo; Und da
+geschah mir etwas Heiliges: Er kam auf mich zu und
+schenkte mir den ersten Kuß seines Mundes.
+</p>
+
+<p>An diesem Tage verging ich am Flügel vor unnennbarem
+Gefühl, und meine Finger sangen alles, was
+sie von Chopin und Sehnsucht wußten.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 014 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">E</span>ines Tages fiel mir ein, daß ich nichts von Johannes
+wußte. Ich erschrak tief. Ich sah die helle Wölbung
+seiner Stirn und die Tore der Brauen über dem großen
+Staunen seiner Augen. Sah den edel geschwungenen
+Mund, der soviel Schönheit verschwieg. Ich sah seine
+weißen, verhaltenen Hände und nahm alle Gegenstände in
+meinem Zimmer, die sie mir geschenkt hatten,
+und küßte sie. Ich sah auch das leuchtende, kühn gewellte
+Haar und seinen von aller Erde befreiten Gang.
+Aber mehr, mehr wußte ich nicht. Mein Herz stach
+und der Körper zog sich qualvoll zusammen. Ich warf
+mich dem Abend entgegen, rannte die Bäume an im
+Park, preßte mich wild in eine Wiese. Mir war, als
+schwölle mein Herz höher und höher bis zu den Wolken,
+mein Körper aber würde immer kleiner und aufgelöster.
+Die Beine waren stumpf, wie abgebrochen,
+es zog hinter der Stirn und ein unbändiges Gefühl
+zerriß mich. Ich weinte und lachte durcheinander.
+Und dann auf einmal begann ich mich zu schämen,
+zu schämen! Ich wußte es plötzlich, daß ich ganz
+anders war wie Johannes. Auch fing ich mit Gott zu
+reden an, stürmisch und wirr und mir selber nur halb
+bewußt. Ich bat ihn, mir Johannes zu zeigen, wie man
+um ein Wunder bittet. Ich forderte, drohte endlich, ihm
+meine Anbetung zu entziehen. Meine Gedanken
+wurden immer schwindliger, unzusammenhängender.
+Der Weg taumelte, die Bäume standen schief, und
+das Haus schien um viele Tage fortgerückt, alles hatte
+ein anderes Gesicht bekommen. Zu hause vergrub ich
+mich in mein Bett, das um mich wie Flamme brannte.
+Da sah ich, daß meine Tage gekommen waren und
+das Kindsein zu Ende. O, wie fühlte ich mich allein auf
+der Welt mit diesem ersten Geheimnis vor Johannes!
+</p>
+<!-- page 015 -->
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">A</span>m andern Morgen lief ich zu meinen Bildern in die
+Galerie. Ich sah mir zum ersten Mal mit Bewußtheit
+nackte Körper an und war tief enttäuscht! Ich hatte
+mir immer soviel hinter den Kleidern gedacht.
+</p>
+
+<p>Bei Tisch wagte ich es kaum, Johannes mit den Blicken
+zu berühren. Wie ein Verrat erschien es mir,
+daß er nicht ohne Körper und auserwählt, sondern
+mit allen Männern soviel Häßlichkeit &mdash; wie ich es
+nannte &mdash; gemeinsam haben sollte.
+</p>
+
+<p>Am Abend schlich ich vor meinen Spiegel. Bisher
+hatte ich eigentlich immer an mir vorbei gesehen. Jetzt
+prüfte ich mich aufmerksam. Wie schämte ich mich,
+als ich zum ersten Mal meine Brüste erkannte! Ich
+verhüllte sie mit meinem langen, finstern Haar, und
+am andern Tag zog ich eine große Schürze an, hinter
+der man mich kaum noch ahnen konnte. Vielleicht
+tadelte mich Johannes, der unpersönliche Kleider
+haßte und in der Intimität des Hauses niemals jene
+charakterlosen Anzüge trug, in die unsre ganze Zeit
+eingenäht ist. Aber ich fürchtete noch mehr, daß
+er sich eines Tages erinnern würde, daß ich ein Mädchen
+bin, mich daraufhin ansehen und häßlich finden
+könnte.
+</p>
+
+<p>Wirklich trat er nach Tisch in mein Zimmer. Sein Blick
+flog untersuchend über mich und meine Verkleidung
+hin.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Haben dich meine Augen schon einmal entweiht?&ldquo;
+frug er streng. Da riß ich die Schürze ab und die Kleider
+und stand nackt vor ihm. Er sah mich mit einem
+jubelnden Blick an und kam auf mich zu. In diesem
+Blick sah ich, daß ich schön war. Johannes aber
+schwieg so sehr, daß ich mich doch wieder verwirrte,
+und ich wünschte zehntausend Kleider über mich.
+<!-- page 016 -->
+Johannes mochte fühlen, daß es noch über meine
+Kraft ging. Er neigte sich vor mir bis zur Erde, küßte
+meinen Fuß und ging schnell hinaus.
+</p>
+
+<p>Von jenem Blick an liebte ich mich. Auch versprach
+ich mir, dem Bruder immer jede Freude zu schenken,
+die in mir wäre.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 017 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">D</span>er kühlere Herbst brachte mir eine vernichtende
+Krankheit. Für Wochen hörte alles auf zu sein. Der
+Tod war ganz in der Nähe. Durch die Dunkelheiten
+des Fiebers hingen wie Ampeln die brennenden
+Augen des Bruders. Und einmal neigte er sein zerrissenes
+Gesicht dem meinen und murmelte mit kranker
+Stimme: &bdquo;Liebe so stark du kannst, dann gibt es
+kein Aufhören. Ich habe noch zu viel unterlassen, dir
+zu wenig Freuden gemacht, zu viel geschwiegen.
+Lebe mir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Mit meiner ganzen Seele stemmte ich mich gegen
+das Sterben. Johannes erwartete jedes Erwachen, und
+ich fühlte mich in seinen Blicken stärker werden.
+Immer war seine heilende, liebeschwere Stimme um
+mich und rettete mich aus stechenden, phantastischen
+Fiebernächten.
+</p>
+
+<p>Dann kam ein langsames Auferstehen, Zurückkehren
+in die Welt. Johannes sah immer beschenkter, strahlender
+aus.
+</p>
+
+<p>Als ich zum ersten Mal um seinen Arm gerankt der
+Sonne entgegen ging, frug ich: &bdquo;Was hättest du getan,
+Johannes, wenn ich .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Ich wäre dir nachgestorben&ldquo;,
+sagte er einfach. &bdquo;Es gibt nichts, das
+stärker wäre als du.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und dein Werk?&ldquo;, sagte ich voll Vorwurf und doch
+in tiefer Angst und fühlte ihn scheu mit den Blicken
+an.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du nicht mein höchstes Werk?&ldquo;, rief er heiß.
+Aber ich zögerte, noch immer an solche Erhöhung
+zu glauben, und so warf ich ein: &bdquo;Ich habe doch keine
+Ewigkeit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du, der Teich stahl nicht dein gestriges
+Lächeln,&ldquo; sagte er da, &bdquo;und schimmert es morgen
+<!-- page 018 -->
+zurück? Deine Tränen, kehren sie nicht als Wolke
+wieder, und dein längst verklungener Schritt, wer
+sagt uns, daß er nicht in irgend einer Arie ewig wird?
+Nichts geht verloren, alles wird wiedergeboren, es
+gibt keine Zeit für die Ewigkeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wir ruhten selig an einer Weide, die zu uns herunter
+träumte. Ich verlor vor Glück das Gefühl von mir
+selber, es war mir, als wäre ich Johannes. Dahlien und
+Astern tanzten bunten Herbst um unsre entirdischten
+Füße.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie jung wir sind,&ldquo; rief Johannes verzückt, &bdquo;und so
+tief im Leben!&ldquo; Er legte die Hände vor das Gesicht,
+als ob er den Tag nicht ertragen könne, Tränen fielen
+durch seine Finger. Und auf einmal sich selber überraschend,
+stürzte er hart und schmerzhaft nieder auf
+die Knie. Und wieder gegen seinen Willen begann
+es laut aus ihm zu beten für meine Rettung. Auch
+mich warf eine riesige Gewalt an die Erde, und ich
+hob die verschämten Hände. Ich hatte noch nie einen
+Menschen beten sehen. Wie auf italienischen Bildern
+die Stifter vor einem Wunder knien, so knieten wir
+hintereinander.
+</p>
+
+<p>Und wenn es niemals Gott gegeben hat, damals erschuf
+ihn unsre inbrünstige Anbetung.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 019 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch reibe mir den Winterschlaf aus den Augen. Wirklich
+schon Frühling? Erlebten wir den Winter so
+stark, daß ich nicht vor dem Frühling zur Besinnung
+kam? Ich habe solange geschwiegen? Wir waren
+so tief ineinander versenkt, daß wir ganz erstaunt
+waren, wenn ein Ton aus der Welt zu uns herein
+drang. Das Haus war wie verhängt, wir gingen auf
+den Zehen durch die zeitlosen Räume. Johannes
+arbeitete, und auch von mir forderte er als mein Lehrer
+Äußerstes. Daneben erholten wir uns in Büchern,
+Musik und Gesprächen. Johannes, Meister auf dem
+Cello, holte alte vergessene Italiener, deren Süßigkeit
+Jahrhunderte lang hinter dunklen Noten gegärt hatte,
+hervor, und von ihnen gingen wir zu Bach und Händel
+über. Zuweilen, wenn Johannes so neben mir spielte,
+daß ich glaubte sein Herz in Händen zu spüren, hob
+großer Sturm in mir an, und ich raste auf dem Flügel.
+Dann tadelte Johannes: &bdquo;Myriel, Myriel, vergiß nicht,
+daß wir in der Kirche sind!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ach, in mir explodierten tausend unheilige Dinge,
+ich war nur noch Aufruhr und Element. Ein Instinkt
+aber ließ mich die Unruhe verschweigen, die mich
+ergriffen hatte. Dafür rüttelte ich mit tausend Fragen
+an Himmel und Erde. Ich hatte den Ehrgeiz, Johannes
+nicht nur bis ans Herz, sondern auch bis an die Stirne
+zu reichen. So erhellte er mir denn viele Dinge, denen
+ich noch dumpf und kämpfend gegenüber stand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn Gott mir nicht ohnehin Voraussetzung wäre,&ldquo;
+sagte er einmal, &bdquo;so würde ich ihn in der durchdachten
+Steigerung jedes Daseins erkennen. Diese Steigerung
+ist für mich der Tod. Er ist der höchste und
+raffinierteste Beweis für Gott. Denn er schließt schon
+die Ewigkeit in sich ein, da er nur scheinbar ist. Es
+<!-- page 020 -->
+gibt keinen Tod, jeder Tod ist eine Verwandlung,
+eine Wanderung. Darum ist den Buddhisten alles
+Leben heilig. Jedes Geschöpf verkörpert eine Idee
+und trägt ein mehr oder minder schwaches Gesetz
+in sich, diese Idee auszuleben. Aber die meisten leben
+daran vorbei. Darum finde ich: ganz Löwe, Vogel
+oder irgend ein Tier sein ist mehr, als Halbtier oder,
+was dasselbe ist, ein Viertelmensch sein. Jeder
+Mensch sollte die Möglichkeit und den Willen haben,
+seiner innern Idee leben zu können. Dem Menschen
+kann nicht von außen, sondern einzig von innen geholfen
+werden. Man kann sich nur selber erlösen,
+nie erlöst werden. Aber vielleicht liegt dies unserm
+Volke gar nicht mehr. Es ist &mdash; im Gegensatz zu
+heißeren Völkern &mdash; viel mehr ein Volk des Leibes
+denn der Seele geworden. Vielleicht auch brauchte
+es doch einen Führer, einen Vergewaltiger, der mitreißt
+ohne Gewalt, einzig durch seine Existenz. Vielleicht
+müßte man ihm Zeit und Einsamkeit aufzwingen,
+um die es von seinen Scheinbedürfnissen bestohlen
+wurde. Der Mensch hat zuweilen eine Insel nötig.
+Das siehst du an zweien seiner Führer, die gerade
+Antipoden in ihren Lehren sind: Christus und Nietzsche.
+Christus brauchte eine Wüste, um sich zu überwinden,
+und Nietzsche die Verlassenheit eines Berges,
+um die Forderung seines kommenden Menschen aufzustellen.
+Der eine verkündete den Kampf, der andere
+wehrte ihm. Der eine stellte ein Herrenideal und
+der andere ein Menschenideal auf. Aber versagten
+nicht beider Lehren vor dem Trieb zur Erde, der
+immer im Menschen wohnen wird? Wir warten noch
+immer auf den Führer. Auch mein letztes Buch ist
+eine Erwartung. Bis dahin nach innen leben und
+<!-- page 021 -->
+den Körper töten! Wenn wir das versuchen wollten,
+ständen wir nicht so tief. Man muß an einer Ekstase,
+an zu viel Jugend sterben können. Aber sieh
+doch die gealterten, unheiligen Gesichter an! Sind
+sie der Unsterblichkeit entgegengereift? Nein, verfault
+und verhärtet von Genuß und Erfahrung. Und
+mit was für häßlichen Füßen sie ankommen in der
+Ewigkeit! Denke nur, über was sie alles gegangen
+sind! Ach, Schönheit und Güte sterben immer mehr
+aus in der Welt!&ldquo; Er schwieg und sah mich mit lodernden
+Augen an. Tiefe Nacht war, und die sieben Feuer
+des Leuchters tasteten gierig umher.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mach mich weit und stark für den Tod, Johannes,&ldquo;
+sagte ich, &bdquo;ich möchte ihn bald sterben. Mir ist so,
+als stünde ich tief innen in Flammen.&ldquo; Johannes stand
+steil und blaß vor mir. &bdquo;Myriel!&ldquo; Er hob mich mit
+liebenden Armen auf und hielt mich hinaus in die
+seidene Nacht.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich verspreche es uns&ldquo;, flüsterte er und deckte mich
+mit den weichsten Blicken zu.
+</p>
+
+<p>Als ich erwachte, war es Morgen. Ich fand mich in
+den Armen des Bruders, in denen ich am Abend eingeschlafen
+sein mußte. Er saß auf einem Stuhl und
+seine Augen hingen mit seltsam prüfender Leidenschaft
+über mir. &mdash; Ich bedeckte erregt mein unbewachtes
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was hast du darin gesehen?&ldquo; frug ich ängstlich.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nichts, Kind, nichts &mdash; außer mir&ldquo;, lächelte er innig.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 022 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">M</span>it dem Morgen rannte ich hinaus, tausend Wege
+weit, dem Mittag entlang bis zur Dämmerung.
+Ich glaube: in jenen Stunden mit mir allein warf ich
+die letzte dumpfe Kindheit ab. Geliebter Bruder, in
+jenen Stunden hörte ich schon auf zu sein, da begann
+meine Unsterblichkeit, die Verklärung in dir.
+</p>
+
+<p>Gegen Abend kam Johannes und sagte: &bdquo;Morgen ist
+dein Geburtstag, Myriel, ich will dir ein Fest geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Jeder Augenblick wird Fest durch dich, Johannes&ldquo;,
+glühte ich und wußte erst, wie ich ihn jede Stunde
+dieses Tages entbehrt hatte. Seine geistige Stirn zog
+sich nachdenklich zusammen: &bdquo;Wir sind auch zu
+kurz auf der Welt, Kind, um nur einen Tag mit dem
+zu vergeuden, was die Menschen Leben nennen.
+Ihr Leben und sogar ihre Feste sind ein einziger Alltag.
+Tierhaft ist ihre Freude, Verliebtheit in ihren
+Bauch. Sie haben es verlernt, sich und die andern
+zu feiern. Ich meine gar nicht jene brausenden,
+maßlosen, egoistischen Feste der Römer oder der
+Renaissance, die nur um der Schönheit willen
+geschahen, und von denen den Armen nur Schein
+und Abfall blieb. Ich denke an jene seelische, adlige
+Freude, die Schiller und Beethoven meinten in ihrem
+Hymnus. Sie ist tot, diese leise, ewige Freude, von
+Mensch zu Mensch, die göttlich macht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und auch ihr Leid, Johannes?&ldquo; frug ich; denn ich
+liebte es, seine Überlegenheit zu fühlen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, sie leiden unter Geheul und kleinem Zank. Sie
+haben den großen Aufschrei verlernt, den Schmerz,
+der zu Stein und zur Quelle wird. Die Stadt verengt.
+Früher hatte man noch Erde, sich hinzuwerfen, und
+das Ohr der Wälder und Wiesen, seine Klage hineinzurufen.
+Und man hatte Zeit, unerschöpfliche Zeit.
+<!-- page 023 -->
+Heute lebt und stirbt alles gemein, ohne Pathos.
+Und damit sie in ihrer Dumpfheit bleiben, hat man
+das herrliche Wort: Selig sind, die hungrig nach
+Seele sind, in den Satz verfälscht: Selig sind die
+Armen im Geist. Seele, alles, was über sie hinausführen
+könnte, unterdrücken sie geschickt in sich
+und den andern. Sieh doch, wie sie zusammen
+leben! Sieh doch ihre altgebornen Kinder an! Ist in
+ihnen Anbetung oder Erschütterung von einem zum
+andern?&ldquo; Johannes&rsquo; Mund wurde herb. Ich wollte
+zu ihm reden und konnte nicht. Mir war so weit.
+Als reichte ich von der Erde bis zu den Himmeln.
+Ich fühlte sie, seine Seele, diese unendliche Dehnbarkeit.
+Wir schwiegen uns zu, bis das Zimmer undurchdringlich
+und schwarz wurde. Da zitterte ich
+auf. Die Nacht kam. Meine Empfindungen verwirrten
+sich.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was hast du, Kind, liebe ich dich nicht genug?&ldquo;
+frug Johannes.
+</p>
+
+<p>Wir warfen uns ineinander. Er hob mein Gesicht vor
+das seine und sah mir eine Ewigkeit lang durch die
+Augen ins Herz.
+</p>
+
+<p>Die ganze Nacht kauerte ich vor seiner Tür.
+</p>
+
+<p>Nach Jahren &mdash; so schien mir &mdash; wurde es Morgen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 024 -->
+
+<p class="first"><span class="firstchar">M</span>it dem Mittag trat ich sehr hell, im ersten langen
+Kleid bei Johannes ein. Seine Augen blendeten
+mich beinahe, so strahlten sie mich an.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie weiß du bist!&ldquo; rief er verzückt. &bdquo;So muß Dante
+gefühlt haben, als ihm Beatrice im &sbquo;allerweißesten
+Kleid&lsquo; begegnete. Wird auch mir aus diesem Anblick
+seine rote Vision? Wirst auch du von meinem
+glühendsten Herzen essen? Nimm es ganz zum
+Geburtstag!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Seine Stimme flammte über mich hin. Brennende
+Gerüche umstanden uns; denn Johannes hatte die
+Wände in hängende Gärten verwandelt.
+</p>
+
+<p>Ich sah über viele Geschenke hin, die ich ebenso
+schnell wieder vergaß. Johannes hatte mich dazu erzogen,
+Besitz gering zu achten. Das Eigentliche aber
+fühlte ich schnell heraus. Das waren in heißen Brokat
+gebundene Blätter, die des Bruders Schrift trugen.
+Ich öffnete sie, noch die Augen an Johannes, und sah,
+wie sich sein Gesicht einen Augenblick lang vor
+Schreck verengte. Doch sagte er mit verhüllter
+Stimme: &bdquo;Lies.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich lade Dich auf ein seltenes Fest, zärtliche kleine
+Schwester. Du brauchst nichts weiter mitzunehmen
+als Deinen Kinderglauben an mich. Auch mich wird
+er stark machen, daß ich mit Dir reden kann wie mit
+mir selbst.
+</p>
+
+<p>Ein Schicksal hat aus uns eine Zweiheit geschaffen,
+die nie eins werden kann: Bruder und Schwester.
+Sicher, die Einheit in uns kann nur gesteigert werden
+dadurch, daß wir so heißen. Aber sie ist nicht alles.
+So wie unsere Herzen ineinander getürmt sind, so
+könnten sich auch eines Tages unsre Körper erinnern,
+daß sie einem Mann und einer Frau gehören. Es ist
+<!-- page 025 -->
+unwichtig, sich zu besitzen, um so mehr, da man sich
+nur mit der Seele besitzen kann. Aber wir sind so
+glühend jung. Ein Sturm kann kommen, den wir
+nicht bestehen. Alles wird schwer und fremd. Vielleicht
+nicht durch uns, wohl aber durch jene enge
+unfestliche Welt mit ihren Dogmen, die Ungewöhnliches
+ersticken im bürgerlichen Schlamm.
+</p>
+
+<p>Ich ahne, daß die nächsten Jahre Qual über uns
+bringen, wenn sie gelebt werden. Mir wurde der
+heilige Auftrag, über Dich zu wachen, ich will ihn zu
+Ende führen, so lange ich kann. Heute noch weiß
+ich mich stark, aber morgen vielleicht überfällt mich
+mein Blut, steigt so ein alter Ahne auf aus meinen
+Adern.
+</p>
+
+<p>Wir wollen jubelnd zusammen ins nächste Dasein
+gehen, wie in ein Fest. Sterben ist ja nur Übergang,
+ein kurzer Verzicht, eine kleine Veränderung bis zur
+nächsten Auferstehung &mdash; und die wird unser sein,
+Geliebte!&ldquo; &mdash;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Johannes&ldquo; sang mein Herz. Ich flog ihm zu, verschüttete
+ihn mit Umarmung.
+</p>
+
+<p>Seine Hand liebte zart mein aufgeregtes Gesicht.
+Da erfaßte mich maßlose Gier nach dieser Hand.
+Ich riß sie vor meinen Mund und küßte sie schluchzend,
+verbrennend, als wäre Feuer in mir.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Johannes&ldquo;, rief ich unzählige Male und schmeckte
+seinen Namen nach wie Wein. Er spannte die Arme
+auf und ich ruhte an ihm, eine Verirrte, die man
+endlich gefunden hat.
+</p>
+
+<p>Johannes hatte ein ganz neues, entschlossenes
+Gesicht an.
+</p>
+
+<p>Wir verstürzten in eins. Zum erstenmal rissen wir
+uns auf voreinander. Blut überwältigte uns, Bekenntnisse
+<!-- page 026 -->
+schäumten auf. Ich beichtete die dunkelroten,
+flehenden Nächte vor seiner Tür. Johannes bog mich
+jauchzend in sich, so daß ich nur noch Zittern in
+seinen Händen war.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du die letzte, äußerste Nacht mit mir, Geliebte?&ldquo;
+stammelte er. Ich tauchte meinen Mund noch tiefer
+in den seinen und sagte mit fliehender Stimme:
+&bdquo;Keiner soll von mir wissen außer dir und dem Tod.
+Wir werden an zu viel Liebe sterben, es gibt keine
+Umkehr, keinen anderen Ausweg aus unserem
+Schicksal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Meine Augen glühten den Geliebten an. &bdquo;Warte mit
+der Dunkelheit auf mich,&ldquo; sang ich ihm zu und verließ
+ihn, um mich für ihn zu weihen.
+</p>
+
+<p>Noch eine Nacht, in der wir alles von der Erde und
+alles von Gott erfahren werden! Eine Nacht letzter
+Offenbarungen! Dann beginnt meine Himmelfahrt
+in dir, Johannes! Mein Heiliger!
+</p>
+
+<p>Heute, mit meiner siebzehnten Geburtsnacht ende
+und zerstöre ich euch, meine Blätter. Mein Weg
+ging aufwärts!
+</p>
+<!-- page 027 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der gläserne Garten</h2>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un ist wieder Glas zwischen uns, Geliebte, wie
+damals. Damals, als du schon stärker in mir warst
+als jeder Mann. Ich habe nie gedacht, daß man das
+mit Worten sagen könnte; denn die Worte sind hart
+und grob, und die Dinge der Seele stoßen sich
+schmerzlich an ihnen, wie deine Brüste an den Wänden
+deiner Kleider.
+</p>
+
+<p>Weißt du noch, Ylone, doppelt kalt empfanden wir
+den Schnee, der am Fenster vorbeifiel, weil unser
+Zimmer in den Flammen einer innigen Entzückung
+stand. Nur das Glas war zwischen uns und dem
+Winter wie Sehnsucht zwischen unsern Herzen, die
+sich in äußerster Vermählung berührten. Von mir zu
+dir führten, wie ein goldenes Spruchband ewiger
+Engel aus den Marienleben alter Meister, Worte aus
+der Verkündigung meiner Liebe. Du schautest nach
+innen, wo ich dich angerührt hatte, und wir vergingen
+Hand in Hand im Grenzenlosen. Aus Angst vor
+Steigerung und mit der Scheu gegenüber dem Ausgesprochenen
+versuchtest du mich aus überirdischer
+Stille ins Zimmer zurückzuzwingen und sagtest:
+&bdquo;Fühlst du, wie wir hinauswachsen aus Raum und
+Zeit, Venera?&ldquo; Als Antwort breitete sich über deinen
+Worten eine schwermütige Klage aus. Eine Stimme
+weinte aus der Ferne, sie sang aus dem Orpheus
+von Gluck und rief den Schatten. Da mußte ich mich
+umsehn nach ihm und der Vergangenheit, und ich
+dachte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt bist du überirdisch wie damals, als ich aus
+meiner keuschen Nacht in euren Morgen trat. Euer
+Zimmer brannte. Sommer und Liebe schlugen mir
+<!-- page 028 -->
+entgegen. Das Zimmer hing reif in den Garten, aber
+ich sah nicht mehr, wo es aufhörte und der Garten
+begann; denn das Fenster war groß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ich verlor die Geste der Unbefangenheit, die ich über
+meinen Schmerz gebreitet hatte, und in der Verwirrung
+sagte die, die ins Zimmer getreten war &mdash;
+nicht ich &mdash; &bdquo;Komm, Ylone, es ist Morgen, der Zug
+fährt zurück in die Stadt&ldquo;. Denn ich fühlte, du wußtest
+nicht mehr, was Morgen war.
+</p>
+
+<p>Welten trennten dich von dem Mann, der vor dir
+lag. Kindsein und Alter, Lachen und Verzweiflung,
+Dasein und Abgeschiedenheit, Unschuld und Verderbtes
+waren dein Gesicht. Du warst so stumm, daß
+ich deine Schreie hörte. Komm, sagte ich noch einmal.
+Da schlug dein Erstaunen über mir zusammen,
+und du kamst langsam zwischen den Welten auf
+mich zu. Wie fühlte ich da wieder, daß ich dich mehr
+liebte als diesen Mann, dem ich entsagte, um ihn
+in dein Leben zu bringen, weil er mir für dich nötig
+schien, und schämte mich, daß ich schwach geworden
+und vor seinem Schatten geweint hatte die
+ganze Nacht.
+</p>
+
+<p>Und ich begann zu verzichten. Erst schwach, dann
+stärker und immer stärker, bis das ganze Zimmer
+erglühte und bebte, weil es zu klein wurde, um so
+viel Hingabe an dich ertragen zu können. Auch du
+kamst mit den Augen auf mich zu, von der Kraft
+dieses Verzichts getroffen, und sagtest aus der Ferne
+erkennend mit hilflos schmaler Stimme: Es ist etwas
+im Zimmer, das stärker ist als wir alle, und ich weiß
+doch nicht was.
+</p>
+
+<p>Heute ist Glas zwischen uns, und du wirst kaum
+meine Antwort hören: Es war ein Opfer.
+</p>
+<!-- page 029 -->
+
+<p>Hier hinein gehört dies welke Blatt:
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">&bdquo;O</span> Ylone, ich halte noch ein schwarzes Stück unserer
+letzten Nacht in den gefalteten Händen.
+Davon lebe ich. Wenn es zu Ende ist und ich gänzlich
+erwache, werde ich sterben müssen; denn du fehlst, du
+erster Stern all meiner Abende. Stärker als alle andern
+durchbrachst du den Horizont. O daß du am Himmel
+eines Mannes aufgehn mußtest, Ylone! Eines Tages
+wirst du abstürzen und deine goldenen Zacken zerbrechen,
+und ich habe dich nicht beschützen können!
+Sorgfältig habe ich immer alle Welt von dir fern gehalten,
+und nun stehst du mitten darin. Wie wirst du
+sie bestehen? Ich zittere und irre durch das Haus.
+</p>
+
+<p>Der zärtliche Flügel tönt nicht mehr, er ist tot. Er
+rauscht nicht mehr wie ein fremdländischer Vogel
+durch den Wald deines nächtlichen Haares. Der
+große Spiegel gegenüber, der dich so viele Male empfing
+wie ein Fest, lächelt sein kristallenes Lächeln. Er
+spürt dich noch. Er strahlt dich zurück. Er ist angefüllt
+von den Variationen des einen Themas: Ylone.
+Er glänzt noch von damals, als du das Märchen von
+der kleinen Seejungfrau tanztest und am Ende zu
+Schaum vergingst.
+</p>
+
+<p>Sieben Meere lagen wie sieben Schleier über dir. Der
+große Sockel aus karrarischem Marmor wurde zur
+Säule des Königsschlosses. &mdash; Was wird nicht zum
+Schloß, wenn du dich daran lehnst! &mdash;
+</p>
+
+<p>Sogar der kalte Spiegel fängt an zu glühen. Der Tanz
+der Sphinx steigt wieder aus ihm auf, in dem du
+mich mit dem ägyptischen Kuß der Jahrtausende versuchtest.
+</p>
+
+<p>Noch ist Nacht in mir, ein schwarzes Stück unserer
+<!-- page 030 -->
+letzten Nacht, aber wenn ich aus ihr erwache, werde
+ich sterben müssen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Brief von Ylone! Ein Brief von Ylone! Ylone
+und Claudio kehren zurück! Ich kann mich nicht
+freuen. Zu früh kehren sie aus ihrer Liebe zurück.
+Leise streichle ich die Worte ihres Briefes, zwischen
+denen so viel Ahnung steht.
+</p>
+
+<p>Sie verrinnen die feinen Buchstaben, die wie Filigranarbeit
+über dem Papier liegen. Kleine Hecken
+mit Vögeln dazwischen.
+</p>
+
+<p>Ich sehe die Gotik ihres Leibes wieder. Die knabenhafte
+Steilheit ihrer Hüften. Die graziösen Rosetten
+ihrer Brüste. Die schlanken Bogen der Arme, die in
+den ziselierten Spitzen ihrer Finger enden, den
+feinen von den Adern durchbrochenen Turm des hinaufstrebenden
+Halses, und die Pfeiler in den Kreuzgängen
+ihrer Schenkel, mit dem mystischen Schlußstein
+des Schoßes.
+</p>
+
+<p>Aber zwischen den Buchstaben träumen die blauen
+Monde ihrer Augen, um die die seidenen Strahlen der
+Wimpern stehn. Leuchtend hängen sie über der Herzensfinsternis
+meiner Tage.
+</p>
+
+<p>Ich halte einen Brief von Ylone an meiner Seele!
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch möchte es auf den Knieen niederschreiben, so
+heilig ist mir, wenn ich daran denke.
+</p>
+
+<p>Eines Tages kam Claudios Mutter durch unsere violett
+verhängten Tage auf uns zu. Wir erstaunten nicht;
+es war uns, als ob wir sie schon lange erwartet hätten.
+&bdquo;Sie wundern sich nicht, Ylone,&ldquo; sagte sie, &bdquo;daß ich
+eindringe in Sie ohne gerufen zu sein? Aber ich will
+mich Ihnen doch erklären. Ich zürnte Ihnen zuerst,
+<!-- page 031 -->
+als ich Claudio an Sie verlor; denn er lebte nur matt
+in den Intervallen, die er bei mir war, weil sich sein
+ganzes Wesen Ihrem Anblick entgegenspannte.
+Ich empörte mich gegen Sie. Ich hatte für ihn gelitten
+und gelebt. Ich hatte ihn vom ersten Tage an durch
+alle Gedanken, Wünsche und Enttäuschungen begleitet,
+und trotzdem ich ihn gerne an sein Glück verlor,
+stand ich ohne zu begreifen. Mit einer unsichtbaren
+Bewegung hatte mich plötzlich eine fremde
+Macht auf die Seite geschoben.
+</p>
+
+<p>Er verreiste in Fernen, in die ich ihm nicht folgen
+konnte, und ich zitterte vor seiner Rückkehr.
+</p>
+
+<p>Aber Sie entwaffneten mich, Ylone. Ich erkannte Sie
+bald in jeder seiner Veränderungen. Sie waren in
+jedem Lächeln, in dem er mir gütig begegnete, und
+er warf einen großen Schatten, wenn Sie ihn alleine
+ließen. Er war hart und spröde gewesen, aber Sie
+reiften ihn zur weichen Frucht. Er war noch in sich
+gefangen, und Sie brachten ihm die Erlösung, die
+nicht von der Mutter kommen konnte. Er war ein
+verstreuter Sucher, aber Sie haben ihn gesammelt
+und gestillt.
+</p>
+
+<p>Ich begann Sie langsam in Ihrer Schöpfung zu lieben.
+Ich lebte von ferne mit Ihnen beiden; denn das Glück
+einer Mutter beruht darin, das Leben der andern zu
+leben.
+</p>
+
+<p>Ich sah ein, daß ich mich nur gegen Sie gewehrt
+hatte, weil ich ahnte, daß ich Sie sonst lieben müßte.
+Irgendwo in mir begannen Sie zu wachsen, schlugen
+aus wie ein junger Baum und umblühten mich mit
+allen Zweigen. Da mußte ich zu Ihnen. Lassen Sie
+mich die Urne sein, in der Sie beide beschlossen und
+beschützt liegen. Begreifen Sie mich: In dieser großen
+<!-- page 032 -->
+Stadt sind zwei Menschen, die ihn am innigsten lieben,
+und so dachte ich, daß zwei Menschen, in deren Leben
+ein Thema singt, verschmelzen sollen zu einem Gesang,
+daß sie sich ineinander schütten müssen zu
+einer Liebe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Mutter schwieg und ihre Augen waren zwei milde,
+tiefe Flammen, die aus ihrer Seele brannten. Ylone
+aber lehnte erschüttert an ihrer andern Welt. Ihr Körper
+war ganz vornüber gesunken zu einer stummen Verbeugung
+vor dieser Mutter.
+</p>
+
+<p>Da neigten sich ihre Herzen einander und brachen
+auf wie zwei Ströme, die über weite Landschaft fluten.
+Und um das Haupt der Mutter schwebte ein goldenes
+Schluchzen, wie bei allen großen Müttern, die Gott
+gezeichnet hat und denen ein Wunder gelang.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch brachte in dein Dasein den Mann, Ylone, weil
+ich glaubte, dich dem Leben nicht vorenthalten zu
+dürfen. Auch ich war ja einmal durch ihn hindurchgegangen,
+bevor du meine Wohnung wurdest, Geliebte.
+Einzig wir Frauen wissen tiefer von einander.
+Der Mann sieht in uns nur sich selbst. Fremde
+sind wir ihm immer. Wir müssen ihn überwinden,
+auswandern aus dem irdischen Erlebnis, einziehen in
+das göttliche, das ohne Körper ist. Solltest auch du
+es schon damals erkannt haben, Ylone, damals als
+ich diese sapphische Klage von dir fand:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Betrunkene Gärten weckten mich zur Nacht.</p>
+<p class="line">Wer ist es, der so weinend lacht?</p>
+<p class="line">Wie Weiden, die zu tief an wilden Wassern lehnen,</p>
+<p class="line">Steh ich in meinen uferlosen Tränen.
+</p>
+<!-- page 033 -->
+<p class="line">Des abtrünnigen Schlafs Dämonen</p>
+<p class="line">Kommen schon mich zu bewohnen:</p>
+<p class="line">Aus männlicher Nacht will ich mich schrein,</p>
+<p class="line">Schwester, zu dir, aus allem Dunkelsein,</p>
+<p class="line">Du mich entführendes Narzissental!</p>
+<p class="line">In dir sind alle Schwestern, frühlingsschmal,</p>
+<p class="line">Die von den jungen Inseln nach sich rufen.</p>
+<p class="line">Knie mit mir auf antiken Tempelstufen</p>
+<p class="line">Um jenes Schicksal, das sie retten kann:</p>
+<p class="line">Gib allen Einzahl, löse sie vom Mann!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Wie wenig ein Mann von uns weiß, das sah ich
+damals vor dem Zusammenbruch eurer Liebe. Es
+war noch nichts ausgesprochen; es war kaum etwas
+angedeutet, aber es lag bereits in der Müdigkeit
+seiner Bewegungen, in der nachlässigen Zerstreutheit,
+mit der er über dich hinwegdachte, und in der
+Selbstverständlichkeit, die schon anfing, dich wie eine
+Gewohnheit, wie den Alltag hinzunehmen.
+</p>
+
+<p>Dein ganzer Tag war Vorbereitung für den Abend,
+der Claudio bringen sollte. Aber du begannst zu
+früh zu warten, und das hatte dich erschöpft.
+Ich sah, wie du schwer ins Zimmer tratest, aber
+im ersten seiner Blicke äußerste Anstrengung
+wurdest. Du warst künstlich bis zur Entwertung.
+Du warst kaum mehr Du vor Angst. Deine Augen
+waren die einer Fiebernden, sie waren ganz weit
+weg, da, wo er dich morgen vielleicht schon zurücklassen
+würde. Aber ihr wußtet beide nichts von
+der Verzweiflung, mit der du um einen Aufschub
+kämpftest. Besinnungslos steigertest du dich, deine
+Gesten, deine Worte, formtest um und schufst neu.
+<!-- page 034 -->
+Stürztest aus einem Lächeln, das geliehen war, in die
+Pose einer Fremden, hattest hundert Gesichter in der
+Minute, entblößtest alle Menschen, die in dir waren,
+warst naive Verständnislosigkeit und greisenhaftes
+Erkennen. Du warst immer das, was er im Augenblick
+brauchte, und warfst dich ihm zu wie einen Ball. Es
+war, als wolltest du ein letztes Mal eine Andere für ihn
+sein, die Neue, die er noch nicht kannte, um das Ende
+hinauszuschieben, das du im Untergefühl fürchtetest.
+Er mordete dich langsam mit seiner Ahnungslosigkeit,
+die dich nicht schützte vor dir selber und deine
+Demütigung annahm, weil sie nichts von ihr wußte.
+Aber als du seine neue Sehnsucht erfühltest, nahmst
+du dich vorsichtig zurück und batest um Einsamkeit.
+Du strichst seine heißen Blicke aus deinem Herzen
+und sagtest etwas, das wie: auf Morgen! für ihn
+klang, aber ich hörte schon die Abschied schluchzende
+Nachtigall.
+</p>
+
+<p>Dann war das Zimmer mit uns allein. Das Lächeln
+auf deinem Gesicht alterte. Und plötzlich begann
+es zu sterben. Der Stuhl fing steif den Verfall deines
+Körpers auf, und die Hände fielen verblüht und
+welk wie erfrorene Blumen herab. Du sahst mich,
+ohne zu sehen. Deine Blicke waren wie das Flügelschlagen
+eines Vogels, der Festes sucht. Ich nahm
+mich zusammen, damit wir das ertragen konnten,
+was jetzt kommen mußte. Dein Blick wurde fester,
+hielt auf mir aus wie eine Fermate, sah mich und
+Dich in mir und wußte.
+</p>
+
+<p>Du flüchtetest aus meinem Mitleid; denn das Leid
+um ihn war klein gegenüber der turmhohen Scham
+über deine Nacktheit, die dich sogar seinen Verlust
+bestehen ließ. Stolz brach steil aus deinen Mienen.
+<!-- page 035 -->
+Du wurdest starr und sicher und wuchsest langsam
+über ihn hinaus, dahin wohin er dir nicht folgen
+konnte.
+</p>
+
+<p>Suchtest den Weg zu mir, die dich erwartete, und
+gingst fort von ihm in diesem Brief:
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un rede ich noch einmal zu dir, Claudio, denn ich
+kann nicht im Schweigen von dir fortgehen. Ich
+muß dich verlassen jetzt, da ich kaum geöffnet bin, weil
+ich nicht erst warten will, bis du nichts mehr für mich
+bist als das Bild, das ich mir von dir gemacht habe.
+Ich hatte seit Jahren dein Nahen gefühlt und war so
+innerlichst deinem Kommen zugewandt, daß ich mir
+nicht einmal das Bild eines anderen Mannes merken
+konnte. Erwartung hing wie ein Mantel um mich
+und meine Weltfremdheit, bis du ihn aufschlugst über
+meinem Schicksal.
+</p>
+
+<p>Ich wußte dies Schicksal vom ersten Kusse an.
+</p>
+
+<p>Alle Tränen, die ich nicht bei dir weinen durfte, sind
+noch in meinen Augen. Alle Gedanken, die ich nicht
+denken konnte, ohne mich vor dir zu entstellen,
+schreien um Erhörung. Denn gerade meinen Ernst,
+den ich liebe, mußte ich verbergen, weil ich erkannte,
+daß du das Spiel wolltest, das zu nichts verpflichtet.
+Ich verklage mich, daß ich so schwach war, immer
+dein Lächeln zu lächeln und es wie einen Schleier
+vor meine schmerzende Dunkelheit zu halten.
+</p>
+
+<p>Ach, warum hast du immer an mir vorübergeschaut?
+Lieber als das wäre ich durchschaut worden. Warum
+hast du mich da aufgeschlagen, wo es dir gefiel, und
+hast die Seiten überschlagen, die dir unbequem
+waren? Ahntest du nie, daß ich neben mir saß mit
+<!-- page 036 -->
+frierendem Herzen und uns zusah und wartete; denn
+ich selber ging langsam vorbei.
+</p>
+
+<p>Du hast einen Menschen an mir geliebt, und da waren
+so viele andre in mir, die darauf warteten, von dir
+erlöst zu werden. Aber du überhörtest ihre hundert
+Nuancen, und ich mußte dich in der hundertsten
+über die anderen neunundneunzig hinwegtäuschen,
+weil deine Liebe nur die eine ertrug.
+</p>
+
+<p>Verzeih mir, daß ich dich mit mir betrog von dem
+Augenblick an, als ich mich selbst für jene andere
+verleugnete, die du gemeint hattest. Als ich tausendmal
+mein Ich für dich verlor, verlor ich das Beste an
+mir: die Treue an mich selbst.
+</p>
+
+<p>Ich habe sie mir nicht halten können, aber dir habe
+ich alles gehalten, was ich dir versprochen, und noch
+mehr, das, was ich dir nicht versprochen hatte. Ich
+habe die ganze Unendlichkeit meiner Liebe an dich
+verschüttet, während du nur einige Fingerspitzen der
+deinen über mich ausstreutest. Ich verbrannte an
+meiner Hingabe, die mir alles war, du aber erloschst;
+denn für dich war sie nichts. Ich lebte in Anbetung
+und du lebtest von der Anbetung. Einer war Gott
+und einer war Beter.
+</p>
+
+<p>Immer spartest du, wo ich mich völlig ausgab. Es
+gab kaum ein Gefühl, in dem ich dich allein ließ,
+und ich habe mich bemüht, dir nachzuwerden. Aber
+du kamst niemals dahin, wo ich mir selbst am dunkelsten
+war. Ich bin immer allein geblieben mit meinem
+Gefühl, das du aussetztest in die Welt und dessen
+Sehnsucht nach Erhörung schrie hinweg über die Zeit.
+Ich glaube, daß ich durch dich hindurchmußte, um
+mehr von mir zu wissen. Ja, vielleicht habe ich all
+diese Jahre nur auf mich gewartet.
+</p>
+<!-- page 037 -->
+
+<p>Nun will ich von dir gehen, ehe es zu spät ist und ich
+nichts mehr mit meiner Freiheit anzufangen weiß.
+Ich will nicht warten, bis du dich noch mehr veränderst,
+nun, da du begonnen hast, mich in einem
+Kuß zu entkleiden und meine Liebe mit Worten zu
+versuchen.
+</p>
+
+<p>Ich will ausruhen von der Qual des Rufens ohne
+Antwort und wieder da gefunden werden, wo es
+einzig möglich ist: bei Venera. Hier wird einer im
+anderen so stark werden, daß man nebeneinander
+stehen kann. Ich will heimfinden aus meiner Abtrünnigkeit,
+und wenn ich auch sieben Jahre um mich
+dienen müßte, um jene wieder zu finden, die ich
+vor dir war.
+</p>
+
+<p>Auch an dir habe ich manches verändert, und darum
+sollst du zurückkehren zu dir, wie man heimkehrt
+zu seiner Mutter nach langer Reise durch seine Jünglings-
+und Manneszeit, und seine Kindheit unverändert
+und unberührt wiederfindet.
+</p>
+
+<p>Ich danke dir noch einmal, Claudio, für den Traum.
+Ach, laß ihn mich noch einmal träumen! Ich will die
+Augen schließen, um dich deutlicher zu sehen. Tanz
+war die Berührung deiner Hände. Nie fühlte ich das
+Gitter des Regens und eigener Gefangenschaft.
+Da waren nicht zwei Lächeln, nicht zwei Küsse, die
+einander ähnlich waren. Laß mich ein letztes Mal in
+sie und auf die Insel deines Herzens flüchten. Meine
+Liebe umspannt dich noch einmal von Kopf zu Füßen
+wie eine Oktave. Den Weg, den du gehst, sollen
+Sonnen- und Mondblumen säumen, und paradiesische
+Schmetterlinge sollen vor dir Frühling tanzen.
+</p>
+
+<p>Ich werde dir viele Jahre nachsehen auf diesem Wege,
+den du ohne mich weitergehst, und wenn du dich
+<!-- page 038 -->
+einmal umsiehst, weil es dunkel wird, wird dir mein
+Lächeln wie ein Licht entgegenleuchten.
+</p>
+
+<p>Ich küsse dein Herz ein letztes Mal.
+</p>
+
+<p>Irgendwo in mir weint es, weine mit mir, Claudio .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls die fremde Stadt mir Claudio einen Tag lang
+auslieferte, habe ich dich gerächt, Ylone; denn er
+liebte mich noch. Ich spielte mit roten Worten. Ich
+hatte ja nicht nur seine Blindheit zu rächen, nein, vor
+allem, daß er dich genommen und uns beide gemeint
+hatte. Er machte es mir schwer. Er war sehr stark an
+diesem Tage. Mein Blut rauschte, so daß ich fürchtete,
+mein Gefühl für ihn könnte stärker sein als meine
+Rache. Ich klammerte mich fest an sie an. Ich schwieg.
+Er hätte sonst hören können, wie wenig es brauchte,
+damit ich wieder vor seinem Herzen lag. Aber er
+sah mich nicht knien; hinter künstlich gefrorenen
+Blicken. Blutblumen brachen auf und schlangen
+sich in die Tapete der Wand.
+</p>
+
+<p>Mein Blick blühte sie nach, wie das Fieber den Mustern
+der Wände nachschleicht, um ferner von Claudio zu
+sein. Sterne fielen durch die Fenster und mein Herz
+lehnte an ihnen, schwer von Abend und Sehnsucht.
+</p>
+
+<p>O qualvoller Übergang in die Nacht, mit der er tiefer
+und tiefer in mich hinabstieg! Ich litt. O, ich litt mehr
+als er, weil ich für uns beide litt. Da fiel mir rettend
+der Schlaf ein. Wir suchten unsere Zimmer. Ich
+begriff nicht, daß eine Treppe den Saal mit dem Schlaf
+verbinden konnte. Ich begriff die Treppe nicht, die
+mich trug; denn ich war so schwer.
+</p>
+
+<p>Er schrie stundenlang in meine Nacht. Aber ich zog
+sie fest über mich. Seine Qual rüttelte an der Tür, die
+<!-- page 039 -->
+zu ihr führte, und die Fackeln seines Zorns zuckten
+durch ihr Glas.
+</p>
+
+<p>Ich habe dich gerächt, Ylone, während er nach mir
+schrie in der dreizehnten Stunde. Ich drückte meine
+Angst tief in mein Bett; denn bestand die Tür in
+Wirklichkeit?
+</p>
+
+<p>Plötzlich kroch durch die Nacht ein Blatt langsam
+unter der Tür auf mich zu. Ein Blatt des Aufruhrs,
+Stücke waren herausgeschnitten, wieder zurückgenommen,
+weil sie ihm zu stark erschienen. Die Buchstaben
+schrien durcheinander und warfen sich gequält
+über das Papier. Er schrieb:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Höre, Venera, ich weiß, daß du schon lange diese
+Rache suchst. Bisher war sie dir nur noch zu leicht
+erschienen. Ich hätte wissen müssen, daß diese Nacht
+in meiner Niederlage enden werde. Und doch, Venera,
+ich will lieber deinen Haß, wenn ich deine Liebe
+nicht haben kann. Mußt du euch beide rächen?
+O, tue es nicht mit dem schmerzlichen Pathos der
+Distanz! Freilich, ich habe auch dich in ihr geschändet.
+Ihr seid eine Einheit, und ich hätte euch niemals trennen
+dürfen, weil ihr euch nur zusammen geben könnt.
+Du bist hart zu mir und dir, Venera, weil ich dir zumutete,
+das zu übersehen. O, wie war ich plump, als
+ich das Geheimnis eures Körpers mit dem eurer Seelen
+verwechselte! Und wie habe ich gelogen, indem ich
+euch auseinander riß!
+</p>
+
+<p>Venera, du hast recht, euch zu rächen, du hast tausendmal
+recht. Aber ich kann euch nicht ganz
+verlieren! Gib mich mir selber und der Erinnerung
+zurück; ich will nicht mehr als das: Berühre mein
+Herz und verzeih! So warte ich auf den Morgen.&ldquo;
+Ylone, begreifst du, daß ich die Rache, die ich dir
+<!-- page 040 -->
+schuldete, nur äußerlich nehmen konnte nach diesem?
+Daß ich nicht genug verhärtet war, um mich
+seinem demütigen Leid zu verschließen? Daß ich die
+Probe vor uns selber nicht ganz bestand, weil ich
+einen Brief schrieb in jenen Stunden, der mich ihm
+offenbarte. Freilich, er wird nie wissen, daß ich nur
+halbe Rache nahm, denn er hat ihn nie erhalten, und
+ich floh vor dem Morgen, bevor er von der Auferstehung
+meiner Liebe ahnen konnte.
+</p>
+
+<p>Aber dir, Ylone, bin ich Rechenschaften schuldig, ich
+schäme mich vor uns, daß die Frau einen Augenblick
+lang die Freundin überragte. Versuche zu verstehen,
+und lies:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich höre dein Herz laut an das meine schlagen, du!
+Wie schwer deine Liebe an meiner Türe lehnt! Ich
+weiß, du fühlst, daß ich sie dir hundertmal geöffnet
+habe in dieser Nacht. Ich weiß, du ahnst meine Widerstandslosigkeit
+durch die Wand. Einmal will ich dich
+erträumen wie du nicht bist. Diese Nacht soll nicht
+unausgekostet und halbgelebt modern wie eine
+unreife Frucht. Zwar: sie will meine Liebe zu Ylone
+versuchen, aber diese Liebe wächst über jeden Tag
+und jede Nacht und wird auch sie überstehen.
+</p>
+
+<p>Schmerzliche Arien ziehen durch mich. Ich höre dein
+Herz um meine Türe flattern, ein kranker Vogel, der
+aus dem Neste fiel. Es ist aus dir gefallen und schreit
+sich müde. Aber jetzt nehme ich deinen Schmerz an
+meinen Mund und will ihn in einem Kuß verbergen.
+Schlaf steht um uns und Abend. Aber in mir leuchten
+die Sterne. Nie war ich so hell und blühend wie jetzt
+in dieser Sehnsucht, mit der ich mich dir versagen
+muß. O Lust dieses Schmerzes! O Tanz dieser Ruhe
+in uns! Öffne dich der Widmung dieser dich suchenden
+<!-- page 041 -->
+Stunden, du! Nun will ich dir alle Sterne pflücken
+und dich mit einem smaragdenen Schloß von unendlicher
+Zärtlichkeit umgeben.
+</p>
+
+<p>Alle Tore tun sich auf, wie liebende Frauen, und
+führen in dich, Kirche. Ich bin gesammelt, wie zu
+einem Festgottesdienst, wenn das Allerheiligste
+an meiner Andacht vorbeigetragen wird. Jetzt
+läuten dich alle Glocken der Welt ein, du Feiertag,
+jetzt züngelst du bunte Fahne aller Feste, jetzt brechen
+alle Hymnen und Gebete an dich wie berauschende
+Blumen auf; ekstatisch begegnen sich unsere unendlichen
+Wesen, die sich über die Endlichkeit erhoben.
+Wie zwei körperlose Harfen sind wir auf den
+ewigen Ton gestimmt; vor der Macht unserer Liebe
+stürzt alles ein, wir steigen hinunter in unsere verborgensten
+Schluchten und sind allein auf der Welt.
+Zwischen deinem Vor-Lächeln und deinem Nach-Kuß
+liegt die Ewigkeit. Ich danke dir für das Geschenk
+dieser Ewigkeit, und wenn auch diese Stunde
+eine Dämmerung haben wird &mdash; denn kurz und vergänglich
+ist jede Ewigkeit &mdash; wenn sie auch untergeht
+und wir auslöschen mit allen wartenden Lampen der
+Nacht: der Duft dieses unendlichen Augenblicks
+kann nie verwehen.
+</p>
+
+<p>Fühle, daß mein Körper nicht bei dir sein darf in
+dieser heiligen Nacht! Vielleicht hätte mich seine
+Schwere verhindert, mich an deine Seele hinzugeben.
+Vielleicht wäre ich bei dir weit fort gewesen, so aber
+war ich dir nah wie nie durch die Entfernung. Ich
+gab dir alles, wenn ich mich auch von ferne gab. Ich
+empfing dich wie Danae den goldenen Gott. Deine
+Liebe wird nicht in meinem Leibe enden, sondern wird
+göttlich und endlos sein, wie ihr Fall vom Himmel.
+</p>
+<!-- page 042 -->
+
+<p>Fühlst du, daß ich dir mehr schenkte in diesem Brief,
+als dir je aus einer Schnur von Tagen kommen
+könnte?
+</p>
+
+<p>Lebe wohl, nun werden wir wieder in der Kälte des
+Weltalls einsam schweben. Nun muß ich wieder
+auf den harten Stufen des Gartens schlafen, der in
+dich mündet. Nun nehme ich mich zurück, nun stehle
+ich mich; denn wenn ich zu Ylone komme, muß
+alles aus meinem Gesicht vergangen sein, was an
+dich erinnern könnte. Nun träume ich dich ein letztes
+Mal. Lebewohl!
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch war leise mit dir wie mit einer Kranken nach diesem,
+Ylone. Ich suchte das lautloseste Schweigen
+und legte es wie einen Verband um dein Herz. Ich
+streute meine innigsten Worte wie Blüten vor deine
+Füße, damit du leichter gingst. Ich bekleidete dich mit
+den Blicken meiner Liebe und steckte dir meine Küsse
+an. Ich pflückte die seltensten Blumen aus meinen
+Gärten und legte sie in deine gefalteten Hände. Ich
+ging niemals fort, ohne dir etwas mitzubringen: einen
+träumenden Weg, einen jungen Wind, das Schluchzen
+eines Vogels, zwei Lächeln eines Kindes oder den
+duftenden Seufzer eines Baums.
+</p>
+
+<p>Vorsichtig legte ich meine Geschenke vor die Stille,
+in die du dich eingeriegelt hattest. Denn manchmal
+tratest du heraus, um nach dir zu suchen. Du, die niemals
+die Erde berührt hatte, gingst nun schwer und
+unruhig auf ihr umher, um dich wieder zu finden.
+</p>
+
+<p>Und dann kam jener ewige Abend. Die Zimmer waren
+so brünstig von Sommer. Sie machten schwach. Du
+rettetest dich an die offenen Fenster und hieltest dich
+in die laue Nacht hinaus. Die Stadt fieberte und lag
+<!-- page 043 -->
+in den schäumenden Delirien der krankhaften Dunkelheit.
+Lichter durchstachen den Raum, den du gequält
+nach jenem Lichte abtastetest. Ach, da war
+ein Geruch von Erde, Mond und Unvergänglichkeit,
+der berauschte und schmerzte in einem. Die Luft vibrierte
+von Sehnsucht, die aus tausend Fenstern lehnte,
+daß man aufschluchzte wie ein Brunnen. Atem der
+Gärten fiel süß in das Zimmer, und wir standen in ihm
+wie in einer Laube aus Parfüm. Man wurde von
+weichen Winden verführt, sich aufzulösen in der Erregung
+des Sommers, sich an das All zu verlieren.
+Ich sah dich erschauern vor der gewaltigen Melodie
+dieses Abends. Sah, wie du den Rhythmus deiner
+weißen Arme zerbrachst, die du an die blühende Luft
+geschmiegt hattest, und dein weinendes Gesicht hineinwarfst.
+Und aus Furcht vor der riesigen Nacht, die
+das Gefühl der Verlassenheit erhöhte, flohst du zurück
+in die Begrenzung des Zimmers. In diesem Augenblick
+spürtest du mich im Raum. Dein suchender Blick
+fiel mir gerade in die Augen. Ich glaube, du erkanntest
+mich seit Wochen zum erstenmal; denn bisher
+hattest du an mir wie an einer Fremden vorbeigefühlt.
+Dein Mund wurde voll Bitten und blieb doch stumm.
+Deine Kniee brachen ein und warfen dich vor mir nieder.
+Aber bevor du dich demütigen konntest, hielt
+ich dich schon in meiner Liebe.
+</p>
+
+<p>Ich hatte dich so aufbewahrt und gesammelt in mir,
+daß ich dich dir ganz zurückgeben konnte. Jeder Augenblick
+deines Gefühls hatte Flügel bekommen und
+flatterte dir entgegen. Jedes deiner Lächeln suchte dich,
+und deine ungeträumten Träume warteten darauf,
+von dir geträumt zu werden. Deine Gedanken hatten
+noch ihre weißen Gewänder an und neigten sich
+<!-- page 044 -->
+dir zart wie präraffaelitische Engel. Du konntest dich
+in mir wie in einem Spiegel sehen, der dein Bild von
+früher unverändert zurückwarf. Aber ich verhängte
+diesen Spiegel sorgfältig, um dich nicht zu erschrecken.
+So wie man nach einer Sommerreise heimkommt
+und langsam die Leinwand vom verdeckten Spiegel
+abnimmt, um nicht zu sehr überrascht zu werden;
+denn seitdem haben uns viele Spiegel gesehen und
+verändert gesehen, und er ist der einzige, der uns
+unverändert behalten hat.
+</p>
+
+<p>So ließ ich dich stückweise und in Zwischenräumen
+einsehen in mich, damit du dich langsam wieder
+aufbauen konntest wie ein Mosaik, aus dem ein Sturm
+einige Steinchen gebrochen hat. Um jedes unserer
+Worte begann sich von neuem die samtene Stille von
+Feiertagen zu breiten. Es kamen wieder Abende, in
+denen wir seidene Bücher mit seidenem Inhalt in die
+Hände nahmen und uns von ihnen streicheln ließen.
+Glänzende Tage waren zwischen zwei Dämmerungen
+wie in amethystene Steine gefaßt. Da floß
+ein leiser Wind aus den Fächern deiner Hände:
+Musik. Sie legte sich genesend über deine Seele,
+die in Gebet gewandet war. Und einmal brach deine
+Stimme zwischen den Tasten auf wie ein Lied:
+</p>
+
+<p>Wir haben es geträumt, Venera. Es war ein Stern,
+der vom Himmel fiel, damit wir uns in ihm noch tiefer
+lieben sollten. Doch er fiel zu plötzlich und hat uns
+mit seinem Fall erschreckt. Aber aus dir, du Liebevolle,
+strahlt er erkannt und leise wieder.
+</p>
+
+<p>Deine Blicke tasteten nach mir, und langsam kam
+dein Kuß auf mich zu.
+</p>
+
+<p>Da zersprang das Glas unsrer Herzen, Geliebte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der gläserne Garten, by Claire Goll
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GLÄSERNE GARTEN ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
+
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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